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Full text of "Jean Paul. Sämtliche Werke I/4"

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JEAN  PAUL 
SAMTLICHE  WERKE 

Abteilung  I 
Band  4 


JEAN  PAUL 

Kleinere  erzahlende  Schriften 
1796-1801 


ZWEITAUSENDEINS 


Herausgegeben  von  Norbert  Miller 
Nachwort  von  Walter  Hollerer 


l.Auflage,  Marz  1996. 
2.  Auflage,  Marz  1996. 

Lizenzausgabe  mit  freundlicher  Genehmigung 

des  Carl  Hanser  Verlages. 

©  1962  Carl  Hanser  Verlag  Mtinchen. 

Alle  Rechte  vorbehalten,  insbesondere  das  Recht  der 

mechanischen,  elektronischen  oder  fotografischen  Ver\ielfaltigung, 

der  Einspeicherung  und  Verarbeitung  in  elektronischen  Systemen, 

des  Nachdrucks  in  Zeitschriften  oder  Zeitungen,  des  offentlichen 

Vortrags,  der  Verfilmung  oder  Dramatisierung,  der  Ubertragung  durch 

Rundfunk,  Fernsehen  oder  Video,  auch  einzelner  Textteile. 

Der  gewerbliche  Weiterverkauf  und  der  gewerbliche  Verleih  von 

Biichern,  Platten,  Videos  oder  anderen  Sachen  aus  der 

Zweitausendeins-Produktion  bedurfen  in  jedem  Fall  der  schriftlichen 

Genehmigung  durch  die  Geschaftsleitung  vom 

Zweitausendeins  Versand  in  Frankfurt. 

Herstellung  der  Lizenzausgabe: 

Dieter  Kohler  &  Bernd  Leberfinger,  Nordlingen. 

Druck  und  Einband:  Friedrich  Pustet,  Regensburg. 

Umschlag:  Angelo  Marabese. 

Diese  Ausgabe  gibt  es  nur  bei  Zweitausendeins 

im  Versand  (Postfach,  D-60381  Frankfurt  am  Main)  oder 

in  den  Zweitausendeins- Laden  in  Berlin,  Essen,  Frankfurt,  Freiburg, 

Hamburg,  Koln,  Mtinchen,  Nurnberg,  Saarbriicken,  Stuttgart. 

In  der  Schweiz  tiber  buch  2000, 
Postfach  89,  CH-8910  Affoltern  a.A. 

ISBN  3-86150-152-X 


INHALTSUBERSICHT 

Leben  des  Quintus  Fixlein    7 

Biographische  Belustigungen    261 

Der  Jubelsenior     409 

Das  Kampaner  Tal    561 

Palingenesien 717 

Briefe  und  bevorstehender  Lebenslauf   925 

Das  heimliche  Klaglied     1081 

Anhang 1139 

Anmerkungen    1141 

Nachwort    1 226 

Inhaltsverzeichnis 1253, 


LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

aus  funfzehn  Zettelkasten  gezogen; 

nebst  einem  MuBteil  und  einigen 

Jus  de  tablette 


BlLLETT  AN  MEINE  FREUNDE 
anstatt  der  Vorrede 

Kaufleute,  Autoren,  Madchen  und  Quaker  nennen  alle  Leute,  mit 
denen  sie  verkehren,  Freunde;  und  meine  Leser  sind  also  meine 
Gast-  und  Universitatsfreunde.  Nun  beschenk'  ich  zwar  so  viele 
hundert  Freunde  mit  ebenso  vielen  hundert  Freiexemplaren  -  und 
die  Buchhandlung  hat  den  Auftrag,  jedem  nach  der  Messe  seines 
auf  Verlangen  auszuliefern  gegen  ein  elendes  Gratial  und  don 
gratuit  fur  Setzer,  Drucker  und  andere  Leute  -;  aber  da  ich  die 

10  ganze  Auflage  nicht  wie  die  franzosischen  Autoren  zum  Buchbin- 
der  schicken  konnte:  so  fehlt  natiirlichvornen  das  leere  Buchbin- 
derblatt,  und  ich  konnte  also  dem  Empfanger  des  Geschenks  nichts 
Schmeichelhaftes  daraufschreiben.  Ich  liefi  deswegen  nach  dem 
Titel  einige  leere  Blatter  einziehen;  auf  diese  wird  hier  gedruckt. 
Mein  Buch  zerfallt,  wie  die  BuBe,  in  drei  Teile. 
Den  ersten  oder  sogenannten  MuB  teil,  der  aus  zwei  Erzahlungen 
besteht  und  den  die  Reichserbkuchenmeisterin  der  Phantasie  mit 
Blumenwerk  und  Blumenmehl  (wenigstens  bestellt'  ichs  so)  gar- 
nieren  sollte,  bescher*  ich,  lieben  Freunde,  bloB  lieben  Freun- 

20  dinnen :  wahrhaftig  mit  beiden  Erzahlungen  werd'  ich  ihnen  eine 
ebenso  groBe  Freude  machen,  als  bracht*  ich  ihnen  von  Leipzig 
anstatt  dieses  MeBprasentes  ein  ganzes  Ohrrosen-Bouquet  oder 
Visitenbilletts  auf  hollandischem  Papier  silbern  gerandelt  mit  - 
oder  em  Trauerneglige  oder  doch  einen  Facher  von  Sandelholz 
mit  einem  Medaillon.  Sie  sind  geborne  Blumistinnen  und  selber 
gut  gezeichnete  Blumenstiicke  und  lieben  mithin  auch  in  Btichern, 
was  sie  so  oft  begiefien,  sticken  und  brechen,  -  Bliimchen.  Das 
Schicksal,  als  Weginspektor,  bestecke  damit  auch  euere  staubige 
Lebens-KunststraBe,  und  Freudenrosen  sollen  euere  Wegmesser 

30  und  Werstenzeiger  sein:  ich  wiiBte  keinen  bessern  Einhaucher 


IO  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

oder  inhalery  gegen  tiefere  Brustschmerzen,  als  der  Wundarzt 
Mudge  mit  der  Maschine  jenes  Namens  lindert,  keinen  bessern 
Einhaucher,  sag*  ich,  als  eueren  trostenden  Mund;  und  eben  dar- 
um  schenke  euch  der  Himmel,  indes  unsere  FuBsohlen  im  heiBen 
Sand  an  dem  Krater  des  biirgerlichen  Lebens  waten,  tiefer  unten 
die  stille  fruchtbare  blumige  Region  an  diesem  Vesuv  und  setze 
besonders  euern  Mannern  oder  Vatern,  wie  die  Kalendermacher 
der  Sonne,  ein  menschliches  Antlitz  an,  das  auf  eine  schdne  Weise 
das  mannliche  wie  das  solarische  Blenden  mildert. 

Der  zweite  und  groBte  Teil  des  Buches  enthalt  das  Leben  eines  i0 
Schulmanns,  das  -  neun  oder  zehn  Kapitel  ausgenommen  —  schon 
weniger  fur  Madchen  passet:  desto  besser  fur  sie  und  fur  mich, 
wenn  ich  mich  liber  die  sechs  oder  funf  andern  Kapitel  betriige. 
Mit  dieser  Biographie  will  nun  der  Verfasser  euch,  lieben  Freunde, 
nicht  sowohl  ein  Vergniigen  machen  als  euch  lehren,  eines  zu  ge- 
nieBen.  Wahrlich  Xerxes  hatte  nicht  auf  die  Erfindung  neuer  Freu- 
den,  sondern  auf  eine  gute  Methodologie  und  Haustafel,  die  alten 
zu  genieBen,  Preismedaillen  bieten  sollen. 

Ich  konnteniemehralsdrei  Wege,  glucklicher  (nicht  glucklich) 
zu  werden,  auskundschaften.  Der  erste,  der  in  die  Hohe  geht,  ist:  20 
so  weit  iiber  das  Gewolke  des  Lebens  hinauszudringen,  daB  man 
die  ganze  auBere  Welt  mit  ihren  Wolfsgruben,  Beinhausern  und 
Gewitterableitern  von  weitem  unter  seinen  FxiBen  nur  wie  ein 
eingeschrumpftes  Kindergartchen  liegen  sieht.  -  Der  zweite  ist: 

—  gerade  herabzufallen  ins  Gartchen  und  da  sich  so  einheimisch  in 
eine  Furche  einzunisten,  daB,  wenn  man  aus  seinem  warmen  Ler- 
chennest  heraussieht,  man  ebenfalls  keine  Wolfsgruben,  Bein- 
hauser  und  Stangen,  sondern  nur  Ahren  erblickt,  deren  jede  fur 
den  Nestvogel  ein  Baum  und  ein  Sonnen-  und  Regenschirm  ist.  — 
Der  dritte  endlich  -  den  ich  fur  den  schwersten  und  kliigsten  halte  30 

—  ist  der,  mit  den  beiden  andern  zu  wechseln.  - 
Das  will  ich  jetzt  den  Menschen  recht  gut  erklaren. 

Der  Held  -  der  Reformator  -  Brutus  -  Howard  -  der  Repu- 
blikaner,  den  biirgerliche  Stiirme,  das  Genie,  das  artistische  be- 
wegen  -  kurz  jeder  Mensch  mit  einem  groBen  EntschluB  oder 
auch  nur  mit  einer  perennierenden  Leidenschaft  (und  war*  es  die, 


BILLETT  AN  MEINE  FREUNDE  II 

den  groBten  Folianten  zu  schreiben),  alle  diese  bauen  sich  mit 
ihrer  innern  Welt  gegen  die  Kalte  und  Glut  der  aufiern  ein,  wie 
der  Wahnsinnige  im  schlimmern  Sinn :  jede  fixe  Idee,  die  jedes 
Genie  und  jeden  Enthusiasten  wenigstens  periodisch  regiert, 
scheidet  den  Menschen  erhaben  von  Tisch  und  Bett  der  Erde, 
von  ihren  Hundsgrotten  und  Stechdornen  und  Teufelsmauern  - 
—  gleich  dem  Paradiesvogel  schlaft  er  fliegend,  und  auf  den  aus- 
gebreiteten  Fltigeln  verschlummert  er  blind  in  seiner  Hohe  die 
untern  ErdstoBe  und  Brandungen  des  Lebens  im  langen  schonen 

io  Traume  von  seinem  idealischen  Mutterland.  . .  .  Ach!  wenigen 
ist  dieser  Traum  beschert,  und  diese  wenigen  werden  so  oft  von 
fliegenden  Hunden1  geweckt!  - 

Diese  Himmelfahrt  ist  aber  nur  fur  den  gefliigelten  Teil  des 
Menschengeschlechts,  fur  den  kleinsten.  Was  kann  sie  die  armen 
Kanzleiverwandten  angehen,  deren  Seele  oft  nicht  einmal  Fliigel- 
decken  hat,  geschweige  etwas  darunter  -  oder  die  gebundnen 
Menschen  mit  den  besten  Bauch-,  Riicken-  und  OhrenfloBfedern, 
die  im  Fischkasten  des  Staates  stille  stehen  und  nicht  schwimmen 
sollen,  well  schon  der  ans  Ufer  lang  gekettete  Kasten  oder  Staat 

20  im  Namen  der  Fische  schwimmt?  Was  soil  ich  dem  stehenden 
und  schreibenden  Heere  beladener  Staats-Hausknechte,  Korn- 
schreiber,  Kanzelisten  aller  Departements  und  alien  im  Krebs- 
kober  der  Staats-Schreibstube  aufeinandergesetzten  Krebsen,  die 
zur  Labung  mit  einigen  Brennesseln  iiberlegt  sind,  was  soil  ich 
solchen  fur  einen  Weg,  kier  selig  zu  werden,  zeigen?  - 

BloB  meinen  zweiten;  und  das  ist  der:  ein  zusammengesetztes 
Mikroskop  zu  nehmen  und  damit  zu  ersehen,  daB  ihr  Tropfe  Bur- 
gunder  eigentlkh  ein  rotes  Meer,  der  Schmetterlingsstaub  Pfauen- 
gefieder,  der  Schimmel  ein  bliihendes  Feld  und  der  Sand  ein 

30  Juwelenhaufe  ist.  Diese  mikroskopischen  Belustigungen  sind 
dauerhafter  als  alle  teuern  Brunnenbelustigungen.  .  .  .  Ich  muB 
aber  diese  Metaphern  erklaren  durch  neue.  Die  Absicht,  warum 
ich  Fixleins  Leben  in  die  Liibecksche  Buchhandlung  geschickt, 
ist  eben,  in  diesem  Leben  -  daher  ichs  in  diesem  Billett  wenig 
brauche  -  der  ganzen  Welt  zu  entdecken,  daB  man  kleine  sinn- 
1  So  heifien  die  Vampyren. 


12  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

liche  Freuden  hoher  achten  miisse  als  groBe,  den  Schlafrock  hoher 
als  den  Bratenrock,  daB  man  Plutos  Quinterne  seinen  Ausiilgen 
nachstehen  lassen'  miisse,  einen  NNd'or  dem  Notpfennig,  und 
daB  uns  nicht  groBe,  sondern  nur  kleine  Gluckszufalle  begliicken. 
—  Gelingt  mir  das :  so  erzieh*  ich  durch  mein  Buch  der  Nachwelt 
Manner,  die  sich  an  allem  erquicken,  an  der  Warme  ihrer  Stuben 
und  ihrer  Schlafmiitzen  -  an  ihrem  Kopfkissen  -  an  den  heiligen 
drei  Festen  -  an  bloBen  Aposteltagen  -  an  den  abend  lichen  mo- 
ralischen  Erzahlungen  ihrer  Weiber,  wenn  sie  nachmittags  als 
Ambassadricen  einen  Besuch  auf  irgendeinem  Wkwensitz,  wo-  10 
hin  der  Mann  nicht  zu  bringen  war,  gemacht  hatten  -  am  Ader- 
laBtage  dieser  ihrer  Novel listinnen  -  an  dem  Tage,  wo  einge- 
schlachtet,  eingemacht,  eingepokelt  wird  gegen  den  grimmigen 
Winter  und  so  fort.  Man  sieht,  ich  dringe  darauf,  daB  der  Mensch 
ein  Schneidervogel  werde,  der  nicht  zwischen  den  schlagenden 
Asten  des  brausenden,  von  Sttirmen  hin-  und  hergebognen  un- 
ermeBlichen  Lebensbaumes,  sondern  auf  eines  seiner  Blatter  sich 
ein  Nest  aufnahet  und  sich  darirv  warm  macht.  -  Die  notigste 
Predigt,  die  man  unserm  Jahrhundert  halten  kann,  ist  die,  zu 
Hause  zu  bleiben.  20 

Der  dritte  Himmelsweg  ist  der  Wechsel  mit  dem  ersten  und 
zweiten.  Der  vorige  \weite  ist  nicht  gut  genug  fur  den  Menschen, 
der  hier  auf  der  Erde  nicht  bloB  den  Obstbrecher,  sondern  auch 
die  Pflugschar  in  die  Hande  nehmen  soil.  Der  erste  ist  zu  gut  fur 
ihn.  Er  hat  nicht  immer  die  Kraft,  wie  Rugendas  mitten  in  emer 
Schlacht  nichts  zu  machen  als  Schlachtstiicke  und  wie  Bakkuisen 
im  Schiffbruche  kein  Brett  zu  ergreifen  als  ein  Zeichenbrett,  um 
ihn  zu  malen.  Und  dann  halten  seine  Schmer^en  so  lange  an  als 
seine  Ermattungen.  Noch  ofter  fehlet  der  Spielraum  der  Kraft: 
nur  der  kleinste  Teil  des  Lebens  gibt  einer  arbekenden  Seele  30 
Alpen  -  Revolutionen  -  Rheinfalle  -  Wormser  Reichstage  -  und 
Kriege  mit  Xerxes,  und  es  ist  so  furs  Ganze  auch  besser;  der  lan- 
gere  Teil  des  Lebens  ist  ein  wie  eine  Tenne  platt  geschlagener 
Anger  ohne  erhabene  Gotthardsberge,  oft  ein  langweiliges  Eis- 
feld  ohne  einen  einzigen  Gletscher  voll  Morgenrot. 

Eben  aber  durch  Gehen  ruhet  und  holet  der  Mensch  zum  Stei- 


BILLETT  AN  MEINE  FREUNDE  13 

gen  aus,  durch  kleine  Freuden  und  Pflichten  zu  groDen.  Der  sie- 
gende  Diktator  muB  das  Schlacht-Marzfeld  zu  einem  Flachs-  und 
Rubenfeld  umzuackern,  das  Kriegstheater  zu  einem  Haustheater 
umzustellen  wissen,  worauf  seine  Kinder  einige  gute  Stucke  aus 
dem  Kinderfreund  auffuhren.  Kann  er  das,  kann  er  so  schon  aus 
dem  Weg  des  genialischen  Gliicks  in  den  des  hauslichen  einbeu- 
gen :  so  ist  er  wenig  verschieden  von  mir  selber,  der  ich  jetzt  - 
wiewohl  mir  die  Bescheidenheit  verbieten  sollte,  es  merken  zu 
lassen  -  der  ich  jetzt,  sag*  ich,  mitten  unter  der  Schopfung  dieses 

10  Billetts  doch  imstande  war,  daran  zu  denken,  daB,wenn  es  fertig 
ist,  die  gebacknen  Rosen  und  Holundertrauben  auch  fertig  wer- 
den,  die  man  fur  den  Verfasser  dieses  in  Butter  siedet. 

Da  ich  zu  diesem  Billett  noch  ein  Postskript  (am  Ende  des 
Buchs)  anstoBen  will :  so  spar*  ich  einiges,  was  ich  noch  iiber  den 
dritten,  halb  satirischen,  halb  philosophischen  Teil  des  Werks  zu 
sagen  hatte,  absichtlich  fur  die  Nachschrift  auf. 

Hier  lasset  der  Verfasser,  aus  Achtung  fur  die  Rechte  eines 
Billetts,  seine  halbe  Anonymitat  fahren  und  unterschreibt  sich 
zum  ersten  Male  mit  se'mem  gan%en  wahren  Namen.  Hof  im  Voigt- 

20  land,  den  29.  Jun.  1795. 

Jean  Paul  Friedrich  Richter 


Geschichte  meiner  Vorrede 
zur  zweiten  auflage  des 

QUINTUS  FlXLEIN 


Geschichte  der  Vorrede 
zur  zweiten  Auflage 

Ein  Schweizer  voltigierte  (nach  dem  Berichte  Stolbergs)  einst 
so  heftig  als  er  konnte  von  der  Stube  auf  den  Sessel  und  von 
diesem  wieder  herunter- da  man  ihn  dariiber  befragte,  gab  er  an: 
»er  mache  sich  lebhaft«.  -  Aber  Normanner  wie  ich  brauchen 
schon  halbe  Tagreisen,  wenn  sie  so  feurig  werden  wollen,  daB  sie 
den  Plan  eines  Kapitels  gliicklich  entwerfen.  Schon  Erasmus  ar- 
beitete  sein  Lob  der  Narrheit  auf  dem  Sattel  aus  (da  er  nach 
Italien  ritt),  und  der  englische  Dichter  Savage  sein  Trauerspiel  10 
Overbury  auf  den  Londner  Gassen  -  wiewohl  sein  Leben  selber 
eines  war,  kein  burgerliches,  sondern  ein  adeliges,  da  er  sich  von 
seiner  natiirlichen  Mutter,  der  Grafin  von  Macclesfield,  jahrlich 
200  Pf.  auszahlen  lieB,  damit  er  kein  Pasquill  auf  sie  machte,  son- 
dern eben  dadurch  nur  eines  auf  sie  ware  — ;  von  mir  aber  ist  gar 
bekannt,  daB  ich  vor  einigen  Jahren  die  groBe  Tour  machte,  bis 
ich  gleich  einem  jungen  Herrn  mit  dem  Risse  oder  Knochenge- 
baude  der  »Mumien«  wiederkommen  konnte;  ja  sollt'  ich  mich 
einmal  zu  einem  epischen  Werke  wie  die  Odyssee  entschlieBen, 
so  miiBte  sich  wohl  der  Sanger  so  lange  auf  seiner  pittoresken  Ent-  20 
deckungsreise  aufhalten  als  der  Held  selber. 

Hingegen  zur  Zeugungeiner  Vorrede  zur  zwei  ten  Auflage  nab* 
ich  nie  mehr  no  tig  erachtet  als  eine  FuBreise  von  Hof nach  Bai- 
reuth7  einen  Katzensprung  iiber  drei  Poststationen.  Ich  such*  aber 
etwas  darin,  wenn  ich  das  Erstaunen  der  Nachwelt  und  ihrer  Vor- 
fahren  dadurch  erregen  kann,  daB  ich  beide  auf  die  baireuthische 
KunststraBe  mitnehme,  auf  der  ich  hinlaufe  -  im  Webstuhl  der 
Vorrede  eingesperrt  und  mit  dem  Weberschiffchen  werfend  -, 
ohne  doch  etwas  Rechtes  herauszubringen.  Ich  trug  namlich  die 
offne  Schreibtafel  vor  mir  her,  um  die  Vorrede,  wie  sie  mir  Satz  50 


GESCHICHTE  MEINER  VORREDE  17 

fur  Satz  entfiel,  darin  aufzufangen ;  aber  wenige  Autoren  wurden 
noch  so  in  ihren  Vorreden  gestort.  Ich  will  es  ausfuhrlich  erzahlen. 
Der  moralische  Gang  des  Menschen  gleicht  seinem  physischen, 
der  nichts  ist  als  ein  fortgesetzter  Fall. 

Schon  der  Hofer  Schlagbaum,  unter  dem  man  den  Chaussee- 
zoll  erlegt  und  der  hinter  dem  Vis-a-vis  einer  Dame  niedersank, 
die  ihn  abgetragen,  fiel  hart  wie  ein  StoBvogel  und  Eierbrecher 
auf  den  Kopf  des  Vorberichts:  denn  ich  wollte  der  Dame  durch- 
aus  vorlaufen,  um  ihr  ins  Gesicht  zu  sehen;  und  mithin  wurde 

10  unter  dem  Nachdringen  wenig  an  die  Weberei  der  Vorrede  ge- 
dacht,  wiewohl  ich  dem  Vis-a-vis  fruchtlos  nachsetzte.  Mit  unbe- 
kannten  Frauenzimmern  ists  ganz  anders  wie  mit  unbekannten 
Biichern.  Ich  nehme  nie  ein  Buch,  das  ich  noch  nicht  gelesen,  in 
die  Hande,  ohne  wie  ein  Rezensent  vorauszusetzen,  es  sei  elend. 
Hingegen  bei  einer  unbekannten  Frau  nimmt  jeder  Mann,  gesetzt 
er  hatte  schon  30000  Abgottinnen*  kennen  und  vergessen  gelernt, 
von  neuem  an,  diese  3oooiste  sei  erst  die  echte  unverfalschte  hei- 
lige  Jungfrau  -  die  Gottesgebarerin  -  die  Gottin  selber.  Das  nahm 
ich  gleichfalls  an  auf  dem  Straflendamm;  wenigstens  konnt'  ich 

20  doch  eine  Frau,  an  deren  gepuderten  und  aufgelockten  Hinter- 
kopf  die  Morgenrote  so  deutlich  anfiel,  zu  den  gebildeten  weib- 
lichen  Kopfen  zahlen,  welche  —  da  nach  Rousseau  Eisen  und  Ge- 
treide  die  Europaer  kultivieret  haben  —  den  feinern  Fabrikaten  aus 
beiden,  den  Haarnadeln  und  dem  Puder,  jene  Bildung  verdanken, 
die  nun,  hofF  ich,  unter  den  weiblichen  Kopfen  burgerlichen 
Standes  schon  etwas  Gemeines  ist.  Gegen  diese  auBere  Kultur 
einer  Frau  sollte  sich  kein  Ehemann  sperren,  der  an  der  seinigen 
einegutgemachtepapinianischeKochmaschine-eineSchaferische 
Waschmaschine  -  eine  englische  Spinnmaschine  -  und  eine  Gir- 

30  tannerische  Respirationsmaschine  besitzen  will:  er  zeigt  sonst, 
daB  er  eine  unschuldige  Ausbildung  mit  der  innern,  von  der 
iiberhaupt  Honorationnnen  im  ganzen  frei  sind,  verwechsele. 
Kultur  ist,  gleich  dem  Arsenik,  den  Blei-Solutionen  und  den 
Wundarzten,  bloB  aufierlich  gebraucht  etwas  Herrliches  und  Heil- 
sames:  innen  im  weiblichen  Kopf,  der  so  leicht  brennend  wird, 
1  Varro  bringt  eine  Zahl  von  30000  heidnischen  Gottern  zusammen. 


l8  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

schneuzet  oder  blaset  der  Ehemann  das  Licht  aus  Vorsicht  aus, 
so  wie  man  aus  derselben  Vorsorge  nachts  nie  ein  physisches  in 

die  kaiserliche  Bibliothek  in  Wien  einlasset. 

Nun  schlang  gar  der  Wald  die  Dame  hinein,  und  ich  stand  leer 
auf  der  offnen  Chaussee.  Mein  Verlust  brachte  mich  auf  die  Vor- 
rede  zur  zweiten  Auflage  zuriick.  Ich  flng  sie  in  der  Schreibtafel 
an ;  und  hier  folgt  sie,  so  viel  als  ich  davon  nahe  bei  Hof  fertig- 
brachte. 

Vorrede  iur  iweiten  Auflage 

»Der  Poet  tragt  sehr  oft  wie  ein  gebratener  Kapaun  unter  seinen  10 
Fliigeln,  womit  er  vor  alien  besetzten  Fenstern  der  gelehrten  Welt 
aufsteigt,  rechts  seinen  Magen,  links  seine  Leber.  Oberhaupt 
denkt  der  Mensch  hundertmal,  er  habe  den  alten  Adam  ausge- 
zogen,  indes  er  ihn  nur  zuriickgeschlagen,  wie  man  die  Neger- 
Schwarte  des  Schinkens  zwar  unterhohlet  und  aufrollet,  aber 
doch  mit  aufsetzt  und  noch  dazu  mit  Blumen  garniert.« . . . 

Allein  jetzt  ging  hinter  mir  die  Sonne  auf.  -  Wie  werden  vor 
dieser  Erleuchtung  des  ewigen,  sich  selber  aus-  und  ineinander 
schiebenden  Theaters  voll  Orchester  und  Galerien  die  Vorreden 
und  das  Krebsleuchten  der  Rezensenten  und  die  phosphoreszie-  20 
renden  Tiere,  die  Autoren,  so  blaB  und  so  matt  und  so  gelb !  - 
Ich  hab'  es  oft  versucht,  vor  der  jahrlichen  Gemalde-Ausstellung 
der  langen  unabsehlichen  Bildergalerie  der  Natur  an  Buchdrucker- 
stocke,  an  Finalstocke,  an  Schmutzblatter  und  an  Spatia  der  Buch- 

drucker  zu  denken aber  es  ging  nicht  an,  ausgenommen 

mittags,  hingegen  abends  und  morgens  nie.  Denn  gerade  am 
Morgen  und  am  Abende  und  noch  mehr  in  der  Jugend  und  im 
Alter  richtet  der  Mensch  sein  erdiges  Haupt  voll  Traum-  und 
Sternbilder  gegen  den  stillen  Himmel  auf  und  schauet  ihn  lange 
an  und  sehnet  sich  bewegt;  hingegen  in  der  schwiilen  Mitte  des  3° 
Lebens  und  des  Tages  biickt  er  die  Stirn  voll  SchweiBtropfen 
gegen  die  Erde  und  gegen  ihre  TriifTeln  und  Knollengewachse. 
So  ist  die  mittlere  Lage  einer  Spielkarte  aus  Makulatur  gemacht, 


GESCHICHTE  MEINER  VORREDE  19 

nur  die  zwei  aufiersten  Lagen  aber  aus  feinem  Druckpapier;  oder 
so  richtet  sich  der  Regenbogen  nur  in  Morgen  und  Abend,  nie  in 
Siiden  auf. 

Als  mich  die  StraBe  immer  hoher  uber  die  Taler  hob,  wurd* 
ich  zweifelhaft,  wem  ich  treu  bleiben  sollte  —  ob  der  erhabenen 
Allee  und  Kolonnade  von  Bergen,  die  ich  linker  Hand,  oder  dem 
magischen  Vis-a-vis  mit  dem  gebildeten  Kopfe,  das  ich  geradeaus 
vor  mir  hatte  —  ich  sah  ein,  auf  der  linken  Tabor-Berg-Kette  ver- 
klare  sich  der  Geist  und  stehe  in  ausgehauenen  FuBtritten  wegge- 

10  flatterter  Engel  fest,  aber  im  Vis-a-vis  saB  ja  der  herabgeflogene 
Engel  selber. 

An  Vorberichte  war  nicht  zu  denken.  Zum  Gliick  nahm  ich  un- 
weit  Munchberg  neben  den  groBen  Geriisten  der  Natur,  welche 
die  Seele  wie  Reben  stengeln,  noch  eines  wahr,  das  sie  zur  Kriech- 
und  Zwergbohne  eindriickt,  namlich  den  Rabenstein  und  einen 
wohlgekleideten  Herrn,  der  darauf  botanisierte.  -  Beilaufigl  kein 
Gras  auf  Rasenbanken  oder  in  Festungen  oder  auf  Wouvermans 
Leinwand  ist  ein  so  schones  bowling-green  als  das  auf  Raben- 
steinen,  das  gleichsam  ein  Ernte-  und  Belagerungkranz  (corona 

20  obsidionalis)  der  siegenden  Menschheit  ist.  Ach  es  stehen  ohne- 
hin  so  viele  rote  Wolken  voll  Blutregen  iiber  der  Erde  und  trop- 
fenl  -  Ich  fassete  mich  jetzt  als  Vorredner  und  stellte  mir  vor: 
»Es  ist  nicht  zu  verhehlen,  daB  du  vor  der  ersten  Station,  vor 
Munchberg,  stehest  und  noch  wenig  rnehr  von  dem  Vorbericht 
herausgetrieben  hast  als  den  ersten  SchuB :  auf  diese  Art  wirst 
du  durch  Gefrees,  durch  Berneck  und  Bindloch  kommen  ohne  den 
geringsten  Zuwachs  der  Vorrede,  besonders  wenn  du  darin  kein 
Wort  sagen  willst,  als  was  zu  einem  vorigen  und  kiinftigen  wie 
ein  Zwickstein  passet.  Steht  es  dir  denn  nicht  frei,  wie  Herr  von 

30  Moser  zu  arbeiten  (der  Gevatter  und  Vorlaufer  deiner  Zettel- 
kasten),  der  in  seinem  Leben  keinen  zusammenhangenden  Bogen 
geschrieben,  sondern  nur  Aphorismen,  Gnomen,  Sinnspruche, 
kurz  nichts  mit  Flechtwerk?«  Ich  muBte  mir  recht  geben;  und 
fuhr  demnach  bandfrei  wie  gute  Klaviere  und  in  thesibus  magi- 
stralibus,  ohne  andere  Verbindungen  und  Bastpflanzen  als  denen 
auf  dem  Rabenstein,  so  fort  in  der 


20  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

V or  rede  ^ur  ^weiten  Auflage 

wEs  ist  eine  ewige  Unart  der  Menschen,  daB  sie  alle  Schrammen 
und  Pockengruben  ausgestandener  Jahrhunderte,  alle  Nachwe- 
hen  und  Feuermaler  der  vorigen  Barbarei  nie  angers  wegschafTen 
lassen  als  iweimal  -  erstlich  durch  die  Zeit,  dann  zweitens  (ob- 
gleich  bald  darauf,  oft  im  nachsten  Jahrhundert)  durch  Ediktey 
Kreisschliisse,  Rekhsabschiede,  Landtagabschiede,  pragmaticas 

sanctiones  und  Vikariatkonklusa dergestalt,  daB  unsere  ver- 

dammten  skorbutischen,  rostigen,  kanigen  Narrheiten  und  Ge- 
brauche  ganzlich  den  fiirstlichen  Leibern  gleichen,  die  ebenfalls  i 
zweimal  begraben  werden,  das  erstemal  heimlich,  wenn  sie  stinken, 
das  zweitemal  offentlich  in  einem  leeren  zweigehausigen  Parade- 
s:*rg,  dem  Trauerfahnen,  Trauermantel,  Trauerstuten  niederge- 
schlagen  folgen.«  — 

Die  Fortsetzung  der  Vorrede  folgt. 

Der  Botaniker  der  Galgen-Flora  hatte  mich  unter  dem  Schrei- 
ben  eingeholt  und  gestort.  Ich  erstaunte,  den  Herrn  Kunstrat 
Fraischdorfer  aus  Haarhaar1  vor  mir  zu  haben,  der  nach  Bamberg 
ging,  um  von  einem  Dache  oder  Berge  irgendeiner  zu  hoftenden 
Hauptschlacht  zuzusehen,  die  er  als  Galerieinspektor  so  vieler  5 
Schlachtstiicke,  ja  selber  als  Kritiker  der  homerischen  nicht  gut 
entbehren  kann.  -  Mein  Gesicht  hingegen  war  ihm  ein  unbekann- 
tes  inneres  Afrika.  Ein  Mann  muB  sich  wenig  in  der  Hterarischen 
Weltgeschichte  umgesehen  haben,  dem  man  es  erst  zu  sagen 
braucht,  daB  der  Kunstrat  sowohl  in  der  neuen  allgemeinen  deut- 
schen  bibliothekarischen  als  in  der  haarhaarischen,  scheerauischen 
und  flachsenfingischen  Rezensier-Faktorei  mitarbeite  als  einer  der 
besten  Handlungdiener.  Wie  man  einen  Kiirbis  in  einen  Karpfen- 
teich  als  Karpfenfutter  einsetzt:  so  senkt  er  seinen  nahrhaften 
Kopf  in  manches  ausgehungerte  Journalistikum  ein  als  Bouillon- 
kugel.  Da  nun  der  Kunstrat,  dem  ich  doch  nie  etwas  zuleide  ge- 
tan,  schon  an  mehren  Orten  deutliche  Winke  fallen  lassen,  er 

1  So  heiBet  bekanntlich  das  Fiirstentum,  in  welchem  die  Geschichte,  die 
ich  nun  bald  unter  dem  Namen  Titan  ediere,  vorfallt.  Daher  kenn'  ich  den 
Kunstrat  Fraischdorfer  recht  gut,  er  aber  mich  gar  nicht. 


GESCHICHTE  MEINER  VORREDE  21 

wolle  mich  in  kurzem  rezensieren:  so  war  mir  fatal  zumute;  denn 
es  gibt  zwischen  nichts  eine  groBere  Ahnlichkeit  und  Antipathie 
zugleich  als  zwischen  einem  Rezensenten  und  Autor,  wiewohl 
derselbe  Fall  auch  beim  Wolf  und  Hunde  ist.  Ich  miinzte  daher 
meinen  Namen  als  mein  eigner  Falschmunzer  um  und  sagte  mich 
als  einen  ganz  andern  Menschen  an :  »Sie  sehen  hier«,  sagt*  ich 
zum  Kunstrat,  »den  bekannten  Egidius  Zebedaus  Fixlein  vor  sich, 
von  dessen  Leben  mein  Herr  Gevatter  Jean  Paul  der  Welt  eine 
zweite  Auflage  zu  schenken  gesonnen  -  wiewohl  ich  taglich  noch 

io  fortlebe  und  mithin  immer  neues  Leben,  das  man  beschreiben 
kann,  nachschieBe.«  -  Die  Seele  des  Kunstrates  war  jetzt  nicht 
wie  die  nachgestochene  im  orbis  pictus  aus  Punkten  zusammen- 
gesetzt,  sondern  aus  Ausrufungieichen;  andere  Seelen  bestehen 
aus  Parenthesen,  aus  GansefiiBen,  die  meinige  aus  Gedanken- 
strichen.  Er  forschte  mich,  da  er  mich  fur  den  Quintus  hielt,  nun 
aus,  ob  mein  Charakter  und  mein  Haushalten  zu  dem  gedruckten 
paBten.  Ich  teilte  ihm  viele  neue  Zuge  von  Fixlein  mit,  die  aber  in 
der  zweiten  Auflage  stehen,  weil  er  mir  sonst  offend  ich  vorwirft, 
ich  hatte  mein  Original  mager  portratiert.  Er  brachte  alle  meine 

20  StraBenreden  sogleich  zu  Pergament,  weil  er  nichts  behalten 
konnte;  daher  hatt'  er  einige  hauptstarkende  Krauter  zu  einer 
Krautermutze  auf  dem  Rabensteine  gesammelt.  Fraischdorfer  ge- 
stand  mir,  steckte  einer  seine  Studierstube  mit  den  Exzerpten  und 
Btichern  in  Brand,  so  waren  ihm  auf  einmal  alle  seine  Kenntnisse 
und  Meinungen  geraubt,  weil  er  beide  in  jenen  aufbewahre;  daher 
sei  er  auf  der  StraBe  ordentlich  unwissend  und  dumm,  gleichsam 
nur  ein  schwacher  SchattenriB  und  Nachstich  seines  eignen  Ichs, 
ein  Figurant  und  curator  absentis  desselben. 

Oberhaupt  ist  der  Tempel  des  deutschen  Ruhms  eine  schone 

3°  Nachahmung  des  athenischen  Tempels  der  Minerva,  worin  ein 
groBer  Altar  fur  die  Vergessenheit  stand.1  Ja  wie  die  Florentiner 
sich  ihren  Pandekten  nur  ehrerbietig  in  einem  Staatkleide  und  mit 
Fackeln  nahern,  so  nehmen  wir  aus  derselben  Ehrfurcht  dieWerke 
unserer  Dichter  nur  in  Bratenrocken  in  Gesellschaft  zur  Hand 
und  nahern  solche  selber  den  Kerzen  und  fachen  damit  das  Feuer 
1  Plutarch  Sympos.  1.  9.  qu.  6. 


22  LEBEN  DES   QUINTUS  FIXLEIN 

in  alien  guten  Kopfen  aus  -  Meerschaum  an.  -  Ich  bin  oft  gefragt 
worden,  woher  es  komme,  daB  der  alternden  Welt,  in  deren  Ge- 
dachtnis  sich  doch  die  altesten  Werke  von  tausend  Messen  her, 
die  eines  Plato,  Cicero,  sogar  Sanchuniathons,  erhalten,  gleich- 
wohl  die  allerneuesten,  z.  B.  die  Ritterromane  von  den  letz- 
ten  Messen,  kantianische,  wolffianische,  theologische  Streit- 
schriften,  Bunkels  Leben,  die  besten  Inauguraldisputationen  und 
pieces  du  jour,  Hirtenbriefe  und  gelehrte  Zeitungen,  oft  in  dem 
Monate  entfallen,  worin  sie  davon  hort.  Meine  Antwort  war  gut 
und  hiefi:  da  es  wohl  keine  mystische  Person  von  einem  solchen  i 
Alter  gibt  als  die  Welt,  die  ein  wahrer  alter  eingerunzelter  Kopf 
von  Denner  ist  und  die  nun  anfangt  (wie  es  wohl  kein  Wunder 
ist),  vor  Marasmus  schwach  und  fast  kindisch  zu  werden :  so  ist 
sie  naturlicherweise  von  dem  Ubel  alter  Personen  nicht  frei,  die 
alles,  was  sie  in  ihrer  Jugend  gehort  und  gelesen,  trefFlich  fest- 
halten,  hingegen  was  sie  in  ihren  alten  Tagen  erfahren,  in  einer 
Stunde  vergessen.  Daher  denn  unsere  Bucher  den  Lumpen  in  der 
Papiermuhle  gleichen,  von  denen  sie  genommen  sind,  unter  wel- 
chen  der  Papiermiiller  die  frischen  allzeit  friiher  zur  Faulnis  bringt 
als  die  alten.  -  i 

Im  Grunde  hatt'  ich  das  als  einen  abgesonderten  Satz  in  der 
Vorrede  zur  zweiten  Auflage  aufstellen  konnen. 

t)ber  Miinchberg  erbosete  sich  der  Kunstrat  ungemein:  ent- 
weder  die  Hauser  oben  auf  dem  Berge  oder  die  unten  sollten  weg; 
er  fragte  mich,  ob  Gebaude  etwas  anders  als  architektonische 
Kunstwerke  waren,  die  mehr  zum  Beschauen  als  zum  Bewohnen 
gehorten  und  in  die  man  nur  miBbrauchsweise  zoge,  weil  sie  ge- 
rade  wie  Fldten  und  Kanonen  hohl  gebohret  waren,  wie  die  Bie- 
nen  sich  im  hohlen  Baum  ansetzen,  anstatt  um  dessen  Bliiten  zu 
spielen.  Er  zeigte  das  Lacherliche,  sich  in  einem  Kunstwerk  ein-  : 
zuquartieren,  und  sagte,  es  sei  so  viel,  als  wollte  man  Heems1 
Gefafie  zu  Kasenapfen  und  Federtopfen  verbrauchen,  oder  den 
Laokoon  zum  BaBgeigenfutteral  und  die  mediceische  Venus  zur 
Haubenschachtel  aushohlen.  Er  wunderte  sich  uberhaupt,  wie  der 
Konig  Dorfer  Ieiden  konnte;  und  gestand  frei,  es  mach'  ihm  als 

1  Der  beste  Maler  in  Topf-Stucken. 


GESCHICHTE  MEINER  VORREDE  23 

Artisten  eben  kein  MiBvergnugen,  wenn  eine  ganze  Stadt  in 
Rauch  aufginge,  weil  er  alsdann  doch  die  Hoffnung  einer  neuen 
schonern  fasse. 

Er  war  nicht  von  mir  wegzubringen :  jetzt  griff  er,  auBerhalb 
Miinchberg,  statt  der  Miinchberger  mich  sejber  an  und  staupte 
meine  opera.  Ach  die  Vorrede  zur  zweiten  Auflage  sowohl  als  das 
fliehende  Vis-a-vis  lieBen  mich  und  meine  Wunsche  immer  wei- 
ter  hinter  sich,  und  ich  hatte  von  der  ganzen  Dame  wie  von  einer 
gestorbnen  nichts  mehr  im  Auge  als  den  fernen  -nachfliegenden 

10  Staub,  den  ich  indes  fur  viel  Marzenstaub  und  Punsch-  und  De- 
mantpulver  nicht  weggegeben  hatte.  Der  Kunstrat  und  Fraisherr 
kielholte  und  sackte  jetzt  meinen  Gevatter  -  Jean  Paul,  denn  mich 
hielt  er,  wie  gesagt,  fur  den  Quintus  -  und  verdacht*  es  jenem, 
daB  er  seinen  biographischen  Brei  nicht  wie  Landleute  recht  glatt 
auftrage,  und  daB  er  sich  uberhaupt  nicht  vor  dem  Spiegel  der 
Kritik  anputze.  Ich  nahm  mich  des  gekrankten  abwesenden  Man- 
nes  an  und  sagte,  so  viel  ich  aus  seinem  Munde  wisse,  so  neb*  er 
sich  gerade  auf  den  Schwungbrettern  und  an  den  Springstaben 
und  Steigeisen  der  Kritik  mehr  als  mit  den  Oberfiugeln  seiner 

20  Psyche  auf,  ja  er  habe  kritische  Briefe  unter  der  Feder,  worin  er 
die  Kritik  auf  Kosten  der  Kritiker  preise  und  ube  -  eben  diese 
kritische  Manipulation  schwelle  seine  Werke  so  sehr  auf,  wie  die 
Nasen  groBer  und  langer  werden  durch  haufiges  Schneuzen.  - 
Und  wahrhaftig  so  ist  es :  ich  begreif '  es  nicht,  wie  ein  Mensch 
ein  Werkchen  schreiben  kann,  das  kaum  ein  halbes  Alphabet 
stark  ist;  ein  Bogen  in  der  Feme  breitet  sich  ja  notwendig  in  der 
Nahe  zu  einem  Buche  aus,  und  ein  Buch  zum  Ries:  ein  opus,  das, 
wenn  ich  es  eben  hinwerfe,  gleich  einem  neugebornen  Baren 
nicht  groBer  ist  als  eine  Ratze,  leek*  ich  mit  der  Zeit  zu  einem 

30  breiten  Landbaren  auf.  Der  Kritiker  sieht  freilich  nur,  wie  viel 
der  Autor  behalten  hat,  aber  nicht,  wie  viel  er  weggeworfen; 
daher  zu  wunschen  ware,  die  Autoren  hingen  ihren  Werken  hin- 
ten  fur  die  Rezensenten  die  vollstandige  Sammlung  aller  der  elen- 
den  dummen  Gedanken  an,  die  sie  vornen  ohne  Schonen  ausge- 
strichen,  um  so  mehr,  da  sie  es  ja,  wie  z.  B.  Voltaire,  bei  der  letz- 
ten  Herausgabe  ihrer  opera  wirklich  tun  und  hinten  fur  feinere 


24  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Leser  einen  Lumpenboden  des  Auskehrigs  der  ersten  Editionen 
anstoBen  und  aufsparen,  wie  etwan  einige  preuBische  Regimen ter 
den  Pferdestaub  zuriicklegen  und  vorratig  halten  mussen,  zum 
Beweise,  daB  sie  gestriegelt  haben.  - 

Jetzt  sauerte  er  aHmahlich  aus  Bieressig  zu  Weinessig:  er  sagte 
mir  geradeheraus :  »Sie  wissen  nicht,  fiir  wen  Sie  fechten :  Ihr  Herr 
Gevatter  hat  Dero  Kniestiick  selber  zu  einer  Bambocchiade  ge- 
macht  und  Sie  nicht  mit  den  intellektuellen  Vorziigen  ausge- 
steuert  und  ausgestellt,  die  Sie  doch,  wie  ich  jetzt  hore,  wirklich 
haben.  Ich  konnte  auf  dem  Druckpapier  wenigen  Anteil  an  Ihro  10 
Hochehrwiirden  nehmen,  erst  auf  der  Chaussee.«  Ich  wiinschte, 
er  zoge  auch  diesen  zuriick,  und  flel  absichtlich  aus  meinem  Fix- 
leinischen  Charakter  heraus,  indem  ich  pikiert  sagte:  »Wenn  Le- 
ser, zumal  Leserinnen  meinen  komischen  Charakter  oder  uber- 
haupt  einen  unvollkommnen  nicht  goutieren,  so  erklaV  ich  mir 
es  gut:  sie  haben  keinen  Geschmack  an  schreibenden  Humoristen, 
geschweige  an  handelnden;  auch  wird  es  einer  engen  Phantasie 
schwerer,  sich  in  unvollkommne  Charaktere  zu  denken  als  in 
vollkommne  und  sich  fiir  sie  zu  interessieren  -  endlich  hat  der 
Leser  einen  Helden  lieber,  der  ihm  ahnlich  ist,  als  einen  unahn-  20 
lichen ;  unter  einem  ahnlichen  meint  er  aber  allzeit  einen  herrlichen 
Menschen.«  —  GewiB !  Denn  wie  Plutarch  in  seinen  Biographien 
jeden  groBen  Mann  gegen  einen  zweiten  groBen  wiegt  und  ver- 
gleicht,  so  halt  der  Leser  jeden  groBen  Charakter  einer  Biogra- 
phie  leise  mit  einem  zweiten  groBen  zusammen  (welches  seiner 
ist)  und  gibt  acht,  was  dabei  herauskommt.  Aus  diesem  Grunde 
schatzen  Madchen  eine  vollkommene  weibliche  Schonheit  und 
Grazie  ungemein  hoch  in  der  Schilderei  des  Romans  (so  sehr  ver- 
schonert  der  Dichter  das  Fatalste),  und  sehnen  sich  wenig  da- 
nach  in  der  Plastlk  und  Skulptur  der  Wirklichkeit  -  so  wie  haB-  30 
Hche  Dinge,  Eidechsen  und  Furien,  nur  von  der  Malerei,  aber 
nicht  von  der  Bildhauerkunst  gefallend  darzustellen  sind  -;  fiir 
das  Madchen  ist  namlich  der  Roman  ein  treuer  Spiegel,  und  es 
kann  darin  die  Heldin  sehen. 

Der  Kunstrat  tat  jetzt  vor  dem  Dorf,  »die  drei  Bratwiirste«  ge- 
nannt,  den  Wunsch,  Ziegenmilch  darin  zu  tnnken.  Ich  fragte  ihn, 


GESCHICHTE  MEINER  VORREDE  25 

ob  ers  wie  die  vornehmen  Leute  mache,  die  -  weil  Huart  einen 
achttagigenTrank  von  Ziegenmilch  als  ein  Hausmittel  vorschlagt, 
ein  Genie  zu  zeugen  -  sich  eben  deshalb  zum  GeiB-Kordial  ent- 
schlieBen  und  dann  sehen,  wozu  es  fiihrt.  DaB  sie,  wenigstens  die 
Fiirsten,  ihn  nicht  der  Schwindsucht  halber  trinken,  beweisen 
wohl  die  Versuche,  die  sie.nachher  machen.  Aber  der  Kunstrat 
wurde  nur  darum  der  Milchbruder  Jupiters,  weil  die  Parzen  den 
Lebensfaden  vollig  von  den  Spindeln  seiner  Beine  abgeweifet 
hatten :  er  stand  gleichsam  schon  als  ein  ausgebalgter,  gutgetrock- 
10  neter,  mit  Ather  gefullter  Vogel  im  Naturalien-Glasschrank  da. 
Er  sagte,  man  miiBte  entweder  sich  und  die  Bucher  oder  die  Kin- 
der aufopfern,  so  wie  der  Landwirt,  setzt'  ich  hinzu,  eines  von 
beiden  schlecht  annehmen  muB,  entweder  den  Leindotter  oder 
den  Flachs. 

Wahrend  der  Milchkur  wurden  wir  beide  einander  noch  ver- 
haBter,  als  wirs  schon  waren,  und  das  eingeschluckte  Krotenlaich 
unserer  Antipathie  wurde  durch  die  gelinde  Warme  der  edeln 
Teile  zu  ordentlichen  Kroten  ausgebriitet.  Ich  wurde  ihm  gram, 
weil  ich  hier  in  den  drei  Bratwursten  stehen  muBte  und  allem  An- 
20  schein  nach  in  Gefrees  ankam,  ohne  irgend  etwas  Schones  gesehen 
oder  geschrieben  zu  haben  (ich  rede  von  dem  Vis-a-vis  und  der 
Vorrede),  und  uberhaupt  weil  Fraischdorfer  zugleich  Mattgold, 
Katzengold  und  Platzgold  war.  Eine  elendere  Mixtur  gibt  es  nicht. 
Zog  er  nicht  sogar  unter  dem  Kauen  sich  wie  ein  Dentist  seine 
Schneidezahne  aus,  weil  bloB  die  Hundidhne  echt  waren  und 
genuin?  Konnt*  ich  nicht,  als  er  den  Rock  aufknopfte,  deutlich 
sehen,  daB  der  Bauch  seiner  Weste  seiden  und  marmoriert,  hin- 
gegen  der  Riicken  derselben  weiB  und  leinen  war,  als  war'  er  ein 
Dachs,  der,  wie  Buffon  bemerkt,  als  Widerspiel  aller  Tiere  lich- 
30  tere  Haare  auf  dem  Riicken  hat  und  die  dunklern  unter  dem 
Bauch?  -  Und  was  seinen  Zopf  anlangt,  so  ist  wohl  gewiB,  daB 
seiner  nur  an  der  Spitze  eignes  Haar  aufzeigt  und  ubrigens  lang 
und  falsch  ist,  meiner  aber  klein  und  echt,  gerade  als  hatte  uns  die 
NaturundLinnauswie  zwei  bekannte  Tiere  unterscheidenwollen.1 

1  Ich  equus  cauda  undique  setosa  -  er  equus  cauda  extremo  setosa.  Linn. 
Syst.  Nat.  CI.  1.  Ord.  4. 


7.6  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Er  fur  seine  Person  setzte  gleichfalls  den  Lavendelessig  des  In- 
grimms  auf  einer  guten  Essigmutter  an  und  wollte  mich  damit 
wie  einen  Pestkranken  besprengen:  er  bildete  sich  namlich  ein, 
ich  belog'  ihn  oder  hatt'  ihn  zum  Narren  und  ware  gar  der  Quin- 
tus  nicht,  wofur  ich  mich  gab,  sondern  etwan  wohl  mein  Gevatter 
selber.  Er  schloB  das  aus  meinem  Scharfsinn.  Um  hinter  mich  zu 
kommen,  so  HeB  er  den  Lumpenhacker  seiner  Miihle  los  und  stieB 
damit  unter  alle  meine  Werke  auf  einmal.  Ich  werde  sogleich 
seine  eignen  Worte  hersetzen.  Ich  habe  zwar  oft  den  Himmel  ge- 
beten,  mir  einen  Hahn  in  die  gelehrten  Anzeigen  zu  schicken,  der  10 
krahete,  wenn  ich  als  literarischer  Petrus  falle,  und  der  iiber  den 
Fall  mich  zu  Tranen  brachte  -  oder  doch  einen  bloBen  Kapaun, 
der,  wie  aridere  Kapaunen,  meine  Kiichlein  aussaBe  und  herum- 
fiihrte;  aber  um  diesen  Greifgeier  derselben  hab'  ich  ihn  nie  er- 
sucht,  und  ich  sen*  es  ein,  ich  wurde  erhitzt.  Er  fing  denn  schon  bei 
den  drei  Bratwiirsten  an  und  hielt  damit  aus  bis  nach  Gefrees  -  wo- 
bei  er  doch  mich  immer  Se.  Hochehrwurden  und  Jean  Paul  meinen 
Herrn  Gevatter  hieB  —  und  behauptete:  »es  gebe  weiter  keine 
schone  Form  als  die  griechische,  die  man  durch  Verzicht  auf  die 
Materie  am  leichtesten  erreiche— . *  (Daherbewegt  man  sich  jetzt  20 
nach  der  griechischen  Choreographie  am  besten,  wenn  man  das 
wissenschaftliche  Gepack  der  spatern  Jahrhunderte  abwirft  und 
sich  es  sozusagen  leicht  macht.)  -  Auf  den  Kubikinhalt  komm'  es 
der  Form  so  wenig  an,  daB  sie  kaum  einen  brauche,  wie  denn 
schon  der  reine  Wille  eine  Form  ohne  alle  Materie  sei  (und  sozu- 
sagen im  Wollen  des  Wollens  besteht,  so  wie  der  unreine  im  Wol- 
len  des  Nichtwollens,  so  daB  die  asthetische  und  die  moralische 
Form  sich  zu  ihrer  Materie  verhalt  wie  die  geometrische  Flache 
zu  jeder  gegebenen  wirklichen).  —  Daher  lasse  sich  der  Ausspruch 
Schlegels  erklaren,  daB,  so  wie  es  ein  reines  Denken  ohne  alien  30 
Stoffgebe  (dergleichen  ist  volliger  Unsinn),  es  auch  vortrerTliche 
poetische  Darstellungen  ohne  StofT  geben  konne  (die  sozusagen 
bloB  sich  selber  tauschend  darstellen).  -  Oberhaupt  miisse  man 
aus  der  Form  immer  mehr  alle  Fiille  auskernen  und  ausspelzen, 
wenn  anders  ein  Kunstwerk  jene  Vollkommenheit  erreichen  solle, 

1  Alle  Parenthesen  sind  meine  Zusatze  und  erlautern  den  Kunstrat. 


GESCHICHTE  MEINEK  VORREDE  TJ 

die  Schiller  fordere,  daB  es  namlich  den  Menschen  zum  Spiele 
und  zum  Ernste  gleich  frei  und  tauglich  nachlasse  (welchen  hohen 
Grad  die  erhabenen  Gattungen  der  Dichtung  z.  B.  die  Epopoe, 
die  Ode,  wegen  der  Einrichtung  der  menschlichen  Natur  unmog- 
lich  anders  ersteigen  als  entweder  durch  einen  unbedeutenden 
leeren  Stoff  oder  durch  die  leere  unbedeutende  Behandlung  eines 
wichtigen.  Da  aber  gerade  diese  nur  bei  platten  Kunstwerken 
anzutreffen  ist:  so  haben  die  schlechten  demnach  mit  den  voll- 
kommensten  das  Unterscheidungzeichen  von  mittelmaBigen  ge- 

io  mein1).  -  Vollends  Humor,  dieser  sei  ebenso  verwerflich  als  un- 
genieBbar,  da  er  bei  keinem  Alten  eigentlich  anzutreffen  sei«  . . . 
Fraischdorfer  soil  sogleich  fortfahren,  wenn  ich  nur  dieses  ein- 
geschoben  habe :  ich  werde  einmal  in  einem  kritischen  Werkchen 
geschickt  dartun,  daB  alle  deutsche  Kunstrichter  (den  neuesten 
ausgenommen)  den  Humor  nicht  bloB  jammerlich  zergliedern, 
sondern  auch  (was  ich  nicht  vermutet  hatte,  da  das  Vergniigen 
an  der  Schonheit  durch  die  Unwissenheit  in  ihrer  Anatomie  so- 
sehr  gewinnt)  noch  erbarmlicher  genieBen,  wiewohl  sie  als  Rich- 
ter  in  der  Finsternis  den  Areopagiten  gleichen,  denen  verboten 

20  war,  uber  einen  SpaB  zu  lachen  (Aschin.  in  Timarch.)  oder  einen 
zu  schreiben  (Plut.  de  glor.  Athen.)  -  ferner  daB  die  krumme 
Linie  des  Humors  zwar  schwerer  zu  rektifizieren  sei,  daB  er  aber 
nichts  Regelloses  und  Willkurliches  vornehme,  weil  er  sonst  nie- 
mand  ergotzen  konnte  als  seinen  Inhaber  -  daB  er  mit  dem  Tra- 
gischen  die  Form  und  die  Kunstgriffe,  obwohl  nicht  die  Materie 
teile  -  daB  der  Humor  (namlich  der  asthetische,  der  vom  prak- 
tischen  so  verschieden  und  zertrennlich  ist  wie  jede  Darstellung 
von  ihrer  dargestellten  oder  darstellenden  Empfindung)  nur  die 
Frucht  einer  langen  Vernunft-Kultur  sei  und  daB  er  mit  dem  Alter 

30  der  Welt  so  wie  mit  dem  Alter  eines  Individuums  wachsen  musse. 

Fraischdorfer  fuhr  fort:  »halte  man  an  diesen  Probierstein  die 

Werke  meines  Herrn  Gevatters,  in  denen  fast  nur  auf  Materie 

1  Den  Mangel  an  Wirkung  teilen  die  niedrigsten  Kunstwerke  mit  den 
vollkommensten,  so  wie  die  Unempfindlichkeit  nach  Montaigne  oder  die 
Unwissenheit  nach  Pascal  gerade  an  zweierlei  Menschen  ist,  an  den  niedrig- 
sten und  an  den  edelsteny  angeboren  bei  jenen,  miihsam  erworben  bei  diesen. 


28  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

gesehen  werde:  so  begreife  man  nicht,  wie  der  Rezensent  der 
Literaturzeitung  ihn  noch  dazu  wegen  der  Wahl  solcher  zwei- 
deutiger  Materien  wie  z.  B.  Gottheit,  Unsterblichkeit  der  Seele, 
Verachtung  des  Lebens  usw.  preisen  konnen.« 

-  Bei  diesen  Worten  wanderten  wir  gerade  in  Gefrees  ein,  und 
ich  sah  die  mir  halb  bekannte  Dame  wie  eine  Netzmelone  sich 
wieder  in  ihren  Schleier  wickeln  und  abfahren :  hatte  also  der  Un- 
gliickvogel,  der  Kunstrat,  nicht  seinen  GeiB-Scherbet  in  den  drei 
Bratwursten  eingenommen,  so  wtird'  ich  das  Gliick  errungen  ha- 
ben,  sie  gerade  bei  Herrn  Lochmuller  zu  ertappen,  als  sie  dem  10 
Kutscher  und  den  Pferden  etwas  geben  lieB.  So  aber  hatt*  ich 
nichts.  Ich  fuhr  entsetzlich  auf  in  meinem  Herzen  und  tat  inner- 
lich  folgenden  Ausfall  gegen  den  Kunstrat:  »Du  elende  frostige 
Lothssalzsaule !  Du  ausgehohlter  Hohlbohrer  voller  Herzen !  Aus- 
geblasenes  Lerchen-Ei,  aus  dem  nie  das  Schicksal  ein  vollschla- 
gendes,  auffliegendes,  freudentrunknes  Herz  ausbriiten  kann! 
Sage,  was  du  willst,  denn  ich  schreibe,  was  ich  will.  -  Du  sollst 
weder  meine  ReiBfeder  noch  mein  Auge  von  dem  Eisgebirge  der 
Ewigkeit  abwenden,  an  dem  die  Flammen  der  verhiillten  Sonne 
spielen,  noch  vom  Nebelstern  der  zweiten  Welt,  die  so  weit  zu-  20 
riickliegt  und  nur  die  Parallaxe  einer  Sekunde  hat,  und  yon  allem, 
was  die  fliegende  Hitze  des  fliegenden  Lebens  mildert  und  was 
den  in  der  Puppe  zusammengekrummten  Fliigel  ofFnet  und  was 
uns  warmt  und  tragt!«  - 

Da  jetzt  gar  der  griechenzende  Formschneider  den  schonen  Tag 
und  die  blaue  Glasglocke  der  atherischen  Halbkugel  lobpries  und 
sagte:  er  rede  hier  nicht  als  Maler,  weil  dieser  nicht  gern  unbe- 
wolkte  Himmel  male,  sondern  als  Poet,  dem  schone  Tage  sehr 
zustatten  kommen  in  seinen  Versen :  so  bracht*  ich  mich  mit  FleiB 
immer  mehr  in  Harnisch  gegen  ihn,  besonders  da  nach  Platner  3° 
Ingrimm  dem  Unterleibe  augenscheinlich  zupasse  kommt  -  daher 
sollten  Gelehrte,  die  immer  auf  den  elendesten  Unterleibern  woh- 
nen,  einander  wechselseitig  auf  antikritischen  Intelligenzblattern 
noch  starker  erbittern  -;  und  ich  bewegte  ohne  Bedenken  die  Lip- 
pen  und  lieB  ihn  etwas  hart  mit  folgenden  leisen  Invektiven  an, 
die  ich,  wiewohl  innerlich,  heraussagte:  »Der  formlose  Former 


GESCHICHTE  MEINER  VORREDE  29 

vor  mir  achtet  am  ganzen  Universum  nichts,  als  dafi  es  ihm  sitzen 
kann  -  er  wtirde  wie  Parrhasius  und  jener  Italiener  Menschen  fol- 
tern,  um  nach  den  Studien  und  Vorrissen  ihres  Schmerzes  einen 
Prometheus  und  eine  Kreuzigung  zu  malen  -  der  Tod  einesSohn- 
chens  ist  ihm  nicht  unerwiinscht,  weil  die  Asche  des  Kleinen  in  der 
Rolle  einer  Elektra  einem  Polus  weiter  hilft  als  drei  Komodien- 
proben  -  das  unzahlige  Landvolk  ist  doch  von  einigem  Nutzen  in 
landlichen  Gedichten  und  selber  in  komischen  Opern,  wie  die 
Schafereien  genug  abwerfen  fur  Idyllenmacher  -  der  Eustathius 
10  Nero  illustriert  mit  dem  flammenden  Rom  schone  homerische 
Schildereien,  und  der  General  Orlow  hilft  den  Bataillen-  und  See- 
malern  mit  den  notigen  Akademien  aus,  mit  Schlachtfeldern  und 
aufgesprengten  SchifTen.«  - 

Das  hole  der  Teufel. 

Laut  indessen  sagt'  ich  aus  Verachtung  wenig  mehr  zum  Kunst- 
rat.  Ich  eilte  Berneck  zu,  wo  die  fliegende  Bienenkonigin  im  Vis-a- 
vis wenigstens  vorder  Suppenschiissel  halten  muBte,  Ich  wiinschte 
von  Herzen,  ein  oder  zwei  Wagenrader  fingen  an  zu  rauchen 
und  sie  mtiBte  halten,  um  schwarze  Waldschnecken  einzufangen 

20  und  damit  in  Ermangelung  alles  Teers  die  Nabe  einzuolen.  Mein 
kunftiger  Rezensent  wurde  sehr  matt  und  hungrig  und  wo  lite, 
da  es  ihm  mehr  an  Gelenkschmiere  als  an  Magensaft  fehlt,  die 
peri  pate  tischen  Bewegungen  mit  peristaltischen  vertauschen ;  aber 
ich  war  nicht  still  zu  halten,  und  er  folgte  mit  seinem  Hunger  hin- 
tennach :  »Sein  Sie  froh,«  sagt*  ich,  »daB  Sie  jetzt  zwei  Zustande, 
die  der  Maler  und  der  Dichter  schwer  oder  gar  nicht  aus  sich 
mitzuteilen  wissen,  lebendig  fuhlen  -  Hunger  und  Miidigkeit.  - 
Sooft  ich  einen  Bauermann  mit  einem  ganzen  Hemde  sehe  (dort 
felget  einer),  so  ist  er  mir  ein  Anstofi ;  ich  berechne,  wie  lang  es 

30  noch  dauert,  bis  das  Hemd  unter  den  Hadernschneider  taugt  und 
zu  Konzeptpapier,  an  das  ein  Gelehrter  den  Laich  seiner  Ideen 
streicht.«  Da  er  meine  Satire  verstand,  so  ging  sie  gar  nicht  auf 
ihn:  denn  Satiren  und  Todesanzeichen  gehen  nur  auf  den,  der 
nichts  von  beiden  innen  wird. 


30  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Meine  Gleichgultigkeit  gegen  den  Kunstrat  setzte  mich  in  den 
Stand,  vor  ihm  herzugehen  und  auBer  der  Reise  die  Vorrede  zur 
zweiten  Aufjage  in  meiner  Schreibtafel  fortzusetzen  und  einzu- 
schreiben. 

Fortgeset^te  Vorrede  ^ur  iweiten  Auf  [age1 

»Und  allerdings  hat  Kant  das  seltne  Gliick,  auf  einer  Biihne  zu 
agieren,  der  es  nicht  an  einer  Einfassung  und  Mauer  von  Kopfen 
fehlt,  aus  denen  seine  Laute  heller  und  resonierend  zuriickschla- 
gen,  so  wie  die  Alten  in  ihre  Theater  leere  Topfe  versteckten,  die 
der  Stimme  der  Schauspieler  rait  Resonanzen  nachhalfen.2  Ein  10 
Autor,  der  Gedanken  hat,  verfalschet  haufig  damit  fremde,  die  er 
verbreiten  soil,  und  gesetzt,  er  schwiire,  wie  in  den  altern  Zeiten 
die  Biicherabschreiber  wirklich  schworen  muBten,  rein  und  red- 
lich  abzuschreiben:  so  wiirde  er  doch  immer  sehr  vom  leeren 
Kopfe  verschieden  bleiben,  dessen  obere  toricellische  Leere  wie 
in  der  Physik  der  beste  Leker  der  Funken  ist.  —  Hingegen  im 
System  selbst  muB  man  die  Liicken,  worin  keine.Wahrheiten  sind, 
durch  die  Gewander  derselben,  durch  lange  neue  Termen,  ab- 
wenden,  wie  denkende  Maler  durch  Draperie  ihren  leeren  Raum. - 

Etwas  anders  ist  es  mit  der  Moral,  worin  wie  in  der  Medizin  20 
der  Theorist  sich  ganz  vom  Empiriker  trennt.  Wie  in  dem  alten 
Theater  der  eine  Akteur  den  Gesang  hatte  und  der  andere  die  kor- 
perliche  Aktion  dazu  machte  und  wie  die  Kunst  eben  durch  diese 
Teilung  hoher  stieg,  so  kann  es  in  der  schweren  Kunst  der  Tu- 
gend  nicht  eher  zu  etwas  getrieben  werden,  als  bis  (wie  jetzt  hau- 
figer  geschieht)  die  Theorie  und  die  Praxis  gesondert  werden, 
und  der  eine  sich  auf  das  Reden  iiber  die  Tugend  einschrankt, 
indes  der  andere  die  dazu  gehorigen  Hqndlungen  versucht.« 
Die  Fortsetzung  der  Vorrede  folgt. 

Denn  nun  sanken  wir  in  das  griinende  Tempe  von  Berneck  30 
hinein,  und  ich  sperrte  die  Schreibtafel  zu :  sonst  hatt*  ich  ohne 

1  Man  schiage  allemal  zur  fruhern  Fortsetzung  zuriick,  um  den  Zusarn- 
menhang  zu  nnden. 

2  Winkelmarins  Anmerk.  iiber  d.  Baukunst.  K.  1.  S.  10. 


GESCHICHTE  MEINER  VORREDE  31 

Grobheit  weiter  darin  schreiben  konnen,  weil  es  ja  so  viel  war,  als 
sprach'  ich  mit  dem  Kunstrat  selber,  da  ich  ihn  darin  meinte. 

Der  Kron-,  der  Elias-  und  der  Sonnenwagen  hielt  vor  der  Post, 
und  die  Direktrice  meines  Wegs  stieg  heraus.  Ich  sprang  an  - 
wer  hatt'  es  gedacht  (ich  wohl  am  wenigsten),  daB  es  nichts  ge- 
ringers  war  als  eine  Primadonna,  die  schon  einmal  in  einer  von 
meinen  Vorreden1  agierend  aufgetreten  war,  namlich  die  gute,die 
Hebe,  bekannte  -  Pauline,  des  sel.  Hauptmanns  und  Kaufherrns 
Oehrmann  nachgelassene  Tochter. 

10  Ich  ward  ordentlich  ein  Kind  vor  Freuden,  wie  alle  Bernecker 
wissen.  »Herr  Jean  Paul,  wie  kommen  wir  da  zusammen  ?«  sagte 
die  MiB,  deren  Angesicht  jetzt  im  Brautstand  ein  hoheres  Rot  als 
im  Laden  hatte,  gleichsam  die  rote  Soldatenbinde  des  nahen 
Ehedienstes,  die  Band-  und  Vorsteckrose  auf  dem  ehelichen  Bande. 
Fraischdorfer  sott  sich  gleichfalls  rot  zu  einem  warmen  Krebs: 
er  horte  nun,  ich  sei  wirklich  der  Autor  selber,  den  er  auf  dem 
StraBendamm  rezensiert  hatte,  Er  sagte,  es  sei  nur  ein  Gliick  fur 
die  Kunst,  daB  ich  bloB  in  der  Wirklichkeit,  und  in  keinem  Druck 
gelogen  hatte,  wo  mehr  daran  gelegen  ware,  den  Charakter  des 

20  wahrhaften  Mannes  durchzusetzen  und  zu  halten.  In  drei  Terzien 
war  er  weg  wie  Mai-Schnee.  Er  wird  mirs  aber  gedenken  und  sich 
wenigstens  in  den  Busch  und  Jagerschirm  der  allgemeinen  deut- 
schen  Bibliothek  stellen  und  daraus  mit  Windbiichsen  nach  sei- 
nem  Reisegefahrten  schieBen.  Ich  hielt  es  daher  fur  no  tig,  dem 
Publikum  schon  vorher  davon  Nachricht  zu  geben :  es  ist  nun  auf 
jeden  Pfeil  seiner  Armbrust  (wie  nach  Montesquieu  die  Tatarn 
tun  muBten)  der  Name  geschrieben,  der  Schutze  heiBet  Fraisch- 
dorfer. Es  ist  im  ganzen  ein  Mann  von  Betracht  und  gut  genug,  er 
besieht  die  bambergischen  Kriegstroublen  und  macht  sich,  wie 

30  ich  an  seinen  Fingern2  sah,  seine  notigen  deutlichen  Begriffe  und 
noch  spitzige  Einfalle  dabei,  und  wir  schatzen  einander.  -  Ich  will 
einen  davon  hereinsetzen,  der  zugleich  ein  Beweis  sein  mag,  wie 
gern  ich  seinen  Lorbeer  aussae :  »Die  Feile,«  sagte  der  lose  Kunst- 

1  in  der  zum  Siebenkas. 

8  Nach  Buffon  geben  die  zerteilten  Zehen  uns  deutliche  Begriffe,  und  da- 
her ist  der  ungegliederte  Fisch  so  dumm. 


32  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

rat,  »welche  die  Autoren  ihren  Werken  zu  geben  unterlassen, 
brauchen  ihre  Verleger  fleiBig  an  den  Goldstiicken,  die  sie  ihnen 
dafur  zahlen.«  Recht  gut  turniert!  - 

Ich  dmierte  froh  mit  der  Jungfer  Braut,  deren  kiinftiger  Ehe- 
mann  und  Ehe-Peischwa  oder  Ehe-Bey  und  maitre  des  plaisirs 
niemand  wird  als  der  uns  alien  recht  gut  bekannte  Herr  Gericht- 
halter  Weyerman.1  Ich  lass*  es  zu,  ich  suchte  die  Braut  mehr,  als 
daB  ich  sie  floh,  und  glich  mehr  dem  weisen  Ulysses,  der  sich  mit 
ofThen  Ohren  an  den  Mastbaum  schniiren  lieB  und  sie  dem  Sire- 
nengesange  gelassen  schenkte,  als  seinen  Begleitern,  die  ihre  mit  10 
Wachs  wie  hohle  Stockzahne  plombierten.  Aber  sie  war  auch  das 
leuchtende  Christuskind,  das  die  fatale  Correggios-Nacht,  die  der 
Kunstrat  in  mein  Herz  gemalet  hatte,  mit  dem  schonsten  Wider- 
schein  versilberte :  sie  war  doch  unschuldig  und  gut  und  weich 
und  ohne  die  poetischen  Harten  der  Empfindelei,  und  die  vielen 
scharfen  zweischneidigen  Leiden  bei  ihrem  Vater  hatten  ihrem 
Herzen  mehr  gegeben  als  ihrem  Kopfe  genommen;  sie  duftete 
gleich  dem  Rosenholz  auf  der  scharfen  Drechselbank  des  Un- 
glxicks  so  suB  wie  Rosen  selber.  Ihr  knausernder  Vater  hatt*  ihr 
freilich  nur  die  Vorgrunds-Kultur,  die  auBere  oder  korperliche,  20 
namlich  vornehme  Kleidung,  aber  nicht  vornehme  Bildung  ver- 
stattet  (die  gute  Gerichthalter  abends  gratis  in  biographischen 
Berichten  anboten),  und  sie  glich  den  meisten  Madchen  um  mich 
her,  an  denen  wie  in  Wien  die  Vorstadte  modern  sind,  die  innere 
Stadt  selber  aber  mit  alien  ihren  Vierteln  verdammt  altvaterisch. 
Indes  hatten  ich  und  sie  doch  wie  alle  Freunde  -  und  wie  alle  zu- 
sammengewachsene  Menschen  nach  Haller  -  nur  ein  Herz,  ob- 
wohl  zwei  Kopfe.  Das  tut  denn  vieles. 

Wir  fuhren  spat  ab,  und  ich  saB  ihr  im  Vis-a-vis  -  vis-a-vis. 
Hinter  unsern  griinen  Bergen  lag  die  Wuste  der  Kinder  Israel  und  30 
vor  uns  das  gelobte  Land  der  sanften  Baireuther  Ebene.  Ich  und 
die  Sonne  sahen  Paulinen  immerfort  ins  Angesicht  und  mit  glei- 
cher  Warme,  und  mich  riihrte  endlich  die  kleine  stille  Gestalt. 
Woher  kam  das?  Nicht  bloB  daher,  weil  ich  iiber  das  gewohn- 
liche  herrnhutische  Ehe-Loseziehen  der  Madchen  nachsann,  die 

1  Siebenkas,  Tl.  1. 


GESCHICHTE   MEINER   VORREDE  33 

in  gewissen  Jahren  groBere  Gefiihle  als  Kenntnisse  und  im  leeren 
Herzen  ein  anonymes  Opfer-Feuer  ohne  Gegenstand  haben  -  wie 
im  jungfraulichen  Tempel  der  Vesta  kein  Gotterbild,  sondern  nur 
Feuer  war  -  und  die  dann  an  die  erste  beste  Erscheinung  von 
Maschinengott  ihren  Altar  hinschieben;  -  auch  nicht  davon  bloB 
kam  meine  Riihrung,  daB  sie  nun,  wie  ihre  meisten  Schwestern, 
gleich  weichen  Beeren,  von  der  harten  Manneshand  zugleich  ab- 
gerissen  und  zerdrucket  werde;  -  oder  daB  ihr  weiblicher  Friih- 
ling  so  viele  Wolken  und  so  wenige  Tage  und  Blumen  hatte  und 

10  daB  ich  sie  wie  mehre  Braute  mit  dem  schlafenden  Kinde  verglkh, 
das  Garofalo  mit  einem  Engel,  der  eine  Dornenkrone  daruber- 
halt,  gemalet,  auf  das  aber,  wenn  es  die  Ehe  weckt,  der  Engel  die 
Krone  herunterdriickt:  -  Sondern  das  machte  meine  Seele  weich, 
daB  ich,  sooft  ich  dieses  freundlkhe  rot-  und  weiBbluhende  zu- 
friedene  Gesicht  ansah,  es  gleichsam  innerlich  anreden  muBte:  »0 
sei  nicht  so  frohlich,  armes  Opferl  Du  weiBt  nicht,  daB  dein  scho- 
nes  Herz  etwas  Besseres  und  Warmeres  braucht  als  Blut  und  dein 
Kopf  hohere  Traume,  als  die  das  Kopfkissen  beschert  -  daB  die 
duftenden  Blumenblatter  deiner  Jugend  sich  nun  zu  geruchlosen 

20  Kelchbldttern1  zusammenziehen,  zum  HoniggefaBe  fur  den  Mann, 
der  jetzt  bald  von  dir  weder  ein  weiches  Herz  noch  einen  lichten 
Kopf,  sondern  nur  rohe  Arbeitiinger,  LauferfiiBe,  SchweiBtrop- 
fen,  wunde  Arme  und  bloB  eine  ruhende  paralytische  Zunge  for- 
dern  wird.  Dieses  ganze  weite  Sprachgewolbe  des  Ewigen,  die 
blaue  Rotunda  des  Universums  verschrumpft  zu  deinem  Wirt- 
schaftgebaude,  zur  Speck-  und  Holzkammer  und  zum  Spinnhaus, 
und  an  glucklichern  Tagen  zur  Visitenstube  -  die  Sonne  wird  fur 
dich  ein  herunterhangender  ■  Ballonofen  und  Stubenheizer  der 
Welt,  und  der  Mond  eine  Schusters-Nachtkugel  auf  dem  Licht- 

30  halter  einer  Wolke  -  der  Rhein  trocknet  in  dir  zur  Schwemme 
und  zum  Schwenkkessel  deines  WeiBzeugs  ein  und  der  Ozean 
zum  Herings-Teich  -  du  haltst  in  der  groBen  Lese-Gesellschaft 
aller  Zeitschriften  den  jahrlichen  Kalender  mit  und  kannsrwegen 
deines  kosmologischen  Nexus  kaum  vor  Neugier  die  politische 
Zeitung  erwarten,  um  in  ihrem  angebognen  Intelligenzblatt  den 
1  Wie  verschiedene  Blumen  tun,  z.  B.  die  Ahrennelke. 


34  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Torzettel  unbekannter  Herren  nachzulesen,  die  in  den  drei  Periik- 
ken  logieret  haben,  und  ein  Universalgenie  stellest  du  dir  um  nicht 

viel,  aber  um  etwas  gescheuter  vor  als  deinen  Eheherrn. Du 

bist  zu  etwas  Besserem  geschafFen,  aber  du  wirst  es  nicht  werden 
(wofur  dein  armer  Weyermann  nichts  kann,  dem  es  der  Staat 
selber  nicht  besser  macht).  Und  so  wird  der  Tod  deine  von  den 
Jahren  entblatterte  Seele  voll  eingedorrter  Knospen  antreffen,  und 
er  erst  wird  sie  unter  einen  gunstigern  Himmelstrich  verpflanzen.u1 
—  Warum  sollte  mich  das  nicht  betriiben?  Sen*  ichs  nicht  jede 
Woche,  wie  man  Seelen  opfert,  sobald  sie  nur  einen  weiblichen  10 
Korper  umhaben  ?  Wenn  dann  nun  die  reichste  beste  Seele  unter 
der  Morgenrote  des  Lebens  mit  dem  unerwiderten  Herzen,  mit 
versagten  Wiinschen,  mit  den  ungesattigten  verschmahten  An- 
lagen  eingesenket  wird  ins  ubermauerte  Burgverlies  der  Ehe  - 
wobei  sie  freilich  besonders  von  Gliick  zu  sagen  hat,  wenn  das 
Verlies  keine  tausendschneidige  Oubliette  oderwenn  gar  derMann 
ein  sanfter  Kanker  ist,  den  die  Bastille-Gefangne  zahmen  kann  -: 
so  fuhlt  sich  die  Arme  ungemein  wohl  dabei  -  die  goldnen  Luft- 
und  Zauberschlosser  der  fruhern  Jahre  erblassen  bald  und  zer- 
fallen  unvermerkt  -  ihre  Sonne  schleicht  ungesehen  uber  ihren  20 
bewolkten  und  unterirdischen  Lebenstag  von  einem  Grade  zum 
andern,  und  unter  Schmerzen  und  Pflichten  kommt  die  Dunkle 
an  dem  Abend  ihres  kleinen  Daseins  an  -  und  sie  hat  es  nie  erfah- 
ren,  wessen  sie  wiirdig  war,  und  im  Alter  hat  sie  alles  vergessen, 
was  sie  sonst  in  der  Morgenrote  etwan  haben  wollte:  nur  zuwei- 
len  in  einer  Stunde,  wo  ein  ausgegrabenes  altes  Gotterbild  eines 
sonst  angebeteten  Herzens  oder  eine  wehmutige  Musik  oder  ein 
Buch  auf  den  Winterschlaf  des  Herzens  einigen  warmen  Sonnen- 
schein  werfen,  da  regt  sie  sich  und  blickt  beklommen  und  schlaf- 

1  Unter  der  Bildung,  die  man  den  Tochtern  »burgerlicher  Herkunft«  so  30 
grausam  entzieht  und  bei  der  Hermes  und  Campe  nicht  einsehen,  wie  sie 
nachher  noch  die  Heloten  fur  uns  Sparter  bleiben  konnen,  versteh*  ich  nicht 
elende  franzosische  oder  musikalische  Klimperei,  sondern  alles,  was  aus  der 
Naturgeschichte,  Physik,  Philosophic,  Geschichte,  aus  den  schonen  Kiin- 
sten  und  Wissenschaften  und  aus  der  Sternkunde  fur  den  ewigen  Menschen 
und  nicht  fur  den  Virtuosen  gehdrt.  Ich  lasse  uber  diese  Materie  ein  Werk 
aus  meiner  Feder  hoffen. 


GESCHICHTE  MEINER  VORREDE  35 

"  trunken  umher  und  sagt:  »Sonst  war  es  ja  anders  um  mich  her  - 
es  ist  aber  wohl  schon  lange,  und  ich  glaub*  auch,  ich  habe  mich 
damals  geirrt.«  Und  dann  schlaft  sie  ruhig  wieder  ein.  . . . 

Wahrlich,  ihr  Eltern  und  Manner,  ich  stelle  dieses  qualende  Ge- 
malde  nicht  auf,  damit  es  der  wunden  Seele,  der  es  gleicht,  eine 
Trane  mehr  abpresse,  sondern  euch  zeig'  ich  die  gemalten  Wun- 
den, damit  ihr  die  wahren  heilt  und  euere  Marterinstrumente  weg- 
werft. 

Wie  mir  jetzt  ist,  und  aus  demselben  Grunde,  so  war  mir  auch 

10  im  Vis-a-vis  -  die  hinabziehende  Sonne  und  die  s&hone  geduldige 
Gestalt  vor  mir  und  am  meisten  meine  vorigen  Dissonanzen,  mit 
denen  ich  mich  vor  dem  Kunstrat  horen  lassen,  loseten  mich  und 
sich  in  diesen  Mollton  auf.  Kurz  nach  der  Lykanthropie1  ist  man 
ein  wahres  Gottes-Lamm;  nach  einer  Siinde  (sagt  Lavater)  ist 
man  am  frommsten;  -  daher  solche  Heiligen,  denen  um  eine  aus- 
gezeichnete  Frommigkeit  in  jenem  Leben  zu  tun  ist,  sich  auf  rechte 
Siinden  in  diesem  legen.  Ich  schlug  vor  der  Braut  ganz  in  Zitro- 
nenbliiten  der  Dichtkunst  aus  -  so  wie  ich  vorher  eine  Salzsaule 
aus  satirischem  Zitronensalz  gewesen  war,  welches  beilaufig  ein 

20  neuerBeweis  ist,  daB  Rezensenten  nie  ihren  Namen  sagen  undnie 
anders  als  im  Dunkeln  hantieren  sollten,  weil  man  sonst  keinen 
Respekt  fur  sie  zeigt,  so  wie  auch  Minervens  Wappentier,  die 
Nachteule,  in  der  Nacht  ohne  Schande  wiirgt  und  fliegt,  am  Tage 
aber  als  ein  seltsamer  narrischer  Abortus  der  Natur  unter  das  zu- 
fliegende  neckende  Gevogel  einriickt.  Um  wieder  zuriickzukom- 
men :  der  Mensch  auf  seiner  Reise  zum  uberirdischen  Paradies 
und  ich  auf  meiner  ins  baireuthische  und  die  Menschheit  auf  ihrer 
langen  zum  Jiingsten  Tage  werden  wie  die  braunschweigische 
Mumme  unter  dem  Verfahren  mehr  als  einmal  sauer;  aber  herr- 

30  lich  und  suB  kommen  wir  alle  und  die  Mumme  an:  ich  meine,  ich 
erzahlte  schon  nach  einer  halben  Stunde  hinter  Berneck  Paulinen 
das  MuBteil  im  Quintus  Fixlein. 

Mir  war,  als  ob  es  gar  keine  Vorberichte  zu  zweiten  Auflagen 

mehr  gabe  in  der  Welt Ach  du  weiche  Braut !  ich  wollte  dich 

sehr  riihren  durch  Erzahlen,  aber  du  riihrtest  mich  noch  mehr 
1  Lykanthropen  sind  Menschen,  die  sich  in  Wolfe  umzaubern. 


36  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

durch  Zuhoren.  Es  muB  iiberhaupt  noch  mehre  Paulinen  und  Jean 
Pauls  in  Deutschland  geben:  sonst  ware  gegenwartige  zweite  Auf- 
lage  gar  nicht  zu  machen  gewesen,  wofur  ich  bei  dieser  Gelegen- 
heit  meihen  warmsten  Dank  abstatte  -  aber  gar  nicht  den  pauli- 
nischen  Lesern,  denn  meinetwegen  haben  sie  nichts  getan,  und 
ich  hatte  wenig  davon,  vielmehr  war  ich,  indem  sie  alle  vor  mir 
meine  Sachen  auf  dem  SchoBe  hatten  und  lasen,  der  einzige,  der 
nichts  darauf  hatte,  wie  in  Nordamerika  unter  den  Gasten  eines 
Schmauses  bloB  der  Gastgeber  keinen  Bissen  anruhrt,  -  sondern 
ich  statte  den  besagten  Dank  dem  Schicksal  ab,  und  zwar  dafur,  10 
daB  es  die  Menschen  nicht  einander  gleich  gemacht  (sonst  stiirben 
wir  alle  vor  Langweile)  noch  undhnlick  (sonst  konnte  keiner  den 
andern  ertragen  und  fassen),  sondern  recht  d/inlich,  so  daB  ich 
gleichsam  fur  den  einen  runden  Stock  der  spartischen  Skytale  zu 
nehmen  bin,  um  den  der  groBe  Genius  beschriebene  Blatter  wik- 
kelt,  und  der  Leser  fiir  den  zweiten,  an  dem  die  Blatter,  weil  er 
ebenso  gehobelt  ist,  geradeso  aufzuwickeln  und  abzulesen  sind 
wie  an  mir  selber. 

Ich  war  jetzt,  da  ich  und  die  Braut  eben  nicht  so  gar  weit  gen 
Bindloch  hatten,  wo  ich  absteigen  wollte,  weil  ichs  fur  unschick-  20 
lich  hielt,  mit  der  Verlobten  starr  und  aufrecht  unter  das  Baireu- 
ther  Tor  zu  fahren  und  noch  obendrein  mich  als  einpassierend  in 
das  Intelligenzblatt  gedruckt  niederzulassen,  ich  war  jetzt,  sag* 
ich,  eben  deswegen  viel  zu  betrubt,  besonders  vor  dem  wehenden 
Rauschgolde  des  Abends  und  unter  den  Abendliedern  der  freien 
Volieren  uber  mir  und  so  nahe  am  Verlust  der  weinenden  Braut, 
zu  betrubt,  sagt*  ich,  um  bis  Bindloch  etwan  den  Quintus  Fixlein 
nach  der  ersten  oder  zweiten  Auf lage  zu  referieren :  ich  konnte 
unmoglich. 

Ich  holte  aber  meine  Schreibtafel  heraus  und  setzte  etwas  auf.  3° 
Man  sehe  etwan  keiner  fortgesetzten  Vorrede  zur  zweiten  Auf  lage 
entgegen :  »Ich  beschaftige  mich  hier  mit  einer  Grabschrift,  Gute !« 
sagt'  ich  zu  ihr.  Sie  hatte  von  ihrem  sel.  Vater  und  dessen  mann- 
lichen  Gasten  Langweile  und  Vernachlassigung  schon  gewohnt: 
also  vergab  sie  leicht  mein  Schreiben;  allein  es  war  ja  eben  etwas 
Riihrendes  fur  sie,  und  ich  wollt'  ihrs  in  Bindloch  vorlesen.  Auch 


GESCHICHTE  MEINER  VORREDE  37 

dem  Leser  wird  die  Grabschrift  am  Schlusse  dieser  Geschichte, 
urn  ihn  fur  den  entzognen,  nun  unmoglichen  Schlufi  der  Vorrede 
zu  entschadigen,  mit  geringen  und  passenden  Anderungen  zuge- 
wandt.  Ich  schrieb  und  schrieb,  und  meine  Augen  wurden  dunkel, 
weil  ich  die  tiefe  Sonne  auf  dem  Riicken  und  iiberhaupt  weniger 
Licht  als  Wasser  in  den  Augen  hatte.  Du  gute  Seele!  du  wuBtest 
nicht,  warum  meine  tropften,  und  doch  gingen  dir  auch  deine 
iiber!  -  Als  wir  den  ausgestreckten  Bindlocher  Berg  hinunter- 
fuhren :  nahm  die  Vertiefung  uns  die  vor  Freude  wallende  Sonne; 

10  aberwie  beieinerVersteigerung  in  Bremen  oderLauenburgwurde 
uns  durch  das  Ausloschen  des  Lichts  gleichsam  der  ganze  von 
Silber-Sonnen  starrende  Nachthimmel  zugeschlagen  mit  dem 
Auktion-  und  Glockenhammer  von  7  Uhr. 

Die  Welt  ruhte  -  auf  dem  Berg  sproBte  der  Mond  wie  eine 
geschlossene  Lilienglocke  heraus  -  mein,  Aufsatz  war  fertig  -  wir 
waren  den  schnellen  Berg  herab  -  und  ich  sagte  zur  Braut,  ich 
sprange  herab  und  wiird'  ihr  drauBen  etwas  vorlesen,  wenn  sie 
mit  abstiege,  weil  ich  drinnen  erst  das  WagengeroIIe  iiberschreien 
muBte. 

20  Wir  stiegen  beide  unten  aus  unweit  einer  alten  Saule,  vor  der 
ich  nie  ohne  einen  Seufzer  iiber  den  -rauhen  Druck,  womit  die 
harten  Riesenhande  des  Schicksals  uns  weiche  Raupen  und  Gul- 
liver ergreifen  und  tragen,  vorbeigegangen  bin ;  diese  Riesenhande 
schienen  heute  die  Saule  wie  eine  Hermes-  und  Gedachtnissaule 
hingestellt  zu  haben  fur  das  schwache  Gedachtnis  des  Menschen- 
herzens.  Pauline  wufite  von  nichts;  aber  ich.fuhrte  sie  an  den  un- 
scheinbaren  Pilaster  und  erklarte  ihr  -  indem  ich  ihrs  vorher 
zeigte  -,  was  die  verwitterte  briichige  weibliche  Gestalt,  iiber  die 
ein  Wagen  geht,  auf  der  elenden  erhobenen  Arbeit  des  Pilasters 

30  bedeute.  Die  umliegenden  Dorfschaften  berichten  namlich,  daB 
einmal  eine  Braut,  die  auf  dem  Kammerwagen  von  dem  sonst 
steilern  Bindlocher  Berg  den  Armen  ihres  Brautigams  unter  einem 
Gewitter  mit  scheugewordenen  Pferden  entgegenfuhr,  unter  die 
Rader  gestiirzt  und  vor  seinen  gemarterten  Augen  den  getausch- 
ten  hoffenden  Geist  aufgegeben  habe.  Pauline  konnte  schwerlich, 
zumal  da  der  Mond  hinter  dem  Abendrauche  dammerte,  die  ver- 


38  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

waschene  Skulptur  dieses  veralteten  Jammers  mehr  lesen;  aber 
ihr  getroffnes  weiches  Herz  goB,  besonders  so  nahe  an  der  ahn- 
lichen  Lage,  gern  das  Abendopfer  einer  fortrinnenden  Trane  uber 
die  unbekannte  zerstorte  Schwester  nieder,  deren  gebrochenes 
Gebein  nun  schon  als  Staub  -  vielleicht  aus  dem  Staubbeutel  einer 
Blume-  umhenrret,  indes  der  Geist,  der  es  sonst  bewegte,  auf  der 
ewigen  BergstraBe  durch  die  Zeit  den  auffliegenden  Staub,  den  er 
einmal  machte  und  zuriicklieB,  kaum  mehr,  wenn  er  sich  umsieht, 
wird  bemerken  konnen.  Und  hier  neben  der  Siegessaule  der  Mar- 
ter  und  unter  dem  groBen  Himmel  der  Nacht  gab  ich  Paulinen  die  10 
kleine  Dichtung,  die  ich  hier  den  Herzen  aller  ihrer  Schwestern 
bringe. 

Die  Mondfinsternis 

Auf  den  Lilienfluren  des  Mondes  wohnet  die  Mutter  der  Men- 
schen  mit  alien  ihren  zahllosen  Tochtern  in  stiller  ewiger  Liebe. 
Das  Himmelblau,  das  nur  fern  uber  der  Erde  flatten,  ruht  dort 
hereinge sunken  auf  dem  Auenschnee  aus  Blumenstaub  -  keine 
frostige  Wolke  tragt  einen  verkleinerten  Abend  durch  den  klaren 
Ather  -  kein  HaB  zerfrisset  die  milden  Seelen  -  wie  sich  die  Re- 
genbogen  eines  Wasserfalls  durchschlingen,  so  windet  die  Liebe  20 
und  die  Ruhe  alle  Umarmungen  in  eine  zusammen  -  und  wenn 
in  ihrer  stillen  Nacht  die  Erde  ausgebreitet  und  glanzend  unter 
den  Sternen  hangt,  so  blicken  die  Seelen,  die  auf  ihr  gelitten  und 
genossen  haben,  nur  mit  siiBefn  Sehnen  und  Erinnern  auf  die  ver- 
Iassene  Insel  hin,  wo  noch  Geliebte  wohnen  und  die  weggelegten 
Korper  ruhen,  und  wenn  dann  die  einschlafernde  schwere  Erde 
blendend  naher  an  die  zusinkenden  Augen  tritt,  so  ziehen  die 
vorigen  Friihlinge  der  Erde  in  glanzenden  Traumen  voriiber, 
und  wenn  das  Auge  erwacht,  hangt  es  voll  Morgentau  der  Freu-* 
den-Tranen.  30 

Aber  dann,  wenn  der  Schattenzeiger  der  Ewigkeit  auf  einneues 
Jahrhundert  zeigt,  dann  schlagt  der  Blitz  eines  heiBen  Schmerzes 
durch  die  Brust  der  Mutter  der  Menschen:  denn  die  geliebten 
Tochter,  die  noch  nicht  auf  der  Erde  waren,  ziehen  aus  demMond 
in  ihre  Korper,  sobald  die  Erde  sie  mit  ihrem  kalten  Erdschatten 


GESCHICHTE  MEINER  VORREDE  39 

beriihrt  und  betaubt,  und  die  Mutter  der  Menschen  sieht  sie  wei- 
nend  gehen,  weil  nicht  alle,  nur  die  unbefleckten  zu  ihr  aus  der 
Erde  wiederkehren  in  den  reinen  Mond.  So  nimmt  ein  Jahrhun- 
dert  um  das  andere  der  verarmenden  Mutter  die  Kinder,  und  sie 
zittert,  wenn  sie  am  Tage  unsere  raubende  Kugel  als  eine  breite 
feste  Wolke  nahe  an  der  Sonne  erblickt. 

Der  Zeiger  der  Ewigkeit  nahete  dem  achtzehnten  Jahrhundert 
-  und  die  Erde  voll  Nacht  zog  gegen  die  Sonne  -  die  Mutter 
driickte  schon  heiB  und  beklommen  alle  Tochter  ans  He.rz,  die 

io  noch  nicht  den  Flor  des  Korpers  getragen  hatten,  und  flehte  wei- 
nend :  »0  sinket  nicht,  ihr  Teuern,  bleibet  engelrein  und  kehret 
wieder!«-  Jetzt  stand  der  Riesen-Schatte  am  Jahrhundert  und  die 
dunkle  Erde  uber  der  ganzen  Sonne  -  ein  Donner  schlug  die 
Stunde  —  am  flnstern  Himmel  hing  ein  durchgluhtes  Kometen- 
schwert  herab  -  die  MilchstraBe  wurde  erschiittert,  und  eine  Srim- 
me  rief  aus  ihr:  »Erscheine,  Versucher  der  Menschen !« 

Jedem  Jahrhundert  sendet  der  Unendliche  einen  bosen  Genius 
zu,  der  es  versuche.  -  Fern  vom  kleinen  Auge  steht  der  gestirnte, 
die  Ewigkeiten  umziehende  Plan  des  Unendlichen  im  Himmel  als 

20  ein  unauflosllcher  Nebelfleck.1 

Als  der  Versucher  gerufen  wurde,  bebte  die  Mutter  mit  alien 
ihren  Kindern,  und  die  weichen  Seelen  weinten  alle,  auch  die  ver- 
klarten,  die  hienieden  schon  gewesen  waren.  Nun  baumte  sich 
ungeheuer  mit  dem  Erdschatten  eine  Riesenschlange  auf  der  Erde 
auf  und  reichte  an  den  Mond  und  sagte:»Ich  will  euch  verfuhren.« 
Es  war  der  bose  Genius  des  achtzehnten  Jahrhunderts.  DieLilien- 
glocken  des  Mondes  biickten  sich  welk  und  zusammenfallend  - 
das  Kometenschwert  schwankte  hin  und  her, wie  ein  Richtschwert 
sich  selber  bewegt,  zum  Zeichen,  daB  es  richten  werde  -  die 

30  Schlange  bog  sich  mit  spielenden  seelenmorderischen  Augen,  mit 
blutrotem  Kamm,  mit  beleckten  durchbissenen  Lippen  und  mit 
geziickterZunge  ins  sanfteEden  herein,  derSchweif  zuckte  hung- 
rig  und  schadenfroh  in  einem  Grabe  der  Erde,  und  eine  Erd- 

1  Ein  unaufloslicher  Nebelfleck  ist  ein  ganzer  in  unendliche  Fernen  zu- 
riickgeworfener  Sternenhimmel,  worin  alle  Glaser  die  Sonnen  nicht  mehr 
zeigen. 


4<D  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

erschutterung  auf  unserer  Kugel  wirbelte  die  laufenden  Ringe  und 
die  bunten  giftigen  Safte  wie  ein  fliissiges  schillerndes  Gewitter 
herauf.  O,  es  war  der  schwarze  Genius,  der  langst  die  jammernde 
Mutter  verfuhret  hatte.  Sie  konnte  ihn  nicht  anschauen;  aber  die 
Schlange  fing  an :  »Kennst  du  die  Schlange  nicht,  Eva?  -  Ich  will 
deine  Tochter  verfuhren,  deine  weiBen  Schmetterlinge  will  ich 
auf  dem  Morast  versammeln.  Sehet,  Schwestern,  damitkoder'  ich 
euch  alle.«  -  (Und  hier  spiegelten  die  Vipernaugen  mannliche  Ge- 
stalten  nach,  die  bunten  Ringe  Eheringe  und  die  gelben  Schuppen 
Goldstucke.)  »Und  dafur  nehm'  ich  euch  den  Mond  und  die  Tu-  10 
gend  ab.  In  der  Schlinge  von  seidnen  Bandern  und  im  Spiegel- 
garn  von  Stoffen  fang'  ich  euch;  mit  meiner  roten  Krone  lock'  ich 
euch,  und  ihr  wollt  sie  tragen;  in  euerer  Brust  fang*  ich  an  zu 
reden  und  euch  zu  loben,  und  dann  kriech'  ich  in  eine  mannliche 
Kehle  und  fahre  fort  und  bestatige  es,  und  in  euere  Zunge  schieb' 
ich  meine  und  mache  sie  scharf  und  giftig.  —  Erst  wenn  es  euch 
iibel  geht  oder  kurz  vor  dem  Tode  tu*  ich  den  unnutzen  Gewis- 

sensbiB  recht  scharf  und  warm  ins  Herz. Nimm  ewigen  Ab- 

schied,  Eva;  was  ich  ihnen  hier  sage,  das  vergessen  sie  zum  Gluck, 
ehe  sie  geboren  werden.«  —  20 

Die  ungebornen  Seelen  verbargen  sich  zitternd  ineinander  vor 
dem  so  nahen  kalten  dampfenden  Giftbaum,  und  die  Seelen,  die 
rein  wie  Blumendiifte  wieder  aus  der  Erde  aufgestiegen  waren, 
umfasseten  sich  weinend  in  furchtsamer  Freude,  in  siiBem  Zittern 
vor  einer  uberwundenen  Vergangenheit.  Die  geliebteste  Tochter, 
Maria,  und  die  Mutter  aller  Menschen  hielten  einander  an  ihrem 
Herzen,  und  sie  knieten  in  der  Umarmung  nieder  und  hoben  die 
betenden  Augen  auf,  und  die  Tranen,  die  aus  ihnen  rannen,  fleh- 
ten:  »0,  Alliebender,  nimm  dich  ihrer  an!«  -  Und  siehe,  als  das 
Ungeheuer  die  diinne  lange,  wie  eine  Hummerschere  gespaltene  30 
Zunge  iiber  den  Mond  hinschoB  und  die  Lilien  entzweischnitt 
und,  wenn  es  einen  schwarzen  Mondfleck  gemacht  hatte,  sagte: 
»Ich  will  sie  verfiihren« :  siehe,  da  schlug  spruhend  hinter  der  Erde 
der  erste  Strahl  der  Sonne  herauf,  und  das  goldne  Licht  beschien 
die  Stirn  eines  hohen  schonen  JiingHngs,  der  ungesehen  unterden 
zitternden  Seelen  gewesen  war.  Eine  Lilie  deckte  sein  Herz,  und 


GESCHICHTE  MEINER  VORREDE  41 

ein  Lorbeerkranz  voll  Rosenknospen  grimte  an  seiner  Stirn,  und 
blau  wie  der  Himmel  war  sein  Gewand.  Er  blickte  im  milden 
Weinen  und  warm  in  Liebe  strahlend  auf  die  triiben  Seelen  nieder 
-  wie  die  Sonne  auf  einen  Regenbogen  -  und  sagte :  »Ich  will  euch 
beschiitzen.«  Es  war  der  Genius  der  Religion.  Die  wallende  Rie- 
senschlange  gerann  vor  ihm,  und  versteinert  stand  sie  auf  der  Erde 
und  am  Mond,  ein  Pulverturm  mit  stillem  schwarzem  Tod  gefiillt. 
Und  die  Sonne  warf  einen  groBern  Morgen  in  des  Jiinglings 
Angesicht,  und  er  hob  sein  Auge  groB  zu  den  Sternen  und  sagte 

10  zu  dem  Unendlichen:  »Vater,  ich  gehe  mit  meinen  Schwestern 
hinab  ins  Leben  und  beschirme  alle,  die  mich  dulden.  Bedecke  die 
atherische  Flamme  mit  einem  schonen  Tempel:  sie  soil  ihn  nicht 
entstellen  und  verwiisten.  Schmiicke  die  schone  Seele  mit  dem 
Laube  aus  Erdenreizen,  es  soil  ihre  Friichte  nur  beschirmen,  nicht 
verschatten.  Gib  ihr  ein  schones  Auge,  ich  will  es  bewegen  und 
begieBen ;  und  leg  in  die  Brust  ein  weiches  Herz :  es  soil  nicht  aus- 
einanderfallen,  eh'  es  fur  dich  und  die  Tugend  geschlagen.  Und 
unbefleckt  und  unzerriittet  will  ich  die  Blume,  in  eine  Frucht  ver- 
wandelt,  aus  der  Erde  wiederbringen,  Denn  auf  die  Berge  und 

20  auf  die  Sonne  und  unter  die  Sterne  will  ich  fliegen  und  sie  an  dich 
erinnern  und  an  die  Welt  iiber  der  Erde.  In  das  weiBe  Licht  dieses 
Monds  will  ich  die  Lilie  meiner  Brust  verwandeln  und  in  das 
Abendrot  der  Friihlingnacht  die  Rosenknospen  in  meinem  Kranz 
und  sie  an  ihren  Bruder  erinnern  -  in  den  Tonen  der  Musik  will 
ich  sie  rufen  und  von  deinem  Himmel  mit  ihr  reden  und  ihn  auf- 
tun  vor  dem  harmonischen  Herzen  -  mit  den  Armen  ihrer  Eltern 
will  ich  sie  an  mich  schlieBen,  und  in  die  Stimme  der  Dichtkunst 
will  ich  meine  verbergen  und  mit  derGestalt  ihres  Geliebten  meine 
verschonern  -  Ja  mit  dem  Gewitter  der  Leiden  will  ich  iiber  sie 

30  ziehen  und  den  leuchtenden  Regen  in  ihre  Augen  werfen  und  ihre 
Augen  nach  den  Hohen  und  nach  den  Verwandten  richten,  von 
denen  sie  kommt.  O  ihr  Geliebten,  die  ihr  eueren  Bruder  nicht 
verstoBet,  wenn  euch  nach  einer  schonen  Tat,  nach  einem  harten 
Sieg  ein  siiBes  Sehnen  euer  Herz  ausdehnt,  wenn  in  der  Sternen- 
nacht  und  vor  dem  Abendrot  euer  Auge  an  einer  unaussprech- 
lichen  Wonne  zergeht,  und  euer  ganzes  Wesen  sich  hebt  und  sich 


42  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

aufwarts  drangt  und  liebend  und  ruhig  und  unruhig  und  weinend 
und  schmachtend  die  Arme  ausbreitet:  dann  bin  ich  in  euern  Her- 
zen  und  geb*  euch  das  Zeichen,  da6  ich  euch  umarme  und  da6  ihr 
meine  Schwestern  seid.  -  Und  dann  nach  einem  kurzen  Traume 
und  Schlafe  brech*  ich  dem  Diamant  die  Rinde  ab  und  lass'  ihn 

als  lichten  Tau  in  die  Lilien  des  Mondes  fallen, O  zartliche 

Mutter  der  Menschen,  blicke  deine  geliebten  Kinder  nicht  so 
schmerzlich  an  und  scheide  froher,  du  verlierst  nur  wenige!«  — 

Die  Sonne  loderte  unbedeckt  vor  dem  Mond,  und  die  ungebor- 
nen  Seelen  zogen  auf  die  Erde,  und  der  Genius  der  Tugend  ging  10 
mit  ihnen  -  und  wie  sie  der  Erde  entgegenflogen,  dehnte  sich  ein 
melodisches  Floten  durch  das  Blau,  wie  wenn  Schwanen  uber  Win- 
ternachte  fliegen  und  in  den  Luften  Tone  statt  der  Wellen  lassen. 

Die  Riesenschlange  senkte  sich  im  weiten  Bogen  einer  gliihen- 
den  fliegenden  Bombe  und  endlich  gekriimmt  zum  ziindenden 
Pechkranz  auf  die  Erde  zuriick,  und  "wie  eine  hereingebogene 
Wasserhose  iiber  einem  Schiffe  zerbricht,  so  fiel  sie  uber  die  Erde 
und  flocht  sich,  in  tausend  Schlingen  und  Knoten  gerunzelt,  er- 
wurgend  und  fangend  durch  alle  Volker  der  Welt.  Und  das  Richt- 
schwert  zuckte  wieder,  aber  das  Nachtonen  des  durchflognen  20 
Athers  wahrte  langer.  - 

* 

Als  ich  geschlossen  hatte,  trocknete  Pauline  die  sanften  Augen, 
die  sich  unwillkurlich  gegen  den  hellern  Mond  und  seine  weiten 
Flecken  aufhoben.  Ich  schied  von  ihr  -  und  der  Wunsch,  den  ich 
hier  fur  alle  liebende  Schwestern  des  guten  Genius  tue,  war  mein 
letztes  Wort  an  sie:  »Es  gehe  dir  nie  anders  als  wohl,  und  die 
kleine  Fruhlingnacht  des  Lebens  verflieBe  dir  ruhig  und  hell  -  der 
iiberirdische  Verhiillte  schenke  dir  darin  einige  Sternbilder  liber 
dir  -  Nachtviolen  unter  dir  -  einige  Nachtgedanken  in  dir  -  und 
nicht  mehr  Gewolk,  als  zu  einem  schonen  Abendrot  vonnoten  30 
ist,  und  nicht  mehr  Regen,  als  etwan  ein  Regenbogen  im  Mond- 
schein  braucht!«  - 

Hof  im  Voigtland,  den  22.  August  1796. 

Jean  Paul  Fr.  Richter. 


MUSSTEIL  FUR  MaDCHEN 

i.  Der  Tod  eines  Engels. 

2.  Der  Mond,  eine  phantasierende  Geschichte. 


i.  Der  Tod  eines  Engels1 

Zum  Engel  der  letzten  Stunde,  den  wir  so  hart  den  Tod  nennen, 
wird  uns  der  weichste,  giitigste  Engel  zugeschickt,  damit  er  ge- 
Hnde  und  sanft  das  niedersinkende  Herz  des  Menschen  vom  Leben 
abpflucke  und  es  in  warmen  Handen  und  ungedriickt  aus  der  kal- 
ten  Brust  in  das  hohe  warmende  Eden  trage.  Sein  Bruder  ist  der 
Engel  der  ersten  Stunde,  der  den  Menschen  zweimal  kiisset,  das 
erstemal,  damit  er  dieses  Leben  anfange,  das  zweitemal,  damit  er 
droben  ohne  Wunden  aufwache  und  in  das  andere  lachelnd  kom- 

to  me,  wie  in  dieses  Leben  weinend. 

Da  die  Schlachtfelder  voll  Blut  und  Tranen  standen  und  da  der 
Engel  der  letzten  Stunde  zitternde  Seelen  aus  ihnen  zog:  so  zer- 
floB  sein  mildes  Auge,  und  er  sagte:  »Ach,  ich  will  einmal  sterben 
wie  ein  Mensch,  damit  ich  seinen  letzten  Schmerz  erforsche  und 
ihn  stille,  wenn  ich  sein  Leben  auflose.«  Der  unermeBliche  Kreis 
von  Engeln,  die  sich  droben  lieben,  trat  um  den  mitleidigen  Engel 
und  verhieB  dem  Geliebten,  ihn  nach  dem  Augenblick  seines  To- 
des  mit  ihrem  Strahlenhimmel  zu  umringen,  damit  er  wiiBte,  daB 
es  der  Tod  gewesen;  -  und  sein  Bruder,  dessen  KuB  unsere  er- 

20  starrten  Lippen  wie  der  Morgenstrahl  kalte  Blumen  offnet,  legte 
sich  zartlich  an  sein  Angesicht  und  sagte:  »Wenn  ich  dich  wieder 
kiisse,  mein  Bruder,  so  bist  du  gestorben  auf  der  Erde  und  schon 
wieder  bei  uns.« 

Gertihrt  und  liebend  sank  der  Engel  auf  ein  Schlachtfeld  nie- 
der,  wo  nur  ein  einziger  schoner  feuriger  Jungling  noch  zuckte 
und  die  zerschmetterte  Brust  noch  regte:  um  den  Helden  war 
nichts  mehr  als  seine  Braut,  ihre  heiBen  Zahren  konnt*  er  nicht 

1  Diese  Erzahlung  steht  schon  im  Dezemberstiick  des  deutschen  Museums 
von  1788;  aber  seit  dieser  Zeit  hab'  ich  sie  so  veriindert  wie  mich  selber. 


j\6  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

mehr  fiihlen,  und  ihr  Jammer  zog  unkenntlich  als  ein  femes 
Schlachtgeschrei  um  ihn.  0  da  bedeckte  ihn  der  Engel  schnell 
und  ruhte  in  der  Gestalt  der  GeKebten  an  ihm  und  sog  mit  einem 
heiBen  Kusse  die  wunde  Seele  aus  der  zerspaltenen  Brust  -  und 
er  gab  die  Seele  seinem  Bruder,  der  Bruder  kiiBte  sie  droben  zum 
zweitenmal,  und  dann  lachelte  sie  schon. 

Der  Engel  der  letzten  Stunde  zuckte  wie  ein  Blitzstrahl  in  die 
ode  Hiille  hinein,  durchloderte  den  Leichnam  und  trieb  mit  dem 
gestarkten  Herzen  die  erwarmten  Lebensstrome  wieder  um.  Aber 
wie  ergriffihn  die  neue  Verkorperung!  Sein  Lichtauge  wurde  im  10 
Strudel  des  neuen  Nervengeistes  untergetaucht  —  seine  sonst  flie- 
genden  Gedanken  wateten  jetzt  trage  durch  den  Dunstkreis  des 
Gehirns  —  an  alien  Gegenstanden  vertrocknete  der  feuchte,  weiche 
Farbenduft,  der  bisher  herbstlich  uber  ihnen  wogend  gehangen, 
und  sie  stachen  auf  ihn  aus  der  heiBen  Luft  mit  einbrennenden, 
schmerzlichen  Farbenflecken  -  alle  Empfindungen  traten  dunkler, 
aber  sturmischer  und  naher  an  sein  Ich  und  dunkten  ihm  Instinkt 
zu  sein,  wie  uns  die  der  Tiere  -  der  Hunger  riB  an  ihm,  der  Durst 
brannte  an  ihm,  der  Schmerz  schnitt  an  ihm.  —  O  seine  zertrennte 
Brust  hob  sich  blutend  auf,  und  sein  erster  Atemzug  war  sein  20 
erster  Seufzer  nach  dem  verlassenen  Himmel!  -  »Ist  dieses  das 
Sterben  der  Menschen?«  dacht'  er;  aber  da  er  das  versprochene 
Zeichen  des  Todes  nicht  sah,  keinen  Engel  und  keinen  umflam- 
menden  Himmel :  so  merkt'  er  wohl,  daB  dieses  nur  das  Leben 
derselben  sei. 

Abends  vergingen  dem  Engel  die  irdischen  Krafte,  und  ein 
quetschender  Erdball  schien  sich  uber  sein  Haupt  zu  walzen;  - 
denn  der  5cA/a/ schickte  seine  Boten.  Die  innern  Bilder  riickten 
aus  ihrem  Sonnenschein  in  ein  dampfendes  Feuer,  die  ins  Gehirn 
geworfnen  Schatten  des  Tages  fuhren  verwirrt  und  kolossalisch  30 
durcheinander,  und  eine  sich  aufbaumende  unbandige  Sinnen- 
welt  stiirzte  sich  iiber  ihn ;  -  denn  der  Traum  schickte  seine  Boten. 
Endlich  faltete  sich  der  Leickenschleier  des  Schlafes  doppelt  um 
ihn,  und  in  die  Gruft  der  Nacht  eingesunken,  lag  er  einsam  und 
starr,  wie  wir  armen  Menschen,  dort.  Aber  dann  flogest  du,  himm- 
lischer  Traum,  mit  deinen  tausend  Spiegeln  vor  seine  Seele  und 


DER  TOD  EINES  ENGELS  47 

zeigtest  ihm  in  alien  Spiegeln  einen  Engelskreis  und  einen  Strah- 
lenhimmel;  und  der  erdige  Leib  schien  mit  alien  Stacheln  von 
ihm  loszu  fallen.  »Ach,«  sagt'  er  in  vergeblicher  Entziickung,  »mein 
Entschlafen  war  also  mein  Verscheiden !«  -  Aber  da  er  wieder  mit 
dem  eingeklemmten  Herzen  voll  schwerem  Menschenblut  auf- 
wachte  und  die  Erde  und  die  Nacht  erblickte,  so  sagt*  er:  »Das 
war  nicht  der  Tod,  sondern  bloB  das  Bild  desselben,  ob  ich  gleich 
den  Sternhimmel  und  die  Engel  gesehen.« 

Die  Braut  des  emporgetragenen  Helden  merkte  nicht,  daB  in 

io  der  Brust  ihres  Geliebten  nur  ein  Engel  wohne:  sie  liebte  noch 
die  aufgerichtete  Bildsaule  der  verschwundnen  Seele  und  hielt 
noch  frohlich  die  Hand  dessen,  der  so  weit  von  ihr  gezogen  war. 
Aber  der  Engel  liebte  ihr  getauschtes  Herz  mit  einem  Menschen- 
herzen  wieder,  eifersuchtig  auf  seine  eigne  Gestalt  -  er  wiinschte, 
nicht  fruher  als  sie  zu  sterben,  um  sie  so  lange  zu  lieben,  bis  sie 
ihm  es  einmal  im  Himmel  vergabe,  daB  sie  an  einer  Brust  zugleich 
einen  Engel  und  einen  Geliebten  umfangen.  Aber  sie  starb  fruher: 
der  vorige  Kummer  hatte  das  Haupt  dieser  Blume  zu  tief  nieder- 
gebogen,  und  es  blieb  gebrochen  auf  dem  Grabe  liegen.  O  sie 

20  ging  unter  vor  dem  weinenden  Engel,  nicht  wie  die  Sonne,  die 
sich  prachtig  vor  der  zuschauenden  Natur  ins  Meer  wirft,  daB 
seine  roten  Wellen  am  Himmel  hinaufschlagen,  sondern  wie  der 
stille  Mond,  der  um  Mitternacht  einen  Duft  versilbert  und  mit 
dem  bleichen  Dufte  ungesehen  niedersinkt  -  Der  Tod  schickte 
seine  sanftere  Schwester,  die  Ohnmacht,  voraus  -  sie  beriihrte  das 
Herz  der  Braut,  und  das  warme  Angesicht  gefror  -  die  Wangen- 
blumen  krochen  ein  -  der  bleiche  Schnee  des  Winters,  unter  dem 
der  Fruhling  der  Ewigkeit  grunet,  deckte  ihre  Stirn  und  Hande 
zu Da  zerrifi  das  schwellende  Auge  des  Engels  in  eine  bren- 

3o  nende  Trane;  und  als  er  dachte,  sein  Herz  mache  sich  in  Gestalt 
einer  Trane  wie  eine  Perle  aus  der  murben  Muschel  los:  so  be- 
wegte  die  Braut,  die  zum  letzten  Wahnsinn  erwachte,  noch  ein- 
mal die  Augen  und  zog  ihn  an  ihr  Herz  und  starb,  als  sie  ihn 

kiiBte  und  sagte:  »Nun  bin  ich  bei  dir,  mein  Bruder« Da 

wahnte  der  Engel,  sein  Himmelsbruder  hah'  ihm  das  Zeichen  des 
Kusses  und  Todes  gegeben;  aber  ihn  umzog  kein  Strahlenhim- 


48  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

mel,  sondern  ein  Trauerdunkel,  und  er  seufzete,  dafi  das  nicht 
sein  Tod,  sondern  nur  die  Menschenqual  uber  einen  fremden  sei. 

»0  ihr  gedriickten  Menschen,«  rief  er,»wie  iiberlebt  ihr  Miiden 
es,  o  wie  konnt  ihr  denn  alt  werden,  wenn  der  Kreis  der  Jugend- 
gestalten  zerbricht  und  endlich  ganz  umliegt,  wenn  die  Graber 
eurer  Freunde  wie  Stufen  zu  euerem  eignen  hinuntergehen,  und 
wenn  das  Alter  die  stumme  leere  Abendstunde  eines  erkalteten 
Schlachtfeldes  ist,  o  ihr  armen  Menschen,  wie  kann  es  euer  Herz 
ertragen  ?« 

Der  Korper  der  aufgeflogenen  Heldenseele  stellte  den  sanften  10 
Engel  unter  die  harten  Menschen  -  unter  ihre  Ungerechtigkeiten 
—  unter  die  Verzerrungen  des  Lasters  und  der  Leidenschaften  - 
auch  seiner  Gestalt  wurde  der  Stachelgiirtel  von  verbundnen  Zep- 
tern  angelegt,  der  Weltteile  mit  Stichen  zusammendruckt  und  den 
die  GroBen  immer  enger  schnuren  -  er  sah  die  Krallen  gekronter 
Wappentiere  am  entiiederten  Raube  hacken  und  horte  diesen  mit 
matten  Fliigelschlagen  zucken  -  er  erblickte  den  ganzen  Erdball 
von  der  Riesenschlange  des  Lasters  in  durchkreuzenden,  schwarz- 
bunten  Ringen  umwickelt,  die  ihren  giftigen  Kopf  tief  in  die 
menschliche  Brust  hineinschiebt  und  versteckt  -  -  Ach,  da  muBte  20 
durch  sein  weiches  Herz,  das  eine  Ewigkeit  lang  nur  an  liebe- 
vollen  warmen  Engeln  gelegen  war,  der  heifie  Stich  der  Feind- 
schaft  schieBen,  und  die  heilige  Seele  voll  Liebe  muBte  iiber  eine 
innere  Zertrennung  erschrecken:  »Ach,«  sagt*  er,  »der  mensch- 
liche Tod  tut  wehe.«  -  Aber  es  war  keiner:  denn  kein  Engel  er- 
schien. 

Nun  wurd'  er  eines  Lebens,  das  wir  ein  halbes  Jahrhundert 
tragen,  in  wenig  Tagen  miide  und  sehnte  sich  zuriick.  Die  Abend- 
sonne  zog  seine  verwandte  Seele.  Die  Splitter  seiner  verletzten 
Brust  matteten  ihn  durch  Schmerzen  ab.  Er  ging,  mit  der  Abend-  30 
glut  auf  den  blassen  Wangen,  hinaus  auf  den  Gottesacker,  den 
griinen  H inter grund  des  Lebens,  wo  die  Hiillen  aller  schonen  See- 
len^die  er  sonst  ausgekleidet  hatte,  auseinandergenommen  wur- 
den.  Er  stellte  sich  mit  wehmutiger  Sehnsucht  auf  das  nackte  Grab 
der  unaussprechlich  geliebten,  eingesunkenen  Braut  und  sah  in  die 
verbluhende  Abendsonne.  Auf  diesem  geliebten  Hugel  schauete 


DER  TOD  EINES  ENGELS  49 

er  seinen  schmerzenden  Kdrper  an  und  dachte :  »Du  wiirdest  auch 
schon  hierdich  auseinanderlegen,  lockere  Brust,  und  keineSchmer- 
zen  mehr  geben,  wenn  ich  dich  nicht  aufrecht  erhielte.«-  Da  iiber- 
dachte  er  sanft  das  schwere  Menschenleben,  und  die  Zuckungen 
der  Brustwunde  zeigten  ihm  die  Schmerzen,  mit  denen  die  Men- 
schen  ihre  Tugend  und  ihren  Tod  erkaufen  und  die  er  freudig  der 
edeln  entflohnen  Seele  dieses  Korpers  ersparte  —  Tief  riihrte  ihn 
die  menschliche  Tugend,  und  er  weinte  aus  unendlicher  Liebe 
gegen  die  Menschen,  die  unter  dem  Anbellen  ihrer  eignen  Be- 

10  durfhisse,  unter  herabgesunknen  Wolken,  hinter  langen  Nebeln 
auf  der  einschneidenden  LebensstraBe  dennoch  vom  hohen  Son- 
nenstern  der  Pflicht  nicht  wegblicken,  sondern  die  liebenden  Ar- 
me  in  ihrer  Finsternis  aufbreiten  fur  jeden  gequalten  Busen,  der 
ihnen  begegnet,  und  um  die  nichts  schimmert  als  die  Hoffnung, 
gleich  der  Sonne  in  der  alten  Welt  unterzugehen,  um  in  der  neuen 

aufzugehen Da  ofYnete  die  Entziickung  seine  Wunde,  und 

das  Blut,  die  Trane  der  Seele,  floB  aus  dem  Herzen  auf  den  gelieb- 
ten  Hiigel  -  der  zergehende  Korper  sank  siiBverblutend  der  Ge- 
liebten  nach  —  Wonne-Tranen  brachen  die  fallende  Sonne  in  ein 

20  rosenrotes  schwimmendes  Meer  -  femes  Echo-Getone,  als  wenn 
die  Erde  von  weitem  im  klingenden  Ather  voruberzoge,  spielte 
durch  den  nassen  Glanz  -  Dann  schoB  eine  dunkle  Wolke  oder 
eine  kleine  Nacht  vor  dem  Engel  vorbei  und  war  voll  Schlaf  - 
Und  nun  war  ein  Strahlenhimmel  aufgetan  und  iiberwallete  ihn, 
und  tausend  Engel  flammten ; »bist  du  schon  wieder  da,  du'spie- 
lender  Traum?«  sagte  er.  -  Aber  der  Engel  der  ersten  Stunde  trat 
durch  die  Strahlen  zu  ihm  und  gab  ihm  das  Zeichen  des  Kusses 
und  sagte:  »Das  war  der  Tod,  du  ewiger  Bruder  und  Himmels- 
freund !«  -  Und  der  Jiingling  und  seine  Geliebte  sagten  es  leise 

30  nach. 


5<D  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

2.  Der  Mond 

Phantasierende  Geschichte 

Dedxkation  an  meine  Pflegeschw ester  Philippine 

Ich  habe  mich  noch  in  keinem  Buche  dariiber-aufgehalten,  gute 
Pflegeschwester,  daB  ihr  Madchen  aus  dem  Monde  so  viel  macht, 
da/3  er  der  Joujou  eueres  Herzens  ist  und  das  Nestei,  um  das  ihr 
die  andern  Sterne  herumlegt,  wenn  ihr  Phantasien  aus  ihnen  aus- 
sitzt.  Er  soil  auch  ferner  das  Zifferblattsrad der  Ideen  bleiben,  auf 
die  euer  Gesicht  als  eine  Monduhr  zeigt  (denn  unseres  ist  eine 
Sonnenuhr),  da  er  wie  ein  blinkendes  Stahlschild  im  schwarzen  At-  10 
lasgiirtel  des  Himmels  steht  —  da  er  nichts  schwarzt  —  da  er  viel- 
mehr  ein  Licht  wirft,  gegen  das  man' keinen  Schleier  uberhangen 
muB,  weil  es  selber  wie  einer  auf  dem  Gesichte  liegt  -  da  er  iiber- 
haupt  die  Sanftmut  und  Liebe  selber  ist.  Aber  iiber  etwas  anders 
konnte  man  zanken  -  daruber,  daB  ihr  den  guten  Mond  und  sei- 
nen  da  ansassigen  Mann  mehr  lieben  und  sehen  als  kennen  lernen 
wo  lit,  wie  ihrs  auch  bei  Mannern  unter  dem  Monde  tut.  Es  ist 
leider  kein  Geheimnis,  beste  Schwester,  daB  schon  tausend  Mad- 
chen kopulieret  und  beerdigt  worden,  die  jene  silberne  Welt  dro- 
ben  wirklich  fur  nichts  anders  gehalten  haben  als  fiir  einen  recht  20 
hubschen  Suppenteller  von  himmlischen  Zinn,  das  mit  dem 
Monds-Mann,  wie  das  englische  mit  einem  Engel,  gestempelt  ist. 
Beste,  es  ist  sogar  die  Frage,  ob  du  es  selber  noch  weiBt,  daB  der 
Mond  um  wenige  Meilen  kleiner  ist  als  Asien.  Wie  oft  muBt'  ich 
dirs  am  Fensterstocke  vorsingen,  ehe  du  es  behieltest,  daB  nicht 
nur  sein  Tag  einen  halben  Monat  wahrt,  sondern  auch  -  was  sich 
noch  eher  horen  lasset  -  seine  Nacht,  so  daB  also  da  ein  lustiges 
Madchen,  das  von  der  Mutter  schon  um  Mitternacht  vom  Balle 
nach  Haus  gezerret  wurde,  doch  wenigstens  seine  guten  andert- 
halbhundert  Stunden  gewalzt  und  geschliffen  hatte!  -  Sage  mir  30 
einmal,  Philippine,  ob  du  es  noch  im  Kopfe  hast,  daB  der  Mond 


DER  MOND  51 

oder  vielmehr  seine  Leute  in  einer  so  langen  Nacht  so  gut  wie  wir 
sehen  und  promeniereri  wollen  und  daB  sie  also  einen  groBern 
Mond  bediirfen  als  wir,  wenigstens  keinen  schmalern,  als  ein  raa- 
Biges  Kutschenrad  ist!  Ich  hab*  es  von  guter  Hand,  daB  du  es 
nicht  mehr  weiBt,  was  der  Mond  fiir  einen  Mond  uber  sich  sehe  - 
Unsere  Erde  ist  seiner,  Flatterhafte,  und  kommt  ihnen  droben 
nicht  groBer  vor  als  ein  Brautkuchen.  Ich  setze  hier  wegen  meiner 
folgenden  Erzahlung  noch  das  hinzu,  daB  wir  ihnen  kein  Licht 
(Mond-  oder  Erdschein)  hinaufwerfen  konnen,  wenn  wir  hier 

10  unten  selber  keines  haben,  welches  der  Fall  bei  der  Sonnenfinster- 
nis  ist;  daher  konnen  die  Mondsohne  bei  unserer  Sonnenfinster- 
nis  nicht  anders  sagen  als :  »Wir  haben  heute  eine  Erdfinsternis.« 
Ich  bitte  dich  recht  sehr,  Philippine,  lies  diese  Personalien  des 
Mondes,  auf  die  die  ganze  phantasierende  Erzahlung  fuBet,  deinen 
Zuhorerinnen  einige  zwanzig  Male  vor:  sonst  ist  euch  alles  ent- 
fallen,  eh*  ich  nur  angefangen. 

Oberhaupt  verdenk*  ichs  euern  Eltern  ungemein,  daB  sie  euch 
statt  des  Franzosischen,  das  euch  wie  ein  Bund  Titularkammer- 
herrn-Schlussel  nur  zum  Klingeln  des  seelenverderbenden  Par- 

20  lierens  und  nie  zum  Aufsperren  eines  einzigen  franzosischen  Bu- 
ches  niitzt,  weil  euch  Ritterromane  lieber  sind,  daB  sie  euch,  sag* 
ich,  nicht  lieber  haben  Sternkunde  lernen  lassen,  sie,  die  dem 
Menschen  ein  erhabenes  Herz  gibt  und  ein  Auge,  das  uber  die 
Erde  hinausreicht,  und  Fliigel,  die  in  die  UnerraeBlichkeit  heben, 
und  einen  Gott,  der  nicht  endlich,  sondern  unendlich  ist. 

Man  darf  uber  alles  unter  dem  Monde  und  uber  ihn  selber 
Phantasien  haben,  wenn  man  nur  nicht  die  Phantasien  fur  Wahr- 
heiten  nimmt  -  oder  das  Schattenspiel  fiir  ein  Bilderkabinett  - 
oder  das  Bilderkabinett  fiir  ein  Naturalienkabinett.  Der  Astro- 

30  nom  inventiert  und  taxiert  den  Himmel  und  fehlet  um  wenige 
Pfunde;  der  Dichter  moblieret  und  bereichert  ihn;  jener  fasset 
das  Flurbuch  von  Auen  ab,  worein  dieser  Perlenbache  leitet  samt 
einigen  Goldfischchen;  jener  legt  MeBschniire,  dieser  Girlanden 
um  den  Mond  -  auch  um  die  Erde.  Also  kannst  du  recht  gut, 
Liebe,  dich  mit  deinen  Nah-Schulkameradinnen  auf  einen  Lin- 
denaltan  begeben  und  ihnen  Phantasien  wie  meine  geriihrt  vor- 


52  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

lesen,  wenns  nur  nicht  am  hellen  lichten  Tage  geschieht  und  wenn 
nur  nicht  der  Gottesdienst  der  Mutterkirche  der  Erde  iiber  das 
Mondsfilial  vergessen  wird. 

Du  aber,  du  milde,  blasse  Gestalt,  an  die  ich  so  oft  blicke,  um 
mein  Herz  zu  mildern  -  die  so  bescheiden  schimmert  und  so  be- 
scheiden  macht  -  die  ihren  Wert  nur  dem  stillen  Himmel  zeigt, 
nicht  der  lauten  Erde  -  und  zu  der  ich  das  Auge  gern  aufhebe,  ' 
wenn  ein  paar  Tropfen  zu  viel  darin  stehen,  die  in  den  auf  der 
Erinnerung  bluhenden  Herbstflor  der  Freuden  niederfallen,  und 
vor  der  ich  am  liebsten  an  das  iiber  die  Wolken  geriickte  Mutter-  10 

land  unserer  verpflanzten  Wunsche  denke,  du  gute  Gestalt! 

Philippine,  es  tut  dem  Herzen  deines  Bruders  wohl,  daD  es  zwei- 
felhaft  ist,  wen  er  hier  angeredet  habe,  ob  den  Mond  oder  dich. 
Einen  solchen  Zweifel  zu  verdienen,  Schwester,  ist  so  schon,  dafi 
ich  nur  noch  etwas  Schoners  kenne:  namlich,  ihn  gar  zu  bench- 
men^  indem  man  sich  vom  Monde  in  nichts  unterscheidet  als  in 
den  Flecken  und  in  der  Veranderlichkeit. 

Ich  bin,  wiewohl  bloB  mit  dem  letzteren  Unterschiede, 

dein  B  ruder. 


Die  Er^ahlung  20 

Als  ich  zum  ersten  Male,  Eugenius  und  Rosamunde,  denen  ich 
den  wahren  Namen  nicht  mehr  geben  darf,  eure  kleine  Geschichte 
erzahlen  wollte,  gingen  meine  Freunde  und  ich  in  einen  engli- 
schen  Garten.  Wir  kamen  vor  einem  neubemalten  Sarg  vorbei, 
auf  dessen  Fufibrett  stand :  »Ich  gehe  voriiber.«  t)ber  den  griinen- 
den  Garten  ragte  ein  weiBer  Obelisk  hervor,  womit  zwei  ver- 
schwisterte  Fiirstinnen  die  Stelle  ihrer  Wiedervereinigung  und 
Umarmung  bezeichneten  und  an  dem  die  Inschrift  war:  »Hier 
fanden  wir  uns  wieder.«  Die  Spitze  des  Obeliskus  blinkte  schon 
im  Vollmond;  und  hier  erzahlte  ich  die  einfache  Geschichte.  -  30 
Du  aber,  lieber  Leser,  ziehe  -  welches  so  viel  als  Sarg  und  Obelis- 
kus ist  -  die  Unterschrift  des  Sarges  in  die  Asche  der  Vergangen- 


DER  MOND  53 

heit,  und  die  Buchstaben  des  Obeliskus  zeichne  mit  warmem  edelm 
Herzensblute  in  dein  Inneres. 

Manche  Seelen  entfallen  dem  Himmel  wie  Bliiten;  aber  mit  den 
weiBen  Knospen  werden  sie  in  den  Erdenschmutz  getreten  und 
liegen  oft  besudelt  und  zerdruckt  in  den  Fufistapfen  eines  Hufs. 
Auch  ihr  wurdet  zerdruckt,  Eugenius  und  Rosamunde!  Zarte 
Seelen  wie  euere  werden  von  drei  Raubern  ihrer  Freuden  ange- 
fallen:  vom  Volke,  dessen  rohe  Griffe  ihrem  weichen  Herzen 
nichts  als  Narben  geben  -  vom  Schicksal,  das  an  einer  schonen 

10  Seele  voll  Glanz  die  Trane  nicht  wegnimmt,  weil  sonst  der  Glanz 
verginge,  wie  man  den  feuchten  Demant  nicht  abwischt,  damit 
er  nicht  erbleiche  -  vom  eignen  Herzen,  das  zu  viel  bedarf,  zu 
wenig  genieBet,  zu  viel  hofft,  zu  wenig  ertragt.  -  Rosamunde  war 
eine  vom  Schmerz  durchbohrte  helle  Perle  -  abgetrennt  von  den 
Ihrigen,  zuckte  sie  nur  noch  bei  Leiden  fort,  wie  ein  abgeschnit- 
tener  Zweig  der  Sensitive  bei  Einbruch  der  Nacht  -  ihr  Leben 
war  ein  stiller  warmer  Regen,  so  wie  das  ihres  Gatten  ein  heller 
heiBer  Sonnenschein  -  sie  kehrte  vor  ihm  ihre  Augen  weg,  wenn 
sie  gerade  auf  ihrem  zweijahrigen  siechen  Kinde  gewesen  waren, 

20  das  in  diesem  Leben  ein  dunngefliigelter  wankender  Schmetter- 
ling  unter  einem  Schlagregen  war.  -  Eugenius*  Phantasie  zer- 
schlug  mit  ihren  zu  groBen  Fliigeln  das  zu  weiche  diinne  Korper- 
gewebe;  die  Lilienglocke  des  zarten  Leibes  faBte  seine  machtige 
Seele  nicht;  der  Ort,  wo  die  Seufzer  entstehen,  seine  Brust,  war 
zerstort  wie  sein  Gliick;  er  hatte  nichts  mehr  in  der  Welt  als  sein 
liebendes  Herz  und  nur  noch  zwei  Menschen  fiir  dieses  Herz. 

Diese  Menschen  wollten  im  Fruhling  aus  dem  Strudel  der 
Menschen  gehen,  der  so  hart  und  kalt  an  ihre  Herzen  anschlug:  sie 
lieBen  sich  eine  stille  Sennenhutte  auf  einer  hohen  AIpe,  die  der 

30  Silberkette  des  Staubbachs  gegeniiberlag,  bereiten.  Am  ersten 
schonen  Friihlingsmorgen  traten  sie  den  langen  Weg  zur  hohen 
Alpe  an.  Es  gibt  eine  Heiligkeit,  die  nur  die  Leiden  geben  und 
lautern;  der  Strom  des  Lebens  wird  schneeweifi,  wenn  ihn  Klippen 
zerspHttern.  Es  gibt  eine  Hohe,  wo  zwischen  die  erhabenen  Ge- 
danken  nicht  einmal  mehr  kleine  treten,  wie  man  auf  einer  Alpe 
die  Berggipfel  nebeneinander  stehen  sieht  ohne  ihre  Verkniip- 


54  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

fung  durch  Tiefen.  Du  hattest  jene  Heiligkeit,  Rosamunde,  -  und 
du  diese  H  ohe,  Eugenius  !  —  Um  den  FuB  der  Alpe  zog  ein  Morgen- 
nebel,  in  dem  drei  flatternde  Gestalten  hingen :  die  Spiegelbilder 
der  drei  Reisenden  waren  es,  und  die  scheue  Rosamunde  erschrak 
und  dachte,  sie  sehe  sich  selber.  Eugenius  dachte:  was  der  un- 
sterbliche  Geist  umhat,  ist  nur  ein  dickerer  Nebel.  Und  das  Kind 
griff  nach  der  Wolke  und  wollte  spielen  mit  seinem  kleinen  Bru- 
der  aus  Nebel.  Ein  einziger  unsichtbarer  Engel  der  Zukunft  ging 
mit  ihnen  durch  das  Leben  und  auf  den  Berg:  sie  waren  so  gut 
und  einander  so  ahnlich,  daB  sie  nur  elnen  Engel  brauchten. 

Unter  dem  Steigen  schlug  der  Engel  das  Buch  des  Schicksals 
auf,  worin  ein  Blatt  der  AbriB  eines  dreifachen  Lebens  war  -  jede 
Zeile  war  ein  Tag  -  und  als  der  Engel  die  heutige  Zeile  gelesen 
hatte,  so  weinte  er  und  schloB  das  Buch  auf  ewig. 

Die  Schwachen  bedurften  beinahe  elnen  Tag  zur  Ankunft.  Die 
Erde  kroch  zuriick  in  die  Taler,  der  Himmel  lagerte  sich  auf  die 
Berge.  Die  miide,  nur  blinkende  Sonne  wurde  unserem  Eugenius 
der  Spiegel  des  Mondes;  er  sagte,  als  schon  die  Eisgebiirge  Flam- 
men  iiber  die  Erde  warfen,  zu  seiner  Geliebten :  »Ich  bin  so  miide 
und  doch  so  wohl.  Ist  es  uns  so,  wenn  wir  aus  zwei  Traumen  : 
gehen,  aus  dem  Traum  des  Lebens  und  aus  dem  Traum  des  Todes, 
wenn  wir  einmal  in  den  wolkenlosen  Mond  als  die  erste  Kiiste 
hinter  den  Orkanen  des  Lebens  treten?«  -  Rosamunde  antwor- 
tete:  »Noch  besser  wird  uns  sein;  denn  im  Monde  wohnen  ja,  wie 
du  mkh  lehrest,  die  kleinen  Kinder  dieser  Erde,  und  ihre  Eltern 
bleiben  so  lange  unter  ihnen,  bis  sie  selber  so  mild  und  ruhig  sind 
wie  die  Kinder,  und  dann  ziehen  sie  weiter.«  -»Von  Himmel  zu 
Himmel,  von  Welt  zu  Welt!«  sagte  erhoben  Eugenius. 

Sie  stiegen,  wie  die  Sonne  sank:  wenn  sie  trager  klimmten,  so 
schlugen  Berggipfel  wie  losgebundene  auffahrende  Zweige  ver-  = 
hiillend  vor  die  Sonne.  Dann  eilten  sie  in  den  hinaufriickenden 
Abendschimmer  nach;  aber  als  sie  auf  der  Sennenalpe  waren,  tra- 
ten  die  ewigen  Berge  vor  die  Sonne  -  dann  verhiillte  die  Erde  ihre 
Graber  und  Stadte  anbetend  vor  dem  Himmel,  eh'  er  sie  mit  alien 
Sternenaugen  ansah,  und  die  Wasserfalle  legten  ihre  Regenbogen 
ab  -  und  hoher  breitete  die  Erde  dem  Himmel,  der  sich  iiber  sie 


DER  MONO  55 

hereinbog  mit  ausgestreckten  Wolkenarmen,  einen  Flor  aus 
Goldduft  unter  und  hing  ihn  von  einem  Geburge  zum  andern  - 
und  die  Eisberge  waren  angeziindet,  damit  sie  bis  in  die  Mitter- 
nacht  gliihten,  und  ihnen  gegenuber  war  auf  dem  Grabe  der  Sonne 
ein  Scheiterhaufen  von  Gewolk  aus  Abend-Glut  und  Abend- 
Asche  aufgeturmt.  —  Durch  den  glimmenden  Flor  aber  lieB  der 
gute  Himmel  seine  Abend  tranen  tief  in  die  Erde  hinunterfallen, 
bis  auf  das  niedrigste  Grab,  bis  auf  die  kleinste  Blume  darauf.  - 
O  Eugenius,  wie  grofi  muBte  jetzt  deine  Seele  werden!  Das 

io  Erdenleben  lag  entfernt  und  in  der  Tiefe  vor  dir  ohne  alle  die 
Verzerrungen,  die  wir  daran  sehen,  weil  wir  zu  nahe  davor  stehen, 
so  wie  die  Dekorationen  kurzerer  Szenen  in  der  Nahe  aus  Land- 
schaften  zu  ungestalten  Strichen  werden.  - 

Die  zwei  Liebenden  umarmten  sich  sanft  und  lange  vor  der 
Hiitte,  und  Eugenius  sagte :  »0  stiller,  ewiger  Himmel,  jetzt  nimm 
uns  nichts  mehr!«  -  Aber  sein  blasses  Kind  stand  mit  dem 
geknickten  LiHenhaupte  vor  ihm,  er  sah  die  Mutter  an,  und  diese 
lag  mit  dem  weiten  feuchten  Auge  im  Himmel  und  sagte  leise: 
»Oder  nimm  uns  alle  auf  einmal!« 

20  Der  Engel  der  Zukunft,  den  ich  den  Engel  der  Ruhe  nennen 
will,  weinte  lachelnd,  und  sein  Flugel  verwehte  mit  einem  Abend- 
luftchen  die  Seufzer  der  Eltern,  damit  sie  einander  nicht  traurig 
machten. 

Der  transparente  Abend  floB  um  die  rote  Alpe  wie  ein  heller 
See  und  spiilte  sie  mit  den  Zirkeln  kiihler  Abendwogen  an.  Je 
mehr  sich  der  Abend  und  die  Erde  stillte,  desto  mehr  fiihlten  die 
zwei  Seelen,  daB  sie  am  rechten  Orte  waren:  sie  hatten  keine 
Trane  zu  viel,  keine  zu  wenig,  und  ihr  Gluck  hatte  keine  andere 
Vermehrung  vonnoten  als  seine  Wiederholung.  Eugenius  lieB  in 

30  den  reinen  Alpenhimmel  die  ersten  Harmonikatone  wie  Schwa- 
nen  flieBen.  Das  miide  Kind  spielte,  in  einem  Ringe  von  Blumen 
eingefasset,  an  eine  Sonnenuhr  gelehnt,  mit  den  Blumen,  die  es 
um  sich  auszog,  um  sie  in  seinen  Zirkel  einzuschlichten.  Endlich 
wurde  die  Mutter  aus  der  harmonischen  Entziickung  wach  -  ihr 
Auge  fiel  in  die  groBen,  weit  auf  sie  gerichteten  Augen  ihres  Kin- 
des  -,  singend  und  anlachelnd  und  mit  uberschwellender  Mutter- 


56  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Hebe  tritt  sie  zum  kleinen  Engel,  der  kalt  war  und  -  gestorben. 
Denn  sein  vom  Himmel  herabgesenktes  Leben  war  im  Dunst- 
kreis  der  Erde  auseinandergeflossen  wie  andere  Tone  -  der  Tod 
hatte  den  Schmetterling  angehaucht,  und  dieser  stieg  aus  den  rei- 
Benden  Luftstromen  in  den  ewigen  ruhenden  Ather  auf,  von  den 
Blumen  der  Erde  zu  den  Blumen  des  Paradieses. 

O  flatten  immer  davon,  selige  Kinder!  Euch  wiegt  der  Engel 
der  Ruhe  in  der  Morgenstunde  des  Lebens  mit  Wiegenliedern  ein 
—  zwei  Arme  tragen  euch  und  euern  kleinen  Sarg,  und  an  einer 
Blumenkette  gleitet  euer  Leib  mit  zwei  Rosenwangen,  mit  einer  10 
Stirn  ohne  Gram-Einschnitte  und  mit  weiBen  Handen  in  die  zweite 
Wiege  herab,  und  ihr  habt  die  Paradiese  nur  getauscht.  -  Aber 
wir,  ach  wir  brechen  zusammen  unter  den  Sturmwinden  des  Le- 
bens, und  unser  Herz  ist  mude,  unser  Angesicht  zerschnitten  von 
irdischem  Kummer  und  irdischer  Miih',  und  unsere  Seele  klam- 
mert  sich  noch  erstarret  an  den  ErdenkloB! 

Duwende  deinAugeweg  von  Rosamundens  durchstechendem 
Schrei,  starrendem  Blick  und  versteinernden  Ziigen,  du,  wenn  du 
eine  Mutter  bist  und  diesen  Schmerz  schon  gehabt  hast  -  schaue 
nicht  auf  die  Mutter,  die  mit  sinnloser  Liebe  die  Leiche  hart  an  20 
sich  quetschet,  die  sie  nicht  mehr  erdrucken  kann,  sondern  auf 
den  Vater,  der  seine  Brust  uber  sein  kampfendes  Herz  schweigend 
deckt,  ob  es  gleich  der  schwarze  Kummer  mit  Otterringen  umzog 
und  mit  Otterzahnen  vollgoB.  Ach  als  er  den  Schmerz  davon  end- 
lich  weggehoben  hatte,  war  das  Herz  vergiftet  und  aufgelost.  Der 
Mann  verbeiBet  die  Wunde  und  erliegt  an  der  Narbe  -  das  Weib 
bekampft  den  Kummer  selten  und  iiberlebt  ihn  doch.  -  »Bleibe 
hier«  (sagt*  er  mit  uberwaltigter  Stimme)  -  »ich  will  es  zur 
Ruhe  legen,  eh  der  Mond  aufgeht.«  Sie  sagte  nichts,  kliBte  es 
stumm,  zerbrockelte  seinen  Blumenring,  sank  an  die  Sonnenuhr  30 
und  legte  das  kalte  Angesicht  auf  den  Arm,  um  das  Wegtragen 
des  Kindes  nicht  zu  sehen. 

Unterweges  erhellete  das  Morgenrot  des  Mondes  den  wanken- 
den  Saugling;  der  Vater  sagte:  »Brich  herauf,  Mond,  damit  ich 
das  Land  sehe,  wo  Er  wohnet.  -  Steig  empor,  Elysium,  damit  ich 
mir  darin  die  Seele  der  Leiche  denke  -  o  Kind,  Kind,  kennst  du 


DER  MOND  57 

mich,  horst  du  mich  -  ach  hast  du  droben  ein  so  schones  Ange- 
sicht  wie  deines  da,  einen  so  schonen  Mund  -  o  du  himmlischer 
Mund,  du  himmlisches  Auge,  kein  Geist  zieht  mehr  in  dich.«  - 
Er  bettete  dem  Kinde  statt  alles  dessen,  worauf  man  uns  zum 
letzten  Male  legt,  Blumen  unter;  aber  sein  Herz  brach,  als  er  die 
blassen  Lippen,  die  offnen  Augen  mit  Blumen  und  mit  Erde  uber- 
deckte,  und  ein  Strom  von  Tranen  fiel  zuerst  ins  Grab.  Als  er 
mit  der  grunenden  Rinde  der  Erdschollen  die  kleine  Erhebung 
iiberbauet  hatte :  fuhlte  er,  daB  er  von  der  Reise  und  dem  Leber* 

io  miide  sei  und  daB  in  der  diinnen  Bergluft  seine  kranke  Brust  ein- 
falle;  und  das  Eis  des  Todes  setzte  sich  in  seinem  Herzen  an.  Er 
blickte  sich  sehnend  nach  der  verarmten  Mutter  um  -  diese  hatte 
schon  lange  hinter  ihm  gezittert  — ,  und  sie  fielen  einander  schwei- 
gend  in  die  Arme,  und  ihre  Augen  konnten  kaum  mehr  weinen.  - 
Endlich  quoll  hinter.einem  ausglimmenden  Gletscher  der  ver- 
klarte  Mond  einsam  uber  die  zwei  stummen  Ungliicklichen  her- 
auf  und  zeigte  ihnen  seine  weiBen  unbestiirmten  Auen  und  sein 
Dammerlicht,  womit  er  den  Menschen  besanftigt.  -  »Mutter !  blick 
auf,«  (sagte  Eugenius)  »dort  ist  dein  Sohn  -  sieh,  dort  uber  den 

20  Mond  gehen  die  weiBen  Bliitenhaine  hin,  in  denen  unser  Kind 
spielen  wird.«  -  Jetzt  fullete  ein  brennendes  Feuer  verzehrend 
sein  Inneres  -  sein  Auge  erblindete  am  Monde  gegen  alles,  was 
kein  Licht  war,  und  im  Lichtstrome  walleten  erhabene  Gestalten 
vor  ihm  voruber,  und  neue  Gedanken,  die  im  Menschen  nicht 
einheimisch  sind  und  die  fur  die  Erinnerung  iu  groft '  sind,  horte  er 
in  seiner  Seele,  wie  im  Traume  oft  Melodien  vor  den  Menschen 
kommen,  der  im  Wachen  keine  schaffen  kann.  —  Der  Tod  und 
die  Wonne  driickten  seine  schwere  Zunge:  »Rosamunde,  warum 
sagst  du  nichts?  -  Siehst  du  dein  Kind?  Ich  schaue  hiniiber  uber 

30  die  lange  Erde,  bis  dahin,  wo  der  Mond  angeht:  da  flieget  mein 
Sohn  zwischen  Engeln.  Hohe  Blumen  wiegen  ihn  -  der  Erden- 
Friihling  weht  iiber  ihn  -  Kinder  fiihren  ihn  -  Engel  lehren  ihn  - 
Gott  liebt  ihn  -  O  du  Guter,  du  lachelst  ja,  das  Silberlicht  des 
Paradieses  flieBet  ja  himmlisch  um  deinen  kleinen  Mund,  und  du 
kennst  niemand  und  rufest  deine  Eltern  -  Rosamunde,  gib  mir 
deine  Hand,  wir  wollen  kommen  und  sterben.«  — 


58  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Die  diinnen  Korperfesseln  wurden  langer.  Sein  ziehender  Geist 
flatterte  hoher  an  den  Grenzen  des  Lebens.  Er  fassete  die  Betaubte 
mit  zuckender  Kraft  und  lallete  erblindend  und  sinkend:  »Rosa- 
munde,  wo  bist  du?  Ich  fiiege  -  ich  sterbe  -  wir  bleiben  beisam- 
men.« 

Sein  Herz  zerriB,  sein  Geist  entflog.  Aber  Rosamunde  blieb 
nicht  bei  ihm,  sondern  das  Schicksal  riB  sie  aus  der  sterbenden 
Hand  und  warf  sie  lebendig  auf  die  Erde  zuriick.  Sie  fiihlte  seine 
Hand  an,  ob  sie  totenkalt  sei :  und  da  sie  es  war,  so  legte  sie  sie 
sanft  auf  ihr  Herz,  fiel  langsam  auf  ihre  brechenden  Knie,  hob  j 
ihr  Angesicht  unaussprechlich  ausgeheitert  gegen  die  Sternen- 
nacht  hinauf,  ihre  Augen  drangen  aus  den  tranenleeren  Hohlen 
trocken,  groB  und  selig  in  den  Himmel  und  schaueten  darin  ruhig 
nach  einer  uberirdischen  Gestalt  umher,  die  herunterfliegen  und 
sie  emportragen  werde.  Sie  wahnte  fest,  sie  sterbe  sogleich,  und 
betete :  »Komm  nun,  Engel  der  Ruhe,  komm  und  nimm  mein  Herz 
und  bring  es  meinen  Geliebten  hinauf-  Engel  der  Ruhe,  laB  mich 
nicht  so  lange  allein  unter  den  Leichen  -  o  Gott !  ist  denn  nichts 
Unsichtbares  um  mich  ?  -  Engel  des  Todes,  du  muBt  hier  sein,  du 
hast  ja  erst  neben  mir  zwei  Seelen  abgerissen  und  steigen  lassen.  -  2 
Ich  bin  auch  gestorben,  ziehe  nur  meine  gliihende  Seele  aus  ihrem 
knienden  kalten  Leichnamlu  — 

Sie  blickte  mit  einer  wahnsinnigen  Unruhe  im  leeren  Himmel 
herum.  Plotzlich  entbrannte  in  seiner  stillen  Wiiste  ein  Stern  und 
schlangelte  sich  gegen  die  Erde  zu.  Sie  breitete  ihre  entziickten 
Arme  aus  und  glaubte,  der  Engel  der  Ruhe  schwinge  sich  hinein. 
Ach  der  Stern  verging,  aber  sie  nicht.  »Noch  nicht?  Sterb'  ich 
noch  nicht,  Allgutiger?«  -  seufzete  die  Arme. 

In  Osten  richtete  sich  eine  Wolke  empor  -  fuhr  iiber  den  Mond 
hinauf  und  zog  einsam  am  heitern  Himmel  heran  -  und  stand  3 
iiber  der  gequaltesten  Brust  der  Erde.  Diese  bog  das  Haupt  zuriick 
und  zu  ihr  hinauf  und  bat  flehend  den  Blitz:  »Schlag  ein  in  diese 
Brust  und  erlose  mein  Herz!«  -  Aber  als  die  Wolke  finster  iiber 
das  zuriickgedriickte  Haupt  hiniiberging  und  den  Himmel  hin- 
unterfloh  und  hinter  den  Gebirgen  versank:  so  rief  sie  mit  tau- 
send  Tranen:  »Sterb*  ich  nicht,  sterb*  ich  nicht ?«  ... 


DER  MOND  59 

Du  Arme!  nun  rollte  sich  der  Schmerz  zusammen  und  tat  den 
erziirnten  Schlangensprung  an  deme  Brust  und  druckte  alle  seine 
Giftzahne  hinein.  Aber  ein  weinender  Geist  goB  das  Opium  der 
Ohnmacht  iiber  dein  Herz,  und  die  Krampfe  der  Pein  zerflossen 
in  ein  sanftes  Zucken. 

Ach  sie  erwachte  am  Morgen,  aber  zerriittet;  sie  sah  noch  die 
Sonne  und  den  Toten,  aber  ihr  Auge  hatte  alle  Tranen,  ihr  zer- 
sprungenes  Herz  gleich  einer  zerborstenen  Glocke  alle  Tone  ver- 
loren:  sie  murmelte  bloB:  »Warum  darf  ich  nicht  sterben?«  -  Sie 

10  ging  kalt  in  die  Hiitte  zuriick  und  sagte  nichts  weiter  als  diese 
Worte.  Jede  Nacht  ging  sie  eine  halbe  Stunde  spater  zum  Leich- 
nam  und  traf  jedesmal  mit  dem  aufgehenden  zerstiickten  Monde 
zusammen  und  sagte,  indem  sie  ohne  Tranen  das  Trauerauge  an 
seine  Dammerungsauen  andriickte :  »Warum  darf  ich  nicht  ster- 
ben?« 

Jawohl !  warum  darfst  du  es  nicht,  gute  Seele,  da  die  kalte  Erde 
aus  alien  deinen  Wunden  den  heiBen  Gift  ausgesogen  hatte,  womit 
das  Menschenherz  unter  sie  geleget  wird,  wie  die  Hand  in  der 
Erde  vom  Bienenstich  geneset?  Aber  ich  wende  mein  Auge  weg 

20  von  diesem  Schmerz  und  sehe  hinauf  auf  den  schimmernden 
Mond,  wo  Eugenius  die  Augen  aufschlagt  unter  lachelnden  Kin- 

dern,  und  sein  eignes  fallet  geflugelt  auf  seiri  Herz Wie  1st 

alles  so  still  im  dammernden  Vorhof  der  zweiten  Welt  -  ein  Ne- 
belregen  von  Licht  ubersilbert  die  hellen  Gefilde  des  ersten  Him- 
mels,  und  Lichtkugelchen  hangen  statt  des  funkelnden  Taues  um 
Bluten  und  Gipfel  -  das  Blau  des  Himmels1  blahet  sich  dunkler 
uber  die  Lilien-Ebenen,  alle  Melodien  sind  in  den  dunnern  Liiften 
nur  zerflossene  Echo  -  nur  Nachtblumen  duften  und  gaukeln 
wankend  um  ruhige  Blicke  —  die  schwankenden  Ebenen  wiegen 

30  die  hier  zerstoBenen  Seelen,  und  die  hohen  Lebenswogen  fallen 
gleitend  auseinander  -  da  ruht  das  Herz,  da  trocknet  das  Auge,  da 
verstummet  der  Wunsch  -  Kinder  flattern  wie  Bienengetone  um 
die  noch  pochende,  in  Blumen  eingesenkte  Brust,  und  der  Traum 
nach  dem  Tode  spielet  das  Erdenleben,  wie  ein  hiesiger  Traum 

1  Die  blaue  Farbe  der  Luft  mufl  im  Monde  dunkler  sein,  weil  diese  diinner 
ist,  so  wie  beides  auf  Bergen  zutriflt. 


60  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

die  hiesige  Kindheit,  magisch,  stillend,  kummerfrei  und  gemil- 
dert  nach  — 

Eugenius  blickte  aus  dem  Monde  nach  der  Erde,  die  an  dem 
langen  Mondstag  aus  zwei  Erdenwochen  wie  eine  weiBe  dtinne 
Wolke  im  blauen  Himmel  schwebte;  aber  er  erkannte  sein  altes 
Mutterland  nicht.  Endlich  ging  auf  dem  Monde  die  Sonne  unter, 
und  unsere  Erde  ruhte  unbeweglich,  groB  und  schimmernd  am 
reinen  Horizont  des  Elysiums  und  iibergoB  wie  das  Wasserrad 
einer  Aue  den  wehenden  elysischen  Garten  mit  flieBendem  Schim- 
mer.  Da  erkannte  er  die  Erde,  auf  der  er  in  einer  so  geliebteh  Brust  10 
ein  so  bekummertes  Herz  zuriickgelassen,  und  seine  in  Wonne 
ruhende  Seele  wurde  voll  Wehmut  und  voll  unendlicher  Sehn- 
sucht  nach  der  Geliebten  des  alten  Lebens,  die  noch  drunten  litt.  - 
»0,  meine  Rosamunde!  warum  ziehest  du  nicht  aus  einer  Kugel 
fort,  wo  dich  nichts  mehr  liebt?«  und  er  blickte  bittend  den  Engel 
der  Ruhe  an  und  sagte:  »Geliebter!  nimm  mich  aus  dem  Lande 
der  Ruhe  und  fiihre  mich  hinab  zu  der  treuen  Seele,  damit  ich  sie 
sehe  und  wieder  Schmerzen  habe,  damit  sie  nicht  allein  sich 
quale.« 

Da  fing  plotzlich  sein  Herz  gleichsam  ohne  Banden  zu  schwim-  20 
men  an  -  Lufte  flatterten  um  ihn,  als  wenn  sie  ihn  im  Fliehen 
hoben  und  ihn  schwellend  verwehten  und  in  Fluten  verhullten  - 
er  sank  durch  Abendroten  wie  durch  Blumen,  und  durch  Nachte 
wie  durch  Lauben,  und  durch  einen  nassen  Dunstkreis,  und  sein 
Auge  wurde  darin  voll  Tropfen  -  dann  lispelte  es  um  ihn,  als 
kamen  alte  Traume  aus  der  Kindheit  wieder  -  dann  zog  eine 
Klage  aus  der  Feme  naher,  die  alle  seine  geschlossenen  Wunden 
aufschnitt  -  die  Klage  wurde  Rosamundens  Stimme  -  endlich 
stand  sie  selber  vor  ihm,  unkenntlich,  allein,  ohne  Trost,  ohne 
Trane,  ohne  Farbe 30 

Und  Rosamunde  traumte  auf  der  Erde,  und  ihr  war,  als  wenn 
die  Sonne  sich  befliigle  und  ein  Engel  werde  -  und  der  Engel, 
traumte  ihr,  ziehe  den  Mond  hernieder,  der  ein  sanftes  Angesicht 
werde  -  und  unter  dem  annahernden  Angesicht  bilde  sich  endlich 

ein  Herz Es  war  Eugenius;  und  seine  Geliebte  hob  sich  ent- 

gegen,  und  als  sie  entziickt  ausrief:»Nun  bin  ich  gestorben!«  ver- 


DER  MOND  6l 

schwanden  die  zwei  Traume,  der  ihrige  unci  der  seiriige,  und  die 
zwei  Menschen  waren  wieder  getrennt. 

Eugenius  erwachte  droben,  die  schimmernde  Erde  stand  noch 
am  Himmel,  sein  Herz  war  beklommen,  sein  Auge  erhkzt  von 
einer  Trane,  die  nicht  auf  den  Mond  gefallen  war.  Rosamunde 
erwachte  unten,  und  ein  groBer  warmer  Tautropfen  hing  in  einer 
Blume  ihres  Busens  -  da  fiel  der  heiBe  Nebel  ihrer  Seele  in  einem 
leisen  Tranenregen  nieder,  ihr  Inneres  wurde  leicht  und  sonnen- 
hell,  ihr  Auge  hing  sanft  am  tagenden  Himmel,  die  Erde  war  ihr 

10  fremd,  aber  nicht  verhaBt,  und  ihre  beiden  Hande  bewegten  sich, 

als  fuhrten  sie  die,  die  ihr  gestorben  waren 

Der  Engel  der  Ruhe  sah  auf  den  Mond,  er  sah  auf  die  Erde  und 
wurde  weich  uber  die  Seufzer  der  Menschen.  -  Er  sah  auf  der 
Morgenerde  eine  Sonnenfinsternis  und  eine  Verlassene,  er  sah  Ro- 
samunden  in  der  voriiberfliegenden  Nacht  auf  die  Blumen,  die 
unter  der  Verfinsterung  einschliefen,  und  in  den  kalten  Abendtau, 
der  in  den  Morgentau  fiel,  umsinken  und  die  Hande  ausstrecken 
gegen  den  eingeschatteten  Himmel  voll  Ziehen  der  Nacht  vogel  und 
mit  unendlichem  Sehnen  auf  blicken  zum  Monde,  der  bebend  in  der 

20  Sonne  schwebte.  -  Der  Engel  sah  auf  den  Mond,  und  neben  ihm 
weinte  der  Selige,  der  die  Erde  tief  unter  einer  Schattenflut  schwim- 
mend  und  in  einen  Feuerring  geschmiedet  erblickte,  und  dem  die 
wimmernde  Gestalt,  die  noch  auf  ihr  wohnte,  die  ganze  Seligkeit 
des  Himmels  nahm.  -  Da  brach  dem  Engel  des  Friedens  das 
himmlische  Herz  -  er  ergrifT  Eugenius*  Hand  und  des  Kindes 
seine  -  riB  beide  durch  die  zweite  Welt  und  trug  sie  auf  die  fin- 
stere  Erde  herab.  -  Rosamunde  sah  im  Dunkel  drei  Gestalten 
wandeln,  deren  Schimmer  an  den  Sternenhimmel  anschlug  und 
oben  mit  ihnen  ging  -  ihr  Geliebter  und  ihr  Kind  flogen  wie 

30  Friihlinge  an  ihr  Herz  und  sagten  eilend:  »0  Teuere,  geh  mit 
uns!«-Ihr  Mutterherz  zersprang  vorMutterliebe-das  Erdenblut 
stockte  -  ihr  Leben  war  aus  -  selig,  selig  stammelte  sie  an  den 
zwei  geliebten  Herzen:  »Darf  ich  denn  noch  nicht  sterben?«  - 
»Du  bist  schon  gestorben,«  sagte  der  freudig  weinende  Engel  der 
drei  Liebenden,  »und  dort  steht  die  Erdkugel,  aus  der  du  kom- 
mest,  noch  im  Schatten« . . .  Und  die  Wellen  der  Wonne  schlugen 


6z  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

hoch  iiber  die  selige  Welt  zusammen,  und  alle  Gliickliche  und  alle 
Kinder  sahen  unsere  Kugel  an,  die  noch  im  Schatten  zkterte. 


Ja  wohl  ist  sie  im  Schatten.  Aber  der  Mensch  ist  hoher  als  sein 
Ort:  er  sieht  empor  und  schlagt  die  Flligel  seiner  Seele  auf,  und 
wenn  die  sechzig  Minuten,  die  wir  sechzig  Jahre  nennen,  ausge- 
schlagen  haben:  so  erhebt  er  sich  und  entzlindet  sich  steigend, 
und  die  Asche  seines  Gefieders  fallet  zuriick,  und  die  enthiillte 
Seele  kommt  allein,  ohne  Erde  und  rein  wie  ein  Ton,  in  der  Hohe 
an  —  Hier  aber  sieht  er  mitten  im  verdunkelten  Leben  die  Ge- 
birge  der  kiinftigen  Welt  im  Morgengolde  einer  Sonne  stehen, 
die  hienieden  nicht  aufgeht:  so  erblickt  der  Einwohner  am  Nord- 
pol  in  der  Iangen  Nacht,  wo  keine  Sonne  mehr  aufsteigt,  doch 
urn  zwolf  Uhr  ein  vergiildendes  Morgenrot  an  den  hochsten  Ber- 
gen, und  er  denkt  an  seinen  Iangen  Sommer,  wo  sie  niemals  unter- 
geht. 


DES  QUINTUS  FIXLEIN 
LEBEN  BIS  AUF  UNSERE  ZE1TEN; 

in  funfzehn  Zettelkasten 


Erster  Zettelkasten 
Hundstagsferien  —  Visiten  —  eine  Hausnrme  von  Adel 

Egidius  Zebedaus  Fixlein  war  gerade  acht  Tage  wirklicher  Quin- 
tus  gewesen  und  hatte  sich  warm  dozieret,  als  das  Gliick  ihm  vier 
erquickende,  mit  Blumen  und  Streuzucker  uberschuttete  Kolla- 
tionen  und  Gange  auf  den  EBtisch  setzte:  es  waren  die  vier  Kani- 
kularwochen.  Ich  mochte  noch  den  Totenkopf  des  guten  Mannes 
strekheln,  der  die  Hundsferien  erfand;  ich  kann  nie  in  ihnen  spa- 
zieren  gehen,  ohne-zu  denken :  jetzt  richten  sich  im  Freien  tausend 

to  gekriimmte  Schulleute  empor,  und  der  harte  Ranzeh  liegt  abge- 
schnallet  zu  ihren  FiiBen,  und  sie  konnen  doch  suchen,  was  ihre 
Seele  lieb  hat,  Schmetterlinge  -  oder  Wurzeln  von  Zahlen  -  oder 
die  von  Worten  -  oder  Krauter  -  oder  ihre  Geburtsdorfer. 

Seines  suchte  unser  Fixlein.  Er  riickte  aber  erst  am  Sonntage  - 
denn  man  will  auch  wissen,  wie  Fenen  in  der  Stadt  schmecken  - 
mit  seinem  Pudel  und  einem  Quintaner,  der  seinen  griinen  Schlaf- 
rock  trug,  aus  dem  Stadttor  aus:  es  tauete  noch,  und  als  er  schon 
hinter  den  Garten  lief,  stieBen  erst  die  Waisenhauskinder  mit 
einem  Morgenliede  in  die  Kehlen  aus  Trompetentextur.  Die  Stadt 

20  hieB  Flachsenfingen,  das  Dorf  Hukelum^  der  Hund  Schill  und  die 
Jahrszahl  1791. 

»Mannlein,«  (sagt*  er  zum  Quintaner;  denn  er  redete  gern  wie 
die  Liebe,  die  Kinder  und  die  Wiener  in  Diminutiven)  »Mannlein, 
gib  mir  den  Bundel  her  bis  ans  Dorf-  lauf  dich  aus  und  suche  dir 
einen  kleinen  Vogel,  wie  du  bist,  damit  du  was  zu  atzen  hast  unter 
den  Ferien.«  -  Denn  das  Mannlein  war  zugleich  sein  Edelknabe  - 
Zimmerfrotteur  -  Stubenkamerad  -  Gesellschaftkavalier  und 
Laufmadchen;  und  der  Pudel  war  zugleich  sein  Mannlein. 
Er  schritt  langsam  fort  durch  die  mit  kouleurten  Tau-Glas- 

30  kugelchen  vollgehangenen,  gekrauselten  fCohlbeete  und  sah  den 


66  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Gebiischen  zu,  aus  denen,  wenn  sie  der  Morgenwind  auseinander- 
zog,  ein  Flug  Juwelenkolibri  aufzusteigen  schien,  so  funkelten 
sie.  Er  zog  von  Zeit  zu  Zeit  die  Klingschnur  des  -  Pfeifens,  damit 
sich  der  Kleine  nicht  versprange,  und  kiirzte  sich  seine  andert- 
halbe  Stunden  dadurch  ab,  daB  er  den  Weg  nicht  nach  ihnen, 
sondern  nach  Dorfern  ausmaB.  Es  ist  angenehmer  fiir  den  FuB- 
ganger  —  fiir  den  Geographen  gar  nicht  — ,  nach  Wersten  als  nach 
Meilen  zu  rechnen.  Unterweges  lernte  der  Quintus  die  wenigen 
Felder  auswendig,  worauf  schon  geschnitten  war.  - 

Aber  jetzt  streife  noch  langsamer,  Fixlein,  durch  den  Herr-  io 
schaftsgarten  von  Hukelum,  nicht  etwa  deswegen,  damit  du  mit 
deinem  Rocke  keine  Tulpenstaubfaden  abburstest,  sondern  damit 
deine  gute  Mutter  nur  so  viel  Zeit  gewinne,  um  ihre  Amorsbinde 
von  schwarzem  Taft  um  die  glatte  Stirn  zu  legen.  Es  argert  mich, 
daB  es  der  guten  Frau  die  Leserinnen  iibelnehmen,  daB  sie  die 
Binde  erst  platten  will:  sie  miissen  nicht  wissen,  daB  sie  keine 
Magd  hat  und  daB  sie  heute  das  ganze  Meisteressen  -  die  Geld- 
prastationen  dazu  hatte  der  Gast  drei  Tage  vorher  ubermacht  — 
allein,  ohne  eine  Erbkiichenmeisterin  beschicken  muBte.  Und 
iiberhaupt  tragt  der  dritte  Stand  (sie  war  eine  Kunstgartnerin)  20 
allemal  wie  ein  Rebhuhn  die  Schalen  des  Werkeltags-Eies,  aus 
dem  er  sich  hackt,  noch  unter  der  Vormittagskirche  am  SteiBe 
herum. 

Man  kann  sich  denken,  wie  die  herzensgute  Mutter  den  ganzen 
Morgen  auf  ihren  Schulherrn  mag  gelauert  haben,  den  sie  Hebte 
wie  ihren  Augapfel,  da  sie  auf  der  ganzen  vollen  Erde  niemand 
weiter  -  Mann  und  erster  Sohn  waren  gestorben  -  fiir  ihre  in 
Liebe  iiberquellende  Seele  hatte,  niemand  weiter  als  ihren  Zebe- 
daus.  Konnte  sie  jemals  irgend  etwas  von  ihm  erzahlen,  ich  meine 
nur  etwas  Freudiges,  ohne  zehnmal  die  Augen  abzuwischen?  3o 
Verschnitt  sie  nicht  einmal  ihren  einzigen  Kirmeskuchen  an  zwei 
Bettelstudenten,  weil  sie  dachte,  Gott  strafe  sie,  daB  sie  so 
schmause,  indes  ihr  Kind  in  Leipzig  nichts  zu  beiBen  habe  und  an 
den  Kuchengarten  nur  wie  an  andere  Garten  rieche? 

»Tausend!  Du  bists  schon,  Zebedaus!«-  sagte  die  Mutter  und 
lachelte  verlegen,  um  nicht  zu  weinen,  als  der  Sohn,  der  sich  unter 


ERSTER  ZETTELKASTEN  6j 

dem  Fenster  weggeduckt  und  an  die  mit  Grummet  gepolsterte 
Tiir  nicht  angeklopft  hatte,  plotzlich  eingetreten  war.  Sie  konnte 
vor  Vergniigen  den  Plattstein  nicht  in  die  Platte  schutteln,  da  der 
vornehme  Schulmann  sie  unter  dem  lauten  Sieden  des  Bratens 
zartlich  auf  die  nackte  Stirn  kiifite  und  gar  Mama  sagte  -  welcher 
Name  sich  an  sie  so  weich  anlegte  wie  ein  Herzkissen.  Alle  Fen- 
ster waren  offen,  und  der  Garten  war  mit  seinem  Blumenrauche 
und  Vogelgeschrei  und  Schmetterlingssammlungen  fast  halb  in 
der  Stube:  ich  werde  aber  noch  nicht  berichtet  haben,  daB  das 

io  kleine  Gartnerhauschen,  das  mehr  eine  Stube  als  ein  Haus  war,  in 
der  westlichen  Landspitze  des  SchloBgartens  belegen  war.  Der 
Edelmann  lieB  die  Witwe  aus  Gnaden  diesen  Witwensitz  behal- 
ten,  weil  der  Skz  ohnehin  leer  gestanden  ware,  da  er  keinen  Gart- 
ner mehr  hielt. 

Fixlein  konnt'  aber  trotz  der  Freude  nicht  lange  bleiben,  weil 
er  in  die  Kirche  muBte,  die  fur  seinen  geistigen  Magen  eine  Hof- 
kiiche,  eine  mutterliche  war.  Ihm  geflel  eine  Predigt,  bloB  weil  sie 
eine  Predigt  war  und  weil  er  schon  eine  gehalten  hatte.  Der  Mut- 
ter wars  recht:  die  guten  Weiber  glauben  schon  die  Gaste  zu 

20  genieBen,  wenn  sie  ihnen  nur  zu  geniefien  geben. 

Er  lachelte  im  Chore,  diesem  Freihafen  und  Heidenvorhof  aus- 
landischer  Kirchenganger,  alle  imparochierte  an  und  schauete  wie 
in  seiner  Kindheit  unter  dem  Holzfittich  eines  Erzengels  herab 
auf  das  gehaubte  Parterre.  Seine  Kinderjahre  schlossen  ihn  jetzt 
wie  Kinder  in  ihren  lachelnden  Kreis,  und  eine  lange  Girlande 
durchflocht  sie  ringelnd,  und  sie  rupften  zuweilen  Blumen  daraus, 
urn  sie  ihm  ins  Gesicht  zu  werfen:  stand  nicht  auf  dem  Kanzel- 
ParnaB  der  alte  Senior  Astmann^  der  ihn  so  oft  gepriigelt  hatte, 
*weil  er  bei  ihm  das  Griechische  aus  einer  lateinischedierten  Gram- 

30  matik  schopfen  muBte,  die  er  nicht  exponieren,  obwohl  merken 
konnte?  Stand  nicht  hinter  der  Kanzeltreppe  die  Sakristei-Kajiite, 
worin  eine  Kirchenbibliothek  von  Bedeutung  -  ein  Schulknabe 
hatte  sie  gar  nicht  in  seinen  Bucherriemen  schnallen  konnen  - 
unter  dem  Grauwerk  von  Pastell-Staub  eigentlich  lag?  und  be- 
stand  sie  nicht  noch  aus  der  Polyglotta  in  Folio,  die  er  -  ange- 
frischt  durch  Pfeiffers  critica  sacra  -  in  friihern  Jahren  Blatt  fiir 


68  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Blatt  umgeschlagen  hatte,  um  daraus  die  Iitteras  inversas,  majus- 
culas,  minusculas  etc.  mit  der  groBten  Miihe  zu  exzerpieren?  Er 
hatt*  aber  heute  lieber  als  morgen  dieses  Buchstaben-Rauchfutter 
in  einen  hebraischen  Schriftkasten  werfen  sollen,  an  den  die  orien- 
talischen  Rhizophagen  gehangen  sind,  da  sie  ohnehin  fast  ohne 
alles  Vokalen-Hartfutter  erhalten  werden.  -  Stand  nicht  neben 
ihm  der  Orgelstuhl  als  der  Thron,  auf  den  ihn  allemal  an  Apostel- 
tagen  der  Schulmeister  durch  drei  Winke  gesetzt  hatte,  damit  er 
durch  ein  platscherndes  Murki  den  Kirchensprengel  tanzend  die 
Treppen  niederfuhrte  ? 10 

Die  Leser  werden  selber  immer  lustiger  werden,  wenn  sie  jetzt 
horen,  daB  unser  Quintus  vom  Senior,  dem  geistlichen  Ortskur- 
fiirsten,  unter  dem  Ausschiitten  des  Klingelbeutels  invitiert  wird 
auf  Nachmittag ;  und  es  wird  ihnen  so  lieb  sein,  als  invitierte  der 
Senior  sie  selber.  Was  werden  sie  aber  erst  sagen,  wenn  sie  mit 
dem  Quintus  zur  Mutter  und  zum  EBtisch,  die  beide  schon  den 
weiflen  gewiirfelten  Sonntagsanzug  umhaben,  nach  Hause  kom- 
men  und  den  groBen  Kuchen  erblicken,  den  Fraulein  Thiennette 
(Stephanie)  von  der  Backscheibe  laufen  lassen?  Sie  werden  aber 
freilich  zuallererst  wissen  wollen,  wer  die  ist.  20 

Sie  ist  -  denn  wenn  man  (nach  Lessing)  eben  uber  die  Vor- 
trefflichkeit  der  Iliade  die  Personalien  ihres  Verfassers  vernach- 
lassigte:  so  mag  das  wohl  auf  das  Schicksal  mehrerer  Verfasser, 
z.  B.  auf  mein  eignes  passen;  aber  die  Verfasserin  des  Kuchens 
soil  uber  ihr  Backwerk  nicht  vergessen  werden  -  Thiennette'ist, 
ein  hausarmes,  insolventes  Fraulein  -  hat  nicht  viel,  ausgenom- 
men  Jahre,  deren  sie  fiinfundzwanzig  hat  -  besitzt  keine  nahen 
Anverwandten  mehr  -  hat  keine  Kenntnisse  (da  sie  nicht  einmal 
den  Werther  aus  Biichern  kennt)  als  okonomische  -  lieset  keine 
Biicher,  meine  gar  nicht  -  bewohnt;  d.  h.  bewacht  als  SchloB-  30 
hauptmannin  ganz  allein  die  dreizehn  oden  erledigten  Zimmerdes 
Schlosses  zu  Hukelum,  das  dem  im  Filial  Schadeck  seBhaften 
Dragonerrittmeister  Auf  hammer  zugehoret  -  kommandieret  und 
bekostigt  seine  Froner  und  Magde  und  kann  sich  von  Gottes 
Gnaden  -  welches  im  dreizehnten  Jahrhunderte  die  landsassigen 
Edelleute  so  gut  wie  die  Fiirsten  taten  -  schreiben,  weil  sie  von 


ERSTER  ZETTELKASTEN  69 

menschlicher  Gnade  lebt,  wenigstens  von  der  adeligen  der  Ritt- 
meisterin,  die  allemal  die  Untertanen  segnet,  denen  ihr  Mann 
flucht.  -  Aber  in  der  Brust  der  verwaiseten  Thiennette  hing  ein 
verzuckertes  Marzipanherz,  das  man  vor  Liebe  hatte  fressen  mo- 
gen  -  ihr  Schicksal  war  hart,  aber  ihre  Seele  weich  -  sie  war  be- 
scheiden,  hoflich  und  furchtsam,  aber  zu  sehr  -  sie  nahm  schnei- 
dende  Demiitigungen  gern  und  kalt  in  Schadeck  auf  und  fuhlte 
keinen  Schmerz,  aber  einige  Tage  darauf  sann  sie  sich  erst  alles 
aus,  und  die  Einschnitte  fingen  heifl  an  zu  bluten,  wie  Verwun- 

10  dungen  in  der  Starrsucht  erst  nach  dem  Voriibergang  der  letztern 

schmerzen,  und  sie  weinte  dann  ganz  allein  iiber  ihr  Los 

Es  wird  mir  schwer,  wieder  einen  hellen  Klang  zu  geben  nach 
diesem  tiefen  und  hinzuzufugen,  daB  Fixlein  fast  mit  ihr  aufer- 
zogen  wurde  und  daB  sie,  als  seine  Schul-Moitistin  driiben  beim 
Senior,  da  er  ihn  fur  die  Stadtebank  der  Tertianer  stimmfahig 
machte,  mit  ihm  die  verba  anomala  erlernte. 

Das  Achilles-Schild  des  Kuchens,  den  ein  erhobnes  Bildwerk  von 
braunen  Schuppen  auszackte,  ging  im  Quintus  als  ein  Schwung- 
rad  hungriger  und  dankbarer  Ideen  um:  er  hatte  von  jener  Philo- 

20  sophie,  die  das  Essen  verachtet,  und  von  jener  groBen  Welt,  die 
es  verschleudert,  nicht  so  viel  bei  sich,  als  zur  Undankbarkeit  der 
Weltweisen  und  Weltleute  gehort,  sondern  er  konnte  sich  fur  eine 
Schlachtschussel,  fiir  ein  Linsengericht  gar  nicht  satt  bedanken. 

Unschuldig  und  zufrieden  beging  jetzt  die  viersitzige  Tisch- 
genossenschaft  -  denn  der  Hund  kann  mit  seinem  Couvert  unter 
dem  Ofen  nicht  ausgelassen  werden  -  das  Fest  der  siiBen  Brote, 
das  Dankfest  gegen  Thiennette,  das  Laubhiittenfest  im  Garten. 
Man  sollte  sich  freilich  wundern,  wie  ein  Mensch  mit  einigem 
Vergntigen  essen  konne,  ohne  wie  der  Konig  in  Frankreich  448 

30  Menschen  (161  gargons  de  la  Maison-bouche  zahl*  ich  gar  nicht) 
in  der  Kiiche,  ohne  eine  Fruiterie  von  31  Kerls,  oder  eine  Mund- 
backerei  von  23  Ditos  und  ohne  den  taglichen  Aufwand  von  387 
Livres  21  Sous  zu  haben.  Inzwischen  ist  mir  eine  kochende  Mutter 
so  lieb  wie  ein  ganzer  mich  mehr  fressender  als  fiitternder  Kii- 
chen-Hofstaat.  Der  kostliche  Abhub,  den  der  Biograph  und  die 
Welt  von  einer  solchen  Tafel  nehmen  diirfen,  ist  eine  und  die 


70  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

andere  Tischrede  von  Erhebiichkeit.  Die  Mutter  erzahlte  vieles. 
Thiennette  ziehet  heute  abends  -  hinterbringt  sie  -  zum  ersten 
Male  einen  Morgenpromenadehabit  von  weifier  Mousseline  an, 
desgleichen  einen  Atlasgiirtel  und  Stahlschild ;  es  wird  ihr  aber  - 
sagt  sie  -  nicht  lassen,  da  die  Rittmeisterin  (denn  diese  hing  an 
Thiennetten  ihre  abgeworfnen  Kleider,  wie  Katholiken  an  Schutz- 
heilige  abgelegte  Kriicken  und  Schaden)  dicker  sei.  GuteWeiber 
gonnen  einander  alles,  ausgenommen  Kleider,  Manner  und  Flachs. 
In  der  Phantasie  des  Quintus  wuchsen  Thiennetten  jetzt  durch 
die  Kleidung  Engelsschwingen  aus  den  Schulterblattern :  ihm  war  10 
ein  Kleid  ein  halber  ausgebalgter  Mensch,  dem  bloB  die  edlern 
Teile  und  die  ersten  Wege  fehlten;  er  verehrte  diese  Duten  und 
Hulsen  um  unsern  Kern,  nicht  als  Elegant  oder  als  Schonheits- 
Zensor,  sondern  weil  er  unmoglich  etwas  verachten  konnte,  was 
andere  verehrten.  —  Ferner  las  sie  ihm  gleichsam  aus  dem  Grab- 
stein  seines  Vaters  vor,  der  im  zweiunddreifiigsten  Jahre  seines 
Alters  dem  Tode  aus  einer  Ursache  in  die  Arme  gesunken  war, 
die  ich  erst  in  einem  spatern  Zettelkasten  bringe,  weil  ichs  zu  gut 
mit  dem  Leser  meine.  Man  konnte  dem  Quintus  nicht  genug  von 
seinem  Vater  erzahlen.  20 

Die  schonste  Nachricht  war,  daB  ihr  Fraulein  Thiennette  heute 
sagen  lassen :  »morgen  konn'  er  bei  der  gnadigen  Frau  vorkom- 
men,  denn  sein  gnadiger  Herr  Pat  fahre  in  die  Stadt.«  Das  muB 
ich  freilich  erst  klarmachen.  Der  alte  Aufhammer  hieB  Egi- 
dius  und  war  Fixleins  Pate;  aber  er  hatte  ihm  -  obwohl  die  Ritt- 
meisterin die  Wiege  des  Kindes  mit  nachtlichen  Brotspenden, 
Fleisch-  und  Sackzehenden  bedeck te  -  sparsam  mit  nichts  ande- 
rem  ein  Patengeschenk  gemacht  als  bloB  mit  seinem  Namen,  wel- 
ches gerade  das  Fatalste  war.  Unser  Egidius  Fixlein  war  namlich 
mit  seinem  Pudel,  der  wegen  der  franzosischen  Unruhen  mit  an-  3o 
dern  Emigranten  aus  Nantes  fortgelaufen  war,  nicht  lange  von 
Akademien  zuriick,  als  er  und  der  Hund  miteinander  ungluck- 
licherweise  im  Hukelumer  Waldchen  spazieren  gingen.  Denn  da 
der  Quintus  immer  zu  seinem  Begleiter  sagte:  »Kusch,  Schill 
(couche  Gilles)«,  so  wirds  wahrscheinlich  der  Teufel  gewesen 
sein,  der  den  von  Aufhammer  so  wie  Unkraut  zwischen  die  Bau- 


EHSTER  ZETTELKASTEN  7 1 

me  eingesaet  hatte,  daB  ihm  die  ganze  Travestierung  und  Wip- 
perei  seines  Namens  -  denn  Gilles  heiBt  Egidius  -  leichtlich  in  die 
Ohren  fallen  konnte.  Fixlein  konnte  weder  parlieren  noch  injuri- 
ieren,  er  wuBte  nicht  ein  Wort  davon,  was  couche  bedeute,  das 
jetzt  in  Paris  biirgerliche  Hunde  selber  zu  ihren  Valets  de  chiens 
sagen;  aber  von  Auf hammer  nahm  drei  Dinge  nie  zuruck,  seinen 
Irrtum,  seinen  Groll  und  sein  Wort.  Der  Provokat  setzte  sich  jetzt 
vor,  den  bjirgerlichen  Provokanten  und  Ehrendieb  nicht  mehr  zu 
sehen  und  zu  -  beschenken. 

io  Ich  komme  zuruck.  Nach  dem  Diner  guckte  ef  zum  Fenster- 
chen  hinaus  in  den  Garten  und  sah  seinen  Lebensweg  sich  in  vier 
Steige  spalten  zu  ebenso  vielen  Himmelfahrten :  zur  Himmelfahrt 
in  den  Pfarrhof  und  in  das  SchloB  zu  Thiennetten  -  auf  heute  - 
und  zur  dritten  nach  Schadeck  auf  morgen  und  in  alle  hukelumi- 
sche  Hauser  zur  vierten.  Als  nun  die  Mutter  lange  genug  frohlich 
auf  gespitzten  FuBen  herumgeschlichen  war,  um  ihn  nicht  im 
Studieren  seiner  lateinischen  Bibel  (vulgata)  zu  storen,  namlich  im 
Lesen  der  Literaturzeitung:  so  macht'  er  sich  endlich  auf  seine 
eignen,  und  die  demutige  Freude  der  Mutter  lief  dem  herzhaften 

20  Sohne  lange  hinterdrein,  der  sich  getrauete,  mit  einem  Senior 
ganz  wohlgemutet  zu  sprechen.  Gleichwohl  trat  er  mit  Ehrfurcht 
in  das  Haus  seines  alten,  mehr  grau-  als  kahlkopfigen  Lehrers,  der 
nicht  nur  die  Tugend  selber  war,  sondern  auch  der  Hunger;  denn 
er  aB  mehr  als  der  hochstselige  Konig.  Ein  Schulmann,  der  ein  Pro- 
fessor werden  will,  sieht  einen  Pastor  kaum  an;  einer  aber,  der 
selber  ein  Pfarrhaus  zu  seinem  Werk-  und  Gebarhaus  verlangt, 
weiB  den  Inwohner  zu  schatzen.  Die  neue  Pfarrwohnung  -  gleich- 
sam  als  ware  sie  wie  eine  casa  santa  aus  der  FriederichsstraBe  oder 
aus  Erlang  aufgeflogen  und  in  Hukelum  niedergefallen  —  war  fur 

3o  den  Quintus  ein  Sonnentempel  und  der  Senior  der  Sonnenprie- 
ster.  Pfarrer  da  zu  werden,  war  ein  mit  Lindenhonig  uberstrich- 
ner  Gedanke,  der  in  der  Geschichte  nur  noch  einmal  vorkommt, 
namlich  in  Hannibals  Kopf,  als  er  den  hatte,  iiber  die  Alpen  zu 
schreiten,  d.  h.  iiber  Roms  Turschwelle. 

Der  Wirt  und  der  Gast  formierten  ein  vortreffliches  bureau 
d'esprit:  Leute  in  Amtern,  zumal  in  ahnlichen,  haben  einander 


72  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

mehr  zu  sagen  -  namlich  ihre  eigne  Geschichte  -  als  die  mtiBigen 
Wonnemonds-Kafer  und  Hof-Seligen,  die  nur  eine  fremde  do- 
zieren  diirfen.  -  Der  Senior  kam  dann  von  seinen  eisernen  Stuk- 
ken  (im  Stalle)  auf  die  Aktenstiicke  seines  akademischen  Lebens, 
dessen  sich  solche  Leute  so  gern  wie  Dichter  der  Kindheit  er- 
innern.  So  gut  er  war,  so  dacht*  er  doch  halb  freudig  daran,  daB 
ers  einmal  weniger  gewesen ;  aber  frohe  Erinnerungen  fehlerhaf- 
ter  Handlungen  sind  ihre  halbe  Wiederholung,  so  wie  reuige  Er- 
innerungen der  guten  ihre  halbe  Aufhebung. 

Freundlich  und  hoflich  horchte  Zebedaus,  der  nicht  einmal  in  10 
seine  Schreibtafel  den  Namen  eines  vornehmen  Herrns  ohne  ein 
H.  eintrug,  den  akademischen  Flegeljahren  des  alten  Mannes  zu, 
der  in  Wittenberg  ebensooft  eingeschenkt  als  eingetunkt  und 
gleich  sehr  nach  der  Hippokrene  und  nach  Guckguck1  gedlirstet 
hatte.  - 

Jerusalem  bemerkt  schon,  daB  die  Barbarei,  die  oft  hart  hinter 
dem  buntesten  Flor  der  Wissenschaften  aufsteigt,  eine  Art  von 
starkendem  Schlammbad  sei  und  die  Oberverfeinerung  abwende, 
mit  der  jener  Flor  bedrohe.  Ich  glaube,  daB  einer,  der  erwagt,  wie 
weit  die  Wissenschaften  bei  dem  Primaner  steigen  -  vollends  bei  20 
einem  Patriziers-Sohn  aus  Nurnberg,  dem  die  Stadt  1000  fl.  zum 
Studieren  schenken  muB  -,  ich  glaube,  daB  ein  solcher  dem  Mu- 
sensohne  ein  gewisses  barbarisches  Mittelalter  (das  sogenannte 
Burschenleben)  gonnen  werde,  das  ihn  wieder  so  stahlet,  daB 
seine  Verfeinerung  nicht  tiber  die  Grenzen  geht.  Der  Senior  hatte 
in  Wittenberg  180  akademische  Freiheiten  -  so  viel  hat  deren 
Petrus  Rebuffus  aufsummiert*  -  gegen  Verjahrung  geschutzt  und 

1  Ein  Universitatsbier. 

8  Ich  will  nur  einige  diesem  Peter  nachschreiben,  die  sonst  beim  Auf  kei- 
men  der  Universitaten  alle  galten:  z.  B.  ein  Student  kann  den  Burger  zwin-  30 
gen,  ihm  Haus  und  Pferd  zu  vermieten;  -  ein  sogar  seinen  Verwandten  zu- 
gefiigter  Schade  wird  vierfach  ersetzt;  -  er  braucht  keine  schriftlichen  Befehle 
des  Papstes  zu  vollziehen;  -  die  Nachbarschaft  mufi  ihm  fur  das  haften,  was 
ihm  gestohlen  worden;  —  wenn  er  und  zugleich  ein  Nichtstudent  anstoBig 
lebten,  so  konnte  nur  der  letztere  aus  dem  Miethause  gewiesen  werden;  - 
ein  Doktor  muB  einen  armen  Studenten  nahren;  -  wenn  sein  Morder  nicht 
entdeckt  wird,  so  bleiben  die  nachsten  zehn  Hauser  unter  dem  Interdikt; 
seine  Legaten  werden  durch  die  falcidia  nicht  verkurzt  etc. 


ERSTER  ZETTELKASTEN  73 

keine  verloren  als  seine  moralische,  aus  der  ein  Mensch,  sogar  im 
Konvente,  nicht  viel  macht.  Dieses  gab  dem  Quintus  Mut,  seine 
lustigen  Reisesprunge  zu  referieren,  die  er  in  Leipzig  unter  dem 
Alpdriicken  der  Durftigkeit  machte.  Man  hore:  sein  Hauswirt, 
der  zugleich  Professor  und  Geizhalz  war,  bekostigte  in  dem  um- 
mauerten  Hofe  eine  ganze  Fasanerie  von  Huhnern.  Fixlein  samt 
einer  Mitbelehnschaft  von  drei  Stubengenossen  bestritten  den 
Mietzins  einer  Stube  leicht;  sie  hatten  iiberhaupt  wichtige  Dinge 
wie  Phonixe  nur  elnmal:  ein  Bene,  worin  allemal  das  eine  Paar 

10  Vormitternacht,  das  andere  Nachmitternacht  gleich  Nachtwach- 
tern  schlief  -  elnen  Rock,  in  dem  einer  um  den  andern  ausging 
und  der  wie  ein  Wachtrock  die  Nationalkleidung  der  Kompagnie 
war  -  und  mehrere  Einheiten  des  Interesse  und  des  Orts.  Nir- 
gends  sammelt  man  die  Not-  und  Belagerungsmiinzen  der  Ar- 
mut  lustiger  und  philosophischer  als  auf  der  Universitat:  der  aka- 
demische  Burger  tut  dar,  wie  viel  Humoristen  und  Diogenesse 
Deutschland  habe.  Unsere  Unitarier  hatten  nur  eine  Sache  vier- 
mal,  den  Hunger.  Der  Quintus  erzahlte  es  vielleicht  mit  einem  zu 
freudigen  GenuB  der  Erinnerung,  daB  einer  aus  diesem  darben- 

20  den  coro  ein  Mittel  ersann,  die  Hiihner  des  ordentlichen  Profes- 
sors wie  Abgaben  oder  Steuern  zu  erheben.  Er  sagte  (er  war  ein 
Jurist),  sie  sollten  einmal  die  juristische  Fiktion  aus  dem  Lehn- 
rechte  entlehnen,  daB  sie  den  Professor  fur  den  Erbzinsbauer,  dem 
ganz  die  NutznieBung  des  Hiihnerhofes  und  Hauses  zustehe,  sich 
aber  fur  die  Zinsherren  ansiihen,  denen  er  seine  Zinshuhner  or- 
dentlich  entrichten  miiBte.  Damit  nun  die  Fiktion  der  Naturfolgte, 
fuhr  er  fort  -  fictio  sequitur  naturam  -:  so  miaBten  sie  solche 
Fasnachtshuhner  ihm  wirklich  abfangen.  Aber  in  den  Hof  war 
nicht  zu  kommen.  Der  Feudalist  machte  sich  daher  eine  Angel, 

30  klebte  eine  Brotpille  an  den  Angelhaken  und  hielt  fischend  seine 
Angelrute  in  den  Hof  hinab.  In  wenig  Terzien  griff  der  Haken  in 
einen  Huhnerschlund,  und  die  angeohrte  Henne,  die  nun  mit  dem 
zinsherrlichen  Feudalisten  kommunizierte,  konnte  still,  wie  vom 
Archimedes  SchifTe,  in  die  Hohe  gezogen  werden  zur  hungrigen 
Luftfischerei-Sozietat,  wo  ihrer  nach  MaBgabe  der  Umstande  der 
rechte  Feudal-Name  und  Besitz-Titel  wartete:  denn  die  resor- 


74  LEBEN  DES  QJJINTUS  FIXLEIN 

bierten  Hiihner  muBten  bald  Rauchhuhner,  bald  Wald-,  Forst-, 
Vogtei-j  Pfingst-,  Sommerhennen  benannt  werden.  »Ich  fange 
damit  an,«  sagte  der  angelnde  Majoratsherr,  »daB  ich  Rutscher- 
linsen  erhebe;  denn  so  nennt  man  das  Tripel  und  Quintupel  des 
Zinses,  wenn  ihn  der  Zinsbauer,  wie  hier  der  Fall  ist,  lange  zu  er- 
legen  versaumet  hat.«  Der  Professor  bemerkte,  wie  ein  Furst, 
traurig  die  verminderte  Volksmenge  der  Hiihner,  die  wie  Juden 
am  Zahlen  starben.  Endlich  hatt'  er  das  Gliick,  als  er  sein  Kolle- 
gium  las  —  er  stand  gerade  beim  Forst-,  Sal^-  und  Mun^regal  -, 
durch  das  Fenster  des  Auditoriums  eine  wie  der  betende  Ignazius  10 
Loyola  oder  wie  die  gestrafte  Juno  mitten  in  die  Luft  fixierte 
Zinshenne  wahrzunehmen ;  -  er  ging  der  unbegreif  lichen  geraden 
Aszension  des  aronautischen  Tiers  nach  und  sah  endlich  oben 
denHebungsbedienten  mit  seinem  tierischen  Magnetismus  stehen, 

der  aus  dem  Huhnerhofe  die  Lose  zum  Essen  zog Er  machte 

aber  der  Htihnerbeize  wider  alles  Erwarten  noch  friiher  ein  Ende 
als  dem  Regal-Kollegio.  - 

Fixlein  schritt  nach  Hause  unter  dem  Abend-Trompeterstiick- 
chen  der  Turm-Schallocher  und  nahm  unterweges  hof  lich  vor  den 
leeren  Fenstern  des  Schlosses  den  Hut  ab :  vornehme  Hauser  wa-  20 
ren  ihm  so  viel  wie  vornehme  Leute,  wie  in  Indien  die  Pagode 
zugleich  den  Tempel  und  den  Gott  bedeutet.  Der  Mutter  brachte 
er  erlogene  GriiBe  mit,  die  ihm  authendsche  zuriickgab,  well  sie 
nachmittags  mit  ihrer  historischen  Zunge  und  mit  ihren  natur- 
forschenden  Augen  bei  der  weiBmousselinenen  Thiennette  gewe- 
sen  war.  Die  Mutter  wies  ihr  jeden  Notpfennig,  den  der  Sohn  in 
ihre  groBe  leere  Geldtasche  fallen  HeB,  und  setzte  ihn  in  Gunst 
beim  Fraulein :  denn  Weiber  neigen  einem  Sohn,  der  seiner  Mut- 
ter zartlich  einige  ihrer  Wohltaten  zuruckzahlt,  mehr  und  warmer 
ihre  Seele  zu  als  wie  einer  den  Vater  versorgenden  Tochter,  viel-  30 
leicht  aus  hundert  Griinden  und  auch  aus  dem,  weil  sie  von  Soh- 
nen  und  Mannern  mehr  gewohnt  sind,  daB  diese  bloB  fiinf  FuB 
lange  -  Donnerwetter,  behoste  Wasserhosen  oder  doch  aus- 
ruhende  Orkane  sind. 

Seliger  Quintus!  an  dessen  Leben  noch  der  Vorzug  wie  ein 
Adlerorden  schimmert,  daB  du  es  deiner  Mutter  erzahlen  kannst, 


ERSTER  ZETTELKASTEN  75 

wie  z.  B.  den  heutigen  Nachmittag  im  Seniorat.  Deine  Freude 
flieBet  in  ein  fremdes  Herz  und  stromet  daraus  verdoppelt  in  dei- 
nes  zuruck.  Es  gibt  eine  groBere  Nahe  der  Herzen,  so  wie  des 
Schalles,  als  die  des  Echos;  die  hochste  Nahe  schmilzt  Ton  und 
Echo  in  die  Resonant  zusammen. 

Es  ist  historisch-gewiB,  daB  beide  abends  aBen  und  statt  des 
Abhubs  vom  Diner,  der  morgen  selber  eines  vorstellen  konnte, 
bloB  den  Opferkuchen  oder  Matzen  auf  den  Brand-Opferaltardes 
Tisches  legten.  Die  Mutter,  die  fur  ihr  leibliches.Kind  nicht  bloB 

10  sich,  sondern  auch  die  ubrigen  Menschen  willig  hingegeben  hatte, 
tat  ihm  den  Vorschlag,  dem  Quintaner,  der  drauBen  spielte  und 
einen  Vogel  statt  sich  aufatzte,  keine  Krume  vom  kostbaren  Back- 
werk  zu  geben,  sondern  nur  Hausbrot  ohne  Rinde.  Aber  der 
Schulmann  dachte  christlich  und  sagte,  es  sei  Sonntag  und  der 
junge  Mensch  esse  so  gern  etwas  Delikates  wie  er.  Fixlein  ga- 
stierte,  dotierte  und  schonte  -  als  GegenfuBler  der  GroBen  und 
Gerries  —  lieber  den  dienenden  Hausgenossen  als  einen  Menschen, 
der  das  erstemal  durchs  Tor  passieret  und  auf  der  nachsten  Station 
seinen  Gastfreund  und  den  letzten  Postmeister  vergisset.  Ober- 

zo  haupt  hatte  der  Quintus  Ehre  im  Leibe,  und  ungeachtet  seiner 
Schonung  und  Latrie  des  Geldes,  gab  ers  doch  gern  hin  in  Fallen 
der  Ehre,  und  ungern  in  Fallen  eines  siegenden  Mitleidens,  das 
zu  schmerzlich  seinen  Herzbeutel  auffullte  und  seinen  Geld- 
beutel  ausleerte.  -  Als  der  Quintaner  das  jus  compascui  auf  dem 
Matzen  exerzierte  und  als  sechs  Arme  auf  Thiennettens  Freitisch 
ruhig  lagen:  las  Fixlein  sich  und  der  Gesellschaft  den  flachsen- 
fingischen  AdreBkalender  vor ;  etwas  Hoheres  konnt*  er  sich  auBer 
Meusels  gelehrtes  Deutschland  nicht  gedenken  -  die  Kammer- 
herrn  und  geheime  Rate  des  Kalenders  Hefen  ihm,  wie  die  Rosi- 

3o  nen  des  Kuchens,  kitzelnd  iiber  die  Zunge,  und  von  den  reichern 

Pastoraten  erhob  er  gleichsam  durch  Vorlesen  den  Sackzehend. 

Er  blieb  absichtlich  seine  eigne  Ausgabe  auf  sonntagigemVe- 

linpapier;  ich  meine,  er  zog  den  Sonntagsrock  sogar  unter  dem 

Gebetlauten  nicht  aus:  denn  er  hatte  noch  viel  vor. 

Nach  dem  Essen  wollt'  er  zum  Fraulein,  als  er  sie  wie  eine  Lilie 
in  die  rote  Dammerung  getaucht  zu  sehen  bekam,  im  Schlofi- 


j6  LEBEN  DES   QUINTUS  FIXLEIN 

garten,  dessen  westliche  Grenzen  sein  Haus  formierte,  wie  dessen 

siidliche  die  sinesische  Mauer  des  Schlosses Beilaufig,  wie  ich 

zu  allem  diesen  gekommen  bin,  was  Zettelkasten  sind,  ob  ich  selber 
dort  war  etc.  etc.  -  das  soil,  so  wahr  ich  lebe,  dem  Leser  bald  und 
getreulich  uberliefert  werden,  und  das  noch  in  diesem  Buche.  - 
Fixlein  hiipfte  wie  ein  Irrlicht  in  den  Garten,  dessen  Blumen- 
dampf  an  seinen  Suppendampf  anstieB.  Niemand  biickte  sichtiefer 
vor  einem  Edelmann  als  er,  nicht  aus  pobelhafter  Demut,  noch 
aus  gewinnsiich tiger  Selbsterniedrigung,  sondern  weil  er  dachte: 
»Ein  Edelmann  bleibt  doch  immer  das,  was  er  ist.«  Aber  sein  Buck-  10 
ling  flel  (anstatt  vorwarts)  in  die  Quere  rechts  hinaus,  gleichsam 
dem  Hute  nach :  denn  er  hatte  nicht  gewagt,  einen  Stock  mitzu- 
nehmen;  Hut  und  Stock  aber  waren  das  Druckwerk  und  die 
Balancierstange,  kurz  das  Bucklingsgetriebe,  ohne  das  er  sich  in 
keine  hofliche  Bewegung  zu  setzen  vermochte,  und  hatte  man  ihn 
dafur  in  das  Hamburger  Hauptpastorat  voziert.  Thiennettens  Lu- 
stigkeit  spannte  seine  zusammengerollte  Seele  bald  wieder  gerade 
und  in  den  rechten  Ton.  Er  hielt  an  sie  eine  lange  nette  Dank- 
und  Erntepredigt  fur  den  schuppigen  Kuchen,  die  ihr  gut  und 
langweilig  zugleich  vorkam.  Madchen  ohne  groBe  Welt  rechnen  20 
langweilige  Pedanterie  bloB  wie  das  Schnupfen  zu  den  notwen- 
digen  Ingredienzien  eines  Mannes;  sie  verehren  uns  unendlich, 
und  wie  Lambert  den  Konig  in  PreuBen  wegen  seiner  Sonnen- 
augen  nur  im  Finstern  zu  sprechen  vermdgend  war,  so  ists  ihnen 
oft,  glaub*  ich,  lieber  -  eben  wegen  unsers  erhabnen  Airs  -,  wenn 
sie  uns  im  Finstern  erwischen  konnen.  -  Ihn  erbauete  Thiennet- 
tens Reichsgeschichte  und  Kaiserhistorie  vom  Herrn  von  Auf- 
hammer  und  der  gnadigen  Frau,  die  ihn  ins  Testament  setzen  will ; 
sie  erbauete  seine  Gelehrtenhistorie,  die  ihn  und  den  Subrektor 
betraf,  wie  er  selber  z.  B.  in  der  Sekunda  vikariere  und  uber  30 
Schuler  regiere,  so  lang  gewachsen  wie  er.  Und  so  gingen  beide 
zufrieden  zwischen  roten  Bohnenbliiten,  roten  Maikafern,  vor  der 
immer  defer  am  Horizonte  niederbrennenden  Abendrote  den  Gar- 
ten auf  und  ab  und  kehrten  allemal  lachelnd  vor  dem  Kopfe  der 
Gartnerin  um,  der  wie  ein  Scheibenbild  in  das  kleine  Schiebfen- 
ster  eingesetzet  stand,  das  wieder  in  ein  groBeres  gefasset  war. 


ERSTER  ZETTELKASTEN  77 

Mir  ists  unbegreiflich,  daB  er  sich  nicht  verliebte.  Ich  weiB 
zwar  seine  Griinde;  erstlich  hatte  sie  nichts;  zweitens  er  nichts 
und  Schuldenlast  dazu;  drittens  war  ihr  Stammbaum  ein  Grenz- 
baum  und  Verwahrungsstock ;  viertens  band  ihm  noch  ein  edlerer 
Gedanke  die  Hande,  der  aus  guten  Griinden  dem  Leser  noch  ver- 
nal ten  wird.  Gleichwohl  -  Fixlein !  hatt*  ich  nicht  an  deinem  Platze 
sein  diirfen  I  Ich  hatte  sie  angesehen  und  mich  an  ihre  Tugenden 
und  an  unsere  Schuljahre  erinnert  und  dann  mein  weichfliissiges 
Herz  hervorgezogen  und  es  ihr  wie  einen  Wechselbrief  prasen- 

io  tieret  oder  wie  ein  Ratsdekret  insinuieret.  Denn  ich  hatte  erwogen, 
daB  sie  es  einer  Nonne  in  zweierlei  nachtue,  im  guten  Herz  und  im 
guten  Backwerk  -  dafi  sie  trotz  ihres  Umganges  mit  mannlichen 
Fronern  doch  keine  Karl  Genofeva  Louise  Auguste  Timothee  Eon 
von  Beaumont  sei,  sondern  eine  glatte,  blonde,  gehaubte  Taube  - 
daB  sie  mehr  ihrem  Geschlechte  als  unserem  zu  gefallen  suche  — 
daB  sie  ein  zerflieBendes  Herz,  das  nicht  erst  vom  Biicherverleiher 
abgeholet  ist,  in  Tranen  zeige,  deren  sie  sich  aus  Unschuld  mehr 
schamt  als  ruhmt  —  Schon  vor  der  dritten  Rabatte  war'  ich  bei 
solchen  Griinden  dagewesen  mit  der  Spende  meines  Herzens.  - 

20  Hatt*  ich  vollends  bedacht,  Quinte!  daB  ich  sie  kenne  wie  mich 
selber,  daB  ihr  und  mir  (war'  ich  namlich  du  gewesen)  von  dem- 
selben  Senior  die  lateinischen  Hande  zum  Schreiben  gefiihret  wor- 
den  sind  -  daB  wir  uns  als  unschuldige  Kinder  vor  dem  Spiegel 
gekusset,  urn  zu  sehen,  ob  es  die  beiden  Vexierkinder  im  Spiegel 
nachmachen  -  daB  wir  oft  die  Hande  beiderlei  Geschlechts  in 
einen  Muffgeschoben  und  sie  darin  Versteckens  spielen  lassen;  — 
hatt'  ich  endlich  iiberdacht,  daB  wir  ja  gerade  vor  dem  in  der 
Schmelzmalerei  des  Abends  glimmenden  Glashause  standen,  an 
dessen  kalten  Scheiben  wir  beide  (sie  innen,  ich  auBen)  die  heiBen 

30  Wangen,  bloB  durch  den  glasernen  Ofenschirm  gespalten,  ein- 
ander  entgegengepresset  hatten :  so  hatt*  ich  die  arme,  vom  Schick- 
sal  auseinandergedruckteSeele>die  gegen  ihrWettergewolk  keine 
groBere  Erhohung  zur  Wetterscheide  vor  sich  sieht  als  das  Grab, 
an  meine  gezogen  und  sie  an  meinem  Herzen  erwarmt  und  mit 

meinen  Augen  umgiirtet 

Wahrlich  der  Quintus  hatt'  es  auch  getan,  hatt*  es  der  oben 


7§  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

gedachte  edlere  Gedanke,  den  ich  verhalte,  erlaubt!  -  Weich, 
ohne  die  Ursache  zu  wissen  -  daher  er  seine  Mutter  kuBte-,  und 
selig,  ohne  ein  gelehrtes  Gesprach  gefiihret  zu  haben,  und  mit 
einer  Fracht  von  untertanigen  Empfehlungen  entlassen,  die  er 
morgen  vor  der  Dragonerrittmeisterin  abzuladen  hat,  kam  er  im 
kleinen  Hauschen  an  und  sah  noch  so  lange  aus  seinen  dunkeln 
Fenstern  an  die  leuchtenden  des  Schlosses.  -  Und  noch  als  schon 
das  erste  Viertehdes  Mondes  im  Untergehen  war,  um  12  Uhr, 
schloB  er  vor  dem  kiihlen  Anwehen  eines  milden,  duftenden, 
feuchten  und  dasHerz  beim  Namen  rufenden  Nachtluftchens  noch 

einmal  die  Augenlider  eines  schon  traumenden  Blickes  auf 

Schlafe,  denn  du  hast  heute  noch  nichts  Boses  getan!-  Ich  will, 
wahrend  die  hangende  geschlosseneBlumenglocke  deines  Geistes 
sich  auf  dasKopfkissen  senkt,hinausschauen  indiewehendeNacht 
auf  deinen  morgendlichen  FuBsteig,  der  dich  durch  transparente 
Waldchen  nach  Schadeck  zu  deiner  Gonnerin  fuhrt.  Der  Ritt- 
meister  bricht  schon  um  ein  Uhr  auf.  Du  und  deine  Schutzpatro- 
nin  sitzen  also  morgen  allein  beisammen.  Es  gelinge  dir  alles, 
narrischer  Quintus!  - 


ZWEITER  ZETTELKASTEN  20 

Frau  von  Aufhammer  —  Kindheits-Resonanz  —  Schriftstellerei 

Das  friihe  Gepiepe  nach  Atzung,  das  die  gestern  vom  Quintaner 
aus  dem  Neste  adoptierte  Drossel  schon  um  zwei  Uhr  anfing, 
trieb  den  Quintus  bald  in  die  Kleider,  deren  Glanzpresse  und 
Parallellineal  die  Hande  der  besorgten  Mutter  waren,  die  ihn  zur 
Rittmeisterin  nicht  wie  einen  »liiderlichen  Hund«  lassen  wollte. 
Der  Pudel  wurde  inkarzeriert,  der  Quintaner  mitgenommen,  des- 
gleichen  gute  Reglements  von  der  Fixleinin,  wie  er  sich  gegen  die 
Rittmeisterin  aufzufiihren  habe.  Aber  der  Sohn  versetzte :  »Mama, 
wenn  man  mit  der  grofien  Welt  umgeht  wie  ich,  mit  einer  Frau-  30 
lein  von  Thiennette:  so  muB  man  doch  wissen,  wen  man  vor 
sich  hat  und  was  feine  Sitten  und  Sawer  di  Wiwer  (savoir  vivre) 


ZWEITER  ZETTELKASTEN  79 

fodern.«  -  Er  langte  mit  dem  Quintaner  und  griinen  Fingern 
(von  den  Saftfarben  des  zerdruckten  Laubes  am  Steige)  und  mit 
einer  abgefressenen  Rose  zwischen  den  Zahnen  vor  den  dicken 

Lakaien  in  Schadeck  an Wenn  die  Weiber  B lumen  sind  —  wie- 

wohl  ebensooft  seidene  und  italienische  und  Kupferblumen  als 
botanische  — :  so  war  die  Frau  von  Auf hammer  eine  gefullte,  mit 
ihrem  Fett-Bauchkissen  und  Speck-Kubus.  Durch  die  Apoplexie 
schon  mit  dem  halben  Korper  vom  Leben  abgeschnitten,  lag  sie 
auf  ihrem  Fettpolster  nur  wie  in  ihrem  weicheren  Grab;  gleich- 

10  wohl  war  das,  was  noch  von  ihr  iibrig  war,  zugleich  lebhaft, 
fromm  und  stolz.  Ihr  Herz  war  ein  giefiendes  Fruchthorn  gegen 
alle  Menschen,  aber  nicht  aus  Menschenliebe,  sondern  aus  stren- 
ger  Andacht;  sie  begliickte,  beschenkte  und  verschmahte  die 
Burgerlichen  und  achtete  an  ihnen  nichts  als  hochstens  Frommig- 
keit.  Sie  nahm  den  nickenden  Quintus  mit  dem  zuriicknickenden 
Air  einer  Patronatsherrin  auf  und  erheiterte  sich  menschenfreund- 
lich  bei  der  AusschifTung  der  GruBe  von  Thiennetten. 

Sie  fing  das  Gesprach  an  und  setzte  es  lange  allein  fort  und 
sagte  —  ohne  daB  deswegen  die  Trommelsucht  des  Stolzes  ihr 

20  Gesicht  verlieB  -:  »sie  werde  bald  sterben,  aber  sie  werde  die 
Pate  ihres  Gemahls  (den  Endes-Untergestellten)  schon  in  ihrem 
letzten  Willen  bedenken.«  -  Ferner  sagte  sie  ihm  gerade  ins  Ge- 
sicht, das  ganz  mit  der  vierten  Bitte  vollgeschrieben  vor  ihr  stand : 
»auf  eine  Versorgung  in  Hukelum  soil'  er  nicht  bauen;  aber  zum 
Flachsenfinger  Konrektorat  (das  Burgermeister  und  Rat  besetzt) 
hofle  sie  ihm  zu  verhelfen,  da  sie  bei  dem  regierenden  Biirger- 
meister  ihren  KafFee  und  beim  Stadtsyndikus  die  Lichter  (er  trieb 
einigen  Grossohandel  mit  Hamburger  Lichtern)  kaufe.«  - 
Nun  kam  er  zum  untertanigen  Wort,  da  sie  von  ihm  Kranken- 

30  berichte  iiber  ihren  Senior  Astmann  abforderte,  der  sich  mehr  von 
Luthers  Katechismus  als  vom  Gesundheitskatechismus  raten  lieB. 
Sie  war  weniger  Astmanns  Patronatsherrin  als  Patronin  und  ge- 
stand  sogar,  sie  wiirde  einem  so  treuen  Seelenhirten  bald  nach- 
folgen,  wenn  sie  auf  ihrem  Gute  hier  sein  Sterbegelaute  vernahme. 
So  sonderbare  chymischeVerwandtschaften  sind  zwischen  unsern 
Schlacken  und  unsern  Silberadern,  z.  B.  hier  zwischen  Stolz  und 


80  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Liebe;  und  ich  wiinschte,  wirverziehen  diese  hypostatische  Union 
alien  sogernwiedenSchonen,dievon  unsmit  alien  ihren  Fehlern, 
wie  nach  Du  Fay  vom  Magnet  das  mit  andern  Metallen  ver- 
mengte  Eisen,  gleichwohl  angezogen  werden. 

Gesetzt  auch,  der  Teufel  hatte  in  irgendeiner  miiBigen  Minute 
eine  oder  zwei  Hande  voll  Samenkorner  des  Neides  in  die  Seele 
des  Quintus  gesaet:  sie  waren  doch  nicht  aufgeschossen;  und 
heute  vollends  nicht,  da  ihm  ein  Mann  gepriesen  wurde,  der  sein 
Lehrer  und  -  was  er  fur  einen  Titulado  der  Erde  hielt,  nicht  aus 
Eitelkeit,  sondern  aus  Frommigkeit  -  ein  Geistlicher  war.  So  viel  : 
ist  freilich  nach  der  Geschichte  auch  nicht  zu  leugnen,  da6  er  bei 
der  Edelfrau  geradezu  mit  der  Supplik  nachkam :  »er  wolle  zwar 
gern  noch  einige  Jahre  sich  in  der  Schule  gedulden,  aber  dann 
sehn*  er  sich  wohl  in  ein  geruhiges  Pfarr-Amtchen.«  Auf  ihre 
Frage,  ob  er  aber  orthodox  sei,  versetzte  er :  »er  hofF  es,  er  habe  in 
Leipzig  nicht  nur  alle  publica  des  Doktor  Burschers  gehoret,  son- 
dern auch  bei  einigen  rechtglaubigen  Magistern  hospitieret,  weil 
er  wohl  gewuBt,  daB  das  Konsistorium  jetzt  strenger  wie  sonst 
auf  reine  Lehre  examiniere.« 

Die  Kranke  ersuchte  ihn,  einen  ProbeschuB  zu  tun,  ihr  nam-  ; 
lich  eine  Vermahnung  am  Krankenbette  zu  halten.  —  Beim  Him- 
mel !  er  hielt  eine  der  besten.  Ihr  Adelsstolz  kroch  jetzt  vor  seinem 
Arms-  und  Priesterstolz  zuriick:  denn  ob  er  gleich  nicht  mit  dem 
Dominikanermonch  Alanus  de  Rupe  glauben  konnte,  daB  ein 
Priester  groBer  sei  als  Gott,  da  dieser  nur  eine  Welt,  jener  aber 
einen  Gott  (in  der  Messe)  erschaffen  konne:  so  muBte  er  doch 
einem  Hostlensis  beifallen,  welcher  gezeigt,  daB  die  priesterliche 
Wurde  7644mal  groBer  sei  als  die  konigliche,  weil  die  Sonne  so 
vielmal  groBer  sei  als  der  Mond.  -  Vollends  aber  eine  Edelfrau  - 
diese  verschrumpfet  ganz  vor  einem  Pfarrer.  3 

In  der  Domestikenstube  hielt  er  bei  dem  Lakaien  um  den  vorigen 
Jahrgang  des  Hamburger  politischen  Journals  an,  weil  er  sah,  daB 
man  mit  diesen  historischen  Belegen  der  Zeit  siindlich  die  Knopfe 
der  Reisekleider  papillotierte.  In  verdriaBlichen  Herbstabenden 
konnt*  er  sich  doch  hinsetzen  und  nachlesen,  was  sich  etwan 
gutes  Neues  in  der  politischen  Welt  zutrage  -  im  vorigen  Jahr. 


ZWEITER  ZETTELKASTEN  8  I 

Auf  einem  ganz  mit  Lorbeer  vollgeladenen  Triumphwagen,  an 
den  lauter  Hoffnungen  gespannt  waren,  fuhr  er  abends  nach  Hause 
und  riet  unterwegs  dem  Quintaner,  sich  keiner  Sache  ruhmredig 
zu  iiberheben,  sondern  still  Gott  zu  danken,  wie  er  da  tue. 

Die  nebeneinander  aufbliihenden  Lusthaine  seiner  vier  Kani- 
kularwochen  und  das  fliegende  Gewimmel  von  Bliiten  darin  sind 
bald  auf  drei  Seiteh  gemalt.  Ich  will  blindlings  in  seine  Tage  grei- 
fen  und  einen  herausfangen:  einer  lachelt  und  duftet  wie  der  an- 
dere. 

3  Man  nehme  z.  B.  den  Namenstag  seiner  Mutter  Clara,  den 
12.  August.  Am  Morgen  hatt*  er  perennierende,  feuerbestandige 
Freuden,  d.  h.  Geschafte.  Denn  er  schrieb,  wie  ich;  wahrlich, 
wenn  Xerxes  einen  Preis  auf  die  Erfindung  eines  neuen  Vergnu- 
gens  aussetzte:  so  hatte  der,  der  nur  iiber  die  Preisfrage  seine  Ge- 
danken  niederschrieb,  das  neue  Vergniigen  schon  wirklich  aufder 
Zunge.  Ich  kenne  nur  eine  Sache,  die  siiBer  ist,  als  ein  Buch  zu 
machen,  namlich  eines  zu  entwerfen.  Fixlein  schrieb  kleine  Werk- 
lein  von  1I12  Alphabet,  die  er  im  Manuskript,  vom  Buchbinder 
in  goldne  Fliigeldecken  geschniirt  und  auf  dem  Riicken  mit  ge- 

3  druckten  Lettern  betitelt,  in  die  literarische  Stufensammlung  sei- 
nes Bucherbrettes  mit  einstellte.  Jedermann  dachte,  es  waren  No- 
vitaten,  mit  Schreiblettern  gedruckt.  Er  arbeitete  -  ich  will  die 
unerheblichen  Werke  auslassen  -  an  einer  Sammlung  der  Druck- 
fehler  in  deutschen  Schriften;  er  verglich  die  Errata  untereinander, 
zeigte,  welche  am  meisten  vorkamen,  bemerkte,  daB  daraus  wich- 
tige  Resultate  zu  Ziehen  waren,  und  riet  dem  Leser,  sie  zu  ziehen. 
Ferner  trat  er  unter  den  deutschen  Masorethen  auf.  Erbemerkte 
ganz  richtig  in  der  Vorrede:  »Die  Juden  hatten  ihre  Masora  auf- 
zuweisen,  die  ihnen  sagte,  wie  oft  jeder  Buchstabe  in  ihrer  Bibel 

3  vorkomme,  z.  B.  das  Aleph  (das  A)  43  277  mal  -  wie  viel  Verse 
darin  stehen,  wo  alle  Konsonanten  auftreten  (26  Verse  sinds)  - 
oder  nur  achtzig  (3  sinds)  -  wie  viele  Verse  man  habe,  worin  gar 
42  Worter  und  160  Konsonanten  erscheinen  (nur  einer  ist  da, 
Jerem.  XXL  7)  -  welches  der  mittelste  Buchstabe  in  einzelnen 
Biichern  sei  (im  Pentateuch  3.  B.  Mos.  XL  42  ists1  das  adelige  V) 
1  wie  im  Staate. 


52  LEBEN  DES  QUINTUS  F1XLEIN 

oder  gar  in  der  ganzen  Bibel.  -  Wo  haben  aber  wir  Christen 
einen  ahnlichen  Masorethen  fur  Luthers  Bibel  aufzuzeigen  ?  1st  es 
genau  untersucht,  welches  in  ihr  das  mittelste  Wort  oder  der 
mittelste  Buchstabe  sei,  welcher  Vokal  am  wenigsten  vorkomme, 
und  wie  oft  jeder?  -  Tausend  Bibelfreunde  gehen  aus  der  Welt, 
ohne  zu  erfahren,  daB  dasdeutsche  A  32301 5  mal  (also  iiber  7mal 
ofter  als  das  hebraische)  in  ihrer  Bibel  stehe.«  - 

Ich  wunschte,  daB  Bibelforscher  unter  den  Rezensenten  es  6f- 
fentlich  anzeigten,  wenn  sie  diese  Zahl  nach  einer  genauern  Nach- 
zahlung  unrichtig  befanden.1  10 

Auch  sammelte  der  Qumtus  vieles:  er  hatte  eine  schone  Kalen- 
der-  und  Katechismus-  und  Sedezbuchersa'rnmlung  -  auch  eine 
Sammlung  von  Avertissements,  die  er  angefangen,  ist  nicht  so 
unvollstandig,  als  man  sie  meistens  antriflt.  Er  schatzet  sehr  sein 
alphabetisches  Lexikon  von  deutschen  Bucherpranumeranten,wo 
mein  Name  auch  mit  vorkommt  unter  dem  J. 

Am  liebsten  gebar  er  Entwiirfe  zu  Buchern.  Daher  nahete  er 
ein  starkes  Werk,  worm  er  bloB  den  Gelehrten  net,  was  sie  zu 
schreiben  hatten  in  der  Gelehrtengeschichte,  die  er  einige  Zolle 
hoher  setzte  als  die  Welt-  und  Kaiserhistorie.  Er  hielt  im  Pro-  20 
drom  der  gelehrten  Republik  fliichtig  vor,  daB  Hommelem  Re- 
gister von  Juristen  gegeben,  die  Hurenkinder  gewesen',  von  an- 
dern,  die  Heilige  geworden  -  Bernhardwon  Gelehrten,  deren  Fata 
und  Lebenslauf  im  Mutterleibe  erheblich  waren  -  daB  Ballet  die 
Gelehrten  zusammengezahlt,  die  etwas  hatten  schreiben  wollen  - 
und  Ancillon  die,  die  gar  nichts  geschrieben  -  und  der  Liibecksche 
Superintend  Got^e  die,  die  Schuster  waren,  die,  die  ersoffen  usw. 
Das  (konnt'  er  jetzt  fortfahren)  sollte,  wie  es  scheint,  uns  zu  ahn- 
lichen Matrikeln  und  Musterrollen  von  andern  Gelehrten  ermun- 
tert  haben,  deren  er  einige  vorschlage  -  z.  B.  von  Gelehrten,  die  30 
ungelehrt  waren  -  von  ganz  boshaften  -  von  solchen,  die  ihr 

1  Dieser  Bitte  gab  man  in  Erlang  Gehor.  Die  dasige  Bibelanstalt  fand  statt 
der  116301  A,  die  der  Quintus  anfangs  mit  solcher  GewiBheit  im  Bibel- 
werke  gefunden  haben  wollte  (daher  auch  diese  falsche  Angabe  in  die  erste 
Edition  dieses  Buchs  p.  8 1  wirklich  kam),  die  besagten  32301 5,  welches  (unge- 
mein  sonderbar)  gerade  die  Summe  aller  Buchstaben  im  Koran  iiberhaupt  ist. 
S.  Liidekes  Beschr.  des  ttirk.  Reichs.  Neue  AufJage  1780. 


ZWEITER  ZETTELKASTEN  83 

eignes  Haar  getragen  -  von  Zopfpredigern,  Zopf-Psalmisten, 
Zopfannalisten  etc.  —  von  Gelehrten,  die  schwarzlederne  Hosen, 
von  andern,  die  StoBdegen  getragen  -  von  Gelehrten,  die  im 
eilften  Jahre  starben  -  im  zwanzigsten  -  einundzwanzigsten  etc.  - 
im  hundertundfunfzigsten,  wovon  er  gar  kein  Beispiel  kenne, 
wenn  nicht  der  Bettler  Thomas  Parre  hergezogen  werden  so  lie  - 
von  Gelehrten,  die  eine  noch  abscheulichere  Hand  als  andere  Ge- 
lehrte  schrieben  (wovon  man  nur  Rolfinken  und  seine  Lettern 
kenne,  die  so  lang  waren  wie  seine  Hande1)  -  oder  von  Gelehrten, 

10  die  einander  in  keine  Haare  gerieten  als  in  die  am  Kinn  (wovon 
keine  als  nur  Philelphus  und  Timotheus  bekannt  sind).* 

Solche  Nebenstudien  trieb  er  neben  seinen  Amtsarbeiten;  aber 
ich  glaube,  ein  Staat  ist  iiber  so  etwas  toll:  er  vergleicht  den,  der 
in  Philosophic  und  Belletrie  groB  ist  auf  Kosten  des  Amts-Schlen- 
drians,  mit  den  Koniertuhren,  die  ihre  Stunden  -  ob  sie  sie  gleich 
mit  Flotenmelodien  einfassen  —  schlechter  schlagen  als  dumme 
plumpe  Turmuhren. 

Um  auf  den  Namenstag  zuriickzukommen :  so  lief  Fixlein  nach 
solchen  Anstrengungen   hinaus   unter  die  Sang-Stauden   und 

20  Rausch-Baume  und  kehrte  nicht  eher  aus  der  warmen  Natur  zu- 
ruck,  als  bis  Schussel  und  Stuhle  schon  an  den  Tisch  gestellet 
waren.  -  Unter  dem  Essen  fiel  etwas  vor,  das  ein  Biograph  nicht 
entbehren  kann :  seine  Mutter  muBt*  ihm  namlich  die  Landkarte 
seiner  kindlichen  Welt  unter  dem  Kauen  mappieren  und  ihm  alle 
Ziige  erzahlen,  woraus  von  ihm  auf  seine  jetzige  Jahre  etwas  zu 
schlieBen  war.  Diesen  perspektivischen  AufriB  seiner  kindlichen 
Vergangenheit  trug  er  dann  auf  kleine  Blatter  auf,  die  alle  unsere 
Aufmerksamkeit  verdienen.  Denn  lauter  solche  Blatter,  welche 
Szenen,  Akte,  Schauspiele  seiner  Kinder  jahre  enthielten,  schlich- 

30  tete  er  chronologisch  in  besondere  Schubladen  einer  Kinder- 
Kommode  und  teilte  seine  Lebensbeschreibung,  wie  Moser  seine 
publizistischen  Materialien,  in  besondere  Zettelkasten  ein.Erhatte 

1  Paravicini  singularia  de  viris  claris.  Cent.  I.  2. 

*  Ejusd.  Cent.  II.  18.  Philelphus  zerfiel  mit  dem  Griechen  iiber  das  Mali 
einer  Silbe;  der  Preis  oder  die  Wette  war  der  Bart  des  Besiegten  -  Timo- 
theus buflete  seinen  ein. 


$4  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Kasten  fur  Erinnerungszettel  aus  dem  zwolften,  dreizehnten,  vier- 
zehnten  etc.,  aus  dem  einundzwanzigsten  Jahre  und  so  fort.Wollt' 
er  sich  nach  einem  padagogischen  Baufron-Tag  einen  Rastabend 
machen:  so  riB  er  bloB  ein  Zettelfach,  einen  Registerzug  seiner 
Lebensorgel,  heraus  und  besann  sich  auf  alles. 

Ich  muB  die  rezensierenden  Stummen,  die  mir  den  kurzen  Pro- 
zeB  des  Strangulierens  an  den  Hals  werfen  wollen,  ganz  besonders 
bitten,  doch  nur  vorher,  ehe  sie  es  darum  tun,  weil  ich  meine 
Kapitel  Zettelkasten  nenne,  nachzusehen,  wer  daran  schuld  ist, 
und  nachzudenken,  ob  ich  anders  konnte,  da  der  Quintus  selber  10 
seine  Biographie  in  solche  Kasten  abteilt:  sie  sind  ja  sonst  billig. 

Nur  iiber  seinen  altern  Bruder  tat  er  an  seine  Mutter  keine 
krankende  Frage:  denn  diesen  hatte  das  Schicksal  auf  eine  eigne 
Art  mit  alien  seinen  genialischen  Anlagen  am  Eisberg  des  Todes 
zertrummert.  Er  sprang  namlich  auf  eine  Eisscholle,  die  zwischen 
andern  Schollen  stockte  —  diese  wichen  aber  zuriick,  und  seine 
schoB  mit  ihm  fort,  schmolz  schwimmend  unter  ihm  ein  und  HeB 
also  das  Feuerherz  zwischen  Eis  und  Wogen  untersinken.  Es  tat 
der  Mutter  wehe,  daB  er  nicht  gefunden,  daB  sie  nicht  erschuttert 
wurde  mit  dem  Anstarren  der  geschwollenen  Leiche  -  o  gute  2D 
Mutter,  danke  lieber  Gott  dafiir!  - 

Nach  dem  Essen  ging  er,  um  sich  mit  neuen  Kraften  fur  den 
Schreibtisch  zu  riisten,  bloB  muBig  im  Hause  herum  und  durch- 
zog  wie  eine  Feuerschau  der  Palizei  alle  Ecken  seiner  Hutte,  um 
aus  ihnen  irgendeine  Kohle  der  ausgeglommenen  Freudenfeuer 
seiner  Kindheit  aufzulesen.  Er  stieg  unter  das  Dach  zu  den  leeren 
Vogelhausern  seines  Vaters,  der  im  Winter  ein  Vogler  war,  und 
musterte  fluchtig  die  Rumpelkammer  seiner  alten  Spielwaren,  die 
im  groBen  Gebarhaus  einer  Kanarienhecke  lag.  In  Kinderseelen 
driicken  sich  regelmaBige  kleine  Gestalten,  besonders  Kugel  und  30 
Wurfel,  am  tiefsten  ein  und  ab.  Daraus  erklare  sich  der  Leser  Fix- 
leins  Wohlgefallen  am  roten  Eichhornchen-Stockhaus,  an  dem 
aus  Kartoffelnsamenkapseln  und  weiBen  Spanen  zusammenge- 
steckten  Sparrwerk,  an  dem  heitern  Glashaus  einer  wurfelformi- 
gen  Laterne.  Aber  ganz  anders  erklar'  ich  mir  folgendes:  erwagte 
sich  ohne  Baubegnadigung  an  die  Baute  eines  Lehmhauses,  nicht 


ZWEITER  ZETTELKASTEN  85 

fur  Bauern,  sondern  fur  Fliegen;  daher  man  es  gut  in  die  Tasche 
stecken  konnte.  Dieses  Miickenhospital  hatte  seine  Glasscheiben 
und  einen  roten  Anstrich  und  besonders  viele  Alkoven  und  drei 
Erker:  denn  Erker  liebte  er  als  ein  Haus  am  Hause  von  jeher  so 
sehr,  dafi  es  ihm  in  Jerusalem  schlecht  gefallen  hatte,  wo  (nach 
Lightfoot)  keine  gebaut  werden  durften.  Aus  den  blitzenden 
Augen,  womit  der  Baudirektor  seine  Mietsleute  an  den  Fenstern 
herumkriechen  oder  aus  dem  Zuckertroge  naschen  sah  -  dehn  sie 
frafien,  wie  der  Graf  St.  Germain,  nichts  wie  Zucker  — ,  aus  dieser 

10  Freude  hatte  ein  Erziehungsrat  leicht  seinen  Hang  zur  hauslichen 
Einengung  prophezeien  konnen:  fur  seine  Phantasie  waren  da- 
mals  noch  Gartnerhiitten  zu  wuste  Archen  und  Hallen,  und  nur 
ein  solches  Miicken-Louvre  war  gerade  ein  nettes  Biirgerhaus.  - 
Er  befiihlte  seinen  alten  hohen  Kinderstuhl,  der  der  sedes  explora- 
toria  des  Papstes  glich;  er  riickte  seine  Kinderkutsche,  aber  er 
begriff  nicht,  welche  Salbung  und  Heiligkeit  sie  so  sehr  von  an- 
dern  Kinderkutschen  unterscheide.  Er  wunderte  sich,  dafi  ihm 
Kinderspiele  an  Kindern  nicht  so  gefielen  als  die  Schilderungen 
derselben,  wenn  das  Kind,  das  sie  getrieben,  schon  aufgeschossen 

20  vor  ihm  stand. 

Vor  einer  einzigen  Sache  im  Hause  stand  er  sehnsuchtig  und 
wehmutig,  vor  einem  winzigen  Kleiderschrank,  der  nicht  hoher 
war  als  mein  Tisch  und  der  seinem  armen  ertrunkenen  Bruder 
angehoret  hatte.  Da  dieser  mit  dem  Schlussel  dazu  von  den  Flu- 
ten  verschlungen  worden:  so  tat  die  zerknirschte  Mutter  das  Ge- 
lubde,  seinen  Spielschrank  nie  gewalttatig  aufzubrechen.  Wahr- 
scheinlich  sind  nur  die  Spielwaren  des  Armen  darin.  Lasset  uns 

wegsehen  von  dieser  blutigen  Urne!  

Da  Baco  die  Erinnerungen  aus  der  Kindheit  unter  die  gesun- 

30  den,  offizinellen  Dinge  rechnet:  so  waren  sie  ganz  naturlich  ein 
Digestivpulver  fur  den  Quintus.  Nun  konnt*  er  sich  wieder  an 
den  Arbeitstisch  begeben  und  etwas  ganz  Besonders  machen  - 
Suppliken  um  Pfarrdienste.  Er  nahm  den  AdreBkalender  vor  und 
machte  fur  jedes  Pfarrdorf,  das  er  darin  fand,  eine  Bittschrift  vor- 
ratig,  die  er  so  lange  beiseite  legte,  bis  sein  Antezessor  verstarb. 
BloB  um  Hukelum  hielt  er  nicht  an.  Es  ist  eine  schone  Observanz 


86  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

in  Flachsenfingen,  daB  man  sich  urn  alle  Amter  melden  muB,  die 
offen  stehen.  So  wie  der  hohere  Nutzen  des  Gebets  nicht  in  seiner 
Erfullung  besteht,  sondern  darin,  daB  man  sich  im  Beten  iibt:  so 
sollen  Bittschreiben  aufgesetzet  werden,  nicht  damit  man  Amter 
erhalte  -  das  muB  durch  Geld  geschehen  -,  sondern  damit  man 
eine  Supplik  schreiben  lerne.  Freilich  wird,  wenn  schon  bei  den 
Kalmucken  das  Drehen  einer  Kapsel1  die  Stelle  des  Gebetes  ver- 
tritt,  eine  geringe  Bewegung  des  Beutels  so  viel  sein,  als  suppli- 
ziere  man  wortlich. 

Gegen  Abend  —  Sonntags  gar  -  schweifte  er  im  Dorfe  herum,  10 
wallfahrtete  zu  seinen  Spielplatzen  und  auf  den  Gemeindeanger, 
auf  den  er  sonst  seine  Schnecken  zur  Weide  getrieben  -  suchte  den 
Bauer  auf,  der  ihn  von  der  Schule  her  zum  Erstaunen  der  andern 
duzen  durfte  —  ging  als  akademischer  Lehrer  zum  Schulmeister, 
dann  zum  Senior  —  dann  in  die  Episkopalscheune  oder  Kirche. 
Das  letztere  versteht  kein  Mensch :  es  brannten  namlich  vor  drei- 
undvierzig  Jahren  die  Kirche  (der  Turm  nicht),  das  Pfarrhaus 
und  -  was  nicht  wieder  herzustellen  war  -  die  Kirchenbiicher  ab. 
Daher  wufiten  in  Hukelum  die  wenigsten  Leute,  wie  alt  sie  waren, 
und  des  Quintus  Gedachtnisfibern  selber  schwankten  zwischen  20 
dem  zwei-  und  dreiunddreiBigsten  Jahre.  Folglich  muBte  da  ge- 
prediget  werden,  wo  sonst  gedroschen  wird,  und  der  Same  des 
gottlichen  Worts  wurde  mit  dem  physischen  auf  einer  Tenne  ge- 
worfelt:  der  Kantor  und  die  Schuljugend  besetzten  die  Tenne,  die 
v/eiblichen  Mutterkirch leute  standen  in  der  einen  Panse,  die  Scha- 
decker  Filial- Weiber  in  der  andern,  und  ihre  Manner  hockten  py  ra- 
midenweise,  wie  Groschen-  und  Hellergalerien,  an  den  Scheun- 
Leitern  hinauf,  und  oben  vom  Strohboden  horchten  vermischte 
Seelen  herunter.  Eine  kleine  Flote  war  das  Orgelwerk  und  eine 
umgestiirzte  Bierkufe  der  Altar,  um  den  man  gehen  muBte.  Ich  3° 
gestehe,  ich  selber  wiirde  da  nicht  ohne  Laune  gepredigt  haben. 
Der  Senior  (damals  war  er  noch  Junior)  wohnte  und  dozierte 

1  Ihr  Gebetradlein,  Kiiriidu,  ist  eine  hohle  Kapsel  voll  aufgero liter  Bet- 
formeln,  die  geschwenkt  wird  und  dann  wirkt.  Philosophischer  genommen, 
ists,  da  beim  Gebet  nur  die  Gesinnung  in  Anschlag  kommt,  emerlei,  ob  sie 
sich  durch  Bewegung  des  Mundes  oder  der  Kapsel  aufiert. 


DRITTER  ZETTELKASTEN  87 

unter  dem  Pfarrbau  im  Schlosse;daherFixlein  daselbst  mit  dem 
Fraulein  die  Anomala  trieb. 

Waren  diese  Entdeckungsreisen  zuriickgelegt :  so  konnte  unser 
Hukelumsfahrer  noch  nach  dem  Abendgebet  mit  Thiennetten 
Blattlause  von  den  Rosen,  Regenwurmer  von  den  Beeten  nehmen 
und  einen  Freudenhimmel  von  jeder  Minute  -  jeder  Abendtau- 
tropfen  war  mit  Freuden-  und  Nelkenol  gefarbt  -  jeder  Stern  war 
ein  Sonnenblick  der  Gluckssonne  —  und  im  zugeschnurten  Her- 
zen  des  Madchens  lag  nahe  an  ihm  hinter  einer  kleinen  Scheide- 

10  wand  (wie  nahe  am  Heiligen  hinter  dem  diinnen  Leben)  ein  aus- 

gedehntes  Bliitenparadies Ich  meine,  sie  liebte  ihn  ein  wenig. 

Er  sollt'  es  wissen.  Aber  seine  beklommene  Wonne  verdiinnte 
er,  wenn  er  zu  Bette  ging,  durch  kindische  Erinnerungen  auf  der 
Treppe.  AIs  Kind  betete  er  namlich  wie  einen  Rosenkranz  unter 
dem  Bett-Zudeck  als  Abendgebet  vierzehn  biblische  Spriiche,  den 
ersten  Vers  »Nun  danket  alle  Gott«,  das  Zehnte  Gebot  und  noch 
einen  langen  Segen.  Um  nun  eher  fertig  zu  Werden,  fing  er  seine 
Gebete  nicht  bloB  unten  auf  der  Treppe,  sondern  schon  an  dem 
Orte  an,  wo  Alexander  den  Menschen  und  Semler  dumme  Skri- 

20  ben  ten  studierte.  -  Liefer  am  Hafen  der  Flaumwogen  ein:  so  war 
er  mit  seiner  Abendandacht  fertig,  und  er  konnte  nun  ohne  eine 
weitere  Anstrengung  mit  zugedriickten  Augen  gerade  in  die  Fe- 
dern  und  in  den  Schlummer  plumpen.  —  So  steckt  im  kleinsten 
homunculus  schon  der  BauriB  zur  -  katholischen  Kirche. 

So  weit  die  Hundstage  des  Quintus  Zebedaus  Egidius  Fixlein. 
-  Ich  schlieBe  schon  zum  zweitenmal  die  Kapitel  dieser  Lebens- 
beschreibung,  wie  ein  Leben,  mit  einem  Schlaf. 


Dritter  Zettelkasten 
Weihnachts-Chiliasmus  -  neuer  Zufall 

30  Uns  alle  zieht  eine  Garnitur  von  faden  flachen  Tagen  wie  von 
Glasperlen  ins  Grab,  die  nur  zuweilen  eine  orientalische  wie  ein 
Knoten  abteilt.  Aber  man  stirbt  murrend,  wenn  man  nicht  wie 


88  JLEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

der  Quintus  sein  Leben  fur  eine  Trommel  ansieht:  diese  hat  nur 
einen  ein^igen  Ton,  aber  die  Verschiedenheit  des  Zeitmafies  gibt 
diesem  Tone  Belustigung  genug.  Der  Quintus  dozierte  in  quarta, 
vikarierte  in  secunda,  schrieb  am  Pulte  in  der  gewohnlichen  Mo- 
notonie  des  Lebens  fort  -  von  den  Ferien  an  -  bis  zu  dem  heiligen 
Weihnachtsabend  179 1,  und  nichts  war  denkwiirdig  als  bloB  die- 
ser  Abend,  den  ich  nun  malen  will. 

Aber  ich  werde  diesen  Abend  allezeit  noch  malen  konnen, 
wenn  ich  vorher  mit  wenigem  berichtet  habe,  wie  er  sich  gleich 
Zugvogeln  uber  den  dustern  nebelnden  Herbst  wegschwang.  Er  10 
machte  sich  namlich  uber  das  Hamburger  politische  Journal,  wo- 
mit  der  Bediente  Knopfe  kouvertieren  wollen.  Er  konnte  ruhig 
und  mit  dem  Riicken  am  Ofen  die  Winterkampagnen  des  vorigen 
Jahrs  mitmachen  -  und  jeder  Schlacht,  wie  die  Aasgeier  der  phar- 
salischen,  nachfliegen  -  er  konnte  auf  dem  Druckpapier  froh  und 
wundernd  um  die  deutschen  Triumphbogen  und  Geriiste  zu  Freu- 
denfeuerwerken  herumgehen,  indes  die  Leute  in  der  Stadt,  die 
nur  die  neuesten  Zeitungen  hielten,  kaum  die  Trummer  der  von 
den  Frankreichern  boshaft  niedergerissenen  Trophaen  behielten 
-  ja  er  konnte  schon  mit  alten  Planen  die  Feinde  zuriicktreiben,  2o 
indes  neuere  Leser  sich  vergeblich  mit  neuen  wehrten. 

Aber  nicht  bloB  die  Leichtigkeit,  die  Gallier  zu  ubermeistern, 
bestach  ihn  fur  das  Journal,  sondern  aucbder  Umstand,  daB  letz- 
teres  -  gratis  war.  Er  war  auffallend  auf  frankierte  Lektiire  er- 
sessen.  1st  es  nicht  daraus  zu  erklaren,daB  er  sich,  wie  Morhof  rat, 
die  einzelnen  Hefte  von  Makulaturbogen,  wie  sie  der  Kramladen 
ausgab,  fleiBig  sammelte  und  in  solchen  wie  Virgil  im  Ennius 
scharrte?  Ja  fur  ihn  war  der  Kramer  ein  Fortius  (der  Gelehrte) 
oder  ein  Friedrich  (der  Konig),  weil  beide  letztere  sich  aus  kom- 
pletten  Biichern  nur  die  Blatter  schnitten,  an  denen  etwas  war.  30 
Eben  diese  Achtung  fur  alle  Makulatur  nahm  ihn  fur  die  Vor- 
schiirzen  gallischer  Koche  ein,  welche  bekanntlich  aus  vollge- 
drucktem  Papier  bestehen;  und  er  wiinschte  oft,  ein  Deutscher 
iibersetzte  die  Schiirzen:  ich  berede  mich  gern,  daB  eine  gute  Ver- 
sion von  mehr  als  einem  solchen  papiernen  Burzel  und  Schurz 
unsere  Literatur  (diese  Muse  a  belles  fesses)  emporbringen  und 


DRITTER  ZETTELKASTEN  89 

ihr  statt  eines  Geifertuches  dienen  konnte.  -  Der  Mensch  legt  auf 
viele  Sachen  ein  pretium  affectionis,  bloB  weil  er  sie  halb  gestoh- 
len  zu  haben  hofft:  aus  diesem  mit  dem  vorigen  zusammenhan- 
genden  Grunde  fing  der  Quintus  alles  glaubig  auf,  was  er  ent- 
weder  in  einem  collegio  publico  oder  als  hospes  wegschnappte; 
nur  Meinungen,  fur  die  er  den  Professor  bezahlen  muBte,  pruft* 
er  streng.  -  Ich  komme  wieder  auf  den  verschobenen  Weihnachts- 
abend  zuriick. 

Eben  da  war  Egidius  froh,  daB  drauBen  Miiller  und  Backer  ein- 

10  ander  schlugen  -  wie  man  das  wehende  Schneien  in  groBen  Flok- 
ken  nennt  -  und  daB  die  Eisblumen  der  Fenster  aufbluhten  - 
denn  er  hatte  auBern  Frost  bei  Stubenhitze  gem  -:  er  konnte  nun 
Pechholz  in  den  Ofen  und  MohrenkafTee  in  den  Magen  nachlegen 
und  den  rechten  FuB  (statt  in  den  Pantoffel)  in  die  warme  Hiifte 
des  Pudels  schieben  und  doch  noch  auf  dem  linken  den  Starmatz 
schaukeln,  der  die  Nase  des  alten  Schilles  abraupte,  indes  er  mit 
der  rechten  Hand  -  mit  der  linken  hielt  er  die  Pfeife  —  so  unge- 
stort,  eingemummt,  umnebelt  und  ohne  ein  frostiges  Liiftchen 
das  Wichtigste  anfing,  was  ein  Quintus  machen  kann  -  den  Lek- 

20  tionskatalog  des  flachsenfingischen  Gymnasiums,  namlich  das 
Achtel  davon.  Ich  halte  den  ersten  Druck  in  der  Geschichte  eines 
Gelehrten  fiir  wichtiger  als  die  ersten  Drucke  in  der  Geschichte 
der  Buchdrucker:  Fixlein  konnt*  es  gar  nicht  satt  kriegen,  das  zu 
spezifizieren,  was  er  kunftiges  Jahr  g.  G.  traktieren  wollte,  und 
reihete  deshalb,  mehr  Drucks  als  Nutzens  wegen,  noch  drei  bis 
vier  padagogische  Fingerzeige  dem  Operationsplane  samtlicher 
Schulherren  an. 

Er  trug  nur  noch  einige  Gedankenstriche  als  Faden  der  Rede 
nach  und  sah  dann  das  Opus  nicht  mehr  an,  weil  er  es  vergessen 

30  wollte,  damit  er  nach  dem  Abdrucke  iiber  seine  eignen  Gedanken 
erstaunte.  Nun  konnt'  er  den  MeBkatalog,  den  er  jahrlich  statt  der 
Biicher  desselben  kaufte,  ohne  Seufzer  aufschlagen :  er  war  auch 
gedruckt  wie  ich. 

Der  freudige  Narr  hatte  unter  dem  Schreibeh  den  Kopf  ge- 
schaukelt,  die  Hande  gerieben,  mit  dem  SteiBe  gehiipfet,  das  Ge- 
sicht  gebohnt  und  an  dem  Zopfe  gesogen. Jetzt  konnt*  er 


$>0  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

abends  um  funf  Uhr  aufspringen,  urn  sich  zu  erholen,  und  durch 
den  magischen  Dampf  der  Pfeife  in  seinem  Bauer  wie  ein  frisch- 
gefangener  Vogel  auf-  und  niederfahren.  In  den  warmen  Rauch 
leuchtete  die  lange  MilchstraBe  der  StraBenlaternen,  und  an  sei- 
nem Bettvorhang  hinauf  lag  rotend  der  bewegliche  Widerschein 
der  brennenden  Fenster  und  illuminierten  Baume  in  der  Nach- 
barschaft.  Nun  nahm  er  den  Schnee  der  Zeit  von  dem  Winter- 
griin  der  Erinnerung  hinweg  und  sah  die  schonen  Jahre  seiner 
Kindheit  aufgedeckt,  frisch,  grun  und  duftend  vor  sich  darunter 
stehen.  O  es  ist  schon,  daB  der  Rauch,  der  iiber  unserem  verpuf-  10 
fenden  Leben  aufsteigt,  sich  wie  bei  demvergehendenSpieBglas  in 
neuen,  obwohl  poetischen  Freuden-Blumen  anlegt!  -  Er  schauete 
aus  seiner  Feme  von  zwanzig  Jahren  in  die  stille  Stube  seiner  El- 
tern  hinein,  wo  sein  Vater  und  sein  Bruder  noch  nicht  auf  dem 
Welkboden  und  Darrofen  des  Todes  einschwanden.  Er  sagte: 
»Ich  will  den  heiligen  Weihnachts-Abend  gleich  von  fruh  an 
durchnehmen.«  Schon  beim  Aufstehen  traf  er  auf  dem  Tische 
heilige  Flitter  von  der  Gold-  und  Silberfolie  an,  mit  der  das  Chri- 
stuskind  seine  Apfel  und  Niisse  des  Nachts  blasonieret  und  be- 
schlagen  hatte.-Auf  derMunzprobationswaage  der  Freude  ziehet  *° 
dieser  metallische  Schaum  mehr  als  die  goldnen  Kalber,  die  gold- 
nen  Pythagoras-Huften  und  die  guldnen  Philister-Arse  der  Kapi- 
talisten.  -  Dann  brachte  ihm  seine  Mutter  zugleich  das  Christen- 
tum  und  die  Kleider  bei:  indem  sie  ihm  die  Hosen  anzog,  rekapi- 
tulierte  sie  leicht  die  Gebote,  und  unter  dem  Binden  der  Striimpfe 
die  Hauptstiicke.  Wenn  man  kein  Talglicht  mehr  brauchte:  so 
maB  er,  auf  dem  Arm  des  GroBvaterstuhles  stehend,  den  nacht- 
lichen  SchuB  des  gelben  klebrigen  Laubes  der  Weihnachtsbirke 
ab  und  wandte  viel  weniger  Aufmerksamkeit  als  sonst  auf  den 
kleinen  weiBen  Winterflor,  den  die  Hanfkorner,  die  die  oben  han-  30 
gende  Voliere  verzettelte,  aus  den  nassen  Fensterfugen  auftrie- 
ben.  -  Ich  verdenke  dem  J.  J.  Rousseau  seine  flora  petrinsularis1 
gar  nicht;  aber  er  nehme  auch  dem  Quintus  seine  Fenster-Flora 
nicht  libel.  -  Da  den  ganzen  Tag  keine  Schule  war:  so  war  Zeit 
genug  ubrig,  den  Metzger  (seinen  Bruder)  zu  bestellen  und  das 
1  Die  er  von  seiner  Petersinsel  im  Bielersee  Iiefern  wollte. 


DRITTER  ZETTELKASTEN  91 

Hausschlachten  (wenn  war  besseres  Frostwetter  dazu?)  vorzu- 
nehmen.  Der  Bruder  hatte  einige  Tage  vorher  mit  Lebens-  und 
Priigelgefahr  das  Maststiick  in  dem  Luftloch  eines  SchloBfensters 
gefangen,  indem  er,  auf  der  Fensterbriistung  stehend,  die  hinaus- 
gebogene  Hand  auf  das  Nachtlager  des  darin  hockenden  Mast- 
ochsen  -  so  nennten  sie  den  Spatzen  -  deckte.  Es  fehlte  der 
Schlachterei  weder  an  einem  holzernen  Beile,  noch  an  Wiirsten, 
Pokelfleisch  u.  dgl.  -  Um  drei  Uhr  setzte  sich  der  alte  Gartner, 
den  die  Leute  den  Kunstgartner  nennen  muBten,  mit  einer  kolni- 

10  schen  Pfeife  in  seinen  groBen  Stuhl,  und  dann  durfte  kein  Mensch 
mehr  arbeiten.  Er  erzahlte  bloB  Liigen  vom  aronautischen  Chri- 
stuskind  und  vom  rauschenden  Ruprecht  mit  Schellen.  In  der 
Dammerung  nahm  der  kleine  Quintus  einen  Apfel,  zerfallte  ihn 
in  alle  Figuren  der  Stereometrie  und  breitete  sie  in  zwei  Abtei- 
lungen  auf  dem  Tische  auf;  wurde  nachher  das  Licht  eingetragen : 
so  fing  er  an  zu  erstaunen  uber  den  Fund  und  sagte  zum  Bruder: 
»Sieh  nur,  wie  das  fromme  Christkindlein  mir  und  dir  bescheret 
hat,  und  ich  habe  einen  Fliigel  von  ihm  schimmern  sehen.«  Und 
auf  dieses  Schimmern  lauerte  er  selber  den  ganzen  Abend  auf.  - 

20  Schon  um  acht  Uhr  -  er  steifet  sich  hier  meistens  auf  die  Chro- 
nik  seiner  Zettel-Kommode  -  wurden  beide  mit  wundgeriebe- 
nem  Halse  und  in  frischer  Wasche  und  der  allgemeinen  Besorgnis, 
daB  der  heilige  Christ  sie  noch  auBer  den  Betten  erblicke,  in  diese 
geschafft.  Welche  lange  Zaubernacht !  -  Welches  Getiimmel  der 
traumenden  HofFnungen !  -  Die  gestalten voile,  schimmernde  Bau- 
mannshohle  der  Phantasie  zieht  sich  in  der  Lange  der  Nacht  und 
in  der  Ermattung  des  traumerischen  Abarbeitens  immer  dunkler 
und  voller  und  grotesker  hin  -  aber  das  Erwachen  gibt  dem  diir- 
stenden  Herzen  seine  Hoffnungen  wieder.  -  Alle  Tone  des  Zu- 

jo  falls,  der  Tiere,  des  Nachrwachters  sind  der  furchtsam-andachti- 
gen  Phantasie  Klange  aus  dem  Himmel,  Singstimmen  der  Engel 
in  den  Liiften,  Kirchenmusik  des  morgendlichen  Gottesdienstes.- 
Ach  das  bloBe  SchlarafTenland  von  EB-  und  Spielwaren  war  es 
nicht,  was  damals  mit  seiner  Perspektive  wie  ein  Freudenstrom 
gegen  die  Kammern  unsers  Herzens  sturmte  und  was  ja  noch  jetzt 
im  Mondlicht  der  Erinnerung  mit  seinen  dammernden  Land- 


92  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

schaften  unsere  Herzen  sufi  aufloset.  -  Ach  das  war  es,  das  ists, 
daB  es  damals  fur  unsere  grenzenlosen  Wiinsche  noch  grenzen- 
lose  HofFnungen  gab;  aber  jetzt  hat  uns  die  Wirklichkeit  nichts 
gelassen  als  die  Wiinsche! 

EndlichliefenschnelleLichterderNachbarschaftiiber  die  Wand, 
und  das  Weihnachts-Trommeten  und  Hahnengeschrei  vom  Turin 
riB  beide  Kinder  aus  den  Betten.  Mit  den  Kleidern  in  den  Handen 
—  ohne  Bangigkeit  vor  dem  Dunkel  -  ohne  Gefuhl  des  Morgen- 
frostes  -  rauschend  -  trunken  -  schreiend  stiirzen  sie  von  der 
Treppe  in  die  dunkle  Stube.  —  Die  Phantasie  wiihlet  im  Back- 
und  Obstgeruche  der  verfinsterten  Schatze  und  malet  ihre  Luft- 
schlosser  beim  Glimmen  der  Hesperidenfruchte  am  Baume.  - 
Unter  dem  Feuerschlagen  der  Mutter  decken  die  fallenden  Fun- 
ken  das  Lustlager  auf  dem  Tisch  und  den  bunteri  Lusthain  an  der 
Wand  spielend  auf  und  zu,  und  ein  einziger  Glut-Atom  tragt  den 
hangenden  Garten  von  Eden. 

Plotzlich  wurd'  es  licht,  und  der  Quintus  bekam  das  -  Konrek- 
torat  und  eine  Stutzuhr 


VlERTER  ZETTELKASTEN 


Amter-VerschleiB  -  Entdeckung  des  versprochenen  Geheimnisses  - 
Hans  von  Fiichslein 


Indem  namlich  der  gewesene  Quintus  in  seiner  dampfenden  Stube, 
dem  Resonanzboden  seiner  Kinderjahre,  auf-  und  ablief :  kam  der 
Ratsdiener  mit  einer  Laterne  und  mit  der  Vokation,  hinter  ihm 
der  Jager  der  Frau  von  Aufhammer  mit  einem  Briefchen  und  mit 
einer  Stutzuhr.  Die  Rittmeisterin  hatte  den  Ehrensold  fur  seine 
Kanikularvermahnung  am  Krankenbette  in  ein  Weihnachtsge- 
schenk  verwandelt,  das  bestand  i)  aus  einer  Stutzuhr,  an  der  ein 
holzerner  Affe  mit  dem  Glockenschlage  vortrat  und  es  nachtrom- 
melte,  wie  viel  Uhr  es  sci  -  2)  aus  dem  Konrektorat,  das  ste  ihm  3o 
ausgewirkt. 

Da  man  auswarts  uber  diese  Vokation  des  Flachsenfinger  innern 


VIERTER  ZETTELKASTEN  93 

Rats  gar  nicht  so  geurteilt  hat,  wie  man  hatte  sollen :  so  halt*  ichs 
fur  meine  Pflicht,  fur  den  gesamten  Rat  lieber  hier  eine  Defension 
zu  fuhren  als  im  Reichsanzeiger.  Ich  habe  schon  oben  im  zweiten 
Zettelkasten  erwahnt,  daB  derStadtsyndikus  mitHamburger  Lich- 
tern  und  der  regierendeBurgermeister  mitKaffeebohnen  handelte, 
sowohl  mit  halben  als  mit  gemahlnen.  Der  Kompagnie-Stichhan- 
del  aber,  den  sie  gemeinschaftlich  betrieben,  war  mit  den  acht 
Schulamtern;  die  andern  Ratsglieder  saBen  nur  als  Ballenbinder, 
Ladendiener  und  Kontoristen  in  der  Ratsschreibstube.  Das  ganze 
10  Rathaus  ist  iiberhaupt  ein  ostindisches  Haus,  wo  nicht  bloB  De- 
krete  oder  Vokationen,  sondern  auch  Schuhe  und  Tiicher  feil- 
gehalten  werden.  Eigentlich  ftihret  der  Rat  seine  Amterhandels- 
Freiheit  aus  dem  Grundsatze  des  romischen  Rechtes  her:  cui  jus 
est  donandi,  eidem  et  vendendi  jus  est,  d.  h.  wer  das  Recht  hat, 
eine  Sache  zu  verschenken,  der  darf  sie  auch  kauflich  erlassen, 
wenn  er  mag.  Da  nun  den  Ratsgliedern  offenbar  das  Recht  zu- 
steht,  Amter  gratis  zu  erteilen:  so  muB  sich  wohl  das,  sie  zu  ver- 
kaufen,  von  selber  verstehen. 

Nur  ein  Extrawort  uber  die  Vokationen-Agioteurs  iiberhaupt 

20  Ich  sorge  im  ganzen,  die  Akademien-Produkten-VerschleiB- 
Kommission1  des  Staats  betreibe  den  Amterhandel  schlafT.  Wer 
aber  anders  als  das  gemeine  Wesen  muB  am  Ende  leiden,  wenn 
wichtige  Posten  nicht  nach  dem  Kaufschilling,  der  fur  sie  erleget 
wird, sondern  nachKonnexionen,Verwandtschaften,  parteiischen 
Empfehlungen  und  Bucklingen  weggegeben  werden?  Ists  nicht  ein 
Widerspruch,  Titularamter  teuerer  abzustehen  als  wirkliche? 
Sollte  man  nicht  eher  hoffen,  daB  der  wirkliche  Hofrat  urns 
alterum  tantum  im  Verhaltnis  des  Titularhofrats  versteigert 
werde?  -  Das  Geld  ist  nun  bei  den  europaischen  Nationen  das 

3o  Aquivalent  und  der  Reprasentant  des  Wertes  aller  Dinge  und 
folglich  des  Verstandes,  um  so  mehr,  da  ein  Kopffarzut  steht; 
die  Kaufsumme  des  Amtes  aufzahlen,  ist  also  nichts  als  ein  ex- 

1  Entlehnt  von  der  k.  k.  Bergwerks-Produkten-VerschleiB-Kommission 
in  Wien;  sogar  in  Namen  zeigt  der  Wiener  Geschmack. 


94  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

amen  rigorosum  aushalten,  das  nach  einem  guten  Schema  exami- 
nandi  gehalten  wird.  Es  umkehren  und  seine  Geschkklichkeit 
statt  deren  Surrogate  und  Assignate  und  Miinzen  de  conflance 
zeigen  wollen,  heiBet  nichts  als  den  narrischen  Philosophen  in 
Gullivers  Reisen  gleich  werden,  die  statt  der  Namen  der  Dinge 
die  Dinge  selber  in  Sacken  getragen  brachten  zum  gesellschaft- 
Hchen  Verkehr ;  und  das  heiBet  doch  klar  in  die  Zeiten  des  Tausch- 
handels  zuriickfallen  wollen,  wo  die  Romer,  anstatt  des  abgebil- 
deten  Ochsen  auf  ihren  Ledermunzen,  das  Rindvieh  selber  vor- 
fuhrten.  10 

Ich  bin  von  alien  solchen  unrichtigen  MaBregeln  so  weit  ent- 
fernt,  dafi  ich  oft,  wenn  ich  las,  daB  der  Konig  in  Frankreich  neue 
Amter  ersinne,  um  mit  ihnen  unter  der  Bude  seines  Baldachins 
feilzustehen,  auf  etwas  Ahnliches  dachte.  Ich  will  es  ruhig  wenig- 
stens  vorschlagen  und  mich  nicht  daruber  abharmen,  ob  es  die 
Staaten  annehmen  oder  nicht.  Da  der  Landesherr  uns  nicht  ver- 
gdnnt,  die  Amter  bloB  zum  Verkaufe  zu  vervielfaltigen,  weil  er 
vielmehr  Tag  und  Nacht  (wie  Regisseurs  der  wandernden  Trup- 
pen)  einem  Staats-Akteur  mehrere  Rollen  zudenkt,  um  zu  den 
drei  theatralischen  Einheiten  die  vierte  der  Spieler  zu  setzen;  da  20 
also  das  obige  nicht  geht:  konnten  wir  nicht  wenigstens  einige 
Tugenden,  die  mit  den  Amtern  harmonieren,  als  Titel  zugleich 
mit  diesen  verkaufen?  —  Konnte  man  nicht  z.  B.  mit  dem  Amte 
eines  Referendars  zugleich  Titular-Unbestechlichkeit  verkauf lich 
losschlagen,  so  aber,  daB  diese  Tugend,  als  nicht  zum  Amte  ge- 
horig,  besonders  vom  Kandidaten  bezahlet  wiirde?  -  Ein  solcher 
Kauftitel  und  Briefadel  konnte  keinen  Referendarius  verunzieren. 
Man  bedenkt  nicht,  daB  ahnliche  schone  Titel  sonst  alle  Posten 
schmiickten :  der  scholastische  Professor  schrieb  sich  damals  (noch 
auBer  seinem  Amtstitel)  »der  seraphische  -  der  unwiderlegliche  —  30 
der  scharfsinnige«  -  der  Konig  schrieb  sich  »der  groBe  -  der  kahle 
-  der  kuhne  -  der  einfaltige«  -  und  so  auch  der  Rabbiner.  Wurd' 
es  den  Mannern  in  den  hohern  Justizstellen  unangenehm  sein, 
wenn  ihnen  die  Titel  der  Unparteilichkeit,  der  Schnelligkeit  etc. 
so  gut  kauflich  erlassen  wurden  als  die  Posten  selber?  So  konnte 
mit  einer  Kammerratsstelle  die  Tugend  der  Untertanenliebe  schon 


VIERTER  ZETTELKASTEN  95 

als  Titel  verknupfet  werden ;  und  ich  glaube,  wenige  Advokaten 
wiirden  sich  bedenken,  sich  den  Titel  der  Rechtschaffenheit  -  so 
gut  wie  den  gewohnlichen  der  Regierungsadvokatie  -  anzuschaf- 
fen,  war*  er  anders  zu  haben.  Wollt*  indes  ein  Kandidat  seinen 
Posten  ohne  die  Tugenden  haben :  so  stand'  es  bei  ihm,  und  der 
Staat  durfV  ihn  zu  dieser  Vexier-Moralitat  nicht  zwingen. 

Es  kann  sein,  daB,  wie  nach  Tristram  Shandy  Kleider,  nach 
Walther  Shandy  und  Lavater  nomina  propria  auf  den  Menschen 
zuruckwirken,  appellativa  es  noch  mehr  tun,  da  ohnehin  an  uns, 

10  wie  an  den  Schaltieren,  sick  der  Schaum  so  oft  %ur  Schale  verstei- 
nerty  aber  diese  Moralitat  ists  nicht,  worauf  ein  Staat  sehen  kann: 
wie  bei  den  schdnen  Kiinsten  ist  nicht  sie,  sondern  Darstellung 
sein  wahrer  Zweck. 

Es  wurde  mir  oben  ordentlich  sauer,  fiir  die  verschiedenen 
Amter  mir  verschiedene  Verbaltugenden  zu  erdenken;  aber  ich 
sollte  glauben,  es  waren  noch  viele  dergleichen  Abteilungen  der 
Tugend  (jetzt  fallt  mir  selber  noch  der  Freiheitsgeist,  die  Auf- 
richtigkeit  und  der  gerade  Sinn  ein)  auszukundschaften,  wollte 
nur  ein  moralischer  Staatsminister  eine  ordentliche  Tugenddivi- 

20  sions-Kammer  oder  ein  moralisches Adrefi-Departement  mit  eini- 
gen  Kanzelisten  anstellen,  die  gegen  geringen  Gehalt  die  ver- 
schiedenen Tugenden  fiir  die  verschiedenen  Amter  ersannen.  Ich 
wiirde  an  ihrem  Platze  ein  gutes  Prisma  vor  den  weiBen  Strahl 
der  Tugend  halten,  das  ihn  gehorig  zersetzte.  Zu  wiinschen  war* 
es,  es  betrafe  Verbrechen  -  deren  Subsubdivision  namlich  - :  so 
konnten  Gerichtshalter  dazu  genommen  werden.  Denn  in  den 
Gerichtsstellen,  wo  nur  niedere  Gerichtsbarkeit  und  keine  Strafe 
iiber  5  ft.  frankischer  Wahrung  stattfindet,  haben  sie  ein  tagliches 
Exerzitium,  wie  sie  aus  jedem  Unfug  mehrere  kleinere  machen 

30  wollen,  wovon  sie  jeden  niemals  iiber  5  fl.  bestrafen.  Es  ist  dieses 
ein  gutes  moralisches  Rolfiriken,  das  die  Juristen  gliicklich  dem 
Siinden-Prosektor,  dem  heiligen  Augustin,  und  seiner  Sorbonne 
absahen,  die  beide  in  Adams  Sundenapfel  mehr  Siinden  einschnit- 
ten,  als  jener  in  einen  Kirschkern  Gesichter.  Wie  verschieden  ist 
der  Gerichtshalter  vom  papstlichen  Kasuisten,  der  die  beste  Tod- 
siinde  durch  Seitenschnitte  in  eine  laBliche  zu  verdiinnen  weiB !  - 


<)6  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Schulamter  (urn  auf  diese  zu  kommen)  sind  zwar  ein  kleiner 
Handelsartikel;  sie  sind  aber  doch  allemal  Monarchien  -  Schul- 
monarchien  namlich  — ,  die  der  polnischen  Krone  gleichen,  die 
nach  Popes  Verse  zweimal  in  einem  Jahrhundert  feilsteht,  wel- 
ches arithmetisch  falsch  ist,  weii  Newton  die  Regiments-Jahre  im 
Durchschnitt  auf  zweiundzwanzig  Jahre  ansetzt.  Ob  iibrigens  der 
innere  Rat  die  Stadtjugend  einem  Hamelschen  Ratten-  und  Kin- 
derfanger  oder  einem  WeiBeschen  Kinderfreunde  zufuhre  -  das 
kann  fur  den  Rat  keinen  Unterschied  machen,  da  der  Schulmann 
kein  Gaul  ist,  fur  dessen  unsichtbare  Mangel  der  RoBtauscher  zu  i0 
haften  hat.  Es  ist  genug,  wenn  Stadtsyndikus  et  Compagnie  sich 
nicht  vorwerfen  konnen,  daB  sie  ein  Genie  ausgeklaubet  haben; 
denn  ein  Genie  wiirde,  da  es  nur  zur  Zierde  und  Belustigung  des 
Staates  zu  verbrauchen  ist,  allerd'ings  den  schlechtern,  kaltern 
Kopf  verdrangen,  der  eigentlich  der  wahre  Nutzen  und  Kuxe  des 
Staates  ist,  so  wie  gute  Lot-  und  Zahlperlen  bloB  zum  Putze, 
schlechte  Samenperlen  aber  zum  Medizinieren  dienen.Wenn  iiber- 
haupt  ein  Schullehrer  vermogend  ist,  seinen  Scholaren  auszu- 
wichsen:  so  kann  er  im  ganzen  genug;  und  ich  tadle  es,  daB 
die  Oberexaminationskommission  keinen  Schulmann  vor  ihren  20 
Augen  einige  odermehrerejungeLeute  aus  seinerKlasse  zur  Probe 
prugeln  lasset,  urn  zu  sehen,  was  an  ihm  ist. 

Ende  des  Extrawortes  uber  Vokationen-Agioteurs  uberhaupt 

Nun  wieder  zur  Geschichte !  Die  Rats-Bewindheber  erkannten 
meinem  Helden  das  Konrektorat  nicht  bloB  des  groBern  Lichter- 
und  Bohnen-Absatzes  wegen  zu,  sondern  wegen  einer  ganz  tollen 
Vermutung:  sie  glaubten  namlich,  der  Quintus  verfahre  bald 
Todes. 

-  Und  hier  steh*  ich  vor  einem  wichtigen  Platze  dieser  Ge- 
schichte, in  den  ich  bis  jetzt  niemand  sehen  lassen;  jetzt  aber  50 
kommts  nicht  mehr  auf  meinen  Willen  an,  die  bisherige  spani- 
sche  Wand  wegzuschieben  oder  nicht,  sondern  ich  muB  sogar 
Reverberierlaternen  dariiber  aufhangen.  Es  ist  namlich  in  der 
medizinischen  Geschichte  etwas  ganz  Bekanntes,  daB  man  in  ge- 
wissen  Familien  gerade  in  einem  Alter  stirbt,  wie  man  darin  auch 


VIERTER  ZETTELKASTEN  97 

in  einem  Alter  (namlich  von  neun  Monaten)  geboren  wird;  ja  aus 
Voltaire  entsinn'  ich  mich  einer  Familie,  worin  die  Verwandten 
sich  immer  in  demselben  Alter  entleibten.  In  der  Fixleinischen 
Verwandtschaft  war  nun  die  Gewohnheit,  daB  die  mannlichen 
Aszendenten  immer  im  zweiunddreiBigsten  Jahre  am  Kantate- 
sonntag  sich  hinlegten  und  starben :  es  muB  sichs  jeder  in  sein 
Exemplar  vom  dreiBigjahrigen  Kriege,  weils  Schiller  ganzlich 
weggelassen,  nachtragen,  daB  darin  ein  Fixlein  an  der  Pest,  einer 
am  Hunger  und  einer  an  einer  Flintenkugel  starb,  alle  im  zwei- 
10  unddreiBigsten  Jahre.  Wahre  Philosophic  erklart  sich  das  Fak- 
tum  so:  »Die  ersten  paar  Male  traf  sichs  nur  zufalligerweise  so;  - 
und  die  ubrigen  Male  verstarben  die  Leute  an  der  bloBen  Angst: 
widrigenfalls  miiBte  man  das  ganze  Faktum  lieber  in  Zweifel 
Ziehen. « 

Was  machte  aber  Fixlein  aus  der  Sache?  -  Wenig  oder  nichts: 
das  einzige,  was  er  tat,  war,  daB  er  sich  wenig  oder  nicht  befliB, 
sich  in  Thiennette  zu  verlieben,  damit  kein  anderer  seinetwegen 
in  Angst  geriete.  Er  selber  aber  schor  sich  aus  fiinf  Griinden  so 
wenig  darum,  daB  er  alter  als  der  Senior  Astmann  zu  werden  ver- 
so hoffte:  erstlich,  weil  drei  Zigeunerinnen  in  verschiedenen  Orts- 
und  Zeitraumen,  und  ohne  etwas  voneinander  zu  wissen,  darin 
zusammengetrorTen  hatten,  daB  sie  ihn  dieselbe  Hauptallee  langer 
Jahre  in  ihren  Zauberspiegeln  erblicken  lieBen  -  zweitens,  weil  er 
kerngesund  war  -  drittens,  weil  sein  eigner  Bruder  eine  Ausnah- 
me  gemacht  hatte  und  vor  den  D  reiBigern  ersofFen  war  -  viertens 
darum :  als  kleiner  Knabe  wurd'  er  gerade  an  dem  Kantatesonn- 
tage,  wo  man  seinen  Vater  aufs  Leichenbrett  band,  vor  Kummer 
krank  und  nur  durch  sein  Spielzeug  geheilt;  mit  diesem  Kantate- 
Siechtum  aber  glaubte  er  den  mordenschen  Genius  seines  Stamms 
30  recht  gut  abgefunden  zu  haben.  Funftens  konnt'  er,  weil  die  Kir- 
chenbiicher  und  mithin  die  GewiBheit  seines  Alters  zusammen- 
gebrennt  waren,  niemals  in  eine  bestimmte  todliche  Angst  ge- 
raten:  wlch  kann  heimlich«,  sagt*  er,  »schon  iiber  das  Schelmjahr 
weggewischet  sein,  ohne  daB  es  ein  Henker  gemerkt  hat.«-  Ich 
verhehr  es  nicht,  schon  im  vorigen  Jahre  dacht*  er,  er  sei  ein  Zwei- 
unddreiBiger:  »Sollt'  ichs  dennoch«  (sagte  er)  »erst  im  kiinftigen 


98  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

(1792)  g.  G.  werden:  so  kanns  so  gut  ablaufen  wie  im  vorigen, 
und  der  Herr  kann  mich  ja  iiberall  finden.  Und  war*  es  denn  un- 
recht,  wenn  die  hiibschen  Jahre,  die  dem  Leben  meines  Bruders 
abgebrochen  wurden,  meinem  zugeschlagen  wurden  ?«  -  - 
So  sucht  sich  der  Mensch  unter  dem  kalten  Schnee  der  Gegenwart 
zu  erwarmen  oder  sich  aus  ihm  einen  schonen  Schneemann  zu 
kneten. 

Hingegen  die  ratsherrliche  Oligarchic  fuBete  aufs  Widerspiel 
und  hob  eben  wie  eine  Gotthek  den  Quintus  plotzlich  aus  der 
Quintei  ins  Konrektorat,  weil  sie  darauf  schwur,  er  erledig'  es  10 
bald.  Eigentlich  hatte  nach  der  Schul-Anciennete  dieser  heilige 
Stuhl  dem  Subrektor  Hans  von  Filckslein  gebiihrt;  aber  er  mocht' 
ihn  nicht,  weil  er  Hukelumer  Pfarrer  werden  wo  lite,  zumal  da  Ast- 
manns  Todesengel  nach  sichern  Nachrichten  die  Tiire  zu  diesem 
Schafstall  immer  weiter  aufschloB.  »Treibts  der  Kerl  noch  hoch- 
stens  ein  Jahr,  so  ists  viel«,  sagte  Hans. 

Dieser  Hans  war  so  grob,  daB  es  schade  ist,  daB  er  nicht  ein 
kurhannoverischer  Postbediente  war,  weil  er  dann  durch  das 
Mandat  der  hannoverischen  Regierung,  das  alle  Postamter  zu 
feinen  Sitten  verwies,  sich  mit  hatte  umbessern  konnen.  Er  war  20 
unserem  armen  Quintus,  den  kein  Mensch  anfocht  und  der  wieder 
keinenMenschen  haBte,allein  aufsatzig,bloB  weilFixIeln  sich  nicht 
Fuchslein  schrieb  und  sich  nicht  mit  ihm  hatte  adeln  wollen  lassen. 
Der  Subrektor  muBte  auf  seinem  adeligen  Triumphwagen,  den 
die  Vorspann  von  vier  vorausgegebenen  Ahnen  zog,  den  Quin- 
tus, der  mit  ihm  verwandt  war,  hinten  in  den  Lakaienriemen  des 
Wagens  greifen  sehen  und  ihn  mit  dem  jammerlichsten  Aufzuge 
von  der  Welt  zu  dem  Gefolge  sagen  horen :  »Der  da  fahrt,  ist  mein 
Vetter  und  ein  Mensch,  und  ich  erinnere  ihn  immer  daran.«  Der 
milde  nachgiebige  Quintus  wurde  die  groBe  Wespen-Giftblase  30 
im  Subrektor  gar  nicht  gewahr  und  nahm  sie  fur  den  Honig- 
magen;  ja  durch  seine  bruderliche  Warme,  die  der  Edelmann  fur 
Schein  ansah,  kochte  er  dessen  giftigen  Safte  nur  noch  dicker. 
Der  Quintus  sah  aus  Einfalt  die  Verachtung  fur  Neid  iiber  seine 
padagogischen  Talente  an. 

Einen  Katharinenhof  -  einen  Annenhof  -  einen  Elisabeth-, 


VIERTER  ZETTELKASTEN  99 

Strahlen-  und  Petershof,  alle  diese  russische  Lustschlosser  kann 
einer  entraten  (wenn  nicht  verachten),  der  eine  Stube  hat,  worm 
er  am  heiligen  Weihnachtsabend  m'it  einer  Vokation  herumstreift. 
Der  neue  Konrektor  wiinschte  sich  nun  nichts  als  -  hellen  Tag: 
Freuden  (Sorgen  nie)  frafien  ihm  wie  Spatzen  die  Schlummer- 
korner  weg,  und  heute  trommelte  ihm  noch  dazu  der  Rechnungs- 
fiihrer  seiner  frohen  Zeit,  der  Uhr-Affe,  alle  Stunden  vor,  die  er 
freudig  vertraumte,  anstatt  verschnarchte. 

Am  Weihnachtsmorgen  erblickt*  er  seinen  Lektionskatalog 

io  und  machte  nicht  viel  daraus:  er  wuBte  kaum,  was  er  von  seinem 
gestrigen  narrischen  Aufblahen  iiber  seine  Quintur  nun  denken 
sollte:  »Die  Quintus-Stelle«,  sagt*  er  zu  sich,  »kommt  gegen  em 
Konrektorat  in  gar  keine  Betrachtung  -  mich  wunderts,  wie  ich 
gestern  damit  stolzieren  konnte  vor  meiner  Veranderung  -  heute 
hatte  ich  doch  eher  Fug  dazu.«  Heute  speisete  er,  wie  an  alien 
Sonn-  und  Festtagen,  beim  Metzgermeister  Steinberger,  seinem 
vormaligen  Vormund.  Fixlein  war  gegen  ihn  das,  was  gemeine 
Leute  immer,  was  aber  vornehme  und  philosophische  und  gefuhl- 
volle  selten  sind  -  dankbar:  der  Mensch  dankt  desto  weniger  fur 

20  fremde  Geschenke,  je.  geneigter  er  ist,  eigne  zu  machen,  und  der 
Freigebige  ist  selten  ein  Dankbarer.  Meister  Steinberger  hatte  als 
Proviantmeister  an  den  Drahtkafig  der  Dachstube,  worin  Fixlein 
als  Student  in  Leipzig  hing,  vollgedriickte  FreBnapfchen  mit 
Kanarienfutter  von  Gerauchertem,  von  Hausbrot  und  Sauerkraut 
angesteckt.  Geld  aber  war  ihm  niemals  abzubetteln:  es  ist  be- 
kannt,  daB  er  oft  die  besten  Kalbshaute  zu  Stiefelleder  fur  den 
Quintus  zum  Gerber  gratis  schickte;  aber  die  Gerb-Kosten  muBte 
der  Miindel  tragen.  Als  Fixlein  kam^  wurd'  ihm  wie  allemal  ein 
kleineres  gemodeltes  Tischtuch  aufs  grobe  gedeckt  -  der  GroB- 

30  vaterstuhl,  ein  silbernes  Besteck  und  eine  Weinsuppe  gereicht; 
lauter  Aufwand,  der  sich,  wie  der  Vormund  sagte,  nur  fur  einen 
Gelehrten  schickte,  aber  fur  keinen  Fleischer.  Fixlein  aB  erst,  eh' 
er  entdeckte,  daB  er  Konrektor  geworden.  »Mundel,  wenn  Er« 
(sagte  Steinberger)  »das  geworden  ist:  so  ists.recht  gut.  -  Siehst 
du,  Eva,  jetzt  kauf  ich  keinen  Schwanz  von  deinen  Kiihen  -  ich 
muB  es  gerochen  haben.«  Er  sagte  seiner  Tochter  damit,  daB  er 


IOO  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

den  fur  die  Schweizerei  bestimmten  Kaufschilling  fur  das  Kon- 
rektorat  verwenden  miisse:  er  streckte  namlich  dem  Mundel  alle- 
zeit  die  Amter-Spesen  vor,  zu  4 1/2  Prozent.  Funfzig  Gulden  hatt' 
er  dem  Quintus  schon  zur  Quintus- Werdung  geliehen,  die  rich- 
tig  verzinset  werden  muBten;  an  dem  Zinstage  aber  bekam  Fix- 
lein  allemal  noch  Geld  heraus,  weil  er  die  Tochter  des  Vormundes 
alle  Sonntage  nach  dem  Essen  im  Rechnen,  Schreiben  und  in  der 
Landerkunde  vornehmen  muBte.  Steinberger  foderte  mit  Recht 
von  seiner  leiblichen  achtzehnjahrigen  Tochter,  daB  sie  alleStadte 
wissen  sollte,worin  er  auf  seiner  Wanderschaftgeschlachtet  hatte;  10 
und  wenn  sie  nicht  aufpaBte,  oder  krumm  schrieb,  oder  falsch 
subtrahierte:  so  stand  er  als  akademischer  Senat  und  Freischoppe 
hinter  ihrem  Stuhl  und  zackte  sozusagen  mit  dem  Zainhammer 
seiner  Faust  das  im  Ruckgrat  fortgesetzte  Gehirn  zur  Kultur  mit 
wenig  Schlagen  aus.  Der  sanfte  Quintus  hatte  sie  ohnehin  nie 
gepriigelt.  Deswegen  hatte  sie  ihm  vielleicht  mit  einigen  Blicken 
ihr  Herz  legiert  und  testiert.  Der  alte  Fleischer  hatte  -  eben  weil 
seine  Frau  gestorben  war  -  immer  mit  Grubenlichtern  und  Stor- 
stangen  den  Inhalt  aller  Winkel,  die  nur  im  Herzen  einer  Tochter 
liegen,  ausgeforscht;  und  hatte  daher  langst  das  gemerkt  -  was  *° 
der  Quintus  niemals  merkte-,  daB  sie  letztern  haben  wolle.  Mad- 
chen  verstecken  ihren  Kummer  leichter  als  ihre  Freuden:  heute 
war  Eva  iiber  das  Konrektorat  ungewohnlich  rot  geworden. 

Als  sie  heute  nach  dem  Essen  den  Kaffee  holte,  den  der  Mundel 
bis  auf  den  Bodensatz  austrinken  muBte  -  »ich  schlage  meine  Eva 
tot,  wenn  sie  ihn  nur  anleckt«,  sagte  er  -:  so^agt'  er  zu  Fixlein: 
»Hor'  Er,  Herr  Mundel,  hat  Er  niemals  ein  Auge  auf  meine  Eva 
geworfen?  -  Sie  kann  Ihn  leiden,  und  wenn  Er  sie  will,  kriegt  Er 
sie,  aber  wir  sind  geschiedene  Leute:  denn  ein  gelehrter  Herr 
braucht  eine  ganz  andere.«  —  ?° 

»Herr  Regimentsquartiermeister«,  sagte  Fixlein  (denn  diesen 
Posten  bekleidete  Steinberger  bei  der  Landmiliz),  »eine  solche 
Partie  ware  ohnehin  viel  zu  reich  fur  einen  Schulmann.«  Der 
Quartiermeister  nickte  mit  dem  Kopfe  siebenzigmal  und  sagte 
zur  wiederkehrenden  Eva,  indem  er  ein  Krummholz,  woran  er 
Kalber  aufspreizte  und  aufhing,  vom  Gesimse  nahm :  »Bleib  ste- 


VIERTER  ZETTELKASTEN  IOI 

hen!  -  Hore,  willst  du  gegenwartigen  Herrn  Konrektor  zu  dei- 
nem  Ehegemahl  haben?«  -  »Ach  du  groBer  Gott!«  sagte  Eva.  - 
»Du  magst  ihn  nun  wollen  oder  nicht,«  fuhr  der  Metzger  fort, 
»so  schlagt  dir  dein  Vater  mit  dem  Krummholz  das  Gehirn  ein, 
wenn  du  nur  an  einen  gelehrten  Herrn  denkst  -  mach  jetzt  seinen 
KafTee.«  So  war  durch  das  Trennmesser  des  Krummholzes  leicht 
eine  Liebe  zerschlagen,  die  in  einem  hohern  Stande  durch  dieses 
Dazwischenschlagen  mit  dem  Schwerte  nur  desto  mehr  geschau- 
met  und  gegischet  hatte. 

10  Fixlein  konnte  nun  zu  jeder  Stunde  50  fl.  frankisch  erheben 
und  den  padagogischen  Reichsapfel  ergreifen  und  Koadjutor  des 
Rektors,  d.  h.  Konrektor  werden.  Man  kann  annehmen,  daB  es 
mit  den  Schulden  wie  mit  den  Verhaltnissen  in  der  Baukunst  ist, 
von  denen  Wolf  erwies,  daB  die  die  schonsten  skid,  die  sich  mit 
den  kleinsten  Zahlen  ausdriicken  lassen.  Inzwischen  griff  der 
Quartiermeister  Gelehrten  willig  unter  die  Arme:  denn  die  Mei- 
nung,  daB  der  Schuldner  im  zweiunddreiBigsten  Jahre  sterben 
und  daB  so  dem  Tod  als  Glaubiger  in  der  ersten  Klasse  die  Schuld 
der  Natur  eher  bezahlet  werde  als  andern  Kreditoren  die  ihrigen, 

20  diese  Meinung  nannt'  er  Viehdummheit  und  Narretei;  er  war 
weder  aber-  noch  rechtglaubig  und  handelte  nach  festen  Grund- 
satzen,  die  der  gemeine  Mann  weit  ofter  hat  als  der  prahlende 
Literatus  und  der  ode  weiche  GroBe. 

Da  ich  nur  einzelne  helle  Marientage-  warme  Walpurgisnachte 
-  hochstens  bunte  Rosenwochen  aus  dem  in  Alltagsschlacken 
vererzten  Leben  Fixleins  wie  Silberadern  scheide  und  sie  fur  den 
Leser  poche,  schmelze  und  glatte :  so  mufi  ich  jetzt  mit  dem  Bache 
seines  Lebens  gehen  bis  an  den  Kantatesonntag  1792,  bevor  ich 
einige  Handvoll  Goldkorner  zur  Wasche  in  diese  biographische 

30  Goldhutte  tragen  kann.  Dieser  Sonntag  hingegen  ist  sehr  gold- 
haltig:  man  denke  nur  daran,  daB  Fixlein  doch  nicht  weifi  (weil 
die  Asche  der  Kirchenbucher  unleserlich  ist),  ob  er  da  nicht  ins 
zweiunddreiBigste  Jahr  einlaufe. 

Von  Weihnachten  bis  dahin  tat  er  weiter  nichts,  als  daB  er 
Konrektor  wurde.  Der  neue  Katheder  war  ein  Sonnenaltar,  auf 
dem  sich  aus  der  Quintus-Asche  ein  junger  Phonix  zusammenzog. 


102  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

GroBe  Veranderungen  verjiingen  -  in  Amtern,  Ehen,  Reisen  -, 
weil  man  das  Leben  allezeit  von  der  letzten  Revolution  an 
datiert,  wie  die  Franzosen  von  der  ihrigen  an.  Ein  Obrist,  der  in 
die  Wesenleiter  der  Anciennete  den  FuB  als  Korporal  eingesetzet 
hatte,  ist  fiinfmal  j  linger  als  ein  Konig,  der  in  seinem  Leben  nichts 
weiter  war  als  ein  -  Kronprinz. 


FiJNFTER  ZETTELKASTEN 
Der  Kantatesonntag  —  zwei  Testamente  —  Pontak  -  Blut  -  Liebe 

Die  Friihlingsmonate  kleiden  die  Erde  neu  und  bunt,  aber  den 
Menschen  meistens  schwarz.  Gerade  wenn  unsere  Eisregionen  zu  10 
fruchtbaren  werden  und  die  Blumenwellen  der  Auen  uber  unsern 
Weltteil  zusammenschlagen :  so  stoBen  uns  iiberall  Menschen  in 
Floren  auf,  deren  Friihlingsanfang  voll  Tranen  ist.  Aber  auf  der 
andern  Seite  ist  ja  das  Aufbliihen  der  verjiingten  Erde  die  beste 
Kurzeit  gegen  den  Schmerz  uber  die,  die  in  ihr  liegen,  und  Blu- 
men  verhiillen  uns  Graber  besser  als  Schnee.  -  -  Der  alte  Lehrer 
des  Konrektors,  Astmann,  begegnete  im  April,  der  weniger  ver- 
anderlich  als  todlich  ist,,  dem  Tode,  der  ihm  das  am  Magen  sie- 
chende  Gehirn  eindriickte.  Man  wollte  seinen  Abschied  der  Ritt- 
meisterin  verdecken ;  aber  das  ungewohnliche  Leichengelaute  trug  20 
ihr  seinen  Schwanengesang  ans  Herz  und  setzte  die  Abendglocke 
ihres  Lebens  allmahlich  in  ahnlichen  Schwung.  Alter  und  Leiden 
hatten  an  ihr  schon  dem  Tode  die  ersten  Einschnitte  vorgezeich- 
net,  daB  er  wenig  Miihe  brauchte,  sie  ganz  zu  fallen;  denn  den 
Menschen  geht  es  wie  den  Baumen,  die  lange  vor  dem  Umsagen 
eingekerbet  werden,  damit  ihnen  der  Lebenssaft  entflieBe.  Der 
zweite  SchlagfluB  traf  sie  in  geringer  Entfernung  vom  letzten:  es 
ist  sbnderbar,  daB  der  Tod,  wie  Gerichte,  die  Schlagfliissigen 
dreimal  zitieret. 

Die  Menschen  schieben  ihren  letzten  Willen  gern  so  lange  hin-  3° 
aus  wie  ihren  bessern:  die  Rittmeisterin  hatte  vielleicht  alle  ihre 
Stunden  bis  auf  die  sprachlose  und  taube  ohne  Testament  ver- 


FUNFTER  ZETTELKASTEN  IO3 

rollen  lassen,  hatte  nicht  Thiennette  in  der  letzten  Nacht,  ehe  sie 
aus  der  Krankenwarterin  die  Leichenfrau  wurde,  die  Sieche  auf 
den  armen  Konrektor  gebracht  und  auf  sein  darbendes  Leben 
und  auf  die  schmalen  Lebensdiaten  und  Alimentengelder,  die  ihm 
das  Gliick  ausgeworfen,  und  auf  seine  leere  Zukunft,  wo  er  als 
gelbes  mattes  Gewachs  in  den  trockenen  Dielen-Fugen  derSchul- 
stube  zwischen  Schiilern  und  Glaubigern  welken  werde.  Ihre 
Durftigkeit  war  ihr  das  Modell  zur  seinigen,  und  ihre  innern 
Tranen  waren  die  flussigen  Tuschen  ihres  Gemaldes.  Da  die  Ritt- 

10  meisterin  nur  fiir  Domestiken  testierte  und  bei  den  mannlichen 
anflng:  so  stand  Fixlein  obenan  -  und  der  Tod,  der  ein  beson- 
derer  Hausfreund  des  Konrektors  sein  muB,  hob  nicht  eher  seine 
Sense  auf  und  tat  den  letzten  Schnitt,  als  bis  sein  Muttersohnchen 
mit  vernehmlicher  Stimme  zum  Testamentserben  erklaret  war: 
dann  schnitt  er  alles  ab,  Leben,  Testament  und  Hoffnungen.  - 

Als  der  Konrektor  auf  einem  Waschezettel  seiner  Mutter  diese 
zwei  Todes-  und  Hiobsposten  in  seiner  Sekunda  erfuhr:  so  war 
das  erste,  was  er  tat,  daB  er  die  Sekundaner  entlieB  und  in  Tranen 
ausbrach,  ehe  er  im  Konrektorat  angekommen  war.  Ob  ihm  gleich 

20  die  Mutter  mit  geschrieben  hatte,  daB  er  im  Testament  bedacht 
geworden  -  ich  wiinschte  aber,  der  Gerichtshalter  hatte  ausge- 
plaudert,  wie  viel  es  gewesen  -:  so  fielen  ihm  fast  mit  jedem  O, 
das  er  masorethisch  in  der  deutschen  Bibel  assortierte  und  ein- 
trug,  groBeTropfen  in  die  Feder  und  machten  die  Dinte  zu  blaB. 
Ihn  zerfraB  nicht  der  poetische  Schmerz  des  Dichters,  der  die 
klaffenden  Wunden  in  Leichenschleier  hullet  und  den  Schrei 
durch  sanftes  Trauergetone  bricht,  noch  der  Schmerz  des  Philo- 
sophen,  den  ein  offnes  Grab  in  das  ganze  Katakomben-Geklufte 
der  Vergangenheit  einschauen  lasset  und  vor  dem  sich  der  Todes- 

30  schatten  eines  Freundes  zum  Schattenkegel  der  ganzen  Erde  auf- 
richtet  -  sondern  ihn  preBte  das  Weh  eines  Kindes,  einer  Mutter, 
die  schon  der  Gedanke  -  ohne  Nebenbetrachtungen  -  bitter 
zerknirscht :  »So  soil  ich  dich  nicht  mehr  sehen,  so  sollst  du  ver- 
wesen,  und  ich  sehe  dich,  du  gute  Seele,  niemals,  niemals  mehr.«  - 
Eben  weil  er  weder  den  poetischen  noch  philosophischen  Kummer 
hatte,  machte  jede  Kleinigkeit  einen  Absatz,  eine  Liicke  in  dem 


104  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

seinigen ;  und  er  war  wie  ein  Weib  noch  denselben  Abend  fahig, 
sich  einige  kunftige  Gebrauchszettel  seiner  angekundigten  Erb- 
schaftsmasse  zu  entwerfen. 

Vier  Wochen  darauf,  d.  h.  den  5.  Mai,  wurden  die  Testaments- 
siegel  aufgebrochen ;  aber  er  ging  erst  den  6.  (am  Kantatesonntag) 
nach  Hukelum  ab.  Seine  Mutter  lief  seinen  GriiBen  mit  Tranen 
entgegen,  die  sie  iiber  die  Leiche  vergoB  -  vor  Trauer  -  und  uber 
das  Testament  -  vor  Freude.  —  Dem  zeitigen  Konrektor  Egidius 
Zebedaus  war  verehrt:  erstlich  ein  adeliges  groBes  Bette  mit  einer 
Spiegeldecke,  in  dem  der  Riese  Goliath  sich  hatte  umwenden  10 
konnen  und  an  das  nachher  ich  und  die  Leserin  naher  treten  wol- 
len,  um  es  zu  priifen  -  zweitens  wurde  ihm  als  rtickstandiges 
Osterpatengeld  fiir  jedes  Jahr,  das  er  zuriickgelegt,  ein  Zopf- 
dukaten  legiert— drittens  sollen  ihm  alleRezeptions-  undStations- 
gelder,  die  ihn  die  Kreuzeserhohung  in  das  Quintat  und  Konrek- 
torat  gekostet,  bei  Heller  und  Pfennig  erstattet  werden.  —  »Und 
weiBt  du  denn,«  fuhr  die  Mutter  fort,  »was  die  arme  Frohlen 
krlegt?  -  Ach  Gott!  nichtsl  nicht  den  roten  Heller  da!«  -  Denn 
der  Tod  hatte  die  Hand  starr  gemacht,  die  sich  gerade  ausstrecken 
und  der  armen  Thiennette  einen  kleinen  Regenschirm  gegen  die  20 
Strichgewitter  und  Blutregen  ihres  Lebens  reichen  wollte.  Die 
Mutter  berichtete  diesen  FuBstoB  des  Glucks  mit  wahrem  Mit- 
leid,  das  bei  den  Weibern  den  Neid  abloset  und  das  ihnen  leichter 
wird  als  die  Mitfreude,  die  mehr  mannlich  ist.  In  manchen  weib- 
lichen  Herzenskammern  sind  Mitleiden  und  Neid  so  nahe  Wand- 
nachbarn,  daB  sie  nirgends  tugendhaft  waren  als  in  der  Holle,  wo 
die  Menschen  so  erschrecklich  viel  ausstehen,  und  nirgends  feh- 
lerhaft  als  im  Himmel,  wo  die  Leute  des  Guten  zu  viel  haben. 

Der  Konrektor  hatte  nun  auf  Erden  den  Himmel,  in  den  seine 
Wohltaterin  aufgeflohen  war.  Zuallererst  sprang  er  -  ohne  sein  3° 
Schnupftuch  einzustecken,  in  dem  seine  Riihrung  war- die Treppe 
hinauf,  um  das  groBe  testierte  Bette  aufgeschlagen  zu  sehen :  denn 
er  hatte  eine  weiblicke  Vorliebe  fiir  Moblen.  Ich  weiB  nicht,  ob 
der  Leser  schon  in  alte  Ritterbetten  geschauet  hat  oder  gestiegen 
ist,  in  die  man  durch  eine  kleine  Treppe  ohne  Gelander,  die  daran 
hangt,  leichtlich  kommen  kann  und  in  denen  man  im  Grunde 


FUNFTER  2ETTELKASTEN  IOf 

allemal  eineTreppe  hoch  schlaft.  Na^ianien  berichtet  (Orat.XVI), 
daB  schon  die  Juden  hohe  Betten  mit  solchen  Huhnerleitern  ge- 
habt,  aber  bloB  des  Ungeziefers  wegen.  Die  legierte  Bette-Arche 
war  gerade  so  groB  -  und  ein  Floh  hatte  sie  nicht  mit  Erddiametern, 
sondern  mit  Siriusweiten  gemessen.  Als  Fixlein  von  diesem 
kolossalischen  Dormitorium  die  Vorhange  zuriickgeschoben  und 
den  Bettehimmel  in  einem  grofien  Spiegel  offen  gesehen  hatte: 
war*  er  gern  darin  gewesen;  und  wenn  er  au:>  dem  Nachtkegel 
in  Amerika  einen  Kegelschnitt  hatte  nehmen  konnen,  er  hatte  sich 

10  damit  eingebauet,  um  nur  eine  halbe  Stunde  mit  seiner  dunnen 
Rutentaille  im  Flaum-Weiher  herumzuschwimmen.  Die  Mutter 
hatte  ihn  durch  Iangere  Kettenschliisse  und  Kettenrechnungen, 
als  das  Bette  war,  nicht  dahin  lenken  konnen,  den  breiten  Spiegel 
oben  ausbrechen  zu  lassen,  obgleich  sein  groBer  Spiegeltisch  sich 
in  nichts  besehen  konnte  als  in  einem  Rasierspiegel;  —  er  lieB  den 
Spiegel  oben  daran:  »Sollt'  ich  einmal  g.  G.  heuraten,«  sagt*  er, 
»so  kann  ich  doch  gegen  Morgen  meine  schlafende  Frau  ansehen, 
ohne  dafi  ich  mich  im  Bette  aufsetze.« 

Was  den  zweiten  Artikel  anlangt,  namlich  die  legierten  Paten- 

20  pfennige:  so  macht'  es  gestern  seine  Mutter  recht  gut.  Der  Ge- 
richtshalter  horte  sie  iiber  die  Jahre  des  Erben  ab,  und  sie  legte 
diesem  geradezu  die  Dental-Zahl  zweiunddreiBig  bei.  Sie  hatte 
gern  gelogen  und  den  Sohn  wie  eine  Inschrift  fur  alter  verkauft; 
aber  gegen  diese  veniam  aetatis  wurden,  sah  sie,  die  Rechte  mit 
Rechten  exzipieret  haben:  »es  sei  erlogen  und  erstunken;  ware 
der  Sohn  zweiunddreiBig  alt :  so  war'  er  ja  langst  Todes  verfahren, 
wie  nun  wohl  nicht  anders  zu  prasumieren.« 

Und  gerade  unter  der  Erzahlung  sprach  ein  Auf  hammerischer 
Bedienter  ein  und  reichte  gegen  Revers  und  gegen  Ratiflkation 

30  des  von  der  Mutter  ausgestellten  Geburtsscheines  die  Goldstange 
von  zweiunddreiBig  Rechen-Pfennigen  des  Alters  dem  Konrek- 
tor  wie  eine  Lebens-Ruderstange  zu:  Herr  von  Aufhammer  war 
zu  einem  knauserischen  Hader  iiber  einen  biirgerlichen  Geburts- 
schein  zu  stolz. 

Und  so  ging  durch  eine  stolze  Freigebigkek  einer  der  besten 
Prozesse  vor  die  Hunde,  da  man  die  Goldstange  auf  der  Ziehbank 


106  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

der  Richtersbanke  zu  dem  feinsten  Golddraht  hatte  ausziehen  * 
konnen.  Aus  der  Flocke,  die  nicht  auszuwirren  war  -  denn  erst- 
Hch  konnte  Fixleins  Alter  mit  nichts  dokumentiert  werden,  zwei- 
tens  muBte  man,  so  lange  als  er  lebte,  prasumieren,  daB  er  noch 
nicht  zweiunddreiBig  Jahre  alt  geworden1  -,  aus  dieser  Flocke 
waren  nicht  bloB  Seide  und  Strangulier-Schmachtriemen,  son- 
dern  ganze  Prellgarne  zu  spinnen  und  zu  zwirnen  gewesen.  Die 
KHenten  iiberhaupt  hatten  sich  weniger  uber  Prozesse  zu  bekla- 
gen,  wenn  diese  langer  dauerten:  die  Philosophen  streiten  jahr- 
tausendelang  iiber  philosophische  Fragen,  und  es  fallt  daher  auf,  10 
daB  Advokaten  die  juristischen  in  ihren  Akten  schon  in  sechzig, 
achtzig  Jahren  von  der  Hand  schlagen  wollen.  Aber  das  ist  nicht  die 
Schuld  der  Rechtsfreunde:  vielmehr  wie  Lessing  von  der  Wahr- 
heit  behauptet,  daB  nicht  das  Finden,  sondern  das  Suchen  dersel- 
ben  den  Menschen  begliicke  und  daB  er  selber  dem  Geschenke 
aller  Wahrheiten  fur  die  siiBe  Miihe  des  Forschens  entsagen  wiirde, 
so  wird  der  Rechtsfreund  nicht  glucklich  durch  das  Finden  und 
Entscheiden,  sondern  durch  das  Untersuchen  einer  juristischen 
Wahrheit  -  welches  man  eben  prozessieren  und  praktizieren 
nennt  -,  und  er  wiirde  sich  gern  ewig  der  Wahrheit,  wie  die  20 
Hyperbel  der  Asymptote,  nahern  wollen,  ohne  sie  zu  erreichen,  da 
er  mit  Weib  und  Kind  als  ein  ehrlicher  Mann  bei  dieser  ewigen 
Approximation  bestehen  konnte.  - 

Der  abgeschickte  Bediente  hatte  auBer  dem  Gold-Legat  noch 
ein  Dekret  vom  Gerichtshalter,  worin  dem  Testamentserben  auf- 
erleget  war,  von  den  Pragekosten,  die  er  zahlen  miissen,  da  er  als 
Quintus  und  Konrektor  unter  der  Randelmaschine  seiner  Vorge- 
setzten  lag,  Belege  und  Scheine  beizubringen,  worauf  er  seinGeld 
wiederbekommen  sollte. 

Der  Konrektor,  der  sich  gegenwartig  an  die  Reihe  der  Millio-  30 
nare  anschloB,  hielt  die  kurze  Geldrolle  wie  einen  Zepter  in  der 

1  Da  wir  jetzt  nach  den  vorliegenden  Akten  auf  keine  andere  Prasumtion 
bauen  konnen  als  auf  die,  daB  er  im  zweiunddreiBigsten  Jahre  abstirbt:  so 
konnte  ihm,  im  Falle  er  zweiunddreiBig  Jahre  nach  dem  Tode  der  Erb- 
lasserin  stiirbe,  gar  kein  Heller  abgereicht  werden,  weil  er  nach  unserer 
Fiktion  bei  Abfassung  des  Testamentes  nicht  einmal  ein  Jahr  git  gewesen 


FUNFTER  ZETTELKASTEN  107 

Hand,  wie  eine  herausgezogene  Teichdocke  des  Meeres  der  Zu- 
kunft,  das  nun  ablaufen  und  ihm  alle  Besetzfische  langgewachsen, 
trocken  und  festliegend  anbieten  muB. 

Ich  kann  nicht  alles  auf  einmal  erzahlen,  sonst  hatt'  ichs  dem 
Leser,  der  schon  lange  darauf  passen  wird,  eher  gesagt,  daB  dem 
bemittelten  Konrektor  die  zweiunddreiBig  Patenpfennige  mehr 
als  zu  sehr  die  zweiunddreiBig  Jahre  vormalten,  an  die  noch  dazu 
heute  der  Kantatesonntag,  diese  Bartholomausnacht  und  dieser 
zweite  September  seiner  Familie,  anstieB.  Die  Mutter,  die  das 

10  Alter  ihres  Kindes  hatte  wissen  sollen,  sagte,  es  war*  ihr  entfallen, 
sie  woll'  aber  wetten,  schon  vor  einem  Jahre  war'  er  zweiund- 
dreiBig gewesen,  und  der  Gerichtshalter  hatte  nur  nicht  mit  sich 
-  reden  lassen.  »Ich  wollte  selber  schworen«,  sagte  der  Kapitalist, 
»ich  weiB,  wie  dumm  mir  vorm  Jahre  am  Kantatesonntag  war.« 
Er  sah  uberhaupt  den  Tod  nicht,  wie  der  Dichter,  im  aufturmen- 
den,  auseinandertreibenden  Hohlspiegel  der  Phantasie,  sondern 
wie  das  Kind,  wie  der  Wilde,  wie  der  Landmann  und  wie  das 
Weib  sah  er  ihn  im  planen  Oktav-Spiegel  vorn  an  der  Schale  eines 
Gesangbuches,  und  er  kam  ihm  wie  der  gesunkne,  in  einem  Git- 

20  terstuhl  der  Kirche  schlafende  Greisen-Kopf  vor.  - 

Und  doch  dacht'  er  heute  ofter  an  ihn  wie  vorm  Jahre:  denn 
die  Freude  schmilzet  gern  zur  Wehmut  ein,  und  das  lackierte 
Gliicksrad  ist  das  Schopfrad,  das  sich  in  die  Augen  ergieBet  — 
Aber  der  freundliche  Genius  dieser  Erd-  oder  vielmehr  Wasser- 
kugel  -  denn  in  der  physischen  und  in  der  moralischen  Welt  sind 
mehr  Tranenseen  als  festes  Land  -  hat  den  armen  Wasserinsek- 
ten,  die  darauf  herumschieBen,  uns  namlich,  eine  ganz  besondere 
Schweersche  Essenz  fur  die  Bleikoliken  unserer  Seele  aufgeho- 
ben:  ich  behaupte,  der  Genius  muB  die  ganze  Pathologie  der 

30  Menschheit  mit  FleiB  studieret  haben;  denn  er  hat  fiir  den  armen 
Teufel,  welcher  keinen  Stoiker  und  keinen  Seelensorger  bezahlen 
kann,  der  fiir  die  Fissuren  seiner  Hirnschale  und  seiner  Brust  kost- 
bare  Rezepte  und  Krauter  zusammensetzte,  ein  herrliches  Wund- 
wasser  in  alle  Kellereien  fasserweise  eingeleget,  das  der  Patient 
nur  nehmen  und  auf  die  Knochensplitterung  und  Schmarren  gie- 
Ben  darf —  Fusel  namlich,  oder  Bier,  oder  etwas  Wein...  Beim 


108  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Himmel !  es  ist  entweder  dummer  Undank  gegen  den  medizini- 
schen  Genius  auf  der  einen  Seite  oder  theologische  Verwechs- 
lung  erlaubter  Betrunkenheit  mit  verbotner  Besoffenheit  auf  der 
andern,  wenn  die  Menschen  nicht  Gott  danken,  daB  sie  in  der  Ge- 
schwindigkeit  etwas  haben,  was  in  der  Nervenschwindsucht  des 
Lebens  Philosophie,  Christentum,  Judentum,  Heidentum  und 
Zeit  ersetzt  -  Getrank,  wie  gesagt. 

Der  Konrektor  hatte  lange  vor  Sonnenuntergang  dem  Gemein- 
boten  drei  ggr.  Botenlohn  gegeben  und  HeB  sich  -  denn  er  hatte 
ja  ein  ganzes  Dukaten-Kabinett  in  der  Tasche,  das  er  den  ganzen  10 
Tag  im  Finstern  mit  der  Hand  durchblatterte  —  fur  drei  Taler 
Pontak  aus  der  Stadt  abholen.  »Ich  muB  mir  heute«,  sagt*  er,  »eine 
Kantates-Lust  machen;  ists  mein  letzter  Tag,  wohl!  nun  so  ists 
auch  mein  lustigster.«  Ich  wiinscht',  er  hatte  eine  groBere  Bestel- 
lung  gemacht;  aber  er  hatte  uberall  den  Zaum  der  MaBigkeit  zwi- 
schen  den  Zahnen,  sogar  vor  einer  gedrohten  Vexier-Todesnacht 
und  mitten  im  Jubel.  Es  ist  die  Frage,  ob  er  nicht  auf  eine  Bouteille 
sich  eingeschranket  hatte,  wenn  er  nicht  mit  den  zwei  andern  die 
Mutter  und  das  Fraulein  hatte  freihalten  wollen.  Hatt'  er  in  dem 
zehnten  Sakulum  gelebt,  wo  man  den  Jiingsten  Tag,  oder  in  an-  20 
dern  Sakuln,  wo  man  Siindrluten  erwartete  und  wo  man  des- 
wegen,  wie  Matrosen  im  Schiffbruch,  alles  versoff:  er  hatte  darum 
nicht  einen  Kreuzer  mehr  verzehrt.  Seine  Freude  war,  daB  er  mit 
dem  Legat  seinen  Hauptkreditor  Steinberger  abfinden  und  als 
ein  ehrlicher  Mann  aus  der  Welt  gehen  konnte:  gerade  Leute,  die 
sich  viel  aus  dem  Gelde  machen,  zahlen  ihre  Schulden  am  ehr- 
lichsten. 

Der  purpurne  Pontak  kam  an  zu  einer  Zeit,  da  Fixlein  die  Ro- 
telzeichnungen  und  roten  Titelbuchstaben  der  Freude,  die  jener 
auf  die  Wangen  seines  Trinkers  und  seiner  Trinkerinnen  ziehen  3° 
wird,  mit  dem  Abend-Inkarnat  der  letzten  Wolken  um  die  Sonne 
zusammenhalten  konnte.  .  .  . 

Wahrlich  unter  alien  Zuschauern  dieser  Geschichte  kann  kei- 
ner  mehr  an  die  arme  Thiennette  denken  als  ich;  aber  ich  kann  sie 
doch  wahrlich  nicht  vor  der  Zeit  aus  ihrer  Anzugsstube  auf  mei- 
nen  historischen  Schauplatz  jagen.  Die  Arme!  der  Konrektor 


FUNFTER  ZETTELKASTEN     .  IO9 

kann  nkht  heiBer  wunschen  als  sein  Biograph,  da6  am  Tem- 
pel  der  Natur  wie  am  jerusalemitischen  eine  besondere  Pforte 
-  auBer  der  des  Todes  -  offen  sei,  durchdie  bloBe  Bedrangte  gehen, 
damit  sie  ein  Priester  aufrichte.  Aber  Thiennettens  Brustschmer- 
zen  uber  alle  ihre  versunknen  Aussichten,  uber  die  eingesargte 
Wohltaterin,  uber  ein  ganzes  mit  dem  Leichenflor  zugesponnenes 
Leben  hatten  ihr  bisher  in  einem  Jammer,  den  der  steinichte  Ritt- 
meister  mehr  blutigals  gelinder  machte,  alles  verwehrt,  Geschafte 
ausgenommen,  alle  Schritte  gelahmt,  die  nicht  zu  einer  Arbeit 

10  geschahen,  und  ihren  Augen  nichts  gegeben,  was  sie  trocknen 
oder  freuen  konnte,  als  ein  niederfallendes  Augenlid  voll  Traume 
und  Schlaf. 

Aller  Kummer  erhebt  uber  die  biirgerlichen  Zeremonialgesetze 
und  macht  den  Prosaisten  zum  Psalmisten:  bloB  im  Kummer 
wagen  die  Weiber.  Thiennette  ging  nur  abends  und  nur  im  Gar- 
ten aus. 

Der  Konrektor  konnt*  es  kaum  abwarten,  seiner  Hausfreundin 
zu  erscheinen,  ihr  seinen  Dank  -  und  heute  seinen  Pontak  -  zu 
bringen.  Drei  Pontakkelche  und  drei  Kelchglaser  waren  auBen 

20  auf  die  Fensterkiiste  seiner  Hiitte  gestellet,  und  sooft  er  von  dem 
dunkeln  Hohlwege  zwischen  Bliiten-Waldungen  zuriickkam, 
nippte  er  aus  seinem  Glase  -  und  die  Mutter  trank  in  der  Stube 
hinein  durch  das  Schubfenster. 

Ich  habe  schon  gesagt,  sein  Lebens-Laboratorium  lag  im  siid- 
westlichen  Winkel  des  Gartens,  gegeniiber  dem  ins  Dorf  hinein- 
reichenden  SchloB-Eskurial.  Im  nordwestlichen  Winkel  bliihte 
eine  Akazien-Laube,  gleichsam  die  Blumenkrone  des  Gartens. 
Fixlein  trat  auch  dahin  seine  Lustfahrt  an,  um  etwan  aus  der  weit 
gegitterten  Laube  einen  glucklichen  Blick  in  die  langen  Wiesen 

30  nach  Thiennetten  auszuwerfen.  Er  fuhr  ein  wenig  zuriick  vor 
zwei  steinernen  Staffeln,  die  in  den  Weiher,  der  auf  seinem  Gang 
zur  Laube  lag,  mit  frischem  Blute  betropfet  hinuntergingen.  Auch 
an  den  nahen  Binsen  hing  Blut.  Den  Menschen  schauert  vor  die- 
sem  Ole  unseres  Lebens-Dochtes,  wo  er  es  vergossen  findet:  es 
ist  ihm  die  rote  Todesunterschrift  des  Wiirgengels.  Fixlein  elite 
sorgend  in  die  Laube  -  und  fand  hier  seine  bleichere  Wohltaterin 


HO  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

an  Bliitenbuschen  angelehnt,  ihre  Hande  waren  mit  dem  Strick- 
zeug  in  den  SchoB  gesunken,  ihre  Augen  Iagen  in  den  Augen- 
Iidern  gleichsam  im  Verbande  des  Schlummers,  so  wie  ihr  linker 
Arm  im  wirklichen  Verbande  der  AderlaB,  und  mit  Wangen, 
denen  die  Abendrote  so  viel  gab,  als  ihnen  die  bisherigen  Ver- 
wundungen  -  die  heutige  dazugerechnet  -  genommen  hatten. 
Fixlein  fing  nach  dem  ersten  Schrecken  -  nicht  iiber  diesen  Blu- 
menschlaf,  sondern  iiber  sein  lautes  Hereintraben  —  an,  die 
Schmetterlingsspiralsauglinie  seines  Auges  auseinanderzurollen 
und  sie  auf  die  stillstehenden  Blatter  dieser  Blume  hinzulegen.  Im  10 
Grunde,  darf  ich  behaupten,  wars  heute  das  erstemal,  daB  er  s"ie 
ansah:  er  war  in  die  DreiBig  gekommen  und  glaubte  noch  fort, 
an  einem  Fraulein  durf '  er  nur  die  Kleider,  nicht  den  Korper  be- 
merken,  und  er  habe  ihr  nur  mit  den  Ohren,  nicht  mit  den  Augen 
aufzuwarten. 

Ich  mess*  es  dem  hebenden  Flaschenzuge  der  elektrischen  Ver- 
starkungsflasche  des  Pontaks  bei,  daB  der  Konrektor  den  Mut 
faBte,  umzu- -  kehren,  um  wiederzukommen  und  die  erwecken- 
den  Mittel  des  Hustens,  Niesens,  Trabens  und  Rufens  nach  dem 
Pudel  in  starkern  Dosen  an  der  Schlaferin  zu  brauchen.  -  Sie  20 
etwan  bei  der  Hand  zu  nehmen  und  unter  einer  medizinischen 
Entschuldigung  aus  dem  Schlafe  zu  ziehen,  das  ware  ein  Wag- 
stuck  gewesen,  dessen  der  Konrektor,  solang*  er  noch  vor  Pon- 
tak  stehen  konnte  und  seinen  Verstand  hatte,  niemals  fahig  war. 

Kurz,  er  weckte  sie  anders  auch  auf. 

Miide,  Bedrangte!  wie  langsam  geht  dein  Auge  auf!  Das 
warmste  Heilpflaster  der  Erde,  der  Schlaf,  hat  sich  verschoben, 
und  die  Nachtluft  der  Erinnerung  wehet  wieder  deine  nackte 
Wunde  an !  —  Und  doch  war  dein  lachelnder  Jugendfreund  noch 
das  Schonste,  auf  was  dein  Auge  fallen  konnte,  wenn  es  aus  dem  30 
hangenden  Garten  des  Traums  in  den  niedrigen  um  dich  sank.  - 

Sie  wuBte  selber  wenig  davon  -  und  der  Konrektor  gar  nichts  -, 

daB  sie  ihre  Blumenblatter  unvermerkt  nach  dem  Stande  dieses 

.  Weltkorpers  beuge,  namlich  nach  Fixlein :  sie  glich  einer  italie- 

nischen  Blume,  die  einen  fein  versteckten  Neujahrwunsch  auf- 

bewahrt,  den  der  Empfanger  nicht  sogleich  herauszuziehen  weiB. 


FUNFTER  ZETTELKASTEN  III 

Jetzt  schloB  die  goldne  Pansterkette  ihrer  Wohltat  sie  ebensogut 
an  ihn  als  ihn  an  sie.  -  Sie  gab  sogleich  ihrem  Auge  und  Tone  eine 
freudige  Maske:  denn  sie  stellte  ihre  Tranen  nicht,  wie  Katho- 
liken  Christus  seine,  in  Reliquien-Phiolen  auf  Altaren  zur  An- 
betung  aus.  Er  konnte  die  Einladung  zu  seiner"  Pontaks-Kranken- 
kommunion  recht  schicklich  mit  einem  langen  Dank  fur  die  Ver- 
mittluhg  anfangen,  die  ihm  die  Hulfsquellen  dazu  geoffnet  hatte. 
Sie  stand  langsam  auf  und  ging  mit  zum  Weinlager;  aber  er  war 
nicht  so  gescheut,  daB  er  sie  anfangs  gefuhret  hatte,  oder  viel- 

io  mehr  so  herzhaft;  er  hatte  leichter  einem  Madchen  seine  Hand 
(namlich  mit  Eheringen)  als  seinen  Arm  angeboten.  Ein  einziges 
Mai  in  seinem  Leben  hatte  er  eine  mailandische  Grafin  aus  dem 
Schauspielhause  heimgefuhret  -  welches  freilich  nicht  zu  glauben 
ware,  wenn  es  nicht  die  Bewandtnis  hatte,  daB  er  muBte,  weil  sie, 
als  eine  Fremde,  nach  der  Verirrung  von  alien  ihren  Leuten,  in 
einer  kotigen  Nacht  ihn  als  einen  schwarzen  Abbate  beim  Arme 
ergriffen  und  sie  in  ihren  Gasthof  zu  bringen  befehligt  hatte.  Er 
aber  wuBte  zu  leben  und  geleitete  sie  bloB  bis  an  das  Portal  seiner 
Quintei  und  wies  ihr  mit  dem  Finger  den  Gasthof,  der  aus  einer 

20  andern  Gasse  mit  dreiBig  lichten  Fenstern  vorschauete. 

Dafur  kann  er  nichts.  Aber  heute  war  er  kaum  mit  der  Muden 
bis  ans  Ufer  des  Teichs,  worein  die  aberglaubische  Furcht  vor 
dem  hexenden  MiBbrauch  das  relne  Blut  ihres  linken  Arms  ge- 
gossen  hatte,  gekommen :  als  er  in  der  Angst,  sie  falle  mit  ihrem 
ubrigen  Blute  die  Ktiste  hinunter,  sich  des  siechen  Armes  ganz 
kiihn  bemachtigte.  So  setzen  viel  Pontak  und  ein  wenig  Mut 
einen  Konrektor  allzeit  instand,  ein  Fraulein  zu  fassen.  Ich  be- 
teuere,  noch  vor  dem  Lagerbaum  des  Weins,  vor  dem  Fenster, 
verharrte  er  in  der  fuhrenden  Stellung.  Welche  sanfte  Gruppe  im 

30  Halbschatten  der  Erde,  da  das  dunkle  Gewasser  der  Nacht  immer 
tiefer  fiel,  weil  das  Silberlicht  des  Mondes  schon  am  kupfernen 
Turmknopf  widerprallte  1  Ich  nenne  die  Gruppe  sanft,  weil  sie 
aus  einem  doppelt  verbluteten  Madchen,  aus  einer  Mutter,  die  ihr 
den  Dank  fur  das  Gliick  ihres  Kindes  noch  einmal  mit  Tranen 
bringt,  und  aus  einem  frommen,  bescheidnen  Menschen  besteht, 
der  beiden  einschenkt  und  zutrinkt,  und  der  in  seinem  Geader 


112  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

einen  brennenden  Lavastrom  verspiirt,  der  durch  sein  Herz 
kochend  zieht  und  der  es  endlich  Stuck  vor  Stuck  zu  zerschmel- 
zen  und  mitzutreiben  droht.  -  EinTalglicht  stand  auBen  zwischen 
den  drei  Bouteillen  und  den  drei  Glasern,  wie  die  Vernunft 
zwischen  den  Leidenschaften  -  deswegen  schauete  der  Konrek- 
tor  in  einem  fort  an  die  Fensterscheiben ;  denn  auf  ihnen  farbte 
sich  (die  Finsternis  der  Stube  diente  zur  Spiegelfolie)  unter  an- 
dern  Gesichtern,  die  Fixlein  gern  hatte,  auch  das  liebste  ab,  das 
er  nur  im  Widerschein  anzublicken  wagte,  das  von  Thiennette.  - 

Jede  Minute  wurde  ein  Foderationsfest,  und  jede  Sekunde  10 
wurde  der  Vorsabbat  dazu.  Der  Mond  schimmerte  schon  aus  dem 
Abendtau  und  der  Pontak  aus  den  Augen,  und  die  Bohnenstangen 
warfen  kiirzeres  Schattengegitter.  -  Die  Quecksilberkiigelchen 
der  Sterne  hingen,  immer  mehr  zusammenflieBend,  im  Flor  der 
Nacht.  —  Der  heiBe  Dunst  des  Weines  setzte  beide  wieder  wie 
Dampfmaschinen  in  Gang. 

Nichts  macht  das  Herz  voller  und  kuhner  als  Auf-  und  Ab- 
gehen  in  der  Nacht.  Fixlein  fuhrte  jetzt  das  Fraulein  ohne  Be- 
denken.  Des  zerritzten  Armes  wegen  konnte  Thiennette  nur  die 
Hand  umklammernd  in  seinen  legen,  und  er,  um  ihr  das  Fest-  20 
halten  durch  seines  halb  abzunehmen,  druckte  ihre  Finger,  so  gut 
er  konnte,  mit  seinem  Arme  an  seine  Brust.  Man  muBte  keine 
Lebensart  haben,  um  seine  zu  meistern.  Inzwischen  sind  Gering- 
fugigkeiten  die  Proviantbackerei  der  Liebe;  -  die  Finger  sind  die 
elektrischen  Auslader  eines  an  alien  Fibern  glimmenden  Feuers; 
—  Seufzer  sind  Leittone  konvergierender  Herzen,  und  das  Aller- 
schlimmste  und  Starkste  dabei  ist  ein  Ungluck:  denn  die  Flamme 
der  Liebe  schwimmt,  wie  die  von  Naphtha,  gern  auf  Tranen- 
wasser.  -  Zwei  Tranentropfen,  einer  im  fremden,  einer  im  eignen 
Auge,  setzten  aus  zwei  konvexen  Linsenglasern  ein  Mikroskop  30 
zusammen,das  alles  vergroBerte  und  alleLeiden  zu Reizen  machte. 
Gutes  Geschlecht!  Auch  ich  halte  jede  Ungluckliche  fur  schon, 
und  vielleicht  bist  du  schon  darum  den  Namen  des  schonen  wert, 
weil  du  das  leidende  bist  I 

Und  wenn  der  Professor  Hunczovsky  in  Wien  die  Wunden 
aller  GHeder  in  Wachs  nachbildete,  um  seinen  Schiilern  ihre  Hei- 


FUNFTER  ZETTELKASTEN  1 13 

lung  zu  lehren :  so  stell'  ich,  du  gutes  Geschlecht,  die  Risse  und 
Narben  deiner  Seele  in  kleinen  Bildern  dar,  wiewohl  nur  um  rohe 
Hande  abzuwehren,  damit  sie  dir  keine  neuen  machen.  — 

Thiennette  empfand  nicht  den  Verlust  der  Erbschaft,  sondern 
der  Erblasserin  so  tief ;  -  und  das  eines  Zuges  wegen,  den  sie 
schon  seiner  Mutter  so  erzahlet  hatte  wie  jetzt  ihm.  Wenn  sie 
namlich  in  den  zwei  letzten  Krankennachten  der  Rittmeisterin,  in 
denen  ihr  das  fieberhafte  Wachen  nichts  zeigte  als  die  Nachtleiche 
und  die  Trauerkutschen  ihrer  Gonnerin,  am  FuBe  des  Bettes  den 

10  starren  Augen  gegeniiber  saB:  so  glitten  ihr  oft,  aber  ohne  es  zu 
merken,  schnelle  Tropfen  iiber  die  Wangen,  weil  sie  in  Gedan- 
ken  sich  das  schwere  unbehiilfliche  Ankleiden  der  Wohltaterin 
fiir  den  Sarg  vormalte.  Einmal  nach  Mitternacht  wies  die  Kranke 
mit  dem  Zeigefinger  auf  ihre  eignen  Lippen.  —  Thiennette  ver- 
stand  sie  nicht  -  stand  auf  und  bog  sich  iiber  ihr  Angesicht.  -  Die 
Schwache  wollt'  es  entgegenheben  und  vermocht'  es  nicht  —  und 
riindete  bloB  die  Lippen.  -  Endlich  durchfuhr  Thiennetten  die 
MutmaBung,  daB  sie  die  Gelahmte,  deren  erstorbene  Arme  kein 
geliebtes  Herz  mehr  an  ihres  ziehen  konnten,  selber  umarmen 

20  sollte.  -  O  da  druckte  sie  plotzlich  heiB  und  tranend  ihren  heiBen 
Mund  an  den  kaltern  -  und  sie  schwieg  auch  wie  die  Sprachlose  - 
und  umarmte  allein,  ohne  umarmt  zu  werden.  Gegen  vier  Uhr 
zuckte  der  Finger  wieder;  -  sie  sank  wieder  auf  den  starren 
Mund  -  aber  es  war  kein  Zeichen  gewesen :  denn  der  Mund  ihrer 

Freundin  war  unter  dem  Iangen  Kusse  starr  und  kalt  geworden 

Wie  tief  ging  jetzt  nicht  vor  dem  unendlichen  Ewigkeits-Ant- 
Htz  der  Nacht  die  Schneide  des  Gedankens  in  Fixleins  warme 
Seele:  »0  du  Arme  neben  mir!  Keinen  Gliickszufall,  kein  Abend- 
rot  hast  du,  wie  jetzt  am  Himmel  nachglimmt,  etwan  zu  einer 

30  Aussicht  auf  einen  Sonnentag;  -  ohne  Eltern  bist  du,  ohne  Bru- 
der,  ohne  Freunde,  nur  so  allein  auf  einem  ausbluhenden  aus- 
geleerten  Platze  der  Erde,  und  du  zuriickgelassene  Herbstblume 
schwankest  einsam  und  erfroren  iiber  den  Grummetstoppeln  der 
Vergangenheit.«  -  Das  war  der  Sinn  seiner  Gedanken,  deren 
innere  Worte  waren:  »Das  arme  Fraulein!  nicht  einmal  einen 
Lehnsvetter  hat  sie,  es  nimmt  sie  keiner  von  Adel,  und  sie  altert 


114  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

so  vergessen,  und  sie  ist  doch  so  herzensgut  -  mich  hat  sie  gluck- 
lich  gemacht  -  ach  hatt*  ich  die  Vokation  zur  hukelumischen 

Pfarrei  in  der  Tasche,  ich  machte  einen  Versuch.« Ihr  beider- 

seitiges  Leben,  das  ein  enges  schneidendes  Bindwerk  des  Schick- 
sals  so  nahe  ineinanderknupfte,  trat  jetzt  mit  Flor  behangen  vor 
ihn,  und  er  lenkte  geradezu  -  denn  ein  bloder  Mann  ist  in  andert- 
halben  Stunden  in  den  kuhnsten  umgesetzt  und  verbleibt  es  nach- 
her  -  seine  Freundin  zur  letzten  Flasche  zuriick,  um  damit  alle  auf- 
schieBende  Disteln  und  Passionsblumen  der  Traurigkeit  zu  ersau- 
fen.  Ich  merke  im  Vorbeigehen  an,  daB  das  dumm  ist:  die  zerritzte  10 
Rebe  ist  voll  Wasseradern  wie  voll  Trauben,  und  ein  sanft  beklom- 
menes  Herz  weichen  die  Getranke  der  Freude  nur  zu  Tranen  auf. 

Wer  mir  nicht  beipflichtet,  den  bitt*  ich  jetzt  nur  den  Konrek- 
tor  anzusehen,  der'meinen  Erfahrungssatz  wie  ein  Syllogismus 
beweiset.  -  Man  konnte  auf  philosophische  Aussichten  kommen, 
wenn  man  den  Ursachen  nachginge,  warum  gerade  Getranke 
-  d.  h.  am  Ende  reichlichere  Sekretion  des  Nervengeistes  -  den 
Menschen  zugleich  fromm,  weich  und  dichterisch  machen.  Der 
Dichter  ist,  wie  sein  Musenvater,  ein  ewiger  Jungling  und  ist  das, 
was  andere  Menschen  nur  einmal  sind  -  namlich  verliebt  -  oder  20 
nur  nach  dem  Pontak  -  namlich  berauscht  -,  den  ganzen  Tag, 
das  ganze  Leben  hindurch.  Fixlein,  der  kein  Dichter  am  Morgen 
war,  wurde  jetzt  in  der  Nacht  einer:  Wein  machte  ihn  fromm 
und  weich;  —  die  Harmonikaglocken  im  Menschen,  die  der 
hohern  Welt  nachtonen,  rnussen,  wie  die  glasernen,  um  hier  zu 
gehen,  nafi  erhalten  werden. 

Jetzt  stand  er  mit  ihr  wieder  vor  dem  wogenden  Teiche,  in  dem 
die  zweite  blaue  Halbkugel  des  Himmels  mit  wankenden  Sternen 
und  flatternden  Baumen  zitterte;  —  iiber  die  griinen  Hugel  liefen 
die  weifien  gekriimmten  StraBen  dunkel  hinauf ;  -  auf  dem  einen  30 
Berg  sank  die  Abendrote  zusammen,  auf  dem  andern  richtete 
sich  der  Nebel  der  Nacht  auf  -  und  uber  alle  diese  ringenden 
Diinste  des  Lebens  hing  unbeweglich  und  flammend  der  tausend- 
armige  Kronleuchter  des  Sternenhimmels  herab,  und  jeder  Arm 
hielt  eine  brennende  MilchstraBe .... 

Jetzt  schlug  es  11  Uhr...  Bei  solchen  Szenen  streckt  sich  im 


FUNFTER  ZETTELKASTEN  1 1  5 

Menschen  eine  unbekannte  Hand  aus  und  schreibet  mit  fremder 
Sprache  an  sein  Herz  jenes  furchterliche  Mene,  Tekel  etc.  -  »Viel- 
leicht  bin  ich  gestorben  um  12  Uhr«,  dachte  unser  Freund,.  in 
dessen  Seele  jetzt  der  Kantatesonntag  mit  alien  seinen  schwarz- 
gefarbten  Blutgerusten  aufstieg. 

Der  ganze  kiinftige  Lebens-Kreuzgang  seiner  Freundin  lag 
gestachelt  und  bedomet  vor  ihm,  und  er  sah  jede  blutige  Spur, 
aus  der  sie  ihren  FuB  gezogen  -  sie,  die  seinen  eignen  Weg  mit 
Blumen  und  Blattern  weich  gemacht.  Da  konnt*  er  sich  nicht 

10  mehr  enthalten,  zu  zittern  mit  Korper  und  Stimme  und  zu  ihr 
feierlich  zu  sagen:  »Und  sollte  der  Herr  heute  noch  iiber  mich 
gebieten,  so  sei  Ihnen  mein  ganzes  halbes  Vermdgen  vermacht: 
denn  Ihrer  unbeschreiblichen  Giite  nab'  ich  es  ja  zu  danken,  daB 
ich  schuldenfrei  bin  wie  wenige  Schulmanner.« 

Thiennette,  unbekannt  mit  unserem  Geschlecht,  muBte  dieses 
irrig  fur  einen  Antrag  der  Ehe  nehmen  und  druckte  dem  einzigen 
lebendigen  Menschen,  durch  dessen  Arm  sich  noch  die  Freude, 
die  Liebe  und  die  Erde  mit  ihrer  Brust  verband,  heute  zum  ersten- 
mal  mit  den  Fingern  des  wunden  Armes  bebend  seinen,  worin 

20  sie  Iagen.  Der  Konrektor,  freudig-erschrocken  iiber  den  ersten 
Andruck  einer  weiblichen  Hand,  suchte  mit  seiner  heriibergebog- 
nen  rechten  ihre  linke  zu  erfassen,  und  Thiennette  hob,  da  sie 
seine  vergebliche  Krummung  merkte,  die  Finger  auf  vom  Arm 
und  legte  den  verbundnen  in  seinen  und  ihre  ganze  linke  Hand 
in  seine  rechte.  Zwei  Liebende  wohnen  in  der  Flispergalerie1,  wo 
der  dunneste  Hauch  sich  zu  einem  Laute  beseelet.  Der  gute  Kon- 
rektor empfing  und  verdoppelte  den  seligen  Druck  der  Liebe, 
womit  die  arme  unmachtige  Seele  stammelnd,  eingesperrt,  lech- 
zend  und  wahnsinnig  eine  heiBe  Sprache  sucht,  die  es  nicht  gibt; 

30 .—  er  wurde  iibermannt  -  er  hatte  nicht  den  Mut,  sie  anzublicken, 
sondern  sah  geradeaus  in  die  Abendrote  und  sagte  (und  hier  ran- 
nen  vor  unaussprechlicher  Liebe  die  Tranen  heiB  iiber  seine 
Wangen):  »Ach  ich  will  Ihnen  alles  geben,  Gut  und  Blut  und 
alles,  was  ich  habe,  mein  Herz  und  meine  Hand.« 

1  In  der  Paulskirche  zu  London,  wo  der  kleinste  Laut  iiber  einen  Raum 
von  143  Fufl  hiniibertont. 


Il6  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Sie  wollte  antworten,  aber  sie  tat  nach  einem  Seitenblicke  den 
Schrei  des  Schreckens:  »Ach  Gott!«  -  Er  fuhr  gegen  sie  und  sah 
den  weiB-mousselinenen  Armel  mit  ihrem  Blute  vollgequollen, 
weil  sie  die  AderlaBbinde  durch  das  Hineinriicken  des  Armes  ab- 
geschoben  hatte.  Blitzschnell  rifl  er  sie  in  die  Akazienlaube,  wo 
sie  sich  setzen  konnte.  Das  nachdringende  Blut  tropfte  schon 
vom  Kleide,  und  er  wurde  bleicher  als  sie,  denn  jeder  Tropfe 
wurde  aus  seinem  Herzensblut  geschopft.  Der  blau-weiBe  post- 
papierne  Arm  wurde  enthiillt  —  die  Binde  wurde  aufgewunden  — 
er  riB  aus  der  Tasche  ein  Goldstuck  heraus  -  deckte  es,  wie  man  10 
bei  offnen  Arterien  tut,  auf  die  sprudelnde  Quelle  und  verschloB 
mit  diesem  goldnen  Gesperre  und  mit  der  Binde  dariiber  die 
Pforte,  aus  der  ihr  gequaltes  Leben  drang.  — 

Als  es  voriiber  war,  sah  sie  auf  zu  ihm,  erblasset,  aber  ihre 
Augen  waren  zwei  schimmernde  Quellen  einer  unbeschreiblichen 
Liebe  voll  Schmerz  und  voll  Dank.  -  Die  ermattende  Verblutung 
legte  ihre  Seele  in  Seufzer  auseinander.  Thiennette  war  unaus- 
sprechlich  weich,  und  das  von  so  vielen  Jahren,  von  so  vielen 
Pfeilen  aufgerissene  Herz  tauchte  sich  mit  alien  seinen  Wunden 
in  warme  Tranenstrome  unter,  um  zuzuheilen,  wie  sich  zersprun-  20 
gene  Floten  durch  das  Liegen  im  Wasser  schlieBen  und  darin  ihre 
Tone  wiederfinden.  -  Vor  einer  solchen  magischen  Gestalt,  vor 
einer  solchen  verklarten  Liebe  zerschmolz  ihr  mitleidender  Freund 
zwischen  den  Flammen  der  Freuden  und  Schmerzen  und  ver- 
sank,  mit  erstickten  Lauten  und  von  Liebe  und  Wonne  nieder- 
gezogen,  auf  das  gute  blasse  himmlische  Angesicht,  dessen  Lip- 
pen  er  blode  druckte,  ohne  sie  zu  kiissen,  bis  die  allmachtige 
Liebe  alle  ihre  Giirtel  um  sie  wand  und  beide  enger  und  enger 
zusammenzog,  und  bis  die  zwei  Seelen,  in  vier  Arme  verstrickt, 

wie  Tranen  ineinanderrannen. O  da  es  jetzt  zwolf  Uhr  wie  30 

zum  Sterben  schlug,  so  muBte  ja  der  Gluckliche  denken,  ihre 
Lippen  sogen  seine  Seele  weg,  und  alle  Fibern  und  alle  Nerven 
seines  Lebens  kriimmten  sich  zuckend  und  fest  um  das  letzte 

Herz  der  Erde,  um  seine  letzte  Wonne Ja,  Glucklicher,  du 

driicktest  deine  Liebe  aus,  denn  du  dachtest,  an  deiner  Liebe  zu 
vergehen.  . .  . 


SECHSTER  ZETTELKASTEN  I  17 

Er  verging  aber  nicht.  Nach  zwolf  Uhr  schwamm  ein  leben- 
diger  Morgenwind  durch  die  erschutterten  Bliiten,  und  der  ganze 
Friihling  atmete  voll.  Der  Selige,  der  sogar  einem  Freudenmeere 
Damme  setzte,  erinnerte  die  Verblutete,  die  nun  seine  Braut  war, 
an  die  Gefahr  der  Nachtkalte,  und  sich  an  die  Gefahr  der  langern 
Nachtkalte  des  Todes,  die  nun  auf  lange  Jahre  uberstanden  war. 
-  Unschuldig  und  selig  traten  sie  aus  der  mit  weiBen  Akazien- 
bliiten  und  Mondsflittern  durchbrochnen  Verlobungs-Damme- 
rung.  -  Und  drauBen  war  ihnen,  als  ware  eine  ganze  weite  Ver- 
io gangenheit  wie  durch  einen  Erdfall  vor  ihnen  eingesunken:  alles 
war  neu,  licht  und  Jung.  -  Der  Himmel  stand  voll  blinkender 
Tautropfen  des  ewigen  Morgens,  und  die  Sterne  zitterten  freudig 
auseinander  und  sanken,  in  Strahlen  aufgeloset,  in  das  Herz  der 
Menschen  herunter.  -  Der  Mond  hatte  mit  seiner  Lichtquelle  den 
ganzen  Garten  iiberdeckt  und  angeziindet  und  hing  oben  in  einem 
ungestirnten  Blau,  als  wenn  er  sich  von  den  nachsten  Sternen 
nahrte,  und  schien  ein  entriickter  kleinerer  Friihling  zu  sein  und 
ein  aus  Menschenliebe  lachelnder  Christuskopf.  - 

Unter  diesem  Lichte  sahen  sie  sich  an  zum  ersten  Male  nach 
20  dem  ersten  Worte  der  Liebe,  und  der  Himmel  schimmerte  zau- 
berisch  in  die  mild  zerflossenen  Zuge,  mit  denen  die  erste  Ent- 
ziickung  der  Liebe  noch  auf  ihren  Angesichtern  stand . . . 

Traumet,  ihr  Lieben,  wie  ihr  wachtet,  so  gliicklich  wie  im 
Paradies,  so  schuldlos  wie  im  Paradies! 


Sechster  Zettelkasten 
Amter-Impost  -  eine  der  wichtigsten  Suppliken 

Das  Herrlichste  war  sein  Erwachen  in  seiner  europaischen  Nie- 
derlassung  im  Ritterbette !  -  Mit  dem  inflammatorischen  kitzelnd- 
nagenden  Fieber  der  Liebe  in  der  Brust,  mit  dem  Frohlocken, 
30  daB  er  nun  das  Antrittsprogramm  der  Liebeserklarung  gliicklich 
hinter  sich  hatte,  und  mit  der  siiBen  Auferstehung  aus  der  leben- 
digen  prophetischen  Begrabung  und  mit  der  Freude,  daB  er  nun 


Il8  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

in  seinen  DreiBigern  zum  ersten  Male  die  Hoffnung  zu  einem 
langern  Leben  -  und  ist  das  nicht  wenigstens  zu  einem  siebzig- 
jahrigen?  —  hatte  als  vor  zehn  Jahren,  mit  allem  diesen  garenden 
Lebensbalsam,  in  dem  das  lebendige  Feuerrad  seines  Herzens 
spruhend  umlief,  lag  er  da  und  lachte  zu  seinem  blkzenden  Por- 
trat  im  gespiegelten  Betthimmel  hinauf;  aber  er  vermocht'  es 
nicht  lange,  er  muBte  sich  bewegen.  Einem  minder  Gliicklichen 
war*  es  hinreichend  gewesen,  den  Flacheninhalt  des  Bettes  -  wie 
es  manche  Pilger  mit  der  Lange  ihrer  Wallfahrt  taten  -  nicht  so- 
wohl  durch  Schritte  als  durch  Korperlangen  wie  durch  Erd-  10 
diameter  herauszumessen.  Aber  Fixlein  muBte  mir  nichts,  dir 
nichts  aus  dem  Bette  setzen  gleichsam  mitten  ins  warme  fiutende 
Leben  hinein  —  er  hatte  nun  seine  Hebe  gute  Erde  wieder  beim 
Fliigel  und  das  Konrektorat  darauf  und  obendrein  eine  Braut. 
Noch  dazu  bekannte  ihm  unten  die  Mutter,  daB  er  heute  nacht 
wirklich  dem  Freund  Hein  unter  der  Sichel  durchgeschliipfet  sei 
wie  biegsames  Gras,  und  daB  sie  es  ihm  nur  gestern  aus  Furcht 
vor  seiner  Furcht  nicht  habe  sagen  wollen.  Noch  jetzt  iiberliefs 
ihn  kalt  -  zumal  da  er  heute  niichtern  war  -,  wenn  er  zu  dem  nun 
vier  Stunden  abgelegenen  hohen  tarpejischen  Felsen  hinaufsah,  20 
auf  dessen  Zinne  er  gestern  mit  dem  Tode  beisammen  gestanden 
war. 

Das  einzige,  was  ihn  argerte,  war,  daB  es  Montag  war  und  er 
zuriick  ins  Gymnasium  muBte.  Eine  solche  Oberfracht  von  Freu- 
den  hatt'  er  nie  auf  seiner  StraBe  zur  Stadt.  Jetzt  nach  vier  Uhr 
tritt  er  aus  dem  Hause  voll  Kaffee  (den  er  in  Hukelum  nur  der 
Mutter  wegen  trank,  die  diesen  weiblichen  Wein  noch  zwei  Tage 
darauf  uber  die  Hefen  des  Bodensatzes  abzog)  in  den  kuhlenden 
dammernden  Maimorgen  hinein  (denn  die  Freude  braucht  Kuhle, 
der  Kummer  Sonne)  -  seine  Verlobte  kommt  ihm  (zwar  nicht  30 
entgegen,  aber  doch)  zu  Ohren  durch  ihr  femes  Morgenlied  -  er 
macht  nur  einen  augenblicklichen  Abstecher  in  den  Gliickshafen 
der  blutetrunknen  Akazienlaube,  die  noch  wie  der  Bund,  der 
darin  geschlossen  wurde,  keine  Stacheln  hat  -  er  taucht  seine 
heiBe  Hand  in  das  Kiihlbad  des  betaueten  Laubes  -  er  watet  mit 
Lust  durch  das  iiber  die  Fluren  gesprengte  Schonheitswasser  des 


SECHSTER  ZETTELKASTEN  II9 

Taues,  das  den  Stiefeln  die  Farbe  wegfrisset,  die  es  den  Gesich- 
tern  erteilt  (»denn  nun  mit  30  Dukaten  kann  sich  ein  Konrektor 
schon  zwei  Paar  Stiefel  auf  der  Streu  halten«)  -  Jetzt  taucht  sich 
der  Mond  (gleichsam  das  hangende  Siegel  an  seiner  gestrigen 
Wonne)  in  Abend  ein  als  ein  ausgeleerter  Eimer  des  Lichts,  und 
in  Morgen  ging  der  zweite  ubervollgeschopfte  Eimer,  die  Sonne, 
in  die  Hohe,  und  die  Giisse  des  Lichtes  flatterten  immer  breiter.  - 
Die  Stadt  stand  in  himmlischen  Morgenfiammen :  hier  ring 
seine  Wiinschelrute  (die  Goldstange,  die  er  bis  auf  den  abgebro- 

10  chenen  1/16  Zoll  bei  sich  trug)  iiber  alien  Stellen  zu  schlagen  an, 
wo  sich  Ausbeuten  und  Silberadern  der  Lust  versteckten,  und 
unser  Rutenganger  entdeckte  leicht,  da6  die  Stadt  und  die  Zu- 
kunft  ein  wahres  ganzes  Freuden-Potosi  waren. 

In  seinem  Konrektorats-Stubchen  fiel  er  auf  die  Knie  und 
dankte  Gott  -  nicht  sowohl  fur  Erbschaft  und  Braut  als  -  fur  sein 
Leben:  denn  er  war  mit  Zweifeln  Sonntags  friih  fortgegangen, 
ob  er  wiederkommen  werde,  und  ich  habe  nur  aus  Liebe  zum 
Leser,  weil  ich  dachte,  er  angstige  sich,  Fixleins  Reise  mehr  seiner 
Begierde,  das  Testament  zu  wissen,  als  dem  Wunsche,  sein  eig- 

20  nes  bloB  bei  seiner  Mutter  zu  machen,  oben  listig  zugeschrieben. 
Jede  Genesung  ist  eine  Wiederbringung  und  Palingenesie  unserer 
Jugend:  man  liebt  die  Erde  und  die,  die  darauf  sind,  mit  einem 
neuen  Herzen.  -  Der  Konrektor  hatte  die  ganze  Sekunda  beim 
Kopfe  nehmen  und  abherzen  mogen;  aber  er  tats  nur  seinem 
Adjutanten,  dem  Quartaner,  der  im  ersten  Zettelkasten  noch  als 
Quintaner  saB . . . 

Sein  erster  Gang  aus  der  Nachmittagsschule  war  ins  Haus  des 
Meister  Steinbergers,  worin  er,  ohne  ein  Wort  zu  sagen,  50  fl.  in 
Dukaten  bar  auf  den  Tisch  zahlte:  »Endlich  stofi*  ich«,  sagte  Fix- 

3o  lein,  »doch  die  Halbscheid  meiner  Schuld  ab  mit  vielem  Danke.« 
-  »Ei,  Herr  Konrektor,«  (sagte  der  Regimentsquartiermeister 
und  wurstete  ungestort  fort)  »in  meiner  Obligation  steht:  >heim- 
zuzahlen  nach  vierteljahriger  beiderseitiger  Aufkiindigung.<  - 
Wie  wollte  unsereiner  sonst  bestehen  ?  -  Aber  auswechseln  will 
ich  Ihm  die  Goldstiicke.«  -  Darauf  riet  er  ihm,  es  ware  gescheu- 
ter,  wenn  er  ein  paar  Gulden  davon  nahme  und  sich  einen  bessern 


120  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Hut  und  ganze  Schuhe  bestellte:  »Wenn  Er  sich«,  setzte  er  hinzu, 
»die  Kalbshaut  und  sechs  Hasenfelle  ziirichten  lassen  will:  dro- 
ben  liegen  sie.«  -  Ich  sollte  doch  denken,  meinen  Lesern  sei  es 
ebensowenig  gleichgiiltig  als  dem  Metzger,  ob  der  Held  einer 
solchen  Geschichte  ihm  mit  einem  abgegriffenen  Pfanndeckel 
von  Hut  und  mit  einem  Pumpenstiefel  und  Beinharnisch  von 
Stiefel  entgegenkomme  oder  nicht.  -  Kurz  der  Mann  trug  sich 
noch  vor  Johannistag  mit  Geschmack  und  Pracht. 

Jetzt  aber  waren  zwei  auBerst  wichtige  Aufsatze  -  im  Grunde 
nur  einer,  die  Supplik  um  die  Hukelumer  Pfarrei  -  auszuarbeiten,  10 
wobei  mir  ist,  als  muBt*  ich  selber  mithelfen  . . . .  Es  ware  ein- 
faltig,  wenn  gerade  jetzt  das  gesamte  Publikum  nicht  achtgabe. 

Zuvorderst  suchte  und  schlichtete  der  Konrektor  alle  Konsi- 
storial-  und  Ratsquittungen  oder  vielmehr  die  Zollscheine  des 
Weggeldes  zusammen,  das  er  geben  miissen,  eh'  ihm  die  Schlag- 
baume  am  Quintat  und  Konrektorat  aufgezogen  wurden:  denn 
der  Exekutor  des  rittmeisterlichen  Testamentes  muBte  ihm  alles, 
wie  Quittung  besagen  wiirde,  bei  Heller  und  Pfennig  gut  tun. 
Ein  anderer  hatte  diese  ganze  Amts-Akzise  leichter  zusammen- 
summiert,  indem  er  bloB  nachgesehen  hatte,  was  er  -  schuldig  20 
ware,  weil  diese  Schuld-  und  jene  Zollscheine  wie  Parallelstellen 
einander  gegenseitig  erklaren  und  vidimieren.  Aber  bei  Fixlein 
waltete  ein  Nebenumstand  vor,  den  ich  nicht  eher  referieren 
kann  afs  nach  dem  folgenden. 

Es  verdroB  ihn  ein  wenig,  daB  er  fiir  seine  zwei  Amter  nicht 
mehr  als  135  fl.  41  kr.  x/2  Pf.  hatte  zahlen  und  borgen  miissen.  Die 
Erbschaft  ging  zwar  sogleich  aus  des  testamentlichen  Vollstrek- 
kers  Handen  in  des  Regimentsquartiermeisters  seine;  er  hatt*  es 
aber  doch  gern  gesehen,  er  hatte  -  denn  ein  Mensch  ist  ein  Narr 
von  Haus  aus  —  mehr  zu  zahlen  und  also  zu  erben  gehabt.  Das  j0 
ganze  Konrektorat  hatte  er  durch  einen  Einsatz  von  wenigen 
90  fl.  gleichsam  aus  dem  Glucksrade  gezogen;  und  eine  so  kleine 
Debetsumme  wird  den  Leser  wunder  nehmen;  was  wird  er  aber 
erst  denken,  wenn  ich  ihm  sage,  daB  es  Lander  gibt,  wo  die 
Entreegelder  in  Schulstuben  noch  maBiger  sind?  Im  Scheerau- 
ischen  kostet  ein  Konrektor  nur  88  fl.,  und  er  hat  vielleicht  noch 


SECHSTER  ZETTELKASTEN  121 

das  Triplum  dieser  Summe  einzunehmen.  Ohne  an  Sachsen  zu 
denken  -  was  freilich  von  der  Wiege  der  Reformation  in  der 
Religion  und  in  der  schonen  Literatur  nicht  anders  zu  erwarten 
ist  -,  wo  ein  Schul-  und  Pfarrherr  namlich  gar  nidus  zahlt:  so  ist 
es  schon  im  Baireuthischen,  z.  B.  in  Hof,  mit  der  Aufklarung  so 
weit,  daB  ein  Quartus  -  was  sag1  ich  ein  Quartus  -7  ein  Tertius!  - 
was  sag'  ich  ein  Tertius  -  ein  Konrektor  vor  Antritt  seines  Po- 
stens  nicht  mehr  zu  erlegen  braucht  als: 

fl.  rhein.  kr.  rhein. 
10  30         49  .     fur  Verpftichtung  bei  dem  Konsistorio. 

4  dem  Stadtsyndikus  fur  die  Vokation. 

2  dem  regierenden  Burgermeister. 

45  7V2  fiir  das  Regierungsdekret. 

Summa  81  rl.     56V2  kf- 

Laufen  auch  die  Druckkosten  eines  Rektors  in  einigen  Artikeln 
hoher  auf:  so  kommt  hingegen  ein  Tertius,  Quartus  etc.  noch 
wohlfeiler  aus  der  Presse  als  selber  ein  Konrektor.  Ich  gesteh'  es, 
dabei  kann  ein  Schulmann  auskommen,  da  er  schon  im  ersten 
Jahr  einen  UberschuB  iiber  dieses  Schwan^geld  seines  Amtes  ein- 

20  nimmt.  Es  muB  ein  Schullehrer  schon  wie  seine  Schiiler  von  einer 
Klasse  zur  andern  avancieret  sein,  ehe  seine  Staatsanleihen  samt 
den  Verzogerungszinsen  so  viel  betragen,  als  er  in  der  hochsten 
eiunimmt.  Noch  dazu  sind  unsere  Einrichtungen  nicht  dagegen  - 
welches  doch  die  athenischen  taten  -,  daB  man  die  Amter  ver- 
schuldet  antritt,  sondern  jeder  ersteigt  mit  dem  Ranzen  seiner 
Schuldenlast  unangefochten  eine  Stufe  nach  der  andern.  Der 
Papst  erhebt  bei  groBen  Pfriinden  die  Einkunfte  des  ersten  Jahres 
unter  dem  Titel  Annaten,  und  er  schenkt  daher  eine  groBe  allzeit 
dem  Inhaber  einer  kleinern,  um  fremde  und  eigne  Intraden  zu- 

30  gleich  zu  mehren;  -  es  zeigt  aber,  diinkt  mich,  einen  schonen  Un- 
terschied  zwischen  Papst-  und  Luthertum,  daB  die  Konsistorien 
des  letztern  den  Schul-  und  Kirchendienern  vielleicht  kaum  zwei 
Drittel  der  ersten  jahrlichen  Amtes-Einkiinfte  abnehmen,  ob  sie 
gleich  sonst  wie  der  Papst  auf  die  Erledigungen  der  Stellen  aus  sind. 


122  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Es  kann  sein,  daB  ich  hier  mit  Kur-Mainz  zerfalle,  wenn  ich 
gestehe,  daB  ich  in  SchmauBens  Corp.  jur.  pupL  germ,  die  Kur- 
Mainzische-Reichs-Hof-Kanzlei-Taxordnung  von  1659  den 
6.  Jan.  nachgeschlagen  und  daraus  ersehen  habe,  wie  viel  die 
Reichs-Hof-Kanzlei  haben  will,  mit  einem  Konsistorium  kolla- 
tionieret.  Z.  B.  wer  zu  einem  gekronten  Poeten  (poeta  laureatus) 
ausgesotten  oder  ausgebrannt  sein  will,  hat  50  fl.  Tax  und  20  fl. 
Kanzlei  Jura  zu  erlegen,  da  er  doch  mit  20  fl.  mehr  ein  Konrektor 
hatte  werden  konnen,  der  ein  dergleichen  Poet  nebenbei  und  ex 
officio  ist.  -  Die  Errichtung  eines  Gymnasiums  wird  fur  1000  fl.  ; 
verstattet;  eine  ungemeine  Summe,  mit  der  samtliche  Lehrer  des 
errichteten  Gymnasiums  die  EinlaBgelder  ihrer  Schulstuben  zu 
bestreiten  vermogen.  -  Ein  Freiherr,  der  ohnehin  oft  alt  wird, 
ohne  zu  wissen  wie,  muB  die  venia  aetatis  mit  200  baren  Gulden 
kaufen,  indes  er  mit  der  Halfte  davon  ein  Schulmann  hatte  wer- 
den konnen,  worauf  ihm  das  Alter  von  selber  zugefallen  ware.  - 
Und  tausend  solche  Dinge!  -  Sie  beweisen  aber,  daB  es  nicht  libel 
um  Staaten  und  Reichskreise  stehen  musse,  wo  der  Torheit 
Standeserhohungen  teurer  gegeben  werden  als  dem  FleiBe,  und 
wo  es  mehr  kostet,  eine  Schule  zu  errichten  als  zu  bedienen.  ; 

Was  ich  hieriiber  zu  einem  Fiirsten  gesagt  habe,  ist,  so  wie  das, 
was  mir  hieriiber  ein  Stadtsyndikus  gesagt,  zu  merkwurdig,  um 
aus  bloBer  Furcht  vor  Ausschweifungen  hier  ubergangen  zu 
werden. 

Der  Stadtsyndikus  -  ein  Mann  von  Einsichten  und  von  feuri- 
gem  Patriotismus,  der  desto  wohltatiger  warmte,  da  er  dessen 
Strahlen  in  einem  Fokus  sammelte  und  auf  sich  und  seine  Familie 
richtete  —  gab  mir  (ich  mochte  damals  vielleicht  jede  Schulbank 
und  jede  Schultreppe  fur  eine  Bank  und  Letter  halten,  auf  die 
man  Leute  zum  Torquieren  legt)  die  beste  Antwort  auf  vieles :  3 
»Wenn  ein  Schulmann  nichts  vertut  als  3ortl.1;  wenn  er  nicht 
mehr  Fabrikwaren  jahrlich  kauft,  als  die  Politiker  fur  jedes  In- 
dividuum  berechnet  haben,  namlich  fur  5  rtl,  und  nicht  mehr 
Zentner  Nahrung,  als  diese  annehmen,  namlich  10;  kurz,  wenn 

er  wie  ein  wohlhabender  Holzhacker  lebt :  so  miiBte  der  Teufel 

1 
1  So  viel  braucht  man  nach  den  'Politikern  jahrlich  in  Deutschland. 


SECHSTER  ZETTELKASTEN  I  23 

sein  Spiel  haben,  wenn  er  nicht  jahrlich  soviel  reinen  Profit  zu- 
riicklegen  wollte,  als  die  Zinsen  seiner  Amtsschulden  am  Ende 
betragen.«  - 

Der  Syndikus  muB  mich  doch  damals  nicht  uberredet  haben, 
weil  ich  nachher  zum  flachsenfingischen  Fiirsten1  sagte :  »Gnadig- 
ster  Herr,  Sie  wissen  es  nicht,  aber  ich  -  kein  Akteur  unter  Ihrer 
Truppe  wiirde  den  Schulmeister  in  Engels  verlornen  Sohn  urn 
das  Geld  drei  Abende  lang  machen,  um  das  ihn  jeder  wirkliche 
Schulmeister  alle  ganze  Tage  des  Jahres  hindurch  machen  muB.  - 

10  Im  Brandenburgischen  werden  die  Invaliden  Schullehrer;  bei 

uns  werden  die  Schullehrer  Invaliden. « 

Aber  zur  Geschichte  1  Fixlein  setzte  das  Register  seiner  Kron- 
schulden  auf,  aber  aus  einer  ganz  andern  Absicht,  als  der  Leser 
denken  wird,  dem  immer  das  Testament  im  Kopfe  steckt.  Kurz, 
er  wollte  Pfarrer  in  Hukelum  werden.  Ach  an  dem  Orte  es  zu 
werden,  wo  seine  Wiege  stand  und  alle  Gartchen  seiner  Kindheit 
-  ferner  seine  Mutter  -  und  die  Verlobungslaube:  das  war  ein 
o  fines  Tor  in  ein  neues  Jerusalem,  gesetzt  auch  die  S telle  ware 
eine  hagere  Ponitenzpfarre  gewesen.  Die  Hauptsache  war,  er 

20  konnte  heiraten,  wenn  er  voziert  wurde.  Denn  als  diinner  Kon- 
rektor  im  Schmachtriemen  seiner  Weste,  mit  Intraden,  womit 
kaum  der  Kaufschilling  des  -  Geldbeutels  zu  bestreiten  ist,  da 
konnt'  er  eher  den  Docht  und  Talg  zur  Leichen-  als  zur  Braut- 
fackel  zusammenbringen. 

Denn  die  Schuldienerschaft  darf  uberhaupt  in  guten  Staaten 
so  wenig  heiraten  wie  die  Soldateska.  Im  Conringio  de  antiqui- 
tatibus  academicis,  wo  auf  alien  Blattern  bewiesen  wird,  daB  die 
Kloster  ursprunglich  Schulen  waren,  kam  ich  darhinter,  warum. 
Jetzt  sind  die  Schulen  Kloster,  und  folglich  sucht  man  die  Lehrer 

30  wenigstens  zu  einigen  Nachahmungen  der  drei  Klostergeliibde 
anzuhalten.  Das  Geliibde  des  Gehorsams  1st  vielleicht  am  ersten 

1  Dieser  sonderbare  Ton,  aus  dem  ich  mit  einem  Fiirsten  spreche,  wird 
nur  durch  ein  ebenso  sonderbares  Verhaltnis  entschuldigt,  in  dem  der  Bio- 
graph  mit  dem  Flachsenfinger  Fiirsten  stent,  und  das  er  hier  gern  entdecken 
wiirde,  wenn  ich  der  Welt  nicht  alles  schon  in  meinem  Buche,  das  ich  ihr 
unter  dem  Titel  Hundsposttage  1795  zu  Ostern  schenken  werde,  deutlich 
genug  zu  enthiillen  hoffte. 


124  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

durch  Scholarchen  zu  erzwingen;  aber  das  zweite  Geliibde  der 
Ehelosigkeit  wiirde  schwerer  erfiillet  werden,  wenn  nicht  durch 
eine  der  besten  Staats-Verfugungen  fiir  das  dritte,  ich  meine  fur 
eine  schone  Gleichheit  der  Armut,  so  gesorget  ware,  daB  kein 
Mann  mehrere  testimonia  paupertatis  braucht  als  einer,  der  sie 
macht  -  dann  greife  dieser  Mann  nur  zu  einer  ehelichen  Halfte, 
wenn  von  den  zwei  Halften  jede  einen  ganzen  Magen  hat,  und 
nichts  dazu  als  Halbmetalle  und  Halbbier 

Ich  weiB,  Millionen  meiner  Leser  setzten  dem  Konrektor  sel- 
ber  das  Bittschreiben  auf  und  ritten  damit  nach  Schadeck  zum  to 
Herrn,  damit  nur  der  arme  Schelm  den  Schafstall  bekame,  samt 
dem  angebaueten  Hochzeithaus,  weil  ihnen  wohl  einleuchtet,  daB 
nachher  einer  der  besten  Zettelkasten  wiirde  geschrieben  werden, 
der  je  aus  einem  Letternkasten  ausgehoben  wiirde. 

Fixleins  Bittschrift  war  auBerordentlich  gut  und  auffallend: 
sie  stellte  dem  Rittmeister  vier  Griinde  vor:  i)  »Er  ware  ein  Dorf- 
kind,  seine  Eltern  und  Voreltern  hatten  sich  schon  um  Hukelum 
verdient  gemacht,  also  bat*  er  etc.« 

2)  »Er  konne  leicht  die  hier  dokumentierten  Passivschulden 
von  135  fl.  fr.  41  kr.  und  1/2  Pf.,  deren  Tilgungsfond  ihm  ein  un-  20 
vergefiliches  Testament  anbiete,  selber  abfiihren,  falls  er  die  Pfar- 
rei  bekame,  und  entsage  hiemit  dem  Legat  etc.« 
.  Freie  Note  von  mir.  Man  sieht,  er  will  seinen  Herrn  Paten  be- 
stechen,  den  das  Testament  der  Frau  in  Harnisch  gebracht.  Aber 
halte,  lieber  Leser,  einem  armen,  bedrangten,  schwertragenden 
Schulmann  und  Schulpferd  eine  uhdelikate  Wendung,  die  freilich 
niemals  die  unsere  ware,  zugute.  Bedenke:  Fixlein  wuBte,  daB  der 
Rittmeister  ein  Filz  war  gegen  Biirgerliche,  so  wie  ein  wegschen- 
kender  Rupfhase  fur  Adelige.  Auch  kann  der  Konrektor  ein- 
oder  ein  paarmal  von  Patronatsherren  auf  der  Ritterbank  gehoret  30 
haben,  die  wirklich  nicht  sowohl  Kirchen  und  Gottesacker  -  wo- 
mit  man  doch  in  England  Handel  treibt  -  als  deren  treue  Bestel- 
lung  verkaufet  oder  vielmehr  verpachtet  haben  an  die  Pacht- 
Kandidaten.  Ich  weiB  aus  Lange1,  daB  die  Kirche  ihren  Patron 
bekostigen  muB,  wenn  er  gar  nichts  mehr  zu  leben  hat:  konnte 

1  dessen  geistliches  Recht  p.  551. 


SECHSTER  ZETTELKASTEN  125 

nun  nicht  ein  Edelmann,  noch  eh*  er  bettelte,  etwas  auf  Abschlag, 
eine  Vorausbezahlung  von  seinen  Alimentengeldern  annehmen 
aus  den  Handen  des  Kanzel-Pachters?  - 

3)  »Er  habe  sich  seit  kurzem  mit  dem  gnadigen  Fraulein  von 
Thiennette  verlobt  und  ihr  ein  Goldstiick  auf  die  Ehe  gegeben 
und  konnte  also  solche  heiraten,  wenn  er  versorgt  wurde  etc.« 

Freie  Note  von  mir.  Ich  halte  diesen  Grund  fiir  den  starksten 
in  der  ganzen  Supplik.  In  Herrn  von  Aufhammers  Augen  war 
Thiennettens  Stammbaum  langst  gestutzt,  entblattert,  wurm- 
jo  stichig  und  voll  Bohrkafer;  sie  war  ja  seine  Okonoma,  SchloB- 
Intendantin  und  a  latere-Legatin  fur  das  SchloBgesinde,  die  ihm 
mit  ihren  Anspriichen  auf  seine  Almosenkasse  in  die  Lange  eine 
Biirde  wurde.  Sein  erziirnter  Wunsch,  dafi  sie  mit  Fixleins  Erb- 
schaft  hatte  abgefunden  werden  mogen,  wurde  jetzt  durch  diesen 
erfullt.  Kurz,  wenn  Fixlein  Pfarrer  wird,  so  hat  ers  dem  dritten 
Grunde  zu  danken,  weit  weniger  dem  tollen  vierten 

4)  »Er  habe  betrubt  vernommen,  daB  der  Name  seines  Pudels, 
den  er  in  Leipzig  einem  Emigranten  abgekauft,  auf  deutsch  Egi- 
dius  bedeute,  und  daB  der  Hund  ihm  die  Ungnade  seines  gnadi- 

20  gen  Herrn  zugezogen.  Es  sei  feme  von  ihm,  den  Pudel  kiinftig- 
hin  also  zu  benamsen ;  er  werd*  es  aber  fur  eine  groBe  Gnade  er- 
kennen,  wenn  sein  gnadiger  Herr  Pat'  fiir  den  Hund,  den  er  jetzt 
ohne  Namen  riefe,  selber  einen  resolvierten.« 

Meine  freie  Note.  Der  Hund,  bei  dem  bisher  der  Edelmann  zu 
Gevatter  gestanden  war,  soil  also  seinen  Namen  zum  ^weitenmal 

von  ihm  empfangen Wie  soil  aber  der  darbende  Gartners- 

Sohn,  dessen  Laufbahn'nie  hoher  stieg  als  von  der  Schulbank  zur 
Schulkanzel,  und  der  mit  den  Frauenzimmern  nie  gesprochen 
hatte  als  singend,  namlich  in  der  Kirche,  wie  soil  der  bei  einem 

30  solchen  Saitenbezuge  einen  feinern  als  den  pedantischen  Ton.an- 
schlagen?  -  Und  doch  Iiegt  der  Grund  tiefer:  nicht  die  einge- 
schrankte  Lage,  sondern  der  eingeschrankte  Blick,  nicht  eine 
Lieblingswissenschaft,  sondern  eine  enge  burgerliche  Seele  macht 
pedantisch,  die  die  konientrischen  Zirkel  des  menschlichen  Wis- 
sens  und  Tuns  nicht  messen  und  trennen  kann,  die  den  Fokus  des 
ganzen  Menschenlebens  wegen  des  Fokalabstandes  mit  jedem 


126  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Paar  konvergierender  Strahlen  vermengt,  und  die  nicht  alles  sieht 
und  alles  duldet Kurz,  der  wahre  Pedant  ist  der  Intolerante. 

Der  Konrektor  schrieb  die  Supplik  prachtig  ab  in  fiinf  gliick- 
lichen  Abenden  -  setzte  eine  besondere  Dinte  dazu  an  -  arbeitete 
zwar  nicht  so  lange  an  ihr  wie  der  dumme  Manutius  an  einem 
lateinischen  Briefe,  namlich  etliche  Monate  -  wenn  dem  Sciop- 
pius  zu  glauben  ist  — ,  noch  weniger  so  lange  wie  ein  anderer  Ge- 
lehrter  an  einer  lateinischen  Epistel,  der  —  freilich  miissen  wirs 
bloB  dem  Morhof  glauben  -  vier  voile  Monate  daran  heckte,  Va- 
riationen,  Adjektiven,  Pedes  samt  den  Autoritaten  seiner  Phrases  10 
genau  zwischen  den  Zeilen  anmerkte.  Er  hatte  ein  flinkeres  Genie 
und  war  mit  dem  ganzen  Gesuch  in  sechzehn  Tagen  ins  reine. 
Als  ers  petschierte,  dacht'  er  daran,  gleich  uns  alien:  wie  dieses 
Couvert  das  Samengehause  einer  ganzen  groBen  Zukunft,  die 
Hiilse  vieler  siiBen  oder  herben  Friichte,  die  Windel  seines  restie- 
renden  Lebens  sei. 

Der  Himmel  segne  sein  Couvert;  aber  ich  lasse  mich  vom 
babylonischen  Turm  hinunterwerfen,  wenn  er  die  Pfarre  kriegt: 
will  denn  niemand  einsehen,  daB  Aufhammer  nicht  kann  ?  -  Trotz 
seiner  andern  Fehler  oder  eben  darum  halt  er  eisenfest  sein  Wort,  *o 
das  er  so  lange  dem  Subrektor  gegeben.  Ein  anderes  war*  es,  war' 
er  am  Hofe  seBhaft :  denn  da,  wo  noch  alte  deutsche  Sitten  sind, 
wird  kein  Versprechen  gehalten;  denn  weil  nach  Moser  die  alten 
Deutschen  nur  Versprechungen  hielten,  die  sie  vormittags  ge- 
geben -  nachmittags  waren  sie  schon  besoffen  — :  so  halten  Hof- 
Deutsche  auch  keine  nachmittagigen;  -  vormittagige  wurden  sie 
halten,  wenn  sie  sie  gaben,  welches  aber  der  Fall  nie  sein  kann, 
weil  sie  da  noch  -  schlafen. 


SlEBENTER  ZETTELKASTEN 

Predigt  -  Schulaktus  -  prachtiger  Irrtum 

Der  Konrektor  bekam  seine  135  fl.  41  kr.  1/8  Pf.  frankisch,  aber 
keine  Antwort:  der  Hund  blieb  ohne  Namen,  sein  Herr  ohne 
Pfarre.  Inzwischen  verlief  der  Sommer,  und  der  Dragonerritt- 


SIEBENTER  ZETTELKASTEN  I  27 

meister  hatte  noch  immer  keinen  geistlichen  Hecht  mit  einem 
Kopf  voll  Passionsknochen  aus  dem  Kandidaten-  Besetiteiche  aus- 
gezogen  und  in  den  Streckteich  der  Hukelumer  Pfarre  geworfen : 
es  tat  ihm  wohl,  mit  Suppliken  behangen  zu  werden  wie  ein  spa- 
nischer  Schutzheiliger,  und  er  zauderte  (ob  er  gleich  den  Sub- 
rektor  vozieren  wollte)  mit  der  Erhorung  einer  Supplik  so  lange, 
bis  er  siebenunddreiBig  Farbers-,  Knopfmachers-,  ZinngieBers- 
Sohnen  die  ihrigen  auf  einmal  abschlagen  konnte.  Denn  die 
jetzigen  Lehrer  des  Christentums  werden  gern  den  ersten  oder 

10  diesem  selber  ahnlich  gewahlt,  das  wie  Venedig  und  Petersburg 
sich  anfangs  an  Fischerhiitten  anbauete.  Gonnet  dem  von  Auf- 
hammer  die  Verlangerung  seiner  Stimmfahigkeit  zur  geistlichen 
Parlamentswahl !  Er  weiB,  dafi  ein  Edelmann  dem  Timoleon 
gleicht,  der  seine  groBten  Siege  an  seinem  Geburtstage  gewann, 
daB  namlich  das  Wichtigste,  was  er  zu  tun  hatte,  war,  eine  Frei- 
herrin,  Semperfreiin  usw.  zur  Mutter  zu  nehmen.  Man  kann  einen, 
der  schon~als  Fotus  in  den  Adelstand  erhoben  wird,  noch  besser 
mit  der  Spinnfliege  vergleichen,  die  wider  die  Weise  aller  Insek- 
ten  sich  schon  im  Mutterleibe  entpuppt  und  verwandelt.  - 

20  Aber  weiter!  Fixlein  war  jetzt  doch  nicht  ohne  Geld.  Es  wird 
so  viel  sein,  als  wenn  ichs  dem  Leser  schenkte,  wenn  ich  ihm 
hinterbringe,  daB  er  vom  Legate,  das  den  Gemeinschuldner  ab- 
speisete,  noch  35ft.  iibrig  behielt  als  Allodium  und  Schatull-Geld, 
womit  er  sich  kaufen  konnte,  was  er  wollte.  Und  wie  kam  er  zu 
einer  so  bedeutenden  Summe,  zu  einem  solchen  Kompetenz- 
stiick?  -  BloB  dadurch,  daB  er,  sooft  er  ein  grofies  Stuck  Geld  in 
kleinere  zersetzte,  und  iiberhaupt  bei  jeder  Einnahme  zwei,  drei, 
vier  Petermannchen  unbesehen  und  blind  unter  die  Papiere  seines 
Koffers  warf.  Seine  Absicht  war,  einmal  zu  erstaunen,  wenn  ers 

30  endlich  aufsummierte  und  das  Kapkal  erhobe.  Und  beim  Himmel  1 
die  erreichte  er  auch,  als  er  bei  der  Thronbesteigung  seiner  Quin- 
tur  diese  Sparpfennige  aus  den  Papieren  zog  und  sie  zu  den  Kro- 
nungskosten  schlug.  -  Jetzt  saete  er  sie  wieder  unter  die  Verbrie- 
fungen.  Narrisch!  Ich  meine,  hatt*  er  nicht  gliicklicherweise  sein 
Legat  bloBgestellt,  da  ers  als  positive  Belohnung  und  Kuppelpelz 
fur  den  Patronatsherrn  ausbot:  so  hatt'  ihn  der  Fehlgriff  nach 


128  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

dem  Klopfer  der  hukelumischen  Kirchentiire  verdrossen;  so  aber 
erwischt*  er  doch,  da  er  den  Klopfer  verfehlte,  den  Pelz  wieder 
und  konnte  froh  sein. 

Jetzt  schreite  ich  in  seiner  Geschichte  weiter  und  stoBe  im 
Gestein  seines  Lebens  auf  eine  so  schone  Silberader,  ich  meine 
auf  einen  so  schonen  Tag,  daB  ich  (glaub*  ich)  sogar  den  dreiund- 
zwanzigsten  Posttrinitatis,  wo  er  doch  seinem  geliebten  Vater- 
dorfe  eine  Vakanzpredigtvorhielt,  hier  nur  leichtbestreifen  werde. 

An  sich  war  die  Predigt  gut  und  herrlich  und  der  Tag  ein  reen- 
ter Wonnetag;  aber  ich  rmiBte  iiberhatipt  mehr  Stunden  ubrig  10 
haben,  als  ich  dem  Mai  abstehle,  worin  ich  jetzt  lebe  und  schreibe, 
und  mehr  Krafte,  als  mir  die  Lustfahrten  durch  schone  Tage  zu 
clen  Landschaftsgemalden  derselben  frei  lassen,  wenn  ich  mit 
einiger  HofFnung  es  versuchen  wollte,  von  der  Lange  und  Dicke 
der  Saiten  und  ihren  Vibrationen  und  den  konsonen  Verhalt- 
nissen  derselben  untereinander,  die  insgesamt  an  jenem  Post- 
trinitatis seinen  Herzohren  eine  Spharenmusik  machten,  einen 
mathematischen  Bericht  abzustatten,  der  mir  so  sehr  gefiele  wie 
andern .  .  .  Man  verlang'  es  nicht!  Ich  denke,  wenn  ein  Mann  an 
einem  Sonntage  vor  alien  Fronern,  die  ihn  sonst  als  den  Kunst-  20 
gartners-Buben  auf  dem  Arm  hatten,  ferner  vor  seiner  Mutter, 
die  ihre  selige  ZerflieBung  in  die  Gosse  des  Samt-MurFs  ableitet, 
ferner  vor  seinem  gnadigen  Herrn,  dem  er  geradezu  befehlen 
kann,  selig  zu  werden,  und  endlich  vor  seiner  mousselinenen 
Braut,  die  schon  selig  ist,  weil  sie  fast  zu  Stein  daruber  wird,  daB 
dieselben  Lippen  kussen  und  predigen  konnen,  ich  denke,  sagt* 
ich,  w7enn  ein  Mann  das  leistet:  so  hat  er  wohl  einiges  Recht,  vom 
Biographen,  der  seinen  Zustand  schildern  will,  zu  begehren,  daB 
er  das  —  Maul  halte,  und  vom  Leser,  der  solchen  nachempfinden 
will,  daB  er  seines  aufmache  und  selber  predige.  —  30 

Aber  was  ich  ex  officio  malen  muB,  ist  der  Tag,  wozu  der 
Sonntag  nur  der  Vorschabbes,  die  Vigilie  und  das  Voressen  war 
-  namlich  der  Vorschabbes,  die  Vigilie  und  das  Voressen  vor 
clem  Martlni-Aktus.  Am  Sonntag  hielt  er  die  Predigt,  am  Mitt- 
woch  den  Aktus  und  am  Dienstag  die  Probe.  - 

Der  Dienstag  soil  jetzt  der  Welt  beschrieben  werden. 


SIEBENTER  ZETTELKASTEN  129 

Ich  zahle  darauf,  daB  ich  nicht  bloB  von  lauter  Weltleuten  ge- 
lesen  werde,  denen  freilich  ein  Schulaktus  nicht  viel  anders  und 
besser  als  eine  bischofliche  Investitur  oder  eine  Frankfurter  Kro- 
nungs-opera  seria  vorkommt,  sondern  daB  ich  auch  Leute  vor 
mir  habe,  die  auf  Schulen  waren,  und  die  wissen,  was  sie  vom 
Schuldrama  eines  Aktus  und  vom  Maschinenmeister  und  von 
dem  Komodienzettel  (dem  Programm)  zu  denken  haben,  ohne 
darum  dessen  Vorziige  zu  iibertreiben. 

Eh*  ich  die  Probekomodie  des  Martini-Aktus  gebe,  leg'  ich 

10  mir  selber  als  Dramaturg  des  Schauspiels  auf,  die  Einladungs- 
schrift  des  Konrektors,  wenn  nicht  zu  exzerpieren,  doch  zu  regi- 
strieren.  Er  sagte  darin  manches  und  machte  (welches  einem 
Verfasser  so  wohltut)  Vorschlage  statt  Vorwiirfe  und  erinnerte, 
ob  nicht  bei  den  bekannten  Donatschnitzern  der  Magnaten  in 
Pest  und  Polen  die  Schulgebaude  am  besten  als  Kontumazhauser 
gegen  infizierende  Barbarismen  schirmten.  Auch  verteidigte  er 
ah  Schulen,  was  zu  verteidigen  war  (und  nichts  in  der  Welt  ist 
siiBer  oder  leichter  als  eine  Defension),  und  sagte,  Schulleute,  die 
nicht  ohne  Unrecht  gleich  gewissen  Hofen  nur  lateinisch  mit  sich 

20  sprechen  HeBen  und  selber  sprachen,  konnten  die  Romer  vor- 
schutzen,  deren  Untertanen  und  deren  Konige  samt  denJBrie'fen 
und  Verhandlungen  der  letztern  sich  des  Lateins  befleiBigen 
muBten.  Er  verwunderte  sich,  warum  nur  die  griechischen  und 
nicht  auch  die  lateinischen  Grammatiken  lateinisch  abgefasset 
waren,  und  tat  die  auffallende  Frage :  ob  denn  die  Romer,  wenn 
sie  ihre  kleinen  Kinder  die  lateinische  Sprache  lehrten,  es  in  einer 
andern  taten  als  in  eben  dieser?  -  Darauf  ging  er  auf  den  Aktus 
iiber  und  sagte  folgendes  mit  seinen  eignen  Worten : 

»Ich  bin  willens,  es  in  einer  andern  Einladungsschrift  zu  be- 
30  weisen,  daB  alles,  was  uber  den  groBen  Stifter  unserer  Refor- 
mation, den  Gegenstand  unserer  heutigen  Martini-Redeubungen, 
zu  wissen  und  zu  sagen  ist,  schon  langst  erschopft  worden,  so- 
wohl  durch  Seckendorf  als  andere.  In  der  Tat  kann  von  Luthers 
Personalien,  von  seinen  Tischreden,  Einkiinften,  Reisen,  Klei- 
dern  usw.  nichts  Neues  mehr  vorgebracht  werden,  zumal  wenn 


I30  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

es  zugleich  etwas  Wahres  sein  soli.  Indessen  1st  doch  das  Feld  der 
Reformationsgeschichte,  bildlich  zu  reden,  bei  weitem  nicht  ganz 
angebauet;  und  es  will  mir  vorkommen,  als  muBte  sich  der  Ge- 
lehrte  noch  heutiges  Tages  vergeblich  nach  echten,  bis  an  unsere 
Zeiten  reichenden  Nachrichten  von  den  Kindern,  Enkeln,  Kinds- 
kindern  etc.  dieses  groBen  Reformators  umsehen,  die  doch  alle 
entfernter  in  die  Reformationsgeschichte  einschlagen,  so  wie  er 
naher.  Du  drischest  vielleicht  nicht  ganz,  sagt'  ich  zu  mir,  leeres 
Stroh,  wenn  du  nach  deinen  geringen  Kraften  diesen  versaumten 
historischen  Zweig  hervorziehest  und  bearbeitest.  Und  so  wagte  10 
ich  es  denn,  mit  dem  letzten  mannlichen  Nachkommen  Luthers, 
namlich  mit  dem  Advokaten  Martin  Gottlob  Luther,  der  in  Dres- 
den praktizierte  und  1759  da  verstarb,  den  Anfang  einer  spezieU 
lern  Reformationshistorie  zu  machen.  Mein  schwacher  Versuch 
iiber  diesen  zur  Reformation  gehorigen  Advokaten  wird  beloh- 
net  genug  sein,  wenn  er  zu  bessern  Werken  dariiber  ermuntert; 
das  wenige  aber,  was  ich  von  ihm  aufgetrieben  und  gesammelt 
habe,  ersuch*  ich  untertanig,  gehorsamst  und  gehorsam  alle  Gon- 
ner  und  Freunde  des  flachsenfingischen  Gymnasiums  den  vier- 
zehnten  November  aus  dem  Munde  sechs  gutgearteter  Peroran-  20 
ten  anzuhoren.  Anfangs  wird 

Gottlieb  Spiesglas,  ein  Flachsenfinger,  in  Iateinischer  Rede  zu 
zeigen  suchen,daB  Martin  Gottlob  Luther  uberhaupt  ein  Schwert- 
magen  des  Doktor  Luther  gewesen.  Nach  ihm  bemuhet  sich 

Fried  rich  Christian  Krabler  aus  Hukelum  in  deutscher  Prosa 
den  EinfluB  zu  bestimmen,  den  Martin  Gottlob  Luther  noch  auf 
die  schon  daseiende  Reformation  gehabt;  worauf  hinter  ihm 

Daniel  Lorenz  Sten^inger  in  lateinische  Verse  die  Nachrichten 
von  Martin  Gottlob  Luthers  Prozessen  und  uberhaupt  die  wahr- 
scheinlichen  der  Advokaten  um  die  Kirchenverbesserung  zu-  30 
sammenfassen  will;  -  welches  sodann  einem 

Nikol  Tobias  Pfi^mann  Gelegenheit  geben  wird,  franzosisch 
aufzutreten  und  das  Wissenswiirdigste  aus  Martin  Gottlob  Lu- 
thers Schuljahren,  Universitatenleben  und  mannlichen  Jahren 
auszuheben.  Und  wenn  nun 

Andreas  Eintarm  in  deutschen  Versen  die  etwaigen  Fehltritte 


SIEBENTER  ZETTELKASTEN  I3I 

dieses  Stammhalters  des  groBen  Luthers  wird  zu  entschuldigen 
gesucht  haben :  so  wird 

Justus  Stroke!  \n  lateinischen  seine  RechtschafFenheit  und  Ehr- 
lichkeit  im  Advokatenstande  nach  seinen  Kraften  besingen;  - 
worauf  ich  selber  den  Katheder  besteigen  und  alien  Patronen  der 
Flachsenfmger  Schule  gehorsamst  danken  und  diejenigen  Stiicke 
aus  dem  Leben  dieses  merkwiirdigen  Dresdners  noch  anfuhren 
werde,  von  denen  wir  noch  gar  nichts  wissen,  weil  sie  sich  fur  die 
Redner  des  nachsten  Martini-Aktus  g.  G.  aufsparen.« 


10  Der  Tag  vor  dem  Aktus  lieferte  gleichsam  die  Probeschiisse 
und  Aushangebogen  des  Mittwochs.  Leute,  die  des  Anzugs  we- 
gen  vom  giroBen  Schulfest  wegbleiben  muBten,  besonders  Da- 
men,  erschienen  Dienstags  in  den  sechs  Probereden.  Niemand 
ordnet  zwar  bereitwilliger  als  ich  den  Probeaktus  dem  Mittwochs- 
aktus  unter,  und  mich  braucht  man  am  wenigsten  erst  aufzufo- 
dern,  das  Trommetenfest  einer  Schule  gehorig  zu  wiirdigen;  aber 
auf  der  andern  Seite  bin  ich  ebenso  gewiB  uberzeugt,  daB  einer, 
der  Mittwochs  nicht  in  den  echten  Aktus  gegangen  ist,  sich  etwas 
Glanzenderes  als  den  Probetag  vorher  gar  nicht  gedenken  konnte, 

20  weil  er  nichts  hatte,  womit  er  die  Pracht  vergleichen  konnte,  in 
der  der  Primas  des  Festes  vor  Damen  und  Ratsherren  das  an  sei- 
nen Triumphwagen  vorgelegte  Gespann  von  Sechsen  -  um  die 
sechs  Gebriider  Redner  Gaule  zu  nennen  -  einfuhr  auf  morgen. 
Lachle  immer,  Fixlein,  uber  das  Anstaunen  deiner  heutigen  Ora- 
tion, die  dem  morgendlkhen  Triumph  entgegenfahrt:  auf  deinem 
auseinanderflieBenden  Gesichte  zuckt  das  gluckliche,  sich  und 
den  Weihrauch  wiederkauende  Ich  -  aber  eine  Eitelkeit  wie  deine, 
und  nur  diese,  die  genieBet,  ohne  zu  vergleichen  oder  zu  ver- 
schmahen,  kann  man  erdulden,  will  man  ernahren.  Was  aber  uber 

30  sein  ganzes  wachsernes  Herz  wie  ein  schmelzender  Sonnenschein 
fiel,  war  seine  Mutter,  die  es  auf  vieles  Zureden  gewagt  hatte,  sich 
in  BuBtagskleidern  ganz  unten  an  die  Prima-Flugelture  demlitig 
anzulegen.  Es  ware  schwer  zu  sagen,  wer  begliickter  ist,  ob  die 
Mutter,  die  zusieht,  wie  der,  den  sie  unter  ihrem  Herzen  getragen, 


I32  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

die  vornehmsten  jungen  Herren  in  halbseidenen  Westen  be- 
ordern  und  regieren  kann,  und  die  zuhoret,  wie  er  samt  ihnen 
lauter  hohe  Sachen  sagt  und  auch  versteht  —  oder  ob  der  Sohn 
gliicklicher  ist,  der,  wie  einige  Helden  des  Altertums,  das  Gliick 
hat,  noch  bei  Lebzeiten  seiner  Mutter  zu  triumphieren.  Ich  habe 
niemals  in  meinen  Schriften  und  Taten  einen  Stein  aufgehoben 
gegen  den  sel.  Burchardt  Grofimann^  der  in  die  Initialbuchstaben 
der  Stanzen  im  Liede:  »Brich  an,  du  liebe  Morgenrote«  seine  Na- 
menslettern  verteilte,  und  noch  weniger  bewarf  ich  arme  Krauter- 
weiber,  die  schon  bei  Lebzeiten  ihren  Leichenkattun  ausplatten  10 
und  1/12  Dutzend  Totenhemden  fiir  sich  ausnahen.  Ich  halte  auch 
den  Mann  nicht  fiir  weise  -  obwohl  fiir  recht  klug  und  pedan- 
tisch  -,  der  sich  die  Gallenblase  voll  argern  kann,  daB  jeder  von 
uns  Blattminierern  das  Herzblatt,  worauf  er  sich  nagend  herum- 
schiebt,  fiir  einen  Augarten,  fur  einen  funften  Weltteil  ansieht 
wegen  der  Nahe  und  Weide,  die  Blattporen  fiir  Tempe-Taler, 
das  Blatterskelett  fur  einen  Freiheits-,  Brot-  und  Lebensbaum 
und  den  Tautropfen  fiir  die  Flut.  -  Wir  Tag-,  Abend-  und  Nacht- 
raupen  fallen  samtlich  in  den  namlichen  Irrtum,  aber  nur  auf 
andern  Blattern,  und  wer  (welches  ich  tue)  iiber  die  wichtige  20 
Miene  lacht,  mit  der  der  Rektor  Landesprogrammen,  der  Dra- 
maturgKomodienzettel?einKennikottischerVarianten-Almosen- 
sammler  Buchstaben  aufkauft:  der  tut  es,  wenn  er  weise  ist  -  wie 
hier  der  Fall  ist-,  mit  dem  BewuBtsein  seiner  dhnlichen  Narrheit  und 
lacht  an  seinem  Nachsten  nichts  aus  als  die  Menschheit  und  sich.  — 

Die  Mutter  war  nicht  zu  halten:  sie  muBte  diesen  Abend  noch 
fort  nach  Hukelum  und  Thiennetten  nur  wenigstens  etwas  be- 
richten  von  dieser  Herrlichkeit.  - 

Jetzt  wird  die  Welt  hundert  gegen  eins  wetten,  daB  ich  nun 
biographisches  Wachs  nehmen  und  ein  Wachsfigurenkabinett  von  30 
dem  Aktus  selber  bossieren  werde,  das  einzig  in  seiner  Art  sei.  — 

Aber  Mittwoch  morgens,  als  sich  der  hoffnungstrunkene  Kon- 
rektor  eben  anzukleiden  dachte:  klopfte  etwas  an  — 

Es  war  der  bekannte  Bediente  des  Rittmeisters,  der  die  Vo- 
kation  an  den  Subrektor  Filchslein  hatte.  Zum  letztern  sollte  der 
gute  Mensch  diesen  Wildruf  ins  Pfarramt  tragen;  aber  er  distin- 


SIEBENTER  ZETTELKASTEN  I33 

guierte  elend  zwischen  Sub-  und  7&?/z-Rektor  und  hatte  uberhaupt 
seine  guten  Griinde,.  warum  er  zu  diesem  kam ;  denn  er  dachte : 
»Wer  wills  weiter  kriegen,  als  der  den  vorigen  Sonntag  predigte 
und  aus  dem  Dorfe  her  ist,  und  der  ja  mit  unserer  Fraulein  Thien- 
nette  im  Gerede  ist  und  dem  ich  ja  schon  eine  Uhr  und  die 
Zopfdukaten  habe  bringen  miissen.«  -  Er  stellte  sich  gar  nicht 
vor,  daB  sein  gnadiger  Herr  den  leiblichen  Paten  iibergehen 
konnte. 

Fixlein  las  die  Adresse  der  Bestallung:  »An  des  Pfarrer  Fixlein 

10  zu  Hukelum  Wohl-Ehrwurden.«  Er  muBte  notwendig  den  Fehl- 
griff  des  Lakaien  tun  und  die  fremde  Bestallung  erbrechen  als 
eigene;  und  da  er  noch  dazu  in  der  Vokation  nur  von  einem 
Schul-Unterbefehlshaber  (statt  Subrektor)  etwas  fand,  so  muBt'  er 
in  seinem  Irrtum  verharren.  Eh*  ichs  gut  erklare,  warum  der 
Gerichtshalter,  der  Former  der  Vokation,  diese  so  dumm  auf- 
setzte:  wollen  wir  zwei,  ich  und  der  Leser,  d.  h.  mehr  Menschen, 
als  je  in  einen  Kirchensprengel  gehen,  uns  bei  Fixleins  freudigen 
SpringfiiBen  aufhalten  -  bei  seinen  dankbar-nassen  Augen  -  bei 
seiner  hammernden  Brust  -  bei  seinen  bringenden  Handen,  die- 

20  sen  Handhaben  eines  verschenkten  MuBteils  -  beim  Gratial  von 
zwei  Zopfdukaten,  die  er  an  den  Infultrager  so  gern  fahren  lasset 
als  den  padagogischen  Zopf  der  ihm  nachstens  auf  der  Kanzel  ab- 
fallet.  —  WuBt'  er  wohl,  was  er  denken  sollte  (vom  Rittmeister) 
oder  schreiben  (an  eben  diesen)  oder  auftischen  (fur  den  Lakai)  ? 
-  Zog  er  nicht  Erkundigungen  von  dem  gnadigen  Befinden  sei- 
nes Wohltaters  zu  wiederholten  Malen  ein,  ob  ihm  gleich  der  Be- 
diente  schon  recht  gut  auf  die  erste  geantwortet  hatte?  -  Und 
wurde  nicht  dieser  Mensch,  der  zum  spottsiichtigen,  achselzuk- 
kenden   und   achseltragerischen   Menschen-Sortiment   gehorte, 

30  durch  die  Freude,  die  er  mitgebracht,  endlich  so  geriihrt,  daB  er 
sich  auf  der  Stelle  vornahm,  dem  Aktus  des  neuen  Herrn  Pfarrers. 
obgleich  kein  einziger  vom  Adel  darin  war,  seine  Gegenwart  zu 
schenken?  -  Fixlein  siegelte  vorher  die  Dankadresse  ein  und  hielt 
hoflich  beim  Adelsbrief-Trager  an,  ihn  oft  in  der  Pfarre  zu  be- 
suchen  und  heute  bei  seiner  Mutter  vorbeizugehen  und  ihr  den 
Text  zu  lesen,  warum  sie  gestern  nicht  geblieben  sei,  da  sie  heute 


134  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

bei  der  Vokation  durch  seine  gnadige  Patronatsherrschaft  hatte 
mit  sein  konnen. 

Als  der  fort  war,  fmg  er  vor  Freude  ordentlich  an,  skeptisch  zu 
werden  -  und  angstlich,  daher  er  das  Vokations-Instrument,  der 
Mauserei  wegen,  gut  in  den  Koffer  mit  zwei  Vorlegschlossern 
einsperrte  (—  und  andachtig  und  weich,  weil  er  Gott  ohne  Scheu 
fur  alles  dankte,  dessen  ewigen  Namen  er  sogar  nie  anders  schrieb 
als  mit  Kanzleischrift  und  mit  bunter  Dime,  wie  der  judische  Ab- 
schreiber  diesen  namenlosen  Namen  nur  im  Ornat  und  frisch- 
gewaschen  schrieb1  —  und  taub  wurde  der  Pfarrer),  daB  er  kaum  10 
die  Aktus-Schaferstunde  schlagen  horte  -  und  zerstreuet,  weil 
eine  schonere  bei  Thiennetten  mit  ihren  Rosenstauden  und  ihrem 
Rosenhonig  nicht  aus  seiner  Seele  wollte.  Er,  der  schon  das  Gltick, 
wenn  es  ihm  ein  schiefes  Maul  schnitt,  so  lange,  wie  Kinder  ein- 
ander,  anlachte,  bis  er  wirklich  selber  anfangen  mufite  zu  lacheln 
-  er  flog  jetzt  gleichsam  immer  hoher  geschnellet  auf  einem ' 
Schwungbrette  empor. . . 

Aber  vor  dem  Aktus  wollen  wir  den  Gerichtshalter  verhoren. 
Fixlein  statt  Fiichslein  schrieb  er  aus  einer  Unwissenheit  in  der 
Namen-Orthographie,  die  durch  die  Rechtschreibung  des  Testa-  20 
ments  noch  groBer  und  nattirlichergeworden  war.  »Fi?/z«,  diesen 
Ehrenbogen,  durft'  er  nicht  vor  Fiichsleins  neuen  Namen  stellen, 
weils  Aufhammer  untersagte,  der  dessen  ahnen-reine  Abkunft 
anfiel  und  nicht  bedachte,  was  iiberhaupt  ein  Edelmann  sich  zu 
getrosten  habe,  da  schon  Christus  in  seinem  von  Matthaus  gefer- 
tigten  Stammbaum  vier  bekannte  -  Huren  zahlt,  die  Thamar, 
Rahab,  Bathseba  und  Ruth.  Endlich  hatte  der  Bestallungs-Macher 
die  Unart  Campens  an  sich,  daB  er  alles  verdeutschen  wollte,  was 
man  erst  nach  der  Verdeutschung  nicht  mehr  verstand,  als  wenn 
ein  Wort  sich  um  eine  bessere  Naturalisationsakte  zu  bewerben  30 
hatte,  als  die  ihm  seine  allgemeine  Verstandlichkeit  erteilt.  An 
und  fur  sich  ists  doch  einerlei  -  um  so  mehr,  da  alle  Sprachen  wie 
alle  Menschen  miteinander  verschwistert  und  verschwagert  sind-, 
ob  ein  Wilder  oder  ein  Auslander  ein  Wort  erfand,  ob  es  wie 
Moos  unter  den  deutschen  Waldern  aufwuchs  oder  wie  Festungs- 

1  Eichhorns  Einleit.  ins  A.  T.  2.  T. 


SIEBENTER  ZETTELKASTEN  135 

gras  in  den  Pflastersteinen  des  romischen  Forums.  Der  Gerichts- 
halter  hingegen  verfocht,  es  ist  zweierlei,  und  lieB  es  seinen  Par- 
teien  unverhohlen,  daB  Tagefahrt  Termin  bedeute  und  Appel- 
lieren  Berufen.  Daher  zog  er  dem  Wort  Subrektor  die  fremde 
Livree  Unterbefehlshaber  an.  Und  diese  Version  vertierte  audi 
den  Schulherrn  in  einen  Pfarrherrn :  so  sehr  wachset  unser  burger- 
liches  Gliick  -  nicht  unser  menschliches,  sich  auf  unserem  inneren 
Grund  und  Boden  nahrendes  Wohlsein  —  bloB  auf  der  Flugerde 
von  Zufalligkeiten,  Konnexionen,  Bekanntschaften  und  der  Hen- 

10  ker  oder  der  Himmel  weiB  von  was.  - 

Bei  Gelegenheit!  Von  einem  Gerichtshalter  wiird'  ich  mehr 
Verstand  erwarten,  ich  wiirde  (ich  kann  mich  irren)  voraus- 
setzen,  er  wisse,  daB  die  Akten,  die  sonst  (s.  Hofmanns  deutsche 
oder  undeutsche  Rekhspraxis  §  766)  lateinisch  ausgefertigt  wur- 
den,  wie  vor  Joseph  die  ungarischen,  heutzutage,  wenn  man  es 
ohne  Beleidigung  sagen  darf,  vielleicht  mehr  deutsch  als  lateinisch 
geschrieben  werden ;  und  ich  darf  mich  hierin  auf  ganze  deutsche 
Zeilen  steifen,  die  in  den  Reichs-Kammergerichts-Erkenntnissen 
stehen.  Ich  will  aber  nicht  glauben,  daB  der  Jurist  darum,  weil 

zo  Inchhofer  die  romische  Sprache  fiir  die  Muttersprache  des  zweiten 
Lebens  erklart,  sich  von  einem  Dialekte  loszumachen  suche,  durch 
den  er  so  viel  wie  der  romische  Adler  oder  spater  der  romische 
Fischreiger  (der  romische  Stuhl)  in  seinen  Adlers-Fangen  ent- 
fuhrte.  -  - 

Man  laute  immerhin  den  Aktus  ein,  man  strome  immer  hinein: 
wer  fragt  darnach?  Weder  ich  noch  der  Ex-Konrektor.  Die  sechs 
pygmaischen  Ciceros  wollen  sich  vergeblich  vor  uns  in  prach- 
tiger  Einkleidung  ihrer  Gedanken  und  Leiber  vortun.  Der  Zug- 
wind  des  Zufalls  hat  vom  Aktus  den  Strahlen-  und  Pudernimbus 

30  weggeblasen,  und  der  gewesene  Konrektor  hat  eingesehen,  wie 
wenig  man  sich  mit  einem  Katheder  briisten  konne  (der  nicht 
voll  SchifFs-,  sondern  voll  Gelbschnabel  ist),  und  wie  viel  im 
Gegenteil  mit  einer  Kanzel :  »Ich  hatte  nicht  gedacht,«  (dachte  er 
jetzt)  »da  ich  Konrektor  wurde,  daB  es  noch  etwas  GroBeres 
geben  konne,  ich  meine  einen  Pfarrer.«  Der  Mensch  hinter  seiner 
ewigen  Augen-Binde,  die  er  nur  anders  farbt,  und  nicht  diinner 


I36  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

legt,  tragt  seinen  Stolz  von  einer  Stufe  zur  andern  und  tadelt  auf 
jeder  hohern  nur  den  Stolz  auf  der  tiefern. 

Das  Beste  am  Aktus  war,  daB  ihm  der  Regimentsquartier-  und 
Metzgermeister  Steinberger  beiwohnte,  emballiert  in  einen  langen 
Schafspelz.  Unter  der  Feierlichkeit  warf  der  Subrektor  Hans  von 
Fuchslein  mehrere  vergnugte  und  fragende  Blicke  auf  den  Scha- 
decker  Bedienten,  der  ihn  gar  nicht  ansah:  Hans  hatte  sich  darauf 
totschlagen  lassen,  nach  dem  Aktus  beruP  ihn  der  Kerl.  Als  end- 
lich  die  sechs-halsige  kleine  Hahnen-Voliere  auf  ihrem  Miste  ab- 
gekrahet  hatte,  d.  h.  peroriert:  bestieg  der  amtierende  Schuldie-  10 
ner,  iiber  den  nun  eine  hohere  Dienstfahne  flatterte,  selber  die 
Biihne  und  stattete  dem  Scholarchat,  dem  Subrektorat,  der  Vor- 
mundschaft  und  der  Herrndienerschaft  seinen  gehorsamen  Dank 
fiir  ihre  Gegenwart  ab,  meldete  ihnen  aber  mit  wenigem  dabei: 
»Gott  nab'  ihn  indes  von  seinem  Posten  zu  einem  andern  ab- 
gerufen  und  ihm  die  Seelsorge  iiber  dieHukelumerPfarrgemeinde 
so  wie  iiber  das  Schadecker  imparochierte  Filial  unwiirdiger- 
maBen  anvertrauet.« 

—  Diese  kleine  Anrede  schofi  dem  Ansehen  nach  den  zeitigen 
Subrektor  Hans  von  Fuchslein  beinahe  vom  Sessel  herab,  und  20 
sein  Gesicht  sah  vermengt  aus  wie  roter  Bolus,  griine  Kreide, 
Rauschgelb  und  vomissement  de  la  reine.     > 

Der  lange  Quartiermeister  richtete  sich  in  seinem  Pelze  ziem- 
lich  auf  und  sumsete,  in  glucklichem  Selbstvergessen,  laut  genug: 
»Der  Daus!  -  Pfarrer??«  - 

Der  Subrektor  fuhr  wie  ein  Schwanzstern  vor  dem  Bedienten 
vorbei,  befahl  ihm,  er  sollte  bei  ihm  ein  Billett  an  seinen  Herrn 
mitnehmen,  sprang  nach  Haus  und  setzte  da  an  den  Patronats- 
herrn,  der  daheim  auf  einen  langen  Dankpsalm  aufsah,  so  gut  er 
in  der  Eile  konnte,  eine  kurze  satirische  Epistel  auf  und  unter-  30 
mengte  sie  mit  einigen  Verbalinjurien. 

Der  Staatsdiener  iiberreichte  seinem  Herrn  miteinander  Fix- 
leins  Dankgesange  und  Fiichsleins  Invektiven.  Der  Dragoner- 
rittmeister,  aufgebracht  iiber  den  Grobian  und  gebunden  an  sein 
Wort,  das  der  Konrektor  offentlich  im  Aktus  abgelesen,  schrieb 
dem  neuen  Pfarrer  zugleich  die  Verwechslung  und  die  Rati- 


ACHTER  ZETTEMCASTEN  I37 

fikation  derselben  zuriick  -  und  Fixlein  ist  und  bleibt  nun  zu  un- 
serer  aller  Freude  ordentlicher  wohlbestallter  Pfarrer  zuHukelum. 
Sein  zuriickgesetzter  Nebenbuhler  Fiichslein  hat  noch  den 
Trost,  daB  er  im  Wespenneste  der  Neuen  allgemeinen  deutschen 
Bibliothek  mitsitzet.  -  Sollte  einmal  der  Pfarrer  sich  in  einen 
Autor  verpuppen:  so  kann  die  Schlupfwespe  herausfliegen  und 
ihren  Stachel  in  die  Puppe  driicken  und  ihre  Brut  an  die  Stelle  des 
erstochenen  Schmetterlings  setzen.  Da  der  Subrektor  liberal! 
herumschlich  und  frei  drohte,  seinen  Kollegen  zu  rezensieren:  so 

10  wundere  sich  das  Publikum  nicht,  daB  es  Fixleins  errata  und  seine 
masorethischen  exercitationes  noch  bis  diese  Stunde  nicht  in 
Handen  hat. 

Im  Friihling  macht  das  Gnadenjahr  der  Witwe  seinen  Sabbats- 
jahren  Platz  -  und  wie  es  da  zugehen  wird,  wenn  er  unter  einem 
Thronhimmel  von  Blutenbaumen  die  Braut  Christi  (die  christ- 
Hche  Kirche)  in  die  eine  Hand  nimmt,  und  seine  eigne  in  die 
andere,  das  wiirde  ohne  einen  achten  Zettelkasten,  der  in  diesem 
Falle  ein  wahres  Schmuckkastchen  und  eine  Regenbogenschus- 
sel1  werden  kann,  sich  niemand  denken  konnen  als  der  Sponsus 

20  allein. 

ACHTER   ZETTELKASTEN 

Einzug  in  die  Pfarre 

Den  I5ten  April  1793  kann  der  Leser  tief  im  Hohlweg  drei  Ba- 
gagewagen  waten  sehen.  -  Die  Giiterwagen  fahren  den  Hausrat 
des  neuen  Pfarrers  nach  Hukelum:  der  Eigentumer  marschieret 
selber  mit  den  Beichtkindern,  damit  an  seinem  Ton-Service  und 
Ameublement  nichts  im  achtzehnten  Sakulum  zerstoBen  werde? 
da  es  aus  dem  siebzehnten  ganz  heruberkam.  Fixlein  horet  hinter 
sich  die  Schulglocke  lauten;  aber  dieses  Glockenspiel  orgelt  ihm 
30  wie  eine  Abendglocke  die  Lieder  kiinftiger  Ruhe  vor:  er  ist  nun 
aus  dem  Jammertal  des  Gymnasiums  erloset  und  in  den  Sitz  der 

1  Der  Aberglaube  nimmt  an,  auf  der  Stelle,  wo  der  Regenbogen  aufstehet, 
sei  eine  goldne  Schussel. 


I38  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Seligen  aufgenommen.  -  Hier  wohnet  kein  Neid,  kein  Kollege, 
kein  Subrektor  -  hier  im  Himmelreich  arbeitet  niemand  an  der 
Neuen  allgemeinen  deutschen  Bibliothek  mit  -  hier  im  himm- 
lischen  hukelumischen  Jerusalem  tut  man  nichts  als  Gott  preisen 
in  der  Kirche,  und  hier  hat  der  Vollendete  keinen  Zuwachs  an 
Kenntnis  mehr  notig  .  .  .  Auch  hat  man  hier  keinen  Kummer 
mehr  dariiber,  da6  oft  Sonntag  und  Aposteltag  in  einen  Tag  zu- 
sammenfallen. 

Die  Wahrheit  zu  sagen,  geht  der  Pfarrer  zu  weit;  es  war  aber 
von  jeher  seine  Art,  sich  die  ganzen  und  halben  Schatten  einer  10 
Lage  erst  auszumalen,  wenn  er  schon  in  einer  neuen  war  und  also 
diese  durch  die  Kontraste  der  alten  heben  konnte.  Denn  man 
braucht  nicht  viel  Nachdenken,  um  einzusehen,  daB  die  Hollen- 
leiden  eines  Schulmanns  nicht  so  auBerordentlich,  sondern  viel- 
mehr,  da  er  am  Gymnasium  von  einer  Stufe  zur  andern  steigt, 
den  wahren  Hollenstrafen  ahnlich  sind,  die  trotz  ihrer  Ewigkeit 
von  Sakulum  zu  Sakulum  schwacher  werden.  Da  noch  dazu  nach 
dem  Aiisspruch  eines  Franzosen  deux  afflictions  mises  ensemble 
peuvent  devenir  une  consolation:  so  hat  man  in  einer  Schule 
Leiden  genug  zum  Troste,  da  aus  acht  zusammengegossenen  20 
Affliktionen  -  ich  rechne  nur  auf  jeden  Lehrer  eine  -  gewiB  mehr 
Trost  zu  schopfen  ist  als  aus  zweien.  Nur  schlimm  ists,  daB  sich 
Schulleute  nie  so  vertragen  wollen  wie  Hofleute:  nur  polierte 
Menschen  und  polierte  Glaser  koharieren  leicht.  Noch  dazu  wird 
man  in  Schulen  -  und  iiberhaupt  in  Amtern  -  allemal  belohnt; 
denn  wie  im  zweiten  Leben  eine  groBere  Tugend  der  Lohn  der 
hiesigen  ist:  so  werden  dem  Schulmann  seine  Verdienste  durch 
immer  mehrere  Gelegenheiten  zu  neuen  bezahlt,  und  er  wird  oft 
gar  nicht  aus  seinem  Amte  fortgelassen.  - 

Acht  Gymnasiasten  trabten  im  Pfarrhause  herum,  stellten  auf,  30 
nagelten  an,  schleppten  zu:  ich  denke,  als  ein  Schuler  Plutarchs 
durft'  ich  solche  Kleinigkeiten  einmischen.  Wen  Erwachsene  lie- 
ben,  den  lieben  Kinder  noch  starker.  Die  ganze  Schule  hatte  dem 
lachelnden  Fixlein  nachgelachelt  und  ihn  gern  gehabt,  weil  er 
nicht  donnerte,  sondern  spielte  mit  ihnen  -  weil  er  Sie  zu  den 
Sekundanern  sagte,  und  der  Subrektor  Ihr  -  weil  sein  sich  auf- 


ACHTER  ZETTELKASTEN  1 39 

baumender  Zeigefinger  sein  einziger  Zepter  und  Bakel  war  -  weil 
er  in  der  Sekunda  mit  seinen  Schiilern  lateinische  Briefe  wech- 
selte  und  in  der  Quinta  mit  Zuckerstengeln  statt  mit  Neperischen 
Staben  (oder  statt  mit  noch  langern)  die  vier  Spezies  eingefloBt 
hatte.  -  Sein  Kirchdorf  kam  ihm  heute  so  feierlich  und  festlich 
vor,  daB  er  sich  -  ob  es  gleich  Montag  war  -  wunderte,  warum 
die  Pfarrkinder  und  die  Eingepfarrten  nicht  in  der  Festtags- 
Draperie  steckten,  sondern  im  Alltags-Balg.  Unter  der  Pfarrture 
stand  eine  weinende  Frau :  denn  sie  war  zu  glucklich,  und  er  war 

io  ihr  -  Sohn.  Die  Mutter  vermochte  es  in  der  groBten  Zerschmel- 
zung  ganz  leicht,  die  Fuhrleute  unter  dem  Abladen  anzumahnen, 
nicht  die  vier  Globen  aus  der  altfrankischen  Kommode  auszu- 
drehen.  Ihr  Sohn  erschien  ihr  jetzt  so  ehrwiirdig,  als  stellete  er  in 
ihrer  Bilderbibel  einen  in  Kupfer  gestochnen  Figuranten  vor  — 
und  das  darum,  weil  er  den  padagogischen  Zopf,  wie  der  reifende 
Frosch  den  Schwanz,  abgeworfen  hatte  und  nun  in  einer  kanoni- 
schen  Perucke  dastand :  er  war  jetzt  ein  Komet,  der  sich  von  der 
profanen  Erde  entfernet,  und  der  mithin  wie  jeder  himmlische 
aus  einem  Schwan^stern  zu  einem  Haarstern  wird. 

20  Auch  seine  Braut  hatte  tags  vorher  recht  viel  an  einer  ver- 
besserten  prachtigen  Edition  seines  Hauses  mitgearbeitet,  unter 
andern  Dekorateurs  und  Dekrotteurs  desselben.  Aber  heute  blieb 
sie  weg;  denn  sie  war  zu  gut,  um  iiber  die  Braut  das  Madchen  zu 
vergessen.  Die  Liebe  stirbt  wie  die  Menschen  ofter  am  ObermaB 
als  am  Hunger;  sie  lebt  von  Liebe,  aber  sie  gleicht  den  Alpen- 
pflanzen,  die  sich  vom  Einsaugen  der  nassen  Wolken  ernahren, 
und  die  zugrunde  gehen,  wenn  man  sie  besprengt.  - 

Jetzt  ist  der  Pfarrer  eingezogen,  und  er  wird  auf  der  Stelle  - 
denn  ich  kenne  die  Leserinnen,  die  darauf  erpicht  sind,  als  waren 

30  sie  Kranzeljungfern  -  heiraten  sollen.  Aber  er  mag  nicht:  vor 
Himmelfahrt  wird  nichts  daraus,  und  dahin  sind  vierthalb  Wo- 
chen  gut.  Die  Sache  ist  die:  er  wollte  nur  erst  den  Brandsonntag, 
namlich  den  Kantatesonntag,  iibersteigen;  nicht  etwan,  weil  er 
an  seiner  Erden-Fortdauer  zweifelte,  aber  er  wollte  (schon  der 
Braut  wegen)  auch  nicht  die  kleinste  Todesangst  in  seine  Flitter- 
wochen  bringen. 


I4O  LEBEN   DES    QUINTUS    FIXLEIN 

Die  Hauptsache  war,  er  wolhe  sich  nicht  gern  verheiraten  vor 
der  Verlobung,  die  samt  der  Anzugspredigt  auf  den  nachsten 
Sonntag  verlegt  wird.  Es  ist  der  Kantate-Sonntag.  Der  Leser  lasse 
sich  nur  keine  Angst  einjagen.  Ich  hatte  uberhaupt  mit  diesem 
phantastischen  Sonntags-Wauwau  eines  der  aufgeklartesten  Jahr- 
hunderte  nicht  behelligt,  zeichnete  ich  nicht  so  auBerst  treu.  Fix- 
lein  wurde  —  zumal  da  ihn  der  Quartiermeister  fragte,  ob  er  denn 
ein  Kind  ware  -  endlich  selber  so  gescheut,  daB  er  die  Narrheit 
einsah;  ja  er  ging  so  weit,  daB  er  eine  groBere  beging:  da  namlich 
ein  Traum,  daB  man  sterbe,  nach  der  exegetischen  regula  falsi  10 
nichts  bedeutet  als  langes  Leben  und  Wohlergehen:  so  zog  cr 
sich  leicht  den  SchluB  ab,  sein  Todes-Wahn  sei  ein  solcher  guter 
Traum,  um  so  mehr,  da  gerade  an  den  Kantate-Sonntagen  die 
Fortuna  ihr  Fruchthorn  iiber  ihn  gehalten  und  umgestiirzet  hatte, 
um  ihn  mit  einer  Braut,  einer  Vokation  und  mit  Zopfdukaten  zu 
beschutten.  So  wachsen  dem  Aberglauben  die  Federn,  der  Zufall 
mag  ihm  dienen  oder  schaden. 

Ein  Staatssekretar,  ein  Friedens-Instrumentenmacher,  ein  No- 
tarius,  ein  solcher  Baugefangener  am  Pulte  fuhlt  es  recht  gut,  wie 
weit  er  unter  einem  Pfarrer  sitze,  der  seine  Anzugspredigt  fertigt:  20 
dieser  (man  sehe  nur  meinen  Fixlein  an)  hockt  dort  —  sprutzet 
das  Geader  seines  Predigt-Praparats  mit  bunter  Dinte  aus  —  hat 
eine  Spruchkonkordanz  auf  der  rechten  Seite,  eine  Liederkonkor- 
danz  auf  der  linken,  kernet  dort  Kernspriiche  aus,  schneidet  hier 
Lieder-Blumen  ab,  um  mit  beiden  sein  homiletisches  Backwerk 
zu  garnieren  -  zeichnet  den  feinsten  Operationsplan  hin,  um 
nicht  etwa,  wie  ein  Weltmann,  das  Herz  einer  Frau,  sondern  die 
Herzen  aller  zuhorenden  Weiber  und  der  Manner  ihre  dazu  zu 
gewinnen  —  ziehet  jeden  vor  dem  Fenster  vorbeifahrenden  Bauer 
mit  in  seinen  Plan  und  sticht  letztlich  die  Butter  der  weichen  30 
glatten  Haupt-  und  Kanzellieder  aus  dem  Gesangbuch  aus  und 
fettet  damit  bestens  die  schwarze  Suppe  der  Predigt  bei  der  Spei- 
sung  der  5000  Mann.  — 

Endlich  kann  er  abends  mit  einem  Herzen  ohne  Schuld  auf- 
stehen  und  abbrechen,  weil  die  rote  Sonne  auf  dem  Schreibtisch 
blendet,  und  kann  zwischen  schreienden  Spatzen  und  Finken  so 


ACHTER  ZETTELKASTEN  141 

lange  uber.die  um  die  Pfarre  gezognen  Kirschenbaume  nach 
Abend  schauen,  bis  nichts  mehr  am  Himmel  ist  als  ein  mattes 
Nachglimmen  des  Gewolkes.  -  Und  wenn  dann  Fixlein  die 
Treppe  unter  dem  Gebetlauten  langsam  hinuntergeht  zur  kochen- 
den  Mutter:  so  muBt'  es  nicht  naturlich  zugehen,  wenn  er  nicht 
alles  recht  und  gut  finden  wollte,  was  drunten  getan  oder  ge- 
backen  oder  aufgetragen  wurde. 

Ein  Sprung  nach  dem  Abendessen  ins  SchloB  -  ein  Blick  in  ein 
gutes  zartliches  Auge  -  ein  Wort  ohne  Falsch  gegen  eine  Braut 

io  ohne  Falsch  -  und  eine  sanft  atmende  Brust  unter  dem  Deckbette, 
in  der  nichts  ist  als  das  Paradies,  eine  Predigt  und  ein  Abend- 
gebet. . ...  beim  Himmel  1  damit  will  ich  einen  mythischen  Gott  zu- 
friedenstellen,  der  seinen  Himmel  verlassen  hat,  um  einen  neuen 
hier  unter  uns  zu  finden. 

Kann  ein  Sterblicher,  kann  ein  Ich  im  feuchten  ErdenkloBe, 
den  der  Tod  bald  zu  Staub  austrocknet,  mehr  in  einer  Woche 
fodern,  als  Fixlein  in  sein  Herz  einschopfte?  Ich  sehe  nicht  ein, 
wienach:  ich  sollte  wenigstens  glauben,  wenn  ein  solches  ein- 
gestaubtes  Wesen  nach  einer  solchen  Quaterne  aus  dem  Lotto 

20  des  Zufalls  noch  etwas  verlangen  konnte,  so  war's  hochstens  die 
Quinterne,  namlich  die  Ein-  oder  Anzugspredigt  selber.  - 

Und  diesen  Gewinst  zog  unser  Zebedaus  denn  wirklich  am 
Sonntage:  er  predigte  -  er  predigte  einziehend  -  er  tats  vor  dran- 
genden  knisternden  Emporen,  vor  dem  Vormund  und  vor  dem 
Herrn  von  Aufhammer,  dem  Namensvetter  vom  Pfarrer  und 
Hund  -  er  weidete  Beichtkinder,  mit  denen  er  sonst  als  Kind 
das  SchloBvieh  auf  die  Weide  klatschte,  jetzt  selber  als  Seelen- 
Schmierschafer  -er  stand  mit  seinen  FiiBen  bis  an  die  Knorren  in 
Kandidaten  und  Schulleuten  wie  in  Gras,  weil  er  heute  (was  sie 

3o  alle  nicht  dikfen)  auf  dem  Altar  mit  der  Atznadel  des  Fingers  ein 
groBes  Kreuz  in  die  Luft  einsagen  durfte^  Taufen  und  Kopulieren 
nicht  einmal  gerechnet —  Ich  glaube,  ich  sollte  mich  weniger 
bedenken,  als  ich  tue,  uber  diese  sonnenhelle  Esplanade  den 
schmalen  Grabesschatten  ziehen  zu  lassen,  den  der  Pfarrer  darauf 
warf,  da  er  in  der  Nutzanwendung  mit  schweren  nassen  Blicken 
in  der  stummen  lauschenden  Kirche  umhersah,  als  wollt'   er 


142  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

gleichsam  in  irgendeinem  Kirchenstuhl  oder  in  dem  Beichtstuhl 
den  verstaubenden  Lehrer  seiner  Jugend  und  dieser  Gemeinde 
suchen,  der  drauBen  unter  dem  weiBen  Grabesstein,  der  Kehr- 
seite  des  Lebens,  die  Hiille  seines  frommen  Herzens  ablegte.  - 
Und  als  er,  selber  fortgeschwemmt  von  innern  Stromen,  unaus- 
sprechlich  erweicht  durch  die  vierfache  Erinnerung  an  seine 
Todesfurcht  an  eben  diesem  Tage,  an  sein  mit  Blumen  und  Wohl- 
taten  durchbrochenes  Leben,  an  seine  unter  seiner  Kanzel  ruhende 
eingesargte  Wohltaterin,  als  er  da  vor  dem  zerflossenen  Ange- 
sicht  ihrer  Freundin,  seiner  Thiennette,  hingerissen  und  starr  10 
und  tranend  von  der  Kanzel  auf  die  Tike  zur  rittmeisterlichen 
Familiengruft  hinuntersah  und  sagte :  »Habe  Dank,  du.  fromme 
Seele,  fur  alles,  was  du  Gutes  an  dieser  Gemeinde  und  an  ihrem 
neuen  Lehrer  getan,  und  der  Staub  deiner  gottesfurchtigen  und 
menschenfreundlichen  Brust  lege  sich  einmal  verklaret  wie  Gold- 
staub  um  dein  auferwecktes  himmlisches  Herz!«  war  da  wohl  ein 
Auge  in  der  Gemeinde  noch  trocken?  Ihr  Gatte  schluchzete  laut, 
und  ihre  Geliebte,  Thiennette,  biickte  das  von  trostlosen  Erinne- 
rungen  niederfallende  Haupt  auf  das  Pult  des  Kirchenstuhls  wie 
Verwandte  eines  Trauergefolges.  -  20 

Kein  schonerer  Vormittag  als  dieser  konnte  einem  Nachmittag 
vorarbeiten,  wo  man  sich  auf  ewig  verlobt,  und  wo  man  die  ge- 
wechselten  Ringe  mit  dem  Ringe  der  Ewigkeit  zusammenkettet. 
AuBer  dem  Brautpaar  war  niemand  dabei  als  ein  altes  Paar,  die 
Mutter  und  der  lange  Vormund..Der  Brautigam  setzte  selber 
eigenhandig  den  Ehekontrakt  oder  Ehezarter  auf,.worin  er  ihr 
seine  ganze  fahrende  Habe  -  nicht  etwan  seine  Handbibliothek, 
sondern  seine  ganze  Bibliothek,  anstatt  daB  man  im  Mittelalter 
den  Edeltochtern  nur  einige  Biicher  zum  Brautschatz  gab  -  von 
heute  -an  verhieB,  -  wogegen  sie  freilich  genug  zubrachte,  nam-  30 
lich  einen  ganzen  Braut-  oder  Kammerwagen  oder  doch  Kammer- 
oder  Brautkarren.  Auf  diesen  Eliaswagen,  mit  dem  Madchen  in 
den  Bette-Himmel  hinauffahren,  waren  geschlichtet:  neun  Pfund 
Federn,  nicht  gelehrte,  historische  oder  poetische  Federn,  noch 
solche,  die  man  tragt,  sondern  die  kleinern,  die  uns  selber  tragen 
—  ein  prachtiges  Dutzend  Patenteller  und  PatenlofTel  samt  einem 


ACHTER  ZETTELKASTEN  1 43 

Fischloffel  -  von  Seide  nicht  nur  Striimpfe  (wiewohl  selber  ein 
Konig  Heinrich  II.  von  Frankreich  nichts  in  Seide  kleiden  konnte 
als  sein  Bein),  sondern  ganze  Rocke  -  und  Kleinodien  und  Mo- 
blen  von  kleinerem  Wert.  Gute  Thiennette !  auf  dem  Wagen  dei- 
ner  Psyche  liegt  der  wahre  Brautschatz,  namlich  dein  edles,  sanf- 
tes,  bescheidenes  Herz,  die  Morgengabe  der  Natur !  - 

Der  Pfarrer,  der  nicht  aus  MiBtrauen,  sondern  »Lebens  und 
Sterbens  wegen«  auf  alle  Dinge  gern  ein  Notariatssiegel  gehabt 
hatte,  dem  keine  Versicherung  zuverlassig  schien  als  eine  hypo- 

10  thekarische,  und  der  iiber  jedes  Staubchen  Belege,  Quittungen 
und  Kontrakte  abverlangte,  hatte  nun,  als  der  Ehezarter  zustande 
war,  ein  leich teres  Herz;  und  fur  das  Eingebrachte  dankte  der 
gute  Mann  den  ganzen  Abend  der  Braut.  Aber  fur  mich  ware  ein 
Ehekontrakt  etwas  so  Peinliches  und  Widersinniges  -  ich  gesteh' 
es  aufrichtig,  und  riickte  man  immerhin  mir  deswegen  meine 
groBe  Jugend  vor  — ,  als  wenn  ich  meine  Liebesbriefe  erst  von 
einem  kaiserlichen  Notarius  miiBte  vidimieren  und  kontrasi- 
gnieren  lassen :  beim  Himmell  die  leichte  Blume  der  Liebe,  deren 
Duft  den  Waagbalken  nicht  zieht,  wie  Tulpenzwiebeln,  so  auf 

20  der  Heuwaage  der  Justiz  zu  sehen,  zwei  Herzen  auf  der  kalten 
Rats-  und  Fleischwaage  der  Eltern  und  Advokaten,  die  in  die 

Schalen  bloB  Hauser,  Felder  und  Zinn  auftiirmen das  mag 

den  Interessenten  so  wohltun  wie  dem  trunknen  Saugling  und 
Zogling  einer  Muse  und  der  Philosophie,  wenn  er  die  Abend- 
und  Morgenandachten  vor  seiner  Gottin  in  den  Buchladen  tragen 
und  nun  die  Andachten  ins  Geld  setzen  und  an  sie  Kontrakte  und 
EllenmaB  applizieren  muB.  — 

Vom  Kantate-Sonntag  bis  zur  Himmelfahrt,  d.  h.  zur  Heim- 
fahrt  oder  Hochzeit,  sind  anderthalb  Wochen  -  oder  anderthalb 

30  selige  Ewigkeiten.  Wenn  es  schon  ist,  daB  Nachte  oder  Winter 
die  Tags-  oder  Jahreszeiten  der  Freude  ziemlich  weit  auseinander- 
halten,  wenn  es  z.  B.  schon  ist,  daB  man  nicht  den  Geburts-, 
Namens-,  Verlobungs-,  Hochzeit-  und  Tauftag  auf  einem  Tage 
erlebt  -  denn  bei  den  wenigsten  fallt  z.  B.  Hochieit-  und  Tauftag 
wie  Fest-  und  Aposteltag  zusammen  -:  so  ists  noch  schoner, 
den  Zwischenraum,  die  Blumenrabatte  zwischen  Verlobung  und 


144  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Hochzeit  auBerordentlich  weit  zu  machen.  Vor  dem  Hochzeittag 
sind  die  wahren  Honigwochen  —  dann  koramen  die  Wachs- 
wochen  —  dann  die  Honigessigwochen. 

Im  neunten  Zettelkasten  schlagt  der  Pfarrer  schon  sein  Braut- 
bette  auf  -  und  ich  will  hier  im  achten  nur  kurz  daruber  weg- 
fahren,  wie  es  ihm  bis  dahin  erging:  natiirlicherweise  himmlisch 
genug.  Es  gliickt  wenigen  so  wie  ihm,  schon  vor  der  Hochzeit 
so  groBe  Flugel  und  so  groBe  Blumen  (auf  die  er  fliegen  kann)  zu 
haben,  es  gliickt  wenigen,  denk'  ich,  Mehl  und  Gefliigel  selber 
einzukaufen  auf  den  besagten  Tag,  wie  Fixlein  tat  -  den  Ver-  10 
mahlungs-Truthahn  mit  Henkersmahlzeiten  zu  stopfen  —  alle 
Abende  in  den  Stall  zu  gehen,  um  nachzusehen,  ob  das  hochzeit- 
liche  Schwein,  womit  der  Vormund  das  Hochzeitgeschenk  ge- 
macht,  noch  steht  und  frisset  —  der  kiinftigen  Frau  die  Flachs- 
Kammern  und  Kleiderschrank-Nischen  auszusuchen  im  Hause  — 
neue  Lagerbaume  (nicht  Lagerbier)  im  Pfarrkeller  einzulegen 
Winters  wegen  —  vom  Konsistorium  sogleich  und  fiir  weniges 
Sundengeld  die  Dispensationsbulle,  namlich  den  NachlaB  der 
dreimaligen  Proklamation,  in  die  Tasche  zu  bekommen  -  in 
keiner  Stadt  zu  wohnen,  wo  man  zu  jedem  Narren  (weil  man  20 
selber  einer  ist)  schicken  muB,  um  ihm  zu  eroffnen,  man  lasse 
sich  kopulieren,  sondern  in  einem  wmzigen  Dorfchen,  wo  man 
niemand  etwas  zu  berichten  hat  als  dem  Schulmeister,  damit  er 
spater  laute  und  einen  Kniepolster  ans  Altargelander  breite. 

O  wenn  der  Ritter  Michaelis  behauptet  hat,  das  Paradies  ware 
klein  gewesen,  damit  sich  die  Menschen  nicht  auseinander  ver- 
liefen:  so  ist  ja  ein  Dorf  und  seine  Freude  klein  und  eng,  damit 
doch  ein  etwaiger  NachriB  von  Eden  noch  auf  unserer  Kugel 
stehe. 

Ich  habe  es  nicht  einmal  angefuhret,  daB  tags  vor  der  Hochzeit  30 
der  Regimentsquartiermeister  ungerufen  kam  und  das  Schwein  ab- 
stach  und  gratis  Wiirste  machte,  wie  man  noch  an  keinem  Hofe  aB. 

Und  doch,  lieber  Fixlein,  schwamm  auf  diesem  lindernden 
fetten  Freudenol  obenauf  noch  umsonst  eine  Fruhlingssonne  - 
und  Abendroten  -  und  Blumenketten  -  und  eine  halbe  berstende 
Knospen-Welt! ... 


NEUNTER  ZETTELKASTEN  145 

Wie  benahmst  du  dich  in  diesen  heiBen  Strudeln  der  Lust?  -  Du 
bewegtest  deinen  Fischschwanz  (die  Vernunft)  und  schriebest  dir 
damit  eine  rechtlaufige  Bahn  durch  die  Wogen  vor.  Denn  schon 
halb  so  viel  wurde  einen  andern  Pfarrer  aus  seiner  Studierstube 
fortgerissen  haben;  aber  eben  was  unsern  so  begliickte,  war  der 
Grenzhiigel  der  MaBigkeit,  auf  dem  er  wie  eingewurzelt  verblieb 
und  von  da  herab  erblickte,  was  tausend  andere  verscherzen.  Er 
war,  den  SchloBfenstern  gegeniiber,  doch  imstande,  es  auszuzah- 
len,  daB  Amen  in  der  Bibel  hundertunddreiBigmal  vorkomme. 

jo  Ja  er  stieB  an  sein  altes  gelehrtes  Laboratorium  noch  einen  neuen 
chemischen  Ofen  an:  er  wollte  nach  Niirnberg  und  nach  Baireuth 
an  die  Senftischen  Gebriider  schreiben  und  ihnen  seine  Feder  an- 
tragen,  sowohl  fur  die  Kalender-Praktika  hinten  als  fur  einzelne 
Aufsatze  vornen  unter  jedes  Monatskupfer,  weil  er  in  die  Den- 
kungsweise  des  gemeinen  Mannes  reformierend  einzugreifen  wil- 

lens  war Und  da  er  jetzt  als  Pfarrer  weniger  zu  tun  hatte  und 

an  den  heiligen  Ruhetag  der  Gemeinde  sechs  literarische  Schop- 
furigstage  schlieBen  korinte:  so  wollt'  er  (schon  in  diesen  Fa- 
schingswochen)  in  die  noch  ganz  brach  HegendeLandesgeschichte 

20  von  Hukelum  seinen  Pflug  einsetzen  und  mit  der  Saemaschine 

nachkommen 

So  rollen  seine  Minuten  auf  lauter  Glucksradern  iiber  die 
zwolf  Tage,  die  der  blinkende,  mit  kleinen  Gliickssternen  (statt 
Gluckssonnen)  musivisch  ausgelegte  Himmelsweg  zum  dritten 
Himmel  des  dreizehnten  sind,  d.  h.  zum 


Neunten  Zettelkasten 
oder  zur  Hochzeit 

Geh  auf,  schoner  Himmelfahrts-  und  Hochzeittag,  und  erfreue 
auch  Leser!  Schmiicke  dich  mit  dem  reinsten  Juwel,  mit  der 
30  Braut,  deren  Seele  so  rein  und  glanzend  ist  wie  ihre  Hiille,  so  wie 
zugleich  die  Perle  und  die  Perlenmuschel  schimmern  und  putzen ! 
-  Und  so  dringt  jeder  Leser  iiber  das  bluhende  Spalier,  dessen 


I46  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Fruchthecke  bisher  unsern  Liebling  von  seinem  Eden  trennte, 
hinter  ihm  nach!  - 

Den  9ten  Mai  1793  morgens  urn  drei  Uhr  fuhr  wie  ein  Licht- 
strahl  ein  helles  Posthorn-Geschmetter  durch  die  graue  und  dun- 
kelrote  Maien-Nacht :  zwei  gewundene  Horner  starreten  zwischen 
einer  steifen  Trompete,  wie  Fragezeichen  zwischen  Ausrufungs- 
zeichen,  aus  einem  Hause  heraus,  worin  nur  ein  Beichtsohn  (nicht 
der  Beichtvater)  wohnte  und  anblies:  das  Beichtkind  hatte  nam- 
lich  die  Hochzeit,  die  der  Seelenhirt  heute  vorhatte,  gestern  ge- 
halten.  Der  freudige  Wildruf  trieb  den  Pfarrer  aus  dem  breiten  10 
Bette  -  und  den  Pudel  unten  hervor,  der  schon  seit  einigen  Wo- 
chen  aus  dem  gleiBend-gewaschenen  Deckbette  vertrieben  war  -, 
und  zwar  so  fruhe,  daB  er  im  abspiegelnden  Betthimmel,  in  dem 
er  bisher  jeden  Morgen  sein  rotes  Gesichtchen  und  sein  Bett- 
WeiBzeug  observierte,  alles  nur  dunkel  und  getuscht  sehen  konnte. 

Ich  gesteh*  es,  die  neu-getunchte  Stube  und  ein  Abfarben  des 
Morgenrots  an  der  Wand  machten  es  hell  genug,  daB  er  seine 
Beinkleiderschnallen  konnte  schimmern  sehen.  Er  weckte  darauf 
seine  Mutter  leise  -  die  Gaste  sollten  eben  noch  lange  in  ihren  - 
Federn  bleiben  -,  und  diese  hatte  die  Stadtkochin  zu  wecken,  die,  20 
wie  mehrere  Hochzeitmoblen,  der  Stadt  auf  wenige  Tage  ab- 
geliehen  war.  Er  pochte  vergeblich  an  zwei  Tiiren  ohne  Antwort: 
denn  alles  stand  schon  unten  am  Herde  und  kochte  und  schiirte 
und  ordnete. 

O  wie  erquickend  legt  allmahlich  der  Friihlingstag  den  Non-  , 
nenflor  zuriick,  und  die  Erde  hellet  sich  auf,  als  war*  es  der  Mor- 
gen einer  Auferstehung.  -  Die  Quecksilber-Saule  des  Barometers, 
die  fuhrende  Feuer-Saule  der  Wetter-Propheten,  ruhet  fest  iiber 
Fixleins  Bundeslade.  -  Die  Sonne  hebt  sich  rein  und  kuhl  ins 
Morgenblau,  statt  ins  Morgenrot.  -  Die  Zugschwalben  schieBen  30 
kreuzend  statt  der  Wolken  durch  die  klingende  Luft. . . .  O  der 
gute  Genius  des  schonen  Wetters,  der  mehrere  Tempel  und  Fest- 
tage  verdient  (weil  wir  ohne  ihn  keine  Feste  haben),  hob  einen 
atherreinen  himmelblauen  Tag  gleichsam  aus  der  quellenklaren 
Atmosphare  des  Mondes  aus  und  lieB  ihn  mit  blauen  Schmetter- 
lingsschwingen  -  als  war's  ein  blauer  Montag  -  unter  der  Sonne 


NEUNTER  ZETTELKASTEN  I47  " 

schillernd  im  Zickzack  des  wollustigen  Niederzitterns  auf  den 
engen  Raum  der  Erde  niedersinken,  den  jetzt  unsere  feurigen 
Phantasien'beschauen.  .  .  .  Und  auf  dem  fruhlingshellen  Raum 
stehen  in  Blumen,  auf  die  die  Baume  Bliiten  statt  der  Blatter  nie- 
derschiitteln,  eine  Braut  und  ein  Brautigam.  .  .  .  Glucklicher! 
wie  will  ich  dich  malen,  ohne  die  Seufzer  der  Sehnsucht  in  den 

schonsten  Seelen  zu  vermehren? 

Aber  gemachl  wir  wollen  den  Zauberkelch  der  Phantasie  nicht 
schon  um  sechs  Uhr  austrinken,  sondern  niichtern  bleiben  bis 

10  gegen  Abend! 

In  der  Friihe  des  Gebetlautens  ging  der  Brautigam,  weil  das 
Getose  der  Zuriistungen  sein  stilles  Beten  aufhielt,  in  den  Gottes- 
acker  hinaus,  der  (wie  an  mehrern  Orten)  samt  der  Kirche  gleich- 
sam  als  Pfarrhof  um  sein  Pfarrhaus  lag.  Hier  auf  dem  nassen 
Griin,  uber  dessen  geschlossene  Blumen  die  Kirchhofsmauer  noch 
breite  Schatten  deckte,  kiihlte  sich  seine  Seele  von  den  heifien 
Traumen  der  Erde  ab :  hier,  wo  ihm  die  weiBe  Leichenplatte  sei- 
nes Lehrers  wie  das  zugefallene  Tor  am  Janustempel  des  Lebens 
vorkam,  oder  wie  die  nach  der  sturmischen  Erde  gekehrte  Wet- 

20  terseite  der  letzten  Behausung,  hier,  wo  ihm  das  aufgesprungene 
metallene  Turchen  am  gegitterten  Kreuze  seines  Vaters  die  In- 
schriften  des  Todes  und  das  Sterbejahr  seines  Vaters  aufdeckte 
und  alle  darunter  ins  Blech  geatzten  Ermahnungen  zu  ernsthaften 
Gedanken  -  da,  sag*  ich,  wurde  er  weicher  und  ernster,  als  andere 
an  diesem  Tage  werden,  und  verrichtete  seine  Morgenandacht, 
die  er  sonst  las,  auswendig,und  bat  Gott,  ihn  zu  segnen  in  seinem 
Amte  und  seiner  Mutter  das  Leben  zu  fristen  und  zu  seinem  heu- 
tigen  Vorhaben  sein  Gedeihen  zu  geben.  -  Dann  ging  er  iiber  die 
Graber  hinauf  in  sein  zaunloses  Winkel-Blumengartchen  und 

30  driickte,  beruhigt  und  auf  die  gottliche  Obhut  vertrauend,  die 
Stabe  seiner  Tulpen  tiefer  in  die  miirbe  Erde  ein. 

Aber  als  er  ins  Haus  kam:  traf  er  alles  im  Schellengelaute  und 
in  der  Janitscharenmusik  der  hochzeitlichen  Freude  an  -  alle 
Hochzeitgaste  hatten  die  Nachtmiitzen  heruntergetan  und  tran- 
ken  sehr  -  es  wurde  geplappert,  gekocht,  frisiert  -  Tee-Servicen, 
Kaffee-Servicen  und  warme  Bier-Servicen  zogen  hintereinander, 


I48  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

und  Suppenteller  voll  Brautkuchen  gingen  wie  Topfers-Scheiben 
und  Schopfrader  urn.  —  Der  Schulmeister  probierte  aus  seinem 
Hause  mit  drei  Jungen  ein  Arioso  heriiber  und  wollte  nach  deni 
Ende  der  Singstunde  seinen  Vorgesetzten  damit  uberraschen.  - 
Aber  dann  fielen  alle  Arme  der  schaumenden  Freudenstrome  in- 
einander,  als  die  mit  Herzen  und  Vexierblumen  behangene  Him- 
melskonigin,  die  Braut,  auf  die  Erde  niederkam  voll  zaghafter 
Freude,  voll  zitternder  demiitiger  Liebe  -  als  die  Glocken  anfin- 
gen  —  als  die  Marschsaule  ausriickte  -  als  sich  das  Dorf  noch  eher 
zusammenstellte  -  als  die  Orgel,  die  Gemeinde,  der  Konfrater  10 
und  die  Spatzen  an  den  Baumen  der  Kirchenfenster  die  Wirbel 
auf  der  Heerpauke  des  Jubelfestes  immer  langer  schlugen.  .  .  . 
Das  Herz  wollte  dem  singenden  Brautigam  vor  Freude  aus  der 
Weste  hiipfen,  »daB  es  bei  seinem  Brauttage  so  ordentlich  und 
prachtig  hergehe.«  -  BloB  unter  dem  Kopulieren  konnt*  er  ein 
wenig  beten. 

Noch  arger  und  lauter  wurde  alles  unter  dem  Essen,  als  Paste- 
ten  und  Marzipandevisen  aufgemacht  wurden  -  als  Glaser  und 
krepierte  Fische  (unter  der  Serviette,  um  die  Gaste  zu  erschrek- 
ken)  herumgingen  -  und  als  die  Gaste  aufstanden  und  selber  20 
herumgingen  und  endlich  herumtanzten :  denn  es  war  Instrumen- 
talmusik  aus  der  Stadt  da. 

Eine  Minute  iibergab  der  andern  die  Zucker-Streubuchse  und 
das  Flaschenfutter  der  Lust  —  die  Gaste  horten  und  sahen  immer 
weniger,  und  die  Beichtkinder  fingen  immer  mehr  an  zu  horen 
und  zu  sehen  und  trieben  sich  gegen  Abend  wie  einen  Keil  in  die 
ofTne  Pfarrture  -  ja  zwei  Jungen  wagten  es  sogar,  mitten  im 
Pfarrhofe  auf  einem  Brette,  das  quer  iiber  einem  Zimmerbalken 
lag,  sich  auf-  und  niederzuschaukeln.  —  Der  glimmende  Nebel  der 
zergangnen  Sonne  umrang  drauBen  die  Erde,  der  Abendstern  30 
blinkte  iiber  dem  Pfarr-  und  Kirchhofe,  niemand  bemerkte  es. 

Inzwischen  gegen  neun  Uhr  hin  -  als  schon  die  Hochzeitleute 
die  Brautleute  vergaBen  und  allein  forttranken  oder  forttanzten, 
als  die  armen  Menschen  in  diesem  Sonnenschein  des  Schicksals, 
wie  die  Fische  im  andern,  aus  ihrem  naBkalten  Elemente  auf- 
schnalzten,  und  als  der  Brautigam  unter  dem  Stern  des  Glucks 


NEUNTER  ZETTELKASTEN  149 

und  der  Liebe,  der  wie  ein  Komet  einen  langen  Schweif  durch 
seinen  Himmel  warf,  insgeheim  seine  mit  ausgetrunknen  Freu- 
denbechern  angefiillte  Brust  an  seine  Braut  und  an  seine  Mutter 

angedriicket  hatte da  riegelte  er  einen  Schnitt  Hochzeitbrot 

verstohlens  in  einen  Wandschrank  ein,  in  der  alten  aberglaubigen 
Hoffnung,  daB  dieses  Uberbleibsel  flir  die  ganze  Ehe  Brot  ver- 
biirge.  Da  er  zuriickkam  mit  groBerer  Liebe  fur  die  ewige  Genos- 
sin  seines  Lebens:  so  begegnete  ihm  diese  mit  seiner  Mutter,  um 
ihm  allein  den  Brautigamsschlafrock  und  das  Brautigamshemde 

10  nach  alter  Sitte  zu  schenken.  Manche  Gesichter  erblassen  in  hef- 
tigen  Riihrungen,  selber  in  freudigen:  Thiennettens  Wachs- 
gesicht  lag  auf  dieser  Wachsbleiche  unter  der  Sonne  des  Gliicks. 
O  falle  niemals  ab,  du  Lilie  des  Himmels,  und  vier  Friihlinge  statt 
der  vier  Jahrszeiten  schHeBen  deine  Bliitenglocken  der  Sonne  auf 
und  zu !  -  Alle  Polypenarme  seiner  Seele  zuckten  schwimmend  auf 
dem  Freudenmeer  und  wollten  das  zarte  warme  Herz  der  Gelieb- 

ten  umringen  und  es  fest  und  weich  umstrickt  in  seines  ziehen 

Er  fuhrte  sie  aus  dem  schwiilen  Tanzsaal  in  den  kiihlenden 
Abend.  Warum  legt  der  Abend,  warum  die  Nacht  heiBere  Liebe 

20  in  unser  Herz?  Ists  der  nachtliche  Druck  der  Hiilflosigkeit,  oder 
ists  die  erhebende  Absonderung  aus  dem  Lebensgewiihle,  die 
Verhiillung  der  Welt,  worin  der  Seele  nichts  mehr  bleibt  als  See- 
len,  ists  darum,  weswegen  die  Buchstaben,  womit  der  geliebte 
Name  in  unserem  Innern  steht,  gleich  als  waren  sie  Phosphor- 
Schrift,  zu  nachts  brennend  erscheinen,  indes  sie  am  Tage  nur  im 
bewolkten  UmriB  rauchen?  - 

Er  ging  mit  seiner  Braut  in  den  SchloBgarten :  sie  eilte  schnell 
durch  das  Schlofi  und  vor  dessen  Gesindstube  voriiber,  wo  die 
schonen  Blumen  des  Jugendlebens  unter  einem  langen  Druckwerk 

30  breit  und  trocken  gepresset  wurden,  und  ihre  Seele  tat  sich  groB 
und  atmend  im  freien  offnen  Garten  auf,  in  dessen  Blumenerde 
das  Schicksal  den  ersten  Blumensamen  ihres  heutigenLebensflores 
ausgeworfen  hatte.  Stilles  Eden!  Grimes,  mit  Bliiten  zitterndes 
Helldunkel!  -  Der  Mond  ruht  unter  der  Erde  wie  ein  Toter;  aber 
jenseits  des  Gartens  sind  der  Sonne  helle  rote  Abendwolken  wie 
Rosenblatter  abgefallen,  und  der  Abendstern,  der  Brautfiihrer  der 


I50  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Sonne,  schwebt  wie  ein  glanzender  Schmetterling  iiber  dem  Ro- 
senrot  und  nimmt,  bescheiden  wie  eine  Braut,  keinem  einzigen 
Sternchen  sein  Licht. 

Die  zwei  Menschen  kamen  an  die  alte  Gartners-Hiitte,  die  zu- 
geschlossen  und  stumm  mit  finstern  Stuben  im  Iichten  Garten 
stand,  wie  eine  Vergangenheit  in  der  Gegenwart.  EntbloBtes  Ge- 
zweig  der  Baume  verschrankte  sich  mit  fetten  halben  Blattern 
iiber  dem  dichten,  sich  durchgreifenden  Laubwerk  der  Stauden.  - 
Der  Friihling  stand  als  Sieger  neben  dem  zu  FiiBen  Hegenden  Win- 
ter. —  Im  blauen  Teiche  ohne  Blut  war  ein  dunkler  Abendhimmel  10 
ausgegraben,  und  sein  AbfluB  wasserte  rauschend  die  Beete.  —  Die 
Silberfunken  derSternbilder  sprangen  auf  demAltaredesMorgens 
auf  und  fielen  erloschen  in  das  rote  Meer  des  Abends  nieder.  — 

Der  Wind  schwirrte  wie  ein  Nachtvogel  lauter  durch  die  Bau- 
me und  gab  der  Akazienlaube  Tone,  und  die  Tone  riefen  den 
Menschen,  die  in  ihr  einstmals  gliicklich  wurden,  zu:  »Trete 
herein,  neues  Menschenpaar,  und  denk  an  das,  was  vergangen  ist, 
und  an  mein  Verwelken  und  an  deines,  und  sei  heilig  wie  die 
Ewigkeit,  und  weine  nicht  bloB  vor  Freude,  sondern  auch  vor 
Dankbarkeit!«  -  Und  der  Weinende  zog  die  Weinende  unter  die  20 
Bliiten  und  legte  seine  Seele  wie  eine  Blume  an  ihr  Herz  und 
sagte:  »Beste  Thiennette,  ich  bin  unaussprechlich  gliicklich  und 
mochte  viel  reden  und  kann  doch  nicht  -  ach,  du  Teuere,  wir 
wollen  wie  Engel,  wie  Kinder  zusammenleben.  -  Wahrlich  alles 
will  ich  tun,  was  dich  freuet;  vor  zwei  Jahren  hatt'  ich  ja  nichts, 
gar  nichts,  ach  durch  dich,  du  Liebe,  bin  ich  so  gliicklich.  -  Ich 
sage  nun  du,  du,  du  liebe  Seele !«  -  Sie  zog  ihn  enger  an  sich  und 
sagte,  wiewohl  ohne  ihn  zu  kiissen :  »Sagen  Sie  nur  du,  Teuerster  l« 

Und  als  sie  wieder  aus  der  heiligen  Laube  in  den  magisch- 
dunkeln  Garten  traten,  nahm  er  den  Hut  ab,  erstlich  urn  innerlich  30 
Gott  zu  danken,  und  zweitens  weil  er  in  den  unaussprechlich- 
schonen  Himmel  schauen  wollte. 

Sie  kamen  vor  dem  rauschenden  leuchtenden  Hochzeithause 
an ;  aber  ihre  erweichten  Herzen  suchten  Stille  auf,  und  fremdes 
Anstreifen  storte,  wie  am  bliihenden  Wein,  die  Blumen-Vermah- 
lung  der  Seelen :  sie  kehrten  lieber  wieder  um  und  wandten  sich 


ZEHNTER  ZETTELKASTEN  151 

in  den  Gottesacker  hinauf,  urn  ihre  Riihrungen  zu  bewahren. 
GroB  stand  auf  Grabern  und  ^Bergen  die  Nacht  vor  dem  Herzen 
und  machte  es  groB.  Ober  dem  weiflen  Turm-Obeliskus  ruhte  der 
Himmel  blauer  und  dunkler,  und  hinter  ihm  flatterte  der  abge- 
dorrte  Gipfel  des  niedrigern  Maienbaums  mit  entfarbter  Fahne. 
Da  erblickte  der  Sohn  das  Grab  seines  Vaters,  auf  dem  der  Wind 
die  kleine  Ture  des  metallenen  Kreuzes  knarrend  auf-  und  zu- 
schlug,  um  das  auf  Messing  eingeatzte  Jahr  seines  Todes  lesen  zu 
lassen.  —  Eine  heiBeWehmut  ergriff  mit  heftigen  Tranenstromen 

10  sein  losgerissenes  Herz  und  trieb  ihn  an  den  verfallenen  Hiigel, 
und  er  fiihrte  seine  Braut  an  das  Grab  und  sagte :  »Hier  schlaft  er, 
mein  guter  Vater  —  schon  im  zweiunddreiBigsten  Jahre  ging  er 
hier  ein  zur  ewigen  Ruhe.  -  O  du  guter,  teuerer  Vater,  konntest 
du  doch  heute  die  Freude  deines  Sohnes  sehen  wie  meine  Mutter! 
-  Ach  du  bester  Vater,  deine  Augenhohle  ist  leer  und  deine  Brust 
voll  Asche,  und  du  siehst  uns  nicht.«  -  Er  verstummte.  -  Die  be- 
drangte  Braut  weinte  laut,  sie  sah  die  morschen  Sarge  ihrer  Eltern 
aufgehen  und  die  zwei  Toten  sich  aufrichten  und  sich  umschauen 
nach  ihrer  Tochter,  die  so  lange  von  ihnen  verlassen  auf  der  Erde 

20  blieb.  -  Sie  sturzte  an  sein  Herz  und  stammelte:  »0  Teuerer,  ich 
habe  weder  Vater  noch  Mutter,  verlaB  mich  niemals.« 

O  du,  der  du  noch  einen  Vater  oder  eine  Mutter  hast,  danke 
Gott  an  dem  Tage  dafiir,  wo  deine  Seele  voll  Freudentranen  ist 

und  eine  Brust  bedarf,  an  der  sie  sie  ver^ieBen  kann 

Und  mit  dieser  edeln  Umarmung  am  Grabe  eines  Vaters 
schlieBe  sich  heilig  dieser  Freudentag!  - 


Zehnter  Zettelkasten 
Der  Thomas-  und  Geburtstag 

Der  Autor  ist  eine  Art  Bienenwirt  fiir  den  Leser-Schwarm,  dem 
30  zu  Gefallen  er  die  Flora,  die  er  fur  ihn  halt,  in  verschiedene  Zeiten 
verteilt  und  die  Aufbliite  mancher  Blumen  hier  beschleunigt, 
dort  verschiebt,  damit  es  in  alien  Kapiteln  bliihe.  - 


I  52  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Die  Gottin  der  Liebe  und  der  Engel  des  Friedens  fuhrten  das 
Ehepaar  auf  Steigen,  die  iiber  voile  Auen  liefen,  durch  den  Friih- 
ling  und  auf  FuBpfaden,  die  in  hohen  Kornfeldern  verborgen 
waren,  durch  den  Sommer  —  und  der  Herbst  streuete  ihnen,  als 
sie  auf  den  Winter  losgingen,  seine  marmorierten  Blatter  unter. 
Und  so  kamen  sie  an  vor  der  niedrigen  dunkeln  Pforte  des  Win- 
ters, voll  Leben,  voll  Liebe,  zuversichtlich,  zufrieden,  gesund 
und  rot. 

Am  Thomastag  hatte  Thiennette  wie  der  Winter  ihren  Ge- 
burtstag.  Wir  wollen  gerade,  wenn  in  der  nahen  Kirche  das  Sin-  10 
gen  aufhort,  urn  9V4  in  das  Pfarrhaus. durch  die  Fenster  gucken. 

Es  ist  nichts  darin  auBer  die  alte  Mutter,  die  den  ganzen  Tag, 

weil  sie  der  Sohn  auBer  Arbeit  und  zur  Ruhe  gesetzt,  herum- 
schleicht  und  bohnt  und  bugelt  und  scheuert  und  wischt;  -  jedes 
gelockte  Stuhlbein  und  jeder  Messingnagel  des  in  Wachstuch  ge- 
kleideten  Tisches  gleiBet;  -  alles  hangt,  wie  bei  alien  Eheleuten 
ohne  Kinder,  am  rechten  Platze,  Biirste  und  Fliegenklatsche  und 
Kalender;  -  die  Sessel  sind  von  der  Stuben-Polizei  in  ihre  ver- 
jahrten  Winkel  verteilt;  -  ein  mit  dem  Diadem  oder  der  Scharpe 
eines  himmelblauen  Bandes  umwickelter  Flachsrocken  stent  am  20 
Ritterbette,  weil  heute  am  halben  Feiertage  gesponnen  werden 
kann;  -  die  banderbreiten  Papierabschnitzel,  worauf  Predigt- 
Dispositionen  kommen,  liegen  weiB  neben  den  zugeschnittenen 
Predigten  selber,  namlich  neben  den  Oktav-Heften  dazu,  denn 
der  Pfarrer  und  sein  Arbeitstisch  sind  der  Kalte  wegen  aus  der 
Studier-  in  die  Wohnstube  heruntergezogen ;  -  seine  groBe  MufT- 
Wamme  hangt  neben  dem  reinen  Brautigamsschlafrock  -  was  wir 
in  der.Stube  vermissen,  ist  bloB  er  und  sie,  Denn  er  predigte  sie 
heute  in  die  bloBe  Aposteltagskirche  hinein,  damit  ihre  Mutter 
ohne  Zeugen  -  auBer  die  paar  tausend  Leser,  die  mit  mir  ins  30 
Fenster  sehen  -  die  Proviantbackerei  und  den  ganzen  Kiichen- 
wagen  des  Geburtsfestes  beschicken  und  das  beste  Tischzeug  und 
Eingemachte  ungesehen  auftragen  konnte. 

Der  Seelensorger  hielt  es  fur  keine  Siinde,  die  Kirchleute  so 
lange  zu  ermahnen  und  aufzurichten  und  zu  bedrohen,  bis  er 
dachte,  die  Suppe  dampfe  iiber  die  Teller.  Dann  fiihrte  er  die 


ZEHNTER  ZETTELKASTEN  I  53 

Neugeborne  nach  Hause  und  stellte  sie  plotzlich  vor  den  Altar 
mit  Speisopfer,  vor  einen  suBen  Buchdruckerstock  aus  Brot- 
torte,  worauf  ihr  Name  mit  echter  Monchsschrift  aus  Gaumbuch- 
staben  von  Mandeln  eingebacken  war.  Im  Hintergrunde  der  Zeit 
und  der  Stube  verberg*  ich  gleichwohl  noch  zwei  -  Flaschen 
Pontak.- Wie  schnell  werden  am  Strahle  der  Freuden  deine  Wan- 
gen  reif,  Thiennette,  als  dein  Eheherr  feierlich  sagte :  »Es  ist  heute 
dein  Geburtstag,  und  der  Herr  segne  dich  und  behiite  dich  und 
lasse  sein  Angesicht  iiber  dich  leuchten  und  schenke  dir  zur 

io  Freude  deiner  Schwiegermutter  und  deines  Mannes  insbesondere 
ein  gluckliches  frohliches  Kindbette,  Amen !«  -  Und  da  Thien- 
nette sah,  daB  die  alte  Frau  alles  dieses  selber  gekocht  und  auf- 
getragen  hatte :  so  fiel  sie  ihr  um  den  Hals,  als  wenn  es  ihre  Mutter 
gewesen  ware. 

Riihrung  besiegt  den  Appetit.  Aber  Fixleins  Magen  war  so 
stark  wie  sein  Herz,  und  keine  Art  Bewegung  wurde  iiber  seine 
peristaltische  Herr.  Getrank  ist  der  Gelenksaft  der  Zunge,  wie 
Essen  ihr  Hemmschuh.  Aber  friiher,  als  bis  er  manches  gegessen 
und  gesagt  hatte,  schenkt'  er  nicht  ein.  Dann  hob  er  die  Teich- 

20  Docke  von  Kork  aus  der  Bouteille  und  lieB  den  geistreichen  Wei- 
her  ab.  Die  sieche  Mutter  eines  noch  in  ihr  Leben  gehiillten  Men- 
schen  heftete  in  der  verlegnen  Riihrung  ihre  dankbaren  Augen 
bloB  auf  die  alte  Frau  und  konnte  kaum  zanken,  daB  er  ihrent- 
wegen  in  die  Stadt  zum  Weinhandler  geschickt  hatte.  Er  nahm 
in  jede  Hand  fur  jede,  die  er  liebte,  ein  Glas  und  reichte  es  der 
Mutter  und  der  Frau  und  sagte:  » Auf  dein  langes,  langes  Leben, 
Thiennette!  -  Und  auf  Ihr  Wohlergehen,  Mama!  -  Und  auf  eine 
recht  gliickliche  Geburt  unsers  Kleinen,  wenn  mir  Gott  einen 
schenkt !«  —  »Mein  Sohn,«  sagte  die  Kunst-Gartnerin,  »aber  auf 

30  dein  langes  Leben  miissen  wir  hauptsachlich  trinken,  weil  wir 
von  dir  erhalten  werden.  -  Gott  mache  dich  ja  alt!«  -  fiigte  sie 
beklommen  hinzu,  und  ihre  Augen  verrieten  ihr  Herz. 

Ich  habe  nie  von  dem  schrankenlosen  Flattersinne  des  weib- 
lichen  Geschlechtes  eine  lebhaftere  Vorstellung  als  zur  Zeit,  wo 
eine  Frau  den  Engel  des  Todes  unter  ihrem  Herzen  tragt,  und 
doch  in  den  neun  Monaten  voll  Todesanzeigen  keinen  groBern 


154  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Gedanken  hat  als  den  an  ihre  Gevattern  und  an  das,  was  bei  der 
Taufe  gekocht  werden  soil.  Aber  du,  Thiennette,  hattest  edlere 
Gedanken,  obwohl  jene  auch  mit.  -  Der  noch  eingehiillte  Lieb- 
ling  deines  Herzens  ruhte  vor  deinen  Augen  wie  ein  kleiner,  auf 
einen  Grabstein  gebildeter  Engel,  der  mit  seiner  kleinen  Hand 
immer  auf  dein  Sterbejahr  hinzeigte,  und  jeden  Morgen  und  jeden 
Abend  dachtest  du  mit  einer  GewiBheit  des  Todes,  von  der  ich 
die  Gninde  noch  nicht  weiB,  daran,  daB  die  Erde  eine  dunkle 
Baumannshohle  ist,  wo  das  Menschenblut  wie  Tropfstein,  indem 
es  tropft,  Gestalten  aufrichtet,  die  so  fluchtig  blinken,  und  so  m 
fruh  zerflieBen!  -  Und  das  wars  eben,  warum  deine  Tranen  un- 
aufhaltsam  aus  deinen  sanften  Augen  quollen  und  alle  deine 
angstlichen  Gedanken  an  dein  Kind  verrieten;  aber  du  machtest 
den  traurigen  ErguB  deines  Herzens  durch  die  Umarmung  wie- 
der  gut,  worin  du  mit  neuer  entzundeter  Liebe  an  deinen  Gatten 
fielest  und  sagtest:  »Es  gehe,  wie  es  will,  Gottes  Wille  geschehe, 
wenn  nur  du  und  mein  Kind  am  Leben  bleiben  —  aber  ich  weiB 
wohl,  daB  du  mich,  Bester,  so  sehr  liebest  wie  ich  dich.«  . . .  Lege 
deine  Hand,  Mutter,  voll  Segen  auf  sie;  und  du,  gutes  Schicksal, 
ziehe  deine  niemals  ab  von  ihnen !  -  20 

Ich  stehe  zwar  voll  Riihrung  und  voll  Gluckwiinsche  neben 
dem  Kusse  zweier  Freundinnen  und  neben  der  Umarmung  von 
zwei  tugendhaften  Liebenden,  und  aus  dem  Feuer  ihrer  Altare 
fliegen  Funken  in  mich;  aber  was  ist  diese  Erwarmung  gegen  die 
sympathetische  Erhebung,  wenn  ich  zwei  Menschen,  gebuckt 
unter  einerlei  Burden,  verknupft  zu  einerlei  Pflichten,  angefeuert 
von  derselben  Sorge  fiir  einerlei  kleine  Lieblinge,  einander  in 
einer  schonen  Stunde  an  die  uberwallenden  Herzen  fallen  sehe! 
Und  wenn  es  vollends  zwei  Menschen  tun,  die  schon  die  Trauer- 
schleppe  des  Lebens,  namlich  das  Alter,  tragen,  deren  Haare  und  30 
Wangen  schon  ohne  Farbe,  deren  Augen  ohne  Feuer  sind  und 
deren  Angesicht  tausend  Dornen  zu  Bildern  der  Leiden  aus- 
gestochen  haben,  wenn  diese  sich  umfangen  mit  so  muden  alten 
Armen  und  so  nahe  am  Abhange  ihrer  Graber,  und  wenn  sie 
sagen  oder  denken:  »Es  ist  an  uns  alles  abgestorben,  aber  doch 
unsere  Liebe  nicht  —  o  wir  haben  lange  miteinander  gelebt  und 


ZEHNTER  ZETTELKASTEN  I}5 

gelitten,  nun  wollen  wir  auch  zugleich  dem  Tode  die  Hande  ge- 
ben  und  uns  miteinander  wegfiihren  lassen«:  —  so  rufet  alles 
in  uns  aus:  o  Liebe,  dein  Funke  ist  uber  der  Zeit,  er  glimmt 
weder  an  der  Freude  noch  an  der  Rosenwange,  er  erlischt  nicht, 
weder  unter  tausend  Tranen  noch  unter  dem  Schnee  des  Alters 
.  noch  unter  der  Asche  deines  -  Geliebten.  Er  erlischt  nie;  und  du 
Allgutiger,  wenn  es  keine  ewige  Liebe  gabe,  so  gab'  es  ja  gar 
keine !  . . . 

Dem  Pfarrer  ward  es  leichter  als  mir,  sich  einen  Obergang  vom 

10  Herzen  zum  Magen  zu  bahnen.  Er  trug  jetzt  Thiennetten,  deren 
1  Stimme  sich  sogleich  erheiterte  -  indes  ihr  Auge  einmal  urns  an- 
dere  zu  glanzen  anfing  -,  sein  Vorhaben  vor,  das  Frostwetter  zu 
beniit2en  und  so  viel  ins  Haus  einzuschlachten,  als  sie  haben: 
»Das  Schwein  kann  kaum  mehr  aufstehen«,  sagt*  er  und  bestimmte 
den  EntschluB  der  Weiber,  ferner  den  Metzger  und  den  Tag 
und  die  Zahl  der  Schlachtschusseln :  er  besprach  alles  mit  einer 
Piinktlichkeit,  mit  der  die  Kriegsinnung  (welche  den  Trokar  der 
uberfullten  Menschheit,  namlich  das  Marsschwert  ansetzt)  einen 
Tag  vorher  zu  Werke  geht,  ehe  sie  eine  Provinz  ins  Hatz-  und 

20  Schlachthaus  treibt. 

Darauf  fing  er  an,  ganz  froh  uber  Winters-Anfang,  der  heute 
um  acht  Uhr  zweiundzwanzig  Minuten  morgens  eingetreten  war, 
zu  tun  und  zu  reden,  »weil  es  doch  wieder«,  sagt*  er,  »stark  aufs 
Friihjahr  losgehe,  und  man  morgen  nicht  so  viel  Licht  verbren- 
nen  diirfe  als  heute.«  Die  Mutter  fiel  ihn  zwar  mit  dem  Gewehr 
ihrer  funf  Sinne  an  ,*  aber  er  hielt  ihr  die  astronqmischen  Tabellen 
entgegen  und  bewies,  die  Zunahme  des  Tages  sei  ebenso  unleug- 
bar  als  unmerkbar.  Letztlich  fragte  er  wie  die  meisten  Amt-  und 
Eheleute  nichts  darnach,  ob  ihn  seine  Weiber  fasseten  oder  nicht, 

30  und  benachrichtigte  sie  in  juristisch-theologischer  Einkleidung: 
»heute  nachmittags  schieb*  ers  nicht  mehr  auf,  sondern  hake 
beim  hochpreislichen  Konsistorium,  welches  jus  circa  sacra  habe, 
um  einen  neuen  Knopf  fur  den  Kirchturm  an,  um  so  mehr,  da  er 
bis  auf  das  Friihjahr  eine  reichliche  milde  Beisteuer  von  der  Par- 
ochie  herausgebettelt  zu  haben  verhoffe.«  -  »Wenn  uns  Gott 
den  Friihling  erleben  lasset«  (setzte  er  auBerst  frohlich  hinzu) 


I56  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

»und  du  gliicklich  niederkommst :  so  konnt*  ich  alles  so  disponie- 
ren,  daB  der  Knopf  gerade  aufgesetzet  wiirde,  wenn  du  deinen 
Kirchgang  hieltest,  AIte!« 

Darauf  riickte  er  den  Stuhl  leicht  vom  Schenk-  und  Nachtisch 
an  den  Arbeitstisch  und  versaB  den  halben  Nachmittag  an  der 
Supplik  urn  den  Turmknauf.  Da  er  noch  ein  wenig  Zeit  bis  zur 
Dammerung  hatte,  so  setzte  er  das  Arbeitszeug  an  sein  neues  ge- 
lehrtes  Opus  an.  Es  stand  namlich  bei  Hukelum  im  Schnee  drau- 
Ben  ein  Zehntel  von  einem  alten  RaubschloB,  das  er  im  Herbste 
alle  Tage  wie  ein  revenant  besucht  hatte,  um  es  auszuklaftern,  ich-  10 
nographisch  zu  silhouettieren,  jeden  Fensterstab  und  jeden  restie- 
renden  Anwurf  desselben  genau  zu  Papier  zu  bringen.  Er  glaubte, 
er  hoffe  nicht  zu  viel,  wenn  er  dadurch  -  und  durch  einige  Zeich- 
nungen  der  weniger  steil-  als  waagrechten  Mauern  -  seinem 
»Architektonischen  Briefwechsel  zweier  Freunde  iiber  das  Huke- 
lumische  RaubschloB«  jene  letzte  Hand  und  Reife  zu  erteilen 
meine,  die  Rezensenten  zufriedenstellet.  Denn  er  hatte  gegen  die 
kritischen  Reichsgerichte  der  Rezensenten  nichts  von  derjenigen 
Verachtung,  die  einige  Schriftsteller  wirklich  besitzen  -  oder  nur 
affektieren  wie  z.  B.  ich.  Aus  dem  umgefallenen  Raub-Louvre  20 
wuchsen  fiir  ihn  mehr  Freudenblumen  als  sonst  vielleicht  aus 
dem  aufrechtstehenden  fiir  den  Eigner. 

Es  ist  meines  Wissens  noch  eine  unbekannte  Anekdote,  daB 
alles  dieses  niemand  zu  verantworten  hat  als  Buscking.  Fixlein 
stoberte  unlangst  in  dem  Kirchenbriefgewolbe  ein  Handschrei- 
ben  auf,  worin  der  Geograph  sich  Spezialberichte  vomDorfe  aus- 
bat.  Biisching  erwischte  freilich  nichts  -  daher  mangelt  wirklich 
das  ganze  Hukelum  noch  seiner  Erdbeschreibung  -;  aber  dieser 
verpestete  Brief  steckte  Fixleins  Herz  mit  dem  anhaltenden  Fruh- 
lingsfieber  der  Ruhmsucht  an,  so  daB  sein  pulsierendes  Herz  nur  30 
mit  dem  Lukaszettel  einer  Rezension  zu  stillen  und  zu  halten  war. 
Mit  der  Schriftstellerei  ists  wie  mit  der  Liebe:  man  kann  beide 
jahrzehentelang  zugleich  begehren  und  entraten;  ist  aber  einmal 
der  erste  Funke  von  ihnen  in  dein  Pulverlager  gefallen:  dann 
brennts  fort  bis  ans  Ende. 

BloB  Winters- Anfang  wegen  muBte  heute  eine  besonders  war- 


ZEHNTER  ZETTELKASTEN  I  57 

me  Stube  gertiacht  werden,  die  er  wie  groBe  Miiffe  und  Baren- 
miitzen  mehr  liebte,  als  man  dachte.  Die  Dammerung,  dieses 
schone  Chiaroscuro  des  Tages,  diesen  farbigen  Vorgrund  der 
Nacht,  dehnte  er  so  lang  wie  moglich  aus,  um  darin  auf  Weih- 
nachten  zu  -  studieren;  und  doch  konnt'  es  seine  Frau  ohne  Be- 
denken  wagen,  ihm  gerade,  wenn  er  mit  dem  umgehangenen 
Saetuch  voll  gottlichen  Worts-Samen  die  Stube  auf-  und  abging, 
einen  Loffel  voll  Bieressig  vorzuhalten,  damit  er  ihn  dem  Gau- 
men  anprobierte,  ob  er  abzugieBen  sei  von  der  Essigmutter.  LieB 

io  er  denn  nicht  sogar,  ob  er  gleich  Rogner  lieber  speiste,  allemal 
einen  Milchner  aus  der  Heringstonne  ziehen,  nur  der  geliebten 
Frau  wegen?  - 

Jetzt  kam  Licht;  und  da  gerade  der  Winter  seine  Glasmalerei 
auf  den  Scheiben  anfing,  seine  Eis-Blumenstucke  und  seinen 
Schnee-Baumschlag:  so  sah  der  Pfarrer,  es  sei  Zeit,  etwas  Kaltes 
zu  lesen,  was  er  seine  kalte  Kiiche  nennte,  namlich  die  Beschrei- 
bung  eines  entsetzlich-frostigen  Landes.  Dasmal  wars  die  Win- 
tergeschichte  der  vier  russischen  Matrosen  auf  Nova  Zembla.  Ich 
meines  Orts  hefte  im  Sommer,  wenn  der  wiihlende  Zephyr  Blu- 

20  tenglocken  aufblaht,  die  Landkarten  und  Aufrisse  von  Welsch- 
und  Morgenland  noch  als  neue  Landschaften  an  die,  worin  ich 
sitze.  Und  doch  nahm  er  heute  noch  die  Stadtchronik  von  Flach- 
senfingen  zur  Hand,  um  mitten  unter  den  Schiissen,  Pestilenzen, 
Hungersnoten,  Kometen  mit  Ian  gen  Scharpen  und  dem  Rauschen 
aller  Hollenflusse  des  dreiBigjahrigen  Kriegs  mit  einem  Ohre 
nach  der  Gesindestube  hinzuhoren,  wo  man  den  Krautsalat  fur 
seinen  Entenbraten  zerschneidet. 

Gute  Nacht,  Alter!  ich  bin  matt.  Der  gute  Himmel  schicke  dir 
im  Friihjahr  1794,  wenn  die  Erde  ihre  Menschen  wie  kostbare 

30  Nachtraupen  auf  Blattern  und  Blumen  herumtragt,  den  neuen 
Turmknopf  und  einen  dicken  wohlgestalteten  -  Buben  dazul 


I58  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

ElLFTER  ZETTELKASTEN 

Friihling  -  Investitur  —  und  Niederkunft 

Ich  stehe  von  einem  wunderbaren  Traume  auf;  aber  der  vorige 
Kasten  macht  ihn  natiirlich.  Mir  traumte:  alles  griine  -  alles  dufte 

-  ich  schaue  nach  einem  unter  der  Sonne  blitzenden  Turmknopf 
hinaus,  ruhend  im  Fenster  eines  weiBen  Gartenhauschens,  die 
Augenlider  voll  Blumenstaub,  die  Achseln  voll  diinne  Kirschen- 
bliiten,  die  Ohren  voll  Gesumse  des  benachbarten  Bienenstandes. 

—  Darauf  trete  langsam  zwischen  die  Rabatten  der  hukelumische 
Pfarrer  und  steige  ins  Gartenhaus  und  sage  feierlich  zu  mir:  10 
wWohlgeborner  Herr,  eben  ist  meine  Frau  von  einem  Knablein 
entbunden  worden,  und  ich  unterfange  mich,  Dieselben  zu  bit- 
ten, an  solchem  das  heilige  Werk  zu  verrichten,  wenn  es  in  den 
SchoB  der  Kirche  aufgenommen  wird.«  — 

Ich  Tuhr  ganz  natiirlich  auf,  und  der  -  Pfarrer  Fixlein  stand 
noch  leibhaftig  neben  meinem  Bette  und  bat  mich  zu  Gevatter: 
denn  Thiennette  war  heute  nachts  urn  1  Uhr  niedergekommen. 
Die  Geburt  war  darum  so  glucklich  als  wie  in  einem  Gebarhause 
voriibergegangen,  weil  der  Vater  schon  etliche  Monate  darauf  ge- 
dacht  hatte,  den  sogenannten  Klapperstein,  der  im  Horste  des  20 
Adlers  gefunden  wird,  beizuschafFen  und  Geburtshulfe  damit  zu 
leisten:  denn  dieser  Stein  verrichtet  in  seiner  Art  alles,  was  die 
Mlitze  eines  alten  Minoriten  in  Neapel,  von  dem  Gorani  erzahlt, 
an  solchen  KreiBenden  erzwingt,  die  sie  aufsetzen 

-  Ich  konnte  den  Leser  noch  langer  kranken;  aber  ich  lasse 
willig  nach  und  decke  ihm  die  Sachen  auf. 

Einen  solchen  Mai  wie  den  diesjahrigen  (von  1794)  hat  die 
Natur  bei  Menschengedenken  nicht  -  angefangen :  denn  wir  ha- 
ben  erst  den  funfzehnten.  Leute  von  Einsichten  muBten  sich  seit 
Jahrhunderten  jedes  Jahr  einmal  argern,  daB  die  deutschen  San-  30 
ger  Mailieder  machten,  da  andere  Monate  eine  poetische  Nacht- 
musik  weit  eher  verdienen;  und  ich  bin  oft  so  weit  gegangen, 
daB  ich  den  Sprachgebrauch  der  Marktweiber  angriff  und  statt 
Maibutter  Juniusbutter  sagte,  desgleichen  nur  Junius-,  Marz-, 


EILFTER  ZETTELKASTEN  I  59 

Aprillieder.  -  Aber  du,  diesjahriger  Mai !  verdienest  alle  Lieder 
auf  deine  rauhen  Namensvettern  auf  einmal !  -  Beim  Himmel  I 
wenn  ich  jetzt  aus  der  gaukelnden  helldunkeln  Akazienlaube  des 
SchloBgartens,  in  der  ich  dieses  Kapitel  schreibe,  heraustrete  in 
den  weiten  lebendigen  Tag  und  zum  warmenden  Himmel  auf- 
sehe  und  iiber  seine  unter  ihm  aufquellende  Erde :  so  tut  sich  vor 
mir  der  Friihling  wie  ein  voiles  kraftiges  Gewitter  mit  einem 
blauen  und  griinen  Glanze  auf.  -  Ich  sehe  die  Sonne  am  Abend- 
himmel  in  Rosen  stehen,  in  die  sie  ihren  Strahlenpinsel,  womit  sie 

io  heute  die  Erde  ausgemalet,  hineinwirft  -  und  wenn  ich  mich  ein 
wenig  umsehe  in  ihrer  Gemaldeausstellung:  so  ist  ihre  Schmelz- 
malerei  auf  den  Bergen  noch  heiB  -  auf  dem  nassen  Kalk  der 
nassen  Erde  trocknen  die  Blumen  mit  Saftfarben  gefiillt,  und  an 
den  Bachen  die  VergiBmeinnicht  mit  Miniaturfarben  —  unter  die 
Glasur  der  Strome  hat  die  Majerin  ihr  eignes  Auge  gefasset,  und 
die  Wolken  hat  sie  wie  ein  Dekorationsmaler  nur  mit  wilden  Um- 
rissen  und  einfachen  Farben  gezeichnet;  und  so  steht  sie  am  Rande 
der  Erde  und  blickt  ihren  groBen,  vor  ihr  stehenden  Friihling  an, 
dessen  Faltenwurf  Taler  sind,  dessen  Brustbouquet  Garten  und 

20  dessen  Erroten  ein  Friihlingsabend  ist  und  der,  wenn  er  sich  auf- 
richtet,  der  -  Sommer  wird. 

Aber  weiter!  In  jedem  Friihling  -  und  in  einem  solchen  gar  — 
gen'  ich  zu  FuBe  den  Zugvogeln  entgegen  und  verreise  den  hypo- 
chondrischen  Bodensatz  des  Winters.  Ich  glaube  aber  nicht,  daB 
ich  nur  den  Turmknopf  von  Hukelum,  der  in  einigen  Tagen  ab- 
gehoben  wird,  geschweige  die  Pfarrleute  gesehen  hatte,  war'  ich 
nicht  beim  flachsenfingischen  Superintendenten  und  Konsisto- 
rialrat  gewesen.  Bei  diesem  kundschaftete  ich  Fixleins  Lebens- 
lauf  -  jeder  Kandidat  muB  seinen  an  das  Konsistorium  liefern  - 

30  und  sein  noch  tolleres  Bittschreiben  um  den  Turmgiebel  aus, 
Ich  ersah  mit  Vergnugen,  wie  lustig  der  Kauz  in  seinem  Enten- 
pfuhl  und  Milchbad  von  Leben  schnalze  und  platschere  -  und 
nahm  mir  die  Reise  zu  seinem  Ufer  vor.  Es  ist  sonderbar,  d.  h. 
menschlich,  daB  wir  originelle  Menschen  und  originelle  Biicher 
dasganzejahr  langwunschen  und  preisen:  haben  und  sehen  wir 
sie  aber,  so  erziirnen  sie  uns  -  sie  sollen  uns  ganz  anstehen  und 


l6o  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

schmecken,  als  ob  das  eine  andere  Originalitat  konnte  als  unsere 
eigene. 

Es  war  Sonnabends,  den  dritten  Mai,  daB  ich,  der  Superinten- 
dent, der  Senior  capituli  und  einige  weltliche  Rate  aufbrachen 
und  einstiegen  und  uns  in  zwei  Wagen  vor  die  Haustiire  des 
Pfarrers  bringen  lieBen.  Die  Sache  war:  er  war  noch  nicht  -  in- 
vestierety  und  morgen  sollt'  ers  werden.  Ich  dachte  nicht,  als  wir 
am  weiBen  Spalier  des  SchloBgartens  vorbeifuhren,  daB  ich  darin 
ein  neues  Werkchen  schreiben  wiirde. 

Ich  sehe  den  Pfarrer  noch  in  seinem  Periicken-Grauwerk  und  10 
Kopfgehause  an  die  Wagentiire  anspringen  und  uns  herausziehen 

-  so  lachelnd  -  so  verbindlich  -  so  eitel  als  aufmerksam  auf  die 
herausgezogne  Fracht.  -  Es  schien,  als  hatt'  er  den  Reiseflor  des 
Schmerzes  auf  der  Lebensreise  gar  niemals  umgenommen  —  und 
Thiennette  schien  ihren  niemals  zuriickgeschlagen  zu  haben.  Wie 
war  alles  im  Hause  so  nett,  aufgeschmiickt  und  poliert !  Und  doch 
so  still,  ohne  das  verdammte  Sturmlauten  der  Bedientenglocken 
und  ohne  die  faulen  Trommelbasse  des  Treppen-PedalierensI  - 
Indes  die  Herren  im  obern  Zimmer  anstandig  saBen,  zog  ich  nach 
meiner  Art  wie  ein  Geruch  im  ganzen  Hause  herum,  und  mem  20 
Weg  fuhrte  mich  durch  die  Wohnstube,  liber  die  Kiiche  und  end- 
lich  in  den  Kirchhof  am  Hause.  Guter  Sonnabend,  ich  will  deine 
Stunden,  so  gut  ich  kann,  mit  schwarzem  Judenpech  von  Dinte 
in  die  Uhrblatter  fremder  Seelen  zeichnen!  —  In  der  Wohnstube 
hob  ich  vom  Schreibtisch  einen  an  Riicken  und  Ecken  vergol- 
deten  Band  mit  dem  Riickendekret :  »Heilige  Reden  von  Fixlein, 
erste"  Sammlung«  auf  -  und  da  ich  nach  dem  Druckort  sehen 
wollte,  war  die  heilige  Sammlung  geschrieben.  Ich  fiihlte  die 
Schreibspulen  an  und  tunkte  in  die  Negerschwarze  der  Dinte  ein 

—  und  ich  befand,  daB  alles  ganz  gut  war:  bei  herumfliegenden  30 
Gelehrten,  die  nur  ein  Departement  der  auswartigen  Angelegen- 
heiten  haben  und  keines  der  innern,  ist  auBer  einigen  andern  Din- 
gen  nichts  schlechter  als  Dinte  und  Federn.  Auch  fand  ich  eine 
Kupferplatte,  auf  die  ich  wieder  zuruckkommen  werde.  - 

In  der  Kiiche,  die  man  zum  Schreiben  eines  englischen  Romans 
nicht  notiger  hat  wie  zum  Spielen  eines  deutschen,  konnt'  ich 


EILFTER  ZETTELKASTEN  l6l 

mich  neben  Thiennetten  stellen  und  mit  schiiren  helfen  und  in 
ihr  Gesicht  und  in  ihr  Kochfeuer  zugleich  sehen.  Ob  sie  gleich  in 
der  Ehe  war,  wo  weiBe  Rosen  auf  den  Wangen  zu  roten  werden  - 
worin  die  Madchen  einem  Gleichnis  in  der  Note1  gleichen  -,  und 
obgleich  das  Bratenholz  eine  erlogene  Schminke  auf  sie  warf :  so 
erriet  ich  doch,  wie  blaB  sie  ungefahr  sonst  gewesen  war,  und 
meine  Ruhrung  iiber  ihre  Farbe  stieg  durch  den  Gedanken  an  ihre 
Biirde  noch  hdher,  die  ihr  heute  nachts  das  Schicksal  nicht  so- 
wohl  abgenommen  als  bloB  in  ihre  Arme  und  naher  an  ihr  Herz 

io  geleget  hat.  Wahrlich  ein  Mann  muB  nie  liber  die  mit  einer  Ewig- 
keit  bedeckte  Schopfungsminute  der  Welt  nachgesonnen  haben, 
der  nicht  eine  Frau,  deren  Lebensfaden  eine  verhiillte  unendliche 
Hand  zu  einem  zweiten  spinnt,  und  die  den  Obergang  vom  Nichts 
zum  Sein,  von  der  Ewigkeit  in  die  Zeit  verhiillt,  mit  philosophic 
scher  Verehrung  anblickt;  -  aber  noch  weniger  muB  ein  Mann  je 
empfunden  haben,  dessen  Seele  vor  einer  Frau  in  einem  Zustande, 
wo  sie  einem  unbekannten  ungesehenen  Wesen  noch  mehr  auf- 
opfert  als  wir  den  bekannten,  namlich  Nachte,  Freuden  und  oft 
das  Leben,  sich  nicht  defer  und  mit  groBerer  Ruhrung  biickt  als 

20  vor  einem  ganzen  singenden  Nonnen-Orchester  auf  ihrer  Sara- 
wuste;  und  schlimmer  als  beide  ist  einer,  dem  nicht  seine  Mutter 
alle  andere  Mutter  verehrungswiirdig  macht.  - 

»Es  ist  dir  weiter  nicht  dienlich,  arme  Thiennette,«  (dacht*  ich) 
»daB  sich  jetzt  unter  dem  VollgieBen  deines  bittern  Kranken- 
kelches  die  larmenden  Feste  haufen.«  Die  Investitur  und  die 
Knopf-Erhohung  meint'  ich.  Mein  Rang,  dessen  Diplom  der 
Leser  in  den  »Hundsposttagen«  eingeheftet  findet  und  der  sonst 
der  ihrige  war,  hetzte  mir  ein  Heer  zuriickhaltender,  verlegner 
und  schwankender  AuBerungen  von  ihr  auf  den  Hals,  die  ich 

3o  mit  Muhe  zerstreuete,  und  womit  allemal  die  Leute  vor  Hohern 
oder  Niedern  aufziehen,  zu  denen  sie  sonst  gehort  hatten.  Ich 
konnte  weder  mit  ihr  noch  mit  ihm  den  Sonnabend  und  Sonntag 
recht  ins  Geleise  kommen,  bis  die  andern  Herren  fort  waren.  Die 
alte  Mutter  wirkte,  wie  dunkle  Ideen,  stark  und  fortdauernd,  aber 

1  Dem  Friihling  namlich,  der  mit  weiften  Schneeblumen  anfangt,  und  mit 
Rosen  und  Nelken  schlieBet. 


l6l  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

ohne  sich  zu  zeigen :  das  wird  durch  ihre  abgottische  Scheu  vor 
uns  erklart  und  zum  Teil  durch  einen  stillen  Kummer,  der  sich 
wie  eine  Wolke  in  ihr  (wahrscheinlich  iiber  die  Niederkunft  ihrer 
Schwiegertochter)  aufzog. 

Ich  kreuzte,  solange  das  Mond-Achtel  noch  flimmerte,  auf  dem 
Gottesacker  herum  und  milderte  meine  Phantasien,  die  zu  leicht 
mit  dem  Braun  zerbrockelter  Mumien  malen,  nicht  nur  durch  das 
Abendrot,  sondern  auch  durch  die  Erwagung,  wie  leicht  unser 
Aug  und  Herz  sich  sogar  mit  den  Triimmern  des  Todes  ver- 
sohne,  eine  Erwagung,  zu  der  mir  der  pfeifende  Schulmeister,  der  10 
das  Gebeinhaus  auf  morgen  ordnete,  und  die  singende  Pfarrmagd 
verhalf,  die  Graber  abgrasete.  Warum  wollen  wir  uns  diese  An- 
gewohnung  an  alle  Gestalten  des  Schicksals  nicht  auch  auf  die 
andere  Welt  von  unserer  Natur  und  von  unserem  Erhalter  ver- 
sprechen?  -Ich  blatterte  die  Leichensteine  durch  und  denke  noch 
jetzt,  der  Aberglaubige1  hat  recht,  der  dem  Lesen  derselben  Ver- 
lieren  des  Gedachtnisses  beilegt:  -  allerdings  vergisset  man  tau- 
send  Dinge  dieser  Erde 

Die  Investitur  am  Sonntage,  dessen  Evangelium  vom  guten 
Hirten  auf  den  Aktus  paBte,  mu6  icn  kurz  abfertigen,  weil  alles  20 
Erhabene  die  Redseligkeit  nicht  Ieideh  kann.  Ich  werde  aber  doch 
das  Wichtigste  mitgeteilet  haben,  wenn  ich  berichte,  daB  dabei 
getrunken  wurde  -  im  Pfarrhaus  -,  gepauket  -  im  Chor  -,  vor- 
gelesen  -  vom  Senior  die  Vokation,  vom  weltlichen  Rate  das 
Ratifikationsreskript  -  und  gepredigt  -  vom  Konsistorialrate, 
der  den  Seelsorger  nahm  und  ihn  der  Gemeinde  und  diese  jenem 
prasentierte,  gab  und  zusicherte.  Fixlein  fiihlte,  er  gehe  als  ein 
Hoherpriester  aus  der  Kirche,  in  die  er  als  ein  Landpfarrer  gekom- 
men  war,  und  hatte  den  ganzen  Tag  nicht  das  Herz,  einmal  zu 
fluchen.  Wenn  der  Mensch  feierlich  behandelt  wird,  so  sieht  er  30 
sich  selber  fur  ein  hoheres  Wesen  an  und  begeht  sein  Namensfest 
mit  Andacht. 

Dieses  Aufdingen,  diesen  KlosterprofeB  ordnen  die  geistlichen 
Oberrabbi  und   Logemeister  -  die  Superintendenten  -  sonst 

1  Dieser  christliche  Aberglaube  ist  nicht  blofl  ein  rabbinischer,  sondern 
auch  ein  romischer.  Cicero  de  Senectute. 


EILFTER  ZETTELKASTEN  163 

gerne  an,  wenn  der  Pfarrer  schon  einige  Jahre  der  Gemeinde  vor- 
gestanden  ist,  der  sie  ihn  vorzustellen  haben,  wie  die  ersten  Chri- 
sten die  Einweihung  und  Investitur  zum  Christentum,  die  Taufe, 
gern  in  den  Tag  ihres  Todes  verlegten;  -  ja  ich  glaube  nicht  ein- 
mal,  daI3  die  Investitur  etwas  von  ihrem  Nutzen  verlore,  wenn  sie 
und  das  Amtsjubilaum  auf  einen  Tag  aufgesparet  wiirden,  um  so 
mehr,  da  dieser  Nutzen  ganz  in  dem  besteht,  was  Superintendent 
und  Rate  teils  schmausen,  teils  kriegen. 

Erst  gegen  Abend  lernten  wir  beide  uns  kennen.  Die  Investi- 

10  tur-Offizianten  und  Hebungsbedienten  hatten  namlich  den  gan- 
zen  Abend  sehr  —  geatmet.  Ich  meine  so:  da  die  Herren  aus  den 
altesten  Meinungen  und  neuesten  Versuchen  wissen  muBten, 
Luft  sei  nichts  .als  verdiinntes,  auseinandergeschlagenes  Wasser: 
so  konnten  sie  doch  leicht  erraten,  daB  umgekehrt  Wasser  nichts 
sei  als  eine  dickere  Luft.  Und  Weintrinken  ist  nichts  als  das  At- 
men  einer  zusammengekelterten,  mit  einigen  Wohlgeruchen  be-  ' 
streueten  Luft.  Nun  kann  in  unsern  Tagen  nicht  genug  (fliissiger) 
Atem  von  geistlichen  Personen  geholet  werden  durch  den  Mund, 
da  ihre  Verhaltnisse  ihnen  das  Atmen  durch  die  kle'tnern  Poren 

20  untersagen,  das  Abernethy  unter  dem  Namen  Luftbad  so  anemp- 
fiehlt :  soil  denn  der  Speiseschlund  bei  ihnen  etwas  anders  sein  als 
der  Wand-  und  Turnachbar  der  Luftrohre,  der  Mitlauter,  der 
NebenschoBling  der  letztern?  -  Ich  verlaufe  mich:  ich  wollte  be- 
richten,  daB  ich  abends  der  namlichen  Meinung  zugetan  war,  daB 
ich  aber  diese  Luft  oder  diesen  Ather  nicht  wie  jene  zum  lauten 
Gelachter  verbrauchte,  sondern  zum  stillern  Beschauen  des  Le- 
bens.  Ich  lieB  sogar  gegen  meinen  Gevatter  einige  Reden  schieBen, 
die  Gottesfurcht  verrieten,  welches  er  anfangs  fur  SpaB  nehmen 
wollte,  weil  er  wuBte,  ich  ware  von  Hofe  und  Rang.  Aber  der 

30  Hohlspiegel  des  Weinnebels  hing  mir  endlich  die  Bilder  meiner 
Seele  vergroBert  und  verkorpert  als  Geister-Gestalten  mitten  in 
die  Luft  hin.  -  Das  Leben  schattete  sich  mir  zu  einer  eiligen  Jo- 
hannisnacht  ein,  die  wir  schieBende  Johanniswiirmchen  glim- 
mend  durchschneiden  -  ich  sagte  zu  ihm,  der  Mensch  miiBte  sich, 
wie  die  Blatter  der  groBen  Malve,  in  den  verschiedenen  Tags- 
zeiten  seines  Lebens  bald  nach  Morgen,  bald  nach  Abend  richten, 


164  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

bald  in  der  Nacht  gegen  die  Erde  und  gegen  ihre  Graber  zu  -  ich 
sagte,  die  Allmacht  des  Guten  trieb'  uns  und  die  Jahrhunderte 
den  Toren  der  Stadt  Gottes  zu,  wie  der  Widerstand  des  Athers 
nach  Euler  die  umkreisende  Erde  der  Sonne  zuftihrt  usw. 

Er  hielt  mich  dieses  Einschiebessens  wegen  fur  den  ersten 
Theologen  seiner  Zeit  und  hatte  von  mir,  wenn  er  Kriege  hatte 
anfangen  miissen,  vorher  Gutachten  eingeholt,  wie  sonst  krieg- 
fiihrende  Machte  von  den  Reformationstheologen.  Ich  verhalte 
mir  aber  doch  nicht,  das,  was  die  Pfarrer  Eitelkeit  der  Erde  nen- 
nen,  ist  etwas  ganz  anders,  als  was  die  Philosophic  so  nennt.  Als  10 
ich  ihm  vollends  eroflnete,  ich  schamte  mich  nicht,  ein  Autor  zu 
sein,  sondern  beschriebe  dieses  und  jenes  Leben,  und  ich  hatte 
seine  eigne  Biographie  beim  Herrn  Superintendenten  zu  Gesichte 
bekommen  und  ware  imstande,  daraus  eine  gedruckte  zu  fertigen, 
falls  er  mir  mit  einer  und  der  andern  Fleischfarbe  zu  Hiilfe  kom- 
men  wollte:  so  war  bloB  meine  Seide,  die  leider  nicht  bloB  gegen 
das  elektrische  Feuer,  sondern  auch  gegen  ein  besseres  isoliert, 
das  Gitter,  das  sich  zwischen  mich  und  seine  Arme  stellte:  denn 
er  war  wie  die  meisten  armen  Landpastoren  nicht  imstande,  ir- 
gendeinen  Rang  zu  vergessen  oder  seinen  mit  dem  hohern  zu  zo 
verquicken.  Er  sagte:  »er  wurd*  es  venerierlich  erkennen,  wenn 
ich  seiner  im  Drucke  gedachte;  aber  er  befahre  zu  sehr,  sein 
Leben  sei  zu  einer  Beschreibung  zu  gemein  und  zu  schlecht.« 
Gleichwohl  machte  er  mir  die  Schublade  seiner  Zettelkasten  auf 
und  sagte,  er  glaube  mir  damit  vorgearbeitet  zu  haben. 

Die  Hauptsache  aber  war,  er  hofFte,  seine  errata,  seine  exer- 
citationes  und  seine  Briefe  iiber  das  RaubschloB  wiirden,  wenn 
ich  vorher  ihnen  den  Lebenslauf  ihres  Verfassers  vorausschickte, 
besser  aufgenommen,  und  es  ware  so  vielj  als  begleitete  ich  sie 
mit  einer  Vorrede.  3° 

Kurz  ich  blieb,  als  den  Montag  die  andern  Herren  mit  ihrem 
Nimbus  wegdampften,  allein  bei  ihm  als  Niederschlag  sitzen  - 
und  sitze  noch  fest,  d.  h.  vom  fiinften  Mai  an  bis  (das  Publikum 
sollte  den  Kalender  von  1794  neben  sich  aufgeschlagen  hinlegen) 
zum  funfzehnten  -  heute  ist  Donnerstag,  morgen  ist  der  sech- 
zehnte  und  Freitag  und  die  sogenannte  Spinatkirmes  und  die 


EILFTER  ZETTELKASTEN  1 65 

Aufziehung  des  Turmknopfes,  die  ich  nur  abzuwarten  vorhatte, 
eh*  ich  g'inge.  Jetzt  geh*  ich  aber  nicht,  weil  ich  Sonntags  den 
Taufbund  als  Tauf-Agent  fur  mein  Patchen  schlieBen  muB.  Wer 
mir  gehorcht  und  den  Kalender  aufgeschlagen  hat,  der  kann  sich 
leicht  vorstellen,  warum  mans  auf  den  Sonntag  verschiebt:  es 
fallet  da  jener  denkwiirdige  Kantatesonntag  ein,  der  einmal  in 
unserer  Geschichte  wegen  seiner  narrischen,  narkotischen  Schier- 
lings-Krafte- jetzt  aber  nur  wegen  der  schonenVerlobung  wichtig 
ist,  die  man  nach  zwei  Jahren  mit  einer  Taufe  zelebrieren  will. 

10  Ich  bin  zwar  nicht  imstande  -  aus  Armut  an  Farben  und  Pres- 
sen  -  ,  die  weiche  duftende  Blumenkette  von  vierzehn  Tagen,  die 
sich  hier  um  mein  krankes  Leben  ringelt,  aufs  Papier  abzufarben 
oder  abzupressen;  aber  mit  einem  einzigen  Tage  kann  ichs  ver- 
suchen.  Ich  weiB  wohl,  der  Mensch  kann  weder  seine  Freuden 
noch  Leiden  erraten,  noch  weniger  kann  er  sie  wiederholen,  im 
Leben  oder  Schreiben. 

Die  schwarze  Stunde  des  KofTees  hat  Gold  im  Munde  fur  uns 
und  Honig:  hier  in  der  Morgenkuhle  sind  wir  alle  beisammen, 
wir  halten  populare  Gesprache,  damit  die  Pfarrerin  und  die  Kunst- 

20  gartnerin  sich  darein  mischen  konnen.  Der  Friihgottesdienst  in 
der  Kirche,  worin  oft  das  ganze  Volk1  sitzt  und  singt,  wirft  uns 
auseinander.  Ich  marschiere  unter  dem  Glockengelaute  mit  mei- 
nem  Stachel-Schreibzeug  in  den  singenden  SchloBgarten  und 
setze  mich  in  der  frischen  Akazienlaube  an  den  betaueten  zwei- 
beinigen  Tisch.  Fixleins  Zettelkasten  nab*  ich  schon  in  der  Tasche 
bei  mir,  und  ich  darf  nur  nachschauen  und  aus  seinen  nehmen, 
was  in  meine  taugt.  Sonderbar!  so  leicht  vergisset  der  Mensch 
eine  Sache  iiber  ihre  Beschreibung:  ich  dachte  jetzt  wahrlich 
nicht  ein  wenig  daran,  daB  ich  ja  eben  auf  dem  zweibeinigen  Lau- 

30  bentische,  von  dem  ich  rede,  jetzt  alles  dieses  schreibe. 

Mein  Gevatter  arbeitet  unterdessen  auch  fiir  die  Welt.  Seine 
Studierstube  ist  die  Sakristei,  und  der  PreBbengel  1st  die  Kanzel, 
die  er  braucht,  um  die  ganze  Welt  anzupredigen :  denn  ein  Autor 
ist  der  Stadtpfarrer  des  Universums.  Ein  Mensch,  der  ein  Buch 
macht,  hangt  sich  schwerlich;  daher  sollten  alle  reiche  Lords- 
1  Denn  funfzehn  Personen  machen  nach  den  Juristen  schon  eines. 


l66  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Sonne  fur  die  Presse  arbeiten:  denn  man  hat  doch,  wenn  man  zu 
friih  im  Bette  erwacht,  einen  Plan,  ein  Ziel  und  also  eine  Ur- 
sache  vor  sich,  warum  man  daraus  steigen  soil.  Am  besten  fahret 
dabei  ein  Autor,  der  mehr  sammelt  als  erfindet  -  weil  das  letztere 
mit  einem  angstlichen  Feuer  das  Herz  kalzinieret  — ;  ich  lobe  den 
Antiquar,  Heraldiker,  Notenmacher,  Sammler,  ich  preise  den 
Titelbarsch  (ein  Fisch,  namens  perca  diagramma,  wegen  seiner 
Buchstaben  auf  den  Schuppen)  und  den  Buchdrucker  (ein  Speck- 
kafer,  namens  scarabaeus  typographus,  der  in  die  Rinde  der  Kien- 
baume  Lettern  wuhlt)  -  beide  braucheri  keinen  groBern  oder  : 
schonern  Schauplatz  der  Welt  als  den  auf  dem  Lumpenpapier 
und  keinen  andern  Legestachel  als  einen  spitzigen  Kiel,  um  damit 
ihre  vierundzwanzig  Lettern-Eier  zu  legen.  -  In  Rucksicht  des 
rasonierenden  Katalogs,  den  der  Gevatter  von  deutschen  Druck- 
fehlern  machen  will,  sagt'  ich  ihm  einige  Male :  »er  ware  gut  und 
griinde  sich  auf  die  Regel,  nach  der  man  ausgezahlet  hat,  daB 
z.  B.  zu  einem  Zentner  Cicero-Fraktur  vierhundertundfunfzig 
Punkte,  dreihundert  SchlieBquadratchen  etc.  notig  sind;  aber  er 
sollte  doch  in  politischen  Schriften  und  in  Dedikationen  nach- 
rechnen,  ob  fur  einen  Zentner  Cicero-Fraktur  nicht  funfzig  Aus-  : 
rufungszeichen  viel  zu  wenig  waren,  so  wie  sechstausend  Spatia 
in  philosophischen  Werken  und  in  Romanen.« 

An  manchen  Tagen  schrieb  er  nichts;  sondern  steckte  sich  in 
den  Schlauch  und  Rauchfang  seines  Priesterrocks  und  HeB  im 
Ornate  driiben  beim  Schulmeister  die  wenigen  ^c-Schutzen,  die 
nicht  wie  andere  Schiitzen  des  Friihlings  wegen  auf  Urlaub  wa- 
ren, in  der  Fibel  exerzieren.  Er  tat  nie  mehr  als  seine  Pflicht,  aber 
auch  nie  weniger.  Es  iiberlief  sein  Herz  mit  einer  gelinden  War- 
me,  daB  er,  der  sonst  unter  einem  Scholarchat  sich  duckte,  jetzt 
selber  eines  war.  3 

Um  zehn  Uhr  begegnen  wir  uns  aus  unsern  verschiedenen 
Museen  und  besichtigen  das  Dorf  und  besonders  die  biographi- 
schen  Moblen  und  heiligen  Orter,  die  ich  gerade  diesen  Morgen 
unter  meiner  Feder  oder  meinem  Storchschnabel  gehabt,  weil  ich 
sie  mit  mehr  Interesse  nach  meiner  Beschreibung  betrachte  als 
vor  ihr.  — 


EILFTER  ZETTELKASTEN  \6j 

Dann  wird  gespeiset. 

Nach  dem  Tischgebet,  das  zu  lang  ist,  tragen  wir  beide  die 
Karitativsubsidien  oder  Kammerzieler  und  milden  Spenden,  wo- 
mit  die  Eingepfarrten  dem  Religions-  und  Tilgungsfond  des 
Gotteskastens  beispringen  wollen  zum  Kauf  des  neuen  Turm- 
globus,  in  doppelte  Handelsbiicher  ein:  das  eine  davon  wird  mit 
dem  Namen  der  Kollatoren  oder  -  hat  einer  auch  fur  seine  Kin- 
der dotiert  —  mit  der  Ietztern  ihrem  in  eine  bleierne  Kapsel  ein- 
gesargt  und  in  den  Turmknopf  aufgebahrt;  das  andere  bleibt  un- 
io  ten,  bei  der  Registratur.  Es  ist  nicht  zu  beschreiben,  welche  Liefe- 
rungen  die  Ehrbegierde,  in  den  Knopf  hinaufzukommen,  macht  - 
ich  beteure,  Bauern,  die  schon  gut  gegeben  hatten,  steuerten  noch 
einmal,  wenn  sie  taufen  lieBen :  der  Junge  sollte  auch  in  den  Knopf. 

Nach  dieser  Buchhaltung  stach  der  Gevatter  in  Kupfer.  Er  war 
so  gliicklich  gewesen,  herauszubringen,  daC  aus  einem  Zuge,  der 
einem  umgekehrten  lateinischen  S  gleichsieht,  alle  Anfangsbuch- 
staben  der  Kanzleischrift  so  schon  und  so  verschlungen,  als  sie  in 
Lehr-  und  Adelsbriefen  stehen,  herauszuspinnen  sind.  »Bis  Sie 
sechzig  zahlen,«  sagt'  er  zu  mir,  »hab'  ich  aus  meinem  Stammzuge 
20  einen  Buchstaben  gemacht.«  Ich  kehrte  es  bloB  um  und  zahlte  so 
lange  sechzig,  bis  er  ihn  hin  hatte.  Diese  Schonheitslinie,  in  alle 
Buchstaben  verzogen,  will  er  durch  Kupferplatten,  die  er  selber 
sticht,  fur  die  Kanzleien  gemeiner  machen,  und  ich  darf  dem  rus- 
sischen,  dem  preuBischen  Hofe  und  auch  einigen  kleinern  in  sei- 
nem  Namen  HofTnung  zu  den  ersten  Abdriicken  machen :  fur  ex- 
pedierende  Sekretare  sind  sie  unentbehrlich. 

Nun  wird  es  Abend,  und  es  ist  Zeit,  vom  gelehrten  Baum  des 
Erkenntnisses,  auf  dem  wir  beide  mit  Obstbrechern  halsbrechend 
herumgabeln,  wieder  hinabzurutschen  in  die  Feld-BIumen  und 
30  Grasereien  der  landlichen  Freude.  -  Wir  warteten  aber  doch,  bis 
die  emsige  Thiennette,  die  wir  nun  als  eine  Mutter  Gottes  in  unser 
Wesen  zogen,  keine  andere  Gange  mehr  hatte  als  die  zwischen 
uns.  -  Wir  schritten  dann  langsam  -  die  Kranke  war  matt  -  durch 
die  Wirtschaftsgebaude,  d.  h.  durch  Stalle  und  deren  Inven- 
tariums-maBige  Schweizerei  und  vor  einer  abscheulichen  Lache 
voll  Enten  voriiber  und  vor  einem  Milchkeller  voll  Karpfen,  de- 


l68  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

nen  beiden  wir,  ich  und  die  andern,  wie  Fursten  Brot  gaben,  weil 
wir  sie  am  Sonntage  nach  der  Taufe  -  zum  Brote  selber  verspei- 
sen  wollten. 

Dann  wurde  der  Himmel  immer  freundlicher  und  roter,  die 
Schwalben  und  die  Blutenbaume  immer  lauter,  die  Hauserschat- 
ten  breiter  -  und  der  Mensch  vergniigter.  Die  Blutentrauben  der 
Akazienlaube  hingen  in  unsere  kalte  Kuche,  und  die  Schinken 
waren  nicht  —  welches  mich  allemal  argert  -  mit  Blumen  besteckt, 
sondern  damit  von  weitem  beschattet 

Dann  macht  mich  der  tiefere  Abend  und  die  Nachtigall  wei-  ; 
cher;  und  ich  erweiche  wieder  die  sanften  Menschen  um  mich, 
besonders  die  blasse  Thiennette,  der  oder  deren  Herzen  die  hefti- 
gen  Freudenschlage  nach  den  apoplektischen  Lahmungen  einer 
gedriickten  Jugend  schwerer  werden  als  die  Regungen  der  Weh- 
mut.  Und  so  rinnt  unser  transparentes  reines  Leben  schon  unter 
dem  Bluten-Oberhang  des  Maies  hinweg,  und  wir  schauen  im  be- 
scheidenen  Genusse  scheu  weder  voraus  noch  zuruck,  wie  Leute, 
die  Schatze  heben,  sich  auf  dem  Hin-  und  Herwege  nicht  um- 
blicken. 

So  gehen  unsere  Tage  voriiber.  -  Nur  der  heutige  war  anders:  ; 
sonst  sind  wir  um  diese  Zeit  schon  mit  dem  Nachtmahl  fertig, 
und  der  Pudel  hat  schon  die  Knochen-Praparate  unsers  Soupers 
zwischen  den  Kinnbacken;  aber  heute  sitz*  ich  noch  allein  im 
Garten  hier  und  schreibe  den  eilften  Kasten  und  gucke  jeden 
Augenblick  auf  die  Wiesen  hinaus,  ob  mein  Gevatter  nicht 
kommt. 

Er  ist  namlich  in  die  Stadt  gegangen,  um  ein  ganzes  Waren- 
lager  von  Gewiirzen  zu  holen:  er  hat  weite  Rocktaschen.  Ja  er 
macht  kein  Geheimnis  daraus,  daB  er  manchen  Fleischzehenten 
bloB  in  der  Rocktasche  vom  Vormund,  bei  dem  sein  Absteig-  3 
quartier  ist,  heimtrage,  wiewohl  freilich  Umgang  mit  der  feinern 
Welt  und  Stadt  und  die  daraus  fliefiende  Sittenbildung  -  denn  er 
geht  zum  Buchhandler,  zu  Schulkollegen  und  zu  geringern  Stadt- 
leuten  -  weit  mehr  als  das  Fleischholen  die  Absicht  seiner  Stadt- 
reisen  ist.  Er  machte  mich  heute  am  Morgen  zum  regierenden 
Haupt  des  Hauses  und  gab  mir  die  Faszes  und  den  Thronhimmel. 


EILFTER  ZETTELKASTEN  169 

Ich  saB  den  ganzen  Tag  bei  der  Wochnerin  und  hatte  ordentlich, 
bloB  weil  mich  der  Mann  als  seinen  Ehe-Figuranten  dagelassen, 
die  schone  Seele  lieber.  Sie  muBte  dunkle  Farben  nehmen  und 
mir  die  Winterlandschaft  und  Eisregion  ihrer  verjammerten 
Jugend  zeichnen;  aber  ich  machte  oft  ihr  stilles  Auge  durch  ein 
leichtes  elegisches  Wort  wider  mein  Vermuten  naB,  weil  das  noch 
von  keiner  empfindsamen  Druckpresse  ausgekelterte  ubervolle 
Herz  beim  geringsten  Andruck  UberfloB.  Hundertmal  wollt'  ich 
unter  ihrem  Berichte  sagen:  o  ja  eben  deswegen  fing  Ihr  Leben 

10  zugleich  mit  dem  Winter  an,  weil  es  so  viele  Ahnlichkeiten  mit 
ihm  erhalten  sollte.  -  Du  windstiller,  wolkenloser  Tag!  noch  drei 
Worte  iiber  dich  wird  mir  doch  die  Welt  nicht  ubernehmen? 

Ich  kam  immer  naher  ans  Herzens-Zentralfeuer  der  Weiber  zu 
stehen;  und  sie  zogen  letzlich  milde  iiber  den  Pfarrer  los:  die 
besten  Weiber  verklagen  oft  gegen  einen  Fremden  ihre  Manner, 
ohne  sie  darum  im  geringsten  minder  zu  lieben.  Mutter  und  Frau 
meisterten  es  unter  dem  Essen,  daB  er  aus  jeder  Biicherauktion 
Opera  erstehe;  und  in  der  Tat  haschte  und  rang  er  nicht  sowohl 
nach  guten  oder  schlechten  Biichern  -  oder  nach  alten  -  oder 

20  neuen  -  oder  solchen,  die  er  las  -  oder  nach  Lieblingsbiichern  - 
sondern  bloB  nach  Biichern.  Die  Mutter  schalt  es  hauptsachlich, 
daB  er  so  viel  in  Kupferplatten  verschleudere :  einige  Stunden 
darauf  machte  sie  den  fur  den  Turmknopf  Geldprastationen  lei- 
stenden  SchultheiB,  der  eine  herrliche  Hand  schrieb,  darauf  auf- 
merksam,  wie  gut  ihr  Sohn  steche,  und  es  lohne  der  Miihe,  bei 
solchen  Anfangsbuchstaben  einen  Groschen  nicht  anzusehen. 

Sie  trugen  mir  darauf-  denn  wenn  die  Weiber  einmal  im  offen- 
herzigen  ErgieBen  sind,  so  schiitten  sie  (nur  muB  man  nicht  den 
Zapfhahn  der  Fragen  umdrehen)  gern  alles  aus  -  ein  Ringkast- 

30  chen  hin,  worin  er  einen  gefundnen  Kammerherrnschliissel  kon- 
servierte,  und  fragten  mich,  ob  ich  nicht  wiiBte,  wer  ihn  verloren. 
Wer  will  das  wissen,  da  es  beinahe  mehr  Kammerherren  als 
Dieteriche  gibt?  - 

Endlich  fassete  ich  Herz,  auch  nach  dem  Schrankchen  des  Er- 
trunknen  zu  fragen,  das  ich  bisher  im  ganzen  Hause  vergeblich 
gesucht.  Fixlein  selber  inquirierte  fruchtlos  darnach.  Thiennette 


I7O  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

gab  der  Alten  einen  zuredenden  Wink  voll  Liebe,  und  ich  wurde 
von  dieser  zu  einem  ausgespreizten  Reifrock  hinaufgefiihrt,  der 
das  Schrankchen  uberbauete.  Unterweges  sagte  die  Mutter,  sie 
hielten  es  vor  ihrem  Sohne  versteckt,  weil  ihn  das  Angedenken 
an  seinen  Bruder  schmerzen  wiirde.  Als  wir  diese  Depositenkasse 
der  Zeit,  woran  das  Schlofi  abgerissen  war,  gedffnet  hatten,  und 
als  ich  in  dieses  Gebeinhauschen  voll  Trummer  einer  kindlichen 
spielenden  Vorzeit  geschauet  hatte :  setzt'  ich  mir,  ohn'  ein  Wort 
zu  sagen,  vor,  diese  Spielwaren  der  Gebriider  Fixlein  noch  vor 
meiner  Abreise  vor  dem  lebenden  auszupacken:  konnt'  es  denn  10 
etwas  Schoners  geben,  als  die  uberschiitteten  eingesunknen  her- 
kulaneischen  Ruinen  der  Kindheit  ausgegraben  zu  erblicken  und 
frei  an  der  Luft?  - 

■  Die  Wochnerin  lieB  schon  zweimal  bei  mir  fragen,  ob  er  zu- 
ruckgekommen.  Er  und  sie  haben  gegeneinander,  eben  weil  sie 
ihrer  Liebe  nicht  den  schwachenden  Ausdruck  durch  Phrasen, 
sondern  den  starkenden  durch  Taten  geben,  eine  unaussprech- 
liche.  Andere  Brautleute  nagen  einander  die  Lippen  und  das  Herz 
und  die  Liebe  durch  Kiissen  ab,  wie  von  Christi  Statue  in  Rom 
(von  Angelo)  der  FuB  durch  Kiissen  abgegangen,  den  man  des-  20 
wegen  mit  Blech  versehen;  bei  andern  Brautleuten  kann  man  die 
Zahl  ihrer  Entziindungen  und  Ausbriiche,  wie  beim  Vesuv  die 
der  seinigen,  deren  noch  dreiundvierzig  sind,  voraus  ansagen:  - 
aber  in  diesen  Menschen  stieg  das  griechische  Feuer  einer  maBi- 
gen  und  ewigen  Liebe  auf,  warmte,  ohne  Funken  zu  versprengen, 
und  loderte  aufrecht,  ohne  zu  knistern.  -  Jetzt  schlaget  magischer 
die  Abend lohe  aus  den  Fenstern  der  Gartnershutte  in  meine  Lau- 
be,  und  mir  ist,  als  miiBt*  ich  zum  Schicksal  sagen :  »Hast  du  einen 
scharfen  Schmerz,  so  wirf  ihn  nur  lieber  in  meine  Brust  und  ver- 
schone  damit  drei  gute  Menschen,  die  zu  gliicklich  sind,  um  nicht  30 
daran  zu  verbluten,  und  zu  eingeschrankt  auf  ihr  kleines  dunkles 
Dorf,  um  nicht  zuriickzufahren  vor  dem  Wetterstrahl,  der  ein 
erschiittertes  Ich  aus  der  Erde  iiber  die  Wolken  reifiet.«  — 

Du  guter  Mann!  jetzt  kommt  er  eilig  iiber  die  Pfarrwiesen. 
Welche  schmachtende  Blicke  voll  Liebe  ruhen  schon  im  Auge 
deiner  Thiennette!  -  Was  wirst  du  uns  heute  Neues  aus  der  - 


ZWOLFTER  ZETTELKASTEN  171 

Stadt  mitbringen!  -  Wie  wird  dich  morgen  der  aufsteigende 
Turmknopf  laben !  - 


ZwOLFTER  ZETTELKASTEN 

Turmknopfs-Aszension  -  das  Schrankchen 

Wie  heute,  den  sechzehnten  Mai,  der  alte  Knopf  vom  Hukelumer 
Turm  abgedrehet  und  ein  neuer  ihm  aufgesetzet  worden,  das  will 
ich  jetzt  bestens  beschreiben,  aber  in  jenem  einfachen  historischen 
Stile  der  Alten,  der  vielleicht  groBen  Begebenheiten  am  besten  zu- 
sagt. 

10  Sehr  friih  kamen  in  einem  Wagen  derHerr  Hofvergolder  Zeddel 
und  der  Schlossermeister  Wdchser  und  die  neue  Peters-Kuppel 
des  Turmes  an.  Gegen  acht  Uhr  lief  die  Gemeinde  zusehends  zu- 
sammen,  die  aus  Nutritoren  des  Knopfes  bestand.  Ein  wenig  spa- 
ter  trafen  Herr  Dragonerrittmeister  von  Aufhammer  als  Patro- 
natsherr  der  Kirche  und  des  Turms  und  der  Gotteshausvor- 
steher  Streichert  ein.  Hierauf  begaben  ich  und  mein  Herr  Gevat- 
ter  Fixlein  uns  samt  den  Personen,  die  ich  schon  genannt  habe,  in 
die  Kirche  und  hielten  da  vor  unzahligen  Zuhorern  eine  Wochen- 
Betstunde.  Sodann  erschien  mein  Herr  Gevatter  oben  auf  der 

20  Kanzel  und  suchte  eine  Rede  zu  halten,  die  der  feierlichen  Hand- 
lung  angemessen  war;  -  er  verlas  nach  ihr  sofort  die  Namen  der 
Gonner  und  guten  Seelen,  durch  deren  Gratiale  der  Knopf  zu- 
sammengebracht  worden,  und  zeigte  der  ganzen  Gemeinde  die 
bleierne  Biichse  vor,  worin  sie  namentlich  war,  und  bemerkte, 
das  Buch,  woraus  er  sie  abgelesen,  werde  bloB  in  die  Pfarregistra- 
tur  beigelegt.  Darauf  hielt  ers  fiir  notig,  ihr  und  Gott  zu  danken, 
daB  er  zum  Entrepreneur  eines  solchen  Werks  wider  sein  Ver- 
dienst  ausersehen  worden.  Das  Ganze  beschloB  er  mit  einem  kur- 
zen  Gebet  fiir  den  Schieferdecker  Steckmann,  der  schon  auBen 

30  am  Turm  hing  und  den  alten  Schaft  ablosete,  -  und  bat,  daB  er 
nicht  den  Hals  oder  sonst  ein  GliedmaB  brechen  moge.  Nun 
wurde  ein  geistliches  Liedchen  gesungen,  das  die  meisten  auBen 
vor  der  Kirche  mitsangen,  weil  sie  schon  zum  Turm  hinaufsahen. 


172  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Nun  kamen  wir  auch  alle  heraus,  und  der  abgedankte  Knopf, 
gleichsam  der  abgeschnittene  Hahnenkamm  des  Turmes,  wurde 
niedergesenkt  und  abgebunden.  Der  Gotteshausvorsteher  Strei- 
chert  zog  ein  bleiernes  Besteck  aus  dem  miirben  Knopf,  das  mein 
Herr  Gevatter  zu  sich  steckte,  um  es  gelegentlich  durchzulesen ; 
ich  aber  sagte  zu  einigen  Bauern:  »Sehet,  so  werden  sich  euere 
Namen  auch  erhalten  im  neuen  Knopfe,  und  wenn  er  nach  spaten 
Jahren  heruntergezogen  wird:  so  ist  die  Biichse  darin,  und  der 
damalige  Pfarrer  lernt  euch  alle  kennen.«  -  Und  nun  wurde  der 
neue  Turmglobus  mit  dem  Blei-Napf,  worin  sich  die  Namen  der  10 
Umstehenden  aufhielten,  sozusagen  voll  geladen  und  saturieret 
und  ans  Zugseil  geheftet  -  und  jetzt  machte  sich  der  bisher  der 
Pfarrgemeinde  aufgesetzte  Schropf kopf  in  die  Hohe 

Beim  Himmel!  jetzt  ist  der  ungeschmuckte  Stil  eine  Sache 
auBer  meinem  Vermogen  -  denn  als  der  Knopf  riickte,  schwebte, 
stieg:  trommelte  es  mitten  im  Turm,  und  der  Schulmeister,  der 
vorher  aus  dem  gegen  die  Gemeinde  gerichteten  Schalloch  her- 
niedergesehen  hatte,  stieB  jetzt  mit  einer  Trompete  zu  einem  ein- 
samen  Seiten-Schalloch  heraus,  vor  dem  der  steigende  Knopf 
nicht  vorbeizog.  -  Aber  als  der  ganze  Kirchsprengel  zappelte  und  20 
jubelte,  je  hoher  das  Kapitell  seinem  Halse  kam  -  und  als  es  der 
Schieferdecker  empfing  und  herumdrehte  und  der  Spitze  gluck- 
lich  inkorporierte  -  und  als  er  eine  Baurede,  an  den  Knopf  sich 
lehnend,  zwischen  Himmel  und  Erde,  auf  diese  und  auf  uns  alle 
herunterhielt  -  und  als  meinem  Gevatter  vor  Wonne,  der  zeitige 
Pfarrer  zu  sein,  die  Tranen  in  den  Priesterornat  herabliefen:  so 
war  ich  der  einzige  -  wie  seine  Mutter  die  einzige  -,  in  deren 
Seelen  ein  gemeinschaftlicher  Kummer  eingrifT,  um  sie  zu  pressen 
bis  aufs  Bluten:  denn  ich  und  die  Mutter  hatten,  was  ich  nachher 
weitlauftiger  sagen  werde,  gestern  im  Kastchen  des  Ertrunknen  30 
von  seines  Vaters  Hand  gefunden,  daB  er  ubermorgen,  am  Kan- 
tate-  und  Taufsonntag,  -  zweiunddreiBig  Jahre  alt  werde.  -  O 
(dacht*  ich,  indem  ich  den  blauen  Himmel,  die  grlinen  Graber, 
den  glimmenden  Knopf,  den  weinenden  Pfarrer  anschauete),  so 
steht  der  arme  Mensch  allemal  mit  zugebundenen  Augen  vor 
deinem  scharfen  Schwerte,  unbegreif liches  Schicksal !  Und  wenn 


DREIZEHNTER  ZETTELKASTEN  I73 

du  es  aufziehest  und  schwingest,  ergotzet  ihn  das  Pfeifen  und 
Wehen  desselben  kurz  vor  dem  Schlage!  - 

Schon  gestern  wuBt'  ichs;  aber  ich  wollte  dem  Leser,  den  ich 
von  weitem  darauf  bereitete,  nichts  von  der  traurigen  Nachricht 
sagen,  dafi  ich  im  Schrankchen  des  untergegangnen  Bruders  eine 
alte  Hausbibel,  worin  die  Jungen  buchstabieren  lernten,  mit 
einem  weiBen  Buchbinderblatte  gefunden,  auf  das  der  Vater  die 
Geburtsjahre  seiner  Kinder  geschrieben  hatte.  Und  eben  dieses 
gab  dir,  du  arme  Mutter,  zeither  den  Kummer,  den  wir  kleinern 

10  Ursachen  beimaBen,  und  dein  Herz  stand  bisher  mitten  in  dem 
Regen,  der  uns  schon  voriibergezogen  und  in  einen  Regenbogen 
verwandelt  zu  sein  schien!  -  Nur  aus  Liebe  zu  ihm  hatte  sie  jahr- 
lich  einmal  gelogen  und  sein  Alter  verdeckt.  Recht  glucklicher- 
weise  machten  wir  den  Schrank  ohne  sein  Beisein  auf.  Ich  habe 
noch  immer  die  Absicht,  ihm  nach  dem  fatalen  Sonntage  mit  dem  . 
bunten  Nachlasse  seiner  Kindheit  und  mit  alten  Christgeschen- 
ken  neue  zu  machen.  Indes  wenn  wir  nur,  ich  und  die  Mutter, 
ihm  morgen  und  iibermorgen  unablassig  wie  Angelschwimm- 
federn  und  FuBblocke  nachriicken,  damit  kein  morderischer  Zu- 

zo  fall  den  Vorhang  vor  seinem  Geburtsschein  lufte:  so  ist  es  schon 
zu  machen.  Denn  jetzt  wiirde  freilich  das  Geburtsdatum  seinen 
Augen  im  metamorphotischen  Spiegel  seiner  aberglaubigen 
Phantasie  und  hinter  dem  vergroBernden  Zauberdunst  seiner 
jetzigen  Freuden  wie  eine  rote  Todes-Unterschrift  entgegen- 
brennen.  . . .  Aber  noch  dazu  sitzt  das  Blatt  aus  der  Bibel  schon 
hoher  als  wir  alle,  namlich  im  neuen  Turmknopf,  in  den  ichs 
heute  vorsichtig  eingeschoben  habe.  Eigentlich  hats  gar  keine 
Not. 

Dreizehnter  Zettelkasten 
30  Tauftag 

Heute  ist  der  einfaltige  Kantatesonntag:  aber  es  ist  nichts  mehr 
von  ihm  noch  da  als  eine  Stunde.  -  Beim  Himmel!  vergniigt 
waren  wir  heute  sehr.  Ich  glaube,  ich  habe  so  gut  getrunken  wie 


174  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

ein  anderer.  -  Man  sollte  sich  aber  freilich  in  allem  maBigen,  im 
Schreiben,  Trinken  und  Freuen;  und  wie  man  den  Bienen  Stroh- 
halme  in  den  Honig  legt,  damit  sie  nicht  in  ihrem  Zucker  ertrin- 
ken,  so  sollte  man  allezeit  einige  feste  Grundsatze  und  Zweige 
vom  Baume  des  Erkenntnisses  in  seinen  Lebenssirup  statt  jener 
Strohhalme  werfen,  damit  man  sich  darauf  erhielte  und  nicht 
darin  wie  eine  Ratte  ersoffe.  Ich  will  aber  jetzt  im  Ernste  ordent- 
lich  —  schreiben  (und  auch  leben)  und  daher,  um  kalter  den  Tauf- 
aktus  zu  referieren,  mein  Feuer  mit  Nachttau  ausgieBen  und  noch 
eine  Stunde  hinauslaufen  in  die  mit  Bliiten  und  Wellen  gestickte  10 
Nacht,  wo  ein  lauer  Morgenwind  sich  diiftetrunken  aus  Bluten- 
gipfeln  auf  gebogne  Blumen  herunterwirft  und  uber  Wiesen 
streicht  und  endlich  auf  eine  Woge  fliegt  und  auf  ihr  den  schim- 
mernden  Bach  herunterfahrt.  O  drauBen  unter  den  Sternen,  un- 
ter  den  Tonen  der  Nachtigall,  die  nicht  am  Echo,  sondern  an  den 
fernen  herabschimmernden  Welten  zuriickzuschlagen  scheinen, 
neben  dem  Monde,  den  der  sprudelnde  Bach  am  gestickten  ge- 
wasserten  Bande  fortzieht  und  der  unter  die  kleinen  Schatten  des 
Ufers  wie  unter  Wolken  einkriecht,  o  unter  solchen  Gestalten 
und  Tonen  wird  der  Mensch  ernst,  und  wie  das  Abendlauten  20 
sonst  erklang,  um  den  Wanderer  durch  die  groBen  Waldungen 
in  die  Nachtheimat  zuriickzuweisen,  so  sind  in  der  Nacht  solche 
Stimmen  in  uns  und  um  uns,  die  uns  aus  unsern  Irrgangen  rufen 
und  die  uns  stiller  machen,  damit  wir  unsere  Freuden  maBigen 
und  fremde  malen  konnen.  . . 


Ich  komme  ruhig  und  kiihl  genug  zurtick  zur  Erzahlung.  Ge- 
stern  HeB  ich  meinen  Gevatter,  wie  eine  alte  Niirnbergerin  ihren 
Juden,  keine  Stunde  aus  den  Augen,  damit  ich  ihn  vor  der  Brun- 
nenvergiftung  seines  eignen  Lebens  beschiitzte.  Er  gab  voll  Va- 
terfreude  und  mit  dem  Skelett  der  Predigt  in  der  Hand,  die  er  auf  30 
heute  memorierte,  alles  her,  Fischhamen,  Zinnschrankschiisseln 
und  Gewurzbuchsen,  und  machte  mich  auf  die  Fruchtkorbchen 
voll  Freuden  aufmerksam,  die  der  Kantatesonntag  allemal  fur  ihn 
pfliickte  und  fiillte.  Er  zahlte  mir,  weil  ich  nicht  wegging,  seine 


DREIZEHNTER  ZETTELKASTEN  I75 

Kindtaufsgerichte  vor,  seine  Amtsfalle,  seine  Verwandten  und 
benahm  mir  meine  Unwissenheit  in  den  ofTentlichen  Einkiinften 
-  seiner  Pfarre,  in  der  Volksmenge  der  Beichtkinder  und  der 
kunftigen  Katechumenen.  Hier  aber  bin  ich  in  der  Angst,  daB 
mancher  Leser  sich  vergeblich  hinsetzen  und  es  doch  nicht  her- 
ausbringen  werde,  warum  ich  zu  Fixlein  sagte :  »Herr  Gevatter, 
besser  wird  sichs  wohl  kein  Mensch  wiinschen.«  Ich  log  nicht; 

denn  es  ist  so Man  lese  aber  die  Note.1 

Endlich  ging  der  Sonntag  auf,  der  heutige,  und  es  wurde  an 

10  diesem  heiligen  Tage,  bloB  weil  mein  Patchen  zum  Christentum, 
obwohl  ohne  eine  groBere  niirnbergische  Konvertitenbibliothek 
als  die  Taufagende,  iibertreten  wo  lite,  ein  groBer  Larm  gemacht: 
sooft  sich  jemand  bekehrt,  zumal  Volker,  so  wird  gelarmt  und 
geschossen;  ich  berufe  mich  auf  zwei  dreiBigjahrige  Kriege,  auf 
den  neuern  und  auf  den,  den  Karl  ebensolange  mit  den  heidni- 
schen  Sachsen  fiihrte;  so  schieBet  die  Sonne  im  Palais  royal  bei 
ihrem  Durchgang  durch  den  Mittagszirkel  eine  Kanone  los.  Aber 
gerade  nach  dem  kleinen  Unchristen,  nach  meinem  Patchen, 
wurde  am  Morgen  am  wenigsten  gefragt;  weil  man  wegen  der 

20  Taufe  keine  Zeit  hatte,  an  den  Tauf  ling  zu  denken.  Daher  setzte 
ich  allein.mit  ihm  den  halben  Vormittag  herum  und  erteilte  ihm 
unterweges  im  Fluge  die  Nottaufe,  indem  ich  ihn  fruher  Jean 
Paul  nannte  als  der  Taufer.  Mittags  lieBen  wir  das  Rindfleisch 
wegtragen,  wie  es  gekommen  war:  die  Gliickssonne  hatte  alien 
Magensaft  aufgetrocknet.  Nun  sahen  wir  uns  nach  Pracht  um,  ich 
nach  kiinstlichen  Verkropfungen  an  meiner  Haar-Baute,  das  Pat- 
chen nach  dem  Taufhemde  und  die  Kindbetterin  nach  einer  Vi- 
sitenhaube.  Noch  ehe  man  die  Kinderklapper  des  Taufglock- 
chens  schuttelte,  stellten  ich  und  die  Hebamme  neben  dem  Bette 

30  der  Mutter  auf  dem  Gesichte  des  kleinen  Nichtchristen  physio- 
gnomische  Reisen  an  und  brachten  davon  die  Entdeckung  mit, 
daB  einige  Ziige  der  Mutter  und  viele  feste  Teile  mir  nachgebos- 
selt  waren,  welche  doppelte  Ahnlichkeit  den  Leser  nicht  interes- 

1  Hier  ist  eine  lange  philosophische  Erlauterung  unentbehrlich,  die  man 
unter  dem  Titel  Naturliche  Magie  der  Einbildungskraft  in  diesem  Buche 
antriffr. 


I76  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

sieren  soil.  Jean  Paul  sieht  nach  seinen  Jahren  schon  auBerordent- 
lich  gescheut  aus,  oder  vielmehr  nach  seinen  Minuten,  denn  ich 
rede  vom  kleinen.  — 

Jetzt  indent'  ich  aber  fragen;  welcher  deutsche  Schriftsteller 
getrauete  sich  wohl,  ein  groBes  historisches  Blatt  aufzuspannen 
und  vollzumalen,  auf  dem  wir  alle  standen,  wie  wir  in  die  Kirche 
zogen?  MiiBt'  er  nicht  den  Kindesvater  entwerfen,  mit  ausgebiir- 
stetem  Priesterornate,  langsam,  andachtig  und  gcriihrt  einher- 
gehend?  —  Hatt'  er  nicht  den  Gevatter  zu  skizzieren,  der  heute 
seinen  Namen  ausleihen  will,  welchen  er  von  zwei  Aposteln  her  10 
hat  (von  Johannes  und  Paulus),  wie  Julius  Cdsar  den  seinigen 
zweien  noch  bis  auf  den  heutigen  Tag  lebenden  Dingen  verlieh 
(einem  Monat  und  einem  Throne)?  -  Und  miiBt'  er  nicht  das 
Patchen  aufs  Blatt  setzen,  mit  dem  sogar  der  Kaiser  Joseph  Milch- 
briiderschaft  in  seinen  alten  Tagen  trinken  wurde,  wenn  er  noch 
darin  ware?  - 

Ich  habe  mir  hundertmal  in  der  Stube  iiber  Feierlichkeiten  zu 
lacheln  vorgenommen,  bei  denen  ich  nachher,  wenn  ich  ihnen  bei- 
wohnte,  unwillkurlich  ein  petnfiziertes  Gesicht  hatte  voll  An- 
stand  und  Ernst.  Denn  als  der  Schulmeister  vor  dem  Aktus  zu  2o 
orgeln  anfing  -  welches  wohl  noch  keinem  Kinde  in  Hukelum 
widerfuhr  -  und  als  der  holzerne  Taufengel,  wie  ein  Genius  nie- 
dergeflogen,  seine  angemalten  Holz-Arme  der  Taufschiissel  un- 
terbreitete  und  als  ich  am  nachsten  an  seinem  iibergoldeten  Fit- 
tich  stand:  so  zog  mein  Blut  langsam-feierlich,  warm  und  dicht 
durch  meinen  pulsierenden  Kopf  und  durcri  meine  Lunge  voll 
Seufzer;  und  ich  wiinschte  trauriger,  als  ich  mir  tue,  dem  stillen, 
in  meine  Arme  gesenkten  Liebling,  dem  die  Natur  noch  die  un- 
reifen  Augen  vor  der  vollen  Perspektive  der  Erde  zuhielt,  fiir  die 
Zukunft  einen  so  sanften  Schlaf  wie  heute,  einen  so  guten  Engel  30 
wie  heute,  nur  aber  einen  lebendigern,  damit  er  ihn  in  eine  le- 
bendigere  Religion  geleite  und  ihn  mit  seiner  unsichtbaren  Hand 
durch  die  Waldung  des  Lebens  und  durch  ihre  fallenden  Baume 
und  wilde  Jager  und  Sturme  unverloren  bringe.  .  .  .  Sollt*  ich 
mich  nicht  vor  der  Welt  dariiber  entschuldigen  konnen,  daB  ich, 
als  ich  seitwarts  auf  dem  vaterlichen  Gesichte  Gebete  fiir  den 


VIERZEHNTER  ZETTELKASTEN  1 77 

Sohn  und  Freudentranen  sah,  die  in  die  Gebete  tropften,  und  als 
ich  auf  dem  Gesichte  der  GroBmutter  weit  dunklere,  schnell  ver- 
wischte  Tropfen  erblickte,  die  sie  nicht  bezwingen  konnte,  weil 
ich,  nach  der  alten  Frage,  fur  das  Kind  bei  Ableben  der  Eltern  zu 
sorgen  verhieB,  bin  ich  nicht  zu  entschuldigen,  daB  ich  dann  die 
Augen  tief  auf  das  Patchen  niederschlug,  bloB  um  es  zu  verber- 
gen,  daB  sie  mir  ubergingen?  -  Denn  ich  dachte  ja  daran,  daB 
sein  Vater  vielleicht  heute  vor  einer  vorspringenden  Larve  des 
Todes  erstarren  kann;  ich  dachte  ja  daran,  daB  der  arme  Kleine 

10  die  zusammengebogene  Lage  im  Mutterleib  mit  einer  freiern  nur 
vertauschet  habe,  um  sich  bald  noch  heftiger  im  engen  Spielraum 
des  Lebens  einzukrummen;  ich  dachte  an  seine  notwendigen 
Narrheiten  und  Irrtiimer  und  Siinden,  an  diese  beschmutzten 
Stufen  zum  griechischen  Tempel  unserer  Vervollkommung;  ich 
dachte  daran,  daB  einmal  sein  eignes  Feuer  des  Genies  ihn  ein- 
aschern  konne,  wie  einer,  der  sich  elektrisieren  lasset,  sich  mit 
seinem  eignen  Blitze  erschlagen  kann.  . . .  Alle  theologische 
Wiinsche,  die  ich  ihm  auf  dem  damit  bedruckten  Patenzettel  an 
seinen  jungen  Busen  steckte,  gliihten  in  meinem  noch  einmal  ge- 

20  schrieben Aber  die  weiBe  Federnelke  meiner  Freude  hatte  dann 

wieder  wie  allemal  einen  blutigen  Punkt  -  ich  trug  gleich  einem 
Spechte  wieder  wie  allemal  in  einen  Totenschadel  zu  Nest. . .  . 
Und  da  ichs  leider  jetzt  auch  wieder  tue:  so  soil  die  Schilderung 
des  Tauftages  heute  aus  sein  und  morgen  fortschreiten.  . . . 


VlERZEHNTER  ZETTELKASTEN 

* 

O  so  ists  immer!  So  ziindet  das  Schicksal  das  Theater  unserer 
kleinen  Lustspiele  an  und  den  schon  gemalten  Vorhang  der  Zu- 
kunft!  So  windet  sich  die  Schlange  der  Ewigkeit  um  uns  und 
unsere  Freuden  und  zerdriickt  wie  die  Konigsschlange  durch 
30  ihre  Ringe,  was  sie  nicht  vergiftet!  Du  guter  Fixleinl  -  Ach  ich 
konnte  gestern  nachts  mir  nicht  vorstellen,  daB  du  Armer,  indem 
ich  neben  dir  schrieb,  schon  in  den  giftigen  Erdschatten  des  Todes 
ruck  test. 


I78  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Er  machte  gestern  noch  so  spat  die  im  alten  Turmknopf  ge- 
fundne  Bleibuchse  auf-  das  Verzeichnis  derer,  die  zum  vorigen 
Turmbau  gegeben  hatten,  war  darin,  und  er  las  es  erst  jetzt,  weil 
ihn  bisher  meine  Gegenwart  und  seine  Geschafte  darin  gestoret 
hatten.  -  O  wie  soil  ichs  nennen,  daB  er  gerade  sein  Geburtsjahr, 
das  ich  in  den  neuen  Knopf  verhehlet,  in  dem  alten  finden  muBte, 
daB  im  Register  der  Leute,  die  den  Bau  unterstutzet  hatten,  ge- 
rade der  Name  seines  Vaters  mit  dem  Zusatz  eingeschrieben 
stand :  »er  schenk'  es  fur  seinen  neugebornen  SohnEgidius  etc.«?  - 

Dieser  Schlag  ging  tief  in  seine  Brust  bis  zum  Spalten  -  in  die-  10 
ser  warmen  Stunde  voll  Vaterfreude,  nach  so  schonen  Tagen, 
nach  so  schonen  Einrichtungen,  nach  so  oft  iiberlebter  Todes- 
angst  steigt  in  das  helle  glatte  Meer,  das  ihn  wiegend  fiihrte, 
schnaubend  das  Seeungeheuer  des  Todes  aus  dem  vermoderten 
Abgrund  herauf  -  und  des  Untiers  Rachen  klafft,  und  das  stille 
Meer  zieht  in  Wirbeln  in  den  Rachen  und  nimmt  ihn  mit. 

Aber  der  Geduldige  Iegte  still  und  langsam  und  mit  einem,  ob- 
wohl  todlich-erkalteten,  doch  schweigenden  Herzen  die  Blatter 
zusammen  —  blickte  sanft  und  fest  iiber  den  Gottesacker,  auf  dem 
er  im  Mondschein  den  Hiigel  seines  Vaters  unterscheiden  konnte  20 
-  schauete  furchtsam  auf  zum  Himmel  voll  Sterne,  iiber  den  sich 
ein  weiBer  Wetterbaum  ausstreckte  -  und  ob  er  sich  gleich  ins 
Bette  sehnte,  um  sich  einzubauen  und  alles  zu  verschlafen,  so 
betete  er  doch  vorher  am  Fenster  fur  Weib  und  Kind,  im  Falle 
diese  Nacht  die  letzte  ware. 

Hier  schlug  es  auf  dem  Turm  zwolf  Uhr;  aber  eine  ausge- 
brochene  Eisenzacke  lieB  die  Gewichter  in  einem  fort  rollen  und 
den  Glockenhammer  fortschlagen  -  und  er  horte  schauerlich  die 
Drahte  und  die  Rader  rasseln,^und  ihm  war,  als  lieBe  jetzt  der 
Tod  alle  langere  Stunden,  die  er  noch  zu  leben  gehabt,  hinterein-  30 
ander  ausschlagen  -  und  nun  wurd'  ihm  der  Gottesacker  beweg- 
lich  und  zitternd,  das  Mondslicht  flackerte  an  den  Kirchfenstern, 
und  in  der  Kirche  schossen  Lichter  herum,  und  im  Gebeinhause 
rings  an,  sich  zu  regen. 

Da  schauerte  ihn,  und  er  Iegte  sich  ins  Bette  und  schloB  die 
Augen,  um  nichts  zu  sehen;  -  aber  die  Phantasie  blies  jetzt  im 


VIERZEHNTER  ZETTELKASTEN  I79 

Dunkel  den  Staub  der  Toten  auf  und  trieb  ihn  zu  aufgerichteten 
Riesen  zusammen  und  jagte  die  hohlen  aufgerissenen  Larven 
wechselnd  in  Blitze  und  Schatten  hinein.  -  Dann  wurden  endlich 
farbige  Traume  aus  den  durchsichtigen  Gedanken,  und  es  traumte 
ihn:  er  sehe  aus  seinem  Fenster  in  den  Gottesacker,  und  der  Tod 
krieche  klein  wie  ein  Skorpion  darauf  herum  und  suche  sich  seine 
Glieder.  Darauf  fand  der  Tod  Armrohren  und  Schienbeine  auf 
den  Grabern  und  sagte:  »Es  sind  meine  Gebeine«,  und  er  nahm 
ein  Riickgrat  und  die  Knochen  und  stand  damit,  und  die  zwei 

10  Armrohren  und  griff  damit,  und  fand  am  Grabe  des  Vaters  von 
Fixlein  einen  Totenschadel  und  setzte  ihn  auf.  —  Alsdann  hob  er 
eine  Grassichel  neben  dem  Blumengartchen  auf  und  rief :  »Fix- 
lein,  wo  bist  du?  Mein  Finger  ist  ein  Eiszapfen  und  kein  Finger, 
und  ich  will  damit  an  dein  Herz  tippen.«  -  Jetzt  suchte  das  zu- 
sammengestoppelte  Gerippe  den,  der  am  Fenster  stand  und  nicht 
weg  konnte,  und  trug  statt  der  Sanduhr  die  ewig  aiisschlagende 
Turmuhr  in  der  andern  Hand  und  hielt  den  Finger  aus  Eis  weit 
in  die  Liift  wie  einen  Dolch. ... 

Da  sah  er  den  Sohn  oben  am  Fenster  und  richtete  sich  so  hoch 

20  bis  an  den  Wetterbaum  auf,  um  ihm  den  Finger  gerade  in  die 
Brust  zu  stoBen  -  und  schritt  wider  ihn.  Aber  so  wie  er  weiter- 
schritt,  wurden  seine  gebleichten  Knochen  roter,  und  Dufte 
flossen  wollicht  um  seine  stechende  Gestalt.  -  Blumen  schlugen 
schnellend  auf,  und  er  blieb,  verklart  und  ohne  Knochenerde, 
iiber  ihnen  schweben,  und  der  Balsamatem  aus  den  Blumen- 
kelchen  hauchte  ihn  wiegend  weiter  -  und  als  er  naherkam,  war 
Uhr  und  Sichel  weggeflossen,  und  er  hatte  im  Brust-Gerippe  ein 
Herz  und  auf  dem  Knochenschadel  einen  roten  Mund  -  und  noch 
naher  ring  ein  weichendes,  durchsichtiges,  in  Rosenduft  getauch- 

30  tes  Fleisch  gleichsam  den  Widerschein  eines  hinter  dem  Sternen- 
blau  fliegenden  Engels  auf  -  und  am  nachsten  wars  ein  Engel  mit 

geschlossenen  schneeweiBen  Augenlidern 

Das  wie  eine  Harmonikaglocke  zitterhde  Herz  meines  Freun- 
des  zerfloB  selig  in  die  weite  Brust  -  und  als  der  Engel  die  himm- 
lischen  Augen  aufschlug:  so  wurden  seine  von  der  schweren 
Himmelswonne  zugedriickt,  und  sein  Traum  zerrann. 


l8o  LEBEN  DES  QUlNTUS  FIXLEIN 

Aber  sein  Leben  nicht:  er  offnete  die  heiBen  Augen,  und  -  sein 
gutes  Weib  hatte  seine  fieberhafte  Hand  und  stand  am  Platze  des 
Engels. 

Das  Fieber  setzte  am  Morgen  ab;  aber  der  Glaube  ans  Sterben 
pulsierte  im  ganzen  Geader  des  Armen.  Er  lieB  sich  sein  schones 
Kind  in  das  Krankenbette  reichen  und  driickte  es  schweigend,  ob 
es  gleich  zu  schreien  anfing,  zu  hart  an  seine  vaterlich  beklom- 
mene  Brust.  Dann  gegen  Mittag  wurde  seine  Seele  ganz  kiihl,  und 
das  schwiile  Gewolk  zog  in  ihr  zuriick.  -  Und  hier  erzahlt'  er  uns 
eben  die  bisherigen  (gleichsam  arsenikalischen)  Phantasien  seines  10 
sonst  beruhigteh  Kopfes.  Aber  eben  die  straffen  Nerven,  die  sich 
nicht  so  wie  die  eines  Dichters  unter  den  Griffen  und  Rissen  einer 
poetischen,  den  Schmerz  abspielenden  Hand  gezogen  haben, 
springen  und  reiBen  unter  der  gewaltsamen  Faust  des  Schicksals 
leichter,  die  den  MiBton  heftig  in  die  angespannten  Saiten  greift. 

Aber  gegen  Abend  rannten  seine  Ideen  wieder  in  einem  Fackel- 
tanz  wie  Feuersaulen  um  seine  Seele :  jede  Ader  wurde  eine  Zund- 
rute,  und  das  Herz  trieb  brennende  Naphthaquellen  in  das  Ge- 
hirn.  Jetzt  wurde  alles  in  seiner  Seele  blutig;  das  Blut  seines  er- 
trunknen  Bruders  floB  mit  dem  Blute,  das  aus  Thiennettens  Ader-  20 
laBwunde  langst  gedrungen  war,  in  einen  Blutregen  zusammen  - 
ihm  kam  immer  vor,  er  sei  in  der  Verlobungsnacht  in  dem  Gar- 
ten, und  er  begehrte  immer  Schrauben  zum  Blutstillen  und  wollte 
sein  Haupt  in  den  Turmknopf  verstecken.  Nichts  tut  weher,  als 
einen  maBigen  vernunftigen  Menschen,  ders  sogar  in  Leiden- 
schaften  blieb,  im  poetischen  Unsinn  des  Fiebers  toben  zu  sehen. 
Und  doch,  wenn  nur  die  kiihle  Verwesung  das  heiBe  Gehirn  be- 
sanftigt  und  wenn,  wahrend  der  Qualm  und  Schwaden  eines  auf- 
brausenden  Nervengeistes  und  wahrend  die  zischenden  Wasser- 
hosen  der  Adern  die  erstickte  Seele  umfassen  und  verfinstern,  30 
wenn  ein  hoherer  Finger  in  den  Nebel  dringt  und  den  armen  be- 
taubten  Geist  plotzlich  aus  dem  Brodem  auf  eine  Sonne  hebt: 
wollen  wir  denn  lieber  klagen  als  bedenken,  daB  das  Schicksal 
dem  Augen- Wundarzte  gleicht,  der  gerade  in  der  Minute,  eh'  er 
dem  einen  blinden  Auge  die  Lichtwelt  aufschlieBet,  auch  das  an- 
dere  sehende  zubindet  und  verdunkelt? 


LETZTES  KAPITEL  l8l 

Aber  der  Schmerz  tut  mir  zu  wehe,  den  ich  von  Thiennettens 
blassen  Lippen  lese,  wiewohl  nicht  hore.  Es  ist  nicht  das  Ver- 
ziehen  eines  Marter-Krampfes,  noch  das  Entzunden  eines  ver- 
siegten  Auges,  noch  das  laute  Jammern  oder  das  heftige  Be- 
wegen  eines  geangstigten  Korpers,  was  ich  an  ihr  sehe :  sondern 
das,  was  ich  an  ihr  sehen  muB  und  was  das  mitleidende  Herz  zu 
heftig  zerreiBet,  das  ist  ein  bleiches,  stilles,  unbewegliches,  nicht 
verzognes  Angesicht,  ein  blasses  blutloses  Haupt,  das  der  Schmerz 
nach  dem  Schlage  gleichsam  wie  das  Haupt  einer  Gekopften 

10  leichenweift  in  die  Luft  hinhalt;  denn  o!  auf  dieser  Gestalt  sind 
alle  Wunden,  aus  denen  sich  der  dreischneidige  Dolch  gezogen, 
fest  wieder  zugefallen,  und  das  Blut  quillet  verdeckt  unter  der 
Wunde  in  das.  erstickende  Herz.  O  Thiennette,  gehe  vom  Kran- 
ken  weg  und  verbirg  das  Angesicht,  das  uns  sagt:  »Nun  weiB  ich 
doch,  daB  ich  niemals  auf  der  Erde  glucklich  sein  soil  -  nun  hofF 
ich  nicht  mehr  -  mdcht'  es  nur  bald  voriiber  sein  mit  diesem 
Leben  1« 

Man  begreifet  meine  Betriibnis  nicht,  wenn  man  das  nicht 
weiB,  was  mir  vor  einigen  Stunden  die  zu  laut  klagende  Mutter 

zo,  gestanden.  Thiennette,  die  langst  und  immer  vor  seinem  zwei- 
unddreiBigsten  Jahre  gezittert  hatte,  war  diesem  Aberglauben  mit 
einem  andern  edlern  entgegengegangen :  sie  war  namlich  absicht- 
lich  am  Traualtar  weiter  zuriickgestanden  und  in  der  Brautnacht 
fruher  eingeschlafen,als  er,  urn  dadurch  -  wie  es  der  Volks-Wahn 
ist  -  zuwege  zu  bringen,  daB  sie  auch  fruher  sterbe.  Ja,  sie  ist 
entschlossen,  wenn  er  stirbt,  seiner  Leiche  eines  ihrer  Kleidungs- 
stiicke  mitzugeben,  um  fruher  in  die  Nachbarschaft  seiner  kalten 
Hohle  hinabzukommen.  Du  gute,  du  treue  Gattin,  aber  du  un- 
gliickliche!- 

30  '   Letztes  Kapitel 

Ich  bin  aus  Hukelum  und  mein  Gevatter  aus  dem  Bette,  und 
einer  ist  so  gesund  wie  der  andere.  Die  Kur  war  so  narrisch  wie 
die  Krankheit. 

Ich  fiel  zuerst  darauf,  ob  nicht,  wie  Boerhaave  Konvulsionen 


l82  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

durch  Konvulsionen  heilte,  bei  ihm  Einbildung  durch  Einbildung 
zu  kurieren  ware,  durch  die  namlich,  er  sei  noch  kein  Zweiund- 
dreiBiger,  sondern  etwan  ein  Sechser,  ein  Neuner.  Phantasien 
sind  Traume,  die  kein  Schlaf  umgibt,  und  alle  Traume  tragen  uns 
in  die  Jugend  zuriick:  warum  nicht  auch  Phantasien?  -  Ich  be- 
fahl  also  alien  die  Entfernung  vom  Patienten:  blofi  die  Mutter 
sollte,  wahrend  die  feurigsten  Meteoren  vor  seiner  fieberhaften 
Seele  flogen  und  zischten,  allein  bei  ihm  sitzen  und  ihn  anreden, 
als  wenn  er  ein  Kind  von  acht  Jahren  ware.  Auch  sollte  sie  den 
Bettspiegel  verhangen.  Sie  tats  —  machte  ihm  weis,  er  habe  das  10 
Ausbruchsfieber  der  Blattern  -  und  als  er  sagte :  »Der  Tod  steht 
mit  zweiunddreiBig  spitzigen  Zahnen  vor  mir  und  will  damit  mein 
Herz  zerkauen«,  so  sagte  sie :  »Kleiner,  ich  gebe  dir  deinen  Fall- 
hut  und  dein  Schreibbuch  und  dein  Besteck  und  deinen  Husaren- 
pelz  wieder  und  noch  mehr,  wenn  du  fromm  bist.«  Etwas  Ver- 
nunftiges  hatt'  er  weniger  aufgefasset  und  begriffen  als  dieses 
Narrische. 

Endlich  sagte  sie  -  denn  im  groBten  Schmerze  werden  einer 
Frau  Rollen  der  Verstellung  leicht  -:  »Ich  wills  nur  noch  einmal 
probieren  und  dir  deine  Spiel waren  geben;  aber  komme  mir  wie-  20 
der,  Schelm,  und  werfe  dich  so  im  Bette  herum  mit  deinen  Blat- 
tern l«  -  Und  nun  schiittete  sie  aus  der  gefullten  Schiirze  alle  Spiel- 
und  Kleidungswaren,  die  ich  in  dem  Schranklein  des  ertrunknen 
Bruders  gefunden,  in  das  Bette  hinein.  Zuallererst  sein  Schreib- 
buch, worauf  er  selber  damals  seinen  achtjahrigen  Namen  ge- 
schrieben,  den  er  fur  seine  Hand  rekognoszieren  muBte  -  dann 
den  schwarz-samtnen  Fallhut  -  dann  die  rot-weiBen  Lauf bander 

-  sein  Kindermesser-tBesteck  mit  einem  Heft  von  Zinnblattchen  - 
seinen  griinen  Husarenpelz,  dessen  Aufschlage  sich  harten  -  und 
einen  ganzen  orbis  pictus  oder  fictus  der  Niirnberger  figurierten  30 
Marionetten-Welt 

Der  Kranke  erkannte  den  Augenblick  diese  vorragenden 
Spitzen  einer  im  Strome  der  Zeit  untergegangnen  Friihlingswelt 

-  diesen  Halbschatten,  diese  Dammerung  versunkner  Tage  - 
diese  Brand-  und  Schadelstatte  einer  himmlischen  Zeit,  die  wir 
nie  vergessen,  die  wir  ewig  lieben  und  nach  der  wir  noch  auf  dem1 


LETZTES  KAPITEL  1 83 

Grabe  zuriicksehen. . . .  Und  als  er  das  sah,  drehte  er  langsam 
den  Kopf  umher,  wie  wenn  ein  langer  triiber  Traum  aufgehoret 
hatte,  und  sein  ganzes  Herz  floB  in  warmen  Tranenregen  herab, 
und  er  sagte,  indem  sich  seine  vollen  Augen  an  die  Augen  der 
Mutter  anschlossen:  »Lebet  denn  aber  mein  Vater  und  mein 
Bruder  noch?«  -  »Sie  sind  nicht  langst  gestorben«,  sagte  die 
wunde  Mutter;  aber  ihr  Herz  war  iiberwaltigt,  und  sie  kehrte  das 
Auge  weg,  und  bittere  Tranen  fielen  aus  dem  niedergebiickten 
Haupte  ungesehen.  Und  hier  ubergoB  auf  einmal  jener  Abend, 

10  wo  er  durch  den  Tod  seines  Vaters  bettlagerig  und  durch  seine 
Spielwaren  genesen  war,  seine  Seele  mit  Glanz  und  Lichtern  und 
Vergangenheit. 

Nun  farbte  sich  der  Wahnsinn  Rosenftiigel  in  der  Aurora  un- 
sers  Lebens  und  fachelte  die  schwiile  Seele  -  er  schiittelte  Schmet- 
terlings-Goldstaub  von  seinem  Gefleder  auf  den  Steig,  auf  das 
Blumenwerk  des  Leidenden  -  in  der  Feme  gingen  schone  Tone, 
in  der  Feme  flogen  schone  Wolken  —  o  das  Herz  wollte  sich  zer- 
legen,  aber  bloB  in  flatternde  Staubfaden,  in  weiche  fassende  Ner- 
ven;  das  Auge  wollte  zerfliefien,  aber  bloB  in  Tautropfen  fur  die 

20  Kelche  der  Freudenblumen,  in  Blutstropfen  fur  fremde  Herzen; 
die  Seele  wallete,  zuckte,  st6hnte,.sog  und  schwamm  im  heiBen, 

losenden  Rosenduft  des  schonsten  Warms 

Die  Wonne  ziigelte  sein  fleberhaftes  Herz,  und  seine  tobenden 
Pulse  stillten  sich.  Am  Morgen  darauf  wollte  die  Mutter,  als  sie 
sah,  es  gelinge  alles,  gar  zur  Kirche  lauten  lassen,  um  ihm  weis- 
zumachen,  er  sei  schon  beim  zweiten  Sonntag.  Aber  die  Frau  ver- 
warf  (vielleicht  aus  Scham  vor  mir)  das  Beliigen  und  sagte,  man 
konne  ja,  es  sei  dasselbe,  den  Datumszeiger  an  seiner  Stutzuhr 
(aber  anders  wie  Hiskias  Sonnenuhr)  um  acht  Tage  vorwarts- 

50  rucken,  um  so  mehr,  da  er  bisher  lieber  aufstand  und  nach  der 
Uhr  schauete,  »den  wievielten  er  habe«,  als  hinlangte  und  im 
Kalender  nachsah.  Ich  meines  Orts  ging  bloB  hinauf  zu  ihm  und 
befragte  ihn:  »ob  er  toll  ware  -  was  er  denn  mit  seiner  narrischen 
Todesfurcht  noch  haben  wolle,  da  er  so  lange  liege  und  sehe,  daB 
er  den  Kantatesonntag  schon  hinter  sich  habe,  und  doch  an  der 
bloBen  Angst  verdorre  zu  einer  Dachschindel.« 


184  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Eine  herrliche  Verstarkung  stieB  zu  mir,  der  Fleischer  oder 
Quartiermeister.  Er  brach  angstlich,  ohne  die  Weiber  zu  salu- 
tieren,  herein,  und  ich  nahm  sofort  das  laute  Wort:  »Mein  Ge- 
vatter  geht  mir  nahe  genug,  Herr  Regimentsquartiermeister;  - 
gestern  lieB  er  sich  einreden,  er  sei  wenig  alter  als  sein  leiblicher 
Sohn,  und  hier  ist  noch  der  Fallhut,  den  er  aufsetzen  wollte.«  - 
Der  Vormund  sakramentierte  und  sagte:  »MiindeI!  ist  Er  denn 
ein  Pfarrer  oder  ein  Narr?  -  Hah'  Ihms  doch  so  oft  vorgehalten, 
daB  es  hierin  mit  Ihm  hapert!«  - 

Endlich  sah  er  selber,  er  sei  nicht  recht  gescheut,  und  wurde  10 
gesund;  auBer  den  vormundschaftlichen  Invektiven  trugen  viel 
meine  Eide  dazu  bei,  ich  wiird'  ihn  fur  keinen  rechtschaffenen  Ge- 
vatter  erkennen  und  kein  Wort  von  seiner  Biographie  edieren, 
wenn  er  nicht  nachstens  aufstande  und  genase. . . . 

-  Kurz,  er  hatte  gegen  mich  so  viel  Lebensart  und  Welt,  daB 
er  sich  aufsetzte  und  genas.  —  Er  krankelte  wohl  noch  am  Sonn- 
abend  und  konnte  am  Sonntage  noch  keine  Predigt  halten  (etwas 
Ahnliches  las  der  Schulmeister  ab),  aber  doch  eine  Beicht  am 
Sonnabend,  und  auf  dem  Altar  teilte  der  Rekonvaleszent  das 
Nachtmahl  aus.  Nach  Endigung  des  Gottesdienstes  wurde  das  20 
Dankfest  seiner  Genesung  begangen,  in  das  noch  mein  Valet- 
schmaus  fiel,  weil  ich  nachmktags  gehen  wollte. 

Ich  will  diesen  letzten  Nachmittag  so  weitlauftig  als  moglich 
entwerfen  und  nachher  den  RiB  doch  noch  mit  dem  Storch- 
schnabel  angenehmer  Hommelscher  Plapperei  ins  GroBe  aus- 
zeichnen. 

Unter  dem  Gedachtnismahle  kamen  Personensteuern  von  den 
Katechumenen  ein  und  MeBprasente  als  Freudenfeuer  bei  seiner 
Genesung,  welche  bewiesen,  wie  sehr  ihn  die  Gemeinde  Iiebte 
und  wie  sehr  ers  verdiente:  denn  man  wird  .von  der  Menge  ofter  30 
ohne  Grund  gehasset  als  ohne  Grund  geliebt.  Er  war  aber  audi 
freundlich  gegen  jedes  Kind,  war  keiner  von  den  Geistlichen,  die 
ihren  Feinden  nie  anders  vergeben  als  an  -  Gottes  Statt,  und 
lobte  zugleich  die  ganze  Welt,  seine  eigne  Frau  und  sich, 

Ich  wohnte  sodann  seiner  nachmittagigen  Kinderlehre  bei  und 
sah  -  wie  er  im  ersten  Zettelkasten  -  im  Chore  hinter  dem  Flugel 


LETZTES  KAPITEL  185 

des  holzernen  Cherubims  hinunter.  Hinter  diesem  Engel  zog  ich 
meine  Schreibtafel  heraus  und  stellete  mich  mehr  hinter  das 
schwarze  Brett  voll  weiBer  Lieder-ZifTern  und  schrieb  auf,  was 
ich  jetzt  -  dachte.  Ich  wuBte,  wenn  ich  heute,  am  funfundzwan- 
zigsten  Mai,  aus  dieser  salernitaniscken  Spinn-Schule,  wo  man 
den  Lebensfaden  auf  eine  schonere  Weise  ohne  das  Anfeuchten 
mit  Mixturen  langer  ziehen  lernt,  ich  wuBte  (sag*  ich),  wenn  ich 
fortginge,  ich  wurde  mehrere  Elementarkenntnisse  der  Gliick- 
seligkeitslehre    hinwegbringen,    als    das    ganze    Kammerherrn- 

10  Piquet  im  Kopfe  fuhret.  Ich  notierte  den  ersten  Eindruck  in  fol- 
gende  Lebensregeln  fur  mich  und  die  Presse  auf: 

Kleine  Freuden  laben  wie  Hausbrot  immer  ohne  Ekel,  groBe 
wie  Zuckerbrot  zeitig  mit  Ekel.  -  Wir  sollten  uns  von  den  Klei- 
nigkeiten  nicht  bloB  plagen,  sondern  auch  erfreuen  lassen,  nicht 
bloB  ihre  Gift-,  sondern  auch  ihre  Honigblase  auffangen;  und 
wenn  uns  oft  die  Mucke  an  der  Wand  irren  kann,  so  sollten  uns 
auch  die  Miicken  wie  den  Domitian  belustigen,  oder  wie  einen 
noch  lebenden  Kurfursten  bekostigen.  -  Man  muB  dem  burger- 
lichen  Leben  und  seinen  Mikrologien,  wofur  der  Pfarrer  einen 

20  angebornen  Geschmack  hat,  einen  kunstlichen  abgewinnen,  in- 
dem  man  es  Hebt,  ohne  es  zu  achten,  indem  man  dasselbe,  so  tief 
es  auch  unter  dem  menschlichen  stehe,  doch  als  eine  andere  Ver- 
astung  des  menschlichen  so  poetisch  genieBet,  als  man  bei  dessen 
Darstellungen  in  Romanen  tut.  Der  erhabenste  Mensch  liebt  und 
sucht  mit  dem  am  tiefsten  gestellten  Menschen  einerlei  Dinge, 
nur  aus  hohern  Griinden,  nur  auf  hohern  Wegen.  -  Jede  Minute, 
Mensch,  sei  dir  ein  voiles  Leben  1  -  Verachte  die  Angst  und  den 
Wunsch,  die  Zukunft  und  die  Vergangenheit!  -  Wenn  der 
Sekundenweiser  dir  kein  Wegweiser  in  ein  Eden  deiner  Seele  wird, 

30  so  wirds  der  Monatsweiser  noch  minder,  denn  du  lebst  nicht  von 
Monat  zu  Monat,  sondern  von  Sekunde  zu  Sekunde!  -  GenieBe 
dein  Sein  mehr  als  deine  Art  zu  sein,  und  der  liebste  Gegenstand 
deines  BewuBtseins  sei  dieses  BewuBtsein  selber!  -  Mache  deine 
Gegenwart  zu  keinem  Mittel  der  Zukunft,  denn  diese  ist  ja  nichts 
als  eine  kommende  Gegenwart,  und  jede  verachtete  Gegenwart 
war  ja  eine  begehrte  Zukunft!  -  Setze  in  keine  Lotterien  -  bleibe 


l86  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

zu  Hause  -  gib  und  besuche  keine  groBen  Gastmahle  -  verreise 
nicht  zu  halben  Jahren !  -  Verdecke  dir  nicht  durch  lange  Plane 
dein  Hauswesen,  deine  Stube,  deine  Bekannten!  -  Verachte  das 
Leben,  urn  es  zu  genieBen!  -  Besichtige  die  Nachbarschaft  deines 
Lebens,  jedes  Stubenbrett,  jede  Ecke,  und  quartiere  dich,  zusam- 
menkriechend,  in  die  letzte  und  hauslichste  Windung  deines 
Schneckenhauses  ein!  Hake  eine  Residenzstadt  nur  fur  eine  Kol- 
lekte  von  Dorfern,  und  ein  Dorf  fur  die  Sackgasse  aus  einer 
Stadt,  den  Ruhm  fur  das  nachbarliche  Gesprach  unter  der  Haus- 
tiire,  eine  Bibliothek  fiir  eine  gelehrte  Unterredung,  die  Freude  10 
fur  eine  Sekunde,  den  Schmerz  fiir  eine  Minute,  das  Leben  fiir 
einen  Tag  und  drei  Dinge  fiir  alles:  Gott,  die  Schopfung,  dit 
Tugend ! 

Und  wenn  ich  mir  selber  und  diesen  Regeln  folgen  will:  so 
muB  ich  auch  nicht  so  viel  aus  dieser  Lebensbeschreibung  machen, 
sondern  sie  einmal  wie  ein  maBiger  Mensch  ausklingen  lassen. 

Nach  der  Kinderlehre  stieg  ich  herab  zum  weit-  und  schwarz- 
rockigen  Gevatter.  Wir  trabten  nach  AbfluB  der  Pfarrgemeinde 
alle  Emporen  hinauf  -  lasen  die  Bleche  der  Kirchenstiihle  -  ich 
blatterte  am  Altare  in  der  mit  dem  Sediment  der  Zeit  inkrustierten  26 
Agende  (ich  rede  nicht  metaphorisch)  -  ich  orgelte,  der  Gevatter 
trat  den  Balg  -  ich  erstieg  die  Kanzel  und  war  so  glucklich,  da 
einen  Rosenstock  zu  treffen,  den  ich  in  der  Valetminute  noch  in 
den  Rosengarten  meines  Fixleins  setzen  konnte.  Ich  nahm  nam- 
lich  droben  an  einem  holzernen  Apostel  den  Namen  Lavater 
wahr,  den  der  Zurcher  eigenhandig  als  eine  Votivtafel  am  heiligen 
Torso  hatte  lassen  wollen  im  Durchmarsch.  Fixlein  kannte  die 
Hand  nicht,  aber  ich:  -  denn  ich  hatte  sie  ofters  in  Flachsenfingen 
nicht  nur  auf  der  Wandtapete  einer  Hofdame,  sondern  auch  auf 
seiner  Handbibliothek1  und  in  vielen  Landeskirchen  angetroffen,  30 
die  gleichsam  der  AdreBkalender  und  Vokabelnsaal  dieses  wan- 
dernden  Namens  waren,  weil  Lavater  in  Kanzeln,  wie  eine  Scha- 

1Ein  kleines,  mit  Drucklettern  gesetztes  Manuskript,  womit  er  wenig 
andere  als  Fiirsten  beschenkt.  Diese  Druckschrift  floBet  er  vorsichtig  als 
eine  Handschrift  den  GroBen  ein,  weil  diese  mehr  und  lieber  Geschriebenes 
als  Gedrucktes  lesen. 


LETZTES  KAPITEL  I  87 

ferin  in  Baume,  gern  den  Namen  des  Geliebten  schreibt.  Ich 
konnte  also  meinem  Gevatter  wohl  raten,  aus  dem  Apostel  den 
Namen  samt  dem  Hobelspan,  worauf  er  sitzt,  vorsichtig  heraus- 
zuschneiden  und  die  Handschrift  gut  zu  verwahren. 

Beim  Eintritte  ins  Pfarrhaus  wollt'  ich  Hut  und  Stock  nehmen, 
aber  das  Dessein,  gleichsam  die  Projektion  und  der  Kontur  eines 
Abendessens  in  der  Akazienlaube  war  schon.  von  Thiennetten 
entworfen.  Ich  beteuerte,  ich  bliebe  bis  abends,  falls  nur  die 
Wochnerin  auch  mit  zum  dekretierten  Sou  per  hinaufginge  . . . 

I0  und  wahrhaftig  der  Biograph  behielt  endlich  iiber  das  Kindbet- 
terin-Marschreglement  die  Oberhand. 

Ich  notigte  darauf  den  Pfarrer,  seine  Krautermutze,  die  er  sich 
zur  Roboration  seiner  Memorie  ausfiittern  lassen,  aufzusetzen: 
»Wollte  Gott,«  sagt'  ich,  »die  Fiirsten  taten  statt  der  Furstenhute, 
die  Doktores  und  Kardinale  statt  der  ihrigen,  die  Heiligen  statt 
der  Martyrerkronen  solche  Gedachtnis-Mutzen  auf  den  Kopf !«  - 
Alsdann  marschierten  wir  allein,  unter  dem  Braten  und  Kochen, 
auf  die  Pfarrfelder  hinaus  und  sprachen  gelehrt.  Wir  verfiigten 
uns  ins  ruinierte  Raubschlofl  hinein,  von  dem  mein  Gevatter  das 

20  bekannte  Werk  unter  der  Feder  hat.  Ich  billigte  es  sehr  -  zumal 
da  das  Kaper-SchloB  einmal  einem  von  Auf  hammer  eigentiimlich 
zugehoret  hatte  -,  daB  er  die  Beschreibung  dem  Dragonerritt- 
meister  zueignen  wollte:  dieser  lasset  lieber,  denk*  ich,  der  Schrift 
als  dem  Pudel  seinen  Namen  vorsetzen.  Ich  sprach  auch  meinem 
Handwerksgenossen  uberhaupt  literarischen  Trost  ein  und  sagte: 
»Herr  Gevatter,  keck  geschrieben !  Sei  auch  der  Subrektor  Hans 
von  Fiichslein  der  apokalyptische  Drache,  der  auf  die  Entbin- 
dung  des  nuchtigen  Weibes  auflauert,  um  die  Geburt  zu  ver- 
schlucken:  so  bin  ich  auch  da  und  habe  meinen  Freund,  den 

30  Redakteur  der  Literaturzeitung,  zur  Seite,  der  mir  gern  verstattet, 
eine  Antikritik  gegen  Inseratgeblihren  einzuschicken.«  -  Be- 
sonders  munterte  ich  ihn  zu  neuen  Inseraten  und  Retourladun- 
gen  seiner  Zettelkasten  auf:  ich  habe  es  nicht  verschworen,  in 
diese  biographische  Kommode  noch  nach  Jahren  einen  neuen 
Kasten  einzuschieben.  »Und  meinem  Patchen,  Herr  Gevatter, 
wird  es  eben  auch  nichts  verschlagen,  daB  man  das  Kind  der  Lese- 


l88  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

welt  schon  prasentieret,  wenn  das  Hebe  nicht  mehrere  Monate 
hat,  als  Horaz  Jahre  zu  einem  literarischen  fordert,  namlich  neun.« 

Unter  dem  Nachhausegehen  pries  ich  seine  Frau.  »Wenn  die 
Ehe«,  sagt*  ich  zu  ihm,  »der  Krapp  ist,  der  an  Madchen  wie  an 
Kattunen  die  Farben  sichtbar  macht:  so  verfecht'  ich,  Thien- 
nette  war  als  Madchen  schwerlich  so  gut  wie  jetzt  als  Frau.  Beim 
Himmell  in  einer  solchen  Ehe  wollt*  ich  Biicher  schreiben  - 
namlich  ganz  andere,  gottliche  -  in  einer  Ehe  mem'  ich,  wo  neben 
dem  Schreibetisch  (wie  neben  den  groBen  Votiertafeln  des  Re- 
gensburger  Reichstages  kleine  Konfekttischchen  sind)  -  wenn  10 
auch  dergleichen,  sag'  ich,  auch  eine  Ingwermarmelade  neben  mir 
stande,  namlich  ein  abgesuBetes,  herrliches,  in  den  Zettelkasten- 
Skribenten  vernarrtes  Gesichtchen,  Gevattersmann !  Ihre  Ehe 
wird  gerade  der  Akazienlaube  gleichen,  auf  die  wir  zugehen,  an 
der  sich  das  Laub  eben  in  der  Hitze  und  im  Sommer  verdichtet, 
wo  andere  Gewachse  nur  diirre  porose  Schatten  werfen.« 

Da  wir  durch  die  obere  Gartentiire  in  diese  Laube  traten,  war 
wahrhaftig  schon  das  Essen  und  das  gute  Weib  darin.  Nichts  ist 
moralischer  und  zarter  als  die  Achtung,  womit  eine  gute  Ehefrau 
den  Wohltater  oder  SpieBgesellen  ihres  Mannes  behandelt  -  und  20 
gliicklicherweise  war  eben  der  Biograph  dieser  SpieBgesell  und 
das  Objekt  dieser  Achtung.  Unsere  Gesprache  waren  frohlich, 
aber  mein  Inneres  beklommen.  Die  Fesseln,  die  den  bloBen  Leser 
an  meine  Helden  binden,  werden  dreifach  bei  mir,  indem  ich  zu- 
gleich  ihr  Gast  und  ihr  Portratmaler  bin.  Ich  sagte  zum  Pfarrer, 
er  werde  alter  als  ich,  weil  sein  temperiertes  Temperament  gleich- 
sam  von  einem  Arzte  gleich  zwischen  Nervenschwache  der  Kul- 
tur  und  zwischen  dem  feurigen  dichten  Blute  des  Landmanns  ab- 
gewogen  sei.  Fixlein  sagte,  wenn  er  nur  noch  einmal  so  lange 
lebe  als  bisher,  namlich  zweiunddreiBig  Jahre:  so  betrage  es  ohne  30 
die  Schalttage  doch  280320  Stunden,  welches  etwas  Ansehnliches 
sei ;  und  er  iiberzahle  oft  mk  Vergniigen  die  vielen  Tausend  Zwei- 
unddreiBiger,  die  mit  ihm  gehen  muBten. 

Endlich  muBt'  ich  doch  aufbrechen,  da  die  roten  Lichter  der 
falienden  Sonne  an  der  Laube  aufstiegen  und  uns  immer  tiefer  in 
den  Nachtschatten  eintauchten:  der  Abendtau  hatte  die  Woch- 


LETZTES  KAPITEL  I  89 

nerin  erkaltet.  Ich  ersuchte  verwirrt  den  Pfarrer,  bald  in  die  Stadt 
zu  kommen,  wo  ich  ihm  nicht  bloB  alle  Zimmer  des  Schlosses 
zeigen  wollte,  sondern  auch  den  Fiirsten.  Frohers  gab  es  heute 
auf  der  alten  Welt  nichts  als  das  Gesicht,  dem  ichs  sagte,  und  als 
das  andere,  das  der  milde  Widerschein  von  jenem  war.  Der  Bio- 
graph  hatte  zu  viel  eingebiiBet,  wenn  ihm  jetzt  in  der  Minute,  wo 
ihm  seine  Phantasie  wie  die  Spiegelteleskopen  alle  Gegensta'nde 
nur  litternd  vorstellt,  hatte  davonlaufen  miissen,  ich  will  sagen,. 
wenn  ihm  nicht  beigefallen  ware,  daB  es  der  Kindbetterin  wenig 

io  schaden  (aber  viel  nutzen)  wiirde,  wenn  sie  zu  einer  kleinen  Mo- 
tion kame  und  noch  iiber  den  Garten  hinaus  den  Verfasser  und 
Bauherrn  gegenwartiger  Zettelkasten  begleiten  halfe. 

Kurz  ich  nahm  in  jede  Hand  statt  unter  jedem  Arm  eine  vom 
Ehepaar  und  zog  mit  ihnen  zum  Garten  hinaus  auf  den  Flachsen- 
flnger  Steig..Ich  drehte  oft  gewaltsam  zwischen  ihnen  meinen 
Kopf  zuriick,  als  ob  ich  jemand  uns  nachschreiten  horte;  aber  in 
der  Tat  wollt'  ich  nur  noch  einmal,  obwohl  wehmiitig,  ins  gliick- 
liche  Dorfchen  zuriickschauen,  das  aus  lauter  Wohnungen  einer 
stillen  satten  Sabbatsfreude  bestand  und  das  gliicklich  genug  ist, 

20  obgleich  iiber  seine  weit  auseinandergelegten  Pflastersteine  nur 
alle  Wochen  ein  Raseur,  alle  Festtage1  ein  Friseur  und  alle  Jahre 
ein  Parasol-Ausrufer  zieht.  Dann  muBt*  ich  freilich  den  Kopf 
wieder  umwenden  und  die  zwei  Begliickten  mit  Augen  anblicken, 
die  bald  ubergingen.  Mein  sonst  guter  Gevatter  konnte  sich  nicht 
recht  in  diese  Trauerzeichen  schicken;  aber  in  deinem  Herzen,  du 

,  gutes,  so  oft  gequaltes  Geschlecht,  trifft  jede  Trauerglocke  leicht 
ihren  Einklang  an,  und  die  mit  dem  diinnen  zitternden  Resonani- 
boden  einer  nachtonenden  Brust  veredelte  Thiennette  gab  mir 
alle  Tone  mit  den  Schonheiten  eines  Echo  wieder. Endlich 

30  standen  wir  auf  dem  Grenzhiigel,  iiber  den  man  Thiennetten 
nicht  lassen  durfte,  und  ich  muBte  nun  von  dem  Gevatter,  mit 
dem  ich  alle  Morgen  so  lustig  zusammen  gesprochen  -  jeder  aus 
seinem  Bette  heraus  -,  und  aus  dem  stillen  Kreise  bescheidener 
HofFnung  weichen,  um  in  den  garenden  bellenden  Hof-Cercle 
zuriickzutreten,  wo  man  dem  Schicksal  ein  Lebens-SuBholz  ab- 
trotzt  und  abfordert,  so  armsdick  wie  das  botanische  an  der 


I90  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Wolga,  weniger  um  die  siifien  Balken  selber  auszukauen  als  urn 
andere  damit  totzuschlagen. 

Als  ich  mir  dachte,  ich  wiirde  zu  ihnen  sagen:  lebet  wohl!  so 
traten  alle  kiinftige  Plagen,  alle  Leichen  und  alle  Wiinsche  dieses 
geliebten  Gespanns  vor  mein  Herz,  und  ich  dachte  daran,  daB 
nichts  als  einschlummernde  Freudenblumen  ihren  (wie  meinen 
und  jeden)  Lebenstag  abmarken.  -  Und  doch  ists  schoner,  wenn 
sie  ihre  Jahre  nicht  nach  der  Wasseruhr  fallender  Tranen,  sondern 
nach  der  Blumenuhr1  einschlafender  Blumen  ausmessen,  deren 
Kelche,  ach!  vor  uns  Armen  von  Stunde  zu  Stunde  zufallen.  —       10 

Ich  wollte  eben  jetzt  -  weil  ich  mich  noch  daran  erinnere,  wie 
ich  mit  einem  stromenden  Auge  iiber  den  zwei  Geliebten  wie 
iiber  Leichen  hing  -  mich  anreden  und  sagen:  viel  zu  weicher 
Jean  Paul,  dessen  Kreide  immer  auf  dem  Flor  der  Melancholie  die 
Modelle  der  Natur  nachzeichnet,  harte  dein  Herz  ab  wie  deinen 
Leib,  um  nicht  dich  und  andere  aufzureiben.  Aber  warum  soil 
ichs  tun,  warum  soli  ichs  nicht  geradezu  bekennen,  was  ich  in  der 
weichsten  Running  zu  den  zwei  Menschen  sagte?  »Es  gehe  euch 
recht  wohl,  ihr  sanften  Menschen«  -  sagf  ich,  denn  ich  dachte  an 
keine  Hoflichkeit  mehr  -  »die  Vorsehung  trage  wiegend  euere  20 
zerritzten  Herzen  —  der  gute  Gott  iiber  alien  den  Sonnen,  die  zu 
uns  jetzt  herunterblicken,  lasse  euch  immer  verkniipft  und  neb* 
euch  nur  verbunden  an  sein  Herz  und  an  seinen  Mund.«  —  »Sein 
Sie  nur  auch  recht  gliicklich  und  froh«,  sagte  Thiennette.  »Und 
Ihnen,  Thiennette,«  (fuhr  ich  fort)  »ach  Ihrer  bleichen  Wange, 
Ihrem  gedriickten  Herzen,  o  Ihrer  langen  kalten  gemiBhandelten 
Jugend  kann  ich  niemals,  niemals  genug  wlinschen.  Nein!  Aber 
alles,  was  eine  wunde  Seele.laben,  was  einer  schonen  wohlgefal- 
len,  was  den  verborgenen  Seufzer  stillen  kann,  ach  alles,  was  Sie 
verdienen,  das  falle  Ihnen  zu,  und  wenn  Sie  mich  wieder  sehen,  30 
so  sagen  Sie:  ich  bin  jetzt  viel  glucklicher!« 

Wir  wurden  alle  zu  sehr  bewegt.  Wir  rissen  uns  endlich  aus 
wiederholten  Umarmungen,  und  mein  Freund  entwich  mit  der 
Seele,  die  er  liebt  -  ich  blieb  allein  zuruck  be!  der  Nacht. 

1  Linne  legte  in  Upsal  eine  Blumenuhr  an,  deren  Blumen  durch  ihre  ver- 
schiedenen  Zeiten,  einzuschlafen,  die  Stunden  sagen. 


LETZTES  KAPITEL  191 

Und  ich  ging  ohne  Ziel  durch  Walder,  durch  Taler  und  iiber 
Bache  und  durch  schlafende  Dorfer,  um  die  groBe  Nacht  zu  ge- 
nieBen  wie  einen  Tag.  Ich  ging  und  sah,  gleich  dem  Magnet,  im- 
mer  auf  die  Mitternachtsgegend  hin,  um  das  Herz  an  der  nach- 
glimmenden  Abendrote  zu  starken,  an  dieser  heraufreichenden 
Aurora  eines  Morgens  unter  unsern  FiiBen.  WeiBe  Nacht- 
schmetterlinge  zogen,  weiBe  Bliiten  flatterten,  weiBe  Sterne  fielen, 
und  das  lichte  Schneegestober  staubte  silbern  in  dem  hohen 
Schatten  der  Erde,  der  iiber  den  Mond  steigt  und  der  unsere 

10  Nacht  1st.  Da  fing  die  Aols-Harfe  der  Schopfung  an  zu  zittern 
und  zu  klingen,  von  oben  herunter  angeweht,  und  meine  un- 
sterbliche  Seele  war  eine  Saite  auf  dieser  Laute.  —  Das  Herz  des 
verwandten  ewigen  Menschen  schwoll  unter  dem  ewigen  Him- 
mel,  wie  die  Meere  schwellen  unter  der  Sonne  und  unter  dem 
Mond.  -  Die  fernen  Dorfglocken  schlugen  um  Mitternacht 
gleichsam  in  das  fortsummende  Gelaute  der  alten  Ewigkeit.  - 
Die  Glieder  meiner  Toten  beruhrten  kalt  meine  Seele  und  ver- 
'trieben  ihre  Flecken,  wie  tote  Hande  Hautausschlage  heilen.  — 
Ich  ging  still  durch  kleine  Dorfer  hindurch  und  nahe  an  ihren 

20  auBern  Kirchhofen  vorbei,  auf  denen  morsche  herausgeworfene 
Sargbretter  glimmten,  indes  die  funkelnden  Augen,  die  in  ihnen 
gewesen  waren,  als  graue  Asche  staiibten.  -  Kalter  Gedanke! 
greife  nicht  wie  ein  kaltes  Gespenst  an  mein  Herz:  ich  schaue  auf 
zum  Sternenhimmel,  und  eine  ewige  Reihe  zieht  sich  hinauf  und 
hinuber  und  hinunter,  und  alles  ist  Leben  und  Glut  und  Licht, 
und  alles  ist  gottlich  oder  Gott . . . 

Gegen  Morgen  sah'  ich  deine  spaten  Lichter,  kleine  Wohn- 
stadt,  in  die  ich  gehore  diesseits  des  Sarges;  ich  kam  auf  die  Erde 
zuriick,  und  in  deinen  Turmen  schlug  es,  hinter  der  voruber- 

30  gezogenen  groBen  Mitternacht,  halb  drei  Uhr:  da  ging  um  diese 
Stunde  1794  der  Mars  in  Westen  unter  und  der  Mond  in  Morgen 
auf;  und  meine  Seele  wiinschte,  beklommen  vom  Bedauern  des 
edlen  kriegerischen  Bluts,  das  noch  auf  die  Fruhlingsblumen 
stromt :  »Ach,  blutiger  Krieg,  weiche  wie  der  rotliche  Mars,  und, 
stiller  Friede,  komme  wie  der  milde  zerteilte  Mondl«  - 


elnige  jus  de  tablette  fur 
Mannspersonen 

i.  Ober  die  naturliche  Magie  der  Einbildungskraft. 

2.  Des  Amts-Vogts  Freudels  KlagHbell  gegen  seinen  verfiuch- 
ten  Damon. 

3.  Es  gibt  weder  eine  eigenniitzige  Liebe  noch  eine  Selbstliebe, 
sondern  nur  eigenniitzige  Handlungen. 

4.  Des  Rektor  Falbels  und  seiner  Primaner  Reise  nach  dem 
Fichtelberg. 

5.  Postskript  des  Billetts. 


I. 

Uber  die  naturliche  Magie  der  Einbildungskraft 

Gedachtnis  ist  nur  eine  eingeschranktere  Phantasie.  Erinnerung 
ist  nicht  die  bloBe  Wahrnehmung  der  Identitat  zweier  Bilder, 
sondern  sie  ist  die  Wahrnehmung  der  Verschiedenheit  des  raum- 
lichen  und  ^eitlichen  Verhaltnisses  gleicher  Bilder.  Folglich  breitet 
sich  die  Erinnerung  uber  die  Verhaltnisse  der  Zeit  und  des  Orts 
und  also  uber  Reih  und  Folge  aus;  aber  blofies  Ein-  und  Vor- 
bilden  stellet  einen  Gegenstand  nur  abgerissen  dar. 

io  Die  fiinf  Sinne  heben  mir  auBerhalb,  die  Phantasie  innerhalb 
meines  Kopfes  einen  Blumengarten  vor  die  Seele;  jene  gestalten 
und  fnalen,  diese  tut  es  auch;  jene  drucken  die  Natur  mit  funf 
verschiedenen  Platteh  ab,  diese  als  sensorium  commune  Hefert  sie 
alle  mit  einer.  Die  Phantasie  ist  zwar  nicht  der  matte  Nachklang 
der  Sinne,  wie  Helvetius  meint,  aber  doch  das  Unisono  derselben. 
Wie  die  Fuhlfaden  der  Sinnennerven  zu  den  Empftndungen,  so 
verhalten  sich  die  Gehirnkiigelchen  (oder  welches  korperliche 
adjuvans  einer  annehmen  will)  zu  den  innern  Bildern;  und  ob 
wir  gleich  nur  diese  zu  er{eugeny  und  jene  zu  empfangen  glauben: 

zo  so  ists  doch  bei  den  Empfindungen  falsch,  die  wir,  wie  Kant  genug 
erwiesen,  ebensogut  (nach  und  mit  einer  unbegreif lichen  plasti- 
schen  Form  in  uns)  er^eugen  als  innere  Bilder.  Da  der  Spielraum 
der  Sinne  enger  ist  als  der  Phantasie:  so  entsteht  die  Tauschung, 
daB  wir  uns  jene  nur  in  den  Ketten  des  Korpers  und  diese  nur  in 
den  Zugeln  des  Willens  denken,  da  wir  doch  ebensowohl  in 
einem  fort  phantasieren  als  empfinden  mussen.  Die  Empfindung 
stellet  mit  dem  Kolorit  der  Schmelz-  oder  Musivmalerei  z.  B. 
einen  Menschen  vor  mich,  die  Phantasie  tuts  mit  der  Blasse  der 
schwarzen  Kunst  oder  (in  einem  Dichter)  mit  aqua  tinta.  DaB 

30  beide  sich  bloB  im  Kolorit  unterscheiden,  sieht  man  am  meisten 


I96  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

dann,  wenn  die  Lebhaftigkek  der  Phantasie  diesen  Unterschiecl 
der  Farbengebung  aufhebt  -  ich  meine  im  hitzigen  Fieber,  wo 
der  bleiche  Leichnam  (ich  meine  die  Vorstellung  von  einem 
Menschen)  in  dem  Kopfe  mit  so  viel  Lebensgeistern  und  Blut  aus- 
gespriitzet  wird,  daB  ihn  der  Fieberkranke  wirklich  als  einen 
Lebendigen  aufier  seinem  Kopfe  zu  erblicken  meint;  und  dann 
sieht  die  Vorstellung  so  Iebhaft  und  ganz  so  aus  wie  eine  Emp- 
findung. 

Allerdings  ist  noch  ein  Unterschied  und  ein  groBerer  -  denn 
ich  suche  mit  jenen  Ahnlichkeiten  nicht  die  Phantasie  zu  ver-  10 
korpern,  sondern  bloB  die  Sinne  zu  vergeistigen  — ;  es  ist  riamlich 
der,  daB  unser  bekanntes  Ich  die  Suk{ession  in  der  Phantasie  (wie 
das  Simultaneum  in  der  Empfindung)  ordnet  und  regelt,  sogar  im 
Chaos  des  Traums,  da  die  drei  Gesetze  der  Ideenassoziation  bloB 
vom  Korper  auf  keine  Weise  beobachtet  werden  konnten. 

Zufolge  jener  Ahnlichkeit  ist  also  Starke  der  (funf-sinnigen) 
Empfindung  immer  um  und  neben  der  Starke  der  Phantasie  (die- 
ser  transzendenten  und  verpflanzten  Empfindung).  Daher  sind 
beide  in  Wilden,  Landleuten  und  Weibern  kraftiger  und  feiner: 
denn  Schauspiele,  Erzahlungen,  Tone  und  Traume  ziehen  tiefere  20 
Furchen  in  ihren  Seelen.  Auch  der  Rausch  macht  zugleich  die 
Phantasie  und  die  Sinne  scharfer.  Freilich  sind  oft  am  dichteri- 
schen  Genie  alle  auBere  Sinnen-Nerven  verdorret  und  abgewelkt; 
aber  der  Wuchs  des  einen  Zweiges  hatte  nur  die  andern  ausge- 
sogen,  so  wie  ja  auch  die  Sinne  -  z.  B.  Aug  und  Ohr  -  einander 
gegenseitig  berauben  und  erstatten.  Unter  den  Wilden  wird  bloB 
das  Genie  die  scharfsten  Sinne  haben. 

Jetzt  hab'  ich  zweierlei  zu  tun.  Ich  muB  erweisen,  wie  diesem 
alien  ungeachtet  die  Phantasie  uns  in  ihren  Landereien  mit  Zau1- 
berspiegeln  und  Zauberrloten  so  suB  betoren  und  so  magisch  30 
blenden  konne;  -  zwekens  muB  ich  vorher  die  meisten  dieser 
magischen  Kunststucke  aufzahlen. 

Alle  Personen,  die  bloB  auf  dem  Zauberboden  der  Phantasie 
stehen,  verklaren  sich  unbeschreiblich  vor  uns,  z.  B.  Tote  -  Ab-   . 
wesende  -  Unbekannte.  -  Der  Held  einer  Biographie  sei  uns 
noch  so  treu  vorgezeichnet:  gleichwohl  fangt  ihn  unsere  meta- 


UEER  DIE  NATURLICHE  MAG  IE  DER  EINBILDUNGSKRAFT      I97 

morphotische  Einbildung  groBer  auf,  als  unsere  plane  Net^haut 
ihn  malen  wiirde,  wie  in  der  Malerei  ein  treu  abgemalter  Men- 
schenkopf  groBer  scheint  als  sein  Urbild  von  gl'eichem  Quadrat- 
inhalt.  Daher  stehet  der  Landmann  auf  dem  elektrischen  Isola- 
torium  des  Idyllendichters  strahlend  und  mit  einem  Heiligen- 
schein  umzogen;  ebenso  steht  auch  der  Wilde  in  Rousseaus  Kopf 
und  die  Kinder  in  jedem  dichterischen. 

So  zieht  das  Fernrohr  der  Phantasie  einen  bunten  DifTusions- 
raum  um  die  gliicklichen  Inseln  der  Vergangenheit,  um  das  ge- 
10  lobte  Land  der  Zukunft. 

Die  Personen  aller  dramatischen  Gedichte,  selber  die  bosen, 
empfangen  in  ihrem  Dunst-  und  Zauberkreise  Reize,  die  ihnen 
alle  im  kahlen  lichten  gemeinen  Leben  abfallen  wiirden,  wenn  sie 
darin  erschienen. 

Der  Traum  ist  das  Tempe-Tal  und  Mutterland  der  Phantasie: 
die  Konzerte,  die  in  diesem  dammernden  Arkadien  ertonen,  die 
elysischen  Felder,  die  es  bedecken,  die  himmlischen  Gestalten, 
die  es  bewohnen,  leiden  keine  Vergleichung  mit  irgend  etwas, 
das  die  Erde  gibt,  und  ich  habe  oft  gedacht:  »Da  der  Mensch  aus 
20  so  mancherlei  schonen  Traumen  erwacht,  aus  denen  der  Jugend, 
der  HofTnung,  des  Gliicks,  der  Liebe:  ach  konnt*  er  nur  -  sie 
waren  ihm  dann  alle  wiedergegeben  -  in  den  schonen  Traumen 
des  Schlummers  langer  bleiben!« 

Noch  groBer  ist  die  phantasierende  Kraft,  wenn  sie  auswarts 
reicht  und  die  Gegenwart  selber  zum  Marmorblock  oder  Teige 
ihrer  Gebilde  macht.  Ich  will  mehr  als  ein  Beispiel  geben.  Das 
erste  ist  nicht  das  deutlichste:  bei  rauschenden  Freudenfesten, 
auf  Ballen,  auf  nachtlichen  Freudengelagen  schmuckt  sich  jeder 
Augenblick  mit  dem  Widerschein  des  nachsten  kiinftigen;  und 
30  solange  dieses  dauert,  vermengen  wir  den  siiBen  Durst  des  Her- 
zens  mit  dem  Trank;  -  denn  der  Mensch  hat  so  wenig,  daB  er  nur 
froh  ist,  wenn  er  stark  begehren  kann,  und  daB  er  die  Starke  seiner 
Wiinsche  zu  ihren  Befriedlgungen  rechnet.  -  Aber  es  kommt  eine 
trunknere  Stunde,  wo  im  langen  Freudengelage  unsere  Phan- 
tasien  unsere  Sinnen  iibertonen,  wo  die  Gegenwart  mehr  zum 
Traume,  die  Musik  mehr  zum  Echo  ermattet  und  wo  wir  im  wir- 


I98  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

belnden  bunten  Rauche  urn  uns  schwindeln  und  dann  im  Schwin- 
del  unsere  Umkreisungen  fiir  fremde  nehmen;  dann  sind  wir  ge- 
sattigt  und  voll,  ach!  fast  vor  Ermiidung!  - 

Im  Rausche  dringen  die  Wolken  der  innen  brennenden  Rau- 
cherkerzen  hinaus  und  legen  sich  auBen  an  den  Gegenstanden  an 
und  geben  ihnen  eine  vergroBerte,  abgeriindete,  zitternde  Gestalt. 

In  der  Liebe  ist  das  Amalgama  der  Gegenwart  mit  der  Phan- 
tasie  noch  inniger.  Schauc  die  Gestalt  an,  die  du  einmal  geliebt 
hattest  und  die  nun  mit  alien  ihren  Reizen  nicht  einmal  den  ideali- 
schen  Zauber  einer  Bildsaule  fiir  dich  hat!  Warum  sonst  ist  sie  io 
jetzt  ein  lackierter  Blumenstab  fur  dich,  als  bloB  weil  alle  Rosen, 
die  deine  Phantasie  an  diesem  Stabe  hinaufgezogen,  nun  aus- 
gerissen  sind?  —  Ich  wiinschte,  der  Leser  liebte  eine  Schwester, 
die  besondere  Familienahnlichkeit  mit  ihrem  Bruder  hatte,  den  er 
nicht  leiden  konnte:  er  wiirde  dann  am  leichtesten  das  geliebte 
Gesicht  von  dem  Brautschmuck,  womit  seine  Phantasie  als  Folien- 
schlagerin  es  blasoniert  und  ubergoldet,  trennen  konnen.  Kurz 
eine  geliebte  Person  hat  den  Nimbus  einer  abwesenden  -  einer 
gestorbenen  —  einer  dramatischen.  - 

Noch  mehr.  Leute,  deren  Kopf  voll  poetischer  Kreaturen  ist,  20 
finden  auch  auBerhalb  desselben  keine  geringern.  Dem  echten 
Dichter  ist  das  ganze  Leben  dramatisch,  alle  Nachbarn  sind  ihm 
Charaktere,  alle  fremde  Schmerzen  sind  ihm  siiBe  der  Illusion, 
alles  erscheint  ihm  beweglich,  erhoben,  arkadisch,  fiiehend  und 
froh,  und  er  kommt  nie  darhinter,  wie  biirgerlich-eng  einem 
armen  Archivsekretar  mit  sechs  Kindern  -  gesetzt  er  ware  das 
selber  -  zumute  ist.  Denn  ist  er  selber  burgerlich  unglucklich, 
z.  B.  ein  Trager  des  Lazarus-Orden:  so  kommt  es  ihm  vor,  als 
mach'  er  eine  Gastrolle  in  Gays  Bettleroper;  das  Schicksal  ist  der 
Theaterdichter,  und  Frau  und  Kind  sind  die  stehende  Truppe.       30 

—  Und  wahrlich,  der  Philosoph  und  der  Mensch  diirfen  hier 
nicht  anders  denken  als  der  Dichter;  und  der,  fiir  den  das  dufiere 
(biirgerliche,  physische)  Leben  mehr  ist  als  eine  Rolle:  der  ist 
ein  Komodiantenkind,  das  seine  Rolle  mit  seinem  Leben  verwirrt 
und  das  aufdem  Theater  {u  weinen  anfdngt.  Dieser  Gesichtspunkt, 
der  metaphorischer  scheint,  als  er  ist,  erhebt  zu  einer  Stand- 


UBER  DIE  NATURLICHE  MAGIE  DER  EINBILDUNGSKRAFT      1 99 

haftigkeit,  die  erhabener,  seltener  und  stiBer  ist  als  die  stoische 
Apathie  und  die  uns  an  der  Freude  alles  empfinden  lasset,  aus- 
genommen  ihren  Verlust. 

Belesene  Madchen,  die  im  Sommer  aufs  Land  gehen,  machen 
aus  den  Landleuten  wandelnde  GeBnerische  Idyllen-Ideale.  Die 
Landleute  idealisieren  ihrerseits  wieder  die  Madchen  zu  Prinzes- 
sinnen  der  Marionetten  und  der  Historienbiicher  hinauf.  Und 
ebenso  nab*  ich  im  dreizehnten  Kapitel  der  vorigen  Biographie 
den  Pfarrer  und  den  mir  sonst  verhaBten  Zwinger  und  Schuld- 

10  turm  des  biirgerlichen  Lebens  gepriesen,  weil  ich  an  ihm  und  an 
seinem  Notstall  schon  den  biographischen  und  idealischen  Mond- 
schein  glimmen  sah,  den  ich  nachher  auf  ihn  warf.  Auch  im 
Komischen  kann  man  wirkliche  Toren,  die  man  handeln  sieht, 
insgeheim  zu  komischen  Akteurs  und  zu  gut  durchgefuhrten  ko- 
mischen Charakteren  idealisieren.  — 

Woher  kommt  nun,  da  die  Phantasie  nur  der  goldene  Abend- 
Widerschein  der  Sinne  ist,  dieser  Reiz  eigner  Art,  der  an  Trau- 
men,  Abwesenden,  Geliebten,  entriickten  Zeiten  und  Landern, 
an  Kinderjahren  und  -  was  ich  kaum  zu  nennen  brauchte  -  an  den 

20  von  den  Dichtern  in  die  Welt  geschickten  Blumengottinnen  und 
Blumenparterren  haftet?  -  Wenn  wir  heraushaben,  warum  uns 
die  Dichter  gefallen :  so  wissen  wir  das  iibrige  auch. 

Davon  konnte  man  mehrere  Ursachen  angeben,  die  richtig 
waren,  ohne  zureichend  zu  sein.  Z.  B.  Wir  denken  das  ganze  Jahr 
weniger  mit  Bildern  als  mit  Zeichen,  d.  h.  zwar  mit  Bildern,  aber 
nur  mit  dunklern  kleinern,  mit  Klangen  und  Lettern:  der  Dichter 
aber  rucket  nicht  nur  in  unserem  Kopfe  alle  Bilder  und  Farben  zu 
einem  einzigen  Altarblatte  zusammen,  sondern  er  frischet  uns 
auch  jedes  einzelne  Bild  und  Farbenkorn  durch  folgenden  Kunst- 

30  griff  auf.  Indem  er  durch  die  Metapher  einen  Korper  zur  Hulle 
von  etwas  Geistigen  macht  (z.  B.  Bliite  einer  Wissenschaft) :  so 
zwingt  er  uns,  dieses  Korperliche,  also  hier  »Bliite«,  heller  zu 
sehen,  als  in  einer  Botanik  geschahe.  Und  wieder  umgekehrt  gibt 
er,  wie  vermittelst  der  Metapher  dem  Korperlichen  durch  das 
Geistige,  ebenso  vermittelst  der  Personiflkation  dem  Geistigen 
durch  das  Korperliche  hohere  Farben.  ' 


20O  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Ferner  konnte  man  -  und  kann  auch  -  sagen :  der  dramatische 
Dichter  tiberwaltigt  uns  durch  die  Verwandlung  der  Wochen  in 
Minuten  und  erweckt,  indem  er  die  tragische,  vielleicht  iiber 
Jahre  hingesponnene  Geschichte  in  wenige  Stun  den  zusammen- 
zieht,  unsere  Leidenschaften  bloB  darum,  weil  er  ihnen  gleicht, 
da  sie  auch  wie  Taschenspieler  und  Heerfuhrer  uns  durch  Ge- 
schwindigkeit  beriicken. 

Aber  ich  eile  zu  dem,  was  mich  befriedigt.  Die  Arme  des  Men- 
schen  strecken  sich  nach  der  Unendlichkeit  aus:  alle  unsere  Be- 
gierden  sind  nur  Abteilungen  eines  groBen  unendlichen  Wun-  10 
sches.  Es  ist  sonderbar,  daB  man  von  der  Phantasie,  deren  Fliigel 
einen  unendlichen  Raum  und  eine  unendliche  Zelt  bedecken  wol- 
len,  weil  sie  iiber  jede  endliche  reichen,  und  von  der  Vernunft,  die 
keine  endliche  Kausalreihe  denken  kann,  nicht  weiter  fort- 
geschlossen  hat  auf  den  Willen.  Alle  unsere  AfFekten  fuhren  ein 
unvertilgbares  Gefuhl  ihrer  Ewigkeit  und  Uberschwenglichkeit 
bei  sich  —  jede  Liebe  und  jeder  HaB,  jeder  Schmerz  und  jede 
Freude  fuhlen  sich  ewig  und  unendlich.  So  gibt  es  auch  eine 
Furcht  vor  etwas  Unendlichen,  wovon  die  Gespensterfurcht,  wie 
ich  anderswo1  bewiesen,  eine  AuBerung  ist.  Wir  sind  unvermo-  20 
gend,  uns  nur  eine  Gliickseligkeit  vorzutraumen,  die  uns  ausfullte 
und  ewig  befriedigte.  -  Dein  Genius  entfuhre  dich  und  lege  dich 
in  der  schonsten  Pappelinsel  dieser  Erde  nieder  —  er  ziehe  Lust- 
haine  durch  die  Insel,  und  Garten  urn  die  Haine,  und  Blumen  urn 
die  Garten  -  er  offne  dein  Auge  und  zeige  dir  alles,  was  du  hast: 
einen  stillen  Himmel  und  zwei  Menschen,  die  du  liebst  -  er  fliege 
in  dein  Herz  zuriick  und  wohne  darin  unter  dem  Namen  der  Tu- 
gend  und  Weisheir:  -  Glucklicher!  wirst  du  niemals  seufzen?  - 
Und  steigt  dein  erster  Seufzer  als  Ubersatdgung  auf,  mit  der  sich 
jakein Wunsch, kein Hunger gesellen konnte? -All unser Ringen  30 
nach  Freude  soil  nur  unser  Schmachten  ubertauben :  wir  liegen  brii- 
tend  auf  der  kalten  Erde  wie  die  Vogel  auf  Kreide,  nicht  um  etwas 
auszubruten,  sondern  um  die  Bruthitze  der  siechen  Brust  zu  lindern. 

Was  nun  unserem  Sinne  des  Grenienlosen  -  so  will  ich  immer 
der  Kiirze  wegen  sagen  -  die  scharfabgeteilten  Felder  der  Natur 

1  Mumien.  1.  T.  S.  278.  279. 


UBER  DIE  NATURLICHE  MAGIE  DER  EI  NBI LDUNGSKRAFT    201 

verweigern,  das  vergonnen  ihm  die  schwimmenden  nebligen 
elysischen  der  Phantasie.  Kant  setzet  schon  das  Erhabene  der 
Dichtkunst  und  der  Natur  in  ein  angeschauetes  Unendliche.  Die 
Natur  zwar  selber  als  Sinnengegenstand  ist  nicht  erhaben,  d.  h. 
unendlich,  weil  sie  alle  ihre  Massen  wenigstens  mit  optischen 
Grenzen  scharf  abschneidet,  das  unabsehliche  Meer  mit  Nebel 
oder  Morgenrot,  den  unergriindlichen  Himmel  mit  Blau,  die  Ab- 
grtinde  mit  Schwarz.  Gleichwohl  sind  das  Meer,  der  Himmel,  der 
Abgrund  erhaben;  aber  nicht  durch  die  Gabe  der  Sinne,  sondern 

10  der  Phantasie,  die  sich  an  die  optischen  Grenzen,  an  jene  schein- 
bare  Grenzenlosigkeit  hinstellet,  urn  in  eine  wahre  hinuberzu- 
schauen.  Man  konnte  fragen:  warum  tut  sie  es  nicht  bei  jedem 
Blau,  bei  jedem  Schwarz?  -  Man  konnte  antworten:  weil  nicht 
jedes  Blau  einen  so  groBen  Gegenstand  umschlieBet.  Man  konnte 
wieder  fragen:  warum  denn  eine  dem  Meere  an  GroBe  gleiche 
Blumenebene  sich  mit  Nebeln  schlieBe,  ohne  so  erhaben  zu  sein 
wie  das  Meer.  Die  letzte  Antwort  aber  bleibt:  weil  alles  GroBe 
einfarbig  sein  muB,  da  jede  neue  Farbe  einen  neuen  Gegenstand 
anfangt.  Im  einfachen  Blau  des  Himmels  wiegt  die  Seele  ihre 

20  Fliigel  auf  und  nieder  -  unci  aus  dem  letzten  Stern  stiirzt  sie  sich 
mit  ausgebreiteten  Schwingen  in  die  UnermeBlichkeit. 

Stelle  dir  ein  Arkadien  vor:  in  dem,  worauf  du  trittst,  halten 
uberall  Herkules-Saulen  deine  Geniisse  auf  und  lassen  bloB  deine 
Wunsche  iiber  die  Saulen  fliegen;  aber  in  einem  dichterischen 
kann  ja  dein  Wunsch  nicht  groBer  sein  als  dein  Bezirk,  und  das, 
was  du  wiinschest,  hast  du  ja  eben  vorher  erschaflen.  - 

Der  Steig  der  Wirklichkeit  ist  nicht  bloB  steiniger,  sondern 
auch  langer  als  der  der  Phantasie,  die  iiber  ihm  schweifet;  aber 
wenn  du  einen  Dichter  liesest,  so  hast  du  noch  dazu  die  Freude, 

30  den  blumigen  Irrgang  einer  fremden  Phantasie  mit  deiner  eignen 
zu  durchkreuzen.  Wie  wird  die  Phantasie,  die  schon  die  Wirk- 
lichkeit aufschmiickt,  erst  Traume  verzieren!  - 

Wenn  ich  oft  meiner  Phantasie  in-  schonen  Landschaften  er- 
laubte,  Landschaftsmalereien  zu  machen  fur  mich,  nicht  fiir  das 
Publikum :  so  fand  ich  -  und  auch  sonst  -,  daB  die  aus  mir  auf- 
steigenden  Fluren  nur  Inseln  und  Erdstriche  aus  der  langst  ver- 


202  LEBEN  DES  QUINTlfS  FIXLEIN 

sunknen  Kindheit  waren.  Der  Traum  fuhret  auch  (wie  schon 
Herder  bemerkt)  die  langst  weggeschobenen  bunten  Glasmale- 
reien  der  Kindheit  wieder  in  die  dunkle  Kammer  des  Schlafes  zu- 
ruck.  Die  Kindheits-Erinnerungen  konnen  aber  nicht  als  Erin- 
nerungen,  deren  uns  ja  aus  jedem  Alter  bleiben,  so  sehr  laben: 
sondern  es  muB  darum  sein,  weil  ihre  magische  Dunkelheit  und 
das  Andenken  an  unsere  damalige  kindliche  Erwartung  eines  un- 
endlichen  Genusses,  mit  der  uns  die  vollen  jungen  Krafte  und  die 
Unbekanntschaft  mit  dem  Leben  belogen,  unserem  Sinne  des 
Grenzenlosen  mehr  schmeicheln.  10 

Das  Idealische  in  der  Poesie  ist  nichts  anders  als  diese  vor- 
gespiegelte  Unendlichkeit;  ohne  diese  Unendlichkeit  gibt  die 
Poesie  nur  platte  abgefarbte  Schieferabdriicke,  aber  keine  Blu- 
menstiicke  der  hohen  Natur.  Folglich  muB  alle  Poesie  idealisie- 
ren:  die  Teile  mussen  wirklich,  aber  das  Ganze  idealisch  sein.  Die 
richtigste  Beschreibung  einer  Gegend  gehoret  darum  noch  in 
keinen  Musenalmanach,  sondern  mehr  in  ein  Flurbuch  -  ein 
Protokoll  ist  darum  noch  keine  Szene  aus  einem  Lustspiel  —  die 
Nachahmung  der  Natur  ist  noch  keine  Dichtkunst,  weil  die  Ko- 
pie  nicht  mehr  enthalten  kann  als  das  Urbild.  -  20 

Die  Poesie  ist  eigentlich  dramatisch  und  malt  Empfindungen, 
fremde  oder  eigene :  das  iibrige  -  die  Bilder,  der  Flug,  der  Wohl- 
klang,  die  Nachahmung  der  Natur  -  diese  Dinge  sind  nur  die 
ReiBkohlen,  Malerschatullen  und  Geruste  zu  jener  Malerei.  Diese 
Werkzeuge  verhalten  sich  zur  Poesie  wie  der  GeneralbaB  oder 
die  Harmonie  zur  Melodie,  wie  das  Kolorit  zur  Zeichnung.  Dazu 
setz*  ich  nun  weiter:  alle  Quantitaten  sind  fur  uns  endlich,  alle 
Qualitdten  sind  unendlich.  Von  jenen  konnen  wir  durch  die 
auBern  Sinne  Kenntnis  haben,  von  diesen  nur  durch  den  innern. 
Folglich  ist  jede  Quaiitat  fiir  uns  eine  geistige  Eigenschaft.  Geister  30 
und  ihre  AuBerungen  stellen  sich  unserem  Innern  ebenso  grenzen- 
los  als  dunkel  dar.  Mi  thin  muB  das  in  uns  geworfene  Sonnenbild ,  das 
wir  uns  vom  Dichter  machen,  vergroBert ,  vervielfaltigt  und  schim- 
mernd  in  den  Wellen  zittern,  die  er  selber  in  uns  zusammentrieb. l 

1  Ohne  die  Erwagung  des  Geistes,  der  schuf,  war*  es  nicht  zu  erklaren, 
warum  eine  Szene  aus  Shakespeare  nur  halb  gefiele,  wenn  wir  wiiBten,  er 


UBER  DIE  NATURLICHE  MAGIE  DER  EINBI LDUNGSKRAFT     203 

Aber  das  wars  nicht,  worauf  ich  kommen  wollte,  sondern  dar- 
auf,  wodurch  und  womit  die  schonen  Kiinste  auf  uns  wirken. 
Durchaus  nur  mit  und  durch  Phantasie:  das,  was  die  Gebilde  der 
Malerei  und  Plastik  von  andern  Korpern  absondert,  muB  ein  be- 
sonderes  Verhaltnis  zu  unserer  Phantasie  sein.  Dieses  Verhaltnis 
kann  nicht  auf  die  bloBe  kahle  Vergleichung  hinauslaufen,  die 
wir  zwischen  dem  Ur-  und  Abbilde  anstellen  und  aus  der  wir  nur 
das  matte  Vergnugen  besiegter  Schwierigkeiten  schopfen  konn- 
ten.  Sulier  sagt:  ein  Gemalde  gefallet  uns,  aber  nicht  das  treuere 
.  Bild  im  Spiegel,  eine  Statue  entzuckt  uns,  aber  nicht  die  treuere 
Wachsfigur:  denn  die  Ahnlichkeit  muB  ihre  Grenzen  haben.  Ich 
frage  aber:  warum?  Weswegen  soil  die  vollendete  Ahnlichkeit 
(die  Gleichheit)  weniger  vermogen  als  die  unvollendete?  Es  ist 
in  diesem  Sinne  nicht  einmal  wahr,  und  ein  Portrat,  dem  zum 
Spiegelbilde  nichts  abginge  als  die  Beweglichkeit,  wiirde  uns  um 
so  mehr  bezaubern. 

Aber  in  einem  andern  Sinne  ist  allerdings  eine  Unahnlichkeit 
vonnoten:  diejenige,  die  in  die  Materie  die  Pantomine  eines 
Geistes  eindruckt,  kurz  das  Idealische.  Wir  stellen  uns  am  Chri- 
■  stuskopfe  nicht  den  gemalten,  sondern  den  gedachten  vor,  der 
vor  der  Seele  des  Kunstlers  ruhte,  kurz  die  Seele  des  Kiinstlers, 
eine  Qualitat,  eine  Kraft,  etwas  Unendliches.  Wie  die  Schau- 
spieler  nur  die  Lettern,  nur  die  trocknen  Tuschen  sind,  womit 
der  Theaterdichter  seine  Ideale  auf  das  Theater  malet  -  daher 
wird  jedes  Trauerspiel  mit  groBerem  Vorteil  seines  Idealischen 
im  Kopfe  als  auf  dem  Schauplatz  aufgefiihret  -:  so  sind  die  Far- 
ben  und  Linien  nur  die  Lettern  des  Malers.  Die  typographische 
Pracht  dieser  Lettern  vermenge  man  nicht  mit  dem  erhabenen 
Sinn,  dessen  unwillkurliche  Zeichen  sie  sind. 

Ich  sagte  unwillkurliche.  Unsere  Seele  schreibt  mit  vierund- 
zwanzig  Zeichen  der  Zeichen  (d.  h.  mit  vierundzwanzig  Buch- 
staben  der  Worter)  an  Seelen ;  die  Natur  mit  MilHonen.  Sie  zwingt 
uns,  an  fremde  Ichs  neben  unserem  zu  glauben,  da  wir  ewig  nur 
Korper  sehen  -  also  unsere  Seele  in  fremde  Augen,  Nasen,  Lip- 

hatte  sie  von  Wort  zu  Wort  aus  irgendeinem  wirklichen  Zufall,  Protokoll, 
Dialoge  ausgeschrieben. 


204  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

pen  iiberzutragen.  Kurz,  durch  Physiognomik  unci  Pathogno- 
mic beseelen  wir  erstlich  alle  Leiber  -  sparer  alle  unorganisierte 
Korper.  Dem  Baume,  dem  Kirchturme,  dem  Milchtopfe  teilen 
wir  eine  feme  Menschenbildung  zu  wnd  mit  dieser  den  Geist.  Die 
Schonheit  des  Gesichts  putzet  sich  nicht  mit  der  Schonheit  der 
Linien  an,  sondern  umgekehrt  ist  alle  Linien-  und  Farbenschon- 
heit  nur  ein  iibertragener  Widerschein  der  menschlichen.  Unser  / 
Unvermogen,  uns  etwas  Lebloses  existierend,  d.  h.  lebend  zu 
denken,  verkniipft  mit  unserer  Angewohnung  an  ein  ewiges  Per- 
sonifizieren  der  ganzen  Schopfung,  macht,  daB  eine  schone  Ge-  10 
gend  uns  ein  malerischer  oder  poetischer  Gedanke  ist  -  daB  groBe 
Massen  uns  anreden,  als  wohnte  ein  groBer  Geist  in  ihnen  oder 
ein  unendlicher-und  daB  ein  gebildeter  Apollos-  und  ein  gemal- 
ter  Johanneskopf  nichts  sind  als  die  schone  echte  Physiognomie 
der  groBen  Seelen,  die  beide  geschaffen,  um  in  homogenern  Kor- 
pern  zu  wohnen,  als  die  eignen  sind.  — 

Als  Tithon  sich  vom  Jupiter  die  Unsterblichkeit  erflehte,  hatte 
er  in  seine  Bitte  nicht  die  Jugend  eingeschlossen,  und  er  schwand 
zuletzt  ein  zu  einer  unsterblichen  -Stimme:  So  verfallet,  erblei- 
chet  das  Leben  hinter  uns,  und  unserer  einschwindenden  vertrock-  20 
nenden  Vergangenheit  bleibt  nur  etwas  Unster,bliches  -  eine 
Stimme:  die  Musih.  DaB  nun  die  Tone,  die  in  einem  dunkeln 
Mondlicht  mit  Kraften  ohne  Korper  unser  Herz  umflieBen,  die 
unsere  Seele  so  verdoppeln,  daB  sie  sich  selber  zuhort,  und  mit 
denen  unsere  tief  heraufgewuhlten  unendlichen  exaltierten  HorT- 
nungen  und  Erinnerungen  gleichsam  im  Schlafe  reden,  daB  nun 
die  Tone  ihre  Allmacht  von  dem  Sinne  des  Grenzenlosen  uber- 
kommen,  das  brauch'  ich  nicht  weiter  zu  sagen.  Die  Harmonic 
fullet  uns  zum  Teil  durch  ihre  arithmedschen  Verhaltnisse;  aber 
die  Melodic^  der  Lebensgei'st  der  Musik,  erklaret  sich  aus  nichts  30 
als  etwan  aus  der  poetischen  reinen  Nachahmung  der  rohern 
Tone,  die  unsere  Freuden  und  unsere  Schmerzen  von  sich  geben. 
Die  auBere  Musik  erzeugt  also  im  eigentlichen  Sinn  innere;  daher 
auch  alle  Tone  uns  einen  Reiz  zum  Singen  geben.  — 

Aber  genug!  Ich  schlieBe,  wie  ein  Schauspiel,  mit  der  geliebten 
Tonkunst.  Ich  hatte  noch  viel  einzuschranken,  zu  beantworten 


UBER  DIE  NATURLICHE  MAGIE   DER  EI  NBI  LDUNGSKRAFT     20$ 

und  nachzuholen,  z.  B.  das,  daB  es  eine  genieBende  und  eine 
schafTende  Phantasie  gebe  und  da6  jenes  die  poetische  Seele  sei, 
die  den  Sinn  des  Unendlichen  feiner  hat,  und  dieses  die  schopfe- 
rische,  die  ihrt  versorgt  und  nahrt,  oft  ohne  ihn  zu  haben;  ich 
konnte  noch  mit  den  Kraften  des  Mondscheins,  der  Nacht,  der 
bunten  Farbenwqgen  in  Tautropfen  meinen  Satz  befestigen:  aber 
einer,  der  bei  Tageslicht  blind  ware,  wurde  auch  bei  wolken- 
losem  Sonnenlicht  nichts  sehen.  Es  ist  mir  —  so  sehr  personifi- 
zieret  der  Mensch  sogar  seine  eignen  Teile  -,  als  muBt*  ich  jetzt 

10  der  Phantasie,  iiber  die  ich  zu  lange  geschrieben  und  unter  deren 
heiBen  Linie  wie  unter  der  andern  ein  ewiger  Morgenwind  der 
Jugend  weht,  als  muBt'  ich  ihr  dankbare  Empfindungen  fur  die 
Stunden,  fur  die  Garten,  fur  die  Blumen,  selber  fur  die  Wiinsche 
bringen,  die  sie  wie  Girlanden  um  das  einfarbige  Leben  flicht. 
Aber  hier  will  wieder  der  Mensch,  wie  so  oft,  lieber  der  Gabe  als 
dem  Geber  danken.  —  Und  was  soil  unser.  Dank  sein?  -  Zufrie- 
denheit!  Abscheu  vor  der  Unart,  den  kostlichen  Ersatz  der  Wirk- 
lichkeit  und  die  Wirklichkeit  zugleich  zu  begehren,  zu  den  un- 
verwelklichen  B  lumens  tucken  der  Phantasie  noch  die  diinnen 

20  Blumen  der  irdischen  Freude  dazu  zu  fordern  und  iiberhaupt  das 
zu  vergessen,  daB  der  dichterische  Regenbogen  (wie  der  optische) 
sich  gerade  beim  niedrigsten  Stande  der  Sonne  (im  Abend  und 
Winter)  am  hochsten  wolbe.  -  Wohl  gleichen  wir  hier  mit  un- 
serer  lechzenden  Brust  Schlafenden,  die  so  lange  dursten,  als  sie 
den  Mund  qffhen:  sie  sind  gestillet,  wenn  sie  ihn  schlieften,  und 
wir  auch,  wenn  unsern  die  letzte  Hand  zudriickt.  Aber  wir  sind 
voll  himmlischer  Traume,  die  uns  tranken  -  und  wenn  dann  die 
Wonne  oder  die  Erwartung  der  traumerischen  Labung  zu  groB 
wird,  dann  werden  wir  etwas  Bessers  als  satt  -  wach. 


Des  Amts-Vogts  Josuah  Freudel  Klaglibell  gegen  seinen 

VERFLUCHTEN  DaMON 

Dieses  zierliche  Klaglibell,  worin  ein  zerstreueter  Gelehrter  ohne 
sein  Wissen  seine  Zerstreuung  schildert,  kam  durch  die  Giite  des 
Herrn  Pfarrers  Fixlein  in  meine  Hande,  ders  in  der  Kirchenagende 
seiner  Sakristei  gefunden  hatte.  Ich  glaube,  ich  kann  das  Libell 
ohne  Diebstahl  zu  meinen  Aufsatzen  und  EfTekten  schlagen,  da 
Freudel  hinten  eine  Arbeit  von  mir  in  seine  einfugt;  denn  ich 
mache,  da  commixtio  und  confusio  ein  modus  adquirendi  ist,  aus  : 
rechtlichen  Griinden  aufs  Ganze  Anspruch.  Wenigstens  ge- 
horenT  da  er  das  Papier  dazu  aus  der  Sakristei  erhob,  meinem 
Gevatter  als  Herrn  des  Prinzipale  die  darauf  gesetzten  Gedanken 
des  Vogts  als  accessorium.  Der  Konzipient  hatte  sich  aus  Ver- 
sehen  am  BuBtage  in  die  Hukelumer  Kirche  sperren  lassen :  -  um 
nun  die  Langweile  sich  so  lange  vom  Leibe  zu  halten,  bis  ihn 
beim  Gebetlauten  jemand  hinausIieB,  verschrieb  er  die  Zeit  bis 
dahin  in  diesen  Klagen : 


Gewisser  ist  wohl  nichts,  als  daB  manchen  Menschen  ein  tuk- 
kischer  Damon  verfolgt  und  ihm  lange  Sperrhaken  ins  Getriebe  20 
seines  Lebens  steckt,  wenn  es  gerade  am  besten  umlauft  und  eben 
ausschlagen  will.  Jeder  muB  Menschen  kennen,  die  lauter  Un- 
gliick  im  Spielen  -  Kriegen  -  Heiraten  -  in  allem  haben,  so  wie 
andere  wieder  lauter  Gliick.  Bei  mir  wird  gar  Gluck  und  Un- 
gliick  mutschierungsweise  neben  und  auf  einander  verpackt  in 
eine  Tonne,  anstatt  daB  es  Jupiter  in  zwei  verfiillte.  Ist  vollends 
das  Vergniigen,  die  Ehrenbezeugung,  die  riihrende  Empfindung, 
die  ich  habe,  groB,  sehr  groB :  so  verlass'  ich  mich  darauf,  daB  es 
nun  der  Damon  gewahr  werden  und  mir  alles  hinterdrein  geseg- 


DES  AMTS-VOGTS  JOSUAH  FREUDEL  KLAGLIBELL  207 

nen  werde.  So  versalzet  er  mir  gern  schone  Lustfahrten  durch 
einen  hauslichen  Hader;  und  ein  Ehrenbogen  ist  fiir  mich  ein 
Regenbogen,  der  drei  elende  Tage  ankiindigt.  So  hat  er  mir  heute 
in  diese  Kirche  nachgesetzt,  weil  er  voraussah,  die  bliihende  Pre- 
digt  werde  mir  einiges  Vergniigen  reichen;  und  nun  sen'  ich 
mich  seit  der  Vesperpredigt  in  das  Gotteshaus  inhaftiert,  und  das 
Schicksal  weiB,  wenn  ich  hinausgelassen  werde.  Denn  ich  kann 
weder  Tiir  noch  Fenster  ausbrechen,  und  das  groBte  Ungliick 
ist,  daB  gerade  heute  BuBtag  ist,  wo  keine  Magd  auf  den  Gottes- 

io  acker  geht;  unter  alien  meinen  dummen  Schreibern  hat  ohnehin 
keiner  so  viel  Verstand,  daB  er  mich  in  der  Sakristei  aufsuchte. 
Diese  Kirche  ist  mir  iiberhaupt  aufsatzig;  ich  habe  darin  schon 
ein  Ungliick  gehabt,  und  es  war  heute  nichts  als  der  Widerschein 
eines  alten,  daB  ich  unter  der  Hand  der  ganzen  Gemeinde  ab- 
gefangen  wurde,  indem  ich  still  und  vergnugt  in  meinem  Kirchen- 
stuhle  saB  und  meine  ungedruckte  Anweisung  zu  einem  gericht- 
Hch-bliihenden  Stil  in  Gedanken  priifte.  Denn  ich  bin  leider  in 
viele  Sattel  gerecht,  eben  weil  mich  der  Damon  immer  aus  jedem 
hebt. 

20  Ich  habe  mich  sonst  mit  Versen  abgegeben  -  welches  jetzt 
wenigstens  meinem  Stile  zuschlagt  -  und  nachher  umgesattelt: 
denn  ich  wollte  ein  Pfarrer  werden,  und  kein  Amtsvogt.  Die 
Geschichte  ist  im  Grunde  unterhaltend,  obwohl  auf  meine  Kosten. 
Ich  wollte  namlich  als  Student  in  meinem  Geburts-Dorfe  (eben 
hier  in  der  Kirche)  mit  einer  Gastpredigt  ausstehen  und  hatte  des- 
halb  eine  groBe  Periicke  mit  einem  hohen  Toupet-Gemauer  mei- 
ner  Mutter  zuliebe  aufgesetzt.  Gleich  im  Exordio  stieB  ich  auf  ein 
Abenteuer,  indem  ich  die  Nutzanwendung,  die  sich  auch  wie 
jenes  mit:  »teuerste  etc.  Zuhorer«  anhebt,  ungliicklich  mit  dem 

30  Eingange  verwechselte;  aber  ich  hielt  -  leicht  und  mit  zweck- 
maBigen  Veranderungen  -  den  Zuhorern  den  Schwanz  so  in 
meiner  Hand  hin  wie  ein  Endchen  Kopf.  Tausend  andere  hatten 
von  der  Kanzel  gemuBt;  ich  hingegen  kam  wohlbehalten  vor  dem 
Kanzelliede  an  und  sagte:  »Nun  wollen  wir  ein  andachtiges  Lied 
miteinander  singen«  -  und  das  war  mein  Ungliick.  Denn  da  ich 
mich  -  wie  es  auf  den  meisten  Kanzeln  Sitte  ist  -  so  mit  dem 


208  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Kopfe  aufs  Pult  hinlegte  und  niederkrempte,  daB  ich  nichts  mehr 
sehen  konnte  als  den  Kanzel-Frack  -  so  wie  von  mir  audi  nichts 
zu  sehen  war  als  mein  Knauf,  die  Periicke  mit  dem  Wall  -:  so 
muBt*  ich  (wollt*  ich  nicht  dumm  sein  und  ins  Kanzeltuch  hin- 
einsingen)  aus  Mangel  an  Gesichtsempfindungen  wahrend  dem 
Singen  denken.  -  Ich  suchte  also  auf  dem  Pulte  den  Eingang,  wo- 
mit  ich  schlieBen  wollte,  zur  Nutzanwendung  umzufarben  -  ich 
wurde  von  einer  Subdivision  auf  die  andere  verschlagen  —  ich 
hatte  mich  Vie  ein  Nachtwandler  unter  meine  Gedanken  ver- 
stiegen,  als  ich  plotzlich  mit  Erstarren  vermerkte,  daB  schon  10 
langst  nichts  mehr  sange  und  daB  ich  nachdachte,  wahrend  die 
samtliche  Kirche  auflauerte.  Je  langer  ich  erstaunte  in  meiner 
Periicke,  desto  mehr  Zeit  verlief,  und  ich  iiberlegte,  ob  es  noch 
schicklich  sei,so  spat  das  Toupet-Fallgatter  aufzuheben  und  dar- 
unter  den  Kirchleuten  wieder  zu  erscheinen.  Jetzt  war  —  denn 
der  Kanzel-Uhrsand  lief  in  einem  fort  -  noch  mehr  .Zeit  verstri- 
chen;  die  auBerordentliche  Windstille  der  Gemeinde  lag  ganz 
schwiil  auf  meiner  Brust,  und  ich  konnte,  so  lacherlich  mir  zu- 
letzt  der  ganze,  Ohr  und  FuB  spitzende  Kirchenhaufe  vorkam 
und  so  sicher  ich  hinter  meinem  Haar-Stechhelm  lag,  doch  leicht  20 
einsehen,  daB  ich  weder  ewig  niedergestulpet  bleiben  noch  mit 
Ehren  in  die  Hohe  kommen  konnte.  Ich  hielts  also  fur  das  An- 
standigste,  mich  zu  haren  und  mit  dem  Kopfe  langsam  aus  der 
Periicke  wie  aus  einem  Ei  auszukriechen  und  mich  heimlich  mit 
bloBem  Haupte  in  die  an  die  Kanzeltreppe  stoBende  Sakristei 
hinunterzumachen.  Ich  tats  und  lieB  die  ausgekernte  ausgeblasene 
Periicke  droben  vikarieren.  Ich  verhalt'  es  nicht:  indes  ich  in  der 
Sakristei  mit  dem  unbefiederten  Kopfe  auf-  und  abging :  so  passete 
jetzt  (denn  mein  brachliegender  Adjunktus  und  Geschaftstrager 
schauete  in  einem  fort  schweigend  auf  die  Seelen  herunter  als  An-  30 
fang  eines  Seelenhirten),  so  passete,  gesteh'  ich,  jetzt  GroB  und 
Klein,  Mann  und  Weib  darauf,  daB  der  Kopf-Socken  anfinge  sich 
aufzurichten  und  ihnen  vorzulesen  und  jeden  so  zu  erbauen,  wie 
ja  homiietische  Kollegien  uns  alle,  hoff '  ich,  abrichten.  Ich  brau- 
che  den  Lesern  nicht  zu  sagen,  daB  die  erledigte  Periicke  nicht 
aufstand,  beraubt  aller  Inlage  und  ihres  Einsatzes.  Zum  Gliick 


DES   AMTS-VOGTS  JOSUAH   FREUDEL   KLAGLIBELL  209 

stellte  sich  der  Kantor  auf  die  FuBzehen  und  sah  in  die  Kanzel 
herein  -  er  stieg  sans  facon  herab  und  hinauf  und  zog  meine  Ka- 
puze  beim  Schwanze  in  die  Hohe  und  zeigte  der  Parochie,  daB 
wenig  oder  nichts  drinnen  ware,  was  erbauen  konnte,  kein  See- 
lensorger  -  »die  Fulle  ist  schon  aus  der  Pastete  heraus«,  bemerkt' 
er  ofTentlich  bei  diesem  Kopf-Hiatus  und  steckte  meinen  Vikarius 
zu  sich.  -  Und  seitdem  nab'  ich  diese  Kanzel  nicht  mehr  gesehen, 

geschweige  betreten 

Wahrlich  ich  schreib'  ihr  jetzt  gerade  gegenuber,  und  ich  sah 

10  heute  hinauf;  ich  wollt*  aber,  ich  konnte  hinaus,  und  ich  mufi 
schon  lange.geschrieben  haben.  Beilaufig!  gerade  diese  Historie, 
die  ich  ausschweifungsweise  beigebracht,  dient  mehr  als  eine,  das 
Dasein  eines  Damons,  der  den  mit  den  besten  Projekten  schwan- 
gern  Menschen  in  Ratten-Y orm  unter  die  Fiifie  schieBet,  zu  be- 
glaubigen  -  aber  Muttermale  sind  die  Nachwehen  davon. 

Ich  schwamm  wohl  niemals  mehr  im  Wonnemeer  als  einmal, 
da  der  hiesige  regierende  Biirgermeister  zur  Erde  bestattet  wurde 
-  dennoch  wuBte  rnir  mein  Damon  Unrat  in  meine  Leichensuppe 
zu  schmeiBen.  Ich  wurde  abkommen  von  dem  Leichenbegangnis, 

20  wenn  ich  weitlauftig  berichten  wollte,  wie  wenig  dieser  Haus- 
teufel  darnach  fragt,  wenn  er  mich  um  eine  Hinrichtung  -  urn 
eine  Kronung  -  um  eine  Sonnenfinsternis  zu  bringen  vermag. 
Da  diese  Dinge  leider  keine  Palingenesie,  kein  Ancora  und  kei- 
nen  Refrain  verstatten:  so  hab'  ich  dieses  Trio  von  Dingen,  das 
sonst  wohl  wenig  Ahnlichkeit  miteinander  hat,  niemals  be- 
schauen  konnen  -  es  war  vorbei,  eh'  ich  daran  dachte,  daB  es 
komme. 

Ich  sollte  Leichenmarschall  beim  Begrabnis  sein  und  fing  es 
auch  an:  der  Biirgermeister,  dem  der  Tod  die  Sanduhr  in  die 

30  Augen  geschiittet  hatte,  war  ein  Mann,  der  verdiente,  einen  guten 
Leichenmarschall  zu  haben,  einen  gestabten  Leichen-Turnier- 
Vogt;  denn  er  war  in  der  ganzen  Gegend  selber  bei  alien  Leichen 
von  Stand  der  allgemeine  Undertaker,  der  GroBkreuz  des  me- 
mento mori-Ordens  gewesen,  der  maitre  de  plaisirs  des  Toten- 
tanzes.  Er  hatte  -  so  gut  fand  er  sich  in  die  Charge  -  Leichen- 
Obermarschall  in  London  bei  der  Beerdigung  der  magna  charta 


2IO  LEBEN  des  quintus  fixlein 

sein  konnen,  ware  sie  kein  bloBer  SpaB  gewesen;  und  falls  man 
den  alten  Publizisten  Reichsherkommen  in  den  Residenzstadten 
einmal  im  Ernste  begriibe,  so  konnte  der  Biirgermeister  den  Sarg 
unterstiitzen,  lag'  er  nicht  selber  darin. 

Ich  muB  noch  vorher  erzahlen,  daB  ich  abends  vor  der  Be- 
stattung,  weil  ich  mit  dem  Biirgermeister  einerlei  Natur  hatte, 
mir  an  ihm  ein  Beispiel  nahm  und  meine  Friihlingskur,  namlich 
i1/2  Loffel  echte  Rhabarber  gebrauchte.  Ich  wollte,  ich  hatte  et- 
was  von  jenen  Gelehrten  an  mir,  die  aus  Zerstreuung  eines  iiber 
das  andere  vergessen:  eine  kleine  Zerstreuung,  worm  ich  iiber  10 
die  Leiche  die  Kur  vergessen  hatte,  wiirde  mir  den  andern  Tag 
zupassegekommen  sein.  Ich  sollte  fast  mich  schamen,  etwas  so 
viele  lesen  zu  lassen,  was  ich  ohnehin  so  viele  sehen  lieB.  Im 
Grunde  wars  wohl  unvermeidlich  und  wahres  splanchnologisches 
Fatum :  denn  ich  trank  im  Trauerhause  viel  nach  -  muBte  lang- 
sam  neben  der  schleichenden  Bahre  waten  und  noch  dazu  einem 
ltiftenden  Wind  entgegen,  der  den  ehrwiirdigsten  Mannern  den 
Leichenmantel  zu  einem  Fettschwanz  aufflocht  (den  faltigen  Bett- 
zopf  und  Troddel  steckt*  er  ihnen  dann  wie  ein  Stichblatt  an  die 
rechte  Seite),  und  ich  fiihrte  noch  dazu  die  satanische  Friihlings-  20 

purganz  im  Magen  bei  mir. Inzwischen  muBte  einer,  der  mir 

nachsah,  wenn  er  nicht  horndumm  war,  sogleich  bemerken,  daB 
ich  lange  genug  meine  physiologischen  Verhaltnisse  zum  Besten 
meiner  Pflicht  verbiB  und  verwand  und  hinter  dem  schwarzen 
fliegenden  Sommer  und  Flor-Labarum  des  Huts  und  mit  dem 
eingewindelten  hohen  Marschalls-Taktstock  das  samtliche  Lei-  • 
chenkondukt  gut  genug  kommandierte  und  begleitete,  obwohl 
ich  im  Wasser  der  Tranen  und  der  Laxanz  als  ein  gebrochener 
Stab  erschien.  -  Denn  mir  tat  es  wehe,  so  viel  (am  Biirgermeister) 

verloren  und  so  viel  eingenommen  zu  haben. Meinet.wegenl.30 

Unser  Land  kommt  doch  darhinter :  kurz  der  mitsingende  Wind 
mochte  uns  kaum  bis  an  zehn  Schritte  vor  die  Kirchtiire  ge- 
schoben  haben,  als  ich  wirklich  und  ohne  freien  Willen,  gleich 
dem  Kaiser  Vespasian  -  und  auch  am  namlichen  Orte  -,  meinen 
verbitterten  Zepter  fallen  lieB.  ... 

Viele  lachten  wohl. 


DES  AMTS-VOGTS  JOSUAH   FREUDEL   KLAGLIBELL  211 

In  andern  Fallen  weiB  ich  mir  gegen  Arzneien  zu  helfen.  Da 
ich  z.  B.  einmal  dem  vorigen  Obristforstmeister,  mit  dem  ichs 
nicht  verderben  durfte,  auf  seinem  Jagdhause  am  Martinitag  zu 
essen  brief  lich  versprochen  hatte:  so  traf  sichs  zum  Gliick,  daB 
ich  an  dem  namlichen  Tage  beim  hiesigen  Pfarrer  zu  speisen 
miindlich  zugesagt  hatte.  Nun  war  ich  vor  Nachteil  verwahret, 
da  es  am  Martinitag  nicht  bloB  in  der  Pfarre  drunter  und  driiber 
ging,  sondern  auch  in  meinem  Magen;  bloB  weil  ich  mich  mit 
einem  hiibschen  Brechmittel  ausbiirstete.  -  Denn  als  mir  um 

10  zwolf  Uhr  der  Pfarrer  sagen  HeB,  »es  wiirde  alles  kalt«:  so  wuBt* 
ich  recht  gut,  wie  viel  Uhr  es  geschlagen  hatte,  und  nahm  ia  der 
Stadt,  in  die  ich  in  einer  Viertelstunde  lief,  auf  der  Post  ein  Ku- 
rierpferd  und  kam  beim  Forstmeister  gerade  angesprengt,  als  die 
Suppe  noch  heifier  rauchte  wie  mein  Gaul. 

Ich  weiB  gewiB,  ich  wo  lite  dem  Leser  noch  einen  recht  frap- 
panten  Kasus  auftischen;  aber  er  will  mir  jetzt  durchaus  nicht 
beifallen.  -  Andern  Leuten  muB  es  noch  ofter  so  gehen :  denn  ich 
habe  eine  ganze  ausgewahlte  Bibliothek  durch  Diebstahl  gewon- 
nen  und  eine  verloren,  weil  die  einen,  die  mir  jene  Hehen,  und  die 

20  andern,  die  mir  diese  abborgten,  vergessen  hatten,  mit  wem  sie 
zu  tun  gehabt  -  und  dann  kamen  mir  die  Leute  auch  aus  dem 
Kopfe. 

Jetzt  fallet  mir  alles  bei:  es  war  so.  Fatalien  waren  mir,  da  ich 
noch  Advokat  war,  in  jedem  Prozesse  MiBpickel  und  Ratten- 
pulver,  und  merne  Appellationen  wollten  (wie  alle  lang  lebende 
Gewachse)  nie  schon  in  zehn  Tagen  zeitigen;  dennoch  erwiderte 
ich  einen  gut  ausgedachten  Streich  des  bosen  Damons  mit  einem 
bessern.  Oberhaupt  sollten  die  Kollegien  so  gut  Fatalien  zu  fiirch- 
ten  haben  wie  die  Advokaten :  ist  nicht  oft  das  Beste,  was  die  Par- 

30  teien  verlieren  konnen,  Zeit?  Und  warum  soil  diese  der  schuldige 
und  der  unschuldige  Teil  zugleich  verlieren?  -  Was  helfen  alle 
Lduferschuhe  der  Advokaten  (und  die  Hetipeitschen  der  ProzeB- 
ordnung  dazu),  wenn  die  hohern  Kollegien,  an  die  alle  Akten 
indossieret  werden,  in  Hemmschuhen  und  Hemmketten  einher- 
waten?  -  Kurz  die  Advokaten  und  die  hohern  Instanzen  (denn 
uns  niedrigen  ziigelt  man  schon,  und  ich  darf  kaum  mehr  spre- 


212  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

chen,  so  verlangen  die  Leute  die  Apostel)  siechen  an  demselben 
Marasmus  der  Dilation,  an  derselben  Frakturschrift  der  Schrei- 

ber,  an  derselben  Geld-  und  Gesichterschneiderei Ich  schweife 

hier  vielleicht  ab;  aber  ich  bekenne,  ich  fass'  es  niemals,  wie  ich 
im  Schreiben  von  einem  aufs  andre  komme,  da  ichs  doch  im 
Denken  nicht  tue. 

Aber  wie  gesagt,  es  war  an  meinem  Hochzeittag:  -  er  war 
schon  ganz  vorbei  bis  auf  eine  Viertelstunde.  —  Die  finstere  Hoch- 
zeitnacht  war  hereingebrochen  -  ich  hatte  meine  Repetieruhr  und 
mein  Zopfband  schon  unter  den  Spiegel  gehangen  und  das  vor-  10 
letzte  Licht  ausgetan  und  beim  letzten  drei  Viertel  auf  zwolf  Uhr 
gelesen  und  so  feurig  als  wenige  an  meine  Hebe  Braut,  als  Tur- 
und  Wandnachbarin  meiner  Seele,  gedacht,  als  ich  im  sogenann- 
ten  Ehekalender,  der  neuerer  Zeiten  das  Kirchenbuch  und  den 
Geburtsschein  um  dreiviertel  Jahr  antizipieret,  nachschauete,  urn 
das  heutige  Datum  zu  unterlinieren :  nun  kam  ich  im  Kalender, 
worin  zugleich  meine  juristischen  Fatalien  und  Termine  stehen, 
zum  Gliicke  mit  darhinter,  da£  ich  innerhalb  zwei  Tagen  appel- 
lieren  miiBte,  und  daB  der  letzte  Viertelhammer  der  zwolften 
Stunde  den  achten  gar  erschluge.  Ich  raffte  mich  zusammen,  be-  20 
schnitt  Papier  (in  Baiern  war's  unnotig)  und  legte  stehendes 
FuBes  die  Appellation  ein,  die  einzulegen  war,  und  petschierte  sie 
zusammen.  »Ich  habe  nur«  -  meldete  ich  ausgefroren  der  Braut  - 
»vom  Judex  a  quo  zum  Judex  ad  quern  appelliert;  und  du  kannst 
dir  denken,  ob  man  es  appellatischerseits  werde  erwartet  haben.«- 

Da  der  Teufel  eine  eigne  Liebhaberei  fiir  Zwiespalt  hat:  so 
sucht  er  mir  gerade,  wenn  ich  durch  einen  Ehrenbogen  gehe,  den 
Grimm  meiner  Freunde  zuzuwenden.  Ich  erinnere  mich,  daB  ich 
oft  vermischten  Gesellschaften  mit  der  groBten  Deutlichkeit  La- 
vaters  Tierstucke  aus  seinem  physiognomischen  Schwabenspiegel  30 
repetierte  und  ihnen  die  Anwendung  der  Vieh-  und  Insekten- 
kopfe  auf  die  menschlichen  so  leicht  machte,  als  ohne  Kupfer- 
stiche  moglich  ist,  ich  erinnere  mich,  sag*  ich,  daB  ich  mich,  wenn 
ich  mich  dann  nach  einiger  Beistimmung  umschauete,  in  einem 
Zirkel  oder  Trapezium  von  fatalen  verdruBHchen  Gesichtern  mit 
gekrauselten  Nasen,  faltigen  Lippen,  gestirnten  iiberschriebnen 


DES  AMTS-VOGTS  JOSUAH  FREUDEL  KLAGLIBELL  213 

Stirnen  stehen  sah  -  und  wer  mir  aus  der  Gesellschaft  die  nach- 
sten  Wochen  darauf  ein  Bein  unterstellen  konnte,  der  tats.  Wenn 
ich  nicht  zuweilen  in  Gesellschaft  einschliefe,  so  konnten  alle 
nichts  aufbringen,  womit  ich  ihnen  zu  nahe  trate:  alles,  was  ich 
darin  wage,  ist,  daB  ich  vor  ihnen  im  Kopfe  einige  juristische 
Opuscula  ausarbeite^  anstatt  daB  Zimmermann  ihnen  im  Kopfe 
gar  seine  philosophischen  vorlieset.  Newton  sah  den  Finger  einer 
Dame  fiir  einen  Zwerghirschchen-FuB  an,  den  man  zum  Pfeifen- 
stopfer  nimmt;  ich  aber  habe  nichts  auf  mir,  als  daB  ich  einmal, 

.  da  ich  meine  Pfeife  ausklopfte,  aus  Hoflichkeit  einigemal  rief: 
herein!  weil  ich  dachte,  man  klopfe  clrauBen  an. 

So  werf '  ichs  mehr  einem  bosen  Damon  als  mir  selber  vor,  daB 
ich  in  einem  Jahre  meinen  Gevatter  und  meinen  Beichtvater  zu- 
gleich  geargert.  Ich  war  sehr  krank  und  lieB  auf  drei  Sonntage 
eine  Kirchenvorbitte  fiir  meine  Genesung  bestellen.  Am  dritten 
Sonntag  saB  ich  wahrend  der  Vorbitte  selber  mit  unter  den  Leu- 
ten  und  schauete  -  wahrend  der  Pfarrer  oben  an  meiner  Rekon- 
valeszenz  arbeitete  -  unten  aus  meinem  Gitterstuhl  mit  einem 
narrischen  Gesichte  genesen  heraus.  Teh  wuBt*  aber  am  besten, 

)  warum  ich  mich  als  Rekonvaleszent  ofFentlich  vorstelle:  die  Ge- 
meinde  sollte  sehen,  wie  ihre  Vorbitte  angeschlagen,  und  zwei- 
tens  sollte  sie  ermuntert  werden  zu  Vorbitten  gegen  das  Rezidiv. 
Was  meinen  Gevatter,  den  Marschkommissar,  anlangt,  so  ritt 
ich  zu  ihm  bei  der  ersten  Niederkunft  meiner  Frau  und  wollt'  ihn, 
da  er  mein  alter  Universitats-Jonathan  und  Orest  ist  und  in  der 
Nahe  wohnt,  zu  Gevatter  bitten,  als  er  gerade  reisefertig  im  Stalle 
auf  den  Durchmarsch  der  Ungarn  paBte.  Da  sein  erstes  Wort  war, 
ich  mochte  auf  dem  Pferde  mit  ihm  reden  und  mitreiten:  so  ver- 
ritt  ich  einen  halben  Tag,  und  erst  vier  Meilen  vom  Taufling 

3  macht'  ich  ihn  bei  einem  Setzteiche  zu  meinem  Gevatter  in  Bei- 
sein  der  Kompagnie.  Den  andern  Tag  erreichten  ich  und  er  mit 
zwei  solchen  Jagdpferden,  wie  wir  reiten,  leicht  den  Taufstein 
beizeiten. 

Ich  kann  nkht  erzahlen,  wie  ich  meinen  Gevatter  grimmig  und 
zwietrachtig  gemacht,  wenn  man  mich  nicht  vorher  iiber  die 
Tiicke  meines  Damons  abhort,  der  mir,  solang'  ich  Geburtstage 


214  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

in  meinem  Leben  antraf,  noch  keinen  einzigen  zu  begehen  er- 
laubte.  Kurz  vor,  kurz  nach  den  Geburtstagen  veranstalt'  ich  viel 
und  schaffe  Vorreiter  und  Voressen  an;  ist  aber  einer  von  den 
Geburtstagen  da,  so  merk*  ich  nichts  von  ihm,  und  ich  kann  ihn 
also  nicht  durchfeiern.  Endlich  dacht'  ich,  es  wurde  zu  etwas  fuh- 
ren  und  gescheut  sein,  wenn  ich  satteln  lieBe  und  schon  vier 
Wochen  vorher  meinen  Gevatter  auf  Barnabas-Tag  -  da  fiel 
meine  Geburt  -  samt  den  sieben  lieben  Kleinen  invitierte,  mit  mir 
vorlieb  zu  nehmen.  Ich  saB  auf  und  iiberraschte  und  iiberredete 
den  Marschkommissar,  ohne  ihm  jedoch  etwas  vom  Geburtsfeste  10 
zu  entdecken :  ich  setzte  nicht  eher  einen  Fufl  in  den  Steigbiigel, 
als  bis  er  -  weil  er  kaum  aus  den  Reisekleidern  wegen  der  Durch- 
marsche  kam,  die  halb-frankieret  waren  und  nicht  viel  anderes 
Geld  gaben  als  Fersengeld  —  doch  in  meinem  Beisein  ein  vier- 
sitziges  Fuhrwerk  auf  Barnabas  bestanden  hatte.  Nun  hatt'  ich 
alles  abgetan  und  brauchte  nicht  weiter  daran  zu  denken:  ich 
wuBte,  der  Kommissar  vergesse  nichts.  -  Unter  dieser  Zeit  lieB 
ich  das  schone  Bau- Wetter  nicht  wieder  verstreichen,  sondern 
machte  mich  einmal  im  Ernste  iiber  die  Hauptreparatur  und  Re- 
produktion  meines  bruchigen  Hauses  her.  Als  nun  am  Barnabas-  20 
termin  bei  friiher  Tageszeit  der  alte  Marschkommissar  samt  seiner 
jungen  Frau  und  sieben  lebendigen,  meinetwegen  in  Putz  gesetz- 
ten,  vergniigten  Kindern  wirklich  unten  vor  meinem  Hause 
gleich  ihrem  Fahr-  und  Fuhrmann,  der  schon  vom  Bocke  war, 
freudig  auszusteigen  gesonnen  waren :  wars  eine  platte  Unmog- 
lichkeit,  weil  um  das  Haus  mehrere  Schutt-Kettengebirge  um- 
hersaBen  und  weil  besonders  die  Beine  und  Pfahlwerke  des  Ge- 
riistes  die  ganze  Anfurt  verschrankten.  -  Ich  selber  spazierte 
oben  auf  letzterem  mit  einem  abgekiirzten  strangulierten  giim- 
mierten  Schlafrock  herum,  reine  Luft  zu  schopfen,  und  guckte  30 
staunend  auf  den  groBen  Kutschkasten  herunter,  ungemein  neu- 
gierig,  was  wohl  aus  dem  Kasten  springe.  Aber  der  Fuhrmann 
schwang  sich  wieder  uber  das  Rad  hinauf  und  fuhr  die  Familie 
vor  einen  wohlfeilen  Gasthof,  an  dem  ich  erst,  weil  er  meinem 
Geriiste  gegeniiber  stand,  beim  Aussteigen  und  Hineinziehen 
meinen  guten  Gevatter  und  seine  geputzte  Familie  leicht  wie 


DES  AMTS-VOGTS  JOSUAH  FREUDEL  KLACLIBELL  21  5 

Dokumente  rekognoszierte.  Ich  Iiefi  sie  erst  druben  allein  essen, 
weil  ich  nicht  gern  schmarutziere,  und  dann  kam  ich  schleunig 
nach.  Ich  trat  mit  dem  Scherze  vor  ihr  Tischtuch,  ich  konne  sie 
heute  nicht  in  meinen  vier  Pfahlen,  sondern  in  meinen  zwanzig 
Pfahlen  -  aufs  Geriiste  wird  angespielet  -  empfangen;  »aber  bei 
uns  zu  Hause«,  setzt'  ich  hinzu,  »kann  sich  kaum  der  Mauer- 
meister  mit  dem  Borstpinsel  umkehren.«  -  Ich  bekenne  mit  Dank 
-  so  sehr  mkh  jetzt  mein  Gevatter  anfeindet  — ,  dieser  letzte  Nach- 
mittag,  den  ich  bei  ihm  versaB,  war  einer  meiner  heitersten.  Ich 

10  notigte  ihn,  die  Nacht  dazubleiben;  und  ich  hielt  mich  beimKom- 
missar  von  Vormitternacht  bis  ein  wenig  gegen  den  Morgen  auf, 
weil  er,  ob  er  gleich  so  schlafrig  war  wie  seine  von  der  Apoplexie 
des  Schlafes  um  ihn  hingestreckten  Kinder,  doch  aus  Zerstreu- 
ung  nicht  merken  muBte,  welche  Zeit  es  sei :  denn  der  Mann  hat 
einen  auBerordentlich  zerstreueten  Kopf,  und  seine  Gehirnkam- 
mern  sind  bis  an  die  Decke  mit  Marschreglements  vollgeschlich- 
tet. . . .  Ich  hatte  an  so  einem  vergniigten  Tage  noch  gar  wissen 
sollen,  daB  es  der  meiner  Geburt  ist. 

Oberhaupt  aber  war  ich  nie  fur  ordentliche  FreB-Gelage  und 

20  erschien  ungern  darauf.  Ich  war  ein  einziges  Mai  bei  einer  Rats- 
mahlzeit,  die  ich  als  Amtsvogt  mitessen  muBte  nach  der  Rats- 
wahl:  denn  ich  habe  ja  schon  erzahlt>  daB  der  Vorfahrer  des 
neuen  Biirgermeisters  begraben  worden,  als  ich  Leichenmarschall 
war.  Ich  wiirde  mich  von  allem  ausgeschlossen  haben,  ware  nicht 
in  einem  Marktflecken  wie  unserem,  der  Stadtgerechtigkeit  be- 
gehrt,  Biirgermeister  und  Rat  viel:  in  Rom  vertauschte  der  Dik- 
tator  den  Pflug  gegen  das  Staatsruder;  -  hier  bei  uns  halt  man 
beide  leicht  in  einer  Hand,  und  wir  besitzen  Ratsherren,  denen 
es  einerlei  ist,  ob  sie  votieren  oder  gerben,  mahen  oder  strafen, 

30  an-  oder  unterschreiben  und  also  die  Kreide  oder  die  Feder 
fiihren. 

BloB  der  narrische  Ratsherr  und  Lohgerber  Ran%  bringt  dem 
Kollegio  Nachteil,  weil  er  bei  den  Mahlzeiten  solcher  Parlaments- 
wahlen  so  entsetzlich  isset.  Es  zirkuliert  iiber  die  ganze  Ratsmahl- 
zeit,  zu  der  ich  mich  ex  officio  mit  setzen  muBte,  und  besonders 
iiber  diesen  Lohgerber  eine  hiibsche  Satire,  die  ein  Unbekannter 


2l6  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

im  Manuskript  herumschickt  urid  die  ich  hier  unkastriert  ein- 
rucken  kann: 

»Zuerst  muB  die  Phantasie  des  Lesers  die  konsularische  Tisch- 
genossenschaft  nehmen  und  ihr  alle  menschliche  Glieder  ab- 
schneiden,  abbeiBen  und  wegstreifen,  nur  Schlund  und  Magen 
ausgenommen,  die  wir  bei  der  Sache  keine  Minute  entraten  kon- 
nen.  Hierauf  miissen  wir,  ich  und  der  Leser,  die  Magen  samt  ihren 
angeschraubten  Stechhebern  von  Schlunden  um  den  Tisch,  auf 
dem  die  Ratsmahlzeit  raucht,  die  der  jungste  zum  Ratsherrn  er- 
wahlte  Magen  kochen  Iassen,  titularisch  auf  den  Stiihlen  herum-  10 
legen  und  dann  zuschauen  und  aufschreiben,  wie  diese  einsau- 
gende  GefaBe  sich  einbeiBen  -  wie  sie  eintunken  -  wie  sie  aus- 
.  trinken  -  wie  sie  schneiden  -  wie  sie  stechen  -  und  was  sie  fort- 
tragen  im  Magen,  Darmkanal  und  auf  dem  Teller.  -  Aber  der 
Gerber-Meister  Rani  wirft  einen  langen  Schatten  iiber  die  ganze 
Tafel  und  iibermannt  und  iiberfrisset  jeden,  sich  ausgenommen. 
Eh*  ich  protokolliere:  so  will  ich  vorher  sechs  Bierhahne  wie 
Quellen  gegen  diesen  Streckteich  richten  und  den  Weiher  voll 
lassen  und  die  Hechte  unter  -  Bier  setzen.  Nun  schwimmt!  - 

Was  uns  auBerst  frappieret  und  aufierst  interessieret,  ist  bloB  20 
der  Ratsherr  und  Lohgerber  Ranz,  der  gleich  der  Natur  voll 
Wunder  ist  und  sie  nun  anfangt  zu  tun  .  .  .  Er  bringt,  als  Wider- 
spiel  eines  Wasserscheuen,  nichts  Festes  in  seinen  Leib,  aber  nicht 
weil  sein  Leib  selber  fest  ist,  und  genieBet,  als  Widerspiel  eines 
Katholiken,  dieses  Abendmahl  unter  einerlei  Gestalt,  namlich 
unter  der  fliissigen,  aber  nicht  weil  er  glaubt,  die  feste  stecke 
schon  mit  darin  -  er  schopfet  mit  dem  Pumpenstiefel  seiner  Hand 
alles  Feuchte  auf  und  ziehet  mit  den  Punschloffeln  seines  Wasser- 
rades  alle  Suppenschiisseln  in  seine  Schlund-Gosse  und  ins  Ma- 
genbassin  ab,  nicht  weil  er  ein  Abfuhrungsmittel  damit  abfiihren  30 
will,  womit  er  erst  morgen  das  heutige  abzufuhren  gedenkt  -  er 
wischet  mit  seinem  Brotschwamm  alle  Briihen  weg  und  halt 
seinen  Gabel-Saugstachel  iiber  jede  Senf-  und  Meerrettich-Lache, 
nicht  um  seine  Magenhaut  mit  dieser  Gerberslohe  erst  gar  zu 
machen  -  er  setzt  sich  wie  Schimmel  auf  Brot  und  schlagt  darauf 


DES   AMTS-VOGTS   JOSUAH    FREUDEL   KLAGLIBELL  21 7 

mit  seinem  Gebisse  Wurzel,  nicht  weil  er  ein  Franzos  oder  sein 
Pferd  ist  -und  Brot  liebt  -  er  macht  seinen  inkommensurablen 
Magen  zum  zweiten  Einmachglas  ernes  jeden  Eingemachten,  zur 
Grummetpanse  eines  jeden  Geniuses,  zum  Treibscherben  eines 
jeden  Salats,  nicht  weil  er  einen  Bissen  Fleisch  dazu  absagt  -  er 
mauert  das  ZorngefaB  und  den  Schmelztiegel  seines  Magens  mit 
Breien  aus,  aber  nicht  weil  dieser  Spriinge  hat  und  die  Velutie- 

rung  braucht 

Sondem  er  vollfuhrt  diese  schopferische  Scheidung  der  Was- 

10  ser  vom  Festen,  er  befestiget  diese  Kluft  zwischen  seinem  Teller 
und  seinem  Magen,  bloB  um  in  beiden  eine  gleiche  Masse  aufzu- 
schutten  und  wegzubringen,  bloB  um  auf  dem  Zimmerplatz  des 
Tellers  mit  dem  EBhandwerkszeug  ein  Fruchtmagazin  und 
Speisegewolbe  aus  Fleisch-Quadern  aufzufuhren  fur  sich  und 
seine  Kinder.  . . .  Beim  Himmel!  er  sollte  noch  sitzen  und  mau- 
ern  hinter  seinem  Viktualien-Verhau  aus  Beinen,  Graten  und 
Rinden,  er  sollte  nbch  schweben  wie  ein  durres  Jahr  iiber  der 
Tafel  und  jede  nasse  Stelle  austrocknen:  so  waren  wir  imstande, 
mit  ihm  nach  Hause  zu  gehen,  wo  sich  das  Messer  dieses  Schwert- 

20  flsches  gerade  umgekehrt  nur  ans  Fleischige  ansetzt,  sobald  das 
aus  den  verlaufnen  Wassern  abgesetzte  Viktualien-Flozgebirge 
nur  anlangt.  Der  Meister  -  und  der  Gesell  -  und  die  Gerberin  - 
und  die  Gerbersbuben  -  und  der  Dachshund  bohren  sich  jetzt  in 
den  gebrachten  Berg  bis  an  die  Fersen  hinein,  und  wir  konnen  sie 
nagen  horen.  Fresset  zu!  -  Hat  sich  euer  armer  Ranz,  dieses 
atzende  fressende  Mittel,  nicht  genug  gequalt,  um  nicht  wie 
KnochenfraB  alles  anzugireifen?  Hat  er  nicht  mit  alien  peristal- 
tischen  Bewegungen  seines  Schlundes  den  Magen-Luftballon 
bloB  mit  Windsbrauten  aufgefullet  und  gehoben  und  mit  einer 

30  Wasserhose  die  Blase?  -  Aber  sollt*  ich  einmal  eines  auBer- 
ordentlichen  Typus  vonnoten  haben,  um  damit  ein  auBerordent- 
liches  Chaos  zu  erlautern  und  anzuleuchten,  das  Chaos  und  den 
Zank  eines  Nonnenklosters  oder  einer  Theatertruppe  oder  eines 
heiligen  deutschen  romischen  Reichs  -  so  bring*  ich  bloB  deinen 
aufgesteiften  gespannten  Magenglobus  mit  seinen  Briihen  und 
Luftarten  getragen  als  Typus,  Ranz !«  . . . 


2l8  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

-  Ei,  ganz  herrlich  -  lieblich  -  und  recht  erwiinscht  und  ver- 
dammtl  -  Ich  will  mir  aber  den  Schreib-Arm  absagen  lassen, 
wenn  ich  hier  noch  einen  Buchstaben  schreibe.  Wahrlich  der 
Kirchner  ist  dagewesen,  und  ich  hab'  ihn  uber  den  entsetzlichen 
VielfraB  verpasset ... 

Concep.  z.  Amtsvogt  Freudel. 


Es  GIBT  WEDER  EINE  EIGENNUTZIGE  LlEBE   NOCH   EINE   SeLBSTLIEBE, 
SONDERN  NUR  EIGENNUTZIGE  HANDLUNGEN 

I.  Ich  habe  meinen  ersten  Satz  erwiesen,  wenn  ich  dargetan,  daB 
die  Liebe,  die  ein  geiziger  Universalerbe  gegen  seinen  Erblasser 
nach  der  Publikation  des  Testamentes  empfindet,  ebenso  rein 
und  uneigenniitzig  sei  -  der  Art,  nicht  dem  Grade  nach  -  als  die, 
die  uns  sanft  das  Herz  erwarmt  fiir  die  grofien  Wohltater  der 
Menschheit  im  Plutarch  und  fiir  den  Onkel  Toby  im  Tristram, 

10  obgleich  jene  nicht  mehr  sind  und  dieser  niemals  war. 

Wenn  der  Universalerbe  ebensoviel  Gold,  als  die  Erbschafts- 
masse  betragt,  im  hohlen  Kopfe  einer  Statue  fande:  so  empfand' 
er  darum  nicht  einmal  so  viel  Liebe  gegen  sie,  als  ein  schwar- 
merischer  Artist  vielleicht  fiir  sie  hat.  -  Wenn  der  Erbe  dieselbe 
Summe  im  Sarge  des  Erblassers  antrafe:  so  hatt'  er  wieder  keine 
Liebe  fiir  ihn.  Ja  wenn  der  Erblasser  wahnsinnig  ware  und  ihn 
mit  dieser  Summe  beschenkte:  so  fiihlte  er  dennoch  keine  ange- 
messene  Liebe  gegen  den  Verriickten,  trotz.der  Aussicht  zu  wie- 
derkommenden  Geschenken;  denn  ich  recline  eine  kleine  Re- 

20  gung  der  Liebe  ab,  die  dem  Menschen  durch  eine  Tauschung  der 
Personifikation  gegen  das  rettende  Brett  im  Schiffbruch,  gegen 
ein  altes  Hausgerate  und  gegen  Menschen,  die  ihm  ohne  ihren 
Willen  nutzten,  eingefloBet  wird.  Folglich  Hebt  der  Erbe  am 
Wohltater  nicht  seine  metallische  Niitzlichkeit  -  diese  hatt*  er 
schon  vor  dem  Geben  lieb  — ,  sondern  seine-  Gesinnung  gegen  ihn, 
d.  h.  seine  Liebe,  also  den  fremden  Seelenzustand,  und  die  Be- 
friedigung  des  Eigennutzes  war  nur  das  notwendige  Mittel,  jene 
Liebe  aufzudecken  und  vor  die  Seele  des  andern  zu  bringen. 
Jetzt  behaupt*  ich  aber  weiter:  die  Liebe  des  Erben  gegen  den 

30  Testator  ist  von  unserer  gegen  den  milden  Onkel  Toby  nicht  in 
der  Art  yerschieden,  sondern  im  Grade.  Ich  sage:  nicht  in  der  Art. 


220  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Alle  Liebe  liebt  nur  Liebe,  sie  ist  ihr  eigner  Gegenstand.  Unsere 
AfFekten  sind  iiberhaupt  gleichsam  Verkorperungen  des  sitt- 
lichen  Triebes,  und  in  ihnen  ist  die  Gestalt  des  letztern,  wie  in 
den  Tieren  die  menschliche,  ausgedriickt,  aber  nur  anagram- 
matisch,  in-  und  auseinander  geschoben  und  ohne  Eurhythmie. 
Der  Zorn  ist  gleichsam  ein  plethorisches  Gefuhl  der  moralischen 
HaBlichkeit,  der  Neid  ist  das  Gefuhl  des  MiBverhaltnisses  zwi- 
schen  unserem  oder  fremdem  Schicksal  und  Wert,  und  so  der 
Ehrgeiz,  die  Liebe  usw.  So  ist  sogar  die  Liebe  gegen  weibliche 
Schonheit  -  abgesondert  vom  asthetischen  Gefallen  daran,  das  10 
am  Ende  nur  eine  kiihlere  Liebe  ist  -  nichts  als  die  Liebe  gegen  die  . 
durch  Farben-  und  Linien-Reize  hieroglyphisch  abgemalte  und  in 
.  Menschen-Wachs  bossierte  Liebe  oder  moralische  Schonheit. 

Wir  ahmen  den  fremden  Zustand  der  Menschenliebe  nach,  wir 
oder  andere  mogen  der  Gegenstand  der  letztern  sein;  ich  meine, 
unsere  Liebe  gegen  den  Wohltater  ist  gleich  rein,  obwohl  nicht 
gleich  stark,  er  mag  es  gegen  andere  oder  gegen  uns  sein.  Da  un- 
sere Liebe  ihr  Objekt  hat  im  Zustand  eines  fremden  Ichs:  so  kann 
wenigstens  sie  nicht  als  Empfindung  oder  Trieb  die  reflektierende 
Berechnung  anstellen,  ob  jener  Zustand  mich  oder  andere  zum  20 
Ziele  habe. 

Allerdings  reget  die  Menschenliebe  des  andern  in  mir  eine 
groBere  Liebe  an,  wenn  ich  ihr  Gegenstand  bin,  als  wenn  andere 
es  sind.  Aber  der  Grund  benimmt  der  Liebe  des  Universalerbens 
von  ihrer  Reinheit  nichts.  Von  meinen  Vorziigen,  von  meiner 
Wiirdigkeit,  geliebt  zu  werden,  hab'  ich  eine  tausendmal  leben- 
digere  Vorstellung  als  von  fremden  Vorziigen.  Zweitens  hab'  ich 
von  der  fremden  Liebe  und  ihrer  Einwirkung,  sobald  ich  sie  er- 
fahre,  einen  lebhaftern  Begriff.  Drittens  verstarkt  meine  Eigen- 
liebe  meine  Menschenliebe,  ohne  sie  zu  verfdlschen:  kein  Trieb  30 
kann  den  andern  unmittelbar  erzeugen  oder  erhohen,  sondern 
nur  sein  Gegenstand;  aber  der  schlimme  Trieb  kann  unsere 
Phantasie  befeuern,  den  bessern  mit  helleren  und  mehreren 
Gegenstanden  zu  umringen  und  anzufachen.  Die  eigensuchtige 
Phantasie  steigert  also  die  uneigenniitzige  Liebe.  Hatten  wir  nicht 
nur  vom  Werte  jenes  Galeerensklavens,  den  ein  gottlicher  Monch 


ES  GIBT  WEDER  EINE  EIGENNUTZIGE  LIEBE  USW.  221 

loskettete,  um  sich  selber  in  seine  Banden  zu  begeben,  sondern 
auch  von  seinem  Wohlbehagen  nach  der  Rettung  einen  so  hellen 
BegrifF,  wie  er  selber  von  beiden  hatte:  so  miiBten  wir  den 
Monch,  ohne  die  Schuldner  seines  schonen  Herzens  zu  sein  wie 
der  Sklave,  doch  fast  ebenso  lieben  wie  der  Sklave.  Ja  eine  feinere 
Seele  stellet  die  Liebe,  die  ihr  Liebhaber  fur  sie  hat,  so  weit  von 
ihrem  Selbste  weg,  daB  sie  ihn  so  zart  und  verdienstlich  lieben 
kann,  als  war*  er  der  Liebhaber  eines  fremden  Ichs. 

II.  Es  kann  keine  Selbstliebe  geben  so  wie  keinen  SelbsthaB. 

10  Ich  miiBte  zweimal  da  sein,  damit  das  liebende  Ich  nicht  ins  ge- 
Hebte  zerflosse.  Da  Liebe  nur  gegen  Liebe  entbrennt:  so  miiBte 
die  Selbstliebe  sich  lieben,  eh*  sie  sich  liebte,  und  die  Wirkung 
brachte  die  Ursache  hervor,  welches  so  viel  ware,  als  sahe  das 
Auge  sein  Sehen.  -  Freilich  steht  in  unserem  Kopfe  ein  Zwillings- 
bruder  unsers  Ichs,  d.  h.  ein  Bild  von  diesem  Ich;  und  diesen 
Schieferabdruck  unsers  Ichs  lieben  wir  freilich:  aber  das  ist  so 
wenig  Selbstliebe,  als  es  eine  ware,  wenn  wir  eine  fremde,  uns 
bis  auf  alle  Punkte  und  Striche  nachgestochene  Person  lieb  hat- 
ten.  -  Nur  Eigenschaften  werden  geliebt,  allein  Substanzen  lie- 

20  ben.  Aber  unsere  sogenannte  Selbstliebe  wachset  ja  nicht  mit  un- 
sern  Vorziigen  -  hochstens  mit  unsern  Fehlern  -;  und  sie  ist 
ebenso  warm,  wenn  wir  uns  selber  verachten  -  denn  sonst  wiir- 
den  wir  uns  im  Siinden-Sumpfe  lassen  -,  als  wenn  wir  einen  Teil 
unserer  eignen  Natur  verehren  miissen. 

Es  ist  noch  mehr  meiner  Meinung  gemaB,  den  obigen  Satz  um- 
gekehrt  auszudriicken  und  zu  sagen:  nur  Substanzen  werden  ge- 
liebt. Die  nackte  federlose  luftige  Eigenschaft  ist  an  und  fur  sich 
kein  warmerer  Gegenstand  meiner  Liebe  als  das  ihr  zusagende 
Wort  im  Vokabelnsaal  oder  Kompendium.  -  Jede  Eigenschaft 

30  muB  an  einem  Ich  -  das  wieder  fur  uns,  obwohl  unbegreiflich, 
etwas  Bessers  ist  als  eine  andere  Eigenschaft  -  glanzen,  um  geliebt 
zu  werden.  Dieses  lebendige  Ich,  diese  Bedingung  aller  geistigen 
Eigenschaften,  lieben  wir  allein  in  diesen.  Nach  dieser  Definition 
ist  Selbstliebe  noch  unmoglicher,  d.  h.  Liebe  vom  Ich  gegen  das 
Ich.  Unsere  Selbstverachtung  kann  sich  nicht  auf  unser  ganzes 
Wesen  richten,  weil  der  Teil,  worin  sie  ist,  doch  keine  verdienen 


222  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

kann;  und  so  wiirde  die  Selbstliebe  nur  immer  bloB  Eigenschaf- 
ten,  nie  das  Wesen  selber,  weil  sie  ja  von  diesem  selber  etwas  ein- 
nimmt,  umfassen  konnen.  Ich  besorge,  dieses  scheinet  spitzfiin- 
diger,  als  es  ist.  Aber  in  den  triiben  Abgrund  der  Selbstliebe  mus- 
sen  mehrere  Kantische  Sonnen  fallen,  um  ihn  licht  zu  machen. 

Die  Liebe,  womit  uns  der  gute  andere  umfangt,  ist  so  etwas 
Mystisches,  daB  wir  uns  gar  nicht  in  seine  Seele  denken  mogen, 
weil  wir  seinen  guten  BegrirT  von  unserem  Ich  nicht  teilen  kon- 
nen -  wir  begreifen  (trotz  dem  BewuBtsein  unsers  Wertes)  nicht, 
wie  man  uns  lieben  konne;  aber  wir  finden  uns  darein,  wenn  wir  10 
bedenken,  daB  der  andere  seinerseits  ebensowenig  unsere  Liebe 
gegen  ihn  musse  fassen  konnen.  — 

Man  erlaube  mir,  noch  eine  clausula  salutaris  oder  ein  zier- 
liches  Kodizill  zu  machen;  um  so  mehr,  da  niemand  schuld  ist  als 
Plainer,  Dieser  behauptet,  die  Empfindung  sei  eigenniitzig,  weil 
sie  als  diese  nur  unsern  eignen  Zustand  darstelle;  und  nichts  sei 
uneigenniitzig  als  unsere  Vernunft.  Aber  erstlich  muB  der  Begriff 
von  Uneigenniitzigkeit,  wenn  er  kein  ausgehohltes  Vexier-Wort 
sein  soli,  ja  bloB  der  Abdruck  irgendeines  uneigenniitzigen  Zu- 
stand es  in  uns  sein.  Zweitens  setzet  das  Gefuhl  des  Eigennutzes  20 
das  seines  Gegenteils  voraus.  Wie  der  Blinde  nicht  nur  kein  Licht, 
sondern  auch  kein  Dunkel  kennt :  so  wuBten  wir  ohne  Uneigen- 
nutz  nichts  vom  Eigennutz,  ohne  Freiheit  nichts  von  Sklaverei, 
so  wie  vielleicht  eine  Menge  Dinge  aus  Mangel  ihres  Wechsels 
mit  dem  Gegenteil  fur  uns  auf  dieser  Welt  im  Dunkeln  bleiben. 
Drittens  frag*  ich:  wenn  z.  B.  das  Mitleid  bloB  darum  eigen- 
niitzig heiBen  soil,  weil  ein  fremder  Zustand  voll  Schmerzen  zu 
unserem  eigenen  artet:  welche  hohere  Uneigenniitzigkeit  denn 
nur  denkbar  sei?  Ich  kenne  nur  die  eine  denkbare,  daB  man  das 
fremde  Ich  noch  heiBer  wie  seines  versorge,  daB  man  seines  ver-  30 
gesse,  verschmahe,  verstoBe.  -  Aber  dann  ware  ja  im  eigentlichen 
Sinne  das  fremde  Selbst  in  meines  verkehrt  -  der  Trieb  ware  nur 
verpflanzet,  nicht  veredelt  -  und  ich  hatte  bloB  die  Ichs  ge- 
tauscht.  Denn  eben  darin  beruhet  der  Nicht-Eigennutz,  daB 
meine  Natur  trotz  ihrer  Selbststandigkeit  in  den  Zustand  einer 
fremden  eingeht  und  daB  ein  Ich  mehreren  Ichs  nachfiihlt.  Wie 


ES  GIBT  WEDER  EINE  EIGENNUTZIGE  LIEBE  USW.  223 

gesagt,  war's  moglich,  eine  fremde  Gluckseligkeit  durchaus  ohne 
Wunsch  einer  eigenen  zu  begehren  und  ein  fremdes  Ich  mit  etwas 
anderem  zu  lieben  als  mit  dem  eignen  -  eine  Unmoglichkeit  sel- 
ber  bei  Gott  -:  so  ware  nichts  erbeutet,  denn  ich  besaBe  ja  nur 
den  fremden  Trieb,  und  meln  Eigennut^  ware  bloB  in  ein  fremdes 
Ich  gezogen  aus  meinem. ... 


Da  ich  diesen  Aufsatz  zweimal  umgeschrieben:  so  hab'  ich 
zweimal  jenes  starkende  Vergniigen  gekostet,  das  uns  erfrischet, 
wenn  der  Kopf  die  Wiinsche  des  Herzens  vidimieret  und  asse- 

10  kurieret.  Indessen  war  ich  doch  nie  so  ungliicklich,  daB  ich  je- 
mals  -  selber  in  den  friihern  Jahren,  wo  die  junge  Seele  die  Seelen- 
wanderung  durch  die  Philosophen  wie  durch  Tiere  anstellt  und 
bald  in  jenen  Kopf,  bald  in  diesen  fahrt  -  in  den  Korper  des  Hel- 
vetius  gefahren  ware  und  mit  ihm  mich  im  schmutzigen  Glauben 
an  einen  allgemeinen  Eigennutz  aller  Menschen  -  und  zuletzt  der 
ganzen  Schopfung,  weil  die  Beweise  dieselben  sind  -  gewalzet 
hatte.  Wahrlich  ich  wuBte  nicht,  was  man  an  sich  noch  zu  lieben 
hatte  auBer  jener  Liebe  fur  andere,  und  ob  uns  irgendein  Eigen- 
nutz unausstehlicher  sein  konnte  als  eigner.  Gliicklich  ist  der 

20  Mann,  dem  ein  reifendes  Herz  und  gute  Menschen  wie  er  und  ein 
Horizont  ohne  Gewitter  endlich  die  Oberzeugung  bescheret 
haben,  daB  -  so  wie  die  magnetische  und  elektrische  Materie  der- 
selbe  Universalgeist  ist,  der  die  Wolken,  die  Zitterfische  und  die 
Magneten  zieht,  der  im  Nordschein  als  milder  Schimmer,  im  Ge- 
witter als  Wetterstrahl,  im  Menschen  als  Heiligenschein,  in  den 
Fischen1  als  Zug  und  Schlag  und  in  den  Nerven  als  Lebensgeist 
wirkt  -  gliicklich  ist  der,  sag'  ich,  der  immer  mehr  glaubt,  daB  die 
Liebe,  dieser  menschliche  Magnetismus,  immer  dieselbe  geistige 
Elektrizitat  und  Desorganisation  verbleibe,  sie  mag  als  Blitz  in 

30  der  Geschlechter-Liebe  -  oder  als  sanfter  Nord-  und  Heiligen- 
schein in  der  Menschenliebe-oder  als  Lichtmagnet  in  der  Freund- 
schaft  -  oder  als  Nervengeist  in  der  Mutterliebe  erscheinen. 

1  Die  hiezu  gehorige  Note  will  ich,  weil  der  Mensch  glaubt,  er  masse  No- 
ten  schneller  und  kalter  lesen,  nachher  in  den  Text  versetzen. 


224  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Ich  preise  diesen  Mann  darum  glucklich,  weil  er  dann  nicht  nur 
Menschen  wie  B  ruder,  sondern  auch  Briider  wie  Menschen  lieben 
wird;  ich  meine,  weil  er,  auf  den  Stufen  der  Blutsfreundschaft  zu 
dem  Gipfel  /der  Geisterfreundschaft  getragen,  dann  wieder  jene 
durch  diese  veredeln  und  im  Vater,  Sohne,Geliebten,  Freunde 

noch  etwas  Hoheres  aufier  dem  Genannten  lieben  wird den 

Menschen.  —  Es  gibt  hinter  diesem  hohen  Namen  noch  etwas 
Hoheres,  das  wir  an  der  ganzen  Geisterwelt  lieben  konnen: 
Gott.  - 


Physische  Note  iiher  den  Zitteraal  10 

Der  Zitterfisch  war  gleichsam  der  erste  Paragraph1,  der  magne- 
tische  und  elektrische  Materie  verband,  da  er  (nach  Hunter)  zu- 
gleich  positiv  und  negativ  elektrisch  ist  und  ordentliche  Bat- 
terien  an  sich  hat,  und  da  er,  wie  die  Aale,  Neunaugen,  Quappen, 
Schleien,  Karauschen,  am  Magnet  erlahmt.  Vielleicht  wird  der 
Fisch  auf  eine  bessere  Art  als  der  Fisch  Oannes  -  der,  nach  einem 
Fragment  des  Berosus,  alle  Wissenschaften  den  Menschen  gab  - 
der  Lehrer  der  Physik,  da  an  ihm  in  dieser  Materie  wegen  der 
Einfachheit  der  Kombinationen  leichter  etwas  zu  lernen  ist  als 
am  magnetisierten  Menschen,  so  wie  ich  eben  darum  glaube,  daB  20 
die  Pflanien  uns  mehr  Fensterladen  und  Fenstervorhange  am 
Lehrgebaude  der  Er^eugung  offnen  konnen  als  die  niedern  Tiere, 
und  diese  mehr  als  wir.  So  wird  die  tierische  Elektrizitat  der 
Fackeltrager  des  tierischen  Magnetismus  werden. 

Ich  habe  mich  oft  geargert,  daB  die  Physiker  meistens  nur 
sehen  und  lesen,  anstatt  das  Gelesene  und  Gesehene  zu  kombinie- 
ren ;  noch  mehr  aber  uber  die  Naturgeschichtsschreiber,  um  deren 
Kopfe  oft  mehr  Heiligenschein  ist  als  wissenschaftlicher  innen, 
weil  sie,  bei  ihrer  Einschrankung  auf  einen  Ast  und  Blattstiel  ihrer 

1  Der  zweite  oder  zwanzigste  ware  der  Demant,  den  der  Magnet  zieht  und  30 
der,  gerieben,  selber  den  Mastix  zieht  und  der  aus  dem  Orient  ein  Nicht- 
Ieiter  ist,  und  aus'Brasilien  ein  Leiter. 


ES  GIBT  WEDER  EINE  EIGENNUTZIGE  LIEBE  USW.  225 

Wissenschaft,'  so  leicht  ihrem  optischen  und  mikroskopischen 
FleiGe  den  Schein  des  Scharfsinns  zu  erteilen  wissen.  -  Ich  wiirde 
mich  schamen,  wenn  ich  vor  Franklin  ein  groBer  Physiker  ge- 
wesen  ware;  -  denn  ich  wiirde  dann  so  gut  wie  andere  zu  meiner 
Schande  die  Witterung  und  die  Gewitter  beleuchtet  und  erklaret 
haben  ohne  das  Licht  der  elektrischen  Materie.  Und  so  steht  jetzt 
ein  Montblanc  von  aufgehauften  elektrischen  Erfahrungen  vor 
alien  Kathedern,  und  alien  fehlet  noch  das  Senfkorn  des  Glaubens 
zum  Heben  des  Bergs. 

10  Ich  habe  zuweilen  gewunscht,  man  sollte  nach  nichts  fragen, 
sondern  die  physikalischen  Data  ordentlich  zusammenwurfeln 
und  kombinieren  wie  Lessing  die  philosophischen  oder  andere 
die  Musiknoten.  Man  wiirde  doch  sehen,  was  herauskame,  wenn 
man  z.  B.  den  Zitterflsch  an  desorganisierte  Menschen,  an  Ge- 
witterstangen,  an  Magnetnadeln  vor-  und  nachmittags  (weil  sie 
nach  den  Tagszeiten  verschieden  deklinieren)  hielte  -  oder  wenn 
man  in  Hinsicht  der  elektrischen  Fische  bedachte,  daB  das  Wasser 
ein  Leiter  und  ein  Leidenscher  Kondensator  ist,  daB  die  Fische  in 
einem  vom  Blitz  getroffnen  Teiche  sterben  und  also  sich  so  kalt 

20  anfiihlen  wie  ein  isolierter  Mensch,  den  einer  auBer  Rapport  be- 

ruhrt. Kurz  ein  Physiker  sollte  wie  der  Arzt  wenig  schrei- 

ben,  wenn  er  nicht  so  viel  wissenschaftlichen  Witz  zu  physikali- 
schen Kombinationen  hatte  als  -  Lichtenberg,  und  dieser  sollte 
seines  Orts  wieder  mehr  schreiben.  - 


Des  Rektors  Florian  Falbels  und  seiner  Primaner  Reise 
nach  dem  flchtelberg 

Ich  lese  nichts  lieber  als  Bucher  von  einigen  Seiten.  Jene  alten 
Folianten-Goldbarren,  die  man  nur  auf  zwei  Sesseln  offnen  kann, 
sollten  in  mehrere  Goldkorner  zerlegt,  ich  meine,  jedes  Blatt 
sollte  in  ein  Bandchen  eingebunden  werden:  jeder  kame  dann 
leicht  mit  ihnen  durch.  Jetzt  aber  muB  der  Gelehrte  die  Quar- 
tanten  aus  Ratsbibliotheken  entsetzlich  Iange  behalten,  weil  er  sie 
nicht  heftweise  zuriicktragen  kann.  Ja,  da  der  anomalische  Fortius  10 
auf  seinen  Reisen  nichts  von  Biichern  bei  sich  fuhrte  als  die  besten 
Stellen,  die  er  vorher  herausschnitt,  eh'  er  die  kastrierte  Ausgabe 
verkaufte :  so  schlag'  ich  mit  Vorbedacht  akademischen  Senaten 
ordentliche  Universitatsbibliotheken  aus  solchen  ausgerissenen 
Blattern  vor. 

Den  Vorzug  der  Kleinheit,  der  den  groBten  Werken  fehlet, 
besitzt  nun  das  Programm  des  Herrn  Rektors,  das  ich  hier  der 
Welt  einhandige.  Es  teilt  gut  geschriebene  Nachrichten  von  eirier 
Reise  mit,  die  ein  Muster  sein  kann,  wie  Schulleute  mit  den  Saug- 
lingen  und  Fechsern  ihrer  Seele  zu  reisen  haben;  auch  sind  ver-  20 
standige  Schulmanner  von  jeher  so  gereiset.  Ich  wollte  anfangs 
das  Programm  aus  dem  Deutschen  ins  -  Deutsche  vertieren;  aber 
ich  glaubte,  es  hieBe  den  Schwanengesang  und  den  letzten  Akt 
der  Schulgelehrsamkeit  gar  absichtlich  beschleunigen,  wenn  man 
den  lateinischen  und  ciceronianischen  Stil  vollends  aus  dem  deut- 
schen wurfe,  da  er  ohnehin  aus  lateinischen  Werken  langst  ent- 
wichen  ist. 

Vorher  nur  ein  Wort  liber  die  Reisenden  selber. 

Da  ich  die  Hunde  nie  mitzahlen  werde  -  sie  bestanden  aus 
zwei  Spitz-,  drei  Wachtelhunden  der  Primaner  und  einem  Sau-  30 
finder  des  Rektors  -,  so  setz*  ich  die  Marschsaule  nur  vierzehn 


DES  REKTORS  FALBELS  REISE   NACH  DEM  FICHTELBERG       227 

Mann  stark  an,  namlich  einen  Dozenten,  zwolf  Eleven  und 
eine  Tochter  des  Schul-Doge.  Letztere  fuhr,  wie  eine  Athenerin, 
allein  in  einem  Kabriolett:  auf  beiden  Seiten  faBte  das  mitschrei- 
tende  FuBvolk  das  Fahrzeug  ein,  wie  eine  Wache  den  an  den 
Leiterwagen  befestigten  Arrestanten,  und  auf  dem  Bocke  saB  die 
Primanerbank,  wie  die  regensburgische  Kurfiirstenbank,  alter- 
nierend,  wie  etwan  beim  Bauertanze  die  Pursche  einander  im 
Streichen  und  Raspeln  der  BaBgeige  ablosen.  Im  Kabriolett  war 
hinter  dem  Futterkasten  fiir  den  Gaul  einer  fur  den  Reise-Kon- 

io  greB;  der  Lehrer  kannte  die  Bosheit  vieler  Wirte  zu  gut;  daher 
wurden  auf  seinen  Rat  von  der  Prima  (plana),  die  ihn  horte  und 
begleitete,  mehrere  Stecken  geraucherter  Wiirste  zusammen- 
geschossen,  und  er  gab  noch  dazu  die  Tochter  her,  die  alles  samt 
der  Beikost  kochte. 

An  jeder  linken  Hufte  -  so  leicht  ist  Krieg  mit  Wissenschaft  zu 
paaren  —  lag  eine  Harpune,  ein  accentus  acutus;  und  die  zwolf 
Schwert-Fische  hatten  damit  den  alten  Weisel  boshaft  nieder- 
stechen  konnen,  wenns  ware  begehret  worden.  Der  Schul-Maire 
selber  hatte  nichts  an  den  Hiiften  als  eine  geschmackvolle  robe 

zo  de  fantaisie :  in  ihnen  hatt*  er  weniger. 

Vom  Rektor  sag'  ich  nichts:  sein  Programm  selber  sagt  es,  wie 
er  lehrte,  lernte  und  schrieb:  im  Wirtshaus  resorbierte  er  mit  den 
lymphatischen  MilchgefaBen  des  Papiers  alien  gelehrten  Milch- 
saft,  den  eine  Reise  kocht,  und  unterweges  hielt  er  seine  Schreib- 
tafel  den  wichtigsten  Exkrementen  des  Zufalls  und  Bleistifts  un- 
ter  und  fing  auf,  was  kam.  Aber  das  sei  mir  erlaubt,  die  zwolf 
Musensohne  zu  betrachten,  die  ebenfalls  zwolf  pergamentene 
Rezipienten  und  Behalter  alles  Merkwiirdigen  hinhalten  und  alles 
nicht  sowohl  wie  Hogarth  auf  den  Daumen-Nagel  skizzieren  als 

30  mit  solchem;  ists  denn  gar  zu  ubertrieben,  wenn  ich  denke:  in 
zwolf  solchen  ausgespannten  Prell-  und  Zuggarnen  muBte  sich 
wahrlich  ja  alles,  was  nur  gelehrten  Zungen  und  Gaumen  vor- 
zulegen  ist,  bis  auf  jede  Spitzmaus  und  jeden  Hotel-Floh  ver- 
fangen,  und  es  verblieb,  wars  auch  durch  eilf  Game  hindurch, 
doch  im  zwolften  seBhaft?  -  Sogar  die  sechs  Hunde  reiseten  nicht 
vollig  ohne  Beobachtungsgeist,  sondern  strichen  und  merkten 


228  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN' 

iiberall,  wo  sie  auf  etwas  Erhebliches  stieBen,  es  sofort  mit  weni- 
gem  an  und  hoben  beteuerungsweise  das  Hinterbein  auf.  -  Nein, 
eine  so  gescheute  Reise  kann  gar  nicht  mehr  gemacht  werden,  so- 
lange  die  Erde  auf  ihrer  ist. 

Und  hier  ist  sie  selber:  nur  werd'  ich  zuweilen  personlich  aus 
dem  Parterre  unter  die  Spieler  steigen  und  dareinsprechen,  weil 
mir  sonst  das  Abschreiben  des  Programms  zu  langweilig  ist  und 
weil  auch  der  Programmenmacher  eines  und.  das  andere  sagt,  das 
ich  besser  weiB.  Ein  armer  Teufel,  den  ich  studieren  lasse  und  der 
mitlief,  ist  meine  Quelle. 

Michaelis-Programm  etc. 

»Mein  lateinisches  Osterprogramm,  das  erweisen  sollte,  daB 
schon  die  altesten  Volker  und  Menschen,  besonders  die  Patriar- 
chen  und  klassischen  Autoren,  sich  auf  Reisen  gemacht  -  von 
welchen  letztern  ich  nur  den  Xenophon  und  Casar,  die  zwei 
tapfersten  Stilisten,  mit  ihren  Armeen  wieder  zitiere  -,  fiihret 
vielleicht  einige  Autoritaten  auf,  die  den  Schulmann  decken,  der 
mit  seinen  Untergebenen  kurze  Ausfluge  in  deutsche  Kreise  tut. 
Ich  hielt  es  fiir  schicklich,  in  einem  vorhergehenden  Programm 
meine  Schulreise  im  voraus  zu  rechtfertigen,  bevor  ich  ans  jetzige  : 
ginge,  das  ich  fur  ein  kleines  Inventarium  mancher  aufgelesenen 
Schatze  zu  nehmen  bitte. 

Inzwischen  da  in  den  engen  Flacheninhalt  eines  Michaelis- 
Programma  wichtigerer  topographischer,  statistischer  etc.  Ku- 
bikinhalt  unmoglich  zu  bringen  war,  und  da  ich  uberhaupt  mei- 
nen  stereometrischen  und  sonstigen  Fund  einem  geraumigern 
Werke  aufspare :  so  suche  der  Leser  auf  diesen  Blattern  mehr  die 
Geschichte  als  die  Entdeckungen  der  Pilger-  es  lassen  wohl  beide 
sich  lesen. 

Die  Herren  Sal^mann  und  Weifie  -  anderer  zu  geschweigen  -  > 
haben  der  Welt  (ich  entscheide  nicht,  mit  welchem  Gliick)  zu 
zeigen  gesucht,  wie  ein  Lehrer  halbwuchsige  Zoglinge  gleichsam 
auf  die  Weide  einer  Reise  treiben  mtisse;  aber  sie  haben  immer 
andern  Schulmannern  das  Recht  nicht  benommen,  ihre  Wall- 


DES  REKTORS  FALBELS  REISE  NACH  DEM  FICHTELBERG         229 

fahrten  mit  einer  bejahrten  Schuljugend,  die  im  Gangelwagen 
weniger  steht  als  %iehty  ans  Licht  zu  bringen. 

Ganz  mutig  diirft'  ich  den  Herren  Scholarchen  und  Nutritoren 
unserer  Schule  iiber  Zeit-  und  Geldaufwand  zur  Rede  stehen,  so- 
bald  ich  meine  Bleifeder  vorwiese,  die  ich  auf  dem  ganzen  Mar- 
sche  nicht  in  die  Tasche  brachte,  sondern  wie  eine  Leimrute  auf- 
steckte,  an  die  sich,  was  sehenswiirdig  war,  leicht  ansetzte.  Eben- 
so  schoB  der  Salpeter  des  Merkwiirdigen  an  den  zwolf  Salpeter- 
wanden  meiner  Schuler  an,  wenn  ich  die  zwolf  protokollierenden 

10  Schreibtafeln  so  nennen  darf,  womit  sie  ausgerustet  waren;  und 
wurde  ihnen  denn  nicht  einige  Apharesis,  Synkope  und  Apo- 
kope  der  Lust  reichlich  genug  durch  wahre  Prothesis,  Epenthesis 
und  Paragoge  des  Wissens  erstattet?  -  Ich  unterwinde  mich 
nicht,  zu  bestimmen,  inwiefern  wir  uns  von  einem  und  dem  an- 
dern  jungen  Edelmanne1  abtrennen,  der  bloB  fur  sein  Vergniigen 
durch  Europa  fahrt  und  oft  auf  seinem  Reisewagen  aus  einer 
Ballei  in  die  andere  rollet,  ohne  eine  Schreibtafel  einzustecken, 
geschweige  herauszubringen.  Sollt'  er  aber  mit  seinen  fiinf  Sin- 
nen  betrachtliche  Kenntnisse  aus  alien  Grenz-  und  Hauptstadten 

20  einfassen  und  einsargen,  sie  aber  samtlich  im  Fahren  rein  wieder 
durchsickern  und  durchfallen  lassen:  so  mocht*  er  der  mensch- 
lichen  Seele  gleichen,  die  (nach  dem  pythagoreischen  System)  die 
grande  tour  durch  Tiere  und  Menschen  macht  und  die  doch, 
wenn  sie  sich  im  letzten  Menschen  einsetzt,  nur  gerade  so  viel  von 

-  alien  ihren  Schulreisen  noch  im  Kopfe  mitbringt,  als  sie  in  der 
Minute  besaB,  da  sie  ins  erste  Tier  einstieg,  namlich  platterdings 
nichts. 

Wenn  ein  groBer  Casar  in  seinen  Kommentarien  oder  Fried- 
rich  II.  in  den  seinigen  bescheiden  das  Ich  mit  der  dritten  Person 

30  vertauschten:  so  geziemet  es  mir  noch  mehr,  an  die  Stelle  meines 
Ichs  nur  meinen  Amtsnamen  zu  setzen. 

Den  zwanzigsten  Juli  brach  der  Rektor  (der  Verfasser  dieses) 
mit  seinen  Nomaden  auf,  nachdem  er  ihnen  vorher  eine  leichte 

1  Die  Troglodyten  und  Schaltiere  der  Museen,  wie  Falbel,  teilen  alle  Men- 
schen in  geraumige  Logen  ab  -  z.  B.  den  hohen,  niedern,  Land-,  Stadt-Adel, 
den  Adel  im  Dienst,  bei  Hofe,  in  Amtern  teilen  sie  in  lauter  Edelleute  ein. 


23O  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Rede  vorgelesen,  worin  er  ihnen  die  Anmut  der  Reisen  uber- 
haupt  dartat  und  von  den  Schulreisen  insbesondere  foderte,  daB 
sie  sich  vom  Lukubrieren  in  nichts  unterschieden  als  im  Sitzen. 
Auf  dieses  Marschreglement  und  Missiv  wies  er  nachher  auf  dem 
ganzen  Wege  absichtlich  zuriick.  Es  ist  mehr  stadt-  als  landkiin- 
dig,  daB  eine  hiibsche  acerra  -  nicht  philologica,  sondern  -  culi- 
naria,  namlich  ein  vierradiges  ProviantschifF  samt  dem  darauf 
fahrenden  Kiichen-Personale,  welches  die  Tochter  des  Rektors 
war,  und  die  Strafkasse  von  12  fl.  frank,  als  Diatengelder  gleich- 
sam  die  frohliche  Morgenrote  waren,  zu  der  die  Reisegesellschaft  10 
auf  ihrer  Turschwelle  hoffend  aufsah.  Jeder  Pnmaner  fuhrte  statt 
einer  elenden  Badinen-Gerte  oder  statt  der  Narrenkolbe  eines 
Geniepfahls  einen  niitzlichen  MeBstab  -  denn  MeBtisch  und 
-schnure  Iagen  samt  einigen  Autoren  schon  im  Kabriolett  -,  weil 
ja  der  Fichtelberg  und  die  StraBe  dahin  von  den  herrlichsten  Ge- 
genstanden  zum  Messen  wimmeln. 

Am  ersten  Morgen  hatte  man  zwei  Reisen  auf  einmal  zu  tun, 
die  auf  dem  Wege  und  die  auf  der  Karte  davon,  welches  unge- 
mein  beschwerlich  und  Iehrreich  ist.  Der  Exkurrens1  trug  eine 
aufgeschlagene  Spezialkarte  vor  sich  hin,  auf  der  Falbel  alien  20 
leicht  das  Dorf  zeigte,  wo  sie  jedesmal  waren;  und  da  man  auf 
diese  Weise  allemal  den  FiiBen  mit  den  Fingern  (wiewohl  vier 
Schuhe  hoher  auf  der  Karte)  nachreisete:  so  war  vielleicht  Motion 
mit  Geographie  nicht  ungeschickt  verkettet.  Gegenden,  Merk- 
wiirdigkeiten,  Gebaude,  die  naturlkh  nicht  auf  der  Karte  vorzu- 
weisen  waren  und  vor  denen  man  doch  eben  vorbeipassierte, 
muBten  aus  dem  Biisching  geschopft  und  gelehret  werden,  den 
der  vife  Pflegsohn  des  Herrn  ***«,  Monsieur  Feckser,  der  Gesell- 
schaft  allezeit  iiber  die  Ortschaften  vorlas,  wodurch  sie  eben  zog. 
Der  Rektor  wiirde  von  Herzen  gem  von  den  meisten  Dorfern  30 

1  Ist  unter  den  Schiilern  jeder  Klasse  der  frere  servant. 

2  Es  ist  mein  Pflegsohn;  ich  losche  aber  hier  mit  Recht  Lobspriiche  weg, 
die  der  Herr  Rektor  wohl  nur  meinem  Stande  und  dem  Zufalle  entrichtet,  daB 
ich  fur  das  Gymnasium  einen  Schiiler  mehr  dotiere  und  apanagiere.  Auf 
alien  kunftigen  Blattern  des  Programms,  wo  ich  vorkomme,  will  ich  Falbels 
Titulaturen  wegstreichen  und  dafur  in  den  Text  setzen :  Herr  Pflegvater  des 
Monsieur  Fechsers. 


DES  REKTORS  FALBELS  REISE  NACH  DEM  FICHTELBERG         23  I 

neben  der  neuern  Geographie  auch  die  mittlere  und  alte  mit- 
genommen  haben:  waren  beide  letztere  Geographien  von  ihnen 
zu  haben  gewesen;  aber  leider  zeigen  nur  wenige  europaische 
Lander,  wie  etwan  die  Tiirkei,  Ortschaften  mit  doppelten  Namen 
auf.  Obrigens  ist  der  Rektor  seitdem  vollkommen  uberzeugt,  daB 
die  homannischen  Karten  mchts  taugen  -  in  der  Tat,  wenn  auf 
ihnen  (nicht  auf  der  Gegend)  ganze  Einoden,  Wasenmeisterhiit- 
ten,  ausspringende  Winkel  der  Ufer  entweder  ganz  mangeln  (wie 
z.  B.  ein  Pulvermagazin  nahe  bei  Hof  und  ein  etwas  welter  ab- 

10  gelegenes  Spinnhaus)  oder  doch  dasitzen  in  ganz  falschen  Ent- 
fernungen:  so  kann  man  wohl  fragen:  ob,  wenn  man  von  diesen 
Gegenden  mit  der  camera  obscura  einen  Aufrifi  nahme  und  dann 
die  Karte  iiber  den  AufriB  legte,  ob  da  wohl  beide  einander  decken 
wiirden  wie  zwei  gleiche  A  ?  - 

Abends  wanderte  die  padagogische  Knappschaft  und  ihr  Laden- 
vater  im  adeligen  Pfarrdorfe  Topen  in  Voigtland  ein.  Das  all- 
gemeine  Logement  war  im  Wirtshaus,  das  der  Vatikan  oder  das 
Louvre  des  adeligen  Rittergutsbesitzers  stets  anschauet  -  ich  sage 
Louvre,  nicht  in  Vergleichung  mit  dem  Palast  des  Nero,  der  ein 

20  kleines  Rom  im  groBen  war,  eine  Stadt  in  der  Stadt  (conf.  Voss. 
var.  observat.),  sondern  in  Vergleichung  mit  den  zellulosen 
Kartausen  und  vier  Pfahlen  und  Hattonischen  Mausetiirmen  eines 
und  des  andern  Schulmannes.  Sapienti  sat!  — 

Als  der  Rektor  hinter  seiner  Tochter  und  seinen  Sohnen  ein- 
trat:  stieB  ihm  das  Ungliick  zu,  daB  er  seinen  Wirt  nicht  griiBen 
konnte.  Die  samtlichen  Hunde  der  Reisenden  hatten  zwei  Tope- 
ner  (es  war  der  Spitz-  des  Hauswirts  und  der  Huhnerhund  des 
Jagers)  bei  den  Haaren  und  Ohren.  Die  Tierhatze  wurde  all- 
gemein,  und  kein  Hund  kannte  mehr  den  andern.  Der  Wirt,  ein 

30  Mann  von  Mut  und  Kopf,  legte  sich  zuerst  zwischen  die  beiBen- 
den  Machte  als  Mediateur  und  suchte  sich  zuvoderst  den  Schwanz 
seines  Hundes  herauszufangen  und  wollte  ihn  an  diesem  Hefte 
aus  der  verdrtiBlichen  AfTare  ziehen.  Mehrere  folgten  nach,  und 
jeder  ergriff  den  Schwanz  des  seinigen.  Und  in  diesem  Wirrwarr, 
als  die  Tochter  des  Rektors  dareinschrie  -  als  der  Jager  darein- 
schlug  mit  einer  Reichsexekutionspeitsche  auf  Menschen  und 


232  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Vieh  -  als  die  Eigner  dastanden  und  gleichsam  die  sechs  Schwanz- 
Register  herausgezogen  hatten  und  als  daher  sozusagen  das 
Schnarrwerk  des  Orgelwerks  ging  und  die  Tumultuanten  bollen 
-  und  als  der  Rektor  selber  bei  diesem  FriedenskongreB  ein  Frie- 
densinstrument,  namlich  den  Schwanz  seines  Saufinders,  in  Han- 
den  hatte:  so  war  er  mit  Not  imstande,  das  Salutieren  nachzu- 
holen  und  zum  Wirte  zu  sagen:  >Guten  Abend!<  -  Plutarch,  der 
durch  Kleinigkeiten, seine  Helden  am  besten  malet,  und  die  Odys- 
see  und  das  Buch  Tobias,  die  beide  Hunde  haben,  mussen  hin- 
reichen,  gegenwartige  Aufnahme  einer  kleinen  scherzhaften  Gato-  10 
und  Onoskia-Machie  zu  decken.« 

—  Herr  Falbel  triffts.  Ich  argere  rmch,  wenn  die  Menschen  mit 
dem  Namen  »Kleinigkeiten«  schelten.  Was  habt  ihr  denn  anders? 
1st  denn  nicht  das  ganze  Leben  —  bloB  seine  erste  und  seine  letzte 
Minute  ausgenommen  —  daraus  gesponnen,  und  kann  man  nicht 
alles  Wichtige  in  einen  zusammengedrehten  Strang  von  mehrerern 
Bagatellen  zerzausen?  —  Unsere  Gedanken  ausgenommen,  aber 
nicht  unsere  Handlungen,  kriecht  alles  iiber  Sekunden,  jede  groBe 
Tat,  jedes  groBe  Leben  zerspringt  in  den  Staub  der  Zeitteile;  - 
aber  eben  deswegen,  da  alles  GroBe  nichts  ist  als  eine  grofiere  20 
Zahl  von  Kleinigkeiten,  da  also  die  Vorsehung  entweder  Kleinig- 
keiten und  Individuen  oder  gar  nichts  auf  unserem  Rund  besor- 
gen  muB,  weil  diese  nur  das  Ganze  unter  einem  langern  Namen 
sind:  so  kommt  die  GewiBheit  zu  uns,  daB  der  uberirdische  Ge- 
nius nicht  bloB  die  Schwungrader  des  Universums  und  die  Stro- 
me  dazu  schuf,  sondern  auch  jeden  einzelnen  Zahn  der  Rader 

"Abends  wollten  einige  Schiiler  auf  die  Berge  gehen,  andere 
im  Dorfe  herum,  zwei  gar  zu  den  allergemeinsten  Leuten;  aber 
der  Rektor  setzte  sich  dagegen:  er  stellete  denen,  die  abends  die 
Natur  beschauen  wollten,  vor,  daB  morgen  ohnehin  (nach  seinem  30 
Operations-  und  Reiseplan)  natiirliche  Theologie  und  Vergnu- 
gen  an  der  Natur  dozieret  und  rekapitulieret  werden  muBte.  Der 
Rektor,  welcher  gerne  glaubt,  ein  Schulherr  miisse  seine. Scho- 
laren  auf  Reisen  zu  belustigen  trachten,  wie  sogar  der  Neger- 


DES  REKTORS  FALBELS  REISE  NACH  DEM  FICHTELBERG        233 

Handelsherr  die  Sklaven  zu  tanzen,  zu  singen,  zu  lachen  notigt, 
dieser  gab  ihnen  Befehle  zum  Lachen,  setzte  sie  um  sich  herum 
und  scherzte  ihnen  an  einem  ovalen  Tische  nach  Vermogen  vor. 
Ich  gestehe,  Scherz  ist  statthaft,  und  wenn  der  selber  scherzhafte 
Cicero  richtig  bemerkt,  daB  gerade  ernste  Manner  gern  und  gliick- 
lich  spaBen :  so  mochte  wohl  mancher  bestaubte  Schulmann  mehr 
echten  Ansatz  zu  lachenden  Saturen1  verschlieBen  als  viele  ge- 
puderte  PossenreiBer;  auf  ahnliche  Weise  bemerkte  auch  der 
Graf  von  BufFon,  daB  die  meisten  Nachtvogel,  besonders  die 

10  Schubut-Eule  (Minervens  und  Athens  Vogel),  trotz  ihrer  alt- 
vaterischen  AuBenseite  iiberstromen  von  Schnurren,  Schnacken 
und  Charakterzugen. 

Der  Abend  verlief  ungestort:  bloB  liber  den  vollen  Stecken 
geschwarzter  Leberwiirste,  den  Falbel  hereinzuholen  befahl  und 
auf  den  sich  die  Kirwane  gleichsam  wie  auf  einen  Fruchtast  setzte 
zum  soupierenden  Abpflucken,  ringelte  und  falbelte  der  Wirt 
sein  Gesicht  selber  zu  einem  Wurst-Endchen  zusammen  (wenns 
nicht  iiber  etwas  anders  war)  -  genug  Falbel  bekiimmerte  sich 
wenig  um  das  Gesicht  und  lieB  es  falbeln.  Er  bestellte  Heber  fur 

20  sich  und  seine  Gesellschaftskavaliere  den  ganzen  FuBboden  zum 
Nachtlager;  bloB  ein  Merseburger  Fuhrmann  lag  neben  seiner 
Tochter,  als  Strohnachbar. 

Dennoch  iibersetzte  uns  samtlich  am  Morgen  darauf  der  Wirt 
in  seiner  Liquidation  um  zwei  bis  drei  Kreuzer  leicht  Geld,  und 
zwar  an  demselben  Morgen,  wo  der  Rektor  das  Vergniigen  an 
der  Natur  vorzutragen  hatte.  Aber  Falbel  glaubte  seinen  Schii- 
lern  das  Muster  einer  erlaubten  Sparsamkeit  dadurch  zu  geben, 
daB  er  anfing,  mit  dem  Traiteur  zu  fechten  und  ihm  seinen  Ab- 
stand  von  den  Herrnhuter  und  Londner  Kramern,4ie  nichts  dar- 

30  iiberschlagen,  so  lange  unter  die  Augen  zu  halten,  daB  er  wirk- 
Hch  einen  Groschen  herunterhandelte  und  daB  der  mude  Wirt 
giftig  fluchte  und  schwor,  er  wollte  den  Rektor  und  seinen  Rudel 
trotz  ihren  BratspieBen,  wenn  sie  wieder  Gerauchertes  bei  ihm 

1  So  schreib*  ich  Satire,  weil  diese  nach  Casaubon  vom  Wort  Satura  her- 
kommt,  d.  h.  eine  Schrift  von  buntscheckigem  Inhalt;  daher  lanx  satura  eine 
Kompotiere  mit  allerlei  Obst. 


234  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

zehren  wollten,  mit  Heugabeln  und  Dreschflegeln  empfangen. 
Ein  lacherlicher  Mann ! 

Falbels  Methode  auf  lehrreichen  Schulreisen  ist,  jeden  Tag  eine 
andere  Wissenschaft  kursorisch  vorzunehmen :  heute  sollte 
die  Gesellschaft  vier  Ackerlangen  vom  fluchenden  Garkoch  die 
schone  Natur  betrachten  unter  Anleitung  von  Sturms  Betrachtun- 
gen  der  Natur  den  ersten  Band.  Sturm  wurde  ausgepackt  und  auf- 
geschlagen,  und  jetzt  war  erforderlich,  daB  man  die  Augen  ver- 
gniigt  in  der  ganzen  Gegend  herumwarf ;  aber  ganz  fatal  liefs  ab. 
Nicht  etwa  darum,  weil  Regenwolken  mit  der  Sonne  aufgingen  10 
und  weil  der  Rektor  die  Sturmische  Betrachtung  iiber  den  dritten 
Juni  und  iiber  die  Sonne  plotzlich  wieder  zumachen  muBte,  da  er 
kaum  die  schonen  Worte  abgelesen:  >Ich  selbst  fiihle  die  be- 
lebende  Kraft  der  Sonne.  Sobald  sie  iiber  meinen  Scheitel  aufgeht, 
breitet  sich  neue  Heiterkeit  in  meiner  Seele  aus.<  —  Denn  das  ver- 
schlug  wenig,  da  ja  zum  Gliick  in  den  namlichen  Band  auch  eine 
Betrachtung  auf  den  siebenzehnten  April  und  iiber  den  Regen 
eingebunden  war,  die  man  denn  augenblicklich  aufsuchte  und 
verlas;  sondern  das  eigentliche  Ungliick  dabei  war,  daB,  da  (es 
wird  wegen  der  Kurze  eines  so  langen  Programmes  der  Rektor  20 
kiinftig  sagen  ich)  ich  folgendes  hatte  vorbetrachten  lassen:  >In 
dem  eigentlichsten  Verstand  verdient  der  Regen  ein  Geschenk 
des  Himmels  genannt  zu  werden.  Wer  ist  imstande,  alle  Vorteile 
des  Regens  zu  beschreiben?  Lasset  uns,  meine  Briider,  nur  einige 
derselben  betrachten  !<  —  daB  ich  dann  abschnappte,  weil  ich 

muBte und  wahrlich,  wenn  vor  einem  Prazeptor,  der  mit  den 

Seinigen  Sturmische  und  eigne  Betrachtungen  iiber  den  Regen 
auf  der  KunststraBe  anzustellen  vorhat,  jede  Minute  kreischende 
Fuhrmannsw^gen  mit  stinkendem  Kabljau  voruberziehen,  unter 
denen  ein  keifender  Hund  unversehrt  mit  hinspringt  —  wenn  30 
ferner  taumelnde  Kohorten  von  Rekruten,  die  den  Schulmann 
noch  starker  ansingen  und  auslachen  als  feinere  Werbeofflziere 
selber,  und  wenn  Extraposten,  die  er  griiBen  soil,  ihm  iiber  den 
StraBendamm  entgegentanzen :  so  mufi  er  wohl  den  Pastor  Sturm 
einstecken,  es  mag  regnen  oder  nicht. 

Unverrichteter  Sachen  kamen  wir  nach  Zedwiti  herab.  Eine 


DES  REKTORS  F  ALB  ELS  REISE  NACH  DEM  FICHTELBERG        235 

schone  englische  Pappelinsel  -  dem  Gutsherrn  angehorig  -  suchte 
uns  iiber  eine  kouleurte  Holzbriicke  in  sich  zu  ziehen;  aber  der 
Rektor  wurde  sich  diesen  Eintritt  in  ein  fremdes  Gebiet  nicht 
herausgenommen  haben,  wenn  nicht  der  erorterte  Monsieur 
Fechser  versichert  hatte,  >er  verantworte  es,  er  kenne  den  Koch<. 
In  der  Insel  wurde  so  viel  auslandische  Botanik,  als  da  sozusagen 
wuchs,  getrieben,  und  ich  ging  mit  meinen  Schulern  um  die  Bau- 
me  herum  und  klassifizierte  sie  meistens :  die  botanische  Lektion 
hielt  vielleicht  fur  die  Sturmische  schadlos.«  - 

I0  -  Unter  der  Klassifikation  konnte  Kordula^  seine  Tochter,  hin- 
gehen,  wohin  sie  wollte.  Der  groBe  Edukationsrat  oder  Edu- 
kationsprasident  fragte  niemals  viel  nach  ihr  oder  nach  Weibern : 
»Weiber«,  sagte  er,  »sind  wahre  Solozismen  "der  Natur,  deren 
peccata  splendida  und  Patavinitat,  oder  geborne  Kolumbinen 
und  schlafende  Monaden.«  Die  arme  Kordula  hatte  langst  ihre 
Mutter,  die  zugleich  ihr  Vater  war,  durch  den  Todesengel  von 
ihrem  Herzen  wegfuhren  sehen;  der  alte  Sturmische  Betrachter 
hatte  sie  in  die  letzte  Hiitte  -  gleichsam  die  Stiftshiitte  eines  kiinf- 
tigen  Tempels  -  hinuntergezankt.  Kordula  wuBte  wenig,  las 

20  nichts,  als  was  sie  Sonntags  sang,  und  schrieb  keinen  Buchstaben 
als  den,  womit  sie  schwarze  Wasche  signierte,  und  sie  war  weiter 
nichts  als  schuldlos  und  hulf  los.  Ihr  Vater  lieB  wie  die  meisten 
Schulleute  -  durch  die  Romer  verwohnt  -  nichts  einer  Frau  zu, 
als  da8  der  Korper  ein  Koch  wurde  und  die  Seek  eine  Kochin. 
Sie  schlich  sich  heute  mit  ihrem  zusammengedruckten  Herzen,  in 
dem  noch  keine  Leiden  gewesen  als  wahre,  und  das  noch  nicht 
von  artistischer  Empfindsamkeit  bis  zum  Lahm-  und  Schlaffwer- 
den  auf-  und  zugezogen  worden,  von  der  gelehrten  Menge  ab 
und  setzte  sich  an  das  Ufer  des  Wasser-Ringes,  der  die  schone 

30  Insel,  wie  ein  dunstvoller  Hof  den  Mond,  umfasset,  und  sah  eine 
Pyramide  jenseits  des  Wassers  fur  ein  Grabmal  an,  weil  sie  keine 
andere  Pyramiden  kannte  als  die  iiber  Sargen  und  weil  ihr  heute 
getraumet  hatte,  ihre  Mutter  habe  wieder  mit  unverwesten  Lip- 
pen  gelachelt  und  ihren  Arm  liebend  nach  ihr  ausgestreckt,  aber 
er  sei  zu  kurz  gewesen,  weil  die  Hand  davon  weggefallen  war. 


236  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Die  kunstlose  Kordula  wuBte  nicht,  welches  Druckwerk  ihr  Herz 
auseinanderpresse  -  sie  erriet  es  nicht,  daB  der  mit  einer  blutigen 
Morgenrote  uberspritzte  Himmel  und  daB  die  zusammenfiieBende 
Grasmucken-Kirchenmusik  im  Tempel  der  Natur,  daB  das  ruhige 
Wiegen  und  Taumeln  der  Pappeln  und  die  Regentropfen,  die 
ihr  Schwanken  gleichsam  vergoB,  daB  alles  dieses  ihre  einsame 
Seele  triiber  machte  und  das  ode  Herz  schwerer  und  das  kalte 
Auge  heiBer. Sie  hielt  die  Schiirze,  mit  deren  Frisur  die  Mut- 
ter ihre  Naharbeiten  beschlossen  hatte,  aufmerksam  und  nah  an 
die  Augen  und  begriff  nicht,  warum  sie  heute  die  Naht  daran  nicht  10 
deutlich  sehe,  und  dachte,  als  sie  die  Tropfen  aus  den  Augen 

wegstreifte,  sie  waren  von  den  Pappeln  gefallen Aber  der 

Alte,  der  befahren  muBte,  sie  werde  zu  naB,  pfiffdie  Beklommene 

von  ihrer  Schiirze  weg  ins  Zelt  unter  die  Primaner  zuriick. 

O  es  ist  mir  jetzt,  als  sari'  und  hort'  ich  in  alle  eure  Hauser  hinein, 
wo  ihr,  Vater  und  Ehemanner  mit  vierschrotigem  Herzen  und 
dickstammiger  Seele,  beherrschet,  ausscheltet,  abhartet  und  ein- 
quetschet  die  weiche  Seele,  die  euch  lieben  will  und  hassen  soil  - 
das  zerrinnende  Herz,  das  eure  kotigen  schwulichten  Fauste  hand- 
haben  -  das  bittende  Auge,  das  ihr  anbohrt,  vielleicht  zu  ewigen  20 
Tranen  —  o  ihr  milden,  weichen,  unter  schweren  rmstern  Schnee 
gebuckten  Blumen,  was  will  ich  euch  wiinschen,  als  daB  der 
Gram,  eh'  ihr  mit  besudelten,  entfarbten,  zerdruckten  Blattern 
verweset,  euch  mit  den  Knospen  umbeuge  und  abbreche  fiir  den 
Fruhling  einer  andern  Erde?  -  Und  ihr  seid'schuld,  daB  ich  mich 
nicht  so  freuen  kann,  wenn  ich  zuweilen  eine  zartfuhlende,  unter 
einer  ewigen  Sonne  bliihende  Schwester  von  euch  finde,  eine 
hauchende  Blume  im  Wonnemond:  denn  ich  muB  denken  an  die- 
jenigen  von  euch,  deren  odes.  Leben  eine  in  einer  dustern  Obst- 

kammer  durchfrorne  Dezembernacht  ist. Und  doch  kann  30 

euer  Herz  etwas  Schoners  tun  als  sterben :  -  sich  ergeben. 

Ich  wiinschte,  ich  ware  mit  neben  dem  Kabriolett  hergegangen 
und  hatte  die  stille  Kordula  in  einerri  fort  angeschauet. 

»Auf  der  StraBe  nach  Hofsagt*  ich  meinen  Primanern,  sie  soil- 
ten  die  Bemerkung  machen,  daB  das  baireuthische  Voigtland 


DES  REKTORS  FALBELS  REISE  NACH  DEM  FICHTELBERG  237 

mit  mehrerern  Produkten  ausgesteuert  sei,  mit  Korn,  Hafer, 
Kartoffeln,  einigem  Obst  (frischem  und  getrocknetem)  und  so 
weiter;  aber  man  konnte  nicht  angeben,  wie  viel. 

Auf  dem  Turm  blies  man  gerade  herab,  als  man  mich  und 
meine  Genossenschaft  die  Gassensteine  Hofs  betreten  sah.  Ich 
werd*  es  darum  niemals  wie  andere  aus  affektierter  Furcht  vor 
Eigenlobe  unterdriicken  —  denn  eben  dadurch  verrat  man  das 
groBte;  und  es  miissen  j a  nicht  gerade  schmeichelhafte  Ursachen 
gewesen  sein  -  daB  bei  unserem  Einmarsch  alle  Fenster  auf-  und 

10  alle  Kopfe  darhinter  herausfuhren ;  deutsche  Schul-  und  latei- 
nische  Gymnasiumsjugend  sah  uns  nach,  Ladenjungen  standen 
barhaupt  unter  den  Ladentiiren,  und  wer  in  ein  Haus  wollte, 
stockte  unter  dem  Portal.  Ich  erfragte  muhsam  einen  Gasthof  fiir 
Fuhrleute,  weil  ich,  wie  Swift,  da  am  liebsten  logiere.  Es  hatte 
mich  in  Verlegenheit  setzen  sollen,  daB,  da  ich  vor  der  sachsischen 
Post  das  Kabriolett  und  dessen  Kronwache  halten  HeB,  weil  ich 
einen  frankierten  Brief  da  abzugeben  hatte,  den  ich  selber  so  weit 
getragen,  um  ein  maBigeres  Porto  zu  erschwingen,  daB  alsdann, 
sag*  ich,  ein  schoner  angenehmer  Mensch  mit  einer  griin-taftenen 

20  Schiirze  unter  uns  trat,  der  —  weil  er  uns  leider  fiir  frische  Ein- 
kehr  ansah;  denn  das  Posthaus  ist  zugleich  im  groBen  branden- 
burgischen  Gasthof  -  meine  Tochter  herabheben  und  uns  alle 
empfangen  wollte.  Ich  kam  aber  nicht  sehr  auBer  mir  und  repe- 
tierte  gleichgultig  meine  Nachfrage  nach  einem  gemeinern  Gast- 
hof; und  es  war  schon,  daB  der  jungeMensch  uns  mit  einem  freund- 
lichen  Lachen  zum  Tore  wieder  hinauswies  -  was  wir  denn  taten. 
Ich  lieB  meinen  Bart  mitten  in  der  weiten  Wirtsstube  und  un- 
ter kauenden  Fuhrmanns-Gekliiften  yon  einem  Primaner  ab- 
nehmen  und  mein  Haar  vom  Exkurrens  auf  locken,  indes  unsere 

30  Erbkiichenmeisterin  unser  gerauchertes  Gedarm  ans  Feuer  stellte. 
Mochte  der  Himmel  es  fiigen,  daB  ich  das  arbeitsame  Kind  bald 
in  einem  guten  adeligen  Hause  als  Zofe  anbrachte! 

Ein  Reisediener  aus  einem  Handelshause  in  Pontak  diablierte 
und  sakredieurte  am- Fenster  ungefragt  iiber  die  besten  deutschen 
politischen  Zeitungen  und  beschmitzte  besonders  die  Herrn  S.  T. 
Girtanner  und  Hofmann  mit  solchen  Ekelnamen  und  Verbalin- 


238  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

jurien  -  wo  von  ich  mir  keine  nachzusprechen  getraue  als  die  ge- 
ringern  von  Narren,  von  Falsariern  der  Zeit  und  von  geistigen 
Myrmidonen  — ,  daB  ich  unter  dem  Einseifen  wiinschte,  statt 
meiner  wiirde  der  Reichsfiskal  barbiert  oder  exzitiert  und  nahme 
einen  solchen  Fratzen  beim  Fliigel.  Der  gallikanische  Tropf  gab 
sich  Miihe,  sich  anzustellen,  als  wenn  er  mich  und  mein  reisendes 
Schnepfenthal  gar  nicht  sahe  oder  wurdigte,  obgleich  der  Gering-. 
ste  unter  meinen  Leuten  mehr  von  Rebellionen  und  Regierungs- 
formen  —  zumal  alten  —  wissen  muB  als  dieser  Frankreicher.  Ich 
konnte  nur  leider  unter  dem  Rasiermesser  die  Kinnbacken  nicht  jo 
bewegen,  um  seinem  Unsinn  entgegenzuarbeiten;  aber  kaum  war 
ich  unter  dem  Messer  hervor,  so  naherte  ich  mich  dem  Menschen 
hoflich  und  war  willens,  ihm  seinen  Irrweg  und  seinen  demokra- 
tischen  Augenstar  zu  nehmen  und  ihn  aufzuhellen.  Ich  verbarg  es 
ihm  nicht,  ich  hatte  nie  etwas  aus  der  Nationalversammlung  ge- 
macht,  und  die  Begriffe,  die  ich  meinen  Untergebenen'  von  der 
jetzigen  franzosischen  Vergatterung  beigebracht  hatte,  waren 
ganz  von  seinen  verschieden.  >Ich  gebe  indessen  doch  zu,<  (sagt* 
ich  und  ging  mit  dem  Schlucker  wider  meinen  Willen  wie  mit 
einem  Gelehrten  um)  >daB  die  franzosische  Rottierung  weniger  20 
diesen  Namen  als  den  eines  fdrmlichen  Aufstandes  verdiene,  da 
sie  nicht  nur  so  viele  Menschen,  als  die  Gesetze  zu  einer  Rebellion 
oder  turba  erfordern,  namlich  funfzehn  Mann  (L.  4.  §.  3.  de  vi 
bon.  rapt.),  wirklich  aufzeigt,  sondern  noch  mehrere.  Aber  Sie 
miissen  mir  auch  wieder  die  Strafe  einraumen,  die  die  alten,  ob- 
wohl  republikanischen  Romer  auf  Aufstande  legten,  Kreuzestod, 
Deportation,  VorschmeiBen  vor  Tiere;  ja  wenn  Sie  auch  als 
Christ  es  mildern  und  wie  Kaiser  Justinian,  unser  Gesetzgeber, 
sich  nur  des  Galgens  bedienen  wollen  —  und  das  miissen  Sie,  da 
sogar  die  Deutschen,  die  sonst  Morder  und  StraBenrauber  leben  30 
lieBen,  dennoch  Tumultuanten  henkten  -  sehen  Sie  nur  Hell- 
felden  nach  — :  so  sind  Sie  immer  nicht  so  mild  als  die  alliierten 
Machte^  die  die  Nation,  weil  sie  sich  in  eine  Soldateska  verkehret 
hat,  auch  bloB  nach  dem  Kriegsrecht  strafen  und  nur  arkebusie- 
ren  wollen.  <  Da  ich  sah,  daB  ich  dem  Reisediener  zu  schwer  ward : 
so  bewarb  ich  mich  um  Deutlichkeit  auf  Kosten  der  Gnindlich- 


DES  REKT0RS  FALBELS  REISE  NACH  DEM  FICHTELBERG         239 

keit  und  wies  ihn  darauf  hin,  daB  Deszendenten  ihren  Vater 
(oder  primum  adquirentem),  Gymnasiasten  ihren  Rektor  und 
folglich  Landeskinder  ihren  Landesvater  unmoglich  beherrschen, 
geschweige  absetzen  konnten.  Ich  legte  ihm  die  Frage  vor,  ob 
denn  wohl  das  frankreichische  Hysteronproteron  mdglich  ge- 
wesen  ware,  wenn  jeder  statt  der  franzosischen  Philosophen  die 
alten  Autores  edieret  und  mit  Anmerkungen  versehen  hatte;  und 
ich  ersuchte  ihn,  mir  es  doch  einigermaBen  aufzulosen,  warum 
denn  gerade  mir  noch  nie  ein  insurgierender  Gedanke  gegen 

10  meinen  gnadigsten  Landesherrn  eingekommen  ware.  >Der  Grund 
davon  ist,<  sagt'  ich  selber,  >ich  treibe  meine  Klassiker  und  ver- 
achte  Painen  und  seines  Gelichters  -  obwohl  ich  sie  alle  gelesen  - 
ganz.<  -  Mich  argerts,  daB  ich  dem  Haselanten  noch  vorhalten 
wollte,  daB  schon  die  Konige  der  Tiere,  z.  B.  der  Geierkomg,  der 
Adler,  der  Lowe,  ihre  eigne  Untertanen  aufzehrten-daB  ein  Furst, 
wenn  er  auch  nicht  einem  ganzen  Volke  wohlwolle,  doch  einige 
Individ uen  daraus  versorge  und  also  immer  gerade  das  Urn- 
gekehrte  jener  von  franzosischen  Philosophen  ersonnenen  gott- 
lichen  Vorsehung  sei,  die  nur  Gattungy  nicht  Individuen  beglucke 

20  -  und  daB  iiberhaupt  gerade  unter  einer  donnernden  und  blitzen- 
den  Regierung  sich  ein  treues  und  geduldiges  Landeskind  am 
meisten  erprobe,  so  wie  sich  der  Christ  gerade  in  Noten  zeige. 
Kurz  ich  wollte  den  Merischen  eines  offentlichen  Zeitungskolle- 
giums  werthalten;  aber  der  republikanische  Hase  sang  pfeifend 
in  meine  Belehrung  hinein  und  ging,  ohne  ein  prosaisches  Wort 
zu  sagen,  so  zur  Ture  hinaus,  daB  mir  fast  vorkam,  als  verachtete 
er  meine  Reden  und  mich.  Indessen  bracht*  ich  diese  Belehrung 
bei  meiner  Jugend  an,  wo  sie  mehr  verfing;  ich  habe  sogar  vor, 
wenn  wir  die  Rede  gegen  den  Katilina  zu  exponieren  bekommen, 

30  ihnen  deutlicher  zu  zeigen,  daB  die  Pariser  Katilinen^  Cdsars  und 
Pisistraten  sind,  die  ins  alte  Staatsgebaude  ihre  Mauerbrecher 

setzen 

Man  verstatte  mir  folgende  Digression :  ich  forschte  einen  hal- 
ben  Tag  in  meiner  Bibliothek  und  unter  den  Nachrichten  von 
den  offentlichen  Lehrern  des  hiesigen  Gymnasiums  nach,  wervon 
ihnen  gegen  seinen  Landesfursten  rebellieret  habe.  Ich  kann  aber 


24O  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

zu  meiner  unbeschreiblichen  Freude  melden,  daB  sowohldie  groB- 
ten  Philologen  und  Humanisten  -  ein  Camerarius,  Minellius, 
Danz,  Ernesti,  der  ciceronianische  Sprachwerkzeuge  und  romi- 
sche  Sprachwellen  besaB,  Herr  Heyne,  die  Chrestomathen  Stroth 
und  andere  etc.  -  als  auch  besonders  die  verstorbne  Session  hie- 
siger  Schuldienerschaft  von  den  Rektoren  bis  zu  den  Quintussen 
(inclus.)  niemals  tumultuieret  haben.  Manner  spielen  oder  defen- 
dieren  nie  Insurgenten  gegen  Landesvater  und  -mutter,  Manner, 
die  samtlich  fleiBig  und  kranklich  in  ihren  verschiedenen  Klassen 
von  acht  Uhr  bis  eilf  Uhr  dozieren  und  die  zwar  Republiken  er- 
heben,  aber  ofienbar  nur  die  zwei  bekannten  auf  klassischem 
Grund  und  Boden,  und  das  nur  wegen  der  Iateinischen  und  grie- 
chischen  Sprache. 

Das  Dozieren  und  Speisen  war  vorbei;  und  wir  hatten  gut  die 
Hike  nehmen  und  Hofs  offentliche  Gebaude  besehen  konnen: 
ware  mir  nicht  die  Sorge  fur  ein  primum  mobile  obgelegen  -  fur 
Gestus.  Ich  sprach  den  Wirt  um  seine  obere  Stube  nur  borgs- 
weise  an  (das  Bezahlen  verlohnten  wohl  die  wenigen  Minuten 
nicht),  weil  wir  droben  nichts  zu  machen  hatten  als  wenige  leise 
elegante  Bewegungen.  ; 

Ich  Iiefi  es  namlich  schon  lange  durch  einen  meiner  Schuler 
(des  groBern  Eindrucks  wegen)  in  einer  offentlichen  Redeiibung 
feststellen,  daB  der  auBere  Anstand  nicht  ganz  ohne  sei.  Fremde 
Menschen  sind  gleichsam  das  Pedal  und  Manual,  welches  gelenk 
zu  bearbeiten  ohne  eine  Bachische  Finger-  und  FiiBesetzung nicht 
moglich  ist.  tch  merke  am  allerersten,  wie  sehr  ich  dadurch  von 
sonst  gelehrten  Mannern  abweiche,  die  solche  poetische  Figuren 
des  auBern  Korpers  nicht  einmal  anempfehlen,  geschweige  damit 
selber  vorzuleuchten  wissen.  Es  sagt  aber  Seneka  c.  3.  de  tranquill. 
ganz  gut:  >Niemals  ist  die  Bemiihung  eines  guten  Burgers  ganz  = 
unniitz;  denn  er  kann  durch  bloBes  Anhoren,  Ansehen,  Aussehen, 
Winken,  durch  stumme  Hartnackigkeit,  sogar  durch  den  Einher- 
gang  selber  fruchten  (prodest)^1  Und  sollte  so  etwas  denn  nicht 
zuweilen  einen  Schullehrer  erwecken,  immer  seinen  Kopf,  Hut, 

1  Doch  hier  ist  das  bessere  Original :  nunquam  inutilis  est  opera  civis  boni ; 
auditu  enim,  visu,  vultu,  nutu,  obstinatione  tacita  incessuque  ipso  prodest. 


DES  REKTORS  FALBELS  REISE  NACH  DEM  FICHTELBERG  24I 

Stock,  Leib  und  Handschuh  so  zu  halten,  daB  seine  Klasse  nichts 
einbiiBet,  wenn  sie  sich  nach  dieser  Antike  modelt  ?  -  > Wir  wer- 
den  heute<,  sagt'  ich  in  der  obern  Stube  zu  den  Mimikern,  >Men- 
schen  von  dem  vornehmsten  Stande  sehen  miissen,  wir  werden 
uns  ins  Schulgebaude  und  in  das  Billard  verfugen  -  iiberhaupt 
werden  wir  in  einer  Stadt  auf-  und  abschreiten,  die  den  Ruhm 
auBerer  Politur  schon  lange  behauptet  und  in  der  ich  am  wenig- 
sten  wollte,  daB  ihr  den  eurigen  verspieltet  —  zum'  Beispiel :  wie 
wurdet  ihr  lacheln,  wenn  ihr  auf  Ansuchen  in  Gesellschaft  etwas 

10  zu  belacheln  hattet?  Monsieur  Fechser,  lachl'  Er  saturischl<  Er 
trafs  nicht  ganz  -  ich  linierte  ihnen  also  auf  meinen  Lippen  jenes 
feine,  wohl  auseinandergewundne  Normal-Lacheln  vor,  das  stets 
passet;  darauf  wies  ich  ihnen  das  peccierende  Lachen,  erstlich 
das  bleirechte,  wo  der  SpaB  den  Mund,  wie  ein  Pflock  den  Eber- 
Riissel  auf  dem  Purschwagen,  aufstiilpt,  zweitens  das  waagrechtey 
das  insofern  schnitzerhaft  werden  kann,  wenn  es  den  Mund  bis  zu 
den  Ohrlappen  aufschneidet. 

Mein  Auditorium  kopierte  mein  Lacheln  nach,  und  ich  fand 
solches  zwar  richtig,  aber  zu  laut.  Nun  wurden  Verbeugungen 

20  rekapituliert,  und  ich  nahm  alle  gymnastische  Ubungen  der  Hof- 
lichkeit  bis  auf  die  kleinste  Schwenkung  durch.  Ich  zeigte  ihnen, 
daB  ein  Mann  von  echter  Lebensart  selten  den  Hintern  vorweise, 
welches  ihm  freilich  entsetzliche  Miihe  macht.  Ich  ging  daher  zur 
Tiire  hinaus  und  kam  wieder  herein  und  zog  sie  mit  der  leeren 
Hand  so  nach  der  Anstands-Syntaxis  zu,  daB  ich  nichts  zeigte  - 
>man  soll<,  sagt*  ich,  >da  man  das  Ende  des  Menschen  wie  das 
eines  Garten  durchaus  verstecket  halten  muB,  Heber  mit  dem 
Ende  selber  die  Tiire  zudriicken  oder  gar  sie  offen  lassen,  welches 
viele  tun.<  Jetzt  muBte  ein  Detachement  so  hinausriicken,  daB  es 

30  mir  immer  ins  Gesicht  guckte,  und  so  wieder  herein.  >In  meiner 
Jugend<  (sagt'  ich)  >hab'  ich  mich  oft  Viertelstunden  lange  her- 
umgeschoben  und  riickwarts  getrieben,  um  nur  diese  Ruckpas 
in  meine  Gewalt  und  FuBe  zu  bringen.< 

Der  eitle  Gallier  trauet  uns  nicht  zu,  daB  wir  Generalverbeu- 
gungen  an  ein  ganzes  Zimmer  leicht  und  zierlich  zutage  fordern; 
ich  aber  schwenkte  wenigstens  eine  allgemeine  Verbeugung  als 


242  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Paradigma  fltichtig  vor  und  war  schon  beruhigt,  daB  meine  Leute 
nur  die  Spezial-Verbeugung  an  jeden  dasigen  Sessel,  die  faBlicher 
ist,  leidlich  nachbrachten.  Nach  diesen  syntaktischen  Figuren 
trabte  man  eiligst  die  Treppe  hinab,  und  meine  Mimiker  repe- 
tierten  und  probierten  (zum  SpaBe)  beim  Eintritte  vor  dem  Wirte 
die  obige  Gestikulation. 

Unten  in  der  Stube  hatten  die  zwei  Kinder  des  Wirts  eine  Brezel 
angefasset  und  zerrten  spielend  daran,  wer  unter  dem  AbreiBen 
den  groBten  Bogen  behielte.  Das  Madchen  hatte  schon  vor  dem 
Essen  die  linke  Hand  auf  eine  rechte  Fingerspitze  gelegt  und  an-  10 
dern  gewiesen,  >so  lang  nur  hatte  sie  den  Mann  (mich)  lieb;  hin- 
gegen  die  Frau  (Kordula)  hatte  sie  so  lang  lieb<,  wobei  sie  die 
linke  Hand  oben  an  den  Ellenbogen  einsetzte.  Ich  verbargs  als 
Erzieher  dem  Wirte  nicht,  daB  es  seinen  Kindern  an  allgemeiner 
Menschenliebe  fehle,  und  das  BrezelreiBen  verdiirbe  sie  vollends 
und  nahrte  Zerstreuung,  Eigennutz  und  Hang  zu  lappischen  Din- 
gen.  >Wo  habt  ihr  euere  Schreib-  oder  Schmierbucher?  Setzt  euch 
und  schreibt  euer  Pensum!<  sagt'  ich  gebieterisch.«  - 

-  Erwachsene,  zumal  Weiber,  haben  sich  ordentlich  ange- 
wohnt,  den  Kindern  immerfbrt  zu  verbieten  —  wenigstens  vorher,  20 
eh  sie  es  ihnen  erlauben  —  und  alle  ihre  kleinen  Unternehmungen 
zu  schelten,  zumal  ihre  Freuden. 

Aber  seid  doch  froh,  daB  sie  sich  noch  selber  keine  vergallen ! 
Konnt  ihr  ihnen  denn  eine  einzige  vom  Munde  weggerissene 
spaterhin  wiederholen?  Und  war's  auch:  konnt  ihr  ihnen  denn 
den  jungen  durstigen  Mund  und  Gaumen  wiederbringen,  womit 
sie  sonst  jeder  stiBen  Frucht  einwuchsen  und  sich  ansogen  an  sie? 
Der  ewig  sparende  Mensch,  der  jedes  spatere  Vergniigen  fur  ein 
groBeres  und  weiseres  halt,  der  im  Friihling  nur  wie  im  Vorzim- 
mer  des  Sommers  lauert  und  dem  an  der  Gegenwart  nichts  ge-  30 
fallet  als  die  Nachbarschaft  der  Zukunft,  dieser  verrenkt  denKopf 
des  springenden  Kindes,  das,  ob  es  gleich  weder  vor-  noch  riick- 
warts  blicken  kann,  doch  bloB  vor-  und  riickwarts  genieBen  soil. 
Wann  mir  Eltern  durch  Gesetzeshammer  und  Ruten  das  Laub- 
hiittenfest  der  goldnen  Kindheit  in  einen  Aschermittwoch  ver- 


DES  REKTORS  FALBELS  REISE  NACH  DEM  FICHTELBERG  243 

kehret  haben  und  den  freien  Augarten  in  einen  bangen  Geth- 
semane- Garten:  wer  reibt  mir  denn  die  Farben  und  malet  mir, 
sobald  nur  hektische  Jugenderinnerungen  wie  Martyrologien  vor 
mir  sitzen,  meinen  dustern  Kopf  mit  frischen  erquickenden  Land- 
schaftsstucken  des  Jugend-Otaheitis  in  jenen  trocknen  mann- 
lichen  Stunden  aus,  wo  man  ein  amtierendes  geschatztes  Ding 
und  ein  gesetzter  ordentlicher  Mann  ist  und  auBer  seinem  Brot- 
studium  noch  sein  hiibsches  Stiickchen  Brot  und  auch  sein  biB- 
chen  Ehre  dabei  hat  und  so  vor  lauter  Fort-  und  Auskommen  in 
10  der  Welt  nun  nichts  weiter  in  der  Welt  wer  den  will  a  Is  des  - 
Teufels? 

-  »Ich  fuhrte  um  ein  Uhr  meine  Leute  durch  die  HauptstraBen 
ins  Hofische  Gymnasium,  und  wir  konnten  um  so  leichter  und 
genauer  die  ganze  Bauart  aller  Klassen,  der  Banke  und  eines  Ka- 
theders  besichtigen,  da  glucklicherweise  wegen  der  Ferien  keine 
Seele  darin  war  als  der  Alumnus,  der  uns  herumfiihrte,  Ich  ver- 
geude  vom  groBen  Kapital  meines  statistlschen  Reisejournals 
noch  immer  wenig,  wenn  ich  in  diesem  biographischen  im  allge- 
meinen  mitteile,  daB  die  Stadt  ein  Rathaus  und  vier  Kirchen  hat. 

20  Um  diese  fiinf  corpora  pia  gingen  wir  bloB  prozessionsweise  her- 
um,  und  sie  sind  ganz  gut.  Vom  letzten  offentlichen  Gebaude,  in 
das  wir  wollten,  vermiBt'  ich  sogar  die  Ruinen,  vom  Pranger 
mem*  ich. 

'Ich  harte  gern  junge  Leute  gegen  den  Eindruck,  den  groBe 
Zirkel  auf  sie  machen,  durch  Obung  ab.  Nach  diesem  Prinzip 
fuhrte  ich  ohne  Bedenken  meine  kleine  gelehrte,  aber  verlegene 
Sozietat  aufs  Billard;  auch  weiB  ich  nicht,  ob  einem  Schulmann 
gerade  jene  fagon  aisee  gebrechen  miisse,  womit  man  Assem- 
bleen  besticht.  Ich  traf  zu  meiner  groBten  Freude  einen  alten 

30  Leser  meiner  unbedeutenden  Programmen  an,  namlich  den  vori- 
gen  Setzer  der  hiesigen  Offizin.  Einige  griechische  Handelsleute 
hatten  Billard- Queues  und  zahlten  neu-griechisch ;  da  ich  spater 
auf  mein  Gesuch  mit  von  der  Partie  sein  durfte:  so  zahlt*  ich  so 
gut  wie  die  Griechen  meine  Balle  neu-griechisch,  weil  es  doch 
wenigstens  verniinftiger  ist  als  franzosisch  mitten  in  Deutschland. 


244  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Ehe  wir  von  Hof  abschieden,  muBt'  ich  mit  dem  Wirte  noch 
einen  kleinen  Exekutiv-  und  InjurienprozeB  iiber  die  Stube  fun- 
ren,  wo  wir  uns  verbeugt  und  gelachelt  hatten,  weil  er  sie  an- 
schreiben  wollte.  Ich  warf  ihm  aber  nichts  hin  als  den  Fehde- 
Handschuh.  In  solchen  Umstanden  ists  Beste,  hinter  dem  nach- 
geschrienen  Pereat  und  dem  NachstoBen  in  Famas  zweke  Trom- 
pete  gelassen  davonzumarschieren  und  sich  nach  Ekelnamen,  wie 
der  groBe  Themistokles  nach  Schlagen,  aus  hohern  Absichten 
nicht  umzusehen. 

Eine  niederfallende  Siindflut,  die  mit  uns  bis  nach  Schwarien-  jo 
bach  an  der  Saale  zog,  wasserte  den  Pastor  Sturm  aus  Versehen 
wie  einen  Stockfisch  ein,  und  dieser  ganze  Weg  wurde  verdriiB- 
lich  unter  wenigen  Lehren  zuriickgelegt.  Ich  beruhigte  meine 
Armee  iiber  ihre  Fatiquen  mit  den  weit  groBeren  der  Xenophon- 
tischen.  Glekhwohl  schickte  ich  im  Marktflecken  Schwarzenbach, 
wo  wir  pernoktierten,  einige  Primaner  herum,  die  sich  iiberall 
erkundigen  muBten,  ob  im  Flecken  kein  InsaB  oder  Fremder 
wohnhaft  ware,  der  ein  lahmes  elendes  Bein  hatte,  woran  er 
spiirte,  obs  fortregnete  oder  nicht.  Denn  Hiihneraugen  sind 
gleichsam  die  Fiihlhorner  und  erfrorne  FuBzehen  die  Zeigefinger  20 
kunftigen  Wetters.  Dem  ganzen  Ort  aber  gebrach  es  an  einem 
solchen  weissagenden  FuB.  Ich  ware  vermutlich  gar  umgekehret, 
wenn  mir  nicht  Mr.  Fechser  eroffnet  hatte,  wir  konnten  seinem 
vom  Fichtelberg  zuruckmtissenden  Herrn  Pflegevater  entgegen- 
gehen,  der  mehr  vom  Wetter  voraussage  als  ein  Sturmvogel:  in 
Hoffnung  eines  meteorologischen  Responsums  beschloB  ich  den 
Fortsatz  der  Schulreise. 

Abends  reichten  bei  mir  einige  fleiBige  Primaner  die  Bittschrift 
urn  Dispensation  zum  Kartenspielen  ein;  ich  erteilte  sie,  aber 
unter  der  Einschrankung>  ich  verstatte  so  etwas  nur  auf  Reisen  30 
(wie  geringe  Lehrer  zu  Fastnacht),  etwa  so  wie  den  Branntewein. 
Solche,  die  gar  keine  Karte  kannten,  wiirdigte  ich  mehr  und 
mahnte  sie  zum  Beharren  an;  ja  urn  sie  gleichsam  zu  belohnen, 
setzte  ich  mich  mit  ihnen  an  einen  Tisch  und  gab  ihnen  -  weil 
hier  theoretische  Kenntnis  ebenso  ersprieBHch  ist,  als  praktische 
Obung  verderblich  -  in  den  gewohnlichsten  Spielarten  Unter- 


DES  REKTORS  FALBELS  REISE  NACH  DEM  FICHTELBERG         245 

richt,  im  Farbeln,  im  Kauf  labeten,  Sticheln,  im  Saufaus  und  Kuh- 
schwanz.  —  Darauf  muBt'  ich  mir  von  der  Wirtsmagd  den  rechten 
nassen  Stiefel,  indem  ich  mich  mit  dem  linken  auf  ihr  Riickgrat 
aufstemmte,  herunterreiten  lassen,  so  arg  hatte  uns  das  Wetter 
zugesetzt. 

Morgens  wartete  ich,  nachdem  ich  eine  Falbelmutze  um  gerin- 
ges  Geld  erstanden  -  der  Winter  uberteuert  alle  Mutzen  — ,  dem 
da  seBhaften  Adel  auf,  um  meine  Tochter  gleichsam  im  Hafen 
einer  Domestikenstube  abzusetzen.  Ich  brachte  sie  nirgends  un- 

10  ter;  um  so  reiner  ist  das  Lob,  das  ich  dem  dasigen  Landadel  fur 
die  Herablassung  erteile,  womit  er  einen  Schulmann  empfmg.  Ich 
wurde  -  ich  kann  es  nie  vergessen  -  in  die  Wohnzimmer  selber 
gezogen,  iiber  die  Zahl  meiner  Dienstjahre,  Intraden  und  Kinder 
aufmerksamst  ausgefragt  und  nicht  immer  ungern  (obwohl  un- 
wiirdig)  angehort,  wenn  ich  zuweilen  in  jener  saturischen  Manier 
repartierte,  von  der  ich  im  Valerius  Maximus  schone  attische  Salz- 
scheiben  gekostet  und  geleckt.  In  der  Tat,  ein  hoher  und  niederer 
Adel  ist  stets  gesonnen,  Gelehrte  mit  ehrenhafter  Auszeichnung 
zu  empfangen,  nur  mussen  weder  die  Korper  der  Gelehrten  (ver- 

20  langt  er)  in  adeligen  Salons  Pillorys  und  Schandpfahle  daran  ge- 
bundener  Seelen  vorstellen,  noch  muB  der  Anzug  den  Panzern 
in  der  Bastille  gleichen,  die  jedes  GliedmaB  starr  und  unbeweglich 
machten.  Und  ich  lehne  mich  gar  nicht  dagegen  auf,  wenn  der 
Adel  noch  auBer  dem  Savoir  vivre,  das  aus  Biichern  geschopfet 
werden  kann,  von  burgerlichen  Gasten  begehrt,  daB  sie  das  wei- 
che  Wachs  der  Biegsamkeit  und  der  Lobspriiche  (so  wie  die  Bie- 
nen  Wachsscheiben  aus  alien  Fugen  ihres  Unterleibes  driicken) 
in  Mienen  und  Worten  nicht  knauserisch  von  sich  geben.  Jetzt 
ist  iiberhaupt  die  Zeit,  wo  der  hof  liche  Deutsche  den  frankreichi- 

30  schen  Grobian,  der  sonst  den  Vorsprung  hatte,  uberfliigeln  kann. 
Wir  lieBen  unter  abscheulichem  windigen  Wetter  den  Markt- 
flecken  hinter  uns;  dennoch  hielt  uns  -  da  heute  lateinischer  Dia- 
log getrieben  werden  sollte,  wozu  ich  ihnen  abends  vorher  den 
Terenz  und  Plautus  zum  Praparieren  hergegeben  -  nichts  ab, 
durch  den  ganzen  Kirchenlamit^er  Wald  Lateinisch  zu  sprechen. 
Es  ist  aber  wenig  durch  bloBe  Kollegien  fur  den  Humanisten  er- 


246  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

beutet,  wenn  man  nicht  wie  ich  die  Materien  der  Diskurse  eigen- 
sinnig  aushebt  und  absondert,  wie  die  Grammatiken  neuerer 
Sprachen  wirklich  tun.  Ein  Lehrer  muB,  wenn  er  das  Fruchthorn 
sachdienlicher  Phrasesbticher  bis  an  die  Spitze  ausschiitten  will, 
heute  z.  B.  blofi  iiber  die  Verehrung  der  Gottheit  oder  Gottheiten 
—  morgen  blofi  iiber  Kleider  —  iibermorgen  iiber  Haustiere  in  der 
herrlichen  Staats-  und  Hofsprache  der  Alten  reden  und  jeden 
andern,  fur  die  heutigen  Phrases  fremden  Gedanken  verweisen. 
Nach  diesem  Normal  hatten  wir  heute  -  als  eines  der  gewohn- 
Hchsten  Entrevuen-Kapitel  im  gemeinen  Leben  -  lateinisch  das  10 
Fluchen  und  Schworen  vorzunehmen  und  abzutun,  womit  ich 
noch  das  Schimpfen  verband.  Mr.  Fechser  tat  schone  Fliiche,  die 
wohl  zeigten,  da(3  er  den  Plautus  nicht  bestauben  lassen;  wieder 
andere  stachen  durch  Schwiire  und  mehrere  durch  Schimpfreden 
hervor,  je  nachdem  die  Memorie  gliicklich  war  oder  der  FleiB 
anhaltend  oder  beide  eisern. 

In  Kirchenlamiti  trieb  uns  ein  GuB  ins  Wirtshaus,  wo  wir  das 
Fluchen  fortsetzten.  Ich  beobachtete  mit  einiger  Belustigung  das 
Erstaunen  so  pobelhafter  Menschen,  als  Wirtsleute  sind,  das  sie 
befiel,  da  ich  meinen  Schiilern  -  an  einem  solchen  Schimpffeste,  20 
als  die  Alten  wirklich  am  Bachusfeste  und  die  Ephesier  am  22.  Ja- 
nuar  begingen  und  jetzt  noch  die  Neuern  an  Weinlesen  und 
auf  der  Themse  -  schwere  Schimpfreden  und  Fliiche  aus  Sach- 
senhausen  zum  Vertieren  vorlegte,  als:  >Der  Teufel  soil  dich  zer- 
reiBen,  das  Donnerwetter  soil  dich  neun  Millionen  Meilen  in  den 
Erdboden  schlagen<;  wobei  der  Lehrer  immer  mit  Phrasen  dem 
Lehrling  unter  die  Arme  greifen  muB.  Ich  zog  meinen  Vorteil 
davon,  als  zwei  Schiiler  sich  iiber  ihr  scherzhaftes  Schimpfen  im 
Ernste  entzweiten,  und  verstattete  ihnen  gern,  aufeinander  los- 
zuziehen,  aber  nur  in  toter  Sprache.  30 

Der  Himmel  durchstach  ordentlich  seine  Damme,  und  das  Re- 
genwasser  hielt  uns  wie  belagerte  Hollander  im  Wirtshause,  wo 
anfangs  kein  Heller  verzehret  werden  sollte,  auf  achtzehn  Stun- 
den  fest.  Ich  schreibe  mit  Bedacht  nur  achtzehn  Stunden.  Wir 
wurden  nach  und  nach  dem  Wirte  verdachtig  durch  mein  Fluchen 
sowohl  als  durch  unser  >Rotwelsch  und  Judendeutsch<,  um  so 


DES  REKTORS  FALBELS  REISE  NACH  DEM  FICHTELBERG         247 

mehr  da  ich  meiner  Tochter  -  sie  hat  einige  Latinitat  -  alles  in 
lateinischer  Mundart  anbefahl,  was  sie  -  als  lebende  versio  inter- 
Hnearis  -  vom  Garkoche  in  deurscher  fordern  sollte.  Dieser 
Mensch  zweifelte,  ob  es  richtig  mit  uns  sei.  O  dreimal  selig  ist  der 
Mann,  der  in  einer  lateinischen  Stadt,  die  Maupertuis  zu  bauen 
angeraten,  das  Burgerrecht  hat  und  ein  Haus!  Dreimal  elend  ists 
in  Deutschland,  wo  der  gelehrte  Mann  neben  dem  allerdummsten 
in  einer  Gasse  wohnen  muB,  indes  den  Leviten  im  Alten  Testa- 
ment vierzig  eigne  Stadte  zu  ihrer  Behausung  ausgeworfen  wa- 

10  renl  -  Da  die  Zwecke  meiner  Herodotschen  Reise  auch  statistisch 
waren:  so  wollt'  ich  ganz  naturlich  auch  hmter  die  Volks-  oder 
Pobelmenge  in  Kirchenlamitz  kommen,  befragte  aber  nicht  den 
Restaurateur  darum  -  ich  wiinsche  mir  jetzt  selber  Gluck  zu  die- 
ser und  der  andern  Vorsicht  — ,  sondern  schickte  meine  Kompa- 
gnie  (aber  in  Piketts  zerstuckt,  um  keinem  aufzufallen)  im  Flecken 
hausieren  herum,  um  das  Personale  jeder  Familie  von  weitem 
auszukundschaften.  Dennoch  wurde  man  aufmerksam:  abends 
rottierten  sich  die  Bauern  in  der  Wirtsstube  zusammen  —  schopf- 
ten  Verdacht  aus  unserm  fahrenden  Hundestall  und  aus  unsern 

20  geometrischen  Sturm-  und  Laternenpfahlen  -  und  sahen  sie  an  - 
spitzten  vollends  die  Ohren,  da  ich  sie  (zum  Schein)  mit  schmei- 
chelnden  Nachrichten  von  der  Gluckssonne  der  sich  auf  gleiche 
Weise  rottierenden  Franzosen  bestach  -  und  gingen  (ich  wartete 
es  vergeblich  ab  und  blieb  auf)  nicht  von  der  Stelle.  Ich  lieB  uns 
eine  Stube  geben  und  berichtete  leise  meinen  Leuten:  >ich  ware 
nur  heraufgegangen,  um  ihnen  zu  sagen,  daB  hier  unsers  Bleibens 
nicht  ware,  sondern  daB  wir,  wenn  wir  nicht  totgeschlagen  sein 
wollten,  im  ersten  Schlafe  uns  noch  mitten  in  der  Nacht  aufma- 
chen  miiBten.<  Kurz  wir  wagten  es  und  brachen  nach  Mitter nacht 

30  samtHch  kiihn  genug  auf,  ohne  daB  sich  die  Biergaste  -  es  sei  nun 
wegen  uriseres  mathematischen  Gewehrs,  oder  weil  ich  wie  der 
groBe  Marius  aussah,  der  bloB  mit  Mienen  seinen  Morder  von 
sich  hielt  -  getraueten,  uns  im  geringsten  anzupacken. 

Als  wir  in  Marktleuthen  eintrafen,  wuBt*  ich  im  Finstern,  daB 
die  Briicke,  woriiber  wir  gingen,  auf  sechs  Bogen  liegen  muBte  - 
nach  Biisching;  es  freuet  aber  ungemein,  gedruckte  Sachen  nach- 


248  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

her  als  wirkliche  vor  sich  zu  sehen.  Wir  schliefen  in  einem  an- 
standigen  Wirtshaus  bis  um  neun  Uhr  auf  dem  Stroh,  weil  der 
Regen  auf  den  Dachern  forttrommelte,  bis  uns  ein  anderesTrom- 
meln  aufstorte.  Es  sollte  namlich  ein  Hungar  erschossen  werden, 
der  von  seinem  nach  den  schismatischen  Niederlanden  gehenden 
Regimente  mehrere  Male  deserteuret  war.  Als  ich  und  mein  Kol- 
legium  hinauskamen,  war  schon  ein  Kreis  oder  ein  Stachelgurtel 
aus  Sabeln  um  den  Inquisiten  geschlossen.  Ich  machte  gegen 
einen  vornehmen  Offizier  die  scherzhafte  Bemerkung,  der  Kerl 
ziehe  aus  der  Festung  seines  Lebens,  die  man  jetzt  erobere,  ganz  10 
ehrenhaft  ab,  namlich  mit  klingendem  Spiel,  brennender  Lunte 
und  einer  Kugel  im  Munde,  wenn  man  ihn  anders  dahin  treffe. 
Darauf  hielt  der  Malefikant  in  lateinischer  Sprache  an:  man 
mochte  ihm  verstatten,  einige  Kleidungsstiicke,  eh'  er  angefasset 
und  ausgezogen  wiirde,  selber  herunterzutun,  weil  er  sie  gern 
der  alten  Waschfrau  beim  Regimente  an  Zahlungsstatt  fur  Wa- 
scherlohn  vermachen  wollte.  Ich  bekenn'  es,  einen  Mann,  der 
fur  klassischen  Purismus  ist,  kranken  Donatschnitzer,  die  er  nicht 
korrigieren  darf,  auf  eine  eigne  Art;  so  daB  ich,  als  der  Delin- 
quent sein  militarisches  Testament  im  schnitzerhaftesten  Hun-  20 
garlateine  verfertigte,  aufgebracht  zu  meiner  Prima  sagte:  >Schon 
fur  sein  Kauderwelsch  verdient  er  das  Arkebusieren ;  auf  syn- 
taxin  figuratam  und  Idiodsmen  dring'  ich  nicht  einmal,  aber  die 
Felonien  gegen  den  Priszian  mufi  jeder  vermeiden.<  Gleich  darauf 
warfen  ihn  drei  Kugeln  nieder,  deren  ich  mich  glekhsam  als  Saat- 
korner  des  Unterrichts  oder  als  Zwirnsterne  bediente,  um  eine 
und  die  andere  archaologische  Bemerkung  liber  die  alten  Kriegs- 
strafen  daran  zu  kniipfen  und  aufzuwickeln.  Ich  zerstreuete  damit 
gliicklich  jenes  Mitleiden  mit  dem  Malefikanten,  gegen  das  sich 
schon  die  Stoiker  so  deutlich  erklarten  und  das  ich  nur  dem  30 
schwachern  Geschlechte  zugute  halte;  daher  wird  es  der  Billige 
mit  dem  Augen-Tau wetter  meiner  Tochter  wegen  des  Inkulpaten 
nicht  so  genau  nehmen.«  - 

-  Als  ich  damals  vom  Fichtelberg  zuruckkam;  fragt*  ich  in 
Marktleuthen  selbst  das  kurze  Marty rologium  des  armen  Ungars 


DES  REKTORS  FALBELS  REISE  NACH  DEM  FICHTELBERG         249 

bei  einem  Metzger  aus,  der  vor  fiinf  Jahren  in  Klein-Rom  oder 
Tirnau  (der  Vaterstadt  des  Unglucklichen)  geschlachtet  hatte: 
der  Ungliickliche  zog  mich  schon  durch  das  Arkebusieren  an,  das 
fur  meine  Phantasie  die  grausendste  Todesart  ist,  und  ich  mag 
einen  solchen  knienden  Armen  kaum  gemalt  sehen.  Der  groBte 
Verstofi  des  arkebusierten  Warlimini  war,  daB  er  dreimal  davon- 
laufen  wollte  nicht  vor  den  Feinden,  sondern  vor  seinen  Kamera- 
den,  die  ihn  eben  deswegen  erlegen  muBten.  Ein  Gemeiner  sollte 
meines  Bedunkens  den  Bruch  seines  militarischen  Taufbundes 

10  wenigstens  versparen,  bis  er  Generalissimus  oder  so  etwas  wiirde. 
Einem  Fiirsten,  einem  Generalfeldmarschall  bringt  es  keinen  Vor- 
teil,  wenn  er  die  Kapitulation  halt,  weil  das  so  viel  ist,  als  redu- 
ziert*  er  die  Regimenter;  hingegen  dem  Fiiselier,  Grenadier  etc. 
bringt  das  Halten  der  seinigen  wahren  Nutzen:  er  tritt  dadurch 
mit  seinen  edlern  Teilen  einer  exekutierenden  Kugel-Terne  aus 
dem  Weg  und  sparet  mithin  allezeit  seine  Brust  und  sein  Kra- 
nium  einer  feindlichen  und  ehrenvollen  Kugel  auf,  die  ihn  ins 
Bette  der  Ehren  herabschieBet. 

Warlimini  war  ein  guter  Narr.  Ich  und  der  Fleischer  haben 

20  nichts  davon,  daB  wir  ihn  loben  und  seinem  zersplitterten  schlaf- 
fen  Kopfe  noch  einige  Lorbeer-Streu  unterbetten;  aber  warum 
sollen  wir  es  dem  Gelehrten-  und  Militarstande  verbergen,  daB 
der  gute  Kerl  wochentlich  von  seinem  Madchen  ein  oder  zwei 
Schustaks  zu  Lausewenzel  uberkam  -  denn  das  ganze  Mobiliar- 
vermogen  bestand  in  einem  warm-  und  ehrlichschlagenden  Her- 
zen  -  daB  sein  Wirt,  bei  dem  er  sein  Traktament  vertrank,  ihm 
keinen  Heller  zu  viel  anschrieb  -  daB  der  Regimentsfeldscher  ihm 
bei  jedem  Verbande  seiner  Hiebwunde  eine  Pfote  voll  recht  gu- 
tem  Tabak  zusteckte  -  und  daB  er  in  seinem  ganzen  Leben  uber 

30  niemahd  einen  Fluch  ausstieB  als  iiber  sich?  Es  tat  jedem  weh, 
sagte  der  Fleischer,  der  eineFlinte  auf  ihn  halten  muBte.»Druben« 
(sagt' er;  denn  er  ging ein  wenig  mit  mir  aus Marktleuthen heraus) 
»sitzt  ein  Schafjunge  auf  seinem  Grabe,  der  pfeift:  gleich  dar- 
neben  haben  sie  ihn  nun  erschossen.  -  Als  wir  den  Abend  vorher 
ihn  bedauerten,  sagt'  er,  es  gehor'  ihm  nichts  Bessers  als  eine 
Kugel  vor  den  Kopf,  aber  er  hatte  doch,  schwur  er,  fur  tausend 


25O  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

Gulden  nicht  langer  beim  Regimente  bleiben  konnen.«  Ich  wollte, 
ich  ware  dazugekommen;  ich  hatte  dem  armen  Teufel  durch  die 
hereinhangende,  stinkende  Pestwolke  auf  der  letzten  Lebens- 
Strecke  statt  des  elenden  Lausewenzels  oder  statt  des  noch  elen- 
dern  hier  gedruckten  Weihrauchs  echten  Knaster  hineingelangt, 
ob  ich  gleich  nicht  rauche.  Aber  den  andern  Tag  hatt'  ich  nicht 
abwarten  und  es  etwan  von  meiner  Anhohe  herunter  ansehen 
mogen,  wie  der  arme  Kerl  in  seinem  blinkeriden  Kreise  so  allein 
seine  Kleider  fur  seine  Wascherin  auszog,  eine  Viertelstunde  vor 
der  Ewigkeit  —  wie  man  ihm  die  weiBe  Binde  urn  die  Augen  legte,  10 
die  nun  die  ganze  griine  Erde  und  den  leuchtenden  Himmel 
gleichsam  in  sein  tief  ausgehohltes  Grab  vor  ihm  vorauswarf  und 
alles  mit  einer  festen  Nacht  wie  mit  einem  Grabstein  zudeckte  - 
Und  wenn  sie  nun  vollends  uber  sein  tobendes,  von  qualendem 
Blute  steigendes  Herz  das  papierne  kalte  gehangen  hatten,  um  das 
warme  gewisser  hinter  diesem  zu  durchlochern :  so  ware  ja  jeder 
weiche  Mensch  wankend  den  Hiigel  auf  der  andern  Seite  hin- 
untergegangen,  um  den  Umsturz  des  Zerrissenen  nicht  zu  er- 
blicken,  und  hatte  sich  die  Ohren  verstopft,  um  den  fallenden 
Donnerschlag  nicht  zu  horen  -  Aber  die  Phantasie  wiirde  mir  20 
dann  den  Armen  desto  diisterer  gezeigt  haben,  wie  er  dakniet  in 
seiner  weiten  Nacht,  abgerissen  von  den  Lebendigen,  entfernt 
von  den  Toten,  von  niemand  in  der  Finsternis  umgeben  als  vom 
witternden  Tod,  der  unsichtbar  die  eisernen  Hande  aufzieht  und 
sie  zusammenschlagt  und  zwischen  ihnen  das  blutige  Herz  zer- 

driickt O  nach  Aonen  miiBte,  wenn  der  Mensch  uber  das  Grab 

hinauslitte,  diese  bange  Minute  noch  wie  eine  diistre  Wolke  allein 
am  ausgehellten  Eden  hangen  und  nie  zerflieBen ! 

Alle  diese  dunkeln  Phantasien  konimen  mir  wieder,  wenn  ich 
drauBen  gehe  und  hore:  hier  haben  sie  den  erschossen,  don  jene  30 
Schlacht  geliefert;  und  es  ist  ein  Gliick,  daB  die  Zeit  die  Graber- 
haufen  der  Erde  abtragt  und  die  Kirchhofe  der  Schlachtfelder 
eindriickt  und  unter  Blumen  versenkt;  weil  wir  sonst  alle  von 
unsern  Spaziergangen  mit  einer  Brust  voll  Seufzer  zuriickkamen. 

Ich  uberlass'  es  dem  Leser,  sich  den  Halbschatten  selber  hinein- 
zumalen,  uber  den  sein  Auge  leichter  den  Weg  von  meinem  Erd- 


DES  REKTORS  FALBELS  REISE  NACH  DEM  FICHTELBERG         25  I 

schatten  zu  Falbels  Lichtern  nimmt.  In  unserem  Leben  ist  die  Zeit 
der  Halbschatten  zwischen  Lust  und  Schmerz,  der  Zwischenwind 
zwischen  Orkan  und  Zephyr. 

»Da  der  Himmel  noch  immer  voll  Regen  war,  erachtete  ich  es 
fur  notig,  aufzubrechen  und  demHerrnPflegevater  des  Mr.Fech- 
sers  bis  nach  Thiersheim,  wo  er  eintreffen  muBte,  entgegenzu- 
reisen,  um  es  lieber  einen  Tag  friiher  als  sparer  zu  erfahren,  was 
er  vom  Wetter  halte.  Auch  wollt'  ich  da  noch  auBerdem  einen 
allda  gehenkten  Postrauber  in  Augenschein  nehmen,  weil  ich 

10  einige  Moralen  aus  ihm  fur  die  Meinigen  ziehen  wollte.  Aber  wir 
taten  uns  vor  Thiersheim  vergeblich  nach  einem  Galgen  um:  der 
Spitzbube  saB  noch  und  hing  noch  an  nichts  als  an  Ketten. 

Hier  muBten  wir  nun  zu  meinem  groBten  Schaden  funfzehn 
voile  Tage  mit  Hunden  und  Pferden  liegen  bleiben  und  kostbar 
zehren,  im  fruchtlosen  Lauern  auf  durres  Wetter  und  auf  den 
Herrn  Pflegevater  des  Mr.  Fechsers.  Und  doch  soil  ich,  gleichsam 
zumDanke  fiir  meineEinbuBe,  hier  vor  demPublikum  dieHand- 
lungsbiicher  dessen,  was  ich  da  mit  meiner  Klasse  getrieben,  auf- 
schlagen  und  extrahieren,  weil  einige  (zu  meiner  groBten  Be- 

20  fremdung)  sich,  wie  ich  hore,  dariiber  aufgehalten  haben,  daB  ich 
fur  jene  funfzehn  Tage,  die  in  meine  Hundsferien  einfielen  und 
in  denen  ich  doch  dozieren  muBte  wie  in  der  Klasse,  mich  durch 
eine  funfzehntagige  Erweiterung  der  Kanikularferien  meines 
Schadens  nab'  erholen  miissen:  solche  Zungen-Kritikaster  sollen 
hier  beschamt  werden  durch  den  funfzehntagigen  Lektionskata- 
log  eines  Mannes,  dem  man  gern  die  Halfte  seines  Hundstags- 
Sabbats  verkiirzte. 

Am  ersten  Hundstag  muBte  die  Klasse  schriftlichen  Rapport 
von  den  Personalien  und  Realien  unserer  Reise  erstatten.  -  Am 

30  zweiten  korrigiert'  ich  den  Rapport  -  setzte  die  Korrektur  am 
dritten  fort  -  und  schloB  die  Zensur  am  vierten.  - 

Den  funften  lieB  ich  an  einer  Thiersheimer  Flora  arbeiten,  den 
sechsten  an  einer  dergleichen  Fauna.  Der  siebente  Tag  ist  uberall 
frei  und  des  Herrn  Ruhetag.  Den  achten  wurde  der  Plan,  gleich- 
sam die  Didos-Kiihhaut,  zu  einem  neuen  Idiotikon  der  Sechsamter 


2J2  LEBEN  DES  QUINTUS.  FIXLEIN 

auseinandergebreitet,  und  der  geringste  Bauer  wurde  durch  die 
Lieferung  eines  einzigen  Provinzialismus  zum  Mitarbeiter  daran 
angenommen.  -  Ein  solcher  Idiot  hilft  sich  nur  durch  einen  Idio- 
lismus,  den  er  Gelehrten  zinset,  wieder  ein  wenig  aus  seiner  Ver- 
achtlichkeit  auf.  Da  ich  vor  der  ganzen  Gemeinde  unsern  ver- 
reckten  Wachtelhund  ungescheuet  anfafite,  hinaustrug  und  ein- 
scharrte  —  wie  Prosektores  gekopfte  Kadaver  handhaben  — ,  so 
nahm  ich  das  allgemeine  Erstarren  iiber  meine  Kiihnheit  wahr 
und  zugleich  die  allgemeine  Verblendung;  ein  solcher  Abstand 
aber  zwischen  dem  Vorurteil  und  der  Aufklarung  macht  es  oft  10 
einem  Gelehrten,  der  ihn  fuhlet,  sauerer,  als  man  denkt,  beschei- 
den  zu  sein. 

Den  neunten  setzt*  ich  bloB  aus  Liebe  zum  Gymnasium  mein 
Leben  aufs  Spiel  oder  auf  den  Spielteller.  Der  Mond  setzte  nach- 
mittags,  als  er  im  Nadir  stand,  den  Gussen  einen  kleinen  Damm, 
und  ich  zog  daher  eilends  mit  meinem  peripatetischen  Audito- 
rium, armieret  mit  geometrischem  Heergerate,  aus  Thiersheim 
hinaus,  des  Vorhabens,  Felder  zu  messen.  DrauBen  war  nun  noch 
auf  keinem  geschnitten;  und  Boshafte  sahen  mir  uberhaupt  mit 
einer  so  langen  anfeindenden  Aufmerksamkeit  nach  -  welches  20 
mich  auf  Platos  Diktum  brachte,  gegen  einen  Rechtschaffenen 
verschwiire  sich  am  Ende  die  ganze  Welt  -,  daB  ich  es  nicht  pro- 
bieren  wo  lite,  einen  Pfahl  einzustecken.  Zum  Gliick  lagen  zwei 
Fleischersknechte  unterentferntenBaumen  aufRainenimSchlafe. 
Ich  sagte  zu  meinen  Geometern  (und  zeigte  auf  die  Metzger): 
> Wir  wollen  leise  die  Weite  zweier  Orter  oder  Schlucker  messen, 
zu  deren  keinem  man  kommen  kann.<  Wir  nahmen  auf  dem  Ge- 
meindeanger  alles  in  der  groBten  Sonnenferne  von  den  zwei 
Schliffeln  vor  (man  verzeihe :  denn  indignatio  facit  versus).  Von 
fernen  und  still  bohrt'  ich  selber  den  MeBstab  ein  und  setzte  die  30 
Mensul  in  den  zweiten  Standort.  Ich  visierte  nach  dem  Stabe  und 
nach  dem  schlafenden  groben  Bloch  A  und  nach  dem  andern 
Bloch  B,  lieB  den  Abstand  zwischen  dem  Stabe  und  Tische  mes- 
sen und  verjiingte  ihn  richtig  auf  letzterem.  Kurz  (denn  Nicht- 
Feldmessern  wtird*  ich  doch  nicht  faBlich)  wir  kamen  Wolfen, 
Kastnern  und  alien  groBen  Messern  piinktlich  nach;  und  hatten 


DES  REKTORS  FALBELS  REISE  NACH  DEM  FICHTELBERG         253 

endlich  wirklich  den  zwei  schnarchenden  Grobianen  A  und  B  die 
Ehre  angetan,  die  SchuB-und  Brennweite  zwischen  ihnen  akkurat 
(war  nicht  Kastner  unser  Fliigelmann?)  herauszumessen.  Un- 
glucklicherweise  wollt*  ich  meinen  Zoglingen  die  sinnliche  Proba 
iiber  das  Exempel  vormachen  und  befahl  Monsieur  Fechsern,  mit 
der  Mefischnur  zum  Fleischer  A  zu  schleichen,  indeB  ich  mich 
mit  dem  Ende  der  Schnur  zum  Fleischer  B  hinaufmachte.  Mein 
Fechser  mochte  (der  Mensch  kann  nichts  dafur)  etwan,  indem  er 
sich  mit  der  Schnur  an  den  groben  Knopf  und  Kopf  A  nieder- 

10  kauerte,  mit  dem  Degen  dessen  Nase  leicht  iiberfahren :  kurz  der 
Kerl  fuhr  wie  ein  FlintenschuB  auf  und  schrie,  da  er  mich  iiber 
seinen  Schlafgesellen  mit  derMeBschnur  hereingeneiget  erblickte, 
die  ich  an  sein  Gesicht  applizieren  wollte,  seinem  Raubergenos- 
sen  zu:  >Michel!  es  verschniirt  dir  einer  den  Hals!<  -  Urplotzlich 
erwacht  der  Wuterich  B  -  schnellet  den  Faust-Fallbock  gegen 
mein  zu  tief  hereinsehendes  Angesicht  —  fangt  mich  mit  der  an- 
dern  Klaue  wie  mit  einer  FuBangei  bei  meinem  Stiefel  und  wirft 
mich  durch  seinen  Wurzelheber  notwendig  aus  dem  Gleichge- 
wicht  auf  den  Rain  hin  —  und  wiirde  mich  vermutlich  maustot 

±0  gemacht  haben,  waren  mir  nicht  redliche  Zoglinge  gegen  den 
Meuchelmorder  beigesprungen. 

Dem  Unmenschen  (ich  meine  seiner  Moralitat)  schaden  meine 
passiven  Priigel  mehr  als  mir  selber,  da  ich,  als  Martyrer  der  Geo- 
metric, wie  der  altere  Plinius  als  einer  der  Physik,  nichts  davon 
habe  als  -  Ehre;  auch  sauberte  ich  unterweges  die  Denkungsart 
meiner  Leute  iiber  die  Ohrfeigen,  indem  ich  ihnen  bewies,  daB 
diese  nur  bei  den  groBten  Feierlichkeiten  und  Standeserhebungen 
-  bei  Zeugschaften,  Manumissionen,  Freisprechungen  der  tech- 
nischen  Kornuten,  bei  Erhebungen  aus  dem  Pagenstand  -  im 

30  Schwange  gewesen  und  noch  sind. 

Inzwischen  mag  die  gelehrte  Welt  es  diesem  Zer-Fleischer 
(nicht  mir)  beimessen,  wenn  ich  nachher  -  aus  naturlichem  Scheu 
vor  ahnlichen  MiBhandlungen  -  Bedenken  trug,  von  Haus  zu 
Haus  zu  gehen  und  zum  Vorteil  der  Landeshistorie  (der  wich- 
tigsten  Resultate  zu  geschweigen,  die  daraus  zu  ziehen  waren)  die 
Speichen  der  Weifen  und  Wagenrader  und  die  Zacken  der  Querl 


254  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

zu  zahlen,  ferner  die  Zylinder  der  Dreschflegel  und  der  Sonntags- 
stocke  stereometrisch  zu  bestimmen  -  man  konnte  dadurch  frei- 
lich  hinter  die  Krafte  derer,  die  sie  bewegen,  kommen  -  und  die 
Gabelweite  der  Stiefelknechte  durch  die  Longimetrie  und  die 
Untiefe  der  EBIofTel  und  Suppenschiisseln  mit  Visierstaben  aus- 
zuforschen,  um  aus  der  erstern  auf  die  GroBe  der  FuBe,  aus  der 
letztern  auf  die  GroBe  der  Magen  die  leichtesten  Schliisse  zu  Zie- 
hen. Ohne  die  Schlage  wiird'  ich  mich,  ich  gesteh*  es,  ganz  gewiB 
dieser  Miihe  unterzogen  haben;  aber  Behandlungen  der  vorigen 
Art  und  kleinere,  wie  die  folgende,  frischen  wahrlich  einen  Ge-  10 
lehrten  schlecht  zur  Landesgeschichte  an.  Ich  teilte  dem  Wirte, 
als  ich  auf  den  Flachsrocken  seiner  Tochter  hinsah,  den  guten 
Rat  mit,  von  der  Achse  des  Spinnrades  ein  dem  Wegmesser  ahn- 
liches  Rad  treiben  zu  lassen,  das  die  Umwalzungen  des  groBen 
Rades  richtig  auf  einer  Scheibe  summierte.  >Er  kann<,  setzt*  ich 
hinzu,  >leicht  wissen,  wenn  Er  wieder  nach  Hause  kommt,  wie 
viel  seine  Tochter  gesponnen  und  ob  sie  nicht  gefaulenzet  hat.< 
Darauf  lachte  mir  das  junge  Ding  ins  Gesicht  und  sagte:  >Gim- 
pel!  das  sieht  ja  der  Vater  schon  am  Garne.<  Aber  Gelehrten  leg* 
ich  obiges  Projekt  zum  Beurteilen  vor.  20 

Uberhaupt  schrankte  der  Faustschlag  des  Fleischers  meinen 
Eifer  fur  die  Wissenschaften  sehr  ein.  Ich  hatte  aus  wichtigen 
Griinden  vor,  den  inhaftierten  Postdieb  Mergenthal  zu  besuchen; 
aber  ich  versagt*  es  mir.  Ich  mache  namlich  nach  meinen  Kraften 
schon  seit  einigen  Jahren  ein  ganz  verwachsenes  Feld  der  Landes- 
geschichte urbar:  die  Gerichtsplatze  und  Rabensteine;  ich  meine, 
ich  werfe  auf  die  Landesspitzbuben  und  Landesmorder  die  notig- 
sten  historischen  Blicke  und  Iiefere  aus  dem  peinlichen  Potosi 
von  Kriminalakten  und  Diebslisten  einen  und  den  andern  Aus- 
beutetaler,  weil  ich  mich  uberhaupt  iiberrede,  jeder  Schulmann  30 
miisse  sich  schamen,  der  nichts  iiber  sein  Land  oder  seine  Stadt 
herausgibt.  Sollte  nicht  jede  Schuldienerschaft  sich  in  die  Aste 
der  Spezial-Geschichte  teilen?  Konnte  nicht  der  Rektor  die  Spitz- 
buben  bearbeiten  und  liefern,  die  Dekollierten,  die  Gehenkten? 
Konnte  nicht  jeder  Unterlehrer  seine  besondere  Landplage  neh- 
men?  Der  Konrektor  die  Pestilenzen  oder  bloBen  Epidemien  - 


DES  REKTORS  FALBELS  REISE  NACH  DEM  FICHTELBERG         255 

der  Tertius  die  Viehseuchen  —  der  Kantor  die  Wassers —  der 
Quartus  die  Hungersnoten  —  der  Quintus  die  Feuersbriinste  ? 

Mir  also,  als  Malefikanten-Plutarch,  wiird'  es  sehr  wohl  ange- 
standen  haben,  ein  historisches  Subjekt,  noch  eh*  es  gehenkt  wird, 
zu  besichtigen;  ich  stellte  aber  denen,  die  mirs  rieten,  vor,  ich 
fuhrte  in  den  peinlichen  Memoires,  die  ich  unter  der  Feder  hatte, 
die  Geschichte  eines  armen  Hofer  Schullehrers  auf,  den  ein  Dieb, 
dem  er  einmal  ein  Almosen  scheltend  gereicht,  in  Leipzig  als  sei- 
nen  Komplizen  falschlicherweise  angegeben,  worauf  der  ehrliche 

10  Schulmann  abgeholt,  in  Leipzig  torquiert  und  mit  Not  dem  Spren- 
kel  des  Galgens  entrissen  worden.  Das  konnte  nun  mehrerern 
rechtschaffenen  Leuten  begegnen  -  es  konnte  mich  z.  B.  der  De- 
linquent Mergenthal,  wenn  ich  ihn  besuchte  und  ihn  entweder 
durch  mein  Trink-  und  Saufgeld  oder  durch  mein  Gesicht  auf- 
brachte,  aus  Bosheit  denunzieren  und  aussagen,  ich  hatte  gestoh- 
len  mit  ihm.  Wer  haftete  mir  fiir  das  Gegenteil,  und  wer  nahme 
sich  eines  unschuldigen  Rektors  an,  wenn  ihn  ein  solcher  Post- 
und  Ehrenrauber  auf  die  Folter  und  Galgenleiter  versetzet 
hatte?  - 

20  Nachmittags  kam  endlich  der  sehnlich  erlauerte  Herr  Pflege- 
vater  des  Monsieur  Fechsers  vom  Fichtelberge  herab  und  konnte 
mir  sagen,  ob  ich  hinauf  konnte,  Wetters  halber.  Er  hielt  anfangs 
an  sich,  und  dieser  gelehrte  Herr  auBerte  sich  zuletzt  (viel  zu  be- 
scheiden)  nur  dahin:  >er  sei  wider  Willen  ein  (Wetter-)  Prophet 
in  seinem  Vaterlande:  er  konne  weissagen,  aber  mehr  auf  ganze 
Quatember  voraus  als  auf  den  nachsten  Tag,  so  wie  die  vier  gro- 
Ben  Propheten  leichter  eine  fremde,  erst  in  Jahrhunderten  ein- 
fallende  Hinrichtung  erblickten  als  ihre  eigne,  die  sich  noch  bei 
ihren  Lebzeiten  begab,  oder  so  wie  (eigne  Ausdriicke  dieses  Ge- 

30  lehrten)  der  Mensch  richtiger  den  Weg  der  Vorsehung  auf 
Jahrtausende  als  auf  Jahrzehente  voraussagt.  "Qberdies^  da  wir 
(nach  Kant)  der  Natur  die  Gesetze  geben:  so  sei  ihm  wie  dem 
Moralisten  mehr  daran  gelegen,  zu  bestimmen,  wie  das  Wetter 
(nach  den  einfachsten  Prinzipien)  sein  sollte,  als  wie  es  wirklich 
sei,  und  er  habe  wohl  nicht  die  Schuld,  wenn  es  die  besten  Regeln 
ubertrete,  die  er  feststelle.<  -Indessen  verhielt  mirs  dieser  meteo- 


256  LEBEN  DES  QUINTUS  FIXLEIN 

rologische  Augur  doch  nicht,  daB  es  jetzt  sich  aufhelle.  Auch  trafs 
bis  auf  die  kleinste  Wolke  ein:  es  will  etwas  sagen. 

Inzwischen  kam  mirs  nicht  zustatten :  der  Herr  Pflegevater  des 
M'onsieur  Fechser  eroffnete  mir,  daB  ein  anderer  Gelehrter,  Herr 
Konrektor  Helfreckt  aus  Hof,  das  Fichtelgebirge,  das  ich  bereisen 
und  beschreiben  wollen,  schon  vollig  wortlich  abgeschildert  und 
inKupfer  gestochen  habe.  Da  nun  niemand  weniger  als  ich  irgend- 
einem  Menschen  ein  Rad  aus  seinem  Triumphwagen  aushebt:  so 
war  ich  auf  der  Stelle  bereit,  auf  den  Fichtelberg,  den  ich  nun 
doch  nicht  mehr  beschreiben  kann,  keinen  FuB  zu  setzen;  viel-  10 
leicht  sticht  mir  das  Schicksal  irgendeinen  andern  Berg  zum  Posta- 
ment  und  Pindus  meiner  Feder  aus.« 

-  Seit  Herr  Rektor  Falbel  jenes  geschrieben,  hat  der  gelehrte 
und  rechtschaffene  Mann,  von  dem  ich  mit  ihm  sprach,  den  An- 
fang  zu  seinem  Werke  geliefert;  aber  ich  wiinschte,  er  mochte 
seine  mit  einer  so  fleiBigen,  wahrheitsliebenden,  kenntnisreichen 
und  uneigenniitzigen  Piinktlichkeit  entworfene  Ichnographie  des 
erhabnen  Natur-Festungswerkes,  die  einen  wichtigern  Beifall  als 
meinen  verdient,  endlich  gan%  unter  die  Augen  des  Publikums 
bringen,  damit  ihn  wenigstens  der  Unterschied  zwischen  dem  20 
Publikum  und  einer  Stadt  aufmunterte,  wo  man  dem  eignen  indi- 
viduellen  Wohl  nicht  mehr  schaden  kann  als  durch  (besonders 
padagogische)  Verdienste  urns  allgemeine  . . .  Ich  konnte  eben- 
sogut  jede  andere  deutsche  Stadt  dafiir  setzen;  denn  nur  vom  Ver- 
dienste wird  das  Verdienst  erkannt,  und  es  gehoret  oft  mehr  Pa- 
triotismus  dazu,  Verdienste  zu  belohnen,  als  sie  zu  haben.  - 

VWas  mich  ferner  vom  Fichtelberg  herabgezogen  hielt,  war, 
daB  unser  metallenes  Schwungrader-Werk  zu  stocken  anting,  das 
Geld;  um  aber  Fersen-Ge\d  zu  geben,  muB  man  vorher  Hand- 
Geld  haben,  wie  alle  Regimenter  wissen.  Ja  wir  konnten  nicht  30 
nur  nicht  vorwarts,  sondern  auch  nicht  einmal  riickwarts.  Und 
als  ich  dem  Wirte  fruchtlos  meinen  Handschlag  als  ein  Faust- 
pfand  und  mein  Ehrenwort  als  ein  Expektanzdekret  ehrlicher  Be- 
zahlung  offerieret  hatte:  mufit*  ich  nur  froh  sein,  daB  er  meine 


DES  REKTORS  FALBELS  REISE  NACH  DEM  FICHTELBERG         2J7 

Tochter  als  eine  Pfandschaft  und  ein  Grundstuck  zum  Versatz 
annahm  und  behielt,  und  ich  hatte  das  Gliick,  den  Agyptern  (den 
heutigen  Kopten)  zu  ahnlichen,  bei  denen  einer  gegen  Verpfan- 
dung  seiner  einbalsamierten  Blutsverwandten  schone  Privatan- 
leihen  machen  konnte.  Ich  fuhr  daher  auf  dem  leeren  Kabriolett, 
so  schnell  als  meine  Klasse  und  mein  Pferd  laufen  konnten,  nach 
Hause  und  konnte  sowohl  der  Eile  als  des  Rasselns  wegen  nicht 
so  viel  dozieren,  als  man  wiinschen  mochte.  Hier  hatte  der  Herr 
Pflegevater  des  Monsieur  Fechsers  die  ungemeine  Giite,  mir  fur 
10  eine  schwache  Beschreibung  unserer  muhsamen  und  lehrreichen 
Klassen-Reise  einen  Platz  in  seinen  herrlichen  Werken  auszu- 
leeren  und  einzuraumen  und  mir  den  Ehrensold  dafur  schon  vor 
der  Messe  vorzuschieBen,  damit  ich  mit  dem  Gratial  meine  ver- 
setzte  Tochter  beim  Thiersheimer  Wirte  auslosete.  Curate  ut 
valeatis !«  - 


5- 

POSTSKRIPT 

Wahrhaftig  ich  wollte  mich  anfanglich,  so  nahe  an  der  SchluB- 
vignette  und  dem  RetraiteschuB  des  Buchs,  noch  mit  den  Lesern 
uberwerfen :  man  wird  durch  hundert  Dinge  aufgebracht,  wovon 
ich  nur  zwei  nenne.  Erstlich  dadurch,  daB  sie  alle  Biicher  wie  die 
Gebetbiicher  nur  in  der  Not  ergreifen,  wie  der  Gasthof  in  Dover 
eine  schone  Bibliothek  bloB  fur  Leute  doriert,  die  darin  so  lange 
lesen,  als  ungunstiger  Wind  blaset.  Zweitens  dadurch,  daB  sie 
schlecht  lachen:  ich  weiB,  der  Nordpol  verderbt  den  meisten  10 
SpaB1,  und  die  physische  Kalte  schadet  dem  Lachen  so  viel,  als 
ihm  die  moralische  niitzt.  Aber  mich  krankt  hier  etwas  im  Namen 
des  deutschen  Reichs.  Ich  weiB  besser  als  ein  andrer,  welches 
reiche  Warenlager  von  schonen  Materialien  zum  Lacherlichen 
dieses  Reich  ohne  sein  Wissen  auf  behalt  und  welche  Frachten  von 
diesem  satirischen  StofT  ganz  roh  gegen  alle  Staatswirtschaft  ins 
Ausland  gehen,  das  uns  nachher  unsre  eigne  rohen  Produkte,  in 
Satiren  verarbeitet,  fur  Siindengeld  wieder  verkaufet.  Konnten 
wir  denn  nicht  diese  Satiren  auf  uns  hier  in  Deutschland  selber 
verfertigen,  um  doch  den  Schlagschatz  einzustecken  ?  -  Aber  20 
satirische  Miinzmeister  werden  schlecht  aufgemuntert:  wie  die 
Fabriken  auf  die  GefaBe  von  Semilor  ein  »s«  einzeichnen  miissen, 
um  dasselbe  vom  wakren  Golde  zu  unterscheiden :  so  muB  ein 
solcher  Miinzer  den  Anfangsbuchstaben  der  Satire  (auch  ein  »s«) 
iiberall  einhauen,  weil  das  Publikum  alles  in  der  Welt  eher  ver- 
steht  (so gar  seinen  Kant)  als  SpaB,  und  dieses  buckstabliche  Si- 

1  Nach  Flogels  Bemerkung  nimmt  das  Lachen  immer  mehr  ab,  je  naher 
die  Menschen  den  Polen  wohnen.  Auf  den  zwei  Polen  konnten  also  zwei 
Kato,  der  altere  und  der  jungere,  sitzen.  Aber  die  Skurrilitat  der  Gronlander 
und  Kamtschadalen  entkraftet  jenen  Satz.  3° 


POSTSKRIPT  259 

gnieren  (damit  das  Publikum  nicht  aus  SpaB  Ernst  mache)  ver- 
dirbt  jedes  Subjekt,  es  sei  Schafwolle,  oder  Satire,  oder  eine  Men- 

schenstirne. Dariiber  wiirde  ich  mit  dem  Ensoph  der  Lese- 

welt,  dessen  Hirnschale  wie  (nach  dem  R.  Ismael  im  Talmud)  die 
des  rabbinischen  Gottes  dreiBigtausend  Meilen  lang  und  breit  ist, 
'  da  die  Beinchen  der  Schale  wieder  ganze  Kopfe  sind,  dariiber 
wiird*  ich,  sag*  ich,  mit  diesem  mystischen  Riesen-Korper  hier 
im  Postskript  unerschrocken  angebunden  haben,  hatt*  es  meine 
Weichheit  erlaubt... 

10  Diese  verbot  es:  hier  unter  der  Schwelle,  indem  die  Abend- 
glocke  meines  Buches  lautet,  wiird*  es  mir  wie  eine  zersplitternde 
Bleikugel  im  Herzen  sitzen  bleiben,  wenn  ich  etwas  anders  - 
etwan :  leset  wohl !  -  zu  den  Lesern  sagte  als :  lebet  wohl !  -  Beim 
Himmel !  ich  mag  nicht :  schon  ein  Mensch,  der  mit  Sack  und  Pack 
aus  einer  Stadt  in  die  andere  zieht,  machet  fast  mit  alien  Gassen 
Friede,  eh'  er  in  den  Postwagen  steigt;  und  drinnen  denkt  ernoch 
dazu,  indem  er  die  ofFentlichen  Zisternen  und  ihre  Danaiden  an- 
sieht:  hatt'  ichs  eher  bedacht,  ich  ware  geblieben. 

Lebt  also  wohl!  —  Vergebet  mir,  wenn  ich,  da  an  den  Wagen 

20  meiner  Psyche  so  verschiedene  Pferde  angeschirret  sind,  Eng- 
ender, Polacken,  Rosinanten,  sogar  Steckenpferde,  wenn  ich  im 
Biindel  so  vieler  Ziigel  fur  einen  ganzen  Marstall  zuweilen  fehl- 
greife  oder  ermatte.  -  Kommt  recht  frohlich  wieder  vor  mein 
kunftiges  Titelblatt  I  -  Ertragt  Biicher,  Menschen  und  euch !  -  Und 
da  der  Stachel  des  lang  vergangnen  Ungliicks  noch  in  der  Erinne- 
rung  sticht,wie  der  ausgerissene  Stachel.  einer  zerquetschten  Wespe: 
so  behaltet  nichts  im  Gedachtnis  als  -  Autoren !  -  Und  ubrigens 
wiinsch'  ich  euch  einen  kalten,  aber  blauen  Morgen  des  Lebens, 
worin  keine  Blume  zugeschlossen  bleibt  ■*-  gegen  zehn  Uhr  hin  eine 

30  Wolke  voll  warmer  Regentropfen  -  in  der  Mittagshitze  einen  See- 
wind  -  nachmittags  die  Sieste  des  Lebens  -  und  abends,  und  abends 
kein  Gewitter,  sondern  eine  sanfte  Sonne  und  ein  langes  Abendrot 
hinter  Nachtviolen  und  irgend  jemand  in  der  Finsternis  — 

Aber  dich,  du  Geliebter,  den  ich  am  Ende  jedes  Buchs  anrede, 
wie  konnt'  ich  dich  am  jetzigen  in  dieser  Stimmung  anreden  oder 
der  Stimme  antworten,  die  mich  fragte:  waswiinschest  du  ihm?  — 


JEAN  PAULS 
BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

unter  der  Gehirnschale  einer  Riesin 


Erstes  Bandchen 


VORREDE 

Ich  schreibe  sie  bloB,  damit  man  nicht  das  erste  Kapitel  fur  eine 
nimmt  und  nicht  dieses  uberhupft,  sondern  diese  Vorrede.  Denn 
ich  habe  nichts  darin  zu  sagen  als  sechs  kurze  Gedanken  -  und 
kaum  diese  -  und  das  Datum. 

i )  SpieBens  Munzbelustigungen,  Rosels  Insektenbelustigungen 
und  der  Patienten  Brunnenbelustigungen  sind  nicht  nur  die  Vor- 
gangerinnen  und  Muster  der  gegenwartigen  biographischen,  son- 
dern auch  die  (metaphorischen)  Bestandteile  davon. 
10  2)  Der  Rest  des  Titels  wird  im  zweiten  Kapitel  schon  erklart 
und  gerettet. 

3)  Zuweilen  kommen  in  den  besten  Menschen  und  Autor  und 
in  die  Werke  von  beiden  auf  eine  ebenso  unbegreif  Hche  Weise 
Heripolypen  und  Gries  und  Gallensteine  hinein  als  in  weiBen  Mar- 
mor  und  feste  Stamme  lebende  —  Kroten  ■  man  sollte  aber  uber  die 
Kroten  Heber  natur-historisch  nachsinnen  als  inquisitorisch  ab- 
urteln,  sonst  wird  man  ein  Infinitesimalteilchen  des  Pobels,  der 
Kroten  nur  fur  kleinere  Hexen  und  Teufel  halt. 

4)  Der  sogenannte  Appendix  dieses  Buchs,  der  die  Salat-Kirch- 
20  weih  von  Obersees  beschreibt,  ist  wegen  seines  satirischen  Grund- 

tons  und  Musikschliissels  zwar  fiir  Leser  -  und  wenig  fur  Leserin- 
nen  -  gemacht;  indessen  ist  doch  eine  schone  Geschichte  darein 
verwoben,  die  es  wohl  verdient,  daB  man  sie  herauszieht. 

5)  Im  Alter  werfen  sich  zwar  Menschen  und  Holzer  krumm; 
ich  aber  werde  und  gehe  in  Schriften  immer  mehr  gerade  und 
mache  wenig  Ausschweifungen  mehr,  die  gedruckt  werden. 

6)  Moge  der  Leser  im  Buche  entweder  Erinnerungen  oder  Hoff- 
nungen  antreffen,  um  sich  (wie  der  Verfasser)  wechselsweise  durch 
die  einen  fiir  die  andern  zu  entschadigen.  -  Denn  wir  genieBen 


7.66  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

alle  nur  aus  beiden,  und  gleich  den  Nachteulen  sehen  und  fliegen 
und  jagen  und  haschen  wir  nur  in  beiden  Ddmmerungen, 

Hof  im  Voigtlande,  den  24.  Febr.  1796  (d.  h.  am  Schalttage, 
an  dem  man,  weil  er  an  die  365  andern  Schalttage  und  an  unser 
Transito-Leben  und  an  das  dissonierende  Intervall  von  70 
Jahren  erinnert,  wohl  etwas  GroBers  machen  sollte  als  eine 
kleine  Vorrede,  die  ja  -  ungleich  der  Prafation  unsers  Lebens 
—  zu  keiner  groBern  Belustigung  fiihrt  als  zur  folgenden  bio- 

graphischen: ) 

Jean  Paul  Friedrich  Richter. 


JEAN  PAULS 

BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

unter  der  Gehirnschale  einer  Riesin 

Eine  Geistergeschichte 


Erste  biographische  Belustigung 

Die  bleierne  Jungfer  Europa  -  das  Schlachtfeld  -  die  Melancholie  - 
der  Frtihling. 

Auf  der  Chaussee,  den  28.  April  1795. 

Auf  nichts  ist  die  Welt  in  Blichern  so  erpicht  als  auf  das,  wovor 
ihr  auf  den  Theatern  so  ekelt  -  aufs  Erzahlen.  Der  Leser  hat  sich 
kaum  in  sein  Schlaf-,  Lese-  und  Schreibkanapee  gesetzt  und  ich 
mich  in  meinen  Reisewagen:  -  sofort  soil  ich  eintunken  und 
meine  Historie  anfangen.  Ich  beteur'  es  ihm,  ich  erzahP  ihm  eine  - 

10  und  die  auBerordentlichste  dazu ;  -  aber  hier  auf  dem  Schreibe- 
tische  des  Reisewagens  ist  nicht  daran  zu  denken:  es  muB  abge- 
wartet  werden,  bis  ich  die  erste  biographische  Belustigung  zu 
Ende  gebracht,  die  nicht  langer  wahren  kann  als  der  Weg  nach 
Waldkappel  Bin  ich  freilich  in  diesem  Lustschlosse,  das  prachtig 
wie  ein  Obeliskus  in  der  SchultheiBerei  Neuengleichen  stent,  uber- 
morgen  ausgestiegen :  so  setz*  ich  mich  -  ich  verpfande  mein 
Ehrenwort  darauf  —  nieder  und  erhekre  mein  Auge  an  den  ent- 
falteten  Pfauenspiegeln  der  Auen,  an  der  Goldlasur  des  Horizonts 
und  an  den  kouleurten  griinen  und  weiBen  Lustfeuern  des  so  eilig 

20  abbrennenden  Friihlings  und  zeichne  dann,  mitten  in  diesen  Lich- 
tern,  der  Nachwelt  die  sonderbare  Geschichte  des  vorigen  Win- 
ters ab,  die  man  schon  im  ersten  Kapitel  verlangte.  Ich  konnte  sie 
auch  unmoglich  hier  im  Furstentume  Flachsenfingen^  wo  ich  fahre, 
schon  geben,  hier,  wo  ich  noch  alle  Geriiste,  Kulissen  und  Opern- 
kleider  der  ausgespielten  Szenen  samt  dem  eng  zusammengeroll- 
ten  TheaterVbrhang  der  vergangnen  Zukunft  urn  mich  sehe. 
.Ach  ich  diirfte  ja  nur  das  Wagenfenster  niederlassen  und  hinaus- 
schauen:  so  wiirde  der  Wagen  gerade  vor  der  Statte  voriiber- 
rollen,  wo  meine  Seele  in  dem  Erdbeben  zitterte,  von  dem  meine 

30  Feder,  wie  ein  von'Salsano  in  Neapel  erfundner  Erdbebenmesser, 
die  Richtung,  die  seine  StoBe  nahmen,  jetzt  auf  dem  Papierenach- 
malt ! . . . . 


27O  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

Solang'  ich  fahre,  schreib'  ich  oder  schlaP  ich :  denn  unter  der 
ganzen  Fahrt  kommt  der  Wagenfenster-Vorhang  nicht  weg,  und 
ich  werfe  keinen  Blick  hinaus;  und  das  bloB  deswegen: 

Es  ist  aus  astronomischen  Griinden  erweislich  -  im  Grunde 
darf  man  nur  die  Augen  auftun  — ,  daB  in  Flachsenfingen  heute, 
den  28sten  April,  wo  ich  abreisete,  die  dekollierte  Allee  noch  aus- 
sah  wie  abgewetzte  Besemen,  womit  der  Winter  den  Friihlings- 
himmel  rein  gefegt  —  daB  der  Hofgartner  noch  alle  Gemiiser  aus 
den  Mistbeeten  liefern  muBte  -  und  daB  die  Wiesen,  wodurch  ich 
diesen  Morgen  kam,  nichts  Bessers  waren  als  lebendige  Herbarien  10 
mit  der  aufgeklebten  falben  flachsenfingischen  Flora;  die  Fauna 
ist  noch  nicht  einmal  aus  der  Erde.  Das  ist  nun  besser,  als  ich 
mirs  wiinschen  konnte. 

Denn  in  Waldkappel,  wohin  ich  iibermorgen  gebracht  werde, 
ist  dafur  schon  ein  ganzer'voller  lichter  Friihling  wie  eine  Sonne 
aufgegangen,  der  die  dasige  Natur  mit  Brautnachten  und  Schop- 
fungstagen  uberhauft:  alles  quillt,  bluht,  schillert  und  singt  schon 
dort.  Ich  kann  also,  wenn  ichs  recht  mache,  aus  dem  flachsen- 
fingischen braun-gegitterten  Sparrwerk  des  Lenzes  auf  einmal  in 
den  ausgebauten  blendenden  Sonnentempel  desselben  treten.  Und  20 
zu  diesem  Zwecke  wird  die  erste  Belustigung  geschrieben;  und 
ich  bitte  die  guten  Leser,  es  gern  zu  sehen,  daB  ich  mir  die  Lange- 
weile  der  drei  Tag-  und  der  zwei  Nachtreisen  dahin,  die  ich  vollig 
eingemauert  unter  der  Himmelhaut  der  Kutsche  versitze,  durch 
schones  Ausschweifen  und  Sprechen  mit  ihnen  verkiirze:  ihnen 
kommts  ja  auch  zustatten,  wenn  ich  nachher  den  Friihling  prach- 
tiger  nachsteche.  Welch  ein  einfaltiger  Mann  miifite  iiberhaupt 
der  sein,  der  unter  dem  Fahren  aus  dem  Wagen  gucken  und  sich 
von  den  Landern,  wodurch  er  rollt,  den  Friihling  heft-  und  schei- 
benweise  in  den  SchoB  wollte  schneiden  lassen  -  zuerst  Gras-  30 
spitzen  —  dann  Staudenblatter  —  dann  sechs  gelbe  Schmetterlinge 
und  ebensoviel  gelbe  Blumen  -  und  endlich  mehrere  griine  Bir- 
kengipfel  als  Bier-  oder  Birkensaftzeichen !  Konnte  denn  ein  sol- 
cher  Mann  nicht  bedenken,  es  sei  kein  Unterschied,  ob  er  sich  von 
der  Zeit  oder  dem  Raum  den  Friihling  wie  einen  zerlegten  Glie- 
dermann  Glied  vor  Glied  zubrockeln  lasse?  -  Beim  Himmel!  die 


ERSTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  27I 

Natur  soil  ubermorgen  wie  eine  riesenhafte  Gottin  mit  alien  ihren 
Strahlen,  Adern,  Reizen  und  Girlanden  Knall  und  Fall  aufrecht 
vor  mir  stehen,  und  ihren  Schleier  sollen  Friihlingsliifte  weit  auf- 
heben  und  iiber  mich  wegwehen:  ich  werde  schon  zu  seiner  Zeit, 

wenn  mirs  zuviel  wird,  erblinden  und  umfallen. 

Solange  Schnee  fallt,  will  der  Mensch  alle  vier  Welt-Ecken  be- 
reisen;  -  bricht  aber  das  Friihjahr  an,  so  schlagt  er  zwei  seiner 
besten  Vorsatze  aus  der  Acht,  erstlich  den,  friiher  aufzustehen, 
und  zweitens  eben  den  obengedachten.  Ich  bin  -  das  sieht  Europa 

10  —  anders  und  feise  jahrlich.  Aber  in  diesem  Jahre  ist  noch  dazu  der 
Fall  dringend. 

Es  ist  namlich  wenigen  Menschen  in  Deutschland  unbekannt, 
daB  ich  in  der  Stadt  Flachsenfingen  im  Schlosse  des  Fiirsten 
wohne,  und  zwar  (in  gewissem  Sinn)  als  apanagierter  Prinz:  ich 
darf  das  bei  Deutschen  voraussetzen,  da  ich  in  den  Hundspost- 
tagen,  deren  Ballen  vielleicht  heute  (den  28sten  April)  ohne  mein 
Wissen  neben  ihrem  Verfasser  vorbei  und  auf  die  Ostermesse 
fahren,  iiber  meine  wichtigsten  Personalien  deutlich  genug  her- 
ausgegangen  bin.  Nun  wurzF  ich  hier  am  Throne  und  Hofe,  wo 

20  man  alles  in  der  Welt  bequemer  machen  kann  als  ein  Buch.  Man 
hat  keine  Zeit  -  kaum  eriibrigt  man  soviel,  um  noch  etwas  Wich- 
tigers  zu  machen,  namlich  so  viele  Besucke  wie  ein  Arzt,  deren 
z.  B.  der  Arzt  Antonio  Porcio  inNeapel  taglich  dreihundert  ablegt. 
Ich  ging  also  meinen  Herrn  Vater  -  ich  will  Se.  Durchlaucht  so 
nennen  -  um  eine  Dispensation  von  der  Hoftrauer,  d.  h.  um  die 
Erlaubnis  an,  nach  seinem  Lustschlosse  Waldkappel  zu  reisenund 
da  im  bliihenden  singenden  Freudenhimmel  -  worein  ohnehin  so 
wenig  einer  vom  Hofstaat  will  als  in  den  kiinftigen  -  das  Friih- 
jahr einsam  zu  verschwelgen,  d.  h.  zu  verschreiben.  Denn  in  der 

30  Tat,  da  will  ich  eben  gleich  der  webenden  Gartenspinne  unter 
freiem  Himmel,  und  von  nichts  eingeschlossen  als  von  Bliiten, 
wieder  mein  biographisches  WeberschirT  durch  historische  Faden 
werfen.  Wahrlich,  ich  kann  nicht  genug  schreiben,  nicht  einmal 
fur  mich  selber;  so  viel  lieset  heutigestags  ein  Mensch. 

Aber  auch  ohne  DintenfaB  und  Federbiichse  hatt'  ich  nach 
Neuengleichen  fahren  miissen,  schon  bloB  des  Friihlings  wegen: 


272  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

denn  hier  denke  man  nur  nicht  daran,  nur  in  einen  GieBbach  oder 
in  ein  grunes  Kabinett  auf  eine  gescheute,  d.  h.  geriihrte  Art  hin- 
einzusehen,  ich  meine  hier  unter  den  durch  Glanzpressen  und 
Druckwerke  schlank  und  fein  gezognen  Hoffiguren,  die  die  Nu- 
delmaschine  dieses  Sakuls  wie  Nurnberger  Makkaroni  in  Kellern 
als  zartes  Gewiirm  ins  Leben  driickte.  Ich  besiegP  es  hier  mit 
meinem  Ehrenwort,  wir  warten  es  allemal  ab,  bis  die  Blutezeit  in 
etwas  verstrichen  ist;  dann  nehmen  wir  Pferde  und  eilen  samtlich 
in  die  englischen  Anlagen,  Villen  und  Lusthofyer  hinaus  -  dann 
durchziehen  wir  in  geselHgen  Marschsaulen  die  Einsiedleien  oder  10 
Solituden  und  suchen,  ohne  den  Transitozoll  des  Ennui  zu  um- 
fahren,  durch  unsern  gemeinschaftlichen  Genufi  das  Vorurteil  zu 
schwachen,  als  ob  Hoflinge,  Damen  und  Leipziger  Lerchen  ma- 
dig  wurden,  wenn  sie  so  gepackt  sind,  daB  sie  einander  beriihren 
—  und  endlich  schieBen  wir  uns  aus  den  24  Stunden  eines  astro- 
nomischen  Tages  gerade  die  wenigen  freien  zum  Promenieren 
aus,  die  zwischen  das  Dinieren  und  Spielen  fallen.  Es  wtirde  alles 
noch  besser  genossen  werden,  wenn  das  Herz  des  einen  und  des 
andern  nicht  so  eng  zusammengezogen  und  eingeschniirt  wiirde 
durch  etwas,  was  seine  Pflicht  ist  -  so  eng,  daB  er  in  seinen  Herz-  20 
kammern  kaum  fur  eine  fremde  Blume,  geschweige  fur  eine  ganze 
Abendsonne,  oder  eindringende  Fruhlingswelt,  oder  gar  fur 
einen  vollen  Sternenhimmel  Platz  zu  machen  imstande  ist  -  und 
dieses  pflichtmaBige  Etwas,  was  man  ihm  ansinnen  kann,  ist 
jenes  Kaimans-Lauern  auf  die  kleinste  moralische  Liicke  und 
BloBe,  die  entweder  ein  Fiirst  oder  seine  Diener  geben,  und  die 
stets  von  Bedeutung  ist,  weil  alsdann  entweder  in  den  erstern  der 
Saug-  und  Legestachel,  oder  in  die  andern  der  Giftstachel  einge- 
setzt  werden  kann.  Etwas  Ahnliches  findet  sich  -  wie  ich  in 
Krunitz  lese  -  auf  Madagaskar,  namlich  ein  Insekt,  namens  Aka-  30 
dandef,  das,  gleich  unsern  RoBbremsen,  iiber  den  Tieren  dem 
Augenblicke  des  Stallens  auflauert,  um  sofort  in  ihre  Eingeweide 
zu  schleichen,  die  es  zernagen  will.  Der  beste  Fiirst  kann  zugleich 
der  Erbfeind,  der  Augenzeuge  und  der  Blutzeuge  oder  Martyrer 
eines  Akadandefs  sein.  - 

Es  ist  lacherlich;  aber  ich  lasse  mir  doch  jetzt  aus  einem  Gast- 


ERSTE   BIOGRAPHISCHE    BELUSTIGUNG  273 

hofe  auBer  meinem  Gouter  ein  Licht  in  meinen  Wagen  geben, 
weil  es  hier  bei  mir  wie  bei  Tal-Insassen  fruher  finster  wird.  Bei 
solchen  Verleugnungen  und  Absichten  konnt'  ich  daher  einem 
blumigen  Kammerherrn  -  sonst  dem  glatten  Stockknopf  des  gan- 
zenKammerherrn-Stahs~ur\m6g\ich  willfahren,  als  er  michSonn- 
tags  anlag,  unterweges  in  Wirzburg  auszusteigen  und  beim  Guar- 
dian des  Minoritenkloster,  P.  Bonavita  Blank,  einzusprechen, 
der  die  ganze  Natur  von  jedem  Bergkessel  bis  zu  jedem  Blumen- 
kelch  zu  seinem  Farbekessel  und  Schmuckkastchen  macht.  Dieser- 

10  malerische  Pater  (das  hab'  ich  auch  von  andern,  die  alles  gesehen) 
malt  oder  schafft  seine  Landschaften  nicht  aus  oder  mit  Farben- 
kornern,  sondern  aus  oder  mit  ordentlichen  Samereien,  gleichsam 
aus  der  Musaik  des  Ewigen  -  die  Vogel  aus  ihren  eignen  Federn  - 
Weiberschuhe  aus  Tulpen-,  nicht  Schuhblattern  -  den  Staubbach 
aus  Moosen  -  das  Abendrot  aus  herbstlichem  roten  Laube  -  kurz 

die  groBe  Natur  aus  der  kleinen. »Der  groBte  Maler,«  (sagt' 

ich  ernsthaft  zum  Kammerherrn)  »den  ich  je  in  diesem  Fache 
noch  gesehen  und  dessen  Stiicke  der  Minoriten-Guardian  viel- 
leicht  in  der  Schweiz  oder  in  Franken  zu  studieren  Gelegenheit 

20  gehabt,  dieser  Maler,  der  imstande  ist,  zu  Waldungen  keine 
kleinere  trockne  Tusche  zu  nehmen  als  ganze  Fichtenbaume 
und  zu  Gebirgen  Felsen,  zu  Menschen  Erdschollen  und  Ather, 
zu  Himmeln  Sonnen,  dieser  Artist,  Herr  Kammerherr,  bei  dessen 
Blattern  ich  Sie  einmal  vorzutreten  rate,  das  ist  unser  Herr 
Gott.« 

Jetzt  leg'  ich  mich  an  den  Seitenpolster  und  schlaf '  ein  und  aus. 

Den  29.  April. 
Ich  gehe  jetzt  durch  den  Morgenglanz,  und  aus  dem  kalten 
blauen  Himmel  quillt  eine  landerbreite  Flut  von  stahlenden  Friih- 
30  lingsliiften  nieder,  dringt  in  Tropfen  durch  meine  Wagenfugen 
und  badet  meinen  heiBen  Mund  -  die  Lerchen  fahren  in  ganzen 
Singschulen,  gleichsam  mit  den  Fliigeln  prall-trillernd,  vor  mei- 
nem Kasten  empor,  und  iiberall  schlagt  ein  frisch  aufgequollnes 
Lebensmeer  iiber  meine  Taucherglocke  zusammen.  -  Aber  ich 
muB  jetzt  die  Feder  wegwerfen,  sonst  notigt  mich  meine  vorlaute 


274  BIOGRAPHISCHE   BELUSTIGUNGEN 

durstige  Natur,  nach  rrichts  zu  fragen  und  die  Fenster  einzusto- 
Ben  und  auf  den  guten  Fruhling  mit  meinen  Blicken  loszufahren, 
eh*  er  sich  nur  halb  in  die  Kleider  geworfen 

Schon  an  der  gekerbten,  schartigen  StraBen-Treppe  vermerk' 
ich,  daB  wir  jetzt  uber  die  flachsenfingischen  und  **lichen  Her- 
kulessaulen  heute  nacht  hinausgekommen  sind.  Auch  werden  die 
Gegenden  immer  warmer.  Denn  Waldkappel  liegt  sehr  sudost- 

ostlich Beilaufig!  ich  werde  doch  nicht  zu  besorgen  haben, 

daB  irgend  jemand  (etwan  ein  Auslander)  mein  Waldkappel  mit 
einem  ganz  andern,  in  der  Landschaft  an  der  Werra  belegnen  10 
Waldkappel  vermenge,  oder  meine  SchultheiBerei  Neuengleichen 
darneben  mit  einer  Namensbase  in  Katzenelnbogen  ?  Die  beiden 
Ortschaften,  die  Sr.  Durchlaucht  gehoren,  liegen  ja  an-  und  in- 
einander,  aber  die  zwei  andern  gleichnamigen  bekanntlich  nicht. 
Ich  hofTe  iiberhaupt,  daB  niemand  einen  dermaBen  abbrevierten 
Kursus  in  der  Erdbeschreibung  absolviert  hat,  daB  er  nicht  weiB, 
wie  sehr  das  Fiirstentum  Flachsennngen,  gleich  dem  niederrhei- 
nischen  Kreise  oder  gleich  Abdera,  fast  in  alle  deutsche  Kreise 
verzettelt  und  zerworfen  ist. 

Eben  lauten  die  voriibergetragnen  Viehglocken  die  larmende  20 
Messe  des  Tages  ein  -  die  Hirten  klatschen  -  Rebhuhnervolker 
knattern  wie  Raketen  auf-  mein  Sattelgaul  wiehert  zu  dem  unten 
in  den  Wiesen  naschenden  Marstall  hinab  -  betaute  Aste  schla- 
gen,  vom  Kutscher  abprallend,  an  den  Wagen  -  und  alles  Iarmt 
und  lebt. 

Es  ist  dem  Publikum  nicht  zu  verdenken,  wenn  es  jetzt  hofft, 
ich  werde  meine  Zeichnungsmaschine  mit  dem  Transparentspie- 
gel  aufsetzen  und  ihm  damit  einen  vorlaufigen  UmriB  von  Wald- 
kappel geben;  aber  ich  war  noch  nicht  dort  und  kann  also  nichts 
davon  liefern  als  statt  der  Gemalde  Aussagen.  Was  ich  vernom-  30 
men  habe,  ist,  daB  die  Gegend  sehr  reizend  ist  und  daB  die  Jung- 
fer  Europa  darin  stent.  Von  dieser  Jungfer,  auf  die  ich  mich  sehr 
freue,  erstatt'  ich  fur  die,  die  nicht  in  Flachsenfingen  wohnen  (wer 
es  schon  weiB,  uberschlagt  es),  folgenden  Bericht: 

Mein  GroBvater,  regierender  Fiirst  von  Flachsenfingen,  der 
ein  bekannter  lebenslanger  Rival  von  Hessenkassel  -  namlich 


ERSTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  275 

vom  dasigen  Landgrafen  Friedrich  -  war,  konnte  sich  iiber  nichts 
so  sehr  entrusten  als  iiber  dessen  »  Winterkasten«  und  am  meisten 
iiber  den  kupfernen  Herhules  darauf,  -  und  das  darum,  weil  er 
einen  solchen  Kasten  und  metallnen  Goliath  nirgends  in  seinem 
Territorium  vorzuweisen  hatte.  Wenn  zuweilen  ein  hoher  Rei- 
sender  oder  gar  ein  vornehmer  Hesse,  der  nichts  von  der  Neben- 
buhlerei  gehort  hatte,  iiber  der  Tafel  den  hochstammigen  Enaks- 
Sohn  oder  Christoffel  -  so  nennt  ihn  der  kasselsche  Pobel  — ,  so 
gut  er  konnte,  nach  dem  Leben  schilderte,  wenn  er  deswegen 

10  anfuhrte,  daB  der  Titan  31  FuB  messe  (ohne  das  Stativ),  daB 
folglich  sein  Ellenbogen  unter  kein  preuBisches  RekrutenmaB 
gehe,  und  wenn  endlich  der  hohe  Reisende  mit  dem  letzten  auf- 
gesparten  Zuge  zu  iiberraschen  gedachte,  daB  der  Orlogskopf 
zehn  Mann,  die  noch  dazu  die  herrlichsten  Aussichten  aus  dem 
Schadel  haben,  recht  bequem  logiere  und  sein  Keulen-Bloch  nur 
die  Halfte:  so  wurde  meinem  GroBvater  vor  Arger  nicht  nur 
griin  und  gelb  vor  den  Augen,  sondern  sein  Gesicht  nahm  selber 
diese  Farben  an,  und  alle  Hofkavaliere  sahen  es  schon  voraus,  daB 
er  mehr  Bauernkrieg1  als  gewohnlich  (das  sicherste  Zeichen  seines 

20  Grimms)  sich  werde  servieren  lassen.  Das  Beste  ware  die  Baute 
eines  ahnlichen  Winterkastens  samt  Zubebor  gewesen,  damit  wie- 
der  der  Landgraf  von  Hessenkassel  seinerseits  von  hohen  Reisen- 
den  iiber  der  Tafel  durch  Erzahlungen  hatte  geargert  werden 
konnen.  —  Das  wollt*  auch  mein  GroBvater  langst,  konnt'  aber 
nicht,  weil  der  dem  Winterkasten  zur  Unterlage  notige  Geld- 
kasten  die  einzige  Stelle  im  Lande  war,  die  man  nicht  durch  Geld 
besetzen  konnte. 

Er  sann  iiberall  dariiber  nach,  auf  der  Jagd,  in  der  Oper,  in  den 
Alleen,  aber  umsonst  -  er  wollte  (um  nur  Geld  zu  kriegen)  gern 

30  alles  tun,  was  einem  Fiirsten  erlaubt  ist  -  er  wollte  alles  stempeln, 
sogar  das  Loschpapier,  die  Brandbriefe  der  Spitzbuben,  jeden 
Privatbrief  und  alle  Wappen  und  Pitschaften  -  er  wollte  die 
toricellische  Leere  richtig  halbieren  zwischen  dem  Kammerbeutel 
und  der  Chargenkasse  -  er  wollte  verpfanden  und  vermieten 

1  So  heiCet  oder  hieB  ein  Rheinwein,  der  so  alt  wie  dieser  Namensvetter 
war,  —  ich  denk',  in  StraBburg. 


276  BIOGRAPHISCHE   BELUSTIGUNGEN 

(namlich  Schatullgiiter  und  Landesstiefkinder)  -  er  wollte  die 
Justiz  wie  einen  vornehmen  Fremden  an  den  Hof  ziehen  und  die 
plumpe  Gerechtigkeitswaage  umarbeiten  lassen  zu  einer  Perlen- 

und  Probierwaage  fur  die  Themis  als  Hof  bankierin erwollte 

das  alles  mit  dem  groBten  Vergnugen  tun;  aber  es  war  nicht  zu 
tun:  denn  eben  alles  dieses  hatt*  er  —  schon  getan  fiir  geringere 
S  taa  tsausgaben. 

Der  Kammerprasident  und  sein  Sohn  dachten  noch  mehr  dar- 
iiber  nach,  und  brachten  fast  noch  weniger  heraus. 

Zum  Gliick  hielt  gerade  damals  der  Oberbau-  und  Garten-  10 
direktor  um  seine  Entlassung  an,  um  nach  Wien  zu  gehen  und  da 
etwan  in  der  Akademie  der  bildenden  Kunste  »Lehrer  der  Orna- 
mente«  zu  werden.  Wie  wenig  er  aus  MiBvergniigen  iiber  seinen 
Dienst  weg  wollte,  das  suchte  er  dem  Fiirsten  dadurch  zu  zeigen, 
daB  er  um  eine  mundliche  Unterredung  ansuchte  und  ihm  darin 
nicht  nur  einen  neuen  RiB  zu  einem  prachtigen  Sommerkasten  - 
eben  zum  Waldkappel,  wohin  ich  gehe  — ,  sondern  auch  die  besten 
Ratschlage  gab,  die  Baukosten  zu  erschwingen.  Er  dachte  viel 
dabei ;  das  sieht  man,  weil  ihm  mein  GroBvater  statt  der  Dimis- 
sion  durchaus  nichts  gab  als  das  uneingeschrankte  Inspektorat  20 
iiber  die  Kasten-Baute. 

Was  er  vorschlug  und  durchtrieb,  war  zusammengesetzt:  »Man 
sollte  auf  dem  nachsten  Landtage  den  Syndikussen  sagen,  eine 
neue  Steuer  legten  diesesmal  Ihro  Durchlaucht,  obwohlen  Sie 
konnten,  gar  nicht  auf,  sondern  auf  einen  SteuernachlaB  war's 
alles  abgesehen.  Se.  Durchlaucht  miiBten  bekanntlich  nach  dem 
Reichsmatrikularanschlag  dem  Reiche  Vieh  und  Menschen  stel- 
len:  das  konnten  Sie  nun  dem  Lande  wieder  abfodern;  aber  Sie 
mochten  nicht  -  bloB  als  einen  seinsollenden  Ersatz  bedingten 
Sie  sich  fur  jede  25  fl.  rhnl.,  die  einer  habe,  einen  elenden  Ntirn-  50 
berger  Bleisoldaten  zu  Pferde  (oder  das  Geld  dafiir),  welches 
bleierne  Kontingent  noch  dazu  bloB  zu  einer  groBen  Jungfer 
Europa  vergossen  werden  sollte.  -  Sie  wiiBten  recht  gut,  daB  ein 
Untertan  als  ein  zweiter  Milo  leicht  das  wachsende  Kalb  der  Ab- 
gaben  und  Lasten  trage  und  daB  mit  dem  Kalbe  das  Tragver- 
mogen  wachse,  und  daB  das  zum  Ochsen  ausgestreckte  Tier  so 


ERSTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  277 

leicht  wie  ein  Taufpate  in  den  zahen  Armen  herunterhange.  In- 
zwischen  hofften  Sie,  bisher  die  Tragemuskeln,  wenn  nicht  ge- 
starkt,  doch  auch  nicht  sehr  geschwacht  zu  haben;  und  Sie  hielten 
es  fiir  moralisch-,  wenn  auch  nicht  fur  politisch-gut,  in  den  nach- 
sten  25  Schaltjahren1  nicht  einen  Heller  Steuer  anzunehmen.  Sie 
hatten  sich  vielraehr  entschlossen,  aufier  dem  Gelde  auch  das  Blut 
der  Landeskinder  zu  besparen  und  zu  bewachen;  und  daher  wollten 
Sie,  da  den  Badern  mehr  Blut  und  Leben  aufgeopfert  wiirde  als 
dem  Fiirsten,  eine  Kopf-  oder  FuBsteuer,  die  als  Strafe  abhalten 

10  sollte,  auf  jede  AderlaB  und  auf  jedes  Schropfen  ausschreiben.« 
Es  ging  gut.  Da  man  aber  nicht  wissen  konnte,  ob  nicht  ein 
Steuer-Defraudant  heimlich  Blut  lasse:  so  muBte  jeder  in  Pausch 
und  Bogen  die  Blut-Gebiihren  entrichten,  und  Reiche,  bei  denen 
Plethora  und  Blutlassen  zu  prasumieren  waren,  muBten  sie  jeden 
Quatember  abfiihren,  wie  die  Kloster  viermal  jahrlich  zur  Ader 
lassen  -  und  so  war  die  Krone  sozusagen  selber  der  transzendente 
Schropfkopf,  wie  der  Zepter  der  Schnepper.  Dieser  Blutzehent  lief 
unter  dem  Namen  der  Jungfern-Schropf-  und  Europas-Steuer  ein. 
Beilaufig!  Sonst  wurde  der  Mortel  zum  Staatsgebaude,  wie 

20  anderer,  mit  der  Wolle  oder  den  Haaren  und  dem  Blute  des 
Untertans  zugleich  festgeknetet;  jetzt  aber  wird  mit  dem  Blute 
dieses  Tiers  bloB  im  Kriege  der  Zucker  des  Friedens  rafflniert. 
So  wenig  hat  eine  freie  Regierungsform,  wo  nur  die  Gelder  der 
Landessassen  zu  nehmen  stehen,  mit  einer  despotischen  gemein, 
wo  man  auch  das  Leben  anpackt;  auf  gleiche  Weise  wurde  dem 
Teufel  (besonders  anfangs)  nur  vergonnt,  Hiobs  Effekten  und 
Immobiliarvermogen  anzutasten,  nicht  aber  sein  Leben,  was  viel 
spater  geschah. 

Aus  der  Blei-Soldateska  und  aus  der  Blut-Akzise  wurde  nun 

30  eine  kolossalische  Jungfer  Europa  gegossen,  die  drei  Ruten  lang 
ist  und  also  5  rheinlandische  Zolle  mehr  halt  als  der  hessische 
Herkules.  Ich  werde  ubermorgen  erstaunen,  wenn  ich  sie  ansehe. 

1  Diese  alle  vier  Jahre  gefallige  Steuerfreiheit  fallt  Sr.  jetzt  regierenden 
Durchlaucht  am  meisten  zur  Last;  daher  kommt  auch  mein  Herr  Vater  nie- 
mals  nach  Waldkappel  und  hat  im  Sinne,  es  gar  an  einen  apanagierten  Prin- 
zen  zu  verschenken. 


278  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

Im  Kopfe  des  rhodischen  Kolossus  soil  man  (les*  ich)  wie  in  Her- 
schels  Teleskop  ein  musizierendes  Orchester  eingestellt  haben; 
aber  unter  dem  Kranium  der  MiB  Europa  soil  (hor'  ich)  ein  gan- 
zes  besetztes  Inquisitions-Gericht  mit  seinen  Sessionstafeln  Platz 
genug  vor  sich  haben.  Das  ist  keine  Unmoglichkek;  -  aber  noch 
gemachlicher  muB  im  Kopfe  ein  kleines  Schreibepult  und  ein 
Sessel  aufzustejlen  sein.  Wenns  also  bei  jetziger  Jahrszeit  in  der 
Blei-Riesin  nicht  zu  kalt  ist:  so  wird  iibermorgen  der  erste  Aus- 
flug,  den  ich  in  Waldkappel  tue,  der  in  Europas  Kopf  sein  (es 
geht  innen  eine  Treppe  bis  an  den  Hals);  und  ich  gedenke,  unter  10 
ihrer  Hirnschale  meinen  Schreibetisch  wie  ein  Nahkissen  einzu- 
schrauben  und  daselbst  -  indem  ich  zugleich  aus  ihren  Augen- 
hohlen  die  herrlichste  Aussicht  von  der  Welt  genieBe  -  den  grofi- 
ten  Teil  der  gegenwartigen  Belustigungen  und  Memoires  unge- 

mein  heiter  abzufassen 

Ich  habe  mich  und  den  Leser  schlafrig  geschrieben.  -  Morgen 
mehr!  —  Ich  wollt',  ich  war*  in  Europa!  — 


Den  30.  April. 
Mit  Vergnugen  horch*  ich  oft,  wenn  gefuttert  wird,  den  mei- 
nen Wagen  umkreisenden  Satelliten  zu,  die  meine  Feder  auf  dem  20 
Papiere  scharren  horen  und  die  doch  vom  Kopfe  dazu  nichts  an-  . 
sichtig  werden  konnen  als  den  oben  aufgepackten  Hut  seines 
Huts.  Es  ist  ein  neues  Lustgefuhl,  so  mitten  im  Gewimmel,  durch 
den  Gyges-Ring  der  Wagenkartause  vergittert  und  unsichtbar, 
festzusitzen. 

Als  kleiner  Junge  wurd*  ich  oft  von  einem  SchloBdrescher  mit 
zugedriickten  Augen  durch  alle  Winkel  getragen,  und  ich  be- 
lustigte  mich,  fest  an  ihn  geschlungen,  an  meiner  eignen  Angst 
iiber  den  verhullten  Weg,  den  ich  zu  vergessen  und  nicht  zu 
erraten  suchte :  -  wenn  er  endlich  hart  an  einer  Mauer  stockte  und  30 
ich  aufsah  und  umher  und  ich  konnte  aus  dem  metamorphoti- 
schen  Flachen-Chaos  nicht  sogleich  ein  bekanntes  Zimmer  zu- 
sammenschieben  —  wie  suB  losete  sich  da  meine  freiwillige  Be- 
klemmung  auf! 


ERSTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  279 

Die  Kutsche  ist  dieser  SchloBdrescher:  denn  die  Kinder  ma- 
chen  uberhaupt  den  Erwachsenen  nicht  mehr  nach  als  diese  jenen, 
und  unser  Kothurn  ist  oft  aus  lauter  ausgezognen  Kinderschuhen 
genaht.  Ich  kann  nicht  dreimal  eintunken,  ohne  mich  zu  fragen : 
wobei  wird  es  wohl  jetzt  vorubergehen?  Manchmal  hor*  ich,  daB 
ich  vor  der  Ecke  einer  orgelnden  Kirche  -  vor  den  offnen  Fen- 
stern  einer  schreienden  Knabenschule  -  durch  Schafherden  - 
durch  Wochenmarkte  -  vor  Walkmuhlen  voruberkomme.  Jetzt 
um  8  Uhr  (sagt*  ich  heute)  muB  die  Deichsel  gerade  in  ein  Land- 

10  chen  beugen,  wo  es  noch  mehr  Landschaftsmaler  geben  sollte  als 
Landleute.  Es  wird  da  fiir  alle  schone  Kiinstler,  die  in  Griechen- 
land  bloB  durch  das  Studium  des  lebendigen  Nackten  so  hoch 
emporfiogen,  gewiB  dadurch  nicht  am  schlechtesten  gesorgt,  daB 
der  Staat  sie  iiberall,  wo  sie  nur  einen  Bossierstuhl  oder  ein 
Malergestelle  setzen  konnen,  mit  lauter  Bauern  umringt,  die  - 
well  sie  nichts  haben  -  so  nackt  sind,  als  rangen  sie  miteinander 
fur  Lorbeern  in  athenischen  Gymnasien. 

Ich  wuBt'  es  gestern  nachts  aus  der  bloBen  StraBenbeleuch- 
tung,  die  gerade  vor  den  engen,  flnstern,  fiir  Beutel-  und  Kopf- 

20  abschneider  zugeschnittnen  Sackgassen  abbrach,  wo  ich  ware, 
namlich  in  einer  Residenzstadt,  wo  gerade  die  Armen  das  wenig- 
ste  Licht  haben  so  lien  und  das  meiste  der  Hof. 

Wenn  ich  jetzt  meinen  Kutscher  fragen  und  ihn  mit  der  Lenk- 
schnur  an  den  Kasten  ziehen  wollte:  so  wiird*  ichs  horen,  daB  wir 
neben  einem  fiirstlichen  Lustgeholz  -  denn  ich  kenne  das  Schaf- 
Glockengeldute  der  japanesischen  Tempel  -  fahren,  wo  der  Mini- 
ster an  einer  ahnlichen  Lenkschnur  den  seinigen  auf  dem  Throne 
zerrt,  weil  der  Mann  sich  in  diesen  republikanischen  Passatwin- 
den  den  ganzen  Tag  angstigt,  jede  KannengieBerei  werde  eine 

30  Stiick-  und  SturmglockengieBerei  und  man  laute  ihn  mit  der  neu 
gegoBnen  Sturmglocke  aus  dem  Lande,  die  doch  (wie  die  Glocke 
im  Franekerischen  Wappen)  gegenwartig  keinen  Kloppel  hat.  - 
Aus  welchen  Spinnenfaden  ist  oft  das  Band  der  Liebe  gewebt ! 
Ich  sah,  wie  oft  ein  Mann  mehr  Interesse  an  einem  andern  nahm, 
bloB  weil  dieser  den  NamCn  seines  Hundes  gelobt  —  oder  weil  sie 
einerlei  Leibgerichte  oder  Leibgetranke  hatten  -  oder  einerlei 


28O  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

Schneider  —  kurz  die  kleinen  Ahnlichkeiten  des  Zufalls,  des 
Schicksals,  des  Korpers  fHcken  die  in  ihren  Nahrahmen  gespann- 
ten  Menschen  oft  fester  zusammen  als  die  grofien  des  Charakters. 
Und  so  bin  ich  selber:  ich  wurde  ordentlich  die  Leute  mit  mehr 
Interesse  sprechen  -  und  diese  werden  mich  ihrerseits  mit  gro- 
Cerem  lesen  — ,  vor  denen  ich  in  der  ledernen  Nische  hermetisch 
versiegelt  voriiberzog;  -  und  wers  unter  meinen  Lesern  machen 
kann,  der  sollt'  es  ausrechnen,  ob  ihm  vom  28sten  April  bis  zum 
isten  Mai  1795  kein  fest  zugemachter  Barenkasten  mit  einem  klei- 
nen Gewitterableiter  aufstieB:  der  Kasten  enthielt  eben  den  Ver-  10 
fasser  dieser  Belustigungen;  und  unter  jenen  Lesern  und  Zu- 
schauern  miissen  (ich  wollte  drauf  schworen)  Leute  von  jedem 
Geschlechte  gewesen  sein  -  und  Reise-  und  Staatsdiener  -  Pri- 
maner  und  Buchhandler,  die  alle  Leipzig  beziehen,  um  Kennt- 
nisse  mitzubringen  und  wegzubringen  —  Rechtsfreunde,  die  mit 
ihrer  Dia^ten-Reiterzehrung  zu  einem  fremden  Gerichtsstand  rei- 
ten,  um  nachzusehen,  ob  der  venerierliche  Gerichtsstand  die  Fa- 
kultats-Siegel  des  zuriickkommenden  Urtels  so  unzerbrochen  ge- 
lassen,  als  der  Reiter  prasumieren  muB  -  rote  Madchen  auf  dem 
Felde  mit  einem  roten  schafwollenen  Strick-GIobus,  und  blekhe  20 
am  Fenster  mit  einem  weiBen  baumwollenen  -  einige,  die  mich 
rezensieren  miissen  und  die  den  Geschlechtsnamen  eines  Autors 
ausplaudern  und  ihren  eignen  verkappen  -  Reichskammerge- 
richts-  und  Eilboten  -  verakzisete  k.  Kammerknechte  —  Land- 
und  andere  Stande  -  Mendikanten  -  Obristkuchen-  und  Hammer- 
meister  -  Pupillenrate  -  Nicolai  -  mein  eigner  Verleger  -  du !  - 
der  Minister  von  Hardenberg  (wenn  er  anders  schon  aus  Basel 
ist)  und 

-  Beim  Himmel!  alle  Menschen!  -  Wie  einfaltig  ists  auf  der 
einen  Seite,  alle  die  nennen  zu  wollen,  vor  denen  mein  zugeknopf-  30 
tes  Geschirre  kann  vorbeigegangen  sein,  da  ich  ja  die  Namen  des 
ganzenAdreBkalenders  und  allerKirchenbucher  hersetzenkonnte 
-  und  wie  schwer  auf  der  andern,  gerade  wenn  1000  Millionen 
Menschen  sich  vor  der  Feder  hinauf-  und  hinunterstellen,  auf 
einige  das  Schnupftuch  zu  werfen. 

Gute  Nacht!  Morten  schlaF  ich  nicht  mehr  steilrecht. 


ERSTE  BIOGRAPHISCHE   BELUSTIGUNG  28l 

Den  1.  Mai. 
So  schrieb  ich  beim  Erwachen;  es  ist  aber  falsch,  und  der  30Ste 
April  dauert  noch:  ich  vermengte  -  wie  ein  Schwarmer  -  die 

■  Abendrote  mit  der  Morgenrote.  Nach  welchen  Gesetzen  ist  der 
Schlaf  ein  so  zweideutiger  Schrittzahler  unsers  schmalen  Lebens- 
weges  und  misset  die  Zeit  bald  mit  Wersten,  bald  mit  Meilen, 
bald  so  genauj  dafi  man  sein  eigner  Wecker  sein  und  aufwachen 
kann,  wenn  man  will?  -  Mit  einem  bangen  Gefiihle,  wie  man 
etwan  eine  aufwachende  Schein-Leiche  anfassen  wiirde,  warmet 

10  man  das  vorgebliche  kalte  Gestern  wieder  zum  Heute  auf... 
Herrliche  Abendrote!  Widerschein  einer  langen,  um  Eden  ge- 
zognen  Rosenhecke!  Die  vier  roten  Strahlen,  die  die  Sonne  an 
meine  Seek  wirft,  adeln  mehr  als  die  vier  roten  Linien  im  ara- 
gonischen  Wappen,  und  alle  nagenden  Vampyre  fallen  vor  ihrem 

Scheine  welk  vom  entkrafteten  Herzen  herunter Ich  habe 

mir  hundertmal  gedacht,  wenn  ich  ein  Engel  ware  und  Fliigel 
hatte  und  keine  spezifische  Schwere :  so  schwang*  ich  mich  gerade 
so  weit  auf,  dafi  ich  die  Abendsonne  am  Erdenrande  glimmen 
sahe,  und  erhielte  mich,  indem  ich  mit  der  Erde  floge  und  zu- 

20  gleich  ihrer  Achsebewegung  entgegenfuhre,  immer  in  einer  sol- 
chen  Richtung,  dafi  ich  der  Abendsonne  ein  ganzes  Jahr  lang  ins 

milde  weite  Auge  blicken  konnte Aber  am  Ende  sank'  ich 

glanz-trunken,  wie  eine  mit  Honig  uberfiillte  Biene,  siiB-betaubt 
aufs  Gras  herab! 

Den  1.  Mai. 
Nachmittags  um  i  Uhr*  Eine  Sache  oft  denken,  heifit,  sie  auf  den 
Objektentrager  des  geistigen  VergroBerungsglases  bringen,  unter 
welchem  sie  Farben  und  Erhabenheiten  -  beide  gehen  unter  dem 
physischen  verloren  -  gewinnt.  Ein  kleiner  Tag,  ein  geringfiigiges 
30  Ziel,  worauf  man  vier  Tage  Vorbereitungen  und  vier  Umwege 
durch  ebenso  viele  Vorsale  macht,  wird  zuletzt  mit  fieberhafter 
Erwartung  ergrifFen.  Aber  da  bei  mir  noch  dazu  von  keiner 
Kleinigkeit  die  Rede  ist  -  denn  vor  der  erhabnen  Rotunda  des 
Fruhlings  darf  man  schon  mit  einigen  siiBen  Fiebern  auszusteigen 
denken  -,  und  da  ich  wirklich  um  6  Uhr  abends  aussteige :  so 


282  BIOGRAPHISCHE   BELUSTIGUNGEN 

waren  solche  labende  Wallungen  nicht  im  geringsten  unrecht;  - 
aber  ich  habe  keine  einzige.  - 

Von  einem  kleinen  Umstande  kommt  es,  der  mich  in  den  Augen 
eines  versuchten  Gliedes  vom  Generalstab  lacherlich  machen 
kann.  Mein  Kutscher  sah  namlich  einen  abgezehrten  Bauer  nicht 
weit  von  uns  aus  einem  Wasserbeete  eine  Kanonenkugel  mit  der 
Pflugschar  ausackern;  und  sagte  mir  es  in  den  Wagen  mit  dem 
Zusatze,  daB  wir  eben  iiber  das  -  Schlachtfeld  fuhren,  wo  vor 
einiger  Zeit  Frankreicher  und  Aristokraten  ein  ebenso  blutiges 
als  unnutzes  TrefTen  geliefert  hatten.  Einem,  der  das  erstemal  10 
iiber  eine  solche  Brandstatte  und  Arafnens-Tenne  der  Mensch- 
heit  reitet  oder  fahrt,  greift  eine  solche  Nachbarschaft  nach  dem 
Atem,  er  mag  sich  immerhin  mehr  als  zehnmal  fragen,  ob  denn 
nicht  die  ganze  Erde  ein  ahnliches  Schlachtfeld  sei  und  jedesMeer 
eine  Greve-Platz.  Man  nimmt  keine  Vernunft  an:  so  weiB  man 
z.  B.  recht  gut,  daB  die  ganze  Erdkugel  mit  Begrabnen  gleichsam 
iiberbaut  ist  und  daB  jeder  Acker  ein  Iiegender  Gottesacker  ist, 
wie  jeder  Mensch  ein  stehender,  weil  unser  Fleisch  aus  Toten- 
staube  anflog ;  gleichwohl  fasset  uns  ein  Partikular-Kirchhof 
neben  einer  Kirche  noch  ebenso  an,  als  ware  jenes  alles  gar  nicht  20 
wahr. 

Ich  gab  also  meiner  Phantasie  lieber  den  Pinsel  und  Blut  dazu 
und  lieB  sie  eintauchen  und  malen.  Aber  als  sie  mir  die  von  Wun- 
den  aufrauchende  Ebne  vorhielt  und  den  ruhenden  Gottesacker 
aufdeckte  und  lebendig  machte,  wo  ein  Schmerz  neben  dem  an- 
dern  liegt:  so  schlug  der  stechende  Gedanke  wie  eine  durchwan- 
derte  Dornenhecke  am  tiefsten  in  die  zerritzte  Brust  zuriick,  daB 
es  einen  Jammer  gebe,  den  unser  Mitleiden  nicht  umreichen  kann, 
eine  unabsehliche  wimmernde  Wiiste,  vor  der  das  zergangne  Herz 
gerinnt  und  erstarrt,  weil  es  nicht  mehr  Gequdlte,  sondern  nur  30 
eine  weite  namenlose  Qual  evblickt;  denn  ich  konnte  mit  keinem 
Verwundeten  neben  mir  seufzen,  weil  tausend  andere,  den  Berg 
hinauf  und  die  langen  Graben  hinunter  wie  gefallne  Blatter  ge- 
worfne  ja  diesen  Seufzer  auch  begehrten.  O !  nur  vor  Dem,  der  die 
Zukunft  und  die  unendliche  Liebe  hat  und  den  unendlichen  Bal- 
sam, durfen  sich  alle  nasse  Augen  und  alle  roten  Wunden  der 


ERSTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  283 

Menschheit  auf  einmal  aufschlieBen;  -  aber  vor  dem  kleinen  zu- 
sammengezognen  Menschenherzen  nicht.  Als  ich  das  Schlacht- 
feld  aufriB  und  den  stillenden  Blutschwamm  des  Rasens  von  den 
Rissen  aller  Hiilflosen  und  Namenlosen  und  Schuldlosen  weg- 
hob;  als  ich  das  gebogne  Heer  noch  einmal  fallen  und  noch  ein- 
mal sterben  sah:  so  wunscht*  ich  mir  bloB  eine  eigne  Wunde,  um 
wenigstens  auf  diese  Art  mitzuleiden  mit  einer  niedergebrochnen 
Generation,  weil  das  enge  Auge  nicht  mehr  die  Menschen  bewei- 
nen  konnte,  sondern  die  Menschheit.  Diirftiger  Erdensohn!  dein 

10  Arm  kann  Tausende  auf  einmal  zerschlagen;  aber  kaum  zwei 
Verwundete  davon  kann  er  an  deine  Brust  Ziehen,  damit  sie  auf 
dem  warmenden  Herzen  ausbluten  und  zuheilen !  Mehr  Raum  fur 
mehrere  Zerschlagne  ist  auf  der  Menschenbrust  nicht;  und  darum 
ist  es  gut  fur  das  Leiden  und  fur  das  Mitleiden,  daB  der  Schopfer 
die  Unglticklichen  auseinanderriickte,  daB  er  jedes  Herz  nur  an 
die  Schmerzen  und  an  das  Sterben  seiner  eignen  Freunde  stellte. 
Aber  der  grausame  Mensch  wirft  tausend  zerstreute  Sterbende, 
deren  jeder  auf  der  weiten  Erde  ein  verwandtes  Auge  vol!  Trauer 
und  Liebe  und  sein  weiches  Sterbekissen  hatte,  auf  ein  einziges 

20  hartes  Schlachtfeld  zusammen  und  lasset  jeden  allein  vergehen 
auf  einem  kalten  Grabe  und  fern  von  dem  Auge,  das  ihn  beweint 
hatte.... 

Diese  Betrachtungen  wurden  von  einem  landlichen  Hochzeit- 
gefolge,  das  mit  heller  Musik  iiber  die  griinende  Walstatt  zog, 
nicht  unterbrochen,  nur  gemildert:  ach!  ich  wurde  nur  desto 
weicher  iiber  die  Nachbarschaft,  worin  die  funften  Akte  unsrer 
Lustspiele  so  hart  neben  und  nach  deri  funften  Akten  unsrer 
Trauerspiele  gegeben  werden.  Was  konnten  die  Fruhlingslufte, 
die  sich  flatternd  in  meinen  Wagen  einwiihlten  und  ihn  zugleich 

30  mit  gedampften  Freudentonen  und  mit  Apfel-Diiften  ausfullten, 
mir  auf  dem  traurigen  Platze,  iiber  dessen  Blumen  sie  gingen, 
anders  zuwehen  als  den  ernsten  Gedanken :  wie  nahe  liegt  in  un- 
serm  Leben  wie  auf  den  Alpen  unser  Sommer  neben  unserm  Win- 
ter, wie  klein  ist  der  Schritt  aus  unsern  Blumengarten  in  unsre 
Eisfelder!  -  Und  doch  wirft  sich  der  Mensch  in  der  Freude  vor, 
daB  er  sie  so  leicht  iiber  den  Kummer  vergesse  -  und  in  dem 


284  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

Kummer,  dafi  er  ihn  so  leicht  iiber  die  Freude  vergesse.  Aber  der 
Vorwurf  der  Tauschungen  ist  oft  nur  selber  eine  triibere. 

Um  4  Uhr  abends.  Obgleich  in  zwei  Stunden  der  Friihling  den 
Vorhang  seines  Operntheaters  vor  mir  aufzieht:  so  will  doch  der 
beklommne  Herzschlag,  den  .mir  die  Ruinen  meines  Weges  gaben 
und  den  die  sanften  Kirchengesange  in  alien  Dorfern  am  heutigen 
Aposteltage  nur  schwerer  machen,  in  kein  freudiges  Pochen  uber- 
gehen.  Auf  der  auBern  Welt  Hegt  allemal  der  Widerschein  unsrer 
innern,  wie  auf  dem  Meer  der  Widerschein  des  Himmels  Hegt, 
entweder  als  diisteres  Grau,  oder  als  helles  Griin.  Dieser  schone  10 
Abend  miiBte  einem  Hchtern  Tage  zugehoren  als  dem  heutigen, 
wenn  mich  das  Flustern  und  Duften  der  Saulenreihe  von  Obst- 
baumen  nicht  beklemmen  sollte,  die  sich  jetzt  iiber  meinenWa- 
gen  ihre  mit  Bliiten-Girlanden  umwundnen  Arme  rtichen  und 
die  auf  jedem  Arm  eine  neugeborne  Welt  voll  singender,  voll 
honigtrunkner  Kinder  tragen  und  sie  bebend  auf-  und  nieder- 

wiegen. Ja,  in  zwei  Stunden  springen  am  Friihling  alle  Tore 

seines  griechischen  Tempels  vor  mir  auf  -  und  seine  Mauern 
fallen  um  —  und  ich  schaue  hell  zwischen  seine  Waldung  von 
Saulen  hinein,  aus  denen  iiberall  Blikengehange  und  Laubwerk  20 
bricht  -  und  drange  die  Augen  durch  das  Gewimmel  von  Son- 
nenaltaren  und  Altarlichtern  und  Rauchwolken  und  Choren  hin- 
durch  —  und  dann  lass'  ich  sie  ruhen  an  den  aufstrebenden  Alpen- 
pfeilern,  die  das  blaue  Tempelgewolbe  tragen,  bis  sie  sich  erheben 
und  sich  oben  am  Portal  des  hereinbrennenden  Glanzes  gesattigt 
und  geblendet  schlieBen. 

Aber  heute  nicht!  -  Heute  ist  der  Spiegel  meiner  Seele  mit 
einem  Dunste  angelaufen,  den  ja  wohl  die  Blicke  auf  ein  Schlacht- 
feld  im  Auge  wie  in  der  Seele  zuriicklassen  durften.  Sondern  mor- 
gen,  wenn  der  Schlaf  diesen  Dunst  weggewischt  hat,  wird  die  30 
griinende  Natur  ihren  zitternden  Widerschein  in  meiner  hellern 
Seele  beschauen,  und  wenn  sie  ihr  Lacheln  und  ihre  Glieder  vor 
mir  regt,  so  wird  sich  mein  Herz  bewegen,  und  es  wird  allemal 

zittern  und  lacheln  wie  sie. Nein,  heute  will  ich  nichts  sehen ! 

Ach!  mein  Herz  schwillt  auch  ohne  das  von  Minute  zu  Minute 
mebr  von  den  Bienenstichen  auf,  die  ihm  der  Gedanke  gibt,  wes- 


ERSTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  285 

wegen  und  wohin  ich  komme  -  welche  Geschichte  ich  hier  im 
singenden  Lustlager  des  Friihlings  niederschreiben  muB  —  und 
welche  himmlische  unvergangliche  Gestalten  das  wunde  Auge 
meiner  Phantasie  unter  dem  Abzeichnen  anzublicken  hat,  vor 
denen  es  sich  wohl  hundertmal  voll  und  dunkel  wird  abkehren 
miissen,  ohne  die  Ziige  gesehen  zu  haben,  die  ich  malen  will.  — 
O !  wie  konnt*  ich  heute  abends  frdhlich  sein  und  den  Friihling 
ansehen?  - 

Abends  um  5X\%  Uhr.  Das  Schicksal  zieht  unser  diinnes  Gewebe 
10  als  einen  einzigen  Faden  in  seines  und  kettet  unsre  kleinen  Her- 
zen  und  unsre  nassen  Augen  als  bloBe  Farbenpunkte  in  die  gro- 
Ben  Figuren  des  Vorhangs,  der  nicht  vor  uns  herniederhangt, 
sondern  der  aus  uns  gemacht  ist.  Jetzt  spielt  es  neben  mir  und  mit 
mir  und  will  es,  daB  ich  weifi,  es  spiele.  Warum  soil  es  ihm  wichti- 
ger  sein,  die  Facetten  eines  Kaferauges  zu  schleifen  und  die  Flug- 
haut  eines  Schmetterlings  zu  befiedern,  als  den  Gedanken  eines 
Menschen  zu  wenden  und  zu  kolorieren?  —  Schmelzende  Korper 
zerflieBen,  wenn  man  sie  erschuttert  —  und  mich  erschiittert  die 
unbekannte  Hand  in  dieser  weichen  Stunde  mit  zwei  widerspre- 
20  chenden  Tonen,  gleichsam  mit  dem  Zusammenlauten  der  Sturm- 
und  Harmonikaglocken  auf  einmal. 

Ich  hore  namlich  eine  Singstimme  und  eine  Sterbeglocke  — 

Jetzt  schwankt  mein  Wagen,  sich  zuriicklehnend  und  wiegend, 
zwischen  den  Koloraturen  der  Abendstimmen  den  Berg  hinauf, 
wo  ich  wohnen  will  -  der  Tag  stirbt  sanft  im  Bliitennebel  an  sei- 
nem  Schwanengesang  -  die  Alleen  und  die  Garten  reden  wie  ge- 
riihrte  Menschen  nur  leise,  und  um  die  Blatter  fliegen  die  Luft- 
chen  und  um  c(ie  Bliiten  die  Bienen  mit  zartlichem  Gelispel  -  nur 
die  Lerchen  steigen  wie  der  Mensch  schmetternd  in  die  Hohe,  um 
30  dann  wie  er  schweigend  in  die  Furche  zuriickzufallen,  anstatt  daB 
die  groBe  Seele  lind  das  Meer  sich  ungehort  und  ungesehn  in  den 
Himmel  erheben  und  rauschend  und  erhaben  und  befruchtend,  in 
Wasserfallen  und  Gewittergiissen/in  die  Taler  niederstiirzen.  — 

Ein  unaussprechlich-siiBer  Ton  steigt  aus  einer  weiblichen 
Brust  wie  eine  zitternde  Lerche  auf,  in  einem  Landhause  am  Ab- 
hange  der  BergstraBe.  Sie  tont,  als  wenn  der  Friihling  singend  aus 


286  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

dem  Himmel  floge  und  in  einem  entzlickten  Tone  aushaltend  mit 
aufgeschlagnen  Fliigeln  so  lange  iiber  der  Erde  hinge,  bis  Blunien 

zu  seinem  wallenden  Lager  unter  ihm  aufgesproBt  waren. 

Aber  deine  Zunge,  grausame  Tonkunst,  zieht  sich,  wie  die  Lo- 
wenzunge,  so  lange  kitzelnd  und  warmend  auf  dem  nackten  Her- 
zen  hin  und  her,  bis  alle  seine  Adern  bluten. 

Und  hart  greift  in  diese  Singstimme  das  Gelaute  ein,  das  aus 
einem  Kloster  hinter  Neuengleichen  dringt.  Es  ist  das  sogenannte 
Zugenglockchen,  das  die  Monche  immer  ziehen,  wenn  ein  Mensch 
im  Sterben  ist,  damit  eine  sympathetische  Seele  fur  den  Liegenden  10 
bete,  um  den  der  letzte  Engel  eine  Nacht  gezogen,  um  ihm  darin 
das  Herz  abzulosen,  wie  man  uns  beim  Ablosen  der  Glieder  die 
Augen  zubindet.  -  Wenns  auf  mich  ankame,  scheidender  Unbe-  ' 
kannter,  ich  wiirde  dieTotenglocke  halten  und  sprachlos  machen, 
damit  jetzt  in  deinen  verfinsterten  Totenkampfplatz  kein  Nach- 
hall  der  entfallnen  Erde  hineintonte,  der  dir  (weil  das  Ohr  alle 
Sinne  iiberlebt)  so  grausam  die  Minute  ansagt,  wo  du  fur  uns 
verloren  bist,  wie  sich  aufsteigende  Luftschiffer  durch  einen  Ka- 
nonenschuB  den  Augenblick  melden  lassen,  wo  sie  vor  den  Zu- 
schauern  verschwinden.  —  Aber  ich  tat'  es  heute  auch  um  meinet-  20 
willen,  weil  die  ^wei  Tone  wie  die  Parzenschere  auseinandergehn 
und  dann  zusammenfallen  und  dann  tief  im  wunden  Herzen  auf- 
einanderschneiden  — 

Ach,  fiihret  keinen  Menschen,  dessen  Wunden  nicht  alle  recht 
fest  verbunden  sind,  in  den  Tempel  des  Friihlings!  Die  stiBen 
Wallungen  driicken  sonst  das  Blut  durch  seinen  Verband.  -  Aber 
wie  Arzte  die  Verbluteten  in  eine  horiiohtale  Lage  bringen  lassen : 
so  legt  ja  der  Schlaf  (oder  der  Tod)  jeden  Verbluteten  in  die  waag- 
rechte  Lage,  die  alles  stillt  — 

-  Ich  komme  jetzt  an  -  aber  ich  trage  mit  geschloBnen  Augen  30 
eine  Brust,  die  jetzt  zu  sehr  zittert  und  schlagt,  bloB  unter  den 

warmen  dunkeln  Fliigel  des  Schlafs und  kniee  erst  morgen 

vor  dem  Friihling  nieder 

Nachts  um  12  Uhr.  Ach!  ich  konnt'  es  nicht  -  ich  nab'  alles 
gesehen,  und  nicht  langst  ist  die  nachgluhende  und  iiberwolkte 
Seele  gleich  der  Nacht  wieder  heiter  und  kiihl.  Was  ich  jetzt  male, 


ERSTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  287 

ist  das  Bild  eines  kranklichen  fieberhaften  Herzens;  aber  der  Ge- 
sunde  hore  vergebend  die  schmerzlichen  Fiebertraume  seines  lie- 
genden  durstenden  Freundes  an  und  sage  sich  immer:  »Der 
Kranke  wird  sich  auch  wieder  aufrichten,  und  du  wirst  dich  auch 
niederlegen,  und  dann  wird  er  ebenso  nachsichtig  an  deinem 
Bette  stehen.«  - 

Als  der  Wagen  oben  auf  der  breiten  abgeriindeten  Platteforme 
des  Berges,  die  lauter  bliihende  konzentrische  Zirkel  von  Lust- 
hecken  und  Lusthainen  bedeckten,  stille  stand  und  seine  Tiire  wie 
10  eine  Jubelpforte  des  Friihlings  aufging:  so  glitt  mein  Auge  un- 
willktirlich  auf  etwas  nahes  Glanzendes  hinaus:  es  war  ein  um 
den  Berg  laufender  Zauberkreis  von  Buschwerk  aus  der  weiBen 
Nessel  (urtica  nivea),  deren  Blatter  mit  ihrer  schwarz  angelaufnen 
obern  Seite  und  einer  blendend-weiB  geschminkten  untern  einen 
blutroten  Blattstiel  und  drei  rote  Adern  prachtig  grundieren.  Der 
Wind  wiihlte  dieses  Blut  und  diesen  Schnee  und  diesen  RuB  un- 
tereinander  und  griff  den  schwermutigen  Dreiklang  auf  diesem 
bewegteri  Farbenklavier.  Und  als  ich  in  dieses  blutige  Ineinander- 
flattern  sah,  zog  der  erste  gelbe  Schmetteriing  dieses  Jahrs  dar- 
20  iiber  hinweg  und  den  Berg  hinab ;  und  herauf  flogen  unbehiilflich 
drei  Pfauen  mit  ihren  niederhangenden  Farben-Schleppen  und 
schauten,  einsinkend,  sich  auf  der  Lusthecke  um  nach  den  nach- 
sten  Asten  des  Kastanien-Zirkus,  um  darauf  zu  iibernachten.  — 

Nun  ubermannte  der  Friihling  meine  Seele,  und  ich  vergaB 
alles  und  stiirzte  mich  hinein  ins  Meer  der  Natur.  - 

Ach!  ich  wurde  nicht  gliicklich 

Der  groBe  Friihling  hing  iiber  der  Welt  wie  ein  breites,  mit 
Licht  und  Glut  und  NaB  gefulltes  Gewitter  und  goB  seine  leuch- 
tenden  Lebenstropfen  in  einer  unubersehlichen  Katarakte  nieder 
30  -  und  aus  alien  Pulsadern  und  Saftrohren  sprang  der  GewitterguB 
wieder  in  Fontanen  auf  —  und  aus  dem  schwellenden  ausgebrei- 
teten  Lebensstrome  ragten  die  Menschen  nur  wie  Wasserpflanzen 
hervor  und  die  Erden  wie  Klippen  -  und  unter  dem  schopferi- 
schen  Brausen  gingen  die  kleinen  Stimmen  der  erquickten  Leben- 
digen  nur  wie  Gewittersturmer  und  Glockengelaute  umher — 

Aber  iiber  das  wie  eine  Konchylie  geschloBne  liegende  Herz 


288  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

zog  das  grol3e  Meer  vergeblich:  nur  der  aufgerichtete  SchifTer, 
nicht  der  hinabgezogne  Taucher  kann  den  Ozean  fassen.  In  sol- 
chen  Stunden  ist  der  Mensch  nur  fur  Menschen,  nicht  fur  Gotter 
gemacht,  und  die  von  einem  zu  schweren  Tropfen  gebiickte 
Sonnenblume  kann  der  Sonne  nicht  mehr  folgen. 

Ich  schamte  mich  der  Erweichung,  als  ich  vor  der  bluhenden 
Natur  stand,  die  vor  dem  brennenden  Abend  wie  vor  einem  roten 
spharischen  Spiegel  purpurrot  anlief  -  als  die  Berge  aufstanden 
und  die  blaue  Waldung  und  den  Friihling  mit  ewigem  Schnee 
durchschnitten,  wie  hohe  weiBe  Hagelwolken  das  Himmelsblau  —  10 
als  die  Sonne  schon  auf  dem  weiBen  Geburge  lag,  in  das  Gold- 
gefaB  der  letzten  Wolken  als  ein  vergangnes  Herz  der  Himmels- 
konigin  gelegt,  wie  oben  auf  Trajans  Saule  die  Asche  seiner  Hiille 
in  einer  goldnen  Urne  steht.  —  Aber  alle  Zweige  der  zu  weichen 
Sensitive  in  mir  fielen  unter  der  Bertihrung  der  schopferischen 
Hand  zuckend  zuriick  und  konnten  nichts  ertragen  als  eine  zweite 
Sensitive;  in  der  erhabnen  Einsamkeit  sagt  dann  der  verlaBne 
Mensch:  »Allgutiger,  erscheine  mir  heute  nicht  so  grofi,  erscheine 
mir  lieber  in  einem  geliebten  Bruderangesicht,  an  diesem  will  ich 
mich  verhullen  und  es  unaussprechlich  lieben.«  20 

Mich  driickte  eine  Stockung  der  Empfindung,  ein  banges  Zwie- 
licht  zwischen  heller  Freude  und  dunkler  Trauer,  wogegen  es  nur 
zwei  Mittel  gibt :  entweder  jene  oder  diese  zu  verdoppeln.  —  Ach ! 
das  letztere  war  leichter . . .  Wenn  dumpfe  namenlose  Schmerzen 
sich  ans  Herz  anlegen :  so  gib  ihnen  groBere  Stacheln,  damit  sie 
es  tiefer  ritzen;  und  das  wegflieBende  Blut  macht  den  Busen  leich- 
ter, so  wie  ein  kleiner  RiB  einer  Glocke  einen  dumpfen  Klang 
nachlaBt,  bis  ihr  ein  weiter  den  hellen  wieder  schafft. 

Ich  ging  zu  meinem  Wagen  und  opferte  den  Wein,  der  den 
Musen  zugehorte,  dem  Genius  der  Trauer.  Und  als  ich  trank  vor  30 
der  hinabgliihenden  Sonne  -  und  als  es  um  die  Brandstatte  der 
niedergebrannten  Sonne  weit  umher  rauchte  wie  Blut  -  als  die 
Rauchsaulen  des  Dorfs  unter  mir  den  Goldrand  des  Abends,  der 
an  der  grauen  Masse  glimmte,  ablegten  und  sie  wie  aufgerichtete 
Regenwolken  emporstanden  -  als  auf  den  Wassern  eine  diistre 
Leichendecke  iiber  die  hiipfenden  Brennpunkte  und  schillernden 


ERSTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  289 

Farbenpulver  gebreitet  war  -  und  als  alle  Schlosser  und  Walder 
und  Berge  solche  vom  Abendglanze  in  die  Luft  gezogne  Gebilde 
waren,  wie  sie  die  Feuerwerke  der  Menschen  schaffen:  so  stellte 
meine  tranentrunkne  Phantasie  auf  die  rote  Begrabnisstatte  der 
Sonne  alle  Gestalten  und  Zeiten,  die  mich  je  betrubt  oder  ver- 
lassen  hatten  —  ich  hob  alle  miirbe  Leichenschleier  auf,  die  in 
Sargen  lagen  -  ich  entfernte  den  erhabnen  Trost  der  Ergebung, 
bloB  um  mir  immerfort  zu  sagen :  »Ach !  so  war  es  ja  sonst  nicht  — 
tausend  Freuden  sind  auf  ewig  nachgeworfen  in  Griifte,  und  du 

10  stehst  allein  hier  und  iiberrechnest  sie.«  ... 

Jetzt  war  es  leichter,  traurig  zu  werden;  aber  ich  wollte  die 
ganze  diinne  Briicke,  die  die  Vergessenheit  iiber  den  Hollen- 
oder  FegfeuerfluB  des  Kummers  schlagt,  abbrechen.  -  Und  da 
ich  mir  ferner  vormalte,  wie  viel  mir  jeder  Fruhling  genommen 
und  wie  wenig  dieser  gebe  -  wie  langsam  unsre  Weisheit,  wie 
langsamer  unsre  Tugend  zunehme  und  wie  so  schnell  unser  Alter 
und  die  Scheiterhaufen  unserer  Freuden  und  Freunde  -  und  da 
ich  daran  dachte,  daB  im  Tode  nur  wenige  Schuhe  Erde,  aber  im 
Leben  die  ganze  Erde  mit  der  Schwere  ihrer  Foderungen  iiber 

20  unsre  schwache  Brust  gewalzt  sei,  wie  iiber  jenen  Riesen  der 
Atna:  so  fragte  mich  unaufhorlich  etwas  in  mir:  »Bist  du  denn 
noch  nicht  traurig  genug?  Siehe!  wie  bist  du  allein!  wie  siehest 
du  mit  so  nassen  Augen  in  den  aufbluhenden  Fruhling!  Und  bist 
du  nicht  tausendmal  so  mit  dieser  zusammengedriickten  schmach- 
tenden  Brust  vor  der  unermeBlichen  Fiille  des  Himmels  gestan- 
den?  O,  wie  bist  du  arm  und  allein!  -  Kannst  du  deine  Hand  aus- 
strecken  in  den  Nachthimmel  und  die  zu  dir  herunterziehen,  die 
hinubergeflogen  sind  ?  Kannst  du  die  vergessen,  die  dich  verges- 
sen  haben?  -  Diirftiger!  Diirftiger!  schlage  nicht  das  ganze  zer- 

30  riBne  Buch  der  Vergangenheit  auf  -  zahl  es  nicht  wieder,  wie 
manches  Gliick,  wie  manches  Jahr,  wie  mancher  Freund  darin 

durchstrichen  ist. Bist  du  noch  nicht  traurig  genug  ?« 

Ich  konnte  nicht  Nein  sagen;  und  als  ich  dachte:  »das  ist  der 
erste  Mai«,  so  war  es  genug-.... 

Aber  nach  einer  erschopften  verdunkelten  Stunde  sah  ich  gen 
Himmel,  und  der  Mond  schwamm  in  seiner  blauen  Mitte  -  ein 


29O  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

Nachtwind  wiihlte  sich  durch  den  ganzen  betauten  Friihling  und 
warf  einen  Wasserstrahl  von  der  Kaskade,  an  der  ich  lag,  erquik- 
kend  in  mein  brennendes  Angesicht.  -  Und  als  noch  dazu  drei 
Windmiihlen  anfingen  durch  die  Nacht  zu  schlagen  und  als  unten 
im  Groin  des  tiefen  Dorfes  aus  dem  Hause  eines  Topfers  eine  ge- 
bogne  Flamme  sich  zwischen  den  griinen  Gipfeln  auseinander- 
rollte  und  aufbaumte:  da  war  mir,  als  hobe  das  Wehen  den  be- 
ladnen  Busen  vom  Herzen  ab  und  in  der  aufgedeckten  abgekuhl- 
ten  Brusthohle  wieg*  es  sich  jetzt  ohne  Last  und  stet  und  in  einem 
kuhlern  Dunstkreis  als  in  der  Seufzer  ihrem.  —  Es  war  mir,  als  10 
wenn  die  gegen  Morgen  riickende  Abendrote  heller  bluhte,  weil 
ein  Engel  in  sie  geflogen  sei,  der  meiner  Seele  vorher  zugelispelt 
habe:  dasBuch  eurerVergangenheit,Menschen,istnureinTraum- 
buch,  das  das  Widerspiel  der  Zukunft  bedeutet.  -  Der  Abend- 
schmetterling  der  Zeit,  der  in  der  Dammerung  und  nahe  auf  den 
Grabern  mit  Totenkopfen  auf  den  Fliigeln  und  mit  angstlichen 
Lauten  im  Saugerussel  mich  umkreiset  hatte,  war,  je  weiter  er 
gen  Himmel  stieg,  unterweges  eine  unsterbliche  Psyche  mit  glan- 
zenden  Schwingen  geworden. 

Ich  stand  auf  und  ging  sanft  iiberweht  in  den  dammernden  20 
Lustgangen  —  und  die  Maikafer  rauschten  um  mich,  und  der 
Nachtschmetterling  deckte  seine  offnen  Flugel  auf  die  Schlehen- 
bliite,  und  die  fliissige  Schnecke  wallte  unzerritzt  die  Dornen 
hinauf.  -  Denn  die  Nachte  des  Fruhlings  gehen  iiber  die  Erde 
mcht  einsam  wie  die  unfruchtbaren  Wi^tertage,  sondern  wie 
gluckliche  Mutter,  und  tausend  spielende  Kinder  hiipfen  ihnen 
leise  nach.  -  Aber  ich  war  ein  Kind,  das  nicht  langst  geweint 
hatte.  —  Und  als  ich  das  alles  gedacht  hatte :  sah  ich,  gleichsam  um 
Verzeihung  flehend,  auf  die  Erde,  und  der  dunkle  blutige  Gurtel 
von  der  schneeweiBen  Nessel1  faBte  mich  und  seine  Garten  mit  30 
einem  bliihend-weiBen  Zauberkreis  und  Mondhof  ein.  - 

Ich  schauete  zum  hellen,  in  Abendrote  gefaBten  Nachtblau  hin- 
an,  und  mein  Blick  fiel  auf  die  Goldzinne  eines  unter  dem  Monde 
schillernden  Gewitterableiters.  •- 

1  Dieses  am  Tage  dunkelgrune  Gewachs  hebt  zu  nacht  die  Blatter  empor 
und  sieht  mit  den  aufgerichteten  untern  Blattseiten  ganz  weiB  aus. 


ZWEITE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUN'G  29I 

Ich  blickte  endlich  auf  zum  Sternenfeld,  und  die  ewig-bliihen- 
den  Lilienbeete  zitterten  droben  und  schlaferten  mit  sanften  Be- 
taubungen  unsre  brausende  Seek  ein,  wie  Kinder  durch  Lilien 
im  Schlafzimmer  einsehlummern 

Nun  lag  ich  ganz  in  den  Armen  des  Friihlings  und  spielte  mit 

den  groBen  Blumen  seiner  Brust. O !  du  Allgutiger,  ich  bin 

ja  noch  in  seinen  Armen  -  und  in  deinen! 


ZWEITE  BIOGRAPHISCHE  BeLUSTIGUNG 

Die  Jungfer  Europa  -  Baurede 

10  Es  gibt  in  keiner  Geschichte  zwei  so  wichtige  oder  sonderbare 

Echo  als  in  meiner 

Denn  beilaufig!  ich  hebe  die  Geschichte  schon  an.  Ich  wiirde 
freilich  jetzt  dem  Leser  die  waldkappelischen  Anlagen  und  die 
heilige  Jungfrau  Europa  und  selber  meinen  Warter  recht  ver- 
gnugt  und  gut  geschildert  haben,  wenn  er  nicht  so  hungrig  nach 
dem  Mannabrot  der  Geschichte  aufsahe,  das  im  heutigen  Kapitel 
fallen  muB,  weil  im  ersten  Sabbatskapitel  keines  kam;  ja  ich  ware 
noch  dazu  schon  diesen  Vormittag  -  eh'  noch  mein  Aufwarter 
mit  seiner  Egge  urn  seinen  Hafer  herum  ware  — .  damit  fertig  ge- 

20  worden  mit  der  Baute  des  Vorhofs  zu  meinem  historischen  Bil- 
dersaal,  wenn  sich,  wie  gesagt,  der  Leser  maBigen  konnte;  aber 
man  macht  ein  corpus  mysticum  wie  ihn  zu  leicht  wild.  Aller- 
dings  treibt  und  sticht  der  kleinste  Kornak  von  Autor  den  breiten 
Elefanten  von  Publikum,  wie  er  will;  hat  er  aber  dem  Elefanten 
einmal  einen  historischen  Branntwein  versprochen,  namlich  eine 
Historie :  so  wird  der  Kornak  ertreten,  wenn  er  nicht  einschenkt 

und  erzahlt  wie  folgt: 

Nur  die  zwei  Echo,  die  ich  in  die  erste  Zeile  setzte,  nehm'  ich 
wieder  zuriick,  da  sie  in  der  Partitur  dieser  Geschichte  noch  einige 

30  Bogen  und  Takte  pausieren.  — 

-  Auch  nehm'  ich  den  ganzen  Anfang  der  Belustigung  wieder 
zuriick,  da  ich  erst  recht  nachgesonnen  und  bedacht  habe,  daB  der 


292  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

Leser  weit  mehr  auf  den  Sommerkasten  und  auf  die  darein  ge- 
pflanzte  europaische  Jungfer  erpicht  sein  muB  -  weil  ich  schon 
so  viel  Redens  davon  machte  -  als  auf  die  ganze  plombierte 
Geschichte.  Ich  will  ihm  nichts  Unschuldiges  abschlagen. 
Haben  wir  aber  einmal  die  zweite  Belustigung  gliicklich  hin- 
ter  uns  gelassen:  so  ist  die  groBte  Wahrscheinlichkeit  vorhan- 
den,  daB  ich  -  und  also  er  mit  mir  -  schon  in  der  dritten  auf 
den  Anfang  der  Historie  treffen  werden;  -  ich  wenigstens 
werde  auf  viele  Stunden  lang  kein  Drehkreuz,  keinen  Holzweg 
oder  spanischen  Reiter  ansichtig,  der  mich  sekwarts  treiben  10 
konnte. 

Man  kopfe  eine  Alpe  und  baue  sie  voll :  so  hat  man  Waldkap- 
pel?  dem  der  Berggipfel  wie  einer  Weide  weggestutzt  ist.  Hier 
am  Orte,  wo  ich  dariiber  schreibe  -  er  wird  bald  mit  Namen 
vorkommen  -,  bin  ich  nicht  ernsthaft  genug,  um  dem  Leser  eine 
wiirdige  Ansicht  dieser  Aussicht  mitzuteilen,  um  es,  mein'  ich, 
ausfuhrlicher  zu  beschreiben,wie  sich  derweiteZirkus  der  Schop- 
fung  mit  den  an  den  Stadtmauern  der  Ebne  hinaufgezognen 
Spalierwanden,  namlich  mit  den  an  die  Berge  gesteckten  Wal- 
dern,  um  diesen  waldkappelischen  Fenstertritt  der  Erde  lagert  -  20 
wie  sich  um  das  von  einem  unermeBIichen  Zuggarn  gefaBte  Herz 
schon  verstrickt  tausend  Ketten  und  Seile  der  Liebe  legen,  die 
Blumenketten  aufgesproBter  Auen,  die  Perlenschniire  perlender 
Bache,  die  Frucht-  oder  vielmehr  Bliitenschnure  der  Obstalleen, 
die  schlaff  zwischen  den  zusammengekniipften  Dorfern  schwan- 
ken,  und  die  eiserne  Bergkette,  an  der  wie  an  einer  Jupiters-Kette 
alle  weichere  Bander  niederhangen.  - 

Ich  konnte  noch  stundenlang  beschreiben;  aber  ich  bezwinge 
mich  lieber. 

Dieser  Berg  ist  nun  der  niedlich-gearbeitete  Prasentier- Teller  30 
von  Diminutiv-Hauserchen  fur  meinen  GroBvater  und  seinen 
TroB  -  er  tragt  im  Grunde  eine  runde  Fuggerei  auseinanderge- 
saeter  kouleurter  Zimmer,  die  ohne  Dach  und  Fach  im  Freien 
stehen  und  zwischen  denen  die  Lusthecken  als  Korridore  laufen  - 
es  sind  Putz-  und  Glasschranke  fur  aufgespieBte  Hof-Papillons, 
unter  Laubwerk  gestellt  -  Bilderblinden  fiir  einen  Mann,  der  an- 


ZWEITE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  293 

betet,  oder  fiir  eine  Frau,  die  er  meint  -  gesprenkelte,  an  Zweige 
'geklebte  Schnecken-  und  Kartenhauser. 

Ich  kenne  nichts  Niedlichers,  und"  ich  schlafe  selber  in  einem  — 
in  einem  andern  aber  fruhstuck'  ich,  in  Nro.  10  -  in  Nro.  5  dinier* 
ich  -  und  in  Nr.  3  konnt'  ich  mich  pudern,  wenn  ich  wollte.  - 

Eine  ganze  Zelt-Gasse  solcher  Laubhutten  fiillet  jetzt  -  denn 
niemand  hat  die  Aufsicht  dariiber  als  der  Aufseher  -  dieser  selber 
als  SchloBkastellan  und  Nachtwachter  mit  seinem  schmutzigen 
Hausgerate  an.  Hat  er  nicht  sogar  sein  Heu  in  den  rechten  FuB 
10  der  Jungfer  Europa  und  sein  Grummet  in  ihre  linke  Panse  ein- 
gefahren?  Ich  mag  nur  dem  Kastellan  den  Text  nicht  lesen,  da 
mir  seine  Frau  und  Kinder,  solang'  ich  hiesiger  Bergbewohner 
bin,  aufwarten  und  zugleich  meine  Silberdiener  -  Laufer  -  Bei- 
koche  -  Hofkellerschreiber  -  Bettmeister  und  Zimmerfrotteurs 
sind;  aber  eine  Baurede  als  Hofprediger  oder  als  Zimmermeister 
indent*  ich  vom  Giebel  eines  neuen  Schlosses  an  den  gekronten 
Bauherrn  halten,  des  Inhalts :  ob  er  denn  dachte,  daB  er  mit  dem 
wenigen  Brot,  das  er  den  Arbeitern  gebe,  die  Fehler  seiner  Bau- 
risse  so  leicht  auswischen  konne,  als  man  mit  Brotrinden  Pastell- 
20  gemalde  korrigiert  -  ob  er  nicht  seine  furstlichen  Storchsnester, 
die  den  Dachstuhl  des  Staats  eindriicken,  offenbar  in  waagrechte, 
dem  Ackerbau  abgehobne  Pflugrader  mache  -  ob  er  nicht  wie 
Timur  in  gewissem  Sinne  seine  Gebaude  aus  Menschenknochen 
und  Schadeln  auffiihre  etc.  - 

Auf  der  andern  Seite  kann  einer,  der  billig  und  witzig  sein  will 
und  der  unten  steht,  dem  Zimmermeister  wieder  so  viel  hinauf- 
antworten  : 

»Im  Staate  miissen  Palaste  friiher  als  Hiitten  und  uberhaupt 
wie  in  jedem  Bienenstocke  die  obern  Zellen  zuerst  gezimmert 
30  werden,  wie  amLeibe  derKopf  skh  friiher  ausbaue  alsderRumpf. 
Auch  baue  man,  wie  Fried  rich  II. ,  der  ganze  Dorfer  schuf,  von 
Zeit  zu  Zeit  einige  morsche  Bauernhtitten  auf-  in  den  englischen 
Garten,  um  zu  zeigen,  wie  wenig  man  sich  ihrer  schame;  und  am 
Ende  reichten  schon  die  artistischen  Dorfschaften,  die  man  zu 
Ofenaufsatzen  oder  zu  englischen  Partien  brauche,  uberhaupt 
statt  aller  wirklichen  hin,  und  man  konnte  die  wahren  auf  dem 


294  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

Lande  leicht  wie  auf  den  homannischen  Karten  durch  eine  Nulle 
andeuten,  da  ohnehin  die  Felder  den  englischen  Garten  das  beste 
und  meiste  Erdreich  entzogen.  Mit  dem  Prunke  der  Palaste  -  der 
aber  so  geschontwerden  sollte,daB  man  fur  solcheHauserordent- 
liche  Oberhauser,  wie  fur  das  Loretto-Hauschen,  nach  Art  der 
englischen  tragbaren  Hospitaler  aus  Eisen,  besorgen  sollte,  wie 
man  ja  auch  die  Stiihle  darin  immer  in  papierne  Uberhosen  stecke 
—  mit  diesem  Prunke  sei  ein  Fiirst  oft  deswegen  so  verschwen- 
derisch,  damit  der  Kastellan  und  sein  kleines  Schloflgesinde,  die 
es  immer  nach  einigen  Jahren  beziehen,  desto  mehr  GelaB  und  10 
Freude  haben.  So  ungeheuer  groB  und  mit  so  vielen  Gemachern, 
als  Silberschlag  die  erste  Arche  fur  alle,  sogar  unentdeckte  Tiere 
machte,  lege  man  eine  furstliche  darum  an,  damit  sie  wie  furst- 
liche  Kommoden  leer  bleiben  konne,  welches  im  einfachen  Ge- 
schmacke  andrer  Tempel,  der  ersten  griechischen  und  agypti- 
schen,  sei,  in  denen  nicht  einmal  ein  SchattenriB  eines  Gottes 
stand.  Auch  konnten  die  GroBen,  die  der  Wurmstock  von  Gril- 
len,  Langweile  und  Ekel  annage,  dem  Labyrinthe  ihres  Innern 
nur  in  ein  auBeres  voll  Zimmer  entwischen,  und  ein  Generalfeld- 
marschall  brauche  daher  oft  so  viel  Platz  wie  seine  Armee;  so  20 
mache,  wie  die  Verwalter  wohl  wissen,  eine  Metze  Korn,  sobald 
der  Wurm  hineingekommen,  ein  ganzes  Achtel  voll.  Nicht  zu  ge- 
denken,  daB  man  die  Abzugsgraben  so  vieler  moralischer  Un- 
reinigkeiten  und  zugleich  der  drTentlichen  Einkiinfte  von  auBen 
ebensogut  zierlich  iiberbauen  und  verdecken  miisse,  als  man  in 
Garten  bald  unter  einem  Holz-Obeliskus,  bald  unter  einem  ge- 
fallten  HolzstoB,  bald  unter  einer  schonen  Nische  den  Abtritt 

verberge.« 

Lasset  uns  zur  Jungfer  Europa  kommen.  Sie  steht,  von  kon- 
zentrischen  bliihenden  Ringen  und  Irrgangen  umzogen,  mitten  30 
auf  dem  Berge  und  ist  so  entsetzlich  hoch,  daB  sie  eine  Pots- 
damerin  etwan  als  eine  goldne  Hemdnadel  an  sich  steckenkonnte. 
Ware  die  Felsen-Paste  der  Semiramis,  d.  h.  ihr  steinerner  Nach- 
stich,  zustande  gekommen:  so  weiB  ich,  der  Stich  hatte  nicht  an 
die  Jungfer  gereicht.  Statt  des  Ruckenmarkes  und  statt  der  gan- 
zen  Osteologie  ist  die  Riesin,  wie  alle  Blei-Gebilde,  mit  guten 


ZWEITE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  295 

Eisenstangen  oder  Kanoneneisen- Barren  durchstoBen.  Diese  sind 
zugleich  die  Wetter  stangen,  die  eine  so  hohe  Person  keinen  Nach- 
mittag  entraten  kann.  Da  nun  aber  Eisen  und  Blei  den  Fehler 
haben,  daB  sie  sich  zu  Rost  verkalken,  mit  dem  sich  gerade  ein 
Gewitterableiter  am  wenigsten  anfangen  darf ;  und  da  zweitens 
der  Kopf  der  Jungfer  von  Natur  nichts  ist  als  ein  plumper  Wil- 
sonscher  Knopf,  auf  den  ein  ganzes  Gewitter  mit  elnem  Schlage 
niederfahren  wiirde,  wenn  man  nichts  dagegen  versuchte :  so  ver- 
suchte  man  -  und  mit  ungemeinem  Gliick  -  beiden  Obeln  mit 

10  den  Franklinischen  Spit%en,  denen  man  mit  alien  Physikussen  den 
Vorzug  lieB,  namlich  mit  72  goldnen  Zacken  in  der  Lange  der 
Bajonette  entgegenzuarbeiten.  Es  muBte  gehen,  da  Gold,  die  ge- 
wohnliche  Krone  der  Gewitterstangen,  nicht  rostet.  Es  will  ein 
gutes  Gesicht  dazu  gehoren,  zumal  wenn  man  unten  vom  Tal 
heraufsieht,  daB  man  den  umgesturzten  goldnen  Stahlkamm  oder 
Strahlenreif  nicht  fur  eine  Zachenkrone  nehme,  oder  fur  eine 
Dornenkrone.  Letzteres  ware  noch  richtiger,  da  sie  gerade  72 
Stachelsporen  hat,  welches  eben  die  Zahl  der  Wunden  ist,  die 
nach  den  Katholiken  die  Dornenkrone  ritzte;  aber  man  muB  nie- 

20  mals  vergessen,  daB  diese  Stechpalmen  bloB  auswarts  stehen  und 
stechen,  nicht  nach  der  eignen  Kopf  haut  selber,  was  doch  immer 
etwas  tut.  Da  nun  noch  dazu  die  alten  Gelehrten  beweisen,  daB 
die  goldnen  Strahlenspitzen  an  den  Statuen  der  Gotter  das  Gevo- 
gel  hindern  sollten,  sich  oder  noch  etwas  Schlimmers  auf  deren 
Kopf  zu  setzen:  so  wird  das  Diadem  nie  ohne  Nutzen  fur  die 
Jungfer  sein. 

Man  wiirde  meinen  GroBvater  in  der  Erde  kranken,  wenn  man 
schlosse,  er  habe  noch  keine  Karte  von  Europa  aufgemacht,  bloB 
weil  er  die  Fontange  dieser  Dogaressa  in  eine  Krone  umschnitt. 

30  Aber  beim  Himmel!  wenn  nicht  ein  regierender  Herr  an  Europa 
den  Kopfputi  in  eine  Stachelkrone  verwandeln  darf,  so  sen'  ich 
nicht  ein,  wer  sonst  das  Recht  dazu  haben  soil,  oder  wie  mit  einem 
groBeren  die  Hollander  den  Freiheitshut  -  die  Jakobiner  die  Frei- 
heitsmutie  —  die  Staatsinquisitoren  die  Dogenmiitie  —  und  die  Fiir- 
sten  ihren  eignen  Furstenhut  m  eine  Krone  umzustiilpen  Befugnis 
hatten:  das  seh*  ich  niemals  ein. 


296  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

Was  die  Jungfer  anhat  und  anfasset,  diese  Insignien  sollen  auf 
einen  Kronwagen  geworfen  werden,  der  schon  in  einer  eignen 
Kapitel-Remise  halt. 

Die  Jungfer  selber  hat  -  wie  grofien  Figuren  nattirlich  ist, 
wenigstens  sein  soil,  daher  man  sie  mit  dem  sogenannten  Noyau 
oder  Kern  aus  Heu  und  Ton  aushohlt  -  bloB  leere  Partien,  die 
FiiBe  ausgenommen,  die  die  Scheune  meines  Aufwarters  sind, 
und  den  Kopf,  in  dem  ich  jetzt  selber  sitze  und  arbeite.  Bis  ich 
heme  morgens  mit  meinen  Papieren  innen  nur  das  Her^  der  Jung- 
fer erstieg,  hustete  ich  mich  halb  tot;  und  dann  hat  man  gleich-  10 
wohl  noch  einen  ganzen  gradus  ad  Parnassum  bis  zum  Kopfe 
zu  klettern.  Inzwischen  sitzt  man  einmal  da  in  solchen  Gehirn- 
kammern  mit  seinen  eignen:  so  ist  kein  Fiirst  glucklicher  als  der 
Insasse,  um  so  mehr,  da  der  Kopf  des  letztern  von  der  groBten 
Krone  unter  dem  Himmel  durch  nichts  abgesondert  wird  als  die 
bleierne  Hirnschale  uber  ihm.  Schieb'  ich  ihre  Augapfel  weg:  so 
hah'  ich  aus  ihren  Augenhohlen  die  prachtigste  Aussicht  vor 
mir,  die  ich  nur  zu  radieren  und  in  eine  Kunsthandlung  zu  geben 
brauche.  Auch  darf  ich  mich  nur  ein  wenig  zu  ihrem  Nasenloche 
herauslehnen :  so  wird  mir  das  ganze  Blumenbrett,  das  mir  der  20 
Kastellan  auf  ihre  vorliegende  Unterlippe  heraussetzen  muBte, 
reichlich  zuteil. 

Allerdings  ist  wohl  noch  aus  keinem  weiblichen  Kopf-  diesen 
ausgenommen  -  ein  so  tolles  und  brauchbares  Buch  gegangen 
als  meines:  ich  kann  mich  ohne  Unbescheidenheit  als  den  in  der 
europaischen  Zirbeldruse  seBhaften  Spiritus  rector  und  Archaeus 
und  geistigen  Beherrscher  Europens  betrachten.  Der  rhodische 
Kolossus,  der  nach  den  Zeugnissen  der  Alten  mit  einer  Laterne 
die  Schiffe  heimleuchtete,  konnte  dem  Himmel  danken,  wenn  er 
meiner  europaischen  Kolosserin,  die  seit  heute  eine  lange  Miet-  3° 
fackel  in  die  Welt  halt  und  solche  damit  uberleuchtet  -  ich  als 
LichtgieBer  stehe  fur  meine  Arbeit  -,  er  konnte  froh  sein,  sag*  ich, 

wenn  er  der  Riesin  sich  als  Sponsus  antragen  diirfte -  Morgen 

begeben  wir  uns  denn  wirklich  in  die  Historie  unter  vorteilhaf- 
tern  Zufalligkeiten,  als  den  meisten  Schreibern  zugute  kommen. 
Das  Wetterglas  steht  nicht  viele  Zolle  defer  als  ich  Schuhe.  Der 


DRITTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  297 

Osten  halt  den  Blasbalg  an  meine  Kohlen  und  Flammen  und  gibt 
mir  den  Morgenwind,  der  der  Seele  orientalische  Perlen  zuftihrt, 
wie  der  Abendwind  nur  okzidentalische.  Schon  Doktor  Fried- 
rich  Hoffmann  hats  erwiesen,  daB  der  Ostwind  den  Verstand,  den 
Appetit  und  die  Sinnen  scharfe.  -  Auf  den  Anschlagszetteln  der 
Wiener  Feuerwerke  steht:  »wenn  die  Witterung  es  zulaBt«;  - 
und  wahrhaftig,  die  belletristischen  brauchen  diese  Bedingung 
noch  eher.  Ohne  Ostwind  kann  ein  Gelehrter  -  gesetzt  auch,  er 
sei  kein  Theolog  von  Profession  -  selber  nur  wenigen  machen. 
id  Tlssot  bemerkte  schon,  daB  der  Siidwind  uns  Gelehrte  wie  ein 
Samierwind  ordentlich  umwehe;  und  sooft  dieser  schwindsiich- 
tige  laue  Wind  vom  Aquator  herunter  mich  anhustet:  so  hust* 
ich  nach  und  will  umfallen. 

So  aber  -  wenn  die  Flut  des  Windes  sich  wie  die  des  Welt- 
meers  von  Morgen  gegen  Abend  treibt  -  hebt  man  die  Fliigel- 
decken  und  die  Fliigel  gewaltig  auf  und  sumset  uber  die  Wolken 
hinaus  und  beginnt  nichts  Geringeres  als  die 


DRITTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG 

Anfang  der  Historie  —  die  magnetische  Hand  -  das  miitterliche  Gesprach  — 
20  das  Echo  bei  Genetay 

Der  Graf  Lismore  aus  Schottland,  dessen  Landgut  dicht  bei 
Rosneath  liegt,  hatte  sich  unter  einem  franzosischen  Namen  nach 
Frankreich  und  als  eine  Luftwelle  mehr  unter  die  Stiirme  gewor- 
fen,  die  im  Fruhlings-Aquinoktium  des  gallischen  Freistaats  weh- 
ten,  anstatt  daB  sie  sonst  das  Herbs  t-Aquinoktium  andrer  Repu- 
bliken  begleiten.  Als  das  Schicksal  in  Gestalt  der  Sphinx  vor 
dieses  Reich  trat  und  ihm  das  Ratsel  aufgab,  wie  ein  Land  aus 
einem  vierfiiBigen  Tiere  ein  zweifiiBiges  werde,  aus  einem  ge- 
biickten  ein  freies;  -  ferner  als  diese  furchterliche  Sphinx  wie  die 
30  agyptische  jede  irrige  Auflosung  mit  Verschlingen  bestrafte:  so 
gab  sich  der  junge  Lismore  gern  fur  einen  Gallier  aus,  um  mit 
unter  denen  zu  sein,  die  entweder  errieten  oder  erlagen.  Noch 


298  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

jetzt  ruht  die  grimmige  Sphinx  mitten  im  Lande  und  graset  zu- 
gleich  Arznei-  und  Giftpflanzen  ab;  aber  im  Jahre  93,  diesem 
Stufenjahre  der  Freiheit,  war  sie  noch  hungriger:  was  konnte  nun 
in  jener  blutigen  Zeit-  da  der  Statthalter  des  bosen  Gottes,  Robes- 
pierre^ den  Tempel  der  Freiheits-Gottin  mit  Grabern  unterminierte 
und  da  seine  und  fremde  Mineurs  sich  unter  der  Erde  in  Kata- 
komben  feindlich  begegneten  -  was  konnte  da  ein  edler,  vom 
Laster  und  Schicksal  zugleich  FreigelaBner  anders  tun  in  der  trii- 
ben  Wahl  zwischen  Morden  und  Sterben,  als  sein  Angesicht  be- 
decken,  sein  tatiges  Herz  bezahmen  und  so  resignierend  und  ver-  10 
hiillt  es  auf  dem  zitternden  Boden  abwarten,  ob  das  Erdbeben 
gliickselige  Inseln  versenke  oder  erhebe? 

Lismore  wollte  daher  seine  miBliche  und  unfruchtbare  Rolle 
und  Frankreich  verlassen.  Sein  Landweg  von  Paris  aus  war  zum 
Gliick  der  gekriimmte  der  Seine  und  fiihrte  ihn,  wie  diesen  Strom, 
dem  Meere  erst  durch  einen  Umweg  zu,  namlich  durch  Rouen. 

Eh'  er  in  Schottland  ankam,  hielt  ihn  in  Rouen  etwas  auf  - 
eine  Mutter  und  eine  Tochter,  die  mit  verzognen  Namen  in  einem 
armseligen  Hause,  das  Diogenes  nicht  ausgeschlagen  hatte,  sich 
verbargen  und  sich  gramten.  Lismore  hatte  die  Mutter  -  ich  20 
nenne  sie  Grafin  von  Mladotta^  ob  das  gleich  nur  der  Name  ihres 
Namens  ist  —  schon  in  Paris  gesprochen  und  sie  ihrer  Sicherheit 
wegen  daraus  vertrieben,  zwei  Tage  vorher,  eh*  ihren  Gemahl 
die  Menschen-Sdgemilhle  der  Guillotine  ergriff.  Sie  war  eine  durch 
Philosophic,  Welt  und  Tugend  veredelte  FYau,  die  nicht  wie  ein 
Kind  iiber  jedes  harte  Anfassen  des  Schicksals  schrie  und  die  es 
aus  einem  langen  Leben  wuBte,  daB  uns,  eh'  wir  es  endigen  und 
ehe  der  Tod  uns  zum  zweitenmal  saet,  alle  Fliigel  abgerissen  wer- 
den  miissen,  wie  dem  Tannensamen,  eh*  er  in  die  Erde  kommt. 
Ihre  zwei  Fliigel  waren  ihr  Gemahl  und  ihre  Tochter.  Sie  hatte  30 
also  wenig  mehr,  was  sie  iiber  der  letzten  Grube  noch  schwebend 
erhielt.  Das  Ertragen  des  Kummers  ermiidet  oft  den  Korper  so 
sehr  wie  das  Erliegen  darunter:  die  standhafte  Grafin  reichte  ge- 
duldig  dem  Schmerze  ihr  Haupt,  das  der  SchlagfluB  traf. 

Als  Lismore  sie  wiederfand:  war  ihr  vom  Schlage  nichts  ge- 
blieben  als  ein  merkliches  Zittern  des  Armes  und  die  GewiBheit 


DRITTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  299 

seiner  Wiederkehr.  Er  zwang  ihr  —  um  es  gleichsam  gutzuma- 
chen,  daB  er  unter  der  Fahne  einer  Partei  gedient,  die  ihr  soviel 
geraubt  -  das  Versprechen  ab,  jetzt  mit  ihm  nach  Schottland  zu 
fliehen,  um  da,  wenn  nicht  glucklich,  doch  sicher  zu  sein. 

Aber  der  Gram,  der  nur  in  ihrem  Herzen  ruhte,  war  noch  im 
Auge  ihrer  Tochter  Adeline,  die  ihren  geraubten  Vater  nicht  ver- 
gessen  konnte.  Sie  sah  oft  lange  ihre  Mutter  an,  und  wenn  sie 
dachte,  sie  weine  vor  Freude  und  Liebe,  war  es  bloB  aus  Schmerz 
und  Anteil.  Ihre  Trauer  iiber  den  entruckten  Vater  machte  ihre 

10  Liebe  gegen  die  zuruckgelaCne  Mutter  heiBer;  -  und  umgekehrt 
diese  jene;  und  zuweilen  hielt  sie  eine  fur  die  andre*  Mit  weniger 
Erziehung  oder  Tugend  ware  Adeline  zu  sehr  verschlossen,  d.  h. 
versteckt  geworden;  aber  beide  hatten  ihren  schonen  Gefiihlen 
bloB  die  fehlerhaften  Schleier  genommen,  namlich  die  undurch- 
sichtigen.  In  der  Freude,  im  Gutestun  sah  sie  einem  Kinde  ahn- 
lich,  das  im  Schlafe  lachelt,  weil  es  Engel  erblickt.  War  auf  des 
Grafen  ungliickliche  riesenhafte  Brust  der  Erdball  wie  ein  Atna 
gewalzt,  daB  sie  nur  unter  fremden  Erschutterungen  und  Ver- 
wiistungen  sichrecht  zum  Atmen  aufhob :  so  trug  AdelinensBusen 

20  das  Leben  geduldig  wie  ein  Leichenstein,  oder  so  wie  eine  er- 
blaBte  Mutter  den  an  sie  gelegten  bleichen  Saugling  tragt,  gleichsam 
als  schliefen  beide  aneinander  auBer  dem  Grabe:  die  einsinkende 
Brust  geht  sanft  unter  der  stillen  morschen  Biirde  auseinander. 

So  war  sonst  ihr  Schmerz;  aber  der  jetzige  nicht:  er  war  wohl 
nicht  wild,  doch  romantisch:  denn  ihr  Geschlecht  hat  die  schwei- 
gende  Geduld  nur  fiir  die  Schlage,  die  auf  dasselbe  im  gewohn- 
lichen  Kreise  seines  biirgerlichen  Lebens  fallen ;  aber  der  Verlust 
dieses  Kreises  und  die  Schreckbilder  auBerhalb  desselben  mar- 
tern  es  zu  sehr,  wie  hier  Adels -Verlust  und  Hinrichtung. 

30       Dieses  UbermaB  eines  hyperbolischen  Kummers  gab,  zumal 

.  im  Larme  einer  Revolution,  wo  das  Schwanken  der  biirgerlichen 
Scheidewande  alle  Gefiihle  mehr  entbloBt,  ihrem  so  weiblichen 
Herzen  einen  mannlichen  Enthusiasmus,  ihrer  Zunge  Beredsam- 
keit  und  ihrem  kalten  Auge  Feuer,  obwohl  unter  Tranen.  -  Und 
deswegen  brach  der  Graf  einen  Vorsatz,  den  er  so  lange  gehalten: 
nicht  mehr  zu  lieben. 


300  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

Bei  ihm  war  ein  solcher  Vorsatz  unvermeidlich:  er  suchte  ein 
Madchen,  das  auch  noch  etwas  anders  ware  -  ein  Jiingling.  Wir 
wissen  vom  Grafen  noch  zu  wenig ;  ich  muB  wenigstens  ein  Brust- 
bild  von  ihm  aus  der  romischen  Erde  der  Vergangenheit  graben 
und  hieher  stellen: 

Er  hatte  eine  unzufriedne  Seele,  die  in  der  vollen  Bliite  aller 
ihrer  Kra'fte  stand,  deren  jede  fast  bei  ihm  eine  eigne  Seele  war: 
so  sehr  gebot  eine  um  die  andre  herrisch  iiber  ihn,  gleichsam  orte- 
rungsweise.  Daher  brach  die  iippige,  berstende  Knospe  seines 
Geistes,  wie  die  einer  iiberfullten  Nelke,  ohne  EbenmaB  derReize  10 
auf.  Bei  dieser  Kraft  war  ihm  die  genieBende  Untatigkeit  des  vor- 
nehmen  Lebens  —  jener  ekelhafte  Wechsel  zwischen  geistigem 
und  leiblichem  Schlummer  -  ein  Greuel.  Ihm  mangelte  kein  an- 
deres  Haus  als  ein  Arbeitshaus  und  kein  Konfekt-,  sondern  ein 
Arbeitstisch  und  einiger  Hunger  und  SchweiB:  eine  arbeitsame 
Durftigkeit  hatte  seinem  treibenden  Lebensbaum  die  Wasser- 
schoBlinge  verwehrt  und  eben  dadurch  seinen  ganzen  Wuchs 
geregelt.  Hatt'  er  weniger  Zerstreuung  -  mehr  Zeit  -  mehr  Ge- 
duld  —  oder  eine  herrschende  Kraft:  so  stand  ihm  fur  alles  gewit- 
terhafte  Feuer  ein  herrlicher  Ableiter  bereit  -  die  Schreibfeder:  -  2o 
wahrhaftig,  das  Feuer  des  Genies,  das  Lander  entzundete,  schlagt 
hundertmal  nur  ins  DintenfaB,  und  dann  ist  die  Wolke  erschopft. 

Daher  behaupt'  ich,  verschwendet  ein  Shakespeare  und  Garrick 
die  Krafte,  womit  er  einem  groBen  Mann  hatte  nachkommen  kon- 
nen,  in  der  Schilderung  desselben.  Man  nehme  manchem  Genie 
die  Feder:  so  wird  es  den  Freiheitsdegen,  und  manchem  General 
diesen:  so  muB  er  jene  ergreifen.1  Daher  wird  man  in  aufgeklar- 
tert  Reichskreisen,  wo  man  sich  noch  etwas  aus  echtem  Freiheits- 
geiste  macht,  diesen  nie  in  Schriften  dulden,  sondern  ihn  wie 
Brunnengeist  hermetisch  in  den  Autoren  verpetschieren,  damit  30 
er  nicht  verrauche;  sie  sollen  weniger  frei  schreiben,  damit  sie 
(hofft  man)  mehr  frei  handeln.  Daher  schadets  einem  Autor  an 
der  Moralitat,  wenn  er  zu  tugendhaft  schreibt;  wenigstens  such- 
ten  allezeit  Skribenten,  die  ein  reines  Leben  fiihren  wollten,  wie 

1  Daher  wurde  sonst  in  Frankreich  und  Deutschland  mehr  fur  die  Freiheit 
geschrieben  als  in  der  Schweiz  und  in  England. 


DRITTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  3OI 

Martial,  Katull,  Sanchez1,  die  unreinsten  Werke  zu  fertigen,  um 
mit  ihnen,  wie  mit  gut  angebrachten  Ventilatoren  oder  SchifTs- 
pumpen  oder  Abzugsgraben,  den  StindenstofT  aus  ihren  Seelen 
abzufuhren. 

Was  ohnehin  die  Moral  anlangt :  so  kann  man  fodern,  dafi  an- 
gesehene  Adjunkten  der  philosophischen  Fakultat  auf  ihren  Ka- 
thedern,  und  unangesehene  Adjunkten  der  theologischen  auf 
ihren  Kanzeln,  da  sie  keine  freres  servants,  sondern  schon  Ge- 
brilder-Redner  der  Tugend  sind,  daB  sie,  sag*  ich,  als  Kunstrichter 

10  der  Tugend  die  hochsten  Gesetze  aufstellen,  um  deren  Befolgung 
sich  niemand  als  die  Schopfer  guter  Werke  zu  bekiimmern  haben: 
beide  Adjunkten  sind  ihre  eigne  kantische  Gesetzgeber  und  haben 
also  in  sich  die  geset^gebende  Gewalt  vollkommen;  von  dieser 
aber  kann  in  Menschen  wie  in  Staaten  die  ausubende  nicht  genug 
gesondert  werden. 

Der  Graf  streckte,  wie  alle  idealische  Leute  seiner  Art,  mit 
gleicher  Heftigkeit  seine  Hande  nach  der  Wahrheit  —  nach  der 
Tugend  -  und  nach  einem  weiblichen  Herzen  aus  und  zog  sie 
immer  voll  Schauni  zuriick.  Dieser  gute  Leolin  Lismore  mutete 

20  einem  Weibe  alle  Tugenden  zu,  auch  seine,  ja  sogar  die,  die  ihm 
mangehen.  Wenigstens  muBt'  er,  wenn  er  sich  auch  im  Handel 
noch  einige  Vollkommenheiten  abbrechen  lieB,  doch  durchaus 
auf  zwei  —  oder  es  war  sonst  Lasion  iiber  die  Halfte  -  dringen: 

1)  auf  ein  Herz,  wie  ein  Engel  tragt,  zart,  unschuldig  und  milde  - 

2)  auf  einen  Kopf,  wie  er  fiihrt,  voll  beredten  aufbrennenden 
genialischen  Enthusiasmus  fur  alles  Edle  und  GroBe.  Seine  Tau- 
schung  fing  allezeit  beim  ersten  Artikel  an,  und  dann  war  sie 
beim  zweiten  naturlich. 

Einem  Lismore  veriibP  ich  solche  Fqderungen  nicht;  aber  was 

30  soil  man  sagen  oder  schreiben,  wenn  Libertins,  die  in  ihrem  gan- 

zen  Leben  nichts  taten,  als  gute  Engel  zum  Abfall  verlocken,  am 

Ende  als  Gratial  ihrer  wohlverlebten  Jugend  weiter  nichts  be- 

gehren  als  einen  Seraphim,  wenn  der  vierzigjahrige  Schopfer 

1  Sanchez  schrieb  das  Buch  de  matrimonio;  aber  er  fiihrte  ein  jungfrau- 
lich-reines  Leben,  und  seine  bluhende  Leiche  wurde  wie  ein  ausgestellter 
Heiligenkorper  gekiiBt.  Bayle,  Sanchez. 


3<D2  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

schuldiger  Mutter  und  ungliicklicher  Kinder  bloB  die  Unschul- 
digste,  wenn  der  Treuloseste  bloB  die  Treueste  als  einen  geringen 
Preis  seines  redlichen  Wandels  fodert,  weil  er  nicht  gern  mehr 
am  Trauungsaltar  verlangen  will,  als  etwan  der  rechtschaffenste 
Jungling  im  Lande  fodern  kann?  -  Noch  besser  war*  es,  ein  sol- 
cher  Plus-Lizitans  hauste  in  Paris:  er  konnte  dann  in  die  rue 
St.  Martin  ins  bureau  de  confiance  Nro.  225  gehen  und  dieser 
Heirats-Borse,  die  in  alien  Provinzen  die  besten  Unter-bureaux 
halt,  folgende  Affiche  zu  publizieren  geben: 

»Endesunterschriebener  sucht  eine  Frau,  bei  der  er  alle  die  Tu-  10 
genden  haben  kann,  die  ihm  ausgegangen  sind  -  die  so  lange  in 
diesem  Leben  ein  Engel  1st,  bis  sie  im  andern  einer  wird  -  die 
alles  ertragt,  sogar  einen  Mann  oder  seine  H.  —  die  nichts  vor 
ihm  verbirgt  als  ihre  Tranen  und  seine  Kinder.  —  Dafur  bringt 
ihr  Sponsus  seines  Orts  wieder  (er  macht  sich  dazu  anheischig) 
ein  adliges  Alter  von  6000  Jahren  und  ein  hiibsches  Warenlager 
von  Sklaven,  womit  er  in  ^wei  Welten  handelt,  und  die  Horner 
zu,  die  sonst  erst  nach  der  Hochzeit  angeschafft  werden  mussen; 
wobei  er  aber  fodern  muB,  daB  die  Person,  mit  der  er  sich  in  sol- 
che  Heiratsunterhandlungen  einlassen  soil,  entweder  die  heilige  20 
Jungfrau  Maria  selber,  oder  deren  Base,  Stieftochter  oder  Enkelin 
sei,  weil  niemand  mehr  an  seiner  Ehre  gelegen  ist  als  dem 

Beelzebub.« 

Ach!  es  war  eine  gliickliche  Zeit  fur  den  edlern  Lismore,  da 
zwei  Tropfen,  die  aus  zwei  schonen  jungen  Augen  Helen,  noch 
sein  mit  ungeloschtem  Kalk  befrachtetes  SchifFin  Brand  setzten  - 
da  er  zu  einer  seligen,  aber  kurzen  Idylle  nichts  vonnoten  hatte 
als  eine  schone  Landschaft  und  eine  schone  Schaferin,  die  zugleich 
das  schone  Schaf  darin  war  -  und  da  er  noch  nicht  sagte,  eine 
Frau  sei  nichts  als  eine  geborne  -  Kastratin.  30 

Er  nahm  es  erst  in  Rouen  zuriick;  aber  bis  ers  tat,  wie  viele 
geistige  Getranke  fur  das  Herz  muBt'  er  nicht  auf  verungliickende 
Weinproben  setzen !  -Wie  viele  versufite  Kapweine  muBt*  er  nicht 
mit  seinem  liquor  probatorius  oder  der  sogenannten  sympathe- 


DRITTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  3O3 

tischen  Dinte  untersuchen,  bis  er  den  schwarzen  Niederschlag 
im  Spitzglase  vor  Augen  sah !  -  Ich  will  nur  einen  und  den  andern 
Wein  nennen. 

Z.  B.  die  oden,  lustigen,  gutartigen  Madchen,  die  statt  des 
Kopfes  nichts  haben  als  zwei  FiiBe,  nichts  konnen  als  lachen, 
singen  und  plaudern,  und  die  nie  beseelt  sind,  als  wenn  sie  tanzen, 
wie  die  holzernen  Trommelschlager  aus  Niirnberg  nur  so  lange 
trommeln  und  arbeiten,  als  das  spielende  Kind  sie  in  der  Stube 
herumzieht.  - 
10  -  Oder  die,  die  statt  der  Menschenliebe  nur  das,  was  sie  oft 
damit  verwechseln,  haben,  Mannerliebe  —  die  wie  Misogyne  keine 
Frau  lieben  als  die  im  Spiegel  und  die  nicht  bloB  hinunter-,  son- 
dern  auch  hinaufwarts  hassen,  wie  die  AfTenweibchen  unsre  nicht 
ausstehen  konnen.  -  (Ein  Affe  hingegen  schatzet  den  Menschen 
stets,  er  sei  von  seinem  oder  vom  zweiten  Geschlecht.)  - 

-  Oder  die,  die  nur  heiraten,  um  zu  kochen  -  die  gerade  so  gut 
und  so  bose  sind,  als  ihr  Mann  sie  haben  will  —  fur  die  ein  Mann 
eine  Erbschaft,  eine  quarta  falddia  der  Schopfung,  eine  kleine 
Welt  ist,  und  die  nicht  seine  Liebe,  sondern  seinen  Namen  und 

20  sein  Geld  verlangen,  und  die  die  Fortuna  so  abbilden  wiirden  wie 
die  Romer:  mit  einem.  Barte.  - 

-  Oder  die  leidlichen,  die  so  lange  gut  bleiben,  als  man  sie  ein- 
sperrt,  und  deren  Gesang  unter  fremden  Weibern  und  Mannern 
wie  der  Kanarienvogel  ihrer  ausartet,  wenn  sie  den  Kaflg  mit 
dem  Walde  vertauschen.  - 

-  Oder  die,  die  die  Tugend  lieben,  aber  einen  Tugendkaften 
noch  ein  wenig  mehr  -  die  mit  alien  guten  Anlagen  des  Kopfes 
und  Herzens  gegen  alle  herumschleichende  Unter-Teufel  recht 
gut  gedeckt  sind,  nur  aber  gegen  gute  Engel  nicht;  wie  man  denn 

30  iiberall,  selber  in  den  hochsten  Standen,  noch  Weiber  findet  (frei- 
lich  sind  solche  schone  Ausnahmen  selten),  die  den  Sklaven  ihrer 
Reize,  wie  der  Plantagenbesitzer  clen  seinigen,  nicht  bloB  nach 
auBerlichem  Gehalt,  nach  Zahnen,  Jugend,  Gesundheit,  aus- 
suchen,  sondern  die  auch  wirklich,  wie  der  Sklavenhandler,  ein 
gutes  Herz  und  einen  guten  Verstand  mit  im  Kaufe  drein  haben 
wollen  oder  gar  mit  bezahlen.  — 


304  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

-  Oder  die,  die  nicht  sowohl  weich  als  flussig  sind  und  die  man 
wegen  den  weichen  Knochen  ihrer  Seele  wohl  lieben,  aber  nicht 
heiraten  kann  -  deren  feines  Gefuhl  der  gutmeinende  Mann  von 
friih  bis  abends  in  einem  fort  beleidigt  und  ritzet,  und  in  deren 
Herz  er  Scharten  stoBt,  wenn  er  nur  mit  einem  Bartharchen  an 
solches  streift,  so  daB  der  gequalte  Schelm  sie  nur  wie  eine  von 
der  Kopfnaht  bis  auf  die  Ferse  geschundne  Person  voll  Empfin- 
dung  handhaben  kann. 

Alle  diese  Madchen  sind  gut;  nur  nicht  die  besten. 

Adeline  war  die  einzige  in  Leolins  Augen,  die  nicht  unter  jene,  10 
sondern  unter  diese  gehorte.  Ihre  Mutter,  die  als  eine  Frau  von 
Welt  einen  mannlichen  Schatz  fast  aus  alien  Wissenschaften  be- 
saB,  hatte  ihn  auf  ihre  Tochter  vererbt;  und  diesen  Schatz  trug 
sie  nicht  als  ein  prahlendes  Schmuck-Gehange,  sondern  als  einen 
auf  der  Brust  verborgen  liegenden  offizinellen  Edelstein.  Der. 
EinfluB  dieses  Amuletts  gab  ihr  —  was  bei  ihrem  Geschlechte 
ebenso  reizend  als  selten  ist-  ein  bescheidenes  Interesse  an  Dingen 
—  und  an  den  Gesprachen  dariiber  — ,  die  vielleicht  einer  Frau  so 
wichtig  wie  Kiichen-  und  Putztisch  sein  sollte'n,  namlich  an  der 
Natur,  an  alien  Welten,.  an  dem  Vaterlande  und  allem  GroBen.  20 
Das  Getose  der  Revolution  machte  ihre  sanfte  Stimme,  wie  das 
Rollen  der  Wagen  oder  eine  nahe  Muhle  die  physische  der  nach- 
sten  Anwohner,  ein  wenig  starker.  Kraftige  Menschen  jagen  ge- 
rade  ihren  Ebenbildern  am  wenigsten  nach;  daher  war  das  milde 
Ol,  das  statt  des  Blutes  aus  ihrem  Herzen  in  ihr  sanftes  Leben 
floB,  die  anfachende  Nahrung  des  Feuers  in  Lismorens  seinem. 

Was  braucht  ein  Mensch  mehr,  um  auf  der  Stelle  sich  zu  sei- 
nem ersten  Liebesbriefe  niederzusetzen,  als  eine  Adeline  mit  die- 
ser  Milde  -  mit  dieser  Trauer  iiber  den  Vater  -  mit  diesem  Herzen 
voll  Gefuhl  und  vol!  Teilnahme  an  Wahrheiten  und  Menschen  -  30 
mit  dieser  Hiilflosigkeit,  die  der  Liebhaber  halb  verursachte  und 
ganz  heben  will  —  was  braucht  er  mehr?  frag'  ich.  -  Wenigstens 
fand  Lismore  mehr:  die  treuste  Tochter,  die  je  an  einem  mutter- 
lichen  Herzen  mit  blinder  Liebe  hing;  je  sanfter  und  je  weiblicher 
eine  Tochter  ist,  je  fester  sie  einmal  ihr  Herz  an  ihren  Gatten 
heften  wird :  desto  lieber  und  naher  ist  ihrem  dasjenige,  unter  dem 


DRITTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  307 

sie  einmal  lag.  O !  warum  mussen  die  stillen,  anscheinend-kalten 
weiblichen  Seelen  so  oft  gemiBdeutet  werden,  da  sie  doch  gerade 
fur  die  nachsten  Menschen,  fur  Mutter,  Gemahl  und  Kind,  die 
groBte  Warme  und  die  groBten  Opfer  aufbewahren?  -  BloB  des- 
wegen:  weil  die  meisten  nur  eine  Warme  glauben,  namlich  die 
sichtbare,  d.  h.  die  Flamme. 

Der  Graf  war  genug  unter  Menschen  und  Jahren  herumge- 
worfen  worden,  um  es  zu  wissen,  wie  man  das  Herz  voll  Neigung 
mit  der  rechten  Glastiire  versperren  miisse;  auch  war  er  schon 
langst  gegen  jene  Treibhaus-Liebe  eingenommen,  die  einen  Tanz- 
Abend  braucht  zur  Bliite  und  einen  Vormittag  zum  Abfallen  der- 
selben.  Ein  unerfahrner  Jungling  ware  durch  Adelinens  Kalte 
traurig  und  irre  geworden:  er  wurd*  es  nicht;  er  dachte  sich 
erstlich  in  das  scheue  Herz  der  Tochter,  die  jetzt  so  nahe  und 
so  mitten  innen  zwischen  dem  Tode  des  Vaters  und  der  Krank- 
heit  der  Mutter  das  Verhehlen  ihrer  frohern  Empfindungen  zu 
ihren  kindlichen  Pflichten  machen  muBte.  Zweitens  war  ihm, 
der  immer  gliicklicher  bei  Schonen  war  als  sie  bei  ihm,  oft 
aus  Bitterkeit  und  selten  aus  Eitelkeit  die  Voraussetzung  gelaufig, 
daB  eine  ihn  liebe.  Drittens  fragte  er  nach  nichts,  er  konnte 
alles  verwinden,  alles  verlieren;  »wenn  Resignation**  (sagt*  er 
immer)  »als  Resignation  einen  Wert  behauptet:  so  macht  die 
GroBe  eines  Verlustes  sie  nur  notiger  und  edler;  kurz  der  Mensch 
muB  entweder  nichts  oder  alles  verschmerzen,  sogar  die  Holle 
und  die  Vernichtung.«  Denn  an  letztere  glaubt'  er  fest.  Er  liebte 
also  Adeline  unaussprechlich ;  aber  er  schwieg,  nicht  weil  sie 
schwieg,  sondern  weil  sie  zu  schweigen  zu  sehr  den  Anschein 
hatte. 

Dabei  war  er  (im  guten  Sinne),  wenn  nicht  ein  Hof-,  doch  ein 
Weltmann:  der  Steig  vom  Genie  zum  Weltmann  ist  kurzer,  als 
die  Leute  sagen,  die  eines  von  beiden  sind.  Seine  unbiegsamen 
Bestandteile  hatten  unter  Weibern  und  Geschaften  ihre  Sprodig- 
keit  abgelegt;  aber  der  wenige  Gift,  der  sie  fliissig  machte,  war  in 
der  Einsamkeit  wieder  verflogen,  und  er  hatte  in  zwei  sehr  ent- 
gegengesetzten  Lagen  nichts  verloren  als  die  Mangel  derselben; 
so  macht  Achard&as  sprode  weiBe  Gold  durch  Arsenik  so  weich, 


306*  biographische  belustigungen 

daB  man  es  in  GefaBe  formen  kann;  dann  jagt  er  durch  heftiges 
Feuer  den  Arsenik  wieder  heraus. 

Der  Graf  war  so  verwohnt,  daB  er  sogar  in  Sachen  des  Ge- 
fuhls  immer  Plane  und  Modelle  machte:  er  vermaledeite  seine 
Plansucht  und  sein  -  BewuBtsein  derselben:  »Wenn  ich  nur  we- 
nigstens«  (dacht*  er)  »nicht  wiiBte,  daB  ichs  auf  etwas  anlege.« 
Ihm  fiel  -  zu  seiner  Argernis  —  gerade  in  die  schonsten  Tauschun- 
gen  des  Enthusiasmus,  in  die  schimmerndste  Beleuchtung  der 
Opernbiihne  immer  durch  eine  zufallig-aufgehende  Pforte  das 
Tageslicht  der  Besonnenheit  ein.  Ihn  verfolgte  jetzt  das  BewuBt-  1 
sein  des  Plans,  daB  er  bloB  die  Freundschaft  der  Mutter  zu  ge- 
winnen  und  zu  erwidern  brauche,um  dieLiebe  derTochterdrein- 
zubekommen.  Seine  Absicht  war  schon  und  sein  Mittel  unschul- 
dig;  aber  im  i4ten  Jahre  Hebt  man  doch  ohne  beide  noch  schoner. 
Anfangs  begreift  mans  nicht,  daB  das  Herz  der  Mutter  ihn  an 
Sohnes  Statt  annahm:  sie,  eine  von  den  hohern  Standen  voll- 
endete  Frau,  mit  gleich  feinen  und  strengen  Sitten,  mit  Gefuhlen, 
die  sie  mit  ebensoviel  Anstand  ver-  als  entschleierte,  und  von 
einer  Erziehung,  die  ihren  Geist  und  sogar  den,  der  keine  hatte, 
immer  in  engsten  Schranken  der  Grazie  und  Tugend  hielt.  -  Er  2 
hingegen,  ein  sogenannter  »starker  Mann«  in  genialischem  Ver- 
stande,  eine  Sonne,  aber  umzogen  von  einem  immerwahrenden 
Ring  oder  Hof  voll  Sturme  -  unersattlich  in  Vergniigungen,  ob- 
wohl  in  den  edelsten,  und  ein  Engel,  aber  nur  in  einem  Himmel, 
und  voll  widerstrebender  ungebandigter  Krafte,  die  den  Weg 
seines  Lebens  wie  einen  romischen  mit  lauter  groBen  Ruinen  zu 
iiberdecken  drohten.  -  Gegen  solche  Manner  haben  die  Mutter 

sonst  zu  viel  MiBtrauen,  wie  die  Tochter  zu  wenig: gleich- 

wohl  wars  dasmal  fast  umgekehrt;  und  die  Mutter  wurde  seine 
beste  Freundin  aus  drei  Grunden,  die  recht  gut  sind.  3c 

Erstlich  in  Revolutionszeiten,  wo  immer  um  die  Arbeiter  am 
Bau  des  himmlischen  Jerusalems  der  Freiheit  Blitze  aus  dem  Bo- 
den  schlagen,  in  Zeiten,  wo  man  sich  gegen  die  Gewittergiisse, 
gegen  Kroten-  und  Blutregen  unterstellen  will,  sucht  man  nicht 
den  zu  einem  Tier  oder  Menschen  zierlich  ausgeschnittnen  Gar- 
tenbaum,  sondern  eine  vollastige  dickbelaubte  Eiche,  einen  Lis- 


DRITTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  307 

more.  Zweitens  gibt  es  keine  sanftere  Periode  bei  einem  Menschen 
wie  Lismore,  der  eine  weibliche  Seek  mit  so  vielem  Ungestiim 
besitzet,  als  die,  wo  er  sie  erst  sucht :  man  sieht  kaum  den  starken 
eckigen  Frakturbuchstaben  vor  Iauter  Zugwerk  aus  sanften 
Schonheitslinien.  Der  dritte  Grund  ist  seine  -  rechte  Hand :  ich 
wills  erzahlen,  ich  sitze  ja  dazu  da. 

Adelinens  Mutter  hatte  vom  SchlagfluB  einen  zitternden  Arm 
behalten:  man  sage,  was  man  will,  ein  empfindungsloser  war*  ihr 
lieber  gewesen  als  dieser  oszillierende;  warum  soil  ein  vortrefF- 

10  Hches  Weib  nicht  in  den  Fallen  ein  Weib  sein,  worin  Tugend  und 
Sitte  es  erlauben?  Als  Lismore  ihr  das  erstemal  die  Hand  kuBte, 
wars  ihr,  als  schieBe  Eiswasser  die  Armrohre  hinauf,  und  das 
Zittern  nahm  ab.  Sie  gab  beim  zweiten  Kusse  darauf  acht;  aber  es 
war  kein  Zufall.  Sie  sagt'  es  ihm;  er  merkte  aber  bald,  dafi  nicht 
seine  Lippen  offizinell  waren,  sondern  seine  Hand,  deren  Hei- 
lungskrafte  durch  Beriihren  einwirkten.  Kurz  durch  einiges  Be- 
streifen  ihres  siechenden  Arms  richtete  er  in  wenig  Minuten  die 
bebende  Magnetnadel  in  einen  ruhigen,  nach  ihm  gekehrten  Stand. 
Wer  den  Grafen  nicht  gesehen  und  also  zweifelt,  den  verweis'  ich 

20  auf  den  noch  lebenden  Grafen  von  Than  in  Wien  -  und  umge- 
kehrt  verweis'  ich  auf  jenen,  wenn  einer  diesen  nicht  gesehen  -, 
welcher  ebenso  lahme  Glieder  durch  Bestreichen  herstellt.1 

Ich  glaube,  der  Arm  der  Mutter  steckte  das  Herz  der  Tochter 
mit  einem  andern  Zittern  an;  aber  hier  war  der  Graf  weniger 
die  Sanitatsanstalt  als  die  Krankheitsmaterie,  und  seine  klinische 
Hand  voll  Arzneifinger  heilte  gerade  durch  Beruhren  am  schlech- 
testen.  —  Lasset  mich  doch  an  ihren  heiligen  vier  Herzenskam- 
mern,  worin  beinahe  nichts  als  die  vier  Evangelisten,  namlich  ihre 
Heiligenbilder,  sind,  die  Nachtriegel  zuruckschieben  und  nach- 

30  suchen,  ob  ich  nichts  finde !  -  Allerdings  find*  ich  etwas,  namlich 

1  Ich  habe  nichts  mit  jener  seichten  Philosophic  zu  tun,  die  grund lich  zu 
sein  glaubt,  wenn  sie  keine  Fakta  annimmt  als  die,  die  sie  schon  in  einem  § 
erklart  hatte.  Die  Heilungskraft  des  Grafen  von  Thun  ist  durch  hundert 
Beispiele  und  mir  schon  durch  das  einzige  erwiesen,  das  einer  meinerFreunde 
an  seinem  eignen  Kinde  erlebte.  Da  die  Hand  des  Grafen  ebensogern  Al- 
mosen  als  Gesundheit  verteilt:  so  ist  sie  ein  Ersatz  und  ein  Bild  des  Steins 
der  Weisen,  der  zugleich  Gold  und  langes  Leben  scharTen  soil. 


308  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

den  kleingeschriebnen  und  mit  sympathetischer  Dinte  gezognen 
Anfangsbuchstaben  des  Grafen,  namlich  ein  L  (wenns  nicht  auf 
den  Evangelisten  Lukas  geht).  Dieses  L  ist  der  Dinte  wegen  den 
ganzen  Tag  unsichtbar,  aufler  abends,  wo  die  Wdrme  den  Buch- 
staben  ein  wenig  leserlich  macht.  -  Jeden  Morgen  war  sie  arger- 
lich,  daB  sie  abends,  von  Lismorens  gefliigeltem  Geiste  angeweht, 
ein  wenig  warmer  gewesen,  als  sie  nachher  wollte.  Das  reine 
wei&eAsl?est-Blcittihrer$ee\eyau£da$  sie  jenesZ  zuweilenschrieb, 
warf  sie  jeden  Morgen  in  die  Flammen,  die  alles  ausloschten 
und  wegbrannten,  ohne  den  geringsten  Nachteil  des  Bergflachses  10 
selber. 

Aber  die  Myrte  der  Liebe  gehet  wie  andre  Gewachse  gerade 
bei  sturmischem  Wetter  am  meisten  in  die  Hohe.  Adeline  merkte 
viel  spater,  welcher  Blumensamen  in  ihr  Keime  treibe;  aber  die 
Mutter  merkte  es  fruher  als  der  Graf,  und  dieser  friiher  als  die 
Tochter:  denn  die  erste  Liebe  verhehlt  sich  am  wenigsten  und 
kiindigt  sich  immer,  wie  die  Sonne  im  Fruhling,  mit  einer  lan- 
gern  Aurora  an.  Ihr  Herz  halt  sich  gleichsam  unter  dem  Zelte 
eines  Schleiers  fur  sicher:  hebe  den  Schleier  ab,  so  verstummt  es, 
als  Gegehspiel  des  schreienden  Kanarienvogels,  der  zu  singen  20 
aufhort,  wenn  man  ihn  iiberdeckt.  - 

Aber  es  kam  ein  Tag,  der  alle  diese  Ratsel  endigte  und  meine 
biographischen  Belustigungen  anfing.  - 

Es  war  vormittags,  wo  Adelinens  Mutter  fuhlte,  der  nahere 
Tod  spanne  die  von  so  vielen  Schmerzen  aufgeschraubten  Ner- 
ven  wieder  zuriick  -  die  Saiten  der  zuriickgedrehten  Wirbel  beb- 
ten  schlaffer,  aber  tiefer  und  leiser  -  ungewohnliche  Tranen  stie- 
gen  in  ihre  Augen,  und  sie  wunderte  sich  nicht,  daB  ihr  Herz, 
sondern  nur,  daB  ihr  Auge  voll  Tranen  war.  Ach!  da  muBte  sie  ja 
die  treue  Tochter  ans  berstende  Herz  ziehen  und  mit  einem  zwei-  30 
ten  ihres  verbergen  und  stillen.  Sie  sagte  es  niemand;  aber  sie 
wuBt*  es,  sie  konne  eher  die  Erde  als  ihr  Frankreich  raumen,  und 
indem  sie  sich  gelassen  zur  Reise  vorbereitete,  setzte  sie  voraus,  es 
sei  die  langere  aus  der  Erde,  und  sie  gehe  iiber  ein  stilleres  Meer 
als  iiber  den  Kanal.  Sie  dachte  den  ganzen  Morgen  an  den  Grafen 
-  zumal  da  er  nachmittags  mit  Adelinen  ein  nahe  liegendes  Echo 


DRITTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  3O9 

besuchen  wollte  -  und  an  ihren  Tod  und  an  die  Hiilflosigkeit  der 
Tochter;  und  sie  nahm  sich  vor,  ihr  die  Mutter-Hand  noch  ein- 
mal  zu  reichen,  eh'  sie  erkalte  und  zerfalle. 

Moge  kein  roher  Mann  der  Zeuge  von  der  weichen,  zarten 
Umarmung  sein,  in  der  zwei  weibliche  gebildete  Seelen  in  die 
Spharenmusik  einer  milden,  heiligen,  melodischen  Liebe,  ohne 
den  harten  Durton  einer  mannlichen,  versinken !  -  Ja,  ein  Auge, 
das  gern  auf der  Umarmung  zweier  Freunde  ruht,  muB  sich  noch 
mehr  heiligen,  urn  mit  Entziicken  auf  das  Umfassen  zweier  ho- 

10  herer  Freundinnen  zu  blicken.  Und  da  ihr  mein  hartes  Geschlecht 
kennet,  ihr  Teuren,  so  entruckt  ihr  ihm  so  oft  den  Anblick  eines 
miBverstandnen  Werts,  wie  die  verehrten  Stamen  der  romischen 
Gotter  durch  Vergraben  dem  Zertrummern,  oder  Mosis  Gestalt 
durch  Verhehlen  dem  Anbeten  entzogen  wurde. 

Julie  -  so  hiefi  die  Grafin  —  blickte  ihre  Tochter  lange  und  mit 
unbezwinglichen  Tranen  an,  die  mit  dem  Profil  sich  in  ihre  Nah- 
arbeit  vertiefte.  »Adeline!«  sagte  die  brechende  Stimme.  Die 
Tochter  kehrte  sich  zitternd  zu  ihr;  und  der  Ton  und  die  Wan- 
gen  voll  alter  Tranen  hatten  ihr  alles  gesagt,  und  sie  fiel  stumm, 

20  ohne  eine  einzige  Frage,  an  den  gequalten  Busen  -  und  sie  kuBten 
sich  schweigend  -  und  weinten  schweigend  —  und  gleichwohl 
blickten  sie  sich  an  und  weinten  noch  mehr. 

Julie  driickte  sanft  die  widerstehende  Freundin  von  ihrem  Her- 
zen  und  zog  sie  endlich  neben  sich  nieder  auf  ihren  Sitz  und  fmg 
an:  »Tochter,  wenn  du  einen  Wunsch  bisher  hattest,  so  sag  mir 
ihn  jetzt:  ich  werd*  ihn  gern  erhoren  -  sag  ihn!«  -  »Meine  Wiin- 
sche  sind  Ihre,  weiter  hab'  ich  keine.«  -  »Nicht  so,  Adeline!  - 
wenn  du  etwas  wiinschest,  so  begehr  es  jetzt  von  mir;  ach!  du 
weiBt  ja  nicht,  wenn  du  mich  verlierst.«  -  »Nein,  nein  —  ich  wun- 

30  sche  nichts,  als  daB  Sie  froher  sind und  daB  ich  Sie  wieder 

umarmen  darf,  das  wiinsch'  ich,  geliebteste  Mutter !«  - 

Sie  umfaBten  sich,  und  unter  dieser  tauschenden  Nahe  der 
armen  berauschten  Sterblichen  sagte  die  Mutter:  "Tochter,  rede 
anders!  Wenn  du  einmal  nach  meinem  Tode  an  mich  dachtest 
und  dich  fragtest,  ob  ich  irgendeine  deiner  Neigungen  nicht  ge- 
nehmigen  wiirde:  sage  mir,  was  wiirdest  du  tun,  wenn  du  dach- 


3IO  BIOGRAPHJSCHE  BELUSTIGUNGEN 

test,  ich  wiirde  sie  nicht?  Gib  mir  deine  Antwort  heute.«  -  (Nach 
einem  langen  zitternden  Schweigen:)  »Nein,  nein,  ich  werde 
schon  vorher  sterben  -  was  konnt'  ich  noch  lieben?  -  Ach! 
teuerste  Mutter,  nennen  Sie  mir  es  jetzt,  ich  werde  ja  alles  recht 
gerne  fliehen^  was  Sie  wollen.«  —  »Du  sollst  nkhts  fliehen;  aber 
wurdest  du  auch  jeden  Menschen  lieben,  den  ich  Iiebte?«  -  (Zu 
fein:)  »Jeden,  wie  meinen  Vater^  wurd'  ich  ihn.« 

»  Adeline,  wie  sprichstdu!  Du  kennst  mich  heute  nicht.«  -  (Ihr 
um  den  Hals  fallend:)  »0  Gott!  Mutter,  wie  verstehn  Sie  mich?« 
-  (Sie  an  sich  schlieBend:)  »Bleibe  nur  so!  Und  sage  mir  heilig  10 
zu,  als  standest  du  an  meinem  Sterbelsger,  versprich  mirs,  bald 
zu  wahlen.  —  Wahle,  wenn  dein  Herz  nicht  zu  viel  dagegen  hat, 
den  Grafen.« 

Aber  hier  muBte  Adeline  im  Schwindel  der  Empfindungen,  die 
sie  umkreiseten,  der  doppelten  Liebe,  der  Scham,  der  Freude,  des 
Erstaunens,  sich  an  den  mutterlichen  Busen  lehnen,  der  zugleich 
ihr  Schleier  war,  und  sie  hatte  nichts  in  der.Gewalt  als  die  siiBe- 
sten  Tranen,  und  kein  Ja,  soriderri  einen  langen  KuB.  —  Zartlich 
sagte  die  Mutter:  »So  sagst  du  mir  doch  dein  Nein  nicht«;  und 
leise  lispelte  ihr  ins  Herz  Adeline:  »Nein!«  -  20 

Nur  der  weiche  Finger  der  Mutter  konnte  den  Harpokrates- 
Finger,  den  sich  Adeline  immer  auf  ihre  Lippen  druckte,  weg- 
schieben  und  dann  die  schone  Seele  im  Nonnenschleier  eilig  an 
das  Sprachgitter  ziehen,  damit  sie  da  das  Geliibde  des  weiblichen 
Schweigens  noch  schoner  breche  als  halte.  Aber  allein  die  Mutter 
konnt'  es  auch  nur. 

Warum  nehmen  euch,  ihr  Manner,  solche  Charaktere  nur  auf 
dem  Schreibtische  und  nicht  im  Leben  ein?  Warum  schont  ihr 
nicht  ein  scheues  frommes  Zogern  mehr,  das  ihr  bloB  lobt?  und 
wenn  ihr  so  viel  Recht  habt,  ein  solches  moralisches  schreckhaftes  30 
Auffahren,  einen  solchen  heiligen  Skeptizismus,  ein  solches  Mifi- 
trauen  gegen  die  zusammenkommenden  Grenzen  des  Vergniigens 
und  der  Tugend  zu  begehren:  so  habt  ihr  eben  darum  weniger 
Recht,  als  ihr  meint,  die  Gelegenheit  zur  Probe  zu  geben.  -  Ich 
sehe  nicht  ein,'  warum  allemal  ihr  den  Preis  ihrer  Siege  oder  die 
Beute  ihrer  -  Kampfe  nehmen  wollt  und  mit  welchem  Rechte 


DRITTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  311 

ihr  euch  mit  euern  blutsaugenden  Zungen  an  jede  entbloBte  Stelle 
ihres  Herzens  anlegt,  wie  in  Ost-Indien  die  Vampyre  auf  jeden 
Schlafenden,  dessen  Stirne  nicht  ganz  zugedeckt  ist,  niederfallen 
und  sie  blutig  lecken. 

Gehe  nachmittags,  Leser,  mit  unserm  bluhenden  Paar,  das  nun 
eigne  und  mutterliche  Wiinsche  vermahlen  und  das  sich  von 
einem  glucklichen  in  nichts  unterscheidet  als  in  der  HofFnung, 
gehe  mit  beiden  nachmittags  nach  der  St.  Georgen-Abtei  bei  Ge~ 
netay,  die  zwei  Stunden  von  Rouen  abliegt.  Die  Absicht  ihres 

10  Lustganges  ist,  dem  seltensten  Echo  zuzuhoren,  das  noch  als 
Kapellmeister  die  aufs  Chorpult  eines  Berges  gelegten  Melodien 
spielte.  Es  hat  das  Sonderbare1,  daB  ein  Sanger  da  nur  seine  Stim- 
me,  Zuhorer  aber  seine  nicht,  sondern  nur  den  Widerhall  der- 
selben,  oft  zwei  Stimmen  statt  einer,  und  alle  sie  anders,  bald 
naher,  bald  weiter  vernehmen. 

Auf  dem  ganzen  Himmelswege  hielt  auf  Adelinens  Angesicht 
eine  lebhafte  schuchterne  Verwirrung  an,  deren  heutige  Quelle 
und  deren  schonste  Bedeutung  dem  Grafen  verborgen  blieb.  Der 
helle  wehende  Himmel  des  Nachsommers  wiegte  gleichsam  die 

20  Erde  in  den  Winterschlaf,  und  unser  Paar  in  den  Seelenschlaf  der 
Ruhe.  Sie  schwankten,  auf  dem  bequemen  Steige  der  Schonheits- 
linie,  dem  reizenden  Echo  entgegen  und  folgten  Pfaden  mit  klei- 
nen  Kriimmungen  nach,  so  wie  die  Seine  neben  ihnen  in  groBen 
dem  Meere  entgegenfloB. 

Sie  kamen  an  und  durchstreiften  die  irdische  Walhalla,*  aber 
fast  so  wie  Lismore  immer  den  Standpunkt  verfehlte,  auf  dem 
seine  Seele  ihr  Echo  in  Adelinens  ihrer  horen  konnte,  so  ging  es 
beiden  auch  mtt  dem  Standpunkte  des  physischen  Echo:  sie  fan- 
den  ihn  nkht.  Der  Graf  trostete  sich  leicht  dariiber:  eine  weiB- 

30  bliihende  Allee  von  seligen  Minuten  war  bis  an  den  Abend  fur  ihn 
gepflanzt,  wo  die  Grafin  Mladotta  mit  einem  Wagen  kommen 
und  die  Tochter  abholen  wollte.  Nur  mit  halben  Lauten  flog  sein 

1  In  den  physischen  Abhandlungen  der  Akademie  der  Wissenschaften  zu 
Paris  v.  J.  1692  steht  dieses  Echo  beschrieben.  Quesnet  leitet  es  vom  Halb- 
Zirkel  eines  Hofes  ab.  -  Jetzt  aber  haben  die  angepftanzten  Baume  der  Nach- 
barschaft  seine  Reize  ein  wenig  verringert. 


312  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

Geist,  der  seinen  verwandten  suchte,  furchtsam  und  schnell  um 
die  zugeschloBnen  Knospen  der  schonerrGefuhle,  die  in  Ade- 
linens  Herzen  noch  ohne  Farbe  und  ohne  Sonne  lagen,  wie  sich 
Bienen  an  Kornblumen,  die  noch  nicht  aufgebrochen,  hangen. 
Wie  wenig  brauchen  zwei  Menschen,  deren  Herzen  voll  sind,  von 
der  auBern  Welt,  wie  wenig!  Nur  einige  Blumen,  keine  eng- 
lischen  Anlagen  -  nur  einen  durchsichtigen  Bach,  keinen  schifF- 
baren  Strom  —  nur  ein  im  Blauen  flatterndes  Wolkchen  aus  Silber- 
folie  und  die  schwer  aufgestellten  goldnen  Fliigeldecken,  womit 
ein  beseeltes  Flug-  und  Goldsandkornchen  aus  dem  ausgetrunk-  JO 
nen  Blumenkelche  aufsteigt ...  Denn  alsdann  wird  vom  erwarm- 
ten  Herzen  nicht  bloB  die  ganze  Erde,  sondern  auch  alles  Kleine 
dankbar  angezogen,  wie  Edelsteine  nicht  bloB  Licht,  sondern 

auch  Spreu  an  sich  saugen. Aber  nur  ein  zweites  bewegtes 

Herz  ist  die  dunkle  Kammer,  worin  diese  Natur  in  Bewegung  sich 
abmalt  -  unser  Papier  ist  nur  steife  Leinwand  mit  festen,  gelahm- 
ten  Figuren. 

Einige  Tagblumen  falteten  sich  schon  zu,  und  die  Seele,  die 
Nachtviole  in  dem  Nachtleben,  tat  sich  weiter  auf  und  offnete 
sich  den  Sternen.  -  Ach!  gleich  eingeschifften  Negersklaven  wer-  20 
den  wir  von  der  Sehnsucht  nach  unserm  warmern,  schonern 
Valerianic  am  meisten  zu  nachts  erweicht  und  gedriickt.  -  Aber 
beide  erwarteten  jetzt  statt  des  Echo  nichts  weiter  als  die  Mutter. 
Ein  kiihler  Seewind,  der  sich  mit  Wimpeln  und  Brandungen 
mude  gekampft,  trieb  jetzt  nur  noch  mit  weichen  Locken  und 
Bachwellen  sein  letztes  Spiel,  und  die  Blumen  wankten  nach,  da 
er  von  ihnen  aufflog  und  mit  den  Vogeln  sich  in  die  Gipfel  ver- 
steckte. 

In  solchen  Stunden,  wo  die  ganze  Natur  von  ihren  Blumen 
bis  zum  Abendrot,  gleich  den  Blumen  im  Morgenlande,  ein  gro-  3o 
Ber  Brief  der  Liebe  voll  schoner  Zeichen  ist,  da  wurde  der  von 
einem  halben  Leben  voll  Taten  nicht  gesattigte  Lismore  durch 
die  Wonne  besanftigt  und  bezahmt;  und  er  stand  mit  einem  von 
den  Liebesarmen  der  Natur  festgehaltnen  Herzen,  das  keine  epi- 
leptische  Schlage  tat,  suB  in  die  gleich  ihm  gemilderte  Abend- 
sonne  verloren,  ein  wenig  von  Adelinen  weg,  abgesondert  durch 


DRITTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  313 

ein  Orangeriegelander.  Sie  blickte  umgewandt  zuriick  nach  der 
erwarteten  Mutter  und  er  nach  der  Sonne,  die  glimmend  iiber 
dem  Meere  hing.  Lismore  begleitete  sie  mit  einem  Abschiedsge- 
sange,  den  er,  da  er  in  allem  ein  Improvisatore  war,  eben  selber 
machte.  Der  Inhalt  davon  war:  »Kreise  trager  um,  du  goldnes 
Zifferblatt  des  Himmels!  -  Rolle  nicht  so  schnell  mit  deiner  Glut 
aus  unserm  holden  Abend!  Ach!  ziehest  du  jetzt  mit  einem  scho- 
nern  Morgen  ubcr  Amerika  herauf?  -  Wirst  du  nur  betaute  Blu- 
men,  nicht  auch  nasse  miide  Augen  aufschliefien?  Wirst  du  nicht, 

10  wie  ein  heiBer  Funke,  auf  manchen  wunden  Busen  fallen,  dem  du 
ein  langes  Tagewerk  voll  Qualen  auflegst?  -  Schlummre  lieber 
in  unserm  Abendrot  und  laB  dem  armen  Negersklaven  seine  tro- 
stende  Nacht,  seinen  Traum  von  dem  entriickten  Vaterlande  und 
seine  ruhige  kleine  Minute  voll  Kiihle  und  Gliick.«  —  Auf  ein- 
mal  stockte  seine  Begeisterung:  er  dachte  an  sich  und  fuhr  fort: 
»Ach!  ziehe  nur  hin,  wartet  denn  nicht  in  jedem  Winkel  auf  dein 
Verbergen  ein  Auge,  das  weinen  -  ein  Herz,  das  sprechen  - 
ein  Jammer,  der  ruhen,  und  ein  Geist,  der  den  Tag  vergessen 
will?« 

20  So  sang  er  und  glich  der  Nachtigall,  die  nach  der  Meinung  der 
Perser  allemal  mit  einer  gegen  einen  Dorn  gekehrten  Brust  zu 
schlagen  pflegt.  Adeline  stand  unwissend  im  Brennpunkte  des 
Echo.  Er  horte  also  nichts  wie  sich,  aber  sie  horte  statt  seiner  bloB 
die  zerteilte  Engelszunge  des  Nachhalls,  der  die  schone  Stimme  in 
zwei  zerlegte  und  damit  wie  mit  zwei  Armen  das  beste  Herz  ge- 
fangen  nahm.  Sie  breitete,  bis  zum  Weinen  entziickt,  ihre  Arme 
auf  die  niedrige  Orangerie  hinter  seinem  Riicken  aus  und  stellte 
sich  vor,  er  hore  den  Doppelgesang  auch.  Sie  hatte  das  Echo  ver- 
gessen, weil  der  Mensch  lieber  einen  Menschen  als  ein  Echo  vor- 

30  aussetzt,  so  wie  er  im  Winter  lieber  dem  Gefuhle  der  Warme, 
die  ihm  die  BeWegung  gibt,  als  der  GewiBheit  der  Kalte  glaubt. 
Endlich,  da  alles  aus  war,  sagte  sie  mit  einem  ungewohnlichen 
Tone:  »Wie  himmlisch!  was  fur  ein  Ton!  Ach!  solche  Herzen 
muB  man  lieben.« 

Lismore  kehrte  sich  betroffen  zuriick,  und  ein  weiter  heller 
Himmel  voll  Mondschein  ruhte,  von  der  schonsten  Seele  ausge- 


314  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

malt,  auf  dem  schonsten  Gesichte  vor  ihm.  Sie  fragte  gleichsam 
sein  Erstaunen:  »Haben  Sie  das  Singen  gehort?«  -  Ihm  war  das 
Echo  unvernehmlich  geblieben;  er  sagte:  »Ich  weiB  nur  meines.« 
Sie  wurde  hochrot,  sagte  aber  ebenso  schnell  als  leise:  »Ich  habe 
Sie  nicht  gehort.«  Ein  Strahl  beleuchtete  jetzt  das  doppelte  Ratsel, 
und  Leolin  verfiel  auf  den  Maschinengott  des  Echo  und  sang, 
ohne  weitere  Antwort  und  von  ihr  abgewandt,  die  Worte  gegen 
die  Abendsonne:  »Sinke  nur  ein,  o  Sonne,  das  Echo  und  Adeline, 
und  der  Mond  und  Julie  gehen  in  deinem  Himmel  auf,  und  du 
wirst  nicht  vermiBtU  10 

Eilig  d rente  er  sich  zur  irrigen  Zuhorerin  zuriick  und  sagte 
bittend-beklommen :  »Nehmen  Sie  darum  alles  zuriick,  was  Sie 
gesagt  haben?«  -  O!  welcher  begeisterte  Genius  lahmte  die  Irr- 
lehrerin  mit  einer  verwirrten  stiBen  Unbeweglichkeit  ?  Ihre  weiBen 
Arme  blieben  auf  das  Griin  wie  Schmetterlingsschwingen  gedeckt 
—  ihr  bestiirztes  und  begllicktes  Auge  zog  die  ersten  Blicke  der 
iiberraschten  Liebe  zu  langsam  zuriick  -  und  die  Beschamung 
liber  die  Verwechslung  nahm  der  Zunge  die  Krafte  des  Wider- 
spruchs.  Die  Sonne  tropfte  wie  geschmolznes  Gold  in  das  nahe 
Meer  -  aber  eh'  sie  in  den  Fluten  erlosch,  flatterte  ihr  blendender  *o 
Purpur  vor  Adelinens  Auge  und  verdunkelte  es  -  und  in  einer 
Trane  wurde  die  augenblickliche  Nacht  und  der  Purpur  groBer  - 
und  nun  kniete,  in  der  fliichtigen  Unsichtbarkeit  ungesehen,  ihr 
Freund  vor  sie  hin  und  zog  ihre  Hand  iiber  die  kalten  Orangen 

herab und  zum  ersten-,  erstenmal  in  seinem  Leben  war  ihm, 

als  zoge  die  Fahrt  seines  Lebens  eine  lange  schimmernde  Furche 
in  die  Vergangenheit,  wie  Schiffe  ins  Meer  eine  leuchtende  StraBe 
bahnen.  -  Alles  Erhabne  in  seiner  Seele  stieg  auf  und  sagte  ihm  : 
schweige  nur  heute  und  laB  die  Beklommne  schweigen.  -  Er 
schwieg;  aber  die  augenblickliche  Nacht  war  die  Amors-Binde,  30 
die  Adelinen  den  schonen  Verlust  der  Hand  und  des  Herzens 
verdeckte,  wie  physische  Glieder  nur  mit  verbundnen  Augen  ab- 
genommen  werden.  Ihre  Seele  sank  in  seine  gliihende,  wie  ein- 
mal  Planeten  in  die  Sonne  fallen.  -  Ach!  da  die  Sonne  hinunter 
war  und  da  sie  ihn  anblicken  wollte,  da  fiihlte  sie  erst,  wie  viel 
sie  ihm  gegeben  habe. 


VIERTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  31  5 

Nun  ging  auf  der  bleiche  Mond  und  die  -  bleiche  Mutter: 
ach!  zwei  glucklicheTranen  und  eine  Wangenrote  sagten  ihr  alles, 
und  als  die  Tochter  sie  zitternd  und  Jieftiger  als  sonst  umarmte, 
war  ihr  denn  da  die  brennende,  bebende  Lippe  auf  ihrer  Hand 
zum  Losen  des  Ratsels  noch  notig?  —  Aber  der  reiche  Perlen- 
fischer  kehrte  mit  der  hellsten  und  reifen  Perle  eines  Weiber- 
herzens,  das  sich  aus  dem  reinsten  Busen  so  schimmernd  abge- 
schieden,  geschmuckt  und  glanzend  nach  Hause. 

Drei  himmlische  Genien  flogen  mit  den  drei  Menschen;  aber 
10  ein  einiiger  Genius  weinte. 


VlERTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG 

Der  Tod 

Wenn  der  Krieg  seinen  Ameisen-  oder  Maulwuffspflug  auf  unsrer 
Kugel  einsetzt  und  mit  einer  Pflugschar,  welche  Lander  durch- 
schneidet,  die  aufgeworfnen  Ameisen-Hugel,  die  man  Stadte 
nennt,  aushebt,  umstiirzt  und  zerreibt:  so  schamt  man  sich  bei- 
nahe,  die  Wunde  einer  einzelnen  Ameise  anzumerken,  oder  am 
Ufer  der  Blutbache  seinen  eignen  vergoBnen  Blutstropfen  mit  der 
Blutwaage  des  Doktor  Glasers  auszumessen;  aber  woraus  bestehn 

20  denn  diese  Bache  am  Ende  als  aus  den  Tropfen  einzelner  Wunden? 
Fallen  denn  nicht  alle  aufgehobnen  Hammer  des  Hammerwerks 
der  Kriegsmaschine  immer  nur  auf  einzelne  Herzen  herunter, 
jeder  Hammer  auf  seines?  -  Oder  soil  im  Kriege  die  Menge  der 
Ungliicklichen  mir  den  Anteil  an  einem  einzigen  verwehren? 
Dann  konnt'  ich  auch  auBer  dem  Kriege  niemals  einen  nehmen: 
denn  wenn  ich  den  Raum,  in  den  jede  Stunde  die  unzahligen 
Seufzer  und  Wunden  der  Menschen  zerstreuet,  mit  der  Phantasie 
zusammenziehe :  so  stent  ein  Schlachtfeld  vor  mir. 

Verurteile  daher,  du,  der  du  vielleicht  in  dieser  Minute  den 

30  tausendschneidigen  Sichelwagen  des  Krieges  den  Berg  herunter- 
rollen  siehst  unter  die  unten  am  Abhange  seiner  Bahn  liegenden 
Kinder  und  Mutter,  verdamme  in  deinem  schonen  Schmerze  den 


316  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

unaufhorlichen  nicht,  womit  du  jetzt  eine  Tochter  neben  ihrer 
toten  Mutter  erblicken  wirst  -  Adeline  neben  Julie. 

In  der  Mutter  kiindigte  sich  der  zweite  SchlagfluB  durch  wei- 
chere  Herzensnerven  an,  die  ohne  Nervenhaute  entbloBt  in  die 
Krallen  des  Rummers  Helen.  Die  Zuriistungen  zur  Reise  wurden 
ihr  die  zu  einer  letzten:  jedes  aufgemachte  Ringfutteral  stellte  ihr 
die  verwesenden  Finger  vor,  denen  sie  den  ersten  Ring  der  Liebe 
gegeben  —  jedes  zusammengelegte  Kleid  war  das  noch  oben 
schwimmende  Gewand  ihres  vorigen  schonern  Friihlings,  der 
nun  in  die  Fluten  der  Zeit  hinunterfiel  -  jeder  Traum  enthauptete  io 
ihren  Gemahl  -  und  da  sie  an  einem  Morgen  in  der  Schlaftrun- 
kenheit  die  blasse,  mit  Rot  umwolkte  Sonne,  die  gegen  Sud- 
Osten,  iiber  der  Gegend  von  Paris,  aufging,  fiir  sein  bleiches,  mit 
Blut  umfloBnes  Haupt  ansah,  so  schwindelte  und  erstarrte  das 
ihrige,  und  —  ihr  Geist  zog  in  den  Ather  und  sah  nur  von  feme 
die  Erde  die  Ruinen  seines  eingefallnen  Kerkers  um  die  Sonne 
tragen. 

-  Als  die  Tochter  den  Leichnam  erblickte :  fuhr  aus  ihm  gleich- 
sam  ein  eiskalter  Schmerz  wieeine  kalte  Schlange  und  rollte  sich 
um  ihr  Herz  -  und  dann  sog  ers  aus  -  und  schwellt*  es  wieder  20 
auf  mit  heiBem  Gift  —  und  so  hing  es  erdriickt-welkend,  ausge- 
leert  und  brennend  in  seinen  Natter-Ringen  und  Giftzahnen.  — 
Vergeblich,  armer  Lismore,  reichst  du  ihr  die  lindernde  Arznei 
des  Trostes;  sie  kann  sie  nicht  einnehmen  -  sie  ist  nicht  ungehor- 

sam,  sondern  taub  gegen  den  Trost Gehe  weg  von  mir,  du 

blasses  Bild !  du  tust  mir  zu  wehe,  und  ich  tue  andern  zu  wehe !  - 

Warum  nehm'  ich  mir  so  oft  vor,  dem  Schmerze  weniger 

Farbe  und  nur  einen  kleinern  Hintergrund  in  meinen  Gemalden 
zu  geben,  und  warum  kann  ichs  nicht?  -  Erinnr*  ich  mich  denn 
nicht,  daB  der  beBre  Mensch,  wie  ein  Hoherpriester,  keine  Trauer  30 
tragen  soil  und  daB  ich  mich  und  den  andern,  da  wir  uns  auf  der 
einen  Seite  so  sehr  verharten  gegen  die  Raubereien  des  Gliicks, 
gegen  den  Lockenraub,  die  Kelchberaubung,  den  Brot-,  Obst- 
und  Ehrendiebstahl  desselben,  daB  wir  uns,  sag'  ich,  wieder  auf 
der  andern  zu  sehr  erweichen  gegen  seinen  Menschen-  und  Lei- 
chenraub?  -  Ach!  ich  denke  wohl  daran;  aber  ich  denke  auch, 


VIERTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  317 

dieser  Schmerz  ist  nur  eine  hohere  Art  zu  lieben  und  eine  sanftere 
zu  leiden;  und  wie  will  ich  die  Phantasie  bezwingen,  wenn  sie 
mich  vor  die  uberflorte  Adeline  fuhrt,  die  am  meisten  daruber 
klagt,  daB  der  SchlagfluB  die  Zunge  ihrer  Mutter  fruher  starr  ge- 
macht  als  das  Herz?  -  »Ach!  sie  wollte  mir  noch  etwas  sagen  und 
konnte  nicht«,  sagte  sie.  Unter  alien  Trauerreden  krankt  mich 
allezeit  diese  am  meisten,  wenn  ich  hore,  daB  der  Tod  einen  ge- 
liebten  Menschen  wie  ein  Sturm  aus  der  Erde  gerissen,  ohne  daB 
er  hatte  mit  einem  einzigen  unvergeBlichen  Worte  oder  Blicke 
von  den  Seinen  Abschied  nehmen  konnen;  denn  wenn  die  aufs 
Grab  gesteckte  Trauerweide  ausgestorben,  wenn  alle  Trauer- 
kleider  uber  den  Dahingegangnen  verschenkt  sind,  und  wenn 
nur  die  jahrliche  Feier  seines  Sterbetages  das  Auge  mit  einem 
fliichtigen  Schmerze  benetzt :  so  vertrocknet  doch  der  bittre  scharfe 
Tranentropfe  nicht,  wenn  man  denken  muB :  »Er  verschied  stumm 
und  konnte  keinen  Abschied  nehmen.«  -  Aber  du  noch  Armerer! 
wenn  noch  dazu  dein  Geliebter  weit  von  dir  in  der  Todeswolke 
erstickt  und  verschwindet :  so  bringen  dir  alle  Jahre  keinen  Trost. 
—  Und  eben  darum,  wenn  bei  eueh  ein  Fremdling  begraben 

,  wird,  so  scharret  auf  seine  letzte  Erdenbiirde  nicht  ein  langes 
Kreuz,  das  so  bald  verraset,  sondern  driickt  ein  holzernes  oder 
ein  metallnes  mit  der  Tafel  seines  Namens  und  Alters  hinein, 
damit  doch,  wenn  er  vielleicht  einen  Freund,  einen  B ruder,  einen 
Vater  hat,  der  ihn  nicht  vergessen  kann  und  der  die  jammervolle 
Reise  zu  seinem  Grabe  macht,  urn  nur  das  Trauergeruste,  die 
Wohnung,  die  Decke  der  hinter  Erde  ewig  versteckten  geliebten 
Brust  zu  sehen,  ich  sage,  bezeichnet  doch  dieses  Aschen-  und 
Blutgeruste,  damit  der  Reisende  seinen  Toten  finde  in  der  Wiiste 
von  Toten.  -  Ist  er  wieder  fort  mit  dem  gestillten  Schmerz,  dann 

1  falle  immer  das  eiserne  Kreuzchen  um,  und  die  metallische  In- 

schrift  losche  aus,  und  das  Grab  platte  sich  ab. Ach!  es  tut 

wehe  durchs  ganze  lange  Leben,  wenn  man,  wie  ich,  denken 
muB:  »Deines  hat  kein  Zeichen,  wie  das  Grab  eines  Begrabnen 
im  Meere.« 

-  Als  Julie,  die  sich  wie  eine  abgepfluckte  Rose  noch  im  Sarge 
rotete,  endlich  durch  die  letzte  Scheidewand  des  Lebens  von  ihrer 


318  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

Tochter,  die  im  Kontraste  mit  ihr  einer  schneeweiBen  Rose  glich, 
geschieden  war:  zog  die  Untrostliche  gern  aus  ihrem  Mutterlande 
mit  den  zwei  Brustlocken,  die  sie  mit  tausend  Tranen  dem  ein- 
gesargten  Haupte  abgenommen.  Sie  wanderte  gern  aus,  sag'  kh, 
aus  einem  sonderbaren  Grunde :  sie  durfte  auBer  Landes  um  ihre 
Mutter  Trauerkleider  tragen.  Du  teure  Blondtnel  (aber  die  Natur 
machte  dich  nicht  allein  dazu!)  Schwarz  kleidet  Blondinen,  und 
das  Schicksal  faBt  dich  in  Trauer  ein,  wie  man  dem  weiBen  De- 
mant  elfenbeinernes  Schwarz  unterlegt.  -  Aber  du  hast  deine 
Reize  vergessen  und  deine  Liebe:  und  dein  Geliebter  ware  beider  10 
unwiirdig,  wenn  er  jetzt  dich  an  sie  erinnerte. 

Sie  sehnte  sich  nach  Schottland,  weil  die  Schwester  des  Grafen 
sie  erwartete;  denn  eine  verwaisete  Tochter  legt  ihr  wundes  Herz 
lieber  an  ein  weibliches  als  an  eine  mannliche  Brust.  Lismore 
€ilte:  denn  das  aus  alien  gallischen  Hauptstadten  herausklingende 
Glockenspiel  von  tausend  Totenglocken  so  vieler  Schuldlosen 
nagte  mit  den  todlichen  Bebungen  einer  Harmonika  ihre  zktern- 
den  Nerven  auseinander.  Gepriiftes  Frankreich!  verkenne  die  Zu- 
kunft  nicht,  wenn  der  Orkan  alle  gifttge  Seeungeheuer  aus  dem 
Schlamme  deines  weiten  Meers  vorwiihlt,  wie  die  Stiirme  aus  20 
dem  Meersboden  nicht  bloB  Ambra,  sondern  auch  Giftfische  ans 
Ufer  stoBen.  - 

Aber  wie  triibe  war  der  Anblick,  da  Lismore  wie  ein  Delphin 
seine  traurige  Geliebte  aus  diesen  blutigen  Wellen  an  die  iweite 
freieKust'e  trug!  Adeline,  die  nun  erst  auf  demMeere  denSchmerz 
empfand,  einem  Vaterlande  und  zwei  teuern  Grabern  den  Rucken 
zu  kehren,  legte  schon  im  Schiffe  die  ewige  Trauer  an.  Ach!  es 
wurd'  ihr  so  schwer,  zu  leben!  Halt  es  ihr  nicht  vor,  daB  sie  sich 
die  stumpf  geweinten  Augen  gar  blind  maohe!  Fliegt  denn  nicht 
ihre  Seele,  wie  eine  abgeschiedne,  ewig  uber  der  bedeckten  Hohle  30 
<ler  besten  Mutter?  Ach!  ist  es  denn  nicht  gerade  jetzt  mitten  auf 
ihrer  Lebensreise,  wo  sie  kaum  23  Jahre  hinter  sich  hat,  daB  sie 
von  ihrer  Fiihrerin  verlassen  wird,  die  sich,  wie  der  Reisegenosse 
des  jungen  Tobias  (aber  fruher),  verwandelt  in  einen  aufsteigen- 
den  Engel  ?  —  Ach !  und  wenn  du  nachts  einsam  vor  dem  Mond, 
der  aus  Wogen  quillt,  wie  dein  Auge  aus  Tranen,  wenn  du  da 


FUNFTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  319 

miide  und  still  (urn  nicht  getrostet  zu  werden)  und  so  lange,  als 
du  darfst,  zuriickblickst  nach  dem  unvergeBlichen  Lande,  und 
wenn  dich  dein  Schmerz  auf  den  Hugel  ihrer  Himmelfahrt  tragt, 
und  wenn  du  dann  unermudet  dem  Herzen  nachsiehst,  das  hinter 
den  Sternen  verschwand:  ach,  du  Traurige!  welcher  Traurige, 
der  nur  ein  einzigesmal  hinter  emern  Totenkranze  ging,  wer 
konnte  dich  tadeln  oder  nur  storen? 


FtJNFTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG 

Trauer  einer  guten  Tochter  —  Neujahrstag  —  Derbystoner-Vase  — 
10  Zweck  der  Ehe  —  Argwohn 

Ich  glaube,  unsrer  Adeline  konnte  der  lange  Katakombengang 
ihrer  Zukunft  nicht  neblichter  und  bergiger  vorkommen  als  Schott- 
land,  noch  finsterer,  als  das  Gesicht  war,  womit  die  Schwester  des 
Grafen  ihr  bis  auf  eine  Stunde  vor  Glasgow  entgegenfuhr.  Jane 
Gladuse  (Johanna  Klaudia)  war  namlich  in  ihrer  Jugend  von 
ihrem  Eheherrn  wieder  freigelassen  worden,  bloB  mit  dem  Ehe- 
Ring  signiert,  als  Zeichen  ihrer  verlornen  Freiheit,  wie  man  die 
von  Falken  gefangnen  Reiher  mit  einem  Ringe,  der  den  Fursten 
und  den  Datum  des  Fanges  entdeckt,  wieder  fliegen  laBt.  Sie  war , 

20  eine  verwitibte  junge  Dame  von  49  Jahren  und  gehorte  unter  die 
Witwen,  die  man,  wie  den  griinen  Tee,  funfmal  aufgieBen  (nam- 
lich heiraten)  kann,  ohne  sonderlichen  Verlust  ihrer  aromatischen 
Kraft.  Nun  saB  gerade  jetzt  ein  zweiter  AufgieBer  oder  Abonnent 
auf  ihr  Exemplar  in  London,  der  bald  die  Winterlustbarkeiten 
mit  den  Friihlingskuren  zu  Glasgow  zu  vertauschen  versprach. 
Nicht  die  Ankunft  ihres  Bruders,  den  sie  so  innig  liebte  wie  ihren 
zweiten  Abonnenten  und  Pratendenten,  sondern  seine  mitreisende 
Trauerschleppe  war  ihr  verhafiter  als  Robespierres  Schweif :  denn 
an  seiner  Heirat  zerschellte  wahrscheinlich  die  ihrige.  Ihr  fiel, 

30  wenn  er  ein  Hagestolz  blieb,  die  Halfte  der  durch  sein  Leben 
gehenden  Transito-Giiter  anheim,  als  eine  aufs  Zolibat  gelegte 
Taxe.  Bisher  hatten  ihn  nun  nicht  nur  alle  Madchen,  wie  wir 


320  BIOGRAPHISCHE   BELUSTIGUNGEN 

wissen,  durch  die  gedrohte  Anwartschaft  der  taglichen  Gefang- 
nisfieber  vor  der  Conciergerie  der  Ehe  gewarnt,  sondern  auch 
Jane  selber:  denn  Lismore  war  Zeuge  gewesen,  daB  seine  Schwe- 
ster  mit  ihrem  Eheherrn  ganz  anders  als  Xanthippe  mit  Sokrates 
zusammengelebt;  denn  der  Grieche  hatte  bekanntlich  Geduld  und 
die  Griechin  Kinder.  Aus  dem  Anblicke  ihrer  Ehe  und  aus  deren 
Kontraste  mit  den  romantischen  Hoffnungen,  die  sich  der  Graf 
vom  Glucke  der  seinigen  und  von  der  moglichen  Identitat  zwi- 
schen  Braut  und  Gattin  machte,  kann  ich  mir  ja  viel  besser  als  aus 
andern  Griinden  eine  recht  stachlichte  Verzierung  seines  Saals  er-  10 
klaren:  man  weiB  namlich,  wenn  in  der  einen  Nische  eines  Saals 
eine  Statue  stent,  die  man  einheizt,  so  muB  nach  dem  Stuben- 
Rhythmus  in  der  andern  eine  gegeniiberstehen,  durch  die  das 
SchloB  (wie  z.  B.  des  Fiirsten  v.  Esterhazy  seines)  abbrennt,  wenn 
der  Ofenheizer  Feuer  anmacht.  Zu  diesen  zwei  Ofenpuppen  wahlte 
der  Graf  in  der  einen  Blende  einen  Amor,  den  man  heizte,  und  in 
der  andern  den  Hymen,  in  den  nie  ein  Schwefelfaden  kam. 
*  Adeline  schloB  ein  nachsichtiges  freundschaftliches  Herz  fur 
die  Schwester  auf,  deren  Bruder  ihr  noch  auBer  dem  seinigen  so 
viel  gegeben :  sie  war  uberhaupt  die  schone  GegenfiiBlerin  der  20 
meisten  Madchen,  die  gegen  Herren  sich  nicht  genug  biicken  und 
gegen  Mitschwestern  sich  nicht  genug  zuriickwerfen  konnen  und 
die  Zuruckhaltung  und  Gefalligkeit  an  die  unrechten  Geschlech- 
ter  vertetfen.  Mir  geht  die  junge  Dame,  Jane  Gladuse,  nahe:  denn 
eh'  beide  zum  Tore  einfuhren,  muBte  sie  -  sie  setzte  sich  vergeb- 
lich  dagegen  -  wahrhaftig  die  bleiche  Emigrantin  von  Herzen 
Heben.  »Die  gute  Fremdlingin  hat  ja  auf  ihrem  Gesichte  das  Spa- 
nisch-weiB  und  Perl-weiB  und  Orgelmacher-weiB  beisammen, 
und  betriibter  und  betranter  konnte  man  gar  nicht  aussehen«, 
dachte  Gladuse,  und  aus  der  totalen  Sonnenfinsternis  ihres  eignen  30 
Gesichts  wurde  eine  partiale.  Denn  sie  war  ebenso  mitleidig  als 
neidisch  oder  verlogen,  und  die  aufrichtigsten  Tranen  entflossen 
ihr  so  leicht  wie  die  falschesten  Worte.  Cberhaupt  wiinschte  sie 
von  Herzen,  daB  es  ihrem  Nebenmenschen  -  sie  konnte  sonst 
keinen  mitleidigen  Anteil  an  ihm  nehmen  —  recht  jammerlich  er- 
ging :  denn  sie  war  die  beste  Freundin  in  der  Not  und  half  so 


FUNFTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  32I 

lange,  bis  man  heraus  war;  dann  erst  ring  sie  an  zu  beneiden  und 
anzufeinden;  sie  konnte  nie,  wie  der  kahle  Hofmann,  dem  Gliick- 
Hchen  ihre  Freundschaft  schenken. 

Eine  weibliche  emigrierte  Dienerschaft,  die  schon  vor  Adeline 
iiber  den  Kanal  geschwommen  war,  hatte  das  achte  Stockwerk 
ira  Hause  des  Grafen  -  denn  in  Schottland  haben  die  Gebaude, 
z.  B.  in  Edinburg,  oft  12  Stockwerke  -  schon  besetzt  und  zurecht 
gemacht.  Ihrem  hohen  Stockwerke  diente  und  zinsete,  wie  einem 
Throne,  die  ganze  Gegend  um  Glasgow  mit  ihrem  Reize  und 
,  ihrem  Clide-FluB;  daher  raumte  ihr  der  Graf  es  aus:  die  weite 
Perspektive  sollte  ihre  Wehmut  zerteilen;  aber  in  einem  fremden 
Lande  tut  eine  groBe  Aussicht  oft  das  Gegenteil.  Als  sie  heute 
zum  erstenmal  in  den  neuen  Zimmern  einsam  war,  weinte  sie 
recht  von  Herzen,  und  zwar  in  dem  Zimmer,  das  schon  lange  fur 
ihre  Mutter  zugerichtet  war;  aber  sie  legte  sich  freilich  die  an- 
klagende  Frage  vor,  wie  sie  allezeit  dem  edelmutigen  Grafen  fur 
die  balsamischen  Blumenbeete,  worn  it  er  den  ganzen  Weg  ihres 
Lebens  umbaue,  in  dem  Grade  danken  konne,  den  sein  Feuer 
begehren  werde. 

-  Ich  wollte,  ich  konnte  jetzt  den  Winter,  wo  die  Natur  die 
starkende  Friihlingskur  gebraucht,  so  aus  Adelinens  trubem  Le- 
ben  ausstreichen,  wie  er  in  warmen  Landern  fehlt.  Wie  die  Krank- 
heiten  des  Friihlings  sich  im  Winter  entspinnen :  so  umzog  sie  der 
Winter  mit  einem  Dunstkreis  voll  Krankheitsmaterie,  in  dem  je- 
der  Atemzug  dem  Friihlingsfieber  ihres  Herzens  vorarbeitete.  Du 
Ungliickliche  I  Denn  gerade  im  kunftigen  Friihling  hatte  der  Graf 
deiner  Mutter  zugesagt,  das  Vermahlungsfest  der  groBen  Natur 
mit  seinem  eignen  zu  feiern  und  in  die  Flitterwochen  des  Wetters 
die  seinigen  zu  verweben.  — 
>  -  Adeline  war  unter  der  See-  und  Landreise,  ausgenommen 
den  ersten  Tag,  weniger  in  sich  gewandt  -  gefafiter  -  und  auf- 
merksam  auf  ihn  gewesen,  und  er  konnte  den  schonen  FluB  seiner 
Stunden,  den  der  Schiffspobel  bloB  mit  Sand-  und  Trinkglasern1 
maB,  nach  den  sanften  Blicken  berechnen,  die  ein  dankbares  Auge, 
wenn  es  sich  abgetrocknet  hatte,  auf  ihn  warf.  Er  erwartete  in 

1  Auf  dem  Schiffe  hat  man  zum  ZeitmaBe,  wie  der  Tod,  Sanduhren. 


322  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

Glasgow,  diesem  sogenannten  schottischen  Paradies,  den  Wachs- 
tum  seines  eignen  -  aber  hier  schloB  sich  sein  kleiner  Himmel 
wieder  zu :  was  Adeline  gewesen  war,  ist  ihrem  ganzen  Geschlechte 
auf  Reisen  eigen,  weil  es  da  der  mannlichen  Brustwehr  bedurf- 
tiger  ist.  Aber  in  den  bessern  Zimmern,  in  denen  sich  so  traurig 
die  schonen  ihrer  Jugend  und  die  letzten  schlechten  ihrer  Mutter 
abspiegelten,  horte  die  kurze  Meerstille  ihrer  Seele  auf.  Der  Jam- 
mer ergriflihr  geschwollnes  Herz  und  driickte  aus  ihm  jedeTrane, 
die  auf  der  Reise  nicht  vergossen  wurde.  Die  Schwester  des  Gra- 
fen,  die  ohnehin  der  Pfeilerspiegel  ihrer  Nachsten  war  und  die  10 
zwar  nie  zuerst,  aber  auch  nie  zuletzt  mitweinte,  machte  die  Wei- 
che  noch  weicher.  Beim  kleinsten  Sandkorndrucke  eines  Gedan- 
kens,  einer  Ahnlichkeit  flossen  ihre  gedriickten  Augen  uber.Konnte 
sie  in  die  Untertasse  ihrer  Teeschale,  worein  eine  Rose  und  zwei 
Rosenknospen  eingebrannt  waren,  hineinsehen,  ohne  an  ihre  Mut- 
ter zu  denken,  die  immer  wahre  Rosen  getragen  und  gepflegt  und 
der  sie  eine  seidne  auf  die  zerfallende  Brust  in  der  Stunde  ihres 
letzten  und  tiefsten  Untersinkens  angesteckt  hatte,  weil  die  wah- 
ren  schon  vor  ihr  entblattert  waren  ?  -  Konnte  sie  ihre  Hand  auf 
ihr  Herz  legen,  ohne  es  an  die  weiche  Locke,  an  der  es  schlug  und  20 
die  nicht  von  ihrem,  sondern  vom  begrabnen  Haupte  dahin  ge- 
fallen  war,  wie  in  tausend  Dornen  zu  driicken?  —  Ach!  schoben 
nicht  hundert  andre  ZufalHgkeiten  die  Hoffnung  des  Grafen  auf, 
ihr  in  die  bedeckte  Hohle  der  Geliebten  hinabgesunknes  Herz, 
das  am  geliebten  zerstauben  wollte,  wieder  in  den  Sonnenschein 
des  Lebens  heraufzuziehen  ?  Nur  ein  Beispiel! 

Als  sie  am  Neujahrsvormittage  mit  seiner  Schwester  ein  wenig 
bald  in  die  Kirche  fuhr :  war  diese  ausgeleert;  aber  unter  dem  FuB- 
boden  zitterte  ein  unverstandlicher  melancholischer  Gesang,  so 
ungefahr  als  wenn  aus  den  zusammengefallnen  Toten  in  den  Kir-  3° 
chen-Begrabnissen  unterirdische  Stimmen  gingen.  Von  welchen 
Ahnlichkeiten  wurde  Adeline  am  Morgen  des  ersten  verwaiseten 
Jahres  angefallen!  -  Das  Singen  kam  daher:  in  Schottland  haben 
die  Kirchen  zwei,  oft  drei  Stockwerke.  -  Derselbe  Prediger  halt 
in  den  Fruhkirchen  zwei  Predigten  (oft  iiber  einen  Text)  hinter- 
einander,  die  bloB  der  Gesang  und  das  Stockwerk  voneinander 


FUNFTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  323 

trennen.  Adeline  hatte  also  im  zweken  das  Souterrain-Getone  des 
ersten  gehort...  Das  Schicksal  hatte  einmal  beschlossen,  den 
ersten  Tag  des  Jahres  mit  lauter  dicken  schottischen  Wolken  zu 
uberziehen :  denn  als  sie  aus  dem  Tempel  ging,  lagen  im  Kirchhof 
zehn  Menschen,  rufend  und  zuckend,  auf  den  beschneiten  Hugeln. 
Zehn  Gespenster  hatten  schon  Adelinens  Herz  mit  kalten  Handen 
gefaBt  und  erkaltet,  eh'  ihr  die  Begleiterin  sagen  konnte,  daB  es 
nur  Konvulsionars  waren,  die  man  aus  der  Kirche  dahin  trage 
und  die  nach  einer  Viertelstunde  von  selber  davongingen,  ohne  in 

10  ihrem  Gedachtnis  oder  an  ihrem  Korper  eine  Spur  davon  mitzu- 
nehmen. 

Der  gute  Graf,  durch  dessen  Herz  alle  Dolche  des  ihrigen  dran- 
gen,  konnte  nicht  erraten,  wie  manchen  er  leicht  hatte  abwenden 
konnen.  Wenn  sie  abends  mit  jener  freundlichen  Helle  trauriger 
Augen,  die  mich  so  betrubt,  in  ihr  Schlafzimmer  fortgegangen 
war:  so  kam  sie  doch  morgens  mit  erhitzten,  triiben  daraus  zu- 
ruck,  und  das  bloB  eines  —  Hutmachers  und  eines  Stecknadel- 
handlers  wegen.  Dieser  wohnte  ihr  gegenuber  im  dritten,  und 
jener  im  zweiten  Stockwerke  des  namlichen  Hauses.  Auf  der  ge- 

20  wohnlichen  gelben  Grundierung  desselben  war  nun -wie  in  meh- 
rern  schottischen  Stadten,  z.  B.  in  Edinburg,  Sitte  ist  -  die  Ware, 
womit  jeder  handelte,  nicht  herausgehangen,  sondern  angemalt. 
Oben  auf  dem  Hintergrunde,  namlich  im  dritten  Stockwerke, 
standen  Farbenkopfe1,  und  unter  den  unbedeckten  Kopfen  im 
Mittelgrunde,  im  zweiten,  gleichsam  die  herabgefallnen  Hlite. 
Ach!  verarget  es  einer  in  die  Fremde  geriBnen,  zwischen  den 
Schatten  iweier  Grabmaler  trauernden  Waise  nicht,  wenn  ihr 
Auge,  das  der  Traum  zwar  schlieBt,  aber  nicht  trocknet,  zwischen 
dem  gemalten  kahlen  Kopfe  und  zwischen  dem  enthaupteten 

30  ebenso  traurige  und  so  todliche  AhnKchkeiten  ausfindet,  als  die 
waren,  womit  der  Aufgang  der  Sonne  den  Aufgang  ihrer  Mutter 
beschleunigte !  -  Ich  sage,  verdenkt  ihrs  nicht;  und  ihr  konntauch 
nicht,  wenn  ihr  noch  hort,  daB  jeder  Traum  ihr  die  Mutter  in  die 
Hande  gab,  die  allemal  eine  frische  Rose  voll  Tau  neben  dem 
silbernen  Busen-Kruzifix  stecken  hatte  und  die  zu  ihr  sagte :  »Ade- 
1  In  England  ist  ein  herausgehangner  Kopf  das  Schild  des  Nadel-Lagers. 


324  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

line !  wo  muB  unser  Graf  (Adelinens  Vater)  so  lang'  in  Paris  blei- 
ben?  Wir  wollen  ihm  doch  entgegen.« 

-  Ach,  beraubter  Mensch!  denkst  du  denn  nicht  daran,  wenn 
du  abends  vor  dein  Bette,  diesen  Tempel  der  prophetischen  Ora- 
kel,  trittst,  daB  mitten  im  Totentanze  unsrer  Horen,  mitten  auf 
derErde,diesemZergliederungshause  derZeit,  die  mit  ihrerHaar- 
sage  unser  kleines  Jahrfunfzig  inSekunden  auftrennt  und  allefeste 
Gestalten  in  Pastellgebilde,  denkst  du  denn  nicht  daran,  daB  der 
Traum  die  Pastellgemalde  unsrer  Geliebten  hxiert,  daB  dieses 
Echo  der  Zeit  uns  alle  begrabnen  Stimmen  wiedergibt,  die  in  10 
schonern  Tagen  harmonisch  in  die  unsrige  einnelen  und  die  nun 
klingen  zu  hoch  iiber  uns  oder  zu  tief  unter  uns?  -  Ach!  ohne  den 
Traum,  der  um  den  im  Schlagflusse  Erblindeten  musivische  Wel- 
ten  voll  Tulpen  und  Juwelen  stellt,  und  der  die  umgeworfnen 
Lebenden  mit  aufgerichteten  Toten  umzingelt,  ach!  ohne  ihn 
wiird*  es  ja  zu  lange,  bis  wir  unsre  Briider  und  Eltern  und  Freunde 
wiedersahen;  wir  wurden  ja  durch  den  Tod  um  uns  her  mit  jedem 
Jahre  zu  sehr  verarmen,  wenn  nicht  die  Traume  den  Schlaf,  das 
Vorzimmer  der  Gruft,  mit  den  Brustbildern  derer,  die  im  zweiten 
Leben  wohnen,  behingen.  Freilich,  arme  Adeline,  arme  Julie!  ge-  20 
hort  ein  ganzer  Tag  dazu,  um  eine  Nacht  zu  vergessen,  worin  ihr 
unten  im  wogenden  Wasser-Spiegel  des  Traums  das  geschloBne 
Grab  und  die  geschloBne  Wunde  von  neuem  und  zu  weit  auf- 
gerissen  wiedersahet. 

Da  Lismore  nur  heftigen,  nicht  dauerhaften  Kummer  leicht  mit 
dem  andern  teilte  —  weil  die  Sympathie  mit  jenem  bloB  Feuer,  die 
mit  diesem  kalte  Vernunft  begehrt  und  weil  seine  eigne  Stand- 
haftigkeit  iiberhaupt  auf  eine  fremde  drang  - :  so  konnt'  er  an- 
fangs  nichts  tun  -  ob  er  gleich  mit  Freuden  alle  fressende  Gift- 
tropfen  ihres  Grams  aus  ihrer  Seele  in  seine  gesogen  hatte  -,  als  30 
ihren  Schmerz  vergroBern,  um  ihn  mitzuempfinden.  Er  warf  sichs 
vergeblich  hinterher  vor,  daB  er  in  alien  Unterredungen  seine 
Beredsamkeitverwende,sie  untrostlich  zu  machen;  abererkonnte 
den  Stromen  seiner  Gefuhle  nicht  Einhalt  tun.  Am  meisten  tadelte 
er  sich  iiber  das  neue  Jahr. 

Er  ging  namlich  mittags  zu  ihr  hinauf  und  machte  das  arme 


FUNFTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  325 

gepreBte  Herz  seiner  Geliebten,  deren  Kirchweg  heute  schon  durch 
eine  Zypressen-Allee  gelaufen  war,  durch  sein  Neujahrsgeschenk 
noch  schwerer.  Es  bestand  nach  der  vornehmen  Londner  Sitte  in 
einer  Derbystoner-Vase.  Das  Gemalde  darauf  war  seine  eigne 
sonderbare  und  doppelsinnige  Erfindung.  Die  Venus  Urania,  ne- 
ben  der  als  ihr  Abzeichen  ein  Schmetterling  flatten,  ruht  mit  der 
Hand  vor  dem  Auge  an  einer  Begrabnis-Urne,  und  Amor  beugt 
sich  gegen  sie  und  nimmt  mit  der  einen  Hand  ihre  vom  Auge,  um 
sie  zu  wecken,  weil  die  Aurora  mit  ihren  zwei  gefliigelten  Rossen 

10  heraufzieht,  und  halt  mit  der  andern  die  Fackel  umgesturzt,  um 
sie  auszuloschen  oder  abzukehren,  damit  sie  den  Schmetterling 

•  nicht  versenge,  der  iiber  einem  auf  der  Erde  liegenden  Blumen- 
kranze  schwebt.  Aber  alles  das  konnte  auch  heiBen:  Adeline  ver- 
hiillt  ihr  weinendes  Auge  —  der  Blumenkranz,  der  letzte  Schmuck 
der  griechischen  Leichen  und  Tranen-Urnen,  lag  fur  den  Schmet- 
terling, das Bild  derabgeschiednenSeele,zurNahrung  da-Amors 
Fackel  funkelte  aus,  um  den  Kranz  und  die  Psyche  zu  schonen, 
aber  er  wollte  die  Weinende  fortziehen,  damit  nicht  Aurora,  deren 
Raube  die  Griechen  das  Sterben  der  Jugend  schuld  gaben,  die 

20  Geliebte  ereile  und  nehme.  -  Der  Graf  sagte,  als  ers  Adelinen 
gab,  nur  den  schonen  Wunsch:  »in  diesem  Jahre  moge  sie  (die 
Vase)  den  schonern  Sinn  haben.«  -  Adeline  fand  sich  sogleich  in 
den  mythologischen  Doppelsinn  -  denn  Leute  ihres  Standes  ha- 
ben  ja  an  jedem  Zimmer  einen  Hor-  und  Bildersaal  der  Gotter- 
lehre  -  und  gab,  indem  ihr  langer  warmer  Blick  mit  dem  violetten 
Amethystgoldsand  auf  dem  transparenten  Silber  des  FluBspats 
schwimmend  zitterte,  ihm  lachelnd  auBer  dem  Danke  die  uner- 
wartete  Antwort:  »Es  konnte  auch  einmal  noch  einen  drittenSinn 
bekommen,  wenn  es  deren  zwei  hat.  Man  konnte  einmal  denken : 

30  die  Aurora  sei  schon  bei  der  Entschlafnen  gewesen  -  der  Schmet- 
terling sei  eben  aus  ihr  geflogen  -  den  Genius,  der  die  eine  Hand 
zur  andern  gefaltet  niederlegen  will,  den  kennt  man  ja  an  der  um- 
gestiirzten  Fackel.«  Und  als  sie  es  gesagt  hatte,  konnte  sie  ihre 
warmsten  Tranen  nicht  mehr  zuruckhalten. 

Sie  setzte  sich  matt  in  das  Fenster-Kanapee  (Window-Stool)  - 
Leolin  stand  vor  ihr,  voll  sturmischer  Gefuhle  und  voll  HaB 


326  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

gegen  jeden  Trost.  Das  Fenster,  oder  vielmehr  die  glaserne  hohe 
Pforte,  schauete  gegen  Mittag.  Die  groBaugige  Wintersonnehing 
tief  iiber  den  schillernden  Bergen  —  iiber  die  von  einem  Titian 
weiBgrundierte  schimmernde  Erde  legte  sich  die  grenzenlose  Nacht 
eines  tiefern  Himmelblaues  heriiber,  und  in  die  einsarne,  starre, 
stille  Welt  hing  gleichsam  die  Lilienglocke  eines  fernen,  unend- 
lichen  Friihlings,  namlich  die  Sonne,  weiter  herein  -  und  dann 
quoll  in  der  Menschenbrust  eine  warme,  schmerzliche  Sehnsucht 
auf.  Nie  war  seine  Seele  weicher  und  sehnsuchtiger,  nie  ruckten 
Wonne  und  Schmerz  darin  Tag  und  Nacht  naher  zusammen  als  an  10 
einem  hellen  Winternachmittage,  wo  gerade  der  Tag  der  Erde 
und  die  Nacht  des  Himmels,  der  alsdann  nur  einen  Stern  tragt, 
schneidend  iibereinander  stehen.  Aber  doch,  Lismore,  hattest  du 
deine  furchtsame  Adeline  nicht  vor  das  tobende  Meer  in  deinem 
Geiste  fiihren  sollen !  Warum  lassest  du  auf  der  einen  Seite  so 
zartlich  den  weiB-seidnen  Vorhang  nieder  und  ziehst  ihn  hinter 
ihren  Sitz  ans  Fenster  gegen  die  blendende  Sonne  vor,  indes  du 
auf  der  andern  auf  ihre  Wunden  alle  Brennpunkte  deiner  heftigen 
Seele  richtest?  Wenn  du  deine  gliihende  Hand  durchs  auseinan- 
dergelaBne  Fenster  in  das  Kuhlbad  der  Jennerluft  hinaustauchst:  20 
warum  entziindest  du  mit  deiner  andern  deiner  Geliebten  ihre  zu 
groBern  Schmerzen,  und  o !  warum  kannst  du  zu  ihr  sagen :  »Im 
Winter  betriibt  mich  die  Gegend  nach  Siiden  -  ich  denke  nicht 
bloB  an  die  sudlichen  Polarlander,  denen  die  matte,  tiefe  Sonne 
einen  immerwahrenden  Tag  und  einen  kargen  Friihling  gibt  - 
ich  denke  an  das  schonere  Land,  das  uns  unsre  Berge  verdecken, 
an  unser  Frankreich.  Und  dann  kommt  mir  der  Obeliskus1  dort 

wie  ein  Epitaphium  vor. Teuerste,  aber  Sie  miissen  sich  tro- 

sten:  denn  Sie  versehrt  und  zerruttet  der  Schmerz;  und  nur  in 
meiner  Seele  kann  er  ruhig  seinen  Dolch  umwenden,  sie  stirbt  30 
nicht  daran.  Ich  male  mir  es  oft,  wenn  die  Sonne  iiber  diese  Berge 
steht,  hier  mittags  aus,  was  ich  und  Sie  dort  verloren  haben  -  ich 
stelle  mir  Sie  neben  unsrer  UnvergeBlichen  stehend  vor,  wie  Sie 
neben  ihr  blieben  als  ihre  letzte  gute  Tat,  wie  man  iiber  RafTaels 

1  Dieser  hundert  FuB  hohe  Obelisk  steht  im  Dorfe  Killean,  das  nicht  weit 
von  Glasgow  Hegt,  dem  Dichter  Buchanan  errichtet. 


FUNFTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  327 

Bahre  sein  letztes  Meisterstiick,  die  Verklarung,  stellte.«  -  Ade- 
line hatte  sich  in  der  Marter  der  Erinnerung  auf  Lismorens  Hand 
gebiickt,  und  ihr  Auge  deckte  mit  ihr  sich 'und  tausend  Tranen 
zu.  Ach!  er  fuhr  geruhrt  fort:  »Gequalte!  warum  fragen  Sie  etwas 
nach  dem  Schicksal  oder  nach  den  Schmerzen,  die  es  reiBet?  — 
Beim  Himmel!  ein  so  diirres  und  trocknes  Leben  voll  Stacheln 
und  Wolken  wie  das  menschliche,  eines,  das  so  klein  ist  wie  ein 
Epigramm  und  das  am  Ende  eine  Giftspitze  hat,  das  verlohnt 
Ihres  Weinens  nicht,  Adeline ! Ein  Geist  wirft  uns  von  oben 

10  herein  in  das  Leben,  und  dann  zahlt  er  70  oder  80,  wie  wenn  wir 
einen  Stein  in  einen  tiefen  Krater  werfen,  und  beim  7osten  Puls- 
schlag  oder  Jahre  hort  er  unsern  dumpfen  Auffall  unten  im  Grabe. 

Aber  ich  quale  dich  und  wollte  dich  trosten;  wahrlich,  ich 

meint'  es  anders « 

-  Aber  am  Ende  fiihrte  ihre  Trauer  ihn  auf  einen  Zweifel,  der 
seine  Tage  noch  mehr  verfmsterte,  als  es  der  Jennerhimmel  tat, 
auf  den,  ob  sie  ihn  auch  liebe,  da  die  tote  Gestalt  der  seinigen 
wenig  Platz  oder  wenig  Licht  in  ihrem  mit  Flor  verhangnen  Her- 
zen  lasse.  Hatte  sie  ihm  die  Unterredung  mit  ihrer  Mutter,  die  so- 

20  viel  fur  ihn  tat,  anvertrauet:  so  wiirde  er  lieber  Ol  in  die  um  die 
erblaBte  Gestalt  angeziindete  Begrabnislampe  nachgefiillt  haben, 
anstatt  es  auszugieBen.  Dazu  kam,  daB  Adeline  ihm  ihre  Liebe 
gleichsam  wie  eine  zweite  Selbstliebe^  wie  ein  inneres  Frohsein  zu 
bekennen  scheuete  im  Kummer,  und  daB  die  Gegenwart  seiner 
Schwester  und  die  Abwesenheit  ihrer  Mutter  ihr  dieses  Bekennen 
noch  saurer  machte.  Er  ubersah,  dafl  sie  aus  denselben  Grunden 
handle  und  fehle,  aus  welchen  er  sie  mit  Vorwiirfen  ihres  Fehlers 
und  sogar  mit  Trostungen  verschonte :  seine  Ehrfurcht  gegen  ihre 
trauernde  Uneigenniitzigkeit  untersagte  seinem  unschuldigsten 

30  Eigennutze,  dieser  einen  Vorwurf  zu  machen;  aber  sie  verbot  aus 
denselben  Grunden  ihrem  Eigennutze,  einem  solchen  Vorwurfe 
auszuweichen. 

Auf  die  schwache  Stelle  des  Herzens  wie  des  Korpers  werfen 
sich  alle  andre  Krankheitsmaterien:  sein  Zweifel  nahm  jetzt  so  zu, 
daB  er  endlich  nicht  sowohl  glaubte,  daB  der  Kummer  ihre  Liebe 
verschatte,  als  daB  sie  gar  keine  habe,  sondern  nur  Dankbarkeit. 


328  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

»Denn«,  sagt*  er,  »warum  kann  sie  ihn  bezwingen  und  unter  ein 
Lacheln  gefangen  nehmen,  wenn  sie  in  fremden  Gesellschaften 
ist,  oder  warum  stort'er  sie  in  ihren  kleinen  Geschaften  nicht?«  - 
Bei  ihm  fielen  alle  Strahlen  durch  zwei  untereinandergestellte 
Brennglaser,  durch  den  Kopf  und  das  Herz,  und  ziindeten  und 
brachten  in  FIuB  und  verkalkten :  so  war  auch  seine  Liebe;  und  so 
sollte  (verlangt*  er)  die  seiner  Adeline  sein,  und  diese  sanfte  Luna, 
die  er  beschien,  sollte  unter  dem  erhabnen  Glase  der  Liebe  statt 
des  Lichtpunktes  einen  Brennpunkt  bekommen.  Sie  sollte  jetzt  - 
sonst  hatt'  er  nicht  daran  gedacht  —  heftig,  beredt,  dichterisch,  10 
enthusiastisch  sein  in  der  Liebe,  sie,  die  iiberall  nichts  war  als 
geduldig  und  gut,  und  die  statt  der  Zunge  nichts  hatte  als  ein 
Herz,  statt  der  Fliigel  nur  ein  helles  Auge,  dem  fremden  Schwunge 
nachzusehen.  Gleich  den  Lichtmagneten  sog  er  alle  Arten  von 
Glanz  und  Lichtern  ein,  nur  kein  sanftes  Mondlicht;  aber  Ade- 
Hnen  hatte  der  Himmel  als  eine  Vase  von  Volterra-Alabaster  in 
das  Leben  gehangen,  deren  Lampe  durch  das  durchsichtige  Ge- 
hause  nur  in  Mondlicht  uberquillt. 

Die  mannliche  Eitelkeit  kann  iiberhaupt  leichter  als  das  mann- 
liche  Her%  die  weibliche  Liebe  ahnden,  und  jene  prasumiert  mehr,  20 
als  dieses  errat;  aber  am  schlimmsten  spielen  wir  jenen  stillen 
Weiberseelen  mit,  deren  Warme  sich  nur  durch  Erdulden  der 
Kalte,  deren  Liebe  sich  nur  durch  Treue  offenbart  und  die  dem 
Brunnen  in  der  Baumannshohle  gleichen,  welcher  sich,  wenn  man 
aus  ihm  schopft,  immer  wieder  fiillt  und  der  dock  niemals  iiberfliefit. 
Ihr  Wert  bluht  erst  nach  den  Flitterwochen,  und  man  muB  sie, 
heiraten,  um  sie  zu  lieben.  -  Lismore  wollte  aber  umgekehrt  He- 
ben,  um  zu  heiraten.  Juliens  Leiche  hatte  sich  ohnehin  zwischen 
die  trunknen,  lyrischen  Blicke  und  Tage  des  ersten  Findens  der 
Seelen  gestellt:  jetzt  war  ihm  nach  seiner  Meinung  noch  wenig  50 
mehr  von  der  Epopoe  und  lyrischen  Blumenlese  der  Liebe  iibrig: 
das  Hochzeitkarmen  der  Flitterwochen  geht  dann  endlich  inHiib- 
ners  Reim-Register  iiber,  bis  zuletzt,  wenige  poetische  Floskeln 
und  prosaische  Freiheiten  ausgenommen,  Mann  und  Weib  nichts 
weiter  schreiben  als  einen  abscheulichen,  welken  Kanzleistil. 

Das  Betragen  des  Grafen  ist  vielleicht  der  deutlichste  Beweis, 


FUNFTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  329 

wie  wenig  noch  der  Grundsatz,  selber  unter  guten  Kopfen,  ge- 
mein  ist,  daB  der  Staat  die  Ehe  eben  einsetzt,  um  die  Eheleute  zu 
trennen.  Die  Absondrung  der  zwei  Geschlechter  war  guten  Ge- 
setzgebern  von  jeher  so  wichtig  wie  dem  Moses  die  Absondrung 
der  Juden  von  andern  Volkern;  aber  wenn  Moses  diese  (nach 
Michaelis)  am  besten  durch  das  Verbot  der  Speisen,  die  andre 
Volker  liebten,  und  durch  die  Verbote  ahnlicher  Sitten  erhielt: 
so  konnte  hingegen,  wenn  das  Kopulieren  etwas  zur  Entfernung 
eines  Paares  wirken  sollte,  es  nur  dadurch  geschehen,  daB  man 

10  dieses  zum  immerwahrenden  Beisammenwohnen,  Beisammen- 
essen  usw.  anhielt,  und  dieser  Gemeinschaft  haben  wir  vielleicht 
alle  noch  ubrige  Gleichgultigkeit  der  beiden  Geschlechter  zu 
danken.  Daher  gibt  man  sich  beim  Altare  die  Hande  zum  Zeichen 
des  Streits,  wie  in  England  die  Leute  sie  erst  einander  schiitteln, 
ehe  sie  sich  nachher  damit  boxen ;  und  das  Umarmen  ist  vielleicht 
aus  Italien  entlehnt,  wo  die  Umarmung  der  Duellanten  unter  die 
200  Bedingungen  gehort,  unter  denen  sie  sich  schlagen  diirfen: 
wird  die  Ehe  geschieden,  so  ists  auch  meistens  um  die  alte  Gleich- 
gultigkeit der  Eheleute  getan,  und  man  muB  sie'  oft  zum  zweiten 

20  Male  kopulieren,  um  sie  wieder  auseinanderzubringen.  Durch  die 
Gemeinschaft  des  Namens,  die  sie  Verwandten  ahnlich  setzt,  wird 
zu  einer  gewissen  Uneinigkeit,  wie  sie  zwischen  Blutsfreunden 
herrscht,  immer  ein  wenig  ermuntert,  wie  sich  die  Fiirsten  unter- 
einander,  ohne  Nachteil  ihrer  Kriege,  Verwandten-Namen  geben. 
Der  Staat  sollte  daher  den  hohern  Personen  die  physische  Tren- 
nung,  die  immer  auf  Kosten  der  moralischen  geschieht,  verbieten 
und  nie  verstatten,  daB  der  Mann  seinen  eignen  Haus-Fliigel, 
Tisch,  Klub  usw.  habe  und  die  Frau  ihren,  so  wie  unter  den 
Pflanzen  nur  die  wenigsten,  z.  B.  die  Kiirbisarten,  getrennt  und 

30  auf  abgesonderten  Stengeln  sitzende  Geschlechter  haben. 

Lismores  Gliick  zerflel  allmahlich  -  er  konnte  bald  alles  nur 
heftig  tun,  keine  Hand  mehr  driicken,  sondern  nur  quetschen  - 
lange  und  schweigend  anblicken  und  dann  zweierlei  tun:  auf  dem 
Eise  des  Clide-Flusses  den  schneidenden  Winden  entgegenfah- 
ren,  oder  statt  der  physischen  Kalte  sich  mit  der  philosophischen 
kiihlen  und  die  trockenste  Politik  studieren.  Die  Wirbel  undStru- 


330  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

del  des  Bluts  besanftigt  oft  ein  Kompendium  des  Lehnrechts  oder 
der  Metaphysik  am  ersten,  wie  ich  einen  Hypochondristen  ge- 
kannt,  der  auf  der  Folterbank  seines  Trubsinns  entweder  Youngs 
Nachtgedanken  oder  die  Reichsgeschichte  von  Haberlin  las.  Die 
schonsten  Akkorde  von  Adelinens  Liebe  verkehrte  sein  innres 
Ohrenbrausen  in  die  groBe  Septime  und  kleine  Sekunde:  z.  B.  da 
er  sie  einst  um  einige  Haare  bat,  fur  einen  Ring,  glaub'  ich,  und 
da  sie  ihm  mit  schoner  Zartlichkeit  die  eine  Locke  ihrer  Mutter 
gab :  so  sah*  er  in  dieser  schmeichelhaften  Erbteilung  des  mutter- 
lichen  Nachlasses  fast  nichts  als  die  Einkleidung  ihres  Versagens.  10 
Ach !  der  bose  Geist,  der  sich  zwischen  das  Umfassen  ihrer  Seelen 
drangte,  bedeckte  alles,  was  den  Grafen  begliickt  hatte,  mit  einem 
Schatten,  dafi  er  nicht  erriet,  wie  Adeline  aus  dem  lebendigen 
Zeitungskomptoire  Gladusens  sich  nur  mit  Zeitungsartikeln  tiber 
ihn  versah,  iiber  seine  Jugend,  seine  Freunde,  seine  Leibgerichte - 
wie  sie,  der  bittersten  Erinnerungen  ungeachtet,  am  liebsten  iiber 
den  Zeitabschnitt  der  Revolution  zuhorte,  wo  seine  taten-  und 
ruhmdurstige  Seele  ihren  Durst  geloscht  hatte  —  wie  sie  oft  durch 
einen  alten  Saal  ging,  blofi  um  seinen  Stammbaum  zu  sehn  und 
um  ihre  Angst  wegen  seines  Schrittschuhlaufens  mit  einem  BHcke  zo 
iiber  den  Clide-FluB  hinauf  zu  mildern. 

Endlich  ging  ein  Tag  auf,  wo  das  Schicksal,  ich  weiB  nicht,  ob 
das  Labyrinth  oder  den  Faden,  der  hinein-  und  hinausfiihrte,  ver- 
langerte.  Lismore  hatte  sie  namlich  bisher  mit  dem  voll  Gewitter 
hangenden  Marznebel  seines  liebenden  Skeptizismus  verschont, 
weil  sie  ohnehin  -  triibe  genug  war,  weil  sie  ohne  Farbe  und  ohne 
Krafte  war,  weil  der  Kummer  ihren  zarten,  siechen  Korper  unter 
das  Qpfertor  zu  fiihren  drohte:  der  Graf  hatte  lieber  verzweifelt 
als  gesprochen.  Aber  jetzt,  da  eine  Gesundheitsreise  notig  war, 
um  den  Herbstwind  ihres  Lebens  gleichsam  wieder  zu  den  Friih-  30 
lingsliiften  umzuwenden,  konnt'  er  leichter  auf  einer  Lustfahrt, 
die  ich  in  der  folgenden  Belustigung  zeichne,  sein  ganzes,  voiles 
Herz  aufdecken. 

Die  zweite  Reise,  die  er  nach  dieser  machen  wollte,  war  eine  zu 
Pferde  nach  London,  um  sich  zwei  unentbehrliche  alte  Freunde 
zu  holen:  erstlich  den  Arzt,  damit  dieser  die  fallende  Blume  vom 


SECHSTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  33  I 

Mehl-  und  Honigtau  giftig-suBer  Tranen  befreie,  und  zweitens 
den  Brautigam  seiner  Schwester,  der  nunmehr  den  suBen  Schlaf- 
trunk  der  Londner  Winterlustbarkeiten  ausgeleert  und  ausge- 
schlafen  haben  muC  und  dessen  heitre,  gefiihlvolle  und  gewandte 
Seele  (hofft  er)  fur  ihn  und  Adeline  die  geistigen  Rezepte  zusam- 
mensetzen  wird,  die  den  pharmazeutischen  des  Doktors  nach- 
helfen. 


SECHSTE  BIOGRAPHISCHE  BelUSTIGUNG 

Der  Vor-Friihling  -  Echo-Dreiklang  -  der  Honig-Essig  der  Widerspriiche 
10  der  Liebe  -  unsre  Armut  an  Liebe 

Der  Graf  hatte  bei  Rosneatk  ein  Landgut,  dessen  Nachbarschaft 
durch  das  Echo  zu  einer  Aols-Harfe  besaitet  ist.  Ich  wiinschte, 
jeder  Leser  hatte  eine  Reise  dort  vorbei  gemacht  und  das  Echo 
genotigt,  ihm  zu  antworten,  antiphonierend  aus  dem  zweiten 
Chore.  Ich  versichre  jeden,  seitdem  ich  dieses  Echo  aus  den 
Abendstunden  der  Madame  Genlis  kenne,  so  nab*  ich  den  Kopf 
zuriickgelehnt  und  die  Augen  zugemacht  -  wenn  gerade  mein 
Gehirn  unter  dem  Gehirnbohrer  der  Migrane  stand  — ,  um  das- 
selbe  gleichsam  in  die  Blumenketten  der  Phantasie  wie  in  einen 

20  Verband  zu  legen  und  dem  schottischen  Nachhalle  im  Nachhalle 
meines  Kopfes  zuzuhoren.  Es  ist  namlich  keine  gemeine  Echo- 
Repetier-Uhr,  wie  dergleichen  zu  Dutzend  in  den  Waldern  stehen : 
sondern  iiber  einen  See,  den  Berge  ummauern,  wird  ein  Stuck 
hiniibergeblasen,  das  ein  unsichtbares,  mit  drei  Stimmen  besetz- 
tes  Chor  dreimal  wiederholt  -  das  erstemal  schwimmen  die  Laute 
wieder  zuriick,  aber  in  einem  tiefern  Tone  -  dann  regt  sich  ein 
zweites  Echo  und  lallt  es  wieder  nach,  aber  noch  um  einen  tiefer 
-  endlich  redet  ein  drittes  im  tiefsten  mit  dem  bezauberten  Her- 
zen,  und  die  Wellen  des  Hauchs  glatten  sich  wieder,  und  der  drei- 

30  fache  Himmel,  der  sich  nacheinander  auftat  und  die  Seele  in  sich 
zog,  ist  wieder  bewolkt. 

Der  Graf  hatte  nur  auf  den  Abschied  des  Winters  gewartet, 
um  auf  diesen  Landsitz  der  Nymphe  Echo  mit  einem  weiblichen 


332  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

Herzen  zu  gehen,  worin  sich  ein  ahnlicher  Nachhall  der  Molltone 
des  Menschen  und  der  melodlschen  Fortschreitung  der  groBen 
Schopfung  versteckte.  Wider  die  Gewohnheit  des  Klima  hatte 
schon  der  zoste  Marz,  der  Friihlingsanfang,  den  ganzen  Winter, 
wenigstens  auf  einigeTage,ausgezogen  unddiezusammengelegte 
Schnee-Envelope  oben  an  die  Bergspitzen  gehangen  oder  in  die 
Taler-Schubfacher  versteckt.  Unter  der  ganzen  Reise  hob  Lis- 
mores  Brust  noch  etwas  Allmachtigers  als  der  Friihling  -  das 
Vorgefuhl  des  Friihlings.  Der  poetische  Friihling  bricht  noch 
fruher  an  als  der  astronomische,  der  nur  ein  mehr  blumiger,  kiih-  10 
ler  Sommer  ist.  Die  warmen  Tage  des  Februars  briiten  die  Miik- 
ken  und  unsre  HofFnungen  aus  dem  traumlosen  Winterschlafe 
aus.  Unsre  versperrte  Seele  tritt  wieder,  wie  die  beschienenen 
Bienen,  schwarmend  auf  das  iibersonnte  Flugbrett  heraus  und 
wirft  jugendliche  BHcke  in  die  auferstehende  Natur.  Jeder  Tritt 
verschlieBt  eine  mit  fetterem  Griin  bezeichnete  Quelle,  und  die 
griinen  Lebenslinien  der  FuBsteige,  die  mit  ihrem  friihen  Grase 
die  entfarbten,  eingerunzelten  Auen  durchschneiden,  rastrieren 
uns  gleichsam  die  muhseligen  Gange  des  Winters,  die  Reiseroute 
triiber  Tage  vor.  —  Und  gar  der  Marz  -  der  ist  mein  Mai!  Der  20 
Marzenstaub  ist  der  okonomischen  und  der  dichterischen  Frucht- 
barkeit  gleichvorteilhaft;dieserStaub  ist  poetischerBlumenstaub, 
der  bloB  aus  Keimen  von  Blumen  besteht,  oder  Schmetterlings-. 
staub,  der  bloB  das  unsichtbare  Gefieder  an  Psychens  Schwingen 
ist.  Wahrlich,  wenn  ich  das  ganze  Jahr  an  kein  Buchermachen 
dachte :  im  Marz  miiBt'  ich  mich  setzen  und  einige  wenige  schrei- 

ben. 

Der  Tag,  dessen  Abend  ein  Nachhall  beschlieBen  sollte,  ge- 
hone  unter  diewenigen  ewigen,dieLismore  hier  hatte.  Der  Friih- 
ling hauchte  mit  seinem  warmen  Atem,  mit  dem  Mittagsluftchen,  30 
die  Saaten  an,  und  der  griine  Wuchs  des  Winters  stand  aufge- 
deckt  in  herunterrinnendem  Schnee,  und  vor  der  lauen  Sonne 
zerflossen  die  Garten  in  iippige  Freuden-  und  Rebentropfen  - 
und  dem  Menschen  war,  als  miiBt*  er  sich  an  die  wiederkommende 
Mutter,  die  Erde,  trunken  und  mit  Kindesarmen  hangen.  -  An 
einem  solchen  Auferstehungstage  der  Natur  kehrten  alle  Traume 


SECHSTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  333 

und  Prospekte  seiner  Jugend  wieder  zuriick  in  die  verodete  Brust 
und  die  Sehnsucht  nach  weiten  Reisen  und  die  Hoffnung  eines 
tatenreichen  Lebens  und  der  -  Glaube  an  Liebe.  Er  sah  geriihrt 
Adelinen  an  und  dachte:  ja  nach  einem  so  langen  Schweigen, 
nach  einer  so  geduldigen  Teilnahme,  an  einem  solchen  Tage,  wo 
das  Echo  mich  und  sie  an  das  erste  Echo  erinnert,  das  unsre  See- 
len  verband,  ja  da  darf  ich  schon  ihre  Hand  nehmen  und  sie  fra- 
gen :  »Kennst  du  denn  keine  Hand,  die  dein  Auge  trocknen  kann? 
Fassest  du  meine  liebende  Seele  nicht?  Liebst  du  mich  nicht  un- 

10  aussprechlich  wie  ich  dich?«  -  Wenn  ihn  die  an  den  Scheiben 
klebenden  groBen  Miicken,  die  die  kiihle  Nacht  zerstort,  und  das 
mit  gelben  Spitzen  durchzogne  Griin  und  der  magere  Halbschat- 
ten  der  skelettierten  Baume  und  das  schneidende,  kaltwehende 
Vorbeigehen  des  Winters  in  den  Waldern,  wenn  alles  dieses  zu 
lange  Schatten  iiber  seinen  innern  Friihling  warf :  so  schauete  er 
von  der  kotigen  Erde  auf  zum  reinen,  blauen  Himmel,  der  ewig 
mit  demselben  Angesichte  die  wandelbaren  Menschen  im  Som- 
merabend  und  in  der  Winternacht  ansieht,  und  auf  zur  trium- 
phierenden  Lerche,  die  aus  bliihenden  Auen  herkommt  und  die 

20  als  der  Zeuge  unsers  vorigen  frohen  Friihlings,  als  Chorist  alter 

'    Friihlingschore  iiber  uns  schwebt  und  die  den  ewigen  Geburtstag 

der  Erde  besingt Und  dann  flatterte  ja  das  warme,  surrende 

Luftchen  aus  Suden  ans  Ohr  und  lispelte,  sich  auf  der  Locke  wie- 
gend:  »Ich  flieg*  aus  Bluten  her  -  ich  habe  eben  mit  den  Blattern 
der  Myrte,  mit  der  Bliite  der  Zitrone  und  mit  dem  Busengefieder 
der  Nachtigall  gespielt  und  habe  einer  Gottin  das  Lockenhaar 
nachgetragen  und  es  auf  die  Schulter  ihres  Geliebten  gelegt  und 
bin  vorausgeflogen,  um  dem  langsam  durch  Waldwasser  und 
uber  Berge  schreitenden  Friihling  vorzueiIen.« 

jo  -  Und  was  dachte  und  sagte  die  gute  Adeline  in  diesen  kurzen 
Wonnestunden  aus  unserm  Lebens -Wonne-Monat,  das  hier  nur 
28  Tage  hat  und  nicht,  wie  die  Donnermonate,  31?  -  Sie  sagte 
zu  ihm:  »er  solle  sich  nicht  an  ihre  Miene  kehren:  sie  sei  in  ihrem 
Herzen  recht  froh;  und  werd'  es  heute  immer  mehr  werden.«  - 
Woran  sie  dachte?  Den  ganzen  Weg  an  ihre  Mutter,  ohne  die  sie 
einsam  in  den  ersten  Friihling  trat;  aber  der  Trauer  war  durch 


334  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

die  Gegenwart  ihres  Brautigams  poetische  SiiBigkeit  erteilt.  Die 
treue  Tochter  hielt  wirklich  den  kindlichen  Gram  fiir  bloBe  Be- 
klommenheit  iiber  die  auf  den  Triimmern  eines  alten  Fruhlings 
in  Grab  und  Wiege  abgeteilte  Natur.  —  Da  sie  mit  Leolin  mittags 
unter  der  Haustiire  einer  schottischen  Bauernhohle  nach  Siiden 
blickte  und  an  den  Neujahrswunsch  dachte,  und  als  sie  einen  lange 
bekampften,  vom  Auge  auf  die  Wange  gefallnen  Tropfen  nicht 
verwischen  konnte :  zeigte  sie,  eilig  weggehend,  hinauf  und  sagte: 
»Die  Dacher  tropfen,  aber  ich  muB  mir  nach  einem  Tropfen  alle- 
zeit  das  ganze  Gesicht  abwaschen«  und  tat  es  auch.  10 

Je  mehr  der  Tag  und  die  Reise  dem  Ende  naher  kam:  desto 
hoher  drang  in  Lismores  Brust  eine  warme  Quelle  auf,  diese  bis- 
her  bald  stromende,  bald  stockende  Hungersquelle  von  Tranen, 
und  ging  iiber  Eisenadern  und  fiillte  seine  ganze  Brust.  Ach !  sagte 
ihm  denn  nicht  jede  drangende  Blutwoge,  jeder  sehnsuchtige 
Atemzug,  jeder  Lerchenton,  jedes  verirrte  Luftchen,  sagte  nicht 
alles  zum  bangen  Menschen :  »Gedulde  dich,  bekloramne  Seele,  der 
schone  Friihling  wird  kommen  und  dich  trosten  und  sie  auch: 
ach!  es  fehlt  dir  nichts  als  der  Fruhling«?  —  So  betort  sich  der 
hiesige  Mensch,  die  dunkle  Figur  auf  einem  Nachtstuck,  und  je-  zo 
den  Winter  sagt  er  zu  sich:  »Ach!  es  fehlt  mir  nichts  als  der  Friih- 
ling.«  — 

Abends  erreichten  beide  in  der  Glorie  der  Sonne,  vom  weiBen 
Milchflor  ihres  Glanzes  verhangen,  das  Landgut.  Er  wollte  sie 
mit  dem  Schwanengesange  des  Echo  uberraschen  und  schlug  ihr, 
unter  dem  Vorwande  des  schonen  Abends,  vor,  das  sogenannte 
Wasserhaus  am  See  zu  besuchen,  das  nicht  mehr  als  zwei  durch 
eine  Glastiire  gesonderte  Zimmer  hatte,  eines  gegen  den  Nach- 
hall  und  Abend,  eines  gegen  Morgen.  Er  hatte  einen  Waldhor- 
nisten  mitgenommen,  der  auf  eine  weit  in  den  See  wachsende  3o 
Landspitze  treten  und  das  hinter  Gebirgen  ruhende  Echo  wie 
eine  Nachtigall,  welche  Musik  hort,  zum  Schlagen  reizen  sollte; 
und  es  war  ihm  nicht  unlieb,  daB  die  Musik  noch  nicht  anfing:  die 
ganze  Erde  war  ja  voll  Echo  und  voll  Spiegel,  und  in  jedem  Ge- 
danken  war  ein  dreifacher  Widerhall  des  verklungnen  Lebens.  Er 
offnete  die  Fenster  gegen  den  See,  auf  dem  ein  zweiter  aus  Luft- 


SECHSTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  335 

wogen  stand,  der  mit  einer  warmern  und  leisern  Brandung  iiber 
die  Fensterbriistung  hineinspiilte  -  und  driiben  auf  den  Bergen 
brannte  die  Abendsonne  wie  ein  Opferfeuer  auf,  und  ein  goldner 
Rauch  zog  aus  dem  Brande  um  alle  Gewasser  und  Gebirge.  Da 
seine  stumme  Freundin  in  die  von  der  Erde  an  den  Himmel  ge- 
lehnte  purpurne  Rauchsaule  kam,  worin  einige  schlaftrunkne, 
taube  Miicken  so  lange  schwankten  und  sichtbar  blieben,  als  sie 
nicht  iiber  die  Grenzen  des  lichten  Dunstes  schweiften,  und  da 
die  Sonne  und  das  Abendrot  ihre  bleiche  Gestalt  zu  einer  bliihen- 

10  den  umschufen  aus  Glanz  und  Rosen duft,  und  da  ihre  Finger, 
womit  sie  sich  das  geblendete  Auge  verdeckte,  durchsichtig  und 
rosenrot  wie  Aurorens  ihre  waren:  so  kam  sie  ihrem  Freunde  wie 
ein  Seraph  vor,  der  an  einem  groBen  Friihlingsmorgen  auf  dem 
Morgenrote  kniet  und  seine  Entziickungen  oder  Gebete  zur  Sonne 
aufschickt  und  dem  der  Widerschein  des  unter  ihm  gliihenden 
Gewolks  und  seiner  gliihenden  Seele  die  Wangen  iiberdeckt.  Er 
muBte  jetzt  daran  denken,  wie  die  Sonne  ewig  ein  jugendlich- 
gliihendes  Angesicht  auf  die  Erde  richte,  indes  ein  Menschenge- 
schlecht  urns  andre  erblasse  vor  ihr  -  wie  sie  uns  gleich  diesen 

20  Miicken  aus  unserm  Winterschlaf  treibe,  und  wenn  sie  wieder 

scheint,  sind  wir  gleich  ihnen  erfroren. 

»Wende  nicht  dein  bleiches  Angesicht,«  (sagt*  er  innerlich)  »du 
kummervolle  Tochter,  weg  von  der  Abendsonne  -  deine  fluch- 
tige  Vergoldung  fallt  ab,  und  du  wirst  die  ErblaBte,  die  du  so 
lange  betrauerst!«  -  Aber  die  Sonne  ging  unter,  und  Adeline 
wurde  bleich,  und  da  sie  sich  mit  der  Blasse,  die  durch  ihre  Reise 
zugenommen  hatte,  gegen  ihn  kehrte,  weil  sie  ihn  jetzt  erst  unge- 
blendet  sehen  konnte,  und  da  er,  der  kein  zweites  Leben  glaubte, 
jetzt  mitleidig  bedachte,  wie  diese  gute  Seele  kaum  ein  erstes  ge- 

30  nieBe:  so  schwuren  alle  seine  Gedanken  in  ihm,  sie  heute  mit 
keinem  verklagenden  Laute  zu  kranken  -  alle  Wiinsche  und 
Traume  dieses  guten  Herzens  schweigend  zu  dulden  -  und  sich 
immerfort  vorzusagen :  »Sieh  nur,  wie  sie  leidet,  und  wie  sie  ge- 
litten  hat  -  vergilt  ihr  die  uberschwengliche  Liebe  gegen  eine, 
die  nicht  mehr  liebt,  nur  mit  iiberschwenglicher  Liebe  und  nicht 
mit  Groll.  Ach!  kennst  du  die  Klagen  ihres  kunftigen  Lebens,  auf 


33<S  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

dem  die  Zukunft  wie  eine  Pechwolke  ruht,  und  kannst  du  wissen, 
eh'  die  Wolke  aufzieht,  was  sie  bedeckt,  Lustgarten  oder  Kirch- 
hofe  und  Marterkammern?« 

Seine  Seele  glitt  allezeit  an  einer  SchluBkette  von  Vorsatzen 
so  heftig  und  eilig  herab,  daB  die  Hand,  womit  er  sie  faBte,  ' 
brannte  und  blutete  und  daB  dann  das  letzte  Glied  seiner  Ent- 
schliisse  das  Gegenteil  des  ersten  wurde:  so  horte  jetzt  sein  Vor- 
satz,  ihrer  zu  schonen,  mit  einer  gefuhlvollen  Oberstromung  sei- 
nes Mitleids  auf,  die  jenem  widersprach.  Er  sagte,  da  eine  Lerche 
mit  Friihlingstonen  in  der  Abendrote  hing,  zu  Adelinen:  »Freue  10 
dich  doch  mehr,  Teuerste!  Siehe  nur,  wie  schnell  das  kleine  Le- 
ben  voriiberrinnt,  eh*  man  kaum  zwei  frohe  Tage,  zwei  Freuden- 
becher  daraus  geschopft  hat !  1st  dir  nicht  das  Gerippe  der  ver- 
fallnen  Natur  an  jedem  Herbst,  an  jedem  Abend  eine  agyptische 
Mumie,  die  uns  zogernde  Menschen  ermahnt  zu  einem  schnellern 
Umfangen  des  wegschliipfenden  Lebens?  —  Ahme  mich  nach: 
wahrlich,  mich  storen  die  Winde  und  Erdbeben  des  Lebens  so 
wenig  wie  eine  Sonnenfinsternis  -  nur  gegen  etwas  fand'  ich  kei- 
nen  Trost:  wenn  du  mich  nicht  liebtest.«  -  »0  bester  Leolin!  nur 
nicht  so,  wenn  ich  froh  bleiben  soll.<*  Er  antwortete  schnell :  »Ach !  20 
du  bist  gliicklicher  als  ich,  ich  finde  alles  eher  auf  der  Erde,  sogar 
Wahrheit  und  Freude,  als  Freundschaft!  -  Ach!  ich  sah  im  Trau- 
me  meiner  Jugend  einmal  ihren  glanzenden  Tempel  stehen,  wie 
David  im  Schlafe  den  salomonischen,  und  ich  bin  mit  dem  flat- 
ternden  Luftschlosse  in  meiner  Brust  durch  die  Erde  gegangen 
und  habe  unter  den  Menschen  ihren  Tempel  gesucht!  -  Ach, 
Adeline !  -  Gib  mir  deine  Hand  und  fuhre  mich  hinein  und  sage 
nur  etwas,  das  mich  trostet.« 

Sie  konnte  nichts  sagen,  und  ihr  aufgehobnes  Auge  voll  furcht- 
samer  Liebe  war  ihm  nicht  genug.  Sooft  er  gleich  der  herrlichen  30 
Diptam-Blume  zugleich  blilhte  und  brannte^  jenes  mit  der  Phan- 
tasie,  dieses  mit  dem  Herzen:  so  konnte  Adeline,  von  seinen  Er-, 
gieBungen  fortgerissen  und  untergetaucht,  keine  Worte  finden, 
die  er  doch  foderte,  und  seine  Beredsamkeit  erschuf  ihre  Sprach- 
losigkeit.  Ach  I  zuweilen  glaubte  er  dieses  weibliche  Herz  nicht 
bewegt,  weil  das  Zittern  seiner  feinen  Saiten  unsichtbar  war,  da 


SECHSTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  337 

ihre  Tone  hoher  sind.  Ja,  jede  Trane,  jeder  Laut,  womit  sie  ihm 
antwortete,  fiel  wie  ein  neuer  Strom  in  seinen,  und  seine  grofiere 
Entziickung  wollte  wieder  durch  eine  fremde  iibertrofTen  sein, 
und  so  konnte  man  nie  sein  Herz  erwidern.  Aber  selten  konnt*  er 
die  bescheidne  Seele  iiber  die  Schranken  des  sprachlosen  Genus- 
ses  ziehen:  wie  ein  hoherer  Priester  sprach  er  ihr  im  Tempel  der 
Natur  die  Morgenandachten  vor,  und  sie  sagte  sie  mit  gesenktem 
Haupte  nur  im  Herzen  nach. 

-  Jetzt  als  sich  der  bunte  Sonnenschirm  des  Himmels  voll 

10  Abendrot  dammernd  ausspannte  und  als  auf  der  Erde  nichts  mehr 
lag  als  Rot  und  Nacht:  so  erhob  sich  die  Musik,  und  die  Tone 
glitten  wie  Wellen  iiber  den  rotlich  nachglimmenden  See  an  die 
Berge  hinuber,  iiber  welche  wie  iiber  Wirbel  die  nachzitternden 
Saiten  des  Echo  aufgezogen  waren. 

Aber  Lismore  fuhr,  aus  Vergessen  oder  Empfindung  der  Mu- 
sik, noch  heftiger  fort:  »Nein,  zwischen  zwei  Seelen,  die  sich  ein- 
ander  die  Arme  offnen,  liegt  gar  zu  viel,  so  viele  Jahre,  so  viele 
Menschen,  zuweilen  ein  Sarg  und  allezeit  zwei  Korper.  Hinter 
Nebeln  erscheinen  wir  einander  -  rufen  einander  beim  Namen 

20  -  und  eh*  wir  uns  finden,  sind  wir  begraben.  Und  wenn  man  sich 
findet,  ists  denn  der  Miihe,  des  Namens  der  Liebe  wert,  die  paar 
gliihenden  Worte,  unsre  kurzen  Umarmungen?  -  Vom  Morgen- 
rot  der  Jugend  gliihet  uns  der  Eisberg  der  Menschenfreundschaft 
liigend  an,  aber  in  der  Nahe  erfriert  man  an  ihm,  oder  man  zer- 
schmelzt  ihn  mit  seiner  Warme  -  wahrlich,  die  Menschen  dulden 
keine  Warme;  ach!  wie  oft  ergrifTich  die  Hand  eines  Geliebten 
und  wollt'  ihn  an  meine  Seele  ziehen,  aber  die  Hand  riB  ab,  der 
Samielwind  hatte  dem  morschen  Toten  nur  eine  schlummernde 
Gestalt  gelassen. Aber  wie  himmlisch  flieBen  die  Tone  iiber 

30  die  Wellen!  -  Morgen  hab*  ich  sie  doch  vergessen.  -  Und  so 
spiegelt  jedes  Gefiihl  und  jede  Liebe  uns  eine  erlogne  Ewigkeit 
vor:  ein  Scherz,  ein  Schlaf,  eine  verlorne  Unze  Blut,  ach  I  eine 
Stunde  erwiirgt  die  Liebe.  So  steht  uberall  und  iiberall,  wo  eine 
Menschenbrust  an  der  andern  liegt,  die  Zeit  und  schiebt  sie  aus- 
einander  wie  Marmorplatten,  weil  sie  sie  nicht  auseinanderreifien 
kann.«  -  - 


338  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

Die  Musik  tonte  aus.  -  »Ach,  Adeline !  ich  habe  gewiB  nicht 
recht.«  -  »GewiB  nicht !«  (sagte  sie  sanft)  »ich  konnte  noch  nie- 
mand  vergessen.« 

Nun  wurde  druben  hinter  den  Bergen  der  unsichtbare  Geist 
<ler  Natur  rege  und  wach  und  ergriff  allmachtig  die  gestorbnen  , 
Tone  und  gab  ihnen  ein  zweites,  zitterndes  Leben  -  und  das 
ganze  hiniibergehauchte  Lied  kehrte  entkorpert  und  atherisch 
und  leise  zu  den  Liebenden  zuruck.  Adeline  deckte  jetzt  mit  der 
Hand  das  rechte,  krankere  Auge  zu,  weil  aus  ihm  allemal  die 
Tranen  friiher  flossen,  und  ihre  holdeSeele  erblickte,inderWiege  10 
der  Echo  ruhend,  die  Arme  ihrer  Mutter  tiber  sich  aufgetan  -  ein 
Engel  hing,  gleichsam  von  den  wehenden  Tonen  gehalten,  mit 
aufgeschlagnen  Fliigeln  ami  roten  Abendgewolke  und  zeichnete 
darauf  die  schonere  Paradieseszeit,  wo  sie  noch  um  ihre  Eltern 
war  —  den  hellen  Morgen,  wo  sie  ihrer  Mutter  in  einer  langen 
Umarmung  das  Versprechen  der  ersten  Liebe  gab  -  den  begluck- 
ten  Abend,  wo  sie  es  unter  dem  Lautenzug  eines  ahnlichen  Echo 
esfullte.  -  Ach!  aber  durch  wie  viele  Tranentage  muBte  der  Glanz 
dieser  fro  hen  Stunden  fallen  und  wurde  darin  gebrochen  und 
verschluckt!  -  20 

Jetzt  schwieg  alles!  -  Nun  stieg  das  zweite  Echo  auf,  dunkler 
und  tiefer,  wie  aus  einer  liegenden  Brust.  -  Da  rief  alles  in  Ade- 
linens  Seele:  »Es  ist  die  Mutter  -  ja,  deine  Julie  redet  dich  an«  - 
und  nun  sturzten  Trane  anTrane  aus  dem  gesunden,  linken  Auge, 
und  sie  verhullte  keine  mehr.  Sie  lehnte  sich  an  ihren  Geliebten  - 
ihre  Zahren  sanken  den  Schatten -Tonen  auf  die  Erde  nach  -  das 
vom  Nachtflor  umwundne,  gedampfte  Trauerinstrument  haufte 
den  Druck  aller  teuern  Graber  auf  ein  zerschmolznes  Herz,  und 
es  muBte  ganz  verbluten  — 

Ach !  in  ihrem  Herzen  standen  allezeit  mehr  Tranen  als  in  ihren  30 
Augen.  -  Der  zweite  tonende  Traum  war  voruber.  Siehe  da 
wiihlte  sich  dumpf  und  fern  der  dritte  Nachhall  auf,  wie  aus 
einem  Busen,  den  ein  Erdbeben  eingesenkt...  »Wimmernde, 
tiefe  Stimmel  welches  dicke  Grab  bedeckt  dich  so  sehr?  -  Blu- 
tiger  Ton!  warum  durchschneidest  du  mit  deinem  unsichtbaren 
Schwert  die  Seele?  -  Jammernder,  auf  Nachte  gemalter  Schatte! 


SECHSTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  339 

wer  bist  du?«  -  »Ich  bin  dein  enthaupteter  Vater,  und  ich  jam- 
mere  in  der  Grube  noch  iiber  mich  und  dich.«... 

-  Ungluckliche  Tochterl  schaue  an  den  bliihenden  Himmel! 
Eine  graue  Wolke  hat  sich  aufgeworfen  wie  ein  Grab  -  und  hun- 
dert  Rosen  aus  Abendrot  brennen  auf  dem  dunkeln  HiigeL  Deine 
Mutter  schlaft  darin  mit  der  Rose,  die  du  ihr  gegeben,  und  mit 

dem  bleichen  Haupte,  das  du  zuletzt  geschmiickt Adeline 

blickte  gen  Himmel  und  fand  einen  Trost,  und  die  Stimme  des 
zertrummerten  Vaters  verstummte;  aber  ihr  Herz,  das  zerrinnend 

10  sich  mit  den  Tranen  vermischte,  tropfte  gleichsam  vom  Leben 
weg-und  sie  wandte  das  blafi-rote,  geschwollne  Angesicht  plotz- 
lich  ab  von  den  malenden  Wolken  und  von  den  tonenden  Bergen 
und  kehrt*  es  lieber  aufgehoben  und  mit  weiten  Augen  und  mit 
alien  seinen  weinenden  Blicken  und  Ziigen  gegen  ihren  Freund 
und  sagte  in  grenzenlosem  Schmerz:  »Ich  kann  ja  meine  Eltern 
nicht  vergessen,  Leolin!  -  meine  Mutter  muB  doch  in  meinem 
Herzen  bleiben.  -  O !  trosten  Sie  mich  gern  und  oft,  aber  lassen 
Sie  mich  auch  recht  weinen.«  - 

Trostlose !  ich  wiirde  dir  keinen  Trost  sagen.  Welchen  konnt* 

20  ich  denn  einer  Tochter  geben,  die  die  erste  und  letzte  Freundin 
ihres  schweren  Lebens  verloren  und  fur  die  nun  das  beste  Schick- 
sal  nichts  mehr  hat  als  Freunde?  Kann  ich  euch  Verwaiseten  denn 
aus  alien  Ecken  der  Erde  irgendein  Herz  zufiihren,  das  euch  so 
sehr  wie  das,  das  in  ihr  ruht,  und  so  zartlich  und  so  uneigenniitzig 
und  so  lange  liebte?  O !  wenn  ihr  die  unvergeBliche  Lehrerin  und 
Mittlerin  und  den  Schutzengel  eurer  Jugend  begraben  habt,  wenn 

'  sich  die  Brust,  aus  der  ihr  den  ersten  Nektar  des  Lebens  nahmt, 
erkaltet  nicht  mehr  fiir  euch  bewegt,  welche  zweite  kann  ich  euch 
auf  der  weiten  Erde  anzeigen,  die  ebenso  warm  schlagt  und  an 

30  der  ihr  ebenso  sicher  alle  Geheimnisse  und  Seufzer  der  eurigen  in 
sanfter  Umarmung  verhauchen  durft?  -  Nein,  es  gibt  keine  -  und 
o  1  wenn  eine  solche  Verwaisete  mich  gerade  am  Geburts-  oder 
Todestage  ihrer  Mutter  lase,  sie  wiirde  mit  ihren  Augen  voll  Tra- 
nen gar  nicht  bis  hieher  gekommen  sein,  sie  hatte  langst  ohne 
mich  gesagt :  Nein,  ich  kann  nicht  getrostet  werden !  — 

Lismore  driickte,  iiberwaltigt  vom  erhabnen,  treuen  Gram  der 


340  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

besten  Tochter,  ihr  fallendes  Haupt  weinend  an  sein  Herz,  und  er 
Iegte  um  dasselbe  die  Arme  schwebend,  um  sie  gegen  die  bald 
wiederkehrenden  Tone  taub  zu  machen,  und  sagte :  »Engel !  wer 
konnte  dich  einmal  wiirdig  betrauern?-Du  hast  ja  einen  Schmerz, 
als  warst  du  eine  Unsterbliche.  -  Ach !  ich  sah'  das  nicht  voraus 
-  das  Echo  sollte  dich  bloB  an  ein  schoneres  erinnern  und  dich 
nicht  so  traurig  machen.« 

«Sie  weinen  ja  auch,  Guter!«  sagte  sie. 

»Ja,  und  um  dich,  um  dein  himmlisches  Herz  —  und  um  deine 
gute  Mutter,  die  eine  solche  Tochter  wie  dich  verlor.«  —  »0  10 
mein  Teuerster !«  sagte  sie  warm,  »ich  und  Sie  haben  mehr  ver- 
loren  -  ach !  Sie  kennen  Ihre  Freundin  nur  halb«,  und  hier  rich- 
tete  sie  ihr  himmlisches  Angesicht  mit  einer  beredten  Miene  voll 
Nachrichten  zum  teuern  Genossen  ihrer  Seufzer,  zum  Liebling 
ihrer  Mutter  auf.  Was  sie  meinte,  war  jenes  gelinde  mutterliche 
Eindringen  in  ihre  Brust,  das  ihr  an  jenem  Tage,  wo  das  Echo 
bei  Genetay  ihr  Herz  an  ein  zweites  schloB,  alle  fur  Lismore  vor- 
teilhaften  Geheimnisse  ablockte  oder  einpflanzte.  Lismore  qualte 
sie  nun  mit  fieberhafter  Innigkeit  um  die  Vollendung  ihres  Be- 
kerintnisses  -  er  beschwor  sie  bei  dem  Grabe  ihrer  Mutter,  diese  20 
durch  die  Enthiillung  eines  Geheimnisses  zu  ehren,  das  sich  als 
ein  neuer  Kranz  um  ihr  Gedachtnis  lege  — :  und  die  Arme  deckte 
ihm  im  heutigen  Taumel  ihrer  Trauer  ihr  von  der  neuen  Flut 
eines  Echo  fortgefuhrtes  Herz  und  das  Geheimnis  des  mutter- 
lichen  Anteils  an  ihrer  Liebe  auf.  Aber  in  ihrem  jungfraulichen 
Munde  klang  es,  als  sei  die  abendliche  Hingabe  ihrer  Seele  am 
meisten  -  der  morgendlichen.  Unterredung  zuzuschreiben . . . 

Hier  fuhr  sein  heiBes  Herz  gerinnend  zusammen,  wie  von  ein- 
gespriitzten,  kalten  Giften  zersetzt:  -  »Hab'  ichs  nicht  langst  er- 
raten,«  (sagte  eine  Stimme  in  ihm)  »sie  liebt  dich  nicht,  sie  gibt  30 
dir  nur  aus  Gehorsam  gegen  die  tote  Mutter  die  Hand«  -  aber  die 
Wellen  der  heutigen  Liebe  und  Entziickung  liefen,  wie  bei  Wech- 
selwinden,  streitend  den  Wellen  des  zweiten  Sturms  entgegen  - 
und  er  blickte  die  schone,  leidende  Gestalt  voll  unaussprechlicher 
Liebe  an,  und  dann  dacht*  er:  »Ich  will  mich  nur  noch  heute  tau- 
schen«,  und  erhaben  wie  ein  unglucklicher  Gott,  sank  er  gleich- 


SECHSTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  341 

sam  scheidend  mit  verschloBnen  Augen,  ohne  Sprache  und  voll 
Tranen  an  die,  die  er  zu  verlieren  besorgte:  denn  er  suchte  den 
Zweifel  an  ihrer  Liebe  durch  das  ObermaB  der  seinigen  zu  uberwal- 
tigen.  Gute  Adeline!  du  errietest  nicht,  daB  er  darum  mit  Tranen 
deine  Wangen  iibergoB,  weil  er  in  der  schmerzlichen  Umarmung 
zu  sich  sagte:  »Ist  denn  das  meine  Geliebte?  Run'  ich  schon  an 
dem  Herzen,  das  ich  ewig  suche?  -  O  Himmlische!  wenn  du 
nicht  hier  bist,  der  ich  angehore,  wenn  einmal  meine  verwundete 
Seele  an  deiner  ausheilt,  dann  will  ich  dirs  sagen,  ich  habe  heute 

10  an  dich  gedacht....  Ach!  du  arme  Adeline,  ich  tue.dir  doch  un- 
recht,  wenn  du  mich  auch  nicht  liebst.«—  Und  er  riB  sich  von  ihrem 
Angesichte,  wie  sich  eine  bliihende  Seele  vom  Leben  reiBet:  er 
warf  sich  vor  sie  hin  und  blickte  in  ihr  erschrocknes  Angesicht 
und  sagte  bebend  und  erstickt:  » Adeline  I  liebe  mich  ohne  MaB, 
wie  ich  dich!  -  Gib  mir  ein  Zeichen,  wenn  du  mich  nur  deiner 
Mutter  wegen  Hebst !«  Aber  er  legte,  um  kein  Zeichen  zu  sehen, 
sein  Haupt  auf  ihren  SchoB,  und  sie  breitete  ihre  Hande  sanft 
unter  sein  brennendes,  nasses,  verhiilltes  Angesicht.  Er  hob  es 
noch  einmal  schwer  empor  und  blickte  zu  ihr  auf  wie  ein  ster- 

20  bender  Engel  und  stammelte:  »Sieh,  wie  ich  liebe  -  ich  wiirde 
jetzt  sterben,  wenn  du  mir  das  Zeichen  gabest.«  Da  sank  ihr 
Haupt  wie  eine  Lilie  gebrochen  seinem  entgegen,  und  ihre  Tra- 
nen fielen  auf  seine  Lippen  nieder,  und  ihre  heruberfallenden 

Locken  hiillten  den  heiBen  KuB  voll  Schmerzen  ein 

Als  nach  einer  stummen  Minute  voll  wundem  Entziicken  die 
zwei  Erschopften  das  Theater  des  Trauer-  und  Schattenspiels 
verlieBen :  war  alles  verstummt,  ausgenommen  einige  Wellen  am 
Ufer  -  die  Phonixasche  unsrer  Freude,  die  Musik,  war  verweht, 
und  kein  Echo  sammelte  die  Trummer  der  Tone  mehr  -  der 

30  Abendhimmel  war,  wie  Adeline,  bleich  geworden  -  der  Fruhling 
legte  den  Rand  der  Nacht  noch  nicht  in  Mattgold  ein,  und  der 
Mond  hing  noch  tief  unter  der  silbernen  Pforte  des  Aufgangs  - 
schweigend  gingen  beide  zuriick  -  sie  scheuchten  eine  schlum- 
mernde  Lerche  auf,  aber  sie  stieg,  ohne  zu  singen  -  und  als  sie 
nachts  voneinander  gingen,  sahen  sie  sich  weinend  an,  aber  sie 
kuBten  sich  nicht 


34^  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

—  Die  Menschen  sind  einsam.  Wie  Tote  stehen  sie  nebenein- 
ander  auf  einem  Kirchhofe,  jeder  allein,  ganz  kalt,  mit  geballter 
Hand,  die  sich  nicht  offnet  und  ausstreckt,  urn  eine  fremde  zu 
nehmen.  Nicht  einmal  ihr  Korper  halt  das  warme  Sehnen  nach 
Liebe  aus,  aber  den  HaB  wohl;  an  jenem  zerfallt  er,  sie  sind  Pflan- 
zen  aus  einem  kalten  KHma,  die  den  groBten  Frost,  aber  keine 

Hitze  ausdauern Wie,  glaubt  ihr,  ich  meine  die  Millionen 

dumpfe,  niedrige,  hungrige  Menschen,  die  gern  in  ihre  Graber 
zuruckkriechen,  ohne  den  Besitz  nicht  nur,  auch  ohne  den  Wunsch 
der  Freundschaft  und  Liebe?  -  Ich  meine  sie  nicht;  in  ihrer  nie-  10 
drigen,  dem  Kote  parallelen  Richtung  konnen  sie  keine  Seele  zu 
sich  ziehen ;  nur  Menschen,  wie  nur  Eisenstangen,  die  sich  gegen 
den  Himmel  richten,  werden  magnetisch.  -  Aber  diese  mem*  ich, 
Menschen  wie  Lismore.  -  Ach !  daB  gerade  die  bessern  am  wenig- 
sten  lieben,  daB  es  ihnen  so  schwer  wird,  zu  n*nden,  noch  schwe- 
rer,  zu  behalten,  daB  sie  ein  Jahrzehend  brauchen,  um  einen  Bund 
zu  schlieBen,  und  eine  Minute,  um  ihn  zu  brechen.  —  Und  dann 
veraltet  der  entbloBte  Mensch,  ohne  sein  zweites  Herz  -  die  Jahre 
setzen  um  sein  bestes  Herzblut,  wie  um  alten  Wein,  eine  steinerne 
Rinde  an  —  er  heilet  den  liebenden  Wahnsinn  seines  Kopfes  und  20 
das  verzehrende  Fieber  seiner  Brust  mit  Eisstiicken,  wie  die  Arzte 
Kopf  und  Brust  mit  aufgelegtem  Eise  herstellen  -  und  wenn  er 
in  die  andre  Welt  tritt,  so  muB  er  fragen:  »Ewiger,  warum  gabst 
du  mir  ein  gluhendes  Herz  in  die  Erde  mit:  ich  bringe  es  toten- 
kalt  zuriick,  es  hat  niemand  geliebt.«...  Ach!  wenn  diese  Erde 
ein  Gangelwagen  fur  unsre  ersten  Schritte  sein  soil:  so  ist  der 
Ring  desselben,  auf  dem  wir  mit  der  Brust  auf  Iiegen,  nicht  weich 
genug  gepolstert  und  schneidet  zu  tief  ein.  —  Doch  so  ungliick- 
lich  sind  wir  nicht  alle,  und  wer  mich  hier  mit  Schmerzen  Reset  - 
anstatt  mit  bloBer  Sehnsucht  -,  der  war  wenigstens  gliicklich.  30 
Aber  lasset  uns  jetzt  in  diesem  russischen  Eispalast  der  Erde,  wor- 
in  Statuen  und  Ofen  von  Eis  sind,  einander  die  Hande  geben 
und  uns  vornehmen,  noch  ofter  zu  vergeben,  als  wir  tun,  noch 
ofter  daran  zu  denken:  daB  wir  ja  aus  so  vielen  tausend,  tausend 
Herzen  nur  einige,  verarmt,  an  unserm  halten  -  daB  unsre  Jahre 
so  kurz  und  schnell  verstauben,  aus  denen  wir  zur  Liebe  nichts 


SECHSTE  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNG  343 

ausheben  als  noch  schnellere  Minuten  -  daB  unsre  ersten  zehn 
Jahre  und  vielleicht  unsre  letzten  zehn  ohnehin  dem  verwitterten 
Herzen  die  Liebe  nehmen  -  und  wie  viel  wir  schon  vergessen 
haben,  wie  manche  gliihende  Stunde,  wie  viele  heiBe  Versiche- 
rungen,  und  wie  noch  mehr  wir  schon  verloren  haben.  —  Und 
wenn  uns  das  nicht  bessert:  so  lasset  uns  auf  die  Graber  unsrer 
vorigen  Freunde  treten  und  ohne  Schamrote  sagen :  »Wir  lieben 
sie«,  indes  wir  die  lebenden  vergessen.  -  Ach  I  auf  jenen  Hugeln 
lernt  der  Mensch  Freundschaft  so  gut  wie  GroBe. 


Satirischer  Appendix 


VORREDE  ZUM  SATIRISCHEN  APPENDIX, 

oder  Extrakt  aus  den  Gerichtsakten  des  summarischen  Verfahrens  in  Sachen 

der  Leser,  Klagern,  contra  Jean  Paul,  Beklagten,  Satiren,  Abhandlungen  und 

Digressionen  des  letztern  betreffend. 

Ich  habe  den  Extrakt,  den  ich  hier  mache,  eigenhandig  vidimieret, 
um  ihn  glaubwiirdiger  zu  machen;  es  konnen  aber  zu  jederStunde 
die  Akten  selber  von  beiden  Parteien  in  meiner  Stube,  in  Hof, 
nachgesehn  werden. 

Den  ersten  hujus  reicht*  ich  bei  der  furstlich  scheerauischen 

10  Berghauptmannschaft  —  die  ich  bekanntlich  bekleide  -  als  An- 
walt  und  Mandatarius  meiner  Herren  und  Frauen  Mandanten  und 
Mandantinnen,  samtlicher  Leser  und  Leserinnen,  das  Klagelibell, 
das  von  so  groBen  Folgen  war,  gegen  den  Verfasser  der  unsicht- 
baren  Loge,  des  Hesperus  und  alles  dessen  ein,  was  der  Manda- 
tarius drucken  lassen.  Als  ich  einmal  vor  13  Jahren  las,  daB  ein 
Beklagter  in  der  Schweiz,  da  er  selber  in  der  Zeit  des  Mahens 
keine  hatte,  vor  Gericht  zu  erscheinen,  seinen  Klager  gebeten,  an 
seiner  Statt  die  notigsten  Einreden  zu  machen:  so  dacht'  ich  da- 
mals  wohl  mcht  daran,  daB  ich  einmal  im  namlichen,  obwohl 

20  umgekehrten  Falle  sein  und  von  den  Lesern  als  ihr  eigner  An- 
walt  gegen  mich  in  Sachen,  wo  ich  noch  dazu  selber  richte,  wiirde 
aufgestellt  werden;  es  laBt  sich  dariiber  disputieren,  wem  ein  sol- 
ches  Vertrauen  mehr  Ehre  mache,  den  Klienten  oder  dem  Patro- 
nus  selber.  Wem  meine  Triumvirats-Rolle  auffallt,  der  ist  noch 
mit  wenigen  Justitiarien  (Gerichtshaltern)  von  Belang  umgegan- 
gen:  ein  Gerichtshalter,  der  z.  B.  Vize-Re  und  Kommandeur 
iiber  zwei  Gerichtshaltereien  ist,  fertigt,  wenn  aus  der  einen  ein 
InsaB  in  die  andre  vorzuladen  ist,  haufig  ein  Requisitorialschrei- 
ben  an  den  Gerichtshalter  der  ersten  aus  -  welches  er  selber  ist  -, 

30  wiewohl  freilich  weniger  um  den  Kerl  zu  haben  als  die  Gebiihren. 
-  Nun  zum  Extrakt  des  Libells! 

»Es  sei  leider  bekannt  genug,  wie  der  Buchermacher  und  Bio- 


348  BIOGRAPHISCHE  BELUSTI GUNGEN 

graph  in  Hof,  Jean  Paul,  bisher  seine  Leser  und  Kaufer  hinter- 
gangen,  indem  er  unter  seine  Historien  die  langsten  Satiren  und 
Untersuchungen  eingeschwarzt,  so  daB  er,  wie  einige  osterreichi- 
sche  Fabriken,  die  inlandische  Ware  nur  darum  zu  machen  ge- 
schienen,  um  die  verbotne  satirische  damit  zu  emballieren  und 
abzusetzen.  Besagter  Paul  habe  ferner  oft  Lesern  ins  Dampfbad 
der  Ruhrung  gefiihrt  und  sogleich  ins  Kiihlbad  der  frostigen 
Satire  hinausgetrieben,  da  doch  wenige  darunter  Russen  waren, 
die  es  ausstanden.  Oberhaupt  schieb'  er,  anstatt,  wie  es  einem 
guten  Autor  geziemt,  dem  Teufel  nachzuahmen  und  nichts  zu  10 
erregen  als  Leidenschaften,  uberhaupt  schieb*  er,  wenn  er  sich  auf 
einigen  Bogen  gut  gestellt,  sofort  eine  breite  Satire  oder  Unter- 
suchung  unter  dem  boslichen  Namen  eines  Extrablattes  etc.  als 
Ofenschirm  zwischen  die  besten  Kaminstiicke  und  Freudenfeuer 
ein.  Er  mache  sich  dadurch  unzahlige  Feinde.  Klagere  bekennen, 
sie  wiiBten  nicht,  wie  uberhaupt  eine  solche  Zumutung  mit  ihren 
unter  alien  deutschen  Regierungen  bestatigten  Freiheitsbriefen, 
die  sie  von  alien  Satiren  lossprachen,  es  betreffe  das  Machen  oder 
das  Lesen  oder  das  Fassen  derselben,  zu  reimen  sei  und  wie  es 
damit  bestehe,  daB  man  ihnen  ganze  Krauter-  und  Hopfensacke  voll  20 
satirischer  Gewachse  auf  lade.  Habe  der  besagte  Buchermacher  aus 
Hof  eine  genugsame  Anzahl  Stachel-  und  andereSchriften  beisam- 
men  und  vorzusetzen:  so  komm*  ihnen  vor,  er  konne  solche  alle- 
zeit  viel  schicklicher  in  ein  besondres,  ehrlich  betiteltes  Buch  auf- 
scharren  und  aufschichten,  damit  Klagere,  die  Leser,  nicht  mit  der- 
gleichenSachenfurdenBuchhandlerbehelligtundbelastigtwurden. 
Klagerischer  Anwalt  bitte  daher,  in  Rechten  zu  erkennen  und 
auszusprechen, 

daB  der  Biograph  Jean  Paul  in  seinen  kunftigen  Historien 
geradeaus  wie  ein  KernschuB  zu  gehen  schuldig,  ohne  An-  30 
spielungen,  ohne  Reflexionen  und  mit  Ernst  ohne  SpaB, 
uberhaupt  daB  er  unter.  dem  Vortrage  seiner  biographischen 
Partitur  hinter  seinem  Notenpult  eine  satirische  Pantomime 
gegen  samtliche  Zuhorerschaft  zu  ziehen  sich  ernstlich  zu 
enthalten  und  alle  diesfalls  kausierten  Schaden  zu  tragen  ver- 
bunden. 


SATIRISCHER  APPENDIX  349 

Klagerischer  Anwalt  wolle  iibrigens  mit  keinem  iiberflussigen 
Beweise  beladen  sein,  bedinge  sich,  daB  seine  Klage  nicht  fur  ein 
zierliches  Libell,  sondern  fiir  eine  schlechte  Erzahlung  angesehen 
werde,  und  habe  keinen  animum  injuriandi  desuper  nobile.«  - 

Es  ist  ein  Wunder,  daB  man  von  Gerichts  wegen  ein  sonder- 
bares  Annexum,  das  ich  noch  an  das  Klaglibell  anstieB,  nicht  von 
den  Akten  removiert  hat.  Es  lautet  vollig  so  : 

»Niemand  verdient  wohl  mehr,  daB  die  Gesetze  ihre  Regen-, 
Donner-  und  Sonnenschirme  iiber  seinen  Kopf  ausspannen,  als 
10  die  S.  T.  Klagerinnen  oder  Leserinnen,  die  zu  so  vielen  Leiden  im 
Gethsemane-Garten  geboren  werden  und  zu  so  kurzer  Garten- 
lust,  mehr  zu  Werthers  Leiden  als  Freuden,  und  die  sich  so  oft 
zwischen  dem  scharfen  Treibeis  der  mannlichen  Herzen  blutig 
stoBen.  Klagerischer  Sachwalter  halt  es  fiir  unschicklich,  ineinem 
Klagschreiben  es  welter  auszufiihren,  wie  viele  Schwielen  einer 
Leserin  oft  schon  die  Athleten-Hande  von  Verfassern  driicken, 
die  sie  geheiratet  hat,  und  wie  unbillig  es  ware,  wenn  vollends  die 
iibrigen,  die  sie  nur  kauft,  es  noch  weit  arger  machten,  wenn  es 
nicht  genug  ware  an  den  Schlagen  des  schweren  Tiefhammers  des 
20  Schicksals,  an  dem  Pochwerke  jeder  Minute  und  so  vieler  Satans- 
fauste,  sondern  wenn  noch  die  Schattenspiele  an  der  Wand  der 
Gehirnkammern,  wenn  die  Schnee-  und  Strohmanner  und  alle 
Marionetten  auf  dem  Druckpapier  ihre  kalten  Schattenhande  auf- 
heben  wollten  gegen  ein  so  oft  verletztes,  zwischen  Wunden  und 
Narben  lebendes  Geschlecht.  In  Biichern  sollt'  es  nicht  die  Schmer- 
zen  wiederfinden,  vor  denen  es  aus  dem  auBern  Leben  in  jene 
floh;  und  die  Autoren  sollten  die  Altesten  aus  der  Familie  Baker1 
sein,  die  diesen  Koniginnen  bei  der  Oberfahrt  iiber  den  triiben 
Kanal  ihrer  Tage,  vom  neblichten  Lande  ins  warmere  blaue,  den 
30  Kopf,  den  Dornenkronen  niederziehen,  aufrecht  halten.  Satiren 
sind  aber  selber  nur  Girlanden  aus  Dornen. 

Mandatarius  muB  gestehen,  es  ist  seinen  Mandantinnen  auBerst 
unangenehm,  daB  der  Biichermacher  die  beste  Geschichte  immer 

1  Unter  den  englischen  Konigen  aus  dem  Hause  Plantagenet  hatte  die 
Familie  Baker  ein  Lehngut,  weil  der  Alteste  daraus  verbunden  war,  dem 
Konig  bei  der  Oberfahrt  von  Dover  nach  Calais  den  Kopf  zu  halten. 


350  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

versalzt,  verpfeffert  und  verwassert  durch  seine  Manier,  daB  er 
sie  oft  erst  nach  zehn  Prologen  anfangt,  daher  viele,  wie  in  Lon- 
don, erst  beim  dritten  Akt  in  die  Tragodie  gehen,  und  daB  man 
zu  seiner  Kirchenmusik  erst  durch  lange  Predigten  zu  waten  hat. 
Anwalt  geht  jetzt  die  zwei  Hauptmangel  durch.  Klagerinnen  miis- 
sen  es  unter  seinen  philosophischen  heiligen  Kasualreden  stets 
wie  die  Kantores  machen,  die  unter  der  Predigt  aus  der  Kirche 
gehen  und  zur  Musik  wiederkommen.  Denn  Mandantinnen  hal- 
ten  es  fur  Klugheit,  seit  Evas  Trauerfalle,  sich  vom  Giftbaum  des 
Erkenntnisses,  der  so  viele  Blitzschlage  auf  die  Erde  lockt,  so  weit  10 
abzustellen,  als  seine  Wurzeln  laufen:  die  Kritik  sitzt  als  Schlange 
droben  zwischen  den  Asten  und  rezensiert  gunstig  und  kauet  un- 
bedenklich  das  Obst,  das  den  Magen  einer  Eva  verdirbt.  Es  wal- 
tet  freilich  ein  besondrer  Gliicksstern  uber  Leserinnen  ob,  daB  sie 
ihren  Mannern,  die,  gleich  dem  Teufel  vor  Einsiedlern,  sich  in  so 
viele  Gestalten  -  z.  B.  von  Romanschreibern,  Biographen,  Ta- 
schenkalendermachern  -  bisher  verkleidet  haben,  um  sie  in  natur- 
historische,  geographische,  astronomische  etc.  Hor-  und  Bucher- 
sale  nachzulocken,  gliicklicherweise  niemals  nachgegangen  sind. 
Aber  meistens  nur  Leserinnen  aus  den  mittlern  Standen  durfen  20 
sagen,  daB  sie  durch  den  Oberzug  mit  Lumpen-  und  Rosen- 
zucker,  worin  man  bisher  ihnen  den  MiBpickel  und  Fliegenstein 
der  Wissenschaften  vorsetzte,  sich  doch  nicht  haben  reizen  lassen, 
an  den  wissenschaftlichen  Arsenik  zu  lecken,  indes  Weiber  aus 
hohern  Klassen  haufig  in  die  Arsenikhutten  der  Lehrgebaude 
zogen. 

Satire  dient  ihnen  nun  vollends  zu  nichts  als  zum  bessern  Fort- 
kommen  im  Buche,  indem  sie  sie  iiberblattern:  denn  bei  denweib- 
lichen  Fehlern  gilt  das,  was  Unzer  von  den  Hiihneraugen  sagt, 
daB  jede  Methode,  sie  zu  vertreiben,  unrichtig  sei,  sobald  sie  30 
schmerzhaft  ist.  Sie  haben  langst  ein  Surrogat  und  einen  Ersatz 
fur  die  Satire,  die  mehr  fur  Manner  gehort,  und  das  ist  die  Medi- 
sance,  die  den  Weibern  recht  knapp  und  schon  am  innern  Men- 
schen  anliegt,  wie  der  alte  Adam,  unser  allgemeiner  Berghabit 
beim  schmutzigen  Einfahren  ins  goldreiche  Leben.  Klagerischer 
Mandatarius  will  hieriiber  nur  einige  Gedanken  ausschweifungs- 


SATIRISCHER  APPENDIX  351 

weise,  wie  der  Beklagte  ofter  tut,  hinwerfen.  Eine  Leserin  findet 
die  Satire,  die  allezeit  ganze  Stande  oder  unzahlige  Menschen  auf 
einmal  herabsetzt,  viel  zu  hart:  sie  weiB,  mit  einer  bloBen  Ver- 
leumdung  fallt  sie  nur  einen  einzigen  Menschen  und  ohne  Witz 
und  nur  historisch  an,  und  weiter  ist  Sanftmut  nicht  zu  treiben. 
Die  satirischen  Pfefferkorner  halten  ferner,  wie  das  siiBe  Manna, 
sich  nicht  zwei  Tage  und  werden  leicht  anbruchig;  so  wie  Boer- 
haave  von  der  Galle  (der  Essigmutter  der  Satiren)  angemerkt, 
daB  sie  unter  alien  Feuchtigkeiten  des  menschlichen  Korpers  zu- 

io  erst  anfaule.  Aber  von  mundlichen,  kurzen  Satiren,  d.  h.  von 
Verleumdungen,  kann  man  doch  jede  Stunde,  wenn  es  die  Bes- 
serung  und  der  Vorteil  des  Nachsten  begehrt,  neue  Lieferungen 
nachschieBen,  nicht  bloB  jede  Stunde,  in  jeder  Stube,  in  jedem 
Fenster,  vor  jedermann.  Die  Satiriker  driickt  meistens  Wehrlose, 
Gebrechliche,  Sunder  und  Toren  und  ist  offentlich  parteiisch  fur 
Fromme  und  Weise;  aber  die  Medisante  ist  unparteiisch  gegen 
diese  und  zieht  gerade  aus  klassischen  Menschen  die  Druckfehler 
am  ersten  heraus,  wie  man  nur  fur  klassische  Werke  (z.  B.  die 
Messiade)  einen  Dukaten  fur  den  Fund  eines  Erratums  aussetzt: 

20  hingegen  lobt  sie  mit  Pirchheimer  das  Podagra,  mit  Erasmo  die 
Narrheit,  mit  Marcian  den  Rettich,  mit  Archippo  den  Eselsschat- 
ten  und  mit  Bruno  den  Teufel.  Von  zwei  verdachtigen  Inkul- 
paten  wird,  wie  Franziskus  Vallesius  sagt,  der  haBlichste  zuerst 
gefoltert :  das  ist  feme  von  Medisanten,  die  stets  unter  zwei  Frauen 
der  schonsten  zuerst  die  peinliche  Frage  zuerkennen,  weil  jede 
selber  weiB  und  fuhlt,  wie  viele  Fehltritte  ein  schones  FiiBchen 
tue  und  wie  viel  Fehlgrifte  eine  schone  Hand.  - 

Endlich  ist  sich  auf  echte  Verleumdung  mehr  zu  verlassen  als 
auf  Satire,  die  immer  Leute  malt,  die  nie  gesessen.  Beaumarchais 

30  hat  aus  einem  Mantel,  den  er  im  Pantheon  zu  London  gefunden, 
Alter,  FiiBe,  Reize,  Taille,  Neigungen  der  Eignerin  prophetisch 
verraten:  man  gibt  nun  zu  bedenken,  was  eine  rechtschaffene 
Medisante  zu  erraten  und  zu  beurteilen  und  zu  verurteilen  ver- 
moge,  wenn  sie  alles  vor  sich  hat  an  der  andern,  nicht  bloB  den 
taftnen  Mantel,  sondern  das  ganze  schwarze  Ballkleid,  alle  Perlen, 
sogar  die  echten,  die  goldne  Hemdnadel,  die  brillantierte  Hut- 


352  BlOqRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

nadel,  die  Garnierung  und  das  Brustbouquet  und  die  Uhren  und 
die  Strumpfzwickel  und  die  Rosette  auf  dem  Schuh  und  kurz  die 
ganze  Frau !  —  Wann  nun  Klagerinnen  an  der  Dispensation  und 
Steuerfreiheit  von  alien  gedruckten  Satiren  sonderlich  gelegen: 
also  ergehet  an  die  furstlich  scheerauische  Berghauptmannschaft 
die  Bitte,  in  Rechten  zu  erkennen  und  auszusprechen : 

dafi  oft  besagter  Buchermacher  und  Biograph  Jean  Paul  in 
Hof  sich  aller  und  jeder  Satiren,  wes  Namens  und  Standes 
sie  auch  seien,  in  alien  seinen  Historienbiichern  ganzlich  zu 
enthalten  habe.Desuperimplorandoetukeriorareservando.«  10 
—  Ich  kann  nicht  weiter  extrahieren,  bevor  ich  in  meinem  eignen 
Namen  noch  einen  Grund  fur  echte  Verleumdung  beigebracht, 
der  ungemein  fruchtbar  und  selber  scharfsinnig  ist.  In  unsern 
Staaten  werden  namlich  nach  und  nach  die  Ehrenstrafen  in  Geld- 
strafen  umgesetzt,  dafiir  aber  werden  —  denn  sonst  kamen  wir 
endlich  durch  Abschaffung  der  Infamienstrafen  um  alle  Eh  re,  die 
doch  in  Monarchien  sitzen  muB  als  Prinzip,  wie  Montesquieu 
schon  bewiesen  -  die  Geldprdmien  zu  Ehrenieicken  erhoben,  der 
Ehrensold  zu  Ehre,  das  Glilckseligkeits system  zu  reiner  Wiirdey 
von  Kant,  so  daB  freilich  ein  Mensch,  der  nicht  viel  im  Vermogen  20 
hat,  schlecht  mit  letzterem  wegkommt,  es  sei,  daB  er  seine  Ehre 
aufopfern  will  -  denn  er  muB  sie  behalten  und  biiBt  noch  Geld 
ein  -,  oder  daB  er  etwas  mit  ihr  vor  sich  bringen  will  -  denn  er 
bringt  nichts  mit  ihr  vor  sich  als  sie  selber.  Die  Strafen  an  der 
Ehre  sind  von  unsern  Zeiten  besonders  zwei  verwandten  Petr- 
sonen  ganz  erlassen  worden,  denen,  die  mit  fremden  Geldern, 
und  denen,  die  mit  ihren  Reizen  fallieren,  d.  h.  Banker ottierern 
und  Geschwachten.  Beide  wurden  sonst  meistens  am  Kopfe  si- 
gniert.  Ich  hatte  viele  alte  Juristen  auf  dem  Tische  vor  mir,  aus 
denen  ichs  jetzt  schreiben  konnte,  wenn  ich  wollte  und  es  nicht  30 
schon  wiiBte,  daB  sonst  in  Rom,  Paris  und  Frankfurt  am  Main1 
nicht  nur  die  Bankerottierer,  sondern  auch  Leute  mit  Moratorien 
und  Quinquenellen  grime  Hiite  tragen  muBten  -  in  Sachsen  aber 
gelbe,  nicht  zu  gedenken  des  Gelbfarbens  der  Hauser,  des  Lau- 
tens  der  Schandharmonika,  des  Sitzens  auf  dem  Lasterstein  und 
1  Doplers  Schauplatz  der  Leib-  und  Lebensstrafen.  1  ster  Teil,  p.  817.  etc. 


SATIRISCHER  APPENDIX  353 

der  Schandgemalde,  welches  ich  alles  weiB.  Jetzt  tragen  diese 
Leute  ihren  feinen,  schwarzen  Hut  wie  ich.  In  Riicksicht  falliter 
Madchen  ist  uns  alien  bekannt,  daB  sie  sonst  Strohkran^e  und 
Hauben  bei  uns  tragen  muBten ;  in  Rom  aber  eben  darum  letztere 
nicht  nach  Serv.  in  7.  Aeneid.  Virg.  Jetzt  brauchen  sie  nicht  ein- 
mal  Strohhute  aus  Italien  aufzusetzen.  -  Diese  zwei  Menschen- 
klassen  wurden  nun  mit  einem  Kopf,  der  in  einem  Kopfzeug  von 
lauter  Lorbeerblattern  steckte,  eingesargt  und  eingegraben  wer- 
den,  hatte  nicht  der  Staat  seine  Medisantinnen  bestellt,  die  der- 

10  gleichen  Volk  in  Empfang  nehmen  und  handhaben.  Und  wie  tun 
sie  das?  Sie  fallen  dariiber  her  tiber  den  FalHerer  und  tiber  die 
Fallite  und  greifen  zu  -  sie  malen  an  das  Paar  selber  die  Schand- 
gemalde -  sie  lauten  in  jeder  Repetieruhr  die  Schand-  und  Arme- 
sunderglocke  tiber  ihnen  -  sie  lassen  vor  jedem  Altar  in  der  gro- 
Ben  Kirche  der  Natur  die  eine  die  KirchenbuBe  tun  und  den  an- 
dern  auf  dem  Lasterstein  knien  -  und  erwerfen  beide  halb  an  der 
Pillory  des  Fensters  und  erwiirgen  sie  halb  mit  dem  Halseisen  der 
Zunge-und  dann  reiBen  sie  der  armenFalliten,um  ihr  das  Alexis- 
oder  Demutskleid1  anzulegen,  fast  alles  ab,  was  sie  etwan,  als  Di- 

20  plome  beBrer  Jahre,  von  Ehrenkleidern  und  blauen  Hosenordens- 

bandern  an  ihrem  Leibe  an  sich  gesammelt  hat Beim  Himmel  I 

sie  wurden  nachlassen,  wenn  sie  das  arme  Ding  einsam  in  seiner 
Kammer  mit  dem  Schnupftuch  stehen  und  tiber  manches  weinen 
sahen  — 

Das  Gericht  hatte  zwar  jetzt  nach  der  Oberreichung  des  Libells 
dem  Beklagten  eine  Ladung  in  faciem  insinuieren  so  lien,  daB  er 
zu  rechter  fruher  Tageszeit  entweder  in  Person  oder  durch  einen 
Gevollmachtigten  vor  der  Berghauptmannschaft  erscheinen,  mit 
Klagern  gutlichen  Vergleich  pflegen  oder  rechtlichen  Bescheid 

30  gewartigen  sollte;  das  war  aber  gar  nicht  notig,  weil  ich  schon 
langst  erschienen  war  und  ja  erst  vor  einigen  Augenblicken  mein 
Klagelibell  tibergeben  hatte. 

Ich  stand  demnach  schon  im  Termin  in  Person,  verwarf  vorher 
Gtite  und  befestigte  sogleich  den  Krieg  rechtens,  oder  deutlicher: 

1  Es  besteht  aus  Billionen  Lumpen  und  wird  von  buBenden  Karmelitern 
angezogen. 


354  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

ich  kontestierte  Litem.  Ich  hatte  meine  Ursachen,  das  Klaglibell 
nicht  lange  inept,  voll  kumulierter  und  generaler  Klagen  zu  nen- 
nen:  jura  novit  curia,  d.  h.  bei  einer  respektablen  Berghaupt- 
mannschaft  kann  ein  Beklagter  alles  voraussetzen,  was  er  selber 
weiB,  sobald  beide  eine  und  dieselbe  Person  ausmachen.  Ich  re- 
zessierte  demnach  von  Mund  aus  in  die  Feder  dergestalt: 

»Vor  der  furstlich  scheerauischen  Berghauptmannschaft  er- 
scheint  Beklagter  und  setzet  zuvorderst  dem  angeblichen  Man- 
datarius  der  Klagere  exceptionem  deficientis  legitimationis  ent- 
gegen,  indem  noch  keine  gehorige  Vollmacht  fur  ihn  bei  den  10 
Akten  zu  sehen  ist;  er  bittet  daher  zu  erkennen: 

daB  der  angebliche  Anwalt  seine  Vollmacht  binnen  der  Mi- 

chaelis-Messe  ad  acta  zu  liefern  verbunden. 
Ferner  opponiert  er  den  unbefugten  Klagern  exceptionem  non- 
dum  praestitae  cautionis  pro  expensis;  da  sie  in  ganz  Deutsch- 
land  zerstreuet  angesessen  sind,  Beklagter  aber  wegen  der  Inserat- 
gebiihren  und  des  Ehrensoldes  Sicherheit  braucht;  hoffet  daher, 
den  Klagern  werde  auferlegt  werden, 

Kaution  oder  Vorstand  fiir  den  auflaufenden  Ehrensold 

durch  eine  Buchhandlung  zu  bestellen.  20 

Er  konnte  auch  die  Einrede  mehrerer  Litis-Konsorten  -  ferner 
die  des  dunkeln  Libells  -  sogar  des  inepten,  da  einige  Neben- 
sachen  darinnen  stehen  -  entgegensetzen  und  konnte  also  den 
wohlloblichen  Gerichtsstand  bitten, 

Klagere  zu  Einreichung  eines  schicklichern  Libells  anzu- 

halten. 
Aber  Beklagter  ist  mit  dem  Libell  ganz  zufrieden  und  hofft, 
daB  schon  in  Eetracht  der  zwei  ersten  Einreden  werde  erkannt 
werden, 

daB  Beklagter  auf  die  Klage  sich  nicht  einzulassen  brauche,  30 

Klagere  aber  alle  Ehrensolds-Kosten  ihm  zu  erstatten  schuldig. 
Inzwischen  laBt  er  sich  doch  ein,  freilich  eventualiter  und  pro- 
testierend. 

Er  negiert  vieles.  Er  hofft  aber,  da  der  Generalsuperintendent 
Jakobi,  Doktor  Miller  und  Herr  Oemler1  einem  Geistlichen  an- 
1  Oemlers  Pastoraltheolog.  p.  1332. 


SATIRISCHER  APPENDIX  355 

raten,  in  gesellschaftlichen  Religionsstreitigkeiten  mit  nichts  zu 
antworten  als  mit  Witz:  so  werde  Beklagtem  noch  weit  mehr 
nachgelassen  und  verstattet  sein,  in  einer  bloBen  gerichtlichen 
sich  reichlich  mit  Witz  zu  wappnen  und  damit  auszufallen. 

Beklagter  negiert  ganzlich,  daB  Klagere  seine  eingeschalteten 
Digressionen,  Satiren  etc.  lesen  miissen:  er  warnt  sie  vielmehr 
stets  durch  Oberschriften  oder  Leuchtfeuer  vor  solchen  gefahr- 
Hchen  Sandbanken  und  Skagerraks,  und  es  ist  ihre  Schuld,  wenn 
sie  diese  Riffs  nicht  umfahren,  d.  h.  umschlagen.  Oberhaupt  wird 

io  das  Wort  Leser  in  wenig  deutschen  Stadten  recht  gebraucht, 
auBer  in  Wetzlar:  beim  dasigen  Reichsgerichte,  wo  die  Eintei- 
lung  in  die  Kanzlei  und  in  die  Leserei  iiblich  ist,  bedeutet  es  Men- 
schen  -  ein  Paar  sind  es  -,  die  alle  einlaufende  Schriften  aufbe- 
wakren,  ohne  sie  zu  lesen;  denn  letzteres  kommt  den  Kammer- 
gericktsheisitzern  zu,  aber  nicht  der  Leserei.  Anstatt  nun,  wasallein 
von  einem  Leser  gefordert  werden  kann,  gleich  den  GroBen  ein 
Buch  zu  kaufen  und  es  wohlkonditioniert  aufzubewahren,  die 
Blatter  aufzuschneiden  oder  auseinanderzuziehen,  lesen  solches 
viele  und  tun  es  den  Buchbindern  nach,  die  es  unter  dem  Be- 

20  schneiden  und  Planieren  auch  oft  lesen.  Und  das  ists  ja  eben  und 
allein,  was  die  besten  Leser  oft  so  kalt  gegen  ihre  besten  Dichter 
und  Weisen  macht,  daB  sie,  anstatt  sich,  wie  die  zwei  Wetzlaer 
Leser,  auf  bloBes  Konservieren  einzuschranken,  mit  dem  Zeige- 
finger,  wie  mit  einem  Setzers-Zeilenweiser,  solche  dicke  Werke 
ordentlich  durchrutschen,  gleichalsarbeitetensieinderDruckerei 
als  Setzer,  Korrektores  und  Autores,  die  freilich  die  Sachen  lesen 
miissen.  Daher  kommt  es  auch,  daB  viele  Madchen  viel  billiger 
und  mit  mehr  Lobe  iiber  gute  und  schwere  Werke  richten,  weil 
sie  solche  nicht  sowohl  lesen  -  sie  schauen  jede  Seite  nur  gut  an  - 

30  als  reinlich  und  wohlkonditionierlich  erhalten  und  von  vornen 
durchblattern  wie  Karten-,  Rock-,  Rindspsalter-  und  Tulpen- 
blatter.  Beklagter  leitet  dieses  heillose  Vorurteil  von  der  griechi- 
schen  Kirche  her,  wo  der  Leser  der  erste  Priestergrad  ist  und 
wirklich  zu  lesen  hat.  Man  mochte  aber  wohl  fragen:  hat  denn 
irgendein  Autor  einen  profanen  Leser,  wie  der  russische  Bischof 
den  kanonischen,  ordentlich  ordiniert?  Hat  er,  wie  der  Bischof, 


35<$  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

ihm  die  Hand  auf  den  Kopf  gelegt  und  gebetet:  >0  Herr,  gib 
Starke  deinem  Knecht,  der  erwahlt  hat,  deine  Geheimnisse  zu 
bekleiden  und  die  Kerze  vor  ihnen  herzutragen<?  Und  hat  er  ein 
Buch  auf  seinem  Kopfe  aufgemacht,  die  Haare  des  letztern  kreuz- 
weis  abgeschnitten,  ihm  die  Hand  zum  Kusse  und  eine  Lampe 
gegeben  ? 

Gleichwohl  merkt  Beklagter  wohl,  dafi  noch  immer  das  Lesen, 
d.  h.  das  Aufschneiden  und  Durchblattern  eines  Buchs,  das  oft 
300  Blatter  hat,  zu  einer  Anstrengung  notige,  die  dem  Flore  des 
Buchhandels  eben  nicht  sonderlich  forthelfen  kann.  War'  es  hin-  10 
gegen  moglich,  eine  Lesemaschine  zusammenzusetzen,  die  unge- 
fahr  nach  dem  herkulanischen  Instrumente,  das  die  alten  Biicher- 
rollen  monatlich  um  eine  Spanne  aufrollt,  modelliert  ware  und  die 
in  Form  einer  Buchbinder-Heftlade  statt  der  Finger  der  Leser 
arbeitete  und  vikarierte  und  die  lesenswiirdigern  MeBprodukte 
aufschnitte  oder  aufzoge;  ware  das  zu  machen  und  im  Buchladen 
zu  Kaufe :  so  mdcht'  es  wohl  wenige  Meisterwerke  mehr  geben, 
die  nicht  von  einer  Hand  in  die  andre  gingen,  und  die  deutsche 
lesende  Welt  und  die  gelehrte  dazu  waren  dann  weiter,  als  man 
sie  gegenwartig  sieht. 20 

Ferner  negiert  Beklagter,  daB  Klagere  und  Klagerinnen  Satiren 
nicht  fassen  konnten.  Anlangend  Klagere,  so  halten  solche  das 
ganze  Jahr  die  politischen  Zeitungen- wenigstens  die  Erlanger,  die 
Wiener,  die  Prager,  die  Baireuther  und  das  politische  Journal  - 
mit,  welches  wohl  die  feinsten  Satiren  sind  (aber  auch  die  bitter- 
sten  eben  darum),  die  auf  den  ganzen  Welt-  und  Zeitlauf  konnen 
geschrieben  werden,  gesetzt  auch,  vieles  ware  in  besagten  Blat- 
tern  wortlich  wahr. 

Anlangend  Klagerinnen,  so  hatte  adversantischerseits  ange- 
geben  werden  miissen,  ob  solche  erwachsen  und  verehlicht.  Denn  30 
in  diesem  Falle  stehen  sie  Tabaksrauchen,  Toben,  Satiren  undalle 
Unarten  der  Manner  leicht  aus.  Klagerinnen  kommen  den  Trut- 
hiihnern  nahe,  die  in  der  Jugend,  zartlicher  als  jedes  andre  Feder- 
vieh,  in  Warmkorbe  gebettet  und  auf  keinem  Steintisch  -  weil 
sie  sich  sonst  die  Schnabel  zerhacken  —  gefiittert  werden  miissen, 
die  aber  in  reifern  Jahren  Wind  und  Wetter  und  alles  vertragen.  - 


SATIRISCHER  APPENDIX  357 

Drittens  ist  das  Gegenteil  fiir  Beklagten  eine  Unmoglichkeit. 
Addison  erzahlt  von  einem  Menschen,  der,  wie  Jupiter,  eine  Ziege 
zur  Amme  gehabt  und  der  deswegen  noch  in  seinen  reifernjah- 
ren,  wenn  niemand  bei  ihm  in  der  Stube  war,  immer  einige  Ziegen- 
spriinge  gemacht.  Auf  Beklagten  hat  sich  ein  dergleichenBocks- 
fufi  statt  eines  Podagras  vererbt,  und  er  muB  sich  nun  immer  mit 
einem  oder  dem  andern  Sprunge  helfen.  Er  denkt,  es  schade  ihm 
nichts  oder  weniger  als  der  Ernst,  da  der  lange,  ernste  Bart  des 
Philosophen  dem  Barte  der  Juden  gleicht,  den  sie  —  anstatt  daB 

io  den  beschornen  Wasserpudeln  der  ihrige  zum  Schwimmen  stehen 
bleibt  -  bloB  zum  Ersaufen  behalten.  Er  laBt  vielmehr  unver- 
hohlen,  was  er  damit  haben  will  -  Untertanen  namlich.  Als  der 
Prinz  Antiochus  Kantemir  in  seinem  zwanzigsten  Jahre  seine 
erste  Satire  -  wider  den  russischen  Pobel,  der  sich  gegen  die  neue 
Helle  sperrte  -  ausgearbeitet  hatte :  so  honorierte  ihn  die  Kaiserin 
Anna  dafur  mit  einem  Ehrensold  von  iooo  Bauern,  wobei  fiir  die 
Druckseite  mehr  als  70  Bauern  gekommen  sein  konnen.  Beklag- 
ter  will  sich,  da  er,  obwohl  im  45sten  Kapitel  des  Hesperus  no- 
bilitiert  und  geadelt,  gegenwartig  nichts  zu  regieren  hat  als  sich 

20  selber,  nach  und  nach  einige  Untertanen  und  Bauern  erschreiben, 
die  ihm  die  jetzige  Zarin  leicht  abstehen  kann,  wenn  sie  bedenkt, 
was  -  zumal  aus  Kurland  -  sie  hat  und  was  er. 

Viertens  sollte  doch  jeder  lieber  alles  aus  der  Acht  lassen  als 
dieses:  ein  beschriebnes  Leben  ist  von  einem  gefiihrten  bloB  im 
Boden  verschieden,  worauf  die  Eigner  davon  stehen  und  der  bei 
der  Biographie  in  Lumpenpapier  besteht.  Das  Menschenleben 
wird  nun  ofTenbar  unter  der  Aquator-Linie  gefiihrt,  die  der  eilige 
Wechsel  mit  Windstille,  Sturm,  fliegenden  Fischen,  Himmelsblau 
und  Gewittern  bezeichnet:  iiber  diesen  Wechsel  wird  die  Seele 

30  nicht  eher  erhoben,  als  bis  er  verkleinert  und  zusammengezogen 
unter  ihr  liegt.  Dem  Menschen  k6mmt  aber  seine  Qual  und  seine 
Freude  zu  groB  vor,  weil  er  erstlich  Tage  und  Wochen  braucht, 
bis  eine  von  beiden  sich  durch  seine  Seele  gezogen,  und  zweitens, 
weil  die  Mitteltinte  und  der  Halbschatten  so  breit  ist,  der  sich 
zwischen  beide  trennend  legt.  Wenn  nun  die  Poesie  Seufzer  und 
Freudentranen,  die  funf  bunten  und  dunkeln  Akte  des  Lebens  mit 


35^  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

schmalen  Mitteltinten,  mit  verkleinerten  Zwischenraumen  in  we- 
nig  Minuten  durch  die  Seele  treibt:  so  stellt  sie  den  Menschen  auf 
die  Anhohe,  auf  der  er  am  Ende  des  Lebens  iiber  die  einge- 
schrumpfte  Vergangenheit  blickt,  die  vorher  eine  ausgespannte 
Zukunft  einnahm.  Der  Mensch  ist  im  Ernste  nicht  humoristisch 
genug  und  im  Scherze  nicht  ernsthaft  genug.  Nicht  nur  die  Wahr- 
heit  besteht  aus  alien  Menschen-Systemen  zusammengenommen, 
wie  nach  Buffon  und  Kant  die  Sonne  die  verschiednen  Materien 
der  verschiednen  Planeteny  die  um  sie  fliegen,  in  sich  vereinigt 
befasset:  —  sondern  auch  das  rechte  Herz  ist  aus  alien  ungleichen  10 
Gefuhlen  gebaut  und  tragt  ein  Weltall,  nicht  als  Krone,  sondern 
als  Stufe. 

,  Daher  macht  der  schnelle  Wechsel  zwischen  Ernst  und  Scherz 
nur  ernster,  und  wenn  man  das  Buch  eines  Englanders,  worin 
dieser  Wechsel  herrscht,  beschlieBt,  denkt  man,  es  sei  das  Leben.1 
Daher  bringt  es  den  Beklagten  ofters  auf,  daB  die  arktischen 
Deutschen,  gleich  Wunden,in einem fort  recht  warm  (pathetisch) 
gehalten  sem  wollen  von  Autoren.  Er  erklart  frei,  eh*  er  das  tate, 
daB  er  seine  Werke  zu  Zundstricken  und  Lotrohren  machte,  um 
Reverberierfeuer  anzuschuren,  wollt*  er  sie  lieber  zu  Papiersak-  20 
ken2  kiitten,  um  eins  auszuspritzen.  Man  scheint  auch  gegneri- 
scherseits  ganz  und  gar  nicht  daran  gedacht  zu  haben,  daB  Be- 
klagtens  Werke  dem  Leben  der  Menschen  gleichen,  dessen  scho- 
ner  Wechsel  mit  schwarzen  und  weiBen  Taten  auf  eine  sinnbild- 
liche  Art  in  den  Variationen  der  Gesetze  auf  Schwarz  und  WeiB 
so  deutlich  nachgeahmt  wird,  daB  solche  -  hier  nistet  freilich  ein 
Gleichnis  im  andern  -  dem  tiirkischen  Koran  nacharten,  in  dem 
eine  Menge  Stellen,  die  der  Teufel  dem  Propheten  inspirierte  - 
weil  ihm  der  Engel  zu  eilig  diktierte  -,  nach  der  muhammedani- 
schen  Meinung  eingeschoben  stehen,  die  aber  nichts  schaden,  weil  30 
ihm  Gott  wenige  Seiten  darauf  wieder  Stellen  einfldBte,  die  jenen 
obigen  hinlanglich  widersprechen.  In  unsern  Gesetz-  und  andern 

1  Die  nahe  Verwandtschaft  zwischen  Humor  und  Riihrung  soil  in  einem 
groCern  Raume  als  dem  obigen  einmal  ihren  Stammbaum  finden,  dessen 
Zeichnung  ich  mir  vorbehalte. 

2  Der  Bergmeister  Loscher  hat  eine  Wasserschleuder,  die  Papiersacke  voll 
Wasser  ins  Feuer  wirft,  bekanntlich  erfunden. 


SATIRISCHER  APPENDIX  359 

Biichern  arbeitet  oft  der  Teufel  erst  hinter  Gott  und  schreibt  als 
Beklagter  den  letzten  Satz;  und  das  macht  uns  alle  ungemein 
konfus. 

Beklagter  wiederholt  nicht  nur  die  obige  Bitte,  ihn  bei  seinem 
Rechte  zu  schiitzen  und  von  der  Klage  zu  entbinden  wie  von 
alien  Schaden,  sondern  setzt  auch  die  neue  hinzu,  daB  eine  lob- 
Iiche  Berghauptmannschaft  Klagere  ordentlich  zum  Lesen  seiner 
Satiren,  so  wie  sie  durch  Gefangnis  zum  debito  conjugali  konnen 
gebracht  werden,  durch  Stubenarrest  anhalten  moge;  er  will  sich 
ubrigens  seinen  Gegenbeweis,  fremde  Schwiire  und  allerlei  recht- 
liche  Notdurf't  hiemit  vorbedungen  haben.  Desuper.« 


Als  ich  protokollarisch  vernommen  war:  muBte  der  klageri- 
sche  Mandatarius  auf  alles  replizieren.  Ich  will  das  ganze  Ver- 
fahren  bis  zum  Bescheide  nur  mit  halben  Worten  mitteilen.  Ich 
replizierte  als  klagerischer  Anwalt  —  duplizierte  sofort  als  Beklag- 
ter -  sogleich  hinterdrein  war  der  Anwalt  mit  einer  Triplik  bei 
der  Hand  —  der  Beklagte  spater  mit  einer  Quadruplik  -  der  Anwalt 
wollte  sich  noch  einmal  mit  einer  QuintupHk  in  die  Hohe  richten 
-  aber  der  Beklagte  warf  ihn  vollig  um  mit  der  Sextuplik,  nach 

20  welchem  Verfahren  denn  endlich  recht  gut  zum  Bescheide  konnte 
geschritte'n  werden. 

Es  wird  von  keinem  gescheuten  Manne  angefochten  werden, 
daB  ich  den  Bescheid  selber  erteilte  an  beide  Parteien.  Ein  solcher 
Mann  schlieBt:  wenn  der  Mensch  in  Gewissenssachen  Richterund 
Tater  und  rechtlicher  Beistand  und  advocatus  diaboli  zugleich 
sein  darf,  so  wird  er  in  viel  geringern  Rechtshandeln  noch  leich- 
ter  eine  solche  Vetterschaft  und  Sozietat  sein  konnen.  Warum 
soil  ein  Advokat  das,  was  er  auf  eine  ehrliche  Weise  in  drei  ver- 
schiednen  Gerichtshaltereien  vereinzelt  ist,  Richter  in  der  einen, 

30  Advokat  in  der  zweiten,  Partei  in  der  dntten,  nicht  in  einer  und 
derselben  auf  einmal  in  einem  Simultaneum  vorstellen  und  so 
allein  ein  Kollegium  voll  vota  curiata  formieren?  -  Die  Moglich- 
keit  davon  leuchtet  einem  jeden  schon  aus  der  Wirklichkeit  ein. 
Ein  Fiirst  stellt  nicht  nur  haufig  eine  solche  Drei-,  Vier-,  Fiinf- 


360  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

einigkeit  leicht  vor,  sondern  in  der  Tat  ist  seine  Person  oft  ein 
Personale  von  einem  Herzoge,  Markgrafen,  Grafen  und  Ritter 
auf  einmal,  nicht  zu  gedenken,  daB  er  zugleieh  das  ganze  Volk 
und  das  Oberhaupt  desselben  reprasentiert,  welches  letztere  er 
selber  erwahlt  und  voziert;  daher  ist  sein  Wohl  stets  das  Wohl 
des  reprasentierten  Volks.  Auch  setzt  eine  solche  Korporation  in 
einem  Korper,  eine  solche  Einheit  des  Orts,  nicht  die  geringste 
Einheit  der  Handlung  voraus:  der  deutsche  Kaiser  kann  nach 
dem  Staatsrechte  derselben  Macht  als  ungarischer  Konig  Sub- 
sidien  schicken  in  einem  miBlichen  Kriege,  den  sie  mit  ihm  als  10 
ostreichischen  Herzog  fuhrt,  indes  er  als  deutscher  Kaiser  die 
hochste  bewaffnete  Neutralitat  beobachtet.  Noch  ein  Beispiel: 
wenn  das  Regierungskollegium  in  einigen  Landern  Amter  mit 
gewissen  NutznieBungen  verliehen  hat,  so  muB  man  beim  Kam- 
merkollegium  um  ein  zweites  Dekret,  die  Sachen  zu  bekommen, 
nachsuchen,  und  die  Supplik  lautet  so:  »Da  mir  Ew.  Durchlaucht 
besagte  NutznieBung  bewilligt  haben,  so  bin*  ich  Ew.  Durch- 
laucht, mir  solche  wirklich  zu  geben.«  Supplizierte  Supplikant 
nicht:  so  konnte  der  Fiirst  dieselbe  Sache,  die  er  als  die  eine  mo- 
ralische  Person  ihm  zugestanden,  als  eine  zweite  ihm  entziehen.  20 
So  sind  auch  ganz  verschiedene  Gesetze  von  einem  und  demsel- 
ben  Wesen,  aber  von  verschiedenen  moralischen  Personen  und 
Uriioten,  die  es  in  seiner  XXger  Union  und  in  seinem  Kurverein 
befasset,  statthaft. 

Demnach  konnte  gegenwartiger  Verfasser,  zumal  als  natiir- 
Hcher  Dauphin,  die  elende  kleine  Verbriiderung  von  Richter  und 
Parteien  als  sein  eigner  Drilling  ohne  Muhe  vorstellen;  und  die 
furstlich  scheerauische  Berghauptmannschaft  erteilte  beiden  Par- 
teien folgenden  merkwurdigen  Bescheid: 

»Auf  Klage,  Antwort  und  erfolgtes  Verfahren  in  Sachen  der  30 
Leser  und  Leserinnen,  Klageren,  an  einem,  Jean  Paul,  Hofer 
Buchermachers,  am  andern  Teil  gibt  die  furstlich  scheerauische 
Berghauptmannschaft  folgende  Resolution: 

daB  Beklagter,  Jean  Paul,  Buchermacher,  nicht  befugt  sei,  in 
seinen  historischen  Bildersalen  mitten  unter  Damen  SpaB  oder 
Extrasachen  oder  andere  Spriinge  mit  seinem  ererbten  BocksfuBe 


SATIRISCHER  APPENDIX  3<5l 

zu  machen  -  daB  ihm  aber  in  Betracht,  daB  er  mit  besagtem  FuBe 
behaftet  und  daB  alle  Volker  Traumfeste  und  Narrenfeste  hatten 
und  daB  man  noch  jetzt  bei  Weinlesen,  auf  der  Themse  und  beim 
Ankeraufwinden  das  Recht  hat,  Stachelreden  vorzubringen,  daB 
in  diesem  Betrachte  Beklagtem  unbenommen  bleibe,  hinten  an 
seinen  Bildersaal  ein  Wirtschafts-  und  Hintergebaude  (obwohl  in 
einiger  Entfernung)  anzustofien,  um  da  sein  Wesen  zu  treiben 
und  seinen  satirischen  Tabaksrauch  ohne  Schaden  der  Damen, 
denen  sonst  die  Schminke  abflieBet,  auszublasen  —  ferner  resol- 

»  vieren  und  erkennen  wir: 

daB  Klagerinnen  in  Erwagung,  daB  die  Last  des  Kindergeba- 
rens,  des  Kindersaugens  und  der  Haushaltung  sie  schon  bis  an  die 
kalte  Erde  niederdrucke,  von  der  Lesung  seines  satirischen  Ap- 
pendixes ganzlich  befreiet  und  eximiert  sein  sollen  — 

daB  hingegen  Klagere  ganz  und  gar  gehalten  seien,  dem  Bii- 
chermacher  in  sein  Filial  nachzufolgen  und  da  zuzusehen,  wie  er 
springt  und  setzt,  desgleichen  die  wenigen  Pickelherings-Pillen, 
die  er  unter  dem  Springen  zuwirft,  zu  bezahleri  und  hineinzu- 
schlucken,  angesehen  schon  bei  den  Agyptern  das  ganze  Volk 

>  monatlich  etwas  zum  Laxieren  nehmen  miissen.1  -  Wornach  sich 
zu  achten;  publiziert  Hof,  den  Schalttag  1796. 

Berghauptmannschaft  allda.« 


Mit  diesem  Dekret  eines  hochst  venerierlichen  Gerichtsstandes 
bin  ich  jetzt  sattsam  gedeckt  und  lasse  nun  ohne  Scheu  mein  sati- 
risches  Hospitalschiff  neben  der  biographischen  Silberflotte  her- 
laufen.  Das  Edikt  (edictum  perpetuum)  des  Gerichtshofesnimmt 
mir  zwar  die  Leserinnen,  fur  die  jetzt  die  Satire  nur  ein  Riicken- 
wind  ist  -  sie  zaubern  sehr,  und  schon  nach  Bodin.  1.  2.  c.  2.  de 
daemon,  konnen  Zauberinnen  kein  Sail  ausstehen  -;  aber  doch 
samtliche  Leserschaft  muB  nach  dem  publizierten  Urtel  des  Ju- 
stizdepartements  in  meinem  Pulverturm,  den  ich  abgelegen  von 
der  biographischen  heiligen  Stadt  erbauen  muB,  bei  mir  ausharren 
und  mir  zuschauen.  Ich  erwarte  mit  einiger  unschuldigen  Scha- 

1  S.  Brinkmanns  Vergleichung  der  alten  Erziehung  mit  der  heutigen. 


362  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

denfreude,  was  nun  die  kleinen  Kunstrichter  nach  einem  solchen 
Erkenntnisse  eines  hohen  Dikasteriums  etwa  anzustellen  ged en- 
ken;  ich  aber  kann  kaum  die  Minute  erharren,  wo  ich  mich  vor 
mein  Rucken-Positiv  setze  und  meine  Murkis  vororgle,  ganzlich 
bedeckt  von.  meinem  Fetwa  und  Arret.  -  Die  folgende  Satire  ist 
zwar  die  erste;  aber  die  im  nachsten  Buche  ist  die  zweite  -  und 
so  werden  in  alien  meinen  Werken  die  Satiren  in  fortlaufender 
Signatur  fortgezahlt:  denn  die  Appendizes  haben  samtlich,  wie 
groBere  Vulkane,  eine  geheime  Verbindung. 


Erster  Appendix 

Die  Salatkirchweih  in  Obersees, 
oder  fremde  Eitelkeit  und  eigne  Bescheidenheit 

Ich  wollte  diese  Kirchweih  schon  vor  einigen  Jahren  beschrei- 
ben;  aber  ich  hatte  niemals  Platz:  Gott  gebe,  daB  ich  die  Beschrei- 
bung  samt  den  vielen  Einschaltungen  nicht  weniger  zu  Ende 
bringe  wie  dieses  Buch.  - 

Vor  13  Jahren  wurde  der  geduldige  Juris-Praktikant  Weyer- 
mann^ der  fast  nichts  einzunehmen  hatte  als  die  copiales  fur  seine 

10  Schriften,  die  er  selber  mundierte,  im  Friihjahr  so  glucklich,  daB 
ihm  die  ganze  Gerichtshalterei  Obersees  anfiel,  eine  der  besten 
im  Lande,  dem  Kaufherrn  Oehrmann  belehnt  und  4  Meilen  von 
der  Stadt  gelegen.  Ich  und  Weyermann  wohnten  in  dieser.  Er 
hatte  mich  lieb  und  kopierte  oft  meine  Exhibita  und  oft  mein  Be- 
tragen:  ich  war  freilich  selber  nur  die  lange  Tangente  seiner  Zirkel 
und  er  also  eine  kurze  Kotangente;  ich  der  Gipsabdruck,  er  mein 
Nachstich.  Manche  Menschen  konnen,  wie  die  Englander,  ihr  Ich 
mit  einem  groBen  I  schreiben  und  den  ganzen  Tag  Zugwerk  und 
Buchdruckerstocke  um  das  groBe  I  entwerfen  (als  war*  es  der 

20  Anfangsbuchstabe  des  Universums),  ohne  daB  ein  fremdes  I  sich 
dariiber  erzurntoder  sieEgoisten  schilt:  die  Lust  wird  ihnen  herz- 
lich  vergonnt.  Und  so  war  Weyermann ;  und  ich  gonnte  ihm  gern 
die  Hefe  (die  Gerichtshalterei),  die  seinen  ganzen  Teig  aufhob 
und  iiber  den  Backtrog  trieb.  Ich  sagte  zu  mir:  je  kiirzer  die  Bahn 
oder  auch  das  Gesicht  eines  Menschen  ist,  aus  einem  desto  hohern 
Tone  pfeift  er,  wenn  er  drei  Schritte  darin  getan ;  so  geben  kur^e 
Pfeifen  hohe  Tone,  lange  aber  tiefe. 

Ich  erhorte  daher  mit  Vergniigen  die  Bitte  des  Gerichtshalters, 
mit  ihm  nach  Obersees  zu  reiten,  ob  er  sie  gleich  in  der  eiteln  Ab- 

30  sicht  tat,  mit  meiner  Gesellschaft  groBzutun  und  zu  prunken.  Da 
nach  den  Theologen  die  Mohren,  Chams  Enkel,  bloB  durch  den 


364  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

Fluch  Noahs  so  schwarz  angelaufen  sind :  so  hatte  der  gutmiitige 
Weyermann  gern  seinen  Bedienten  aus  Liebe  verflucht,  wenn  er 
ihn  mit  dem  Fluche  hatte,  wie  mit  Beinschwarz  oder  RuB,  zu 
einem  Kammermohr  umfarben  und  schwarzen  konnen.  -  Wir 
muBten  einen  Tag  vor  der  Salatkirmes,  oder  vor  dem  Johannis- 
tage,  in  Obersees  ankommen,  damit  am  Kirmestage  selber  die 
reitende  Jury,  Weyermann  namlich,  von  dem  Gerichtssprengel 
die  Huldigung  empfing. 

Als  er  abstieg  im  Oberseeser  SchloBhof,  sagte  er  Iaut  vor  so 
vielen  zulaufenden  Gerichts-Insassen :  »Herr  Kammerherr  v.  Tor-  10 
saker,  GroBkreuz  vom  Seraphinen-Orden,  schwitzen  Sie  stark?«  — 

»Ich  leidlich,«  -  sagt*  ich  — ,  »aber  der  Gaul !«  —  Das  wird  aber 
kein  Mensch  verstehen;  und  es  muB  die  Decke  von  der  Sache 
gezogen  werden. 

Es  ist  bekannt,  daB  am  scheerauischen  Hofe  ein  Avanturier 
drei  Wochen  lang  Cour  und  hohes  Spiel  machte,  der  sich  fur 
einen  schwedischen  Kammerherrn  und  GroBkreuz  vom  Sera- 
phinen-Orden ausgab,  namens  Torsaker.  Zufalligerweise  (glaub* 
ich)  kam  ein  authentisches  Blatt  aus  Stockholm,  das  in  einer  hal- 
ben  Minute  den  Ritter  degradierte  und  ihm  den  Diebsschliissel  20 
und  Irrstern  herunterriB.  Ich  meines  Orts  halte  diesen  Vexier- 
Ritter  gleichwohl  fur  so  ehrlich  als  die  besten  Michaels-Ritter  in 
Spaa :  er  und  diese  sind  vielleicht  -  wenigstens  muB  man  das  Beste 
prasumieren  -  halb  von  Verstand  und  sehen  sich,  wie  viele  Wahn- 
sinnige  sich  fur  Kardinale,  Personen  aus  der  Gottheit,  fur  Mond- 
Souverans,  fur  Topfe,  Haferkorner  hielten,  wirklich  fur  Ritter 
an.  Oft  aber  denk*  ich  mirs  so:  da  der  Papst  auBer  den  Kardina- 
Ien,  die  er  laut  kreiert,  stets  noch  einige  leise  (in  petto)  erschafft, 
die  aber,  wenn  er  ihnen  nach  langer  Zeit  die  laute  Kreation  ge- 
wahrt,  den  Rang  nach  der  Zeit  der  leisen  haben :  so  ists  eben  nicht  30 
unverniinftig,  wenn  man  diese  stumme  Ernennung  zu  Rittern, 
zu  Marschallen,  Marquis  etc.  bei  alien  solchen  voraussetzt,  denen 
keine  fehlt  als  die  laute. 

Inzwischen  ging  der  Herr  v.  Torsaker  zum  Teufel,  und  das  in 
solcher  Eile,  daB  sein  Kleid  samt  Kette  und  Stern  dem  maitre 
d'hotel  zustarb,  vor  dem  er  jenen  Kanarienvogel  bisher  nachge- 


SATIRISCHER  APPENDIX  365 

ahmt  hatte,  der  (wie  Goeze  berichtet)  bei  einem  Kaufmann  das 
Gerausche  gezahlter  Taler  recht  tauschend  nachaffen  lernte.  Der 
Wirt,  der  vom  schwedischen  Kanarienvogel  weiter  nichts  erhal- 
ten  hatte  als  das  leere  Gerausche,  hielt  sich  an  die  Ordenskette 
und  ans  Kreuz,  die  er  fur  Geld  zur  Schau,  zur  Miete,  zu  Kaufe  zu 
geben  gedachte.  Er  streckte  mir  die  Ritterwiirde  fur  18  gr.  rhnl. 
auf  drei  Tage  vor. 

Eine  Stunde  vor  Obersees  legt*  ich  mich  selber  an  die  schone 
Ordenskette,  die  sich  mit  n  goldnen  Engelkopfen  (jeder  sechs- 

10  fach  beflugelt  oder  mit  6  FloBfedern)  und  mit  ebensoviel  Patri- 
archalkreuzen  herniederringelte;  dann  warf  ich  das  blaue  gewas- 
serte  Band  iiber,  den  Tragriemen  des  Ordenskreuzes,  auf  dem 
eine  blaue  Kugel  die  Buchstaben  I.  H.  S.  aufwies.  -  Es  wiirde  mir 
auffallen,  wenn  der  Konig  von  Schweden  oder  die  schwedischen 
Reichsstande  mit  mir  Handel  dariiber  anfmgen,  daB  ich  mich  in 
Obersees  fur  einen  wirklichen  Seraphinen-Ritter  ausgegeben: 
denn  erstlich  tat  ich  die  Sache  bloB  dem  Gerichtshalter  zu  Ge- 
fallen,  damit  er  sich  vor  den  Oberseesern  mit  der  Begleitung  und 
Freundschaft  eines  GroBkreuzes  ein  ungewohnliches  Ansehn  ge- 

20  ben  mochte,  und  zweitens  wundert  es  mich  fast,  daB  der  Konig 
und  seine  Stande  so  wenig  erwagen,  daB  ich  ja  nicht  einen  schwe- 
dischen Ritter  und  Kammerherrn  nachmachte  und  nachaffte,  son- 
dern  einen  Affen  von  beiden,  den  Avanturier.  Eben  um  diesen 
mit  gleicher  Miinze  abzuzahlen,  verstellt'  ich  mich  in  diesen  Ver- 
steller  und  wurde  der  Nachdrucker  des  Nachdruckers,  so  sehr 
auch  meine  Eigenliebe  vielleicht  unter  seinem  Ordensstern  und 

Schliissel  litt. 

Unser  JagdschloB  -  gleichsam  eine  Bagatelle  vom  Prinzen  von 
Artois,  eine  Solitude  -  war  hinlanglich  geraumig,  leer  und  kuhl. 

30  Der  Gerichtshalter  gab  mir  neun  Zimmer  ein,  in  deren  toricelli- 
schen  Leere  nichts  war  als  ich  selber;  er  besetzte  mit  sich  nur 
sieben.  Ich  machte  neun  Fliigelturen  auf  und  wandelte  im  Korso 
und  Korridor  eines  aus  neun  Zimmern  erbaueten  Saales  hin  und 
her;  der  Gerichtshalter  macht'  es  in  der  Halle  und  Sandallee  seiner 
sieben  Stuben  ebenso,  und  sooft  wir  aneinander  stieBen,  lachelten 
wir  zugleich,  und  ich  sagte  zu  Weyermann :  »Wir  konnen  noch 


366  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

den  Verstand  verlieren  iiber  die*  Ehre;  aber  groB  ist  der  Mensch 
hienieden.«  —  DrauBen  urns  Eskurial  lag  das  herrliche  Obersees, 
das  in  RuBland  nun  langst  zu  einer  Stadt  promoviert  hatte,  da  es 
ein  Dorf  war  -  wiewohl  es  jeder  schon  fiir  eine  halten  konnte, 
der  bedachte,  daB  es  in  Theben  nur  100  Tore  gab,  hier  aber  soviel 
Tore  und  Einlasse,  daB  zur  Mauer  wirklich  kein  Platz  ist.  Ich 
machte  den  Justitiar  auf  den  Mangel  alles  Steinpflasters  aufmerk- 
sam:  »Man  wiird'  es  nicht«,  sagt*  ich,  »von  der  Stadt  Obersees 
weggerissen  haben,  miiBte  sie  nicht  taglich  Belagerungen  und 
Bomben  vorbauen.  Ich  seh'  auch  schon  Diingerhaufen  zum  Schutze  10 
beschoBner  Keller.«  Ich  gestand  es  dem  Advokaten,  ich  sahe  nicht, 
warum  bloB  London  alle  die  Dorfer,  an  die  seine  Garten  und 
Gassen  stoBen,  als  seine  Mittelstiicke  und  Ansatze  anschrauben 
und  sich  damit  grofi  und  breit  machen  darf,  Obersees  aber  nicht ; 
sondern  ich  glaubte  vielmehr,  die  Stadt  Obersees  konn'  ebenso- 
gut  als  eine  andre  die  urn  sie  liegende  Stufensammlung  von  Dor- 
fern,  die  nur  durch  einige  Wiesen  wie  durch  Garten  sich  von  ihr 
trennen,  zu  ihren  zehn  Vorstadten  schlagen,  und  er  sei  in  meinen 
Augen  der  Stadtrichter.  Er  versetzte :  »Es  ist  doch  nicht  Ihr  Ernst.« 

Im  Schlosse  wohnte  niemand  weiter  als  der  SchloBhauptmann  20 
und  seine  Ratten  und  »Weibsleute«.  Er  war  ein  Bauer  und  der 
Bruder  und  Sequester  seiner  Schwester.  Sie  war  die  Braut  des 
Schulmeisters,  wollt*  aber  seine  Frau  -  ob  sie  es  gleich  ihren  sel. 
Eltern  versprochen  hatte  -  nicht  werden,  weil  sich  mit  dem  Schul- 
diener  ein  hitziges  Fieber  gleichsam  gerauft  und  ihm  nicht  so  viel 
Haare  gelassen  hatte,  als  ein  Truthahn  noch  in  der  Pfanne  anhat. 
Ihr  Bruder  war  ihr  von  der  Obrigkeit  gesetzter  Sequester,  damit 
sie  kein  fremdes  Handgeld,  d.  h.  keine  fremde  Hand  unterdessen 
nahme :  denn  keine  Liebe  -  selber  die  erste,  fiinfte,  neunte  nicht 
ausgenommen .—  hat  ein  Madchen  so  schnell  als  die  zweite.        50 

Ich  und  der  Gerichtshalter  waren  so  glucklich,  daB  sie  unsre 
Heiduckin,  Jagdlakaiin  und  Adjutantin  war;  man  balge  oder 
schale  die  Venus  Urania  aus,  hange  ihre  Haut  einige  Tage  im 
Sommer  ans  Trockenseil  zum  Einlaufen  und  ziehe  der  Gottin  den 
diirren  Oberzug,  die  Nachtkleidung,  wieder  an  und  seh*  ihr  ins 
Gesicht :  so  hat  man  -  unsre  Eva.  Es  war  an  ihr,  wie  an  andern 


SATIRISCHER  APPENDIX  3<$7 

Schwanen,  alles  herrlich,  nett  und  weiB,  nur  die  Haut  nicht.  Ich 
weiB  kein  gro Geres  Lob  ihrer  Schonheit  als  dieses,  daB  der  Ver- 
fasser  und  Seraphinen-Ritter  Torsaker,  als  die  jungen  Pursche 
von  Obersees  in  den  SchloBhof  kamen,  um  ihr  -  sie  nahm  gerade 
einigen  groben  Stuhlen  die  Stuhlkappen  ab  -  wie  den  andern 
Madchen  seidne  Floskeln  und  Fliigeldecken  und  Berlocken  fiir 
die  Purpurfahne  des  Maienbaums  abzubetteln,  kein  groBeres  Lob 
weiB  ich  fiir  sie,  sag*  ich,  als  daB  ich  meine  seidne  Reise-Krawatte 
aufknopfte  und  herunterzog  und  ihr  hinreichte  mit  den  Worten: 

io  »Schenk*  Sie  es  dem  Maienbaum  in  Ihrem  Namen.«  Sie  wollte 
nicht,  sie  muBte  aber.  »Man  kann  in  unsern  Tagen«,  sagt'  ich, 
»leicht  a  la  Hamlet  gehen.« 

Ich  habe  oft  meinen  Freunden  abgeraten  und  vorgehalten: 
»Man  muB  Frauenzimmern  und  Leuten  von  hoherm  Stande  nicht 
den  geringsten  Gefallen  tun,  um  etwan  ihre  Liebe  damit  zu  er- 
beuten,  wiewohl  mans  tun  kann,  um  seine  zu  zeigen.  Denn  beide 
sind  so  sehr  an  diese  Personensteuer  und  Landtaxe  gewohnt,  daB 
man  sie  zehnmal  mehr  einnimmt,  wenn  man  sich  von  ihnen  eine 
Gefalligkeit  -  erweisen  lasset.«  Ich  fuhre  diese  ewige  Theorie  und 

20  Satzung  nur  an,  um  zu  bemerken,  daB  sie  grundfalsch  ist,  wenn 
man  sie  auf  geringere  Madchen  appliziert:  diesen  kann  man  ohne 
alien  Schaden  die  besten  seidnen  Schnupf-  und  Halstilcher  zu- 
werfen  und  zollen. 

Es  ging  jetzt  gegen  Abend:  die  Sonne  setzte  ihren  letzten  Tags- 
und  Fruhlingsglanz  herrlich  in  beweglicheEdelsteine  auf  den  von 
FloBfedern  geschlagnenWellen  um,  auf  den  griinen  Fensterschei- 
ben,  auf  den  wankenden  Laubenhalsen,  auf  den  durchsichtigen 
Gipfeln  und  auf  einem  Wolkchen,  nahe  an  ihr  und  der  Erde.  Sie 
hatte  sich,  waren  jemand  im  Dorfe  zwei  Tropfen  in  den  Augen 

30  gestanden  -  welches  bei  der  allgemeinen  Vigilienfreude  kein  Wun- 
der  gewesen  ware  -,  in  die  Tropfen  aufgeloset  und  sich  als  eine 
Goldsolution  ans  dammernde  Auge  gehangen. 

Weyermann  wartete,  bis  die  Jugend  des  Orts  sich  bei  ihm  eine 
Erlaubnis  auswirkte,  den  Maienbaum  als  einen  Schlagbaum  oder 
ein  Schutzbrett  ihres  Freudenstroms  aufzuziehen :  dann,  nach  der 
Permission,  konnten  wir  ins  Dorf  hinuntergehen  zum  Maien- 


368  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

baum.  Welches  Lust-Feldgeschrei  I  Wie  erheben  sich  alle  Herzen 
zugleich  mit  einem  Baum !  BeBre  Baumheber  als  die,  die  ihn-  sonst 
umstiirzten,  sind  jetzt  die  Bettaufhelfer  des  liegenden  Freiheits- 
baums,  und  unzahlige  Stauber  richten  ihn  empor,  gleichsam  als 
ein  Sinnbild  eines  guten  Staates^  oben  mit  einem  hangenden  Gar- 
ten griinend,  mit  einem  Gipfelputz  von  seidnem  Ordensband- 
Tauwerk,  mit  bunten  Brahmsegeln  zum  Stehen,  mit  einer  roten, 
knarrenden  Freiheitsfahne  und  einem  roten  Hahne  und  mit  einem 
gleiBenden  Stamm,  herrlich  geschalt  und  abgeblattet  und  fest  in 
die  Erde,  ohne  Wur^eln^  eingeschraubt  und  eingestampft.  Als  der  10 
sixtinische  Obeliskus  in  Rom  sich  aufrichtete,  war  derLarm  eben- 
sogroB,  aber  nicht  der  Jubel,  und  die  Romer  hatten  nicht  so 
yiele  Schmerzen  in  die  Flucht  geschlagen,  daB  sie,  wie  die  sieg- " 
haften  Oberseeser,  um  die  Siegessaule  tanzten.  Ich  und  derStadt- 
richter  waren,  ungefahr  30  Schritte  davon,  gliicklich:  er  wars, 
weil  er  vor  alien  Leuten  neben  dem  Kammerherrn  v.  Torsaker 
stand  und  dessen  seraphisches  Paternoster  aus  Kopfen  frei  an- 
greifen  durfte,  nicht  zu  gedenken,  daB  auf  morgen  der  Antritt 
seiner  Regierung  iiber  die  ganze  Volksmenge  fiel  -  ich  war  noch 
gliicklicher,  denn  ich  sah  in  einem  fort  meine  Stipendiatin  an,  die  20 
schone  Eva,  und  bewunderte  in  der  Dammerung  ihren  Teint 
(denn  es  gibt  keine  beBre  sinesische  Schminke  bei  David  Schir- 
mer  in  Leipzig  als  mein  kurzes  Gesicht),  und  zweitens  sah  Eva 
in  einem  fort  auf  mich  und  zeigte  vielen  ihren  Mazen  und  Wohl- 
tater. 

Welche  Einheit  des  Interesse,  welche  nchtige  Knoten,  die  aus- 
einander  miissen,  bringt  doch  eine  einzige  schone  Gestalt  fur 
einen  fremden  Passagier,  der  sie  festzuhalten  sucht  mit  Blicken 
oder  Fingern,  in  das  ganze  verwirrte,  mit  Akteurs  bevolkerte, 
iiberladne  Theater  eines  fremden  OrtsI  -  Steht  eine  solche  Sonne  30 
noch  unter  dem  Horizont,  so  ist  der  ganze  Ort  ein  odes,  frosteln- 
des  Schattenreich,  und  man  hangt  sein  Herz  an  nichts  weiter  als 
an  die  Pferde,  die  einen  aus  dem  Orkus  oder  Hades  ziehen.  In 
einem  solchen  jammerlichen  Falle  bin  ich  gar  ein  ordentliches 
Windei  ohne  Dotter:  es  ist  -  auBer  dem,  was  ich  schuldig  bin  - 
nichts  aus  mir  herauszubringen,  der  Wirt  mag  mich  mit  seiner 


SATIRISCHER  APPENDIX  369 

Brust  ansitzen  und  anbriiten,  wie  er  will.  -  Hingegen,  wenn  der 
elektrische  Funke  eines  schonen  Auges,  die  aura  seminalis  einer 
schdnen  Stimme  iiber  den  Wind-Eiergang  fahrt:  wie  pulsieren  da 
tausend  puncta  salientia  im  Kopf!  Und  die  besten  Gedanken 
werden  fliigge  und  schwingen  sich  auf ! 

Ich  war  auf  nichts  so  begierig,  als  auf  den  Schulmeister  zu 
treffen,  den  Brautigam  der  Dauphine  und  Freya.  Denn  ich  hatte 
vor,  wenn  er  etwas  taugte,  fur  ihn  zu  arbeiten  und  einen  schonen 
Ankerplatz  in  ihrem  jungen  Herzen  fiir  ihn  zurecht  zu  machen 

10  und  mich  deshalb  in  letzteres  selber  zu  begeben  und  einzuschlei- 
chen.  Ich  konnte  prasumieren,  wenn  ich  an  die  Pille,  den  Schul- 
meister, mich  als  Silber  anlegte,  so  durfte  sie  ihn  in  diesem  Vehi- 
kel  leichter  ins  Herz  hinunterbringen. 

Die  Geschichte  wird  noch  viel  interessanter. 
Wir  gingen  inzwischen  nach  Hause;  der  Stadtrichter  dachte 
und  philosophierte  unterweges  undmerkte  an:  »Die  armen  Leute 
bilden  sich  Konigreiche  auf  ihre  abgeschalte  Stange  em:  jetzt 
indent'  ich  wissen,  wie  sie  sich  erst  gebardeten,  wenn  sie  einen 
betrachtlichen  Posten  im  Staate  bekleiden  sollten,  oder  nur  mei- 

20  nen.«  -  »Oder  vollends,  Herr  Stadtrichter,  wenn  solche  Klein- 
stadter  lange  Ordensbander  und  drei  Kammerherrn-Knopfe  tra- 
gen  diirften.  Ich  denk'  aber,  sie  blieben  dann  nicht  lange  bei  Ver- 
stand:  achl  es  1st  so  leicht,  ein  Narr  zu  werden!  -  Ich  habe  in 
groBen  Stadten  die  bescheidensten  Dragoner  gekannt,  welchewie 
Frosche  aufliefen,  wenn  sie  auf  dem  Theater  bei  den  Ritterschau- 
spielen  stumme  Feimer  machen  muBten  oder  andre  Justizper- 
sonen  von  Belang,«  -  Wir  arme  Teufel  allzumal  diirfen  entweder 
alle  prahlen  oder  keiner.  Bei  Gott!  ich  tat  im  vorigen  Herbst  un- 
recht,  daB  ich  iiber  die  vielen  Kunstgartner  aus  mehrern  Stadten 

30  den  Stab  brach?  die  samtlich  in  die  fetten  Stachelblatter  einer  Aloe 
ihren  Namen  als  in  ein  Buch  des  wachsenden  Lebens  eingesagt 
hatten.  Der  Name  eines  Menschen  muB  irgendwo  haften  wie  in 
einem  Belobungspatent;  und  ich  beteure,  verewigte  ich  nicht 
den  meinigen  auf  Schriften,  ich  wiirde  ihn  auf  der  Hofer  gefror- 
nen  Saale  einkratzen  und  einfahren  mit  dem  Schrittschuh  -  oder 
(war*  ich  ein  andrer  Professionist)  auf  Messer-  und  Degenklingen 


yjO  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

—  auf  Fensterscheiben  —  innen  auf  Gefangnisgittern  -  auf  einen 
neuen  Darm  oder  Wurm  darin,  den  ich  zuerst  entdeckte  und  den 
die  Gelehrten  nach  dem  Namen  des  Erfinders  nennen  miifiten  - 
oder  (waY  auf  der  Erde  nichtsNeues  mehr)  auf  einen  neuen  Klecks 
im  Mond,  oder  Funken  am  Himmel  -  als  Edelmann  auf  das  Hals- 
band  meines  Hundsstalles  —  als  Huter  ins  Hutfutter  -  als  Tisch- 
ler  buntfarbig  an  Sarge  -  und  als  Leiche  an  meinen  eignen,  damit 
der  Sterbliche  und  seine  Unstexblichkeit  nebeneinander  hinunter- 
gingen  und  zusammen  verstaubten 

Ich  kann  den  schweren  Gedanken  nicht  ertragen,  daB  irgend-  10 
ein  Mensch  und  Mitbruder,  und  war'  er  noch  so  wenig,  so  ganz 
vergessen  sein  soil,  durch  so  viele  Jahrhunderte  hindurch,  daB  die 
Heere  der  Jahre  und  Menschen  so  unachtsam  iiber  seinen  unbe- 
deckten  anonymen  Staub  wegschreiten  sollen.  Es  gibt  aber  einen 
Trost  fur  uns  alle,  und  das  ist  der,  daB,  wenn  unser  Gedachtnis 
und  unser  Namenszug  auf  der  Erde  ausgewischt  und  ausgetreten 
ist  bis  auf  den  letzten  Endbuchstaben,  daB  es  dann  gleichwohl,  so 
wie  des  edlen  Friedrichs  II.  Name  als  astronomisches  Sternbild  in 
ewigen  Sonnen  brennt,  noch  ein  unendliches  Herz  gibt,  in  dem  die 
Namen  seiner  kleinen  Unsterblichen  in  lichten  Ziigen  glanzen  und  20 
nie  verloschen.  Und  der  kleinste  Mensch  empfangt  von  ihm  zwei 
Unsterblichkeiten  auf  einmal.  Gleichwohl  oder  eben  darum  sollten 
wir  den  niedrigsten  Menschen-Namen  nicht  zerfallen  lassen.  — 

Abends  trug  uns  die  wandelnde  Pygmalions-Statue  das  Nacht- 
mahl  und  Herrenbrot  auf  eine  lange  Herrschaftstafel  im  luftigen, 
mit  Abendrote  und  Abendkiihle  verschonerten  Refektorium.  Ich 
und  der  Stadtrichter  konnten  uns  iiber  die  Tafel  nicht  mit  Gabeln 
erreichen.  Evas  Reize  drehten  sich  um  uns  blendend  wie  Spiegel 
in  der  Sonne  und  wie  umlaufertde,  gleichsam  Juwelen  auswer- 
fende  Kronenleuchter:  sie  war,  ob  ich  gleich  ein  Seraphinen-Rit-  30 
ter  war,  doch  gegen  den  Gerichtshalter  ehrerbietiger  und  stum- 
mer,  weil  sie  unter  seinem  Zepter  stand  und  weil  er  weniger  mit 
ihr  sprach  als  der  Ritter.  -  Aber  den  Salat  schleppte  der  Sequester 
herauf :  »Die  Kanaille«  -  sagte  der  Bauer  —  wversteckt  sich  drun- 
ten  und  will  nicht  eher  'was  bringen,  bis  der  Schulmeister  wieder 
'naus  ist.« 


SATIRISCHER  APPENDIX  37I 

Dieser  kam  vorher  herein.  »Es  ist  mein  Aktuarius  juratus,« 
(sagte  Weyermann)  »namens  Schnti^ler.u  -  Aus  einem  Raderwerk 
von  Radertieren  und  aus  einem  Teig  von  vibrierenden,  krab- 
belnden  Infusions -Tierchen  war  er  zubereitet:  er  schnellte  sich 
wie  ein  Kafer  weiter  und  schien  ein  auf  die  zwei  letzten  FiiBe  ge- 
stellter  VielfuB  zu  sein,  an  dem  im  Gehen  hundert  miiBige,  waag- 
rechte  FiiBe  oszillierten ;  er  hatte  auf  der  Stubendiele  den  Gang 
des  Springers  im  Schach,  und  jeder  Sessel  war  sein  Reitstuhl  und 
Schaukelpferd.  Er  war  zu  allem,  was  sein  Prinzipal  wollte,  schon 

10  fertig  -  gab  jede  Antwort  schnell  dreimal  hintereinander  -  wollte 
alles  machen,  hatte  schon  alles  gemacht  -  sein  haufiges  Selah  und 
seine  clausula  salutaris  war:  »Ei  herrlich  und  gut!«  -  er  erhielt 
sich  dabei  auf  nichts  als  auf  den  schaukelnden  FuBspitzen.  -  Als 
Weyermann  mit  ihm  fertig  war,  fragt*  ich  ihn:  »Wie  ich  hore, 
Herr  Kantor  Schnazler,  hatte  Er  eine  recht  hiibsche  Braut?«  - 
»Ei«,  sagt'  er,  »ich  habe  sie  noch  -  sie  ist  gegenwartig  sequestriert, 
und  ich  bin  ihrer  gewartig  nolens  volens.  Das  Fieber  hat  zwar 
mein  Haupthaar  mitgenommen ;  aber  ich  sen'  sonst  gut  aus.  Gna- 
dige  Herren,  es  hat  mir  weiter  niemand  die  Suppe  eingebrockt 

20  als  der  Ranzenadvokat  driiben,  der  setzt  auch  an  sie.«  -  Mit  einem 
Eulerschen  Rosselsprung  war  er  iiber  das  Stubenschachbrett  hin- 
iiber  und  sagte  am  Fenster:  »Ja!  ja!  sie  schlagen  dem  bosen  Men- 
schen  die  Pflaster  noch  iiber :  sie  haben  ihn  erst  gestern  braun  und 
blau  gepriigelt.«  - 

»Das  muB  morgen  scharf  untersucht  werden«,  sagte  der  Stadt- 
richter  freudig. 

»Ei  herrlich  und  gut!  Es  ist  nur  ein  schlimmer  Vogel.  -  Er 
mochte  aber  immer  einen  Zopf  haben,  so  lang  wie  mein  rechtes 
Bein,  er  hatte  mir  nichts  anhaben  sollen:  aber  der  Teufel  red't 

30  aus  ihm,  und  er  machte  der  Eva  weis,  er  zog*  in  die  Stadt  und 
machte  Advokaten-Schriften,  und  dann,  wenn  er  unser  Herr  Ge- 
richtshalter  ware,  so  kam*  er  wieder  heraus,  und  dann,  sagt*  er, 
sei  Gott  dem  Oberseeser  gnadig,  der  nicht  sechs  Reverenzen 
macht,  wenn  ich  oder  meine  Frau  zum  Fenster  'naus  niesen.  Aber 
aus  dem  Schulmeister,  sagt  der  Lugner,  kann  nichts  mehr  wer- 
den:  gnadige  Herren,  Sie  sollten  einen  oder  den  andern  geist- 


372  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEtt 

lichen  Vers  sehen,  den  ich  Gott*zu  Ehren  dichte.w  -  »Ich  will  ein 
ganzes  Lied  davon  sehen,  Herr  Schnazler«,  sagt*  ich  und  zog  mit 
dem  erstaunten  Dichter  zum  Schlosse  hinaus.  Er  kam  nicht  eher 
als  vor  dem  Fenster  des  Ranzenadvokaten  zur  Besinnung,  wovor 
er  mich  dlcht  voruberfuhrte. 

In  seiner  Stube,  die  kein  andres  franzosisches  SchloB  hatte  als 
ein  otaheitisches,  namlich  fremde  Ehrlichkeit,  war,  wie  sie,  alles 
offen,  namlich  alle  Gesangbiicher,  das  Berliner  alte  und  neue,  das 
Baireuther  alte  und  neue,  das  Scheerauer  alte  und  neue.  Bekannt- 
lich  haben  poetische  Steifi-  und  Fufi-Geburtenx  wegen  ihres  friihen  10 
Ablebens  das  schone  Recht,  in  die  Kirche  begraben  zu  werden  - 
d.  h.  Verse,  die  nicht  zum  Lesen  taugen,  konnen  doch  wie  die 
alten  gesungen  werden  unter  der  Orgel.  Gleiehwohl  war  man  in 
neuern  Zeiten  auf  eine  Blutreinigung  der  geistlich-poetischen 
Ader  aus,  und  aus  den  Gesangbuchern  wurden  Zeilen,  Strophen 
und  Lieder  ausgejagt,  die,  obwohl  keinen  guten  Sinn,  doch  auch 
keinen  schlimmen  hatten.  Der  Kantor  Schnazler  ring  inzwischen 
diese  durch  den  Gesangbuchs- Ventilator  entwischende/m;  Luft8 
zusammen,  die  stets  alten  Liedern  und  schalen  Bieren  den  Geist 
gibt;  ich  meine,  er  verglich  das  alte  und  neue  Gesangbuch  und  20 
kehrte  die  schonen  Stellen  des  alten,  die  die  ^sthetische  Tempel- 
reinigung  aus  dem  neuen  weggefegt  hatte,  wieder  auf  einen  Haufen 
und  schlichtete  wirklich  dieses  Raff-  und  Leseholz  zu  guten  beson- 
dern  Liedern  zusammen.  Er  konnte  mir  zwei  schone  zeigen,  die 
ein  vollstandiger  index  expurgandorum  des  baireuthschen  waren. 
Es  wiirde  gefruchtet  haben,  wenn  man  bei  den  Lieder- Unruhen 
in  Berlin  den  singenden  Insurgenten  eine  solche  in  Reime  mit 
unendlicher  Muhe  zusammengeschobne  Kolonie  aller  Stellen,  die 
aus  dem  neuen  Gesangbuch  emigrieren  muBten,  hatte  anbieten 
konnen:  Schnazler  zeigt  uns  in  seinen  Korrekturbogen,  daB  man  30 
ebensogut  aus  altdeutschen  Versen  wie  aus  den  Archaismen  und 
Phrasen  altromischer  Verse  -  wie'  Gymnasiasten  tun  -  versus 
memoriales  zusammenwerfen  konne.  - 

Ich  weiB,  in  ganz  Deutschland  hatte  kein  Dichter  einen  so 

1  Weil  der  Reim  und  die  pedes  zuerst  zur  Welt  kommen. 

2  Fixe  Luft  gibt  bekanntlich  den  Bieren  und  Gesundbrunnen  den  Geist. 


SATIRISCHER  APPENDIX  373 

herrlichen  Abend  vor  Johannis  als  der  Liederdichter  Schnazler: 
er  war  so  gliicklich  wie  Gellert,  zu  erleben,  daB  einmal  der  Rang 
zur  Dichtkunst  ging,  nicht  diese  zu  jenem.  -  Ich  versicherte  ihm 
beim  Abschied:  »und  wenn  er  mehr  hitzige  Fieber  bekame  als 
Haare  und  so  kahl  bliebe  wie  ein  Enten-Ei,  und  wenn  der  Ran- 
zenadvokat  ein  Winterfell  von  lauter  Weichselzopfen  umbekame : 
ich  wiiBte  recht  gut,  wer  morgen  abends  die  schone  Eva  hatte.« 
Ich  bekenn'  aber  der  Welt,  ich  hatte  nur  die  erste  Halfte  eines 
Plans  ausgebauet:  die  Risse  und  Baumaterialien  der  zweiten  fo- 

10  derte  ich  dem  Handlanger  Zufall  als  Baufronen  ab.  Es  ist  gleich 
einfaltig,  alles  und  nichts  dem  Zufalle  oder  der  Zukunft  zu  iiber- 
lassen. 

Ich  ging  spat  ins  SchloB  zuriick  mit  einem  der  auffallendsten 
Entschliisse;  dem  namlich,  an  einen  Reichs-Kanzlei-Verwandten 
in  Wien  zu  schreibeh. 

Mit  einem  Wort,  ich  tats  am  Morgen,  eh'  der  Stadtrichter  auf- 
stand.  Ich  nenne  den  Namen  nicht;  aber  da  er  weiB,  was  ich  ihm 
unter  dem  Vize-Kanzelariat  fur  Dienste  erwiesen,  so  war'  es  eine 
kleine  Erwiderung  gewesen,  wenn  er  nur  mit  dem  Wappenin- 

20  spektor1  drei  Worte  daruber  gesprochen  hatte,  ich  meine  namlich 
iiber  meine  Anfrage,  ob  nicht  der  Kantor  Schnazler  zum  Reichs- 
Poeten  (poeta  laureatus)  zu  kreieren  sei.  Ich  kopiere  hier  aus  gu- 
ten  Griinden  das  ganze  Schreiben. 

»Hochedelgeborner, 

Insonders  etc. 

Ich  sollte  wohl  hoffen,  daB  Ew.  etc.  sich  noch  der  funf  klugen 

und  funf  torichten  Jungfrauen  erinnerten,  wovon  eine  von  den 

erstern  ein  gewisser  Richter  aus  Hof  (der  hier  die  Ehre  hat,  an  Sie 

zu  schreiben),  und  eine  von  den  letztern  Sie  reprasentierten  auf 

30  der  Kolner  Redoute.  Denenselben  hing  damals  noch  ein  zweiter, 

aus  Weinreben  gesponnener  Flor  vor  den  Augen;  und  iiber  die 

gegenwartige  Jungfrau  lieB  seitdem  das  Schicksal  viel  schwarzere 

1  So  oder  Wappenkonig  heifit  der  Mann  bei  der  Reichshofkanzlei,  der 
bei  der  Erteilung  der  Wappen  daruber  wacht,  daB  keine  Donatschnitzer 
gegen  die  Heraldik  unterlaufen. 


374  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

Nonnenflore  niederfallen.  Diese  schone  Zeit,  Freund,  ist  mit  alien 
ihren  ioooo  Auen  und  Millionen  Blumen  nun  wie  ein  Schatz 
unter  die  Erde  versunken. 

Um  auf  die  Absicht  meines  Briefs  zu  kommen :  so  hofT  ich, 
Sie  sind  noch  mit  unserm  alten  Wappeninspektor  in  Konnexion 
und  er  am  Leben,  dessen  Rat  Sie  in  einer  Angelegenheit  einziehen 
sollen,  die  einen  noch  wenig  bekannten  Liedermacher,  den  treff- 
lichen  Schnazler,  Schuldiener  in  Obersees,  betrifft.  Dieser  geist- 
reiche  Mann  hat  nicht  nur  aus  alten  Gesangbiichern  alles,  was  aus 
den  neuen  weggelassen  worden,  vollstandig  ausgehoben  und  zu-  10 
sammengehauft,  sowohl  einzelne  Worter  als  ganze  Zeilen,  son- 
dern  er  hat  auch  -  was  wir  wohl  bei  einer  kastrierten  Ausgabe 
lateinischer  erotischen  Dichter  finden,  in  der  hinten  zwar  alle 
anstoBige  Stellen  stehen,  aber  isoliert,  ohne  in  den  geringsten 
Nexus  gefugt  zu  sein  —  aus  diesen  weggeworfnen  Stummeln,  hol- 
zernen  Beinen  und  Kriicken  schone  Figuren  musivisch  zusam- 
•  mengelegt,  von  denen  wohl  jeder  Deutsche  sagen  muB:  »Das 
sind  geistliche  Liederl« 

Insofern  wird  es  Sie  weniger  wundern,  daB  ich  wirklich  ge- 
sonnen  bin,  bei  der  Reichs-Hof-Kanzlei  um  die  Reichs-Laureatur  20 
oder  um  die  Wurde  eines  gekronten  Poeten  fur  Schnazlern  nach- 
zusuchen;  besonders  da  er  eine  eitle  Braut  hat,  die  ihn  nicht  will, 
wenn  er  nichts  wird.  Ich  wende  mich  aber  jetzt  mit  der  groBen 
Bitte  an  Sie,  sich  unter  der  Hand  beim  Wappeninspektor  oder  bei 
einem  Reichs-Hof  kanzelisten  gutigst  zu  erkundigen,  wie  ich  meine 
Supplik  eigentlich  zu  machen  habe.  Ich  kann  mir  die  verschieden- 
sten  Formularien  gedenken.  Die  Hauptsache  ist:  ich  weiB  nicht, 
was  die  Reichsgesetze  zu  einem  guten  Poeten  fodern,  da  es  zwei 
ganz  entgegengesetzte  Arten  oder  Wege  gibt,  einer  zu  sein  oder 
seinen  Ideen  die  Vergoldung  zu  geben,  namlich  die  im  Feuer  und  30 
die  kalte.  Zieht  die  Reichskanzlei  die  kiihlende  Methode  vor?  Das 
ware  gerade  die  von  Adelung,  der  nicht  ohne  Vernunft  die  Pega- 
sus-Reiter  gleichsam  zur  Degradierung  unter  das  prosaische  FuB- 
volk  steckt.  Von  einem  grofien  Dichter  dieser  Gattung  wird, 
glaub*  ich,  verlangt,  daB  er  den  Definitionen,  die  er  versifiziert, 
die  sich  aber  durch  den  Reim  und  durch  das  Metrurri  von  pro- 


SATIRISCHER  APPENDIX  375 

saischen  unterscheiden,  eine  solche  Deutlichkeit  erteilt,  daB  seine 
poetische  Welt,  fast  wie  die  physische  nach  dem  Diogenes  von 
Apollonien,  bloB  aus  frischem  Wasser  besteht  -  ein  Bestandteil, 
bei  dessen  Schdpfung  der  Schweifi  des  Musensohns,  so  wie  bei 
andern  kalten  Fiebern,  nicht  nur  unschadlich  ist,  sondern  auch 
gut  und  sogar  kritisch,  anstatt  daB  das  Schwitzen  des  Musenvaters1 
sonst  nichts  anzeigte  als  Niederlagen.  Solche  Gedichte  konnen  nie 
klar,  hell  und  deutlich  genug  sein,  wenn  sie  jener  Kdltey  die  auch 
drauBen  an  heitersten  Tagen  am  groBten  ist,  nicht  Eintrag  tun 

10  sollen,  welche  auf  eine  unschadlichere  Art  als  der  physische  Frost 
die  Neigung  zum  Schlafe  belebt.  Adelung  sieht  recht  gut,  wie 
nachteilig  der  erschlaffenden  Schreib-  und  Kurart  starke  Bilder  und 
Fliigel  sind  -  wenigstens  bringt  der  Leser  die  lebhaften  Ideen  in 
den  erbeuteten  Schlaf  mit  hiniiber  und  gewinnt  nur  einen  mit 
Traumen  durchbrochnen,  auffahrenden.  -  Daher  dringt  er  so 
sehr  auf  Klar-  und  Planheit,  gleichsam  auf  eine  heitre  Luft,  die 
zu  dunn  ist  zum  Fluge.  Kommt  es  vielleicht  daher,  daB  in  der 
Mythologie  den  Wagen  des  Tages  flilgellose  Rosse  ziehen  und 
den  der  Nacht  geflugelte?  -  Es  tut  iiberhaupt  schon  Schaden  - 

20  denn  es  weckt  -,  daB  man  ein  kiihlendes  Gedicht  nicht  ganz  und 
gar  aus  reinen  Reimen  und  FtiBen  machen  kann,  ohne  Einmi- 
schung  der  geringsten  Idee,  wiewohl  doch  die  bouts  rimes  und 
die  iiber  Verse  gestellte  leere  Metra  die  Moglichkeit  eines  solchen 
Ideals  zeigen.  SilbenmaB  und  Reim  aber  ist  in  dieser  edlern  Prosa 
nicht  nur  kein  Fehler,  wie  in  der  gemeinen  Kiichenprosa,  son- 
dern sogar  eine  wesentliche  Schonheit  und  die  groBte.  -  Ver- 
sichert  mich  nun  der  Wappeninspektor,  daB  die  Reichs-Hof- 
Kanzlei  hiertn  dem  Herrn  Adelung  nach-  und  beitritt:  so  darf  ich 
Schnalzlern  als  einen  solchen  kiihlenden  Poeten  auffiihren,  als 

30  einen  Vergolder  mit  asthetischem  Mangold,  Herr  Rat  Adelung 
behauptetzwar, dieses  schone  kuhleZeitalterderdeutschenDicht- 
kunst  habe  bloB  von  40  bis  60  gedauert;  er  ist  aber  leicht  mit 
meinem  Schnazler  zuruckzuschlagen,  der  noch  lebt  und  das  Mu- 
ster der  schlarTen  Gattung  nicht  bloB  darum  ist,  weil  er  unter 
solche  geistliche  Liederdichter  gehort,  die  als  ngiirliche  zwit- 
1  Des  Apollo  zu  Cuma.  Cic.  de  divin.  I.  43. 


37^  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

schernde  Heuschrecken  um  die  lutherischen  Altare  in  Gesang- 
buchs-Kafigen  wie  physische  um  die  spanischen  gehangen  wer- 
den,  sondern  vorziiglich,  weil  er  -  anstatt  daB  jene  kiihlen  Dich- 
ter  ihr  Frostwetter  mit  lauen  Strophen  unterbrechen  und  ver- 
derben,  wie  in  die  Winter  schadliche  warme  Tage  fallen,  die  die 
Bienen  aus  dem  Winter schlaf  reiBen  -  sich  niemals  ungleich  wird, 
wobei  ihn  freilich  das  meistens  sinnlose  Zusammenlegen  des  zer- 
streuten  Auskehrigs  sichtbar  unterstiitzt.  Einige  solche  Lieder 
durft'  ich  dem  Gesuche  anbiegen. 

Es  konnte  aber  sein,  bester  Freund,  daB  das  deutsche  Reichs-  10 
Oberhaupt  oder  die  Reichs-Hof-Kanzlei  mit  den  Kraftgenies  ein- 
verstanden  waren,  die  nicht  zur  schlaffen,  sondern  zur  straffen 
Gattung  gehoren  und  die  auf  gliihenden  Pflugscharen  sowohl  die 
Feuerprobe  aushalten,  als  damit  das  Feld  bestellen.  Das  ware  mir 
unangenehm  und  ein  fataler  Streich.  Denn  Schnazler  hat  mit  dem 
Phobus,  der  ins  gliihende  Zeichen  des  Krebses  tritt,  geringen 
Verkehr,  er  hat  von  Dichtern  wenig,  die  in  den  JBeinschellen  des 
Metrums  doch  mit  ungebundnen  Flugeln  steigen,  wie  Saturn  sei- 
nen  gefesselten  FuBen  mit  ofFnen  Flugeln  nachhilft,  ja  er  ist  nicht 
einmal  imstande  -  er  wiirde  vergeblich  ansetzen  — ,  es  nur  zu  20 
einiger  leidlichen  Dunkelheit  der  Gedanken  zu  bringen,  mit  der 
immer  Grqfie  derselben  verkniipft  ist,  wie  am  Himmel  die  Pla- 
neten  die  groBten  sind,  die  sich  von  der  Sonne  am  meisten  ent- 
fernen.  —  Eh'  er  sichs  versieht,  ist  er  faBlich  und  zu  kopieren.  Da 
er  inzwischen  wenig  Gedanken  hat:  so  mochte  ihm  doch  viel- 
leicht  ihr  Zusammendrangen  leichter  glucken,  da  viele  der  besten 
straffen  Dichter  nicht  sowohl  Gedanken  als  Worte  lakonisch  zu- 
sammenpressen  und  ihren  leeren  Versen  durch  die  Kiirze  ein 
eignes  Feuer  geben,  wie  der  kalten,  leeren  Luft  durch  Verdichten 
die  Kraft  des  entzundeten  SchieBpulvers  zuwachst,  oder  wie  ein  30 
engeres  GefaB  schales  Bier  zur  geistigen  Garung  treibt.  -  Inzwi- 
schen wiirde  wenigen  Kanzleiraten  ein  solcher  Beweis,  daB  der 
Schulmeister  ein  poetischer  Selbst^iinder  ist,  genugtun,  wenn  ich 
nicht  den  wichtigern  Umstand  -  den  ich  durch  ein  medizinisches 
Attestat  bescheinigen  kann  —  zum  Beweise  seines  Talents  aufzu- 
fiihren  hatte,  daB  er  das  hitzige  Fieber  hatte  und  einen  kahlen 


SATIRISCHER  APPENDIX  377 

Kopf  noch.  Haupter  aber,  die  mit  Feuer  und  poetischen  Gold- 
adern  durchzogen  sind,  und  Berge,  in  denen  beide  durchlaufen, 
sind  oben  ka^il  und  ohne  Gewachse;  und  eine  Glatze  ist,  wie  beim 
Casar,  der  wahre  klassische  Boden  des  Lorbeers.  - 

Da  jeder  Supplikant,  der  Graf,  Fiirst  usw.  werden  will,  be- 
weisen  muB,  daB  er  grafliche  oder  furstliche  Einkiinfte  habe:  so 
mach'  ich  mich  schon  darauf  gefaBt,  daB  die  Reichs-Hof-Kanzlei 
Beweise  von  mir  fodern  wird,  daB  Schnazler  ein  Mann  von  poe- 
tischen Einkunften  sej  und  daB  er  entweder  das  Armenrecht 

ic  habe,  oder  sonst  aus  der  Almosenkasse  Gelder  erhebe.  Dies  war' 
an  sich  leicht  darzutun;  aber  glucklicherweise  wird  mir  der  Er- 
weis  ungemein  leicht  dadurch  gemacht,  daB  er  zugleich  einSchul- 
mann  ist,  dessen  Verhungern  ich  bei  der  Kanzlei  hoffentlich  po- 
stulieren  darf,  da  diesen  Heiligen-Geistes-Tauben  und  den  poeti- 
schen Singvogeln  gleich  wenig  Hanf  auf  die  Hanfmiihle  aufge- 
schiittet  wird.  Reichliches  Futter  macht  aus  Schwarzrocken  Rot- 
rocke,  d.  h.  Kardinale,  anstatt  daB  umgekehrt  rote  Gimpel  vom 
Hanfschmausen  schwarze  Federn  kriegen,  - 

Ich  erwarte  allerdings  von  der  BilHgkeit  der  Kanzlei,  daB  sie 

20  mir  nicht  mehr  fur  die  Kreation  abfodert,  als  die  Kurmainzische 
Reichs-Hof-Kanzlei-Taxe-Ordnung  von  1659  den  6.  Jan.  an- 
setzt,  namlich  50  fl.  Taxe  und  20  fl.  Kanzlei-Jura,  zumal  da  ich  die 
Schopfungs-Kosten  aus  meinem  Beutel  bezahle.  Der  Tax  fur  die 
poetische  Laureatur  scheint  mir  iiberhaupt  schon  1659  ein  wenig 
hoch  geschraubt  zu  sein,  besonders  wenn  ich  bedenke,  wie  viele 
Laureaturen  und  Dichter-Patente  oder  poetische  Wappenbriefe 
bei  den  Rezensenten,  die  damit  die  Messen  beziehen,  fur  diese 
70  fl.  zu  erstehen  waren,  und  wie  wenig  eine  Laureatur  abwirft : 
denn  die  Augen  unsers  Publikums  werden  schon  lange  nicht  mehr 

30  mit  dichterischen  Illusionen  hintergangen,  so  wie  den  klugen 
Blinden  gemalte  blinde  Fenster  oder  Tiiren  nichts  weniger  als 
verblenden  und  betoren. 

Ich  hofFe,  daB  Ew.  noch  im  HundsfottgaQchen  wohnen  und 
bin  etc.« 


378  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

Die  Laureatin,  Eva,  stellte  jetzt  den  KafFeetopf  nebendas  Din- 
tenfaB,  ohne  im  geringsten  auf  beider  gelben  Inhalt  anzuspielen. 
Ich  pries  sie  ins  schdne  Gesicht,  daB  sie  sich  einen  sglchen  Spon- 
sus  ausgeklaubt,  fur  den  ich  gerade  nach  Wien  ein  langes  Schrei- 
ben  erlassen  hatte.  Der  Kronprinz  und  GroBfiirst  Weyermann 
trat  zu  uns  und  sagte,  zum  Gliick  sei  der  Gerichtsdiener  und  Lik- 
tor  angelangt  -  das  Obersees  muB  sich  bekanntlich  mit  einem 
geborgten  Gericht  behelfen  -,  und  der  Ranzenadvokat  sei  um 
10  Uhr  vorgeladen  worden,  sich  zu  sistieren.  Alle  Leute  in  prak- 
tischen  Amtern  gewohnen  sich  eine  eigne,  wenig  schonendeHarte  10 
gegen  Gemeine  an :  er  fuhr  in  Evens  Beisein  fort  und  meisterte 
sein  zu  hoch  aufgeballtes  Bette  und  referierte,  er  habe  gegen  1  Uhr 
einen  Fall  daraus  getan  wie  ein  Quersack.  Ich  gestand,  ich  hatte 
mich  Ieicht  in  meiner  Bette-Empor  und  Montgolfiere  erhalten, 
bloB  dadurch,  daB  ich  im  Finstern  die  Nachtmutze  statt  eines 
Senkbleies  in  die  Stube  fallen  lassen;  -  ich  konnte  aus  der  Zeit, 
die  zwischen  dem  Loslassen  und  dem  Auffalle  der  Miitze  ver- 
strich,  Ieicht  die  ganze  senkrechte  Tiefe  vom  Kopfkissen  zur 
Diele  berechnen  und  mich  dann  aus  Vorsicht  an  die  Wand  zu- 
riickziehen.  20 

Allmahlich  liefen  die  Untertanen  zusammen,  die  Weyerman- 
nen  heute  ihre  Hand  geben  und  damit  versprechen  wollten,  ge- 
treu  unter  seiner  zu  stehen.  Aber  er  warf  schon,  eh'  er  iiber  die 
hochste  Stufe  zu  seiner  Thronspitze  hinauf  war,  Privilegien  und 
Permissionen  aus,  z.  B.  fiir  Kirschen-  und  Pfeffernusse-Weiber, 
denen  er  freies  Feilhalten  erlaubte.  Dieser  Ludwig  XVIII.  erlieB 
an  die  Reichskinder  seines  Reichs  von  Aachen  das.schone  Kabi- 
nettschreiben,  daB  heute  -  wo  alle  Fasser  liefen  -  auch  die  Orts- 
Feuerspritze  in  Gang,  FluB  und  Sprung  gebracht  werden  sollte, 
wie  in  Frankfurt  (bei  einer  viel  wichtigern  Kronung  als  der  ge-  30 
genwartigen)  ein  Adler  aus  dem  Doppel-Schnabel  Doppel-Wein 
auf  die  Untertanen  sprengt.  Es  sind  doch  vorlaufige  Exerzitien 
und  Probeschusse  im  Befehlen,  einige  Fahnenschwenkungen  des 
Kommandostabs. 

Freilich  sind  das  bloBe  Komodienproben  zur  eigentlichen  gott- 
lichen  Komodie;  und  sie  werden  noch  kleiner,  wenn  man  sie  mit 


SATIRISCHER  APPENDIX  379 

der  ordentHchen  Kronungsfeierlichkeit  eines  Gerichtshalters  ver- 
gleicht,  wo  durch  die  Hand  eines  Mannes  -  unsers  Weyermanns  - 
sich  vierhundertundzwanzig  Oberseeser  Hande  Ziehen,  um  Treue 
zu  geloben,  und  wo  ein  Mensch  420  Schwiire  einkassiert,  ohne 
selber  einen  abzuleisten.  Da  seine  Kronung  und  die  Kirmes  auf 
einen  Tag  einfielen:  so  kam  sie  durch  den  allgemeinen  Volks- 
Jubel  auch  hohern  Kronungen  nahe,  die  keinen  kleinern  erregen. 
So  goB  auch  die  Athenerin  auf  den  neuen  Sklaven,  wenn  er  zum 
erstenmal  liber  die  Schwelle  trat,  Friichte  und  Blumen  nieder. 

10  Nero,  Tiber  und  ahnliche  Kaiser,  die  ihre  Regierung  mit  einer 
sanften  Debit- Rolle  anhoben,  unterschieden  sich  auf  eine  schone 
Weise  von  Anfangern  auf  dem  Theater,  die  gern  Tyrannen  ma- 
chen,  wiewohl  mit  der  Zeit  jene  und  diese  gescheuter  werden. 
Wenn  nach  Kant  der  Hang  zum  sinnlkhen  Wohlsein  die  allge- 
meine  Krankheit  und  der  Knochen-  und  TugendfraB  der  Men- 
schen  ist:  so  wirkt  ein  Gerichtshalter,  der  die  Krankheitsmaterie 
abfiihren  soil  -  durch  tapfres  Abstrafen  -,  und  ein  Fiirst  -  durch 
noch  groBeres  -  freilich  anfangs  nur  wie  mehrere  gute  Arzneien, 
die  nach  dem  ersten  Gebrauch  das  Siechtum  eher  zu  vermehren 

20  scheinen,  das  sie  doch,  wenn  fleiBig  fortgenommen  wird,  am 
Ende  wirklich  aus  der  Wurzel  heben.  - 

Um  10  Uhr  wurde  der  Ranzenadvokat  gerichtlich  vernommen 
-  und  freilich  der  Aktuar,  sein  Nebenbuhler,  vorher  nchtig  ver- 
eidet.  -  Anfangs  behielt  auch  alles  seinen  rechten  guten  Gang: 
Inkulpat  gestand  manches,  seinen  Namen,  seine  Herkunft,  seinen 
taglichen  Durchgang  durch  Schenken.  Aber  er  versalzte  uns  alles 
wieder  dadurch,  daB  er,  als  man  naher  auf  die  Blau-Siederei  seines 
Leibes  inquirierte,  das  besetzte  Gericht  deutlich  auslachte  und 
durch  solches  niederschreiben  lieB,  ob  man  denn  so  dumm  ware, 

30  daB  man  nicht  blaue  Flecke,  die  vom  heftigen  Faulfieber  her- 
kamen,  woraus  er  gerade  auferstanden,  von  dem  Blau-Farben- 
werk  der  Priigel  an  blauen  Montagen  zu  unterscheiden  wuBte. 
Das  Protokoll  muBte  dieser  Exzeption  wegen  auf  der  Stelle  bis 
aufs  nachstemal  geschlossen  werden.  Indes  hatte  doch  die  peinliche 
Katechetik  den  Nutzen,  daB  Eva  sich  eines  Kerls  schamte,  der  vor 
dem  sitzenden  Gerichtsschreiber  hatte  stehen  und  reden  mussen. 


380  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

Der  Gerichtsfron  und  Stadthascher  zitierte  jetzt  den  Obersee- 
ser  Adjunkt  —  der  Pastor  war  schon  tot  -  ins  SchloB,  nicht  zum 
Inquirieren,  sondern  zum  Gastieren:  seit  vielen  tausend  Jahren 
wurde  der  Pfarrer  allezeit  an  der  Salat-Kirchweih  ins  SchloB  in- 
vitiert.  - 

Vor  dem  Essen  zeigte  der  Neugekronte,  ob  er  regieren  konne : 
er  befahl  dem  Stadthascher,  die  Westenknopfe  der  Biergaste  in 
den  Stadtschenken  zu  zahlen  und  mit  den  Kreidenstrichen  der 
Wirte  zu  konfrontieren,  um  hinter  die  MaBigkek  der  einen  so- 
wohl  zu  kommen  als  hinter  die  Ehrlichkeit  beider.  Bauern  knop-  10 
fen  namlich  bei  jedem  Kruge,  den  sie  fodern,  einen  Knopf  der 
Weste  auf,  damit  sie  der  Kellermeister  nicht  bestiehlt.  -  Die 
Feuerspritze  wurde  vormittags,  weil  nachmittags  auf  dem  Markte 
niemand  Platz  hatte  auBer  der  Volksmenge,  wie  eine  Kanone, 
obwohl  zum  entgegengesetzten  Zwecke,  aufgefahren  und  abge- 
drtickt,  und  der  ganze  WasserschuB  wurde  von  den  einsaugenden 
GefaBen  eines  Wagens  aufgefangen,  auf  den  ein  Topfer  seine 
Topfe  so  gepackt  hatte,  daB  die  Miindungen  gen  Himmel  stan- 
den.  Man  konnte  deshalb  von  Amts  wegen  nicht  unterlassen,  ihn 
zu  monieren,  kiinftig  mit  umgesturzten  Topfen  zu  Markte  zu  20 
fahren,  weil  er  sonst  den  Regen  auffinge  und  den  Wagen  iiber- 
lade.  Ein  einfaltiger  Tiroler,  der  seinen  ganzen  Kaufladen  mit 
Bandern  und  Dosen  aufgeschlossen  auf  dem  Riicken  trug,  wurde 
von  Amts  wegen  erinnert,  das  Seidengewolbe  herumzudrehen 
und  auf  dem  Bauche  aufzusetzen,  damit  dem  Dorfe  keine  Ge- 
legenheit  gegeben  wurde,  ihm  und  seinem  auerbachischen  Hofe 
diebisch  in  den  Riicken  zu  fallen.  -  Und  noch  mehr  dergleichen 
oder  nicht  viel  schlechtere  Verordnungen.  Von  Pombal  will  man 
freilich  ruhmen,  er  habe  beim  Erdbeben  zu  Lissabon  zweihundert- 
unddreiBig  Verordnungen  erlassen;  aber  fur  einen  Ort,  dunkt  30 
mich,  der  kein  Erdbeben,  sondern  eine  Kirmes  hatte,  verordnete 
der  Gerichtshalter  immer  genug. 

Das  Brausen  der  Markt-Flut  wurde  allmahlich  lauter  -  die 
Frankfurter  Pfeifergerichte  wurden  von  immer  mehrern  Jungen 
und  Pfeifschwanzen1  besetzt,  und  die  Bottcherwoche,  die  schon 
1  Die  in  bemalten  holzernen  Rosinanten  fur  Kinder  sitzen. 


SATIRISCHER  APPENDIX  381 

den  ganzen  Morgen  gewahrt  hatte,  durfte  der  eigentlichen  Me6- 
und  Zahlwoche  keine  Zeit  mehr  rauben.  -  Der  Stadtrichter  holte 
durch  vormittagige  Schanzarbeiten  zu  nachmittagigen  Kanikular- 
Ferien  aus,  um  den  Adjunktus  zu  genieBen  -  und  ich  machte 
nichts  -  auBer  dem  Plane  -  als  einen  Spaziergang  unter  das 
Volk. 

Hier  mufite  man  nun  seine  Aufmerksamkeit  -  so  wie  die  kleine 
Munze  -  zuerst  den  Bettlern  schenken,  und  ich  ging  den  Grunden 
nach,  aus  welchen  wohl  alle  gute  Dorfpolizeien  an  Kirchweihen 

10  freies  Betteln  nie  verwehren.  Sie  sind  nicht  ohne  Gewicht.  Die 
Bettler  beziehen  diese  Messen  der  Dorfer  als  Kundmanner  und 
erstehen  darauf  ansehnliche  Partien  von  Kuchen,  Broten,  Lum- 
pen, Hellern  auf  Kredit  -  Geld  ist  ein  Warenartikel  -;  ja  durch 
diese  MeBleute  werden  oft  dem  angesehenen  Kaufmann  die  teuer- 
sten  Artikel,  die  er  sonst  behielte,  z.  B.  Uhren,  Geldbeutel  etc., 
mit  Vergniigen  abgenommen.  Der  Handelskonsul,  der  Bettel- 
vogt,  schutzt  mit  seinem  SpieB  diese  MeBfremden  beim  Flor  des 
Land-  und  Transito-Handels.  Der  zweite  Grund  ist  vielleicht 
wichtiger:  es  wird  namlich  leider  wohl  an  keinem  Tage  mehr 

20  geflucht,  gefressen,  gesoffen,  ge-  und  iiberhaupt  die  Kirche  mehr 
entweihet  als  an  dem,  wo  sie  einiuweihen  ist.  Hier  kann  sich  das 
Dorf  nun  keine  halbe  Stunde  die  Bettler  und  die  Kruppel  nehmen 
lassen,  die  dem  Teufel  das,  was  er  erobert,  dadurch  wieder  ab- 
jagen  und  abackern,  daB  sie  die  Gassen  wie  besoffen  durchschwei- 
fen  und  vor  jeder  Haustiir  nichts  Geringers  verrichten  als  eine 
fliegende  Gassenandacht  und  so  den  ganzen  Ort,  indem  sie  um 
einen  HellCr  einen  singenden  Umgang  haken,  mit  dem  Feuer  der 
Andacht  illuminieren.Was  will  nachher  der  Teufel  machen?  frag* 
ich.  — 

30  Am  Ende  des  Orts  hielt  mich  ein  Kerl  an,  der  keine  rechte 
Hand  hatte  und  bitterlkh  weinte  und  sagte,  er  kame  so  um,  weil 
er  keine  Hand  -  er  streckte  den  defekten  Arm  aus  -  mehr  daran 
habe,  um  sich  sein  Brot  zu  verdienen  durch  Betteln.  Sonst  sei  er 
so  gliicklich  gewesen,  eine  mit  einem  einzigen  Daum  -  die  Finger 
waren  wie  Schlesien  im  siebenjahrigen  Kriege  daraufgegangen  - 
zu  fiihren  und  damit  jedes  Herz  zu  bewegen;  aber  mit  einem 


382  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

bloBen  Stummel  habe  kein  Mensch  Erbarmen.  Ich  sagte:  »Bleib* 
Er  stehen,  ich  helF  Ihm.« 

Das  konnt*  ich  gut.  Ich  hatte  namlich  am  Morgen  die  Gerichts- 
schranke  durchstobert,  urn  irgendeine  wissenschaftliche  TriifFel 
unter  diesem  schmutzigen  Boden  auszuwittern :  ich  traf  nichts 
Sonderliches  an  als  im  Fraischpfander-Schrank  zwei  abgesottne, 
eingeschrumpfte  Hande.  Sie  wurden  sonst  als  NachlaB  solcher 
Kinder  aufgehoben,  die  damit  ihre  Eltern  geschlagen  hatten  und 
die  solche  immer  aus  dem  Grabe  heraushielten.  Herr  Dreyer1 
zeigte  aber  uns  Gelehrten  insgesamt,  wie  es  ware  und  von  wem  10 
die  Hande  kamen  —  von  totgeschlagnen  Leuten  namlich,  denen 
sie  der  Anklager  sonst  als  Beweise  und  Exponenten  des  corpus 
delicti. abschneiden  rmissen,  worauf  man  sie  von  Gerichts  wegen 
abgesotten. 

Kurz  ich  holte  aus  dem  Fraisch-Behalter  das  Handepaar  hin- 
weg  und  bot  dem  Invaliden  eine  davon  als  Lebens  -Wickelschwanz 
(cauda  prendensilis)  zur  Auswahl  an.  Ich  unterrichtete  ihn,  es  sei 
eine  ehrliche  Hand,  wovon  er  alle  Finger  wegschneiden  konnte 
bis  auf  den  notigen  Diebsdaum;  er  konne  sie  an  den  Stummel 
stoBen  und  anschienen  und  so,  weil  sie  so  greulich  aussehe,  sich  zo 
mit  ihr  so  gut  wie  mit  einer  Hand  aus  den  Wolken  oder  mit  einer 
langen  koniglichen  recht  wohl  forthelfen  und  vorspannen.  Er 
steckte  das  Fraischpfand  zu  sich. 

Eh'  ich  weitergehe  in  der  Geschichte,  will  ich  eine  Digression 
anpichen,  einen  Appendix  an  den  Appendix,  ein  Allonge  an  den 
Wechselbrief.  Es  ist  fatal,  daB  mir  jedes  Wort,  jede  Behauptung 
und  Untersuchung  -  und  war'  es  die,  ob  es  einen  Teufel  gibt  - 
seit  einigen  Jahren  unter  den  Handen  zu  einer  Geschichte  wird. 
Auf  der  einen  Seite  kann  man  allerdings  iiber  philosophische 
Pillen  und  Magenmorsellen  kein  besseres  Silber  als  das  histo-  30 
rische  ziehen,  wie  Bahrdt  in  Halle  Kirchengeschichte  las,  um  seine 
Dogmatik  einzuschwarzen ;  aber  auf  der  andern  sen'  ich  nicht, 
was  mir  die  berghauptmannschaftliche  /Concession,  die  ich  mir 
am  Schalttage  endlich  ausgewirkt,  namlich  nach  Gefallen  auszu- 

1  In  seinen  Miszellen  p.  125,  die  gleichsam  Katalogen  ganzer  Bibliotheken    . 
sind. 


SATIRISCHER  APPENDIX  383 

schweifen  und  zu  scherzen,  nur  im  geringsten  helfen  soil,  wenn 
ich  zu  jedem  frischen  Scherze  um  eine  neue  Konzession  nach- 
suchen  muB  und  wenn  alles  dem  Leser  in  meinen  Historien  lieber 
ist  als  das,  womit  ich  solche  store.  Wahrhaftig,  mitten  im  Appen- 
dix muB  ich  hier  die  Digression  wieder  durch  eine  besondre 
Oberschrift,  durch  ein  gare,  Vorgesehen,  Kopfweg  usw.  warnend 
signieren. 

Die  Bettler  sind  die  wakren  Barden  jet^iger  deutscher  Nation, 

Ich  fange  nirgends  an  als  beim  Erweise.  Die  alten  Barden 
10  zogen  bekanntlich  mit  in  jeden  Krieg  -  wie  in  neuern  Zeiten  oft 
der  halbe  parisische  General-Stab,  wenn  er  die  Gunst  der  Musen 
und  der  Pompadour  hatte  -,  weniger  um  zuzusehen,  was  es  auf 
dem  Schlachtfelde  zu  bekampfen  als  zu  besingen  gebe :  auf  der 
Davidsharfe  trugen  sie  nachher  die  ganze  Schlacht  wieder  vor  in 
einem  offiziellen  poetischen  Bericht.  —  Die  Bettler  des  achtzehn- 
ten  Jahrhunderts  dienen  nun  als  Gemeine  und  Unterofnziers  in 
den  wichtigsten  Treffen,  die  wir  haben:  das  setzt  sie  in  den  Stand, 
auf  dem  Schlachtacker  alles  zu  summieren,  was  noch  -  auBer  der 
Schlacht  -  verloren  wurde,  namlich  Kopfe  und  Beine.  Dann  er- 
20  wartet  man  von  ihnen,  daB  sie,  wenn  ihnen  nichts  weiter  wegge- 
schossen  worden  als  die  letztern,  in  den  Wirtshausern  an  Pflicht 
denken  und  einige  Glaser  Branntewein  fodern  -  der  Staat  reichte 
ihnen  vorher  durch  seine  Glieder  die  Gelder  dazu  -  und  den  Um- 
stehenden  erzahlen,  wie  es  herging  in  der  Schlacht  bei  Wetzlar, 
bei  Wien,  bei  Regensburg,  bei  Potsdam.  -  Da  der  romische  Stuhl 
keine  holzernen  Beine  weiter  hat  als  dessen  seine,-  der  sich  auf  ihn 
setzt:  so  kann  ein  gegenwartiger  StraBen-Barde  auf  nicht  mehr 
verholzten  Beinen  zu  stehen  verlangen,  als  den  heiligen  Vater 
selber  tragen. 
30  Die  Skalden  -  nordlichere  Barden  -  behielten  sonst  ihre  Beine ; 
aber  sie  hatten  es  einer  schirmenden  Gurt  von  Jiinglingen,  Skal- 
daburg  genannt.  Dank  zu  wissen,  die  sie  in  jeder  Schlacht  um-  - 
stellte.  Jetzt  bestehen  die  schirmenden  J unglinge  (Bettler,  Krieger, 
Barden)  aus  niemand  als  aus  den  beschirmten  selber. 

Der  Ladenmeister  der  Skalden,  der  blinde  Homer ^  deklamierte 


384  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

vor  den  Tiiren  die  alteste  Ausgabe  seiner  Gedichte  und  war  selber 
der  Kollekteur  seines  Honorars  bei  den  Abonnenten,  die  er  an- 
bettelte.  Neuere  blinde  Jungmeister  der  Skalden  singen  vor  den 
Fenstern  des  Publikums  an  einem  waagrechten  Stabe  -  wie  auf 
einem  die  geblendeten  Finken,  und  die  homerischen  Rhapsodisten 
an  einem  bleirechten1  -  gute  Gelegenheits- Gedichte  ab  und  schie- 
ben  von  auBen  kleine  Kanzel-Lieder  in  die  Kontrovers-Predigten 
ein,  die  man  innen  in  den  Hausern  halt.  Das  Band,  das  einen 
frohen  Dichter  an  die  Menschen  knupft  und  das  oft  ein  ehliches 
wird,  ist  der  horizontale  Stock,  den  der  Blinde  und  die  Frau  an  10 
entgegengesetzten  Polen  halten,  wiewohl  in  groBen  Stadten  (Pa- 
ris, London)  statt  der  copula  carnalis  ein  Strick  und  statt  der  Frau 
ein  Hund  fuhrt,  den  man  einen  edlern  Nachdrucker  nennen  kann, 
weil  er  den  Dichter,  wie  der  unedle  die  Gedichte,  unter  die  Leute 
bringt  und  ihn  dem  Brote  entgegenzieht,  das  ihm  der  andre  ent- 
zieht.  Glaubwurdige  Hegebereiter  und  Bettelvogte  haben  mich 
versichert,  daB  Frauen  keinen  Mann  lieber  fuhren  als  einen  blin- 
den  und  daB  sie  sich  untereinander  urn  den  erledigten  Posten  einer 
Fuhrerin  raufen  und  zanken.  Sie  iiberzeugten  mich  durch  zwei 
Ursachen,  die  sie  davon  angaben :  erstlich  bettelt  einer,  der  von  20 
seinem  grauen  Stare  lebt  und  der  Panist  und  Apanagist  seiner 
Augen  ist,  weit  mehr  vom  ebenso  blinden  Gluck  und  Pluto  zu- 
samraen  als  ein  andrer,  der  sehen  muB  -  zweitens  hat  eine  solche 
Cicerone,  da  sie  dessen  Regie  und  Hebungsbediente  1st,  Hoff- 
nung,  ihm  seine  Reveniien  halb  zu  stehlen,  weil  er  wie  mehrere 
Blinde  nehmen  muB,  was  ihm  das  Mautamt  aufzahlt.  Um  so  we- 
niger  sollten  solchen  Barden,  die  so  unermiidet  ihren  Ruhm  und 
Unterhalt  vor  den  Tiiren  suchen,  eben  die  Berliner  Biblipthekare 
wedelnd  nachschleichen,  die  sich  den  Namen  Bettelvogte,  Hege- 
bereiter geben:  Vogte,  Reiter  dieser  Art  greifen  immer,  wie  so  30 

1  Die  Vorsanger  der  I  lias  trugen  rote  Stabe  —  als  Sinnbilder  des  Mords  — , 
die  der  Odyssee  gelbe,  als  Sinnbild  des  Exiliums.  (S.  Flogels  Geschichte  der 
kom.  Literatur.)  Die  Bettler  bei  uns  singen  alles  untereinander,  ohne  daB 
einer  auf  das  Riicksicht  nahme,  was  der  andre  angefangen.  Auch  laufen 
manche  geschmacklose  Gedichte  mit  unter,  weil  noch  kein  Mensch  sich  die 
Mtihe  gegeben,  eine  Blumenlese  oder  einen  Almanach  fur  StraCenbettler  zu 
machen,  die  sich  iiberhaupt  noch  wenig  mit  der  Verbreitung  unsrer  poeti- 
schen  Schatze-so  wie  die  Nachtwachter  mit  der  der  historischen-befangen. 


SATIRISCHER  APPENDIX  385 

viele  aus  der  kritischen  Menagerie,  nicht  sowohl  den  Gesang  als 
den  Menschen  an. 

Ich  fmde  in  Trolls  Reisebeschreibung,  daB  sonst  die  alten  Bar- 
den  in  Irland  ganze  Strecken  Landes  geschenkt  bekommen  haben 
und  daB  im  6ten  Jahrhundert  ein  Drittel  des  irlandischen  Volks 
aus  Barden  bestanden.  In  den  neuern  Reiseberichten  treffen  wir 
(hofF  ich)  im  namlichen  Irland  dieselbe  Anzahl  StraBen-Barden 
an,  desgleichen  im  Kirchenstaate,  in  Bayern  und  in  den  bluhen- 
dern  Kreisen  von  Deutschland,  worin  dichterischer  Geist  gewiB 

10  noch  nicht  so  erloschen  ist,  daB  nicht  jeder  Gerichts-  und  Kir- 
chensprengel  einige  Familien  solcher  singenden  Nomaden  sollte 
aufzuweisen  haben.  Der  Verfasser  dieses  Appendix  bildet  sich 
uberhaupt  ein,  er  dtirfe  hierin  seiner  bisherigen  Methode,  das 
singende  Deutschland  zu  zahlen,  vertrauen  und  sie  manchen  an- 
dern,  selber  von  Schmidt  und  Meusel,  vorziehen:  er  tut  namlich, 
wenn  er  durch  Staaten  reitet,  wo  der  Thron  ein  Helikon  voll  peri- 
patetischer  Dichter  und  Barden  ist,  einen  Schwur,  jedem  Volks- 
dichter  nicht  mehr  zu  geben  als  einen  Pfennig,  zahlt  aber  vorher 
sich  fur  einige  Taler^  (pr.  Courant)  Pfennige  richtig  ab.  Ist  er 

20  nun  durch  den  Staat  geritten,  so  subtrahiert  er  den  Rest  und  weiB, 
wenn  z.  B.  2  Rtlr.  (pr.  Cour.)  aufgingen  fur  die  Bettelvolks-Liste, 
daB  840  Sanger  (oder  Sangerinnen)  darin  hausen.  -  Es  ist  nicht 
die  Schuld  der  Fiirsten,  wenn  es  nicht  in  alien  Landern  eine  hin- 
langliche  Anzahl  solcher  Troubadours  und  Gassen-Skalden  gibt: 
sie  tun,  was  sie  konnen,  und  muntern  auf.  Sie  raumen  und  leereri 

"  fur  Skalden  zu  Wohnsitzen  ganze  Lander  aus  -  sie  ernennen  sel- 
ber fahige  Kopfe  zu  solchen  Gassen-Laureaten,  wie  die  englische 
und  die  deutsche  Krone  Stuben-Laureaten  kreiert  -  sie  legen  Ka- 
sernen  als  Skalden-Semmarien  an,  aus  denen  wie  aus  delphischen 

30  Hohlen  und  bureaux  d'esprit  mit  der  Zeit  die  einzigen  Meister- 
sanger  hervorgehen,  die  wir  noch  sehen,  und  sogar  ihre  Kinder 
werden  schon  zu  den  schonen  und  redenden  Kiinsten  angehalten: 
wie  bei  den  Romern,  so  wird  bei  den  Deutschen  allezeit  erst  nach 
der  Kriegskunst  die  Dicbtkunst  getrieben  und  geschatzt.  Ja,  wie 
Ludwig  XIV,  sogar  auslandische  Dichter  und  Gelehrte  salarierte, 
so  lassen  die  bessern  Fursten  die  gedachten  Barden,  wenn  sie 


386  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

auch  nicht  einheimisch  sind,  zwolf  Monate  lang  im  Jahre  auf 
offentliche  Kosten  speisen  -  die  Gasse  ist  das  Prytaneum  -;  hin- 
gegen  von  den  alten  Barden  in  Irland  erzahlt  der  gedachte  Troil, 
da6  sie  jahrlich  nicht  mehrere  Monate  freien  Tisch  genossen  als 
sechse. 

Man  muB  sich  aber  als  unparteiischer  Patriot  doch  nicht  ver- 
bergen,  daB,  ungeachtet  aller  Vorkehrungen  weltlicher  Fursten, 
die  geistlichen  und  tiberhaupt  die  katholischen  Staaten  mehr  Bar- 
den teils  erwecken,  teils  erobern  als  die  besten  andern.  Und  die 
Ursache  ist  nur  gar  zu  klar.  Haben  wir  Monche  und  Priester  (wie  jo 
jene),  die  durch  Kirchen-Opermaschinerie,  durch  ihre  Aktion, 
durch  ihre  Gemalde  iibersinnlicher  Welten  jede  Phantasie  in  Flug 
zu  bringen  wissen  und  jeden  Barden  mit  Frau  und  Kind  in  Gang? 
—  Zweitens  kann  der  Katholizismus  -  der  eben  deswegen  irdische 
Gltickseligkeit  unter  die  Kennzeichen  der  wahren  Kirche  setzt  - 
durchaus  nur  in  feister  Garten-  und  Modererde  Wurzel  fassen: 
ein  Monch  ist  daher  ein  ebenso  gutes  Zeichen  eines  fetten  Bodens 
als  ein  Regenwurm,  und  Okonomen  wissen,  daB  Abteien  und 
Maulwurfshaufen  fruchtbares  Land  ansagen.  Die  Poesie  war  aber 
von  jeher  die  Tochter  und  Erbin  des  Oberflusses  und  Luxus,  im  zo 
alten  Rom,  im  neuen  Rom.  Mjthin  ist  schon  die  Fruchtbarkeit 
und  der  Reichtum  der  katholischen  Lander  allein  hinreichend, 
uns  die  groBe  Volkszahl  ihrer  StraBen-Barden  -  die  wohl  auf 
eine  sehr  unschickliche  Art  den  Namen  StraBenbettler  fiihren  — 
ertraglich  zu  erklaren.  Nur  ein  Land,  das  reich  genug  ist,  solche 
Barden  hervorzubringen,  ist  wohlhabend  genug,  sie  zu  ernahren; 
die  Fruchtbarkeit  eines  Tiers  in  irgendeinem  Erdstriche  sichert 
zu,  daB  es  da  Kost  genug  nnde,  und  sogar  die  Heck-  und  Wurf- 
zeiten  jedes  Viehes  miissen  stets  in  die  Monate  seines  reichlichern 
Futters  treffen.  30 

Bei  den  kymbrischen  Starosten  und  andern  Honoratioren  ge- 
horten  die  alten  Barden  so  gut  zum  Hofstaat  als  jetzt  Livreebe- 
diente.  Der  Konig  von  Wales  hatte  seinen  Hof-Barden,  dem  er 
beim  Regierungs-Antritt  eine  Harfe  schenken  muBte  -  die  Ko- 
nigin  indes  einen  Ring.  Aber  noch  fiihren  Woiwoden  -  Hospo- 
dars  -  Reichspropste  -  infulierte  Abte  und  auch  simple  Land- 


SATIRISCHER  APPENDIX  387 

sassen  StraBen-Barden,  als  Suite  ihrer  Macht,  um  und  neben  sich 
und  strecken  diesen  durchsichtigen  Schweif  aus  ihrem  festen  Ko- 
metenkern  aus:  denn  iiberhaupt  kann  ein  Gefolge  von  reichen 
Lakaien  wohl  vorzeigen,  was  der  Prinzipal  (an  sie  namlich)  ge- 
geben  und  verloren  hat,  aber  nur  eine  Suite  von  Lazarussen  kann 
vorzeigen,  was  er  (von  diesen  namlich)  genommen  und  gewon- 
nen.  Und  aus  dem  letztern  allein  ist  doch  erst  OberfluB  und  Macht 
ersichtlich.  Ich  wuBte  daher,  was  ich  sagte,  als  ich  mehr  als  ein- 
mal  bei  furstlichen  Festins,  Feuerwerken  und  Operndekorationen, 

10  wenn  ich  sie  gelobt  hatte,  gegen  Umstehende  die  Anmerkung 
machte :  »Von  dieser  Pracht  haben  wir  immer  eine  zu  geringe 
Idee,  sobald  wir  von  den  Kosten  derselben  keine  deutHchere  be- 
kommen  und  solche  falsch  taxieren  -  wir  muBten  aber  ganz  an- 
ders  und  hoher  vom  Aufwand  denken,  wenn  uns  in  einiger  Ent- 
fernung  vom  erleuchteten  Triumphbogen  alle  Haus-Barden, 
StraBen-Barden,  Glaubiger,  Insolvente,  Seufzende  und  Wei- 
nende  in  einen  K lumpen  oder  Chorus  zusafnmengetrieben  ge- 
wiesen  wiirden,  die  das  prachtige  Fest  gekostet  hat.«  — 

Beim  ersten  Anblick  fallt  es  Denkern  auf  -  wenigstens  erging 

20  mirs  nicht  anders  -,  daB  unter  so  vielen  Gelehrten,  die  vielleicht 
samtlich  ihre  Rechte  und  Titel  zu  Panis-  oder  Bettelbriefen  ha- 
ben, und  deren  Verdienste  gar  wohl  zu  einer  solchen  Minuten- 
Gage  befugen,  gleichwohl  nur  die  StraBen-Barden,  die  geistlichen 
Dichter  und  Sanger,  so  glucklich  sind,  vom  Lese-  und  Hor-PubH- 
kum  von  Tage  zu  Tage  pensioniert  und  gespeiset  zu  werden  und 
von  ihm  Pranumerationsgelder  ein{utreil>en,  indes  sie  doch  selber 
nichts  machen,  sondern  nur  die  Verse  edieren.  Das  Faktum  an 
sich  ist  wohl  ohne  Zweifel:  denn  ich  brauchte  die  Vorsicht,  jeden 
solchen  Konviktoristen  des  Publikums,  wenn  ich  ihm  seine  Gabe 

30  gereicht,  auszufragen  nach  Namen  und  Gewerk;  ich  erinnre  mich 
aber  nicht,  daB  Numismatiker,  Orientalisten,  Feudalisten,  Zivili- 
sten,  Fiirstenerianer,  Pathologen,  Doktoranden,  Fakultisten  dar- 
unter  standen,  nur  selten  ein  sogenannter  Bettelstudent.  Die  Auf- 
losung  ist  nun  die:  die  Dichtkunst  ist  (soils  wenigstens)  fur  das 
ganze  Publikum,  nicht  fur  Teile  desselben,  und  der  StraBen- 
Skalde  verdient  daher  auch  die  Erkenntlichkeit  des  gesamten 


388  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

Publikums  auf  einmal,  das  ihm  die  Ehre  nicht  mit  Recht  ver- 
weigern  kann,  sein  eigner  Pfennigmeister  zu  sein  und  jede  Stadt 
als  seine  Legestadt  anzusehen.  Hingegen  andre  Gelehrte,  z.  B. 
Philosophen,  Orientalisten,  die  nicht  dem  ganzen  Publikum,  son- 
dern  nur  einzelnen  Gliedern  dienen,  welche  sich  gerade  mit  dem- 
selben  Zweige  des  Wissens  befassen,  haben  an  jenes  Famtlien- 
stipendium  der  pcetischen  Talente,  das  ein  Homer,  Camoens, 
Dante  genoB,  keinen  gerechten  Anspruch  zu  machen,  auBer  in 
dem  seltnen  Falle,  wenn  die  Intension  langer,  alter,  wiederholter, 
anerkannter  Verdienste  so  groB  ware,  daB  sie  der  Extension  der  : 
dichterischen  gleichkame.  Dann  mag  ihnen  verstattet  werden,  so 
gut  zu  betteln  -  wenn  ich  diesen  rohen  Ausdruck  brauchen  soil  - 
als  irgendein  groBer  Poet 


Endlich  erschien  der  Adjunkt,  Graukern  betitelt.  Er  wiirde  mir 
mehr  gefallen  haben,  hatt*  er  seine  grauen,  frechen  und  schnei- 
denden  Augen  und  seinen  rohen  zerfransten  Lippenwulst  zu 
Hause  gelassen.  Ich  hatte  besorgt,  meine  Kammerherrnknopfe 
und  der  Ordensstern  wiirden  ihn  blenden  und  verwirren  und  aus 
der  Fassung  werfen ;  aber  er  blieb  beinahe  auf  Kosten  der  meinigen 
in  seiner  und  hatte  -  da  sonst  Universitatssitten  so  elend  sind  wie  20 
die  Universitatsbiere  -  ganz  andere.  Er  kann  einmal  bei  einer 
groBen  Dame  dadurch  Anstand  gewonnen  haben,  daB  er  ihre 
Kinder  -  mit  Blumenbachs  Bildungstriebe  -  bilden  half.  Ich  hatte 
das  seidne  Halstuch  darum  gegeben,  wenn  ich  kein  Seraphinen- 
Ritter  gewesen  ware:  er  weiB,  wen  er  vor  sich  hat,  sorgt*  ich. 

Gegen  zweideutige,peinlicheSpionen  kann  man  keinen  bessern 
Gyges-Ring  der  Unsichtbarkeit  vorkehren  als  den  Zirkel  der 
Ironie  und  Laune,  die,  mit  Warme  vorgetragen  und  mit  Wahr- 
heiten  durchschossen,  den  Deutschen  irre  machen:  man  kann 
auch  jede  Sache,  wie  Sokrates,  auf  alien  Seiten  anleuchten  und  30 
scheinbare  Widerspriiche  sagen,  die  den  Denunzianten  des  In- 
nern  in  wahre  verwickeln. 

Der  Adjunkt  fragte  mich  bald  mit  wahrem  Interesse  iiber 
Schweden,  iiber  die  Landmacht,  iiber  Strengnas,  Bromsebro  und 


SATIRISCHER  APPENDIX  389 

Sawolax;  ich  als  eingeborner  Schwede  bestatigte  vieles,  was  Bii- 
sching  hatte,  und  beglaubigte  so  den  Geographen  nicht  wenig.  - 
Ich  hing  aber  an  meine  Angelschnur  Theologie  und  Okonomie 
zugleich,  damit  der  Hecht  nicht  langer  nach  meinen  Seraphinen- 
kopfen  schnappte.  Der  Raubfisch  lief  dem  Angelhaken  voll  kon- 
sekriertem  Koder  nach.  Er  sagte,  die  Gleichgiiltigkeit  der  Fiirsten 
gegen  alle  Religion  sei  schuld,  daB  andern  Seelen  die  ihrige  ge- 
nommen  und  dafiir  eine  neue  wie  Blattern  eingeimpft  wiirde.  Ich 
wollte  anfangs  aus  Ironie  die  Partei  der  Fiirsten  nehmen  und  ihre 

10  Religiositat  erheben;  aber  mir  fiel  die  Bemerkung  von  Spittler 
ein,  daB  der  Ausbrekung  des  Christentums  nichts  so  zustatten 
gekommen  sei  als  die  damalige  Gleichgiiltigkeit  der  romischen 
Kaiser  gegen  Religion  und  Staat.  Ich  sagte  dem  Adjunkt,  seine 
und  die  spittlerische  Bemerkung  waren  in  seinem  Kopfe  ein  Wi- 
derspruch,  in  meinem. nicht.  -  Er  verwarf  die  PreBfreiheit;  ich 
stimmte  bei  und  sagte:  »Ein  guter  Staat  stellt  das  Denken  und 
Betteln  ab,  aber  nicht  auf  einmal.  Villaume  sagt,  er  gewohne 
Zoglingen,  die  falsch  in  der  Karte  spielen,  vorher  das  falsche 
Spielen  ab,  und  erst  dann  raum'  er  ihnen  das  Spielen  iiberhaupt 

20  aus  der  Seele.  So  reutet  ein  Staat,  der  die  Seelen  zu  bevogten  hat, 
anfangs  nur  das  irrige  unkirchliche  Denken  aus,  eh*  er  alles  Den- 
ken iiberhaupt  wegschafft.  Daher  kann  er  vor  der  Hand  den  Fein- 
den  der  Religion  keine  andre  Anfalle  darauf  verwehren  als  die 
unbescheidensten  oder  spottischsten.«  Ich  wurde  ganz  irre,  als  der 
Adjunkt  versetzte:  »Nein!  entweder  keine  oder  alle  Anfalle,  sel- 
ber  die  unbescheidensten,  miissen  verstattet  werden.  Denn  die 
Religionsspotter  konnen  sagen,  es  miiBten  also  unbescheidne  und 
spottische  Anfalle  auf  sie  ebensogut  den  Orthodoxen  durch  die 
Zensur  verboten  sein,  sonst  ware  man  parteiisch.«  —  »Sie  meinen,« 

30  (sagt'  ich)  »ein  Spotter  konne  sagen,  die  Unbescheidenheit  der 
Pnifung  gebe  nur  den  Vorwand  des  Verbots  der  letztern  selber 
her,  so  wie  ein  guter  Freund,  den  der  andre  gutmutig  tadelt,  die 
Erbosung  iiber  die  Riige  mit  dem  Tone  der  Riige  entschuldigt; 
haben  Sie  anders  gemeint,  Herr  Adjunkt ?«  - 

Ich  und  Graukern  wurden  inzwischen  durch  wechselseitiges 
Aufpassen  einander  immer  widerlicher:  ich  kann  gar  nicht  sagen, 


390  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

wie  fatal,  grell  und  steinig  mir,  wenn  gerade  Eva  ihr  schones, 
stilles  Gesicht  ohne  alle  Linien  als  die  lachelnde  um  die  Tafel  trug, 
dasadjungierteerschien.MitjungfraulicherUnbefangenheitmacht 
ein  mannliches  Fiskalatsgesicht  einen  verdammten  Abstich.  Ich 
erzlirnte  mich  und  legte  den  Kopf  an  die  Stuhllehne  und  sagte  zur 
Stubendecke:  »Ich  und  Sie,  Herr  Graukern,  sind  ein  Paar  Kopfe 
voll  Licht  und  passen  darum  -  schlecht  zusammen :  in  der  groBen 
Welt  ists  mit  den  Menschen  wie  mit  den  Schiffen,  die  zu  nachts 
darum  Lichter  (die  Seeleuchten)  haben,  um  auseinander  zu  blei- 
ben  und  nicht  aneinander  zu  scheitern.  -  Ich  wollt*,  es  ware  mit  10 
den  Kopfen  wie  mit  den  Wagen,  worunter  allemal  die  leeren  den 
vollen  ausweichen.« 

Ach !  der  arme  Torsaker  weiB  die  Wallungen  seines  satirischen 
Venensystems  selten  zu  besanftigen  —  er  miiBte  denn,  statt  zu 
sprechen,  nur  schreiben,  wo  er  sich  (glaubt  er)  bisher  so  bezwun- 
gen,  daB  er  in  der  Tat  die  Kunstrichter  auffodert,  ihm  einen  ein- 
zigen  satirischen  Einfall  in  alien  seinen  Werken  nachzuweisen. 

Der  Stadtrichter  trank  und  fragte  nach  nichts;  ich,  jede  Minute 
in  Sorge,  Graukern  entsinne  sich,  in  Scheerau  einen  Advokaten 
von  meiner  Gestalt  gesehen  zu  haben,  durfte  meinem  Stande  nach  20 
wenig  oder  keinen  Hunger  haben  und  merkte  auch  an,  die  Gro- 
Ben sollten  in  der  vierten  Bitte  nicht  um  tagliches  Brot,  sondern 
um  taglichen  HeiBhunger  anhalten  und  um  einen  neuen  Magen 
und  Adam  miteinander.  Graukern  trank  wenig;  ich  pries  das  Ge- 
genteil,  brachte  bei,  daB  der  Kaiser  Wenzel  zwar  der  Stadt  Num- 
ber fur  4  Fuder  Bacharacher  Wein  die  Freiheit  geschenkt,  daB  es 
aber  zehnmal  gescheuter  gewesen  ware,  wenn  die  Stadt  die  4  Fu- 
der selber  ausgetrunken  hatte,  weil  der  Wein  den  Menschen  ein 
paar  Freiheiten  auf  einmal  gibt,  PreBfreiheit,  Maskenfreiheit,  aka- 
demische  und  poetische  Freiheiten.  Es  schlug  nichts  an:  Graukern  3° 
dachte,  wie  es  in  den  Gerichtsstuben  sonst  eine  Durst-Folter  gab, 
um  dem  Durstigen  Bekenntnisse  abzuzwingen,  so  geb'  es  in  die- 
ser  eine  Trink-Folter,  die  noch  mehrere  ablockt. 

Ja  er  marschierte  gar  fort,  sagte  aber,  er  komme  wieder  und 
hole  bloB  die  Hamburger  Zeitung  her,  die  nunmehr  die  Kirmes- 
leute  in  der  Pfarre  miiBten  abgegeben  haben.  Mir  war,  als  wiird* 


SATIRISCHER  APPENDIX  3pl 

ich  vom  Schrecken  in  eln  KiihlfaB  geworfen:  denn  dunkel  ent- 
sann  ich  mich,  in  der  Hamburger  Zeitung  mehr  einen  Steck-  als 
Belobungsbrief  vom  Herrn  Seraphinen-Ritter  v.  Torsaker  gele- 
sen  zu  haben.  »Ein  gescheutes  Mannchen !«  sagte  der  Stadtrichter. 
-  »Dummer  oder  kliiger«,  sagt*  ich,  »sollt*  es  sein.  Der  Adjunkt 
gehort  unter  die  Geistlichen,  die  sich  friiher  rechtglaubig  anstell- 
ten  und  logen,  um  ordiniert  zu  werden,  die  taglich  predigen,  daB 
Christus  fur  die  Wahrheit  starb,  indes  sie  fiir  die  Luge  leben,  die 
aber  am  Ende  intolerant  gegen  die  werden,  die  ihnen  im  Glauben, 

10  aber  nicht  im  Sprechen  ahnlichen.  Ich  setze  meinen  Stern  zum 
Pfande,  so  wie  einige  Philosophen  von  ihrem  Gott  behaupten, 
die  Schopfung  der  Welt  habe  nicht  die  kleinste  Anderung  in  sei- 
nem  Wesen  gemacht,  daB  ebenso  der  Adjunktus  die  warmste 
Predigt  erschafFen  kann,  ohne  die  geringste  Anderung  in  sich  zu 
erleiden.  Unter  alien  Menschen  wird  es  keinem  so  erschwert,  sich 
fiir  schlimm  zu  halten,  wenn  ers  ist,  als  dem  Geistlichen:  seine 
heiligen  Reden  sieht  er  fiir  heilige  Werke  an,  seine  BuBpredigten 
fur  BuBe,  seinen  Priesterornat  fur  den  neuen  Menschen,  den  er 
angezogen.  Graukern  nimmt  sich  noch  dazu  fur  einen  gottlichen 

20  Gesandten  und  Botschafter:  als  Envoye  hat  er  folglich,  wie  an- 
dre  Ambassadeurs,  seine  eigne  Gerichtsbarkeit,  Freistatte  und 
seinen  eignen  Gottesdienst,  nicht  aber  die  und  den  des  Volks, 
an  das  er  abgelassen  ist.« 

Und  doch  ist  Graukern  noch  leidlich  daran;  aber  wenn  ich 
iiber  die  armen  Seelen-Heloten  in  der  Schweiz  (s.  Spittlers  Kir- 
chengeschichte)  nachdenke,  die  nach  der  formula  consensus  hel- 
vetici  darauf  verpflichtet  werden,  daB  die  Vokalpunkte  der  he- 
braischen  Bibel  vom  heiligen  Geiste  eingegeben  worden :  so  be- 
jammer'  ich  den  redlichen  Mann,  in  dessen  wundem  Herzen  sich 

30  taglich  die  schneidende  Wahl  zwischen  der  Luge  und  der  Hun- 
gersnot  erneuert.  O  ihr  grausamen  hebraischen  AtomistenX  ist 
denn  das  unaussprechliche  Gliick,  oder  doch  eine  Vorstellung 
davon,  wenn  man  zwar  die  Vergangenheit,  aber  doch  nicht  die 
Zukunft  zu  bereuen  hat,  so  wenig  in  eure  harte  rohe  Brust  ge- 
drungen,  daB  ihr  fahig  seid,  diesen  warmen  vollen  Himmel,  nam- 
lich  den  Vorsatz  einer  kunftig-reinen  Tugend,  einem  redlichen 


392  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

GeistHchen  wegzureiBen  und  ihn  durch  Hungersnot  zu  zwingen, 
daB  er,  nach  tausend  der  Tugend  und  Wahrheit  herzlich  gern  ge- 
brachten  Opfern,  doch  jeden  Morgen  seufzen  muB:  ach!  beide 
verrat*  ich,  solang'  ich  die  Gottlichkek  der  Vokalen  bezweifle 
und  doch  beschwore  und  verbreite?  O  wie  viele  harte  Kampfe 
im  TodesschweiBe,  wie  viele  bittre  Tranen  der  frommsten  Her- 
zen  liegen  auf  eurer  Seele,  ihr,  die  ihr  das  reine  Gewissen  selber 
in  das  Marterinstrument  einer  schwachen  Brust  verkehrt  und  die 
ihr  derReue  befehlt,  nicht  bloB  die  Erinnerungen  bitter  zu  machen, 
sondern  auch  die  Entschliisse!  —  Ists  denn  iiberhaupt  nicht  schon  10 
genug,  wenn  ein  Mann  sich  anheischig  macht,  die  hebraischen 
Konsonanten,  und  also  zwei  matres  lectionis,  die  wenig  von  ech- 
ten  Vokalen  verschieden  sind,  fur  gottlich  zu  erklaren?  Behilft 
sich  nicht  die  ganze  orthodoxe  Judenschaft  mit  Bibeln  ohne  punk- 
tierte  Arbeit?  —  Ich  bekenn*  es,  in  einem  solchen  Falle  bemerkt 
man  den  Abstich  fast  mit  Vergniigen,  den  hier  gegen  die  Kantons 
und  ihre  formula  consensus  helvetici  unsre  deutschen  Kreise,  der 
obersachsische,  der  frankische  usw.,  machen,  die  alle  eine  Kon- 
kordien-Formel  beschworen,  worin  auf  die  inspirierten  Vokal- 
punkte  -  diese  Blasen  brennenden  Sied-  und  Vokalpunkte  des  20 
Gewissens  —  gar  nicht  sehr  geachtet  wird 

Ich  sagte  zu  Weyermann:  »Der  meergrau-augige  Graukernhat 
sich  abgeschlichen  und  kommt  gewiB  nicht  wiederw  —  als  er  wie- 
derkam  mit  einem  Tabaksbrief  voll  Zeitungen.  Er  teilte  sie  aus 
und  notigte  mir  die  erste  Nummer  der  Chronologie  wegen  auf. 
Ich  schielte  gegen  die  Avertissements,  und  mein  Blick  fuhr  in 
eines  -  der  Teufel  muB  gerade  seinen  Geburtstag  gefeiert  haben-, 
das  einen  gewissen  Avanturier,  der  den  Namen  Torsaker  und  die 
Seraphinenkette  diebisch  fuhre,  kanonisierte  und  baronisierte. 

Um  mich  zu  fassen,  las  ich  langsam  die  ersten  Zeitungsartikel  -  30 
um  froher  zu  Werke  zu  gehen  und  um  den  Adjunktus  zu  ver- 
wirren,  erdichtete  ich  scherzhafte  Avisen.  Z.  B.  ich  las  daraus 
folgendes : 

»Sachen,  so  gesucht  werden. 

Ein  junger  Mensch,  der  parlieren,  gerben,  ausbalgen,  unter- 
schreiben  und  befehlen  kann,  der  schon  bei  vielen  vornehmen 


SATIRISCHER  APPENDIX  393 

und  niedrigen  Damen  in  Diensten  gestanden,  der  gut  tanzt,  fahrt, 
auBerdem  Geschmack  hat  in  schonen  Kiinsten  und  der  ganz  ge- 
sund  ist  (sitien  kann  er  iibel),  dieser  Mensch,  wovon  das  Zeitungs- 
komptoir  mehrere  Nachricht  gibt,  sucht  einen  -  Thron.« 

Graukern  spitzte  sich  auf  mein  Erstarren  vor  dem  Avertisse- 
ment.  Ich  schob  seine  Teufels-Schaferstunde  immer  hinaus;  und 
machte  mir  eine  Buchhandler-Anzeige  zunutze,  um  mich  zu 
wundern,  daB  die  Biicher  nicht,  anstatt  von  ihren  Verfassern,  die 
immer  parteiisch  im  Loben  sind,  und  anstatt  von  ihren  Rezen- 

io  senten,  die  es  im  Tadeln  sind,  nicht  lieber  von  ihren  Verlegern, 
die  gleichsam  zwischen  beiden  das  Mittel  hahen,  angepriesen 
werden. 

Ich  fass'  es  heute  noch  nicht,  wie  ein  leichter  Vorschlag,  den 
damals  kein  Verleger  horte  und  auffing,  wenige  Jahre  darauf  mit 
allgemeinem  Beifall  realisiertwurde.Jetzt  sind,hofF  ich,  die  Buch- 
handler-Anzeigen'ebenso  haufig  als  sonst  selten,  worin  der  Ver- 
leger seine  Autoren,  die  er  aus  Feinheit  nicht  ins  Gesicht  lobt, 
doch  hinter  dem  Rucken  vor  dem  Publikum  erhebt,  wenn  nicht 
aus  historischem,  doch  aus  seligmachendem  Glauben.  Die  Liebe, 

20  die  Buchhandler  fur  Kinder  -  obwohl  nur  literarische  -  beweisen, 
ist,  wie  die  Liebe  gegen  andere  Kinder,  das  Zeichen  eines  guten 
Charakters;  ja  ist  ein  solches  schon  eine  Lese-Leiche,  so  ist  es 
schon,  daB  sie  dem  Gebote  Solons  folgen  und  von  Toten  offent- 
lich  nichts  als  Gutes  sagen.  Oft  legen  sie  -  nach  der  franzosischen 
Regel,  die  das  Zuschreiben  mangelnder  Tugenden  fur  den  fein- 
sten  Tadel  halt  -  mit  schoner  Ironie  dem  Buche  offentlich  gerade 
die  Vorziige  bei,  die  ihm,  wie  sie  glauben,  fehlen.  Ja,  mancher  ist 
imstande,  das  Buch  eines  Autors,  der  sich  mit  ihm  als  Mensch 
uberworfen,  recht  zu  erheben  und  nicht  am  unschuldigen  Kinde 

30  die  Siinden  des  Vaters  zu  strafen  -  so  sehr  sondert  er,  ungleich 
dem  Kritikus,  den  Menschen  vom  Autor  und  will  lieber  das  Buch 
seines  Feindes,  das  er  im  Verlage  hat,  zu  sehr  und  wider  seine 
Oberzeugung  -  er  kann  sich  nicht  trauen  -  loben  als  wenig.  Noch 
aber  gebricht  uns  eine  neueste  allgemeine  deutsche  Bibliothek, 

von  einem  Buchhandler  verlegt  und  von  alien  verfasset 

Als  ich  dem  Diplome  des  Seraphinen-Ritters  in  der  Zeitung 


394  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

begegnete :  rief  ich  ein  langes  franzosisches  ahhhh !  und  reichte 
das  Blatt  Graukern:  »Lesen  Sie  vor«,  sagt'  ich. 

»Es  wird  zu  jedermanns  Warnung  bekannt  gemacht,  daB  ein 
gewisser  Landlaufer,  der  sich  fiir  einen  Herrn  v.  Torsaker  und  fur 
einen  Ritter  des  Seraphinen-Ordens  und  fiir  einen  schwedischen 
Kammerherrn  falschlich  ausgibt,  und  der  leicht  an  seiner  kurzen 
Statur1,  schwarzen  Haar',  roten  Gesichtsfarbe3,  dicken  fetten 
Leibe4  zu  erkennen,  ein  ausgemachter  Betriiger  ist,  der  schon  etc. 
etc.« 

Weyermann  war  halb  tot  und  ganz  stumm.  »Glauben  Sie  mir,  10 
Herr  Adjunkt,«  (sagt*  ich)  »ich  hatte  gute  Ursachen,  den  Fal- 
sarius,  der  sich  meines  Namens,  Wappens,  Sternes  und  Schliis- 
sels  anmaBte,  ohne  Schonung  in  die  Hamburger  Zeitung  setzen 
zu  lassen.  Sagen  Sie  selber,  Herr  Gerichtshalter :  ging  er  nicht  drei 
Wochen  in  Scheerau  herum  und  gab  sich  so  lange  fur  mich  aus, 
bis  ich  selber  auftrat?  Es  ist  freilich  frappant.  Ich  fiirchte  nur,  er 
hat  an  noch  groBern  Hofen  meinen  Namen  ungemein  kompro- 
mittiert  und  meinen  Taufschein  zu  seinem  Entree-Billet  ver- 
braucht.« 

Der  Adjunkt  erschrak  -  verstummte  -  glaubte  -  und  versank  20 

vor  Torsakern. Sonderbar!  seit  meinem  Siege  Iiebt'  ich  ihn 

mehr  und  meine  humoristische  Rolle  viel  weniger.  Beschamt  - 
daruber,  daB  die  Scherzliige  sogar  ein  schmales  Feigenblatt  ist, 
das  selber  ein  zweites  bedarf,  wiewohl  sie  doch  besser  ist  als  die 
Notliige,  weil  es  keine  andre  Liigen  gibt  als  Liigen  in  der  Not 
und  keine  Laster  als  Notlaster  -  beschamt  iiber  alles,  entsprang 
ich  ins  Freie.  Mich  ekelte  der  teure  optische  Betrug.  Ich  suchte 
das  Standquartier  des  Einhandigen  auf :  er  war  verschwunden  wie 
seine  Hand.  Jetzt  wurde  auf  einmal  ein  langer  Schleier  aus  Trauer- 
flor  iiber  meinen  innern  Menschen  geworfen,  als  ich  von  der  la-  30 
chenden  Biihne  in  die  weite  trat,  iiber  die  sich  die  blaue  Himmels- 

1  Ich  habe  eine  ungemeine  Lange.  - 

2  Ich  habe  gelbes  Haar.  - 

3  Ich  habe  ein  gelbes  Gesicht.  - 

*  Mit  dem  Fette  Schreibers  dieses  ist  keine  offentliche  Stadtlampe  nur  eine 
Nacht  brennend  zu  erhalten,  obwohl  solche  Lampen  schon  um  1  Uhr  aus- 
loschen  sollen,  nach  der  Laternen-Ordnung. 


SATIRISCHER  APPENDIX  395 

Halbkugel,  mit  Lerchen  und  Schmetterlingen  statt  der  Sterne  ge- 
fiillt,  heriiberbauete  und  auf  der  griinende  Berge,  bliihende  Felder 
und  reife  Auen  als  groBe  Saemaschinen  standen,  die  dem  Men- 
schen  Saaten  und  Ernten  in  die  Hande  warfen.  Hinter  meinem 
Riicken  bezeichneten  kleine  Tone  die  engen  Zauberkreise  der 
Lust,  die  eine  frohe  Jugend  um  die  Achse  des  Maienbaums  be- 
schrieb.  Eine  solche  Nachbarschaft  hinter  der  vorigen  Stunde 
nimmt  dem  Menschen  die  komische  Larve  ab  und  hangt  ihm  den 
ernsten  Nonnenschleier  iiber. 

10  Ich  streifte  auf  geradewohl  iiber  gemahte  Raine  und  durch 
kleine,  wie  aus  Waldungen  ausgeschnittne  Gruppen  wie  Kranze. 
In  einer  solchen  transparenten  Holzung  lag  ein  Mensch  auf  dem 
Gesicht  und  neben  ihm  ein  braunes  Pudelhundchen.  Ich  dachte, 
er  schliefe;  aber  als  ich  mich  biickte  und  ihm  unters  Gesicht 
schauete,  waren  die  Augen  ofTen,  aber  erstarrt  und  auf  ewig  blind. 
Ich  langte  nach  dem  rechten  Armel  und  dem  Puis  darin,  aber 
letzterer  war  samt  dem  rechten  Arme  heraus.  Es  war  ein  Bettler, 
der  vermutHch  wie  andre  auf  die  Oberseeser  Kirmes  ziehen  wollte 
und  der  schon  seit  gestern  so  still  daliegen  mochte,  denn  das 

20  Hiindchen  hatte  den  ganzen  Bettelsack  mit  dem  MuBteil  darin 
schon  beerbt  und  ausgekernt.  Es  blieb,  als  ich  seinen  Herrn  sanft 
umwandte,  wie  ein  amerikanisches  schweigend  daneben  liegen 
und  trieb  mich  nicht  zuriick,  ob  es  gleich  die  Leichenwache  hatte : 
ich  kann  mirs  denken,  abgetragner  Pudel,  wenn  man  gleich  dir  so 
arg  verwundet  und  zerstoBen  wird  als  ein  Edler  in  einem  Roman, 
so  bellt  man  niemand  mehr  an  und  unterscheidet  sich  vom  fetten 
bissigen  SchoBklaffer:  in  den  Riicken  eines  solchen  armen  aus- 
gestreckten  Hundes  driickt  das  Schicksal  die  langsten  Stacheln, 
und  er  murrt  nicht,  sondern  wedelt  nur. 

30  Nein,  weder  der  riihrt  mich  am  meisten,  der,  uberzogen  vom 
Schlangengifte  des  Schmerzes  und  leichenblaB  umgesunken,  un- 
ter  den  Stichen  schreiet  und  fortwimmert  -  noch  der,  welcher 
seine  Brust  erhebt  und  mit  ihr  den  schweren  eisernen  AmboB  des 
Stoizismus  tragt  und  der  nun  das  Schicksal  auf  dem  AmboB  ohne 
Erschiitterung  Schmieden  lasset  -  nicht  diese  beiden,  sondern  du 
riihrst  mich  am  tiefsten,  du,  der  alles  empflndet  und  alles  verhehlt, 


396  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

dem  lange  und  schwere  Jahre  das  trockne  Auge  und  die  unbeweg- 
liche  Lippe  gegeben,  dem  die  blaBroten  Rosenblatter,  die  sich 
iiber  das  nagende  Wurmchen  kriimmen  und  es  verbergen,  ohne 
Rauschen  alle  entsinken  und  der  alle  Menschen,  die  dich  beklagen 
wollen,  nur  schmerzlich  anlachelt  und  zu  ihnen  sagt:  es  fehlt  mir 
nichts 

Ich  nahm  mir  vor,  der  Undertaker  und  curator  funeris  und 
Leichenbesorger  beim  alten  armen  Manne  zu  werden:  ich  griff 
deswegen  in  seine  Taschen,  die  Ieider  gleich  Wespennestern  und 
Fuchsbauen  auBer  dem  Eingang  noch  unten  einen  Ausgang  hat-  10 
ten,  und  wollte  mich  in  Besitz  seiner  hinterlassenen  Briefschaften 
und  andrer  Verlassenschaft  setzen.  Die  Erbschaftsmasse  fiel  aber 
kleiner  aus,  als  zu  vermuten  war:  sie  belief  sich  auf  einen  Morgen- 
segen  und  auf  einen  gelben  zerbrochnen  zerknitterten  Brand- 
brief  mit  eingeschaltetem  Wundzettel,  worauf  er  aber  —  denn  das 
wenigste  war  noch  zu  lesen  —  die  letzten  Jahre  her  unmoglich 
konnte  gebettelt  haben.  Der  Wund-  und  Brandbrief  attestierte, 

Vorzeiger  dieses  sei  ein  Bergmann  aus  Viesel vermutlich 

Vieselbach  bei  Erfurt  — ,  seines  Namens  Zaus  oder  Saus  (man 
konnte  die  Buchstaben  nicht  unterscheiden),  Vater  von  zwei  le-  20 
bendigen  Kindern,  dem  das  Lossprengen  des  Steins  den  rechten 
Arm  weggerissen.  Den  Morgensegen,  in  Sedez,  mit  Nomparel- 
Fraktur  gedruckt,  las  ich  nicht  ganz  hinaus,  da  es  schon  nachmit- 
tags  war;  die  ubrigen  Segen  im  Buchelchen  samt  dem  Einband 
hatte  der  Erblasser  abgegriflen  und  weggebetet,  und  man  muB 
auf  die  Vermutung  verfallen,  daB  er  abends  den  Morgensegen 
repetiert  habe,  der  auf  den  Teufel,  gegen  den  der  Segen  des  Tages 
zweimal  wie  eine  Doppelflinte  gehalten  wurde,  wie  ein  Rikoschet- 
schuB  wirken  muBte. 

Ich  lieB  den  stillen  Siebenschlafer  auf  dem  breiten,  griinen  30 
Sterbebette  und  im  Trauerhause  der  Erdkugel  und  nahm  seine 
Relikten  auf  den  Arm  -  den  Hund  -  und  ging  in  die  Stadt  zu- 
riick,  um  durch  Polizei-Anstalten  den  alten  Saus  heute  unter  die 
Erde,  worunter  er  so  oft  war,  zum  letzten  Male  zu  bringen.  Der 
Stadtrichter  und  der  Adjunkt  hatten  ein  froheres,  geistreicheres 
Blut  als  Weinsolution  im  Herzen,  und  jener  dankte  dem  Himmel 


SATIRISCHER  APPENDIX  397 

fur  den  Bettler,  den  er  recht  herrlich  zum  ersten  Amtsaktus,  zur 
Debit-Rolle  verwenden  konnte.  Der  Gerichtsfron  zitierte  als  Lei- 
chenbitter  den  SchultheiB  -  dieser  die  Stadtgemeinde  in  die  Hol- 
zung  -  ich  und  die  zwei  andern  gingen  voran  hinaus.  Das  Er- 
menonville  des  Bergmanns,  das  statt  der  Zypressen  Fichten  um 
sich  hatte,  wurde  bald  mit  Oberseesern,  die  heute  faulenzen  konn- 
ten,  angefullt. 

Der  Stadtrichter  ring  an  und  sagte:  »als  zeitiger  wohlbestallter 
Gerichtshalter  von  Obersees  verordne  und  befehl*  er  hiemit,  daB 

10  der  arme  Bergmann  Zaus  ehrlich  begraben  werde  noch  heute.« 
Die  halbe  Trauerversammlung  brummte:  »Es  kann  auch  einFall- 
meister  sein,  wir  greifen  ihn  nicht  an.«  -  Ich  begann:  »Hier  ist 
ein  Dokument,  an  das  sich  die  Oberseeser  Marktgemeinde  halten 
kann.«  -  Ich  verlas  es.  Die  Weiber  sagten  (und  guckten  nach  sei- 
nem  Aquator,  wo  der  Mensch  und  die  Erde  groBere  Dicke  und 
hohere  Berge  hat  als  an  den  Polen) :  »sie  konnten  keines  Ai*sch- 
leders  ansichtig  werden  -  er  moge  wohl  aus  weiter  nichts  sein  als 
aus  dem  Schafergeschlecht.«  -  Ein  Garnweber  sagte:  »Vor  drei 
Jahren  hatte  hier  ein  Schmierschafer  gerade  mit  einem  solchen 

20  Pudel  gebettelt,  der  aber  brauner  gewesen  sei.«  -  Ich  antwortete: 
»Ich  wills  wiederholen,  daB  seine  Briefschaften  aussagen,  daB  er 
ein  grundehrlicher,  abgebrannter  Bergknapp  aus  Viesel  ist,  und 
es  wird  Vieselbach  heiBen  sollen,  und  er  selber  schreibt  sich  ent- 
weder  Saus  oder  Zaus.«  -  Weyermann  fiigte  mit  dem  Mute  eines 
Trinkers  dazu:  »Dem  ersten  besten,  der  widerspenstig  ist,  lass' 
ich  den  toten  Kerl  vor  die  Tiire  schieben  und  dort  stehen,  bis  er 
stinkt.« 

»Sie  werden,«  -  sagt*  ich  laut  -  »Herr  Amtsrichter  allhier,  er- 
lauben,  anzumerken,  daB  ihn  nicht  alle  auf  einmal  tragen  oder 

30  einsenken  konnen :  die  iibrigen  werdens  nachher  den  Leichbesor- 
gern  im  Soffe  vorwerfen.  Ich  will  ihn  daher,  gesetzt,  er  ware  nicht 
ehrlich,  ehrlich  machen,  wie  Professores  dem  Kadaver  eines  Mis- 
setaters  das  Fakultats-Insiegel  aufdriicken.  Ich  Hans  von  Tor- 
saker,  GroBkreuz  vom  Seraphinen-Orden  und  Kammerherr  aus 
dem  Konigreich  Schweden,  riihre  dich,  Johann  Zaus,  Bergknappe 
aus  Viesel,  mit  dieser  meiner  heiligen  Ordenskette  und  mit  mei- 


398  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

nem  Kammerherrn-Loseschlussel  an  und  erklare  dich  auf  un- 
denkliche  Zeiten  fur  hinlanglich  ehrlich  und  von  ehrlichem  Her- 
kommen.  —  Nun  konnt  ihr  ihn  alle  ohne  Schaden  angreifen.«  - 
Der  Schulz  muBte  zuerst,  aber  er  sah  aus  wie  einer,  der  einem 
Krampffisch  an  die  Kehle  greift  und  davon  wie  von  einer  beriihr- 
ten  Bundeslade  das  Erschlagen  befahrt.  Der  Garnweber  wollte 
bloB  einige  Male  mit  seinem  FuB  an  des  Seligen  Ferse  stoBen;  er 
wurd*  aber  hohern  Orts  angewiesen,  mit  der  Hand  Zausens  Bu- 
sen  auszufuhlen,  ob  nichts  drinnen  klopfe.  Ein  Schneidermeister 
nahm  seine  Elle  zum  Fuhlhorn  und  zog  es  wie  ein  Visitiereisen  10 
uber  das  ehrliche  corpus;  er  muBt*  ihn  aber  zur  Strafe  aufrecht 
setzen.  Als  im  fiihlenden  cercle  die  Reihe  an  die  Weiber  kam:  war 
keine  hinanzubringen,  und  der  verstorbne  Zaus  hatte  unmoglich 
bei  Lebzeiten  eine  Frau  so  straubend  beriihrt,  als  ihn  hier  jede  be- 
riihrte:  denn  der  Vernunftgrund,  warum  es  die  Manner  lieber 
taten  und  den  ich  oben  vergessen  -  der  namlich,  daB  ich  und  das 
Gericht  dem  leidtragenden  Kondukt  zwei  Eimer  Leichbier  zum 
Versaufen  versprochen  -,  griff  die  Weiber  wenig  an.  Ich  lieB  mir 
aber  die  Hand  der  nachsten  sproden  Dulderin  reichen  undtauchte 
solche  auf  des  Alten  Magen  nieder.  Eine  zweite,  die  leicht  uber  20 
seinen  diinnen  Glatzen-Nachflor  streifte,  wurde  genotigt,  seinen 
Bart  zu  streichen,  damit  sie  der  dritten  nichts  vorwiirfe,  mit  deren 
Hand  ich  sein  rechtes  Auge  zu  schlieBen  suchte.  Den  furcht- 
samern  wurde  bloB  gerichtlich  aufgelegt,  seine  Weste- jede  einen 
Knopf  daran  -  aufzuknopfen  und  -  well  mehr  Weiber  als  Knopfe 
waren-  richtig  wieder  zuzuknopfen.  -  Der  Hund  fuhr  gegen 
niemand  los,  gleichsam  als  wollt*  er  zu  verstehen  geben:  mein 
Herr  ist  alle  Arten  von  Angriffen  schon  gewohnt. 

»Wir  konnen  abends  in  der  Dammerung«,  sagt*  ich,  »auf  dem 
Kirchhof  wieder  zusammenkommen  und  den  alten  Mann  hintun,  30 
wo  er  hingehort.  Ich  erbiete  mich,  einen  Leichen-Sermon  um- 
sonst  zu  halten,  und  dem  Herrn  Seelsorger  wird  es  vielleicht  auch 
auf  einige  geistliche  Reden  nicht  ankommen.  -  Wenn  wirs  spat  tun 
unter  dem  Gebetlauten,«  sagt'  ich  zu  Graukern,  »so  siehts  doch 
aus,  als  hatte  unser  sel.  Mitbruder  ein  Trauergelaute,  das  freilich 
tausendmal  kiirzer  und  leiser  ist  als  das  eines  romischen  Kaisers, 


SATIRISCHER  APPENDIX  399 

und  die  paar  Sternbilder  am  Himmel  passieren  fur  einige  der 
notigsten  Gueridons  mit  Trauerkerzen.« 

Wir  gingen  aus  dem  Parade -Trauerzimmer  des  Ordensheili- 
gen  fort,  dessen  Beriihrung  gerade  von  dem  moralischen  Siech- 
tum  herstellte,  womit  andre  heilige  Reliquien  anstecken.  Weyer- 
mann  besorgte  das  Leichenbegangnis;  und  ich  ging  ins  SchloB 
zum  Sequester  zuriick.  Meine  Klugheit  hatte  heute  einen  Bauer- 
krieg  gegen  die  Unglaubigen  im  Ei  zerdruckt,  der  der  scheeraui- 
schen  Regierung  und  dem  Kaufherrn  Oehrmann,  die  beide  auf 

10  ehrliches  Begraben  dringen,  Dinte  und  Federn  genug  gekostet 
hatte. 

Im  Schlosse  raumte  eben  Eva  meinen  Schreibtisch  auf.  Ich 
faBte  auf  der  Schwelle  den  EntschluB,  endlich  fiir  Schnazlern 
Sturm  zu  laufen,  ich  meine,  sein  Ofenheizer  zu  werden,  namlich 
sein  Freiwerber.  Ich  setzte  mich  an  den  Tisch,  den  ihr  Fleder- 
wisch  abbiirstete,  und  fing  diesen  und  sagte  nichts  —  sie  auch 
nicht,  sie  geduldete  sich:  —  »Die  Flugel  an  meinen  goldnen  En- 
gelskopfen«  (fing  ich  an)  »sind  mir  nicht  so  lieb  als  dieser  Gans- 
flugel.«  Das  konnt'  ich  leicht  deutlicher  machen.  Ich  sagte  darauf : 

20  »ich  war*  ein  Schulmeisters-Sohn  aus  Sawolax,  hatte  mich  aber 
durch  aufierordentliche  Verdienste  aufgeschwungen  zu  einer  sol- 
chen  Hohe,  und  daher  h^tt*  ich,  wie  jeder  Schulmeister,  einen 
besondern  Hang  zu  Mannern,  wie  der  Herr  Aktuarius  juratus 
ware,  und  zu  Brauten  derselben,  wie  sie  ware.«  Ich  bauete  dann 
in  der  Eile  eine  Ehrenpforte  und  Heroldskanzlei  fur  Schnazlern 
auf  und  sagte  dann,  ich  wurde  mich  schamen,  sie  zweier  Worte 
gewiirdigt  zu  haben,  wenn  sie  gewiB  den  ausgepriigelten  Ranzen- 
advokaten  nahme.  -  Ich  kam  auf  Schnazlers  Harung  und  insi- 
nuierte  ihr,  kein  Kopf  habe  einen  Zopf  vonnoten  als  einer,  der 

30  oben  einen  Federbusch  tragt,  ein  Soldat  namlich,  so  wie  bei  den 
Romern  alle  Opfertiere  einen  langen  Schwanz1  besitzen  muBten: 
denn  dieser  Haarsperrstrick  und  Schwanzriemen  soil'  es  bloB  dem 
nachsetzenden  Feinde  erschweren,  einen  militarischen  Laufer 
oder  Sturmldufer  von  hinten  zu  kopfen.  Endlich  fuhrt*  ich  den 
Beweis  durch  Zeugen  und  Urkunden  am  besten  durch  meinen 
1  Plin.  H.  N.  VIII.  45- 


400  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

eignen  Kopf,  den  ich  sie  oben  zu  betrachten  bat,  weil  nichts  auf 
ihm  ist.  Ich  sagte  ihr,  unter  Leuten  von  Stande  waren  jetzt  Haare 
ungewohnlich,  wenn  nicht  unschicklich,  und  Haarwuchs  sei  im- 
mer,  man  sage,  was  man  will,  ein  umgekehrter  Bart  in  aufsteigender 
und  Seitenlinie. 

Daran  glaub'  ich  aber  noch  jetzt.  In  unmannlichen  Zeiten  wie 
unsern  sucht  sich  jeder  von  den  Weibern  wenigstens  dadurch  zu 
unterscheiden,  daB  er  kahl  wird,  welches  diese  nicht  vermogen. 
Ein  verstandiger  Mann  wahlt  aber,  da  die  jesuitischeTonsurierung 
so  sehr  verschrien  wird,  lieber  die  griechische1  und  beugt  den  10 
Vermutungen  der  Berliner  Monatsschrift  vor;  nur  stoBt  er,  wenn 
sonst  die  Ritter  auf  einmal  den  Vorderkopf  beschoren,  um  nicht 
von  Feinden  daran  gepackt  zu  werden,  seine  Haare  —  man  soils 
weniger  merken  -  einzeln  ab  und  tut  also  das  weg,  womit  ihri 
Feindinnen  an  sich  ziehen  konnten.  Daher  man  auch  in  den  ho- 
hern  Standen  nicht  eher  heiratet,  bis  man  kahl  genug  ist,  und  auf 
eines  Weibes  Haupt  immer  eine  Glatze:  die  Weiber  gleichen  den 
Schafern,  die  die  Hammel  und  Schopsen  nicht  eher  kaufen  -  weil 
sonst  nichts  zu  sehen  ist  -  als  gleich  nach  der  -  Schur. 

Ich  fuhr  fort  und  zeigte,  »wie  ich  den  Kan  tor  liebte,  da  ich  20 
Dinge  fur  ihn  unternahme,  die  ich  nicht  fur  meine  Cousinen  tate«. 
Ich  lieJ3  sie  dann  nicht  lange  in  Sorgen,  ob  ich  mich  bedenken 
oder  weigern  wiirde,  ihr  -  wiewohl  drei  Kammerherrnknopfe 
und  noch  dreimal  soviel  Engelskopfe  an.  mir  hingen  -  ihr, 
sobald  ich  damit  Schnazlers  Gliick  zu  machen  wiiBte,  soviel  als 
Kaufschilling  zu  geben  auf  ihre  -  Lippen,  als  recht  und  christlich 
ware.  Ich  wuBte,  was  ich  sagte  und  wollte  und  daB  ein  Mann  seine 
Gaben  viel  gescheuter  fur  Geschenke  als  fur  Injurien  ausgibt:  ich 
tat  ihr  ein  hohes  Gebot  von  10  Injurien  (Geschenken).  Sie  schwieg 
betroffen  und  notigte  mich,  da  ich  das  Schweigen  fur  ein  hoheres  30 
Daruberschlagen  nehmen  muBte,  noch  weiter  hinaufzugehen. 
»Schonste  Jungfer,«  sagt'  ich,  »ich  verstehe  mich  endlich  zur 
doppelten  Summe,  wenns  Herrn  Aktuarium  juratum  glucklich  ma- 
chen kann  -  Personen  wie  Ihr,  Schonste,  legt  man  ohnehin  lieber 

1  Die  romische  Tonsur  beschiert  den  Scheitel,  die  schottische  den  Vor- 
der-,  die  griechische  den  ganzen  Kopf.  Semi.  Select,  cap.  hist,  eccles.  T.  II. 


SATIRISCHER  APPENDIX  4OI 

den  Mund  als  die  Hand  auf  den  Mund.  Aber  jetzt  denke  Sie  nach 

-  Grofikreuze  aus  Schweden  mit  einer  blauen  Kugel  sind  rar, 
Evchen,  und  dergleichen  kann  eine  Jungfer  selten  zum  Munde 
fuhren  -  in  der  Stadt  werden  die  vornehmsten  Damen  oft,  Jung- 
fer, von  keinem  Seraphinen-Ritter  gekuBt.  -  Ein  Wort !  ich  biet* 
Ihr  jetzt,  was  Sie  fodert  -  eingeschlagen !«  Dieser  Klimax  machte 
sie  ganz  irre,  und  es  war  nicht  sowohl  das  Wenigste,  daB  sie 
schwieg,  als  das  Gescheuteste.  »Noch  das  letzte !  Ich  glaube,  Sie 
1st  christlich  und  ehrlich  und  ubersetzt  keinen  Seraphinen-Ritter: 

10  hier  will  ich  Ihr  auf  Ihre  RechtschafFenheit  vorausbezahlen  und 
nicht  einmal  unterdessen  zahlen.«  Ich  hielt  Wort  und  zahlte  nicht. 
»Ach!«  sagte  sie  darauf;  und  dieses  weibliche  Ach  ist  so  schon, 
daB  es  viele  verleitet,  das  Zahlen  von  neuem  zu  vergessen.  Ich 
schlug  ihr  nun  vor,  mit  mir  auf  den  Kirchhof  zu  ziehen,  wo  der 
Aktuarius  sein  musse.  Nach  einem  solchen  Ach  bewilligt  jede 
gute.MiB  nichts  lieber  als  etwas  Kleineres,  eine  Begleitung  nach 
dem  Kirchhof.  Es  war  damals  nur  Zufall,  was  hatte  bewuBte  Ab- 
sicht  sein  sollen,  daB  ich  auf  ihr  J  a  fur  Schnazlern  nicht  scharfer 
drang:  man  muB  diesen  Holden  immer  ihr  mattes  Ja,  Nein  -  ihr 

20  chiaroscuro  -  lassen,  und  wer  von  ihnen  eine  bestimmte  Antwort 
ertrotzt,  wird  mit  einer  fortgeschickt,  die  seinem  und  ihrem 
Wunsch  zugleich  zuwider  ist.  "Oberhaupt  ists  mit  Ratgebungen 
wie  mit  Buchern,  die  auf  klaren :  beide  gleichen  den  Schneeflocken 

-  die  ersten  zerflieBen  nach  dem  Fallen,  aber  wenn  es  weiter 
schneiet,  setzen  sich  einige  fest,  und  dann  wird  Schlittenfahrt. 

Ich  und  Eva  zogen  vor  dem  umzingelten  Maienbaum  vorbei 
nach  einem  stillern  Orte,  wo  tiefere  Fahnen  knarrten;  wir  fanden 
im  bunten  Kirchhofe  niemand,  nicht  einmal  den  Kantor.  Der  Hof 
war  wie  ein  englischer  Garten  voll  weiBer  Obelisken,  liegender 
30  Gotterstatuen  im  Grunen,  aber  die  Ruinen  waren  unter  der  Erde 
-die  palmyrischen Ruderaderzerschlagnen Seelen-Tempel deckte 
der  bliihende  Boden  mit  groBblatterigen  Blumen  zu.  Die  Hinter- 
tiire  des  Hofs  war  wie  Zausens  Hohle  darneben  schon  offen;  und 
aus  der  auf  einem  Hiigel  zerflieBenden  Sonne  rann  ein  breiter 
Scharlachstrom  von  AbendUcht  durch  die  aufgezogne  Schleuse 
des  Tors  herein,  und  man  sah  -  wenn  man  sich  ins  Gras  hineinr 


402  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

biickte  —  die  griinstammige  Blumenwaldung  vergroBert  und  aus- 
einandergeriickt  in  den  dunkelroten  Gangen  des  tiefen  Schim- 
mers  mit  den  Blumengipfeln  aneinanderschlagen.  Ich  und  Eva 
setzten  uns  auf  eine  bunte  Anhohe,  die  gleichsam  einen  neuen  Blu- 
menbusch  an  den  unter  ihr  wohnenden  Busen  steckte,  auf  dem 
der  mitgegebne  kleine  langst  zerfallen  war. 

Endlich  sah  ich  driiben  den  Kantor  vorauskommen :  er  konnte 
mich  besser  erkennen  als  ich  ihn  im  blendenden  Abendglanze.  In- 
dem  ich  jetzt  noch  einmal  Evas  Ausschlagen  seiner  Hand  bedachte 
und  zufallig  mit  meiner  in  die  Tasche  kam:  geriet  ich  auf  einen  10 
Gedanken,  von  dem  mehrere  es  mit  mir  bewundern  werden,  daB 
ich  so  spat  darauf  verfiel.  »Schonste  Tochter,«  -  sagt'  ich  -  »hier- 
um  miissen  wohl  die  Graber  Ihrer  sel.  Eltern  liegen  -  wenn  wir 
nicht  schon  auf  einem  davon  sitzen  — ,  die  es  auch  haben  wollten 
wie  ich,  daB  Sie  den  Herrn  Aktuarius  juratus  nimmt.  Und  Sie 
hats  ihnen  so  heilig  gelobt.  —  Bricht  Sie  Ihr  Wort:  so  ists  soviel, 
als  schlagt  Sie  nach  Ihren  sel.  Eltern  im  Grabe.  Und  wie  es  solchen 
Kindern,  wenn  sie  selber  hineinkbmmen,  ergeht,  davon  sah'  ich 
heute  ein  betriibtes  Exempel  im  Gerichtsschrank :  sie  stecken  nam- 
lich  ihre  verruchte  Hand  daraus  hervor.  Hier  trag'  ich  eine  in  der  20 
Tasche  bei  mir.«  -  Ich  brachte  sie  hervor  und  hielt  ihr  sie  hin.  Sie 
sprang  bestiirzt  vom  Grabe  auf  und  sagte  weinend:  »Wenns 
Gottes  Wille  so  sein  soil:  so  hab*  ich  auch  nichts  dagegen  -  in 
Gottes  Namen !«  Jetzt  rief  ich  und  winkt*  ich  wie  besessen  dem 
Kantor:  er  sprengte  heran.  Ich  ergriff  schleunig  Evas  Hand  und 
driickte  sie  in  Schnazlers  seine  und  sagte:  »Gebet  einander  die 
rechte  Hand  und  saget  Ja  -  und  der  Herr  segne  euch  und  behiite 
euch  —  und  kommt  recht  spat  in  den  Kirchhof,  ausgenommen  bei 
Lebzeiten,  er  zum  Lauten  und  sie  zum  Grasen.«  — 

So  schwarzte  ich  sie  also  aus  einer  profanen  Frau  zu  einer  geist-  30 
lichen  um  durch  die  Pille,  unter  der  ich  oben  den  Kantor  vorbil- 
dete  und  die  jenen  Pillen  glich,  die  aus  einem  in  acido  vitrioli 
aufgelosten  Silber  bestanden  und  einen  Patienten  von  FuB  bis  auf 
den  Kopf  schwarz  farbten  (Neueste  Mannigf.  2.  Quart.  2.  Jahrg. 
p.  414). 

Das  Leichenkondukt  kam  jetzt  zum  Tore  herein  und  verbauete 


SATIRISCHER  APPENDIX  403 

nur  den  glimmenden  Hiigel,  der  schon  die  Sonne  verdeckte.  Der 
Bergmann  wurde  hingesetzt  und  Herr  Adjunkt  allgemein  ersucht, 
uns  alle  zu  erbauen  aus  dem  Stegreif.  Er  stellte  sich  hin,  schneuzte 
sich,  um  doch  etwas  statt  des  Hauptliedes  vorauszuschicken,  und 
hob  an:  »Wirft  der  erprobende  Christ  und  Nichtchrist  teils  auf 
die  Bestrebungen  menschlicher  Tatigkeit  Blicke,  spiirt  er  teils  der 
menschlichen  Vervollkommung  schon  in  dem  Begriffe  eines  voll- 

kommensten  Wesens  nach :  so« So  und  nicht  schlechter  fahrt 

der  Sermon  fort,  den  ich  kein  Recht  habe,  hier  nachzudrucken 
10  und  das  Honqrar  dafiir  zu  Ziehen. 

Die  Reihe  kam  an  mich,  der  ich  erst  von  einer  Hochzeitpredigt 
herkam.  Der  Blasse  wurde  aufgedeckt  —  das  Abendrot  legte  sich 
um  die  lebendigen  Wangen  und  das  Mondlicht  um  die  erblichnen 

-  die  Gebetglocke  summte  aus  -  eine  Lerche  stieg  noch  iiber  uns 

-  und  der  Abendwind  lief  driiben  in  griinen  Wogen  iiber  die 
Kornfelder,  als  ich  anfing : 

»Herr  Amtsrichter  Weyermann, 
Herr  Adjunktus  Graukern, 
andachtige  Zuhorer  und 
20  guter  alter  Saus! 

So  wird  dich  in  vielen  Jahren  kein  Mensch  geheiBen  haben, 
sondern  Landstreicher  oder  so  was  -  aufler  heute.  In  vielen  Jah- 
ren sind  nicht  so  viele  freundliche  Gesichter  um  deines  gestanden 

-  auBer  heute,  wiewohl  in  deinen  gefrornen  Augen  der  schwarze 
Star  des  Todes  ist.  In  vielen  Jahren  bist  du  nicht  so  bald  zu  Bette 
gegangen  und  so  wenig  durch  Schenkwirte  gestort  worden  - 
auBer  heute,  an  deinem  langsten  Rasttage.  Und  dieses  einzigemal, 
Alter,  legst  du  dich  nicht  hungrig  nieder  und  stehst  nicht  hungrig 
auf —  Oberseeser!  ist  einer  unter  euch  zahe  und  muhsam  zu 

30  riihren :  so  folg'  er  mir  jetzt  nach,  wie  ich  neben  dem  alten  Zaus 
nur  einen  Tag  hergehe,  weil  ich  seine  Leiden,  seine  Mucken-  und 
Sonnenstiche  zahlen  will. 

Wir  wundern  uns  schon  iiber  das  matte,  gedehnte  Erwachen 
des  armen  Mannes  im  Hirtenhause:  es  ist  ihm  nicht  recht,  daB  die 
ruhige  Nacht  so  hurtig  abgelaufen  ist,  in  der  er  nicht  marschieren 


404  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

und  nicht  singen  durfte;  und  miider  als  der  Gemeinbote,  hilft  er 
sich  aus  dem  Hirtenhause  heraus,  und  drauBen  steht  ein  breiter, 
langer  Tag  vor  ihm,  der  ihm  nichts  gibt  und  verspricht  als  das 
alte  schrnale  Botenlohn  von  einem  Heller  vor  jeder  Haustiire. 
Auf  etwas  Neues,  Sonderliches  kann  er  sich  nicht  spitzen :  ein 
Bettler,  ihr  Leute,  hat  weder  Ostern  noch  Pflngsten,  noch  Sonn- 
tage,  noch  Marientage,  noch  Markttage  in  der  Stadt-  365  Werkel- 
und  Jammertage  hat  er  in  seinem  bittern  Leben  und  wahrlich 
nicht  eine  Stunde  mehr...  Ihnen,  Herr  Amtsrichter,  Herr  Ad- 
junktus,  brauchts  als  Gelehrten  nie  gesagt  zu  werden,  daB  nichts  10 
fataler  ist  beim  Aufwachen,  als  wenn  ein  Alltags-Tag,  ein  aus- 
geleerter,  prosaischer,  tausendmal  gefelgter  oder  gestiirzter  Tre- 
berntag  vor  der  Bettlade  steht  und  uns  empfangen  will.  - 

Wir  wollen  wieder  hinter  Zausen  hersein :  auBerordentlich  muB 
er  laufen,  zumal  wenn  ihn  hungert,  um  nur  ein  Dorf  zu  erlaufen. 
Auf  jedem  Berge  verspricht  er  sich,  in  eines  hinabzuschauen;aber 
-wie  mude  knickt  er  den  Berg  herunter,  wenn  er  nichts  gesehen  als 
einen  neuen,  ebenso  hohenl  Er  watet  durch  Kornfelder  und  nasse 
Wiesen  hindurch,  worin  man  ihn  kaum  sehen  kann;  aber  der 
Segen  Gottes  gibt  ihm  schlechte  Freude  -  er  hat  nichts  davon,  er  20 
darf  daran  nicht  einmal  helfen  mahen,  er  geht  in  seinem  Leben 
nicht  wieder  durch.  Endlich  lauft  er  in  einem  ritterschaftlichen 
Dorfe  ein,  wo  Kirmes  ist:  uberall  riecht  und  raucht  das  beste 
Essen.  Was  hilft  es  ihm,  wenn  er  unter  lauter  Tischgebeten  her- 
umgehen  muB  und  an  keinem  mitbeten  darf?  Er  faltet  den  Brand- 
brief,  der  wie  sein  Herz  schon  tausendmal  zusammengebrochen 
worden,  wieder  auf  und  weiset  ihn  vor;  aber  das  lustigste  Kir- 
mesgesicht  setzt  er  durch  seinen  Brief  plotzlich  in  ein  verdrieB- 
liches  um,  und  wie  will  er  anders?  Aber  darnach  fragt  er  auch 
nichts  mehr,  er  fragt,  seitdem  er  den  Bettelstab  statt  des  Faustels  30 
ergriffen,  nach  der  ganzen  Welt  nichts  mehr  —  denn  die  ganze 
Welt  fragt  nach  ihm  nichts  mehr,  wiewohl  sein  braunes  Hiindchen 
christlicher  denkt  und  auszunehmen  ist.  -  Die  ganze  Welt  soil 
ihn  schimpfen  und  lastern,  es  tut  ihm  gar  nicht  wehe,  er  wird 
nichts  mehr  auf  der  Erde,  so  wenig  wie  euer  Vieh  kann  er  etwan 
ein  Zweispanneroder  gar  ein  Vierspanner,  geschweige  ein  Schult- 


SATIRISCHER  APPENDIX  405 

heiB  werden,  eines  Schulmeisters  gar  nicht  zu  gedenken.  Ihrwollt 
alle  haben,  daB  man  eurer  gedenke;  er  aber  verlangt  nichts,  als 
daB  man  seiner  vergesse.  O  du  guter,  jammervoller  Mann!  Sent, 
wir  stehen  jetzt  alle  urn  ihn;  aber  wenn  dieser  Tote  in  dieser 
Minute  sich  vor  uns  aufrichtete,  so  wiirde  er  nichts  tun,  als  die 
welke  braune  Hand  ausstrecken  und  sagen:  >Teilt  einem  armen 
Abgebrannten  auch  was  mit!<  und  er  wiirde  uns  drei  Herren  zu- 
erst  anbetteln.  Ich  wurd*  ihm  von  ganzem  Herzen  etwas  geben : 
leerer  Toter!  wer  konnte  das  metallne,  eiserne  Herz  haben  und 

10  deinen  eisernen  Brief  aufschlagen  und  ihn  doch  leer  zuruckgeben 
und  dir  die  klelnste  Freude  versalzen,  die  auf  der  ganzen  Erde  nur 
moglich  ist,  die  iiber  eine  Gabe?  —  Wer  unter  uns?  Ach  Gott! 
was  hat  denn  der  Bettler  auf  unsrer  reichen,  vollen  Erde?  Viel 
tausend  Wunden  und  tausend  Zahren  und  nur  einen  Heller.  O 
wenn  du  aufwachtest,  Alter,  wiirdest  du  nicht  in  der  Menschen- 
gestalt  vor  uns  stehen,  mit  dem  Magen,  mit  dem  Herzen,  mit  dem 
Jammer  eines  Menschen  ?  —  Und  verdienen  wir  etwas  Bessers  als 
du,  mehr  unsre  grofien  Gaben  als  du  die  kleinste?  01  was  konntest 
du  getan  haben,  daB  du  keinen  Bergknappen  hast,  der  mit  dir 

20  einen  Krug  Bier  trinkt,  keine  Frau,  die  dich  pflegt  und  dich  fragt, 
was  dir  fehlt,  keine  Kinder,  die  deine  Finger  spielend  anfassen 
und  dich  sanft  ah  ihren  kleinen  Busen  hinunterziehen,  sondern 
nur  andre  Kinder,  die  eher  nach  dem  alten  Manne  boshaft  werfen ! 
-  Wenn  ich  jetzt  diesem  geplagten  Vieselbacher,  dessen  Herz 
doch  schlaft,  so  recht  hineinsehe  ins  zusammengeknitterte  Gesicht 
voll  Erde  des  Alters,  mit  dem  fest  an  die  obere  Kinnlade  herauf- 
gestiilpten  Unterkinnbacken  -  in  seine  paar  Haare,  in  die  nicht 
Abendliiftchen  geblasen  haben,  sondern  reiBende  Stiirme  - 
in    seine    grauen  Augenbraunen  -  in    seinen   leeren   rechten 

30  Armel,  wiewohl  im  linken  auch  nichts  ist  als  ein  Knochenpaar  - 
in  seine  roten  Augen,  die  er  gewiB  erst  nach  dem  Tode  und 
von  keinen  groBern  Stacheln  holte  als  von  Insektenstacheln  - 
wenn  ich  das  tue :  so  kann  mich  das  wenig  oder  nicht  trosten, 
daB  der  Tod  schon  alles  gestillt  hat,  seine  Augen  und  seine  Wun- 
den, sondern  nur  das,  daB  du,  o  groBer  guter  Vater  iiber  uns, 
die  schone  Einrichtung  getroffen,  daB  uns  angefallnen  Men- 


406  BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 

schen  der  zweite  traurige  Tag  niemals  so  wehe  tut  als  der  erste 
traurige. 

Ich  sehe  jetzt  in  eure  Seele,  Oberseeser:  ihr  wollt  ihm  gerne 
etwas  geben;  aber  schauet  auf  zu  den  Sternen,  er  reicht  seine 
Hand  nicht  droben  herunter  zu  eurem  Almosen  und  bedarf  nichts 
mehr,  keine  Trane,  keinen  Leib  nicht,  diesen  Sarg  nicht.  Aber  er 
schickt  seine  Geschwister  unter  uns  herum:  o  I  wenn  ihr  in  eurem 
Leben  nur  einen  Bettler  gesehen  hattet:  ihr  wiirdet  ihm  alle  geben 
und  euch  um  ihn  schlagen;  anstatt  daB  ihr  ihn  jetzt  selber 
schlagen  lasset  durch  den  Bettelvogt,  weil  es  euch  etwas  Ge-  io 
wohntes  ist. 

Sinke  aber  endlich  hinab  in  das  breite  Lager  der  Ruhe,  auf 
dem  so  viele  Tausende  neben  dir  mit  ganzen  und  mit  abgefallnen, 
zerstaubten  Rucken  liegen!  Unter  diesen  kleinen,  griinen  Hau- 
sern  um  uns  wohnen  nur  Ruhige.  -  Du  brauchtest  keinen  Abend- 
segen  im  Leben,  weil  dich  die  Nacht  viel  weniger  anfiel  als  der 
Tag  —  und  jetzt,  da  der  schwere  Tod  sich  uber  deine  Augen  und 
Ohren  gelegt,  hast  du  ihn  noch  weniger  vonnoten.  Gehe  sanft 
auseinander,  altes,  gedriicktes,  oft  zerbrochnes  Menschengerippe ! 
KeinKettenhund,  kein  Bettelvogt,  keinwutiger  Hunger  erschrek-  20 
ken  dich  mehr  und  treiben  dich  auf.  —  Aber  wenn  du  dich  einst 
aufrichtest,  so  wird  ein  andrer  Mond  am  Himmel  stehen  als  jetzt, 
und  deine  freie,  ewige  Seele  wird  grofi  und  reich  unter  alle  Men- 
schen  treten  und  sie  alle  um  nichts  mehr  bitten  I  -  Ihr  Lieben, 
wenn  wir  fortgehen,  so  legt  sich  der  Tod  stumm  zu  ihm  hinein 
und  nimmt  ihm  sanfter  als  den  rechten  Arm  die  iibrigen  Glieder 
ab,  in  denen  noch  alle  unsre  Schmerzen  fortreiBen.  Aber  wenn 
wir  uns  aus  dieser  stillen,  ungezahlten,  unter  dem  Griin  schlum- 
mernden  Gesellschaft  absondern  und  wieder  naher  in  die  frohen 
Tone  treten,  die  wir  jetzt  schwacher  in  den  Gottesacker  herauf  30 
vernehmen  und  nach  denen  eure  Sonne  und  Tochter  um  den  kur- 
zen  Abend  flattern;  wenn  wir  von  hier  weg  sind:  so  wollen  wir 
doch  an  alles  das  denken,  was  wir  hier  entweder  zuriickgelassen  - 
oder  zugedeckt  -  oder  angehort  -  oder  bejammert  -  oder  be- 
schlossen  haben.  Amen!  Und  gute  Nacht,  alter  Mann!«  - 


SATIRISCHER  APPENDIX  407 

In  wenig  Minuten  deckte  ihn  auf  immer  die  Erde  mit  ihrem 
dunkeln,  von  Blumen  durchwirkten  Kleide  zu.  -  Ich  will  den  klei- 
nen,  leichten  Rest  der  Geschichte  den  traurig-schonen  Gefuhlen 
guter  Leser  durch  Verstummen  opfern  und  schweigend  mit  mei- 
nem  Buche  von  ihnen  weggehen,  damit  ihr  feuchtes  Auge  voll 
Traume  noch  einige  Minuten  auf  dem  letzten  und  tiefsten  Schachte, 
worein  unser  armer  Bergmann  verschwand  und  dessen  Auszim- 
merung  und  Grubenliehter  und  schimmernde  Adern  wir  allenicht 
kennen,  suchend  und  sinnend  ruhen  bleibe,  besonders  da  sie, 
wenn  sie  an  dem,  der  jetzt  fortgeht,  oder  an  sich  selber  herunter- 
sehen,  an  jenem  und  an  sich  den  ganzen  Berghabit  zur  Einfahrt 
schon  erblicken 

Ende  des  ersten  Teils 


DER  JUBELSENIOR 
Ein  Appendix 


Prodromus  galeatus 

Eine  Vorrede  soil  nichts  sein  als  ein  langeres  Titelblatt.  Die 
gegenwartige  braucht  am  meinigen  bloB  das  Wort  Appendix 
zu  erlautern,  und  weiter  nichts. 

Eine  Biographie  oder  ein  Roman  ist  bloB  eine  psyckologische 
Geschichte,  die  am  lackierten  Blumenstab  einer  auftern  empor- 
wachset.  Es  gibt  kein  asthetisches  Interesse  ohne  Schwierigkeiten 
und  Verwicklungen,  d.h.  keine  Neugierde  nach  Dingen,  die  man 

-  weifi.  Nun  kann  der  Dichter,  wie  das  Schicksal  und  Fursten, 
10  nur  iiber  die  materielle  Natur  auf  seinem  Papier  gebieten,  nicht 

iiber  die  geistige;  er  kann  aus  dem  Gluckshafen  und  der  doppelten 
Jupiters -Tonne  seines  Dintenfasses  Registerschiffe,  Quinternen, 
Pestilenzen,  Sonnenschein,  Gewitterwolken  und  ganze  Inseln  Zie- 
hen und  damit  seine  Leute  aus  Papier  und  Dinte  beschenken  oder 
bestrafen,  aber  er  ist  niemals  irristande,  in  einem  Lovelace  mit 
allem  Weihwasser  seines  Dintenkessels  den  Teufel  zu  ersaufen, 
oder  einen  Tom  Jones  zum  puritanischen  Durchbruch  und  Klo- 
sterprofeB  zu  bringen,  oder  das  heilige  Feuer  eines  Agathons  mit 
Dinte  auszugieBen.  Der  Dichter  -  das  Widerspiel  des  Menschen 
20  -  andert  die  Form  an  der  materiellen  Welt  mit  einem  Schlage  sei- 
nes eingetunkten  Zauberstabs,  aber  die  der  geistigen  nur  mit  tau- 
send  MeiBelschlagen ;  er  kann  -  als  sein  eigner  GegenfuBIer  -  z.  B. 
leichter  reich  machen  als  gut.  Daher  bedanken  wir  uns  auch  nicht 
bei  ihm,  wenn  er  noch  so  viele  Leute  tot  macht  oder  gesund  - 
oder  arm  -  oder  elend;  d.  h.  wenn  erphystsche  Knoten  zerschnei- 
det,  anstatt  moralische  aufzukniipfen.  Daher  ist  den  Dichtern  die 
materielle  Welt,  d.  h.  das  Reich  des  Zufalls^  nur  eingeraumt  als 
Grundierung-ferner  als  Folge  und  Wirkung  moralischer  Ursachen 

-  ferner  nimmt  ihnen  kein  Mensch  den  Zufall,  wenn  dieser  den 


412  DER  JUBELSENIOR 

geistigen  Knoten  vergrqfiert,  aber  nicht  loset1  —  ferner  wenn 
der  Eidotter  und  die  ganze  materia  medica  und  peccans  des  Zu- 
falls, der  hinten  alle  Schwierigkeiten  besiegt,  schon  vornen  in  der 
Exposition,  obwohl  ungesehen,  verborgen  lag  usw. 

Gleichwohl  muB  sich  die  moralische  Ver-  und  Entwicklung 
hinter  die  materielle  verhiillen  -  wie  der  Schopfer  der  Natur  hin- 
ter  die  Gesetze  der  Natur  — :  die  innere  Kausal-Kette  laufe  ver- 
deckt  unter  der  auBern  fort,  die  Motive  kleiden  sich  in  Orter  und 
Zeiten  ein,  und  die  Geschichte  des  Geistes  in  die  des  Zufalls. 

Diesen  romantischen  Polyklets-Kanon  und  Dekalogus,  dieses  10 
herrliche  Linienblatt  haben  die  meisten  Deutschen  entzweigeris- 
sen,  und  sogar  in  den  Marchen  von  iooi  Nacht  find'  ich  die  All- 
macht  des  Zufalls  schoner  mit  moralischen  Mitteltinten  verschmol- 
zen  als  in  unsern  besten  Romanen,  und  es  ist  ein  groBes  Wunder, 
aber  auch  eine  ebenso  groBe  Ehre,  daB  meine  Biographien  hierin 
ganz  anders  aussehen,  namlich  viel  besser.  Meine  unvergeBlichen 
Splitter-,  Fern-  und  Kunstrichter  hab*  ich  leider  durch  meine  Di- 
gressionen  irre  gemacht,  obgleich  Digressionen  die  psychologi- 
sche  Geschichte  nur  verschieben^  nicht  verfdlschen,  indes  andere 
Schreiber  sie  durch  ihre  Zufalle  vernichten  und  durch  ihre  Epi-  20 
soden  verdoppelnS  O,  gutes  Schicksal!  verleihe  mir  einmal  ein 
Halbjahr,  um  darin  sowohl  meine  biographische  Kameradschaft 
als  meine  akademische  Gerichte  weniger  satirisch  anzufahren  als 
ernsthaft ! 

So,  nach  einem  solchen  asthetischen  Metrum  muB  der  von  der 
Natur  wie  von  einem  iibenden  Schullehrer  zerworfne  Vers  der 
auBern  Geschichte  zusammengeschoben  werden.  Aber  etwas  an- 
ders ist  freilich  ein  Appendix. 

Der  erste  und  alteste  Appendix,  wovon  uns  die  Literatur- 
geschichte  Nachricht  gibt,  steht  hinten  in  meinen  biographischen  30 

1  Ohne  alles  Bedenken  kann  ein  Dichter  morden,  rauben,  kronen,  heilen, 
wenn  er  dadurch  die  Schlingen  seines  Helden,  kurz  die  moralischen  Ratsel 
verwickelt  und  verdoppelt. 

8  Eine  Episode  macht  aus  einem  Kunstwerk  oder  Interesse  %wei,  und  die 
spdtere  Verbindung  vergiitet  ja  die  friihere  Zertrennung  nicht,  sondern  es  ist 
geradeso,  als  wenn  man  Nicolais  Nothanker  darum  an  Thummels  Wilhel- 
mine  binden  und  loten  und  beide  fiir  ein  Kunstwerk  geben  wollte,  bloB 
weil  jener  auf  diese  fundieret  ist. 


PRODROMUS  GALEATUS  413 

Belustigungen  und  ist,  wie  bekannt,  vom  Schopfer  dieser  neuen 
Dichtungsart  selber  gemacht,  namlich  von  mir.  Der  zweite  Ap- 
pendix, den  unsere  Literatur  aufweiset,  tritt  in  diesem  Buch  in 
Druck  und  erscheint  sogleich  nach  dieser  Vorrede.  Jetzt,  da  ich 
einmal  das  Muster  eines  Appendix  geliefert  habe  und  hierin' selber 
als  die  Akademie  und  das  lebende  Modell  auf  dem  Gestelle  bleibe, 
ists  den  Asthetikern  leicht  gemacht,  aus  wirklichen  Appendixen 
eine  Theorie  und  Heilsordnung  und  brauchbare  Vorschriften  fur 
diese  Dichtungsart  abzuziehen  und  festzusetzen  und  nach  meiner 

10  ausilbenden  Gewalt  ihre  geset^gebende  zu  modeln  und  zu  mustern, 
so  wie  auch  in  alien  unsern  Staatsverfassungen  nicht  die  Gesetze 
die  Macht,  sondern  diese  jene  geben  oder  doch  zahmen.  Nun 
liegen,  diinkt  mich,  sowohl  im  ersten  als  im  zweiten  Appendix  - 
nab*  ich  anders  die  beiden  einzigen  Protoplasmata  dieser  ganz 
neuen  Dichterform  genug  studiert  -  folgende  Regeln  und  Richt- 
scheite  deutlich  gegeben :  ein  guter  Appendix  erzahlt  wemg  und 
scherzt  sehr  -  er  wendet  wie  Voltairens  KHo  den  historischen 
Bildersaal  nur  als  Vehikel  und  Narrenschiflreicher  Ladungen  von 
Einfallen  und  Scherzen  an  -  der  echte  Appendix  verachtet  die 

20  Malerei  der  Charaktere  und  das  Bonnetsche  Entwicklungssystem 
einer  innern  Geschichte,  er  spielet  aber  unter  dem  leichtenSchein 
von  beiden  uns  die  wichtigsten  Satiren  in  die  Hand. 

Schon  aus  dieser  fhicKtigen  Poetik  des  Appendix  erhellet,  daB 
ich  die  schonen  Wissenschaften  mit  einer  dramatischen  Gattung 
bereichert  habe,  die  nur  eine  sehr  entfernte  Seitenverwandte  des 
Romans,  ja  wenn  nicht  dessen  feindliche  Stiefmutter,  doch  Stief- 
schwester  ist.  In  der  Tat  ist  das  im  Appendix  Ziel  und  Schmuck, 
was  im  Roman  Irr-  oder  Ausweg  und  Makel  ist.  Die  Schmetter- 
lingsflugel  bunterEinfalle,die  das  Insektenkabinett  oder  denGlas- 

30  kasten  des  Appendix  putzen  und  fiillen,  durchziehen  nur  als  frem- 
des  Einschiebsel  den  solidern  deutschen  Roman,  so  wie  wahre 
Schmetterlingsfliigel  nach  Buffon  als  unverdauliche  residua  aus 
den  Exkrementen  der  Fledermause  schimmern.  Die  Digression 
ist  nie  im  Roman  Hauptsache,  darf  hingegen  nie  im  Appendix  als 
Nebensache  behandelt  werden;  dort  ist  sie  wartendes  Auskeh- 
richt,  hier  ist  sie  ein  musivisch  in  den  Stubenboden  eingelegtes, 


414  DER  JUBELSENIOR 

ein  poetisches  Asaroton,  so  wie  die  Alten  auf  ihren  FuBboden 
musivisches  Vexier-Stroh,  Knochen  und  dergleichen,  kurz  die 
Stube  des  Auskehrichts  wegen  hatten. 

Es  ist  zwar  sehr  schwer  und  miBlich,  aus  so  wenigen  Mustern 
von  Appendixen,  deren  wir  leider  nur  zwei  haben,  schon  fiir  die 
ganze  Gattung  Gesetzbucher  zu  entwerfen,  und  man  lauft  uberall 
Gefahr,  individuelle  Zufalligkeiten  des  Kunstwerks  als  allgemein 
geltende  Maximen  der  Gattung  aufzustellen,  Oberbeine  als  Tier- 
gerippe  -  und  Aristoteles  war  vielleicht  als  epischer  Theorist  in 
keiner  groBern  Schwierigkeit,  da  er  auch  nichts  weiter  vor  sich  10 
hatte  als  die  Ilias  und  die  Odyssee  — ;  aber  was  mir  hilft,  ist,  daB 
ich  in  dieser  Sache  zwar  den  Aristoteles  vorstelle,  aber  auch  den 
Homer. 

Ich  muBt'  es  feiner  anfangen,  wollt'  ichs  verstecken,  wer  mir  zu 
dieser  schonen  Erfindung  die  ersten  Winke  gegeben:  in  der  Tat 
ist  der  Appendix,  der  die  Entwicklung  der  Charaktere  und  der 
Seelengeschichte  wichtigern  Schonheiten  aufopfert,  viel  zu  sehr 
mit  dem  jetzigen  deutschen  Roman  verwandt,  der  jene  Entwick- 
lung vergisset,  als  daB  ichs  einen  Augenblick  verdecken  konnte, 
wie  nahe  mir  eine  so  gliickliche  Textur  des  deutschen  Romans  20 
meine  Erfindung  legte.  Doch  muBten  es  ganz  andere  als  die  eng- 
lischen  oder  auch  die  von  Schulze,  Wieland  und  Thummel  sein, 
es  muBten  solche  mit  historischen  und  psychologischen  Zasuren 
und  Hiatussen  von  Belang  sein,  wenn  ich  auf  einen  Appendix 
fallen  so  lite,  so  wie  die  roten  Farbkrafte  der  Orseille  nicht  waren 
ausgemittelt  worden,  hatte  sich  nicht  im  i4ten  Sakulum  ein  Flo- 
rentiner  Handelsmann  auf  einen  levantischen  Felsen  gestellt  und 
auf  besagte  Steinflechte  -  gepisset.  Die  Muster,  die  ich  meine,  wa- 
ren gleichsam  die  Schweinsrussel,  die  den  BauriB  zum  Zisterzien- 
ser-Kloster  Eberbach  im  Rheingau  wiihlten  -  gleichsam  die  dump,-  50 
figenMauerflecken,von  denen  da  Vinci  (der  Aristoteles  derZeich- 
ner)  malerische  Ideen  zu  entlehnen  rat. 

Jetzt  nehme  nun  der  Leser  den  zweiten  Appendix,  der  in  der 
Welt  ist,  den  Jubelsenior,  selber  vor,  hake  aber  der  Odyssee  den 
Ab stand  von  der  Ilias  zugute.  Er  freue  sich  mit  den  Freuenden 
im  Appendix  und  weine  mit  den  Weinenden!  Das  Schicksal  fasse 


PRODROMUS  GALEATUS  415 

den  Leser  wie  einen  Kanarienvogel  stets  mit  warmen  Handen  an ! 
Es  stecke  ihm  immer  ein  Stiickchen  Zucker  zwischen  die  Stabe 
seines  Kafigs  und  verhange  letztern  nie  mit  etwas  Dunklerem  als 
mit  dem  grunen  Hiihnerdarm  der  HofFnung  und  schenk'  ihm,  wie 
der  russische  Kaiser  dem  Kosciuszko  und  den  14052  verwiesenen 
Polen,  Freiheit,  ferner  Freiheit,  endlich  Freiheit!  -  Hof  im  Voigt- 
land,  am  frohen  Tage,  als  ich  die  Baireuther  Zeitung  las  und 
letzteres  darin  fand. 

1797  Jean  Paul  Friedr.  Richter 


Erster  offizieller  Bericht 

Der  Konsistorialbote  —  Fraulein  von  Sackenbach  —  der  Ring  und  Star  - 
empfindsame  Reiseroute—  Beitrag  zum  Titel  de  contractibus  bilateralibus. 

Auf  der  Erde  hat  man  tausend  feine  unvergangliche  reiche  Freu- 
den  in  der  —  Erinnerung:  unsere  Obstkammer  ist  ein  pomologi- 
sches  wachsernes  Kabinett  der  Phantasie.  Hingegen  auf  dem 
Fruchtteller  des  Gliicks  trefF  ich  selten  weichere  Obstarten  an  als 
Steinobst.  Dem  Philosophen  —  diesem  edlern  NuBknacker  aller 
Schalen  —  kommt  dergleichen  sichtbar  zustatten:  leere  elende 
Freuden,  die  nicht  zu  genieBen  sind,  kann  er  wenigstens  erfor-  : 
schen  und  bis  ins  Innerste  untersuchen,  weil  er  mit  dem  Dick- 
schnabel  oder  KernbeiBer  wetteifert,  der  den  siiBen  Oberzug  der 
Kirsche  wegwirft  und  nur  den  Stein  auskernt.  Ein  Madchen  aber 
wie  Alithea  bricht  sich  lieber  die  sogenannte  kleine  Pflaume  ab, 
in  der  nichts  Hartes  ist,  kein  Stein. 

Es  war  gerade  vor  14  Tagen  -  den  3.  September  1796  -,  daB 
Alithea  mit  ihrem  Obstpfliicker  eine  solche  Frucht  erreichte,  die 
an  einem  Konsistorialboten  hing,  namens  Lederer.  Das  Madchen 
stand  eben  im  Vorholz  und  konnte  noch  nicht  funfmal  mit  dem 
Kamme  durchgefahren  sein-es  war  kein  Stahl-  oder  Hornkamm,  : 
dieser  archkektonische  Kalberzahn  des  weiblichen  Saulenschafts, 
sondern  einer  von  Holz,  womit  man  in  Thuringen  dem  Moose 
die  Preiselbeere  abkammt  -,  als  gedachter  Lederer  iiber  den  An- 
flug  wegschritt  und  unter  dem  Abreiben  seines  blanken  Konsi- 
storialbotenschildes  Alitheen  fragte,  wie  weit  er  noch  hinhabe 
nach  Neulandpreis. 

Dieses  flachsenfingische  Walddorf  liegt  bekanntlich  mitten  in 
einem  groBen  Birken-Gehau.  Sie  flog  wie  ein  Stern  der  Weisen 
oder  wie  ein  Kiebitz  vor  dem  Boten  voraus,  vielleicht  ebensosehr 
aus  Neugierde  wie  aus  Gefalligkeit :  denn  eben  der  Senior  Schwer s,  = 
an  den  der  geistliche  Pedell  etwas  hatte,  war  ihr  Pflegevater.  Das 


ERSTER  OFFIZIELLER  BERICHT  417 

Pfarrhaus  hatte  schon  lange  auf  diesen  Evangelisten  aufgesehen : 
daher  wollte  die  Pflegetochter,  die  noch  roter  vom  Erwarten  als 
vom  Biicken  war,  den  Boten  unterwegs  aus  liebender  Vorsorge 
fur  die  Pfleg-  und  Pfarrfamilie  ausfragen.  Er  hielt  aber  an  sich. 
Er  schien  freilich  ein  kleines  Kanaan  und  Eldorado  in  seinem 
Tornister  zu  tragen;  aber  er  schnallte  ihn  nicht  auf. 

Ein  Republikaner,  der  nach  Neufranken  reiset,  sieht  den  ersten 
Frankreicher,  der  ihm  vornen  im  Heidenvorhof  des  Freistaats 
aufstoBet,  fiir  einen  Republikaner  an  -  ein  Tory  wiird'  ihn  fiir 

10  einen  Tory  nehmen  -  in  einem  Trauerspiele  oder'in  einem  Ro- 
man, wovon  ich  noch  nichts  durch  Rezensenten  erfahren,  setzt 
mir  jeder  junge  Mensch,  der  darin  heraustritt,  in  den  Kopf,  nun 
komme  der  Held;  das  prasumieret  auch  ein  Madchen,  das  zum 
Fenster  hinaussieht  und  den  ihrigen  erwartet.  Aus  demselben 
Grunde  halten  nun  Kandidaten,  die  um  Pfarrdienste  nachgesucht 
haben,  jedes  papierne  Oblongura  fiir  eine  Vokation.  Alithea 
dachte,  der  Bote  bringe  eine.  Denn  der  Senior  Schwers  hatte 
seinen  jiingsten  Sohn  -  namens  Ingenuin  -  von  der  Glashiitte  der 
Akademie  zu  einem  guten  geistlichen  Arzneiglas  blasen  lassen, 

20  dem  nur  der  lange  Gebrauchszettul  der  Vokation,  die  Tektur  der 
Periicke,  das  bunte  Papier  der  schwarzen  Kleidung  und  der  Bind- 
faden  des  Kragens  fehlte.  Der  Vater  hatte  ebensogern  einen  Ko- 
adjutor  und  romischen  Konig  -  d.  h.  einen  Adjunktus  —  bei  sich 
auf  seiner  Kanzel  gehabt  als  ein  geistlicher  Kurfurst  und  romi- 
scher  Kaiser.  Vater  und  Sphn  hatten  aber  noch  einen  besondern 
Grund,  warum  sie  um  die  Neulandpreiser  Adjunktur  bei  dem 
Konsistorium  anhielten,  ja  sogar  die  Resolution  schleunigst  in- 
nerhalb  14  Tagen  haben  wollten;  und  der  war,  weil  der  Senior  in 
14  Tagen  sein  Amtsjubilaum  beging  und  am  Jubeltage  gern  sein 

30  Kind  als  Nachfahrer  auf  der  Kanzeltreppe  sehen  wollte.  Aber  das 
Konsistorium  schien  ein  Taubstummer  zu  sein.  Der  Senior  hatte 
zwar  seinen  altesten  Sohn,  einen  Buchdrucker,  in  der  Stadt,  den 
er  als  Maschinengott  und  Maschinenmeister  bei  dem  Konsistorio 
hatte  brauchen  kdnnen;  er  hielt  es  aber  fur  gottlos. 

Unter  alien  Treppen,  die  auf  eine  Kanzel  heben,  ist  wohl  keine 
wurmstichiger  und  ausgefaulter  als  der  gradus  ad  Parnassum, 


4l8  DER  JUBELSENIOR 

oder  auch  diese  Jakobsleiter  im  Traum ;  man  lege  dafur  die  Sturm  - 
leiter  der  Grobheit,  die  Galgenleiter  der  Simonie  an  die  Kanzel 
und  laufe  hinauf  -  oder  man  spanne  die  Flughaut  einer  Schiirze 
aus,  oder  setze  sich  in  die  arostatische  Maschine  eines  Verwand- 
ten  — :  kurz  man  steigt  auf  allenTreppen  -  heimlichen  gar  -  schnel- 
ler  auf  als  auf  der  Schneckentreppe  des  Verdienstes.  Dieselbe  freie 
Gnadenwahl,  die  (nach  den  Kalvinisten)  ohne  Riicksicht  auf  Ver- 
dienste  diejenigen  ausersieht,  die  in  den  Himmel  kommen,  dieser 
voluntas  antecedens  erkieset  auch  die,  die  in  ihn  ftihren. 

So  standen  die  Sachen  im  Pfarrhaus,  als  der  Konsistorial-En-  10 
voye  mit  Alitheen  hineinkarh  und  an  die  Seniorin,  die  in  der  ein- 
samen  Stube  fur  ihrenalten  Mann  statt  der  Hemdenkleine  Schreib- 
biicher  zu  Jubel-  und  andern  Predigten  nahte,  die  Frage  tat,  wo 
ihr  Herr  Sohn  Ingenuin  sei.  Dea  -  das  ist  die  miitterliche  Abbre- 
viatur  vom  Namen  Alithea  —  holte  ihn  aus  dem  Museo  her,  wo  er 
mit  dem  Vater  an  einer  langen  Tafel  studierte. 

Der  Sohn  hatte  gerade  einen  elenden  Sonnabend:  er  saB  dro- 
ben  im  Purgatorium  und  Reverberierfeuer  und  hatte  auf  dem 
Kopfe  statt  des  Lorbeerkranzes  einen  heiBen  Pechkranz  auf,  den 
ihm  die  Jenaische  Literaturzeitung  gefiochten  hatte.  Es  ist  aus  20 
dieser  bekannt,  daB  Ingenuin  eine  »Kritikder  kirchlichenLiturgik 
nach  kantischen  Prinzipien«  ans  Licht  gestellt,  an  der  Rezensent 
die  wegwerfende  Kiihnheit  ernstlich  rtigen  muBte. l  Der  Fortsatz 
der  abgebrochenen  Rezension,  der  noch  einige  Brandkugeln  mit 
Haken  verhieB,  konnte  erst  in  acht  Tagen  anlangen.  Ich  kenne 
nur  zwei  Ewigkeiten,  die  beinahe  so  lange  dauern  wie  die  der 
Hollenstrafen  und  die  man  ebenso  elend  verbringt  wie  diese :  die 
erste  besteht  aus  den  drei  oder  acht  Tagen,  die  ein  Autor  durch- 
leben  muB,  bis  die  Rezension,  die  im  letzten  Stiicke  abgebrochen 
wurde,  im  nachsten  fortgeschrieben  wird.  Der  Himmel  und  der  30 
Redakteur  wende  es  doch  von  jedem  ab,  der,  wie  ich,  Iieber  ein 
Wund-  und  Kanonenfieber  aussteht  als  das  abscheuliche  Gefang- 
nisfieber  des  Wartens!  -  Die  zweite  Ewigkeit,  die  wenigstens 
nicht  kurz  ist,  besteht  in  dem  langen  Johannistag,  den  ein  blut- 

1  Denn  nach  Ingenuins  Prinzipien  fielen  offenbar  die  Periicke,  das  Chor- 
hemd  und  Kommunikantentuchlein  himveg. 


ERSTER  OFFIZIELLER  BERICHT  419 

armes  Madchen  hier  in  Hof,  in  Baireuth,  Halle,  Berlin  versitzt,  bis 
der  Abend  kommt  und  den  Geburtstags-Ball  des  Konigs  mit- 
bringt,  fur  den  die  Gute  die  herrliche  Frisur  aufspart,  die  lhr  der 
Periickenmacher,  weil  diesem  den  ganzen  Tag  der  Kamm  nicht 
aus  den  Handen  kam,  schon  vor  tags  um  1/2  6  Uhr  erbarmend  zu- 
geworfen  hatte. 

Zum  Gliick  fur  Ingenuin  blieb  der  Verfasser  des  getadelten 
Werks  sowohl  dem  Publikum  als  dem  Vater  verborgen. 

Die  freie  starke  Seele  des  Seniors  hatte  sich  in  die  anerzogene 

10  Kirchentaktik  eingefiigt  wie  ein  kraftiger  Krieger  in  das  militari- 
sche  Zeremonialgesetz.  Gleich  den  Scholastikern  hatt'  er  in  der 
Philosophic  Fliigel  und  in  der  Theologie  Fesseln.  Das  gottliche 
-  Ebenbild,  das  nach  den  Sozinianern  in  der  Herrschaft  uber  die 
Tiere  besteht,  wurd*  an  ihm  durch  die  hohere  uber  die  Menschen- 
tiere  um  ihn  und  uber  das  platonische  eiserne  Vieh  seiner  eignen 
Triebe  klar;  aber  ein  zartes  Gewissen  und  ein  hohes  Alter  gaben 
oft  der  Subordination  unter  auBere  Gebrauche  den  Schein  und 
die  Angstlichkeit  der  Heuchelei. 

Der  Sohn  ging  hinunter  zum  Boten,  an  dem  er  nicht  einmal 

20  etwas  anders  kannte  als  das  blechene  Wappenwerk  (der  Ante- 
zessor  war  erst  gestorben),  und  uberkam  von  ihm  ein  Oblongum, 
uberschrieben :  »An  den  Adjunktus  Ingenuin  Schwers  in  Neu- 
landpreis.« 

Ingenuin  gehorte  nicht  zur  Oktobergesellschaft  der  Genies,  die 
jede  Staatsbedienung  ausschlagen;  eine  Vokation  war  ihm  erfreu- 
licher  als  eine  Rezension.  Gleichwohl  trug  er  das  Testament  das 
ihn  zum  Kanzel-Erben  einsetzte,  versiegelt  aus  Ehrfurcht  seinem 
Vater  zum  Erbrechen  hinauf.  Schwers  memorierte  vorher  den 
Perioden  der  Sonntagspredigt  zu  Ende  -  denn  so  lange  der  alte 

30  Mann  noch  zwei  Beine  heben  konnte,  um  eine  Kanzeltreppe  zu 
ersteigen,  und  zwei  Arme,  um  eine  Kanzeluhr  umzudrehen,  so 
lange  bracht*  ihn  kein  Mensch  aus  der  heiligen  holzernen  Ere- 
miten-Konchylie1  heraus  -,  und  dann  erst  las  er  gleich  gemeinen 
Leuten  die  Bestallung  laut  ab,  sogar  bis  auf  jeden  Namen  der 

1  Kahlschwanze  oder  Eremiten  heiOen  die  Krebse,  die  ihren  nackten 
Schwanz  in  ein  Schneckenhaus  einmieten. 


420  DER  JUBELSENIOR 

unterschriebenen  Konsistorialrate.  Ob  es  gleich  der  Sohn  nun 
vernommen  hatte,  daB  er  adjunctus  cum  spe  succedendi  (mit  der 
HofThung,  Pfarrer  zu  werden)  geworden,  so  sagte  doch  der  Greis 
mit  einer  feierlichen  Stimme:  »Das  hochpreisliche  Konsistorium 
in  Flachsenfingen  beruft  dich  zum  adjuncto  cum  spe  succedendi 
bei  deinem  Vater.  Aber,  o  junger  Mensch,  wenn  denn  der  Herr 
so  ungemein  viel  auf  deine  Schultern  legt:  so  unterstiitz*  er  dich 
auch  und  ruste  dich  aus  zu  einem  nicht  unwiirdigen  Sukzessor 
deines  Vaters.  Denn  einst  werd*  ich  schwere  Rechenschaft  von 
dir  fordern.  Und  ich  wiinsche  dir  zu  deiner  Veranderung  auch  10 
viel  Heil  und  Segen.  Amen.«  Eine  andachtige  Umarmung  ver- 
kniipfte  den  weichen  Sohn  und  den  festen  Greis. 

Langsam  und  mit  glanzenden  Augen  und  ernsten  Ziigen  ging 
Ingenuin  als  Botschafter  seines  Avancements  hinab  zur  Mutter, 
fur  welche  diese  Freude  ein  erwarmter  aufgewachter  Sommer- 
vogel  in  den  Wintermonaten  ihres  Alters  war.  Ihr  Herz  schlug 
ihr  darum  in  den  kalten  Tagen  ihrer  Jahrszeit  so  warm,  weil 
gerade  in  das  Jubilaum  des  Amts  die  Feier  ihrer  Silberhochzeit 
fiel,  wenn  man  16  Tage  fur  nichts  rechnete:  Geistliche  konnen 
leicht  beide  Jubelfeste  an  einem  Tage  begehen,  weil  sie  immer  die  20 
Kanzel  und  das  Ehebette  zu  einer  Zeit  besteigen  und  weil  ein 
Kirchenlicht,  sobald  das  Konsistorium  es  angeziinet  hat,  leicht 
die  Brautfackel  ansteckt.  -  Theodosia  (so  hiefi  die  Mutter)  muBte 
ihr  von  Freuden  verjiingtes  Herz  hinauf  zu  ihrem  Manne  tragen, 
dem  sie  weniger  an  der  starken  Brust  als  am  starken  Herzen  lag, 
bloB  weil  sie  mit  ihm  drei  Gdtter  verachtete,  Geld,  Liige  und 
Putz.  Nur  sie  und  der  Sohn  durften  seine  Studierstube  -  ein  ver- 
finstertes,  von  Federwildpret  schwarz  ausgeschlagenes  Allerhei- 
ligstes  -  betreten;  Alithea  durfte  nur  anklopfen.  Es  war  nur  der 
Nonnenschleier  fur  den  mutterlichen  Seelen-ErguB,  daB  sie  sich  30 
vom  Senior  das  Gratial  und  die  Provision  fur  den  vozierenden 
Boten  wollte  dekretieren  lassen,  obwohl  nicht  aushandigen:  denn 
die  alte  Mutter  war  die  Bankodirektrice  und  Sackelmeisterin  des 
Schwersschen  Gemeinsackels. 

Als  der  Sohn  fort  war:  hatte  der  Senior  den  Elenchus  seiner 
Predigt  gar  auswendig  lernen  wollen;  aber  da  es  gerade  die  auf 


ERSTER  OFFIZIELLER  BERICHT  421 

den  1 5  ten  Trinitatis  war,  worm  er  die  Mutteraugen  und  Mutter- 
arme  der  ewigen  Vorsicht  schilderte,  so  muBt*  er  mitten  im  Me- 
morieren  die  Miitze  abziehen  aus  Ruhrung,  und  zuletzt  verlas  er 
den  SchluB  des  Sermons  gar  als  ein  heutiges  Abend-  und  Dank- 
gebet.  Dann  stellt'  er  sich  im  frommen  Staunen  und  Sinnen  ans 
Fenster  -  und  die  silberne  Vespersonne,  gleichsam  die  erleuchtete 
Angelos-Kuppel,  glanzte  als  ein  zweiter  hoherer  Tempel  auf  der 
Peterskirche  der  Natur,  und  ihr  Leuchtregen  schlug  von  den  Bir- 
kengipfeln  mit  waagrechten  Stromen  an  die  offnen  Augen  des 

io  alten  Mannes  an,  und  eine  zweite  Sonne  schwamm  um  seine  be- 
taubten  befeuchteten  Augen. '-  Als  die  erste  schon  die  griineMo- 
sis-Decke  aus  Gipfeln  vor  sich  zog,  umflatterte  ihn  die  Neben- 
sonne  noch  -  und  als  er  die  Augenlider  zuschloB,  so  blieb  der 
Glanz-aberda  er  siewieder  offnetevor  seiner  Gattin,  so  schwebte 
die  Erde  und  das  enge  Zimmer  verklart  und  durchbrochen  vor 
ihm,  und  in  seliger  Blindheit  zog  er  die  von  Jahren  geknickte 
Geliebte  an  seine  ungebogene  Brust  herauf  -  und  sie  vergossen 

die  edelsten  Freudentranen,  die  elterlichen. 

Dann  fragte  sie  ihn  um  den  Konsistorialboten-Lohn.  Er  war  in 

20  Trankgeldern  genau,  in  Kaufschillingen  gerecht  und  nur  in  mil- 
den  Beisteuern  verschwenderisch :  blofi  acht  Gulden  rh.  resol- 
vierte  das  Seniorat.  Das  wurde  drunten  in  der  Stube  allgemein  fur 
wenig  befunden,  zumal  als  unscheinbares  bleiches  Silbergeld.  Die 
nachgebende  Mutter,  die  niemals  log,  muBte  doch  eine  Tripel- 
alliance  von  drei  Standen  mit  der  schlauen,  aber  sanften  Tochter 
und  mit  dem  offnen,  aber  weichen  Sohn  formieren  und  es  leiden, 
dafi  man  den  gemeinschaftlichen  grauen  Brot-  und  GroBherrn 
ebensosehr  betrog  als  liebte  und  achtete,  bloB  weil  es  ihnen  wie 
dem  Alter  unmoglich  war,  diesen  vom  Medusenkopf  der  Vernunft, 

30  namlich  von  seinem  eignen  hellen  Kopf  versteinerten  Alten  zu 
beugen ;  die  Mutter  muBte  also  gezwungen  Alitheens  Bille  unter- 
schreiben,  daB  man  statt  des  Silbers  einen  Doppel-Dukaten  geben 
konne.  Es  hing  im  ganzen  Hause  nur  einer,  und  zwar  an  Deas 
Halse:  sie  trug  ein  goldnes  Paternoster  aus  drei  Dukaten,  deren 
kleinsten  einige  Perlen  betaueten.  Es  ging  iiber  Ingenuins  Emp- 
flndungen  ein  schmelzender  Tauwind,  da  er  diese  Konviktoristin 


422  DER  JUBELSENIOR 

seines  Vaters  fur  ihn  zahlen  sah  -  sie  war  eigentlich  eine  Haus- 
arme  aus  der  Schweiz  und  hieB  Alithea  Zwicki-,  aber  eswar  nicht 
zu  andern;  und  wer  konnte  ihm  das  Wiedervergeltungsrecht  ab- 
streiten,  ihr  ein  groBeres  und  warmeres  Halsgehenk  zu  geben? 
Diese  Wohltaterin  hatte  namlich  auBer  ihrem  schonen  stillen  Her- 
zen  nichts  im  Vermogen  als  ein  -  zweites,  ebenso  stilles,  das  ad- 
jungierte.  Er  war  eine  Feldtaube,  sie  eine  Haustaube;  er  gehorchte 
seinem  Vater  wie  einem  Alten  vom  Berge,  sie  seiner  Mutter  wie 
einer  Abtissin  und  Papstin  Johanna.  Der  Stern  der  Liebe  gleicht 
oft  denen  Fixsternen,  die  nach  Euler  schon  lange  am  Himmel  j 
stehen  konnen,  ehe  das  Licht  den  weiten  Weg  zu  uns  herunter- 
jgefallen  ist.  In  solchen  Seelen  besonders,  worin  ein  gemaBigter 
Himmel  ist,  grunt  die  Aloepflanze  der  Liebe  jahrelang  ohne  Blu- 
hen  und  Duften,  bis  vor  irgendeinem  warmen  Zufalle  die  reife 
Knospe  aufspringt.  Die  Konsistorial-Ordonnanz  Lederer  schnitt, 
wie  es  schien,  mit  ihrem  Papier  diese  zwei  festen  Nelkenknopfe 
auf ;  wenigstens  ist  das  Folgende  nicht  wider  diese  Vermutung. 
Der  neue  Adjunktus,  der  vielleicht  der  galanteste  artigste  Ele- 
gant in  ganz  Neulandpreis  war,  verfiigte  sich  ins  SchloB  hinuber, 
das  so  groB  war  wie  ein  Invalidenhospital,  aber  selber  invalid.  2 
Es  saB  darin  ein  alttestamentliches  Fraulein  von  mehr  Jahren  als 
Ahnen,  namens  Amanda  Gobertina  von  Sackenback.  Ich  wollt* 
ihr  jetzt  ihr  Alter  vorwerfen;  aber  ist  es  billig,  daB  die  Menschen 
ah  einander  entgegengesetzte  Qualitaten  meistern,  an  dem  einen 
die  Jugend,  an  dem  andern  das  Alter,  am  Fetten  den  Speck,  an 
mir  Haut  und  Bein  ?  Amanda  von  Sackenbach  hatte  sonst  meine 
Jahre  gehabt,  war  Gesellschaftsdame  oder  fille  d'honneur  der 
vorigen  Landesmutter  gewesen,  ist  darauf  ihre  eigne  Gesellschafts- 
dame und  fille  d'honneur  geworden  -  und  das  ist  sie  eben  jetzt, 
und  eine  Pension  (wozu  die  Kammer  bloB  eine  milde  Armen-  3 
Stiftung  verwandte)  uberwachset  und  putzet  sie  in  ihrer  Gruft 
mit  Laubwerk  aus  Gold,  wie  etwan  Goldadern  einen  verschiit- 
teten  Bergknappen  im  Schacht  durchwachsen.  Ob  sie  gleich  in 
ihrem  KontumazschloB  so  leicht  mit  der  Liebe  anzustecken  ist 
wie  Europaer  mit  der  Pest,  die  schon  wie  die  Liebe  durch  einen 
Degenknopf,  durch  einen  Brief,  durch  einen  wollenen  Rock, 


ERSTER  OFFIZIELLER  BERICHT  423 

durch  ein  Goldstiick  weiterkam,  so  sucht  sie  doch  zarte  und  ele- 
gante Empfindungen  wie  Schulden  und  Wanzen  nur  in  groBen 
Hausern.  Ein  Neulandp reiser  hatt*  ihr  wenig  an.  Obrigens  war  sie 
nicht  nur  der  Stolz,  sondern  auch  die  Dienstfertigkeit  und  Heil- 
kunde  selber:  sie  sprang  dem  gemeinsten  Patienten  bei  und  ver- 
richtete  dieses  FuBwaschen  am  griinen  Donnerstage,  diese  Not- 
ztige  ohne  Nachteil  ihrer  vorigen  Ehrenztige,  so  wie  ohne  Stan- 
deserniedrigung  sowolil  Madame  Maintenon  als  Peter  der  GroBe 
von  unten  auf  dienten,  dieser  bei  der  Soldateska,  jene  unter  den 

10  Nonnen. 

Mit  herzlicher  Mitfreude  fassete  sie  die  Nachricht  der  durch 
Lederer  promulgierten  Standeserhohung  auf:  denn  sie  hatte  die 
samtlichen  Pfarrleute  so  lieb,  dap  sie  allemal,  wenn  sie  nach  Hause 
kam,  sich  uber  ihr  herablassendes  Wohlwollen  Gewissensvor- 
wiirfe  machte,  weil  sie  zw£r  gebriistet  kam,  aber  weichherzig 
schied.  Sie  legte  unbefangen  -  der  gewisseste  Beweis  ihres  Herab- 
sehens  —  dem  Adjunkt  die  Bitte  vor,  sich  nach  einer  Adjunktin 
umzuschauen:  ohne  Manage  sei  er  zu  empfindlich  fur  die  Reize 
ihres  Geschlechts.  Das  war  richtig:  der  Adjunktus  konnte  keiner 

20  weiblichen  Seele  je  einen  hartern  Text  lesen  als  den  Hochzeittext, 
sein  Herz  war  immer  ein  Weiber-  oder  Kunkellehn,  und  sein 
Auge  lebte  in  einer  Kryptogamie  und  Cicisbeatura  gegen  alle  auf 
einmal,  Wassernixen  und  Sibyllen  und  Tauflinge  eingerechnet. 
Solche  Manner  und  Mannchen  stellet  gegen  den  Glanz  der  uber 
halb  Europa  hinstrahlenden  Schonheit  nichts  als  eine  ordentliche 
Hausfrau  sicher,  wie  im  nSchtlichen  Blitzen  nur  Leute  nicht  er- 
blinden  und  leiden,  die  ein  Nachtllcht  angeziindet  haben.  -  Der 
Adjunktus  versetzte:  »falls  nur  einmal  sein  Herz  verdiente,  ein 
weibliches  zu  fesseln:  so  waV'  er  wohl  den  Augenblick  bei  der 

30  Hand.«  Er  glaubte  fest,  nur  ein  Gott  verdiene  eine  Gottin?  nam- 
lich  eine  Frau,  nur  ein  GroBkreuz  eine  Kreuzdame,  nur  ein  Apo- 
stel  eine  Marie,  und  er  fassete  die  Vermessenheit  wenig,  sich  zu 
verloben;  -  und  hierin  sticht  er  alierdings  zu  seinem  Nachteil 
gegen  unsere  Libertins  und  sabinischen  Rauber  ab,  worunter 
keiner  so  wurmstichig,  morsch  und  rissig  ist,  der  nicht  seine  gicliN 
briichige  Hand  mit  Freuden  einer  Gebenedeieten  gabe;  ein  fata- 


4^4  DER  JUBELSENIOR 

les  Aufblahen,  das  leider  die  Bedingung  groBer  Vorziige  ist,  denn 
(nach  Rochefoucault)  notre  orgueil  s'augmente  souvent  de  ce 
que  nous  retranchons  de  nos  defauts. 

Uberhaupt  liebt  der  Mensch  heiBer  und  treuer  bei  glekher 
Gegenliebe  und  Tugend  die  Seele  iiber  ihm  als  die  Seele  unter 
ihm;  das  sen'  ich  nicht  nur  aus  dieser  Neigung  der  Libertins  zu 
rechtschaffenen  Madchen,  sondern  auch  aus  der  ahnlichen,  die 
Affen  mehr  gegen  unsere  Weiber  als  gegen  ihre  tragen :  so  ist  auch 
der  Hund  mehr  Menschenfreund  als  Hundsfreund;  und  den  Teu- 
fel  kann  ich  mir  als  Misanthropen  gar  nicht  gedenken.  10 

Fraulein  Gobertina  streckte  dem  Pfarrhaus  einen  halben  Trut- 
hahn  vor  als  Konsistorialvogel  fur  den  Konsistorial-Brieftauber 
Lederer:  sie  hatte  noch  eine  halbe  Woche  am  Vogel  zehren  kon- 
nen.  Ihr  Appetit  war  groBer  als  ihre  Pension:  gleichwohl  kam 
nichts  auf  ihre  Tafel,  das  nicht  ein  Herr  von  Hofe  hatte  fordern 
konnen,  gesetzt  auch,  er  hatt*  es  nachher  dem  hungrigen  Men- 
schen  hinter  dem  Sessel  gelassen.  Es  war'  ihr  zu  verachtlich  und 
hofwidrig  gewesen,  andere  Tauben  und  Schweine  auf  ihr  Tisch- 
tuch  zu  lassen  als  wilde;  denn  sie  wuBte,  daB  man  Herrentafeln 
nicht  gern  mit  etwas  Zahmen  (die  Gaste  ausgenommen)  besetzt.  20 

Ingenuin  zog  fort;  aber  zu  Hause  verlas  er  den  Schenkungs- 
brief  des  Truthahns  nur  vor  einer  triiben  Seele.  Alithea  hatte 
ihren  goldenen  Ring,  weil  er  ihren  in  der  Warme  aufgedunsenen 
Finger  zu  sehr  quetschte,  muhsam  abgeschraubt  und  den  Faden, 
der  ihn  verengte,  abgewickelt  und  ihn  bis  auf  weitere  Zuriistung, 
unter  der  Kochstunde  fur  den  Boten,  hingelegt.  In  diesem  stillen 
reinen  Hause  drehte  nie  der  Argwohn  sein  Katzenauge.  Sie  ging 
hinaus  und  fand  wiederkommend  den  Zirkularboten  in  einer  Kop- 
peljagd  hinter  dem  Starmatz,  der,  wie  er  sagte,  auf  den  Tisch 
geflogen  sei  und  den  Ring  in  den  Schnabel  genommen  und  ver-  30 
schleppet  habe.  Der  schone  Ring  war  so  wenig  zu  finden  wie  Sa- 
lomons Siegelring:  mir  ists  glaublich,  daB  ihn  der  Embaxador  zu 
seinem  Gebrauche  gestohlen  hat.  Inzwischen  nannte  der  Bote  den 
Star  immerfort  einen  Spitzbuben,  und  der  Vogel,  ein  gefiederter 
Fiskal  oder  Frevelknecht,  retorquierte  die  Injurie  auf  der  Stelle 
und  hieB  den  Boten  einen  Dieb.  Die  Mutter  hielt  aus  Achtung 


ERSTER  OFFIZIELLER  BERICHT  425 

fur  die  Menschheit,  die  Pflegetochter  aus  Achtung  fiir  das  Kon- 
sistorium  den  Star  fiir  den  Schnapphahn.  Alithea,  die  doch  den 
Doppeldukaten  so  gern  von  ihrem  Halse  abgehenkt  hatte,  konnte 
ihre  Tranen  iiber  den  ausgeraubten  -  Ringfinger  nicht  mehr 
mit  der  Kochschiirze  abtrocknen;  und  als  der  Senior  vorbeiging, 
so  mafi  sie  -  da  er  trotz  seiner  grauen  Jahre  noch  iiber  Unvor- 
sichtigkeiten  und  iiber  irdische  und  unfruchtbare  Tranen  auffuhr 
-  dem  Rauche  der  Kiiche  das  bewolkte  Auge  bei  und  schloB  dar- 
aus  leicht  auf  -  triibes  Wetter. 

10  Als  der  Bote  nach  der  Fiillung  der  Magen-Montgolfiere  und 
nach  der  metallischen  Einspriitzung  seines  Beutels  endlich  Ab- 
schied  genommen:  so  hob  eine  feierliche  stumme  Wonne  die  vier 
befreundeten  Herzen  empor.  Der  Senior  gehorte  zur  koniglichen 
Linie  jener  Menschen,  die  gerade  im  Freudengesang  oder  viel- 
mehr  im  Lied  der  Freude  aufwarts  steigen  und  die  in  den  Himmel 
streben,  wenn  ihn  die  Wolken  verlassen,  wie  die  gefangne  Lerche 
in  der  Stube  ihre  mit  Faden  gebundene  Fliigel  ausstreckt  und 
aufspringt,  wenn  sie  zu  singen  anfangt.  Schwers  streckte  seinen 
Arm  wie  einen  bemalten  Arm  am  Wege  aus  und  zeigte  damit  auf 

20  die  Blumenstaub-  und  Sonnenwege  der  Vorsehung,  die  gerade 
sein  Jubilaum  mit  der  Adjunktur  zusammenbringe.  Theodosia 
setzte  noch  dazu:  »Und  unsere  Silberhochzeit  feiern  wir  ja  doch 
auch.«  -  Ingenuin  blickte  Alitheen  an,  und  ihr  Auge  driickten 
groBere  Tropfen,  und  beide  dachten  an  den  vertragnen  Ring; 
aber  Dea  weinte  weder  aus  Freude  noch  Riihrung  noch  Trauer 
fort,  sondern  aus  alien  Griinden  auf  einmal :  alle  ihre  Nerven 
waren  frische  Zweige  einer  Sinnpflanze,  die  noch  unter  keinem  zu 
haufigen  Betasten  erschlafft  und  gesunken  waren. 

Das  junge  Paar  hielt  eine  scheinbare  und  fiiegende  Abendmahl- 

jo  zeit  vom  Abhub  des  Boten  und  wirkte  sich  die  Erlaubnis  einer 
Abend -Wallfahrt  aus.  Auf  dem  Dorfe  gibt  man  jungen  Leuten 
Freiheitsmiitzen  und  Handels-  und  akademische  Freiheit;  in 
Stadten  gewinnen  sie  kaum  einige  rules  um  ihre  Kings-Benchs, 
kaum  vier  neue  Luft-  und  SchieBlocher  im  alten  SklavenschifF 
oder  Burgverlies  -  keine  Freiheit  wird  aber  ofter  verletzt  und 
verscherzt  als  die  eingeschrankte.  Beide  eilten  aus  dem  eingebaue- 


426  DER  JUBELSENIOR 

ten  Dorfe,  das  in  lauter  frischen  Einfassungsgewachsen  stand, 
namlich  in  Birken,  hinaus  und  hinauf  auf  einen  runden  Hugel, 
der  drei  aneinander  gedrangte  Hange-  oder  Trauerbirken  trug, 
aus  denen  die  Landpreiser  nicht  viel  machten,  weil  aus  ihnen  nicht 
wie  aus  andern  Birken  Stubenbesen  zu  binden  waren.  Der  Bir- 
ken-DreifuB  war  mit  einer  holzernen  Bank  und  Gurt  gerandert, 
auf  die  sich  das  Paar  niederlieB. 

Der  abendrote  Zauberring  des  Horizonts  lag  wie  ein  glimmen- 
des  Feuerrad  um  sie  -  ihre  Augen  schaueten  iiber  alle  lichtgriinen 
Gipfel  hinab  -  Das  weite  Oratorium  der  Erde  war  um  ihre  griine 
Empor  umhergezogen  -  und  iiber  ihnen  schwebte  ein  arbeiten- 
des,  an  den  Enden  anglimmendes  Gewitter,  das  auf  dem  Purpur- 
Zirkus  und  Feuerrade  des  Horizonts  aufstand  und  wodurch  das 
Brausen  einer  Waldung  ohne  die  ErdstoBe  des  Donners  zog  - 
und  das  sanfte  Sonnenauge  stand  verhangen  vom  Regentuche 

des  Gewitters Die  Wolke  warf  keine  Katarakte,  sondern  nur 

einen  warmen  Staubbach  auf  den  Herbstflor  der  Erde,  und  statt 
der  Feldschlange  und  Ziindrute  des  Blitzes  iiberfloB  nur  die 
schimmernde  Naphthaquelle  eines  sanften  Heiligenscheins  die 
ganze  Nebelbank. 

Ingenuins  Liebe  gegen  Alithea  wuchs  heute  immer  tiefer  und 
fester  in  sein  Herz,  und  wurzelte  immer  weiter  hinweg  von  der 
Zungenwurzel,  nicht  nur  darum,  weil  er  heute  so  feierlich  war 
wie  die  Natur  iiber  ihm,  noch  weil  sein  Vater  ihr  eine  empor- 
hebende  Achtung  zuwog  -  ihn  aber  liebte  die  Mutter  mehr  -, 
sondern  besonders,  weil  das  Schicksal  in  der  einen  Hand  ihm 
einen  Freudenkelch  und  in  der  andern  ihr  einen  Leidenskelch  ge- 
reicht  und  weil  Alithea  so  gern  ihr  Gold  fur  ihn  vom  Halse  ab- 
gebunden  hatte.  Er  legte  immer  statt  des  Geliibdes  der  Liebe  das 
des  Stillschweigens  ab.  Endlich  entsann  er  sich  des  Nachmittags  : 
und  erzahlte  ihr,  daB  heute  seine  Mutter  von  ihrem  griinen  Zili- 
zium,  von  ihrer  seidenen  Dornenkrone,  namlich  von  dem  aus 
Draht  und  griiner  Seide  und  welker  Myrte  gebundenen  Braut- 
kranz  den  antiken  Staub  weggeblasen  habe,  um  vor  ihm,  wegen 
der  Nahe  der  Silberhochzeit,  diesen  falben  Nachflor  ihrer  davon- 
gezognen  Lebens-Sommermonate  aufzudecken.  Hier  tat  Alithea 


ERSTER  OFFIZIELLER  BERICHT  427 

frohlich  eine  kleine  Sammlung  von  Briefen  heraus,  die  sie  der 
Mutter,  die  dem  Trotze  zu  wenig  und  der  Bitte  zu  viel  gewahrte, 
zum  Lesen  abgeschmeichelt  hatte.  Es  waren  die  Liebesbriefe  des 
Seniors  an  Theodosia.  Alithea  bat  den  Sohn,  die  veralteten  Hand- 
ziige  vorzulesen.  Einem  guten  Kinde  ist  es  nicht  nur  schwer,  sich 
seinen  Vater  in  den  wilden  Renommistenjahren  des  Junglings 
oder  auf  Akademien  oder  als  Lichtgiefier  von  Brautfackeln  zu 
denken,  sondern  auch  angenehm:  die  Achtung  riickt  der  siiBern 
Liebe  zu.  Ingenuin  gewann  unter  den  Vorlesungen  nicht  bloB 

10  seinen  Vater  lieber  aus  dem  vorigen  Grunde,  sondern  auch  seine 
Dea  aus  dem  kommenden :  am  Morgen,  wo  ein  Freund  heiratet, 
wollen  alle  seine  mannlichen  Bekannten,  und  am  Nachmittage, 
wo  eine  Schwester  sich  verlobt,  wollen  alle  ihre  jungern  Schwe- 
stern  es  nachtun  -  wie  viel  mehr  ein  leiblicher  Sohn,  der  die  ero- 
tische  Brieftasche  seines  Vaters  durchsieht !  -  Dea  machte  bloB, 
sooft  in  den  Briefen  ein  Trauring  vorkam,  einen  eingesperrten 
Seufzer  aus  ihrem  Busen  frei,  und  ihr  Auge  glanzte  feuchter,  und 
sie  sah  beschamt  auf  ihre  nackte  Hand.  Ingenuin  blickte  sie  fra- 
gend  und  mitleidend  an;  »ach  nur  mein  Ring!  und  ich  wollte 

20  doch  nichts  sagen,  hatten  Sie  ihn  an!«  sagte  sie  unschuldig;  und 
ebenso  unschuldig  erwiderte  er:  »Wahrlich,  Sie  sollten  ihn  dann 
wieder  haben  und  meinen  dazu!« 

Nun  sank  die  von  Blitzen  genahrte  Sonne  feuertrunken  aus 
dem  roten  Gewitter  heraus,  und  tausend  Flammen  flogen  aus  der 
widerscheinenden  nassen  Erde  auf.  Ingenuin  deckte  mechanisch 
von  weitem  seine  durchbrochene  scharlachene  Hand  vor  ihr  An- 
gesicht.  Sie  kehrt'  es  von  den  funf  durchsichtigen  Facherstaben 
weg  gegen  ihn  und  schauete  ihm  recht  voll  und  herzlich  ins  ge- 
blendete  Auge.  Und  als  sie  einander  lange  anblickten,  in  der  blin- 

30  den  Einsamkeit  des  Glanzes  und  verloren  in  den  Donner  und  in 
die  Sonne:  so  bewegten  sich  schmerzlich-suB  ihre  jungen  uner- 
fahrnen  Herzen,  und  jedes  sah  am  andern  die  aufquellende  Trane 
unter  dem  zuckenden  Augenlid,  und  jedes  wunderte  sich  tiber  das 
andere.  » Ach  Sie  l«  sagte  Ingenuin  mit  einem  neuen  Tone,  den  er 
von  sich  selber  noch  nicht  gehort  hatte.  Sie  antwortete:  »Auch 
mir  tut  das  ganze  Herz  so  weh,  aber  ich  hab*  es  gern  -  Sie  wollten 


428  DER  JUBELSENIOR 

was  ?«  -  »Nein,  nein  l«  sagtelngenuin ;  und  als  er  ihr  die  vaterlichen 
Blatter  wiedergab  und  die  pulsierende  Hand  beriihrte:  sank  das 
entkraftete  Gewolk  mit  einem  langen  nachdonnernden  Falle  in 
Osten  darnieder  und  den  gereinigten  entbloBeten  Abend  durch- 
schnitt  die  nackte  Sonnenlohe  und  aus  dem  Gewitter  warf  eine 
Engelshand  kleine  Rosenknospen  oder  weiche  Rubinen  heriiber 
und  die  Walder  bogen  sich  und  brauseten  und  der  Wolkenhim- 
mel  floh  nach  Morgen  und  donnerte.  —  Nicht  die  zwei  Liebenden, 
sondern  die  Liebe  druckte  ihre  Hande  ineinander,  und  Ingenuin 
sagte:  »Ja  ich  werde  heute  unsern  Vater  fragen,  ob  ich  Hirer  wiir-  io 
dig  bin:  denn  ich  liebe  Sie  unsaglich;  ja!  -  Nicht  ?«  -  Alithea  er- 
widerte:  »Nein:  er  wird  schon  sagen,  wie  wenig  an  mir  ist,  wenn 
ich  Sie  auch  liebe.«  -  »0  Teuerste,  konnen  Sie  das?«  fragte  hastig 
Ingenuin,  zu  sich  kommend.  -  »Ach  Sie  haben  ihn  ja  nicht  ge- 
fragt«  (sagte  Alithea)  -  wkommen  Sie  lieber,  es  kuhlt!« 

GroBer  Genius  der  Liebe!  ich  achte  dein  heiliges  Herz,  in  wel- 
cher  toten  oder  lebendigen  Sprache,  mit  welcher  Zunge,  mit  der 
feurigen  Engelszunge  oder  mit  einer  schweren,  es  auch  spreche, 
und  ich  will  dich  nie  verkennen,  du  magst  wohnen  im  engen 
Alpental  oder  in  der  Schottenhutte  oder  mitten  im  Glanze  der  20 
Welt,  und  du  magst  den  Menschen  Fruhlinge  schenken  oder  hohe 
Irrtumer  oder  einen  kleinen  Wunsch  oder  ihnert  alles,  alles  neh- 
men! 

Sie  stiegen  langsam  vom  erleuchteten  Pindus  ihrer  Seelen  nie- 
der.  Das  Dorf  lag  verschattet  in  seiner  weiten  Birkenlaube  und 
Gartenwand.  Die  Sonne  fassete  schon  das  Nachtstiick  der  Erde 
in  den  goldenen  Rahmen  glimmender  Wolken.  Die  Abendglocke 
lautete  die  ermiidende  Messe  des  Tages  aus  -  und  die  Abend- 
schmetterlinge  wacher  Traume  und  dunkler  Wiinsche  fingen 
ihren  miiden  Flug  durch  die  Seele  an.  -  30 

Die  zwei  Kinder  fanden  ihre  matten  Eltern  in  einem  einsamen 
leisen  Abendgesang,  gleichsam  im  Konduktgesang  des  erblasse- 
ten  Tags.  Sie  storten  die  harmonische  Erhebung  nicht,  sondern 
begleiteten  sie  leiser.  Nach  dem  Ende  traten  sie  vor  den  verherr- 
lichten  Greis,  dessen  Seele  in  jedem  Jahre  um  die  iiberirdische 
Sonne,  wie  die  veraltende  Erde  um  die  irdische,  hinaufgezogen 


ERSTER  OFFIZIELLER  BERICHT  429 

kurzere  und  nahere  Kreise  beschrieb.  Der  Vater  erriet  aus  der 
Hand,  die  der  Sohn  genommen  hatte,  die  Bitte  desselben;  denn 
die  Mutter  hatt*  alles  noch  eher  aus  der  Erweiterung  des  Ringes 
vermutet  und  dem  Vater  ihre  Beobachtungen  mitgeteilt.  Denn 
sie  hing  ihrem  Gatten  auf  eine  ungewohnliche  Weise  noch  starker 
als  ihren  Kindern  an,  und  alle  Strophen  ihres  langen  Ehestandes 
gingen,  wenige  weibliche  Reime  ausgenommen,  nach  der  Spha- 
renmelodie  des  Flitterjahrs.  Sie  hatte  nur  eine  fehlerhafte  Weib- 
Hchkeit  -  den  HaB  und  Argwohn  jeder  fremden.  Theodosia  en- 

10  digte  ihre  andachtige  Running  mit  einer  miitterlichen  uber  die 
liebende  ihres  Sohnes  und  brach  in  siiBe  Tranen  aus.  Der  Vater 
erschwerte  durch  eine  Aufmerksamkeit,  womit  er  einen  neuen 
Kanarienvogel  aushorte,  das  Exordium  des  Sohnes,  und  als  dieser 
anfing,  wollte  Alithea  sich  aus  seinen  Fingern  winden  und  fliehen. 
Aber  die  lebhafte  Mutter  sagte  gerade  heraus:  »Segne  sie  nur  ein, 
Vater,  denn  sie  wollen  doch  einander.«  -  Als  er  kaum  gesagt 
hatte:  »Unser  aller  Vater  geb*  euch  seinen  Segen,  und  werdet  so 
gliicklich  urid  alt  wie  euereEltern« — so  lieB  ihm  eine  erstickende 
Wehmut  nur  die  stummen  Buchstaben  der  Mienen,  bis  Theodosia 

20  sowohl  die  Entdeckung  der  EinbuBe  des  Ringes  als  die  zarte 
Oberspannung  durch  den  Rat  verhutete:  »Aber  Verlobung  und 
Ringwechsel  sollt  ihr  bis  zu  unserem  Hochzeittage  verschieben, 
wenn  meine  andern  Kinder  zugegen  sind.«  Wie  gern  setzten  sie 
nach  dem  innern  Verein  den  auBern  hinaus!  — 

Ingenuin  sah  jetzt  auf  dem  einfarbigen  Meere  seines  Lebens 
eine  ganze  bliihende  neue  Welt  vor  sich  hinliegen:  die  Unruhe 
und  der  innere  Larm  seiner  Freude  und  der  PreBzwang,  da  er  jetzt 
so  voll  wachsender  Liebe  verstummen  muBte,  trieben  ihn  mit 
Alitheen  von  den  stillen  Eltern,  die  der  Sonnabend  und  die  Mii- 

30  digkeit  der  Freude  in  die  Arme  des  Schlummers  legte,  weg  auf 
den  alten  Gottersitz  zuriick.  Wie  war  alles  seit  dem  Wandel- 
glockchen  des  Abendgelautes  verwandelt  und  vergottert!  Der 
Herbst  war  ein  Friihling  geworden  -  die  weiBen  Schlosser  in  der 
griinen  Ebene  waren  zu  schillernden  Eispalasten  und  Sonnen- 
tempeln  verklart  -  iiber  die  weiBe  LandstraBe  kriimmte  sich  die 
himmlische  MilchstraBe,  und  beide  schienen  einander  auf  dem 


43°  DER  JUBELSENIOR 

fernen  Gebirge  zu  beriihren,  und  die  Wolken  waren  wie  Portal- 
fliigel  des  Himmels  weit  zuriickgelehnt 

Aber  in  Alitheens  Seek  stiegen  weifie  Nebel,  wie  auf  dem  dun- 
keln  Strome  unter  ihr,  so  groB  wie  Graber  auf,  und  unter  den 
abgeteilten  Hiigeln  aus  Rauch  lagen  ihre  Eltern  -  das  eindrin- 
gende  Gluck  erschreckte  ihre  Nerven  und  richtete  ihre  Augen 
nach  den  Alpen,  unter  deren  FuB  ihr  Vater  und  ihre  Mutter  sich 
abblatterten  und  der  schwarzen  Erde  Rinde  und  Mark  und  Wur- 
zeln  wiedergaben. 

Der  Nachklang  eines  in  den  Waldern  verschallenden  Posthorns  i o 
und  die  Rauchsaulen  verglimmender  Feuerhaufen  der  Hirten  auf 
den  Feldern  und  zwei  fliegende  Irrlichter  richteten  im  Geiste  der 
begliickten  Tochter  die  alten  umgefallenen  Grabmaler  der  teuern 
Eltern  wieder  auf,  und  sie  weinte  daran  ohne  MaB.  Sie  begriff 
sich  nicht,  und  sie  fragte  sich  immerfort  selber:  »Wie  bist  du 
gerade  heute  nicht  aufgeraumt?«  -  Endlich  fragte  auch  Ingenuin 
die  Stille,  weil  er  ihre  Trauer  falschlich  keiner  Freude  zuschrieb. 
»Ich  denke  eben,«  versetzte  sie,  »meine  guten  seligen  Eltern  soli- 
ten  mich  heute  in  meiner  Freude  sehen,  und  das  macht  mich  be- 
trubt.«  Und  hinter  dieser  Spitzenmaske  drangen  alle  ihre  kind-  20 
lichen  Tranen  hervor;  aber  der  schuldlose  reine  Freund  ihrer 
Seele  hielt  jeden  Rebentropfen  des  zerschnittenen  vollen  Herzen 
fur  heilig  und  nahm  jeden  sanft  hinweg,  aber  nicht  mit  den  Lip- 
pen  :  denn  er  sah  den  kindlichen  Gram  iiber  die  entflognen  Eltern 
fur  zu  fromm  und  ehrwiirdig  an,  als  daB  er  ihn  mit  den  Wimschen 
seines  verbiindeten  Herzens  hatte  storen  mogen.  So  ruhten  sie 
lange  vor  dem  stummen  Nachthimmel,  und  ein  Stern  und  eine 
Trane  nach  der  andern  sank  hinab;  aber  die  unschuldigen  und 
unwissenden  Geliebten  schlossen  den  ersten  Maiabend  ihrer  hei- 
Ben  Liebe  ohne  den  ersten  KuB  derselben,  und  die  schonen  Lip-  30 
pen  hatten  einander  alles  gegeben,  nur  sich  selber  nicht 

O  schlieBet  eueren  Abend  willig  so  und  brecht  am  ZauberschloB 
der  Liebe  das  Geruste  des  Korpers  ab !  -  Trunkner  Mensch,  du 
bleibst  es  nicht,  sondern  wirst  niichtern,  wenn  du  deine  Geliebte 
nicht  suchst  und  liebst  wie  die  Tugend,  die  keinen  Korper  annimmt, 
wenn  nicht  Blicke  deine  Worte  und  deine  Wiinsche  bleiben,  da 


ERSTER  HIRTEN-  UND  ZIRKELBRIEF  43  I 

doch  die  Hyazinthe  der  Liebe  so  leicht  bliihend  iiber  dem  Blumen- 
glase,  das  zwei  Tranen  fullen,  schwebt !  -  Unbesonnener,  der  du 
nicht  weiBt,  daB  die  reine  Liebe  gleich  dem  Gletscherwasser  am 
besten  genossen  wird,  ehe  sie  die  Erde  beriihrt,  und  daB  unsere 
hochsten  Empfindungen  den  Paradiesvogeln  gleich  sind,  die  sich 
selten  mehr  vom  Boden  erheben,  sobald  sie  auf  ihn  gesunken  sind ! 


Erster  Hirten-  und  Zirkelbrief 

Ober  Brieffbrm  -  Verjahrung  des  Verdienstes  -  ehelichen  HaB  -  und  iiber 
das  Kinderspiel  des  Lebens 

10  Teuerster  Freund! 

Die  Briefform  ist  eine  der  gefalligsten  Einkleidungen,  wenn 
man  an  den  andern  etwas  schreiben  will:  ihrer  bediente  sich  sogar 
der  heilige  Dominikus  in  seinen  Briefen  an  die  heilige  Dreieinig- 
keit,  Galen  in  seinen  aus  der  Holle  an  Paracelsus  und  Omar  im 
Schreiben  an  den  NilfluB.  Ich  beriihre  nicht  einmal  die  unzahligen 
Menschen,  die  etwas  auf  die  Briefpost  geben.  Diese  schone  Form 
der  Anschauung,  diese  niedliche  Fassung  des  Gesundbrunnen  der 
Wahrheit  tat  der  Literatur  schon  so  viele  Dienste  wie  dem  Post- 
wesen.  Steifen  durren  Satzen  und  Pilastern,  unscheinbaren  Teich- 

20  docken  und  Bohlen  des  Wissens,  z.  B.  der  ganzen  Astronomie, 

Physik,  Botanik,  teilten  oft  die  Deutschen  dadurch  eine  reizende 

korinthische  Form  und  Laubwerk  zu;  daB  sie  iiber  den  Anfang 

der  Abhandlung  setzten  »Teuerster  Freund«  und  unter  ihr  Ende 

»Ich  bin  etc.«  Der  teuerste  Freund  war  das  dreifache  Blatterwerk, 

die  1 6  Schnorkel  und  8  Stengel  des  Kapitells;  und  das  »Ich  bin 

etc.«  gab  dem  FuBgesimse  Hohlkehle,  Karnies  und  Karnieslein. l 

1  Unter  dem  Titel  »Briefwechsel,  Geschichte«  lieset  das  Publikum  gem 
trockne  Abhandlungenj  so  wie  die  Liguisten  Kalber  und  Schafe  gern  an 
Fasttagen  als  Fische  verspeiseten,  wenn  ihnen  die  Priester  diesen  Namen 
30  durch  eine  ordentliche  Taufe  gegeben  batten.  S.  Antons  Geschichte  der 
Deutschen  I.  357.  Gerade  umgekehrt  dachten  die  Brasilianer,  daI3  ein  Wil- 
der, den  sie  fressen  wollten,  durch  die  Taufe  der  Jesuiten  schlechteres 
Fleisch  erhalte,  daher  diese  nur  einen  Teil  des  Tauf  lings  und  Bra  tens  mit 
einem  nassen  Tuche  beriihrten.  Wolfs  Geschichte  der  Jesuiten.  1.  T. 


432  DER  JUBELSENIOR 

Nur  befurcht*  ich,  teuerster  Freund,  ich  ziehe  mit  dem  Schmuck 
der  brieflichen  Einkleidung  das  Publikum  zu  sehr  an  und  vom 
Gefullsel  selber  ab,  und  iiber  der  Porzellankonchylie  werde  mein 
Schaltier  iibersehen.  Nehm*  ich  nicht  dasselbe  an  den  Paulini- 
schen  Briefen  und  an  Hirtenbriefen  wahr,  iiber  deren  auBern  Reiz 
Exegeten  und  Diozesani  ganzlich  den  Inhalt  sowohl  iibersahen 
als  ubertraten?  Brachte  nicht  jedes  Jahrhundert  dem  Neuen  Te- 
stament einen  neuen  Inhalt  mit?  Und  wenn  ich  das  erste  und  das 
achtzehnte  ausnehme  und  wenn  ich  bloB  die  Ausleger  aus  den 
andern  betrachte,  die  auf  eine  unglaubliche  Weise  den  Kern  in  10 
Wurmmehl  und  die  Schale  zu  einem  Kerne  nagten:  so  ist  es  mir, 
als  sari*  ich  ganze  Stande  voll  KrippenbeiBer,  bekannte  Pferde, 
die  statt  des  Futters  die  Krippe  anpacken,  wiewohl  ich  gern  die 
zwei  Vorteile  dabei  gestandig  bin,  daB  sie  das  GebiB  abschleifen 
und  daB  sie  sich  mit  Wind  aufblasen.  Vielleicht  sind  solclie  Ex- 
egeten den  Zigeunern  noch  ahnlicher  (als  den  Pferden),  die  das 
alte  ausgeraucherte  Tabaksrohrchen,  wenn  sie  keinen  Rauch- 
tabak  mehr  haben,  endlich  selber  aufkauen. 

Jede  Menschenseele  hat  ihr  eignes  Idiotikon,  wie  jedes  Jahr- 
hundert seine  Germanismen  und  Gallizismen.  Ein  genialischer  20 
deutlicher  Autor  ist  ewig  dunkler  als  ein  schlechter  verworrener, 
dessen  geistige  Patavinitat  immer  mit  den  Provinzialismen  des 
Jahrhunderts  in  eins  zusammenfallt.  Um  den  Autor  zu  fassen, 
muB  man  den  Menschen  begreifen;  um  aber  einen  Menschen,  d.h. 
einen  Charakter,  rein  zu  fassen,  muB  man  ihn  mit  der  besonnenen 
Allmacht  des  Genies,  die  alle  Zustande  in  Objekte  verkehrt  und 
die  nicht  nur  die  Farbe,  sondern  auch  das  Licht  bemerkt,  vom 
eignen  Ich  absondern  und  wegstellen  und  ihn  beherrschend  be- 
schauen.  Aber  wenige  Menschen  fassen  einen  Charakter  -  wie 
eben  darum  noch  wenigere  einen  malen.  -  Ich  werde  iiberhaupt  30 
erst  in  meinen  versprochenen  kritischen  Briefen1  die  sonderbare 
Operation  des  menschlichen  Geistes  zerlegen  -  und  dadurch  sel- 
ber begreifen  -,  wodurch  sich  in  uns  die  Idee  eines  fremden 
Charakters  zusammenstellet?  den  uns  doch  die  auBere  Welt  in 
zerworfnen  physiognomischen  Fragmenten,  in  disjectis  membris 
1  Ober  den  Humor,  den  Wit?,  den  Roman  und  die  Satire. 


ERSTER  HIRTEN-  UND  ZIRKELBRIEF  433 

einhandigt.  So  viel  hab*  ich,  ohne  noch  fur  die  Presse  dariiber 
nachgedacht  zu  haben,  heraus,  daB  in  unserer  Idee  von  der  To- 
talitat  eines  jeden  Menschen  ein  Hauptzug,  ein  Brennpunkt,  ein 
punctum  saliens  vorglanze,  urn  welches  sich  die  Nebenpartien 
abstufend  bilden.  Aber  wie  der  Brennpunkt  entstehe  etc.  und 
alles  iibrige,  das  bleibt  mir,  bevor  ich  fur  die  Presse  etwas  dariiber 
ausarbeite,  noch  ein  tiefes  Ratsel  und  ein  ferner  Nebelfleck. 

Urn  einen  Menschen  vollkommen  zu  verstehen,  muBte  man 
seine  Doublette  sein  und  noch  dazu  sein  Leben  gelebt  haben.  Die 

10  Sprache  ist  ein  Gewolke,  an  dem  jede  Phantasie  ein  anderes  Ge- 
bilde  erblickt.  Sogar  sich  selber,  namlich  sein  eignes  Buch,  fasset 
man,  wenn  uns  eine  Reihe  unahnlicher  Zustande  umgearbeitet 
hat,  bloB  durch  das  Erinnern  an  den,  worin  man  es  machte. 

Ich  kehre  zum  Appendix  zuruck.  Es  ist  ein  eigener  Reiz  fur 
mich,  daB  ich  die  folgenden  leeren  Seiten  aufblattern  und  durch- 
schauen  und  zu  mir  sagen  darf :  »Du  kannst  doch  dasmal  auf  ihnen 
handeln,  wo  von  du  willst.«  Urn  aber  gleichwohl  an  irgendem  Ge- 
setz  und  Leitseil  gebunden  zu  sein,  will  ichs  voraussagen,  was  ich 
verhandeln  will.  Ich  mache  mich  anheischig,  hier  in  diesem  Zir- 

20  kelbriefe  von  der  Verjahrung  der  Verdienste  zu  sprechen  und  von 
dem  ehelichen  Hasse  und  im  Postskript  von  dem  Kinderspiele 
des  Lebens:  dann  schlieB'  ich  das  Schreiben. 

In  einem  guten  Staate  verjahren  Verbrechen  und  Verdienste 
aus  gleichen  Griinden,  und  der  Tater  hat  nichts  mehr  zu  gewar- 
ten.  Man  injuriiere,  man  hure,  man  stehle,  man  breche  eine  Ehe 
doppelt:  so  fahrt  man  gut  dabei  und  kann  nicht  geziichtigt  wer- 
den  fur  das  erste  Verbrechen  nach  i  Jahre,  fur  das  zweite  nach 
5  Jahren,  fiir  das  dritte  nach  20,  fur  das  letzte  ebenfalls  nach  20  (in 
Sachsen),  gesetzt  sogar,  man  ginge  selber  in  die  Gerichtsstube 

30  und  verwaltete  sein  eignes  Fiskalat  selber.  Ebenso  belohnet  ein 
konsequenter  Staat  verjahrte  Verdienste  nicht:  hat  ein  Gemeiner 
im  Janustempel  seine  Votiv-Beine  aufgehangen,  oder  hat  ein 
Schulmann  einer  Schule  seine  Krafte,  ein  Minister  dem  ganzen 
Lande  seine  Uneigenniitzigkeit  und  Zeit  gewidmet:  so  kann  der 
erste  nach  einem  Jahre  und  die  zwei  andern  nach  fiinf  Jahren  kein 
Pramium,  nicht  einmal  eine  Zeile  auf  der  Meritentafel,  der  tabula 


434  DER  JUBELSENIOR 

rasa  der  Erinnerung,  fodern.  Der  Zier-,  SpieB-,TrefT-,Inventions- 
und  Jungferndank  verjahrt  schon  darum,  weil  er  ihnen  gebuhrt 
und  weil  ihn  ein  anderer  besitzt:  denn  schon  das  Zivilrecht  spricht 
dem  rechtmaBigen  Besitzer  das  Eigentum  ab,  das  ein  unrechtmaBi- 
ger  10  Jahre  lang  besessen,  nur  daB  die  Abwesenheit  des  wahren 
Eigentiimers  die  Verjahrung  der  Belohnung  nicht  wie  die  eines 
Feldstucks  um  10  Jahre  verschiebt,  sondern  um  10  beschleunigt. 

Die  Griinde  sind  fur  Verbrechen  und  Verdienste  dieselben. 
Jene  verjahren,  weil  man  annimmt,  der  Mensch  sei  schon  durch 
die  Gewissensbisse  mit  heiBen  zwickenden  Zangen,  mit  effigie-  : 
Strang  und  mit  Staupenschlag  justirizieret  worden1;  -  diese  ver- 
jahren, weil  das  Gewissen  den  Menschen  in  so  langer  Zeit  mit 
hundert  Biirgerkronen  und  Meritorden  belohnet  hat.  Die  Schwie- 
rigkeit,  die  Beweise  aufzutreiben,  haben  alte  Siinden  und  alte 
Verdienste  gemein.  Das  lange  Stillesitzen  des  Verbrechers  und  des 
Verdienstvollen  lassen  billig  annehmen,  daB  die  bewuBten  Hand- 
lungen  mehr  dem  Zufalle  und  der  Obereilung  als  der  Absicht  bei- 
zumessenseien.DaherwoIlensogarklassischeAutoresdiePraskrip- 
tion  ihres  Ruhms  durch  neue  Auflagen  alter  Werke  unterbrechen. 

Freilich  ist  in  jedem  Lande  einer,  der  -  so  wie  der  Bock  in  der  : 
Wiiste  oder  der  Adam  in  Halberstadt*  alle  fremde  Siinden  auf 
sich  nahm  -  ebenso,  als  Bevollmachtigter  und  Reprasentant  des 
Verdienstes,  der  Hebungsbediente  und  Kollekteur  aller  Pramien 
ist,  die  dem  Verdienste  gehoren.  Bekannter  ist  der  Kollekteur  un- 
ter  dem  Namen:  der  Gunstling.  Wie  nun  ein  Gerate,  das  einen 
to  ten  Juden  beriihrte,  seine  Verunreinigung  einem  zweiten  Ge- 
rate und  dieses  einem  dritten  leihr  oder  wie  ein  unreines  Leichen- 
haus  eine  ganze  Judengasse  levitisch  besudelt:  so  teilt  sich  audi 
die  moralische  Reinigkeit  durch  die  Nahe  eines  solchen  Prinzi- 
palkommissarius  des  Verdienstes  mit,  und  auf  seine  ganze  Fa-  3 
milie  geht  sein  indossierter  stellvertretender  Wert  und  die  damit 
verbundene  Lohnung  iiber. 

1  Quistorps  peinl.  Recht  §.  S64.  der  1.  Aufl. 

2  Am  Aschermittwoch  lieBen  die  Halberstadter  einen  Burger,  der  kein 
Engel  war,  schwarz,  barfu8,  verhiillt  von  einer  Kirche  zur  andern  gehen 
und  fur  die  iibrigen  biiBen. 

3  Misch.  6.  Seder. 


ERSTER  HIRTEN-  UND  ZIRKELBRIEF  435 

Da  aber  ein  Verbrechen,  namlich  das  der  beleidigten  Majestat, 
nicht  verjahrt:  so  kann  auch  das  Verdienst  der  geschmeichelten 
nie  verjahren:  ein  Verdienst  um  den  Hof  (nicht  urn  das  Land) 
kann  wie  die  delicta  excepta  leicht  bewiesen  werden,  durch  einen 
Zeugen,  durch  Kinder,  durch  Blodsinnige.  Die  Handlungen  des 
Inhabers  tragen  alle,  wie  sonst  die  Kinder  der  Puritaner,  den  Na- 
men  Tugenden.  Er  ist  ein  besserer  Reprasentant  eines  Fiirsten, 
besser  als  die  auswartige  Ambassade,  oder  vielmehr  er  ist  der  ans 
Land  abgeschickte  innere  Ambassadeur  und  hat  ebenso  viele  Ahn- 

io  lichkeiten  mit  dem  Fiirsten  (die  Stigmen  ausgenommen)  als  der 
heilige  Franziskus  mit  Christo,  deren  Zahl  Pedro  d'Alva  Astor- 
gain  bescheiden  auf  viertausend  ansetzt.  Haben  zwei  Herren  das- 
selbe  Verdienst  um  einen  Hof:  so  gehort  die  Belohnung  -  so  wie 
bei  dem  Tugendfeste  im  elsassischen  Blotzheim  unter  zwei  gleich 
tugendhaften  Jiinglingen  keinem  der  Preis  zufallt  als  dem  arm- 
sten  -  dem  reichsten.  — 

Auf  den  ehelichen  HaB  bringt  mich  dasSchwerssche  Paar  durch 
seine  eheliche  Liebe.  Es  ist  sonderbar  und  schlimm,  daB  in  unsern 
Tagen  gerade  die  Sorgen,  die  in  der  Ehe  von  vier  Schultern  ge- 

20  tragen  werden,  und  der  gegenseitige  Kaltsinn  der  Trager  mk- 
einander  zunehmen.  Auf  den  Leidenskelch  miiBte  man  vorziiglich 
das  Wort  eingraben,  das  auf  den  Bierkriigen  der  Paulaner  Mon- 
che  steht:  charitas  (Liebe);  aber  nur  Ehen,  worin  man  aus  der 
Kiirbisflasche  der  Freude  trinkt,  haben  immer  dieses  Wort  auf 
den  Ktirbissen. 

Dieses  alles  hat  mich  oft  auf  den  Gedanken  gebracht  -  ich  hab' 
es  aber  unter  dem  Schreiben  vergessen  -,  den  Theaterregisseurs 
die  Frage  vorzuhalten,  ob  es  sanft  und  schonend  sei,  daB  sie,  wie 
sie  oft  tun,  in  unsern  Tagen,  wo  die  Frau  den  Gatten,  wie  der 

30  Weise  den  Tod,  weder  flieht  noch  wiinscht  und  wo  der  Mann  an 
ihr  seit  ihrer  Erdnahe  nichts  vom  alten  Glanze  verspuren  kann, 
wie  die  Erde,  die  als  ein  leuch tender  Stern  im  Himmel  herum- 
zieht,  uns  Leuten,  die  wir  den  FuB  darauf  haben,  bloB  als  eine 
schwarze  kalte  Lichtschnuppe  erscheint,  ich  frage  namlich,  ob 
solche  Direktores  schonend  handeln,  daB  sie  in  diesen  Zeiten  des 
ehelichen  Indifferentismus  den  Ehemann  notigen,  auf  dem  Thea- 


43<>  DER  JUBELSENIOR 

ter  eine  Liebhaberrolle  gegen  seine  angetraute  Frau  zu  iiberneh- 
men  -  gegen  diese  sich  offentlich  etwas  anders  zu  stellen  als  kalt 
und  fremd  —  z.  B.  in  Goethes  Tasso  als  Torquato  der  Furstin 
(seiner  Frau)  dasselbe  Herz  als  eine  Zuckerdose  und  ein  indisches 
Nest  der  Liebe  zu  prasentieren,  das  er  ihr  einige  Minuten  vorher 
in  der  Kulisse  als  einen  Sauertopf  und  Giftbecher  des  Zorns 
vorgehalten.  Ich  lieBe  mirs  noch  gefallen,  wenn  das  Paar  geschie- 
den  ware;  aber  der  Regisseur  bedenke,  wie  es  ihm  bekame,  wenn 
er  in  so  nahen  Verhaltnissen,  wie  die  ehelichen  sind,  die  Gast- 
rolle  der  Zartlichkeit  zu  iibernehmen  hatte,  indes  er  noch  dazu  10 
(wie  leicht  verlangt  das  nicht  die  Okonomie  des  Stiicks)  gegen 
seine  nicht  weit  dayon  stehende  wahre  Geliebte  den  Kalten  spielen 
muBte!  - 

Ich  bin,  teuerster  Freund, 

Ihr 

Jean  Paul. 

N.  S.  Noch  muB  ich,  Bester,  erinnern,  daB  die  Menschen  Kin- 
der sind  und  die  Erde  ein  limbus  infantum.  Ich  halte  oft  an  volk- 
reichen  Tagen,  z.  B.  der  Markte,  der  offentlichen  Aufziige,  mein 
Hohlglas  als  einen  Hohlspiegel  vor  und  lasse  die  Leute  zu  Zwer-  20 
gen  einlaufen,  wovon  ein  ganzer  Landtag  oder  ein  ganzes  Kon- 
sistorium  unter  dem  Deckel  einer  Schnepfenpastete  Sessionen  hal- 
ten  konnte.  Hab*  ich  es  so  weit,  so  steir  ich  mir  leicht  vor,  ich 
sahe  lauter  Kinder.  (Im  Grunde  bleibt  es  auch  so,  wenn  ich  das 
Hohlglas  weglege:  denn  der  gebiickte  alte  Mensch  krummt  sich 
wie  die  Ewigkeitsschlange  zur  Kindheit  zuriick,  aus  der  er  aus- 
einanderschlug,  wie  ein  Tonstiick  nach  den  Wanderungen  durch 
alle  Tonarten  doch  in  der  verklingt,  worin  es  begann.)  Ich  will  die 
dunkle  Kinderstube,  worin  die  Kleinen  spielen  und  greinen,  ein 
wenigweiteraufmachen.  Ein  paar  Wechselkinder  oder  Kielkropfe,  30 
die  den  ganzen  Tag  fressen  und  schreien,  hat  der  Teufel  vorn  auf 
die  Schwelle  gelegt.  Ober  alle  ragt  ein  kleiner  Junge  auf  einem 
hohen  Kinderstuhl  hervor,  der  sein  ordentliches  foramen  ovale 
oder  Aschenloch  hat  und  vielleicht  so  hoch  ist  wie  ein  Thron,  und 
ruft  aus :  »Jetzt  muB  ich  euer  Konig  und  Korporal  sein, und  ich  will 


ERSTER  HIRTEN-  UND  ZIRKELBRIEF  437 

euch  alle  den  Augenblick  ins  Hundeloch  schmeiBen«;  das  Kind 
nimmt  sich  gut  genug  mit  der  Gerte  des  Vaters  aus  (es  hat  keinen 
Zepter)  und  schlagt  damit  stark  umher.DaseineKindsagt:  »Reite 
mich,  dann  reit'  ich  dich«  -  das  andere :  »Sei  der  Miihlpursch,  und 
ich  muB  dein  Esel  sein,  und  du  muBt  mich  hauen.«  -  Blindekuh 
und  Ballschlagen  (oft  Balle  von  24  U)y  Soldatens  und  Kopfen  - 
das  eine  sitzt  auf  dem  Sessel,  und  das  andere  schlagt  ihm  mit 
einem  Lineal  zwei-  oder  dreifache  aufeinandergesetzte  Hiite  ab  — 
sind  gewohnliche  alte  Kinderspiele;  so  richtig  bemerkt  Arbuth- 

10  not,  daB  die  Kinderspiele  sich  von  Jahrhundert  zu  Jahrhundert 
unverandert  konservieren. 

Die  Buben  spielen  recht  gut  Soldatens,  und  wenn  sie  mit  dem 
Munde  ihr  heftiges  Kartatschenfeuer  geben  -  sie  schreien  heftig 
Puff!  -  so  lauft  allemal  der  Teil  der  Feinde  davon,  mit  dem  es 
vorher  ordentlich  abgeredet  worden;  von  den  zu  Kriegen  noti- 
gen  Geldwagen  (diesen  wahren  Streit-  und  Zauberwagen)  schei- 
nen  die  guten  Kleinen  nichts  bei  GroBen  gesehen  zu  haben.  Das 
Kind  auf  dem  porosen  durchbrochnen  Stuhl  mochte  gern  ein 
paar  Landes-Kinder  und  Bauern  zum  Aufwarten  haben ;  aber  es 

20  fehlt  an  Buben,  unter  denen  das  Puffschreien  einen  bethlehemi- 
tischen  Kindermord  anrichtete. 

Die  Madchen  lassen  ein  wenig  taufen  -  ist  anders  den  Geburts- 
listen  zu  trauen  —  und  liegen  sanft  im  Kindbette  und  kochen, 
was  in  der  Eile  zu  haben  ist.  Ich  und  der  Kindesvater  sind  dar- 
wider,  daB  sie  die  neugeborne  Puppe,  die  selten  sein  Werk  ist, 
in  der  Puppenwiege  so  sehr  riitteln  und  schuttetn,  daB  diese 
dumm  werden  miiBte,  wenn  sie  es  nicht  schon  ware.  Wachst  die 
Kleine  ein  wenig  heran,  so  macht  die  Kindbetterin  eine  ordent- 
Hche  Putzdocke  aus  ihr;  versaumet  aber  doch  nicht,  dem  holzer- 

30  nen  Dingelchen  alle  die  guten  Lehren  und  Homilien  einzupragen, 
die  ihr  die  alte  Mutter  selber  gegeben  und  die  freilich  Docke  und 
Wochnerin  selten  befolgen.  Schon  ists  und  ein  frappanter  Bewes 
der  weiblichen  Vorliebe  fur  das  weibliche  Geschlecht,  daB  die 
Madchen  nicht  mannliche,  sondern  weibliche  Docken  zuerst  so- 
wohl  gebaren1  als  putzen. 

1  Bekanntlich  sind  die  Erstgebornen  Madchen. 


438  DER  JUBELSENIOR 

Am  Fenster  -  damit  sie  besser  zum  Schreiben  sehen  konnen  - 
find*  ich  schon  einige  reifere  Knaben  von  HofTnung  urn  einen 
FuBschemel,  den  sie  ein  Schreibepult  nennen,  seBhaft,  worunter 
einer  aussieht  wie  ich  selber  -  die  kleinen  Teufel  wollen  gern  ein 
Buch  machen  wie  ihr  alter  Vater  (ein  wahrer  Kinderfreund),  und 
da  er  ihnen  etliche  Papierabschnitzel  zugeworfen,  so  kratzen  die 
Narrchen  darauf  etwas  hin  und  sagen:  »Kein  iibles  Werk!«  -  Um 
sie  schreien  die  kleinsten  Kinder  sehr,  sie  mtiBten  denn  schlafen. 
Handel  und  Wandel  steht  in  der  ganzen  Stube  in  Flor  -  es  wird 
alles  im  Lande  selber  gemacht,  was  man  braucht  -  Geldmangel  10 
ist  unerhort,  weil  sie  Papier  und  eine  Schere  haben  und  soviel 
Kinderd'or  damit  schneiden  konnen,  als  sie  brauchen  -  alle  Hand- 
werker  werden  gespielt,  und  die  Backer  schaben  fleiBig  Kreide  zu 
weiBen  Semmeln  um  und  setzen  sie  gegen  Geld  oder  Geldeswert 
ab  -  und  alles  ist  zu  kriegen.  Nur  sollten  sie  das  alles  nkht  in  die 
Papierspane  einwickeln,  worauf  klassische  Jungen  ihre  unleser- 
lichen  Gedanken  geauBert  haben. 

Ich  weiche  ganz  von  einem  und  dem  andern  Schulhalter  und 
Konduitenmeister  ab,  der  behauptet,  in  der  Kinderstube  werde 
nur  gespielt,  aber  nichts  gelernt  fur  die  Zukunft;  wahrlich  die  20 
Spielstunden  sind  nur  freiere  Lehrstunden,  und  die  Kinderspiele 
sind  die  Maler-Studien  und  Schul-Imitationen  der  ernsten  Ge- 
schafte  der  grofiern  Menschen  ohne  Kinderschuhe  auBerhalb  der 
Kinderstube. 

Als  ich  eben  zur  Tike  hineinsah,  kam  hinter  mir  ein  alter  kah- 
ler  Lakai  und  Jockey  des  Vaters,  von  keinem  sonderlichen  Aus- 
sehen,  namens  Freund  Hein,  der  die  groBen  Kinder  zuerst  -  die 
unmiindigen  zuletzt  -  nach  einigen  Kammstrichen  und  Abwa- 
schungen  hinausfuhrt  ins  Freie,  in  den  groBen  bliihenden  Garten, 
wo  der  Vater  in  einer  Jelangerjelieber-Laube  freundlich  auf  sie' 30 
wartet  und  mit  ihnen  unter  den  hangenden  Bliitenbeeten  groBer 
Baume  die  auslandische  Flora  und  unter  den  Ringeltanzen  der 
Schmetterlinge  und  Miicken,  die  sich  nach  der  Gartenmusik  der 
Vogel  drehen,  und  unter  lauter  Glanz  und  Leben  das  Hauptsach- 
lichste  aus  der  Naturgeschichte  vornimmt. 

Aber  der  etwas  staubige  Pedel!  mit  seiner  verschimmelten 


ZWEITER  0FF1ZIELLER  BERICHT  439. 

Physiognomie  weckte  mich  -  freilich  erst  zum  vorletyten  Male  - 
durch  sein  Wegfiihren  auf;  und  ich  ersah,  da6  ich  nicht  an  der 
Stubentiire  stand,  sondern  drinnen  am  FuBschemel  mit  saB  und 
meinen  Papier-Lappen  vor  mir  hatte.  Ich  wollte  aber  unter  so 
vielen  emsigen  Jungen  nicht  allein  schlafen;  und  fuhr  daher  mit 
neuem  Eifer  auf  dem  Papierschnitzel  fort  im 


Z\VEITEN  OFFIZIELLEN  BERICHT 

Der  Spitzbubenstreich  -  Noten  -  der  Rest  der  Rezension  -  die  Clairvoyante 
aus  dem  Kaffee 

10  AuBer  dem  Konsistorium,  das  zur  Sektion  der  Ehe  nichts  weiter 
verlangt  als  die  vorhergehende  Kopulation,  scheidet  wohl  nie- 
mand  so  oft  von  Tisch  und  Bett  und  Herz  als  der  Teufel:  dieser 
Konsistorial-Prosektor  der  Seelen  bestand  ja  in  den  Konkorda- 
ten,  die  er  mit  dem  Doktor  Faust  abschloB,  sogar  auf  dem  Arti- 
kel,  daB  der  Doktor  gar  nicht  heiraten  sollte;  -  und  denselben 
Separatartikel  hab'  ich  in  alien  Hausvertragen  angetroffen,  die  der 
Satan  mit  jungen  Millionaren  machte.  Denn  da  die  uneheliche 
Verbindung  eine  Zahlungsrechnung  ist,  die  eheliche  aber  nur  ein 
Tauschhandel:  so  ist  den  Millionaren  wie  den  Buchhandlern  bei 

20  der  Zahlungsrechnung  die  Ruckgabe  der  Exemplare  verstattet.  - 
Nach  acht  Tagen  -  das  brachte  mich  eben  auf  den  Teufel  - 
kam  aus  Flachsenfingen  ein  Konsistorial-Dekret  samt  der  Lite- 
raturzeitung  nach  Neulandpreis.  Der  Vater  machte  sich  an  jenes, 
der  Sohn  an  diese.  Plotzlicn  las  der  Vater  leiser  und  sagte  endlich 
laut:  »Trag  es  standhaft,  Ingenuin:  die  Adjunktur  ist  dir  abge- 
schlagen,  und  Gott  weiB,  wie1  alles  zusammenhangt.«  Der  arme 
scheinlebendige  Ingenuin  fing  iiber  den  herrlichen  Chodowiecki- 
schen  Kupferstich,  den  das  Schicksal  aus  seinem  Lebensbuche  rifi, 
bitter  zu  weinen  an;  und  dann  erst  zu  widersprechen.  Sie  machten 

30  miteinander  eine  Kondolenzvisite  den  Weibern  unten.  Alitheu 
wurde  bleich  und  welk,  wie  eine  gliihende  Rose  sich  weiB  ver- 
farbt,  wenn  sie  brennender  Schwefel  beriihrt;  aber  die  Mutter 


440  DER  JUBELSENIOR 

focht  die  Echtheit  des  Widerrufs  des  Edikts  von  Nantes,  obwohl 
mit  nassen  Augen,  an. 

Ingenuin  lief  wahrend  dieses  Aquinoktiumssturmes  unter  ein 
Wetterdach  -  ins  RitterschloB.  Das  Fraulein  von  Sackenbach  be- 
dauerte  dieses  herbstliche  Entlauben  aller  seiner  HofTnungen  mit 
der  herzlichsten  geriihrtesten  Stimme,  setzte  aber  sogleich  mit 
einer  aufgeheiterten  den  Trost  dazu :  »sie  wolle  noch  heute  abends 
nach  Hof  schreiben  und  den  geringen  EinfluB,  den  sie  da  babe, 
fur  ihn  verwenden.«  Gering  war  der  EinfluB,  weil  er  auf  einen 
langst  versiegten  hinauslief,  den  sie  in  ihren  Jugendjahren  auf  10 
einen  gewissen  Herrn  von  Esenbeck  in  Flachsenfingen  gehabt.  Es 
war  bloB  so:  Herr  von  Esenbeck,  jetziger  maitre  de  plaisirs  der 
Fiirstln,  war  damals  Jagdpage  des  Fiirsten  gewesen,  wiewohl  der 
Weidmann  damals  am  liebsten  auf  die  Kessel-  und  Klapperjagd 
nach  Damen  ging.  Er  war  da  noch  in  den  Jahren,  wo  jede  weib- 
liche  Gottheit  wie  sonst  eine  heidnische  den  Mann,  der  sie  erblickt, 
rasend  nachlasset,  gerade  in  denen,  wo  man  glaubt,  eine  Heirat 
miisse  man,  wie  ein  Bonmot,  ohne  Vorbereitung  aus  dem  Stegreif 
machen.  Kurz  er  hatte  sich,  um  Gobertinen  zum  Altar  zu  fuhren, 
schon  den  Arm  ausgebeten,  von  dem  ein  kurzer  Weg  zur  Hand  20 
bin  ist.  Aber  Amanda  war  im  entgegengesetzten  Falle  Solons: 
als  man  diesen  fragte,  was  ihm  so  viel  Mut  zum  Widerstande 
gegen  den  Pisistratus  gebe,  so  sagte  er:.  »Mein  Alter«  -  und 
Gobertina  hatte,  wenn  sie  von  ihrem  vergangnen  Widerstand 
gegen  den  maitre  de  plaisirs  hatte  einen  Grund  angeben  mussen, 
versetzt :  »Meine  Jugend.«  Das  mattete  aber  den  Junker  ab,  er  lieB 
sie  sitzen  und  stehen  und  fragte  wenig  nach  der  Regel  der  Mutter 
und  Schachspieler,  daB  man  eine  (weibliche)  Figur,  die  man  be- 
riihret  habe,  auch  ziehen  miisse,  und  war's  zum  Schaden  des  Ko- 
nigs.  —  Gobertina  schickte  ihm  nachher  oft  Briefe,  wenigstens  30 
um  die  vorigen  zuriickzufordern;  aber  er  gab  nicht  einmal  eigne 
dafiir:  sie  war  aufs  Land  gesetzt  und  noch  dazu  auf  halben  Sold; 
welche  Rose  hatt*  er  ihr  noch  abzuverlangen  oder  zuzuwenden 
gehabt  als  die  des  Stillschweigens  ?  - 

Gleichwohl  setzte  sie  aus  Liebe  zu  den  Pfarrleuten  ein  Brief- 
chen  an  den  maitre  auf,  das  eine  Fischreuse  fur  sein  plattiertes 


ZWEITER  OFFIZIELLER  BERICHT  44I 

Glatteis-Herz  oder  doch  ein  Garnbock  fur  ihre  Weife  und  zu- 
gleich  einLukas-und  Agathazettel  undHiilfswort  fiirdieSchwers- 
schen  werden  sollte. 

Sie  schrieb  drittehalbe  Bogen  und  schnitt  sie,  so  gut  sie  konnte, 
ganz  nach  Gellerts  Definition  von  einem  Briefe  zu,  daB  er  ein 
Gesprach  mit  einem  Abwesenden  sei.  Denn  die  Bogen  hatten  — 
da  ein  Gesprach  weder  Kolon  noch  Semikolon  noch  Orthogra- 
phic einmischt  -  auch  nichts  davon. 

Ingenuin  fand  bei  der  Zuriickkunft  seine  Dea  in  groBern  Tra- 

10  nen  und  -  an  ihrer  Hand  wieder  ihren  Ring.  In  der  Stube  gliihte 
der  Kantor  Scheinfuft,  auf  dem  Tische  wieder  der  verschenkte 
Doppeldukaten.  Wer  wird  uns  iiber  dieses  narrische  Titelkupfer 
eine  Erklarung  geben?  -  Ein  Halunke,  der  obige  Lederer.  Dieser 
zog,  begleitet  wie  ein  Konsul  von  Liktoren  oder  Haschern,  durch 
Neulandpreis,  und  ihn  schuttelte  schon  auf  der  offnen  StraBe  das 
Gefangnisfieber.  Wenige  verstehen  mich;  es  war  aber  das: 

Flachsenfingen  besetzt  namlich  so  gut  als  irgendein  Land  die 
wichtigern  Posten  seiner  streitendenKirche,  dievolkreichenPfar- 
reien,  geschickt,  d.  h.  nicht  mit  jungen  Kadetten,  sondern  mit 

20  Veteranen,  mit  Leuten,  die  den  Psalter  in  den  Jahren  erklaren, 
worin  ihn  David  verfaBte,  namlich  in  den  letzten.  Das  Judentum 
und  das  Papsttum  sind  die  zwei  Vorhofe  des  Luthertums.  In  je- 
nem  wurde  keiner  ein  Priester,  der  noch  nicht  ein  DreiBiger  war: 
daher  setzen  wir  noch  bis  diese  Minute  keinen  jiingern  in  den 
Schuldturm  einer  Ponitenzpfarre,  geschweige  in  den  babyloni- 
schen  einer  reichen.  Anlangend  das  Papsttum,  so  sind  groBere 
Pfarreien  nichts  als  kleinere  Kirchenstaaten;  wie  nun  der  heilige 
Vater  des  groBten  Kirchenstaats  nur  in  dem  Alter  gewahlet  wird, 
worin  er  kein  Vater  in  einem  weltlichern  Sinne  mehr  sein  kann, 

30  namlich  unter  den  Sechzigern  selten,  so  tragen  nur  die,  die  das 
Akzessit  des  Kirchhofs  erlangten,  den  Preis  einer  Peterskirche  da- 
von. Denn  es  ist  mehr  daran  gelegen,  diinkt  mich,  daB  ein  weiter 
Kirchensprengel  einen  veralteten  exemplarischen  Ex-  und  Erz- 
vater ohnealleLeidenschaften  -  diese Fettaugen und Fettschwanze 
der  Jugend  -  uberkomme,  als  daB  dem  Sprengel  bloB  ein  Mann 
zufalle,  der  ihn  versieht.  Man  wiirde  daher  schon  langst  aufge- 


442  DER  JUBELSENIOR 

horet  haben,  sich  zu  wundern,  wie  ein  so  reiches  Pastorat,  als 
Neulandpreis  ist,einem  so  jungen  Pastor  fidoAlitheensangefallen 
sei,  eine  Stelle,  auf  die  wegen  der  vielen  Eingepfarrten  (eine  Meile 
weit  miissen  einige  in  die  Kirche)  vielleicht  der  alteste  schon  halb- 
tote  Senior  im  Lande  Anspruch  machen  konnte  -  ich  sage,  man 
wiirde  schon  langst  aufgehoret  haben,  sich  zu  wundern,  hatte 
man  bedenken  wollen  oder  konnen,  daB  die  ganze  Sache  nichts 
ist  als  —  lauter  Wind,  eine  rechte  Spitzbuberei,  in  die  man  jetzt  den 
Leser  naher  einweihen  will. 

Lederer  ist  der  Spitzbube.  Dieser  Mensch  griff  namlich  zu  einer 
Schiefertafel  und  stach  in  gravierter  Arbeit  auf  dem  Stein  das 
Konsistorial-  und  Regierungsinsiegel  nach,  und  die  Hande  dieser 
Kollegien  make  er  nach  -  und  dann  machte  sich  der  Hofstein- 
stecher  reisefertig.  StieB  diesem  nun  irgendwo  ein  Ponitenzpfar- 
rer,  ein  amtssassiger  Hauptschuldner  und  matter  Supplikant,  ein 
fahler  ausgekernter  Amtmann  auf:  so  fuhr  ein  guter  Geist  in  ihn, 
und  er  sperrte  sich  ein  und  fertigte  eine  iiberraschende  Vokation 
fur  das  darbende  Subjekt.  So  belohnte  und  postierte  er,  indem  er 
als  verkappter  Kalif  das  Land  durchstrich,  echtes  Verdienst  nach 
bestem  Wissen  und  Gewissen.  Er  selber,  der  Agioteur,  hatte  we-  : 
nig  davon,  daB  er,  wie  ein  nuntius  a  latere,  neben  dem  Landes- 
herrn  gute  Stellen  besetzte,  das  Recht  der  ersten  Bitte  exerzierend : 
sein  Selbstverlag  von  Beforderungen  zweckte  mehr  auf  fremde 
Freuden  ab  als  auf  seine,  er  war  fahig,  die  besten  Amter  im  Fluge 
zu  verschenken,  ohne  Schmeichelei,  ohne  Suppliken,  ohne  halbe 
Intraden  oder  -  wurd'  er  gerade  in  adeligen  Dorfern  Patronats- 
herr  -  ohne  Mitbelehnschaft  und  Maskopie  fur  eine  Kammer- 
jungfer  zu  begehren.  Das  wenige,  was  er  sich  aufzwingen  HeB 
und  was  er  zum  Scheine  gern  einsteckte  -  um  den  Konsistorial  - 
boten  frappanter  nachzuspielen,  welches  auch  die  einzige  Stelle  ; 
war,  wozu  er  sich  selber  berufen  -,  war  das  Mahl  und  Gratia], 
womit  das  vozierte  Subjekt  erkenntlich  sein  wollte.  DaB  freilich 
nachher  der  Landesherr  keine  einzige  seiner  Standeserhohungen 
bestatigte,  sondern  die  ganze  Dienerschaft  absetzte  und  ihn  dazu 
—  das  war  dem  Schiefersteinmetz  nicht  aufzubiirden. 

Schlimm  wars,  daB  eine  solche  zerstorliche  Ein  rede  auch  den 


ZWEITER  OFFIZIELLER  BERICHT  443 

schuldlosen  Adjunktus  kassierte  und  das  von  Hoffnungen  aufge- 
blahte  Herz  seiner  armen  Braut  eindruckte.  Der  Kantor  Schein- 
fuB  sa6  gerade  in  der  Schenke,  als  der  Vokationen-Falsarius  und 
Prokonsul  mit  seinen  Liktoren  eintrat:  dem  Kantor,  dem  gerade 
Gliihwein  auf  den  Wangen  saB,  hatt*  es  das  Pfarrhaus  zu  danken, 
daB  er  dem  Arrestanten  durch  das  Hersagen  einiger  Strophen  aus 
dem  Liede  »0  Ewigkeit,  du  Donnerwort«  den  Ring  und  den  Du- 
katen  wieder  abjagte,  die  beide  zum  Glucke  weder  versoffen  wa- 
ren  noch  angefeilt. 

10  Aber  dieser  Krebsgang  des  schonen  Braut-  und  Himmelswa- 
gen,  worauf  die  zwei  Liebenden  gestiegen  waren,  entfernte  sie 
nicht  nur  auf  Jahre  lang  von  ihrem  schonsten  Tag,  sondern  auch 
beide  voneinander.  Der  Senior  Schwers  HeB  namlich  in  Beisein 
des  Kantors  die  zwei  stummen,  um  ihre  Hoffnungen  Leidtragen- 
den  vor  sich  treten  und  verordnete  und  verkiindigte :  eines  von 
ihnen  mtiBte  aus  dem  Haus.  Es  war  keine  Frage  wer.  Dea  konnte 
nicht  fiir  den  Senior  predigen :  also  sollte  sie  so  lange,  bis  dieses 
vomSchicksal  niedergetretene  Rosenfeld  und  bowling-green  wie- 
der nachgewachsen  ware,*aus  dem  Hause  nach  Flachsenfingen 

20  zur  schwangern  Buchdruckerin  (seiner  Schwiegertochter)  ziehen, 
weil  weder  den  Leuten  und  ihren  Zungenfkgeln  -  da  jeder  beide 
nun  als  Verlobte  ansahe  -  zu  trauen  ware  noch  dem  Teufel.  Was 
sagte  das  zerritzte  weinende  Paar  dazu?~nichts  als  Ja:  geduldig 
und  stumm  liefen  die  zwei  Lammer  hinter  seiner  Hand,  und  nur 
als  dieser  Sonnenball,  der  Alte,  weg  war,  so  verlosch  der  doppelte 
Regenbogeh,  der  vor  ihm  heiter  geschimmert  hatte,  und  derfrohe 
Trug  sank  als  dunkler  Regen  nieder. 

Alithea  lief  weg  und  brachte  das  trockne  Herz,  in  dem  dieses 
Erdbeben  des  Verhangnisses  alle  siiBen  Quellen  ihres  Lebens  ver- 

50  schuttet  hatte,  in  die  Arme  ihrer  Mutter  Theodosia  und  bat  sie 
mit  schwacher  Stimme,  daB  sie  doch  nur  wenigstens  bleiben  diirfe 
bis  zum  Jubilaum  und  zur  Silberhochzeit;  sie  konnte  sich  sonst 
gar  nicht  fassen.  »Du  wirst  bleiben«,  sagte  die  Mutter  und  ging 
zum  Vater  Schwers  hinauf;  -  und  wie  hatte  der  Silberbrautigam 
eine  so  freundliche  Bitte  seiner  Silberbraut  so  nahe  an  dem  Tage 
verderben  konnen,  wo  beide  sich  umdrehen  und  noch  einmal,  ehe 


444  DER  JUBELSENIOR 

sie  auf  die  beschattetePappelinsel  des  Grabes  ausstiegen,hinuber- 
blicken  wollten  mit  weitsichtigen  Augen  nach  den  reichen  warmen 
Siidsee-Inseln  ihrer  Jugendtage?  —  Er  erhorte  die  alte  Freundin 
und  sagte:  »Aber  gleich  den  Montag  darauf,  das  weiBt  du  schon, 
zieht  sie  in  Gottes  Namen  aus.« 

Ingenuin  nahm  jetzt  im  dunkeln  Museum  wieder  die  Literatur- 
zeitung  zur  Hand  und  uberblkkte  bebend  die  abgebrochene  Re- 
zension  seines  Buches.  Beim  Himmel!  statt  der  weriigen  schon 
geschmolzenen  Schneeballen,  womit  ihn  der  Rezensent  vor  acht 
Tagen  beworfen  hatte,  sah  er  jetzt  vor  sich  einen  Obeliskus  aus  10 
Schnee  -  wie  die  Armen  1785  dem  armen  Ludwig  XVI.  einen 
physischen  fur  seine  Holzspenden  aufballeten  -  als  einen  Lohn 
fur  seine  »Kritik  der  kirchlichen  Liturgik  nach  kantischen  Prin- 
zipien«  aufstehen !  —  Er  wiinschte  von  Herzen,  er  konnte  seinen 
Vater  um  die  Ehren-Spitzsaule  fuhren  und  es  sagen,  ihm  sei  sie 
gesetzt;  aber  der  Jubelgreis  lieB  sich  das  Kommunikantentuch- 
lein,  die  Periicke  und  das  Chorhemd,  lauter  Dinge,  die  der  Sohn 
mit  seiner  kantischen  Kritik  kuhn  angegriffen  und  erschiittert 
hatte,  nicht  nehmen. 

So  milderte  die  Hand  des  Schicksals  die  Krampfe  seiner  Qual  20 
und  streichelte  den  Nervenpatienten  mit  wenigen  Strichen,  die  sie 
mit  den  Rezensenten-Schreibfingern  um  seine  Stirne  fiihrte,  in 
einen  magnetischen  Schlaf.  Womit  losete  aber  dieser  Magneti- 
seilr,  dessen  Manipulation  ebensooft  weckt  als  einschlafert,  den 
starren  Marter  -Tetanus  der  emigrierenden  Alithea  auf?  Wenn  ich 
den  Doppeldukaten  und  den  Ring  ausnehme,  wozu  ihr  noch  dazu 
fast  der  fremde  Ringflnger  mangelte:  so  werd*  ich  wenig  Lin- 
derungen  ihrer  Folter  gewahr,  aber  wohl  manche  Scharfung  der- 
selben  durch  die  Zuriistungen  auf  das  Freudenfest.  Und  so  gibt 
immer,  wie  der  Moschus  mit  der  ersten  Starke  seines  Wohlge-  30 
ruchs  die  Nase  bluten  macht,  die  Liebe,  zumal  die  erste,  dem 
weiblichen  Herzen  ebenso  viele  Wunden  als  Freuden,  wenn  nicht 
mehrere. 

Alitheas  Sonnenschein  wurde  vom  Brennspiegel  des  Schmer- 
zens  in  einen  Sonnenstich  verwandelt  und  auf  ihr  Herz  geworfen, 
und  sie  stand  gefesselt  vor  dem  Brennpunkte  bis  einige  Tage  vor 


ZWEITER  OFFIZIELLEIl  BERICHT  445 

der  Silberhochzeit,  wo  eine  alte  Frau  ein  kuhles  Wolkchen  davor 
zog.  Eine  alte  KafFee-Prophetin  sagt*  ihr  namlich  die  sonderbar- 
sten  Sachen  voraus. 

Es  kam  diese  runzlichte  Zeichendeuterin  Freitags l  in  der  schwar- 
zen  Stunde  zu  ihr.  Sie  trieb  Aktiv-  und  Passivhandel  mit  der  Zu- 
kunft  und  mit  Preiselbeeren  und  schlug  einen  grunen  oder  viel- 
mehr  roten  Markt  mit  den  letztern  auf.  Sie  sah  an  Deas  Auge  den 
roten  Titelbuchstaben  des  innern  Martyrologiums  Ieserlich  ge- 
schrieben  und  erofFnete  ihr  freundlich,  wenn  sie  eine  halbe  Tasse 

10  vom  KafFee  dort  daran  verwende,  so  konne  sie  vielleicht  noch 
heute  erfahren,  was  ihr  fehle  und  wie  es  kimftig  gehen  werde. 
Ach  um  diesen  Gewinst  stand  Alitheen  eine  ganze  KafFeeplantage 
feil. 

Die  kumaische  Sibylle  zog  vor  alien  Dingen  den  warmen  Setz- 
teich  ab,  um  die  auf  dem  Schlammgrunde  des  Kaffeesatzes  blei- 
bende  Zukunft  herauszufangen.  Dann  vergafi  sie  die  notwendig- 
sten  Operationen  bei  diesem  prophetischen  Prozesse  nicht  und 
fing  an  zu  sehen  und  zu  reden.  Das  ganze  von  Honthorst  gemalte 
Nachtstiick  der  Vergangenheit  lag  auf  dem  schwarzen  Pulver 

20  hin :  sie  teilt*  es  mit  und  weissagte  Alitheen  alles,  was  ihr  bisher 
begegnet  war.  Nun  ruckte  vor  der  Seherin  auch  der  Saturn  der 
kiinftigen  Zeit  aus  seiner  dunkeln  Immersion:  sie  verhielt  der 
Glaubigen  nicht, daOihramJubeltage  einauBerordentlichesGluck 
bevorstehe,  dafi  schon  Sonnabends  ein  vornehmer  Herr  von  49 
Jahren,  prachtig  angeputzt  und  kahlkopfig,  mit  zwei  Tiger- 
pferden  werde  von  Karlsbad  gefahren  kommen,  der  ein  wahrer 
Schutzengel  fur  das  ganze  Haus  sein  werde.  Weiter  aber,  das 
gestand  sie  gern,  konnte  sie  ins  innere  Afrika  der  Zukunft  nicht 
hineinsehen. 

30  Alitheens  Herz  zerlief  in  Freudentranen,  nicht  weil  sie  diefrohe 
Nachricht  glaubte,  sondern  bloB  weil  sie  solche  dachte.  Man  hin- 
terbrachte  etwas  davon  dem  Gaste  der  schwarzen  Stunde,  dem 
Fraulein  Amanda,  die  mehr  vom  KafFee  als  von  dessen  Prazipitat 
einen  wenig  prophetischen  Gebrauch  machte:  Amanda  trat  ins 

1  Namlich  den  16.  Schaharimeh  dieses  Jahrs,  wie  ich  sonst  mit  andern 
Illuminaten  statt  des  ebenso  deutlichen  16.  Septembers  schrieb. 


44<$  DER  JUBELSENIOR 

Gesindestiibchen,  vernahm  alles,  zog  die  Seniorin  in  die  Visiten- 
stube  zuriick  und  sagte,  das  Sonderbarste  sei,  daB  Herr  v.  Esen- 
beck  ihr  heute  geschrieben  und  morgen  zu  kommen  versprochen, 
und  nach  den  Tigerpferden  und  Haaren  zu  urteilen,  meine  die 
Alte  niemand  weiter  als  den  leibhaften  Herrn  v.Esenbeck.  Sie 
ging  eilig  zuriick,  sagte  mit  einem  mannlichen  Mute  (einem  Spat- 
ling  ihres  Hof  lebens)  zur  Augurin :  »Aber,  meine  Frau,  man  wird 
Sie  bis  morgen  hier  behalten,  und  wenn  Sie  gelogen  hat,  so  wirft 
Sie  mein  Justitiar  ins  Hundeloch.«  Zum  allgemeinen  Erstaunen 
sagte  die  Ambassadrice  der  Zukunft  dazu  ein  freudiges  Ja.  Gober- 
tina  gab  ihr  also  imSchlosseHausarrest  und  vierschielendeAugen 
zur  Ehrenwache. 

Da  ich  Gott  danke,  daB  ich  endlich  die  Neugierde  des  Lesers 
aufgeregt:  so  wiird*  es  einfaltig  lassen,  wenn  ich  solche  im  zwei- 
ten  offiziellen  Berichte  befriedigte  und  nahme;  sie  mag  ihn  so 
lange  qualen,  bis  ich  sie  im  dritten  stille. 


ZWEITER  HlRTEN-  UND  ZlRKELBRIEF 

Gravamina  der  deutschen  Schauspielergesellschaften,  die  morderischen 
Nachstellungen  der  deutschen  Tragiker  betreffend 

Teuerster  Freundl  2Q 

Viele  Regisseurs  der  bessern  deutschen  Theater  lagen  mich 
schon  sei  langem  an,  daB  ich  dem  Reichskorpus  die  Fiisilladen 
und  Mordtaten,  welche  die  Autoren  jeden  Schauspielabend  unter 
ihnen  veriiben,  einmal  ernsthaft  und  fiskalisch  und  klagerisch 
vortriige.  Ich  lieB  mich  nicht  bereden,  sondern  gab  sogar  im 
Reichsanzeiger  die  Antwort,  ich  miiBte  besorgen,  die  samtlichen 
Reichstagskollegien  nahmen  meine  gravamina  fiir  SpaB,  gesetzt 
auch,  die  Klage  ware  von  alien  den  Akteurs  und  Aktricen  unter- 
schrieben,  die  von  den  Tragikern  schon  totgeschlagen  worden. 
Indessen  setzt'  ich  doch  die  Klage  auf,  schickte  aber  nichts  nach  30 
Regensburg.  Zum  Gliicke  fur  die  dezimierten  und  lanternisierten 
Theatertruppen  wurden  jetzt  im  September  die  Reichstagsakten- 


ZWEITER   HIRTEN-   UND   ZIRKELBRIEF  447 

ehe  die  Franzosen  sie  zur  Elnsicht  abfoderten  -  inrotuliert  und 
verschickt  aufs  Rathaus  zu  Hofim  Voigtland.  Ich  ging  da  urn 
diese  papierne  Bergkette  mit  sonderbaren  Gedanken  herum ;  denn 
die  eingesargte  papillotierte  Zukunft  ganzer  Reichskreise  stand 
in  den  Wurfeln  vor  mir.  Auf  emmal  fiel  ich  auf  die  frappante  Idee, 
mein  fiskalisches  Klagschreiben  zu  einem  Quartanten  durch  Em- 
ballage  aufzuschwellen  und  den  Quader  unter  dieBlocke  zu  schie- 
ben.  Es  kann  sein,  daB  ich  ohne  den  franzosischen  Gelehrten 
Chaterinot1  gar  nicht  darauf  gekommen  ware,  der  seine  Werke, 

10  weil  sie  liegen  blieben,  selber  einsteckte  und  mit  dieser  Taschen- 
ausgabe  in  den  Pariser  Buchladen  herumschlich  und,  sooft  der 
Buchhandler  den  Riicken  wandte,  einige  Exemplare  unter  andere 
Werke  einschwarzte. 

Unter  dem  Inkorporieren  selber  macht*  ich  mich  dadurch  here- 
inafter, daB  ich  mir  auf  der  einen  Seite  den  Jammer  der  umfallen- 
den  Spieler  ausmalte,  die  jetzt  (es  war  abends)  eine  Tragodie  wie 
sonst  der  108.  Psalm  totbetet,  und  auf  der  andern  die  Burger- 
krone  meines  innern  Menschen,  die  er  aufbekame,  brachte  der 
Erzkanzler  wirklich  das  Schreiben  zur  Diktatur. 

20  Die  tagliche  sizilianische  Vesper  und  Aufreibung  der  besten 
Schauspieler  gehoret  meines  Erachtens  zur  Reichspolizei ;  und  ich 
habe  mich  oft  auf  dem  Parterre  gewundert,  wenn  der  General- 
reichsfiskal  selber  in  der  Frontloge  heraussah  und  den  Menschen- 
mord  sah,  ohne  sich  oder  seine  Feder  zu  regen.  Ich  weiB  es,  den 
Unterrichtern  (den  Kunstrichtern)  kommt  es  zu,  den  tragischen 
Wiirgengeln  und  Mordtaten  zu  steuern;  aber  wenn  diese  das 
Ihrige  vergeblich  getan  haben,  dann  ist  man  ofFenbar  von  einer 
hohen  Reichsversammlung  gewartig,  daB  sie  sich  dareinschlage, 
die  oflentliche  Sicherheit  der  Theater  herstelle  und  den  Musen- 

30  sohnen  den  tragischen  Degen  abfordere.  Ist  es  hier  nicht  so  wie 
mit  Irrlehrern,  denen  am  Ende,  wenn  Fakultiiten  und  Konsisto- 
nen  sie  nicht  zum  Schweigen  bringen  konnten,  Fiirsten  eines 
auferlegen  miissen?  Ja  im  Notfall  wurden  oft  solche  phosphores- 
zierende  Lichtputier  selber  statt  der  Gassen- Reverter  en  aufgehan- 
gen  oder  aufgehenkt. 
1  Menagiana. 


448  DER  JUBELSENIOR 

Hier  ist  indes  die  Kopie  des  zu  den  Akten  gelegten  Klage- 
schreibens,  worin  ich  alle  Kurialien  vertausche  gegen  die  Formel: 

das  hohe  Reichscorpus. 

* 

Die  Gravamina  der  Akteurs  etc, 
Hochwurdigey  Hochgeborne^  Hoch-  und  Wohlgeborne,  auch  Wohl- 
und  Hochedelgeborne^  Hochedelgestrenge,  Fest-  und  Hochgelahrte^ 
Gnadige7  auch  Hochgeneigte  und  Hochgeehrteste  Herren/1 

Sub  Litteris  A  B  C  D.  werden  Zeugenrotuls  von  8000  Personen 
angebogen  —  gerade  die  Zahl  der  Subskribenten  unter  der  for- 
mula concordiae  -,  die  es  fur  wenige  Groschen  oder  Gulden  ge-  10 
sehen  und  gezahlet  haben,  wie  oft  Endesunterschriebene  -  trotz 
der  karolinischen  Halsgerichtsordnung  und  der  franzosischen 
Kunstrichter  -  erschossen,  erstochen,  erdrosselt  worden:  un- 
schuldige  Akteurs,  sie  mogen  den  ganzen  Tag  gelebt  und  memo- 
rieret  haben,  wie  sie  wollen,  bedecken  abends,  von  Federmessern 
abgemaht  oder  vom  Fliegengift  des  Dintenpulvers  gefallen,  die 
Buhnen.  Die  deutschen  Tragiker,  die  oft  von  uns  und  unsern 
Benefizstucken  leben,  sind  es,  die  uns  selber  verwehren  zu  leben 
und  die  gleich  einem  romischen  Triumphator  nicht  eher  den  Lor- 
beerkranz  zu  verdienen  meinen,  als  bis  sie  5000  Mann  getotet  -  20 
anstatt  gespeiset  -  haben.  Nicht  nur  das  ganze  weibliche  Publi- 
kum  sitzt  dabei  und  labt  sich  sehr  und  hat  solche  ludos  funebres 
gern,  die  den  romischen  gleichen,  worin  jedem  Magnaten  einige 
hundert  Gladiatoren  nachstarben:  sondern  sogar  die  Rechts-  und 
Schoppenstuhle,  judices  a  quibus  und  ad  quos,  Leuteranten, dritte 
Instanzen  und  deren  Aktuarien,  die  vom  Herzen  bis  zum  Kopfe 
mit  Karolinen  und  Theresianen  vollgeschlichtet  sind,  sogar  Edel- 
leute,  die  mit  der  obern  Gerichtsbarkeit  belehnt  sind  und  sonst 
mit  Henkergeldern  knickern,alle  diese  erlegen  gern  die  peinlichen 
Kosten  unter  dem  Namen  Entreegelder  und  wiinschen  herzlich  30 
wie  der  Pobel  bei  Hinrichtungen  den  Frais-  und  Todesfall,  um 
nur  die  Freude  einer  miiBigen  Ruhrung  zu  haben. 

1  Bekanntlich  wird  ein  solches  Schreiben  nicht  an  die  Reich sstande,  son- 
dern an  deren  Gesandten  adressiert. 


ZWEITER    HIRTEN-   UND   ZIRKELBRIEF  449 

Das  ist  es  ganz  kurz,  was  wir  einem  hohen  Reichscorpus  weit- 
lauftig  vorzutragen  willens  sind. 

Vor  45  Jahren  sahen  wir  allerdings  nicht  ein,  was  wir  damals 
hatten  auf  unserem  holzernen  Planiglob:  jeder  Spieler  war  da 
seines  Lebens  sicher  -  reimend  kam  er  in  die  tragische  Welt  - 
reimend  fuhr  er  wieder  hinaus  -  den  Helden  machten  nicht 
Schlachten,  Wunden,  aktives  und  passives  Ermorden,  sondern 
eine  in  Tranen  gesaete  und  in  Reimen  geerntete  Liebe  -  Racine 
und  Schlegel  brachten  selten  einen  Nebenchristen  um  und  kopf- 

10  ten  wenigstens  gar  zu  grofie  Spitzbuben  nur  wie  GroBe  heimlich, 
und  selber  Voltaire  machte  ehrlkhe  Spieler  lieber  verachtlich  und 
lacherlich  als  tot.  Das  war  unser  saturninisches  philanthropisches 
Zeitalter. 

Jetzt  leben  wir  im  poetischen  Terrorismus.  Deutsche  Land- 
friedensbrecher  zielen  aus  den  Krahenhutten  ihrer  Museen  und 
piirschen  uns  herab.  Alle  Todesstrafen,  die  Beccaria  aufhob,  in- 
dent er  aus  dem  Schwert  der  Themis  bloBe  Hand-  und  Beinschel- 
len  schmiedete,  werden  auf  dem  Theater  durch  den  Dolch  der 
Muse  vollstreckt,  und  die  poetische  Gerechtigkeit  wird  von  grau- 

20  samern  und  weniger  aufgeklarten  Frais-  und  Zentherren  gepflegt 
als  die  peinliche.  Einer  hohen  Reichsversammlung  kann  nicht  un- 
bekannt  sein,  dafi  wir  oft  im  Weggehen  von  diesemTyburn  und 
Greveplatz  -  das  ist  die  deutsche  Biihne  -  die  Hand  an  den  Kopf 
gelegt:  das  taten  wir  blofi,  wie  jener  tiirkische  Minister  bei  dem 
Weggehen  vom  Sultan,  um  zu  fiihlen,  ob  er  noch  auf  dem  Halse 
sitze. 

Wieder  andere  tragische  Dichter  ziehen  skh  abends  elend  an 
und  verstecken  sich  von  6  bis  8  Uhr  in  Kulissen  und  passen,  wie 
englische  Rauber  mit  SchieBgewehr,  wie  Feimer  mit  Stricken, 

30  wie  Arzte  mit  Krankheitsmaterien  bewaffnet  und  wie  Tiirken  und 
Wilde  durch  Getranke  zu  finstern  Werken  gestarkt,  so  passen  sie 
Spielern  beiderlei  Geschlechts  boslich  auf  und  machen  ihnen  den 
Garaus,  bloB  um  vom  Ertrage  dieser  Gewalttatigkeiten  einmal 
zu  soupieren,  so  wie  man  nach  Dapper  taglich  200  Menschen  fur 
die  Tafel  des  Konigs  von  Macoco  schlachtet.  Ein  solcher  Tragi- 
kus  nimmt  oft  in  seinem  Wolfshunger  den  fettesten  Akteur  aus 


450  DER  JUBELSENIOR 

dem  Ankleidezimmer  und  wirft  ihn  in  den  Hungerturm  und  lasset 
ihn  da  elendiglich  vor  den  Augen  des  Publikums  in  drei  Stunden 
verhungern.  HeiBet  das  christlich,  jiidisch,  turkisch  gedacht  ?  - 

Es  kann  dargetan  werden,  daB  oft  hart  nach  der  Ouvertiire  ein 
frischer  neugeborner  Akteur,  der  kaum  das  Licht  der  -  Biihne 
erblickte,  schon  vom  Theater  und  mit  Tod  abgehen  muBte:  das 
rufende  Taufglocklein  wurde  seine  Ziigen-  und  Totenglocke, 
und  er  sah  dann  nur  als  revenant  aus  der  Kulisse  heraus.  Andere 
fristen  ihr  Leben  ein  paar  Akte  langer,  aber  mit  verdammter  aqua 
toffana  im  Geader  -  und  am  langsamen  schleichenden  Gift  wel-  10 
ken  sie  in  einigen  Stunden  ab.  Kommt  vollends  das  Ende  der 
Tragodie  heran:  so  kennen  wir  auBer  dem  Kriegstheater  nichts 
Schrecklichers  als  ein  deutsches  -  wie  am  Ende  des  Herbstes,  wo 
der  ganze  Bienenkorb  gemeinschaftlicham  Drohnenmord  arbeitet, 
so  gehts  da  her  —  es  hilft  kein  Flehen,  kein  Geschlecht,  kein  Stand, 
alles,  das  Kind  im  Mutterleibe,  wird  ausradiert  und  harpuniert 
vom  tragischen  Dolch  -  der  Held  oder  Konig  ohnehin  zuerst,  wie 
die  Raubbienen  zuerst  den  Weisel  des  Stocks  erbeiBen  -  aber  auch 
alle  seine  Verwandte  und  Bekannten  ~  unbescholtene,  gesunde, 
rote  Leute,  die  sich  vergeblich  durch  die  funf  Zonen  der  Akte  20 

durchgeholfen  haben  -  es  ist  freie  Pursch,  alles  muB  fallen 

nur  ein  einziges  Wesen  kommt  davon,  iiber  welches  die  Todes- 
sense,  wie  iiber  Gras  im  Tritte  eines  Hufs,  ohne  Schaden 
wegfahrt :  es.  ist  der  Souffleur,  der  in  seinem  Seitenhohlchen  und 
Dachskessel  ohne  Wunden  hockt  und  lachen  kann. 

Wie  weit  dieser  Jammer  in  deutschen  Stadten  gediehen  ist,  das 
mag  vielleicht  ein  oder  der  andere  Personalist,  falls  er  sie  gelesen, 
aus  der  Grabschrift  noch  besser  ermessen  haben,  die  wir  einem 
bekannten  Akteur  mit  dem  Spitznamen  Peter  Schwenz  setzen  lie- 
Ben  und  die  so  lautet:  30 

»Hier  liegt  Peter  Schwenz,  deutscher  Regisseur,  der  -  nach- 
dem  er  anfangs  naturlichen,  dann  gewaltsamen  Todes  (nicht  zu 
gedenken  des  geistlichen)  verfahren,  nachdem  ihn  zwei  todliche 
Apoplexien  und  im  nachsten  Abend  darauf  eine  Hemiplegie  ge- 
troffen,  nachdem  er  gekopfet  und  kurz  darnach  gehangen,  nach- 
dem er  zweimal  von  seinen  Kameraden  und  dreimal  von  sich 


ZWEITER  HIRTEN-   UN  D   ZIRKELBRIEF  45  I 

selber  erschossen  worden,  nachdem  er  die  starksten  Gifte  und 
Krankheiten  gehabt  und  neben  seiner  Julie  beigesetzt  worden  als 
ein  WtirmerfraB  —  endlich  weniger  lebens-  als  sterbenssatt  das 
Theater  der  Welt  verlassen  hat,  um  hier  unten  zu  privatisieren.«  - 
Meistens  sind  die  Tragiker,  die  das  Recht  des  tiirkischen  Kai- 
sers1 exerzieren,  taglich  14  Menschen  aus  Inspiration  zu  toten, 
blutjunge  Menschen  und  ebenso  viele  Belege  zur  Bemerkung,  die 
Voltaire  in  einem  Brief  an  Friedrich  II.  macht,  dafi  immer  Jung- 
linge  fanatische  Konigsmorder  (z.  B.  Heinrichs  IV.  etc.)  gewesen. 

10  Weiber  begehen  zwar  Zungen-,  aber  selten  Federtotschlag,  wie 
denn  unter  100  justifizierten  Mordern  nur  4  Weiber2  sind.  Be- 
kanntlich  macht  ein  Verfasser  solcher  erhabenen  Werke  auf  das 
Privilegium  eines  maitre  des  hautes  oeuvres  Anspruch,  der  sich 
ehrlich  und  zum  Doktor  richtet,  wenn  er  no  Personen  entkor- 
pert  und  entseelet.  Ein  tragischer  maitre  des  hautes  oeuvres  fragt 
nichts  nach  fremden  Leiden,  wenn  er  nur  imstande  ist,  sich  aus 
einem  Autor  zu  einem  Genie  und  seine  Broschiiren,  die  Stempel- 
geld  erlegen,  zu  Broschurensammlungen,  die  keines  geben,  hin- 
aufzutoten. 

20      Dagegen  haben  wir  nun  folgendes : 

Der  Schauspieldichter  steht  kaum  in  geistlicher  Seitenverwandt- 
schaft  mit  dem  Schauspieler.  DerDichter  erbauet  sein  Kunstwerk, 
sein  ZauberschloB,  ohne  dazu  den  Spieler  weder  als  Geriiste  noch 
Baumateriale  notig  zu  haben;  der  Spieler  verdoppelt  nur  das 
Kunstwerk  und  verdichtet  das  LuftschloB  zu  einem  Schauspiel- 
haus.  Die  Rollen,  die  im  Schauspiel  zu  machen  sind,  konnen 
nicht  schwieriger  sein  als  die  im  langern  Heldengedicht  und  Ro- 
man -  und  diese  werden  recht  gut  von  einer  chamaleontischen 
Aktrice  gemacht,  von  der  Phantasie  des  Lesers.  Kurz  die  thea- 

30  tralische  Verwandlung  der  Bilder  in  Statuen  soil  das  dramatische 
Kunstwerk  weder  fortsetzen  noch  vollenden,  sondern  nur  beglei- 
ten  und  kopieren,  wie  die  Liedermelodie  das  Gedicht  und  der 

1  So  viel  kann  der  GroBsultan  ohne  Tyrannei  und  auf  Rechnung  gott- 
lichen  Antriebs  taglich  morden.  Kantemirs  Geschichte  des  osmanischen 
Reichs. 

a  Dictionnaire  philosophique,  Art.  Homme. 


45^  DER  JUBELSENIOR 

Chodowieckische  Kupferstich  die  Romanszene.  Kurz  man  kann 
Virgils  geschilderten  Laokoon  und  sein  Nattern-Gewinde  recht 
gut  genieBen,  ohne  den  steinernen  dazu  neben  das  Lesepult  auf- 
gestellt  zu  haben. 

Aber  ebensowenig  steht  die  Schopfung  und  der  GenuB  des  ge- 
meiBelten  Anthropolithen  in  Verbindung  mit  dem  Virgilianischen 
Exemplar:  der  Schauspieler  ist  ein  vom  Schauspiele  des  Dichters 
ganz  verschiedenes  abgesondertes  Kunstwerk.  Seine  von  der 
Schonheitslinie  der  Tanzkunst  und  Malerei  umschriebene  Mimik 
entlehnet  ihren  Wert  ebensowenig  vom  dargestellten  Gegen-  10 
stande  —  vom  dichterischen  Kunstwerk  -,  als  ein  historisches  Ge- 
malde  den  seinigen  von  irgendeinem  Historiker  borgt:  ihre  Dar- 
stellung  behielte  den  Glanz,  wenn  auch  der  Gegenstand  derselberi 
ein  schlechtes  Kunstwerk  oder  eine  prosaische  Szene  aus  dem 
wirklichen  Leben  ware.  Das  mimische  Kunstwerk  und  das  dra- 
matische  formen  sich  nach  ganz  verschiedenen  Gesetzen:  ihre 
Vereinigung  oder  ihr  Simultaneum  fordert  ein  drittes  Gesetz- 
buch,  so  wie  uberhaupt  bisher  nur  fur  die  Alleinherrschaft  einer 
Kunst,  nicht  fur  die  vermischte  Regierungsform  von  zweien, 
z.  B.  von  der  Ton-  und  Dichtkunsts  Grenzen  und  Regeln  ge-  20 
boten. 

Der  dramatische  Dichter  als  Dichter  kennt  so  wenig  Schran- 
ken  der  Zeit,  des  Raums  und  uberhaupt  der  wirklichen  Welt  als 
der  epische  —  die  Einheit  des  Interesse  bedeckt  und  vergutet  die 
mangelnde  des  Ortes  und  der  Zeit  -  die  Phantasie  des  Lesers  ver- 
tragt  Ugolinos  Hungerturm,  Kents  ausgeleerte  rote  Augenhohle, 
vollgeblutete  Tucher,  abgehauene  Hande,  Schlachtfelder  und  eine 
aneinandergedrangte  fliehende  Leichenprozession  totenblasser 
Szenen.  —  Aber  das  Auge  des  Zuschauers  versohnet  sich  mit  einer 
solchen  blutigen  Wirklichkeit  nicht.  Wie  schon  Gorgonen  und  30 
MiBgestalten  nicht  aus  dem  Reiche  der  Malerei  in  das  Gebiet  der 
Bildhauer kunst  auswandern  diirfen :  so  dtirfen  sich  noch  viel  we- 
niger  gewisse  tragische  Kolossen  aus  der  unermefilichen  Geister- 
welt  der  epischen  Kunst  in  das  enge  holzerne  Rund  der  Biihne 
drangen,  da  der  Unterschied  des  Umfangs  zwischen  dem  epischen 
und  mimischen  Reiche  groBer  ist  als  der  zwischen  dem  maleri- 


ZWEITER   HIRTEN-  UND   ZIRKELBRIEF  453 

schen  und  plastischen.  Ja  die  Malerei  kann  sich  erlauben,  was  sich 
die  Mimik  untersagen  muB.  GroBe  korperliche  ZerreiBungen, 
lange  Gegenwart  eines  Leichnams  werden  auf  der  Biihne  ent- 
weder  lacherlich  oder  schmerzhaft;  denn  entweder  die  Illusion 
wirdvollendet-und  dann  tritt  die  Wirklichkek  mit  ihrenSchmer- 
zen  ein  -,  oder  sie  wird  vertilgt  -  und  dann  qualet  uns  der  Streit 
komischer  Anwandlungen  und  ernsthafter  Wiinsche.  Die  schwer- 
fallige  Verkorperung  des  Theaters  hebt  alle  B ruche  der  Einheit 
des  Ortes  und  der  Zeit  starker  heraus;  die  Statuen-Gruppierung 

10  halt  alle  eilende  Leidensstationen  mit  einer  schmerzlichen  Verstei- 
nerung  fest,  vergroBert  und  verknochert  alle  Wunden  und  Tra- 
nen  und  beschwert  uberhaupt  die  atherischen  Gestalten  des  Dich- 
ters,  alle  seine  verklaren  Leiber  mit  einem  massiven  Kubikinhalt 
und  Blei-InguB.  Daher  werden  die  meisten  Tragodien  mit  scho- 
nerer  Wirkung  gelesen  als  aufgefuhrt;  die  Lustspiele  aber  umge- 
kehrt.  Besonders  biiBen  zwei  Tragodien  durch  die  theatralische 
parastatische  Verkorperung  ein:  die5  worin  der  Zuschauer  von 
einem  Sturzbad  und  Blutbad  wilder  Szenen  ins  andere  fallet,  z.  B. 
Lear;  und  die  bessern,  worin  statt  der  auBern  oder  korperlichen 

20  Aktion  die  innere  oder  psychologische  vorwaltet,  ohne  die  im 
Grunde  jene  keine  ist,  z.  B.  Goethes  Tasso.  Die  theatralische 
Tragodie  wiirde  die  Diagonallinie  zwischen  beiden  entgegenge- 
setzten  StoBen  gehen.1  Die  bessern  Schauspiele  waren  bisher  im- 
mer  die,  deren  dazu  notige  Theaterkasse,  Anziehstube,  Theater- 
personale  bloB  in  einem  -  Kopfe  war. 

Nach  diesen  Grundsatzen  werden  die  Sterbebetten  hinter  die 
Kulissen  geschoben,  wenn  man  nicht  gar  auf  den  Dolch  der  mi- 
mischen  Melpomene  die  Inschrift  der  Siener-Schwerter  schreibt: 
ne  occidas.  Die  Mimik  legt  bei  einem  theatralischen  Tode  die 

30  Poussiergriffel  weg  und  iibertragt  dem  weichern  Pinsel  der  Phan- 
tasie  den  letzten  graBlichen  Zug.  Eine  Totenglocke  ist  zehnmal 
mehr  auf  einer  Biihne  wert  als  zehn  Sterbebetten. 


1  Daher  ist  der  einsilbige  Dialog,  der  in  Ifflands  neuern  Stiicken  dem  Leser 
miBfallt,  dem  Zuhorer  angenehm.  Ein  fur  die  Vorstellung  bestimmtes  Stuck 
hat  nur  so  wenige  Worte  notig,  als  die  zusammengehauite  korperliche  Ak- 
tion zu  Exponenten  bedarf. 


454  DER  JUBELSENIOR 

Das  ist  aber  nicht  der  einzige  Grund,  den  wir  den  theatrali- 
schen  Neuntotern  entgegenzusetzen  haben. 

Zweitens  setzen  die  haufigen  Theatermorde  einen  ebenso  ge- 
wissen,  obwohl  diinnern  Kallus  auf  weichen  Herzen  an  als  Fech- 
termorde,  Tierhatzen,  Burgerkriege.  Nichts  wird  leichter  kallos 
und  schwielicht  als  das  mitleidige  Gefuhl.  Daher  harten  groBe 
Stadte  durch  die  Wiederholung  schrecklicher  Taten  ab,  deren 
eine  ein  Dorf,  besser  wie  eine  Mord-Predigt  das  Gewissen,  wach 
und  wund  erhalt.  Dazu  kommt,  daB  eine  dichterische  Blutschuld 
immer  auf  ihre  Nachahmung  in  der  Wirklichkeit  einigen  ver-  10 
schonernden  Dichter-Glanz  wirft. 

Drittens  erhellet  aus  dem  funften  Gebot  und  aus  der  Karolina 
und  den  Reichsabschieden,  daB  man  nichts  totschlagen  soil :  der- 
selben  Meinung  fallen  auch  angesehene  peinliche  Rechtslehrer 
bei,  ein  Bohmer,  Berger,  Carpzov,  Meister  passim  und  unter  den 
Neuern  Quistorp.  Ja  das  Ordensreglement  der  Franziskaner  wil- 
ligt  nicht  einmal  in  das  Entleiben  einer  Laus,  geschweige  ihres 
Territorialherrn.  Schon  darum  allein  sollte  man  das  tragische 
Blut  nicht  ofter  als  das  des  heiligen  Januars  in  FluB  bringen. 

Viertens  ist  es  betriibt  und  bekannt,  daB  auBer  einem  Friedens-  20 
schluB  wohl  nichts  auf  der  ganzen  alten  Welt  zerbrechlicher  ist 
als  ein  Akteur  und  seine  Frau :  ein  Tropfen  Dinte  strecket  sie  hin, 
wie  der  Tropfe,  der  vom  Schwert  des  jiidischen  Todesengels 
rinnt.  Es  muB  daher  den  dramaturgischen  StoBvogeln  nichts 
Neues  sein,  daB  der  bloBe  Donnerschall  eines  Gewitters  den  ge- 
siindesten  und  fettesten  Akteur,  wie  einen  jungen  Kanarienvogel, 
leichtlich  erschlagt;  denn'der  Blitz  fahrt  bekanntlich  nur  aus  Gei- 
genharz  und  verfangt  nichts,  hochstens  versehrt  er  nur  den  in- 
nern  Menschen  ohne  Schaden  des  auBern,  wie  der  obere  Blitz  nur 
den  Degen,  nicht  die  Scheide  zerreiBet.  War  nicht  eine  hohe  30 
Reichsversammlung  nach  den  Sessionen  abends  Zeuge,  daB  wir 
vor  wenigen  Worten  des  zischenden  Souffleurs,  wie  Ananias  und 
seine  Ehefrau  vor  denen  des  Petrus,  maustot  umgesunken  sind? 
Haben  nicht  Front-  und  Seitenlogen  es  haufig  durch  Operngucker 
angesehen,  daB  wir  -  so  sehr  iibermannt  uns  unsere  Phantasie  - 
vollig  gleich  den  Delinquenten,  denen  man  nur  die  bloBe  Todes- 


ZWEITER  HIRTEN-  UND  ZIRKELBRIEF  455 

angst  anzutun  vorhatte,  vom  bloBen  Anstreifen  des  Richtschwer- 
tes  erblichen  vom  Sessel  gerollet  sind  ?  -  Sooft  man  die  giftigen 
Spezies,  die  vielleicht  schon  jeden  von  uns  in  die  andere  Welt  gesen- 
det  haben,  chemisch  auseinandertat:  so  kams  heraus,  daB  es  blo- 
Ber  Fusel  oder  Danziger  Lachs  oder  gar  nichts  war,  was  den 
Jammer  angestiftet;  so  leicht  lassen  sich  aus  unsern  Buhnen  die 
Beispiele  der  medizinischen  Kasusbiicher  anhaufen,  daB  unzahlige 
Male  bloBe  Semmelkrumen,  nacktes  Wasser  und  dergl.  im  Pa- 
tienten  als  echte  Purganzen  und  Vomitive  getrieben,  bloB  weil  der 

io  Mann  sich  vorgestellt,  er  trinke  und  schlucke  abfuhrende  Mittel. 
Dennoch  erfrechen  sich  die  tragischenSchachter  folgenderzer- 
storlichen  Exzeption:  »Dato  lebten  und  klagten  ja  die  Theater- 
truppen  noch  -  und  nichts  ware  lacherlicher  als  ihre  Beschwerden 
uber  ihre  Ermordungen.  Etwas  anders  war*  es,  waren  die  deut- 
schen  Theater  die  romischen,  auf  denen  (nach  Cilano)  verurteilte 
Sklaven  zu  wahren  Todesfallen  genutzet  wurden,  wiewohl  auch 
dann  das  Sachsenrecht  fur  den  toten  Spieler,  der  in  den  Rechten 
schon  vorher  tot  war,  in  dem  Falle,  wo  ers  ohne  Rechte  und  in 
der  Wirklichkeit  war,  keine  BuB  auferlegte  als  den  Schein  oder 

20  den  Schatten  eines  Mannes.«x 

Unser  dreistiindige  Tod  gilt  so  gut  einem  immerwahrenden 
gleich  als  ein  anderer  dreitagiger  nach  den  Theologen  dem  ewi- 
gen.  Allerdings  sterben  wir  oft;  aber  schon  Seneka  sagt  von  alien 
Menschen :  mors  non  una  fuit,  sed  quae  rapuit,  ultima  mors  est. 
Die  Hauptsache  ist,  man  setzt  immer  seine  gesunden  Glieder  zu, 
wenn  man  urns  Leben  kommt  -  viele  von  uns  wurden  unpaBIich 
nach  einer  todlichen  Ration  Mausegift  -  in  unsern  Schlachten, 
worin  wir  gleich  dem  Zobel  und  dem  StrauB  nicht  mit  Kugeln, 
sondern  mit  Priigeln  erleget  werden,  weil  man  wie  bei  jenen  die 

jo  Garderobe  schonen  will,  in  Schlachten  bekommen  wir  immer 
Schlage  -  ein  zarter  Julius  Casar,  den  das  Riemenstechen  von  23 
Dolchstichen  durchlochert  hatte,  wurde  mit  blutendem  Nasen- 
loche  fortgetragen  -  selten  wird  einer  ohne  alle  Lasion  des  Kopfes 
dekolliert,  und  ein  Sturz  vom  Naxos-  oder  vom  tarpejischen  Fel- 
sen  hat  manche  Aktrice  erschiittert. 
1  Hommel  rhapsod.  obs.  DXLVI. 


45^  DER  JUBELSENIOR 

Wir  schreiten  jetzt  zu  Bitten,  die  wir  einer  hohen  Reichsver- 
sammlung  vorzulegen  wagen; 

Wir  halten  die  erste  nicht  fur  ungerecht,  daB  dem  Tragikus  fur 
jeden  ermordeten  Akteur  ein  Wehrgeld  (ein  doppeltes  fur  eine 
entleibte  Aktrice)  an  seiner  Benefiztragodie  moge  abgezogen  wer- 
den  -  S  tempelgeld  und  Totenfall  muBt'  er  miteinander  abreichen  -, 
wiewohl  ihm  doch  (er  bringt  sonst  das  Stuck  nicht  zuwege) 
zwei  steuerfreie  Morde,  die  des  Helden  und  der  Heldin,  nachge- 
lassen  sein  konnen. 

Unsere  zweite  Bitte  ist,  daB  man  von  Reichs  wegen  die  Autoren 
anhalte,  uns  dramaturgisch  nur  Seelenleiden  zu  machen:  innere 
Wunden  des  Herzens,  Verzweiflung,  Angst,  Selbstverachtung 
sollen  uns  willkommen  sein,  nur  keine  korperliche  Lasion.  Unser 
Gefiihl  zieht  ferner  auf  dem  Theater  alle  Todesarten  einem  Bak- 
kenstreich,  den  der  ehrliebende  Deutsche  niemals  duldet,  oder 
andern  Schlagen  vor.  Mit  Freuden  sistieren  und  drangen  wir  uns 
wie  die  alten  Blutzeugen  zum  Tode;  ja  wie  die  Bergknappen  des 
Harzes  den  Tod  im  Schacht  so  ruhmlich  halten,  daB  sie  nach  der 
Stelle  eines  darin  verschiitteten  eifrig  ringen,  so  nehmen  viele  von 
uns  gerade  die  Rollen  am  liebsten,  in  denen  ihre  Kollegen  sterben  i 
muBten.  Da  die  tragische  Ligue  gleich  den  Pariser  Insurgenten 
aus  dem  Arsenal  der  Bellona  und  Melpomene  WafFen  aller  Art 
wegschleift  und  umlegt,  womit  sie  uns  aus  dem  Theater  und 
Leben  wegschafft:  so  sollte  das  kunftig  untersagt  und  uns  wie 
dem  Sokrates  die  Wahl  der  Todesart  verstattet  sein;  und  dann 
wiinschten  wir  von  Herzen,  entweder  wie  Hannibal  an  Gift 
oder  wie  Attikus  vor  Hunger  zu  sterben,  welche  letztere  Todes- 
art fur  uns  an  ihrer  rechten  Stelle  (namlich  auf  dem  Theater)  be- 
sondere  Reize  hat,  weil  sie  wie  andere  sauere  Sachen  den  Appetit 
scharft.  3 

Auf  die  dritte  Bitte  werden  wir  auBer  unserer  Neigung  noch 
mehr  von  einem  Konige  in  Danemark  gebracht,  der  anno  1707 
alien  jungen  Weibspersonen  auf  der  Insel  Island  vergonnte,  sechs 
Bastarde  -  weil  die  halbe  Insel  ausgestorben  war  -  ohne  die  ge- 
ringste  Schande  zu  gebaren,  damit  sich  das  Eiland  wieder  fiillte. 
Nun  wissen  wir  nur  gar  zu  gut,  daB*  Zuhorer  und  Leser  wie  die 


ZWEITER  HIRTEN-  UND  ZIRKELBRIEF  457 

SchweiBhunde  in  Romanen  und  Tragodien  nur  verwundetem 
Wildpret  nachlaufen  und  es  aus  dem  unverletzten  ausklauben; 
mithin  werden  sie  immer  unser  langsames  Sterben  wie  die  Romer 
das  des  Fisches  Mullus1  lieben  und  fodern.  Deshalb  sind  wir  er- 
botig  -  wenn  wir  diirfen  — ,  da  wir  einmal  so  sehr  an  der  Vergro- 
Berung  der  Sterbelisten  arbeiten,  auch  das  Unsrige  fur  die  Vergro- 
Berung  der  Geburtslisten  zu  tun,  die  der  vorige  Konig  in  PreuBen 
so  gern  durchsah.  Hinter  den  Kulissen,  wo  bisher  (wenigstens  in 
Frankreich)  der  theatralische  Mord  geschehen  muBte,  setzten  wir 
bisher  diesem  Mord  die  einzige  mogliche  Reaktion  in  transitori- 
schen  Kryptogamien  nach  Vermogen  entgegen  und  hoben  durch 
miracula  restitutionis  die  Nachteile  der  tragischen  Wunderwerke 
zeitig  weg.  Einem  hohen  Reichskorpus  bleibt  es,  da  man  bisher 
in  den  Kulissen  aus  Mangel  an  Aufmunterung  weniger  agierte  als 
auf  derBuhne,uberlassen,eine  solche  unentbehrlichePalingenesie 
(den  besten  Antagonismus  gegen  theatralische  Rasur)  durch  aus- 
driickliche  Befehle  gemeiner  zu  machen. 

Wir  schlieBen  unser  langes  Bittschreiben  mit  der  Hoffnung, 
von  einer  hohen  Reichsversammlung  kein  anderes  Zeichen  zu  er- 
»  halten  als  das  des  -  Kains;  bescheiden  uns  aber  gern,  daB  es  sich 
vielleicht  nicht  eher  machen  lasset  als  in  der  nachsten  kaiserlichen 
Wahlkapitulation  -  oder  auch  in  der  von  geistlichen  Kurfursten  -, 
wo  man  es  als  einen  neuen  Artikel  leichter  einschieben  wird, 
daB  des  Tiirken,  Papstes  und  der  Theaterdichter  Tyrannei,  Ge- 
walt  und  BlutvergieBen  gewehret  werde.  Die  wir  verharren 

Euerer  Exzellenzien,  Hochwiirden,  Hochgeboren,  Hoch- 
und  Wohlgeboren,  auch  Wohl-  und  Hochedelgeboren 

untertanigste  etc. 


Ich  aber  bin  (denn  jetzt  ist  dieSupplik  aus),  teuerster  Freund,  der 

Ihrige 

jp- 


1  Senec.  nat.  quaest.  III.  18.  Die  Romer  toteten  den  Fisch  langsam  auf 
ihren  Tafeln,  um  sich  am  Wechsel  seiner  sterbenden  Farben  zu  laben. 


458  der  jubelsenior 

Dritter  offizieller  Bericht 

Deus  ex  machina  -  und  dessen  schone  Supplik 

Natiirlicherweise  schreib'  ich  ewig  fort.  Ja,  es  halfe  dem  Tode 
nichts,  wenn  er  mich  ein  halbes  Sakulum  am  Schreibpult  stehen 
und  dann  erst  durch  eine  giitige  venia  aetatis,  d.  h.  venia  exeundi 
aus  der  Schreibstube  der  Erde  laufen  HeBe:  ich  wende  mich  doch 
noch  unter  der  Stubentiire  um  und  sage,  mehr  lebens-  als  schrei- 
benssatt:  »Nur  den  dritten  Teil  lasse  mich  gar  liefern,  ich  weiB, 
wie  die  Rezensenten  sind.«  —  Als  Jupiter1  den  Atys  wieder  be- 
leben  sollte:  lieB  ers  bleiben  und  beseelte  nichts  daran  als  den  10 
kleinen  Finger,  der  darum  in  einem  fort  vibrierte : . . .  auf  eine 
ahnliche  Weise  bleiben,  wenn  der  Strom  der  Zeit  einen  Autor 
wie  der  Karlsbader  Sprudel  ganz  ubersintert  und  versteinert  hat, 
doch  seinen  Schreibfingern  die  motus  vitales  unbenommen.  Man 
gewinnt  nichts  uber  sich,  wenn  man  sich  taglich  vorhalt,  wie 
leicht  man  es  zwar  habe,  die  kostlichsten  Gedanken  aus  sich  zu 
schopfen,  aber  wie  ungemein  schwer  auch  hernach,  solche  Ge- 
danken aus  dem  Kopfe  aufs  Papier  zu  heben  mit  dem  Schreib- 
Arm,  so  wie  ein  gefiillter  Eimer,  solang'  er  im  Wasser  steigt,ohne 
Schwere  aufwarts  geht,  aber,  sobald  er  heraus  soil,  kaum  zu  heben  20 
ist.  Wie  gesagt,  man  lasset  nicht  nach. 

Da  man  nun  Voltairen  glucklicherweise  vorgeworfen,  daB  er 
in  seinem  Alter  Einfalle  gehabt,  die  er  schon  in  seiner  Jugend  ge- 
pragt  und  deponiert  hatte  in  einem  Spartopf :  so  bewerb'  ich  mich 
um  diesen  Vorwurf  und  lass'  in  meinen  jungen  Tagen  einen  ahn- 
lichen  Spartopf  von  meiner  Topferscheibe  laufen.  -  Kurz  ich 
reise,  um  im  Alter  eine  Reisebeschreibung  zu  liefern:  diese  grunt 
im  Glashaus  meines  Museums  unter  andern  Fnichten,  die  auch 
erst  im  Eismonat  meines  Lebens,  wie  die  Venusbrust  (eine  Birn) 
im  physischen,  reifen  und  gelben.  Diese  Reisebeschreibung  be-  30 
trifft  nur  Lander,  die  ich  selber  wie  andere  Seefahrer  zuerst  ge- 
sehen  und  getaufet  habe,  namlich  die  drei  siindlich  vergessenen 
biographischen  Fiirstentumer  Scheerau,  Flachsenflngen  und  Haar- 

1  Arnob.  ad  vers.  Gent.  1.  5. 


DRITTER  OFFIZIELLER  BERICHT  459 

haar.  Ich  dachte,  wenigstens  der  treffliche  Fabri  wtirde  dieses 
wichtige  Landerkleeblatt  beriihren ;  aber  auch  er  regt  sich  nicht. 
Deswegen  reise  ich  nun  jedes  Jahr  darin  herum,  um  einmal  mit 
grauen  Haaren  nicht  als  Menschen-,  sondern  als  Lander-Biograph 
aufs  Theater  zu  treten.  -  Und  eine  solche  eines  Herodotus  werte 
Bestimmung  fuhrte  mich  nun  nach  -  Neulandpreis,  nur  einige 
Tage  fruher  als  die  Kaffee-Lektorin.  Schon  seine  schonen  Ziegel- 
dacher,  die  eine  gehaufte  Schiissel  roter  Krebse  formieren,  ziehen 
einen  Geographen  an.  Rote  Dacher  stellen  gleichsam  eine  be- 

10  festigte  eingebrannte  frohe  Morgenrote  vor,  sie  spannen  einen 
purpurseidenen  Sonnenschirm  xiber  die  verhiillten  Bewohner.  Ich 
ging  anfangs  nur  miifiig  um  die  Fenster  des  Orts;  aber  da  man 
in  einem  Dorfe  zuerst  nach  der  Kirche  sieht  -  bloB  in  einer  Stadt 
zuletzt  -  und  da  gerade  dieses  um  den  Bethesda  -Teich  gebauete 
Brunnenhaus  offenstand :  so  ging  ich  hinein.  Es  war  nichts  darin 
als  auf  dem  Altar  zwischen  den  Wachskerzen  der  Schulmeister 
ScheinfuB,  der  eine  lange,  oben  mit  einem  Borstwisch  infulierte 
Stohrstange  zu  regieren  suchte.  Der  Plan  des  Schuldieners  war, 
mit  der  verlangerten  Zahnbiirste  die  gesamten  himmlischenHeer- 

20  scharen  aus  Holz,  was  namlich  von  den  neun  Hierarchien  herab- 
hing,  sauber  abzureiben  samt  einem  und  dem  andern  Apostel. 
Ich  trat  griifiend  ans  Altargelander  und  fragte  hof  lich,  warum  er 
die  Engel  so  muhsam  abburste.  Der  Altarfeger  senkte  den  Ian  gen 
Spinnrockenauf  den  nachstenApostelkopf  und  sagte:»Ichwische 
schon  seit  voriger  Woche,  und  es  tut  wahrlich  not  -  Sonntags, 
geliebts  Gott,  begeht  unser  Herr  Senior  sowohl  sein  Amts-  als 
Ehejubilaum  zum  Wohlgefallen  hiesiger  Pfarrgemeinde  und  samt- 
licher  eingepfarrten  Imparochierten :  wenn  es  nun  hinkte,  so  leg- 
ten  €S  viele  dem  Kantorat  zur  Last*  Dort  drinnen  wascht  Mamsell 

30  Dea  auch — « 

Ich  wandte  mich  links  herum:  im  Pfarrgitterstuhl  biirstete  par- 
terre selber  ein  Engel.  -  Der  Engel  war  mir  lieber  als  ein  silberner 
in  einer  Kathedralkirche,  er  gab  dem  Teiche  Bethesda  eine  offi- 
zinelle  Bewegung.  Alithea,  obwohl  eine  Landhonoratiorin,  war 
doch  knapper,  weiBer  und  fester  eingekleidet  und  eingeschniirt, 
als  sonst  die  Kameradschaft  ihres  Standes  ist.  Ein  Herr  von  Esen- 


460  DER  JUBELSENIOR 

beck  und  von  Hofe  hatte  nichts  an  ihr  riigen  und  meistern  kon- 
nen,  als  daB  die  zwei  Schneeballen  oder  zwei  magdeburgische 
Halbkugeln,  womit  die  Guerike  die  Versuche  der  Kohasion  an- 
stellen,  anstatt  in  das  goldne,  von  der  griechischen  Helene  herge- 
schenkte  Kasenapfchen  zu  gehen,  etwan  eine  Kiirbisflasche  fallen 
konnten.  Mehr  hatte  Esenbeck  nicht  vorwerfen  konnen.  Aber  wie 
himmlisch  und  gleichsam  aus  Glas  iiber  die  Seele  geblasen  war 
der  Rest!  Denn  wiewohl  sie  am  kirchlichen  Jalousieladen  biigelte 
und  bohnte  und  sich  ein  wenig  unter  den  umgekehrten  Holz- 
facher  wechselnd  mederbiickte:  so  nahm  ichdoch  den  glattenGuB  10 
ihres  (Schniir-) Leibckens  um  die  Seele  wahr,  ja  ich  konnte  durch 
das  schwarzseidene  Spitzen-Fallgatter  -  denn  eine  breite  raben- 
schwarze  Samtbinde  umschloB  ihre  neugewaschene  gleiBende 
Biirgershaube  —  einige  von  den  schweren  Tropfen  fallen  sehen, 
die  die  Kelter  des  Schmerzes  iiber  das  erwa'hnte  Jubelfest  aus  dem 
zerquetschtenHerzen  warf.  Sie  antwortetedem  Schulmeister  nicht, 
sondern  tauchte  sich  bloB  defer  zum  FuBschemel  des  Gitterstuh- 
les  mit  dem  wollenen  Biigeleisen  unter,  um  zwei  VergiBmein- 
nicht-Augen,  in  die  Huysum  und  Mignon  keine  schonern  Tau- 
tropfen  legen  konnten,  betauet  hinter  die  Dammerung  zu  ver-  20 
stecken.  Nasse  Augen  sind  allmachtig  iiber  stummen  Lippen :  die 
giitige  Natur  nimmt  der  gelahmten  Zunge  des  Bedrangten  die 
Krankengeschichte  seines  gepeinigten  Busens  ab  und  erzahlet  sie 
uns  mit  einer  einzigen  Trane.  Alithea  driickte  sich  immer  defer 
nieder,  weil  sie  wuBte,  der  Schulmeister  werde  nun  vor  dem 
Fremdling  auf  ihre  Leidensgeschichte  kommen  und  sie  werde 
dann  starker  weinen. 

Er  naherte  sich  wirklich  der  Historie  und  sagte:  »Ganz  Neu- 
landpreis  freuet  sich  auf  den  groBen  Jubeltag;  aber  man  hatte  sich 
davon  hier  und  da  noch  ganz  andere  Dinge  versprochen,  die  30 
nun  klar  kapores  gehen.«  Der  Schulmeister  setzte  sich  auf  den 
Altar  und  stattete  mir  die  bisherigen  zwei  offiziellenBerichtenoch  . 
weitlauftiger  ab  als  ich  dem  Leser.  Er  wuBte  alles:  auf  dem  Lande 
werden  alle  einheimische  Angelegenheiten  auswartige,  und  jedes 
Familienschauspiel  wird  auf  einem  National  theater  abgespielt. 
Wenn  auf  zwei  Bergen,  z.  B.  auf  dem  Horeb  und  Sinai  oder  auf 


DRITTER  OFFIZIELLER  BERICHT  461 

den  zwei  Gipfeln  des  literarischen  Gesetzberges,  des  Parnasses, 
nur  zwei  Menschen  wohnten,  auf  jedem  einer:  so  wiird*  es  dem 
einen  Alpler  ebenso  wichtig  sein,  ob  sein  Nachbar  druben  raucht 
oder  obs  der  Atna  tut,  und  er  wiirde  mit  dem  Fernrohr  die  silber- 
nen  Westenknopfe  desselben  wie  ein  Herschel  eichen  oder  zah- 
len.Der  sonderbareAnteil,womitauch  derweise  und  guteMensch 
die  kleinen  Stadt-  und  Stubenneuigkeiten  des  andern  aufnimmt, 
ist  bisher  mehr  satirisch  und  moralisch  angefochten  als  philo- 
sophisch  erforscht  und  geschonet  worden. 

10  Schon  ehe  ScheinfuB  sein  Zeitungskollegium  zu  lesen  anhob, 
war  die  eingepreBte  Heldin  gebiickt  aus  dem  Gitterstuhl  in  die 
Sakristei  und  aus  dem  Dom  entwischt;  sie  floh  vor  dem  Augen- 
und  Ohrenzeugen  ihrer  Wunden:  in  dem  Leben  wie  auf  Ge- 
malden  duldet  der  Kummer  nur  wenige  Nebenfiguren. 

Das  Mitleiden  mit  der  getauschten  FamiHe  fuhrte  in  meiner 
Seele  von  weitem  ein  Geruste  zur  Reparatur  ihres  baufalligen 
Lustschlosses  auf.  Man  soil  mehr  davon  horen;  dem  Schulmeister 
aber  konnte  nichts  mitgeteilt  werden  als  der  fliichtigste  UmriB 
einer  Hoffnung.  Ich  schrieb  vor  ihm  mit  einer  wichtigen  Physio- 

zo  gnomie  alle  Namen  ins  Souvenir  und  sagte  kalt:  »Es  ist  gut  -  der 
maitre  de  plaisirs,  Herr  v.  Esenbeck,  soil  viel  horen  -  Sein  Vor- 
gesetzter,  Herr  Kantor,  hat  Ihm  viel  Dank  zu  wissen  fur  den 
Dienst,  den  Er  ihm  bei  mir  erwiesen.  Gegen  das  Ende  der  Woche 
diirften  sich  Dinge  zutragen,  Herr  ScheinfuB,  die  Ihn  frappieren. 
Von  hier  nach  Flachsenfingen  rechn'  ich  in  jedem  Falle  24  Wer- 
sten,  wenigstens  12  englische  Meilen,  oder  doch  6  franzosische.« 
Und  so  reist'  ich,  von  Planen  gluhend,  zuriick.  Ach,  wenn  es  dir 
gelange,  dacht'  ich,  das  grobe  Geschiitz,  womit  noch  das  Schkk- 
sal  den  Hafen  euerer  Ruhe,  ihr  Alten,  bestreichen  kann,  wegzu- 

30  fahren  oder  zu  vernageln !  - 

Noch  denselben  Abend  flog  ich  mit  andern  Sphinxen  und  Pha- 
lanen  ins  Esenbecksche  Haus,  um  aus  dem  Brief  der  Fraulein 
v.  Sackenbach  fortgesetzte  Aufschliisse  zu  holen.  Dieser  Herr,  der 
in  meinem  fiir  edlere  Gegenstande  pulsierendem  Adernsystem 
nichts  wert  halt  als  meine  diinne  satirische  Hohlader,  war  eben 
aus  Karlsbad  zuriick  und  freuete  sich  unendlich,  mich  zu  sehen, 


462  DER  JUBELSENIOR 

ob  er  sich  gleich  nicht  so  sehr  betriibte,  mich  zu  entbehren.  Ich 
hatte  einen  guten  Vorwand,  namlich  eine  Bitte  urn  die  Produk- 
tenkarte  oder  den  Passagierzettel  der  Karlsbader  Kurgaste  bei  der 
Hand,  der  dieses  Mai  so  lang  war  wie  die  Pranumerantenmatrikel 
vornen  vor  Klopstocks  Gelehrtenrepublik.  Esenbeck  offnete  die 
wahrend  seiner  Kurreise  aufgehauften  Briefschaften;  und  als  er 
auf  das  Sackenbachsche  Schreiben  stieB,  warf  ers  verschlossen 
beiseite.  »Ich  weiB  schon,  was  diese  will«  (sagte  er)  -  »nichts  als 
mich.  Die  Sackenbach  hat  ein  aufierordentliches  Gedachtnis  -  sie 
weiB  sich  noch  vollig  ihrer  Jugend  und  meines  Pagenstandes  zu  ent-  10 
sinnen.  Die  Cotter  haben  mich  mit  ihr  in  einen  wahren  Schlozeri- 
schen  Briefwechsel  verwickelt,  worm  man  nur  Briefe  bekommt, 
aber  nicht  beantwortet.  Langer  ists  nicht,  lieber  J.  P.,  als  unge- 
fahr  zwanzig  Jahre,  daB  ich  und  sie  einander  nicht  einmal  gesehen 
haben.  Aber  nachgerade  wird  sie  mir  lastig.«  Mit  Freuden  steckt* 
ich  ihren  Wechsel-  und  Hirtenbrief,  den  ich  mir  erbat,  als  einen 
Kreditbrief,  als  ein  Notariatssiegel  der  scheinfuBigen  Erzahlung 
ein. 

Ich  las  ihn  daheim :  es  war  alles  richtig,  und  mich  dauerte  nicht 
nur  das  getauschte  Brautpaar,  sondern  auch  die  sehnsiichtige  fille  20 
d'honneur.  Es  wurde  nun  meine  Pflicht,  das  Unmogliche,  wie 
einige  das  Mogliche  nennen,  zu  versuchen.  Ich  ging  zu  dem  flach- 
senfingischen  Fursten,  den  die  auf  den  Hesperus  eingepfarrten 
Leser  unter  dem  Namen  Jenner  schon  seit  Jahren  kennen. 

Der  Anfang  war  gar  nicht  unangenehm :  denn  ich  fand  im  Vor- 
zimmer  den  Herrn  von  Esenbeck  hochst  verdruBlich,  der  mir 
sagte,  der  Fiirst  sei  es  noch  mehr,  er  habe  ihm  gerade  eine  Bitte 
rund  versagt.  Esenbeck  hatte  das  Kabinettssekretariat  fur  einen 
jungen  vortrefflichen  Menschen,  aber  zu  andringend  und  mit  zu 
groBer  Rechnung  auf  die  gerechte  Sache  nachgesucht :  hatte  der  30 
Mensch  die  Stelle  nicht  verdient,  so  wiirde  Esenbeck  sie  vorsich- 
tiger  geworben  und  sie  also  erstanden  haben.  Das  war  mir  lieb: 
dem  Januar  gehorte  nicht  zu  den  Fursten,  die  sich  vom  Darius 
unterscheiden,  der  befahl,  in  30  Tagen  alles  von  ihm,  und  nichts 
von  Gott  zu  bitten,  und  die  umgekehrt  gern  nur  von  diesem  alles 
zu  verlangen  erlauben :  er  machte  lieber  ein  Nein  gegen  den  einen 


DRITTER  OFFIZIELLER  BERICHT  463 

durch  ein  Ja  gegen  den  andern  wieder  gut.  Ich  konnte  hoffen,  der 
AblaBkramer  fur  die  Siinde  gegen  seinen  heiligen  Geist  zu  wer- 
den.  Ich  fand  ihn  in  seinem  Boudoir,  das  der  gebrochene  Schim- 
mer  aus  einer  mattgeschliffenen  Kabinettslaterne  von  Beinglas  in 
eine  weiBe  Rosenlaube  umkleidete.  Ich  erzahlte  alles,  eh'  ich  et- 
was  bat;  ich  machte  zwar  nur  einen  fliichtigen  pragmatischen 
Auszug  aus  den  Pfarr-memoires  und  nur  einen  kurzen  Wund- 
zettel  ihrer  Schmerzen,  aber  ich  war  dafur  in  der  Prospektmalerei 
des  Jubelfestes  und  der  Familien-Wonne  desto  reicher,  die  das 

10  Pfarrhaus  durchstromen  wiirde,  bracht'  ich  wirklich  die  Ratifi- 
kation  der  Adjunktur  zuriick.  Glucklicherweise  blickt'  ich  im 
Kabinett  umher  und  sah  den  Kupferstich  der  schonen,  iiber  die 
vergeltende  Zuriickkunft  eines  mildern  Geschicks  entziickten  Fa- 
milie  des  Jean  Galas  vor  mir  hangen.  »Nein,«  (sagte  ich)  »die 
Gruppierung  eines  solchen  Entziickens  iiber  eine  dreifache  Jubel- 
feier  ware  gar  noch  nicht  gemalt;  aber  —  wohl«  (ich  wies  auf  den 
Stich)  »hier  in  Kupfer  gestochen.«  Ich  finde  in  dieser  Prozedur 
nichts,  als  was  mir  gefallt:  nichts  greifet  starker  und  schoner  in 
einen  Eigentiimer  ein,  als  wenn  er  dem  harten  trocknen  Aarons- 

20  stecken  der  alltaglichen  Nachbarschaft  um  sich  durch  eine  geist- 
reiche  Wendung  plotzlich  eine  transzendente  Bliite  gegeben  sieht. 

»Der  Sohn  soli  die  Pfarrei  bekommen,"  (sagte  der  Furst)  »und 
ich  goutiere  die  Idee  so  sehr,  daB  ich  am  Jubelsonntage  selber 
kommen  und  den  Effekt  bemerken  will,  den  die  Vokation  auf  alle 
macht.  Recht  gern  unterschreib'  ich  sie.«  Das  setzte  mich  nicht 
sonderlich  in  Freude:  denn  ich  selber  wollte  allein  die  Vokation 
einhandigen,  um  ins  zitternde  Herz,  wenn  es  sich  weit  und  ge- 
waltsam  zur  Aufnahme  der  groBen  Wonne  ofFnen  muB,  tief  hin- 
einzusehen.  Da  aber  die  Menschen,  besonders  die  GroBen  und 

30  die  Weiber,  hundertraal  eine  Bitte  erhoren  oder  auch  versagen, 
bloB  weil  sie  eine  frappante  Idee  ist  -  oder  weil  ihnen  ein  Bonmot 
dazu  beifallt  -  oder  eine  Lustpartie  von  einer  Minute  -  oder  weil 
der  Bittsteller  gerade  nieset,  hustet,  lachelt  -  oder  weil  sie  schon 
einmal  dasselbe  getan  haben  -  oder  weil  sie  keine  geringere  Ur- 
sache  dazu  haben  als  die  Freiheit  des  Gleichgewichts  (libertas 
aequilibrii):  so  war  weiter  kein  SpaB  und  zum  Einwenden  kein 


464  DER  JUBELSENIOR 

Ort;  ich  hatte  den  Adjunktus  mit  drei  dummen  Worten  umBraut 
und  Kanzel  bringen  konnen. 

Ich  verfiel  vielmehr  auf  etwas  noch  Besseres:  ich  konnt'  un- 
moglich  die  armen  bilBenden  Briider  und  Schwestern  bis  auf  den 
Sonntag  nachmittag  in  ihren  Mortifikationen  lassen,  ohne  eine 
einzige  Maiblume  ihres  kiinftigen  Wonnemonats,  namlich  ohne 
eine  einzige  Hoffnung.  Ich  gestand  also  dem  Fursten,  ich  wiirde 
den  Scherz  ansehnlich  verstarken,  wenn  ich  am  Sonnabend  nach 
Neulandpreis  abreisete  und  mich  da  bei  dem  obsoleten  Fraulein 
fur  den  Herrn  von  Esenbeck  auspragte  -  das  muBte  ich  tun,  denn  10 
unter  meinem  eignen  unbekannten  Namen  wiirde  mich  das  ganze 
Dorf  bloB  fur  einen  Nachflor,  Postlapsarier  und  Adjunktus  des 
Spitzbuben  Lederer  genommen  haben  -  und  wenn  ich  also  fur 
die  guten,  vom  Glatteis  des  Nachwinters  uberzognen  Seelen  den 
Frostableiter  und  den  Fruhling  abgabe,  um  bei  ihnen  den  war- 
men  Sommer  einzuleiten,  da  der  Mensch  so  leicht  am  schnellen 
Wechsel  der  Temperatur  umkommt.  Ich  wollte  nur  zwei,  drei 
hoffnungsvolle  Winke  fallen  lassen  und  der  schwimmende  See- 
tang  und  Seevogel  sein,  womit  auf  dem  leeren  Meere  eine  blii- 
hende  Insel  ihre  Nahe  ansagt.  20 

Jenner  hatte  nicht  das  geringste  darwider. 

Ich  schied  und  ging  sofort  zu  Esenbeck  und  brachte  ihm  die 
Nachricht,  daB  mir  Ihro  Durchlaucht  gern  verstattet  hatten,  uber 
seinen  Namen  zu  disponieren.1  Anfangs  verstand  er  mich,  nachher 
nicht  mehr.  Anfangs  dachte  er  -  und  das  billigte  er  ganz  -,  ich 
hatte  nichts  als  ein  erotisches  Aal-  und  SchifTerstechen  nach  dem 
Herzen  der  Neulandpreiser  Gesellschaftsdame  unter  seinem  Na- 
men vor:  er  gehorte  zu  den  unter  den  hohern  Standen  gewohn- 
lichern  Koketten  mit  einem  Bart,  die  gleich  der  schwermachen- 
den  Materie  des  Baron  Wolfs  (materia  gravifica)  alles  (namlich  30 
jedes  weibliche  Herz)  schwer  machen  und  durchdringen,  selber 
aber  ohneSchwere  sind.Er  begriffmich  indes  sogleich  nicht  mehr, 
als  ich  sagte,  ich  tat'  es  der  Pfarrleute  wegen:  er  zahlte  diesen 
Einfall  zu  den  vielen  Moresken  und  Bambocchiaden,  die  er  auch 

1  Die  hieher  gehorige  Digression,  dafi  es  weit  weniger  Egoisten  gebe,  als 
(besonders)  diese  glauben,  ist  im  dritten  Zirkelbriefe   befindlich. 


DRITTER  OFFIZIELLER  BERICHT  465 

aus  meinen  Schriften  streichen  mochte.  BloB  mit  der  Beredsam- 
keit  nicht  eines  Cicero,  sondern  eines  Demosthenes  bettelte  ich 
ihm  ein  Handschreiben  an  Gobertinen  ab,  worin  er  ihr  auf  den 
Sonnabend  seine  -  namlich  meine  -  Himmelserscheinung  mitdrei 
Zeilen  verburgte.  Es  war  ihm  gar  nicht  beizubringen,  was  ein 
Adjunktus  oder  eine  Pastorhaushaltung  sei.  Die  GroBen  schop- 
fen  zwar  aus  schalen  unmeublierten  gallischen  Idyllen  -  und  aus 
der  Nachbarschaft  ihrer  Landsitze  —  eine  matte  Idee  von  dem 
Landmann,  die  sie  nachher  skandieren  und  singen;  aber  vom 

10  Kriegs-  und  Friedensetat  eines  Armenkatecheten,  Kammersekre- 
tars,  Weginspektors  und  Zolleinnehmers  ist  ihnen  zehnmal  weni- 
ger  bekannt  als  diesem  Personate  von  ihrer  Hofhaltung.  Man  er- 
laube  mir,  dieses  gelehrt  zu  erklaren. 

Schon  die  Peripatetiker  und  mit  ihnen  Plotinus1  erweisen:  daB 
zwar  die  niedern  Intelligenzen  (z.  B.  die  Menschen)  die  hohern 
(z.  B.  die  Cherubim)  fassen,  aber  nicht  diese  jene;  ja  nicht  einmal 
von  der  Materie  wird  Engeln  ein  BegrifT  zuteil  —  und  zwar  dar- 
um,  weil  vorauszusehen  ist,  daB  die  hohern  Intelligenzen  amEnde 
das  wiirden,  was  sie  dachten.  Das  Namliche  gilt,  wenn  man  von 

20  der  andern  Welt  auf  die  erste  geht:  die  GroBen  konnen  sich,  ohne 
ihren  eignen  Nachteil,  keine  Idee  von  den  Kleinen  machen,  ob- 
wohl  diese  von  ihnen.  Hohe  Orte,  z.  B.  Thronen,  Berge,  tragen 
zwar  kleinere  Geschopfe  als  die  Ebene,  aber  diese  werfen,  wie 
man  auf  dem  Brocken  und  Atna  sieht,  ein  vergroBertes  und  mit 
einem  Heiligenschimmer  umfaBtes  Abbild2  in  den  Nebel  des  Gip- 
fels;  sie  konnen  also  im  Nebel  leicht  eine  Gruppe  von  Riesen 
sehen,  aber  der  Dunst  sowohl  als  die  Feme  verbergen  ihnen  das 
infusorische  Chaos  des  Volks,  das  unten  wimmelt. 

Allein  welche  Last  warf  ich  auf  meine  Schultern  I  Es  war  so  viel, 

30  als  kroch  ich  in  eine  Felsenhohle  und  baumte  mich  darin  auf,  urn 
den  Felsen  aus  seinen  Wurzeln  zu  treiben.  Ein  Mensch,  der  den 
Freudenmeister  (maitre  de  plaisirs),  den  Herrn  von  Esenbeck,  ge- 

1  Die  Stelle  lautet  in  Scalig.  de  Subtilit.  ad  Cardan,  exercitat.  CCCVII. 
sect.  2.  so :  superiores  intelligentias  ab  inferioribus  intellectione  comprehendi, 
non  inferiores  a  superioribus.  -  Die  Endabsicht  davon  steht  oben  im  Texte. 

2  Auf  dem  Berge  Buet  z.  B.  sah  jeder  an  sich  alles  verliingert.  Bourrits 
Reise  auf  d.  apenninisch.  Gebirg. 


466  DER  JUBELSENIOR 

schickt  vorstellen  will,  muB  schon  dazu  geboren,  d.  h.  dazu  erzogen 
sein.  Es  fehlte  mir  (seine  Glatze,  Magerheit  und  sein  LangenmaB 
und  eine  aufzwanzigjahrigeAbwesenheitgegriindete  Ahnlichkeit 
ausgenommen)  fast  alles  dazu;  besonders  die  Seele  und  das  trag- 
bare  Ammeublement.  Ich  war  im  Falle  des  Malers  Klinsky,  dem, 
als  er  bei  der  Prager  Ephorie  um  die  Erlaubnis  nachgesucht,  die 
Landschaft  um  Toplitz  aufzunehmen,  die  obrigkeitliche  Einwilli- 
gung  sogleich  zuteil  ward  mit  der  durch  die  militarische  Kautelar- 
jurisprudenz  der  Taktik  notwendigen  Einschrankung:  »doch 
mochte  er  bei  der  Abzeichnung  der  Landschaft  sich  hiiten,  einen  10 
Berg,  FluB,  Wald  oder  ein  Tal  mit  abzureiBen  und  zu  portratieren.« 

Noch  dazu  hing  dem  Freudenmeister  gerade  mitten  iiber  die 
Stirn  ein  diinnes  Purpur-Feuermal  von  der  Gestalt  eines  Minu- 
tenzeigers  herab,  das  auf  die  Nase  hinzuweisen  schien.  Der  Zeiger 
soil  davon  auf  seine  Stirne  wie  eine  steilrechte  Falte  gekommen 
sein,  daB  seine  Frau  Mutter,  als  sie  gerade  sich  einer  dunklen 
Rammer  (camera  obscura)  bediente,  um  wenigstens  eine  von  den 
Attitiiden  der  Lady  Hamilton  nachzubringen,  entsetzlich  zusam- 
menfuhr,  da  sein  Herr  Vater  (der  junge  Esenbeck  kann  damals 
kaum  ein  hiipfender  Punkt  gewesen  sein)  im  Finstern  vor  ihr  20 
stand  und  ein  Turiner  Lichtchen  schnell  zerbrach,  um  sie  anzu- 
leuchten :  diese  fiirchterliche  Flammen-Spitze  brachte  nachher, 
von  der  Enkaustik  des  Schreckens  eingebrannt,  der  neugeborne  - 
maitre  de  plaisirs  an  der  Stirn  mit  auf  die  Welt. 

Da  ich  sehe,  daB  ich  den  Herrn  von  Esenbeck  (zumal  kiinftig- 
hin)  in  ein  immer  lacherlicheres  Licht  stelle:  so  bitt*  ich  jeden,  der 
weiB,  wie  er  heiBet  -  denn  Esenbeck  ist  fingiert  — ,  den  wahren 
Namen  bis  zur  zweiten  Auflage  -  entweder  meines  Buchs  oder 
des  Herrn  v.Esenbecks  -  schonend  zu  verschweigen :  ist  das  so 
schwer,  und  tu'  ichs  nicht  auch?  -  30 

Ich  habe  bloB  aus  asthetischer  Teleologie  und  Absicht  einen 
solchen  Larm  iiber  die  Schwierigkeiten,  den  Freudenmeister  mit 
der  Kopiermaschine  meines  Korpers  zu  machen,  aufgeschlagen : 
denn  mit  einigen  Schmink-Bezetten  oder  Farbelappchen  konnt* 
ich  mir  das  Kainszeichen  des  roten  Minutenzeigers  auflinieren  - 
die  Equipage  und  Garderobe  konnt'  ich,  wie  andere  Schauspieler, 


DRITTER  HIRTEN-  ODER  ZIRKELBRIEF  467 

aus  der  ganzen  Stadt  zusammenborgen  -  und  was  den  innern 
Esenbeckschen  Menschen  und  Weltmann  anlangt,  der  mir  zu 
machen  oblag,  so  braucht'  ich  ihn  auf  dem  Lande  gar  nicht  zu 
machen,  sondern  bloB  zu  entstellen.  Auf  dem  Dorfe,  wo  man 
Welt-  und  Hofmannern  noch  nirgends  begegnet  war  als  auf  Ro- 
manenpapier  und  auf  holzernen  Buhnen,  hatte  eine  reine  Kopie, 
die  kein  VergroBerungsspiegel  gewesen  ware,  mich  gerade  in  den 
Verdacht  gebracht,  dafi  ich  betroge  und  das  nicht  ware,  was  ich 
spielte  -welches  ohnehin  seine  Richtigkeit  hatte.  Meine  Pflicht  war, 
den  Hofmann  bald  mit  dem  langen,  bald  mit  dem  kurzen  Ende 
des  Storchschnabels  abzumalen,  urn  gleich  den  Romanen-Malern 
desselben  durch  ein  alternierendes  zweckmaBiges  Umwenden  des 
Fernrohrs  den  Mann  bald  groBer,  bald  kleiner  zu  zeigen,  als  er  ist. 

-  Ich  arbeitete  die  ganze  restierende  Woche  als  Maschinenmeister 
und  Dekorateur  und  Rollenschreiber  an  meiner  hohen  opera  seria 

-  dasselbe  tat  man  in  Neulandpreis,  wo  man  Kothurne  und  Chore 
und  Theatervorhange  zum  Jubeldrama  anschaffte  -  Die  Komd- 
dienproben  liefen  gut  ab  -  der  Sonnabend  erschien-  das  Intrigen- 
stiick  begann  —  und  der  dritte  offizielle  Bericht  beschloB. 

Der  vierte  sperret  die  vier  heiligen  Jubelpforten  auf  und  zeigt 
den  Menschen  alles.  Aber  jetzt  in  diesem  dritten  Bericht  ist  der 
Leser  noch  glucklich  durch  Hoffen  auf  den  vierten:  hat  er  diesen 
ausgenossen  und  ausgelesen,  so  ist  seine  Freude  (aber  auch  das 
Buch)  zu  Ende;  so  zeigt  uns  das  Fernglas  der  Hoffnung  wie  ein 
anderes  die  weiten  Gegenstande  in  einen  bunten  Regenbogen- 
Kreis  gefasset;  so  entkraftet  den  Rosmarin  die  Bliite,  die  man  ihm 
daher  ausrauft Noch  lebt  der  Leser  im  dritten  Bericht  — 


DRITTER  HlRTEN-  ODER  ZlRKELBRIEF 

Ober  den  Egoismus 

Teuerster  Freund! 
Die  sonderbarsten  Translokationen  nehm'  ich  vorzuglich  mit 
dreierlei  Menschen  vor,  mit  Brobdignaks,  mit  Lilliputern  und  mit 


468  DER  JUBELSENIOR 

mir  als  dem  Gulliver:  ich  versetze  sie  wie  eine  algebraische  GroBe 

mit  alien  Zeiten  und  Raumen  und  sehe  dann  nach,  ob  ich  sie  noch 

kenne.  So  nab*  ich  z.  B.  den  koniglichen  Geist  Friedrichs  zu  vie- 

lerlei  gemacht,  um  ihn  zu  priifen,  zum  Papst  -  zum  GroBherrn  - 

zu  einem  spartischen  Ephorus  -  dann  zu  einem  geistlichen  -  ich 

vozierte  ihn  darauf  zum  Rektor  eines  Lyzeums  und  dann  von 

Ragusa  —  promovierte  ihn  zu  einem  Kirchenvater  des  ersten  Jahr- 

hunderts  -  zum  Bakkalaureus  des  i6ten  -  zum  Mitarbeiter  an  der 

Literaturzeitung oft  nahm  ich  ihm  diese  Kenntnisse  bis  auf 

wenige  wieder  weg  und  setzt*  ihn  in  mehrerern  naturalibus  als  1 

pontificalibus  auf  die  Zahnkuste  aus,  in  ein  arabisches  Zelt,  in 

eine  Sennenhutte  und  gab  ihm  ein  Alphorn Ich  kann  nicht 

beschreiben,  welcher  Anstrengung  des  Blicks  ich  notig  hatte,  um 

diesen  Visthnu  in  seinen  zehn  Menschwerdungen  immer  zu  verfol- 

gen  und  zu  enthiilsen.  Leichter  schuppte  und  lederte  ich  den  ab- 

scheulichen  zweiten  Philipp  von  Spanien  ab,  wenn  er  vor  mir  die 

ganzeTheatergarderobe  meinerPhantasie  hatte  anprobieren  miis- 

sen,  wenn  dieses  Lithopadium  der  Zeit,  dieser  geistige  Zoolith 

vor  mir  ein  Konsistorialrat  -  ein  valet  de  fantaisie  -  ein  Maut- 

offiziant  -  ein  Sadduzaer  -  ein  Werbofflzier  -  ein  erster  Christ  -  a 

ein  Arkadier  -  ein  Berliner  —  ein  Hofer  gewesen  war.  — 

Noch  lehrreicher  ists,  wenn  man  mit  sich  selber  diese  Volker- 

und  Seelenwanderung  versucht.  Ich  erwahlte  mich  in  Frankfurt 

-  um  zu  sehen,  wie  ich  mich  dabei  betruge  -  zum  romischen 

Kaiser1  -  zu  einem  Apostel  -  zu  einem  alten  Ritter  -  zum  Gou- 

verneur  der  Bastille  -  zu  einem  von  den  neun  Aussatzigen  -  zu 

einem  Buschneger  -  Minoriten  -  Hohenpriester  -  Kardinal  -  und 

1  Nach  der  Goldnen  Bulle  konnt*  ich  dazu  recht  gut,  sogar  von  der  Kur- 
furstenbank,  erwahlet  werden;  denn  was  mich  und  ebenso  Fursten,  Land- 
grafen  etc.  vom  deutschen  Kaiserthron  ausschlieBet,  ist  blofi  die  Besorgnis,  1 
daB  wir  uns,  zumal  wenn  wir  heiraten,  nicht  vom  Throne  allein  erhalten 
konnen,  falls  wir  nicht  besondere  Neben-Renten  haben.  Indes  wlirde  doch 
der  Fall  dieser  Sorge  bei  mir  viel  weniger  als  bei  den  andern  Kronwerbern 
statthaben,  wenn  man  mir  unter  meinen  kaiserlichen  Reservaten  nur  das 
kleine  (man  streich'  ein  grofles  dafur  weg)  bewilligte,  daB  alle  meine  Reich s- 
kinder  das  kaufen  muCten,  was  ich  schriebe  (z.  B.  meine  Kaiserstadt  Wien 
den  Hesperus)  -  meine  Biicher  waren  dann  die  Panisbriefe  fur  mich  selber, 
und  ich  ware  mein  eigner  Panist  und  Prezist.  Aber  das  bleiben  wohl  uto- 
pische  Traume. 


DRITTER  HIRTEN-  ODER  ZIRKELBRIEF  469 

Pariser  Stutzer;  ich  lebte  nicht  nur  wie  der  ewige  Jude  oder  St. 
Germain  zu  Christi  oder  nachher  zu  des  Antichrists  Zeiten  und 
im  12.  Sakulum  mit  dem  Johannes  de  temporibus  (dem  Wagen- 
meister  Karls  des  GroBen),  der  361  Jahre  alt  wurde,  sondern 
schon  vorher  in  Nebukadnezars  und  Apis*  Zeiten.  Was  war  die 
Folge?  -  Demut  und  Gerechtigkeit.  Ich  nenne  dieses  die  hohere 
vergleichende  Anatomiey  wodurch  man,  wie  ein  Daubenton,  viele 
beschamende  Ahnlichkeiten  ausgrabt:  man  errat  sich  und  den 
andern,  aber  auf  umgekehrte  Kosten,  man  halt  dann  die  waag- 
rechte  Entfernung  auf  derselben  Sprosse  der  Wesenleiter  fur  keine 
steilrechte  von  mehrerern  Sprossen  und  denkt  dann  ganz  billig  - 
wenigstens  gegen  Tote,  Freunde  und  Fremde. 

Dieses  lehret,  daB  es  auf  der  Erde  groBere  und  haufigere  Ahn- 
lichkeiten gibt  als  Verschiedenheiten.  Die  Hamadryade  im  Baum 
voll  Friichte  wiirde,  wenn  sie  ware  und  sprache,  die  in  demselben 
Baum  voll  Bluten  verachten,  und  diese  die  Hamadryade  im  Baum 
voll  Blatter  verkennen  -  der  Schmetterling,  die  Puppe,  die  Raupe 
wiirden,  wenn  sie  urteilten,  zwischen  einander  so  wenig  Verwandt- 
schaft  zulassen  als  die  drei  Stande  vor  ihrer  Vereinigung,  oder  als 

>  Price  in  London,  der  unter  drei  verschiednen  Charakterlarven 
schon  sein  Wechsel-Mundieren  und  Imitieren  verbarg. 

Da  die  Natur  in  dem  einen  Jahrhundert  ungefahr  so  viele 
Menschen  mit  bosen  Anlagen  und  Menschen  mit  guten  austeilt 
als  in  dem  andern:  so  ist  weder  die  Verschlimmerung  noch  die 
Verbesserung  desMenschengeschlechtssogroB,als  sieder  Augen- 
blick  malt.  Die  Laster  mancher  Zeiten  sind  nur  Antonins  Schel- 
ten  im  hitzigen  Fieber  oder  die  Bisse  in  der  Wasserscheu  oder  die 
EBsucht  der  Schwangern;  die  Tugenden  mancher  Zeiten  sind  nur 
dieHauslichkeit  in  einer  Bastille  und  dieSparsamkeit  undKeusch- 

>  heit  auf  einem  Kauffahrteischiff. 

Die  Sparter  und  die  ersten  Romer  konnten  nicht  wissen,  daB 
sie  groB  sind:  nur  ihre  kleinen  Nachkommlinge  sahens  hinter- 
drein.  So  kann  es  auch  sein,  daB  an  unserem  Jahrhundert  und  an 
uns  alien  viel  ist;  das  konnen  aber  nicht  wir,  sondern  nur  die 
fuhlen,  die  uns  kunftig  angaffen  und  uns  vergeblich  nachsteigen. 
So  kann  eine  groBe  Handlung  dem  Tater  zwar  lange  zuvor  und 


470  DER  JUBELSENIOR 

lange  darnach,  aber  nicht  im  Augenblicke  der  Forcerolle  selber 
erhaben  erscheinen :  in  der  Mittagsglut  der  innern  Sonne  erglanzt 
ein  hoheres  Ziel  vor  ihm,  als  das  erreichte  ist,  und  mit  der  Wirk- 
lichkeit  wird  das  Ideal  gehoben. 

Unsere  Unwissenheit  der  kleinern  Hiilfen  und  Nebenumstande 
zeichnet  uns  groBe  Menschen  und  Taten  der  alten  Zeit  hoher  und 
kuhner  vor,  als  sie  waren,  so  wie  wir  die  alten  Bergschlosser  auf 
steile  schroffe  verwaschene  Felsenkuppen  gebauet  glauben,  indes 
erst  das  Alter  und  das  Wetter  den  Berg  entkleidete,  spitzte  und 
scharfte.  10 

Wenden  Sie  dieses  auf  den  Egoismus  an,  teuerster  Freund ! 

In  alien  Briefen  und  S  tad  ten  find'  ich  Klagen  iiber  die  einrei- 
Bende  Selbstsucht,  diesen  haBlichen  Brust-  und  Herzenskrebs, 
oder  diese  eigentliche  Seelen-Dorrsucht.  Oft  klagt  eine  ganze 
Stadt  iiber  den  Egoismus  der  -  ganzen  Stadt.  Schon  die  Klage  ist 
ein  gutes  Zeichen :  auf  der  Goldkiiste  wird  man  sich  nicht  iiber 
die  vielen  braunen,  von  der  Sonne  verbrannten  Gesichter  be- 
schweren.  Der  vollstandige  Egoist  wiirde  sich  an  einem  andern 
vollstandigen  Egoisten  so  wenig  wie  an  seinem  Affen  stoBen,  der 
dort  sitzt  und  bloB  auf  seinen  Vorteil  spintisiert.  -  Das  Sehnen  *o 
nach  Liebe  ist  selber  Liebe.  Unter  einem  rohen  Volke  und  unter 
dem  gemeinen  ist  Freundschaft  nur  Mittel  und  Ruckenwlnd  zum 
Weiterkommen,  nicht  Ziel  und  in  die  Brust  gesogne  Lebensluft; 
aber  die  Kultur,  die  iiberall  mit  dem  Stahl  des  Korpers  nur  Fun- 
ken  der  Seele  schlagen  will,  erzieht  das  Herz  fur  das  fremde  und 
lehret  uns  die  Freundschaft  hoher  achten  als  die  Zeichen  und 
Vorteile  der  Freundschaft.  Wir  Heben  in  der  Wissenschaft,  in  der 
Tugend  und  in  der  Freundschaft  anfangs  die  Ren  ten  derselben, 
dann  sie  selber  auf  Kosten  unserer  Renten.  Die  Freundschaft 
roher  Zeiten  und  Menschen  fodert  nur  eintragliche  Taten;  die  3° 
hohere  Freundschaft  begehrt  nichts  als  ihr  tausendsilbiges  Echo. 
Im  Mittelalter  konnte  ein  Odelmann1  seinem  Freund  und  WafFen- 
bruder  ein  Loch  in  den  Kopf  schlagen,  ihr  eisernes  Band  der  Liebe 
hielt  es  aus,  und  den  andern  Morgen  durchlocherten  beide  bloB 

1  Von  Od  oder  Ode,  ein  Gut  oder  Allodium;  daher  Odelmann,  Odelinge> 
Athelinge. 


DRITTER  HIPTEN-  ODER  ZIRKELBRIEF  471 

Fuhr-  und  Kaufleuten  den  Kopf:  in  unsern  Tagen  lassen  sich 
kaum  Todfeinde  auspriigeln. 

Mit  der  wunden  Zarte  des  innern  Menschen  nehmen  zugleich 
unsere  Foderungen  und  unsere  Schmerzen  zu.  Aber  eben  diese 
groBere  Warme  verfalschet  unser  Urteil  iiber  die  aufiere  Tem- 
peratur;  wir  gleichen  Badgasten,  die  aus  dem  heiBen  Zuber  in  die 
Sommerstube  springen  und  die  im  Sonnenschein  frosteln  wie 
Alexanders  Haushofmeister.  lDaher  trifft  niemand  so  viele  gefuhl- 
lose  Menschen  auf  der  Erde  an  als  der  gefuhlvolle  J  tingling:  ja 

10  bestecke  die  Erde  bloB  mit  Werthers,  sie  werden  alle  einander  fur 
Eiszapfen  erklaren,  fiir  Schneemanner. 

Erlauben  Sie  mir,  mein  Freund,  hier  den  guten  Feuersalaman- 
dern,  die  den  Rest  fiir  Wassersalamander  verschreien,  ein  Wort 
zu  seiner  Zeit  zu  sagen :  »Seid  immerhin  warmbliitig,  aber  sehet 
nur  nicht  jeden  fur  ein  kaltblutiges  Amphibium  an,  der  gerade 
euch  nicht  liebt,  sonst  aber  die  Viertels-Welt,  oder  dessen  Liebe 
einen  andern  Dialekt  als  euere  spricht.  So  haben  sogar  die  kalt- 
bliitigen  Insekten,  die  Bienen,  Lebenswarme,  wie  ich  erstlich  aus 
ihrem  schwtilen  Korb  im  Winter  und  zweitens  aus  dem  einge- 

20  sunknen  Schneemannchen  wahrnehme,  das  eine  verirrte  Biene  im 
Schnee  ausschmilzt.  Nein,  der  innere  Mensch  biegt  sich,  wie  die 
verschattete  Pflanze  im  Winterhaus,  um  den  eisernenPfosten  her- 
um  einer  warmen  Sonne  entgegen,  d.  h.  einem  warmen  Herzen, 
und  solang  ihr  noch  liebende  Gatten  und  Hebende  Eltern  und 
helfende  Menschen  um  euch  seht,  so  fodert  zwar  Liebe,  aber 
schmahet  und  versaget  keine.  Ihr  schreibet  mit  ebenso  vielem 
Recht  -  d.  h.  Unrecht  -  den  Mannern  Kalte  zu,  die  unter  zu  ver- 
schlungnen  Verhaltnissen  und  B%edurfnissen  nur  ein  entkraftetes 
zerteiltes  Herz  zu  tragen  scheinen,  wie  die  Magnetnadel  neben 

30  Stahl-  und  Eisenware  transitorisch  ihre  Richtung  nach  dem  gro- 
Ben  magnetischen  Pol  aussetzt,  als  jene  euch  das  ObermaB  der 
Glut  verdenken.« 

Die  Hauptsache  ist  aber  die,  daB  jeder  Mensch  -  besonders  ein 
junger  -  darauf  leise  schwort,  seine  Fata  und  Historien  zu  Wasser 
und  zu  Lande  -  seine  Fahigkeiten  —  sein  Unstern  -  sein  Glucks- 
1  Diog.  Laert.  L.  IX.  XI.  9. 


47^  DER  JUBELSENIOR 

stern  —  seine  Liebe  -  und  alles  in  und  an  ihm  sei  ein  seltenes  Wun- 
derkind  und  Naturspiel  des  iippigen  unerschopf  lichen  Geschicks 
-  er  sei  ein  Meer-  oder  Landwunder  und  Schwanzstern,  und  er 
schlagt  daher  einige  Kometenmedaillen  auf  sich  -  seine  Erden- 
Rolle  sei  nur  einfach,  mit  ihm,  hochstens  wie  in  der  Pariser  Oper 
mit  einer  Doublette  besetzt  (o!  mit  tausend  ists  jede),  und  Leib- 
niz nenne  sein  Ich  daher  ganz  recht  eine  Monas  im  arithmetischen 
Sinn,  und  bloB  dadurch  werde  Einhelt  des  Interesse  ins  verwickelte 

Schauspiel  der  Erde  gebracht Darum  denket  jeder,  nur  er  Hebe 

genug  und  sei  der  Iange  breite  ziehende  Magnet  in  der  Erdachse.  io 

Wahrlich  ich  habe  nichts  dagegen:  ich  ehre  und  liebe  solche 
schone  und  tugendhafte  Irrtiimer;  aber  es  tut  mir  nur  weh,  daB 
sie  niemand  widerlegen  kann  als  der  Schmerz  und  die  Zeit. 

Ich  bin,  Bester, 

Ihr 

J-  P. 

Postskript  einiger  Gleichnlsse 

Dennoch  will  ich  nicht  ableugnen,  daB  in  den  hohern  Men- 
schenklassen  einige  egoistische  Asphyxie  des  Herzens  bleibe,  und 
daB  da  die  Gewitter  der  Leidenschaften  nicht  durch  Sonne/iAit^e,  20 
sondern  durch  grimmige  Kdlte  reifen.  Das  muB  aber  so  sein.  Ihre 
Ehen  konnen  recht  gut  (und  noch  mehr  ihr  im  kalten  Schatten 
anschieBender  Kinder-Salpeter)  ohne  viele  Warme  gemacht  wer- 
den,  da  die  Ehen  und  Kinder  nichts  sein  sollen  als  fein,  so  wie 
feines  Brot  einen  viel  weniger  geheizten  Backofen  notig  hat  als 
grobes.  Indessen  vereinen  sie,  wie  Geleen,  zugleich  Stifle  und 
Kdlte.  Zweitens  fodert  ihr  Stand  Luchsaugen  und  folglich  kaltes 
Klima,  so  wie  man  in  der  Kalte  die  meisten  Lichter  zieht.  Drittens 
hat  sich  von  jeher  der  feine  Mann  durch  Galle  und  Kalte,  und  nur 
der  niedere  durch  Liebe  und  Feuer  gehoben,  so  wie  man  mehr  30 
Hefen  und  Sauerteig  bedarf,  wenn  ein  feiner  Teig  zu  heben  ist; 
Pumpernickel  braucht  wenig.  -  Adieu! 


VIERTER  OFFIZIELLER  BERICHT  473 

VlERTER  OFFIZIELLER  BERICHT 

Ober  die  griine  Schote  welker  Kerne  —  Ankunft  —  Lob  des  Petschafts  - 
Hollenangst  vor  einem  magnetischen  Wels  und  vor  einem  Vexierbild  - 
Auflosung  des  Knotens 

Der  Verfasser  dieses,  der  die  Pariire  iiber  das  Neglige  hinaussetzt 
-  bei  Damen,  denn  ein  Herr  verlohnet  kaum,  daB  man  ihn  an- 
zieht  -,  halt  den  Putz  vorzuglich  an  altlichen  Fraulein  hoch,  die 
ohne  ihn  aussehen  wie  Hummer  in  der  Mause.  Schon  am  Morgen 
schnallte  Fraulein  von  Sackenbach  sich  mit  der  Tellerfalle  oder 

10  dem  Magen-Wappen  des  Ceinturons  in  das  Degengehange  ohne 
Degen,  in  die  Scharpe,  so  wie  man  einen  Taubenschlag  durch 
einen  blechernen  Gurt  gegen  aufkletternde  Katzen  verwahrt.  Sie 
dachte,  ich  ware  die  Katze.  Zweitens  fadelte  sie  sich  von  Kopf  bis 
auf  die  Arme  und  Beine  in  einen  bunten  Uberzug,  dergleichen 
etwan  listige  Wirte  ihren  Betten  geben,  ein :  sie  wuBte,  Buntkleide 
das  Alter,  wie  schon  Baume  im  Herbst  und  sieche  Gewachse  sich 
mit  buntem  Laubwerk  decken. 

Ich  bin  vielleicht  der  einzige,  der  es  wiinscht,  das  weibliche 
Alter,  zumal  eheloses,  in  das  turkische  Papier  der  bunten  Tracht 

zo  eingewickelt  zu  sehen.  Durch  nichts  kann  eine  Seniorin  der  Natur 
mehr  zeigen,  daB  sie  sich  oder  andere  an  den  Tod  erinnert,  als 
durch  eine  illuminierte  Farbengebung,  wie  um  Gehenkte  lauter 
Regenbogen  tanzen  vor  der  volligen  Gewitternacht.  Eine  kou- 
leurte  Alte  gleicht  dem  Glase,  dessen  Auflosung  sich  mit  einem 
bunten  Farbenspiel  anmeldet.  Die  farbige  Tracht  ist  ein  immer- 
griiner  Traueranzug,  so  wie  er  sich,  fur  sie  schickt,  daher  die  fran- 
zosischen  Konige  und  die  venezianischen  Nobili  violett  trauern. 
Es  kann  aber  audi  noch  eine  Nebenursache  da  sein,  warum  eine 
ehelose  Seniorin  sich  bunt  farbt  -  sie  will  zeigen,  daB  sie  andere 

30  schwarz  mache  wahrend  ihrer  Haussuchung  nach  fremden  Feh- 
lern,  so  wie  schon  bei  den  Romern1  derjenige  einen  buntschecki- 
gen  Anzug  hatte,  der  das  Haus  durchsuchte,  oder  so  wie  der 
GroBherr  die  Stummen  (das  Widerspiel  der  Rednerinnen), 
welche  strangulieren  sollen,  in  die  Farben,  die  nachher  um 
1  Cilanos  Altert.  2.  T. 


474  DER JUBELSENIOR 

den  Erdrosselten  selber  flattern,  kleiden  lasset,  namlich  in  blii- 
hende. 

-  Der  Teufel  der  Gleichnisse  besitzt  mich  einmal  wieder;  aber 
man  lass'  ihn  ruhig  noch  wenige  Blatter  durch  mit  mir  herum- 
setzen :  der  Satan  wird  doch  so  gut  miide  als  der  Leser.  - 

Oft  kommts  mir  sogar  vor,  als  sei  diese  farbige  Hiilse  eine 
Frucht  des  Alters,  das  sich  stets  aufs  Land  hinaussehnt  oder  doch 
es  nachahmt.  Der  weibliche  Marmor  bricht  aber  auf  dem  Lande 
bekanntlich  bunt.  Je  weniger  Menschen  in  einem  Orte  sind,  desto 
mehr  Farben  hangen  an  einer  Horioratiorin  desselben,  so  wie  10 
Gewachse  in  Scherben  bunter  werden  als  in  Garten.  Es  kann 
auch  sein,  daB  Landmadchen  von  Stande  den  Stadterinnen  be- 
weisen  wollen,  sie  seien  ihres  Orts  auch  zahm,  weil  bekanntlich 
nach  Buffon  zahme  Tiere  einen  farbigern  Pelz  als  wilde  tragen  - 
oder  daB  sie  aus  Bescheidenheit  glauben,  an  ihnen  falle  wie  an  den 
Schiitzen-Vogeln  kein  Holz  ins  Gewicht  und  Gesicht  als  ange- 
farbtes  -  ja  es  ist  nicht  unmoglich,  daB  der  lebendige  Putzteufel 
selber  in  ihnen  sitze 

Da  nun  dieser  eben  aus  mir  ausgefahren  ist:  so  verfolg.'  ich  un- 
gehindert  meinen  Weg  und  wende  mich  zum  Sonnabend.  20 

Ich  nab*  es  schon  gesagt,  wie  sich  Gobertina  meinetwegen 
sehnte  und  schmiickte.  Die  alte  inhaftierte  Seherin  des  KafFee- 
satzes  blieb  dabei,  der  Satz  trefTezu  und  ein  Herr  ohne  Haare 
komme  noch.  An  drei  Fenstern  standen  Hochwachter.  Am  Pfarr- 
fenster  stand  Dea  und  gab  einem  silbernen  EBlofTel  einen  EBlofFel 
voll  Kreidenpulver  ein  und  purgierte  ihn  damit  -  am  Schulfenster 
saB  ScheinfuB  und  observierte  die  Bewegungen  am  SchloBfen- 
ster,  an  welchem  das  gesprenkelte  Fraulein  stand  und  die  Arbeiter 
der  Chaussee  beobachtete,  ob  diese  nicht  daraus  entsprangen  vor 
einem  daherrollenden  Wagen.  3o 

Auf  einmal  verlegten  vielmehr  die  Arbeiter  wie  ebenso  viele 
Alcibiadesse  den  Weg:  es  schoB  wirklich  eine  mit  Tigerpferden 
geflugelte  Jagdwurst  daher  (ich  ritt  die  Wurst),  und  plotzlich  hielt 
das  Flugwerk.  Diese  Unter-Chausseeeinnehmer  hatten  den  Ver- 
fasser  des  Jubeiseniors  geschniirt,  um  mit  dieser  Angelschnur  ein 
Extra-Chausseegeld  aus  meinem  Beutel  zu  erflschen  von  meiner 


VIERTER  OFFIZIELLER  BERICHT  475 

Freigebigkeit.  Fraulein  von  Sackenbach  argerte  sich  hinter  dem 
Fenster,  daB  ich  die  letztere  bewies  und  spater  hereinfuhr:  denn 
sie  wurde  noch  narrischer  durch  die  alte  Prophetin,  die  immer- 
fort  sagte,  das  sei  gerade  der  Herr,  den  sie  auf  dem  Kaffeesatz 
gesehen. 

Beilaufigl  Ich  weiB  mir  das  auffallende  Phenomenon  dieser 
Kaffee-Typologie  aus  nichts  anderem  zu  erklaren  als  aus  zwei 
Erfahrungen.  Die  erste  ist3  daB  vielleicht  mehr  der  Kaffeetrank 
als  sein  Niederschlag  instand  setzt,  die  wasserigen  Meteoren  der 

1  o  Zukunft  wahrzunehmen,  zumal  da  diese  geistige  Kraftbruhe  schon 
Profanskribenten  wie  mich  und  Voltairen  in  der  Punktierkunst 
unserer  so  oft  prophetischen  Schreiberei  so  sichtbar  unterstiitzt. 
Meine  zweite  Erfahrung,  womit  ich  der  eingetroffenen  Weissa- 
gung  das  Obernaturliche  groBtenteils  benehmen  will,  ist  die,  daB 
ich  selber  der  alten  Frau  in  Flachsenfingen  die  Weissagung  mei- 
ner  Ankunft  mitgegeben  und  sie  gebeten  habe,  sie  nach  Neuland- 
preis  zu  tragen  und  da  als  Prophetin  aufzutreten.  Ich  wollte  den 
armen  Pfarrleuten  eine  groBere  Hoffnung  und  dem  Fraulein  eine 
leichtere  Cberzeugung  verschaffen.  -  - 

20  Ich  will  mir  im  Verfolge  der  Historie,  wie  man  Schauspielern 
tut,  den  Namen  meiner  Rolle  geben  und  mich  haung  Herr  von 
Esenbeck  oder  Freudenmeister  oder  maitre  de  plaisirs  benennen, 
war'  es  auch  nur,  um  uberhaupt  bescheidener  zu  scheinen  durch 
Weglassen  des  Ichs. 

Die  nahere  Jagdwurst  hob  die  Alte  aus  den  zwolf  kleinen  Pro- 
pheten  unter  die  vier  groBen  hinein.  Der  Freudenmeister  saB  dar- 
auf  mit  einem  neglige  raffine"  oder  modernen  Schanzlooper  und 
mit  den  Patentschuhschnallen  der  Herren  Boulton  &  Smith  - 
er  hielt  eine  lederne  Badine  in  der  Hand  und  hatte,  als  er  unten  am 

30  SchloBfenster  wie  ein  Hoogkyker1  hinaufsah  und  den  Hut  abtat, 
nicht  nur  die  Esenbecksche  Glatze  auf  dem  Kopfe,  sondern  auch 
den  roten  Taktstrich  auf  der  Stirn. 

Esenbeck  setzte  wie  ein  ErdstoB  ganz  Neulandpreis  in  Bewe^- 
gung. 

1  Eine  Familie  auf  der  Insel  Wieringen  muB  wegen  gelahmter  Augen- 
lider  den  Kopf  ganz  zurucklegen,  um  etwas  zu  sehen. 


476  DER  JUBELSENIOR 

Dieser  Herr  lieB  sogleich  die  Jagdwurst  auspacken  und  das  ab- 
heben,  was  er  mitgebracht:  einige  Zahnstocher  mit  schon  ge- 
schnitztem  figurierten  Schaft  (der  eine  stellet  den  Kopf  eines  Sak- 
saks  vor,  der  andere  einen  Zoiluskopf)  -  ferner  eine  KleidergeiBel 

-  hinlangliche  Schaugerichte  -  eine  glaserne  Bowie  mit  drei  Gold- 
fischchen  -  ein  Porzellan-Schreibezeug,  das  einen  aufgerichteten 
Bock  vorstellet,  der  ein  weiGes  Herz,  worein  ich  jetzt  eintunke, 
in  den  VorderfuBen  halt1  —  und  einige  anonyme  Lappalien. 

Endlich  standen  die  zwei  himmlischen  Korper  in  Konjunktion 
beisammen,  ich  und  sie.  Beide  erstaunten.  10 

Gobertina  besonders:  denn  der  Pseudo-Esenbeck  hatte  in  sei- 
nem  neglige  raffine,  mit  seiner  ledernen  SpieBrute  und  mit  sei- 
nem  chaotischen  anagrammatischen  Gesichte  etwas  ungemein 
Sonderbares  und  in  Neulandpreis  Ungesehenes.  Ohne  das  chiro- 
graphische  Instrument  des  roten  Interpunktions-  und  Ausru- 
fungszeichens  hatte  sie  sich  mcht  einreden  lassen,  daB  sich  bisher 
der  Hof  und  der  Herr  von  Esenbeck  so  sehr  geandert  haben;  aber 
sie  hielt  sich  an  den  roten  Strich. 

Mich  frappierte  das  Fraulein  nocli  mehr:  zwei  umgeschwun- 
gene  Brandkugeln  voll  Freudenfeuer  in  den  Augenhohlen  -  das  20 
ringelnde  Geader  von  Demarkationslinien  auf  dem  Gesichte,  die 
wie  streitende  Heere  im  Nordschein  in-  und  auseinanderschossen 

—  eine  durch  das  verengte  Mundstiick  der  Lippen  zugespitzte 
scharfe  Stimme  und  ihre  Quaker- Glieder,  die  hauflg  Terzien- 
Pralltriller  schlugen,  diese  Erscheinungen  setzten  eine  Person  zu- 
sammen,  die  die  wenigen  Eckenbeschlage  aus  Gold  und  Tressen? 
die  sie  vom  Hofe  aufs  Land  hinausgenommen,  drauBen  zu  einem 
goldflitternen  Opern-  und  Schleppkleid  in  der  Einsamkeit  aus- 
gehammert  hatte,  das  dem  lahngoldnen  Wappenrocke  glich ,  worin 
man  sonst  Alchimisten  auf  hing.  30 

Esenbeck  brachte  anfangs  gerade  so  viel  Visiten-Unsinn  vor, 
als  er  glaubte,  daB  Gobertine  von  ihm  erwarte,  welches  so  viel 

1  Das  Schreibzeug  ist  wirklich  das  Esenbecksche  Wappen.  Man  konnt' 
es  leichter  verwechseln  mit  dem  Wappen  der  Stadt  Chur,  die  einen  aufge- 
richteten Bock  im  gelben  Felde  fiihrt,  wenn  seiner  nichts  in  den  FiiBen 
hielte.  Es  ist  audi  sehr  vom  Wappen  der  Stadt  Zwlngenberg  verschieden, 
das  drei  rote  Herzen  iiber  einem  halben  Lowen  hat. 


VIERTER  OFFIZIELLER  BERICHT  477 

war,  als  sie  selber  verdiente.  Esenbeck  erinnerte  sie  an  die  schone 
Zeit,  wo  er  Page  und  sie  Gesellschaftsdame  war,  und  sagte  im 
kaltesten  Ton  von  der  Welt  -  er  stellte  dabei  die  lederne  Gerte 
und  Wiinschelrute  aufrecht  auf  den  Zeigefinger  und  wollte  den 
Stengel  steilrecht  tragen  -:  »Ich  bin  ganz  enthusiasmiert,  Sie  zu 
sehen.  Warum  kommen  Sie  nicht  an  den  Hof?  Waren  Sie  in  der 
Gemalde-Versteigerung?  Gefiel  Ihnen  ein  Pipi1  ganz?  Haben  Sie 
Schafe  von  Klaase?«  Es  gibt  eine  Art  zu  fragen,  die  etwas  von 
den  peinlichen  Fragstucken  in  Gerichtsstuben  an  sich  hat,  welche 

10  fortrollen  und  fortschlieBen,  Inkulpat  mag  antworten,  was  erwill. 
»Klaase?«  (sagte  sie  endlich)  »Klaus  werden  Sie  meinen;  wir  ha- 
ben hier  nur  einen  Schafer,  der  so  heiBet;  mir  wintert  er  bloB  zwei 
Hammel  aus.«  Da  ich  ihr  mit  einem  geringen  Lacheln  ihren  Irrsal 
und  meine  Kenntnisse  in  den  schonen  Kiinsten  zeigte  (denn  ich 
hatte  vorher  nicht  etwan  einige  Seiten  artistischer  Vokabeln,  wie 
prahlende  oberflachliche  Abderiten  tun,  sondern  einen  ganzen 
rasonierenden  Gemalde-Katalog  memorieret):  so  war  es  wohl 
entschieden,  daB  Herr  von  Esenbeck  dastand;  denn  ein  Hof  ist 
ein  verkleinertes  Italien  oder  eine  vergroBerte  Hadrians -Villa, 

20  uberall  laufen  da  Kunstkenner  und  Kunstwerke,  die  groBten  My- 
thologen  und  Mythen  entgegen. 

Fraulein  von  Sackenbach  war  nicht  sonderlich  in  Bilderkabi- 
netten  bereiset,  und  in  ihrer  Kunstgeschichte  glanzte  nicht  mehr 
als  ein  einziger  Meister,  der  beruhmte  Maler  ihrer  Eltern  und 
ihrer  eignen  Person,  gleichsam  eines  dreikopfigen  Geryon. 

Ich  hatte  mir  eine  viel  schonere  und  traurigere  Amanda  in  den 
Kopf  gesetzt,  als  auBer  ihm  dastand ;  die  auBere  schien  zugleich 
lustig,  tugendhaft  und  gefallsuchtig  und  zwar  alles  bis  zur  Ziere- 
rei  zu  sein  und  machte  mich  vollig  verwirrt.  Nach  ihrem  Brief 

30  an  Esenbeck  hatt'  ich  geschworen,  daB  sie  empfindsame  Halb- 
trauer  anhaben  und  ihren  alten  arkadischen  Schafer  mit  einem 
Schnupftuch  voll  Tranen  empfangen  wiirde:  ich  war  zu  einiger 
Riihrung  willfahrig  und  wollte  gern  mit  den  Knien  auf  der  Erde, 
um  zu  biiBen,  und  mit  den  Ellenbogen  auf  dem  Tische,  urn  zu 
dichten,  knien;  zwei  Glieder,  die  sich  an  einem  solchen  Liebhaber 
1  oder  Julius  Romanus. 


478  DER  JUBELSENIOR 

wie  die  Einlegmesser  immer  krumm  werfen  und  die  er  so  sehr 
wie  ein  Schorsteinfeger  abniitzt,  der  daher  nirgends  Lederbe- 
schlage  hat  als  an  Ellenbogen  und  Knien.  Aber  wie  erstaunt*  ich, 
als  sie  friiher  lachte  wie  ich. 

Ich  war  daher  kaum  eine  halbe  Stunde  bei  ihr,  als  ich  mich 
herzlich  ins  Pfarrhaus  hiniibersehnte  und  auf  dieser  seligen  Insel 
wenigstens  ein  Strandbewohner  werden  wollte;  aber  ich  hatte, 
wenn  ichs  merken  lieBe,  mit  meinem  ganzen  Oberleibe  durch 
meine  Esenbecksche  Charaktermaske  durchgestochen  und  durch- 
geschimmert:  ich  durfte  hochstens  nur  auf  Gelegenheiten  lauern,  10 
iiber  die  gliicklichen  Jubel-Insulaner  kalte  Fragen  hinzuwerfen. 
Ich  schauete  deswegen  bestandig  durchs  Fenster.  Jungfer  Dea 
schleppte  endlich  Bierkannen  aus  der  Pfarr-Kellerei  heraus.  Ich 
wollte  jetzt  kiihn  sein  und  den  Freudenmeister  Esenbeck  tau- 
schend  spielen  und  machte  mir  kein  Bedenken  daraus,  epigram- 
matisch  zu  bemerken :  »Es  ist  wahr,  die  Amazonen  schafften  sonst 
den  halben  Busen  fort,  um  die  Armbrust  gewisser  anzulegen;  aber 
wahrhaftig  Amors  GeschoB  trifft  noch  scharfer  in  jede  Brust, 
wenn  man  es  auf  einer  ganzen  ansetzt.«  -  »Scharmant,«  sagte  das 
Fraulein,  »ganz  scharmant!«  -  »Pfui«  oder  »warum  nicht  gar«  20 
oder  doch  »hm,  hm«,  hatt*  ich  gerechnet?  wiirde  es  sagen;  nun 
aber  verglich  ich  sie  ohne  Bedenken  innerlich  mit  den  alten  Peru- 
anern,  welche  (denn  sie  brachte  auch  nur  ihre  vermooseten  Tage 
und  ihre  morschen  wurmstichigen  Neigungen,  kurz  nur  ihr  Alter 
der  Tugend  zum  Opfer)  ihren  Konigen  Zwerge  und  miBgestalte 
Kinder  und  (nach  Garzilaso  de  Vega)  den  Landeshauptmannern 
Lause  als  Steuern  und  Gaben  iiberreichten. 

Indes  wurden  wir  doch  durch  die  Kellnerin  mit  dem  Amors- 
Boller  und  Obergewehr  ins  Pfarrhaus  gebracht,  unser  Gesprach 
wurd*  es  namlich;  und  Amanda  fing  an,  die  guten  getauschten  jo 
Leute  zu  beschiitzen,  zu  erheben,  fur  sie  vorzubkten,  ihnen  vor- 
zuarbeiten.  Sie  tat  das  alles  so  herzlich,  sie  legte  den  Pfarr-In- 
sassen  mit  einer  solchen  Freude  im  Blick  und  Ton  den  Kronungs- 
und  Kurhabit  des  moralischen  Lobes  an,  daB  es  mich  reuete,  diese 
Putzjungfer  selber  von  FuB  bis  auf  den  Kopf  vorher  in  das  fatale 
Demutskleid  des  heiligen  Alexis  gesteckt  zu  haben.  »Beim  Him- 


VIERTER  OFFIZIELLER  BERICHT  479 

mel !«  sagt*  ich  innerlich,  »und  wenn  der  Teufel  und  seine  GroB- 
mutter  und  sein  GroBvater  und  seine  32  Ahnen  mit  alien  Siinden 
in  der  engen  Brust  eines  Madchens  als  Mietleute  sitzen,  so  ver- 
drangen  sie  doch  daraus  das  gute  hulfreiche  Herz  fur  den  leiden- 
den  Mitchristen  nicht,  es  schlagt  mitten  in  dieser  Gehenna  noch 
warm  fur  andere  fort.«  -  Ich  gab  ihr  zum  ersten  Male  ein  ernst- 
haftes  Lob  und  die  ernsthafte  Versicherung:  »ich  hatte  mit  dem 
Fursten  aus  der  Sache  gesprochen,  und  es  sei  auf  etwas  zu  rech- 
nen.«  — 

10  Plotzlich  schien  ein  ganzes  Pagenkorps  die  Treppen  wie  eine 
Feuerleiter  heraufzulaufen ;  und  ein  Mann  mit  gebogener  Nase, 
mit  freier  Stirne  unter  glatt  zuruckgestrichnen  Haaren  trat  nach 
einem  einzigen  Anklopfen  herein,  stiilpte  den  geraden  steilrech- 
ten  Rucken  nur  ein  wenig  vorwarts  und  rief  unter  dem  Zumachen 
hinter  sich  zuriick :  »Ihr bleibt  mir  drau(3en.«  Er meinte  seinen  Nach- 
trab  und  Nachschwarm  von  einem  halben  Dutzend  freundschaft- 
licher  kurzstammiger  Jungen.  Es  war  des  Jubelseniors  zweiter 
Sohn,  seines  Handwerks  ein  Pitschierstecher,  ZifFerblattermacher 
und  Schnallen-Handler.  Sein  Avant-propos  war:  »Ich  will  nur 

20  Ew.Gnaden  meine  Aufwartung  machen  -  und  um  sechs  Sesset 
bei  Ihnen  anhalten,  mein  junges  Volk  drauBen  soil  sie  tragen.  Wir 
miissen  uns  driiben  sonst  aufeinander  selber  setzen.«  Ich  bitte 
jeden  Schulmann,  Privatdozenten  und  philosophischen  Adjunk- 
tus,  den  ersten  besten  Handwerksmann  wie  eine  Akademie  zu 
studieren  als  ihren  Vorfechter  und  Exerzitienmeister,  ders  ihnen 
vormachen  kann,  wie  man  vor  hohern  Personen  die  Unterord- 
nung  des  Burgers  zugleich  mit  der  stolzen  Freiheit  des  Menschen 
vereinigt;  ein  Orbilius  will  immer  hinter  den  aufgeschwollenen 

-  Burger  den  zusammengefallenen  Menschen  verschanzen. 

30  Die  Gefuhlspitzen  und  Sehnerven  eines  Handwerkers  befiih- 
len  an  jeder  Seele  zuerst  das,  was  sie  etwan  von  seinem  Gewerke 
um  sich  hat;  der  Schuster  halt  seine  papierne  Diogenes-Laterne 
zuerst  an  die  Stiefel,  der  Schneider  an  den  Frack,  der  Friseur  an 
die  Locken,  der  Pitschaftstecher  an  die  Uhrkette,  woran  etwas 
Sphragistisches  hangt.  An  meiner  kundschaftete  der  Siegelgraber 
das  entlehnte  Esenbecksche  Petschaft  aus:  »Auch  meine  Arbeit !« 


480  DER  JUBELSENIOR 

(rief  er)  -  »Ich  sag*  immer,  es  sticht  keiner  einen  solchen  Helm 
und  Kopf  wie  ich!«  -  »Hier  ist  aber  ein  Kopf,  Herr  Schwers,« 
(sagt'  ich)  »den  einmal  einer  nachdrucken  sollte  im  bas-relief,  da- 
mit  man  ihn  nachher  in  haut-relief  auf  den  Briefen  hatte.«  Es  war 
Dantes  Kopf.  Der  Schnallenhandler  brachte  sogleich  eine  Hand- 
voll  Petschafte  heraus,  um  damit  zu  besiegeln,  wie  weit  ers  treibe. 
Warum  soil  ich  so  lange  antichambrieren,  eh'  ich  den  Lesern  ge- 
rade  die  Griinde  vorzahle,  aus  denen  ich  dem  lustigen  Kirmesgast 
der  Erde  Dantes  Gesicht  zum  Nachstechen  anvertrauete,  um  mit 
der  Physiognomie  dieses  Hollenmalers  kunftig  zu  siegeln?  Nam-  10 
lich  hundert  oder  einige  tausend  Petschaftskunden  indent'  ich 
von  Herzen  gern  dem  Schwersschen  Sohne  zuwenden,  falls  er 
den  Kopf  gut  nachgravierte;  und  ich  ersuche  einige  hundert  Le- 
ser,  an  mich  zu  schreiben,  damit  ich  ihnen  eine  Antwort  geben 
und  diese  mit  Dantes  Pantomime  bedriicken  kann:  in  der  Vor- 
rede  steht  schon,  wo  ich  lebe.  — 

Die  vielen  Privat-Pragstocke  oder  Munzstempel  des  Schnallen- 
machers  lieBen  in  mir  eine  neue  Reflexion  zuruck,  die  ich  hier 
hervorlange.  In  unsernTagen  darf  man  alles  loben  -  die  Narrheit 
wie  Erasmus,  den  Esels-Schatten  wie  Archippus,  den  SteiB  wie  20 
Coelius  Calcagninus,  den  Teufel  wie  Bruno,  ja  den  Nero  wie 
Linguet  -  alles,  nur  sich  nicht,  wenn  ich  den  Poeten  auf  dem 
lyrischen  Musenpferd  ausnehme,  das  ein  Bassa  mit  einem  RoB- 
schweif  ist.  Der  Tempel,  das  Pantheon,  worin  sich  ein  Mensch 
in  unsern  Tagen  wie  Kaligula  eigenhandig  anbeten  und  wie  dieser 
mit  Opfern  aus  Geflugel  ehren  kann,  das  ist  sein  eigner  dunkler, 
fest  verschlossener  -  Kopf:  in  diesem  Lararium,  in  dieser  Filial- 
Rotunda  mag  er  seine  Hausandacht  vor  sich  selber  verrichten.  Es 
ist  bekannt,  wie  ichs  vermeide,  mich  zu  loben,  ja  wie  ich  sogar, 
gleich  einem  Negersklaven,  der  Iieber  ein  Ladenhuter  als  ein  ab-  30 
gehender  Warenartikel  sein  will  und  der  deswegen  den  verstei- 
gernden  Parentator  seiner  guten  Eigenschaften  Liigen  straft,  wie 
ich  sogar,  sag*  ich,  das  von  andern  mir  zugedachte  Lob  teils  be- 
schneide,  teils  ablehne,  teils  zuriickgebe.  Wahrlich  es  gibt  schon 
Speisesale,  wo  man  (wie  in  den  Horsalen  der  kritischen  Philo- 
sophic, die  das  Ich  gar  in  einen  im  unbekannten  X  schwimmenden 


VIERTER  OFFIZIELLER  BERICHT  481 

Ideen-Schleim  mazerieret)  gar  nicht  mehr  sagen  darf  »Ich«,  ob- 
gleich  oft  gute  Menschen  ihr  Ich  nur  zum  Malergestelle  des  Uni- 
versums  machen  und  aufslndividuelle  bloB  das  Allgemeine  zeich- 
nen,  indes  andere  die  Erdkugel  zumStativ  ihrerWinzigkeitunter- 
stellen  und  wie  die  Franzosen,  wenn  sie  man  sagen,  zwar  1 10  375 
Millionen  Menschen1  nennen,  aber  keinen  meinen  als  einen.  Beim 
Himmel,  kann  denn  einer  von  uns  aus  seinem  Ich  heraus,  und 
womit?  Ists  gescheut,  daB  jeder  sich  ordentlich  schamt,  mit  einem 
Ich  behaftet  zu  sein,  und  daB  ers  doch  am  Nebenmann  preiset 

10  und  dieser  an  jenem?  -  Also,  wie  gesagt,  ich  und  die  Leser  wiir- 
den  furunsereeigenhandigenBelobungs-und  Rekommendations- 
schreiben  nirgends  eine  Stelle  finden  als  auf  unsern  weiBen  Lei- 
chensteinen,  deren  erhobene  Arbeit  und  Festungswerke  unsers 
Ruhms  doch  die  Zeit  so  eilig  schleift  und  wegnimmt  mit  dem 
Schlichthobel  ihrer  Sense;  das  wiirden  wir,  sag*  ich,  wenn  nicht 
—  (jetzt  schlag*  ich  mich,  nach  meiner  Gewohnheit,  mit  einer 
lang  aufgesparten  Aufhebung  alles  dessen  dazwischen,  was  ich 

vorher  zu  verfechten  geschienen)  -  wenn  nicht das  Petschaft 

ware. 

20  Aber  das  ist  unser  Bette  der  Ehren:  in  der  eingelegten  Arbeit 
des  Metalls,  auf  der  erhabenen  des  Siegellacks  sitzt  ein  Ich  sicher 
und  ohne  Gefahr  wie  auf  einer  Zirbeldruse  und  in  einem  Hasen- 
lager.  Man  spricht  da  nicht  nur  wie  eine  englische  Zeitung  bloB 
von  sich,  sondern  auch  mit  der  groBten  Selbst-Achtung :  es  wird 
nicht  gewehret,  sondern  vielmehr  erwartet,  daB  man  seinen  Na- 
menszug  in  herrliche  Ernfassungsgewachse,  in  Girlanden,  in  jede 
schmeichelnde  Fassung  driicke,  in  Genienarme  lege,  auf  Pracht- 
kegeln  setze,  an  Sonnen  hange.  Ganz  unverhohlen  diirfen  wir  da 
einmal  es  sagen  und  zeigen,  was  wir  von  uns  halten ;  das  Petschaft 

30  ist  der  Treflebube,  worauf  der  Kartenmacher  seinen  Namen,  oder 
der  Wagen,  worauf  der  Romer  die  Statue  eines  Vergotterten, 
oder  der  Turm,  den  der  Sineser  einem  groBen  Manne  setzt.  — 
Aber  zuriickl 

Das  tat  der  Petschierstecher  auch  und  ging.  Die  Gesellschafts- 

dame  setzte  auf  die  sechs  Sanftentrager  die  sechs  Tragesesseln  mit 

1  So  viel  sollen  von  Adam  an  bis  auf  Esenbeck  Menschen  gewesen  sein. 


482  DER JUBELSENIOR 

einem  gastfreien  Vergniigen,  das  wie  ein  Abendrot  ihrer  Seele 
recht  schone  Farben  und  Ziige  verlieh. 

Ich  hatte  mit  meinen  Augen  den  letzten  Jungen  mit  seinem 
Sessel  kaum  bis  an  die  Pfarrture  begleitet,  als  daraus  der  Adjunk- 
tus  Ingenuin  heraustrat,  mit  dem  weiblichen  Glattzahn  uberfah- 
ren  und  geglattet  wie  ein  Almanach  oder  Kafer,  rotwangig,  rot- 
lippig,  sanftaugig,  bescheiden,  still,  ernst,  nett  und  weich.  Der 
Ketzer  und  Stylit  Simeon  verrichtete  seine  Saulenandacht  blofi 
in  Beugungen,  deren  einmal  ein  Zuschauer  unten  bis  an  eintau- 
sendzweihundertundvierundvierzigzahlte  (weiter  mocht*  derZu-  10 
schauer  nicht);  der  Adjunkt  hingegen  machte  vielleicht  kaum  die 
Halfte  dieser  Biegungen,  als  er  oszillierend  in  das  Zimmer  des 
Frauleins  trat.  Doch  lieB  diese  Kriimmung  seines  Riickens  seine 
S«ele  aufrecht  und  ehrlich,  so  wie  Baiime,  die  sich  mit  dem  Stam- 
me  niederbeugen,  doch  den  Gipfel  nach  Osten  gegen  die  Sonne 
drehen.  Der  junge  Mensch,  viel  frohlicher,  als  ich  gedacht  hatte, 
war  heute  eben  in  keinem  Besitz  einer  uberfhissigen  Zeit:  er 
muBte  die  Ancora-Traurede  fur  seine  Eltern  auf  morgen  bearbei- 
ten,  und  Geistliche  haben  uberhaupt  in  einer  Woche,  wie  die 
Frankreicher  in  einem  Jahre,  nur  fiinf  Fest-  und  Sanskulotten-  20 
tage,  und  die  zwei  andern,  der  Sonn-Abend  und  -Tag,  starren 
von  Geschaften.  Deputatus  lud  ein  aufs  Jubelfest,  nicht  nur  die 
fille  d'honneur,.  auch  den  chevalier  d'honneur.  Esenbeck  dankte 
ihm  sehr  und  versicherte:  »er  konne  auf  ihn  zahlen.« 

Ich  fragte  nun  den  Adjunktus  aus-und  zur  sichtbaren  Freude 
Gobertinens,  daB  ein  maitre  de  plaisirs  sich  des  jungen  Menschen 
annehme  — ,  was  er  noch  fur  Verwandte  habe:  drei  Bruder  hatt* 
er,  den  erstgedachten  Schnallenlieferanten,  den  oben  gedachten 
Buchdrucker  und  den  Weginspektor  (er  hatte  michmitgeschnurt), 
der  zugleich  ein  Hamstergraber  war;  zwei  Schwestern  hatten  sich  30 
schon  lange  hinter  den  Bretterverschlag  des  Sarges  verzogen  und 
arbeiteten  im  unterirdischen  Ankleidezimmer  alter  Blumen  fiir 
ein  langeres  Jubilaum  als  die  Adoptivschwester  Alithea.  Von 
Enkeln  sprang  morgen  im  Hause  -  wenn  ich  einen  noch  unge- 
bornen  hermaphroditischen  Kokon  der  Buchdruckerin  mitrechne 
-  gerade  eine  Saat  von  Zwolfen  um  uns.  Kurz  der  ganze  Frei- 


VIERTER  OFFIZIELLER  BERICHT  483 

Hafen  des  Pfarrhauses  war  durch  die  Herings-Einkehr  von  Kin- 
dern  und  Enkelri  so  gesperrt,  daB  kein  neuer  durrer  schwedischer 
Heringskonig  nach-  und  durchkonnte.  Ich  fragte  wundershalber 
den  Kandidaten  noch,  was  sie  heute  driiben  taten  (denn  ich  ware 
herzlich  gern  noch  Sonnabends  mitten  unter  sie  getreten).  »Nicht 
das  geringste  mehr«  (sagt*  er)  -  »nach  dem  Essen  setzen  sich  die 
Kinder  und  die  Enkel  um  den  Tisch,  und  der  Vater  und  die  Mut- 
ter danken  mit  ihnen  Gott  fur  alles :  denn  es  ist  riihrend,  ein  sol- 
ches  Fest  wie  morgen.  Mein  Vater  halt  selber  die  Jubelpredigt1, 

10  und  ich  trete  dann  auf  den  Altar  heraus  und  segne  meine  Heben 
Eltern  nach  einer  kurzen  Rede1  wieder  ein.  Der  Vater  ist  gottlob 
noch  ungemein  stark  und  isset  so  viel  wie  ich  und  geht  des  Tages 
noch  eine  Stunde  weiter  als  ich  selber.  Allein  ich  habe  mich  am 
kantischen  System  krank  gesessen:  mein  Alter  will  nicht  daran; 
aber  ich  zieh'  es  vielen  andern  vor  und  neb*  es  in  meinem  Koffer 
auf  seinetwegen,  weil  er  bei  weitem  nicht  so  frei  denkt  wie  ich.«  - 
Im  Grunde  wurde  mir,  je  mehr  sich  meine  Seele  an  diese  unbe- 
.  fleckte  hing,  immer  elender  zumute :  wer  gab  mir  Brief  und  Siegel, 
daB  beides  zu  geben  nicht  morgen  der  Furst  vergesse  und  weder 

20  komme  noch  voziere?  Und  dann  wurde  meine  ganze  Freude  zu 
Wasser  und  mehr  als  ein  Herz.  — 

Amanda  war  ebenso  liebreich  gegen  ihn  als  er  hoflich  gegen 
sie.  Innerlich  deferierte  ich  mir  einen  Eid,  den  ich  willig  akzep- 
tierte,  daB  ich  namlich  abends  nicht  hiniiberlaufen,  daB  ich  den 
reinen  vollen  Sternenhimmel  driiben  nicht  mit  meinem  Stern- 
schneuzen  ubersprengen.  und  durchschneiden  wollte.  AuBerlich 
freilich  wurd'  ich  durch  die  verdammten  Romanenschmierer  ge- 
notigt,  mich  zu  stellen,  als  war*  ich  ohne  alle  Religion:  darin 
mogen  sie  auch  bei  altern  Weltleuten  recht  gehabt  haben;  aber 

30  jetzt  ist  wohl  das  erlogen.  Kein  Weltmann  von  einiger  Kraft  hat 
jetzt  mehr  gegen  tugendhaften  Schein  einzuwenden  als  gegen  den 
allerlasterhaftesten:  und  wie  jeder  gute  Akteur  oder  Dichter  sucht 

1  Die  hieher  gehorige  erste  Ausschweifung  iiber  den  Kirchenschlaf  sieh 
im  vierten  Zirkelbrief  nach. 

2  Die  hier  notige  zweite  Digression  iiber  Traureden  ist  im  vierten  Zirkel- 
brief zu  finden. 


484  DER  JUBELSENIOR 

er  seinen  Wert  nicht  im  Stoffl  sondern  in  der  Form,  nicht  in  der 
Wahl  der  Rolle,  sondern  im  5/^/derselben.1 

Sobald  der  Pfarrsohn  die  Tiire  zugezogen  hatte,  so  sah'  ich 
den  Haftbefehl  fur  mich  auf  den  ganzen  Abend  ausgefertigt  und 
mich  der  bunten  SchlieBerin  angeschnallt.  Mir  wurde  angstlich 
vor  dem  Blaufarbwerk  des  blauen  Dunstes,  womit  ich,  gleichsam 
wie  mit  einer  ganzen  blauen  Bibliothek,  den  Zwischenraum  bis 
morgen  auszufiillen  hatte.  Um  nur  nicht  ewig  iiber  meinen  Pa- 
genstand  als  Falsarius  zu  sprechen,  zeigt'  ich  ihr  das  Ernteregister 
des  Karlsbader  Siechkobels,  namlich  das  Pranumerantenverzeich-  1 
nis  der  ankommenden  Gaste;  ja  ich  schamte  mich  nicht,  ihr  hin- 
ten  in  meinem  Musenalmanach  die  italienische  Buchhalterei  iiber 
Haben  und  Soil  im  Spiel  vorzulesen,  um  ihr  durch  mein  entsetz- 
liches  Malheur  im  Whist  —  auf  der  Jagdwurst  wurd*  es  erlebt  und 
registriert-zu  zeigen,  derNeulandpreiserEsenbeck  sei  der  Flach- 
senflnger.  Beilaufig!  unsere  Tage  konfoderieren  und  vereinigen 
viel :  die  katholische  Kirche  mit  unserer  -  den  ersten  Stand  mit 
dem  dritten  —  die  Spielrechnungen  mit  dem  lehrreichen  Taschen- 
buch  -  den  Korkzieher  mit  dem  Souvenir. 

Nach  und  nach  aber  merkt'  ich,  da6  die  Gesellschaftsdame  et-  2 
was  GroBes  und  Bedenkliches  fur  und  gegen  mich  im  Schilde 
fuhre.  Der  andere  Esenbeck  in  Flachsenfingen  gehorte  ohnehin 
unter  die  Libertins,  die  viele  Weiber  berufen  und  wenige  auser- 
wahlen  und  die,  gleich  andern  befiederten  Raubvogeln2,  alles  vom 
weiblichen  Sangvogel  aufschmausen,  nur  aber  das  Heri  ungenos- 
sen  liegen  lassen;  ja  was  noch  schlimmer  war,  durch  Gobertine 
konnte,  wie  es  schien,  ein  Mann  so  gefesselt  werden  wie  der  Greif- 
geier  in  Indien,  den  ein  weiches  Menschenbild  aus  Ton  herunter- 
lockt,  das  ihn  dann,  wenn  ers  gestoBen  hat  wie  ein  lebendiges,  an 
seinen  eingewiihlten  Krallen  festhalt.  Beim  Henker!  der  Flach-  3 
senfinger  kann  ja,  dacht'  ich,  sich  mit  der  fille  d'honneur  verlobt 
haben  und  biirdet  nun  seinem  armen  Namensvetter  das  Beilager 
auf:  »Ich  hatt'  ihn«  (fuhr  ich'bei  mir  fort)  »fein  travestieren  wol- 

1  Hier  ist  die  dritte  Ausschweifung  iiber  den  vornehmen  Unglauben  notig 
und  ist  gleichfalls  im  vierten  Zirkelbriefe  bermdiich. 

2  Nach  Aristoteles  und  Plinius. 


VIERTER  OFFIZIELLER  BERICHT  485 

len;  und  er  hatte  mich  noch  feiner  dupiert  und  den  ruhigen  Fest- 
hasen  aus  seinem  Lager  aufgetrieben,  und  mir  fiihren  jetzt  die 
Windspiele  nach,indes  der  gehetzte  Berg-Hase  gelassen  in  meiner 
Staude  hockte-  Das  ware  verdammt! —  Aber  ich  springe,  wie 
ein  Aal-Stummel,  schon  halbgesotten  noch  aus  derwarmenPfanne 
des  Torus. «  — 

\  Es  milderte  meine  Bangigkeit  schlecht,  daB  Amanda  von  Zeit 
zu  Zeit  typische  und  mystische  Winke  von  einem  gewissen  ma- 
gnetischen  Wels  oder  Scheidfisch  fallen  lieB:  ich  dachte,  ich  ware 

10  der  Wels,  und  sah  die  Kommunikationsgraben  zwischen  ihr  und 
Esenbeck  immer  tiefer  und  langer  werden.  Da  bei  jeder  Bewe- 
gung  von  ihr  zu  erwarten  war,  daB  der  Vorhang  auffahre  und  mir 
blitzendes  Geigenharzpulver  und  den  Naxos  zeige  und  eine  Ariadne 
oben  darauf :  so  macht'  ich  ihr  nachmittags  um  5  Uhr  unter  dem 
herrlichsten  Sonnenschein  weiter  kein  Geheimnis  daraus,  daB  der 
magnetische  Raubhecht  oder  Wels  aus  meinem  Gedachtnis  or- 
dentlich  weggeblasgn  sei.  Sie  sperrte  heiter  eine  Hausapotheke, 
aus  der  sie  willig  ein  clinicum  und  einen  Gesundbrunnen  fur  alle 
Eingepfarrte  machte,  auf  und  hob  einen  liegenden  Oktavband  - 

20  mit  der  Ruckentitulatur  Schat^kastlein  -  heraus.  »Das  Buch  ist 
sein  Ehepfand,«  dacht'  ich,  »so  wie  dumme  DorfHebhaber  bei 
ihren  Brauten  ein  Gesangbuch  zum  postilion  d'amour  und  Ehe- 
Mortel  brauchen.«  Aber  sie  zog  das  Erbauungsbuch  auseinander, 
es  war  bloB  ein  hohles  ausgeweidetes  Vexierbuch,  und  drinnen 
steckte  statt  des  Spruchkastchen  nur  ein  Fischkastchen,  worin  ein 
magnetischer  Wels  und  ein  eisernes  Fischchen  als  Koder  am  An- 
gelhaken  fur  spielende  Kinder  lagen.  Ich  will  lieber  tausend  Rat- 
sel  machen,  als  funfzig  losen :  kurz,  so  deutlich  alles  war,  daB  der 
magnetische  Scheidfisch  den  Freudenmeister  bedeute  und  daB  das 

30  umgoldete  Fischlein,  das  mit  dem  Raubfisch  zusammenklappte, 
das  redende  Wappen  Gobertinens  sei,  j'a  ob  ich  gleich  aus  der 
Naturgeschichte  wuBte,  daB  der  Mann  das  beste  Vorbild  am 
Welse  habe,  der  auch  mit  seinen  Bartfasern  die  Fischchen  kodert 
und  tauscht  und  der  diese  dann  mehr  hineinsauft  als  hineinfrisset: 
so  bracht'  ich  doch  nicht  eher  etwas  heraus,  als  bis  mir  einfiel,  daB 
Esenbeck  Gobertinen  einmal  die  umgekehrte  Sirene  (oben  ein 


486  .  DER  JUBELSENIOR 

Fisch)  geheiBen,  und  bis  sie  selber  mich  gefragt  hatte:  »ob  esrricht 
ein  sonderbarer  Einfall  von  mir  gewesen  ware,  ihr  so  etwas  zu 
schenken.«  -  »Die  Esenbecks«,  sagt'  ich,  »waren  nie  recht  ge- 
scheut.« — 

Da  von  ihr  in  jeder  Minute  bald  die  Kuchenmeisterin  ein  Re- 
sponsum,  bald  ein  Kind  aus  dem  Pfarrhaus  ein  Gewiirz  oder 
Mobel  holte  und  uns,  das  Brautpaar,  unterbrach:  so  sagte  sie 
freundlich:  »Nach  dem  Essen  nab'  ich  Ihnen  etwas  Wichtiges  zu 
proponieren :  man  stort  uns  jetzt  zu  oft.«  — 

Ich  verwiinschte  den  verfluchten  Qualenmeister  Esenbeck,  der  10 
gern  weibliche  Festungen  eroberte,  aber  nicht  als  Festungsge- 
fangner  der  Ehe  drinnen  hausen  wollte :  im  Triampole  -  im  Qua- 
rampole  -  im  Toccategli  -  im  Triomph  und  Bestiaspiel  wiinscht' 
ich  ihm,  daB  heute  alles  zum  Teufel  ginge,  gleichsam  vor  dem 
Eigner  als  Gepacke  voraus:  mit  der  Ehelottospielerin  neben  mir 
schien  ich  mir  Misery  im  Boston  zu  spielen,  das,  worin  der  ge- 
winnt,  der  keine  Stiche  macht.  Ich  suchte  micji  daher  bei  ihr  nach 
meinen  geringen  Kraften  verhaBt  zu  machen  und  die  Esenbeck- 
sche  Rolle  matt  und  falsch  zu  spielen  und  in  meine  eigne  zuriick- 
zufallen.  »Hier  ist  weiter«  (dacht*  ich)  »nicht  zu  spaBen,  und  die  20 
Ehe  ist  dir  noch  naher  als  deren  Scheidung:  sie  begehrt  wahr- 
haftig,  wie  Israel  unter  den  Richtern,  einen  Konig,  und  ich  werde 
zum  Saul  gemacht  —  nein  und  nein  und  nein  l«  Hatt*  ich  nicht  die 
schonste  Gliicks-  und  Ehrenlinie  der  guten  Jubelleute  driiben 
ausgestrichen,  wahrlich  mit  Freuden  hatt*  ich  den  roten  Trut- 
hahnszapfen  auf  meiner  Stirn  verwaschen  und  verwischt.  Wenig- 
stens  aber  stand  mir  frei,  weniger  zu  interessieren  und  durch 
moralischen  Schein  meine  Ahnlichkeit  mit  dem  Flachsenfinger 
Freudenmeister  zu  schwachen.  »Jetzt,«  (schlofi  ich)  »da  vor  der 
Schwersschen  Silberhochieit  eine  Silberverlobung  mit  mir  voraus-  30 
jzulaufen  droht,  sind  kiihne  Anmerkungen  uber  Amors  Geschosse 
und  Amazonen  gefahrlich,  und  man  nimmt  damit  ein.« 

Leider  nahm  ich  gerade  mit  dem  Widerspiel  eine  Person  vom 
Lande  ein:  ich  gefiel  bedenklich  durch  Dezenz.  Ein  verhenkerter 
Charakter!  sagt'  ich. 

Ich  bat  mir  funf  einsame  Minuten  auf  meinem  Zimmer  aus. 


VIERTER  OFFIZIELLER  BERICHT  487 

Zorn  ist  wie  alle  Leidenschaften  ein  berauschendes  Mittel  von 
innen,  und  man  hat  darin  die  besten  Einfalle,  die  man  nicht  ver- 
rauchen  lassen  soil.  Ich  schrieb  in  meiner  Stube  moussierend  fol- 
gendes  iiber  alte  Jungfern:  »Sie  hatten  nachdenken  und  heiraten 
sollen.  Wahrhaftig  wenn  der  Mann,  der  so  viel  zu  machen  hat  - 
Eroberungen  -  Biicher  -  Protokolle  -  Predigten  -  Verse  -  die 
Rezensionen  davon  —  die  Antikritiken  darauf  —  narrische  Streiche 
aller  Art  -,  unter  solchen  kanonischen  Hindernissen  keine  Hoch- 
zeit  machte  (wie  er  doch  nicht  tut):  so  war's  ihm  nachzusehen; 

10  aberwenn  eine  Schone,die  die  groBteMuBe  hat,  sich  zu  veflieben, 
und  die  erst  am  Traualtar  eine  Heilige  wird,  welche  sich  auf  ihn 
stellen  kann,  um  da  nicht  von  Anbetern,  sondern  von  Mannern 
angebetet  zu  werden,  und  deren  Verdienste,  d.  h.  deren  Kinder 
taglich  wachsen,  wenn  die  es  nicht  tut,  was  soil  man  da  anders 
machen  als  —  folgendes  Gemalde  von  ihrem  Zustand  im  6isten 
Jahr?  -  Freilich  dachte  sie  im  iGten  Jahr,  sie  verbleibe  durch  das 
ganze  Leben  16  Jahre  alt,  die  Sommerhauser  und  Sommerkleider 
der  Jugend  wiirden  nie  kalt  und  iiberschneiet,  die  Gespielinnen 
ihres  blumigen  Lenzes  uberbluhten  an  ihrem  Arm  die  VergiB- 

20  meinnicht  und  krochen  weder  in  feme  dicke  Kinderstuben  noch 

defer  unter  die  griine  Wiegendecke  aus  Erdschollen Aber 

nach  wenigen  Jahren  steht  alles,  was  mit  ihr  Blumen  und  Sterne 
suchte,  ganz  verandert  und  weggetrieben  auf  andern  Inseln,  und 
sie  sieht  allein  und  weinend  hiniiber.  Ich  will  es  aufrichtig  inven- 
tieren,  was  ihr  noch  bleibt  im  6isten  Jahr  (ich  setze  aber  voraus, 
daB  sie  absichtlich  den  Ringfinger  krummte,  wollt'  ihr  einer  den 
Ehe-Reif  und  Anschrot  applizieren) :  -  Ihre  jetzigen  Freundinnen 
sind  Magde,  ihre  Freunde  zwei  alte  Erbschleicher,  die  die  Durch- 
gangsgerechtigkeit  durch  ihr  Herz  ausiiben,  um  in  ihr  Testament 

30  zu  kommen  -  ihre  Korrespondentinnen  antworten  ihr  selten  und 
nichts  als  das:  ich  lieg*  im  Kindbette  —  sie  putzt  sich  im  Spatjahr 
des  Lebens,  aber  niemand  freuet  sich  daruber  als  der  Schnitthand- 
ler,  dem  eine  Ladenhiiterin  den  Ladenhiiter  abnimmt,  statt  daB 
iiber  die  geschmuckte  Mutter  sich  der  erinnernde  Mann  und  der 
teilnehmende  Sohn  ergotzt  -  und  statt  eines  Eheherrn  kann  sie 
niemand  plagen  als  den  SchoB-Kater,  der,  unahnlich  jenem,  ge- 


488  DER  JUBELSENIOR 

rade  knurrt  und  den  Kamm,  d.  h.  den  Schweif  hoch  tragt,  wenn 
ers  am  besten  meint  -  anstatt  der  Kinder  informiert  und  futtert 
sie  Kanarienvogel  -  und  statt  des  schopferischen  Verdienstes  einer 
Mutter,  die  wie  Gott  kleine  Adamlein  und  Evchen  in  das  Paradies 
unter  den  Lebensbaum  setzt,  hat  sie  keines  als  das,  entweder  als 
entziindeter  Cherub  an  fremden  Paradiesen  zu  stehen  oder  auf 
irgendeinem  Erkenntnisbaum  den  Eltern  das  Obst  zu  preisen, 
das  sie  selber  verdauet  -  und  wenn  sie  nun  nach  einem  ausge- 
trockneten  magern  Leben  voll  grofier  Langweile  und  groBer  Ge- 
betbiicher  und  voll  scharfer  atzender  Seufzer  iiber  jeden  schonen  10 
Tag,  well  ihn  niemand  langer,  und  iiber  jeden  schlimmen,  weil 
ihn  niemand  kurzer  macht,  und  iiber  jeden  ersten  Feiertag,  weil 
sie  da  allein  essen,  und  iiber  den  Thomastag,  weil  sie  ihre  immer- 
griinen  Jugendtage  niemand  malen  kann  als  einer  alten  zerkniill- 
ten,  weniger  ihre  Freuden  als  ihre  erblichen  Kleider  und  Jahre 
nachzahlenden  Soubrette,  wenn  sie  nun  nach  einem  naBkalten 
Leben  voll  aufgewarmter  Leichenessen,  erfroren  unter  Regen- 
schauern,  abgemattet  sinkt  und  einsam  verlischt:  ach  so  schleicht 
sie  aus  einer  Erde,  wo  alles  so  bald  vergisset  und  vergessen  wird, 
ungesehen  hinunter,  und  kein  Gatte,  kein  Sohn,  keine  Tochter  20 
sagt:  ich  vergesse  dich  nicht.« 

Ich  stand  auf  und  schauete  voll  Sehnsucht  in  den  glucklichen 
Abend  hinaus:  nicht  bloB  im  Pfarrhaus,  auch  in  jedem  profanen 
wurde  Putz  und  Fleisch  fur  morgen  ausgesucht,  und  im  Haus- 
chen  des  Schulmeisters  waren  wie  von  einer  feind lichen  Pliin- 
derung  alle  Fenster  ausgehoben  zum  Waschen.  Das  waren  aber 
fur  mich  tiefen  Sumpfvogel  feme,  im  Ather  hangende  Luftschlos- 
ser:  ich  muBte  zu  Gobertinen  zuriick,  voll  leiser  Fluche  gegen 
den  Flachsenfinger,  daB  er  sie  nicht  geheiratet  hatte;  da  der  Mann 
ein  Fels  sein  muB,  der  nicht  nur  die  Klippe,  woran  das  weibliche  30 
Bucentauro-  und  Kaperschiffchen  scheitert,  sondern  auch  das 
Ufer  ist,  auf  dem  die  Bewindheberin  desselben  gerettet  aussteigt. 
Als  ich  wieder  in  ihr  Zimmer  kam,  setzt'  ich  mich  aus  Verlegen- 
heit  sofort  nieder;  und  als  ich  merkte,  ihre  abgeschnittenen 
Schneckenfiihlhorner  des  Gefiihles  wiichsen  von  Minute  zu  Mi- 
nute starker  nach  -  denn  Weiber  regenerieren,  ungleich  den  Vo- 


VIERTER  OFFIZIELLER  BERICHT  489 

geln,  die  nur  die  unempfindlichen  Teile,  Krallen  und  Federn, 
wieder  erzeugen,  immer  einen  empfindlichen,  und  war*  er  ihnen 
noch  so  oft  genommen,  namlich  das  Herz  -,  als  ich  das  sah,  setzte 
ich  den  Schuhabsatz  aus  Angst  auf  den  Henkel  einer  kleinen 
Wiege,  die  das  Grahams-Bette  und  der  Federtopf  fur  einen  alten 
dreibeinigen  SchoBhund  war,  so  wie  im  Magdalenen-Kloster 
Naumburg  in  Schlesien  die  Nonnen  holzerne  Jesuskindlein  in  den 
Wiegen  haben  und  schaukeln.  Ich  wollte  den  Hund  in  den 
Schlummer  riitteln,  als  er  daraus  auffuhr  und  bellend  aus  dem 

10  Lager  sprang. 

Wir  speiseten  endlich. 

Aber  die  drei  Goldkarpfen,  die  als  Schaugericht  von  der  Jagd- 
wurst  abgeladen  wurden,  lieB  ich  nicht  agieren,  aus  Furcht  vor 
dem  magnedschen  Wels. 

Nach  aufgehobener  Tafel  sucht'  ich  eine  Freistatte  auf  der 
Tastatur  eines  alten  Klaviers.  Der  schone  Kopf  eines  kleinen 
Madchen  hing  oben  dariiber  an  der  Wand,  das  ich  (verzeihe  mirs 
die  Menschenliebe)  fur  das  leibhafte  Kind  der  fille  d'honneur  an- 
sah,  bloB  weil  es  einige  Familienzuge  von  ihr  hatte.  Endlich  kam 

20  sie  mit  einer  Brieftasche  und  fragte  mich  bang,  ob  ich  denn  alles 
vergessen  hatte.  »Einen  elendern  Witwensitz  als  mein  Gedachtnis 
gibt  es  fur  die  Vergangenheit  nicht;  in  diesem  Brief gewolbe  ver- 
schimmelt  alles«,  sagt'  ich.  Sie  gab  mir  still  die  Brieftasche  zum 
Lesen  und  begleitete  jede  Epistel,  die  ich  durchlief,  mit  einem 
fliichtigen  Klavierauszuge  nach  den  Regeln  des  reinsten  Satzes. 
Beim  Himmel!  mein  spitzbiibischer  Maskopeibruder  und  Lehns- 
vetter  in  Ffachsenfingen  hatte  die  Liebesbriefe  an  gegenwartige 
Kontrapunktistin  adressiert.  Aus  jeder  Zeile  blies  Liebes-Tau- 
wind,  Hof-Stickluft  und  der  Passatwind  der  Eitelkeit:  wie  die 

30  Theologen  sonst  jedes  Glied  zum  Beweise  und  Pfeiler  einer  Gott- 
heit  machten  -  z.  B.  Moms  das  Auge  -  Schmid  das  Ohr  -  Dona- 
tus  die  Hand  -  Hamberger  das  Herz  -  Sloane  den  Magen1  -,  so 
regt  ein  junger  Fant  kein  Glied,  das  ihm  nicht  den  erfreulichen 
Beweis  eines  existierenden  Gottes  oder  Halbgottes  oder  Venera- 
bile  (er  selber  ist  namlich  der  Gott  oder  das  Venerabile)  darreichte, 
1  S.  Derhams  Astrotheologie. 


49°  DER  JUBELSENIOR 

und  er  schauet  in  sein  gottliches  Wesen.  Unter  dem  Lesen  nahm 
ich  mir  vor,  es  ihr  zu  gestehen,  daB  hier  zwei  Betruger  die  Hand 
im  Spiele  hatten,  nicht  bloB  der  Flachsenfinger,  auch  ein  neuer. 

Jeder  Esenbecksche  Brief  war  gleichsam  der  Avisobrief  und 
Mortifikationsschein  einer  neuen,  richtig  erhaltenen  Gunstbezeu- 
gung  und  der  Bettelbrief  um  eine  groBere:  ja  da  sich  ein  solcher 
Klimax  doch  beschlieBet,  so  schien  es  mir,  es  waren  hochstens 
noch  zwei  periodische  Blatter  moglich  -  und  ich  sah,  mit  tiefge- 
senkter  Registratur  dieser  franzosischen  Papiere,  beklommen  das 
kleine  gemalte  Tochterlein  an,  und  es  war  mir,  als  schrie  mir  das  10 
Tableau  herunter:  Papal 

So  hetzt  einen  Menschen  eine  einzige  Luge  in  Irrgangen  her- 
ura ;  es  isbebenso  unmoglich,  mit  einer  Luge  als  mit  einer  Kinder- 
Blatter  durchzukommen:  eine  iiberdeckt  den  ganzen  Menschen 
mit  Pockenmaterie. 

»Ich  nab*  es  schon  langst  gewunschen,«  (sagte  sie,  iiber  mein 
Sinnen  froher)  »daB  Sie  einmal  Ihre  eignen  Briefe  wieder  zu 
Handen  bekamen :  sie  sind  ebenso  von  Wichtigkeit  als  die  meini- 
gen;  wie  konnten  Sie  aber  bei  solchen  Umstanden  meiner  Bitte 
immer  einen  stillschweigenden  refus  geben?«  -  »Wie?«  (wie-  20 
derholt*  ich;  denn  zum  Gliick  schniiret  manches  schlimme  Wort, 
das  durch  die  Kehle  soil,  wie  atzendes  Sublimat  diese  zu,  und  man 
kann  sich  also  nicht  damit  vergiften)  -  »Wie  alt  ist  wohl  das  Hebe 
—  Bild  da  oben?«  —  Ich  wollte  diesen  Geburtsschein  still  mit  dem 
Datum  der  letzten  Epistel  konfrontieren  und  dann  sehen,  was  da- 
bei  herauskame.  »Ach  wozu  das?  -  Vierzig  Jahre  ist  es  alt.«  - 
»Unmoglich!«  sagte  ich.  -  »Ich  bin  ja  selber«,  fuhr  sie  fort,  »iiber 
die  DreiBiger  hinaus  -  und  war  gerade  zehn  Jahre  alt,  als  es  ge- 
macht  wurde.« 

Kurz  nur  sie  war  als  Kind  gemalt.  —  30 

»Aber  warum  weichen  Sie  wieder  meiner  Bitte  aus?  O  Gott, 
geben  Sie  mir  meine  Briefe  wieder !«  -  »Hier!«  sagt'  ich  und 
konnte  mich  vom  Schrecken  iiber  meine  siindige  Hypothese  und 
iiber  meinen  Kinder glauben  (fides  implicita)  daran,  der  zum  Gliick 
kein  Mundglaube  geworden  war,  kaum  ermannen.  Sie  nahm  die 
Briefschaften  zitternd,  und  diese  zogen  die  gelahmten  Hande  be- 


VIERTER  OFFIZIELLER  BERICHT  491 

lastend  nieder,  und  sie  sagte:  »Das  hab*  kh  nicht  verdient.  Sie 
haben  etwas,  das  wuBt'  ich  lange,  mit  meinen  Briefen  vor.« 

Jetzt  merkt*  ich  erst,  wo  der  Knoten  saB  und  die  Auflosung 
desselben  dazu  -  Nicht  meine,  sondern  ihre  Briefe  hatte  sie  be- 
gehrt.  Der  gewissenlose  Flachsenfinger  hatt*  ihr  die  Edition  ihrer 
erotischen  Dokumente  a  us  Eitelkeit,  Tragheit,  Flattersinn  und 
Bosheit  abgeschlagen.  Sie  hatte  aber  die  Bitte  um  die  Auswechs- 
lurig  dieser  brief  lichen  Gefangnen,  aus  Scheu  vor  fremden  Augen, 
hauftg  unter  die  Bitte  um  seine  Besuche  versteckt.  Ich  verdacht' 

10  es  ihr  wenig,  daB  sie  ihre  Liebes-Pfandscheine  einzulosen  suchte: 
sie  hatte  auf  dem  Lande  viel  von  der  Hof-Kuhnheit  verloren  und 
.  sorgte,  die  Welt  jage  ihren  Papieren  so  nach  wie  spanische  Jesui- 
ten  koniglichen,  und  dann  werde  durch  solche  aufgehangene  flat- 
ternde  Papierschnitzel  jeder  Zaunkonig  verscheucht,  der  sie  zur 
Zaunkonigin,  zur  Frau  erheben  wolle.  Man  sah  es  ihr  gar  nicht 
mehr  an,  daB  sie  fille  d'honneur  am  Hofe  gewesen,  wo  man  die 
Gtite  der  Weiber  und  des  Wassers  in  die  Geschwindigkeit  setzt, 
worin  sie  sowohl  warm  werden  als  kalt.  Wahrhaftig  groBe  Scham- 
rote  ist  in  der  hohern  Welt  dem  echten  Liebhaber  schoner  Kiin- 

20  ste,  als  eine  zu  grelle  Farbengebung,  so  verhaBt  wie  rotes  Haar, 
so  wie  auch  Tolle,  Spechte,  Truthiihner  und  Magnetiseurs  (oft 
lauter  Verwandte)  die  rote  Farbe  meiden.  Weiber  von  Stande 
nehmen  wie  die  Baumwolle  alle  Farben  lieber  an  als  die  rote;  das 
wenige  Rotwildpret  darunter  muB  suchen,  eine  mit  dem  Blute 
der  Schamrote  leicht  unterlaufene  Wange  durch  die  Rotelzeich- 
nung  der  Schminke  zu  bedecken,  wie  Blumenstiicke  die  Risse  des 
Porzellans  verhehlen.  Mit  den  Weibern  ists  wie  mit  den  Hausern, 
deren  Preis  desto  mehr  fallt,  je  mehr  die  Miete  derselben  steigt; 
in  der  Stadt  aber  wohnen  mehr  Familien  zu  Miete,  und  auf  dem 

30  Lande  ist  jeder  ein  Hausling  oder  Hausherr. 

Ich  kann  es  den  Lesern  nicht  beschreiben,  mit  welchem  Freu- 
"den-Fieber  ich  endlich  hinter  Amandas  Wunsche  kam.  Mit  einer 
gefahrlichen  Frohlichkeit  schwur  ich  ihr,  jedes  Blatt  werd*  ihr  in 
acht  Tagen  geschickt  -  die  Esenbecks  waren  uberhaupt  liider- 
liche  Menschen,  sie  mischten  Papiere  wie  Karten  und  Lose,  und 
sie  waren  Freimauerer  am  babylonischen  Turm,  wenn  nicht  ein 


492  DER  JUBELSENIOR 

solcher  Fuchsturm  selber  -  die  Familie  hatte,  setzt'  ich  dazu,  wie 
der  luderliche  Richelieu  noch  ein  halbes  Felleisen  unaufgebro^- 
chener  Briefe,  gerade  als  war*  ein  Esenbeck  ein  Minister,  der  alle 
einlaufende  Briefe  erbricht,  die  ausgenommen,  die  an  ihn  selber 
adressieret  sind.  - 

Ich  gab  mein  heiliges  Ehrenwort,  ihre  Briefe  an  mich  ihr  zu- 
riickzuliefern,  wenn  sie  mir  meine  zustelle.  Sie  schwankte,  aber 
sie  entschloB  sich  dazu,  nach  einem  sonderbaren  Mortifikations- 
schein,  den  ich  iiber  das  Dagewesensein  meiner  Briefe  anbot  und 
wirklich  nachlieB,  den  ich  aber  hier  abdrucken  zu  lassen  bloB  aus  10 
Furcht  anstehe,  man  lache.  Ich  muBte  mich  aber  gewaltsam  in 
den  Besitz  der  Esenbeckschen  Expektanzdekrete  setzen,  um  den 
Flachsenrlnger  zu  bezwingen;  das  erotische  Haberrohr,  die  Scha- 
ferpfeife,  die  ich  vom  Flachsenfinger  in  Handen  hatte,  konnt*  ich 
ihm  als  eine  zweite  Famas -Trompete,  als  eine  Spitzbuben-  und 
Komodienpfeife  auf  dem  Parterre  seines  Liebhabertheaters  vor- 
halten  und  zu  ihm  sagen:  »Herr!  wie  Sie  wollen:  entweder  Sie 
geben  die  Sackenbachischen  Briefe  heraus  —  oder  ich  promul- 
giere  die  Esenbeckischen,  und  dann  soil  der  Teufel  Ihren  Namen 
holen.«  In  den  Sprachzimmern  der  groBen  Welt  ist,  wie  in  den  20 
Horsalen  einiger  Philosophen,  das  Lachen  das  Zeichen,  man  sei 
ein  Mensch  —  und  wer  verlacht  werde,  der  sei  keiner.  »Esen- 
beck  muB,  das  weiB  ich«,  sagt'  ich. 

Jede  Leserin  von  einigem  Mitleiden,  die  nicht  gern  einer  Gar- 
tenspinne  das  zitternde  Bein  abnimmt,  kann  sich  jetzt  meine  Qua- 
len  und  Amandas  ihre  denken,  die  ich  dadurch  vermied,  daB  ich- 
ihr  nicht  heraussagte,  wer  ich  war  -  beim  Namen  Jean  Paul  ware 
sie  in  Ohnmacht  gefallen  und  dann  ich. 

Sie  sagte  mir  nun  vertrauter,  welcher  Grabstein  von  ihrem 
wundgedriickten  beerdigten  Herzen  abgewalzet  sei  -  wie  sie  nun  30 
weniger  furchte,  daB  ihr  Ruf  das  Schicksal  eines  flatterndenBlatt- 
chen  teile  -  und  daB  sie  nun  Ieichter  die  irrigen  FuBstapfen  ihrer 
Jugend  teils  zuriicktue,  teils  verwische.  Jetzt  war  ich  ein  ganz 
anderer  Mensch,  und  deswegen  schien  sie  mir  auch  ein  ganz  an- 
derer  zu  sein:  so  sehr  ist  unser  Urteil  iiber  fremden  Wert  das 
heimliche  naturliche  Kind  des  Verhaltnisses,  worin  der  unsrige 


VIERTER  OFFIZIELLER   BERICHT  493 

mit  ihm  steht.  Seitdem  ich  gewisser  war,  daB  ich  sie  nicht  mehr  hei- 
raten  muBte,  bracht'  ich  vieles  Gute,  was  sie  hatte,  leicht  heraus, 
und  die  jungen  Kiele,  die  ich  vorher  angefuhlet  und  fur  solche 
erkannt  hatte,  womit  der  Amor  die  Fliigel  der  Psyche  bekielt, 
wuchsen  offenbar,  als  ich  dem  Fittich  weiter  nachgrifF,  aus  der 
Schwinge  eines  Engels  und  versprachen  viel.  Es  kann  doch  wahr- 
lich  nicht  fiir  gar  nichts  gerechnet  werden,  daB  sie  dem  Beicht- 
vater  und  seinenBeichtkindern— und  noch  dazu  mit  einerFreund- 
lichkeit,  die  ich  noch  sehe  -  ihr  SchloB  als  ein  Leihhaus  aller 

10  Mobeln  auftat;  ferner,  was  ich  noch  gar  nicht  gesagt,  daB  sie  der 
Kochin  gern  alle  Hasenbalge  und  alle  Aschen-Kriige  des  Ofens 
von  jeher  HeB  als  Gnadenholzasche  und  Gnadenbalge,  und  daB 
bisher  kein  Mensch  im  ganzen  Dorf  sich  an  die  Arabesken  und 
Zerrbilder1  und  Phantasieblumen  ihrer  AfFektation  versehrte  und 
stieB  als  ein  einziger  Falschmunzer,  der  sie  mehr  tauschte  als  sie 
ihn  (ich  nenn'  ihn  nicht)  und  der  ihre  Gefallsucht  fur  Eroberungs- 
sucht)  ihre  Revue  fiir  eine  Winterkampagne  nahm.  Eine  Bemer- 
kung,  womit  ich  alles  dieses  noch  bewahre,  ist  sehr  trefFend,  die: 
daB  ich  das  unausstehliche  gezierte  Wesen,  das  oft  bloBen  Novizen 

20  und  Inzipienten  der  Bildung  und  Leuten  auf  dem  Lande  und  in 
der  Einsamkeit  beiwohnt  (indes  GeselHgkeit  nur  konvenienz- 
maBige,  nicht  personliche  Ziererei  verstattet),  immer  am  Ende  so 
abscheulich  nicht  gefunden  habe  als  am  Anfange:  der  aufgelau- 
fene  Schaum  eines  lang  verpetschierten  Getrankes  kroch  bald 
zusammen,  und  ich  hatte  das  beste  Kordial  vor  mir  stehen.  AfFek- 
tation wohnt  hundertmal  nur  auf  der  korperlichen  Rinde  (als 
NachlaB  schlechter  Erziehung,  schlechter  Muster  etc.),  und  nicht 

1  Zerrbild  ist  die  Campische  Version  von  Karikatur.  Kein  Schriftsteller 
wird  die  Campischen  unver  stand  lichen  Verdeutschungen  verstandlicher 
30  Termen  ofter  gebrauchen  als  ich,  weil  ich  die  Termen  behalten  und  die 
Verdeutschungen  auch  annehmen  will.  Man  hat  kaum  Halbfarben  und  Halb- 
tone  genug;  ich  empfange  also  mit  Freuden  neue  Viertelsfarben  und  Viertels- 
tone.  Allerdings  werd'  ich  noch  einen  niedrigen  stechenden  kaltbliitigen 
Menschen  mit  einer  Herzkammer  ein  »Insekt«  nennen,  ob  es  gleich  Campe 
verbeut;  aber  ich  werd'  auch  gern,  wenn  ich  die  Mitteltinte  einzumalen  habe, 
daB  dieser  Mensch  viel  Schulden  oder  Sunden  auf  dem  Kerbhol{  hat  oder 
daB  er  selber  ein  Bruch  der  Natur  ist,  mit  Campe  verdeutschen  und  schrei- 
ben:  Kerbtier;  man  passe  auf! 


494  DER  JUBELSENIOR 

im  geistigen  Mark,  und  dieser  Wurm  naget  an  den  Menschen  wie 
der  an  Erbsen  wenigstens  den  K'eim  nicht  entzwei;  daher  beide, 
wenn  nicht  zum  GenieBen,  doch  zum  Treiben  guter  Friichte 
taugen. 

Ich  komme  zur  Geschichte.  Amanda  spielte  und  sang  alte  riih- 
rende  Sachen,  ich  horte  riihrend  zu.  Audi  sarm  ich  mir  unter  den 
Liedermelodien  hingeworfne  Lobreden  auf  die  haufigen  Blut- 
reinigungen  ihrer  Zimmer  aus  und  auf  ihre  ganze  weibliche  Hu- 
moralpathologie  des  Hauswesens :  denn  alte  Jungfrauen  heiraten 
die  Ordnung,  alte  Jung-  und  Altgesellen  die  Liiderlichkeit;  jene  ro 
sind  ein  ewiges  Fegefeuer,  Fegewasser,  Fegeelement,  diese  ma- 
chen  eines  notig.  Ich  verhalt*  es  nicht,  ich  wollte  die  Wunde 
meines  Gewissens  vergeblich  mit  SchluBketten  vernahen,  oder 
doch  -  wie  man  Hautwunden  mit  Spinnengewebe  stopft  -  das 
Bluten  mit  dem  Spinnengewebe  des  Trostes  stillen,  daB  Amanda 
ja  morgen  bloB  durch  mich  den  unschatzbaren  Anblick  des  Ftir- 
sten  und  spater  die  Briefe  erringe.  Besser  wurd*  es  mir  zugeschla- 
genhaben,  hatt'  ich  mit  der  Liebe  herausgehen  diirfen,  die  ich 
eben  empfand;  aber  ich  konnte  damit  neues  Unheil  anstiften.  Das 
Singstiick  -  worin,  wie  gewohnlich,  der  Komponist  und  der  20 
Dichter  sich  wie  Eheleute,  ohne  einander  zu  kennen,  verbunden 
hatten  und  zankend  nebeneinander  hantierten  -  griff  mich  am 
meisten  an,  weil  ich  zu  Amandens  verjiingten  Madchenbilde  an 
der  Wand  hinaufsah  und  mir  vorstellte,  das  Portrat  singe.  Indem 
ich  zwischen  dem  jugendlichen  und  zwischen  dem  veralteten  Ge- 
sicht  hin-  und  hersah,  so  war  mir,  als  verglich'  ich  die  Freude  mit 
dem  Gram,  als  richtete  ich  in  einem  Dezember  ohne  Schnee  den 
Blick  vom  reinen  blauen  Himmel  des  Friihlings  wieder  auf  die 
leere  erstorbene  zerriittete  Wintererde.  War  denn  nicht  der  frische 
Pastellstaub,  den  die  Kunst  auf  den  Papillonsflugel  des  Kindes  30 
fixieret  hatte,  unter  den  groben  rauhen  Griffen  des  Lebens  von 
den  nackten  kalten  Flughauten  abgerieben?  -  O  wenn  vor  der 
Mutter  dieser  umsinkenden  Tochter  (dacht*  ich,  als  ihr  Lied  ver- 
Welkte  entblatterteTagebetrauerte)vormalsgerade  in  derStunde, 
wo  sie  das  lachende  gleiBende  Bild  ihres  Kindes  bewegt  anblickte 
und  seine  Hchten  Augen,  die  zugleich  genossen  und  hofften,  und 


VIERTER  OFFIZIELLER  BERICHT  495 

den  geroteten,  an  warmen  Freudenstrahlen  gereiften  Mund  und  die- 
sen  ganzen  kleinen  Planiglob  einer  frohen  Schaferwelt,  wenn  dann 
vor  der  traumenden  Mutter  ein  boser  Genius  schnell  diese  dunkle 
verlassene  Gestalt,  dieses  von  den  Blattminierern  der  Sorgen  aus- 
gesogene  und  gerollte  Gesicht  vorbeigezogen  hatte  und  wenn  ihr 
neben  den  B  lumens  tilcken  ihrer  miitterlichen  HofTnungen  dieses 
Blatterskelett  und  diese  Bildernakt  ungezahlter  Schmerzensstiche 
erschienen  ware:  o  wie  heftig  wiirde  sie  jede  mannliche  Faust,  die 
die  iressenden  Giftfarben  zu  diesem  Bilde  rieb,  zuriickgeworfen 

10  und  das  unschuldige  lachelnde  Kind  an  sich  genommen  und'  ge- 
sprochen  haben:  »Sei  frohlich,  sei  frohlich,  Tochter,  solange  du 
noch  bei  mir  bist:  ach  du  Arme  bist  nur  in  der  Kindheit  gliick- 
lich.« 

Wenn  ich  neben  Menschen  stehe,  deren  Erinnerung  von  ihrem 
Garten  des  Lebens  ein  sinesischer  Garten  mit  zu  vielen  diistern 
Partien,  voll  Pfeiler  mit  Trauergeschichten  beschrieben,  voll  Eulen 
und  voll  Zypressenwalder  ist,  dann  phantasier'  ich  mich  in  ihre 
Phantasien  und  bringe  ins  Gemalde  ein  Gemalde,  ins  Schauspiel 
ein  Schauspiel  —  und  dann,  wenn  schon  die  eigne  Vergangenheit 

20  mit  einem  erweichenden  Mondlicht  iiber  den  Hintergrund  der 
Seele  aufgeht,  so  wirft  die  fremde  noch  bleichere  und  triibere 
Strahlen  und  ist  eine  von  der  Wasserflache  wiederholte,  tief  unten 
schimmernde  Mondnacht.  — 

Jetzt  aber  konnt*  ich  den  Pinsel,  womit  ich  bisher  der  Getausch- 
ten  die  vorigen  Trugbilder  ausmalte,  nicht  mehr  in  Handen  hal- 
ten :  ich  schied  fiir  heute  und  sagte  ihr,  da  noch  dazu  der  Kapu- 
ziner  seine  Nachtmutze  iiber  sich  gezogen  hatte1,  so  wollt*  ich 
noch,  ehe  der  Himmel  sich  wie  dieser  bedeckte,  ihn  genieBen  und 
friiher  in  das  Dorf  als  in  das  Bette  gehen. 

30  Das  kiihle  Souterrain  des  Tages,  die  entglimmende  Eisgrube 
der  Nacht  umzingelte  mich  mit  ihren  schwankenden  Zauberge- 
stalten,  und  das  Spharen-Euphon  der  gestirnten  Natur  wurde 
iiber. mir  gespielt;  aber  das  dissonierende  Intervall  der  Reue  iiber 
meine  heutigen  Tauschungen  verschmolz  kein  Leitton  mit  der 

1  Eine  bekannte  Art  Wettermannchen,  die  ihre  Kapuze  iiber  den  Kopf 
Ziehen,  eh'  es  regnen  will. 


49<>  DER  JUBELSENIOR 

groBen  Harmonie.  Endlich  vernahm  ich  auch  auBerhalb  meiner 
Phantasien  einen  vielstimmigen  Gesang.  Er  zog  und  fiihrte  mich, 
und  ich  HeB  mich  gern  von  ihm  an  das  mit  Fensterladen  ver- 
sperrte  Pfarrhaus  bringen,  worin  die  sanfte  musikalische  Akade- 
mie  ihre  Sitzung  hatte.  Durch  die  Ieuchtende  Ladenfuge  konnt* 
ich  die  ganze,  um  einen  Tisch  gehaltene  Singschule  von  Eltern 
und  Kindern  und  Enkeln  besehen  und  priifen.  Mein  Blick  reichte 
sogar  bis  in  die  offengelassene  Gesindestube  hinein,  worin  die 
leis'  nachsingende  Alithea,  gleichsam  abgetrennt  und  noch  ijicht 
auf  die  Familie  gepelzt,  einsam  die  Falltiire  eines  Bettisches  auf-  10 
hob ,  der  wie  unsere  Erde  zugleich  den  Schlaf  und  die  Speise  trug. 
Ich  konnte  leicht  bemerken,  daB  ihre  Lippen  so  schwarz  wie  ihre 
Augen  waren,  da  sie  einen  Brei  von  schwarzen  Beeren  wie  Pillen 
erst  kurz  vor  dem  Bettegehen  genommen  hatte,  weil  sie  anstand, 
am  Tage  mit  verkohlten  Lippen  herumzulaufen.  Alles  war,  so 
spat,  noch  an  ihr  nett  und  glatt,  sogar  der  Sonnenweiser  ihres 
Halstuchs-Triangels  zeigte  noch  gerade  auf  das  Ruckgrat  nieder. 
Am  Tische  nahm  ich  die  drei  Professionisten  und  hinter  ihnen 
die  iiber  ihre  Achseln  ins  Gesangbuch  schielenden  Weiber  und 
oben  den  Adjunktus  wahr,  der  seiner  gebiickten  Mutter,  die  fur  20 
ihn  noch  so  spat  ein  heute  von  einem  Brautpaar  dieser  Woche 
verehrtes  Schnupftuch  einsaumte,  den  Zwirn  durch  das  unsicht- 
bare  Ohr  einfadelte.  Den  betenden  musikalischen  Familienzirkel 
durchbrachen  die  kleinen,  auf  den  wiegenden  Knien  entschlum- 
merten  und  an  Eltern-Herzen  gesunknen  Kinder,  wie  unter  der 
lauten  Kirchengemeinde  die  taubstummen  Toten  liegen  und 
schlafen.  Der  Greis  aber  saB  mit  dem  unverhiillten  Silberkopf 
allein  in  einem  dunkeln  Winkel  und  sang  die  Danklieder  auswen- 
dig;  denn  iiber  seine  Augen  begann  schon  der  Schleier  des  Todes 
vorzufallen,  so  wie  man  zum  totenden  Boa-Upas-Baum  mit  zu-  30 
gehullten  Augen  geht.  Sein  Haupt  bog  sich  nicht,  sein  Blick 
senkte  sich  nicht,  als  er  taglich  tiefer  in  die  Minotaurus-Hohle  des 
Alters  hineinging,  in  der  der  Schwertstreich  des  Todes  ihn  suchte 
im  Finstern:  sondern  er  streckte  nur  liebend  seine  Hand  zuriick, 
um  seine  treue  alte  Gefahrtin  nicht  zu  verlassen  und  zu  verlieren, 
und  aus  der  reichen  Erde  wollt*  er  nichts  mehr  behalten  als  ihre 


VIERTER  OFFIZIELLER  BERICHT  497 

bekannte  teuereHand.  Aber  sein  ungetrubterfortglanzenderGeist 
trug  ihm  wie  einem  Reisenden1  in  den  nachtlichen  Hohlen  einen 
Spiegel  vom  ganzen  langen  durchgangnen,  mit  Auen  und  Ernten, 
mit  Blumen  und  Ahren  durchschnittenen  Leben  vor.  Nur  Theo- 
dosia  schien  sich  mit  lauter  schweren  tauben  eingeschlafenen 
Gliedern  auf  das  letzte  Lager  zu  begeben;  aber  ihr  heiBes  Herz 
war  wach:  o  in  diesem  Herzen  -  das  sagte  ihr  Auge  -  hatten  viele 
Abrisse  der  idealischen  Welt  und  dreischneidige  Schmerzen  und 
hohe  Wiinsche  gewohnt,  die  viel  zu  edel  waren,  um  einzutreffen. 

10  Ach  als  ich  dieses  beruhigte  Paar,  das  ohne  Angstlichkeit  das 
Glockchen  zur  Torsperre  des  Lebens  Ziehen  horte,  weil  es  wuBte, 
daB  uber  den  zwei  Hohlen  seines  in  Holz  gefaBten  Erdenstaubes 
ein  weiter,  von  ihm  gesaeter,  lebendiger  Menschengarten  sich  grii- 
nend  ausbreite,  als  ich  diese  zwei  Nach-Schopfer  des  verhullten 
Ur-Schopfers  mit  der  vergessenen,  einsam  aussterbenden  Aman- 
da druben  verglich:  so  kam  mir  die  stille  Verarmte  noch  armer,. 
ihre  Rauber  noch  harter  und  alle  ihre  Wunden  geofthet  vor,  und 
meinen  optischen  Betrug,  der  mich  starker  verklagte,  loschte  die 
verdienstliche  HofFnung  nicht  aus,  morgen  aus  dem  Freudenhim- 

20  mel  der  heitern  Familie  um  mich  die  letzte  Wolke  zu  treiben. 
Die  Dankgesange  beschlossen  -  der  Mond,  der  wie  ein  Mensch 
die  ersten  und  die  letzten  Grade  seiner  Laufbahn  schneller  durch- 
lauft,  glanzte  schon  weiB  und  rein  auf  den  scharfen  Dachern  - 
die  Menschen  waren  ausgeloscht  wie  ihre  Lichter  -  die  Arme 
druben,  die  noch  niemand  als  sich  ungliicklich  gemacht  hatte, 
schloB  ihr  Fenster  zu,  und  der  Schein  ihres  Zimmers  verging, 
und  sie  selber,  die  wahrscheinlich  einer  fremden  Freude  nachge- 
sungen  hatte,  fiel  schweigend  an  die  sanfteste  Lage  ihres  Lebens 
zuruck  -  und  da  mir  vorkam,  als  fiele  ihr  Leben,  das  aufgegangen 

30  war  wie  ein  Tempely  liber  ihr  zu  wie  ein  Sarg:  so  ging  ich  traurig 
in  ihr  dunkles  SchloB  zuruck. 

1  In  erhabenen  Gegenden  nehmen  einige  Reisende  Spiegel,  um  die  Reize 
der  zuriickgelegten  Bahn  zum  zweiten  Mai  vor  das  fliehende  Auge  zu  brin- 
gen. 


498  DER  JUBELSENIOR 

VlERTER  HlRTEN-  ODER  ZlRKELBRIEF 

worin  die  drei  versprochenen  Ausschweifungen  gerhaclit  werden 

Mein  Lieber! 

Hier  folgen  endlich  die  drei  verheiBenen  Abhandlungen.  Indes 
steh*  ich  nicht  dafur,  daB  ich  nicht  einmal  in  einem  meiner  neuesten 
Werke  oflentlichen  Gebrauch  davon  mache.  Biicher  sind  nur  dickere 
Briefe  an  Freunde;  Briefe  sind  nur  diinnere  Bucher  fur  die  Welt. 

Ich  will  wie  Heyne  und  Heidenreich  die  Abhandlungen  Ex- 
kursus  nennen. 

Mein  erster  Exkursus  uber  den  Kirchenschlaf '1st  dieser:  10 

Viele  wollen  ihn  nur  auf  lange  BuB-  und  Fasttage  einschran- 
ken,  weil  nach  den  Arzten  Schlaf  Hunger  und  Durst  und  Sedes 
nimmt.  Ich  glaube  aber  gerade  umgekehrt,  eben  weil  man  bei 
-leerem  Magen  am  gesundesten  und  ruhigsten  schlaft,  wird  das 
Essen  an  BuBtagen  verboten. 

Ja  Kirchenschlaf  ist  das  erste,  worein  ein  Kanzelredner  einen 
Menschen  bringen  muB,  den  er  aus  dem  Gewissensschlafe  haben 
will.  Denn  will  er  Zuhorer,  die  hereinkommen,  um  sich  nach  acht 
Tagen  geistlich  zu  hauten  -  wie  der  Frosch  sich  nach  ebenso 
vielen  korperlich  ausbalgt  -:  so  kann  er  ihnen  den  alten  Adam  20 
wie  Kindern  nicht  besser  als  im  Schlummer  ausziehen,  wie  man 
dem  Dalai  Lama  dieNagelnurbeschneidendarf,wenn  erschnarcht. 
Will  er  seine  Beichtkinder  beobachten:  so  sagt  Lavater,  daB  Schla- 
fende  am  besten  physiognomischen  Observationen  halten  und 
dienen.  Will  er  wie  Alexander  erharten,  daB  der  Mensch  ein 
Mensch  sei  (namlich  etwas  Gebrechliches):  so  hat  er  von  den 
drei  Beweis-Mitteln,  womit  es  jener  dartat,  nur  eines  ubrig,  den 
Schlaf,  und  er  kann  dem  wachen  Mitbruder  den  entschlafnen  von 
der  Kanzel  zeigen.  Will  er  einem  unbuBfertigen  Schacher  die 
Holle  recht  heiB  und  den  Teufel  schwarz  abmalen:  so  wird  sich  30 
dieser  Donner  im  Nachhall  des  Traums  um  vieles  verstarken,  und 
der  Sunder  erwacht  getroffen  und  in  MorgenschweiBen;  so  er- 
zahlt  auch  Isibord1,  daB  bei  einem  Benediktiner  die  getraumte 

1  Breviar.  num.  26. 


VIERTER  HIRTEN-  ODER  ZIRKELBRIEF  499 

Einnahme  einer  Purganz,  die  er  im  Wachen  nehmen  wollen,  so 
gut  an-  und  durchgeschlagen,  daB  er  am  Morgen  gar  nicht  notig 
hatte,  die  rezeptierten  Pillen  zu  nehmen.  -  Ein  anderes  ist,  wenn 
er  eine  Trauungsrede  auf  dem  Altar  halt;  hier  kann  niemand 
schlafen,  der  steht. 

.  Dieses  fuhret  mich  unvermerkt  auf  den  zweiten  Exkursus  von 
Traureden. 

Wenige  aus  den  hohern  Standen  treten  in  die  Ehe,  ohne  die 
Absicht,  solche  nachher  ordentlich,  wenn  nicht  zu  brechen,  doch 

10  aufzuheben;  -  und  dennoch  versaumen  es  die  meisten  im  Ehe- 
zarter  und  setzen  darin  (wie  sie  offenbar  sollten,  wie  Rekruten  in 
langern  Kapitulationen)  es  mit  keinem  Worte  fest,  wenn  sie 
eigentlich  wieder  auseinandergehen  wollen.  Daher  laufen  ebenso 
viele  trockne  Scheidungen  durch  Feuer  vor  der  nassen  durch  Dinte 
voraus;  daher  die  jahrelangen  Martern,  daher  die  offnen  Schaden 
des  Herzens;  daher  der  Henkerund  seine  GroBmutter.  Warum 
bereitet  denn,  wenn  nicht  der  Strohkranzredner,  doch  der  Trau- 
redner  das  junge  Paar  mit  keinem  Wort  auf  die  Scheidung  vor, 
die  der  Tod  und  das  Konsistorium  drohen?  -  Konnt'  er  es  nicht 

20  zum  geduldigen  Ertragen  dieser  Ehe  -  Wetterscheide  ermahnen? 
-  Konnt*  er  nicht  sagen,  was  der  Zweck  der  Ehe  sei,  namlich  der, 
sie  abzustellen,  wie  der  Zuckerbacker  seinem  Lehrjungen  die 
SiiBigkeiten  nur  erlaubt,  um  ihm  alle  zu  verleiden?  Kann  er  nicht 
wie  Epiktet  die  Brautleute  bitten,  nie  ihr  Herz  aneinander  zu 
hangen,  sondern  ans  Scheiden  zu  denken?  Ist  dem  Hochzeitred- 
ner  der  Zweck  einer  lutherischen  Ehe  so  wenig  bekannt,  daB  er 
vergessen  kann,  daB  eben  die  Trennung  unter  die  Unterschei- 
dungslehren  unserer  Konfession  gehort,  eine  Fundamentallehre, 
die  in  unsern  Zeiten  der  papistischen  Proselyterei  ein  jeder  eifrige 

30  Lutheraner  durch  seinen  Wandel  in  erhabener  Schrift  gleichsam 
mit  Punzen  aussticht?  -  Allerdings  liegt  ein  katholisches  Land- 
chen  oft  mitten  zwischen  protestantischen  Landern,  und  dieStim- 
me  der  Wahrheit  geht  ungehort  dariiber  hinweg,  wie  in  ellip- 
tischen  Sprachgewolben  gerade  der  kein  Wort  vernimmt,  der 
nicht  an  den  zwei  Polen,  sondern  in  der  Mitte  steht;  aber  welche 
Schande,  wenn  der  Irrtum  lauter  ware  als  die  Wahrheit,  die  Pest 


500  DER  JUBELSENIOR 

ansteckender  als  die  Gesundheit!  -  Ists  zuviel,  wenn  ich  von 
einem  Hochzeitredner  erwarte,'daB  er  den  Brautleuten  nicht  nur 
die  Gefahren  einer  gegenseitigen  Liebe  aufdecke,  sondern  da8  er 
auch  die  besten  Mittel  dagegen  an  die  Hand  gebe?  Denn  die  ge- 
meinen  sind  unkraftig:  gute  Padagogen  raten  an,  man  sollejiing- 
linge  und  Jungfrauen  oft  einander  sehen  und  sprechen  lassen, 
urn  ihre  wechselseitige  Allmacht  abzuschwachen,  und  auf  diese 
Abschwachung  durch  Umgang  wird  in  guten  Ehen  hingearbei- 
tet;  aber  wie  ist  das  in  den  weiten  Palasten  der  GroBen  zu  errei- 
chen,  die  wie  die  Lazarette  (wegen  ahnlicher  Bestimmung)  ge-  10 
bauet  sein  miissen,  welche  nach  Pringle  gerade  noch  einmal  so 
viel  Raum,  als  die  Patienten  darin  fiillen,  der  Gesundheit  wegen 
enthalten  sollen?  —  Kann  sich  denn  nicht  der  Trauredner,  gesetzt 
er  hatte  einen  schwachen  Kopf,  damit  helfen,  daB  er  die  theologi- 
schen  Grunde,  die  gegen  die  romantische  Liebe  vor  der  Ehe  spre- 
chen, versammelt  und  gegen  die  in  ihr  aufstellt?  Denn  alsdann 
konnt'  er  dem  Brautigam  zeigen,  daB  Liebe  einem  Manne  nicht 
anstehe,  daB  sie  ihn  so  weich  mache  wie  ein  Weib,  daB  sie  ihn 
sowohl  gegen  die  Mangel  des  Gegenstandes  als  gegen  alle  Vor- 

teile  verblende,  die  auf  einem  Scheidebriefe  liegen Das  ist  20 

ein  kleiner  Predigtentwurf  von  einer  Traurede  meiner  Art,  und 
ich  schicke  ihn  so  gleichsam  wie  die  hamburgischen  Pastoren  am 
Sonnabend  in  der  Stadt  herum.  — — 

Mein  dritter  Exkurs  soil  den  vornehmen  Unglauben  beruhren. 

Es  muB  auffallen,  daB  ich  ihn  gar  leugne,  Besterl  -  Man  darf 
nur  zwei  verschiedene  Zeiten  nicht  vermischen,  die  vorige  und 
die  jetzige. 

Unter  der  Regierung  Rochesters  und  seines  Konigs  -  und 
nachher  unter  der  Regierung  La  Mettries  und  seines  Konigs,  sollte 
man  denken,  habe  reiner  echter  Unglaube  geherrscht;  man  hore  30 
aber  weiter.  In  Johnsons  vortrefllichem  Rambler,  der  fur  uns 
fliichtige  Deutsche  viel  zu  ernsthaft  ist,  nab*  ich  gelesen,  daB  der 
Ritter  Matthias  Hale^  der  ein  religioser  guter  Mann  war,  sich 
ofTentlich  fur  einen  Bekenner  des  Unglaubens  ausgegeben,  urn, 
sagt*  er,  mit  seinen  Schwachheiten  keinen  Schatten  auf  die  Reli- 
gion selber  zu  werfen.  Das  ist  fur  mich  der  Schliissel  zum  Erraten 


VIERTER  H1RTEN-  ODER  ZIRKELBRIEF  5OI 

der  damaligen  Weltleute.  Rochester,  La  Mettrie  und  tausend 
Welt-  und  Hofmanner  wuBten  recht  gut,  daB  sie  einem  Adam, 
Petrus  und  den  lieben  Engeln  in  nichts  weniger  unahnlich  waren 
als  im  -  Fallen;  aber  sie  hatten  im  Herzen  ungemein  viel  Tugend 
und  Religion:  das  sen'  ich  daraus,  weil  sie,  um  solche  nicht  durch 
ihre  Handlungen  zu  beschimpfen,  sich  wie  der  obige  Ritter  Hale 
gerade  fiir  das  entgegengesetzte  Glaubensbekenntnis  nicht  ohne 
Schein  erklarten.  Dadurch  gewannen  sie  noch  dazu  den  Vorteil, 
daB  sie  mit  alien  Eisen-  und  Rostflecken  ihrer  Praxis  nachher  ihre 

10  Maske  der  irreligiosen  Theorie  beklecksen  konnten,  und  sie  er- 
lebten  das  reine  Vergniigen,  zu  lesen,  wie  die  Geistlichen  die 
Siinden  dem  Bekenntnis  aufluden,  die  den  Bekenner  belasteten. 
An  Hofen  ist  der  Fall  oft,  daB  man  sich  fiir  eine  Sache  erklaren 
muB,  die  man  nicht  anders  hintertreiben  kann  als  durch  Rat- 
gebungen,  die  sie  zu  unterstiitzen  scheinen. 

In  unsern  Tagen  hat  das  aufgehort:  man  zeige  mir  einen  Maul- 
unchristen  oder  Maulchristen  von  Erziehung.  Ein  Pastor  prima- 
rius,  ein  Fruhprediger,  ein  Zionswachter  kann  tagelang  ohne  Sorge 
mit  einem  Weltmann  reiten,  karten,  sprechen:  kein  Wort  iiber 

20  die  Religion  wird  diesem  entfahren,  ja  er  wird  nur  hochst  ungern 
die  Worter  Gott,  Unsterblichkek,  Keuschheit,  Schamhaftigkeit1 
auf  die  Zunge  bringen.  In  England  wird  jetzt  leicht  der  Test  ge- 
schworen,  und  jeder  nimmt  sein  Abendmahl  und  sein  Amt  und 
beugt  die  Knie  vor  dem  einen  und  dem  andern  -  es  gibt  keinen 
Hofmann,  der  sich  ein  Bedenken  machte,  ein  geistlicher  Kurfurst 
zu  werden,  weil  er  vor  der  Mittagstafel  des  neugekronten  Kaisers 
ein  reichsherkommliches  Gebet  verrichten  muB  -  oder  der  sich 
weigerte,  Konig  in  Polen  zu  werden,  weil  dieser  den  Beisatz 
»der  Orthodoxe«  fiihren  muB  —  ich  sehe  vielmehr  taglich,  wie  die 

30  feinsten  Leute  nach  dem  Ruhm,  orthodox  oder  gar  allerchristlich 

von  ganz  Europa  genannt  zu  werden,  jagen  und  greifen. 

Aber  genug,  mein  Besterl  Mehr  als  dreimal  hatt'  ich  nicht  aus- 
zuschweifen.  Meine  Geschafte  halten  mich  ab,  Ihnen  kiinftig  so 

1  Daher  Cicero  sagt,  die  Schamhaftigkeit  werde  nicht  gern  von  einem 
Schamhaften  genannt;  —  die  Keuschheit  nicht  von  einer  Keuschen,  sagt 
irgendeine  flihlende  Schriftstellerin. 


502  DER  JUBELSENIOR 

fleiBig  zu  schreiben  wie  bisher.  Noch  hab*  ich  auf  meine  vier 
Zirkelbriefe  keine  Zeile  Antwort.  Sind  Sie  krank?  Leben  Sie  ge- 
sund!  Ihr 

Jean  Paul. 

N,  S.  Melden  Sie  mir  nur  mit  drei  Zeilen,  ob  Sie  gegenwartigen 
Hirtenbrief  erhalten  haben  oder  nicht:  ich  richte  mich  darnach. 


FlJNFTER  OFFIZIELLER  BeRICHT 

Morgenmilch  der  Freude  —  Kirchgang  -  die  funfzehn  Strophen  oder  Stufen 
der  Himmelsleiter  —  Weissagungen  —  Predigten  —  die  Landkarten  -  der 
Buchdrucker  —  iiber  das  Schnupfen  der  Weiber  —  Goldschleien  —  neuer  10 
Akteur  —  Ende  mit  Schrecken  und  Freude 

Den  Kunstrichtern,  die  ihren  Eiszapfen  als  einen  Feuermesser 
an  meine  und  andere  Sonnen  legen,  wie  Lavoisier  und  de  la  Place 
aus  wahrem  Eise  Pyrometer  machen,  steh*  ich  nicht  dafiir,  daB 
ich  mit  dem  Zentralfeuer,  das  ich  in  diesem  Kapitel  anschure, 
nicht  ihren  Calorimetre  und  sie  ganzlich  zerstore.  Ich  beleidige 
ihren  Stolz,  daB  ich  ihnen  keine  Langweile  mache  -  denn  mora- 
lisch  und  physisch  sind  Ausdehnen  und  Gahnen  beisammen-; 
allein  ich  muB  darhinter  sein,  daB  ichmir  einen  ewigen  Namen 
erschreibe;  das  brauchen  sie  hingegen  nicht.  Die  gelehrten  Zei-  20 
tungen  sind,  gleich  den  politischen,  Monatskafer,  namlich  Mai-, 
Junius-,  Juliuskafer,  und  konnen  nicht  schnell  genug  einander 
erstatten  durch'Nachwuchs;  ihr  langstes  Leben  ist  vor  ihrer  Er- 
scheinung,  und  man  kann  fiinf  Jahre  lang  von  einer  Rezension 
sprechen,  die  man  -  erwartet:  ist  sie  heraus,  so  lebt  sie  noch  einen 
Monat.  So  wtihlt  z.  B.  der  Maikafer  unter  dem  Namen  Engerling 
als  Larve  fiinf  Jahre  unter  der  Erde  und  Saat;  steigt  er  entpuppt 
und  fliegend  heraus,  so  frisset  er  noch  einen  Monat,  und  dann  ists 
um  das  Kerbtier  getan.  -  Ich  hingegen  bin  auf  eine  der  langsten 
Unsterblichkeiten  aus,  da  die  korperliche  Sterblichkeit  jahrlich  so  30 
wachst.  Man  rennt  jetzt  so  schnell  durch  die  kurzen  Jahre,  daB 
man  kaum  Zeit  hat,  im  Laufe  seinen  Namen  an  eine  Buchhandler- 
tiire  oder  auf  einen  Leichenstein  anzuschreiben :  vom  Autor  und 


FUNFTER  OFFIZIELLER  BERICHT  503 

der  Tugend  bleibt  selten  mehr  iibrig  als  der  Name.  Noch  besser 
und  feuriger  aber  wurd'  ich  geschrieben  haben,  war'  ich  wirklich 
dahin  gezogen,  wo  ich  mich  einmal  ansiedeln  wollte  -  nach  Paris : 
dort  hat  man  nicht  Zeit,  sich  durch  drei  Meisterstucke  zu  ver- 
ewigen,  durch  eines  muB  man  es  erringen,  weil  dort  die  ewigen 
Freudenfeuer  des  Genusses  den  Lebensfaden  versengen  und  die 
Guillotinen  ihn  zerschneiden,  besonders  als  Robespierre  iiber  das 
Land  mit  dem  Kometenschweif  ging  und  ihnen  jahrlich  funf  Fest- 
tage  und  David  Schirmerischen  Wanzentod  zuwarf,  so  wie  der 

10  Komet  Whistons  aus  seinem  Schweif  Schwaden  und  Sterblich- 

keit  und  funf  neue  Tage  iiber  die  Jahre  der  Menschen  schuttelte.1 

Und  eben  diese  Kiirze  des  sterblichen  Lebens,  in  der  man  das 

unsterbliche  erangeln  muB,  sollte  fiir  mich  (so  scheint  es)  bei  Re- 

zensenten  das  Wort  reden  und  es  exkusieren,  daB  ich  nicht  nur  so 

viel  schreibe,  sondern  auch  so  gut. 

Um  4  Uhr  lautete  ScheinfuB  schon  die  Gebetglocke  und  machte 
ganz  Neulandpreis  irre  und  wach-denn  um  5  Uhr  gehorte  sichs-; 
aber  er  war  selber  beides  und  hatte  so  nahe  am  Proludium  des 
Jubeltags  keinen  Schlaf  und  unter  dem  Morgensegen  keine  An- 

20  dacht.  Meinen  Kopf  klingelte  er  auch  vom  Kissen  ans  Fenster: 
es  war  noch  nichts  zu  horen  und  zu  fuhlen  als  der  Kiistenwind 
des  Morgens,  der  die  Goldkiiste  der  Aurora  kiihlte,  und  nichts 
ging  noch  im  Pfarrhause  herum  als  das  Nachtlicht,  wahrschein- 
Hch  mit  Alitheen.  Ich  schlug  mir  ein  Morgenlicht  und  setzte  mich 
vor  meinen  Dintenbock  und  sein  Herz  und  streckte  den  Lege- 
stachel  des  gegenwartigen  Appendix  aus:  denn  nab*  ich  solche 
Geschichten  unter  der  Feder,  die  noch  nicht  ganz  vorgegangen 
sind,  so  mach*  ich  so  lange,  bis  sie  sich  begeben,  Ausschweifun- 
gen,  Schalttage,  Hirtenbriefe.  Gerade  als  man  die  Fensterladen 

30  aufstieB,  war  ich  mit  dem  vorstehenden  vierten  Zirkelbriefe  zu- 
stande.  Da  die  Arbeitsstube  das  schonste  Vorzimmer  in  dem 
Pavilion  und  der  Sommerstube  der  Freude  ist:  so  sollte  ein  Gast 
durch  eine  Arbeit,  es  sei  eine  nurnbergische  oder  Lyoner,  wie 

1  Whiston  beweiset  wirklich,  daB  die  zweistundige  Beriihrung  dieses 
Schweifs  das  Leben  kiirzer  und  das  Jahr  von  360  Tagen  um  5  neue  lange r 
machte. 


504  DER  JUBELSENIOR 

durch  ein  dissonierendes  Intervall  die  harmonischen  Grundtone 
des  Vergniigens  heben  -  unser  Herz  verwirft  so  gut  wie  unser 
Ohr  (Lebens-)  Fortschreitung  durch  Oktaven  oderGeigen-Quin- 
ten.  Ich  setze  daher  in  jedem  Sinne  uber  jeden  prunkenden  Fest- 
tag  einen  halben  Feiertag;  nur  muB  sich  die  Rangordnung  um- 
wenden  und  die  Feier  nachmittags  anfangen. 

Mit  dem  Morgengewdlke  legt'  ich  zuletzt  das  Friihrot  auf  mei- 
ner  Stirne  auf,  den  bekannten  Esenbeckschen  Zodiakalschein,  die 
rote  Zorn-  und  Ziindrute.  Es  war  ein  besonderes  Gliick,  daB  ich, 
da  diese  feurige  Zunge  ein  wenig  rechts  iiberschlug,  das  noch  10 
wuBte,  nachdem  ich  mich  schon  abgewaschen  hatte:  sonst  hatt' 
ich  mich  mit  einem  linken  Klinamen  des  Penduls  nicht  bloB  un- 
gemein  lacherlich  machen  konnen,  sondern  auch  verdachtig. 

Dennoch  sah  Gobertina,  als  der  Schonfarber  vor  ihrem  Kaffee- 
brett  erschien,  mir  lange  auf  die  Stirn  und  deren  Rotelzeichnung: 
»Ich  weiB  es  recht  gewiB,«  (dacht'  ich  und  sah  in  den  Spiegel) 
»der  Strich  flektiert  sich  rechts.«  -  Ich  war  heiterer  als  gestern,  sie 
auch;  sie  dachte  an  ihren  heutigen  Glanz,  ich  an  meine  heutigen 
Verdienste.  Auch  war  es  mir  von  Herzen  lieb,  daB  ihr  Lebens- 
Monodrama  sich  einem  britischen  Trauerspiel  naherte,  das,  trotz  20 
alles  Blutens  und  Weinens  in  der  Mitte,  doch  nicht  nur  einen 
lustigen  Prolog  voraus-,  sondern  auch  einen  ebenso  spaBhaften 
Epilog  nachschickt:  ich  hatte  das  Verdienst  dabei.  Gerade  als  wir 
uns  beide  zum  Abzug  in  die  Pfarre  anschickten,  als  ich  schon 
meinem  Menschen  anbefohlen  hatte,  creme  de  Bretagne  von 
Hampe  nicht  zu  sparen,  sondern  die  Stiefel  und  den  Schwanz- 
riemen  tapfer  zu  wichsen  und  unter  der  Kirche  die  Schaugerichte 
und  die  Goldschleien  ins  Pfarrhaus  zu  schaffen:  so  schritt  Schein- 
fuB  herein  und  invitierte  uns  dahin.  Der  SchuJdiener  hatte  heute, 
statt  der  Biersuppe  im  Magen,  warmes  Bier  im  Kopf  und  hielt  30 
sich  im  ganzen  fur  den  -Jubilar  selber:  die  Promotion  war  zu 
schnell,  der  Mann  zu  schwach-  ach  der  innere  Mensch  schwindelt 
wie  der  auBere,  wenn  er  sich  zu  hurtig  aufrichtet.  Der  Schulherr 
ring  langsam  an:  »An  einem  solchen  feierlichen  Tage  werd*  ich 
aus  dem  hochehrwurdigen  Pfarrhaus  abgesandt,  £w.  beide  Gna- 
den  einzuladen  zu  einer  Tasse  Kaffee,  und  nachher  dem  heiligen 


FUNFTER  OFFIZIELLER  BERICHT  505 

Wefk  in  dem  Tempel  mit  uns  alien  beizuwohnen  und  zu  vollen- 
den.  Ein  wichtiges  Jubelfest!  ein  exzellentesl  -  Und  fiir  Kirchen- 
musik  hab'  ich  in  etwas  gesorgt  -  der  junge  Hasler,  gnadiges 
Fraulein,  paukt,  und  der  Schmieds -Tobias  schlagt  die  Orgel: 
denn  ich  mu!3  den  Takt  schlagen  und  bin  der  Bassist  und  dirigiere 
alles,  weil  ich  die  Partitur  vor  mir  habe.«  -  Gobertina  fragte  ihn 
menschenfreundlich  nach  der  Tonart  und  dem  Musikschliissel  im 
Pfarrhaus;  er  versetzte:  »Jubel  hinten  und  vorn!  Aber  freilich  die 
Pfarrmamsell  (Alithea),  die  greint  erbarmlich!  Mamsell,  sagte  ich 

10  heute  zu  ihr,  es  gibt  ja  alte  Jungfern,  die  noch  immer  auf  ihren 
Mann  aufsehen:  warum  bricht  denn  einem  so  jungen  Blut  wie  Ihr 
das  werte  Herz?  —  Und  dann  sagt  sie  allemal:  sie  verliefie  sich 
gern  auf  mich,  ich  trostete.« 

Der  Schuldiener  und -meister  harrte  auf  unsern  Mitgang:  wir 
traten  ihn  an,  nachdem  vorher  das  Fraulein  einen  blonden  weiB- 
farbigen  Fronersbuben  als  GroBalmosenier  und  Kollator  ihrer 
milden  Stiftung  eingesetzt  und  ihm  eine  papierne  Armenbuchse, 
mit  einem  Pfennigkabinett  gefullt,  gelassen  hatte,  damit  er  mit 
dem  Gelde  das  Bettelvolk  dotierte  unter  der  Kirche. 

20  ^,  Der  Schulherr  entsprang  uns  am  Bache  in  sein  Haus,  er  sagte, 
er  miisse  auf  den  Turm  laufen,  um  herabzublasen.  Ingenuin  kam 
uns  im  Pfarrhaus  entgegen,  dessen  Huhnerviehe  und  Hof  hunde 
der  Hof  verboten  war,  damit  die  Beichtkinder  leichter  aus-  und 
eingingen.  Durch  die  Sternbilder  froher  neugieriger  Enkel-Grup- 
pen  kamen  wir  endlich  ins  Zimmer  vor  den  im  bunten  Hof  aus 
Kindern  strahlenden  Sonnenkorper  neben  seiner  blassen  Luna. 
Feierlich  lachelnd,  aber  mit  einer  abwesenden  und  an  hohern 
Gedanken  hangenden  Seele  empfing  uns  der  Greis,  und  er  machte 
alles  um  sich  her  so  ernst,  daB  ich  nicht  begriff,  wie  der  Petschier- 

30  stecher  einen  Kuchentriangel  anbeiBen  konnte,  und  mir  war,  als  aB' 
er  in  einem  Kirchenstuhl.  So  sieht,  sagt*  ich  zu  mir,  ein  unerschiit- 
terlicher  Freund  aus!  Diese  breite  gewolbte  Brust  wankte  nie  am 
geliebten  Herzen,  dieses  dunkle,  aber  scharfe  Auge  schlug  sich 
nie  beschamt  nieder,  diese  steilen  Augenknochen  sind  das  steile 
hohe  Ufer  eines  tiefen,  aber  hellen  Sinnes.  Diese  Gestalt  hat  ein 
Mann,  sagt'  ich,  der  im  magischen  Kreise  der  Tugend,  ohne  auf- 


506  DER  JUBELSENIOR 

zustehen,  fortkniet,  wenn  die  gaukelnde  Nacht  ihm  mit  iiberren- 
nenden  Wagen  und  morderischen  Larven  droht.  Die  zweite  Welt 
hatte  ihn  mit  der  ersten  befreundet,  und  das  Alter  buckte  seine 
Seele,  mehr  wie  sonst  die  Jugend,  nach  den  letzten  Blumen  der 
Erde  nieder.  Sein  Arm  und  sein  Herz  hatten  ihn  mit  dem  groBen 
festen  Land,hinter  dem  Leben  und  hinter  dessen  Fluten  so  ein- 
heimisch  und  vertraut  gemacht,  daB  er  sich  jetzt  wie  der  Demo- 
kritus  vorkam,  der  achtzig  Jahre  aus  seinem  Vaterland  wegge- 
wesen,  um  Kenntnisse  einzutragen. 

Nur  er  verdiente  die  funfzigjahrige  Liebe  seiner  Lebens-Genos-  10 
sin :  er  war  ihre  erste  Liebe  gewesen  und  wurde  jetzt  ihre  letzte, 
bloB  den  Zwischenraum  hatte  die  mutterliche  erfullt.  Jetzt  da  ihre 
Sorgen  geendigt  und  ihre  Kinder  gesegnet  waren:  so  kam  sie  im 
stillen  Nachsommer  des  Lebens  mit  der  Herbstrose  der  erneuer- 
ten  Liebe  an  die  unvergeBliche  Brust  zuriick  und  driickte  im 
Gatten  alle  ihre  Kinder  ans  Herz;  bloB  von  ihren  zwei  Tochtern, 
die  der  Tod  in  seinen  eisernen  Armen  hielt,  wandte  ihr  innerer 
Mensch  die  weinenden  und  liebenden  Augen  nicht  ab.  -  Die 
Morgenuhr  ihres  Lebens  hatte  den  Schatten  auf  schwarmerische 
Stunden,  auf  den  Blumentau  siiBer  Tranen,  auf  Morgentraume,  20 
auf  iiberirdische  Hoffnungen  geworfen,  und  ihre  Seele  war  em- 
porgestiegen,  um  auf  das  feme  Grab  herabzusehen,  das  noch 
nicht  geofTnet  ist:  jetzt  da  die  Abenduhr  vor  der  ebenso  tiefen 
Sonne  einen  ebenso  langen  Schatten  wie  am  Morgen  und  auf  die 
ZifFern  desselben  Namens  wirft,  jetzt  riicken  die  gefarbten  Schat- 
ten der  alten  Vergangenheit  wieder  voruber,  aber  in  Heiligen- 
bilder  verkehrt,  und  sie  schmachtet  nach  der  Sargmuschel  unter 
dem  Meer,  in  der  ihre  Trdne,  namlich  ihr  Herz,  zur  festern  Perle 
reift,  und  die  Seufzer  der  ersten  Tage  voll  Liebe  wachen  als 
Gebete  auf.  30 

O  so  soil  es  euch  auch  sein,  geliebten  Freundinnen  *  *,  wenn 
die  Nachmittagsstunden  des  kurzen  Namenstags  eueres  Lebens 
ausgeschlagen  haben !  Frei,  weit  und  klar  blicke  abends  euer  Auge 
um  sich, wenn  das  Leben  gelichtet  und  entblattert  ist,  wie  man  im 
physischen  Herbste  weiter  und  mehrere  Dorfer  sieht,  weil  das 
gesunkne  Laubwerk  keine  mehr  verbauet!  -  Ach  es  ist  keine 


FUNFTER  OFFIZIELLER  BERICHT  507 

unter  euch,  die  ich  nicht  oft  in  den  Stunden  der  verheimlichten 
Ruhrung  mit  der  Hoffnung  angesehen  habe:  »0  wie  zauberisch 
werden  einraal  diese  Tage  zu  deinem  langsamern  gelahmten  Her- 
zen  umkehren !  O  wenn  deine  Lebens-Friihregen  davongezogen 
oder  herabgefallen  sind,  wenn  dein  Himmel  und  dein  Abend  blau 
iiber  dir  ruht  und  die  letzte  Gewitter-Wolke  erkaltet  ist,  wenn 
dein  Weg  durch  die  fliichtigen  Freuden  nahe  an  der  ewigen  ab- 
bricht,  dein  Flug  durch  die  n  beweglichen  Himmel  am  festen1: 
so  werden  die  Verklarungen  deiner  Jugend  von  neuem  entglim- 

10  men  und  die  jugendlichen  Erhebungen  deines  Herzens  die  ver- 
altete  Brust  bewegen.  O  wie  weich,  aber  nicht  wund  wirst  du 
jeden  Fruhling  besuchen  und  wirst  sagen:  willkommen,  schone 
Zeit,  jetzt  erinnerst  du  mich  nicht  wie  sonst  an  den  stummen 
siechenden  Herbst  des  Lebens,  sondern  nur  an  den  Fruhling,  den 
ich  verlebt  habe,  und  an  den  schonern  Fruhling,  der  mir  nie  ver- 
bluht.« ......  Und  dann  wenn  sie  sanft  weinend  und  traumend  vom 

Spaziergange  nach  Hause  kommt,  so  fall'  ihr  dieses  Blatt  in  die 
Hand  und  ennnere  sie  weicher  an  den  Freund  ihrer  vorigen  er- 
habnen  Stunden,  und  sic  leg*  es  hin,  von  hohen  Erinnerungen 

20  innigst  bewegt,  und  schaue  die  stumme  Vergangenheit  an  mit 
groBen  warmen  Tranen  nicht  nur  der  Wehmut,  auch  der  Freu- 
de!- 

Alle  Gesichter  der  Sohne  schmuckte  und  verjiingte  eine  feier- 
Hche  Freude  und  eine  erneuerte  Liebe:  nur  die  bange  Alithea 
verbarg  sich  mit  ihrem  weinenden  Herzen  unter  einsame  ent- 
fernte  Geschafte.  Die  Sohne  -  ausgenommen  Ingenuin,  dem  die 
Nachfeier  des  Amts  naher  als  die  der  Hochzeit  lag  -  wurden 
durch  die  schone  Nachkirchweih  des  elterlichen  Vermahlungs- 
festes  warmer  und  dichter  an  die  ehrerbietige  Empfindung  ihres 

30  Ursprungs  und  ihrer  kindlichen  Pflichten  geriickt,  und  die  Er- 
wachsenen  wurden  zu  hiilflosen  dankenden  Kindern  verjiingt. 
Und  aus  demselben  Herzen  stieg  die  elterliche  und  eheliche  Flam- 
me  neben  der  kindlichen  auf:  die  Silbervermahlung  der  Eltern 
machte  ihnen  ihre  Kinder  und  ihre  Weiber  Heber  und  zeigte 

1  Die  alten  Astronomen  lieBen  die  Planeten  und  Sonnen  von  1 1  Himmeln 
drehen,  der  zwolfte  (das  Empyreum)  stand  fest. 


508  DER  JUBELSENIOR 

ihnen  auch  weit  draufien  im  Alter,  mitten  unter  dem  Auskehrig 
und  den  Scherben  der  Jahre,  einen  reparierten  geputzten  Trau- 
altar. 

Endlich  fing  die  bunte  Reihe  den  frohen  Kirchgang  an.  Ich  sah 
mich  unter  dem  Ziehen  drauBen  vergeblich  nach  dem  ausgehenk- 
ten  Gliede,  das  aus  dieser  begliickten  Wesenkette  fehlte,  urn,  nach 
AHthea;  und  ich  sah  die  Zuriickbleibende  einen  Schritt  vom  Fen- 
ster  mit  freudigen  Augen,  deren  rinnende  Tranen  sie  zu  trocknen 
vergaB,  und  mit  zusammengelegten,  gleichsam  zum  Gebete  fiir 
alle  Geliebte  gefalteten  Handen  stehen,  und  als  das  Gelaute  an-  ic 
fing,  wurde  ihr  der  Schmerz  oder  die  Freude  zu  schwer,  und  sie 
wandte  sich  urn. 

Auf  dem  Turme  wurden  alle  Glocken  und  auf  dem  Chore  alle 
Orgelregister  gezogen  -  und  aus  dem  Schalloch  zielte  und  schauete 
ScheinfuB  als  Hornist  mit  einem  Parforcehorn  in  die  heraufstei- 
gende  Sonne  hinein  (er  wollte  vergeblich  unter  dem  Blasen  nie- 
dersehen),  und  innen  neben  dem  Glockenstuhl  riihrte  zu  seinen 
FiiBen  sein  Ripienist  eine  schwache  Pauke.  Die  geputzten  Enkel 
kamen  zuerst,  dann  die  Kinder  mit  ihren  Vermahlten  und  dann 
Vater  und  Mutter,  und  die  zwei  Hinterrader  wurden  von  dem  2o 
Freudenmeister  und  dem  alten  Fraulein  formiert,und  beide  mach- 
ten  als  das  einzige  Zolibats-Paar  einen  erbarmlichen  Absatz.  Meh- 
rere  Beichtkinder  gingen  in  einiger  Entfernung  gleichen  Schrittes 
mit  den  ordentlichen  Kindern;  aber  die  meisten  hatten  sich  am 
Kirchentore  angelegt  und  angehauft,  und  das  rote  Meer  lief  aus- 
einander,  um  den  Kindern  dieses  Israels  den  Durchgang  zu  las- 
sen:  das  hohe  unvermahlte  Paar  sah  wie  der  nachsetzende  Pha- 
rao  aus.  Ich  habe  meine  guten  Griinde,  anzufuhren,  daB  ich  unter 
der  Jubelpforte  einen  scharfen  Blick  auf  die  gedruckte  Liedertafel 
tat  und  daB  ich  auf  dem  einblatterigen  Register  den  stahlernen,  30 
wie  an  ein  Abcbuch  gebundnen  Griffel,  den  spitzen  Zeigefinger 
des  jedesmaligen  Liedes,  heute  in  dem  bekannten  »0  daB  ich 
tausend  Zungen  hatte«  eingestochen  sah,  ein  langer  Gesang  von 
15  langen  Strophen. 

In  Sackenbachs  Kirchenloge  war  sowohl  aus  Hof lichkeit  ge- 
heizt  als  des  Septembers  wegen,  iiber  den  die  Romer  wie  iiber  eine 


FUNFTER  OFFIZIELLER  BERICHT  509 

zweite  Venus  den  Vulkan  zum  Herrn  erhoben.  Unter  den  Vor- 
erinnerungs-  und  Initialliedern  und  Ermahnungen  niacin*  ich  im- 
geheim  den  Flachsenfinger  Esenbeck  und  Amanden  lacherlich 
und  mehr  als  einen  Hof.  Indes  der  mittlere  und  niedere  Stand  die 
Surpluskasse,  die  Verlagskasse  der  Menschheit  ist,  gleichsam  das 
Schiffswerft  des  politischen  Scruffs:  so  ist  der  obere  die  wuste  Re- 
gion, der  Brachacker  der  Menschheit  und  weiset  wenig  andere 
Kinder  auf  als  moralische  im  Handeln  oder  physische  aus  Alter. 
Doch  ist  es  billig,  auf  der  andern  Seite  auch  einzuraumen,  daB 

10  ein  Hof  einem  schonen  englischen  Garten,  worin  keine  Baume 
gelitten  werden,  die  etwas  tragen,  naher  komme  als  einer  vollen 
Kernschule;  und  daB  iiberhaupt  die  Menschen  den  Birnen  glei- 
chen,  von  denen  die  Obstgartner  bemerken,  daB  gerade  die  Kerne 
der  feinsten  nicht  aufgehen,  aber  die  der  Holzbirnen  gern. 

Die  betende  Alithea  kam  nicht  aus  meinem  Kopfe  und  zum 
Ungliick  nicht  in  die  Kirche,  oder  vielmehr  zum  Gliick.  Ich  scha- 
me  mich  nicht,  es  zu  berichten,  daB  ich  aus  der  Kirche  hinaus- 
wollte  -  und  es  auch  tat  -,  urn  mit  der  Guten  ein  verniinftiges 
einsames  Wort  zu  reden.  Es  war  mir  freilich  so  gut  bekannt  als 

20  einem,  daB  nicht  nur  das  24.Kapitel  des  vierten  karthagischen 
Konziliums1  jeden  in  den  Bann  tat,  der  unter  der  Predigt  heraus- 
lauft,  sondern  auch  der  Pfarrer,  der  sie  halt.  Aber  ich  konnte  auch 
von  den  Karthagern  und  den  Predigern  fodern,  daB  sie  Vernunft 
annehmen  und  bekennen,  etwas  ganz  anders  sei  es,  wenn  einer 
nur  aus  dem  Hauptlied  lauft,  um  vor  dem  Kanzellied  wieder  da  zu 
sein.  Und  das  war  mein  Fall.  Das  Lied  »0  daB  ich  tausend  Zun- 
gen  hatte«  war  lang,  wenn  mans  durchlas,  geschweige  durchsang. 
Es  war  ohnehin  vorauszusehen,  da  ScheinfuB  jede  Strophe  um 
einen  Ton  hoher  anstimmte,  daB  man  sich  mit  diesem  crescendo 

30  wie  Glaser  auseinanderschreien  musse.  Da  es  noch  dazu  keinen 
ersten  oder  zweiten  Sanger  gibt,  der  nicht  besser  singt  als  ich,  der 
gleich  dem  Papagei  mehr  ein  Sprach-  als  Sangvogel  ist,  und  da 
ich  iiberhaupt  nicht  so  lange  uber  eine  Zeile  denken  kann,  als  man 
an  ihr  singt  (daher  les*  ich  allezeit  das  Lied  aufmerksam  voraus 
durch  und  hore  still  der  unverstandlichen  Gemeinde  zu) :  so  mar- 
1  Semi.  Sel.  capita. 


5IO  DER  JUBELSENIOR 

schiert'  ich  frei  aus  der  Loge  ins  Pfarrhaus  und  wollte  als  Para- 
klet  mein  Trostamt  antreten. 

Alithea  hatte  durch  die  offnen  Fenster  eine  stete  Kommuni- 
kation  mit  der  kirchlichen  Singschule  unterhalten,  um  leise  em- 
zufallen.  Ich  fiel  auch  ein,  aber  ins  Haus.  Ich  sagt'  ihr  sogleich 
(vor  Schrecken  arbeitete  sie  fort  und  stark),  ihre  Augen  voll  Tra- 
nen,  die  ich  unter  der  Prozession  gesehen,  hatten  mich  herge- 
bracht,  weil  ich  wuBte,  ich  konnte  ihr  unter  dem  Hauptliede 
einige  davon  nehmen  und  trocknen.  »Christus  hat«,  sagt*  ich, 
»(nach  Robert  Holkoth)  in  seinem  Leben  siebenmal  geweint;  ich  m 
weiB  leider,  daB  Sie  es  in  einer  Woche  ebensooft  getan,  an  jedem 
Tage  einmal.  Aber  Fraulein  von  Sackenbach  hat  sich  Ihrer  ange- 
nommen,  und  Sie  haben  groBe  Freunde  in  der  Residenz,  wovon 
hier  einer  zu  stehen  die  Ehre  hat.«  Ich  hatte  mein  neglige  raffine 
darum  gegeben,  hatt'  ich  ihr  zersprungnes  Herz  aus  dem  Brief- 
schwerer  und  Prefibengelderdriickenden  Vexier-Vokationmitder 
Nachricht  der  wahren  ziehen  diirfen;  aber  der  Fiirst  litt  es  ja 
nicht.  Etwas  tat  ich  doch.  Ich  bat  sie,  mir  zuzutrauen,  daB  ich  auf 
Traume  wenig  hielte,  und  mich  nicht  fur  aberglaubig  anzusehen, 
wenn  ich  meinen  Traum  in  der  vorigen  Nacht  nicht  ganz  ver-  20 
wiirfe.  »Es  traumte  mir,«  sagt'  ich,  »die  heiligen  drei  Konige 
waren  ins  Pfarrhaus  gekommen  und  hatten  Gold  hingelegt  und 
Hochzeitmusik  aufgespielt  und  gesungen:  >Sie  darf  nicht  fort, 
sie  soil  nicht  fort.<  Auf  solche  Nachtwinde  der  Seele  gibt  sonst 
wohl  niemand  weniger  acht  wie  ich;  aber  das  werden  Sie,  Made- 
moiselle, so  gut  wissen  wie  ich,  daB  alles,  was  man  in  einem 
Hause  traumt,  worin  man  das  erstemal  schlaft,  wunderbar  ein- 
trifft.«  -  Vor  groBen  Entscheidungen  des  Verhangnisses  ergreift 
alie  Menschen  der  Aberglaube:  ich  ersuchte  sie  um  ihre  Hand  zu 
einer  kleinen  chiromantischen  Visitation  und  Obersicht.  Ich  schlug  30 
die  linke  aus  und  bestand  auf  der  groBern  -  das  ist  die  rechte  bei 
Leuten,  die  damit  an  groBern  Tischen  arbeiten  als  an  Spieltischen  -, 
•weil  ich  alle  Zuge,  woraus  etwas  zu  nehmen  ware,  sagt'  ich, 
lieber  mikroskopisch  und  entwickelt  studierte.  Ich  hatte  nicht 
lange  in  die  hohle  Hand  und  deren  prophetische  Handzeichnung 
geschauet,  als  ich  Alitheen  mein  Erstaunen  iiber  diesen  Finger- 


FUNFTER  OFFIZIELLER  BERICHT  5  1 1 

kalender  der  Zukunft,  iiber  diese  auf  der  Chaussee  des  Lebens 
Weg-weisende  Hand  nicht  recht  mehr  verhehlen  konnte.  »Gut,« 
(sagt'  ich  vor  mir  hin  unter  dem  Examen  und  Tentamen)  »der 
Berg  Jovis,  der  Berg  Veneris  und  selber  Mercurii  haben  ihre  Hohe 
—  aber  wahrhaftig  Ekrenlinien  von  dieser  Lange  kamen  mir  selten 
vor,  Ihre  lauft  iiber  den  Ballen  heraus  —  und  gerade  so  lang  ist 
allezeit  bei  Madchen  die  Gliickslinie.«  Ich  schiittelte  freudig  den 
Kopf  und  hielt  ihr  meine  Hand  hin,  damit  sie  darin  meine  elende 
kurze  Wolle  von  Gliicks-  und  Ehrenlinien  vergHche  mit  ihrer 

10  langen:  »BloB  die  Lebenslinie«  (setzt*  ich  dazu)  »zleht  sich  auf 
meiner  Rechten  ungemein  weit  aus;  das  kann  aber  ebensogut 
bloB  die  Schriften,  die  ich  damit  mache,  als  mich  selber  bedeuten.« 
Ich  sah  nach  ihrer  Heiratslinie:  »Sie  haben  sich  heute  verlobt?« 
fragt'  ich.  Sie  schiittelte.  »Unmoglich«  (sagt*  ich)  —  »die  12 
himmlischen  Interpunktionszeichen  der  Hand  setzen  hier  recht 
deutHch  die  Verlobung  auf  den  1 8ten  September,  und  den  haben 
wir.«Sie  beteuerte  Nein.  »Nuri,«  (sagt*  ich  kalt)»er  ist  noch  nicht 
vorbei;  denn  der  Verlobung  entkommen  Sie  wohl  heute  nicht. « 
»Ich  kann  es  gleich  heraushaben«,  fuhr  ich  fort  und  ersuchte 

20  sie,  den  Ring,  den  ihr  bekanntlich  der  Verfasser  der  Pseudo- 
Evangelien  und  -Vokationen  gemauset,  an  ihre  rechte  Hand  zu 
stecken.  Darauf  zog  ich  sogenannte  chiromantische  Tempera- 
mentsblatter  hervor,  die,  wie  bekannt,  das  Temperament  dessen, 
in  dessen  Hand  sie  liegen,  durch  Aufrollen  bezeichnen;  je  feu- 
riger  er  ist,  desto  mehr  kriimmt  sich  das  Blatt.  »Ein  solches  Zau- 
berblatt,  Mademoiselle,**  sagt*  ich,  »ringelt  sich  immer  mehr 
zusammen,  je  mehr  die  Hand,  worein  man  es  breitet,  sich  bald 
verloben  und  beringen  will.«  Ich  legtJ  es  vorher  in  meine  halb  er- 
frorne:  das  Blatt  warf  sich  kaum  so  krumm,  als  ihre  Augenbrau- 

30  nen  waren;  »ich  werde  noch«,  sagt*  ich,  »zu  passen  haben  auf  ein 
hohes  Beilager.«  Ich  driickte  das  sibyllinische  Blatt  in  ihre  von 
der  Arbeit  geheizte  Hand:  es  rollte  sich  wie  Rolltaft  oder  eine 
Schlange  zusammen.  »So  sah*  ichs  noch  nie  zusammenfahren«, 
sagt'  ich  -  »es  stehen  Ihnen  heute  die  wichtigsten  Dinge  bevor, 
aber  auBerst  liebe  und  traute.;*  Ihre  Augenwimpern  waren  ohne- 
hin  von  jeher  Saussuresche  Feuchtigkeitsmesser  aus  Haaren;  auch 


512  DER  JUBELSENIOR 

die  Sonne  des  Gliicks  und  der  Freude  zog  bei  ihr  Wasser,  und 
dieses  Morgenrot  und  der  vorige  Nebel  muBten  in  warme  Trop- 
fen  zerrinnen. 

Sie  war  nur  vom  heutigen  Tage  ubermannt:  sonst  hatte  sie  alle 
meine  Weissagungen  mit  einem  kalten  Schweigen  bestritten.  Ihre 
Seele  und  ihreZunge  glichen  der  hebraischenSprache,in  dernicht 
einmal  ein  unreines  Wort  vorhanden  ist  -  Theodosia  war,  was 
in  Niirnberg  ein  Patrizius  ist,  die  Kronenhiiterin  der  Reichsklein- 
odien  ihrer  Seele  — ;  sie  war  gegen  alle  Menschen  weich,  und  ihre 
Armenbiichse  hatte  statt  der  engen  Bresche  eine  offne  Tiire,  und  ro 
sie  hatte  gern  (das  sah  ich  heute  unter  dem  Liede)  dem  bleichen 
Handwerkspurschen  nicht  bloB  die  Almosenkasse,  sondern  auch 
die  Almosenbuchse  dazu  gegeben  und  ihm  den  Opferstock  ge- 
opfert;  —  nur  hatte  sie  den  einzigen  Fehler,  daB  ihr  nicht  alles  zu 
gkuben  war;  sie  brauchte  vor  dem  andern  nichts  lieber  als  einen 
Schleier^  einen  Rduckopferaltar  und  ein  Horrokr.  Die  Madchen 
halten  die  Lebens-Partie  oder  den  bal  pare  und  depare  des  Le- 
bens  fur  eine  Freiredoute  und  gehen,  wenn  nicht  in  einer  mas- 
que en  chauve-souris  oder  in  einer  noble  masque,  doch  mit  einer 
auf dem  Hute  oder  am  Armel  herum  und  schreiben  einem  oft  kein  20 
wahres  Wort  -  in  die  Hand.  Sie  war  indessen  (wie  es  meistens  ist) 
ebenso  sanft  als  —  falsch  nicht  sowohl  als  wie  scheu.  Sie  trauete 
meinem  Temperamentsblatt  mehr  wie  meinem  Gesicht,  und  mei- 
nen  Weissagungen  mehr  als  meinen  Schwiiren.  Denn  ich  leistete 
einige  der  letztern  ab,  daB  es  ihr  wohl  gehen  werde  und  daB  mir 
das  von  Herzen  lieb  sein-wurde. 

Es  kann  nicht  mit  Stillschweigen  iibergangen  werden,  daB  das 
Liederbuch  aufgeschlagen  auf  der  Fensterbriistung  lag  und  daB 
ich  von  Zek  zu  Zeit  wie  auf  ein  ZifFerblatt  hinsah,  um  zu  wissen, 
wie  weit  sie  drinnen  dieses  hohe  Lied  fur  mich,  dieses  canticum  30 
canticorum,  schon  herabgesungen  hatten.  Vom  Mandel  Verse  war 
schon  die  Halbscheid  fort  -  beim  15  ten  muBt'  ich  wieder  in  der 
Loge  stehen,  weil  der  Jubelsenior  die  Kanzel  heraufkam  und  sich 
gegen  die  Herrschafts-Empor  verbeugte  -  ich  hatte  gewiinscht, 
der  Liederdichter  hatte  diesem  Gelegenheitsgedicht  die  maBige  - 
Lange  eines  Heldengedichts  erteilt. 


FUNFTER  OFFIZIELLER  BERICHT  513 

Wie  gesagt,  ich  tat  Haupteide,  sie  werde  heute  noch  jubilieren: 
ich  unterstiitzte  alles  noch  mit  einigen  Vernunftschlussen  in  Festino 
und  Ferison  und  gab  ihr  zuletzt  ohne  Bedenken  mein  Wort,  ich 
harrete  so  lange  in  Neulandpreis  aus,  bis  ich  sie  glucklich  sahe 
statt  reisefertig,  und  beteuerte,  ich  bliebe,  urn  zu  beweisen,  daft 
sie  nicht  ginge. 

Die  Neulandpreiser  singen  sich  offenbar  wie  erfrorne  Kurrent- 
schiiler  oder  Iaufende  Leichensanger  mit  solchen  kursorischen 
Galoppaden  durch  ihre  Hauptlieder,  da8  sie  jetzt  schon  —  denn  ich 
10  lieB  mein  Opernbuchelchen  nicht  aus  den  Augen  wahrend  meiner 
hohen  Oper  -  den  i2.Versikel  anstimmten.  Der  i5te  zog  mich, 
wie  ein  alter  Zaubergesang  den  Mond ,  aus  meinem  Himmel  herab  : 

Mit  ihren  langen  Augenwimpern  zog  sie  mich  gefanglich  ein 
wie  ein  Federbuschpolype  seinen  Wurm:  ich  wurde  von  diesen 
schwarzen  Spitzen  durchschossen,  sooft  sie  zuckten,  es  waren 
Froschschnepper  fur  mich.  Dea  war  erstlich  ungemein  hiibsch, 
und  zweitens  sah  ich  sie  nie  mehr  allein  unter  einem  Hauptlied: 
das  war  ebenso  klar. 

Meine  Sing-  und  Konzertuhr  im  Tempel  driiben  schlug  13, 

20  namlich  den  13 ten  Vers.  »Verdammt!«  sagt'  ich  halb  laut.  Sie 

sah  mich  an.  »Sch6n,  verdammt  schon !  mein  ich,«  (sagt*  ich)  »ich 

singe  ihnen  driiben  innerlich  nach,  jetzt  haben  sie  den  Leibvers.« 

»Drum  reiB*  ich  mich  jetzt  aus  der  Hohle.« 

Ach  mein  tausendjahriges  Reich,  d.h.mein  tausendaugenblick- 
Hches,  stand  noch  aufden  schwachen  zwei  FiiBen  von  zwei  Ver- 
sikeln,  und  dann  war  der  hohe  Fest-  und  Pfingst-Sonntag  in  einen 
matten  Fastensonntag  umgesetzt.  Ich  driickte  ihre  Hand  und 
sagte  eilig:  »sie  solle  nur  die  groBten  Beweise  meines  Anteils  und 
der  Wahrhaftigkeit,  die  sich  daraus  ergibt,  abfodern;  ich  ware 

50  erbotig.«  Sie  stotterte  und  sagte :  »sie  wiiBte  gar  nicht,  womit «; 

sie  wolhe  gar  hinaussagen:  womit  ihre  Wenigkeit  eine  solche 

kosmopolitische  Menschenliebe  von  einem  Flachsenfinger  Herrn 

und  maitre  de  plaisirs  verdienet  hatte.  Aber  ihr  mangelte  Diktion. 

Jetzt  lieB  sich  die  Leichenmusik  und  der  Konduktgesang  des 


514  DER  JUBELSENIOR 

14.  Versikels  horen,  und  nun  war  weiter  nicht  mehr  zu  passen:  in 
meinem  erotischen  Siechkobel  lagen  zwei  Kranke,  die  ich  her- 
stellen  sollte,  Alitheen  vom  Stammeln,  den  Freudenmeister  vom 
Reden.  Es  war  mir  bei  meiner  pragmatischen  Aufmerksamkeit  in 
der  Staatengeschichte  gar  nicht  entgangen,  womit  sonst  dieoster- 
reichischen  Erz-Herzoge  leicht  das  Stammeln  heilten  -  nicht 
durch  Beriihren  wie  die  frankischen  Konige,  sondern  —  durch 
Kussen.  Der  Minutenzeiger  der  poetischen  Zeilen  lief,  der  Sekun- 
denzeiger  der  Silben  flog  -  kurz  ich  eilte  und  prophezeiete :  »Ge- 
rade  so  viele  (zahlen  Sie  selber)  gibt  Ihnen  heute  noch  ein  Brau-  10 
tigam.« 

»Ja  wenn  der  Mund  wird  kraftlos  sein, 
So  stimm'  ich  doch  mit  Seufzen  ein.« 

Diese  zwei  letzten  Zeilen  des  i4ten  Versikels  sucht'  ich  bei  ihr 
so  zu  skandieren,  daB  ich  ihnen  einige  poetische  Harten  benahm. 

Dann  ging  ich  in  die  Kirche  -  und  das  Fraulein  von  Sacken- 
bach  war  gerade  vom  Singen  aufgestanden,  um  vor  dem  Jubilar, 
der  noch  gebiickt  an  der  Kanzeltreppe  betete,  sich  zu  einem  Wech- 
sel-Biickling  zuzuriisten. 

Mir  entfiel  vorhin  ein  Wort  vom  zweiten  Patienten,  von  mir.  20 
Ich  meine  namlich  ganz  ernsthaft  so,  daB  ein  Mensch,  der  unter 
dem  Hauptliede  »0  daB  ich  tausend  Zungen  hatte«  den  Wunsch 
auBert:  o  daB  ich  tausend  Lippen  hatte,  nicht  besser  herzustellen 
ist,  als  wenn  er  letztere  brauchen  darf,  wie  er  nur  will.  Hundert- 
mal  hatte  eine  hofFnungslose  Liebe  abgewendet  oder  die  Ver- 
wandlung  (der  Anthropomorphismus)  der  Liebe  in  Freundschaft 
vollendet  werden  konnen,  wenn  die  Geliebte  nicht  lauter  ver- 
botene  Friichte,  verbotene  Blatter,  verbotene  Zweige  gehabt,  ich 
meine,  wenn  die  Freundin  dem  Freunde  nicht  das  versagt  hatte, 
was  ihm  ein  Freund  gegeben  hatte,  wenn  sie  nicht  auf  Kusse  und  30 
Worte  einen  Wert  geleget  hatte,  der  einen  groBern  in  Gefahr 
setzte.  Aber  leider  versagen  die  meisten  nur  darum  zu  viel,  weil 
sie  entweder  furchten  oder  wiinschen,  nachher  zu  viel  zu  geben. 

Ich  sah,  der  Jubilar  war  auf  der  Kanzel  so  einheimisch  wie  in 
einem  GroBvaterstuhl,  und  er  verrichtete  darauf  nur  seine  Haus- 


FUNFTER  OFFIZIELLER  BERICHT  5  I  5 

andacht.  Er  legte  sich  unbefangen  seine  Kanzelbibliothek  zurecht 
und  sah  unter  den  Galerien  herum,  was  drinnen  sei,  und  zog  die 
Brille  aus  dem  Futteral  zum  Lesen.  Dann  nng  er  an.  Ich  hatte 
vorausgesetzt,  er  werde  sich  nach  dem  Kirchenrat  Seiler  richten 
und  seinen  Affekt  nach  der  Menge  der  anwesenden  Auskultanten 
steigern  und  ihn  mit  jedem  neuen  Kopf,  der  nachkam,  schiiren1; 
aber  sanft  hob  er  an,  und  heiter  und  sanft  ging  er  weiter.  Im 
Evangelio  des  iyten  Trinitatis,  das  vom  Wassersjichtigen  handelt, 
lag  seine  Proposition  von  der  Demut  des  Menschen,  wenn  man 

10  es  ein  wenig  enthiilsete  und  abschalete,  wie  in  einem  Kernhaus 
versteckt.  Ich  hatte  wieder  falschlich  prasumiert,  er  werde  bloB 
von  seinem  Jubel  handeln:  im  ersten  Teil  vom  Amtsjubel,  im 
zweiten  vom  Silberjubel,  im  Elenchus  vom  Adjunktus,  nachdem 
er  vorher  im  Eingang  den  Sonnabend  beruhret  hatte.  Aber  er 
HeB,  wie  gesagt,  sein  Ich  an  seinen  Ort  gestellt,  der  (nach  Som- 
mering)  der  Gehirnhohlen  -  Weiher  fur  diesen  FluBgott  ist.  Der 
Adjunktus  saB  neben  der  Mutter  im  Pfarrgitterstuhl  und  fing  mit 
der  Falle  seiner  aufgespannten  Gehorknochen  jedes  Wort  des 
Alten  weg,  nicht  als  Kritikus,  sondern  als  gehorsamer  Pfarr-  und 

20  Beichtsohn :  ich  bin  iiberzeugt,  manche  Predigt  des  Alten  besserte 
ihn  aus,  ob  er  sie  gleich  beurteilen  konnte.  Ja  da  der  Jubilar  im 
zweiten  Teile  sich  wie  ich  zu  einem  kleinen  Extrablatt  und  Hirten- 
brief  entschloB  und  mit  dem  Laodizeischen  Konzilium  und  mit 
Augustin  gegen  das  unschuldige  Sonntagstanzen  einen  geistlichen 
Kriegstanz  machte :  so  bemerkt*  ich  nicht,  daB  der  Sohn  den  Kopf 
geschuttelt  hatte,  ob  er  gleich  in  seiner  Kritik  der  kirchlichen 
Liturgik  nach  kantischen  Grundsatzen,  als  Waffentrager  und 
Brautfuhrer  der  Schonen,  natiirlicherweise  auch  der  Vorbitter 
und  Protektor  ihrer  Tanze  geworden  war.  Auf  der  Kanzel  nahm 

30  der  Sohn  seinen  Vater  fiir  den  heiligen  Vater. 

Unter  dem  Kanzelliede  uberlegt'  ichs  hin  und  her,  ob  ich  mich 
gleichgultig  stellen  sollte  und  frivol  als  Freudenmeister  Esenbeck. 
Anfangs  schien  viel  dafur  zu  sein :  ich  war  ein  Mann  aus  der  Resi- 

1  Seiler  sagt  in  seinen  Grundsatzen  zur  Bildung  kunftiger  Volkslehrer 
S.  109:  je  mehr  Leute  in  der  Kirche  sind,  desto  heftiger  darf  der  Affekt 
werden,  worein  der  Volkslehrer  gerat. 


5  l6  DER  JUBELSENIOR 

denz,  und  fur  mich  Schick t'  es  sich  wenig,  Religion  zu  zeigen.  Die 
ersten  deutschen  Kirchen  standen  in  Stadten  auf-  daher  der  Na- 
me Heiden,  pagani  (von  pagus,  Dorf)  herkommt  -,  mithin  fallen 
sie  in  jenen  friiher  wieder  ein.  In  Norden1  wurden  die  Fiirsten 
und  GroBen  friiher  als  ihre  Sassen  Christen  (in  Siiden  war  der 
Weg  umgekehrt) ;  folglich  konnten  jene  friiher  reifen  zum  Abfall : 
ich  gedenke  nicht  einmal,  daB  die  Religion  wie  jedes  Geschopf 
keinen  bessern  Wohnort  haben  kann  als  seinen  Geburtsort,  und 
der  ist  die  WiisteS  Aber  genauer  betrachtet,  schien  eben  dieses  ein 
Motiv  zu  sein,  warum  ich  mich  zwar  nicht  aufmerksam,  aber  10 
ebensowenig  taub  anzustellen  verbunden  war,  sondern  bloB  kalt. 
Denn  der  gute  Ton  fodert,  daB  man  von  der  Religion  wie  von 
sich  weder  etwas  Gutes  noch  etwas  Schlimmes  sage;  ja  man wiirde 
den  Verdacht,  daB  man  welche  hege,  eher  bestarken  als  vermei- 
den,  wenn  man  sie  nicht  mit  derselben  hoflichen  Achtsamkek 
betriebe  und  beschauete,  die  man  den  Silber-Sponsalien  des  Doge 
mit  dem  polygamischen  Meere  oder  einer  fiirstlichen  FuBwasche 
an  griinen  Donnerstagen  widmet.  So  behalt  auch  jeder  Weltmann 
Hochzeit  und  Taufe  bei,  ob  er  gleich  weiB,  wo  er  seine  wahre 
Frau  und  seine  wahren  Kinder  zu  suchen  habe.  Ich  konnte  mich  20 
also  darauf  verlassen,  man  werde  meine  Aufmerksamkeit  auf  den 
Jubilar  fiir  nichts  Schlimmers  als  die  gewohnliche  verbindliche 
Gleichstellung  eines  Weltmanns  nehmen,  der  sich  bewuBt  ist, 
iiber  die  Religion  hinweg  zu  sein,  und  der  also  den  Schein  der- 
selben nicht  angstlich  meidet. 

Doch  darf  ich  hier  eine  sonderbare  Besorgnis  nicht  bergen: 
wenn  in  Leipzig  1786  Schillers  »Rauber«  eine  junge  Knappschaft 
versuchten,  sie  nachzuahmen  und  sich  mit  den  Spolien  nach  Eng- 
land reisefertig  zu  machen;  -  wenn  in  diesem  England  1772  die 
Friedensrichter  der  Grafschaft  Middlesex  den  groBen  Garrick  30 
baten,  mit  den  Reprasentationen  von  Gays  Bettler-Oper  abzu- 
brechen,  weil  sie  neue  Diebe  erzoge;  -  wenn  sogar  der  beriihmte 
liiderliche  Schauspieler  Baron  in  Paris,  sooft  er  einen  Heiden  von 

1  Olaf  Dalins  Geschichte  des  Konigr.  Schweden.  I.  372. 
a  Herder  nennt  die  arabische  Wiiste  die  Geburtsstatte  der  drei  beriihm- 
testen  Religionen. 


FUNFTER  OFFIZIEIXER  BERICHT  517 

Corneille  gespielet  hatte,  sich  halbe  Wochen  lang  auBerstand  ge- 
setzt  sah,  seinen  parisischen  und  theatralischen  Ausschweifungen 
vorzustehen;  wenn  das  alles  und  mi  thin  die  allmachtige  Reaktion 
des  Scheins  auf  das  Sein  so  unbezweifelt  ist:  so  kann  niemals, 
diinkt  mich,  ein  Mann  zu  belachen  (wohl  aber  zu  beherzigen) 
sein,  der  Hofen  und  Residenzstadten  die  Frage  vorlegt,  ob  sie 
gewifl  sind,  daB  religiose  Anstellung  nicht  am  Ende  in  Wahrheit 
umschlage.  Ich  gebe  diesen  Fall  fur  nichts  aus,  als  was  er  ist,  fur 
eine  bloBe  MogHchkeit. 

10  Aber  zuruck!  —  Jedoch  noch  ein  Wort  iiber  diese  wichtige 
Sache  sei  mir  zugelassen:  hangen  nicht  die  Grofien,  sogar  die 
lutherischen,  gerade  dem  schwersten  Fundamentalartikel  aus  dem 
Papismus  an,  namlich  dem  iibermaBigen  Fasten?  -  Ja  fasten  sie 
nicht  in  den  lichtesten  Zeiten  gef  adeso,  wie  mans  in  den  schattig- 
sten  tat?  Der  Grofie  im  Mktelalter  namlich  tat  das  Geliibde  eines 
dreijahrigen  Fastens  und  erfullte  dasselbe  in  ebenso  vielen  Tagen, 
indem  er  bloB  700  Menschen  statt  seiner  fasten  lieB.  Lassen  nicht 
gerade  die  GroBen,  sogar  die  Fiirsten,  die  doch  genug  zu  essen 
haben,  jahraus  jahrein  fur  sich  fasten  durchs  Lumpenvolk,  und  ist 

20  wohl  ihre  Enthaltsamkeit  von  der  iibertriebnen  einiger  Juden, 
die  in  der  ganzen  Woche  nur  einmal,  namlich  am  Schabbes  essen, 
weit  entfernt,  wenn  sie  ihre  Fasten-Plenipotenziars  (wozu  wohl 
gar  jene  Juden  mit  gehoren)  nur  am  Sonntag  essen  lassen?  - 

Zuruck!  -  Ich  entschloB  mich  also,  meine  wahre  Aufmerksam- 
keit  auf  den  guten  Jubelgreis  hinter  eine  scheinbare  zu  verstecken. 
t)brigens  blieb  mir  noch  allemal  in  dem  Fall,  daB  mich  der  Greis 
zu  sichtbar  ruhrte,  namlich  bis  zu  Tranen,  unbenommen,  den 
Kopf  auf  den  Arm  zu  legen  und  zu  tun,  als  sank*  ich  in  Schlaf. 
Gobertina  wiirde  mich  des  scheinbaren  durch  ihren  wahren 

30  iiberhoben  haben,  wenn  man  sie  in  Ruhe  gelassen  hatte,  Kaum 
war  der  Larm  des  Kanzelliedes  gedampft,  so  kam  der  Wecker  des 
Klingelbeutels  in  die  Loge.  Daher  sollte  man  diese  Personen- 
steuer  des  Christenschutzes  -  wie  es  einen  Judenschutz  gibt  - 
schon  unter  dem  Hauptliede  oder  wie  die  Kalvinisten  an  der 
Kirchtiire  zu  erlegen  haben,  um  nicht  in  der  Predigt  beunruhigt 
zu  werden  wie  Yo rick  durch  Stationsgelder  in  seiner  Chaise.  Kaum 


5  l8  DER  JUBELSENIOR 

war  dieses  Wandel-  und  Sturmglockchen  hinaus  und  im  dritten  Kir- 
chengeschoB,  so  wurden  dem  Fraulein,  das  vor  Getose  die  Augen 
kaum  schlieBen  konnte,  diese  wieder  aufgezogen  durch  einen  ras- 
selnden  Wagen,  der  durchs  Dorf  so  heftig  donnerte,  daB  ich  dachte, 
der  Fiirst  sitze  darin,  weil  Fiirsten  gern  alles  schnell  wie  ihr  Leben 
haben  wollen,  besonders  Fahren,  Referieren  und  Bauen.  Daher 
ist  es  ein  menschenfreundliches  Polizeigesetz,  daB  in  manchen 
Stadten  unter  der  Predigt  kein  Wagen  das  Pflaster  radern  darf,  weil 
wohl  nichts  eine  stille  Kirchenversammlung  so  stort  als  das. 

Schwers  stach  in  die  hebende  Schwimm-  und  Luftblase  des  10 
Menschen,  daB  sie  zusammenfiel  und  er  nicht  mehr  stolz  aufstei- 
gen  konnte.  Er  zeigte  gut,  aber  sanft  und  warm,  worauf  der  Mensch 
stolzieren  konne  -  auf  Gold  und  Seide  so  wenig  als  die  Mine  und 
die  Raupe,  die  beides  fruher  tragen  -  auf  den  umgehangnen 
schonen  Korper  ebensowenig,  da  ihn  ein  Judas  oft  habe  und  ein 
Christus1  oft  misse  und  da  sich  in  diesem  Falle  die  verbuttete 
eingesunkne  Hausmutter  vor  ihrer  bliihenden  Tochter  neigen 
muBte  -  man  konne  aber  auch  ferner  ebensowenig  auf  Talente 
wie  auf  Ahnen  prahlen,  da  beide  ein  Neujahrsgeschenk  waren, 
aber  kein  Arbeitslohn  und  da  der  Ingenienstolz  (Geniestolz)  so  20 
ungerecht  als  der  Bauernstolz  (der  Ahnenstolz  namlich)  sei  -  Und 
worauf,  muBt*  er  natiirlich  weiterfragen,kann  mandenn  sichetwa§ 
zugute  tun,  wenn  man  es  auf  nichts  darf,  was  man  ist,  hat  und  wird? 
Darauf  bloB,  was  man  tut  und  will;  aber  ach,  das  ist  so  wenig,  die 
Minuten  des  Tages  oder  der  Woche,  worin  wir  eine  gute  Tat  er- 
wahlen,  werden  so  oft  vom  -  Sekundenweiser  halbiert,  daB  ein 
Mensch,  der  noch  seine  Wunsche  und  seine  Freuden  und  seine  Krafte 
gegen  seine  Taten  halt,  diese  beschamende  Rechnung  gar  nicht 
anfangen  mag,  sondern  dem  unendlichen  Genius  statt  des  gold- 
nen  Buchs  bloB  sein  schwarzes  voll  eigner  Schulden  reichen  und  30 
sagen  muB :  ach  ich  habe  nichts  verdient  als  kaum  -  Vergebung. 

Mein  innerer  Mensch  stand  gebiickt  vor  der  schweren  Wahr- 
heit,  und  ich  dachte  gar  nicht  mehr  an  die  wohltatige  Fiktion 
meiner  scherzhaften  Promotion.  Und  dann  wurde  der  ehrwiirdige 

1  Nach  Tertullian  und  Klemens  von  Alexandrien.  S.  Pertschens  erstes 
Jahrhundert. 


FUNFTER  OFFIZIELLER  BERICHT  519 

Greis  immer  weicher,  und  er  kam  stotternd  auf  den  heutigen  rei- 
chen  Tag,  der  ihm  alles  zeigte,  was  er  liebte  und  besaB,  und  alles 
belohnte,  was  er  getan;  und  er  sagte,  obwohl  nicht  mit  diesen 
Worten,  aber  doch  dieses  Inhalts:  an  diesem  Tage,  wo  jedes  Herz 
sich  erhebe,  sei  das  seinige  nur  erweicht,  und  seine  Seele  sei  froh, 
aber  demiitig  -  er  schaue  in  die  50  Jahre  zuriick,  worin  sein  Lohn 
groBer  als  seine  Last,  seine  Ernte  reicher  als  seine  Saat  gewesen  - 
er  schaue  zuriick  wie  von  einem  Grabe  in  die  abgeernteten  ura- 
liegenden  Jahre  hinter  seinem  Riicken,  und  er  denke  an  die 

10  Schmerzen  und  Verdienste,  die  der  Stifter  des  Christentums  in 
3  Jahren  sammelte,  und  er  blicke  nieder  und  errote  und  zahle 
seine  nicht  -  Und  hatt'  er  alle  die  guten  Taten  vollbracht,  nach 
denen  sich  ein  redlicher  Mensch  in  zwei  Stunden  so  sehr  sehnet, 
in  der  einen,  wo  er  sein  Amt  beginnt,  und  in  der  andern,  wo  ers 
beschlieBet:  o  Gott,  so  waren  50  fromme  Jahre  mit  50  heitern 
und  reichen  gekront  und  iiberwogen,  das  Amtsjubilaum  mit  dem 
Ehejubilaum.  Und  hier  fiel  er  auf  die  Knie  und  dankte  dem  Geist 
hinter  den  unabsehlichen  Himmeln  fur  seine  zweite  Feier  des  Her- 
zens,  fur  die  vielen  Jahre,  worin  er  an  der  sanften  Hand  seiner 

20  Gattin  liber  die  Hiigel  und  Berge  des  Lebens  gehen  durfte  -  und 
fur  seine  begliickten  Kinder,  zwischen  deren  Armen  frohlich  ge- 
fiihret  er  und  ihre  Mutter  sanft  und  ohne  Trauer  und  scherzend 
an  den  bedeckten^Gang  unter  der  Erde  gelangten  -  und  fur  sein 
ganzes  Leben  dankte  er  dem  Ur-Geiste  stromend  in  Worten,  stro- 
mend  in  Tranen  und  dann  mit  sprachloser  erhabener  Andacht. 
Und  da  jetzt  seine  errotende  und  zerrinnende  Gattin,  deren  Name 
nie  mitten  in  einer  Predigt  erschienen  und  die  heute  von  alien 
ihren  geliebten  Menschen  und  von  alien  ihren  seligsten  Erinne- 
rungen  umgeben  war,  gleichsam  unter  dem  letzten,  zu  schweren 

30  Freudenhimmel,  den  das  alte  Herz  nicht  tragen  konnte,  zusam- 
mensank  -  und  da  alle  ihre  Kinder  und  am  heftigsten  ihr  geliebter 
Ingenuin  groBe  Tranen  vergossen  -  und  da  die  kleinen  Enkel  in 
unschuldigem  MiBverstandnis  die  Ruhrung  ihrer  Eltern  so  teilten 
wie  einen  Schmerz  -  und  da  die  Beichtkinder,  ungewohnt,  ihren 
alten  Lehrer  iiber  sich  selber  in  Tranen  zu  sehen,  und  beklommen, 
weil  sie  einen  lauten  Dank  in  ihrer  Brust  verschlieBen  muBten, 


520  DER  JUBELSENIOR 

einen  ebenso  inmgen  Anteil  am  Feste  seiner  Liebe  nahmen  als 
am  Feste  seines  Amts  —  und  da  der  Greis,  von  fremden  Herzen 
und  von  der  eignen  Ruhrung  iiberwunden,  womit  der  Mensch 
jedes  Fest  begeht,  das  er  zugleich  zum  ersten  und  zum  letzten 
Male  feiert,  da  er  seine  Augen  zu  seinen  beiden  uber  den  engen 
tiefen  Himmel  der  Erde  erhobenen  Tochtern  aufrichtete,  deren 
verklarte  durchsichtige  Schwingen  die  Flugeldecken  aus  harter 
Erde  abgeworfen  hatten  in  zwei  nahe  Graber  der  Kirche,  und  da 
er,  gebiickt  vor  der  Hoheit  der  Toten,  sie  anredete:  »Seligen 
Kinder,  kennt  ihr  eure  Eltern  noch,  sehet  ihr  von  euern  Hohen  10 
unserer  Feier  zu?  Aber  bloB  eine  Minute  steht  zwischen  uns  und 
euch,  und  dann  feiern  wir  alle  nur  ein  einziges  Fest  und  ein  un- 

aufhorliches« :  o  wie  groB  standen  dann  die  Wiinsche  und 

Bilder  der  unsterblichen  Welt  vor  jedem  weinenden  Auge  und 
wie  klein  die  Qualen  und  Freuden  der  sterblichen!  Jedes  Auge 
hatte  Tranen,  jede  Brust  hatte  ein  Herz,  und  jeder  Geist  hatte 
Flugel,und  unter  sovielen  hundert  Augen  war  keines  so  verwelkt 
und  ausgetrocknet,  aus  dem  nicht  die  heiBe  Quelle  der  Ruhrung 
aufgestiegen  ware  als  sanfter  warmer  Regen  fur  die  nachsten 

Blumen  und  fur  jeden  bessern  Keim. *° 

Nach  dem  Schlusse  der  Rede  wandte  jeder  eine  starkere  Auf- 
merksamkeit  auf  die  abgelesenen  alten  Gebete  etc.,  um  damit  die 
vorige  Ruhrung  zu  ernahren  und  zu  verknupfen;  aber  der  Ab- 
stand  war  zu  grell.  BloB  als  der  Greis  eine  bezahlte  Vorbitte  fur 
einen  siechen  Greis  —  am  SchlagfluB  lag  er  darnieder  -  tat,  so  ver- 
edelte  sich  die  einfache  Bitte  zu  einer  doppelten,  und  die  ganze 
Kirche  schickte  innerlich,  im  zweifachen  Gebet,  eines  fur  den 
Greis  hinauf,  dessen  FuBboden  schon  das  Minierkorps  des  Todes 
unterhohlte  und  lud:  nur  der  Senior  selber  verfiel  in  seinen  Bitten 
fur  andere  nicht  auf  sich,  ob  ihn  gleich  die  taglich  aufsteigende  30 
Erde  in  seinen  Adern  und  GefaBen  noch  besser  an  sein  nahes 
Lager  in  derselben  erinnern  konnte,  als  alle  Erde  im  Purpursack- 
chen  sonst  die  Kaiser  ermahnte.1 

1  Acacia,  ein  rotes,  mit  Erde  gefiilltes  Sackchen,  trugen  sonst  die  konstan- 
tinop.  Kaiser,  um  sich  an  die  Erdscholle  des  Ursprungs  und  an  die,  die  sie 
deckt,  zu  erinnern.  Du  Fresne  Gl.  gr.  p.  38. 


FUNFTER  OFFIZIELLER  BERICHT  521 

Langsam,  gleichsam  wie  das  letztemal,  ging  er  von  der  Kanzel. 
Dann  fing  ein  Orgel-Adagio  an,  das  graue  Paar  wie  aus  einer 
Familiengruft  an  den  Altar  zu  rufen,  damit  vor  ihnen  Engel,  wie 
Kinder,  den  vorigen  Fest-  und  Friihlingstag  der  Liebe  auf  einem 
groBen  Morgenrot  vorubertriigen.  Und  in  die  von  den  Jahren 
vollgeschriebenen  Gesichter  fiel  ein  roter  Widerschein  vom  Friih- 
ling,  der  voriiberzog,  wie  in  der  ewigen  Nacht  des  Pols  ein  tag- 
liches  Morgenrot  iiber  die  Berge  geht  und  ohne  seine  Sonne  ver- 
lischt.  Ihr  Ingenuin  trat  auf  den  Altar,  um  seine  Eltern  einzuseg- 

io  nen.  Und  als  diese  das  Dankgebet  ihres  Sohnes  zum  Himmel 
steigen  sahen:  so  durchdrang  eine  unerwartete  erhabene  Erhei- 
terung  und  Erhellung  das  Angesicht  und  das  Herz  des  Greises 
und  machte  sein  ganzes  Herz  zu  Licht,  in  das  ganze,  vom  Eise 
seines  Alters  iiberzogene  Weltgebaude  wurden  wie  in  jenen  Eis- 
palast  tausend  groBe  Fackeln  getragen,  und  es  schimmerte  him- 
melan,  und  vom  dunkeln  Krater  des  Grabes  wurde  die  Asche 
weggetrieben,  und  eine  Demantgrube,  die  im  eingesognen  Schim- 
mer  untergesunkner  Sonnen  brannte,  entbloBte  vor  ihm  ihre  stille 
Farben-Glut  -  und  er  fassete  fester  die  Hand  seiner  Geliebten  an, 

20  umder  nachglanzendenjugend  undLiebe  nachzufliegen  ins  Land, 
wo  die  ewige  wohnt.  Aber  seine  Gattin  war  unaussprechlich  er- 
weicht  -  die  Tage  der  Jugend  waren  Traume  geworden  und  flo- 
hen  mit  einem  Bildergewimmel  voriiber  -  ach  viele  Hoffnungen 
flatterten  voraus  und  iiberstreueten  den  Lebensweg  mit  Bliiten, 
und  wenige  Freuden  kamen  nach  und  heBen  nur  einiges  Fallobst 
zuriick  -  aber  was  sie  iiber  den  Flug  der  Zeit  und  iiber  die  langen, 
hinter  die  Fliigeldecken  der  Nachte  verborgnen  Fliigel  der  Tage 
trostete  und  was  ihre  Tranen  siiBer  machte,  ohne  sie  zu  stillen, 
das  war  jedes  gliickliche  Kind,  das  sie  erzogen  hatte,  und  jeder 

30  Schmerz,  den  sie  ertragen  hatte  und  der  durch  die  stille  Geduld  zu 
einer  Tugend  geworden  war,  wie  die  Perlenmuschel  das  in  sie 
geworfne  Sandkorn,  das  sie  driickt,  mit  Glanz  umzieht  und  zur 

Perle  macht. 

Auf  einmal  hemmte  eine  neue  Riihrung  Ingenuins  sanften  Se- 
gen,  und  der  Strom  in  der  Brust  sperrte  sich  selber  den  Weg: 
Ingenuin  stritt  mit  den  unwillkiirlichen  Tranen  und  schien  sein 


522  DER  JUBELSENIOR 

Auge  vor  einem  Gegenstand  zu  hiiten,  der  sie  zu  flieBen  zwang. 
Ich  fand  ihn :  es  war  die  arme  verlassene  Alithea,  die  sich  zwischen 
andere  Zuschauerinnen  an  die  Kirchentiire  gedranget  hatte,  um 
gleichsam  von  dem  Nachklang  und  Nachhall  der  Aols-Harfe  der 
Liebe  einige  Tone  in  ihr  offnes  Herz  zu  fassen.  Ach  diese  Tone 
zogen  Wunden  darin,  und  jede  Freude  hing  voll  Schmerzen,  und 
der  Palmbaum  bedornte  seinen  Palmwein  mit  Stacheln.  Alithea 
war  mit  alien  Zuschauern  ihres  Kummers  so  vertraut  und  be- 
freundet,  daB  sie  nicht  errotete,  ihn  zu  zeigen  und  zu  erleichtern 
durch  alle  ihre  Tranen.  10 

Endlich  fiel  der  Vorhang  vor  diese  Szenen  der  weichen  Er- 
innerung  -  man  zog  wieder  aus  der  Kirche,  aber  mit  einem  halb  N 
erleiehterten,  halb  erschopften  Herzen  -  das  Getiimmel  der  Mu- 
sik  und  der  Menschen  und  der  freie  blaue  wehende  warmende 
glanzende  Himmel  umfingen  die  Augen,  aus  denen  die  Nebel  des     . 
Grams  in  Gestalt  eines  warmen  Regens  gesunken  waren,  mit 
Freiheit  und  mit  hellen  offnen  Alleen  der  Zukunft  und  mit  Leben 
und  Kraft  -  der  zweite  Tempel  der  Liebe  war  aufgebauet,  und  die 
Sonne  warf  einen  breiten  Glanz  in  ihn,  und  niemand  blieb  be- 
triibt,  nicht  einmal  Alithea  mehr,  die  wieder  der  Tumult  des  Gast-  z° 
mahls  betaubte. 

Das  erste,  was  das  eingesegnete  Paar  im  verjiingten  Pfarr- 
hause,  in  der  neuaufbluhenden  Laube  gaben,  war  ein  elterlicher 
heiBer  KuB  auf  Alitheens  verweinte  Augen.  Ach  in  dieser  Minute 
hatt*  ich  die  Vokation  des  Sohns  mit  alien  Freuden  dieses  Jahrs 
gekauft,  um  das  Land  der  Liebe  zu  arrondieren  mit  einem  neuen 
Augarten.  Unsere  ganze  KirchenschifTs-Mannschaft  ging  ins  Erd- 
geschoB;  im  zweiten  Stockwerk  standen  die  notigen  Teller  und 
Glaser  und  diejenigen  Sessel,  worauf  man  das  kirchliche  Vorlege- 
werk,  namlich  die  erste  Kleider-Rinde  abwarf.  Unten  in  unserer  30 
Stube  waren  beinahe  uber  drei  lange  Stubenbretter  die  Goldblatt- 
chen  des  Sonnen-Barrens  ausgebreitet,  und  an  dem  Plafond 
schwankte  das  Deckenstiick  mit  dem  Schattensilber  des  Wider- 
scheins  gemalt,  der  von  einem  vorbeiquellenden  Bach  aufflatterte. 
Ich  warf  in  jede  Ecke  dieser  Stube,  die  das  Kadettenhaus  und  der 
Treibscherben  dieser  Kinder  *und  das  Winterhaus  der  funfzig 


FUNFTER  OFFIZIEIXER  BERICHT  523 

Jahre  war,  aufmerksame  antiquarische  Blicke.  An  der  Wand 
hingen  zwei  homannische  Spezialkarten,  eine  vom  Fiirstentum 
Flachsenfingen  und  eine  vom  frankischen  Kreise.  Wahrscheinlich 
hatten  sonst  die  erwachsenen  Sonne  ihre  Landerkunde  auf  dem 
klassischen  Boden  von  beiden  geholt.  Die  nachsenfingische  Karte 
war  durch  Entdeckungsreisen  der  Zeigefinger  so  sehr  geschleift 
und  wie  Manschetten  durchbrochen,  daB  wirklich  vom  ganzen 
Flachsenfingen,  das  alle  deutsche  Kreise  wie  ein  Einschiebessen 
durchschieBet,  nichts  mehr  zu  sehen  ist  als  die  Kreise  allein.  Fran- 

10  ken  fuhr  noch  schlimmer:  durch  die  ewigen  forcierten  Marsche 
und  Remarsche  der  Finger  und  durch  das  Rockieren  der  lehren- 
den  und  der  irrenden  Hand  war  das  schone  Bamberg  und  Wiirz- 
burg  zu  einer  solchen  tabula  rasa  abgeleert-indes  das  Gedachtnis 
der  Kinder  eine  zu  sein  aufhorte  -,  daB  ich  nichts  mehr  darauf 
erkennen  konnte  als  einen  neuen  FluB  oder  Kanal,  der  die  Saale, 
die  Rednitz  und  den  Main  unverhofft  verband :  die  Fliegen  hatten 
den  Strom  nach  ihrer  bekannten  Interpunktion  oder  punktierten 
Arbeit,  die  eine  stereographische  Projektion  der  Flusse  auf  den 
Karten  ist,  als  FluBgotter  mappieret.  Konnt'  es  mir  unerwartet 

20  sein,  daB  auch  die  Reichsstadt  Niirnberg  -  die  so  wichtig  fur 
Kinder  ist,  nicht  sowohl  durch  die  Spielware  als  durch  die  geo- 
graphische  Lage,  da  sie  von  Deutschland,  wie  Jerusalem  nach  den 
Juden  von  der  Erde,  der  Nabel  ist  -  vollig  durch  den  Knochen- 
und  SalpeterfraB  der  Zeit  oder  durch  die  Erdbohrer  der  Schreib- 
finger  dermaBen  weggebohret  war,  daB  ich  vom  Solitare  nichts 
mehr  vorfand  als  die  preuBische  Fassung  (die  Angrenzung)  ?  - 
Ich  hob  im  Storchennest  dieser  Stube  jeden  Stecken  auf  und 
sah  ihn  an.  In  die  eine  Vertiefung  war  eine  kurze  Bank  gemauert, 
auf  d^r  sonst  die  Kinder  saBen,  wie  ich  an  den  ausgehohlten  Ni- 

30  schen  der  Lambris  ersah,  in  deren  Stampftrogen  der  Fallbock 
ihres  Stiefels  gearbeitet  hatte.  Auf  der  Fensterbriistung  sucht'  ich 
eingelegte  Schnitzarbeit  ihrer  Hande  auf.  Auf  dem  Ofen  stand 
eine  aus  einem  Kartenblatt  geschnittene  Schneckentreppe,  deren 
Zentrum  auf  dem  Kopf  einer  Stecknadel  ruhte  und  die  die  Wirbel 
der  erwarmten  Ofenluft  umdrehten:  es  war  die  einzige  tolerierte 
Spielkarte  im  Haus.  Die  alten  Schreibbucher  der  Kinder  lagen 


524    -  DER  JUBELSENIOR 

auf  dem  italienischen  Dache  eines  Gitterbettes  aufgebahret,  als 
gingen  diese  morgen  damit  wieder  zu  ScheinfuB :  bloB  ihre  Abc- 
biicher  waren  als  FleiBgeschenke  in  den  Handen  hausarmer  Abc- 
schutzen.  DieWeihnachts-Spielwarenlager  der  vier  Herren  Sonne 
wurden  am  heutigen  Adjudikationstermin  den  zwolf  Enkeln  zu- 
geschlagen  und  ausgehandigt,  denen  wie  den  Ap ostein  einer  aus 
dem  Dutzend  fehlte. 

Ich  und  der  Jubelsenior  gingen  als  die  Magnaten  unter  den 
Mannspersonen  miteinander  vor  dem  Essen  auf  und  ab  und  be- 
urteilten  die  jetzigen  Kriegs-  und  Friedensplane;  die  drei  Hand-  10 
werker  saBen,  und  ScheinfuB  stand,  und  dieser  besetzte  Gerichts- 
stand  beurteilte  wieder,  und  der  hof  liche  Ingenuin  sprang  den 
Weibern  bei  und  stellte  nicht  den  elendesten  grand  maitre  de 
garderobe  vor:  inzwischen  horcht'  er  manches  von  uns  weg.  Ich 
reizte  den  Jubilar  zu  Erzahlungen,  um  meine  zu  behalten,  d.  h. 
meine  Esenbeckschen  My  then :  ich  achtete  ihn  jetzt  viel  zu  hoch, 
um  ihn  noch  mit  dem  kleinsten  notwendigsten  Hokuspokus  zu 
blenden.  In  seiner  Seele  war  der  ganze  Wolken-,  Sternen-  und 
Freudenhimmel  wieder  Hcht  und  blau:  die  Gewohnheit  macht  in 
einem  Geistlichen  den  Weg  von  der  Running  zur  Lust  gebahnt,  ^o 
und  er  rutschet  die  Himmelsleiter  wie  Matrosen  einen  Mastbaum 
so  leicht  herab  als  hinauf.  Schwers  gehorte  ohnehin  zu  den  Men- 
schen,  die  (nicht  mit  einer  leichtsinnigen,  sondern  mit  einer  star- 
ken  Hand)  das  nasse  Auge  bald  trocknen,  so  wie  ein  echter  De- 
mant  nach  dem  Behauchen  leichter  wieder  glanzt  als  ein  falscher. 
-  Er  legte  mir  freudig  den  BauriB  auseinander,  den  er  zu  einem 
bessern  Pfarrhaus  von  der  Bauinspektion  mit  30  Suppliken  end- 
lich  erbettelt  hatte:  »Ich  erlebe  den  Bau  nicht,«  sagt'  er  ernsthaft 
und  gutmeinend,  »aber  meinem  Kinde,  denk'  ich,  soil  es  zugute 
kommen.«  Ich  sagte :  »Sie  sehen  wie  David  den  AufriB  des  Tern-  30 
pels  im  Traum,  aber  sein  Sohn  Salomo  kann  ihn  auffuhren  und 
betreten.«  Er  nickte  und  hielt  es  fur  Ernst  und  fiihrte  mich  mit 
dem  Ohrfinger  in  alle  abgezeichnete  Gemacher  und  Holzkam- 
mern  des  Architekturstucks  hinein  und  sagte,  er  hoffe,  darin  sei 
schon  Platz  genug,  etwas  Hiibsches  aufzustellen.  Er  klagte,  wie 
Landgeistliche  pflegen,  uberhaupt  iiber  die  fiirstliche  Kammer 


FUNFTER  OFFIZIELLER  BERICHT  525 

und  fuhrte  das  abgedroschene  Sprichwort  an:  In  Camera  non  est 
Justitia1,  und  iiber  die  R'egierung,  die  mit  jener  aus  einer  Karte 
spiele,  und  iiber  die  Erbverbruderung  der  Kollegien  und  Macht- 
haber  in  Residenzstadten,  wogegen  kein  armer  Kandidat  auf  den 
Dorfern  aufkomme.  Dadurch  frischte  er  ein  elendes  Kriegshistor- 
chen  in  meinem  Kopfe  auf,  das  ich  ihm  gern  erzahlte  wie  jetzt  dem 
Leser. 

Im  siebenjahrigenKrieg  ritten  durch  einen  Marktfleck  schwarze 
Husaren,  die,  wie  sich  alle  unsere  Autoren  ausdriicken  -  denn  ihre 

I0  Einkleidung  ist  die  eines  wandernden  Simultan-Wachtrocks  — , 
gern  alle  Bliimchen  pfliickten,  die  am  Lebenswege  dufteten.  Die 
Freudenblumchen,  worauf  die  pfliickenden  Husaren  stieBen,  wa- 
ren  Semmel  und  Blutwiirste..  Das  Detachement,  das  vor  dem 
Backerladenvorbeiritt,nahm  jene,das  andere,dasvor  derFleisch- 
bank  voriiberging,  nahm  diese  als  Geiseln  mit.  Als  die  termi- 
nierenden  Detachements  wieder  nebeneinander  ritten  und  jedes 
etwas  anderes  in  Handen  hatte,  alluerten  und  konfoderierten  sie 
dieViktualien  so :  ein  Held  mit  einer  Semmel  trabte  auf  seinem  Pferd 
zu  einem  mit  einer  Wurst  -  er  reichte  seinem  Sattel-Nachbar  (man 

20  ritt  immer  weiter)  die  Semmel  zu  einem  Abbisse  hinuber  und 
sagte :  »BeiB,  Kamerad !«  -  dieser  hielt  seinen  Nahrungszweig,  die 
Wurst,  iiber  das  zweite  Pferd  und  sagte:  »BeiB,  Kamerad  1«  -  und 
so  ritt  und  aB  dieser  Wehr-  und  Nahrstand  im  StraBen-Pickenick 
unter  gleichen  Schritten  und  von  einerlei  und  auf  zwei  Satteln  wie 
auf  zwei  Tellern  weiter,  wert,  im  Verse  einer  Borussias  langer  zu 

essen  und  zu  reiten. Daran  denk*  ich,  sooft  ich  sehe,  daB  in 

einem  Korrelationssaal  zwei  Dikasterien  oder  auch  zwei  Fiirsten, 
wenn  sie  nebeneinander  reiten,  einander  Wurst  und  Semmel  alter- 
nierend  uber  die  Pferde  geben  und  sagen:  »BeiB,  Kamerad !« 

30  Endlich  wurde  zur  Tafel  weniger  gelautet  als  gepfiffen  (mit 
dem  Munde),  der  Senior  betete.  Die  Enkel  hatten  es  bei  den  Miit- 
tern  herausgebracht,  daB  sie  an  einer  zweiten  freiern  Tafel,  drau- 
Ben  am  Bettische  der  Nebenstube,  sich  zusammensetzen  und  so 
viel  Tunke  und  so  wenig  Brot,  als  sie  wollten,  nehmen  durften, 

1  Das  heifiet;  das  Kammer-  und  das  Regierungskollegium  kommuni- 
zieren  immer  miteinander. 


52(5  DER  JUBELSENIOR 

so  wie  bei  der  Kronung,  aber  aus  schlechtern  Griinden,  der  Kaiser 
mit  seiner  Krone  an  einen  Tisch  gesetzt  wird,  die  Kaiserin  an 
einen  tiefern  und  an  einen  noch  tiefern  die  Kurkonklavisten.  Der 
Freudenmeister  Esenbeck  saB  mit  Vergniigen  weir  von  seiner 
Kebs-Braut  oder  Speditions-Verlobten  Gobertine  ab,  und  sein 
rechter  Tischnachbar  war  ein  leerer  Sessel  oder  Thron,  worauf 
sich  die  schone  Adjunktussin  selten  setzte,  weil  sie  tausend  Dinge 
an  der  Herrentafel  zu  besorgen  hatte  und  hundert  an  der  Kinder- 
bank. 

Suppe  wie  KafFee  feuchten  jede  menschliche  Sprachmaschine  10 
elend  an,  da6  sie  verquillt  und  stockt;  und  nur  mit  dem  Rauche 
von  beiden  zieht  die  stumme  Langweile  davon :  hingegen  wenn 
die  Extrakte  kommen,  die  uhsere  Sprachwalzen  einolen,  die  Bi- 
schof-,  die  Punschextrakte,  die  Trauben-Ausziige,  dann  laufen  in 
den  anscheinenden  Koch-  und  Tee-Maschinen  die  lauten  Rader 
einer  Sprachmaschine  um,  und  jeder  will  des  andern  Bruder  und 
noch  dazu  der  Bruder  Redner  werden,  und  die  feurigen  Zungen 
sind  nicht  mehr  zweiziingig,  und  die  welken  dunnen  Infusions- 
tierchen  und  Kleisteraale  von  Ideen  leben  von  wenigen  auf  sie 
gespriitzten  Tropfen  wimmelnd  auf  und  rudern  sehr  -  und  es  20 
kommt  immer  ein  verniinftiger  Diskurs  zustande. 

Der  Langweile  der  Noachischen  Suppenflut  -  oder  wars  dem 
ebenso  beschwerlichen  Sageblock  aus  Rindfleisch?-  nab'  ich  die 
Schreckenspost  zu  danken,  die  damals  wie  ein  Maifrost  mitten  in 
meinen  Wonnemonat  mit  Eiszapfen  fuhr  und  die  noch  bis  diese 
Minute  ihren  Gift  behalten,  da  ich  auch  den  jetzigen  Mai  des 
Lesers  mit  diesem  Schrecken  erkalte.  Der  Jubilar  erkundigte  sich 
namlich,  um  nur  eine  Materie  zum  Reden  an  die  Hand  zu  geben, 
was  fiir  eine  Kutsche  unter  dem  Gottesdienst  durchs  Dorf  geras- 
selt  sei.  Kein  Mensch  wuBt'  es  als  der  fatale  Scheinfufi,  welcher  30 
antwortete,  er  sei  unter  dem  ersten  Teile  ein  wenig  auf  den  Got- 
tesacker  hinausgegangen,  um  nach  den  Chorjungen  zu  sehen,  ob 
sie  einander  nicht  mit  Knochen  erwurfen.  (Welcher  entsetzliche 
Falsarius!  der  Wirbelwindbeutel  bleibt  wie  alle  Kantores  in  kei- 
ner  Predigt,  er  glaubt,  er  musse,  wie  in  einer  andern  Muhle,  nur 
wenn  der  Same  des  Worts  zusammengemahlen  ist,  mit  seiner 


FUNFTER  OFFIZIELLER  BERICHT  527 

Orgel  klingeln.)  »Da  hab'  ich  mich,«  fuhr  er  fort,  »als  ich  etwas 
fahren  horte,  auf  ein  Grab  gestellt  und  am  Wappen  es  gesehen, 
daB  es  die  Kutsche  Seiner  Durchlaucht  ware,  und  Hochstdiesel- 
ben  saBen  auch  personlich  darin  und  schliefen  und  machten  sich 
eine  Lustfahrt  nach  der  Insel,  wie  ich  vom  Vorreiter  habe.«  Es  ist 
die  bekannte  Insel  der  Vereinigung.  Ungefahr  wie  Gicht- 
materie  setzte  sich  diese  Schreckensmaterie  in  mein  Handgelenk, 
und  mein  Ldffel  sank.  Es  war  mir  alles  recht  faBlich  -  von  der 
entlegnen  Insel  konnte  der  Fiirst  heme  nicht  wiederkommen  — 

10  es  war  iiberhaupt  unbegreif  lich,  daB  ich  nicht  eher  weder  die  un- 
wahrscheinliche  Unschicklichkeit  bedachte,  daB  der  Fiirst  mit  der 
Vokation  als  sein  eigner  Kanzleibote  aufs  Land  fahren  werde, 
noch  die  MogHchkeit,  ihm  sei  eine  so  kleine  Sache  und  em  mit  so 
wenigen  Umstanden  entlocktes  Versprechen  entfallen.  Kurz  das 
schien  gewiB,*  daB  wenigstens  heute  der  Adjunktus  noch  keiner 
werde  und  daB  morgen  dieGeliebteweinend  fliehe.Das  schmerzte 
mich.  Der  so  oft  erledigte  heilige  Stuhl  neben  mir  hielt  mir  im- 
merfort  ihre  morgendliche  Auswanderung  aus  dem  Vaterland  der 
Stube  vor,  und  ich  horte  sie  aus  der  Zukunft  heriiber  klagen,  und 

20  mich  nagten  die  Hoffnungen,  wodurch  ich  iiber  ihre  Knochen- 
splitterung  und  Exfoliation  nur  ein  diinnes  Hautchen  gezogen 
hatte.  Alithea  verbarg  aus  unschuldiger  Eitelkeit  den  vertrau- 
lichen  Rapport  nur  wenig,  in  den  sie  die  Temperamentsblatter 
und  das  lange  Lied  mit  mir  gesetzet  hatten;  aber  ich  war  innen 
zu  versehrt,  um  die  Fruchte  von  Weissagungen  zu  brechen,  wel- 
che  Lugen  wurden. 

In  dieser  Glekhgultigkeit  gegen  meine  diirre  unfruchtbare 
Rolle  ubersah  ichs  ganz,  daB  man  meine  zwei  Schaugerichte,  die 
Goldschleien  und  den  alabasternen  Tafelaufsatz  -  er  stellte  Tem- 

30  pelruinen  vor  -,  gar  nicht  aufgetragen  hatte. 

Die  freundliche  Familie  verstrickte  sich  immer  inniger  mit 
alien  meinen  40  Nervenpaaren.  Ich  schloB  mit  dem  Hamster- 
graber  einen  wichtigen  Kauf kontrakt  iiber  zwei  SchefTel  Hamster- 
korn1:  »Wir  Esenbeck«,  sagt'  ich,  »essen  das  Brot  aus  einer  Ham- 

1  Man  findet  oft  im  Bau  eines  solchen  unterirdischen  Kornjuden  100  U 
Getreide. 


528  DER  JUBELSENIOR 

ster-Verlassenschaft  ungemein  gern.«  Ich  hofTte,  dieser  Hamster- 
schatzgraber  sollte  mich  im  Handel  ansehnlich  betriigen;  indes 
tat  er,  was  in  seinem  Vermogen  stand.  Gemeine  Leute  meiden 
und  hassen  den  Betrug,  ausgenommen  den,  den  sie  in  ihrem 
Handwerk  begehen  konnen.  Der  Hamster-Spion  war  em  guter 
Nachbar,  ein  besserer  Vater  und  der  beste  Hauswirt;  aber  ein 
wenig  derb  und  sportelsuchtig :  er  glich  der  Flachsenfinger  Bur- 
gerschaft,  die  Christum  ersuchen  wurde,  die  Teufel  lieber  in 
samtliche  Burger  als  in  ihre  Schweine  fahren  zu  lassen.  -  Was  den 
Buchdruckerherrn  anlangt,  so  sagte  ich  ihm,  ich  schriebe  fiir  die  10 
gelehrteWelt  jahrlich  einigeManuskripte,und  er  sollte  die  Freude 
Haben,  eines  zu  drucken,  das  ich  dem  heutigen  Feste  zu  Ehren 
betiteln  wollte  »der  Jubelsenior«:  er  wird  sich  wundern,  wenn  er 
diese  Zeile  hier  auf  dem  Aushangebogen  erblickt.  Es  ist  ein  ehr- 
liebender  feiner  leiser  Mann,  der  sich  nichts  riihmt  als  seiner 
Schwachheit,  namlich  seiner  Kunst,  und  der  mit  den  Benedik- 
tinern 1  taglich  Gott  anruft,  er  solle  ihn  nicht  dariiber  ubermiitig 
und  zum  Narren  werden  lassen,  daB  er  lesen  kann.  Er  griff  in  die 
Tasche  und  zog  vier  Lot  groBe  R  und  ein  Viertelpfund  Gedan- 
kenstriche  heraus:  »Ich  habe«  (sagt*  er)  »nur  nichts  bei  mir;  aber  20 
Sie  sollen  sehen,  was  Berliner  Druck  ist  und  was  meiner.  Frau, 
du  kennst  meine  grobe  Sabon-Fraktur,  die  grobe  Missal-Fraktur, 
die  kleine  Missal-Fraktur,  ferner  die  Doppel-Mittel-Fraktur,  fer- 
ner  die  Borgeois-Fraktur,  auch  die  Nomparel-Fraktur  -  Frau, 
sage  du,  was  zu  sagen  ist!«  -  Sie  antwortete  auBer  allem  Kontext: 
»Und  vom  Setzen  laufen  meinem  Manne  die  Beine  erbarmlich  auf. 
Wenn  ich  glucklich  niedergekommen  bin,  so  will  er  selber  alles 
verlegen  und  seinen  eignen  Buchhandel  anfangen.«  -  »Das  kon- 
nen wir  gottIob«,  sagt*  er  ungemein  zufrieden.  »Im  Grunde«, 
sagt*  ich,  »schwillet  ein  Schrift-Steller  so  gut  auf  als  ein  Schrift-  30 
Setzer,  nur  jeder  mit  dem  leidenden  Teil:  ich  weiB  das  von  mir.« 
Ich  hob  (um  auf  etwas  anders  zu  kommen)  wagend  die  vier  Lot 
Kapital-R  auf  und  nieder,  um  so  lieber,  da  es  mein  eigner  Na- 
mens-Initialbuchstabe  ist  und  da  ich  schon  30  Stunden,  wie  Brok- 

1  Nach  dem  38.  Kap.  der  Ordensregeln  des  heiligen  Benedikts  muB  wirk- 
lich  der  Pater,  der  iiber  dem  Essen  vorlieset,  taglich  dieses  Gebet  abschicken. 


FUNFTER  OFFIZIELLER  BERICHT  529 

kes  ein  Gedicht  von  70  Versen,  ohne  mein  R  vollendet  hatte, 
wiewohl  ich  das  Leben  in  den  Tagen  ohne  R  (z.  B.  als  Seraphi- 
nenritter  im  ersten  Appendix)  wie  Krebse  in  den  Monaten  ohne  R 
am  schmackhaftesten  finde.  Nichts  ist  wohl  einem  Menschen 
schwerer,  als  gleich  dem  Rektor  Uhse  eine  Weihnachtspredigt, 
oder  gar  wie  der  Neapolitaner  Cardone  ein  Gedicht  von  2000 
Versen  unter  dem  Titel:  I/R  sbandita  zu  verfassen  ohne  ein  ein- 
ziges  R.  Unter  die  Vorrede  dieses  Appendix  nab'  ich  meinen 
Namen  mit  einem  R  aus  jenen  4  Loten  setzen  lassen.  - 

10  Es  ist  leicht  nachzuzahlen  und  nachzuwagen,  daB  ich  wirklich 
das  1/2  Pfund  Schwersscher  Gedankenstriche,  dieser  Gedanken- 
Exponenten,  in  gegenwartigem  klemen  Werk  rein  aufgebraucht : 
dieses  Halbpfund  war  mir  so  Heb  wie  ein  Gebind  Gehirnfibern 
oder  ein  Strang  und  Dickicht  Weisheitsbarthaare;  denn  Gedan- 
kenstriche sind  die  wahren  NarbenundRunzelneinerangestreng- 
ten  Stirnhaut.  - 

-  Auf  diese  Art  hatt*  ich  den  drei  Sohnen  des  Jubelgreises  - 
denn  der  Pitschierstecher  stach  den  Dante  nach  -  etwas  zugewen- 
det;  und  der  vierte  war  im  Grunde  noch  immer  nicht  um  seine 

20  Adjunktur:  der  Furst  hielt  doch  Wort,  wenn  auch  erst  ubermoi- 
gen;  nur  ich  blieb  in  einigen  Liigen. 

Jetzt  fmgen  in  diesem  Sitze  der  Seligen  die  Himmelsburger 
allmahlich  an  zu  glanzen  und  zu  schreien,  und  das  letztere  ge- 
schah  auch  im  limbus  infantum  in  der  Nebenstube  -  der  Christo- 
phlet1  wiederholte  seine  Ronde  unter  lauter  Anabaptisten,  und 
nur  ich  entzog  mich  der  Injektion  und  lauerte  auf  Wein  -  mit 
derselben  Enthaltsamkeit  HeB  ich  auch  alle  erste  Gerichte,  alle 
Mond-  und  Sonnenscheiben  der  Teller  voll  sauerer  Karauschen, 
aufgerollter  Plinzen,  geraucherter  Heringe  kalt  voriiberlaufen  und 

30  war  entschlossen,  mich  bloB  auf  den  Hammelziemer,  den  ich 
unter  dem  Hauptliede  zu  einem  Wildziemer  uberspicken  sehen, 
einzuschranken  und  nachher  auf  den  Prophetenkuchen,  den  der 
meinige  (das  Temperamentsblatt)  und  meine  Prophetenschule 
mehr  parodierte  als  verdiente. 

Nicht  ohne  Vergniigen  nehm*  ich  wahr,  daB  ich  bisher  das 
1  Ein  Likor  aus  Pontak,  Branntwein  und  Nelken. 


530  DER  JUBELSENIOR 

Fraulein  von  Sackenbach  ganz  vergessen  habe:  denn  sie  gewinnt 
wenig  dabei,  wenn  ich  ihrer  gedenke,  und  ich  gar  nichts.  So  traut 
und  warm  sie  mir  am  Samstag  erschienen  war:  so  kahl  und  fahl 
kam  sie  mir  am  Sonntag  vor.  Ich  horte  erstlich  das  Radschlagen 
ihres  mit  32  Schwanzfedern  besteckten  Adelstolzes  naher  und  das 
Rauschen  ihres  Stammbaums.  Dazu  kam  zweitens,  daB  ihre  Ta- 
baksdose  alien  den  jungen  hiibschen  Weibern,  die  keine  hatten, 
ein  Eckstein,  ein  ZorngefaB  und  eine  Pandorabiichse  wurde.  Es 
ist  tiberhaupt  ein  angenehmes  Schauspiel,  zu  bemerken,  wie  der 
bloBe  niedrige  Stand  solche  Personen  hindert,  das  Plombieren  10 
mit  diesem  Dinten-Pulver  nur  einigermaBen  mit  der  hohen  Rein- 
heit  der  weiblichen  Reize  und  der  weiblichen  Arbeiten  zu  ver- 
einbaren :  sie  wiirden  sich  noch  lieber  mit  diesem  Futterkraut  eine 
Pfeife  stopfen  als  eine  Nase.  Mir  hingegen  war  ein  solches  Zibo- 
rium  voll  Nasen-Hacksel  nie  ein  anderes  Zeichen,  als  der  Bart  der 
Schweizer  ist1,  namlich  das  eines  schonen  Alters  ohne  Eitelkeit, 
das  sich  aus  seinen  Reizen  und  Farben  wenig  mehr  macht.  Die 
Strafe,  die  Peter  der  GroBe  auf  das  Schnupfen  setzte,  namlich 
Aufschlitzung  der  Nasenniigel,  vollziehet  jeder  Schnupfer  nur 
langsamer  an  seinen  selber;  und  da  man  noch  dazu  alien  Blumen,  20 
die  beinahe  mehr  fur  die  Weiber  als  fur  die  Manner  zu  wachsen 
scheinen,  den  kleinen  Hafen  durch  dessen  Fiillen  sperret  oder 
vielmehr  durch  das  Sandbad  versanden  lasset:  so  kann  man, 
diinkt  mich,  nur  von  alten  Damen  fodern,  daB  sie  schnupfen,  von 
jungen  kann  man  es  hochstens  wunschen.  Einer  alten  Person 
stehet  (wie  alles  Dunkle)  dieses  Schwar^  auf  Weij$y  als  ein  Doku- 
ment  des  schonen  Verzichttuns  auf  Gefallen,  unbeschreiblich  an, 
sie  halt  die  voile  Tabatiere  gleichsam  als  das  abgebrochene  voile 
Stundenglas  des  Todes  in  Handen;  der  Tabak  ist  das  reife  Mut- 
terkorn  in  der  reifen  Ahre;  aber  junge  Damen  sind  selten  im-  30 
stande,  die  Dose  aufzumachen  und  sich  damit  Blumen  und  Lieb- 
haber  miteinander  zu  nehmen;  und  die  wenigen,  die  schnupfen, 
sollten  nie  auf  die  heruntersehen,  die  es  nicht  vermogen.  — 

Ich  horte  jetzt  aus  der  Kinderstube  die  liebe  Alithea  zu  den 
Dutzend  Dutzenduhren  sagen:  »sie  diirfe  nicht,  es  gehore  dem 

1  Im  60.  Jahr  diirfen  sie  einen  behalten. 


FUNFTER  OFFIZIELLER  BERICHT  5  3  I 

fremden  Herrn.«  Ich  fragte  naher :  es  war  mein  Tafelaufsatz  mit 
dem  ruinierten  Kathedraltempel,  den  die  kleine  Bruttafel  drauBen 
fur  mitgebrachte  Spielware  genomrrien  hatte.  Jetzt  war  es  doch 
wahrlich  Zeit,  die  zwei  optischen  Gaukel-Gerichte  der  erwach- 
senen  EBtafel  vorzusetzen.  Man  trug  sie  herein,  die  Schleien  und 
die  Ruinen:  »Solche  Gerichte  hat  man«  (sagte  die  fille  d'hon- 
neur)  »am  Hofe  alle  Tage.«  Der  Hamstergraber  dachte,  als  er  den 
glasernen  Fischkasten  sah,  es  sei  eine  Schiissel  seltener  auslandi- 
scher  Karpfen,  und  hoffte  anzuspieBen,  verhehlte  aber  nicht  dabei 
10  (er  hatte  Christophlet  im  Kopfe),  »die  Graten  fraB*  er  allein  auf«, 
bis  man  ihn  verstandigte,  daB  solche  Fische  auf  die  Tafel  kamen, 
nicht  um  gegessen,  sondern  um  gefuttert  zu  werden,  und  zwar 
mit  Semmelkrumen.  So  wenig  weiB  ein  gemeiner  Mann  von  den 
Skulptur-Viktualien  der  GroBen,  die  -  so  ungleich  den  Gegen- 
standen  der  groben  Liebe  —  nicht  anders  genossen  werden  konnen 
als  die  der  platonischen,  namlich  durch  anhaltendes  Anschauen; 
Gerichte,  fur  die  es  keinen  elendern  Koch  gibt  als  den  besten  fur 
grobe,  den  Hunger.  Die  kunstlichen  alabasternen  Scherben  des 
geistlichen  Schafstalls  (des  Tempels)  sah  der  Jubelsenior  fur  ein 
20  gut  herpassendes  Modell  des  jerusalemitischen  Tempels  an,  das 
seinen  Jubel  ziere. 

Am  Ende  kam  doch  Wein  und  fruher  als  der  optische  Wild- 
ziemer:  ich  hatte  noch  wenig  gegessen  und  nichts  getrunken.  Wie 
belebte  diese  Feuertaufe,  mit  der  ein  Taufengel  zu  uns  hereinflog, 
samtliche  Tauflinge!  Die  Kinder  erwuchsen  -  die  Stummen  spra- 
chen  -  und  die  Sehenden  sahen  mit  zwei  Augen  -  der  angefeuch- 
tete  Faden  der  Rede  spann  sich  leichter  zwischen  den  Fingern 
durch,  und  der  Demant  des  schimmernden  Lebens  wurde  auf 
dieser  Folie  zu  einem  Doppelstein  vergroBert,  wenn  nicht  gar 
30  zu  einem  Stein  vom  ersten  Wasser  versilbert  durch  das  bunte. 
Der  Koadjutor  Ingenuin  wurde  so  kiihn,  Fragen  an  den  Freu- 
denmeister  abzulassen  und  iiberhaupt  frei  zu  denken  in  Funda- 
mentalartikeln,  z.  B.  der  Altar-Servietten,  ja  sogar  des  heiligen 
Geistes.  Fragt*  er  mich  nicht,  ob  man  am  Hofe  redliche  Hetero- 
doxen  dulde?  Und  konnt*  ich  nicht  zu  meiner  Freude  antworten, 
man  toleriere  da  wie  in  Holland  gern  jede  Sekte,  nicht  nur  Kop- 


532  DER  JUBELSENIOR 

ten,  Lappen,  Hindus,  sondern  auch  Christen?  »Zu  meiner  Zeit«, 
sagte  die  alte  Fraulein,  »glaubten  wir  noch  viel  von  Helvetius  und 
Voltaire. «  Ich  sagte,  sogar  der  Unglaube  sei  jetzt  eine  Art  von 
Frostnebel  und  so  kalt  wie  der  Glaube,  und  jeder  konne  sich  un- 
gestort  in  alle  groBe  Stadte  oder  auch  in  feine  Bucher  wagen;  so 
wie  man  iiber  den  Kot,  wenn  ihm  der  Frost  Festigkeit  gegeben, 
unbesudelt  schreitet.  Der  Kandidat  klagte,  das  Konsistorium 
denke  leider  anders  und  halfe  nur  leeren  Kopfen  auf  und  vollen 
hinunter;  »geradeso  wie  man«,  sagt*  ich,  »nur  leere  Fasser«  - 
das  Gleichnis  war  nicht  weit  hergeholet  -  »aufrichtet  und  nur  ic 
voile  umlegt;  iiberhaupt  nimmt  man  kluger  die  Vernunftigen 
statt  der  Vernunft  gefangen,  und  am  Ende  kommt  doch  diese  mit 
jenen  ins  Loch.«... 

Ich  habe  mich  dariiber  aus  meinem  feurigen  Perioden  verlau- 
fen.  Der  Hamstergraber,  der  seine  Pillen  nie  anders  als  bloB  ver- 
zinnte,  konnte  sie  jetzt  nur  noch  verblechen  -  der  Buchdrucker 
bat  mich,  in  meinem  Manuskript  vom  Jubelsenior  wenig  zu  kor- 
rigieren  und  auszustreichen,  weil  es  angenehmer  zu  drucken  sei, 
und  die  Kunstrichter  begehren  gerade  das  Widerspiel,  weil  es 
dann  angenehmer  zu  lesen  sei  -  Ingenuin  sah  seine  Verlobte  war-  20 
mer  an  und  liebte  sie  mitten  unter  dem  Essen,  und  ich  tats  ihm 
nach  in  beidem  und  hatte  gern  mehr  getan,  ware  nicht  mein  Sonn- 
tag  im  doppelten  Sinn  zu  einem  Fastensonntag  geworden,  der 
den  ersten  Christen  das  Kussen  untersagte  -  und  die  kurzen  Ent- 
fernungen  vom  Sessel  und  die  langere  vom  Hause  gossen  Alitheen 
fur  mich  und  den  Kandidaten  zu  einem  Brennspiegel  urn,  der 
(seine  Chorda  oder  Sehne  trug  eine  Elle  aus)  desto  heiCer  auf  uns 
schien,  je  langer  der  Weg  seines  Fokus  war,  so  daB  seine  Strahlen 
in  unserem  Ich  zu  einem  28o64mal  kleinern  Raum,  als  der 
Spiegel  hatte,  zusammengehen  muBten  -  (Noch  wahret  mein  30 
langer  Periode  fort)  —  Und  wie  wurden  vollends,  fast  von  einem 
Balthasar  Denner,  die  beiden  Jubelaltesten  auf  meine  Netzhaut 
gemalt,  wie  gottlich  er,  wie  himmlisch  sie  I  -  Er,  der  Altvater,  der 
glanzende  Nestor,  nicht  nur  aufgerichtet  mit  dem  Leibe,  auch  mit 
dem  Geist,.er,  der  unter  der  Zahl  jener  wenigen  Menschen  stand, 
die  der  Sonnenfunke  Gottes  gliihend  aufriB  vom  Schmutz  und 


FUN-FTER  OFFIZIELLER  BERICHT  533 

Eise  des  Bodens,  indes  die  andern  seelenlos  und  wiihlend  auf  der 
Erde  umliegen1  -  Sie,  die  fortliebende  Altmutter,  die  von  ihrem 
reinen  Herzen  nie  mehr  als  eine  Auflage  von  nicht  mehr  als  einem 
Exemplar  fiir  nicht  mehr  als  einen  guten  Freund  gemacht  hatte  - 
diese  beide,  noch  so  unzerriittet,  unter  so  vielen  Kindern,  aber 
selber  keine,  da  doch  sonst  Alter  und  Kindheit  sich  in  einem  Geiste 
beriihren,  wie  man  Vorrede  und  Ende  des  Buchs  (und  in  diesem 
vielleicht)  auf  einem  Bogen  abdruckt  -  Sie  beide,  die  nun,  mit 
dem  aufgewarmten  Brautkuchen  in  der  Hand  und  vor  dem  Ab- 

10  hub  des  vorigen  Liebesmahls  auf  ihrem  Teller,  das  weite,  nie 
brach  liegende  Zuckerfeld  ihrer  alten  Liebe  um  sich  bliihen  und 
'  wallen  sehen  -  sie,  die  noch  einander  die  steifen,  aber  arbeitsamen 
Hande  driicken  und  unter  grauen  Wimpern  in  Augen  schauen 
-  konnen,  in  denen  sonst  die  Flammen  der  ersten  Liebe  und  vor 
denen  sonst  die  Bliiten-Reize  der  nun  entlaubten  Gestalt  gewesen 
waren,  sie,  die  jetzt,  unter  der  nachsprossenden  bunten  Welt  um 
sich,  noch  allein  um  ihre  vorige  Ahnlichkeit  mit  dieser  und  um 
ihre  von  der  Zeit  verwischten  Schonheitslinien  wuGten,  die  aber 
ihre  ausgeloschten  Ziige  und  Wiinsche  mit  elterlichem  Entziicken 

20  auf  den  Angesichtern  ihrer  lieben  Kinder  wiederfanden  und  die 
nun  auf  der  einbrechenden  Erde  nichts  mehr  brauchten  als  jeder 
Gatte  die  treue  Brust  des  andern,  die  so  lange  einerlei  Banden  und 
Freuden,  eiserne  und  Blumenketten  an  die  andere  geschlungen 
hatten  und  die  nun  die  Schlange  der  Ewigkeit  vereint  umwinden 
soil,  gleichsam  als  der  Ietzte,  obwohl  kuhlste  Ring  der  Erde — 

Nein,  ich  vermag  und  verdien*  es  noch  nicht,  die  Erinnerun- 
gen  und  Freuden  und  Herzen  eines  stummen  Paars  zu  malen,  das, 
gebiickt  unter  der  niedrigen  Todespforte  der  andern  Welt,  an  der 
kalten  langen  Katakombe  die  Hande  nicht  auseinander  lasset  — 

30  aber  irgendeinen  Greis  oder  eine  Matrone,  der  oder  die  mich  lie- 
set,  will  ich  erfreuen  mit  der  innigen  Teilnahme  an  ihrem  ver- 
kannten  Gefiihle,  mit  der  Hochachtung  fiir  verstummende  Men- 
schen,  die  das  junge  laute  Jahrhundert  vergisset,  und  mit  der 

1  Saturnin  lehrte,  die  Engel  hatten  wie  Gott  Menschen  schaffen  wollen, 
hatten  sie  aber  nicht  emporzustellen  vermocht,  bis  ein  Funke  von  Gott  die 
hingestreckten  Gebilde  erhob. 


534  DER  JUBELSENIOR 

herzlichen  Liebe  fur  jede  Brust,  die  einmal  warm  gewesen,  und 
fur  jedes  Auge,  das  einmal  geweint  hat. 

Gerade  diese  Phantasien  warfen  mich  an  der  Schwersschen  EB- 
tafel,  fast  wie  jetzt  am  Schreibtisch,  aus  meiner  Frohlichkeit  in 
eine  hohere —  Denn  obgleich  der  Vexier-Wildziemer  schon  ein- 
gelaufen  und  demHamstergraberunterdasSkalpell  seiner  Schnei- 
demiihle  gestellet  war:  so  kehrt*  ich  mich  doch  an  nichts,  sondern 
stand  mit  einem  Ordensbecher  auf,  urn  die  Tisch-Kommunikanten 
zu  einem  gratulierenden  Toasten  aufs  Wohl  der  alten  Leute  zu 
befeuern,  und  sagte,  weit  vom  Becher:  »Auf  Ihre  kiinftigen  scho-  ro 
nen  Tage,  Sie  guten  Alten !«  und  hier  standen  alle  Kinder  auf  — 
»und  darauf,  daB  alle  Ihre  Stunden  still  und  froh  vergehen  -  und 
daB  alle  Ihre  Kinder  glucklich  sind  -  und  daB  alle  Ihre  Enkel  gut 
und  glucklich werden — und  auf  Ihr  langes,  langes  Wohlergehn!« 
-  Der  Greis  sah  erhaben  auf  und  fugte  bei:  »und  auf  unser  sanftes 
Sterben.«  Seiner  Gattin  gingen  die  Augen  iiber,  und  sie  sagte:  »so 
schon,  wie  meine  seligen  Tochter  gestorben  sind.«Hier  umfaBten 
sich  die  zwei  Alten  sanft  in  ergebener  Running,  und  kein  Mensch 
sprach,  und  jeder  weinte. 

Der  Schulmeister  suchte  seine  eigene  Erweichung  dadurch  zu  20 
verkleiden  und  zu  steigern,  daB  er  anriet:  »man  sollte  die  alten 
Hochzeit-Carmina,  die  damals  auf  die  Vermahlung  des  Herrn 
Seniors  gedruckt  wurden,  jetzt  vorlesen,  weil  darin  die  schonsten 
Wiinsche  standen.«  Er  hoffte,  sie  selber  vorzulesen.  Die  Seniorin 
brachte  sie  erfreuet.  Der  Buchdrucker  rief  seinen  kleinen  Karl  her 
und  sagte  zu  ihm:  »Dein  GroBvater  will  horen,  ob  du  lesen 
kannst.«  -  »Ja  wohl  kann  ichs  schon«,  sagte  das  herandringende 
frohe,  aber  ein  wenig  blasse  Kind  und  nahm  das  Hochzeitgedicht 
und  stellte  sich  zwischen  die  GroBekern  und  las  es  laut  und  lang- 
sam  ab.  Ich  beschreib*  es  nicht,  wie  tief  jedes  Wort  und  jeder  Ton-  .30 
fall  des  unschuldigen  Enkels  in  lauter  weiche  Herzen  ging,  da  er 
jetzt  neben  dem  vollendeten  LustschloB  der  Alten  den  propheti- 
schen  und  dichterischen  BauriB  desselben  aufschlug  und  aus  der 
Vergangenheit  die  friihen  Bilder  und  Wiinsche  der  jetzigen 
Gegenwart  heraufzog.  Die  Stimme  des  unbefangnen  Kindes,  das 
den  poetischen  Wunsch  zahlreicher  Enkel  ohne  die  Beziehung 


FUNFTER  OFFIZIELLER  BERICHT  535 

auf  sich  ablas,  klang  ruhrend  wie  ein  redendes  Herz;  und  zu  den 
zwei  veralteten  Menschen,  die  schon  so  tief  drunten  unter  der 
dumpfigen  Erde  standen,  wehten  die  Tone  und  Liifte  der  freien 
hellenjugend  hinab,wie  sich  in  dieBergwerke  derBlutenduft  des 
auBern  obern  Friihlings  zieht.  -  Ein  fliegender  Sonnenglanz,  den 
entweder  eine  aufgehende  Fenstertafel  des  Schlosses  oder  ein 
blendender  Spiegel  eilig  uber  das  fromme  stille  Angesicht  des 
Greises  zog,  HeB  eine  solche  Verklarung  darauf  zuriick,  dafi  ich 
hingehen  und  mich  naher  an  den  verschonerten  Alten  und  den 

io  kleinen  Leser  drangen  muBte. Und  hier  trat  Alithea,  fur  die 

Nachmittagskirche  aufgeschmiickt,  roter  vom  Putzen  und  Scha- 
men  herein;  und  als  sie  in  Amandens,  in  meinen  und  in  den  alten 
Augen  so  viele  Tropfen  stehen  sah:  brachen  ihre  gem  in  die  lang 
bezwungnen  Tranen  aus,  und  sie  weinte  mit,  ohne  zu  wissen 
woriiber,  und  das  iiberladene  Herz  konnte  nicht  unterscheiden, 
zerrinn'  es  vor  Freude  oder  vor  Schmerz.  Nein,  sie  konnt'  es  nicht 
eher  unterscheiden,  als  bis  die  Mutter  ihre  Hand  ergriff  und  sie 
mit  einer  neuen  Liebe  druckte. 

O  wenn  es  schon  das  Herz  bewegt,  nur  zwei  Menschen  zu  er- 

20  blicken,  die  sich  einander  ah  den  kindlichen  -  oder  elterlichen  - 
oder  freundschaftlichen  -  oder  verschwisterten  Busen  fallen, 
wenn  der  Akkord  oder  das  Duodrama  eines  harmonischen  Men- 
v  schenpaares  schon  so  himmlisch  in  uns  widertont:  mit  welcher 
gewaltsamen  Wonne  wird  unser  Innerstes  erschiittert,  wenn  das 
ganze  vollklingende  Doppelchor  eines  Familienschauspiels  der 
Liebe  unser  zitterndes  Herz  mit  tausend  Tonen  fortzieht!  Der 
Einsame  mit  dem  vergeblichen  Wunsche  der  Liebe  erquicket 
mich  schon,  aber  er  erzurnt  mich  gegen  die  Menschen,  unter 
denen  er  verarmt;  allein  dann  kann  ich  schoner  alle  Menschen 

30  lieben,  wenn  ich  statt  eines  gluhenden  Herzens  ein  Sonnensystem 
verwandter  Herzen  sich  aneinander  ziehen  und  zusammen  bren- 

nen  sehe. 

Der  Tropfen  der  Ruhrung  verdunkelt  das  Auge,  indem  er  die 
Gegenstande  vergroBert  und  verdoppelt;  und  in  dieser  schonen 
mikroskopischen  Verfinsterung  wollt*  ich  den  erweichten  Vater 
bitten,  seine  tugendhafte  leidende  Tochter  morgen  nicht  aus  die- 


53<$  DER  JUBELSENIOR 

ser  heiligen  Statte  auferstandner  Freuden  zu  verweisen,  da  sich 
gewiB  ein  schoner  Wechsel  ihres  Schicksals  nahe;  aber  als  ich 
meine  Bitte  anfing,  unterbrach-sie  der  seltsamste  Zwischenfall . . . 

Ein  vergoldeter  Wagen  rasselte  urn  die  Fenster  und  hielt  an. 
»Wahrhaftig  der  Furst!«  sagt'ich  warm  (denn  kiinstlich-kalt  hatt* 
ichs  gesagt,  wenn  ich  ihn  noch  vermutet  hatte).  Die  Sonne  blie- 
ben  alle  stehen  und  setzten  nur  die  Glaser  nieder,  doch  nehm'  ich 
den  Prosektor  des  Hammelziemers  aus.  Viele  fuhren  hinaus  — 
ScheinfuB  hinein  (in  die  Kinderstube)  -  die  zwei  Alten  und  ich 
und  das  zuckende  Fraulein  gingen  entgegen  —  nur  der  Hamster-  10 
graber  allein  verharrte  am  Tische  und  kredenzte  im  Sturme  den 
Ziemer  —  Alithea  weinte  vor  freudiger  Angst  und  angstlicher 
Freude  und  glaubte  an  wahre  Propheten  —  Endlich  hob  ein 
Bedienter  und  der  Adjunktus  den  glasierten,  getafelten,  appre- 
tierten  Herrn  heraus  -  ach  Gott,  es  war  der  bloBe  echte  Esenbeck. 
In  wenig  Epopoen  von  Bodmer  und  Blackmore  steckt  eine  Hy- 
perbel  fur  meinen  Todesschrecken  iiber  eine  solche  Konfron- 
tation  des  Zufalls... 

Das  Jammerlichste  war  allezeit  die  rote  Stirn-Arabeske  und 
Kosekante  des  Muttermals  ...  denn*  unsere  purpurne  Magnet-  20 
nadeln  deklinierten  verschieden,  seine  ostlich,  meine  (wie  im  i6ten 
Jahrhundert)  nach  Abend  -  im  Spiegel  wich  zwar  auch  meine 
ostlich  ab,  aber  (das  hatt'  ich  am  Morgen  nicht  erwogen)  eben 

weil  er  von  allem  umgekehrte  Gemalde  gibt Der  Original- 

Esenbeck  wurd'  ein  wenig  beschamt  iiber  den  roten  nachgemach- 
ten  Elektrizkatszeiger  am  Pseudo-Esenbeck;  aber  er  verbiB.das 
Staunen  und  sagte  aus  Vergessenheit  oder  Bosheit,  wer  er  sei, 
und  gab  mir,  was  er  brachte:  es  war  freilich  ein  furstliches  Hand- 
billett  und  die  Vokation.  Aber  o  Himmel,  wer  schildert  die  un- 
ahnlichen  Pulse  staunender  -  erziirnter  -  erfreueter  -  verdutzter  30 
Menschen  ab !  Niemand  als  Doktor  Gaubius,  der  einen  wallenden 
Puis  (undosum)  -  einen  zweischlagigen  (dicrotum)  -  einen  auf- 
hiipfenden  (caprizantem)  -  einen  krabbelnden  (formicantem)  - 
einen  ausgezackten  (serratum)  -  einen  versinkenden  (myurum) 
kennt  und  nennt.  Am  meisten  muBte  mich  Amandens  Erschrek- 
ken  -  erschrecken:  ihr  echter  Amoroso  stand  mit  seinem  reden- 


FUNFTER  OFFIZIELLER  BERICHT  537 

denStirn-Wappen  gegeniiber  dem  Falschmiinzer,  der  gestern  ihre 
Vergangenheit  vernomraen  hatte  und  in  dessen  Handen  nun  ihr 
erotisches  Brieffelleisen  war.  Die  Jubelleute  hielten  heimlich  in 
ihren  Kopfen  den  Liigen-Esenbeck  mit  dem  Liigen-Lederer  zu- 
sammen  und  zogen  Schliisse.  - 

Noch  immer  sagt'  ich  nichts  von  der  Vokation.  Der  genuine 
maitre  de  plaisirs  ging  hof  lich,  unter  der  gleichgiiltigen  Erwar- 
tung  des  langweiligen  Effekts,  den  die  abgegebene  Vokation  un- 
ter alien  mache,  zum  Fraulein  von  Sackenbach  und  freute  sich 

10  hochstens,  solches  einmal  zu  sehen.  Amanda,  die  ihn  jetzt  recht 
leicht  von  seinem  Kopisten  und  Postiche-Namensvetter  abson- 
derte,  konnte  vor  Grimm  und  Staunen  die  Zunge  nicht  heben. 
Der  Hofmann  fand  in  der  Langweile  des  Erstaunens  wenig  Kurz- 
weile.  Niemand  als  ich  und  er  wuBte  den  Inhalt  der  Vokation 
voraus.  Ich  sagte  jetzt  zu  dem  Fraulein  und  der  Jubel-Genossen- 
schaft:  »ich  hatte  keine  bessere  Charaktermaske  gewuBt,  um  mei- 
nen  Prophezeiungen  einer  Beforderung  des  Herrn  Kandidaten 
Glauben  zu  erwerben,  als  eben  die  des  Herrn  von  Esenbecks,  der 
fiir  alle  meine  alttestamentlichenWeissagungen  die  neutestament- 

20  liche  Erfullung  giitig  mitgebracht  habe.«  Das  neue  unwissende 
Staunen  amtisierte  Esenbecken  nicht  sonderlich.  In  der  Eile  wuBte 
das  Jubelpersonale  nicht  recht,  was  es  mit  dem  vornehmen  giiti- 
gen  einsilbigen  Herrn  vornehmen  solle;  aber  er  selber  wuBte 
noch  weniger,  was  er  mit  dem  Personale  anzufangen  habe  -  da  er 
nun  zu  dem  VerdruB,  den  ihm  meine  Stirn  schon  gemacht,  sich 
von  Amanden  noch  neuer  Zuschusse  versah;  so  nahm  er  einen 
verbindlichen  Abschied  und  setzte  sich  froh  in  seinen  Wagen, 
besonders  da  er,  wie  er  sagte,  noch  heute  auf  die  Insel  nachmiisse. 
Ich  kann  nicht  behaupten,  daB  mir  seine  Auswanderung  und 

30  Kotzebuische  Flucht  (nach  Paris)  auBerst  zuwider  war:  denn 
auBer  dem,  daB  er  in  dem  lymphatischen  System  unserer  Emp- 
findsamkeit  nichts  war  als  ein  Extravasat,  so  wurde  durch  ihn, 
durch  Gobertinen  und  mich  ein  erbarmliches  diirres  Zolibats- 
Kleeblatt  formiert,  das  -  denn  Esenbecks  kontrakte  Kontrakte  von 
Kebs-Ehen  zahl'  ich  fiir  nichts  -  so  wenig  Kinder  vorzuweisen 
hatte  als  das  kanonische  Kleeblatt  der  drei  geistlichen  Kurfiirsten. 


538  DER  JUBELSENIOR 

Nun  war  es  Zeit,  geheimnisvoll  zum  Fraulein  zu  treten  und 
solches  zu  beruhigen  und  zu  verstandigen :  ich  sagte  ihm  gerade- 
zu,  ich  sei  nichts  als  ein  Bucherschreiber  und  also  insofern  nur 
mein  eigner  maitre  de  plaisirs,  hielt/um  AblaB  fur  meine  bishe- 
rige  Kiihn-  und  Falschheit  an,  beteuerte  aber  zweierlei :  »erstlich 
sie  werde  sogleich  horen,  daB  durch  den  kurzen  Gebrauch  des 
Esenbeckschen  Namens  dem  ganzen  Pfarrhaus  groBes  Heil  wi- 
derfahren  sei  -  zweitens  sei  ihr  (Amanden)  selber  die  Rtickkehr 
ihrer  Briefe  assekuriert,  da  ich  nun  durch  den  Besitz  der  seinigen 
imstande  ware,  ihn  mit  der  Promulgation  derselben  zu  bedrauen  10 
und  zu  angstigen.«  Denn  in  der  Tat  konnt'  ich  jetzt  ihn  -  aber  sie 
konnt'  es  vorher  nicht  -,  wenn  er  nichts  herausgab,  zum  Helden 
eines  Lust-  und  Mokierspiels  erheben,  da  keine  Muskeln  einem 
Weltmann  groBere  Narben  stoBen  als  Lachmuskeln  und  keine 
scharfe  Spitze  tiefere  als  die  am  Epigramm.  Kurz  er  muBte.  -  Am 
Ende  konnte  die  Sackenbach  -  so  groB  die  Risse  und  Frakturen 
ihres  Adelsdiploms  und  so  klein  mein  papierner  und  gelehrter 
Adel  war  -  doch  mit  dem  gegenwartigen  Epopten  in  ihren  eleu- 
sinischen  Mysterien  voll  Gottergeschichten  und  mit  dem  Schutz- 
heiligen  und  Messias  des  erretteten  Pfarrhauses  nichts  weiter  ma-  20 
chen  als  —  Friede. 

Jetzt  war  es  meine  Pflicht,  endlich  einmal  die  Vokation  zu 
promulgieren.  Ich  promulgierte  und  verlas  solche  und  setzte  bei, 
dem  Fraulein  von  Sackenbach  habe  jeder  von  ihnen  bei  der  Sache 
das  meiste  zu  danken.  Die  Sippschaft  war  sprachlos  -  dann  gab 
ich  dem  Senior  das  Dekret  und  die  Brille  -  und  als  ers  halblaut 
vor  uns  alien  gelesen  hatte,  sagt'  er:  »Ja,  Gott  hat  geholfen  -  du, 
mein  jiingster  Sohn,  trittst  in  meine  FuBstapfen  und  bist  jetzt 
zum  zeitigen  Adjunktus  in  Neulandpreis  aus  Gnaden  voziert.« 
-  Ingenuin  nahm  das  Blatt  eilig,  aber  er  konnt'  es  nicht  lesen  und  30 
fassen,  das  rote  Titelblatt  der  Entziackung  stand  auf  seinem  Ge- 
sicht,  er  muBte  ohne  Besinnen  es  mir  verbeugend  geben.  Nun 
blieben  auf  alien  Zungen  die  Laute  aus,  aber  in  keinem  Auge  die 
Tranen.  Der  alte  Vater  nahm  freundlich  seiner  Tochter  Hand 
und  sagte:  »Du  kommst  also  morgen  nicht  von  mir,  und  nun 
bleibst  du  bei  deinen  Eltern,  bis  sie  sterben.«  -  Die  Mutter  fiel 


FUNFTER  OFFIZ'IELLER  BERICHT  539 

freudetrunken  dem  begliickten  Sohn  ans  Herz  und  sagte:  »Gott 
schenkt  mir  heute  mehr  Freude,  als  rriein  altes  Herz  wird  tragen 
konnen.«  -  Und  Alithea  fassete  dankbar  weinend  meine  Hand 
und  sagte  mir:  »Ja  wohl  haben  Sie  heute  recht  geweissagt«,  aber 
sie  besann  sich  schnell  -  denn  eine  Verlobung  hatt*  ich  prophe- 
zeiet  -  und  setzte  dazu:  »Aber  das  wuBten  Sie  doch  nicht  voraus, 
was  wir  Ihnen  zu  danken  kriegten.a  -  Und  dann  blickte  mich  die 
alte  Mutter  mit  dem  redlichsten  weichsten  Auge  voll  uber- 
schwenglichen  Lohnes  an.  -  O  ihr  guten  Alten,  die  ihr  gleich  den 

10  Federnelken  tief  in  das  Erdenbeet  (nur  wenige  Blatter  Hegen  noch 
auswarts)  eingesenket  seid,  ihr  guten  Kinder,  denen  das  Schicksal, 
wie  gefullten  Hyazinthen,  bei  dem  Versetzen  den  Boden  recht 
hart  zusammentrat,  wie  unbeschreiblich  schon  und  schimmernd 
und  erquickt  steht  ihr  alle  unter  der  Wasserung  der  Freuden- 
zahren  -  und  ein  laues  Wehen  spiilt  die  Tropfen  weg,  und  eine 
ganze  heiBe  helle  Sonne  liegt  auf  eueren  Blumenkelchen!... 

Aber  das  Saitenspiel  der  Entziickung  mache  nun  kleinere  Schwin- 
gungen !  Unser  aller  voriger  Bund  war  zertrennt  -  ein  neuer  ge- 
kniipft  -  das  Glockenspiel  der  innern  nachklingenden  Entziik- 

20  kungen  machte  taub,  und  der  Leuchtregen  der  frohen  Tranen 
machte  blind  -  die  Kinder  lachten  lauter  und  liefen  schneller  - 
ScheinfuB  lautete  heftig  zum  Nachmittagsgottesdienst,  und  nie- 

mand  horte  und  gehorchte Aber  endlich  gingen  doch  schon 

beim  vierten  Verse  die  zwei  Jubelleute  in  die  Kirche. 

Hingegen  die  iiberraschten  erhitzten  Professionisten  blieben 
samtlich  sitzen  und  wollten  kein  Gebet  mehr  tun  als  das  nach 
dem  Essen  und  suchten  sich  an  den  oft  angezognen  Ziemer  (er 
stand  bisher  wie  ein  alter  Klassiker  oder  wie  ein  neuer  ungenossen 
da  und  wurde  kalt  unter  Warmen)  gleichsam  wie  an  ihre  Kiblah, 

30  an  ihre  Handwerkslade  zu  halten,  oder  war's  ihr  Schwerpunkt 
und  primum  mobile.  Der  neue  Adjunktus  selber  ware  freudig 
bei  der  lustigen  Brudergemeine  verblieben,  hatt*  ihn  das  Zuggarn 
des  Jubilars  (es  war  aus  einigen  Mienen  gestrickt,  die  dem  Neu- 
vozierten  statt  der  profanen  Werkstatt  eine  heiligere  zeigten) 
nicht  weggeschleppt.  Gobertina  wollte  nach;  Alithea  muBtenach. 
Nur  mich  brachte  niemand  in  die  Kirche:  nachmittagige  Kir- 


540  DER  JUBELSENIOR 

chenandacht  kommt  mir  oft  vor  wie  vormittagige  Abendmusik. 
Jede  Vesperriihrung,  die  etwan  zu  gewinnen  war,  wurde  nicht 
nur  durch  die  groBere  des  Morgens  verschattet  und  verbauet, 
sondern  auch  durch  das  Magenfieber  vom  Mittags-Kleefutter: 
die  mit  dem  Honig  der  Nahrung  verpichten  Bienen-Fliigel  tragen 
die  Seele  auf  keine  Blume. 

Aber  die  Wahrheit  zu  sagen,  die  Sache  war  die,  ich  wollte  gern 
den  —  gegenwartigen  funften  offiziellen  Bericht  des  Appendix 
schlieBen:  noch  ist  er  nicht  geschlossen,  die  Sonne  steht  schon 
tief  und  mehr  an  der  Feder  als  auf  dem  Papier,  und  jede  Minute  10 
muB  ich  aufsehen,  daB  Alithea  aus  dem  Pfarrhause  heraufkommt 
■und  mich  fragt,  ob  ich  ewig  sitzen  und  schreiben  will. 

Man  muB  namlich  wissen,  daB  ich  vor  drei  Stunden,  als  die 
Kirchleute  noch  sangen,  mit  dem  vollen  Herzen  meines  Bocks 
und  mit  gegenwartigem  Papier  auf  den  bekannten  Birkenhelikon 
gestiegen  bin  und  mich  vor  ein  eingewurzeltes  Tischchen  auf  die 
um  die  drei  Hangebirken  wie  ein  Kragen  gekrummte  Zirkelbank 
gesetzt  habe,  wo  ich  -  eben  sitze  und  den  heuugen  Sonntag  ab- 
schatte.  Ich  bat  den  Buchdrucker,  niemand  auf  den  Berg  zu  las- 
sen,  und  es  werde  sein  eigner  Schade  nicht  sein.  -  Er  tats.  20 

Nun  sitzt  der  Leser  vor  dem  vollendeten  Sonntagsstiick  und 

vor  der  stereographischen  Projektion  erhabener  Fakta und 

jetzt  sen*  ich  nicht  ein,  warum  ich  nur  noch  einen  Strich  dem 
Tableau  geben  soil.  Ingenuin  ist  voziert  -  Alithea  ist  adjungiert 
-  der  Senior  ist  das  erstere  von  neuem  -  die  Seniorin  das  zweite 
von  neuem  -  das  Fraulein  ist  in  integrum  restituiert  -  die  drei 

Handwerker  haben  Arbeit  von  mir wahrhaftig  wenn  ein 

Autor  es  so  weit  gebracht  hat  mit  seiner  Mannschaft  und  Kolonie, 
daB  er  sie  alle  auf  eine  solche  Ruhe-  und  Fiirstenbank  niederge- 
setzt,  so  darf  er  schon  von  seiner  aufstehen  und  fortgehen.  Als  30 
Artist  Ids'  ich  mich  von  der  Familie  ab,  als  Mensch  und  Gast  ver- 
quick'  ich  mich  erst  recht  mit  ihr:  denn  ich  gehe  vor  acht  Tagen 
nicht  aus  Neulandpreis,  die  ich  auf  eine  kritische  Beschneidung 
des  Herzens,  der  Ohren  und  Lippen  dieses  Werkleins  verwenden 
will,  und  trage  noch,  wo  Ausschweifungen  fehlen,  die  notigsten 
gleichsam  als  Extravasate  und  Speckgeschwiilste  im  mystischen 


FUNFTER  OFFIZIELLER  BERICHT  541 

Korper  nach,  oder  in  einer  schonern  Metapher,  ich  putz*  ihn  mit 
Garnituren  von  Barockperlen. 

Dennoch  wiird'  ich  mir  nichts  daraus  machen,  den  Malern 
nachzuschlagen,  die  das  arrondierte  Gemalde  mit  einem  Besatz 
und  Anschrot  fremder  Gegenstande  vom  Rahmen  isolierend  ent- 
fernen  wollen:  aber  ich  will  bekennen,  was  ich  furchte.  Ach  wenn 
alte  eingewinterte  Herzen  schnell  in  der  schnellen  Warme  der 
Freudentranen  wie  gefrornes  Obst  auftauen :  so  halt  sich  die  zer- 
triebene  Textur  nicht  lange  mehr.  -  Der  Mensch,  der  vor  der 

10  Marter  aufrecht  blieb,  wird  oft  von  der  auflosenden  schwiilen 
Entztickung  gebeugt  und  bis  auf  die  Erde,  wie  Klosterbilder  sich 
kriimmen,  wenn  man  sie  warm  behaucht.  Und  wenn  dann  von 
diesem  fur  einen  Ton  bestimmten  Saiten-Paar  der  Ehe  die  eine 
Saite  unter  dem  heftigen  Anschlagen  der  Freude  risse,  so  wiirde 
bald  auch  die  andere  springen.  -  Und  diese  zwei  Leichen  hatt* 
ich  dann  in  diesem  meinem  Sommer-Pavillon,  wie  in  einer  kalten 
papstlichen  Kirche,  auszusetzen. 

Wie  toll!  -  Sen*  ich  nicht  jetzt  driiben  auf  dem  reparierten 
StraBendamm  die  zwei  alten  Leute  zwischen  ihren  Sohnen  gehen, 

20  und  der  Weginspektor,  der  Hamstergraber,  zeigt  ihnen,  wie  alles 
ist?  Alithea  fehlt,  denn  sie  kocht;  inzwischen  war  sie  gegen  vier 
Uhr  hier  auf  meiner  hohen  Lehrstelle  und  Loge  zum  hohen  (phy- 
sischen)  Licht  gewesen,  um  mir,  wie  sie  sagte,  den  gravierten 
Zahnstocher  mit  dem  furnierten  ZoilusgrifFunter  dieBirkennach- 

zutragen leider  wird  auch  mehr  als  ein  Leser  im  funften  Be- 

rkht  den  schattenden  Durchgang  einer  solchen  Venus  durch  mei- 
nen  Phobus  oder  auch  durch  die  Abendsonne  observieret  haben. 
Wir  sind  jetzt  einander  viel  naher,  seitdem  sie  weiB,  daB  ich  in 
der  Welt  gerade  so  viel  Figur  mache,  als  ich  kabe,  namlich  nur 

30  meine  eigne  statt  der  des  vornehmen  Herrn  v.Esenbeck.  Ich 
sagte  gleichwohl  der  Lieben,  der  Appendix  und  der  Tag  schlossen 
sich  nur  vereint,  und  darnach  konnte  sie  in  Gottes  Namen  wieder- 
kommen  und  mit  mir  treiben,  was  sie  wollte. 

Und  in  acht  Minuten  (das  weiB  ich?  da  die  Sonne,  wie  unter- 
irdisches  Schatz-Gold,  immer  weiter  versinkt  mit  ihrem  iiber- 
irdischen,  durch  ein  Abendrot  nach  dem  andern)  steht  sie  da. 


542  DER  JUBELSENIOR 

Uberhaupt  welch  einem  Abende  sen'  ich  entgegenl  Denn  das 
prophetische  Geriiste  aus  Kaffeesatz,  aus  rastriertem  Hand-Ge- 
ader  und  krummen  Temperamentsblattern  trag'  ich  so  wie  die 
Esenbecksche  rote  Goldader.und  Stirn-Aquatorlinie  ab,  da  nun 
die  groBte  Favorita  endlich  fertig  steht;  und  ich  brauche  weder 
(wer  zwange  mich?)  mehr  zu  weissagen  noch  zu  liigen  noch  frei- 
zudenken,  sondern  kann  so  viel  Religion  haben,  als  war'  ich  zwi- 
schen  meinen  vier  Pfahlen.  —  Mit  welcher  suB  schauernden  Brust 
werd'  ich,  halb  von  Morgen-Phantasien,  halb  von  Abendwolken 
rotgefarbt,  an  Alitheens  Hand,  die  ich  heute  in  die  weiche  ihres  u 
Geliebten  betten  helfen,  von  diesem  glimmenden  rauschenden 
Vorgebiirge  der  guten  Hoffnung  hinunterziehen  ins  geheiligte 
beruhigte  Abendzimmer  unter  lauter  Menschen  ohne  FalschI  — 
Noch  dazu  kann  ich  alles  genieBen,  ohne  daB  ich  im  geringsten 
aufpassen  oder  observieren  und  memorieren  muB,  weil  dieser 
Appendix  dann  schon  abgeschnappt  und  unfahig  ist  eines  neuen 
Nachtrags  von  lebendigen  Zugen.  -  Mit  welcher  reinerer  Wonne, 
als  ich  heute  fuhlen  konnte,  werd*  ich  die  fromme  der  befriedig- 
ten  Alten  teilen,  deren  schlaflen  Mund  jetzt  nur  das  lachelnde 
Entzticken,  nicht  der  SchlagfluB  verzieht  und  die  so  spat  im  2c 
Leben  Wohllaute  der  Jugend,  wie  Sterbende  Musik,  vernehmen ! 
-  Und  mit  welcher  Starke  werd*  ich,  da  die  Menschen  sonst  fur- 
einander  nur  die  Echos  ihrer  Hiobsklagen  sind,  wie  im  Mauso- 
leum der  Cacilia  ein  Widerhall  als  Repetierwerk  der  Trauer- 
stimmen  eingebauet  war,  unter  so  vielen  groben  und  klaren,  na- 
hen  und  fernen  Echos  der  Freudentone  selber  eines  vorstellen !  - 
Und  dann,  wenn  wir  alle  an  der  groBen  EBtafel  das  sorgenvolle 
Herz  ausgeschiittet  und  es  wieder  mit  dem  Labewein  der  Freude, 
der  Liebe  und  der  Tugend  nachgefiillet  haben,  und  wenn  die 
zwei  muden  Alten  und  die  abgehetzten  Enkel  eingeschlafen  und  30 
die  Handwerker  stummer  und  trager  geworden  sind,  mit  welcher 
labenden  Erweichung,  die  den  schwiilen  Lebens-Jubel  kuhlt, 
werd'  ich  schon  ganz  spat,  wenn  die  Silbersolution  des  Mondes 
in  groBen  Silbertropfen  von  den  regen  Birkenblattern  gleitet,  und 
wenn  die  Ewigkeit  die  Leichenfackeln  der  Sterne  um  die  schwarze 
Bahre  der  verhiillten  Erde  stellt,  werd'  ich  so  spat,  sag'  ich,  mich 


FUNFTER  OFFIZIELLER  BERICHT  543 

von  den  weichen,  tief  geriihrten  Brautleuten  auf  den  Gottesacker 
fiihren  lassen,  wo  die  keuchende  Menschenbrust  gleichsam  unter 
den  Zypressen  der  Insel  Kandia1  einen  erleichterten  Atem  holt!  - 
Und  dann,  wenn  wir  iiber  die  griinen  Stoppeln  des  abgemahten 
Kirchhofs  gehen,  den  die  weiBen  Grenzsteine  und  die  braunen 
Maulwurfshugel  des  Lebens  zerstiicken,  iiber  diese  verschuttete 
Grubenzimmerung  des  stumm  arbeitenden  Todes  und  iiber  die- 
sen  vollen  zugedeckten  untersten  Schiffsraum  der  schwimmenden 
Erde,  wenn  alsdann  das  tropfende,  vom  Hiigel  niedergezogne 

10  Auge  seine  Trane  fallen  lasset,  indem  es  aufwarts  blickt  unter 
seine  Sterne  hinein,  und  wenn  uns  dann  der  sanfte  Ingenuin  vor 
die  zwei  buntbestrichnen  holzernen,  aber  nun  bleichern  und  mor- 
schen  Schlieflquadrate  der  Lebensbiicher  seiner  Schwestern  bringt, 
und  wenn  er  schon  weint  und  seine  Braut  und  ich,  eh'  er  noch 
gesprochen  hat,  wie  suB  und  leicht  wird  dann  mein  Herz  zer- 
gehen!  —  Und  wenn  endlich  der  Bruder  spricht  und  uns  die  Na- 
men  und  die  Reize  der  entflohenen  Schwestern  sagt  und  wenn 
der  voile  Puis  der  heutigen  Freude  das  enge  Menschenherz  mit 
dem  zugegossenen  Blute  nicht  nur  voll  und  schwer  macht,  son- 

20  dern  auch  weich,  und  wenn  zuletzt  der  uberwundne  Jiingling  die 
warme  Hand  seiner  nachweinendenAHthea  wie  einen  Trost  ergreift 

und  sagt:  »Nun  bist  du  meine  einzige  Schwester «  Nein,  sage 

das  nicht,  Ingenuin,  ich  hatte  ebenso  viele  Schwestern  wie  du,  und 
die  Erde  hat  sie  verhiillt,  ich  will  sie  nicht  so  spat  heraufsteigen 
sehen  aus  dem  toten  Meere  der  Vergangenheit... 

Ach  warum  soil  sich  denn  der  Mensch  lieber  nach  der  Ver- 
gangenheit als  nach  der  Zukunft  sehnen,  da  bloB  ein  Gott  eine 
vergangne  Ewigkeit  hat  und  der  Mensch  nur  eine  kiinftige?  — 
Du  bist  hinuntergezogen,  goldne  Sonne,  und  hast  die  abblu- 

3o  hende  Rose  unsers  Abends  mitgenommen  und  sie  den  erwachten 
Menschen  .der  neuen  Welt  als  die  Rosenknospe  eines  frischen 

Morgens  gegeben  1 

-  Wie?  ich  hatt'  es  nicht  merken  sollen,  daB  eine  schwer 
atmende  Brust  hinter  mir  poche,  die  meine  fliegenden  Zeilen  im 

1  Dorthin  brachten  sonst  die  orientalischen  Arzte  ihre  Lungensiichtigen, 
weil  die  Zypressenwalder  die  Luft  fur  die  offizinell  und  heilsam  machen. 


544  DER  JUBELSENIOR 

Entstehen  erhascht? Nein,  nein,  geliebte  erste  Leserin,  nur 

sanft  zusammenfahren  uber  die  Anrede  sollst  du  jetzt  vor  so  vie- 
len  Lesern,  du  beste,  mit  dem  Monde  hinter  mir  stehende  und 
glanzende  -  Alithea ! . . . 

Ende  der  Geschichte 


Appendix  des  Appendix 
oder 

MEINE  CHRISTNACHT 

Manner,  die  gegenwartigen  Nachsommer  des  eben  geendigten 
Herbst-  und  Jubelfestes  den  funften  Hirten-  und  Zirkelbrief  an 
den  Leser  nennen,  haben  Verstand :  denn  die  vier  andern  waren 
wirklich  an  diesen  gestellt,  und  er  ist  der  verkappte  Freund.  Der 
Leser  kann  sich,  so  gut  wie  jener  Kuhhirt  zu  Chaunay  unter  Hein- 
rich  dem  Vierten,  den  Jedermann  oder  tout  le  monde  nennen.  - 

10  Ich  glaube  nicht,  daB  ein  Autor  etwas  lieber  schreibt  als  seine 
Vor-  und  seine  Nachrede :  hier  darf  er  endlich  reden,  was  ihn 
letzt,  seitenlang  von  sich,  und  was  am  meisten  labt,  von  seinem 
Werk  -  er  hat  aus  dem  Raspelhaus  und  SklavenschifT  des  Buchs 
den  Sprung  auf  diese  beiden  Spielplatze  und  Lustlager  getan  und 
hat  zwanzig  akademische  Freiheiten  bei  sich  und  eine  Freiheits- 
miitze  auf  dem  Kopfe  und  lebt  da  froher  als  sein  Leser.  Vom 
grauen  Altertum  sind  uns  diese  Saturnalien  zuerkannt  und  einge- 
raumt,  und  keiner  von  uns  mu6  sich  seine  zwei  Freiheitsfeste 
nehmen  lassen:  werden  nicht  deswegen  noch  immer  zwei  leere 

20  Blatter,  eines  an  die  Vorrede,  eines  an  den  BeschluB,  vom  Buch- 
binder  vor-  und  nachgestoBen,  gleichsam  als  weiBe  Tiirspane 
zum  Zeichen  der  Immission,  zum  Zeichen,  das  nachste  Blatt  sei 
ebenso  unbewohnt  und  ebenso  offen  beliebigen  Schreibereien? 
Doch  sind  diese  den  Garten  des  Buchs  einfassende  leere  Hahas 
auch  die  Wiisteneien,  die  ein  Buch  vom  andern  sondern  mussen, 
wie  groBe  leere  Raume  die  Reiche  der  Germanier  oder  die  der 
Nordamerikaner  oder  die  Sonnensysteme  auseinanderstellen. 

Daher  wird  mirs  niemand  verdenken,  daB  ich  mir  meine  Vor- 
redner  und  Beschliisse  -  denn  ich  spitze  mich  darauf  vom  Titel- 

30  blatt  an  -  fur  besondere  Tage  aufspare,  fin*  utopische,  fur  Tage, 
die  ich  von  den  Rheingegenden  der  Hoffnung  umzogen  sehe, 


546  DER  JUBELSENIOR 

namentllch  fiir  Neujahrs —  und  Schalttage  -  fur  die  langsten  - 
fur  die  kiirzesten  Tage  -  fiir  die  Geburtstage  meiner  geliebtesten 
Menschen  -  und  auch  fur  einundzwanzigste  Marztage  (woran  ich 
selber  auf  unsere  glatte  Kugel  heraustrat)  und  fiir  erste  Christ- 
tage... 

Einen  der  letztern  begehen  wir  heute,  und  alle  Kirchen  singen 
eben  um  mich. 

Es  konnte  viel  Stichhaltiges  angefiihret  werden,  um  es  zu  ver- 
teidigen  und  zu  verschanzen,  daB  ich  mir  gegenwartigen  Appen- 
dix des  Appendix  fiir  den  ersten  Feiertag  wie  anderes  Lagerobst  10 
aufbewahrt.  Besonders  mocht'  es  sich  horen  lassen,  daB  ich  dar- 
um  das  Christfest  abgepasset,  um  daran  so  gut  meine  Weihnachts- 
freude  zu  haben,  als  war'  ich  mein  eigner  Sohn  und  wiirde  vom 
guten  alten  Vater  reichlich  beschenkt  und  beschiittet:  wenigstens 
konnen  Manner,  die  Doxologien  und  Appendices  machen  und 
sich  selber  ein  Weihnachtsgeschenk  bescheren  als  ihre  eigne  Christ- 
kindlein  —  man  ist  ohnehin  sein  eigner  Ruprecht  oft  genug  — ,  sich 
keck  mit  jauchzenden  Kleinen  messen  und  solche  fragen:  »Seht 
her,  ob  man  nicht  ebensogut  seine  Weihnachts-Belustigung  ha- 
ben kann,  wenn  man  so  viele  Jahre  wie  Zahne  und  Ahnen  hat  und  20 
seine  Jubelseniores  beschlieBet,  als  wenn  man  ein  Jubeljunior  ist 
und  mehr  Zuckerwerk  und  Gaumen  hat  als  GebiB,  seht  nur  her, 
Schaker!«  Das  tun  sie  aber  schwerlich:  o  eine  gute  Limoniade1 
bringt  ihnen  jetzt  auf  der  Schwelle  der  Gartentiire  des  Lebens  - 
wie  Hofgartner  tun  -  einen  groBen  BlumenstrauB  zum  Geschenk 
entgegen,  ob  sie  gleich  nachher  im  langen  dicken  Hofgarten  des 
Lebens  mehr  zu  besehen  als  abzublatten,  abzupfliicken  und  abzu- 
beeren  kriegen. 

Was  inzwischen  mich  bewog,  den  heutigen  Tag  dazu  auszu- 
stechen,  war  hauptsachlich  der  gestrige:  —  der  magische  Christ-  30 
heilige  Abend  ist  nicht  schoner  zu  genieBen  als  durch  eine  Hoff- 
nung;  daher  macht*  ich  mir  die,  ihn  heute  auf  meine  papierne 
Kupferplatte  einzuatzen  mit  der  Atzwiege  und  mir  gestern  zu 
seinem  AufriB  und  zu  diesem  Appendix  die  schonsten  Ziige  und 
Farbenkorner  einzutragen. . .  Ach  unsere  Fruchtstiicke  sind  un- 
1  Die  Nymphe  der  Auen. 


APPENDIX  DES  APPENDIX  547 

sere  Fruchte,  unsere  Tuschschalen  sind  unsere  Zuckerdosen  und 
Regenbogenschiisseln  und  Zutschkannchen,  und  der  Dinten-  und 
Farbentopf  ist  unser  Blumentopf. 

Der  belogne  Liigenprophet,  der  Mensch,  hebt  seine  besten 
dicksten  Schinkenknochen  fur  die  Jahre  auf,  wo  ihm  die  Zahne 
ausfallen;  ja  nicht  bloB  dem  falben  Herbste  unsers  entlaubten 
Seins  werden  die  schdnsten  Freuden  aufgespart  -  wie  auf  den 
meteorologischen  Herbst  alle  Kirmesse  warten  — ,  sondern  auch 
clem  Ende  des  bloBen  Kalender-Jahrs,  dem  Ende  und  Schwanze 

10  eines  Buchs,  eines  Epigramms,  eines  Gastmahls,  eines  Krebses 
wird  das  beste  Fleisch,  das  Dessertservice,  kurz  Weihnachten 
aufgehoben.  Ich  wiirde  gestehen  und  versichern,  so  etwas  sei  toll 
und  zweifelhaft,  es  sei  nicht  gescheut  gedacht,  wiird*  ich  fort- 
fahren,  die  Knochen  im  FleischfaB  des  Lebens  wie  in  einem  an- 
dern  obenauf  zu  schlichten  und  solche  vor  alien  Dingen  und  alien 
Fettstucken  wegzukochen  und  wegzuessen,  weil  auf  den  Sterbe- 
listen  so  wenig  HofTnung  sei,  das  FleischfaB  nur  bis  auf  die  mitt- 
lern  Reifen  auszuleeren,  ich  wiirde  das  gestehen  (gestand  ich), 
wenn  nicht  jeder  Mensch  gerade  so  gliicklich  ware,  als  er  zu  wer- 

20  den  glaubt,  wenn  nicht,  mem*  ich,  das  Sparen  nur  ein  geistigeres 
Verschwenden  und  GenieBen  ware,  wenn  nicht  das  innere  Auge 
weiter  reichte  als  der  innere  Gaum,  kurz  wenn  nicht,  da  unser 
Sterneh-  und  unser  Wolkenhimmel  sich  nirgends  wolbt  als  unter 
unserer  Gehirnschale,  es  weniger  gleichgultig  als  notig  ware,  daB 
der  innere  Himmel  den  auBern,  der  selten  einer  ist,  erstatte,  re- 
flektiere,  verbaue.  Und  das  ists,  warum  ich  niemand  schelte  und 
warum  ich  glaube,  daB  sich  das  Aufbewahren  eines  Genusses  in 
nichts  vom  Antiiipteren  und  Verlangern  desselben  trenne  als  (vor- 
teilhaft)  in  der  Geistigkeit. 

30  »Aber  zuriick  zur  SacheU  wollt'  ich  jetzt  sagen,  und  sah  erst 
unbeschreiblich-vergnugt,  daB  ich  gar  von  meiner  Sache  nicht 
abkommen  kann,  ich  mag  mich  verbreiten,  woriiber  ich  will. 

Den  gestrigen  heiligen  Abend  genoB  ich  durch  die  HofTnung, 
daB  ich  ihn  heute  am  Christtage  beschreiben  wiirde:  diesen  ge- 
nieB*  ich  jetzt  dadurch,  daB  ich  mich  des  gestrigen  Tags  erinnern 
will.  Nicht  nur  die  Logik  hat  ihren  Zirkel,  den  philosophische 


548  DER  JUBELSENIOR 

Dilrer  leicht  und  fertig  machen :  auch  die  Freude  hat  ihren  Zau- 
berkreis,  ihren  glanzenden  Ring  um  den  bleifarbigen  Saturn  der 
Zeit. 

Fast  alle  Menschen  lieferten  gestern  Zuckerrohr  in  die  Zucker- 
rafflnerie  meiner  Lust,  bloB  die  Schneidermeister  in  den  preuBi- 
schen  Staaten  ausgenommen :  denn  diese  muBte  ich  bedauern. 
Diese  Gewerkschaft  hat  noch  am  heutigen  Festtag  die  Nadel  in 
der  Hand,  iibermorgen  fadelt  sie  wieder  ein,  weil  ihr  die  Gesetze 
den  dritten  Ton  aus  dem  Fest-Dreiklang,  den  dritten  Feiertag, 
wegnehmen;  also  bleibt  ihr  nur  einer  iibrig,  gleichsam  ein  bloBer  10 
Sonntag.  Das  ist  nicht  viel  fur  ein  hohes  Fest;  aber  genug.  Denn 
ob  man  gleich  der  produzierenden  Klasse  als  Ersatz  fur  die  drei 
Grade  der  Tortur  ebensoviel  Himmel,  namlich  Feiertage  gonnen 
mochte  -  besonders  da  ihr  Lebens-Friihling  gerade  dem  Friih- 
ling  des  Mondes  gleicht,  der  nie  langer  wahrt  als  drei  Tage  -:  so 
muB  man  doch  auch  horen,  was  die  Vernunft  sagt.  Diese  sagt 
aber  ganz  laut,  daB  die  gemeinen  Leute  Gott  danken  sollen,  wenn 
ihnen  der  Staat  nur  noch  Werkeltage  lasset,  geschweige  Sonntage: 
hohe  Feste  gehoren  eigentlich  fur  den  hohen  Adel,  Sonntage  fur 
den  niedrigen,  Apostel-  und  Marientage  fur  Honoratiores  und  20 
etwan  ein  halbierter  Apostel  tag  furs  Volk.  Nehmen  denn  nicht 
die  hohern  Klassen  die  Feier  der  heiligen  Ruhetage,  die  man 
den  niedern  erlasset,  mit  Freuden  auf  sich  und  geben  dafiir 
diesen  solche  her,  an  denen  etwas  zu  verdienen  ist?  Denn  ein 
Kammerherrnstab,  ein  Hofmarschallsstab,  kurz  ein  Hofstab 
bewahrt  vielleicht  noch  die  schonsten  Sittenreste  der  alten,  von 
Tacitus  abgezeichneten  oder  vielmehr  abbossierten  Deutschen; 
wenigstens  weiB  ich  nicht,  wo  ich  eine  groBere  altdeutsche 
Liebe  zum  freien  Leben  und  zum  Spiel,  eine  schonere,  alien  freien 
Wilden  gemeine  Flucht  der  Arbeit,  die  ihnen  bloB  Jagd  und  30 
Krieg  erlaubt,  noch  suchen  soil.  Nicht  nur  die  freien  Nationen, 
z,  B.  Griechen  und  Romer,  verbrachten  drei  Viertel  des  Jahrs  in 
hohen  Festen,  sondern  auch  noch  jetzt  die  freien  Leute  auf  der 
Kurial-Heide. 

Nehm'  ich  aber,  wie  gesagt,  die  preuBischen  Schneider  aus,  so 
ging  vor  meinem  Fenster  kein  Mensch  vorbei,  der  nicht  eine  ver- 


APPENDIX  DES  APPENDIX  549 

grofierte  Zuckerfigur  fur  meine  Phantasien  wurde Ich  sehe 

aber  nicht,  warum  ich  nicht  den  ganzen  Sonnabend  abmale.  — 
Es  muB  schon  in  den  mannheimischenWetterbeobachtungen  ver- 
zeichnet  stehen,  daB  gleich  gestern  am  Morgen  das  Wetterglas 
stieg,  der  Schnee  flel  und  der  Wind  umsprang  und  vor  den  heiH- 
gen  drei  Komgen  vorauslief  als  Stern.  Dann  ging  der  Tag  und 
die  Arbeit  an,  der  ich  zusah,  um  heute  eine  zu  haben.  Ich  sah  auf 
der  Gasse  keinen  einzigen  Menschen,  der  schlich,  sondern  lauter 
Luftspringer,  Sturmlauferinnen  mit  dem  Lauferschurz  und  Ren- 

jo  ner  nach  dem  dreitdgigen  Le&en,  das,  wie  Christi  dreitdgiger  Tod, 
der  Exponent  einer  Ewigkeit  war.  Der  arme  Teufel,  die  arme 
Teufelin,  die  vormittags  saen  und  abends  ernten  und  zwischen 
deren  Saatkorn  und  Brotkorn  der  kleinste  Unterschied  der  Zeit 
und  des  Ertrages  ist,  erzwingen  und  erbeuten  nicht  nur  durch  den 
UberschuB  ihrer  Anstrengung  drei  ruhende  Tage,  sondern  auch 
drei  verschwendende  -  so  daB  also  der  Staat  oder  Fiirst  —  d.  h.  der 

Staat  im  Staat  -  nichts  dabei  verlieren  kann 

Bei  Gott!  warum  soil  meine  Brust  nicht  so  gut  warm  und  un- 
mutig  werden  wie  Mosers  seine?  Warum  soil  ichs  nicht  ohne  alle 

20  ironische  Umschweife  -  denn  der  ironische  BogenschuB  wird 
verziehen,  aber  nicht  der  ernsthafte  Kernschufi7  weil  die  Hohen 
und  Hochsten  der  Erde  Iieber  sich  die  groBten  Wahrheiten  sagen 
lassen,  als  den  Niedrigen  und  Niedrigsten  ihres  schweren  Throns 
die  kleinsten  -  warum  soil  ichs  nicht  heraussagen,  daB  es  erstlich 
entsetzlich  hart  ist,  nicht  nur  den  iiberladenen,  nicht  fur  alte,  ge- 
schweige  fur  neue  Arbeitstage  besoldeten  Schulleuten  -  den  be- 
frachteten  gekriimmten  Dikasterianten  -  den  sogenannten  wei- 
Ben  Christensklaven  oder  Dienstboten,  die,  wie  die  schwarzen, 
besondere  eigne  Allodial-  und  Freietage  zu  eignen  Arbeiten  ha- 

jo  ben,  namlich  Fest-  und  Feiertage,  letztere  ganzlich  bis  den  letzten 
unerbittHch  wegzureiBen  —  daB  es  zweitens  noch  harter  ist,  die 
hebenden  Hoffnungen  niedergebeugter  Froner  des  Geschkks  und 
ihre  religiosen  Wiinsche  zugleich  zu  verkurzen  und  anzufallen 
und  ihre  Arbeiten  ohne  ihre  Kenntnisse,  sondern  die  alten  Irr- 
tumer  zugleich  mit  neuen  Seufzern  zu  verdoppeln  —  daB  es  drit- 
tens  nicht  bloB  unmoralisch.  sondern  auch  unnotig,  wenn  nicht 


550  DER  JUBELSENIOR 

finanzwidrig  ist  (und  dieses  beruhrt  den  wahren  einsichtigen 
Staatsmann  schon  naher),  unsere  einzigen  Volksfeste  (das  sind 
die  Kirchenfeste)  zu  schmalern,  da  die  Freude,  nicht  die  Notdurft, 
da  nicht  Wasser  und  Brot,  sondern  Meisterbier  und  Meisteressen 
odergebranntes  Wasser  und  Himmelsbrot  dieMuskeln  und  Flech- 
sen  der  Arbeit  spannt  und  stahlt1,  da  ferner  die  Sterbelisten  der 
westindischen  Neger  es  verbieten,  die  Kraft  wie  etwan  in  der 
Mechanik  durch  die  Zeit  zu  ersetzen,  da  endlich  die  ahnliche  oder 
groBere  Blute  anderer  protestantischer  Lander  voll  Feste  und  die 
natiirliche  Auswanderung  gezwungner  Sabbatsschander  und 
Schanzarbeiter  in  jene  feiernden  Lander  und  die  Reichsunmittel- 
barkeit  und  Machtvollkommenheit  der  Handwerkspursche  den 
metallischen  Ertrag  aufgehobener  Festtage  um  die  Halfte  ver- 
kleinern? 

Und  doch  glaub*  ich  kein  Wort  von  allem  vorigen.  Denn  was 
konnt*  ich  einem  Etatsminister  mit  Grund  antworten,  wenn  er 
mich  fragte:  ob  nicht  die  Menschen  bloB  dann  so  denken  lernen 
wie  Esel,  wenn  sie  ebenso  tragen  miissen  wie  diese,  und  ob  nicht, 
wenn  man  das  MiihlenroB  verfinstert,  damit  es  besser  umlaufe  und 
{iehe,  umgekehrt  der  schnellere  Umlauf  und  Zug  ebensogut  Ver- 
finsterung  und  Schwindel  verspreche?  —  Denn  in  der  Tat,  die 
Finken  blendet  man  zwar,  damit  sie  singen,  aber  die  Menschen 
ofTenbar,  damit  sie  schweigen. 

-  Die  Wctlken  ballen  und  spalten  sich  jetzt  immer  schoner  und 
groBer,  und  der  hohe  feme  Himmel  schauet  blauaugig  durch  sein 
Nebel-Gitter  auf  unsern  schnellen  Freudentag  herein  ...  warum 
keif  ich  und  grolP  ich  und  seufz'  ich?  -  Kann  ich  denn  nicht  den 
gestrigen  wieder  vornehmen  und  malen  und  damit  den  heutigen 
erleuchten?  —  Ich  fahre  also  fort.  Ich  sagte  schon,  daB  jeder  ge- 
stern  lief.  Die  SchweiBtropfen  der  Anstrengung  flossen  tiber  lau-  : 
ter  erheiterte  Gesichter,  und  die  Arbeit  und  die  HofTnung  zu- 
gleich  verdoppelten  den  Herzensschlag;  -  ich  sah  auf  der  Gasse 
lauter  galoppierende  Kinder  und  plaudernde  soeurs  servantes, 
namlich  Magde,  aber  zu  Hause  saBen  jene  und  liefen  diese,  um 

1  Ein  Mensch,  der  nur  nicht  verhungern  will,  braucht  und  tut  nicht  viel: 
das  zeigen  die  Bettler  und  die  Italiener  und  Spanier  und  Portugtesen. 


APPENDIX  DES  APPENDIX  55  I 

fur  die  kiinftige  Wohltat  schon  ebensowohl  zu  danken  als  zu 
werben.  -  Meine  Phantasie  tat  Haussuchung  und  fand  die  jiingern 
Kinder  mit  einiger  Werkheiligkeit  in  einem  neuen  Leben  wan- 
delnd,  indes  die  altern  mehr  durch  Glauben  als  gute  Werke  selig 
werden  wollten;  ja  sogar  die  Eltern  fand  ich  -  ich  sah  wie  der 
heilige  groBe  Christophel  in  die  Fenster  -  aus  einem  Revolu- 
tionstribunal  in  bloBe  Gesetzprediger  verkehrt,  die  die  frommen 
Kleinen  nicht  mehr  zum  aktiven  Schiffsziehen,  sondern  nur  zum 
passiven,  namlich  mildern  Kielholen   verurteilten.  Ich   sah  in 

ro  Hauser,  worin  die  Kinder,  als  englische  Kopiermaschinen  ihrer 
Eltern,  mit  aufgewarmten  Spielwaren  voriger  Christtage  sich  ein- 
ander  Titular- Christgeschenke  bescherten  und  vorher  einander 
als  alternierende  Ruprechte  entsetzlich  erschreckten.  Ich  horte 
alle  Mutterherzen  lauter  schlagen  und  sah  die  Mutteraugen  langer 
wach;und  in  jeder  ermudeten  sorgenden  Mutter  kam  mir  der  alte 
Gedanke  und  die  alte  Freude  entgegen,  daB  die  Mutter  unserem 
Geiste  Warme  geben  und  die  Vater  Licht,  daB  wir  jenen  die  frii- 
here  Anbriitung  und  war  me  Belebung  des  Herzens  durch  Liebe 
fruher  verdanken  als  diesen  die  Bereicherung  des  Kopfes,  wie  die 

20  neugeborne  Taube  einige  Tage  nur  erwarmet  werden  muB,  ehe 
sie  geatyet  zu  werden  braucht.  Die  Armste,  deren  Lebensfaden 
sich  aus  der  Wolle  dreht,  die  sie  spinnt,  will  ihren  guten  Kleinen 
wenigstens  einen  Morgen  lang  etwas  WeiBeres  zu  brocken  und 
zu  beiBen  geben  als  Haus-Brot  —  und  die  Menschenstalle,  deren 
Klausner  in  der  wilden  Schweinshaut,  die  aufgebreitet  als  Vor- 
grund  schoner  Zimmer  den  Schmutz  abputzt  und  wegburstet, 
selber  stecken,  sind  mit  goldnem  Regen  und  silbernen  Schnee- 
flocken  gestickt  und  punktiert  —  und  die  junge  Mutter  will  den 
erstgebornen  eingewindelten  Saugling  mit  seiner  dunkeln  Seele 

30  vor  den  beladenen,  mit  den  Goldquasten  von  Apfeln  und  mit  den 
NuB-  und  Fruchtschnuren  und  Hang-Zucker  illuminierten  Baum 
des  Erkenntnisses  tragen,  weil  das  gebende  sehnsuchtige  Mutter- 
herz  die  Jahre  nicht  erwarten  kann,  worin  der  reifere  Liebling 
das  pranumerierte  Geschenk  geniefiet  und  begreift.  -  Und  so 
flelen  in  den  Veilchensirup  aus  gesammelten  verbluhten  Veilchen, 
den  meine  Phantasie  verdickte  und  blau  kochte,  keine  Stiele  und 


552  DER  JUBELSENIOR 

versprungnen  Kohlen,  ausgenommen  die  durchpassierenden  Re- 
kruten,  die  keinem  andern  abgehauenen  Christbaum  entgegen- 
marschierten  als  dem,  woraus  der  Korporal  seinen  Stock  aus- 
bricht,  und  die  am  Christmorgen  noch  vor  tags  mit  den  Werbern 
aus  dem  Gasthofe,  vor  lauter  erleuchteten,  mit  Gold  gestickten 
Fenstern  vorbei,  ins  Freie  wandern  muBten :  die  Postknechte  rit- 
ten  doch  am  Morgen  zu  ihren  entgegenhiipfenden,  neu  drapier- 
ten  Kindern  zuriick. 

Was  mich  gestern  so  sanft  anklang  wie  das  gewohnliche  Fest- 
Einlauten,  waren  drei  fremde  Kinder,  die  ich  belog.  Ich  gesteh*  10 
es  Rezensenten  und  Atheisten,  ich  befesrigte  die  drei  glaubigen 
Jiinger,  so  sehr  ich  konnte,  im  erwiesenen  Irrtum  eines  existieren- 
den  —  Christkindleins :  es  fliege  hoch  und  golden  (macht*  ich  ihnen 
weis)  iiber  die  Hauser  und  schaue  herab  auf  gute  und  bose  Taten 
der  Kinder  und  belohne  jene  und  bestrafe  diese.  Ich  zeigte  ihnen 
ohne  Bedenken  eine  entfallne  Pfauenfeder  desselben  (wie  man  in 
mittlern  Zeiten  des  Erzengels  Michael  Federkiele  wies),  da  es  auf 
der  umkreisenden  Turmfahne  die  Schwingen  ausdehnte  und  wie- 
de*r  zusammenschlug 

Es  ist  kindisch  und  pedantisch,  aus  Kindern  freudige  Irrtumer  20 
auszujaten,  die  nur  Rosenabsenker  und  keinen  Nesselnsamen  tra- 
gen  konnen.  Jagt  den  Ruprecht  fort,  aber  lasset  das  magische 
Christuskind  mit  griingoldnem  Gefieder  zwischen  den  wider- 
scheinenden  Dezemberwolken  ziehen;  denn  jener  richtet  sich  ein- 
mal  grimmig  mit  gezahnten  Tatzen  im  Fieber  auf,  aber  dieses 
fliegt  einmal  vergoldend  und  anlachelnd  durch  einen  dunkeln 
Traum  und  durch  die  letzten  Abendnebel  auf  dem  Sterbebette 
und  durchbricht  mit  hellen  laufenden  Goldpunkten  den  flnstern 
Dunst. 

Der  hohe  Glaube  der  Kinder  an  ein  Menschenwort  und  also  30 
ihre  Bereitwilligkeit,  grobe  Tauschungen  glaubig  aufzunehmen, 
ist  so  groB  und  so  tatig  als  ihre  -  herumgreifende  Aufmerksam- 
keit,  die  das  gemalte  blinde  Tor  der  Tauschung  trotz  der  Tor- 
sperre  oflnen  will;  -  und  daher  kommt  es,  daB  der  Verfasser  des 
Jubelseniors,  als  er  noch  Husar  (ich  meine,  im  Husarenpelz)  war, 
nicht  vermochte,  aus  alien  gepackten  Korben  und  aus  alien  Zu- 


APPENDIX  DES  APPENDIX  553 

bereitungen  zum  Christgeschenk  und  aus  alien  Gertichen  des 
angemalten  Spielzeugs  und  des  heiBen  Backwerks  und  aus  dem 
Augenschein  selber  (da  er  wirkliche  Menschen  bescheren  sah) 
herauszubringen,  daB  niemand  weiter  die  Hand  in  diesem  gliick- 
lichen  Spiele  habe  als  eben  Menschen :  ich  nahm  wenigstens  gleich 
einem  Tkeologen  an,  das  Christuskind  greife,  da  ich  die  unmittel- 
bare  Einwirkung  aufgehoben  sah,  zur  mittelbaren  und  schenke 
durch  fleischerne  Erdenhande.  Und  dann  als  auch  dieser  bunte 
Nebel  zu  Wasser  wurde:  so  gab  ich  keinen  Groschen  furs  ganze 

io  Geschenk.  Ich  erinner'  mich  noch  wohl  meiner  damaligen  er- 
schlafFenden  oden  -  Entzauberung: ...  und  so  wird  mein  Geist 
und  jeder  Geist,  auf  den  die  unsichtbare  Luftsaule  des  Lebens  in 
unserer  Erden  -Tiefe  herunterdruckt,  ewig  seine  Arme  und  Flugel 
nach  einem  hohern  Ather  ausstrecken  —  ewig  wird  unser  armes, 
in  die  Klausur  der  Brust,  in  den  Block  des  schweren  Erdenbluts, 
in  die  Lauf  bander  derNerven  gefesseltes  dumpfesHerz  sich  strau- 
bend  und  schwellend  und  oft  brechend  gegen  das  Element  auf- 
schlieBen,  in  dem  es  schlagen  soil  -  denn  die  UnermeBlichkeit  ist 
unser  Ort,  und  die  Ewigkeit  ist  unsere  Zeit,  und  das  Geschopf 

20  ist  nur  der  Vorlaufer  unsers  geliebten  Schopfers. 

O  daher  verlieret  jene  Jugendzeit,  wo  die  Wirklichkeit  groBer 
und  lichter  war  als  der  gedriickte  enge  Wunsch  in  der  Kinder- 
brust,  niemals  ihren  Schein:  dort  war  es  schon,  da  uber  den 
kleinen  Kopf  sich  noch  kein  groBerer  Himmel  wolken  konnte, 
als  der  iiber  ihm  stand,  und  da  wir  noch  aus  der  Morgenluft  (un- 
serer Lebensluft)  unsere  Luftschlosser,  d.  h.  unsere  Lustschlosser 
bauen  durften  . . .  dort  war  es  schon,  wo  uns  noch  der  Schlafrock 
des  Vaters  so  warm  und  dicht  umhullte  wie  der  Mantel  des  Schla- 
fes,  wo  die  Erde  noch  die  Phantasie,  nicht  diese  jene  bevolkerte 

30  und  wo  wir  uns  statt  der  Ewigkeit  nichts  wiinschten  als  Jahre  und 
nichts  Hohers  sein  wollten  als  Eltern... 

Daher  grub  ich  mir  gestern,  als  die  Nacht  meinen  Lustgang 
und  Himmelsweg  der  Gasse  sperrte,  auf  den  Stubenbrettern  das 
verfahrne  Gleis  von  neuem  auf,  das  der  Laufwagen  meiner  kindi- 
schen  Jahre  mit  den  Ezechielsradern  eines  Himmelswagen  gezo- 
gen  hatte.  Alles  ruhte  neben  mir  und  in  mir  -  uberall  setzte  ich 


554  DER  JUBELSENIOR 

gewisser  als  sonst  begliickte  Sterbliche  voraus  -  das  Treiben  der 
hauslichen  Arbeit  hatte  aufgehort,  die  weiblichen  Brandungen 
waren  geglattet,  die  Fenster-  und  Bett-Vorhange  hingen  und 
gleiBten,  der  Meersboden  der  sandigen  Stube  blinkte,  die  Mehl- 
Barren  oder  gekneteten  Back-Bldcher  und  Wellbaume  rauchten 
aus  und  wurden  kalt  -  alles  Geliebte  urn  mich  saB  und  hoffte  - 
ich  lief  und  hoffte  -ja  ich  sah  den  Paradiesvogel  der  Freude  neben 
dem  Adventsvogel1  fliegen  und  uns  mit  dem  regen  schillernden 
Gefieder  blenden. 

In  einem  solchen  Enthusiasmus  war  mirs  unmoglich,  ein  ge-  10 
ringeres  Buch  zu  ergreifen  als  die  —  Fibel.  Wenige  Biicher,  die 
ich  kaufe  oder  mache,  les'  ich  mit  solchem  Entziicken  als  dieses 
am  hauflgsten  aufgelegte  Werklein,  dieser  vergoldete  Tiirgriff  an 
alien  Universitats-  und  Lehr-  und  Lerngebauden.  Ich  mache  mir 
mein  Entziicken  dadurch  begreiflich,  daB  ich  es  aus  dem  groBen 
alten  ableke,  womit  ich  das  erste  Abcbuch  mit  seiner  goldnen 
Metallschrift  auf  der  holzernen  bunten  Flugeldecke  in  meinen 
kindlichen  Handen  glanzen  sah.  Schon  das  Innere  des  Buchs, 
namlich  die  24  Buchstaben  sind  mir  nicht  gleichgultig,  da  ich  von 
ihnen  lebe,  indem  ich  sie  bloB  gehorig  wie  Karten  oder  Lose  20 
mische;  aber  doch  zieht  mich  das  Werkchen  starker  an,  wenn  es 
zu  ist  und  ich  das  goldne  Abe  aus  meinem  goldnen  Zeitalter  auf 
demLetterholz  derSchale  vor  mir  flimmern  sehe  wie  einen  durch- 

brochnen  illuminierten  Namenszug  auf  einem  Ehrenbogen. 

Aber  da  ich  gestern  die  mit  Goldfarbe  aufgefrischte  Trummer 
der  Vergangenheit  beschauete :  so  wurde  mir  plotzlich  wie  einem, 
der  aus  einem  langen  Schlaf  erwacht,  und  mir  kam  vor,  ich  hatte 
nur  eine  Stunde  geschlafen,  namlich  gelebt  -  ich  fragte  mich: 
kann  denn  die  Zeit  so  weit  zuriickgesunken  sein,  deren  Grab- 
schrift  in  erhobenen  metallenen  Lettern  so  hell  vor  und  in  dir  30 
steht  -  ist  denn  der  Tag  des  Lebens  nicht  bloB,  wie  der  Christ- 
abend,  so  dunkel  und  kalt,  sondern  auch  ebenso  kuri? 

Aber  ich  gab  mir  selber  ein  Trauerreglement  und  IieB,  um 
meine  vier  Gehirnkammern  nicht  schwarz  auszuschlagen,  iiber  diese 
wie  iiber  eine  dunkle  Kammer  die  gefarbten  lebendigen  Morgen- 

1  Die  Norweger  glauben,  er  komme  nur  am  vierten  Advent. 


APPENDIX  DES  APPENDIX  555 

bilder  aller  der  Freuden  Ziehen,  die  jetzt  urn  andere  Lander  flat- 
tern.  Ich  versetzte  mich  statt  in  alle  Gassen  nun  in  alle  Zonen.  Ich 
konnte  mit  GewiBheit  zu  mir  sagen:  »In  dieser  Stunde  rasten 
tausend  Miide  -  tausend  SaugHnge  schlummern  trunken  an  den 
sanft  heriibersinkenden  Muttern  ein  —  jetzt  steigt  die  Sonne  wie 
das  Haupt  des  Meergottes  aus  dem  entziindeten  Meere  und  wirft 
Rosen  auf  Inseln,  und  diese  beschauen  ihre  bekranzten  Ufer  im 
Zauber  -  Wasser  —  und  in  dieser  Minute  weicht  sie  von  den  breiten 
Ernten  anderer  Lander  und  versteckt  sich  hinter  Orangengipfel, 

io  dann  hinter  Weizenahren  und  zuletzt  hinter  drei  Rosen  voll  Laub 
und  strahlet  endlich  verschleiert  nur  in  der  geriihrten  Seele  eines 
nachblickenden  Dichters  fort  -  Wie  viele  Liebende  fallen  in  die- 
ser Stunde  einander  ans  Herz!  Wie  viele  Getrennte  erblicken  sich 
wieder!  Wie  viele  Kinder  schlagen  jetzt  unter  unsern  Wolken 
zum  erstenmal  die  Augen  auf,  und  ihre  Eltern  lacheln  statt  ihrer! 
—  Welchen  schonen  Perlenbach  von  Freudentranen  sieht  jetzt  der 
gliickliche  Genius  der  Erde  unter  Nachtigallentonen  und  Freu- 
denfesten  niederfallen !  -Ach  wie  freudig  sen'  ich  die  bunte  We- 
sen-  und  Blumenkette  heller  abgetrockneter  Augen  und  wonne- 

20  voller  Herzen  um  die  Erde  gehen  1  Und,  o  du  guter  Genius,  gehor' 
ich  denn,  indem  ichs  sehe,  nicht  auch  dazu?«  - 

Ach  ich  riB  mich  bald  vom  bekranzten  Zuge  ab,  weil  meine 
aufgeriittelte  Phantasie  mir  auch  einen  zweiten  parallelen  trauern- 
den  zeigte,  der,  gesenkt  und  in  Flor  gehullt,  schweigend  oder 
klagend  durch  das  enge  Theater  geht.  Aber  ich  will  euch  nicht  in 
das  dunkle  Trauerbilder-Kabinett  hineinfuhren,  das  ich  mit  den 
Nachtstiicken  des  Trauergefolges  dieser  Stunde  behing,  und  wor- 
in  ich  es  make,  wie  viele  Wunden  und  Graber  in  dieser  Minute 
gemacht  werden  -  wie  viele  Seufzer  steigen  -  wie  viele  unserer 

30  Geschwister  trostlos  erbleichen  -  wie  viele  geschieden,  verlassen, 

verachtet,  zertreten  und  durchbohrt  werden Nein,  diese  Tro- 

phonius-Hohle,  diesen  diistern  Trauersaal  schlieBe  die  HofTnung 
zu.  -  Aber  in  dieser  aus  Schmerz  und  Wonne  zusammengemisch- 
ten  Wehmut,  die  bald  kraftlos  gegen  die  tiefen  Gewitterwolken 
der  Leiden  wie  gegen  die  physischen  kein  Mktel  auf  dem  Lebens- 
Wege  kennt,  als  sich  hinzulegen  in  die  sicherste  und  letzte,  aber 


55<5  DER  JUBELSENIOR 

kalteste  und  engste  Hohle,  bald  aber  sich  Iieber  mit  lachelnden 
Schmerzen  aufrichtet  und  im  Gewolke  des  Grams  das  Bild  des 
Unendlichen  und  seines  Himmels  leichter  erkennt,  wie  wir  die 
kleinere  Sonne  nur  im  uberflorten  Spiegel  betrachten,  —  in  diesem 
vermengten  Zustande  voll  kampfender  Traume  sucht'  ich  den 
Schlummer  aufj  der  mit  einerri  leichtern  kiirzern  Traume  den 
Zwist  der  andern  schlichtet. 

Aber  ich  fand  ihn  nicht.  Die  Winterstunden  zogen  trage  mit 
ihren  langen  Schatten  voriiber.  Meine  innern  Bilder  wurden  von 
elektrischen  Funken  lichter  und  reger  und  bewegten  sich  endlich  10 
im  schwarzen  Raum  der  Nacht,  anfangs  vor  den  geschlossenen 
Augen,  dann  vor  den  geoffneten.  Ich  sah  sehnlich  der  erleuchte- 
ten  Morgenstunde  des  heutigen  Tages  wie  einem  betaueten  Friih- 
ling  entgegen.  — 

Ich  ging  ans  Fenster,  um  den  Nachtfrost  als  Alpenschnee  in 
den  heiBen  Zaubertrank  meiner  Phantasien  zu  werfen;  auchwollt* 
ich  die  nahe  gewohnliche  Christnachts-Musik,  die  vom  umweh- 
ten  eisernen  Turmgelander  iiber  taube  Hauser  geblasen  wird, 
naher  und  voller  auftrinken.  Unten  vor  mir  lag  eine  schlafende 
Gasse  erloschener  Beinhauser  -  iiber  die  Bleiche  aus  Schnee  zog  20 
die  schwarze  Trauerschleppe  des  geschmolzenen  Stroms  den  lan- 
gen Faltenwurf —  nackte  Baume  vergitterten  die  weifie  Ebene  mit 
ihren  schwarzen  Gerippen,  und  der  breite  Trauerrand  diisterer 
Walder  endigte  die  bleichen  Hugel  -  iiber  den  blauschwarzen 
Himmel  wurde  aufgelostes  Gewolke,  gleichsam  vergrofierte 
Schneeflocken,  getrieben,  und  um  die  ewigen  tiefen  Sonnen  gau- 
kelte  der  flatternde  Dunst  der  Erde.  — 

Als  der  Nachtwind,  der  einzige  lebendige  Atem  der  Natur, 
meine  erhitzte  Stirn  und  meine  geschlossenen  Augen  kiihlend 
iiberspiilte  und  sich  wie  Friihlingslaub  um  meine  Traume  auf-  30 
blatterte:  so  kamen  wahre  Traume  und  der  starre  Schlaf. 

Der  Traiim  und  das  Alter  spielen  den  Menschen  in  die  Kind- 
heit  zuriick,  und  in  der  kalten  Nacht  von  beiden  iiberkriecht  das 
Hchtscheue  Erdgewiirm  des  kindischen  Wahns  wieder  das  Herz. 
Mir  traumte,  ich  stiege  auf  den  hochsten  Eisberg  der  Erde,  um  auf 
seinem  Gipfel  kniend  mein  Ohr  an  das  verschlossene  Kirchen- 


APPENDIX  DES  APPENDIX  557 

und  Gottesackertor  der  Zukunft  dieses  Jahrs  zu  legen  und  sie  zu 
belauschen.  Unter  dem  Eisgeburge  lagen  die  Stadte  und  Kirch- 
hofe  der  Erde  weit  umher  in  dammernder  Tiefe  -  alles  schlief, 
nichts  leuchtete,  nichts  regte  sich,  und  die  ganze  Erde  war  von 
einer  Stadt  zur  andern  wie  vom  Krater  des  Grabes  mit  stiller 
Asche  hoch  beschneiet. 

Aber  als  ich  gen  Himmel  sah,  so  zogen  die  zuckenden  Stern- 
bilder  und  verfolgten  einander  —  jedes  Bild  make  mit  zusammen- 
schieBenden  Strahlen  wie  mit  spriihenden  Gewitterwolken  seinen 

10  lichten  UmriB  ins  Blaue  -  der  Himmel  bewegte  sich  unter  dem 
Kampfe  der  funkelnden  regen  Gestalten  -  der  Drache  zog  am 
Gipfel  des  Himmels  herauf  und  verschlang  die  Sonnen  seiner 
Bahn  und  den  Polarstern  -  am  erhabenen  Orion  lagen  nagend 
der  Skorpion  und  der  Hund  —  der  Krebs  durchbohrte  mit  seinen 
zwei  Scheren  die  Zwillinge  -  und  auf  der  Jungfrau  hackte  der 
Rabe,  und  die  Wasserschlange  hielt  sich  aufgebaumt  auf  der 
Flucht  zuriick. 

Die  Geisterstunde  riickte  immer  naher.  Unaufhorlich  sprachen 
die  Glocken  unter  mir  und  schlugen  jede  Minute  zur  elften  Stunde. 

20  Ich  schauete  furchtsam  nur  auf  die  entschlummerte  eingeschat- 
tete  Ebene  nieder.  Endlich  schlugen  alle  feme  Uhren  die  sech- 
zigste  Minute  aus,  und  die  Geisterstunde  ging  an.  Da  fuhr  ein 
Sturm  unter  der  Erde  am  Horizonte  herauf  und  erschutterte  die 
aufgehenden  Sternbilder  und  trieb  sie  auf  die  Erde  herein,  und 
die  Totenasche  drehte  sich  auf,  und  die  wandelnden  Bilder  blitz- 
ten  durch  das  Aschengestober  -  und  die  lichten  Gestalten  waren 
Geister  und  bestanden  aus  Augen. 

Die  Lichtgeister  zogen  die  Totenasche  an  und  verhiillten  sich 
in  sie  und  formten  Menschenkorper  daraus  und  Gestalten,  die  ich 

30  kannte.  Sie  spielten  das  Getummel  des  Lebens  nach  -  die  Geister 
im  Staub  weinten  wie  die  schlafenden  Menschen,  und  andere  lach- 
ten  mit  den  Aschenlippen  -  sie  machten  Graber  und  legten  Kin- 
dergestalten  hinein,  andere  hielten  Mutterarme  auf  und  druckten 
kleine  Wesen  an  die  kalte  Brust  -  Dann  trieb  eine  neue  Winds- 
braut  die  Totenstaub  -Wolke  aus  den  weiBen  diirren  Schlacht- 
feldern  der  vorigen  Jahre  heran.  Und  die  blinkenden  Geister  wik- 


558  DER  JUBELSENIOR 

kelten  sich  in  den  Heerrauch  und  spielten  verkorpert  mit  altem 
ruhenden  Staub  grimmig  die  kiinftigen  Schlachten  vor,  und  die 
fallenden  Krieger  stohnten  nur  im  Fallen,  aber  aus  der  Asche 
flossen  keine  Tranen  und  kein  Blut. 

Und  da  ich  voll  Klage  meine  Augen  auf  zum  Himmel  hob  und 
betete :  »0  Vater  des  Trostes,  gib  den  armen  wahnsinnigen  Men- 
schen  Friede  und  Liebe!«  so  sah  ich  den  gestirnten  Drachen  zwi- 
schen  dem  Arkturus  und  Kynosura  die  Fliigel  wie  Wolken  auf- 
schlagen  und  herunterziehen;  —  und  wie  er  gliihend  defer  sank, 
so  fiel  der  Berg  aus  Eis  geschmolzen  ein,  und  die  nahe  Asche  flat-  10 
terte  urn  mich,  und  eine  spielende  Gestalt  wollte  in  meinen  Kor- 
per  dringen,  um  mein  Vergehen  nachzuspiegeln,  und  die  nahe 
Erde,  dieser  Aschenzieher  unsers  warmen  Staubs,  ergriff  mich, 
und  dem  hangenden  Drachen  entfiel  auf  mein  Herz  ein  gliihender 
Stern  —  Da  war  mein  Geist  befreiet  und  loderte  empor  iiber  sein 

zerbrochenes,  auf  die  Erde  gebauetes  Gehause Ich  schwebte 

fest  und  unbewegt  iiber  den  Strudeln  der  rollenden  Erde,  und  die 
umlaufende  Welt  fiihrte  ihre  Lander  und  Volker  unter  rmr  vor- 
bei.  O  wie  viel  Jammer  und  wie  viel  Wonne  flohen  voriiber!  Bald 
walzte  die  Kugel  ein  sturmendes  schreiendes  Meer  und  taumelnde  2o 
Schiffe  mit  angeketteten  nachfliegenden  Sargen  vorbei  -  bald  ein 
persisches  Tal, gliihend 'von  Nelken  und  Lilien  und  Narzissen  und 
rauchend  von  hangenden  Blumen-Garten  auf  Pfirsichstammen  - 
Schlachtfelder  voll  umklammernder  Wurgengel  verfolgten  duf- 
tende  Garten  mit  umarmenden  weichen  Geliebten  -  bald  kamen 
zwei  Arme,  die  das  staunende  Entziicken,  bald  zwei  andere,  die 
der  Jammer  aufhob  —  und  die  Kugel  zeigte  mir  auf  ihren  weichen 
Blumen  den  gliicklichen  Schlafer  und  unter  ihm  den  liegenden, 
gleich  einer  lebendig  beerdigten  Leiche  arbeitenden  Bergmann 
und  Minen-Neger  -  Regenbogen  auf  erkalteten  Gewittern  und  3o 
auf  erhabenen  Wasserfallen,  niederbrennende  Stadte  unter  Don- 
nerwettern  und  schillernde  Auen  im  Morgentau  -,  die  Toten- 
glocke  summte  in  das  Freudengelaute,  das  Morgenrot  zerfloB  ins 
Abendrot,  und  die  reifiende  Kugel  riickte  das  an  ihr  hangende 
Menschengeschlecht,  alle  seine  verwemten,  erhabenen,  zerdriick- 
ten,  verwesenden  Gestalten  und  alle  unsere  Tranen  und  Kranze 


APPENDIX  DES  APPENDIX  559 

und  Siechbetten  und  Spiele  zusammen,  und  der  Schmerz  und  die 
Seligkeit  riefen  nebeneinander  fliehend :  ich  bin  ewig  —  Da  stand 
in  meinem  Geiste  der  Stolz  und  die  Kraft  der  Unsterblichkeit  auf, 
und  er  sagte :  eile  hinab,  schmutzige  Kugel,  mit  deinen  gefliigel- 
ten  Schmerzen,  mit  deinen  gefliigelten  Freuden,  du  bist  viel  zu 
verganglich  fiir  einen  Unsterblichen ! 

Aber  als  der  wegziehende  Erdkreis  seine  Sonne  entbloBte  und 
die  Sonnen  hinter  ihr  -  und  als  mein  gereiftes  Auge  um  die  an- 
dern  Sonnen  tausend  Erden  schwimmen  und  alle  dunkle  Klum- 

10  pen  mit  der  umgewalzten  Nachbarschaft  der  Paradiese  und  der 
Graber,  des  Jammers  und  des  Jubels  eilen  sah,  so  brach  meine 
Brust  unter  der  Verzweiflung,  und  ich  rief  aus:  »Unendlicher, 
sind  denn  deine  Endlichen  nirgends  gliicklich?  O  wenn  wird 
denn  die  ermudende  Seele  gesattigt?« 

Ein  sanftes  Tonen  antwortete :  »Auf  keiner  Erde  -  aber  nach 
dem  Sterben  -  bei  der  unendlichen  Liebe,  bei  der  unendlichen 
Weisheit.«  —  Und  hier  kehrte  die  Erde  von  ihrem  Jahre  zuriick 
und  flog  oben  von  der  Sonne  herab,  und  das  Tonen  sang  schoner 
und  leiser  nach:  »Geh  auf  deine  Erde,  du  bist  noch  nicht  gestor- 

20  ben.u  Und  hier  wurde  aus  alien  in  der  Tiefe  fliegenden  Welten  ein 
zitterndes  Glockenspiel,  und  meine  getrostete  Seele  stieg  der  al- 
ten  niederfallenden  Erde  sanft  gezogen  entgegen  -  und  ein  fun- 
kelnder  Zirkel  aus  zwei  verkniipften  Regenbogen  war  um  ihr  run- 
des  Ufer  gelegt  -  und  sie  ri8  mich  erschiittert  zu  sich,  und  ich 

wachte  auf 

Um  den  Turm  flogen  die  heiligen  Tone  des  Christmorgens, 
und  der  Morgenwind  brachte  sie  schweigend  -  unter  mir  ging 
der  finstere  Strom  mit  seinen  alten  Wellen  und  mit  ewigen  Tonen 
-  die  Sternbilder  des  Himmels  standen  fest  und  hell,  und  die 

jo  Wolken  lagen,  vom  Nachtwind  geturmt  und  von  der  tiefen  her- 
aufziehenden  Sonne  gefarbt,  bergig  in  Osten-  und  in  einigen  der 
nachsten  Hauser  waren  schon  die  Frucht-  und  Zuckerbaume  an- 
geziindet,  und  die  von  der  Musik  zu  bald  geweckten  Kinder  hiipf- 
ten  um  die  brennenden  Zweige  und  um  das  versilberte  Obst 


Ende 


DAS  KAMPANER  TAL 

oder  tiber  die 

Unsterblichkeit  der  Seele, 

nebst  einer 

ERKLARUNG  DER  HpLZSCHNITTE 

unter  den  10  Geboten 
des  Katechismus 


VORBERICHT 

Der  Mensch  besteht  aus  zwei  Teilen,  aus  SpaB  und  Ernst,  -  und 
seine  Gliickseligkeit  besteht  daher  aus  hohern  und  aus  niedern 
Freuden.  Er  gleicht  dem  iweikopjlgen  Adler  der  Fabel,  der  mit 
dem  einen  niedergebiickten  Kopfe  verzehrt,  indes  er  mit  dem 
andern  umherblickt  und  wacht. 

Daher  muB  ein  guter  Autor  wie  ein  Brite  fiir  dieses  nicht  so- 

wohl  wider-  als  doppelsinnige  Geschopf,  das  in  einem  Simul- 

taneum  zweier  Welten  lebt,  zwei  Naturen  annehmen,  die  gottliche 

io  und  die  menschliche.  Ein  Autor  kann  es  desto  leichter,  da  er  sel- 

ber  ein  Mensch  ist  und  unter  seine  Leser  gehort. " 

Das  ist  die  Ursache,  warum  gegenwartiges  Buch,  wie  seine 
ganze  altere  Bruderschaft,  eine  binomische  Wurzel  oder  vielmehr 
eine  Zwitterbliite,  namlich  folgende  zwei  unahnliche  Redeteile 
hat. 

I.  Das  Kampaner  Tal  oder  das  Gesprach  darin  iiber  unsere 
Unsterblichkeit.  In  unsern  Tagen,  worin  man  die  korperlichen 
Flugelscheiden  fiir  die  geistigen  Fliigel  halt,  wie  bei  den  Bienen 
die  Scheide  fur  den  Stachel,  muB  man  dem  Menschen  immer  die 
20  Schwungfedern  seiner  Natur  und  den  hangenden  Garten  zeigen, 
in  den  sie  ihn  heben.  Die  kritische  Philosophic  beweiset  jeden 
Morgen  und  jede  Messe,  daB  wir  unsterblich  sind  wie  sie  selber; 
aber  nicht  jeder  steht  nahe  genug  an  ihrem  Katheder,  ihre  leisen 
Beweise  zu  vernehmen.  Ich  hoffe,  sie  wirft  den  meinigen  nichts 
vor  als  den  Unterschied  der  Einkleidung.  Aber  die  Dichtkunst 
ist  der  elektrische  Kondensator  der  Philosophic,  jene  verdichtet 
erst  das  elektrische  Spinngewebe  und  die  Beatifikation  der  letz- 
tern  zu  Blitzen,  die  erschuttern  und  heilen.  Der  Mensch  geht 
nicht  allmahlich  von  einer  Oberzeugung  zur  entgegengesetzten  — 


564  DAS  KAMPANER  TAL 

vom  Hasse  zur  Liebe  -  von  der  Liebe  zum  Hasse  -  vom  Laster 
zur  Tugend  iiber,  sondern  mit  einem  Sprung:  blofi  ein  Wetter- 
strahl  kehret  seine  magnetischen  Pole  urn. 

Im  Gesprache  iiber  die  Unsterblichkeit  fehlen  oft  die  wichtig- 
sten  Beweise,  die  schon  in  meinen  vorigen  Werken  stehen.  Auch 
hatt*  es  nicht  bloB  schopfen,  sondern  erschopfen  sollen;  und  das  ■* 
Gesprach  hat  nach  meinem  eignen  Gefiihle  den  Vorwurf  nicht 
genug  vermieden,  da6  es  in  diesem  Zustande  mehr  ein  -  Ge- 
sprach sei  als  ein  ordentlicher  vollstandiger  Traktat  mit  dem  ge- 
horigen  gelehrten  Zeugenverhor  und  mit  den  norigen  Beweisen  10 
durch  Okularinspektion,  durch  Haupteide,  durch  briefliche  Ur- 
kunden  und  durch  halbe,  x/4, 1/8, 1/16  etc.  Beweise.  - 

II.  Den  ganzen  zweiten  Fliigel  dieses  Gebaudes  nab*  ich  mit 
einem  Holzschnitte-Kabinette  eingenommen,  das  ich  nun  dem 
Publikum  die  ganze  Woche  offne.  Bekanntlich  besitzen  die  Fiir- 
stentumer  Baireuth  und  Ansbach  einen  kleinen  lutherischen  Ka- 
techismus, worin  die  10  Gebote  stehen  und  der  mitten  in  jedem 
Gebote  den  Tafelaufsatz  oder  das  Schaugericht  eines  guten  Holz- 
schnittes  auftragt.  Diese  Holzschnitte  sind  noch  dem  KunstpubH- 
kum  wenig  bekannt;  in  den  Kunstlerlexicis,  die  mir  noch  vor-  20 
gekommen,  find*  ich  weder  des  Meisters  noch  seiner  Werke  ge- 
dacht.  Das  Nachspiel  dieses  Buchs  soil  versuchen,  der  Welt  nicht 
nur  einen  vollstandigen  Kommentar  iiber  die  10  Holzschnitte  zu 
geben,  sondern  auch  die  10  Schnitte  selber.  Anfangs  wollt*  ichs 
anders  machen,  und  es  sollte  -  um  nicht  das  Werk  durch  den  neuen 
Abdruck  der  1  o  Stocke  zu  verteuern-  mit  jedem  Exemplar  zugleich 
der  kleine  Katechismus  Lutheri  selber,  der  fast  nichts  kostet,  von 
der  Verlagshandlung  ausgegeben  werden,  wie  mit  Lichtenbergs 
Kommentar  die  Platten  von  Hogarth.  Aber  meine  Freunde  stell- 
ten  mir  vor,  die  Weltleute  wiirden  sich  an  den  Katechismus  sto-  30 
Ben  und  lieber  Holzschnitte  und  Kommentare  entraten,  als  sich 
mit  jenem  befangen.  Daher  lieB  ich  den  kostspieligen  Abdruck 
der  alten  Stempel  zu;  und  in  der  Tat,  warum  darf  sich  Deutsch- 
land  nicht  auch  mit  seinem  Geldbeutel  endlich  an  Galabiicher  voll 
Holzschnitte  wagen,  so  gut  wie  England  an  seine  Gallery  of 
Fashion  und  an  andere  Parade-Bucher,  worin  es  jetzt  so  viel  wie 


VORBERICHT  565 

in  Bestechungen  vertut?  Ich  hoffe,  die  deutsche  Nation  lasset  ein 
solches  Werk  wie  meines  bloB  des  hohern  Preises  wegen  —  steig* 
solcher  auch  zu  i  Kaisergroschen,  der  in  Ld'or  a  5  Tlr.  etwan 
93/5  Pf.  tut  -  schwerlich  sitzen ;  sie  feuert  mit  einer  solchen  Kleimg- 
keit  gern  ihre  guten  Kopfe  an.  Oberhaupt  warum  soil  der  Deut- 
sche gleich  einem  Areopagiten  oder  gleich  einem  Athleten1  keine 
Schonheit  ansehen?  Warum  soil  Deutschland  nicht  wie  Abdera, 
wie  Pius  VI.  und  ein  Philipp  von  Frankreich  den  Beinamen  des 
Schonen  erringen?  -  Kann  der  Deutsche  nicht  dem  Juden  gleich- 

10  kommen,  der  sich  nach  dem  Gesetze,  wenn  er  am  Schabbes8  an 
einem  bekannten  Inkognito-Orte  sitzet,  schone  Gemalde,  schone 
Hauser  und  Sachen  denkerr  soil?  - 

Allerdings  raumt  der  Verfasser  dieses  Buchs  willig  ein  -  er  sah 
aber  den  Fehler  zu  spat  -,  daB  er  zuweilen  die  Schonheiten  der 
10  Katechismus-Holzschnitte  groBer  gefunden  und  gemacht,  als 
sie  wohl  sein  mogen.  Allein  in  diesem  Falle  ist  wohl  jeder  Sterb- 
Hche,  der  lange  einen  und  denselben  Meister  studiert :  das  manie- 
rierte  Kunstwerk  gebiert  endlich  ein  manieriertes  Kunstgefuhl. 
Obrigens  nehm*  es  der  Kunstrichter  mit  den  komischen  Ara- 

20  besken  und  Moresken  des  Kommentars  weniger  in  einem  Zeit- 
alter  genau,  worin  auf  dem  einen  Ufer  so  viele  Menschen  bluten 
und  auf  dem  andern  so  viele  weinen  und  worin  wir  also  mehr  als 
sonst  nicht  nur  unsere  Hoffnungen  (durch  den  Glauben  der  Un- 
verganglichkeit),  sondern  auch  unsern  Frohsinn  (durch  Zerstreu- 
ungen)  zu  retten  haben. 

Der  ErdenkloB,  woraus  wir  gebildet  sind  und  den  sie  nach 
demErblassen  unter  dasKinn  statt  einer  jetzigen  haBlichen  Kropf- 
Krawatte  legen,  hat  nicht  nur  Kraft  genug,  den  Baum  des  kiinf- 
tigen  Lebens  zu  tragen  und  zu  treiben:  sondern  seine  Ausdiin- 

30  stung  starkt  schon  im  jetzigen  den  Hektiker  hinter  dem  Pfluge 
und  den  Nervenschwachling  im  Erdbad. 
Hof  im  Voigtland,  den  2.  April  1797. 

Jean  Paul  Fr.  Richter 


1  Basilii  HomoL  52. 

8  Die  Wochenschrift:  der  Jude.  1.  B. 


Das  Kampaner  Tal 


Ich  schlug  haufig  in  der  Destillation  iiber  den  Helm  das  Phlegma 
der  Erdkugel  nieder,  die  Polarwiisten,  die  Eismeere,  die  russi- 
schen  Walder,  die  Eisberge  und  Hundsgrotten,  und  extrahierte 
mir  dann  eine  schone  Nebenerde,  ein  Nebenplanetchen,  aus  dem 
Oberrest:  man  kann  eine  sehr  hiibsche,  aber  kleine  zusammen- 
geschmolzene  Erde  zusammenbringen,  wenn  man  die  Reize  der 
alten  exzerpiert  und  ordnet.  Man  nehme  zu  den  Hohlen  seiner 
Miniatur-  und  Dito-Erde  die  von  Antiparos  und  von  Baumann  - 
zu  den  Ebenen  die  Rheingegenden  -  zu  den  Bergen  den  Hybla 

io  und  Tabor  und  Montblanc  -  zu  den  Inseln  die  Freundschafts- 
inseln,  die  seligen  und  die  Pappelinsel  -  zu  den  Forsten  Went- 
worths  Park,  Daphnens  Hain  und  einige  Eckstamme  aus  dem 
paphischen  -  zu  einem  guten  Tal  das  Seifersdorfer  und  das  Kam- 
paner:  so  besitzt  man  neben  dieser  wiisten  schmutzigen  Welt  die 
schonste  Bei-  und  Nachwelt,  ein  Dessertservice  vonBelang,  einen 

Vorhimmel  zwischen  Vorhollen. 

Ich  habe  absichtlich  das  Kampaner  Tal  mit  in  meinen  Extrakt 
und  Absud  geworfen,  weil  ich  keines  weiB,  worin  ich  lieber  auf- 
wachen  oder  sterben  oder  lieben  mochte  als  eben  darin :  ich  UeBe 

20  das  Tal,  wenn  ich  zu  sprechen  hatte,  nicht  einmal  mit  den  Tempe- 
und  Rosentalern  und  Olympen  verschiitten,  hochstens  mit  Uto- 
pien.  Den  Lesern  ist  das  Tal  schon  hinlanglich  aus  ihren  geo- 
graphischen  Schulstunden  und  aus  den  Reisen  Arthur  Youngs 
bekannt,  ders  fast  noch  starker  lobt  als  ich.1 

Daher  stieg-  das  muB  ich  annehmen  -  im  Juli  1796  dieGliicks- 
gottin  von  ihrer  Kugel  auf  unsere  und  fullte  meine  Hand  -  statt 

1  B.  1  S.  76  in  der  deutschen  Obersetzung.  "Obrigens  brauch'  ichs  niemand 
zu  sagen,  dafi  das  Tal  selber  im  Departement  der  obern  Pyrenaen  liegt. 


57°  DAS  KAMPANER  TAL 

mit  ihren  Kunkellehnen  und  MuBteilen  und  Goldnen  Kalbern 
und  Vliesen  -  mit  weiter  nichts  als  mit  ihrer  eignen  und  fuhrte 
mich  daran  —  daraus  erkannt'  ich  die  Gottin  -  ins  Kampaner 
Tal —  Wahrlich  ein  Mensch  braucht  nur  hineinzusehen,  so  hat 
er  (wie  ich)  mehr,  als  der  Teufel  Christo  und  Ludwig  XIV.  hot 
und  den  Papsten  gab. 

Die  Probe  eines  Genusses  ist  seine  Erinnerung  -  nur  die  Para- 
diese  der  Phantasie  werden  willig  Phantasie  und  werden  nie  ver- 
loren,  sondern  stets  erobert  —  nur  die  Dichtkunst  sohnet  die  Ver- 
gangenheit  mit  der  Zukunft  aus  und  ist  die  Leier  Orpheus',  die  10 
diesen  zwei  zermalmenden  Felsen  zu  stocken  befiehlt.1 

Wie  bekanntj  macht*  ich  mit  Herrn  Karlson  -  denn  dem  asthe- 
tischen  Publikum  ist  wahrlich  an  wirklichen  Geschlechtsnamen 
wenig  gelegen,  da  es  als  literarisches  Zent-  und  Fraisgerichtwahre 
Namen  stets  auf  den  FuB  erdichteter  behandelt,  aber  den  existie- 
renden  Charakteren  selber,  wenigstens  denen  von  Gewicht,  kann 
daran  liegen,  nicht  durch  Lesezimmer  und  kritische  Gerichts- 
stuben  wund  geschleift  zu  werden  -  bekanntlich,  sag*  ich,  macht' 
ich  anno  96  mit  meinem  Freund  Karlson  (er  ist  Titular-Rittmei- 
ster  in  ***  Diensten)  eine  Flugreise  durch  Frankreich.  Fast  von  20 
Meilenstein  zu  Meilenstein  fertigte  ich  an  meinen  Freund  Viktor 
die  besten  epistolarischen  Stundenzettel  ab.  Als  ich  ihm  das  nach- 
folgende  Tal-Stiick  zugesendet  hatte,  setzte  er  mir  so  lange  zu, 
bis  ich  ihm  versprach,  diesen  illuminierten  Nachstich  der  Natur 
auch  der  Drucker-  und  Buchbinderpresse  zu  gonnen,  nicht  bloB 
der  Briefpresse  allein.  Das  tu'  ich  denn.  Ich  weifi  schon,  mein 
lieber  Viktor  sieht,  daB  in  unsern  Tagen  den  armen  Menschen- 
Raupen  kein  griiner  Zweig  zur  Spinnhiitte  mehr  gelassen  wird, 
und  daB  uns  feindliche  Taucher  das  in  das  Totenmeer  fallende 
Ankertau  zerschneiden  wollen:  daher  macht  er  aus  dem  Gespra-  30 
che  iiber  die  Unsterblicjhkeit  mehr  als  aus  dem  gezeichneten  Tale, 
in  dem  mans  hielt;  das  sehJ  ich  daraus,  weil  er  mich  das  Wider- 
spiel  des  Claude  Lorraine  nennt,  der  nur  die  Landschaften  selber 

1  Bekanntlich  stieBen  die  zwei  symplegadischen  Felsen  immer  gegenein- 
ander  und  zertriimmerten  jedes  durchfliehende  Schiff,  bis  Orpheus'  Tone 
sie  zu  ruhen  zwangen. 


501.  STATION  571 

machte,  die  Menschen  dazu  aber  von  andern  malen  lieB.  Wahrlich 
ein  solches  Tal  ist  es  wert,  daB  man  da  in  die  Stickluft  des  Grabes 
das  Gruben-  und  Sabbatslicht  der  Wahrheit  statt  seines  Ichs  hin- 
unterlasset,  um  zu  sehen,  ob  das  Ich  in  einer  solchen  Tiefe  noch 
atme. 

Ich  bitte  aber  die  gelehrte  Welt,  das  Geschenk  dieses  Briefs  fur 
kein  Pfand  zu  halten,  daB  ich  ihr  auch  meine  andern  Briefe  uber 
Frankreich  iiberlassen  werde:  was  ich  darin  etwa  von  echtem 
statistischen,  geographischen  Bauholz  verwahre,  hat  schon  Herr 
10  Fabri  in  Handen,  den  ich  ausdriicklich  gebeten,  die  Materialien 
zu  verbauen,  ohne  den  Lieferanten  zu  nennen. 

Ich  habe  scherzhaft  meine  Briefe  an  Viktor  in  Stationen  zer- 
fallet:  fiinfhundert  Stationen  unterschlag'  ich,  wie  natiirlich,  und 
fange  mit  der  5oiten  an,  worin  ich  im  Tale  erscheine: 


501.  Station 

Das  Alterlei  des  Lebens  -  das  Trauergedicht  als  billet  doux  -  die  Hohle  - 
die  Oberraschung 


Kampan  d.  23.  Jul. 
—  Da  leb'  ich  seit  vorgestern;  nach  Hollenfahrt  und  Fegfeuer- 

20  probe  und  Durchgang  durch  limbos  infantum  et  patrum  tritt  doch 
endlich  der  Mensch  ins  Himmelreich.  -  Aber  ich  bin  dir  noch  den 
Ausgang  aus  unserer  vor-vorgestrigen  Herberge  schuldig.  Nie- 
mals  hat  wohl  ein  Kopf  ein  harteres  Lager,  als  wenn  man  ihn  auf 
den  Handen  tragt  -  d.  h.  darauf  stutzt:  bei  mir  und  Karlson  war 
vor-vorgestern  nichts  daran  schuld,  als  daB  im  Saale  neben  un- 
sern  Zimmern  ein  Hochzeittanz  gehalten  und  daB  parterre  die 
jiingste  Tochter  des  maitre  d' hotel,  die  nicht  nur  den  Namen, 
sondern  auch  die  Reize  der  Corday  hatte,  mit  zwei  weiBen  Rosen 
auf  den  Wangen  und  zwei  roten  in  den  Locken  -  eingesargt 

30  wurde  und  daB  Menschen  mit  bleichem  Gesicht  und  schwerem 
Herzen  bluhende  und  begliickte  bedienten.  Wenn  das  Schicksal 
zugleich  das  Freudenpferd  und  das  TrauerroB  an  die  Deichsel  der 


57^  DAS  KAMPANER  TAL 

Psyche  anschirret:  so  ziehet  immer  das  TrauerroB  vor,  d.  h.  wenn 
eine  lachende  und  eine  weinende  Muse  in  einer  Stunde  auf  einer 
Buhne  nebeneinander  spielen:  so  schlagt  sich  der  Mensch  nicht 
wie  Garrick1  auf  die  Seite  der  lachenden,  er  bleibt  nicht  einmal 
mitten  inne,  sondern  er  nimmt  die  weinende;  so  malen  wir  iiber- 
all  wie  Milton  das  verlorne  Paradies  feuriger  als  das  wiederge- 
wonnene,  die  Holle  wie  Dante  besser  als  den  Himmel.  -  Kurz  die 
stille  Leiche  machte  uns  beide  gegen  den  frohen  warmen  Ein- 
druck  der  Tanzer  kalt.  Aber  ists  nicht  recht  toll,  me  in  Viktor, 
daB  ein  Mann  wie  ich  nichts  so  gut  weiB,  als  daB  jede  Stunde  der  10 
Erde  zugleich  Morgenrot  und  Abendwolken  austeilt,  hier  einen 
blauen  Montag,  dort  einen  Aschermittwoch  anfangt,  daB  ein  sol- 
dier Mann,  der  mithin  so  wenig  dariiber  trauert,  daB  dieselbe 
Minute  Tanz-  und  Nachtmusik  und  zugleich  Totenmarsche  vor 
dem  breiten  Nationaltheater  der  Menschheit  aufspielt,  gleichwohl 
den  Kopf  hangt,  wenn  er  diese  Doppel-Musik  auf  einmal  bei 
einer  Winkelbiihne  zu  Ohren  bekommt?  1st  das  nicht  so  toll  wie 
sein  ubriges  Tun? 

Auch  in  Karlsons  Augen  flog  etwas  von  dieser  Staub-Wolke; 
bei  ihm  bestand  sie  aber  aus  aufgewehter  Asche  einer  Urne.  Er  20 
kann  alle  Schmerzen  verschmerzen  -  ihre  Erinnerungen  ausge- 
nommen  -;  seine  Jahre  hat  er  durch  Lander  ersetzt,  und  der 
durchlaufne  Raum  wird  ihm  fiir  durchlaufne  Zeit  angerechnet: 
aber  hier  wurde  der  tiefe  feste  Junglmg  blaB,  als  er  heraufkam 
und  mir  erzahlte,  daB  der  Liebhaber  der  bleichen  Corday  ihre 
langen  gefalteten  Hande  auseinandergeworfen  und  auf  seinen 
Knien  an  seinen  wilden  Mund  angerissen  habe. 

Er  nahm  sein  Entfarben  im  Spiegel  wahr,  und  urn  es  mir  zu 
erklaren,  so  teilt'  er  mir  gleichsam  das  letzte  und  geheimste  Blatt 
aus  seiner  Lebens-Robinsonade  mit.  Du  siehest,  was  fur  ein  un-  30 
durchsichtiger  Edelstein  dieser  Jiingling  ist,  der  seinen  Freunden 
durch  ganz  Frankreich  nachreisen  kann,  ohne  seinem  offenher- 
zigen  Reisegefahrten  nur  eine  Fuge  oder  ein  Astloch  in  das  Ver- 
haltnis  mit  ihnen  aufzumachen.  Jetzt  erst,  zumal  aus  Riihrung 

1  Auf  einem  Gemalde  von  Reynolds,  wo  Garrick,  von  beiden  Musen  ge- 
zogen,  Thalien  folgt. 


5oi.  station  573 

iiber  das  nahe  Kampaner-Tal,  zieht  er  den  Schliissel  aus  dem 
Schlusselloch,  das  fiir.dich  ein  Souffleurloch  wird. 

Da6  er  mit  dem  Baron  Wilhelmi  und  der  Braut  desselben, 
Gione,  und  ihrer  Schwester,  Nadine,  bis  nach  Lausanne  gereiset 
war,  um  mit  ihnen  bis  insKampaner-Tal  zu  ihrer  arkadischen 
Hochzeitfeier  mitzugehen  -  das  weiBt  du  schon.  DaB  er  sich 
in  Lausanne  von  ihnen  plotzlich  wegrifi  und  sich  zuriick  an  den 
Rheinfall  zu  Schaffhausen  stellte  -  das  weiBt  du  auch;  aber  die 
Ursache  nicht.  Diese  wird  dir  nun  von  ihm  und  mir  erzahlt. 

10  Karlson  sah  in  der  taglichen  Nahe  endlich  durch  den  engge- 
gitterten  Schleier  Gionens  durch,  der  iiber  einen  verwandten, 
groB  und  fest  gezeichneten  Charakter,  den  noch  dazu  die  braut- 
liche  Liebe  magisch  kolorierte,  geworfen  war.  Karlson  wurde 
von  sich  vermutlkh  viel  spater  als  von  andern  erraten:  sein  Herz 
wurde,  wie  im  Wasser  das  sogenannte  Weltauge,  anfangs  glan- 
zend,  dann  wechselt*  es  die  Farben,  dann  wurd'  es  ein  Nebel  und 
endlich  transparent.  Um  das  schone  Verhaltnis1  nicht  zu  triiben, 
wandte  er  den  verdachtigen  Teil  seiner  Aufmerksamkeit  auf  ihre 
Schwester  Nadine;  er  sagte  mir  nicht  klar,  ob  er  nicht  diese  in 

zo  einen  schonen  Irrtum  fuhrte,  ohne  Gionen  eine  schone  Wahrheit 
zu  nehmen. 

Alle  diese  Schauspiels-Knoten  schien  die  Sense  des  Todes  zer- 
schneiden  zu  wollen :  Gionen,  diese  Gesunde  und  Ruhige,  befiel 
ein  plotzliches  Nerveniibel.  An  einem  Abend  trat  Wilhelmi  mit 
seiner  dichterischen  Heftigkeit  weinend  in  Karlsons  Zimmer 
und  konnte  nur  unter  der  Umarmung  stottern:  »Sie  ist  nicht 
mehr.« 

Karlson  sagte  kein  Wort,  aber  er  reisete  noch  zu  nachts  im 
Tumulte  fremder  und  eigner  Trauer  nach  Schaffhausen  fort  und 

30  nahm  vielleicht  ebensosehr  vor  einer  Liebenden  als  vor  einer  Ge- 
liebten  die  Flucht,  ich  meine  vor  Nadine  und  Gione  zugleich.  Vor 
der  ewigen  Wasserhose  des  Rheins,  dieser  fortsturzenden  ge- 
schmolznen  Schlaglauwine,  dieser  schimmernden  steilrechten 
MilchstraBe,  heilte  sich  seine  Seele  langsam  aus:  Aber  er  war 
vorher  lange  in  die  dustere  kalte  Schlangengrube  stechender 
Schmerzen  eingeschlossen,  sie  bekrochen  und  umwickelten  ihn 


574  DAS  KAMPANER  TAL 

bis  ans  Herz :  derm  er  glaubte  wie  die  meisten  Weltleute,  unter 
denen  er  erwachsen  war  -  und  vielleicht  auch  durch  sein  SchoB- 
studium,  die  Chemie,  zu  sehr  an  phystsche  An-  und  Aussichten 
verwohnt— ,  daB  unser  letztes  Entschlafen  Vergehen  sei,  wie  in 
der  Epopoe  der  erste  Mensch  den  ersten  Schlummer  fur  den  ersten 
Tod  ansah. 

Er  schickte  an  Wilhelmi  bloB  die  Nachricht  seines  Aufenthalts 
und  ein  Gedicht:  »Die  Klage  ohne  Trost«,  das  sein  Unglaube  be- 
titelte,  da  er  das  Ambrosiabrot  nie  gebrochen  hatte,  dessen  GenuB 
Unsterblichkeit  verleiht.  Aber  eben  das  starkte  sein  entkraftetes  10 
Herz,  daB  ihn  die  Musen  zu  dem  Gesundbrunnen  der  Hippokrene 
fuhrten. 

Der  Baron  schrieb  ihm  zuriick:  er  habe  sein  schones  Trauer- 
gedicht  der  Verstorbenen  oder  Unsterblichen  —  vorgelesen:  bloB 
eine  lange  Ohnmacht  hatte  den  schmerzlichen  Irrtum  erzeugt.  Er 
und  Gione  baten  ihn  herzlich,  ungesaumt  nachzukommen ;  aber 
Karlson  antwortete:  »das  Schicksal  hab'  ihn  nun  durch  die  Alpen- 
mauer  von  ihrem  schonen  Fest  geschieden;  da  es  aber  wie  das 
Braut-Tal  Kampan  seine  Friihlinge  immer  erneuern  werde,  so 
hofP  er  durch  sein  Zogern  nichts  zu  verlieren  als  Zeit.«  20 

Kurz  nun  hatte  noch  dazu  die  andere  Welt  ihr  uberirdisches 
Licht  auf  Gionens  Angesicht  geworfen,  und  er  liebte  sie  jetzt  zu 
sehr,  um  das  Fest  ihres  Verlustes  begehen  zu  helfen.  Auch  iiber 
sie  will  ich  dir  eine  unter  dem  Zuhoren  geborne  Vermutung  zu- 
wenden. 

Schon  von  einem  Lobe  und  einer  Liebe  hinter  dem  Rucken 
werden  wir  gewonnen :  wie  viel  mehr  aber,  wenn  man  uns  beide 
als  Abschiedskiisse  nach  dem  Auffluge  aus  der  Erde  nachwirft !  - 
Daher  ist  fur  mich  der  Gedanke  an  die  kiinfrige  Leichenprozes- 
sion  hinter  meinem  bunten  reichbeschlagenen  Loh-,  Zwiebel-  30 
und  Reliquien-Kasten  mcht  nur  ein  Sporn  zum  Medizinieren 
(denn  alter  ist  man  leichter  einzubiiBen),  sondern  auch  zum  Ab- 
solvieren.  Und  du  selber,  so  selten  du  uns  samtlich  spieBen  oder 
zum  Teufel  jagen  willst,  ich  meine  so  auBerordentlich  selten  auch 
das  Gewitter  des  Zorns  das  FaB  deiner  Brust  versauert:  du  selber 
hast  kein  besseres  Sackchen  mit  weifier  Kreide,  kein  besseres 


501.  STATION  575 

oleum  tartari  per  deliquium,1  womit  du  deine  innern  Fliissigkei- 
ten  wieder  versiiBen  kannst,  als  den  Gedanken,  wie  wir  alle  um 
dein  Sterbekissen  erbleichen  wiirden  und  um  deinen  Hiigel  ver- 
stummen  und  wie  dich  niemand  vergaBe!  -  Ich  kann  unmoglich 
glauben,  daB  es  einen  einzigen  Menschen  gebe,  dem  nicht,  wenn 
ihn  der  Tod  in  der  Taucherglocke  des  Sargs  hinunterzieht,  ein 
gebiicktes  Haupt  und  ein  rotes  Auge  nachsahe;  und  darum  kann 
doch  jeder  wenigstens  die  Seele  lieben,  die  ihn  einst  beweinen 
wird.  - 

io  Denke  ich  nun  die  genesende  Gione  mit  einem  abgeschalten 
wunden  Herzen,  das  eben  in  der  schwulen  elektrischen  Atmo- 
sphare  der  gesenkten  Wetterwolke  des  Todes  eine  neue  Empfind- 
lichkeit  erhalten  hat:  so  brauch'  ich  dir  ihre  Erweichung  iibe* 
Karlsons  Trauerkarmen  nicht  nach  Tropfen  mit  dem  Tau-  und 
Feuchtigkeitsmesser  vorzurechnen,  noch  mit  dem  Magnetmesser 
ihre  Liebe.  Aber  -  nicht  Wilhelmis  glanzender  Reich  turn  und  sein 
ebenso  glanzendes  Betragen,  sondern  —  die  fruhere  Wahl  und  das 
fruhere  Wort  verboten  ihr,  die  Diamantenwaage  nur  -  in  die 
Hand  zu  nehmen. 

20  Als  Karlson  mir  das  alles  auserzahlet  hatte:  so  drehte  er  Gio- 
nens  Ringbild  -  niedlich  wie  von  Blaramberg  gemalt  -  am  Finger 
aufwarts  und  legte  sich  auf  die  harte  Klippe  des  Ringfingers  mit 
den  feuchten  Augen  auf,  bis  er  die  geschmuckte  Hand  unbemerkt 
unter  den  KuB  der  Lippen  riickte.  Die  Schamhaftigkeit  seines 
Schmerzes  riihrte  mich  so  sehr,  daB  ich  ihm  eine  andere  Marsch- 
route  als  ins  Tal  unter  dem  Vorwand  anbot,  »weil  mir  die  Traume 
dariiber  die  Lust  an  der  Wirklichkeit  verdorben  hatten  und  weil 
wir  vermutlich  die  Neuvermahlten  noch  in  den  ersten  acht  Ro- 
sensirup  -Tagen  storten,  da  sie  wahrscheinlich  auf  den  lauern, 

3o  dort  spatern  Friihling  gewartet«.  Er  erriet  mein  Erraten;  aber 
sein  Wort,  morgen  zu  kommen,  zog  ihn  an  Ketten  hinein.  - 
Herzlich  gern  hatt'  ich  das  neue,  vom  Friihling  gefiillte  Eden 
entbehrt  und  meinem  Freund  die  Jakobsleiter,  auf  der  er  aus  sei- 
nem  Traum  in  seinen  vorigen  Freudenhimmel  sehen,  aber  nicht 
steigen  durfte,  unter  den  FiiBen  weggezogen.  Aber  auf  der  an- 
1  io  Tropfen  davon  machen  Va  Pf-  saures  Bier  auf  der  Stelle  siiB. 


57<>  °AS  KAMPANER  TAL 

dem  Seite  freute  mich  sein  fester  worthaltender  Charakter,  der 
sich  mit  der  Kraft  seines  Lichts  dem  Eindringen  der  Stacheln  und 
Bohrwiirmer  des  Leidens  widersetzt;  so  wie  mit  der  Zunahme  des 
Mondlichts  dieAbnahme  der  Gewitter  wachst.  Ungesehen  schrieb 
ich  jetzt  Gionen  (nicht  bloB  ihn)  in  die  Matrikel  der  seltenen 
Menschen  ein,  die  sich  wie  Raffaels  und  Platons  Werke  erst  unter 
dem  Beschauen  entwolken  und  die  wie  beide  dem  Siebengestirn 
gleichen,  das  dem  kurzen  Auge  anfangs  nur  sieben  Sonnen,  dann 
aber  dem  langen  Sehrohr  iiber  vierzig  zeigt.  — 

Vor-vorgestern  reiseten  wir  demnach  ab.  Unterwegs  sah  ich  io 
ihm,  glaub*  ich,  zu  oft  in  sein  schones  treues,  gleich  dem  himm- 
lischen  Ather  zugleich  tiefes  und  offnes  und  blaues  Auge  hinein : 
ich  stieg  in  seine  Brust  hinab  und  suchte  mir  darin  die  Szene  des 
Tages  aus,  woran  das  kirchliche  Band  ihm  die  edle  Gione  auf 
ewig  aus  den  Fibern  seines  reinen,  mehr  von  Musen  als  Gottinnen 
erwarmten  Herzens  zog.  Ich  will  dirs  bekennen:  ich  weiB  mir 
keinen  Tag  zu  denken,  an  dem  ich  meinen  Freund  mit  groBerer 
Liebe  und  Riihrung  sehe,  als  an  dem  unvergeBlichen,  wo  ihm  das 
Geschick  den  BruderkuB,  die  KuBhand  und  Breitkopfs  Land  der 
Liebe  und  Philadelphia  und  Vauklusens  Quelle  auf  einmal  in  20 
einem  einzigen  weiblichen  Herzen  schenkt.  - 

Vorgestern  nachts  um  10  Uhr  kamen  wir  vor  Wilhelmis  arka- 
discher  Kartause  an,  die  ihr  Strohdach  an  eine  griine  Marmor- 
wand  andriickte.  Karlson  fand  sie  leicht  durch  die  Nachbarschaft 
der  beruhmten  Kampaner  Hohle  aus,  aus  der  er  sich  schon  einmal 
Stalagmiten  gebrochen  hatte.  Der  Himmel  lag  voll  Gewolke  und 
voll  gefarbter  Schatten,  und  iiber  die  lange  griine  Wiege  voll 
schlummernder  Kinder  hing  die  Wiegendecke  der  Nacht  an  den 
Pyrenaen  befestigt  und  mit  einigen  silbernen  Sternchen  besetzt. 
Aus  Wilhelmis  Einsiedelei  kamen  sogleich  einige  schwari  geklei-  30 
dete  Menschen  mit  Pechfackeln,  die  auf  uns  gelauert  zu  haben 
schienen,  und  sagten:  der  Herr  Baron  sei  in  der  Hohle.  Beim 
Himmel,  unter  solchen  Umstanden  ists  leichter,  die  engste  zu  ver- 
muten  als  die  schonste  und  grqfite. 

Die  Schwarzen  trugen  ihre  Flammen  voraus  und  zogen  die 
fliehende  Vergoldung  von  einem  Eichengipfel  zum  andern  und 


501.  station  577 

fuhrten  uns  gebiickt  durch  eine  Katakomben-Pforte.  Aber  wie 
herrlich  wolbte  sich  die  hohe  und  weite  Grotte1  mit  ihrer  kristal- 
lenen  Stukkatur  empor,  gleichsam  ein  illuminiertes  Eis-Louvre, 
ein  glimmendes  unterirdisches  Himmelsgewolbe !  Wilhelmi  warf 
eine  Handvoll  abgebrochner  Stufen  weg  und  flog  entziickt  an 
seinen  Freund.  Gione  trat  mit  ihrer  Schwester  hinter  einer  inein- 
ander  gepelzten  Stalaktite  und  Stalagmite  hervor,  das  Lodern  der 
Fackeln  gab  ihr  nur  ungewisse  Gestalten  -  aber  endlich  fuhrte 
Wilhelmi  ihr  ihn  entgegen  und  sagte :  »Hier  ist  unser  Freund.«  Er 

10  kiiBte  tief-gebiickt  die  lebendige  warme  Hand  und  verstummte 
vor  Ruhrung;  aber  Gionens  feste  Ziige  zergingen  auf  dem  ern- 
sten  Angesicht,  dem  bloB  der  jugendliche  Schmelz  Nadinens  ab- 
ging,  in  eine  lachelnde  grofiere  Freude,  als  er  zu  erwidern  und  zu 
vergelten  wagte:  »Wir  haben  Sie  lange  in  diesem  Paradiese  er- 
wartet  und  vermisset«,  sagte  sie  mit  fester  Stimme,  und  ihr  klares 
ruhiges  Auge  tat  die  weite  Perspektive  in  eine  reich  geschafFne 
tiefe  Seele  auf.  »WiIlkommen«,  sagte  Nadine,  »hier  in  der  Unter- 
welt!  Jetzt  glauben  Sie  doch  an  Wiedersehen  und  Elysium  ?«  Ob 
sie  ihn  gleich  mit  einer  Gesandtschaft  und  Flora  von  Scherzen  - 

20  oder  warens  Grazien?  denn  sie  waren  schwer  zu  unterscheiden  - 
empfing:  so  schien  doch  diese  Heiterkeit  des  Temperaments  und 
der  Angewohnung  nicht  die  Heiterkeit  eines  befriedigten  aus- 
ruhenden  Herzens  zu  sein. 

Mein  Freund  prasentierte  mich  gehorig,  damit  ich  in  dieser 
Korporation  der  Freundschaft  kein  Oberbein  und  hors  d'oeuvre 
bliebe. 

Uns  war  alien  -  mir  gar,  da  vor  mir  lauter  nie  gesehene  Wesen 
in  silbernen  Reflexen  schwebten  -,  als  sei  die  Erde  aus  und  das 
Elysium  aufgetan  und  die  abgetrennte  bedeckte  Unterwelt  be- 

30  wege  wiegend  zwischen  Widerschein  und  Halbschatten  gestillte, 
aber  begliickte  Seelen. 

In  dem  freudigen  Anteil,  den  diese  liebende  Dreieinigkeit  an 

Karlsons  Erscheinung  nahm,  war  eine  gewisse  Lebhaftigkeit,  die 

sonst  den  zuriickgelegten  vorletzten  Schritt  zu  einem  Ziel  beglei- 

tet;  aber  das  Ziel  war  bedeckt.  Nadine,  um  doch  mir  auch  etwas 

1  Zwanzig  Fufi  ist  sie  hoch,  und  der  Eingang  fiinf  FuO. 


578  DAS  KAMPANER  TAL 

zu  sagen,  entdeckte  mir:  es  sei  einkritischerPhilosophundKamp- 
fer  mit  da,  den  es  freuen  werde,  jemand/ii'r  oder  wider  seine  Satze 
zu  horen,  der  Hauskaplan  namlich. 

Als  wir  uns  aus  der  wetterleuchtenden  Demant-  und  Zauber- 
grube  in  die  verdickte  Nacht  begaben:  so  sahen  wir  den  Mantel 
des  Erebus  in  schweren  nassen  Falten  niederhangen,  und  diinne 
Blitze  quollen  aus  dem  nachtlichen  Dunst,  die  Blumen  rauchten 
aus  zugedeckten  Kelchen,  und  unter  dem  tiefer  einsinkenden  Ge- 
witter  schlugen  die  Nachtigallen  lauter,  gleichsam  als  lebendige 
Gewitterstiirmer,  hinter  bluhenden  Sprachgittern.  -  Gione  ging  10 
auf  einmal  langsamer  an  Karlsons  Arm  und  sagte  mit  Warme, 
ohne  zu  stottern:  »Ich  Hebe  uberall  die  Wahrheit  herzlich, 
auch  auf  Kosten  theatralischer  Oberraschungen :  ich  muB  Ihnen 
es  im  Namen  des  Herrn  Baron  entdecken,  dafi  ich  und  er  mor- 
gen  auf  immer  verbunden  werden.  Sie  mussen  es  Ihrem  Freund 
vergeben,  da8  er  dieses  Fest  nicht  ohne  den  seinigen  feiern 
wollte.« 

Ich  denke  mir,  daB  jetzt  in  Karlsons  Seele  die  erkaltete  Lava 
wieder  fliissig  und  glanzend  wurde.  Aus  einer  Wolke  um  den 
steigenden  Mond  strahlte  plotzlich,  als  war*  es  aus  diesem,  ein  20 
Blitz,  der  in  Gionens  und  Karlsons  Augen  einige  Regentropfen 
erleuchtete,  die  fur  die  Nacht  gehorten.  Wilhelmi  fragte  herzlich: 
»Kannst  du  mir  nicht  vergeben?«  Aber  Karlson  driickte  ihn  mit 
ungestumer  Warme  ans  dankende  Herz:  ein  so  erhabenes  Ver- 
trauen  der  Freundschaft  und  ein  so  zarter  Beweis  desselben  hob 
seine  gestarkte  Seele  iiber  alle  Wunsche  empor,  und  die  fremde 
Tugend  breitete  in  ihm  die  hohe  Ruhe  der  eignen  aus. 

Wir  zerteilten  uns  in  unsere  drei  Tabors-Hiitten,  die  Damen 
in  die  erste,  Wilhelmi  in  die  zweite,  worin  der  kritische  Philosoph 
mit  War,  ich  und  Karlson  in  die  dritte,  die  der  Baron  schon  vor-  30 
aus  dazu  gemietet  hatte.  Die  Ermiidung  der  Reise  und  selber  der 
Gefiihle  schob  unsere  Biindnisse  und  Freuden  eine  Nacht  hinaus. 
Ich  kann  dir  aber  nicht  sagen,  wie  schon  der  Schmerz  auf  meines 
Freundes  Angesicht  der  Erhebung  zuruckte,  wie  die  Trauer  wie 
ein  Wolkenbruch  aus  seinem  Himmel  entfiel  und  das  weite  Blau 
aufdeckte:  die  Opfer  und  Tugenden  unserer  Geliebten  gehoren 


5oi.  station  579 

unter  die  unaussprechHchen  Freuden,  die  wenig_:ens  die  Seele 
zahlen  und  wagen  sollte,  die  sie  nachahmen  kann. 

Mir  und  ihm  traten,  in  einer  eignen  elysischen  Stimmung  oder 
Harmonie  fur  den  kommenden  Tag  voll  heiliger  Wonne,  die 
Augen  uber.  Ach  mein  Viktor,  die  Volker  und  die  einzelnen  Men- 
schen  sind  nur  am  besten,  wenn  sie  am  frohesten  sind,  und  ver- 
dienen  den  Himmel,  wenn  sie  ihn  genieBen.  Die  Trane  des  Grams 
ist  nur  eine  Perle  vom  zweiten  Wasser,  aber  die  Freudentrane 
ist  eine  vom  ersten.  Und  darum  breitest  du  eben,  vaterliches  Ge- 

10  Schick,  die  Blumen  der  Freuden  wie  Ammen  die  Lilien  in  der 
Kinderstube  des  Lebens  auf,  damit  die  auffahrenden  Kleinen  in 
einem  festern  Schlafe  bleiben ! 

Ach  die  Philosophic,  die  uns  die  Freuden  verdenkt  und  sie  im 
Baurifi  der  Vorsicht  durchstreicht,  sage  uns  doch,  mit  welchem 
Rechte  denn  die  gluhenden  Schtner^en  in  unser  zerbrechliches  Le- 
ben  traten.  Haben  wir  nicht  schon  darum  ein  ewiges  Recht  auf 
ein  warmes  weiches  Dunenbette  -  ich  denke  jetzt  nicht  bloB  an 
das  tiefste  Unterbette  in  der  Erde  — ,  weil  wir  so  voll  Stigmen  der 
Vergangenheit,  so  voll  Wunden  sind? 

20  Du  sagtest  einmal  zu  mir:  »in  deinen  friihern  Jahren  warest  du 
aus  der  stoischen  Philosophic  durch  den  Sorites  gezogen  und  ge- 
trieben  worden,  daB  erstlich,  wenn  die  Empfindung  der  Freude 
so  wenig  ware,  als  die  Stoiker  daraus  machen,  es  gescheuter  ware, 
seinen  Nachsten  zu  bekehren  als  zu  beglucken,  gescheuter,  auf 
Kanzel  und  Katheder  als  Lehrer  der  Moral  zu  treten  wie  in  Arbeits- 
stuben  als  Praktikanten  der  Moral,  gescheuter,  statt  der  aufge- 
blahten  marmorierten  Seifenblasen  der  Freude  dem  Nachsten  die 
Seifenpillen  und  Fleckkugeln  der  moralischen  Klinik  zuzuwenden 
-  ferner  daB  es  zweitens  irrig  ware,  zu  behaupten,  die  Tugend 

30  mache  der  Gliickseligkeit  wiirdiger,  wenn  nicht  die  Gliickseligkeit 
einen  eignen  ewigen  Gehalt  besaBe,  weil  man  sonst  behaupten 
wiirde,  die  Tugend  mache  den  Inhaber  eines  Strohhalms  etc.  wur- 
diger.« 

Das  hast  du  einmal  gesagt:  glaubst  du  es  noch?  Ich  glaub' 
es  noch. 


58o  das  kampaner  tal 

502.  Station 

Der  donnernde  Morgen  —  die  kleine  Tour  nach  der  groBen  -  die  Kanapee- 

polster. 

Durch  die  ganze  Nacht  ging  ein  halb  verlorner  Donner,  gleich- 
sam  als  zurnt'  er  im  Schlafe.  Am  Morgen  vor  Sonnenaufgang  trat 
ich  und  Karlson  hinaus  in  die  mit  dem  nahen  Gewolke  verhangne 
Brautkammer  der  Natur.  Der  Mond  sank  dem  doppelten  Augen- 
blicke  des  Untergangs  und  Vollwerdens  zu.  Die  tief  unten  auf 
Amerika  wie  auf  einem  Altar  brennende  Sonne  trieb  den  Wol- 
kenrauch  ihres  Freudenfeuers  rot  empor;  aber  ein  Morgengewit-  10 
ter  kochte  brausend  iiber  ihr  und  schlug  ihr  seine  Blitze  entgegen. 
Das  schwiile  Briiten  der  Natur  sog  heifiere  und  langere  Klagen 
aus  den  Nachtigallen  und  fliegende  Gewiirze  aus  der  langen  Blu- 
men-Aue.  Dicke  warme  Tropfen  wurden  aus  dem  Gewolke  ge- 
presset  und  zerschlugen  laut  das  Laub  und  den  Strom.  Blofi  das 
Mittagshorn  -  die  Zinne  der  Pyrenaen  -  stand  licht  unci  rein  im 
Morgenblau.  Endlich  warf  der  untergegangene  Vollmond  einen 
Sturmwind  heriiber  ins  gliihende  Gewitter,  und  die  Sonne  stand 
auf  einmal  siegend  unter  dem  mit  Blitzen  behangnen  Triumph- 
tor.  Der  Sturm  wehte  den  Himmel  blau  und  stiirzte  den  Regen  2o 
hinter  die  Erde,  und  um  den  glanzenden  Sonnendiamant  lag  nur 
noch  das  flatternde  Foliensilber  des  zerstaubten  Gewolks. 

Ach  mein  Viktor!  welcher  neugeborne  Tag  war  nun  auf  der 
Erde  und  lagerte  sich  in  das  herrliche  Tal!  Und  die  Nachtigallen 
und  die  Lerchen  zogen  singend  um  ihn  und  die  Rosenkafer  ura- 
rauschten  seine  Lilien-Girlanden  und  der  Adler  hing  sich  an  die 
hochste  Wolke  und  beschauete  ihn  von  Gebiirg  zu  Gebiirg!-  O 
wie  alles  so  arkadisch  den  gebognen,  jede  Flur  iimarmenden 
Adour  hinauf  und  hinab  lag!  Die  marmornen  Wande  -  aber  nicht 
von  Menschen  zusammengelegt  -  fassen  wie  groBere  Blumen-  30 
Vasen  die  Bliiten-Beete  ein,  und  die  Pyrenaen  wachen  mit  ihren 
Gipfeln  um  die  zerstreueten  und  tiefen  Sennenhiitten.  Nie  er- 
greife,  ruhiges  Tempe,  ein  Sturm  deinen  Adour  und  deine  Gar- 
ten !  Nie  wehe  ein  starkerer  durch  dich,  als  der  die  Natur  sanft 


502.  STATION  58I 

wiegt,  der  den  Gipfel  voll  heiBer  Eier  und  Kinder,  als  eine  be- 
laubte  Wiege,  schaukelt  und  der  keine  Biene  vom  Honigtau  der 
Ahre  wirft  und  der  nur  die  breitesten  Flocken  der  Wasserfalle  auf 

die  Uferblumen  drangt. 

Denke  nicht,  daB  ich  jetzt  alle  meine  Tuschschalen  um  mich 
stellen  und  dir  das  kunstlose  gerimdete  Tal  durch  das  Quadrat 
der  Kunst  abzeichnen  werde :  ich  will  dich  in  diese  Bilderbibel  der 
Natur  stiickweise  schauen  lassen,  so  wie  der  Zufall  ein  Blatt  nach 
dem  andern  umschlagt.  Meine  Stationen  werden  dich  durch  die 

10  verschiedenen  Zimmer  fiihren,  worin  die  reiche  Ausstattung  die- 
ser  Bliitenzeit,  wie  die  einer  Konigstochter,  zur  Schau  aushangt; 
aber  etwas  anders  ists  freilich,  an  der  koniglichen  Braut  selber  den 
vereinten  angelegten  Schmuck  zu  sehen. 

Uns  beide  rief  ein  Bedienter  aus  dem  Phantasieren,  der  nach 
dem  Hauskaplan  herumsuchte:  wir  sahen  ihn  endlich  auf  einen 
Herrn  zulaufen,  der  am  Adour  die  zuriickgeschlagnen  Hemde- 
Armel  wieder  herunterstreifte.  Es  war  der  Hauskaplan,  der  unter 
dem.Gewitter  gekrebset  und  sparer  geangelt  hatte.  Da  ich  wuBte, 
daB  er  in  seiner  etwas  behaarten  Hand  auch  Kelle  und  Mortel, 

20  Feder  und  Dinte,  zu  einer  Futtermauer  der  kritischen  Philo- 
sophic (und  zu  seiner  eigenen)  verarbeitet  hatte:  so  ging  ich  ihm 
freundlich  entgegen  und  sagte  ihm,  was  ich  schriebe.  Aber  der 
rohe  trotzige  und  doch  scheue  Mauerer  hieB  mich  in  einer  Spra- 
che,  die  so  breit  war  wie  sein  Gesicht,  frostig  willkommen:  er 
scheint  Biographen  zu  verachten,  weil  die  Fenster  in  philosophi- 
schen  Auditorien  so  hock  sind  -  oder  gar  wie  an  alten  Tempeln 
oben  an  der  Decke  -,  daB  sie  daraus  nicht  auf  die  Gasse  des  wirk- 
lichen  Lebens  sehen  konnen,  so  wie  nach  Winckelmann  die  rdmi- 
schen  Fenster  im  architektonischen  Sinne  ebenso  hoch  waren. 

30  Lord  Rochester  war  einmal  ein  ganzes  Quinquennium  unausge- 
setzt  trunken;  ein  solcher  Kaplan  aber  ist  vermogend,  ein  ganzes 
Dezennium  lang  nuchtern  zu  verharren.  Ein  solcher  Mensch  bei- 
Bet  alien  kraftigen  Wahrheiten,  Erfahrungen  und  Erdichtungen, 
wie  die  Ameisen  den  eingetragnen  Samenkornern,  die  Keime  aus, 
damit  sie  nicht  in  seinem  Ameisenhaufen  aufgehen,  sondern  nur 
zum  Bauholz  austrocknen. 


582  DAS  KAMPANER  TAL 

Als  der  Kaplan  mich  verlieB,  um  als  Konsekrator  des  Ehe- 
Sakraments  zum  Baron  zu  gehen:  so  fand  ich  den  Rittmeister 
wieder,  der  in  dem  von  einem  marmornen  Fall-Becken  zuriick- 
gespritztenStaubregen  einer  nahenKaskade  stand.  Umihnwateten 
bis  an  die  Fenster  die  Eremitagen  des  Landmanns  in  griinenden 
Halmen,  mit  dem  Erntekranz  von  welken  bedachet,  und  innen 
bliihten  Familien  und  auBen  Ulmen.  Er  hielt  mir  eine  Visiten- 
karte  entgegen,  die  ihm  jetzt,  sagt*  er,  Gione  vor  der  Vermahlung 
gegeben.  Es  war  aber  Scherz,  er  hatte  die  umgeschlagne  Karte 
bloB  auf  dem  Moose  neben  der  Kaskade  gefunden.  Sie  stellte  wie  ic 
gewohnlich  eine  romische  Ansicht  vor,  diesesmal  neben  dem 
rauschenden  Wasserfall  den  gezeichneten  von  Tivoli,  und  auf 
einem  Stein  im  Vordergrund  stand  Gionens  Name  geschrieben. 
Eine  solche  verzettelte  Kleinigkeit,  der  Fund  eines  abgegebnen 
geliebten  Namens  kurz  vor  der  Minute  seiner  irdischen  EinbuBe, 
setzet  mit  einem  Spiel-  und  Triebwerk  lieblicher  Beziehungen 
das  ganze  Herz  in  voile  Bewegung. 

Er  ging  zur  Feierlichkeit.  Ich  blieb  unter  dem  herrlichenblauen 
Himmel  und  freuete  mich,  daB  alle  Kampaner  sich  in  seine  Farbe 
kleideten,  in  die  6/aue,  die  ich  gestern  an  den  Bedienten  fur  eine  20 
schwarze  genommen  hatte. 

Ich  mache  dir  kein  Geheimnis  daraus,  daB  ich  unter  der  Kopu- 
lation  neben  so  vielen  Schonheiten  des  Friihlings  mich  in  die 
ebenso  holden  Nadinens  verlor,  die  fur  mich  ein  unbekanntes 
inneres  Afrika  war,  wobei  ich  wtinschte,  sie  ware  ebenso  heiB. 

Nach  acht  oder  zehen  Traumen  sah  ich  endlich  die  schonen 
Paare  meine  Lustbahn  durchschneiden.  Ich  ging  entgegen.  O  wie 
seelenfroh  und  still  standen  wir  nun  alle  nebeneinander  unter  dem 
Fruhlings-Getummel  der  lebendigen  Harfenettchen  und  Zithern 
und  Lockpfeifen  und  Flotenuhren,  die  sich  um  uns  mit  und  ohne  30 
Fliigeldecken  drehten!  Karlson  und  Gione  verschwiegen  eine 
gleiche  Ruhrung  fast  wie  iiber  ein  gleiches  Geschick.  Wilhelmi, 
der  wie  ein  Komet  bald  im  Brennpunkt,  bald  im  Gefrierpunkt 
einer  Sonne  ist,  brauchte  keine  Freude  weiter  als  die  Mitfreude 
des  andern.  Aber  in  Nadinens  hellem  Auge  hing  eine  Trane  fest, 
die  nicht  wegzulacheln  und  wegzublicken  war:  es  schien  mir, 


502.  STATION  583 

da8  ihr  Herz  gleich  der  Erdkugel  mit  einer  bis  auf  eine  ziemliche 
Tiefe  kalten  Oberflache  anfange,  in  seinem  Innersten  aber  eine 
verhullte  Warme  vermehre.  Und  gestern  schien  doch  ihr  ganzes 
Wesen  eine  lachende  Gegend  zu  sein!  - 

Ober  nichts  machen  wir  wohl  groBere  Fehlschliisse  und  Fehl- 
tritte  als  iiber  die  weibliche  Heiterkeit.  Ach  wie  viele  dieser  hol- 
den  Gestalten  gibt  es  nicht,  die  ungekannt  verarmen,  scherzend 
verzagen  und  schakernd  verbluten,  die  mit  dem  frohen  hellen 
Auge  in  einen  Winkel  wie  hinter  einen  Facher  eilen,  um  in  die 

10  Tranen,  die  es  pressen,  recht  freudig  auszubrechen,  und  die  den 
verlachten  Tag  mit  einer  verweinten  Nacht  bezahlen,  wie  gerade 
eine  ungewohnlich-durchskhtige  helle  nebellose  Luft  Regen- 
wetter  ansagt.  -  Erinnere  dich  nur  an  die  schone  N.  N.  und  auch 
an  ihre  jiingere  Schwester. 

Indes  hielt  das  Tageslicht  dem  reizenden  Tropfen  unter  Na- 
dinens  Auge,  diesem  Solitare  unter  ihren  glanzendsten  Reizen, 
durch  eine  halb  so  groBe  Warze  fast  das  Gleichgewicht. 

Wilhelmi  hatte  den  lyrischen  oder  dithyrambischen  Kopf  voll 
lauter  Freuden-Plane  und  forderte  mit  der  Hastigkeit  der  Ent- 

20  zuckung  einen  hurtigen  SynodalschluB  iiber  die  NutznieBung  des 
Tages.  »Ach  Gott,  jawohI«  -  sagt'  ich  noch  eiliger  und  voreilig 
dazu  -  »das  Leben  ftiegt  heute  auf  einem  Sekundenzeiger  herum: 
wie  ein  Wecker  rollet  es  ab;  aber  wo  ist  in  der  Eile  ein  Plan,  ein 
guter  Plan?«  -  Nadine,  mit  der  der  Brautigam  schon  vorher  alles 
gehorig  abgekartet  hatte,  versetzte:  »Ich  denke,  wir  brauchen  gar 
keinen  fur  einen  so  holden  Tag  und  fur  ein  so  liebes  Tal:  wir 
pilgern  und  irren  heute  bloB  nachlassig  am  Adour  das  ganze  Tal 
in  die  Lange  durch  und  setzen  uns  bei  jeder  Hiitte  und  bei  jeder 
neuen  Blume  nieder  -  und  abends  fahren  wir  im  Mondschein  zu- 

30  ruck.  -  Das  ware  in  einem  solchen  Arkadien  recht  arkadisch  und 
schafermaBig.  Wollen  Sie  alle?  -  Du  willst  gewiB.«  -  »0  wohl,« 
(sagte  Gione)  »und  ich  denke  uberhaupt,  die  meisten  von  uns 
sind  noch  in  den  Reizen  dieses  Paradieses  fremd.«  Der  Baron 
uberdachte  scheinbar  sein  Votum  ein  wenig  und  sagte  :»Eskommt 
nurdaraufan,  daB  dieDamen  2x/4  Meilen^uriicklegen  konnenin 
1  Namlich  franzosische:  das  ganze  Tal  ist  etwan  2  deutsche  Meilen  Iang. 


584  DAS  KAMPANER  TAL 

einem  Tage.«  -  Ich  rief  vor  Freuden  toll :  »Ach  prachtig !«  Denn 
eine  solche  langsame  horizontale  Himmelfahrt,  ein  solches  melo- 
disches  Arpeggio  durch  die  Dreiklange  der  Wonne  war  schon 
ein  alter,  fest  gewachsener  Wunsch  meiner  ersten  Jugend.  Ich 
HeB  meine  Entziickung  am  Hauskaplan  aus,  dem  innerlich  die 
ganze  voyage  pittoresque  wie  eine  Karfreitagsprozession  wider- 
stand  und  dem  statt  dieses  Himmelsweges  der  von  Hofer *  lieber  ge  - 
wesen  ware,  weil  er  sich  lieber  zuHause  hingesetzt  und  fortgelesen 
hatte  und  weil  er  uberhaupt  die  Epopoe  der  Natur  nicht  wie  ein 
Naturmensch  genoB,  noch  wie  ein  Naturforscher  skandierte,  son-  10 
dern  wie  ein  Konrektor  zerwarf  und  versetzte  zur  Obung  im  Zu- 
sammenbauen;  ich  sagte  unbedachtsam:  »Wenn  wir  beide  aber 
Schafer  machen  und  Sie  den  alten  Myrtill  vorstellen  und  ich  den 
Phylax:  so  ists  schon  viel.«  —  Du  weiBt  am  besten,  daB  die  Laune 
sich  vor  weiblichen  und  vor  gebildeten  Ohren  zehnmal  weniger 
erdreisten  darf  als  auf  dem  Druckpapier  und  daB  man  sie  fur 
solche  Leute  durch  so  viel  Loschpapier  und  filzene  Filtnerhute 
seihen  muB,daB  ich  keinen  Korrekturbogen  nachher  darum  gebe. 

Ein  gemietetes  Landgut  am  Ende  des  Tals  war  das  architek- 
tonische  Himmelreich,  womit  Wilhelmi  seine  Braut  in  diesem  20 
botanischen  iiberraschen  und  bezaubern  wollte.  Aber  Nadine 
wuBt*  es  allein. 

In  ebenso  vielen  Minuten,  als  ein  Schwan  bedarf,  die  Fliigel 
auszudehnen  und  sich  aufzuhelfen,  waren  wir  reisefertig.  Ich  tadl* 
es  nicht,  wenn  ein  Mensch  sich  vorbereitet,  z.  B.  auf  das  Exami- 
nieren,  aufs  Sterben:  nur  auf  keine  (nahere)  Reise;  die  lange  Vor- 
jagd  verstobert  alles  Grenzwildpret  der  Lust.  Ich  meines  Orts 
denke  nie  daran  abzureisen  als  -  unterwegs. 

Wilhelmi  belud  sich  mit  der  Laute  seiner  Braut  -  Karlson  mit 
einem  Portativ-Eiskeller  (aus  dem  Hofmannischen  Magazin,  glaub'  30 
ich)  —  die  Damen  mit  ihren  Sonnenschirmen,  und  ich  und  der 
Hauskaplan  hatten  nichts  zu  trageri.  Ich  sagte  dem  Ieeren  Phylax 
ins  Ohr  -  denn  so  kann  ich  diesen  disputierlustigen  kntischen 
Bombardierkafer  schon  nennen  und  mich  den  alten  Myrtill  -: 

1  Der  Hofersche  Himmelsweg  oder  die  Anleitung,  in  24  Stunden  den  Weg 
zur  Seligkeit  zu  erlernen. 


502.  STATION  585 

»Herr  Hauskaplan,  wir  verstoBen  gegen  das  feinste  savoir  vivre, 
wenn  wir  mit  leeren  leichten  Handen  nachgehen  und  nichts  auf- 
lasten.«  -  Er  erbot  sich  sogleich  hoflich  bei  Gionen  zum  Pack- 
pferd  und  Lastwagen  und  Lasttrager  ihres  -  Parasols.  Mir  befahl 
aber  ein  aufgeraumter  Genius,  in  Karlsons  Zimmer  zuriickzulau- 
fen  und  vom  Kanapee  zwei  Polster  oder  Seiden-Walzen  wegzu- 
holen  und  mit  ihnen  wie  mit  Zwillingen  auf  den  Armen  wieder- 
zukommen:  nichts  war  zweckmaBiger,  da  sich  die  Damen  unter- 
wegs  tausendmal  niedersetzen  wollten  und  den  seidenen  Ellen- 

10  bogen  nicht  in  die  Saftfarben  der  Blumen  unter  ihnen  tunken 
konnten.  Phylax  muBte  zu  seinem  VerdruB  die  eine  Walze  oder 
den  weichen  Bloch  in  die  Arme  nehmen;  und  ich  hing  wie  an 
einem  Stockband  den  andern  Bloch  an  den  Daumen. 

Nun  wurde  aufgebrochen  und  aufgeschritten 

Wir  gingen  den  Pyrenaen  entgegen  -  Kornfluren  -  Wasser- 
falle  -  Sennenhutten  -  Marmorbruche  -  Haine  -  Grotten  zogen 
sich,  vom  schlagenden  Adersystem  des  vielastigen  Adours  be- 
seek,  vor  uns  glanzend  und  offen  dahin,  und  wir  hatten  sie  wie 
herrliche,  in  Traume  verwandelte  Jugendjahre  zuriickzulegen 

20  Ach  Viktor,  nur  Reisen  ist  Leben,  wie  umgekehrt  das  Leben 
Reisen  ist.  Und  schob*  ich  mich  wie  gewisse  Seemuscheln  nur  mit 
einem  FuBe  hin  —  oder  kam*  ich  wie  die  Meernessel  und  die  Wei- 
ber  nur  6  Linien  in  1/4  Stunde  weiter  -  oder  miiBt'  ich  wie  die 
Spitzmuschel  durch  Verkiirzung  des  vorauseingehakten  Russels 
den  Torso  nachschleifen  -  oder  stand*  ich  unter  Fritz  II.  oder 
unter  Fritz  I.  (dem  Lykurg),  die  beide  die  groBe  Tour  verboten: 
ich  machte  mich  wenigstens  auf  eine  kleinere,  um  nicht  zu  ver- 
schmachten,  wie  die  Schmerle,  die  in  jedem  GefaBe  absteht,  das 
man  nicht  ruttelt.  -  Wie  glanzet  man,  wie  dichtet,  wie  erfindet 

30  und  philosophiert  man,  wenn  man  dahinlauft,  so  wie  Montaigne, 
Rousseau  und  die  Meernessel  nur  leuchten,  wenn  sie  sich  bewegenf 
Beim  Himmel,  wenn  die  Sonne  oben  dem  FuBganger  von  einem 
Laubgipfel  zum  andern  nachfolgt,  wenn  die  erblichne  im  Wasser 
unter  den  Wellen  nachschwimmt  -  wenn  Szenen,  Berge,  Hiigel, 
Menschen  im  Wechsel  kommen  und  fliehen  und  Freiheitslufte 
iiber  das  ganze  veranderliche  Eden  wehen  -  wenn  wir  mit  zer- 


586  DAS  KAMPANER  TAL 

sprengten  Hals-  und  Brusteisen  und  zerschlagenen  Sperrketten 
der  engen  Verhaltnisse  leicht  und  ungebunden  wie  in  Traumen 

uber  neue  Biihnen  fliegen dann  ists  kein  Wunder,  daB  ein 

Mensch  sich  auf  die  FiiBe  macht,  und  daB  er  immer  weiter  will. 

Denn  leider  muB  die  Glasglocke  uber  Menschen  und  Melonen, 
die  beide  anfangs  eine  zerbrochene  Bouteille  iiberbauet,  immer 
hoher  aufgehangen  und  zuletzt  gar  weggehoben  werden.  Anfangs 
will  der  Mensch  in  die  nachste  Stadt  —  dann  auf  die  Universitat  — 
dann  in  eine  Residenzstadt  von  Belang  -  dann  (falls  er  nur  24 
Zeilen  geschrieben)  nach  Weimar  -  und  endlich  nach  Italien  oder  10 
in  den  Himmel;  denn  waren  vollends  die  Planeten  an  eine  Perlen- 
schnur  gefadelt  und  einander  genahert,  oder  waren  die  Licht- 
strahlen  Fahren  und  Treibeis  und  die  Lichtkiigelchen  Pontons: 
so  waren  Extraposten  im  Uranus  angelegt,  und  der  unersattliche 
innere  Mensch  wiirde  sich,  eben  weil  der  auBere  so  sehr  ersattlich 
ist,  von  einer  Kugel  zur  andern  sehnen  und  begeben . . . 

Dafur  aber,  mein  Viktor,  ist  auch  kein  Ich  von  einem  so  viel- 
gehausigen  Karzer  ummauert  als  das  menschliche:  denn  unsere 
Spandaus  stecken  ja  ordentlich  immer  enger  ineinander.  Denn 
mein  und  dein  Ich  sitzt  nicht  sowohl  in  der  Welt  gefangen  als  20 
auf  der.Erde  -  in  dieser  Kings-Bench  hocken  wieder  die  Stadt- 
mauern  -  in  diesen  umfangen  uns  die  vier  Pfahle  -  in  den  Pfahlen 
der  Armsessel  oder  das  Bette  -  in  diesen  das  Hemde  oder  der 
Rock  oder  beides  -  endlich  gar  der  Leib  -  und  am  allergenauesten 
(und  noch  dazu  nach  Sommering)  in  den  Gehirnhohlen  der  En- 
tenpfuhl  —  Erschrick  uber  die  fatale  vielschalige  Suite  von  Kor- 
rektionsstuben,  die  ein  Ich  umstellen!  — 

Das  milttdrische  Halt1  haben  die  Franzosen  von  den  Deutschen 
gelernt;  aber  wahrlich,  wirst  du  zu  mir  sagen,  das  dsthetische  und 
philosophlsche  sollten  wir  ihnen  ablernen.  Ich  beschwore  deinen  30 
Schwur,  denn  es  ist  so. 


1  »Halt«  und  »Achtung«  sind  die  einzigen  zwei  Kommandoworter,  die 
bekanntlich  ohne  Version  von  dem  deutschen  Heere  zu  dem  andern  uber- 
gingen,  das  sie  -  notiger  hatte  als  unseres. 


503.  STATION  587 

503.  Station 

Pasquill  auf  den  Kaplan  -  Lobrede  auf  ihn  -  der  Diamant  -  Einwiirfe  gegen 
die  Unsterblichkeit  —  Eden-Scherze 

Wir  beide  Walzentrager  formierten  den  Nachtrab;  ich  wollte 
einen  Diskurs  ankniipfen,  aber  Phylax  machte  wenig  aus  mir. 
Hochstens  sail  er  mich  fur  einen  windigen  Schongeist  an,  der  sich 
bloB  an  Gefiihle  halt—  obgleich  Gefiihle  der  Schwamm  voll  atmo- 
spharischer  Luft  ist,  den  sowohl  der  Dichter  auf  seinem  hohen 
ParnaB  als  der  philosophische  Taucher  in  seiner  Tiefe  am  Munde 

io  haben  muB,  und  obgleich  die  Dichtkunst  iiber  manche  dunkle 
Stellen  der  Natur  ein  friiheres  Licht  warf  als  die  Philosophic,  wie 
der  diistre  Neumond  von  der  Venus  Licht  bekommt. 

Der  Philosoph  versiindigt  sich  aber  am  Dichter  noch  mehr  wie 
du  an  den  Kantianern,  von  denen  du  zu  verlangen  scheinst,  daB 
sie  ertraglich  schreiben  sollen :  es  sind  Einfalle,  mein  Viktor,  aber 
keine  Griinde,  wenn  du  sagst,  die  Philosophie  werde  wie  eine 
tiirkische  Dame  von  Stummen,  Schwarzen  und  HaBlichen  be- 
dient;  der  philosophische  Marktplatz  sei  ein  forum  morionum1, 
Schonheit  sei  den  Philosophen  wie  den  Heloten  untersagt,  die 

20  man  deswegen  totete.  Denn  es  ist  wohl  klar,  daB  eine  gewisse 
barbarische,  undeutsche,  weitschweinge  Sprache  die  Philosophie 
mehr  schmiickt  als  entstellt:  Orakel  verachten  Anmut,  Vox  dei 
soloecismus,  d.  h.  ein  Kantianer  ist  nicht  zu  lesen,  sondern  nur  zu 
studieren.  Es  ist  ferner  eines  Philosophen  nicht  unwiirdig,  die 
Sprache  statt  der  Wissenschaft  zu  bereichern,  weil  zum  neuen 
Term  irgendein  anderer  die  Begriffe  wie  zu  den  Ammons-Hor- 
nern  die  Tiere  sucht  und  findet.  Daher  bezeichnen  die  Griechen 
Wort  und  Vernunft  mit  dem  namlichen  Ausdruck,  der  am  Ende 
gar  ein  Gott  wurde.  Daher  schreibt  der  Philosoph  stets  iiber  seine 

30  Hausture:  pour  Tondalgie2  statt:  »Hier  wohnt  ein  Zahnarzt«.  Das 
ist  der  erste  Grund  auBer  einem  zweiten,  warum  der  Philosoph, 

1  War  der  Markt  in  Rom,  wo  MiBgebildete  feilstanden  und  desto  hoher 
weggingen,  je  ungestalter  sie  waren. 

1  So  schrieb  em  Pariser  Dentist  iiber  seine  Hausture. 


588  DAS  KAMPANER  TAL 

besonders  der  Kantianer  —  wie  ich  an  Phylaxen  sah  —  weder  Bu- 
cher  noch  Menschen  noch  Erfahrungen  noch  Physik,  Botanik, 
Kiinste,  Naturgeschichte  zu  kennen  braucht:  er  kann  und  muB 
das  Positive,  das  Reale,  das  Gegebene,  das  unbekannte  X  ent- 
raten,  er  schafft  seinen  Term  und  saugt,  wie  zuweilen  Kinder  - 
sie  konnen  daruber  ersticken  — ,  an  seiner  eignen  iiberstulpten 
Zunge,  oder  wie  neugeborne  Fohlen,  an  seinem  NabeL . . 

Ich  muB  zur  Gesellschaft  zuriick,  Lieber!  Da  der  Hauskaplan 
mit  der  groBten  Gleichgultigkeit  gegen  mich  seinen  Spazierstock 
oder  vielmehr  Spazierbaum  von  Polster  trug:  so  wollt*  ich  ihn  10 
einnehmen  durch  ein  Lob  auf  Kosten  —  Kants.  Ich  sagte  zu  ihm: 
»Es  hat  mich  frappiert,  daB  die  Philosophen  es  gelitten  haben, 
daB  Kant  zwischen  ihnen  und  Kunstlern  einen  solchen  Unter- 
schied  macht  und  nur  den  letztern  Genie  einraumt.  Er  sagt  im 
47.  §  seiner  Kritik  der  Urteilskraft:  >Im  Wissenschaftlichen  ist 
der  groBte  Erfinder  vom  muhseligsten  Nachahmer  und  Lehrling 
nur  dem  Grade  nach,  dagegen  von  dem,  den  die  Natur  fur  die 
schone  Kunst  begabt  hat,  spezifisch  unterschieden.<  Das  dero- 
giert,  Herr  Kaplan,  und  wahr  ists  ohnehin  nicht.  Warum  kann 
denn  Kant  nur  Kantianer,  keine  Kante  machen?1  Werden  denn  20 

1  In  demselben  §  sagt  Kant  vorher:  »Man  kann  alles,  was  Newton  in  sei- 
nem unsterblichen  Werke  der  >Prinzipien  der  Naturphilosophie<  sagt,  so 
ein  groBer  Kopf  auch  erforderlich  war,  dergleichen  zu  erfinden,  gar  wohl 
lemen,  aber  man  kann  nicht  geistreich  dichten  lernen,  so  ausfuhrlich  auch 
alle  Vorschriften  fur  die  Dichtkunst  und  so  vortrefflich  auch  die  Muster 
derselben  sein  mogen.  Die  Ursache  ist,  daB  Newton  alle  seine  Schritte,  die 
er  von  den  ersten  Elementen  der  Geometrie  an  bis  zu  seinen  grbBen  und 
tiefen  Erfindungen  zu  tun  hatte,  nicht  allein  sich  selbst,  sondern  jedem 
andern  ganz  anschaulich  und  zur  Nachfolge  bestimmt  vormachen  konnte, 
kein  Homer  aber  oder  Wieland  anzeigen  kann,  wie  sich  seine  phantasiereiche  JO 
und  ddch  zugleich  gedankenvolle  Ideen  in  seinem  Kopfe  hervor-  und  zu- 
sammenfinden,  darum  weil  er  es  selbst  nicht  weiB  und  es  also  auch  keinen 
andern  lehren  kann.«  -  Ich  hatte  anfangs  Hoffnung,  ich  wurde  mich  auf 
Kant  -  da  er  trillionenmal  mehr  Scharfsinn  hat  als  ich  -  geradezu  wie  auf 
meinen  geistigen  charge  d'affaires  verlassen  konnen;  aber  bei  dieser  Stelle 
(und  bei  seinen  Erklarungen  iiber  die  Reue,  iiber  die  Musik,  uber  den  Ur- 
sprung  des  moral.  Bosen  etc.)  sah  ich,  ich  mufite  selber  nachschauen  und 
ihm  nicht  nach-beten,  wie  ich  anfangs  wollte,  sondern  nach-denken.  Doch 
zuriick !  Allerdings  kann  man  Newtons  Prinzipien  »lernen«,  d.h.  die  erfundnen 
wiederholen,  aber  die  erfundenen  Gedichte  ja  auch;  diese  kann  man  freilich  4o 
nicht  erfinden  lernen,  so  wenig  als  Newtons  -  Prinzipien.  Eine  neue  philo- 


5°3-  STATION  589 

neue  Systeme  durch  Syllogismen  erfunden,  ob  man  sie  gleich  da- 
durch  beweiset  und  erprobt?  Kann  denn  der  Zusammenhang 
einer  neuen  philosophischen  Idee  mit  den  alten  ihre  Empfangnis 
besser  erklaren  oder  erleichtem  als  derselbe  Zusammenhang,  den 
jede  neue  dichterische  mit  alten  haben  muB,  deren  Schopfung 
vermittelt?  -  Herr  Hauskaplan,  ich  weiB  nicht,  an  wem  hier  Kant 
sich  mehr  vergriffen,  ob  an  der  Wahrheit  -  oder  an  sich  -  oder 
an  seiner  hohen  Schule.  Leibnizens  Monadologie,  harmonia  prae- 
stabilita  etc.  sind  eine  so  reine  strahlende  Emanation  des  Genius 

10  als  irgendeine  leuchtende  Gestalt  in  Shakespeare  oder  Homer.  - 
Oberhaupt,  Herr  Kaplan,  ist  Leibniz  ein  genialischer,  allmach- 
tiger  Demiurg  in  der  philosophischen  Welt,  ihr  groBter  und  erster 
Weltumsegler^  und  der  dann,  gliicklicher  als  Archimedes,  in  sei- 
nem  Genius  den  Standpunkt  fand,  die  philosophischen  Universa 
um  sich  zu  bewegen  und  mit  Welten  zu  spielen  —  er  war  ein  ein- 
ziger  Geist,  er  warf  neue  Fesseln  auf  die  Erde  herab,  aber  er  selber 
trug  keine:  ich  denke,  Sie  denken  das  auch,  Herr  Hauskaplan  1« - 
Er  versetzte,  er  dachte  das  nicht;  die  kritische  Philosophie  wisse, 
was  sie  aus Leibnizens  Versuchen  die  ubersinnliche  Welt,  die  Dinge 

20  an  sich,  die  zuriickgelegte  Approximation  der  bedingten  Reihe  bis 
zum  Unbedingten  darzustellen,  zu  machen  habe,  so  wie  sie  Genies 
wiirdige  —  Kurz  ich  hatt'  ihn  eher  erbittert  als  erbeutet. 

sophische  Idee  scheint  nach  ihrer  Geburt  klarer  in  den  vorigen  Keimen  und 
molecules  organiques  zu  liegen  als  eine  dichterische:  warum  sah  sie  indessen 
denn  erst  Newton?  -  Auch  er  und  Kant  konnen  so  wenig  wie  Shakespeare 
oder  Leibniz  entdecken,  wie  auf  einmal  aus  einer  Wolke  alter  Ideen  der  Blitz 
einer  neuen  springt;  sie  konnen  ihren  Nexus  mit  alten  zeigen  (sonst  war's 
keine  menschliche),  aber  nicht  ihre  Er^eugung  daraus:  beides  gilt  von  dich- 
terischen.  Kant  lehre  uns  Systeme  oder  Wahrheiten  erfinden  (nicht  prufen, 

30  wiewohl  im  strengsten  Sinn  dieses  sich  von  jenem  nur  im  Grade  trennt), 
dann  soil  ihm  gelehret  werden,  Epopoen  zu  erfinden,  und  ich  mache  mich 
dazu  verbindlich.  Mich  diinkt,  er  vermenge  die  Schwierigkeit,  Ideen  zu  bil- 
den,  mit  der  untergeordneten,  neue  zu  bilden,  die  Schwierigkeit  des  Ober- 
gangs  mit  der  Unerklarlichkeit  des  Stoffs.  Ich  erschrecke  und  erstaune  iiber 
die  verhullte  Allmacht,  womit  der  Mensch  seine  Ideenreihe  ordnet,  d.  h. 
schafft.  Mir  ist  kein  besseres  Symbol  der  Schopfung  bekannt  als  die  Regel- 
mafiigkeit  und  Kausalitat  der  Ideenschopfung  in  uns,  die  kein  Wille  und 
kein  Verstand  ordnen  und  erzielen  kann>  weil  eine  solche  Ordnung  und 
Absicht  die  unerschaffene  Idee  ja  —  voraussetzte.  Und  in  diese  Schopfung 

40  hulk  sich  das  erhabene  Ratsel  unserer  moralischen  Freiheit  ein. 


590  DAS  KAMPANER  TAL 

Karlson,  den  nicht  einmal  Amors  Fackel  oder  Binde  gegen  die 
philosophische  Fackel  verblendet,  nahm  an  Gionens  Arme  soviel 
Anteil  amKriege,  als  mit  denOhren  zu  nehmen  ist.-Glucklicher- 
weise  hielten  wir  alle  still.  Nadinen  war  ein  HnsengroBer  Diamant 
aus  der  Brillantierung  ihres  Halsgehenkes  ausgefallen,  und  sie 
suchte  im  Grase  nach  dem  silbernen  versteinerten  Funken:  ich 
wundere  mich,  daB  der  Mensch  allezeit  gerade  eine  Sache  an  dem 
Orte,  wo  er  ihren  Verlust  bemerkt,  zu  finden  hofft.  Die  Kirwane 
guckte  auf  der  betropften  glanzenden  Aue  nach  dem  verlornen 
verharteten  Tautropfen:  als  ein  lichter  Demant  vom  ersten  Was-  10 
ser  war  er  so  leicht  mit  einem  Taukugelchen  zu  verwechseln,  daB 
ich,  als  ich  eines  in  einer  angesteckten  Busenrose  Nadinens  glim- 
men  sah,  anmerkte :  »Alles  Hegt  voll  weicher  Demanten,  und  wer 
will  den  harten  ausfinden  ?  Der  Tau  in  Ihrer  Vorsteckrose  glanzet 
so  schon  wie  der  ausgebrochene  Stein.«  Sie  blickte  darnach  -  und 
im  Rosenkelche  lag  die  gesuchte  Perle.  Man  dachte,  ich  hatt'  es 
gut  gemacht;  und  ich  argerte  mich,  daB  ichs  dumm  gemeint  -  in- 
zwischen  wurde  mir  dariiber  doch  Nadine  nicht  feinder,  und  das 
war  Finderlohn  genug. 

Da  um  dieses  bunte  Rasenstiick  und  Bienen-Zuckerfeld  der  20 
Adour  weniger  einen  Arm  als  einen  Finger  krummte:  so  setzte 
sich  die  Sozietat  unter  die  Bienen  und  Blumen  hinein,  und  die 
Walzentrager  legten  vorher  die  Walzen  hin.  Nadine  sagte  spie- 
lend:  »Wenn  die  Blumen  Seelen  haben,  so  miissen  ihnen  die  Bie- 
nen, deren  Ammen  sie  sind,  wie  liebe  trinkende  Kinder  vorkom- 
men.«  -»Sie  haben«,  sagte  Karlson,»solche  Seelen  wie  die  gefror- 
nen  Fensterblumen,  oder  der  Baum  von  Petit1,  den  ich  Ihnen 
einmal  gezeigt,  oder  wie  die  Rauten  des  Vitriols  oder  die  Pyra- 
miden  des  Alauns.«  -  »Ach  Sie  zerstoren  immer,  Herr  Rittmei- 
ster.«  (sagte  Gione)  -  »ich  und  Nadine  haben  uns  wirklich  einmal  30 
ein  Elysium  fur  verstorbene  Blumenseelen  ausgemalt.«  -  »Ich«, 
sagte  Wilhelmi  ernsthaft,  »nehme  einen  mittlern  Zustand  der 
Blumenseelen  nach  dem  Tode  an :  die  Lilienseelen  fahren  wahr- 
scheinlich  in  weibliche  Stirnen,  Hyazinthen-  und  Vergifimein- 

1  Ein  in  Konigswasser  aufgelostes  Gold,  mit  einigen  Loten  Quecksilber 
vermengt,  entspriefiet  in  der  Phiole  zu  einem  Baum  mit  Laub. 


5O3.  STATION  59I 

nichtseelen  in  weibliche  Augen  und  Rosenseelen  in  Lippen.«  -  Ich 
fugte  bei:  »Es  kommt  der  Hypothese  sehr  zustatten,  daB  ein  Mad- 
chen  in  der  Minute,  da  es  sich  btickt  und  eine  Rose  bricht  oder 
umbringt,  von  der  ubertretenden  Seele  merklich  roter  wird.« 

Dann  setzten  wir  froh  und  liebend  unsere  schone  Reise  wieder 
fort.  Nur  in  meinen  Trage-Kollegen  schienen  Disteln-  und  Schle- 
henseelen  gefahren  zu  sein.  Ihn  verdroB  das  Ideenspiel  und  die 
Hoflichkeit  im  Gefecht;  Karlson  gefiel  ihm  allein. 

Der  Kaplan  sagte  endlich  zu  mir :  »Es  ist  uberhaupt  keine  Un- 

10  sterblichkeit  darzutun  als  die  der  moralischen  Wesen,  bei  denen 
sie  ein  Postulat  der  praktischen  Vernunft  ist.  Denn  da  die  vollige 
Angemessenheit  des  Willens  zum  moralischen  Gesetz,  die  der 
gerechte  Schopfer  nie  erlassen  kann,  nie  von  einem  endlichen 
Wesen  zu  erreichen  ist:  so  muB  ein  ins  Unendliche  gehender  Pro- 
gressus,  d.  h.  eine  ewige  Dauer  diese  Angemessenheit  in  Gottes 
Augen,  der  die  unendliche  Reihe  uberschauet,  enthalten  und  zei- 
gen.  Daher  ist  unsere  Unsterblichkeit  notig.« 

Karlson  stand  bei  Gionen  still,  um  uns  heranzulassen,  und 
sagte:  »Lieber  kritischer  Philosoph,  benehmen  Sie  doch,  ich  bitte 

20  Sie,  diesem  Beweise  die  Kuhnheit  oder  die  Dunkelheit,  die  er  fur 
Laien  hat.  Wie,  ist  denn  die  Obersicht,  d.  h.  die  Endigung  einer 
unendlichen,  d.  h.  einer  nicht  endenden  Reihe  denklich?  -  Oder 
wie  wollen  Sie  denn  die  Unendlichkeit  der  Zeit  mit  der  Unend- 
lichkeit  der  moralischen  Foderung  in  Gleichung  bringen  und  wie 
kann  eine  in  eine  unendliche  Zeitreihe  zerteilte  Heiligkeit  die 
gottliche  Gerechtigkeit  befriedigen,  die  in  jedem  Teil  dieser  Reihe 
diese  Heiligkeit  verlangen  muB?  Und  ist  denn  die  wachsende 
Approximation  des  Menschen  zu  dieser  Reinheit  erwiesen?  Wer- 
den  denn  nicht  in  der  endlosen  Reihe  mit  den  Tugenden  die 

30  Fehler  zwar  nicht  groBer,  aber  doch  vielzahliger?  Und  wie  ver- 
halt  sich  in  der  gottlichen  Ubersicht  die  unendliche  Reihe  der 
Fehler  zu  der  der  Tugenden?  Lassen  wir  auch  das!  Ist  denn  vor 
dem  gottlichen  Auge  die  moralische  Reinheit  zwei  verschiedener 
Wesen,  z.  B.  eines  Seraphs  und  eines  Menschen,  oder  zwei  ver- 
schiedener Menschen,  eines  Sokrates  und  eines  Robespierre,  in 
zwei  gleich  langen,  d.  h.  unendlichen  Zeitreihen  gleich  vollendet? 


59^  DAS  KAMPANER  TAL 

Wenn  nun  in  der  Obersicht  zwischen  beiden  ein  Unterschied 
nachbleibt,  so  ist  die  sogenannte  Angemessenheit  bei  einem  nicht 
erreicht  —  und  es  sollte  also  einer  sterblich  sein.« 

Der  Hauskaplan  replizierte:  »t)berhaupt  will  Kant  damit  die 
Unsterblichkeit  nicht  demonstrieren :  er  sagt  selber,  sie  sei  uns 
darum  so  ungewiB  gelassen,  damit  der  reine  Wille  nur  durch  sich 
und  durch  keine  eigenniitzigen  Aussichten  in  die  Ewigkeit  be- 
stimmet  werde.«  - 

»Sonderbar!«  sagte  Karlson.  »Da  wir  nun  aber  diese  Endab- 
sicht  heraushaben,  so  ware  sie  ja  eben  dadurch  verfehlt.  Die  Phi-  i0 
losophen  miiBten  es  also  wie  ich  machen  und  die  Unsterblichkeit 
anfechten  zum  Vorteil  der  Tugend.  -  Es  ist  ein  eigener  Zirkel, 
aus  der  Unbeweislichkeit  eines  Satzes  seine  Wahrheit  zu  vermu- 
ten.  Entweder  die  Unsterblichkeit  ist  darzutun  -  und  dann  ist  die 
eine  Halfte  Ihres  Satzes  nicht  richtig  -  oder  sie  ist  es  nicht;  dann 
ist  der  ganze  falsch.  Noch  dazu :  wenn  der  Glaube  an  sie  die  Tu- 
gend eigenniitzig  macht;  so  tuts  ja  das  Erleben  derselben  in  der 
zweiten  Welt  noch  mehr.  -  Schreckt  denn  iiberdies  der  Glaube 
an  sie  den  gemeinen  Mann  von  dem  ab,  was  ihm  der  Beichtvater 
verbeut  und  vergibt?  So  wenig  als  der  erste  SchlagfluB  den  Trin-  20 
ker  von  dem  Wege  zum  zweiten.« 


504.  Station 
Blumen-Tandeleien. 

Karlson  lieB  sich  in  fremde  Gesprache  ein,  und  Phylax  war  voll 
Ingrimm,  dafi  er  nicht  siegen,  oder  doch  streiten  konnte:  erwollte 
an  mir  die  sokratische  Hebammenkunst  versuchen,  aber  er  suchte 
nicht  wie  andere  Accoucheurs  vorher  die  Entbindungswerjczeuge 
warm  zu  machen:  er  hatte  eine  so  harte  ungefallige  Manier.  Ich 
sagte  zu  ihm,  ich  hatte  dieselbe  Meinung  wie  er,  wiewohl  nicht 
aus  denselben  Griinden,  und  wir  wollten  nachher  vereinigt  und  50 
eintrachtig  miteinander  gegen  den  Rittmeister  ausrucken  und 
ausfallen. 


504.  STATION  593 

Ich  ging  jetzt  mit  meinem  seidenen  Kloppel  zu  Nadinen,  um 
ihr  an  einem  Rosenbusche  die  fliegenden  Lichtmagnete,  die  glan- 
zenden  Irrlichtchen  der  Nacht,  die  braunen  Johanniswurmchen, 
zu  zeigen,  die  sie  nie  am  Tage  gesehen:  ich  bevolkerte  eine 
Schachtel  damit  zu  einem  lebendigen  Feuerwerk  auf  abends.  Der 
Zufall  hatte  einen  gliihenden  Rosenzweig  romantisch  niederge- 
bogen  zwischen  blaue  Glockenblumen  auf  einen  griin  marmor- 
nen  Grenzstein  —  sein  Laub  war  gleichsam  mit  verkohlten  Jo- 
hanniswiirmchen1 schwarz  ausgenaht  -  der  Lilienkafer  hing  wie 

10  eine  goldne  Stickerei  an  den  bleichern  reifen  Rosen  -  langbeinige 
schillernde  Miicken  liefen  iiber  die  Dornen-  die  Blumen-Tau- 
cher  und  Nektarien-Schatzgraber,  die  Bienen,  bedornten  die  Ro- 
senkelche  mit  neuen  Stacheln  -  und  die  Schmetterlinge  wiegten 
sich  wie  fliegende  Farben,  wie  epikuraische  Abblatterungen  um 
die  bunte  Welt  des  Zweigs.  —  Ich  kann  dir  nicht  sagen,  wie  der 
vom  wilden  Ganzen  auf  einen  niedlichen  Teil  gesenkte  Blick  un- 
sern  Herzen  und  der  weiten  Natur  ein  warmeres  Leben  gab.  Wir 
fasseten  von  der  groBen  Mutter  des  Lebens,  wie  Kinder  vermo- 
gen,  nichts  an  als  die  Finger  statt  der  Hand  und  kuBten  sie.  Gott 

20  war  durch  die  Schopfung  Mensch  geworden  -  wie  eben  dadurch 
fur  Engel  ein  Engel  -,  gleich  der  Sonne,  deren  glanzende  Uner- 
meBlichkeit  die  Maler  sanft  in  die  Schonheiten  eines  Menschen- 
angesichts  zerteilen. 

Wilhelmi  sagte  er  nehme,  um  in  ein  Arkadien,  in  ein  Eden 
abzufliegen,  keine  groBern  Schwingen  dazu  als  die  vier  eines 
Schmetterlings  -  welches  poetische  paradiesische  Sein,  wie  der 
Papillon  ohne  Magen  und  Hunger  zwischen  Bluten  und  B lumen 
zu  gaukeln,  keinen  Winter,  keine  lange  Nacht  und  keinen  Orkan 
zu  erleben,  das  Leben  in  der  weichen  Jagd  nach  einem  zweiten 

30  Papillon  zu  verspielen,  oder  wie  Kolibri  mit  Blumenfarben  zwi- 
schen Zitronenbliiten  zu  nisten,  um  bluhenden  Honig  zu  schwe- 
ben  und  in  einem  seidenen  Hangbette  zu  schwanken! 

Wir  gingen  selig  weiter,  und  jeder  neue  Schritt  trieb  ein  berau- 
schendes  Blut  hinauf  zum  erwarmten  Ich.  Ich  machte  mir  nichts 
daraus,  zum  Kaplan  zu  sagen :  »der  Tempel  der  Natur  habe  sich 
1  Die  Mannchen  sind  schwarz. 


594  DAS  KAMPANER  TAL 

fiir  mich  in  einen  Konzertsaal  verwandelt  -  jede  Vokalmusik  in 
Instrumentalmusik  -  der  wallende  Adour  in  eine  Wasserorgel  - 
jeder  Frosch  in  den  Frosch  am  Geigenbogen  -  jede  Zikade  in 
eine  Maultrommel  —  jede  Flugeldecke  in  einen  breiten  besaiteten 

Fliigel  und  die  rufenden  Raben  in  bekielende  Rabenfedern« 

Phylax  versetzte,  er  wisse  ein  wenig,  was  er  von  dithyrambischen 
Wellen  zu  denken  habe,  die  der  Korper  wirft. 

—  Viktor!  sollte  nicht  der  Philosoph  und  die  Philosophic  den 
elektrischen  Korpern  nachabmen,  die  nicht  nur  kuchten,  sondern 
auch  an^iefien?  Freilich  schmeckt  immer  der  geistige  Wein  nach 
den  FaBdauben  des  Korpers;  aber  Phylax*  Seele  scheint  kaum 
geistig  genug  zu  sein,  um  nur  einer  andern  Seele  zum  -  Korper 
zu  dienen. 


505.  Station 

Die  Ephemere  —  iiber  die  relativen  Schliisse  -  Zweifel  gegen  die  Lange  der 
Wesenleiter  -  der  Warzenfresser  —  die  Kur 


Die  Sonne  und  das  Tal  fasseten  uns  mit  lauter  Brennspiegeln  ein 
-  und  es  war  iiberhaupt  gut,  sich  ein  wenig  satt  zu  sitzen  und 
satt  zu  essen  -  und  da  gerade  uns  gegeniiber  ein  Marmorbruch 
und  dicht  an  der  eisernen  Felsenwand  eine  saftgriine  Trift  und  20 
neben  uns  eine  Ulmen-Gruppe  um  ein  gleiBendes  vereinzeltes 
Hauschen  war,  so  hielten  wir  darin  um  so  viel  Konsumptibilien 
an,  als  ein  flatterhaftes  sattes  Quintett  bedarf.  -  Die  Frau  vom 
Hauschen  war  allein  (der  Mann  arbeitete  wie  die  meisten  Kam- 
paner  in  Spanien)  -  vier  Kinder  trugen  zu  -  es  ging  -  unser 
Taschen-Eiskeller  wurde  aufgetan  und  damit  die  Seele  erfritztund 
der  Magen  gekiihlt  -  der  weiBgliihende  SchluBstein  des  himm- 
lischen  Gewolbes  weckte  mit  seinen  Flammen  den  Mittagswind, 
der  auf  den  kalten  Gipfeln  der  Pyrenaen  schlief.  - 

Dem  armen  Phylax  schmeckte  wenig  oder  nichts,  ihm  war  30 
daran  gelegen,  zu  beweisen,  daB  er  fortdauere.  Gliicklicherweise 
waffnete  ihn  der  franzosische  Wein  immer  besser  gegen  das  fran- 


5°5-  station  595 

zosische  System,  und  er  fragte  bei  dem  Baron  hoflich  an:  »Ich 
glaube  dem  Herrn  Rktmeister  noch  manche  Beweise  der  Un- 
sterblichkeit  schuldig  zu  sein :  ich  wunschte  sie  abtragen  zu  dur- 
fen.«  -  Wilhelmi  wies  ihn  an  Gionen:  »Hier  fragen  Sie!«  Gione 
bewilligte  die  Bitte  gern :  »Warum  sollen  nicht  Erinnerungen  der 
Unsterblichkeit  unsere  Freuden  ebenso  verzieren  als  Sarkophage 
englische  Garten  ?«  -  Nadine  warf  die  Frage  dazu:  »Wenn  aber 
die  Manner  liber  die  Hoffnungen  der  Menschen  hadern:  was 
bleibt  den  Weibern  iibrigrV-  »Ihr  Herz  und  die  Hoffnungen, 

10  Nadine«,  sagte  Gione.  »Die  Eule  der  Minerva«,  sagte  lachelnd 
Wilhelmi,  »soll  wie  andere  Eulen  Untergehen  ansagen,  wenn  sie 
auf  eine  Dachung  fliegt;  ich  hoffe  aber,  es  ist  nichts  daran.«  Ich 
setzte  dazu:  »An  den  Obeliskus  der  Unsterblichkeit  ist  ja  das 
Leben  aller  unserer  Geliebten,  wie  an  Ramesses  seinen1,  gebun- 
den,  damit  die  Gefahr  die  Kraft  verdoppelt,  und  sie  werden  zer- 
schmettert,  wenn  er  zurucksturzt.« 

Karlson  hatte  unterdessen  von  der  nachsten  Ulme  eine  feste 
Eintagsfliege  gezogen,  die  sich  daran  eingeklammert,  um  die  letzte 
Haut,  den  letzten  Ober-Korper  vor  dem  Tode  abzuwerfen.  Die 

20  Ephemere  sollte  nicht  ein  Sinnbild  unserer  Verganglichkeitn~y  son- 
dern  unserer  Entfaltung  sein,  da  sie,  wider  die  Art  aller  Insekten, 
sich  noch  einmal  nach  alien  Verwandlungen,  und  schon  mit  Flii- 
geln  geschmuckt,  noch  vor  dem  Sterben  umkleidet.  Er  hielt  sie 
uns  vor  und  sagte:  »Eine  philosophische  Eintagsfliege  mu6  mei- 
nes  Erachtens  so  philosophieren :  wie?  ich  sollte  alle  meine  Ent- 
wicklungen  vergeblich  auf  der  Erde  durchgelaufen  sein,  der 
Schopfer  hatte  keine  Absicht  dabei  gehabt,  mich  aus  dem  Ei  zur 
Larve  zu  rufen,  dann  aus  dieser  zur  Nymphe  zu  erheben  und  end- 
lich  zu  einem  fliegenden  Wesen,  dessen  Fliigel  noch  vor  dem 

30  Tode  einen  vorletzten  Oberzug  und  ein  Gehause  sprengen,  bei 
dieser  langen  Reihe  von  geistigen  und  korperlichen  Entwick- 

1  Ramesses  lieB  seinen  Sohn  an  die  Spitze  des  Obeliskus  hangen,  damit 
die,  welche  ihn  aufrichteten,  ein  groBeres  Leben  als  ihr  eignes  zu  wagen 
hatten. 

*  Derin  sie  lebt  iiber  zwei  Jahre,  ob  sie  gleich  ihre  Entpuppung  wie  alle 
Insekten  nicht  lange  (iberlebt,  denen  die  Natur  uberhaupt  die  Rosenzeit  der 
Jugend  erst  nach  dem  Dornenalter  des  nahrenden  Wiihlens  beschieden. 


596  DASKAMPANER  TAL 

lungen  hatte  der  Schopfer  nichts  zur  Absicht  gehabt  als  ein  sechs- 
stiindiges  Sein,  und  die  Gruft  ware  das  abhangige  Ziel  einer  so 
langen  Bahn?« 

»Ihr  Beispiel«  —  versetzte  gliicklich  der  Kaplan  -  »beweiset  nur 
gegen  -  Sie:  es  ist  ja  eben  petitio  principii,  bei  der  Ephemere 
die  Sterblichkeit  vorauszusetzen.« 

Ich  gestehe  dirs,  ich  bin  iiberhaupt  relativen  Schlussen  wie  dem 
vorigen  feind,  weil  sie  der  Wahrheit  gerade  so  viel  Abbruch  tun 
als  der  Beredsamkeit  Vorschub.  Denn  man  kann  damit  gerade 
entgegengesetzte  Satze  beweisen.  Einen,  den  ein  Sandkorn  im  i 
Auge  driickt,  iiberfuhr'  ich,  daB  er  sowohl  gliicklich  sei,  da  es  auf 
der  Erde  Leute  gebe,  die  an  Blasen-Sandkornern  und  Gries  und 
an  Hollensteinen  leiden,  als  auch  ungliicklich,  da  sultanische 
Augen  nichts  Harteres  driicke  als  etwan  zirkassische  Augen  wim- 
pern  oder  zwei  rosenrote  Lippen.  So  mach*  ich  die  Erdkugel  nicht 
nur  groB  -  in  Vergleichung  mit  Schnellkiigelchen,  Zibeth-  und 
Giftkugeln  und  Bouillonkugeln  — ,  sondern  auch  klein,  wenn  ich 
den  Jupiter,  die  Sonne  und  die  MilchstraBe  darnebenstelle.  Wenn 
die  Ephemere  auf  der  Wesenleiter  den  glanzenden  Entfaltungen 
der  Wesen  ilber  ihr  den  Riicken  kehrt  und  den  unscheinbaren  auf  : 
der  restierenden  Leiter  unter  ihr  nachzahlt:  so  schwillt  sie  wieder 
auf.  Kurz  unsere  oratorische  Phantasie  halt  iiberall  den  Unter- 
schied  von  Mehr  und  Weniger  fur  einen  des  Etwas  und  Nichts. 
Aber  jedem  relativen  Unterschied  muB  etwas  Positives  zum 
Grunde  liegen,  das  aber  nur  unendliche  Augen  rein  abwiegen, 
die  die  ganze  Reihe  der  uniibersehlichen  Stufen  messen.  Sogar 
etwas  korperliches  GroBes  muB  es  geben,  und  war'  es  am  Ende 
die  Welt:  denn  jede  Vergleichung,  jede  Messung  setzt  ein  un- 
wandelbares  MaB  voraus.  -  Also  ist  die  ephemerische  Entwick- 
lung  eine  wahre,  und  die  Schlusse  aus  jener  sind  vollig  dieselben  3 
aus  einer  seraphischen :  der  Unterschied  des  Grades  kann  nicht 
entgegengeset%te,  sondern  nur  relative  SchluBfolgen  gebaren. 

-  Und  hier  will  ich  nur  brieflich  -  denn  gedruckt  unterstand' 
ichs  mich  nie  -  einen  Zweifel  bekennen.  Die  Sprossen  der  Wesen- 
leiter iiber  unserm  Kopfe  hat  noch  niemand  geseken,  die  zu  unsern 
FiiBen  keiner ge^ahlt\  wie,  wenn  jene  kleiner,  diese  groBerwaren, 


505.  STATION  597 

als  man  bisher  dachte?  Die  unendliche  Standeserhohung  der  Gei- 
ster  von  Engel  zu  Erzengel,  kurz  die  neun  philosophischen  Hier- 
archien  sind  noch  nichts  weiter  geworden  als  -  behauptet,  aber 
bewiesen  nicht.  Der  gewohnliche  Beweis,  daB  eine  Gebirgskette 
geistiger  Giganten  den  Abstand  vom  Menschen  zum  Unendli- 
chen  fiillen  miisse,  ist  falsch,  da  ihn  keine  Kette  verkur^tj  ge- 
schweige  fiillt;  die  Kluft  behalt  immer  dieselbe  Weite  —  und  der 
Seraph  -  d.  h.  das  hochste  endliche  Wesen  nach  menschlichem 
Sprachgebrauch  —  muB  sich  ebenso  viele,  wenn  nicht  mehrere 

10  Wesen  iiber  sich  denken  als  ich  mir  unter  mir.  Die  Astronomie  - 
diese  Saemaschine  der  Sonnen,  dieses  SchifTswerft  und  Labora- 
torium  der  Erden  -  schiebt  uns  die  Verdoppelung  der  Welten  und 
Wesen  als  eine  Veredelung  derselben  unter.  Aber  am  ganzen  Him- 
mel  hangen  nur  Erdschollen  und  Feuerklumpen,  und  alles  ist 
darin  von  MilchstraBe  zu  MilchstraBe  kleiner  als  der  Wunsch  und 
Wuchs  in  unserer  Brust.  Warum  soil  denn  unsere  Kugel  allein, 
warum  nicht  jede  andere  im  Steigen  sich  befinden,  warum  soil  der 
Vorlauf  einer  Inaugural-Ewigkeit  (a  parte  ante)  ihnen  mehr  als 
uns  zustehen  und  zufallen?  Kurz,  es  lasset  sich  disputieren,  Vik- 

20  tor,  ob  es  im  vollen  All  andere  Cherubim  und  Thronen  gibt  als 
Viktor  und  Jean  Paul.  -  Es  ist  mir  selber  kaum  glaublich;  aber 
die/tte/0</wcAeFortschreitung  zu  sublimierten  Wesen  hinaufwurde 
bisher  doch  wahrlich  nur  -  angenommen;  ich  glaube  an  eine  har- 
monische^  an  ein  ewiges  Steigen,  aber  an  keine  erschaffne  Kul- 

mination 

Ich  vermute,  Karlson  wollte  mir  antworten  -  nicht  iiber  die 
Seraphe,  sondern  -  iiber  die  Eintagsfliegen,  als  Nadine,  die  von 
ihm  sich  die  Ephemere  hatte  leihen  lassen,  diese  zu  nahe  vor  das 
Auge  hielt  und  dadurch  unser  mendelssohn-platonisches  Kollo- 

30  quium  dammte  und  storte.  Denn  Madame  Berlier  -  so  vornehm 
schrieb  sich  unsere  fliichtige  Haus-  und  Gastwirtin  -  trat  vor 
Nadine  und  sagte:  »Es  ist  schade  fur  den  Schmerz;  Sie  miissen  die 
Warzenheuschrecke  nehmen:  ich  habe  Proben.«  Verstehest  du's? 
-  Es  ist  so:  der  sogenannte  Warzenfresser -  eine  Heuschrecke  mit 
briinetten  Flecken  -  nimmt  die  Warzen  durch  einen  einzigen  BiB 
darein  in  kurzem  weg;  Frau  Berlier,  iiber  die,  wie  iiber  alle  siid- 


598  DAS  KAMPANER  TAL 

liche  Insassen,  die  Schonheit  eine  groBere  Gewalt  als  Geschlecht 
und  Eigenliebe  hatte,  war  im  Irrtum  gewesen,  Nadine  wolle  ihrer 
reizenden  Gestalt  mit  der  Fliege  den  letzten  Flecken  nehmen.  - 
Kaum  hatte  der  Hauskaplan  etwas  vom  Warzentoter  vernom- 
men,  als  er  sich  ins  Griin  verschoB  und  eine  Vorjagd  nach  War- 
zenheuschrecken  antrat.  Ich  argerte  mich,  daB  ich  das  Heilmittel 
so  gut  gewuBt  wie  die  Frau  und  daB  mirs  nicht  eingefallen  war; 
aber  zu  einem  lumpigen  Gleichnis  hatt*  ich  mich  recht  gut  auf  das 
Mittel  besonnen,  nur  zu  keiner  nutzlichen  Kur.  Sein  Gluck  er- 
laubte,  daB  er  in  kurzem  mit  einem  gefliigelten  Warzen-Opera-  10 
teur  wiederkam:  er  erregte  meinen  Neid.  Als  er  ihn  hingab  in 
Nadinens  Hand:  hatte  der  eilfertige  Phylax  mit  dem  Brief-  und 
Papierschwerer  seiner  Faust  gleichsam  in  einer  guten  Glanzpresse 
den  braungefleckten  Gewachsschneider  aus  Versehen  —  totge- 
platscht:  das  Kerbtier  konnte  in  nichts  mehr  beiBen.  Ich  lief  so- 
gleich  nach  einem  zweitenWarzenfresser  herum  und  sprang  einem 
solchen  Springer  nach.  Endlich  bracht'  ich  einen  an  den  Fliigel- 
spitzen  gefasseten  und  zappelnden  getragen  und  sagte,  ich  wollte 
den  kleinen  Dentisten  so  lange  liber  der  Warze  halten,  als  er 
operierte  und  bisse.  Unter  dem  Aktus  pries  ich  meine  Tat.  »Jede  20 
groBe  Handlung«,  sagt'  ich,  »wird  nur  in  der  Seele  in  der  Minute 
des  Entschlusses  getan  -  tritt  sie  heraus  und  wird  vom  Korper 
nachgespielt,  der  die  Heuschrecke  halt,  so  zerspringt  sie  in  unbe- 
deutende  kleine  Bewegungen  und  Terzien  -  aber  wenn  sie  getan 
ist,  wie  hier  der  BiB,  so  wird  sie  wieder  groB  und  stromt  wach- 
send  durch  die  Zeiten.  So  wirft  sich  der  Rhein  wie  ein  Riese  von 
seinem  Gipfel,  zerreiBet  inNebel,kommt  alsRegen  auf  dieEbene, 
dann  wachset  er  aus  Wolken  zusammen  und  zieht  durch  die  Lan- 
der und  tragt  Sonnen  statt  der  Regenbogen.« 

Es  braucht  vor  dir  nicht  verhehlt  zu  werden,  daB  michs  an-  30 
griff,  da  ich  in  zwei  so  lichte  warme,  gegen  mich  aufgetane  Augen 
bis  auf  die  Retina  hineinschauen  muBte,  wobei  ich  des  ganzen 
andern  Kriegsschauplatzes  von  Locken  und  Lippen  und  Stirnen 
und  der  Waterloos-Landschaften  der  Wangen  nicht  einmal  ge- 
denke.  Nadinens  Angstlichkeit  vor  den  Zahnen  des  braunen  Me- 
dikasters  machte  sich  noch  reizender  und  die  Gefahr  meiner  Lage 


505.  STATION  599 

noch  groBer.  Nach  langem  Halten,  als  ich  dachte,  die  Operation 
sei  schon  vollendet,  vernahm  ich  von  ihr,  die  Heuschrecke  habe 
gar  noch  nicht  angebissen,  weil  ich  sie  dre'i  odervier  Pariser  FuB 
zu  weit  von  der  Warze  weghielt.  Es  ist  wahr,  ich  hatte  mich  in 
ihre  Netzhaute  vertieft;  aber  es  war  nochwenig  bemerkt  worden, 
daB  die  Kur  nicht  zu  vollenden  sei,  wenn  ich  nicht  den  Ballen  der 
rechten  Hand  ein  wenig  auf  ihre  Wange  aufsetzte  und  aufstemmte, 
urn  mit  dem  Warzenfresser  fester  uber  der  Warze  zu  halten.  Jetzt 
biB  er  die  erfoderliche  Wunde  und  lieB  soviel  von  seinem  korro- 

10  sivischen  Atzmittel  hineinlaufen,  als  er  bei  sich  hatte.  Ich  lenkte 
Nadinens  Schmerzen,  die  dem  von  einem  Nadelstich  beikamen, 
kiinstlich  ab  durch  Philosophieren:  »Der  Mensch«,  sagt*  ich,  »fm- 
det  die  stoischen  Trostgriinde  gegen  alle  Schmerzen  wahr  und 
stark;  nur  gerade  gegen  den  jetzigen  nicht;  und  wenn  er  aus 
Stichwunden  blutet,  denkt  er,  Quetschwunden  schlieBen  sich 
leichter.  Daher  verschiebt  er  den  Besuch  der  stoischen  Schul- 
stunden,  bis  seine  Kreuzschule  zugemacht  sein  wird.  Ach  aber 
dann  steht  man  und  wartet  am  Strome  und  will  nicht  eher  hin- 
ubergehen,  als  bis  er  vorbeigelaufen  ist.  Wahre  Standhaftigkeit 

20  hingegen  steht  gern  den  BiB  der  Heuschrecke  aus  und  freuet  sich 
uber  ihre  Erprobung.«  - 

Dann  war  die  Kur  gliicklich  uberwunden,  die  aber  in  mir  leicht 
zu  einer  Krankheit  umschlagen  konnte.  GewiB  ist,  daB  ihr  nahes 
Gesicht  mir  eine  groBere  Wunde  machte  als  ich  ihm  durch  den 
Warzenfresser.  Ich  wurde  besorgen  und  untersuchen,  ob  ihr  nicht 
das  meinige,  das  ebenso  nahe  war,  ebensoviel  Schaden  getanhabe, 
ware  nicht  Nadine  -  auf  das  lass'  ichs  ankommen  -  auBerordent- 
lich  jung:  das  Herz  junger  Madchen  lasset  wie  neue  Wannen  und 
Butten  anfangs  alles  durchtropfen,  bis  es   die  GefaBe   durch 

30  Schwellen  behalten.  — 


600  das  kampaner  tal 

506.  Station 

Einwurfe  gegen  die  Unsterblichkeit  -  die  Einkindschaft  des  auBern  und 
innern  Menschen 

Wir  brachen  auf.  Durch  den  Himmel  weheten  nur  hohe  diinne 
Flocken,  gleichsam  das  aufgeloset  um  die  Sonne  fliegende  Haar, 
das  sie  nicht  verhullte.  Der  Tag  wurde  schwiiler  und  stummer. 
Aber  unser  Steig  lief  unter  eine  grunende  Bedachung  hinein,  und 
ein  Zweig  um  den  andern  spannte  einen  Sonnenschirm  aus  brei- 
ten  Blattern  aus. 

Gione  bat:  »Wollen  wir  auch  im  Gehen  unser  voriges  Ge-  IO 
sprach  behalten.«  Ach  deine  Klotilde  sollte  sie  kennen!  Gione  hat, 
die  Reize  ausgenommen,  die  halbe  Seele  von  ihr-  aus  ihrer  auBern, 
und  innern  Harmonie  schreiet  kein  Ton  vor,  ihre  ernste  warme 
Seele  gleicht  der  Palme,  die  weder  Rinde  noch  Zweige,  aber  auf 
dem  Gipfel  breites  Laub  und  lange  Bluten  tragt.  »Gione,«  sagte 
Nadine,  »sie  machen  uns  mehr  irre  als  fest.«  -  »Es  hat«,  versetzte 
sie,  »noch  niemand  seine  Meinung  ausgesagt;  man  habe  immer- 
hin  die  festeste  Oberzeugung:  durch  die  schone  Obereinstim- 
mung  mit  einer  fremden  wird  sie  doch  noch  fester.«  -  »So  wie«, 
fiigte  Myrtill  bei  (das  bin  ich),  »die  Wasserpflanzen  mitten  in  20 
ihrem  Wasser  doch  vom  Regen  ebensowohl  erquicket  werden  als 
die  Landpflanzen.« 

»Unser  Gesprach«,  sagte  Wilhelmi,  als  wir  gerade  in  die  Som- 
mernacht  einer  von  Eichenschatten  und  Kaskaden  gekiihlten  Grotte 
kamen,  »passete  besser  unter  eine  totale  Sonnenfinsternis  -  ich 
wollte,  ich  erlebte  eine,  wo  sich  der  Mond  prachtig  vor  die  Mit- 
tagssonne  hangt,  wo  der  larmende  Tag  auf  einmal  verstummt, 
wo  die  Nachtigallen  schlagen,.die  Blumen  zufallen,  und  wo  es 
schauerlich  tauet  und  nebelt  und  kiihlt.« 

Phylax  hatte  jetzt  seinen  Kanapeestrunk  oder  Polster  in  eine  30 
rieselnde  Quelle  springen  lassen;  Nadine  hatt'  es  gesehen;  aber 
um  ihn  nicht  unter  dem  Herausziehen  der  Teichdocke  zu  ver- 
wirren,  trieb  sie  mit  einer  reizenden  Warme  uns  auf  das  vorige 
Gesprach  zuruck.  Nur  der  Weltton  hat  ihr  eine  spielende  leichte, 


506.  station  601 

immer  heitere  Oberflache  gegeben  -  Gionens  Stil  hingegen  ist 
wie  der  hochste  griechische,  nach  dem  Maler-Ausdruck,  etwas 
mager  und  karg  -,  und  die  Visitenzimmer  hatten  sie,  wie  Maha- 
gony-Schranke  die  Kleider,  desto  angenehmer  gemacht;  aber  ihre 
auBern  Reize  widersprachen  oder  schadeten  ihren  innern  nicht. 
Ich  sagte  also  zu  Karlson:  »Ich  bitte  Sie,  erweisen  Sie  uns  ein- 
maldie  geistige  Sterblichkeit,  diese  eigentliche  Seelen-Mitraillade.« 
-  »Das  braucht«  (sagte  der  fatale  arkadische  Phylax,  den  die 
feuchte  Walze  argerte)  »der  Herr  Rittmeister  gar  nicht:  nur  der 

10  Bejahende  muB  beweisen.« 

»Gut,  gut« !  sagt'  ich,  »ich  nenne  die  Beweise  Einwurfe,  aber 
deren  bring'  ich  wahrlich  nicht  mehr  als  zwei  heraus  -  erstlich  der 
Beweis  oder  Einwurf  aus  der  gleichzeitigen  Abbliite  und  Hin- 
falligkeit  des  Korpers  und  Ichs,  zweitens  der  aus  der  absoluten 
Unmoglichkeit,  die  Lebensweise  eines  kunftigen  Lebens  zu  er- 
forschen  oder,  wie  der  Herr  Hauskaplan  sagen  muBte,  in  die 
iibersinnliche  Welt  hiniiberzusehen  aus  einer  sinnlichen.  Richten 
Sie  jetzt  selber,  Herr  Rittmeister,  Ihre  zwei  einwerfenden  Bomben 
in  den  Winkel  der  groBten  Wurfweite,  der  nach  Hennert  der  von 

20  40  Graden  ist,  nach  Bezout  aber  erst  der  von  43°.« 

Er  stellte  seine  Bomben  gut.  Er  zeigte,  wie  die  geistige  Dryade 
mit  der  korperlichen  Baumrinde  grune,  zerberste  und  verfliege  - 
wie  die  edelsten  Bewegungen  sich  an  das  mit  Erdenblei  oder  Blei- 
erde  ausgegossene  Schwungrad  des  Korpers  schlieBen  -  wie  Ge- 
dachtnis,  Phantasie  und  Wahnsinn  bloB  vom  Eidotter.des  Ge- 
hirns  zehren,  wie  Heldenmut  und  Sanftmut  sich  in  einem  so  ent- 
gegengesetzten  Verhaltnis  gegen  das  Blut1  befinden  wie  Blutigel 
und  Juden  -  wie  im  Alter  der  innere  und  der  auBere  Mensch  sich 
miteinander  gegen  die  Grube  krummen,  miteinander  versanden 

30  und  versteinern  und  gemeinschaftlich  gleich  Metallgussen  lang- 
sam  erkalten  und  zuletzt  gemeinschaftlich  erstarren.  Dann  fragte 
Karlson,  warum  man  denn,  bei  dieser  immerwahrenden  Erfah- 
rung,  daB  jede  korperliche  Einbiegung  eine  geistige  Narbe  grabe, 
und  bei  diesem  unaufhorlichen  Parallelismus  des  Korpers  und  der 

1  Mit  dem  Blute  verloren  Helden  den  Mut,  wie  bekannt.  Juden  essen 
keines,  wie  ebenfalls  bekannt. 


602  DAS  KAMPANER  TAL 

Seele,  bloB  nach  dem  letzten  RiB  und  Bruch  dieser  alles  wieder- 
geben  wolle,  was  man  mit  jenem  scheitern  sah.  Er  sagte  dann, 
was  ich  auch  glaube,  daB  weder  das  Bonnetsche  Unterziehkor- 
perchen,  noch  das  inkorporierte  Platnerische  Seelen-Schnur-Ze^- 
chen  (das  »zweite  Seelen-Organ«)  die  Schwierigkeit  der  Frage 
mildere:  denn  da  beide  Seelen-Unterziehkleider  oder  Nachthosen 
und  Kollets  immer  im  Leben  das  gute  und,  schlimme  Schicksal 
des  groben  Korperiiberrocks  und  Marterkittels  teilten,  und  da  an 
uns  zweigehausigen  englischen  Uhren  das  Gehwerk  und  daserste 
und  zweite  (Bonnetsche  oder  Platnersche)  Gehause  immer  mit-  10 
einander  gelitten  und  gewonnen  hatten:  so  sei  es  lacherlich,  die 
Iliade  der  kiinftigen  Welt  in  der  engen  HaselnuB  des  Reasseku- 
ranz-Korperchens  aufzusuchen,  das  man  vorher  mit  dem  auBern 
groben  Korper  stehen  und  fallen  sehen. 

Ich  bat  ihn  dann,  die  zweite  einwerfende  Bombe  auch  in  den 
Winkel  von  400  zu  stellen.  »Aber  dann«,  setzt'  ich  dazu,  »wollt' 
ich  mir  wohl  die  Konzession  einer  langen  Parlaments-Rede  aus- 
gebeten  haben:  nur  lange  Reden  haben  Lebens-  und  Reproduk- 
tionskraft,  wie  nach  Reaumur  nur  lange  Tiere  sich  am  leichtesten 
nach  Schnitten  erganzen.«  Lange  Menschen  freilich,  das  fallt  mir  20 
jetzt  aus  Unzer  erst  bei,  leben  kiirzer  als  kurze. 

Aber  dazu,  namlich  zum  Beweise  der  Umhullung  der  zweiten 
Welt,  bedurfte  Karlson  wenig  Zeit  und  Kraft:  das  Sonnenland 
hinter  den  Hligeln  der  Gottesacker,  hinter  den  Pestwolken  des 
Todes  liegt  unter  einer  Totalfinsternis  von  zwolf  Zollen  oder  von 
ebenso  vielen  heiligen  Nachten  bedeckt.  Er  tat  nicht  iibel  dar, 
welcher  unendliche  Sprung  aus  alien  irdischen  Analogien  und 
Erfahrungen  es  sei,  eine  Welt  zu  hoffen  -  d.  h.  zu  schaffen  -,  eine 
transzendente  Schaferwelt,  von  der  wir  weder  ein  Ab-  noch  Ur- 
bild 'kennen,  eine  Welt,  der  nichts  Geringers  als  Gestalt  und  Name  30 
und  Atlas  und  Planiglob  und  ein  Weltumsegler  Vespucius  Ame- 
ricus  abgehe,  fur  die  uns  weder  Chemie  noch  Astronomie  die  Be- 
stand-  und  Weltteile  liefern  wollen,  ein  Dunst-Universum,  auf 
dem  aus  der  entlaubten  verdorrten  Seele  ein  neuer  Leib  aus- 
schlage,  d.  h.  ein  Nichts,  auf  dem  sich  ein  Nichts  beleibe... 

O  mein  guter  Karlson!  wie  konnte  deine  schone  Seele  eine 


506.  STATION  603 

zweite  Welt,  die  schon  hienieden  in  die  physische  vererzet  1st,  wie 
lichte  Kristalle  in  Gletscher,  auslassen,  namlich  die  in  unserem 
Geiste  gliihende  Sonnenwelt  der  Tugend,  Wahrheit  und  Schon- 
heit\  deren  Goldader  auf  eine  unbegreifliche  Art  den  dunkeln 
schmutzigen  Klumpen  der  Sinnenwelt  glanzend  durchwachset !  - 
Ich  gab  nun  meine  Antwort:  »Ich  will  Ihre  zwei  Schwierig- 
keiten  mildern,  und  dann  will  ich  meine  unzahligen  gegen  Sie 
vorfiihren.  Sie  sind  kein  Materialist-;  Sie  nehmen  also  an,  dafi  die 
geistigen  und  die  kdrperlichen  Tatigkeiten  nur  einander  beglei- 

10  ten  und  gegenseitig  erwecken.  Ja  der  Korper  ist  die  Tastatur  der 
innern  Harmonika  durch  alle  Glocken  hindurch.  Man  hat  bisher 
nur  die  kdrperlichen  Ripienstimmen  zu  den  Empjindungen  auf- 
gezeichnet,  z.  B.  das  schwellende  Herz  und  das  tragere  Blut  bei 
der  Sehnsucht  -  die  Gall-ErgieBung  bei  dem  Zorn  und  so  fort. 
Aber  das  Flechtwerk,  die  Anastomosierung  zwischen  dem  innern 
und  auBern  Menschen  ist  so  lebendig  und  innig,  dafi  zu  jedem 
Bilde,  zu  jeder  Idee  eine  Nerve,  eine  Fiber  zucken  muB :  man  sollte 
die  kdrperlichen  Nachklange  auch  bei  dichterischen,  algebrai- 
schen,  artistischen,  numismatischen,  anatomischen  Ideen  beob- 

20  achten  und  auf  die  Noten  der  Sprache  setzen.  Aber  der  Resonanz- 
boden  des  Korpers  ist  weder  die  geistige.  Tonleiter  noch  ihre 
Harmonie;  die  Betriibnis  hat  keine  Ahnlichkeit  mit  der  Trane, 
die  Beschamung  hat  keine  mit  dem  in  die  Wangen  gesperrten 
Blute,  der  Witz  keine  mit  dem  Champagner,  die  Vorstellung  von 
diesem  Tal  hat  nicht  die  geringste  mit  dem  Dosenstiick  davon 
auf  der  Retina.  Der  innere  Mensch,  dieser  verhullte  Gott  in  der 
Statue,  ist  nicht  selber  von  Stein  wie  diese,  in  den  steinernen 
Gliedern  wachsen  und  reifen  seine  lebendigen  nach  einer  unbe- 
kannten  Lebensweise.  Wir  geben  zu  wenig  darauf  acht,  wie  der 

30  innere  Mensch  sogar  den  auBern  bandigt  und  formt,  wie  z.  B. 
Grundsatze  den  zornfahigen  Korper?  der  nach  der  Physiologie 

r 

1  Schonheit  in  jener  Zusammensetzung  nehm'  ich  allzeit  in  dem  Sinn,  den 
Schiller  in  seiner  asthetischen  Kritik  damit  verkniipft,  eine  Preisschrift  seines 
Genius  iiber  die  Schonheit,  der  hier,  wie  Longin  iiber  das  Erhabene,  der 
Maler  und  der  Gegenstand  zugleich  ist. 

2  War*  ers  aber  gewesen:  so  wiird*  ich  ihm  den  9ten  Schalttag  pag.  224 
im  3.  T.  des  Hesperus  vorgelesen  haben. 


604  DAS  KAMPANER  TAL 

von  Woche  zu  Woche  heftiger  brennen  mtiBte,  allmahlich  ktih- 
len  und  loschen,  wie  schon  der  Schrecken,  der  Zorn  die  zerrei- 
Bende,  auseinandergeschobene  Textur  des  Korpers  mit  geistigen 
Klammern  hielt.  Wenn  das  ganze  Gehirn  gleichsam  paralytisch 
und  jede  Fiber  eingerostet  und  verquollen  ist  und  der  Geist  FuB- 
blocke  schleppt:  so  braucht  er  nur  zu  wollen  (welches  er  jede 
Minute  kann),  es  braucht  nur  einen  Brief,  eine  frappante  Idee: 
so  ist  ohne  korperliche  Hiilfe  das  Fibern-Gehwerk  und  das  gei- 
stige  Repetierwerk  wieder  im  Gang.« 

Wilhelmi  sagte:  >>Der  Geist  ist  also  eine  Uhr,  die  sich  selber  10 
aufzieht.«  -  »Irgendein  Perpetuum-Mobile  muB  es  ohnehin  ge- 
ben,  weil  sich  alles  schon  seit  einer  Ewigkeit  bewegt«  (sagt*  ich)  - 
»die  Sache  ist  aber,  der  Geist  lauft  entweder  nie  ab,  oder  er  ist  der 
Uhrmacher.  Ich  kehre  wieder  zur  Sache. 

Wenn  eine  zertriebene  Pulsader  in  der  vierten  Gehirnkammer 
des  Sokrates  das  ganze  Land  seiner  Ideen  unter  ein  Blutbad  setzt: 
so  werden  zwar  alle  seine  Ideen  und  seine  moralischen  Neigun- 
gen  vom  Blutwasser  uberdeckt,  aber  nicht  zerstort,  weil  nicht  die 
ertrankten  Gehirnkiigelchen  tugendhaft  und  weise  waren,  son- 
dern  sein  Ich,  und  weil  die  Abhangigkeit  des  Uhrwerkes  vom  io 
Gehause  in  Riicksicht  des  Bestaubens  usw.  ja  nicht  die  Identitat 
von  beiden  oder  gar  den  Satz  beweiset,  die  Uhr  bestehe  aus  lauter 
Gehausen.  Da  die  geistigen  Tatigkeiten  keine  korperlichen  sind, 
sondern  ihnen  bloB  entweder  nach-  oder  vorgeheri;  und  da  jede 
geistige  so  gut  im  Geiste  als  im  Korper  Spuren  lassen  muB:  sind 
denn,  wenn  der  SchlagfluB  oder  Alter  die  korperlichen  weg- 
loscht,  darum  auch  die  geistigen  verloren?  Unterscheidet  denn 
der  Geist  eines  kindischen  Greises  sich  in  nichts  von  dem  Geiste 
eines  Kindest  BuBet  Sokrates'  Seele,  in  Borgias  Korper  wie  in 
ein  Schlammbad  eingescheidet,  ihre  moralischen  Krafte  ein,  und  3o 
tauschet  sie  auf  einmal  ihre  tugendhaften  Fertigkeiten  gegen  la- 
sterhafte  aus?  -  Oder  soil  in  der  Ehe  zur  linken  Hand,  die,  wie- 
wohl  ohne  Gutergemeinschaft,  zwischen  Leib  und  Geiste  ist,  die 
eine  eheliche  Halfte  mit  der  andern  nur  gewinnen,  nicht  auch 
verlieren?  Soil  der  ablaktierte  Geist  nur  den  bliihenden,  nicht 
auch  den  welkenden  Korper  verspiiren?  Und  sollt'  ers,  so  muBte 


507.  STATION  605 

die  um  ihn  geschlagene  Erde  ihm,  wie  der  Lauf  unserer  Erde  den 
obern  Planeten,  den  Schein  des  Stockens  und  Zuriickgangs  er- 
teilen.  Sollten  wir  einmal  enthiilset  werden,  so  muBte  es  die  lang- 
same  Hand  der  Zeit,  d.  h.  das  raubende  Alter  tun ;  sollt'  einmal 
unsere  Rennbahn  nicht  auf  einer  Welt  auslaufen,  so  muBte  die 
Kluft  vor  der  zweiten  allemal  wie  ein  Grab  aussehen.  Die 
kurie  Unterbrechung  unsers  Ganges  durch  das  Alter  und  die 
langere  durch  das  Sterben  heben  diesen  Gang  so  wenig  auf 
wie  die  kiir^ere  durch  den  Schlaf.  Wir  halten  beklommen  wie 
10  der  erste  Mensch  die  totale  Sonnenfinsternis  des  Schlummers 
fur  die  Nacht  des  Todes,  und  diese  fiir  den  Jungsten  Tag  einer 
Welt.« 

"Welches  eben  noch  zu  erweisen  ist,  ob  ichs  gleich  selber 
glaube«,  versetzte  Phylax. 

Aber  nun  schlossen  neue  Schonheiten  meine  Antwort  und  die 
$o6te  Station. 

N.  S.  Heute  hat  man  mir  gesagt,  der  Kaplan  habe  erklart,  er 

habe  absichtlich  auf  eines  und  das  andere  nichts  erwidert,  er 

wunsche  aber,  ich  erschiene  einmal  damit  in  Druck,  dann  hofF  er 

20  seine  Meinung  zu  auBern.  Das  mochte  aber  wohl  der  gute  Mann 

nicht  erleben,  daB  dieser  Brief  gedruckt  wird,  und  er  wird  passen 


507.  Station 

Der  Diebstahl  des  Souvenirs  -  Antworten  auf  vorige  Stationen  —  iiber  die 

Auswanderung  der  Toten  in  fremde  Planeten  -  die  dreifache  Welt  im 

Menschen  -  die  Klage  ohne  Trost  -  Siegel  der  Unsterblichkeit  —  das  Lust- 

schloB  —  die  Montgolfieren  —  Entziickungen 

Wenn  es  drei  Uhr  und  einem  wandernden  okumenischen  Kon- 

zilium  auBerordentlich  wohl  und  ein  wenig  warm  ist  und  wenn 

30  gerade  der  schmalere  Adour,  der  am  Tal-Ende  entquillt,  sich  um 

ein  Erdziingelchen  ringelt  und  iiber  den  auf  seinem  Bette  schla- 


606  DAS  KAMPANER  TAL 

fenden  Mond1  seinen  Silberftor  zieht  —  wenn  um  die  Erdzunge, 
diesen  blumigen  Ankerplatz,  halb  Wasserstiick,  halb  bowling- 
green,  eine  breitlaubige  Ahorn-Arkade  wacht,  unter  der  ein  aus 
den  Zweigen  auf  Rasen  herausgeschlupftes,  mit  Sonnenlicht  ver- 
goldetes  Nachtstiick  zittert,  das  der  rauschende  bunte  Streusand 
auf  dem  Buch  der  Natur,  die  Insekten,  sticken  -  wenn  das  Ham- 
mern  in  den  glanzenden  Marmorbruchen  und  die  lebendigen  Alp- 
horner,  das  blokende  Weidevieh,  und  das  Rauschen  von  den 
Wellen  bis  zu  den  Ahren  und  Gipfeln  hinauf  das  Herz  voll  Le- 
bensbalsam,  den  Kopf  voll  Lebensgeister  gieBet  -  und  wenn  so  10 
viel  Schonheiten  zu  sehen  und  zu  horen  sind :  so  ist  Schonheiten, 
welche  gehen,  damit  gedient,  daB  sie  sich  auf  die  Erdzunge  nie- 
dersetzen  und  daB  die  Polstertrager,  die  sie  bedienen,  vorher  et- 
was  zum  Untersatz  fur  die  Arme  unterbreiten. 

Mein  lieber  Viktor,  das  wurde  alles  ins  Werk  gerichtet. 

Im  Sitzen  schienen  lange  Reden  nicht  so  tulich  wie  im  Lauf; 
auch  hatten  sie  schon  vorher,  als  man  mit  den  Augen  sich  diese 
Erdenge  zum  Lustlager  abstach,  etwas  gelitten.  Ich  hielt  mich 
auf  dem  Ufer  -  die  Stiefel  hingen  iiber  dem  Adour  -  unweit 
Nadinen  auf,  die  jetzt  in  dem  vom  Schatten  getuschten  Widerschein  20 
der  Wellen  ein  herrliches  bleiches  Rot  (als  hatte  sich  eine  Purpur- 
schnecke  auf  der  Wange  verblutet)  zeigen  konnte.  Der  Gang 
und  der  rote  Sonnenschirm  waren  zu  grelle  Koloristen  gewesen. 

Guter  Bruder,  ich  schickte  mich  an,  mich  zu  verlieben.  Die 
operierte  Warze  wollte  als  Eckstein  des  Argernisses,  als  negative 
Elektrizitat  nicht  viel  sagen :  Warzen  haben  ihr  Gutes. 

Nadine  brach  Flatterrosen  und  andere  Blumen.  Ich  zog  ein 
leeres  Schmuckkastchen  -  es  wurde  wie  der  c>te  Kurstuhl  oder 
der  Elias-Stuhl2  oder  der  limbus  patrum  nicht  besetzt  -  aus  der 
Tasche  und  hielt  es  ofFen  unter,  mit  der  Bitte,  die  Blumen  darein  30 
auszuschiitteln  und  auszustoBen,  damit  ich  die  wenigen  Skolo- 
pender3  bekame,  die  ohnehin  wie  die  Talglichter  mehr  fiir  das 

1  Die  unter  dem  Wasser  gemilderte  nachgespielte  Sonne. 

a  Bei  der  Beschneidung  setzen  die  Juden  einen  Stuhl  fiir  den  Beschneider 
und  einen  fur  den  Propheten  Elias  hin,  der  sich  unsichtbar  daraufsetzt. 

3  Skolopender  oder  Feuerasseln  leuchten  nachts;  man  muB  sich  huten, 
sie  nicht  aus  den  Blumenkelchen  mit  den  Diiften  ins  Gehirn  zu  ziehen. 


507.  STATION  607 

Auge  als  die  Nase  waren.  Wir  zogen  ein  ganzes  Wormser  Drei- 
zehner-Kollegium  von  Feuerasseln  aus  den  Blumenkelchen  ge- 
fanglich  ins  Kastchen  ein. 

Unter  dem  Blumenspiel,  das  uns  einander  naherte,  flel  mir  ein 
ganzer  verkleinerter  Mai  auf  die  Schneiderische  Haut:  ich  sah 
mich  nach  den  Blumen-Poren  um.  Es  war  nichts  auszufinden,  bis 
ich  aus  der  Iinken  Tasche  Nadinens  ein  in  Montpellier  mit  wohl- 
riechenden  Krautern  gefuttertes  Souvenir  vorgaffen  sah.  Eine 
Schone  bestehlen  ist  oft  nichts  Geringers  als  sie  beschenken:  ich 
10  hielt  es  fur  sachdienlich,  Nadinen  die  riechende  Schreibtafel  heim- 
lich  zu  entwenden,  um  nachher  einen  Flakon  und  einen  SpaB 
daraus  zu  machen.  Ich  kartete  das  Spolium  so,  daB  gerade  der 
Baron  meine  kriechende  Hand  sah,  als  sie  das  Werkchen  aus  der 
Tasche  holte. 

»Aus  dem  Souvenir«,  dacht'  ich,  »kann  sich  eine  und  die  andere 
Szene  entspinnen.  Riechen  kann  man  ohnehin  daran.«  Fur  den 
Diebstahl  des  Riechsackchens  hielt  ich  sie  durch  die  Skolopender 
schadlos,  deren  Gefangnis  ich  auf  der  Stelle  in  ihre  Tasche  spielte. 
Der  Baron  war  Zeuge. 
20  Wilhelmi  sagte,  als  wir  aufstanden :  »Abends  sind  wir  durch  die 
Wagen  getrennt  und  betaubt;  falls  noch  etwas  auszumachen 
ist « 

»Etwas  ?«  (versetzte  Phylax)  » Alles  ist  noch  auszumachen.  Sie  ha- 
ben  jetzt,  Hen*  J.  P.,  zuvorderstdie  zweite  Schwierigkeit  zu  heben.« 

»Heben?«  (fragt*  ich)  »die  Decke  einer  ganzen  kiinftigen  Welt 
soil  ich  heben  wollen?  Ich  komme  ja  erst  hinein,  und  nicht  daraus 
her.  Aber  eben  diese  Unahnlichkeit  der  zweiten  Welt,  diese  in- 
kommensurable  Grofie  hat  ihr  die  meisten  Apostaten  gemacht: 
nicht  das  Zerspringen  unserer  korperlichen  Pupperihaut  imTode, 
30  sondern  der Abstand  unsers  kiinftigen  Lenzes  vom  jetzigen  Herbst 
wirft  so  viele  Zweifel  in  die  arme  Brust.  Das  sieht  man  an  den 
Wilden,  die  das  zweite  Leben  nur  fiir  den  zweiten  Band,  fur  das 
Neue  Testament  des  ersten  halten  und  zwischen  beiden  keinen 
Unterschied  annehmen  als  den  zwischen  Alter  und  Jugend;  diese 
glauben  ihren  HofFnungen  leicht.  Ihre  erste  Schwierigkeit,  das 
Abspringen  und  Zerbrockeln  der  Korper-GIasur,  entzieht  gleich- 


608  DAS  KAMPANER  TAL 

wohl  den  Wilden  die  Hoffnung  nicht,  in  einer  neuen  Blumenvase 
wieder  aufzukeimen.  Aber  Ihre  pveite  Schwierigkeit  vermehret  sich 
und  die  Zweifler  taglich;  denn  durch  die  Menstrua  und  Apparate 
der  wachsenden  Chemie  und  Physik  wird  die  zweite  Welt  tag- 
lich besser  niedergeschlagen  oder  verfliichtigt,  weil  diese  weder 
in  einen  chemischen  Qfen  noch  unter  ein  Sonnenmikroskop  zu 
bringen  ist.  Oberhaupt  mufi  nicht  bloB  die  Praxis  des  Korpers, 
sondern  auch  die  Theorie  desselben,  nicht  bloB  die  angewandte 
ErdmeBkunst  seiner  Liiste,  sondern  auch  die  reine  GroBenlehre 
der  sinnlichen  Welt  den  heiligen,  in  sich  zuruckgesenkten  Blick  10 
auf  die  innere  Welt  diesseits  der  auBern  yerfinstern  und  erschwe- 
ren.  Nur  der  Moralist,  der  Psychology  der  Dichter,  sogar  der 
Artist  fasset  leichter  unsere  innere  Welt;  aber  dem  Chemiker, 
dem  Arzte,  dem  MeBkiinstler  fehlen  dazu  die  Seh-  und  Horrohre, 
und  mit  der  Zeit  auch  die  Augen  und  Ohren. 

Im  ganzen  find'  ich  viel  weniger  Menschen,  als  man  denkt, 
welche  das  zweite  Leben  entschiedenentweder  glauben  oder  leug- 
nen:  die  wenigsten  wagen  es  zu  leugnen  -  da  das  jetzige  dadurch 
um  alle  Einheit,  Haltung  und  Riindung  und  Hoffnung  kame  -, 
die  wenigsten  wagen  es  anzunehmen  -  da  sie  iiber  ihre  eigne  20 
Verherrlichung  erschrecken  und  iiber  das  Erbleichen  der  ver- 
kleinerten  Erde  -,  sondern  die  meisten  schwanken  dichterisch 
nach  dem  StoBe  alternierender  Gefuhle  im  Zwischenraum  beider 
Meinungen  auf  und  ab. 

Wie  wir  Teufel  leichter  als  Gotter  malen,  Furien  leichter  als 
die  Venus  Urania,  die  Holle  leichter  als  den  Himmel,  so  glauben 
wir  auch  leichter  jene  als  diese,  leichter  das  groBte  Ungliick  als 
das  groBte  Gliick:  wie  sollte  nicht  unser  an  Fehlschlagungen  und 
Erdenketten  gewohnter  Geist  iiber  ein  Utopien  stutzen,  an  dem 
die  Erde  scheitert,  damit  die  Lilien  derselben  wie  die  Guernsey-  30 
Lilien  das  Ufer  zum  Bliihen  finden1,  und  das  die  gequalten  Men- 
schen errettet  und  befriedigt  und  erhebt  und  begliickt? 

Ich  komme  zu  Ihrer  Schwierigkeit.  Mich  diinkt,  sogar  wenn 

1  Die  Guernsey-Lilie  aus  Japan  hat  ihren  Namen  von  der  Insel  Guernsey, 
auf  welche  ein  scheiterndes  Schiffvdas  damit  keladen  war,  sie  ausschiittete 
und  aussaete. 


507.  STATION  609 

einer  das  Grab  fur  den  Kommunikationsgraben  bloBer  verwand- 
ter  Globen  nahme,  so  sollte  ihn  seine  Unwissenheit  iiber  die 
zweite  Weltkugel  nicht  erschrecken,  und  wir  diirfen  darum,  weil 
wir  durch  das  tiefe  Gewasser  des  toten  Meers  nicht  durchblicken 
konnen,  nicht  schlieBen,  daB  sich  die  Gebirge  der  Menschheit 
nicht  im  toten  Meere  fortziehen,  so  wie  alle  Bergriicken  unten 
auf  dem  Meeresboden  weiterlaufen.  Wie?  der  Mensch  will  Welten 
erraten,  der  keine  Weltteile  errat?  Wiirde  der  Gronlander  den 
Neger,  den  Wiener,  den  Danen,  den  Griechen  ohne  Urbilder  in 
>  seiner  Gehirnkammer  abschatten?  Weissagt  ohne  Erfahrung  das 
politische  Genie  sich  die  innere  Versifikation  des  poetischen,  der 
Abderit  die  Bauart  des  Weisen?  -  Wiirden  wir  nur  eine  von  den 
Tiergestalten  des  hinabwartssteigenden  Anthropomorphismuser- 
raten  haben,  der  die  Menschengestalt  in  alien  Tieren  nachdruckt 
und  doch  in  alien  verandert?  Oder  hatte  ein  unbeleibtes  Ich,  mit 
alien  hiesigen  Logiken  und  Metaphysiken  in  das  vacuum  postiert, 
je  durch  Denken  eine  Ader  seiner  jet^tgen  Verkorperung  und 
Menschwerdung  erdacht?  - 

»Was  verneinen  oder  bejahen  Sie  denn  eigentlich?«  sagte  Wil- 
•  helmi. 

»Ich  bejahe  nur,  daB  deswegen  noch  nicht  ein  zweites  Leben 
auf  einem  Planeten  zu  verneinen  ware,  weil  wir  den  Planeten 
nicht  mappieren  und  die  Einwohner  nicht  portratieren  konnen. 
Wir  brauchen  aber  keinen  Planeten.w 

Der  Baron  sagte:  »Ach,  ich  dachte  mir  oft  die  groBe  Tour 
durch  die  Sterne  so  reizend  I  Es  war  die  Lokation  eines  Schiilers 
von  einer  Klasse  zur  andern  -  die  Klassen  sind  hier  Welten.« 

»Auf  alien  diesen  Erden«,  sagte  der  Rittmeister,  »wirst  du  ab^ 
gewiesen,  wie  auf  unserer,  wenn  du  ohne  Korper  hineinwillst. 
Durch  welches  Wunderwerk  bekommst  du  einen?« 

»Durch  ein  wiederholtesy«  (sagte  ich)  »denn  den  gegenwartigen 
haben  wir  ja  schon  durch  eines.  Zum  Vorteil  der  Planetenwan- 
derung  kann  man  noch  sagen:  unser  Auge  trennt  die  Welten  zu 
sehr,  deren  jede  nur  ein  Element  des  unendlichen  zusammenwir- 
kenden  Integrates  ist.  Die  verschiedenen  Erden  und  Nebenerden 
iiber  und  um  uns  sind  nur  entferntere  Weltteile;  der  Mond  ist 


6lO  DAS  KAM PANE R  TAL 

nur  ein  kleineres  entlegneres  Amerika,  und  der  Ather  ist  das 
Weltmeer.« 

»Das  ist  so,«  sagte  Nadine,  »wie  ich  mir  vor  einigen  Tagen  die 
Einwohner  eines  Zitronenbaums  dachte.  Das  Wurmchen  auf  dem 
Blatt  denkt  etwan,  es  sei  auf  der  griinen  Erde,  das  zweite  Wiirm- 
chen auf  der  weiBen  Bltite  glaubt  sich  auf  dem  Vollmond,  und 
das  auf  der  Zitrone  denkt  sich  auf  die  Sonne.« 

»Doch  ist  nur«,  sagt'  ich,  »ein  Baum  des  unermeBHchen  Lebens. 
Wie  um  den  Erdkern  weitere  und  feinere  Umfassungen  gehen, 
die  Erde,  die  Meere,  der  Luftkreis,  der  Ather,  so  umschlingt  den  J0 
Riesen  einer  Welt  ein  immer  groBerer  mit  langern  Armen.  Das 
langere  Band  ist  das  feinere,  wie  die  Lichtmaterie  und  Anzie- 
hungskraft,  die  schone  Umschlingung  dehnet  sich  weicher  von 
Eisenringen  zu  Perlenschniiren  aus  bis  zu  Blumenketten  und  Re- 
genbogen  und  MilchstraBen.« 

»Wollen  wir  wieder  von  der  MilchstraBe  herab,«  (sagte  Karl- 
son  :)  »denn  wir  konnen  eben  nicht  hinauf.  Eben  diese  allgemeine 
Einheit  des  Universums  schlieBet  das  Durchschwarmen  der  Emi- 
granten  aus  der  Erde  aus:  jeder  Planet  ist  mit  seiner  SchifFsmann- 
schaft  schon  bevolkert;  dichtere  Planeten,  z.  B.  der  Merkur,  mit  20 
wahren  Matrosen.« 

»Ganz  wie  es  Kant  vermutet!«  sagte  Phylax. 

»Feinere  lockere,  wie  z.  B.  der  Uranus,  mit  den  zartesten  Wesen, 
vielleicht  bloB  mit  Schonen  und  Charitinnen,  die  ohnehin  die  Sonne 
nicht  lieben.  Wer  den  sogenannten  Geist  oder  Spiritus  rektifizieren 
will,  indem  er  ihn  aus  dem  Brennkolben  eines  Planeten  in  den  an- 
dern  uberzieht,  der  kann  ebensogut  versichern,  daB  die  Geister  aus 
dem  verschlackten  Merkur  in  einer  Destillation  durch  Nieder- 
steigen  in  unsere  Erde  ihre  Dephlegmation  erhalten,  kurz  daB  die 
Erde  die  zweite  Welt  fur  Merkur  und  Venus  ist-ja  die  Verstorbenen  30 
aus  den  Polarzonen  konnten  (es  ware  destillatio  per  Iatus)  in  die 
gemaBigteh  fahren.  Denn  auf  alien  Planeten  konnen  am  Ende 
doch  nichts  sein  als  grobere  oder  feinere  Menschen1  wie  wir.« 

1  Denn  die  klimatischen  Unterschiede  der  Planeten  miissen  zwar  wie  die 
klimatischen  Verschiedenheiten  unserer  Zonen  Neger,  Pescherahs,  Grie- 
chen,  aber  doch  immer  Menschen  geben. 


507.  STATION  6ll 

Karlson  wartete  auf  Widerlegung  und  Kontraapprochen.  Ich 
sagte  aber,  seine  Meinung  sei  vollig  die  meinige. 

»Ich  habe  noch  einen  starkern  Grund«  (fuhr  ich  fort)  »gegen 
die  Auswanderung  und  voyage  pittoresque  durch  Planeten:  weil 
wir  in  unserer  Brust  einen  Himmel  voll  Sternbilder  tragen  und 
verschlieBen,  fur  den  keine  beschmutzte  Weltkugel  weit  und  rein 
genug  ist.  Aber  daruber  muB  ich  wenigstens  so  lange  reden  dur- 
fen,  bis  wir  alle  Weizenfelder  hindurch  sind.« 

Viktor,  unser  Luststeig  war  jetzt  eine  Allee  durch  Zaubergar- 

10  ten:  unser  Durchgang  durch  ein  griines  Meer  von  Ahren  wurde 
auf  beiden  Seiten  von  einem  gelobten  Lande  umgeben  und  be- 
gleitet,  auf  dem  vereinzelte  Hauser  unter  gruppierten  Laubhainen 
ausruhten,wie  inltalien  nachmittags  dieSieste-Schlafer  zerstreuet 
auf  beschatteten  Auen.  Es  wurde  mir  Ausfuhrlichkeit  verstattet. 
»Es  gibt  eine  innere,  in  unserem  Herzen  hangende  Geisterwelt, 
die  mitten  aus  dem  Gewolke  der  Korperwelt  wie  eine  warme 
Sonne  bricht.  Ich  meine  das  innere  Universum  der  Tugend,  der 
Schonkelt  und  der  Wahrheit,  drei  innere  Himmel  und  Welten, 
die  weder  Teile,  noch  Ausflusse  und  Absenker,  noch  Kopien  der 

20  auBern  sind.  Wir  erstaunen  darum  weniger  uber  das  unbegreif- 
liche  Dasein  dieser  drei  transzendenten  Himmelsgloben,  weil  sie 
immer  vor  uns  schweben,  und  weil  wir  toricht  wahnen,  wir  er- 
schaffen  sie,  da  wir  sie  doch  bloB  erkennen.1  Nach  welchem  Vor- 
bild)  mit  welcher  plastiscken  Natur  und  woraus  konnten  wir  alle 
dieselbe  Geisterwelt  in  uns  hineinschaffen?  Der  Atheist  z.  B. 
frage  sich  doch,  wie  er  zu  dem  Riesen-Ideal  einer  Gottheit  ge- 
kommen  ist,  das  er  entweder  bestreitet  oder  verkorpert.  Ein  Be- 
grifT,  der  nicht  aus  verglichenen  GroBen  und  Graden  aufgeturmt 
ist,  weil  er  das  Gegenteil  jedes  MaBes  und  jeder  gegebenen  GroBe 

30  ist :  -  kurz  der  Atheist  spricht  dem  Ahhild  das  Urblld2  ab.  -  Wie 
es  Idealisten  der  auBern  Welt  gibt,  die  glauben,  die  Wahrneh- 

1  Man  sollte  daher  nicht  sagen  mundus  intelligibilis,  sondern  mundus 
intellectus. 

2  Man  sage  immerhin,  mit  dieser  Wendung  werde  jedes  Utopien,  das  auch 
ein  Abbild  seij  realisiert:  denn  das  Urbild  aller  Traume,  Severambenlander, 
Utopien  etc.  existiert  auch  wirklich  —  wiewohl  stiickweise;  hingegen  das 
Urbild  des  Unendlichen  kann  nicht  stiickweise  existieren. 


6l2  DAS  KAMPANER  TAL 

mungen  machen  die  Gegenstande  -  anstatt  dafi  die  Gegenstande 
die  Wahrnehmungen  machen  — ,  so  gibt  es  Idealisten  fur  die  in- 
nere  Welt,  die  das  Se'in  aus  dem  Scheinen,  den  Schall  aus  dem 
Echo,  das  Bestehen  aus  dem  Bemerken  deduzieren,  anstatt  um- 
gekehrt  das  Scheinen  aus  dem  Sein,  unser  BewuBtsein  aus  Gegen- 
standen  desselben  zu  erklaren.  Wir  halten  irrig  unsere  Scheide- 
kunst  unserer  innern  Welt  fur  die  Praformation  derselben,  d.  h. 
der  Genealogist  verwechselt  sich  mit  dem  Stammvater  und 
Stammhalter. 

Dieses  innere  Universum,  das  noch  herrlicher  und  bewunde-  10 
rungswerter  ist  als  das  aufiere,  braucht  einen  andern  Himmel  als 
den  iiber  uns  und  eine  hohere  Welt,  als  sich  an  einer  Sonne  warmt. 
Daher  sagt  man  mit  Recht  nicht  die  zweite  Erde  oder  Weltkugel, 
sondern  die  zweite  Welt,  d.  h.  eine  andere  jenseits  des  Univer- 
sums.« 

Gione  unterbrach  mich  jetzt  schon:  »Und  jeder  Tugendhafte 
und  jeder  Weise  ist  zugleich  auch  em  Beweis,  da!3  er  ewig  lebe.«  - 
»Und  jeder,«  fugte  Nadine  schnell  hinzu,  »der  unverschuldet 
leidet.« 

»Ja,  das  ists,«  sagt'  ich  geriihrt,  »was  unsere  Lebenslinie  durch  20 
die  lange  Zeit  hindurchzieht.  Der  Dreiklang  der  Tugend,  der 
Wahrheit  und  der  Schonheit,  der  aus  einer  Spharenmusik  genom- 
men  ist,  rufet  uns  aus  dieser  dumpfen  Erde  heraus  und  rufet  uns 
die  Nahe  einer  melodischen  zu.  Woiu  und  woher  wurden  diese 
aufierweltlichen  Anlagen  und  Wiinsche  in  uns  gelegt,  die  bloB  wie 
verschluckte  Diamanten  unsere  erdige  Hiille  langsam  zerschnei- 
den?  Warum  wurde  auf  den  schmutzigen  ErdenkloB  ein  Ge- 
schopf  mit  unniitzen  Lichtfliigeln  geklebt,  wenn  es  in  die  Ge- 
burtsscholle  zuriickfaulen  sollte,  ohne  sich  je  mit  den  atherischen 
Fliigeln  loszuwinden?«  -  30 

Wilhelmi  sagte  bewegt:  »Ich  traume  selber  gern  im  Schlafe 
dieses  Lebens  den  Traum  von  einem  zweiten.  Aber  konnten  un- 
sere schonen  geistigen  Krafte  nicht  uns  zur  Erhaltung  und  zum 
Genusse  des  jetzigen  Lebens"  verliehen  sein?« 

»Zur  Erhaltung?«  (sagt*  ich)  »Also  wurde  ein  Engel  in  den  , 
Korper  gesperrt,  um  der  stumme  Knecht  und  Einheizer  und  Fra- 


507.  STATION  613 

ter  Kellner  und  Fratef  Kuchenmeister  und  Turwarter  des  -  Ma- 
gens  zu  sein?  Waren  nicht  Tierseelen  imstande,  die  Menschen- 
leiber  auf  den  Obstbaum  und  auf  den  Trankherd  auszutreiben? 
Soil  die  atherische  Flamme  den  korperlichen  Kanonen-  oder  Zir- 
kulierofen  mit  Lebenswarme  bloB  gehorig  ausbrennen  und  backen, 
den  sie  ja  verkalkt  und  aufloset?  Denn  jeder  Erkenntnisbaum  ist 
der  Giftbaum  des  Korpers  und  jede  Verfeinerung  eine  langsame 
Kelchvergiftung;  aber  umgekehrt  ist  das  Bedurfnis  der  eiserne 
Schliissel  zur  Freiheit  —  der  Magen  ist  der  mit  Diingersalz  gefullte 

10  Treibscherben  der  Bliite  der  Volker  -  und  die  verschiedenen 
tierischen  Triebe  sind  nur  die  erdigen  beschmutzten  Stufen  zum 
griechischen  Tempel  unserer  Veredelung. 

Zum  Genusse,  sagten  Sie  noch  -  d.  h.  wir  bekamen  zum  Futter 
des  Tiers  den  Gaumen  und  Hunger  des  Gottes.  Der  Teil,  der 
an  uns  von  Erde  ist  und  der  auf  Wurmringen  kriecht,  ja  dieser 
lasset  sich  allerdings  wie  der  Erdwurm  mit  Erde  fullen  und  ma- 
sten.  Die  Arbeit,  der  korperliche  Schmerz,  der  HeiBhunger  der 
Bediirfnisse  und  der  Tumult  der  Sinne  verdrangen  und  ersticken 
bei  Volkern  und  Standen  den  geistigen  Herbstflor  der  Mensch- 

20  heit:  alle  jene  Bedingungen  der  irdischen  Existenz  miissen  erst 
abgetan  sein,  ehe  der  innere  Mensch  die  Forderungen  fur  die  sei- 
nige  machen  kann.  Daher  kommt  den  Unglucklichen,  die  noch 
die  Geschaftstrager  des  Korpers  sein  miissen,  die  ganze  innere 
Welt  nur  wie  ein  Luft-  und  Spinnengewebe  vor,  wie  einer,  der 
nur  in  die  elektrische  Atmosphdre  anstatt  an  den  Funken  selber 
gerat,  durch  ein  unsichtbares  Gespinst  zu  greifen  meint.  Ist  aber 
einmal  unser  notwendiger  Tierdienst  vorbei,  der  bellende  innere 
Tierkreis  abgefuttert  und  das  Tiergefecht  ausgemacht :  dann  fo- 
dert  der  innere  Mensch  seinen  Nektar  und  sein  Himmelsbrot,  der 

30  sich,  wenn  er  nur  mit  Erde  abgespeiset  wird,  alsdann  in  einen 
Wiirgengel  und  Hollengott  verwandelt,  der  zum  Selbstmord 
treibt,  oder  in  einen  Giftmischer,  der  alle  Freuden  verdirbt.1 

1  Dieses  gilt  am  meisten  von  den  hohern  und  reichen  Standen,  worin  bei 
so  vielen  die  Saturation  der  funf  Kamelmagen  der  fiinf  Sinne  und  die  Ver- 
hungerung  der  Psyche  sich  mit  einem  ekelhaften  Ekel  am  Leben  und  mit 
einer  widrigen  fleischlichen  Vermischung  hoherer  IViinsche  undniederer  Liiste 
beschlieBet.  Der  Wilde,  der  Bettler,  der  Kleinstadter  iibertreffen  sie  weit  am 


<5l4  DAS  KAMPANER  TAL 

Denn  der  ewige  Hunger  im  Menschen,  die  Unersattlichkeit  seines 
Herzens,  will  ja  nicht  reichlichere,  sondern  andere  Kost,  nur  Speise 
statt  Weide:  bezoge  sich  unser  Darben  nur  auf  den  Grad,  nicht 
auf  die  Art,  so  mtiBte  uns  wenigstens  die  Phantasie  einen  Satti- 
gungsgrad  vormalen  konnen;  aber  sie  kann  uns  mit  der  gemalten 
Aufturmung  aller  Giiter  nicht  begliicken,  wenn  es  andere  als 
Wahrheit,  Tugend  und  Schonheit  sind.« 

»Aber  die  schonere  Seele?«  sagte  Nadine.  Ich  antwortete: 
»Diese  Unformlichkeit  zwischen  unserem  Wunsche  und  unserem 
Verhaltnis,  zwischen  dem  Herzen  und  der  Erde  bleibt  ein  Rdtsel^  xo 
wenn  wir  dauern,und  ware  eine  Blaspkemie,  wenn  wir  schwinden. 
Ach  wie  konnte  die  schone  Seele  gliicklich  sein?  Fremdlinge,  die 
auf  Bergen  geboren  sind,  zehret  in  niedrigen  Gegenden  ein  un- 
heilbares  Heimweh  aus  -  wir  gehoren  fur  einen  hohern  Ort,  und 
darum  zernaget  uns  ein  ewiges  Sehnen,  und  jede  Musik  ist  unser 
Schweizer-Kuhreigen.  Am  Morgen  des  Lebens  sehen  wir  die 
Freuden,  die  den  bangen  Wunsch  der  Brust  erhoren,  von  uns  ent- 
fernt  aus  spaten  Jahren  heruberschimmern;  haben  wir  diese  er- 
reicht,  so  wenden  wir  uns  auf  der  tauschenden  Statte  um  und 
sehen  hinter  uns  das  Gluck  in  der  hofFenden  kraftigen  Jugend  20 
bliihen  und  genieBen  nun  statt  der  Hoffnungen  die  Erinnerungen 
der  Hoffnungen.  So  gleicht  die  Freude  auch  darin  dem  Regen- 
bogen,  der  am  Morgen  vor  uns  iiber  den  Abend  schimmert  und 
der  abends  sich  iiber  den  Osten  wolbt.  -  Unser  Auge  reicht  so  weit 
als  das  Licht,  aber  unser  Arm  ist  kurz  und  erreicht  nur  die  Frucht 
unsers  Bodens.« 

-  »Und  daraus  ist  zu  folgern?«  fragte  der  Kaplan. 

»Nicht  daB  wir  ungliicklich,  sondern  daB  wir  unsterblich  sind 
und  daB  die  zweite  Welt  in  uns  eine  zweite  auBer  uns  fodert  und  . 
zeigt.  Ach  was  konnte  man  iiber  dieses  zweite  Leben,  dessen  Anfang  30 
schon  so  klar  im  jetzigen  ist  und  das  uns  so  sonderbar  verdoppelt, 
nicht  sagen!  Warum  ist  die  Tugend  zu  erhaben^um  uns  selber 

SinnengenuO,  da  an  diesem  wie  an  den  Hausern  der  Juden  (zum  Andenken 
des  ruinierten  Jerusalems)  immer  etwas  unvollendet  gelassen  werden  muB 
und  da  eben  Arme  noch  zu  wenige  Foderungen  des  erdigen  Menschen  be- 
friedigt  haben,  um  von  den  Foderungen  des  atherischen  iiberlaufen  und 
gepeinigt  zu  werden. 


507.  STATION  615 

und  -  was  noch  mehr  ist-  andere  (sinnlich-)  gliicklich  zu  machen  ? 
Warum  nimmt  mit  einer  gewissen  hohern  Reinheit  des  Charak- 
ters  das  Unvermogen  zu,  der  Erde,  wie  man  sich  ausdriickt,  Nut- 
zen  zu  schaffen,  wie  es  nach  Herschel  Sonnen  gibt,  denen  Erden 
fehlen?  -  Warum  wird  unsere  Brust  von  dem  langsamen  Fieber- 
feuer  einer  unendlichen  Liebe  fur  einen  unendlichen  Gegenstand 
ausgetrocknet  und  ausgehohlt  und  endlich  gebrochen  und  nur  von 
der  Hoffnung  gelindert,  daB  diese  Brustkrankheit  wie  eine  physi- 
sche  einmal  die  Eisstucke  des  Todes  iiberdecken  und  heben?«- 

10  »Nein,«  sagte  Gione  mit  einem  bewegtern  Auge  als  Tone,  »es 
ist  kein  Eis,  sondern  ein  Blitz  -  wenn  das  Herz  als  Opfer  auf  dem 
Altare  Hegt?  so  fallt  das  Feuer  vom  Himmel  und  zerlegt  es,  zum 
Beweis,  daB  ihm  das  Opfer  wohlgefallen.«    . 

Ich  weiB  nicht,  warum  sie  gerade  mit  dieser  beruhigten  Stimme 
meine  ganze  Seele  -  nicht  bloB  meine  SchluBkette  -  so  schmerz- 
Hch  zerriB.  Sogar  Nadinens  Augen,  die  iiber  die  eignen  Erinne- 
rungen  siegten,  wurden  durch  die  schwesterlichen  naB,  und  sie 
hob  -  ob  sie  glekh  sonst  ekler  und  furchtsamer  als  Gione  ist  - 
voriibergehend  von  einem  KartofTelstock,  der  aus  einem  Garten 

20  herausstand,  einen  groBen,  unter  dem  haarigen  Laube  hangenden 
Nachtschmetterlingab  undzeigteihn  uns  mit  einem  festenMunde, 
den  einLacheln  erweichen  sollte.DiePhalanewar  dersogenannte 
Totenkopf;  ich  strich  die  wie  an  einem  Geier  gesenkten  Flugel 
und  sagte:  »Sie  ist  aus  Agypten  geburtig,  dem  Lande  der  Mu- 
mien  und  Graber,  und  tragt  selber  ein  memento  mori  auf  dem 
Riicken  und  ein  Maestoso  und  Miserere  im  Klage-Russel.« 

»Inzwischen  ist  sie  ein  Schmetterling  und  befliegt  ihre  Nek- 
tarien,  und  das  wollen  wir  Tagvogel  auch  tun«,  sagte  gut  Wil- 
helmi;  aber  gerade  dieses  Wort  nahm  er  mir  ordentlich  aus  dem 

30  Mund. 

Auf  Gionens  Angesicht  stand  wieder  sinnende  Ruhe,  und  sie 
wurde  mir  durch  die  Stille  ihres  Grams  unendlich  schon  und  groB. 
Du  sagtest  einmal:  die  weibliche  Psyche  muB  nie,  obwohl  glu- 
hend-zerstochen,  krampfhaft  mit  den  Fltigeln  um  sich  schlagen, 
weil  sie  sonst,  wie  andere  Schmetterlinge,  den  Schmuck  derselben 
zerschlagt;  ach  wie  wahr  ist  das! 


6l6  DAS  KAMPANER  TAL 

Nadinens  Augen  glanzten  selten,  ohne  endlich  zu  tropfen,  und 
jede  wehmiitige  Regung  hielt  lang*  in  ihrem  Herzen  an,  eben  weil 
sie  sich  vorher  lange  vor  ihr  hiitete.  Sie  glich  iiberhaupt  den  Quel- 
len,  die  die  entgegengesetzte  Temperatur  der  Tagszeit  annehmen 
und  die  gerade  der  kiihlende  Abend  erwarmt.  Sie  sagte  gertihrt 
zu  mir  (und  suchte  mit  ihrer  Hand  in  ihrer  linken  Tasche) :  »Ich 
kann  Ihrien  Verse  zeigen,  die  Ihre  Prosa  beweisen.«  Unter  dem 
Suchen  und  Stehen  blieb  sie  und  ihr  Fuhrer,  Wilhelmi,  zuriick. 
Er  erriet  eher  als  ich,  daB  sie  mir  aus  ihrem  Souvenir  etwas  geben 
wolle.  Er  nahm  sogleich,  als  sie  statt  desselben  mein  Skolopender-  10 
Gefangnis  herausbrachte,  verbindlich  das  Wort:  »er  habe  zwar 
nicht  mit  den  Handen,  aber  doch  mit  den  Blicken  zum  Diebstahl 
mit  geholfen  und  bitte  als  Hehler  um  Gnade.«  Die  ernste  Stim- 
mung  vertrug  kaum  die  ernste  Entschuldigung  dieser  Unbedacht- 
samkeit;  ich  sagte:  »Ich  wollte  einen  mehr  vergeblichen  als  ver- 

zeihlichen  Scherz  einleiten;  aber  ich «  Sie  schlug  mir,  ohne 

mich  ausreden  zu  lassen,  weich  und  unverandert  —  ich  rechne  ein 
strafendes  und  ein  vergebendes  Lacheln  ab  -  das  Blatt  im  aro- 
matischen  Buche  auf,  das  des  edeln  Karlsons  Trauergedicht  auf 
den  Untergang  der  hohe.n  Gione  enthielt,  dessen  prosaischen  20 
Nachhall  ich  dir  aus  meinem  prosaischen  Gedachtnis  hier  wilHg 
gebe: 

Die  Klage  ohne  Trost. 

»Was  ist  das  fur  ein  Gewolke,  das  wie  die  Wolken  der  Wende- 
kreise  nur  von  Morgen  gegen  Abend  fliegt  und  dann  untergeht? 
Es  ist  die  Menschheit.  -  Ist  das  der  Magnetberg,  mit  den  Nageln 
angerissener  zerbrochener  Schiffe  iiberdeckt?  Nein,  es  ist  die 
groBe  Erde,  von  den  Knochen  zertrummerter  zerfallner  Men- 
schen  bestreuet. 

Ach  warum  hab*  ich  denn  geliebt?  Ich  hatte  nicht  so  viel  ver-  30 
loren. 

Nadine,  gib  mir  deinen  Schmerz:  denn  die  milde  Hoffnung  ist 
darin.  Du  stehest  neben  deiner  zermalmten  Schwester,  die  unter 
dem  Leichenschleier  zerrinnt,  und  blickest  auf  zu  den  zitternden 
Sternen  und  denkst:  droben  da  wohnst  du,  Gute,  und  auf  den 


507.  STATION  617 

Sonnen  finden  wir  die  Herzen  wieder,  und  die  kleinen  Tranen 
des  Lebens  sind  vergangen. 

Aber  meine  stehen  fest  und  brennen  im  wunden  Auge  fort. 
Meine  Zypressen-Allee  ist  nicht  offen  und  zeigt  keinen  Himmel. 
Das  Menschenblut  malet  auf  den  Leichenmarmor  die  flussige  Ge- 
stalt,  die  ein  Mensch  genannt  wird,  wie  Ol  auf  Marmortafeln  zu 
Waldern  gerinnt:  der  Tod  wischt  den  weichen  Menschen  weg 
und  lasset  den  Grabstein  zuriick.  Ach  Gione,  ich  hatte  einenTrost, 
warest  du  nur  weit  von  uns  alien  in  eine  bewolkte  Wuste  gewor- 
10  fen,  oder  in  die  Schachte  der  Erde,  oder  hinauf  in  die  entfernteste 
Welt  des  Athers  -  aber  du  bist  vergangen,  du  bist  vernichtet. 
Deine  Seele  ist  gestorben,  nicht  nur  deine  Hiille  und  dein  Leben. 

O  sieh  her,  Nadine,  hier  auf  dem  Richtplatz  der  Zeit  Hegt  mit 
der  Totenfarbe  der  Geisterwelt  der  zerknirschte  Engel.  Unsere 
Gione  hat  alle  ihre  Tugenden  verloren,  ihre  Liebe  und  Geduld 
und  ihre  Starke  und  ihr  ganzes  groBes  Herz  und  den  weiten  rei- 
chen  Geist:  der  Wetterstrahl  des  Todes  hat  den  Diamant  zer- 
schmolzen,  und  die  wachserne  Statue  des  Korpers  zerflieBet  nun 
langsam  unter  der  Erde. 
20  Nimm  die  schone  Hiille  eilig  weg,  Schlange  der  Ewigkeit,  die, 
wie  die  groBe  Schlange,  den  kleinen  Menschen  anfangs  vergiftet 
und  endlich  verschlingt. 

Aber  ich,  Gione,  stehe  noch  stark  mit  dem  unvernichteten 
Schmerz,  mit  der  unvernichteten  Seele  an  deinen  Ruinen  und 
denke  dich  weinend,  bis  ich  verschwinde.  Und  meine  Trauer  ist 
edel  und  tief,  denn  sie  hat  keine  HofTnung. 

Mit  der  Sonne  steige  gleich  dem  Neumond1  deine  unsichtbare 
Schatten-Gestalt  am  Himmel  herauf  in  meinem  Geist! 

Und  das  Schopfrad  der  Zeit,  das  mit  unzahligen  Herzen  auf- 
30  steigt  und  sie  voll  Blut  schopft  und  das  sie  ins  Grab  ausleeret  und 
sterben  lasset,  gieBe  meines  nur  zogernd  aus :  denn  ich  will  lange 
um  dich  Schmerzen  haben,  du  Vergangene !« 


1  Der  Neumond  geht  allezeit  mit  der  Sonne,  obwohl  ungesehen  und  ver- 
finstert  auf. 


6l8  DAS  KAMPANER  TAL 

Ich  kann  dir  nicht  sagen,  geliebter  Viktor,  wie  abscheulich  und 
graBlich  mir  der  ewige  Schnee  eines  vernichtenden  Todes  jetzt 
neben  der  edeln  Gestalt  vorkam,  die  er  uberdecken  sollte;  wie  ab- 
scheulich der  Gedanke;  diese  nie  begliickte  unschuldige  Seele 
hatte  der  letzte  Tag,  wenn  Karlson  recht  hatte,  aus  den  Gefang- 
nissen  iiber  der  Erde  in  das  dumpfe  unter  ihr  gefiihrt.  DerMensch 
tragt  seine  Irrtumer  wie  seine  Wahrheiten  zu  oft  nur  in  Wortbe- 
grifTen  und  nicht  in  Gefiihlen  bei  sich;  aber  der  Bekenner  der  Ver- 
nichtung  stelle  sich  einmal  statt  eines  sechzigjahrigen  Lebens  eines 
von*  60  Minuten  vor  und  sehe  dann  zu,  ob  er  den  Anblick  gelieb-  10 
ter  edleroderweiserMenschen  als  zweckloser  stundenlangerLuft- 
erscheinungen,  als  hohler  diinner  Schatten,  die  dem  Lichte  nach- 
flattern  und  im  Lichte  sogleich  zerfliefien  und  die  ohne  Spur  und 
ohne  Weg  und  Ziel  nach  einem  kurzen  Schwanken  hinaus  in  die 
alte  Nacht  verrinnen,  ob  er  diesen  Anblick  ertragen  konnte:  nein, 
auch  ihn  iiberschleicht  immer  die  Voraussetzung  der  Unvergang- 
lichkeit,  sonst  hinge  immer  iiber  seine  Seele,  wie  an  dem  heiter- 
sten  Himmel  iiber  Muhammed,  eine  schwarze  Wolke,  und  unter 
der  Erde  liefe  uberall  mit  ihm  wie  mit  dem  Kain1  cin  ewiges 
Beben.  20 

Ich  fuhr  fort,  aber  alle  Schlusse  waren  jetzt  zu  Gefiihlen  ver- 
dichtet;  »Ja  dann,  wenn  alle  Walder  dieser  Erde  Lusthaine  waren, 
alle  Taler  Kampaner,  alle  Inseln  selige,  alle  Felder  elysische  und 
alle  Augen  heiter,  ja  dann  —  nein,  und  auch  dann  hatte  der  Un- 
endliche  unserm  Geist  durch  diese  Seligkeit  den  Eid  ihrer  Dauer 
getan  -  aber  jetzt,  o  Gott,  da  so  viele  Hauser  Trauerhauser,  so 
viele  Felder  Schlachtfelder,  so  viele  Wangen  bleich  sind,  da  wir 
vor  so  vielen  welken  -  roten  -  zerrissenen  -  und  geschlossenen 
Augen  vorubergehen :  ol  konnte  jetzt  die  Gruft,  dieser  rettende 
Hafen,  blofi  der  letzte  einschlingende  Strudel  sein?  Und  wenn  30 
endlich  nach  tausend  tausend  Jahren  unsere  Erde  an  der  nahern 
Sonnenglut  ausgestorben  und  jeder  lebendige  Laut  auf  ihr  be- 
graben  ware,  konnte  da  ein  unsterblicher  Geist  auf  die  stille  Ku- 
gel  niederschauen  und  den  leeren  Zeremonien-  und  Leichenwa- 
gen  ziehen  sehen  und  sagen:  >Drunten  flieht  der  Kirchhof  des 

1  Das  erste  ist  eine  christliche  Sage,  das  andere  eine  rabbinische. 


507.  STATION  619 

armen  Menschengeschlechts  in  die  Krater  der  Sonne  —  auf  dieser 
Brandstatte  haben  einmal  viele  Schatten  und  Traume  und  Wachs- 
gestalten  geweint  und  geblutet,  aber  nun  sind  sie  alle  langst  zer- 
schmolzen  und  verraucht  -  fliehe  hin  in  die  Sonne,  die  auch  dich 
auf  Ioset,  stumme  Wiiste  mit  deinen  eingesognen  Tranen  und  mit 
dem  vertrockneten  BluteU  -  Nein,  der  zerstochene  Wurm  darf 
sich  emporkrummen  gegen  den  Schopfer  und  sagen:  >Du  hast 
mich  nicht  zum  Leiden  schaffen  durfen.<« 

»Und  wer  gibt  dem  Wurm  das  Recht  zu  dieser  Forderung?« 
10  fragte  Karlson. 

Gione  sagte  sanrt:  »Der  Allgiitige  selber,  der  uns  das  Mitleiden 
gibt  und  der  in  uns  alien  spricht,  um  uns  zu  beruhigen,  und  der  ja 
allein  in  uns  die  Anspruche  an  ihn  und  die  Hoffnungen  auf  ihn 
erschaffen  hat.« 

Dieses  schone  sanfte  Wort,  mein  Viktor,  konnte  gleichwohl 
nicht  alle  Wellen  meiner  erschutterten  Seele  legen.  Aus  einem 
Hause  in  der  Feme  hauchten  uns  Turteltauben  zitternde,  aus  der 
Seele  gezogne  Klagestimmen  nach.  Um  meine  innern  Augen  voll 
Tranen  versammelten  sich  alle  die  Gestalten,  deren  Herzen  ohne 
20  Schuld  und  ohne  Freuden1  waren,  die  hienieden  keinen  einzigen 
Wunsch  erreichten  und  die,  unter  dem  Frost  und  Schneegestober 

1  Es  gibt  dreierlei  Menschen :  einigen  wurde  in  diesem  Leben  ein  Himmel 
beschert,  andern  ein  limbus  patruni,  worin  ungefahr  Freude  und  Trauer 
einander  gleich  wiegen,  und  endlich  einigen  eine  Holle,  worin  der  Gram 
vorwiegt.  Menschen,  die  zwanzig  Jahre  auf  dem  Krankenbette  voll  korper- 
licher  Schmerzen  lagen,  die  die  Zeit  nicht  ab  stump  ft  wie  geistige,  diese 
waren  doch  gewiB  mehr  ungliicklich  als  gliicklich  und  wiirden,  ohne  Un- 
sterblichkeit,  ein  ewiger  Vorwurf  fur  das  hochste  moralische  Wesen  bleiben. 
Und  gibt  es  keinen  solchen  Ungliicklichen,  so  steht  es  doch  in  der  Gewalt 

3o  eines  Tyrannen,  auf  einer  klinischen  Marterbank  unter  der  Assistenz  eines 
Arztes  und  eines  Philosophen  einen  solchen  zu  machen.  Wenigstens  dieser 
hatte  dann  auf  eine  auBerweltliche  Vergiitung  seiner  Leiden  Anspruch,  weil 
der  Ewige  kein  Wesen,  das  sich  mehr  betriibt  als  freuet,  entstehen  lassen 
darf. 

Dazu  kommt,  daB  vor  dem  unendlichen  Auge  zwar  der  Gegenstand 
unsers  Schmerzes,  aber  nie  dieser  selber  als  Tauschung  erscheinen  kann. 
Auch  ist  die  menschliche  Qual  wesentlich  von  der  tierischen  verschieden : 
das  Tier  fiihlt  die  Wunden,  etwa  wie  wir  im  Schlafe,  sieht  sie  aber  nicht,  sein 
Schmerz  wird  nicht  durch  das  Erwarteny  das  Erinnern  und  das  Bewufitsein 

40  desselben  dreifach  verlangert  und  verscharft,  er  ist  ein  fliichtiger  Stich  und 
mehr  nicht.  Und  daher  bekam  nur  unser  Auge  Tranen. 


620  DAS  KAMPANER  TAL 

des  Verhangnisses  erliegend,  sich,  wie  Menschen  im  Erfrieren,  nur 
einiuschlafen  sehnten  -  und  alle  die  Gestalten,  die  zu  sehr  geliebt 
und  zu  viel  verloren  haben  und  deren  Wunde  nicht  eher  geneset, 
als  bis  sie  der  Tod  erweitert,  wie  eine  zerborstene  Glocke  so  lange 
den  dumpfen  Ton  behalt,  bis  man  den  RiB  vergroBert  -  und  die 
nachsten  Gestalten  neben  mir  und  so  viele  andere  weibliche,  de- 
ren zartere  Seele  das  Schicksal  gerade  der  Marter  am  meisten,  wie 
die  Narzissen  dem  Gott  der  Holle,  widmet.  Auch  deine  wahre 
Bemerkung  kam  dazu,  daB  du  nie  das  Wort  Schmeri  und  Ver~ 
gangenheit  vor  einem  weiblichen  Wesen  ausgesprochen,  ohne  ein  10 
leises  Seufzen  iiber  das  Biindnis  dieser  zwei  Worte  aus  der  leiden- 
den  Brust  zu  horen,  weil  die  Weiber  in  dem  engern  Spielraum 
ihrer  Plane  und  mit  ihren  idealischern,  mehr  auf  fremden  als  eig- 
nen  Wert  gebauten  Wiinschen  tausendmal  mehr  Fehlschlagun- 
gen  zu  zahlen  haben  als  wir. 

Die  Sonne  sank  immer  tiefer  auf  die  Gebirge  nieder,  und  Rie- 
senschatten  stiegen,wieNachtraubvogel,aus  ihremewigenSchnee 
kalt  zu  uns  herein.  Ich  nahm  mit  heiBer  Hand  Karlsons  seine  und 
sah  ihm  mit  nassen  Augen  in  sein  mannlkh-schones  Angesicht 
und  sagte:  »0  Karlson,  auf  welche  bliihende  groBe  Welt  werfen  20 
Sie  einen  unermeBlichen  Leichenstein,  den  keine  Zeit  abwalzt! 
Sind  zwei  Schwierigkeiten1,  die  sich  noch  dazu  nur  auf  eine  not- 
wendige  Unwissenhelt  des  Menschen  grunden,  hinreichend,  einen 
Glauben  zu  uberwaltigen,  der  tausend  groBere  Schwierigkeiten 
allein  auf  loset,  ohne  den  unsereExistenz  ohne  Ziel,  unsere  Schmer- 
zen  ohne  Erklarung  und  die  gottliche  Dreieinigkeit  in  unserer 
Brust  drei  Plagegottinnen  und  drei  fiirchterliche  Widerspniche 
bleiben?  -  Vom  gestaltlosen  Erdwurm  bis  zum  strahlenden  Men- 
schenangesicht,  vom  chaotischen  Volke  des  ersten  Tages  bis  zum 
jetzigen  Weltalter,  von  der  ersten  Krummung  des  unsichtbaren  30 
Herzens  bis  zu  seinem  vollen  kiihnen  Schlag  im  Jungling  geht 
eine  pflegende  Gotteshand,  die  den  innern  Menschen  (den  Saug- 
ling  des  auBern)  fiihrt  und  nahrt,  ihn  gehen  und  sprechen  lehrt 
und  ihn  erzieht  und  verschonert  -  und  warum?  damit,  wenn  er  als 

1  Namlich  die  Unwissenheit  iiber  unsere  Verbindung  mit  dem  Korper 
und  die  iiber  die  Verbindung  mit  der  zweiten  Welt. 


507.  STATION  621 

ein  schoner  Halbgott  sogar  mitten  in  den  Ruinen  seines  veralte- 
ten  Korper-Tempels  aufrecht  und  erhaben  stent,  die  Keule  des 
Todes  den  Halbgott  auf  ewig  zerschlage?  Und  auf  dem  unend- 
lichen  Meere,  worin  der  kleinste  Tropfenfall  unermeBliche  Kreise 
wirft,  auf  diesem  hat  ein  lebenslanges  Steigen  des  Geistes  und  ein 
lebenslanges  Fallen  desselben  einerlei  Folge,  namlich  das  Ende 
der  Folgen,  die  Vernichtung.  *  Und  da  mit  unserm  Geiste  nach 
demselben  Grunde  auch  die  Geister  aller  andern  Welten  fallen 
und  sterben  mussen  und  nichts  auf  der  von  demLeichensckleier 
10  und  der  Trauerschleppe  uberhullten  UnermeBlichkeit  iibrig  bleibt 
als  der  ewig  saende  und  niemals  erntende  einsame  Weltgeist,  der 
eine  Ewigkeit  die  andere  betrauern  sieht:  so  ist  im  ganzen  geisti- 
gen  All  kein  Ziel  und  Zweck,  weil  der  in  ein  Universum  aus 
sukzedierenden  oder  sukzessiven  Ephemeren,  in  eine  unsterbliche 
Legion  aus  Sterbenden  zerteilte  und  zertragene  Zweck  der  Ent- 
wicklung  ja  keiner  fur  die  verschwundnen  Ephemeren,  hochstens 
fiir  die  letzte  ware,  die  nie  kommen  kann.2  -  Und  alle,  alle  diese 

1  Man  wende  nicht  den  jahrlichen  Untergang  der  lang  entwickelten  scho- 
nen  Blumenwelt  des  Friihlings  ein;  denn  fiir  die  korperliche  Welt  ist  ein 

20  jedes  Verhaltnis  ihrer  Teile  so  gleichgiiltig  und  vollkommen  als  das  andere, 
und  Rosenasche  ist  so  gut  als  (ohne  Rucksicht  auf  eine  organische  Seele) 
Rosenbliite:  Nichts  ist  schon  als  unsere  Empfindung  des  Schonen,  nicht 
der  korperliche  Gegenstand.  -  Wollte  man  noch  einwerfen:  »Wie  viele 
Entwicklungen  unterdriickt  iiberhaupt  die  Natur,  zu  denen  sie  schon  alle 
Anstalten  vorgeschaffen,  wie  viele  tausend  Eier  knickt  sie  entzwei,  wie  viele 
Knospen  zerreiCet  sie,  wie  viele  Menschen  auf  alien  Stufen  des  Lebens  er- 
quetscht  ihr  blinder  Tritt!«  so  sag  ichrdie  abgebrochenen  Entwicklungen 
werden  doch  zu  Bedingungen  der  vollfiihrten  veredelt;  ferner  fur  korper- 
liche Gegenstande  ist  jede  Stellung  ihrer  Teile  gleichgiiltig,  und  als  Hiillen 

30  geistiger  Wesen  zeugen  sie  eben  fur  eine  -  kompensierende  Unsterblichkeit 
der  letztern. 

■  Mich  dtinkt,  von  dieser  Seite  ist  der  Wahn  der  geistigen  Mortalitat  noch 
nicht  genug  beschauet  worden.  Das  lebendige  oder  geistige  Weltganze 
kann  als  solches  -  denn  das  leblose  hat  keinen  andern  Zweck,  als  ein  Mittel 
fiir  das  lebendige  zu  sein  -  keinen  Zweck  erreichen,  als  den  jeder  Teil  davon 
erreicht,  weil  jeder  ein  Ganzes  ist  und  weil  jedes  andere  Ganze  nur  in  der 
zusammenfassenden  Idee  und  nicht  wirklich  existiert.  Urn  die  Unstatthaftig- 
keit  einer  durch  verschwindende  Geisterreihen  laufenden  Vervollkommung 
lebhafter  anzuschauen,  kiirze  man  nur  die  Lebenszeit  eines  Geistes  so  weit 

40  ab,  dafl  er  z.  B.  nur  eine  Seite  in  Kants  Kritik  durchbringt  und  dann  vergeht. 
Fiir  die  zweite  Seite  entsteht  ein  zweiter  Geist  und  so  iiberhaupt  884  Geister 
fiir  die  neue  Auflage.  Jener  Irrtum  wurde  vielleicht  den  meisten  durch  das 


622  DAS   KAMPANER  TAL 

Widerspriiche  und  Ratsel,  wodurch  nicht  bloB  alle  Wohllaute, 
sondern  alle  Saiten  der  Schopfung  zerrissen  werden,  miissen  Sie 
annehmen,  bloB  weil  sich  zwei  Schwierigkeiten,  die  unsere  Ver- 

ganglichkeit  ebensowenig  aufloset,  vor  Sie  stellen Geliebter 

Karlson,  in  diese  Harmonie  der  Spharen  nicht  iiber,  sondern 
neben  uns  wollen  Sie  Ihren  ewig  schreienden  MiBton  bringen ! 
Sehen  Sie,  wie  sanft  und  geriihrt  der  Tag  geht,  wie  erhaben 
die  Nacht  kommt  -  o  dachten  Sie  nicht  daran,  daB  unser  Geist 
glanzend  einmal  ebenso  aus  der  Grube  voll  Asche  steigen.werde, 
da  Sie  einmal  den  milden  und  lichten  Mond  groB  aus  dem  Krater  10 
des  Vesuvs  aufgehen  sahen? . . .« 

—  Die  Sonne  stand  schon  rot  auf  den  Gebiirgen,  um  sich  ins 
Meer  zu  stiirzen  und  in  die  neue  Welt  zu  schwimmen.  Nadine  um- 
fing  unendlich  geriihrt  die  Schwester  und  sagte:  »0  wir  lieben 
uns  ewig  und  unsterblich,  gute  Scrrwester.«  Karlson  riihrte  zu- 
fallig  die  Saiten  der  Laute  an,  die  er  trug;  Gione  nahm  sie  mit  der 
einen  Hand  und  gab  ihm  die  andere  und  sagte:  »Unter  uns  alien 
werden  Sie  allein  von  diesem  tristen  Glauben  gequalt  -  und  Sie 
verdienen  einen  so  schonen !« 

Dieses  Wort  der  verhullten  Liebe  sturzte  sein  lang  gefulltes  20 
Herz  um,  und  zwei  heiBe  Tropfen  wanden  sich  aus  den  geblen- 
deten  Augen,  und  die  Sonne  vergoldete  die  reinen  Tranen,  und 
er  sagte,  indem  er  nach  dem  Geburge  hiniiberschauete :  »Ich  kann 
keine  Vernichtung  ertragen  als  nur  meine  -  mein  ganzes  Herz  ist 
Ihrer  Meinung,  und  mein  Kopf  wird  ihm  langsam  folgen.« 

Lasse  mich  nun  nicht  mehr  eines  andern  Mannes  erwahnen, 
den  ich  so  oft  getadelt  habe. 

Wir  standen  gerade  vor  einem  Schlosse,  worin,  des  Abend- 
scheins  ungeachtet,  alle  Fenster  sich  von  Girandolen  versilbern 
und  (wenn  es  dunkler  geworden)  vergolden  lieBen.  Oben  iiber  30 
der  italienischenPlatteformedesselben  hingen^w«  Montgolfieren, 
die  eine  am  westlichen,  die  andere  am  ostlichen  Ende,  gefesselt 
im  Ather.  Ohne  diese  schonen  Globen,  in  denen  sich  gleichsam 

zunehmende  Monden-Licht  der  Aufklarung  gelaufig,  das  allmahlich  iiber 
die  nacheinander  entschlafenden  Jahrhunderte  aufsteigt;  aber  eben  die  Not- 
wendigkeit  des  Ersatzes  fcrdert  die  Unsterblichkeit. 


507.  STATION  623 

die  zwei  herrlichen  im  Himmel,  der  Mond  und  die  Sonne,  wieder- 
holten,  hatt*  ich  im  Glanz  hoherer  Szenen  diese  nahern  kaum  be- 
merkt. 

O  Teuerster,  wie  schon  war  die  Stelle  und  die  Zeit !  Die  Py- 
renaen  ruhten  groB,  halb  in  Nachte,  halb  in  Tage  gekleidet,  um 
uns  und  biickten  sich  nicht,  wie  der  veraltende  Mensch,  vor  der 
Zeit,  sondern  erhoben  sich  ewig;  und  ich  fuhlte,  warum  die  gro- 
Ben  Alten  die  Gebirge  fur  Giganten  hielten.  Die  Haupter  der 
Berge  trugen  Kranze  und  Ketten  von  Rosen  aus  Wolken  ge- 

10  macht;  aber  sooft  sich  Sterne  aus  dern  leeren  tiefen  Athermeer 
herausdrangten  und  aus  den  blauen  Wellen  glanzten,  so  er- 
blichen  Rosen  an  den  Bergen  und  fielen  ab.  Nur  das  Mittagshorn 
schauete  wie  ein  hoherer  Geist  lange  der  tiefen  einsamen  Sonne 
nach  und  gluhte  entziickt.  Ein  tieferes  Amphitheater  aus  bliihen- 
den  Zitronenbaumen  zog  uns  mit  Wohlgeriichen  auf  die  einge- 
hiillte  Erde  zuriick  und  machte  aus  ihr  ein  dunkles  Paradies.  Und 
'  Gione  drang  voll  stillem  Entziicken  in  ihre  Lautensaiten,  und 
Nadine  sang  den  gleitenden  Tonen  leise  nach.  Und  die  Nachti- 
gallen  wachten  in  den  Rosenhecken  am  Wasser  auf  und  zogen 

20  mit  den  Tonen  ihres  kleinen  Herzens  tief  in  das  groBe  mensch- 
liche,  und  glimmende  Johanniswurmchen  schweiften  um  sie  von 
Rose  zu  Rose,  und  im  spiegelnden  Wasser  schwebten  nur  flie- 
gende  Goldkorner  iiber  gelbe  Blumen.  -  Aber  da  wir  gen  Him- 
mel sahen,  schimmerten  schon  alle  seine  Sterne,  und  die  Gebirge 
trugen  statt  der  Rosenketten  ausgeloschte  Regenbogen,  und  der 
Riese  unter  den  Pyrenaen  war  statt  der  Rosen  mit  Sternen  ge- 
kront.  —  O  mein  Geliebter,  muBte  dann  nicht  jeder  entziickten 
Seele  sein,  als  falle  von  der  gedriickten  Brust  die  irdische  Last,  als 
gebe  uns  die  Erde  aus  ihrem  Mutterarm  reif  in  die  Vaterarme  des 

30  unendlichen  Genius  -  als  sei  das  leichte  Leben  verweht?  -  Wir 
kamen  uns  wie  Unsterbliche  und  erhabener  vor,  wir  wahnten,  das 
Sprechen  iiber  die  Unsterblichkeit  habe  bei  uns,  wie  bei  jenen 
zwei  edeln  Menschen1,  den  Anfang  der  unsrigen  bedeutet. 

1  Raffael  starb,  da  er  die  Verklarung  votlendet  hatte;  und  der  genialische 
Hamann  starb  mitten  unter  dem  Drucke  einer  Abhandlung  »uber  Verkla- 
rung und  Entkorperung«. 


624  DAS  KAMPANER  TAL 

Plotzlich  wurden  wir  von  den  vielfachen  Armen  eines  har- 
monischen  Stroms,  der  mit  Lebenstonen  durch  das  LustschloB 
rauschte,  gefasset  und  ins  Leben  zuruckgefiihrt.  Durch  eine  Mu- 
sik  in  alien  Zimmern  wurde  Gionen  angesagt,  wem  dieses  SchloB 
gehore:  sie  druckte  sanft  und  dankbar  die  Hand  ihres  Wilhelmi, 
und  wir  wurden  alle  erweicht,  aber  alle  begliickt. 

Allein  der  Sturm  der  neuen  Freuden  konnte,  da  wir  in  die 
glanzenden  Zimmer  traten,  nicht  die  alten  verwehen :  wir  konnten 
die  groBe  Nacht  um  uns  noch  nicht  entbehren,  wir  stiegen  auf  die 
Platteforme  heraus,  um  auf  diesem  kleinen  Thron  zu  den  hohern  10 
Thronen  der  Schopfung  unter  dem  unendlichen  Thronhimmel 
naher  aufzuschauen,  wiewohl  fur  die  geriihrte  Seele  Knien  ein  ho- 
heres  Steigen  gewesen  ware. 

Droben  standen  Nachtviolen  in  einem  Treibkasten,  die  Gio- 
nens  Namen  durch  bliihende  Farben  schrieben :  ich  dachte  an  die 
gefangnen  Johanniswurmchen  und  Skolopender.  Jene  lieB  ich  als 
verworrene  goldne  Sternbilder  auf  die  Rosenhecken  hinunter- 
fliegen,  und  mit  den  ausgegossenen  Feuerwiirmern  setzte  ich  Gio- 
nens  Namensblumen  in  schone  kalte  Flammen. 

Gione  schauete  sehnsiichtig  zur  ostlichen  Montgolflere  hinauf.  20 
Wilhelmi  verstand  sie.  Ihr  Geist  war  ebenso  kuhn  als  still,  sie 
hatte  schon  viele  Zauberhohlen  der  Erde  und  die  Zinnen  der  Al- 
pen  besucht:  sie  wollte  mit  der  Kugel  aufsteigen  und  in  dieser 
herrlichen  Nacht  iiber  diese  herrliche  Gegend  mitten  im  Himmel 
schweben;  aber  der  GenuB  der  nachtlichen  Aussicht  war  doch 
ihr  Endzweck  nicht  allein.  Wilhelmi  fragte  sie,  wer  sie  begleiten 
sollte;  sie  bat  nur  um  Einsamkeit.  Die  Breite  und  Tiefe  der  Barke 
unter  dem  Globen  und  ein  Stuhl  darin  und  die  Seile,  die  ihn  stei- 
gen und  wiederkehren  lieBen,  nahmen  alle  Gefahr  hinweg. 

Sie  ging  einsam  wie  eine  Himmlische  empor  unter  die  Sterne  -  3° 
die  Nacht  und  die  Hohe  warfen  ein  Gewolke  iiber  die  aufziehende 
Gestalt  -  ein  oberes  Wehen  wiegte  diese  bliihende  Aurora  und 
deckte  mit  der  schwankenden  Gottin  ein  Sternbild  urns  andere  zu 
-  Plotzlich  trat  ihr  femes  erhohtes  Angesicht  in  einen  hellen  iiber- 
irdischen  Glanz  hinein;  es  stand  leuchtend,  wie  das  eines  Engels, 
im  Nachtblau  gegen  die  Sterne  erhoben !  Wilhelmi  und  Karlson 


507.  STATION  625 

ergriff  ein  ungewohnlicher  Schauder,  ihnen  war,  als  sahen  sie  die 
Geliebte  wieder  von  sich  Ziehen,  vom  Fliigel  des  Todesengels  ge- 
tragen.  Der  Mond  hinter  der  Erde,  der  seine  Strahlen  fruher  hin- 
auf  an  die  Sterne  als  herunter  auf  die  Erdenblumen  warf,  hatte 
sie  so  himmlisch  verklart. 

Als  sie  wieder  zu  uns  kam,  waren  ihre  Augen  von  gestillten 
Tranen  rot  -  und  sie  war  eben  aufgestiegen,  um  in  einer  ver- 
hiillten  Minute  naher  an  den  Sternen  alte  schwere  Tranen  einsam 
zu  vergieBen.   O  die  Himmlische!   sie  lachelte  sonderbar  ini 

10  Schlummer  dieses  Lebens  iiber  hohere  Freuden,  als  die  hiesigen 
sind,  wie  etwan  schlafende  Kinder  lacheln,  weil  sie  Engel  sehen. 
Jetzt  wurd*  es  mir  unmoglich,  meine  Sehnsucht  nach  den  Ster- 
nen und  meine  Bitte  um  das  EinschifFen  dahin  zuriickzuhalten. 
Ich  erhielt  von  einer  willigen  Giite  die  westliche  Kugel.  Nadine, 
durch  die  Wiederkehr  der  unversehrten  Schwester  und  durch  den 
Teilnehmer  der  Gefahr  verwegner,  betrat  mit  ihrer  gewohnlichen 
auf  lodernden  Warme  das  SchifF,  um  das  diirstende  Herz  an  der 

majestatischen  UnermeBlichkeit  der  Nacht  zu  laben. 

-  Und  nun  zogen  uns  die  Sonnen  empor.  Die  schwere  Erde 

20  sank  wie  eine  Vergangenheit  zuriick  -  Fliigel,  wie  der  Mensch 
in  gliicklichen  Traumen  bewegt,  wiegten  uns  aufwarts  -  die  er- 
habene  Leere  und  Stille  der  Meere  ruhte  vor  uns  bis  an  die  Sterne 
hin  —  wie  wir  stiegen,  verlangerten  sich  die  schwarzen  Waldun- 
gen  zu  Gewitterwolken  und  die  beschneieten  beglanzten  Gebirge 
zu  lichten  Schneewolken  -  die  auftreibende  Kugel  flog  mit  uns 
vor  die  stummen  Blitze  des  Mondes,  der  wie  ein  Elysium  unten 
im  Himmel  stand,  und  in  der  blauen  Einode  wurden  wir  von 
einem  gaukelnden  Sturm  gleichsam  in  die  nahere  schimmernde 
Welt  des  Mondes  geblendet  gewiegt und  dann  wurd'  es  dem 

30  leichtern  Herz,  das  hoch  iiber  dem  schweren  Dunstkreis  schlug, 
als  flatter*  es  im  Ather  und  sei  aus  der  Erde  gezogen,  ohne  die 
Hiille  zuriickzuwerfen.  - 

Plotzlich  stockte  unser  Flug  -  wir  blickten  hinunter  in  das  von 
der  Tiefe  und  der  Nacht  verschlungene  Tal,  und  nur  die  Lichter 
des  Schlosses  schimmerten  zusammenflieBend  hinauf-eine  west- 
liche Wolke  hing  vor  uns  in  Gestalt  einer  weiBen  Nebelbank,  und 


626  DAS  KAMPANER  TAL 

ein  schwarzer  Adler  glitt  wie  ein  Todesengel  von  Morgen  vor- 
iiber  und  durchschnitt  die  lichte  Wolkensaule  und  suchte  seinen 
Gipfel  -  und  ein  kaltes  Wehen  zog  uns  spielend  gegen  die  Insel 
aus  Dunst  -  das  Abendrot  war  schon  gegen  Mitternacht  unter  der 
Erde  fortgezogen  und  wandelte  uber  das  geliebte  Frankreich  als 
kunftige  Aurora . . .  O  wie  richtete  sich  der  innere  Mensch  unter 
den  Sternen  auf  und  wie  leicht  wurde  uber  der  Erde  das  Herz... 

Auf  einmal  stiegen  unten  aus  dem  schimmernden  Schlossc  leise 
Harmonien  herauf,  und  unsere  Geliebten  riefen  uns  mit  gedampf-- 

ten  Echos  zuriick Und  da  Nadine  hinuntersah,  brach  ihr  das  i 

einsame  Herz  vor  Sehnen  nach  den  teuern  Menschen  -  und  da 
sie  in  das  lange  versilberte  Tal  hiniiberblickte,  woriiber  derMond 
hereingewalzet  war,  und  da  unter  seinen  fiatternden  Folien  die 
zitternden  Wasserfalle  glommen  und  die  rinnenden  Bogen  des 
Stroms  und  die  griinenden  Marmor -Torsos  und  die  weiBenSteige 
zwischen  Ulmen  und  Ahren  und  die  ganze  zauberische  Bahn  un- 
sers  heutigen  Tages:  so  stromten  helle  und  glanzende  Tranen 
unverhiillt  aus  ihren  sanften  Augen,  und  sie  blickte  mich  gleich- 
sam  mit  der  Bitte  um  Nachsicht  und  Verschweigen  an  und  sagte 
erschutternd :  »Wir  sind  ja  doch  so  weit  von  der  harten  Erde!«      2 

Und  als  unsere  kleine  Kugel  zu  den  schillernden  Auen  und 
hellern  Tonen  zuriickgezogen  wurde:  sah  sie  mich  fragend  an, 
ob  ihre  Augen  noch  Spuren  der  Tranen  zeigten.  Sie  trocknete  sie 
schneller,  aber  yergeblich.  Wir  sanken  schweigend  hinunter.  Ich 
nahm  ihre  brennende  Hand  und  sah  ihre  fortweinenden  Augen. 
Aber  ich  konnte  nichts  sagen . . . 

—  Und  wie  konnt*  ich  denn  jetzt  noch  etwas  sagen,  du  Gelieb- 
ter!  - 


Erklarung  der  Holzschnitte 

unter  den  zehen  Geboten 

des  Katechismus 


HlSTORISCHE  ElNLEITUNG 

Die  Ofiiziere  -  der  Taufengel  —  der  Kirschkern  -  das  Konterfei 

Da  in  meinen  Tagen  jeder  etwas  herausbringt  und  entdeckt  - 
entweder  einzig-mogliche  Beweise  -  oder  Nebelflecke  -  oder 
Sonnenflecke  -  oder  Fleckkugeln  —  Jakobiner  -  ganze  Inseln  - 
die  Flora  und  Fauna  dazu  -  neue  Luftarten  -  neue  Theorien  - 
Stiicke  von  Livius  -  von  Afrika  -  kurz  alles :  so  wuBt'  ich  nicht, 
was  ich  daraus  machen  sollte,  daB  ich  allein  auf  meinem  Sessel 
safi  und  nichts  entdeckte,  nicht  einen  neuen  Fleischring  an  einem 

10  Leberwurm,  geschweige  einen  am  Saturn.  -  Dieser  VerdruB  ist 
vorbei:  ich  reihe  mich  nun  an  die  Perlengarnitur  der  Entdecker 
dieses  Sakuls  noch  vor  dem  Abschlusse  desselben  munter  mit  an. 
Im  Juni  des  vorigen  Jahres  bereisete  ich  Sachsen.  Ich  sah  mich 
in  Wittenberg  unter  den  merkwiirdigsten  Merkwiirdigkeiten  als 
Reisender  um  und  observierte  zwei  durch  die  Stadt  laufende 
Bache  —  namens  die  frische  und  die  faule  Bach  —  und  einige  ein- 
gefallne  Schutthaufen  aus  dem  siebenjahrigen  Krieg  und  einen 
Taufengel  ohne  Kopf.  Meine  Marschroute  bestimmte  mich  dann 
nach  Bleesern,  einem  Vorwerk  an  der  Elbe,  eigentlich  bloB  nach 

20  einer  Wiese  darneben,  auf  der  ich  dem.  jahrlichen  Juni-Wett- 
rennen  zusehen  wollte. 

Ich  hatte  ungefahr  noch  einige  Kartaunenschiisse  nach  Blee- 
sern,  als  ich  hinter  mir  zwei  Stimmen  vernahm:  »Zehen  Paar 
Strumpfe  hab'  ich  wenigstens  gestrickt,  seit  ich  Major  bin.«  - 
»Und  wie  lange  bin  ich  Lieutenant  und  habe  mein  halbes  Dut- 
zend  fertig  bis  auf  ein  paar  Fersen?«  Ich  schauete  mich  nach  den 
Offlzieren  um  und  wurde  gewahr,  daB  der  Major  zweimal  so  lang 
war  wie  mein  Arm  und  der  Lieutenant  etwan  einen  SchuB  liinger 
als  meine  Badine.  Ich  lieB  diesen  blau  gekleideten  Nachtrab  heran 

30  und  verwickelte  ihn  in  ein  Gesprach  mit  mir,  um  die  niederstam- 


63O  DAS  KAMPANER  TAL 

mige  Soldateska  iiber  eines  und  das  andere  auszufragen,  was  ge- 
druckt  werden  konnte. 

Man  fragt  hoflicher  wohin  als  woher  (sogar  sich,  wenn  man 
philosophiert) :  auch  nach  Bleesern  gingen  beide,  der  Major  tats, 
urn  mit  wettzurennen,  und  den  Lieutenant  hatte  eine  liebende 
Waffenbruderschaft  ihm  nachgetrieben.  Beide  Offiziere  waren, 
wie  jeder  Regimentsstab  und  jede  Prima  Plana,  so  sanft  und  still, 
so  frei  von  Pratensionen,  sprachen  so  wenig  von  Siegen  iiber 
Damen  und  iiber  Feinde,  daB  ich  innerlich  sagte:  scharmante 
Kinder!  k 

» Woher  ?«  fragt*  ich  endlich.  »Aus  Annaburg.«  Und  ich  hatt* 
es  nicht  gebraucht,  hatt'  ichHerrnLeonhardi1  vorher  und  nicht 
erst  nachher  gefragt.  Aus  dem  Soldaten-Knabeninstitut  waren 
beide.  —  Mocht*  es  nie  langere  Majore  und  Gemeine  geben  als  die 
Annaburger,  die  keinem  Menschen  Haut  oder  Rock  abskalpieren, 
sondern  ihn  vielmehr  von  FuB  auf  bekleiden  mit  der  Stricknadel 
und  die  zwar  an  holzernen  Beinen  eine  Freude  haben,  aber  nur 
damit  sie  ihnen  Striimpfe  anversuchen!  -  Ach  man  mufi  wohl  in 
den  frohlichsten  historischen  Einleitungen  darauf  kommen,  wenn 
man  erlebt,  daB  die  Geierkralle  des  Kriegs  der  Tasterzirkel  un-  2C 
serer  Kugel  wird  und  daB  man  zur  Karte  des  Kriegsschauplatzes 
nichts  weiter  braucht  als  den  Atlas.  Obrigens  ist  freilich  niemand 
besser  bekannt  als  mir,  daB  -  wie  im  Philanthropin  zu  Marschlins 
den  Knaben  wegen  einer  Ungezogenheit  die  Strafe  vorgeschrie- 
ben  wurde,  solche  fortzusetzen  -  daB  ebenso  das  Schicksal  den 
Menschen  fur  ihre  vorigen  barbarischen  Tiergefechte  und  wilde 
Riesenkriege  die  Ponitenz  auflegt,  sie  am  hellen  Tage  der  Auf- 
klarung  fortzusetzen;  aber  ist  es  nicht  hart,  daB  das  achtzehente 
Jahrhundert  als  Souffre-douleur  der  vorigen  durch  den  Fortsatz 
ihrer  Fehler  den  Schein  der  Barbarei  annehmen  muB?  30 

Ich  und  die  Herren  Offiziere  langten  so  fruh  in  Bleesern  an, 
daB  man  noch  zehn  Wettrennen  hatte  halten  konnen;  aber  das 
erste  war  schon  -  gehalten  zur  herzlichen  Freude  des  Majors. 

1  Leonhardis  Erdbeschreibung  vein  Sachs.  1.  Teil.  In  diesem  niitzlichen 
Institut  avancieren  die  Knaben  nach  der  Wiirdigkeit,  nicht  nach  der  ancien- 
nete\ 


HISTORISCHE  EINLEITUNG  63I 

Denn  seine  Schwester,  zu  der  er  sich  von  mir  begleiten  UeB,  hatte 
obgesiegt.  Den  Bleesernern,  den  Neurodern,  Trebnitzern,  Ziills- 
dorfern  ist  es  etwas  Altes,  daB  der  Pursch  durch  einen  Kurierlauf 
einen  bordierten  Federhut  und  das  schnellfuBigste  Madchen 
einige  Ellen  Seide  erlauft;  aber  dem  Publikum  ist  es  neu  genug. 
Der  schwesterlich  gesinnte  Major  war  zufrieden,  daB  seine 
Familie  —  wie  eine  furstliche  —  statt  des  Siegers  doch  eine  Siegerin 
aufwies. 

Aber  wichtiger  scheint  das  fur  das  Publikum  zu  sein,  wozu  das 

10  Bisherige  nur  einleiten  sollte,  daB  namlich  ein  'holzerner  alter 
Haubenkopf  am  Fenster  stand,  urn  welchen  das  ersiegte  Seiden- 
tuch  gebunden  war.  Der  Kopf  hatte  eine  sanfte  Bildung,  dieStirn 
war  aufgeschlossen,  die  kleine  Nase  ein  wenig  gebogen,  das  hol- 
zerne  Haar  hing  zwar  nicht  lockig,  aber  weich  an  den  Ohren  nie- 
der  wie  an  manchen  Engeln  von  Guido.  -  Und  zuletzt  erfuhr  ich, 
daB  es  wirklich  ein  Engelskopf  war.  Denn  zufalligerweise  steckte 
ich  den  Daumen,  als  ich  diesen  Zensors-Kopf  der  weiblichen 
Kopfe  aufhob,  in  dessen  Schlund,  und  mir  schwebte  dunkel  vor, 
ich  wiederhole  irgend  etwas.  Als  mir  freilich  die  Triumphatorin 

20  sagte,  daB  ihr  Vater  Kiister  in  der  »L6ffelkirche«  in  Wittenberg 
gewesen,  so  fiel  mir  leichtlich  ein,  daB  ich  dem  dasigen  abgedank- 
ten  dekollierten  Tauferigel  meinen  Daumen  wie  einen  Knochen 
in  den  Schlund  gesteckt  und  daB  dieser  Hauben-Wardein  oder 
-Kopf  auf  dem  gekopften  Engel  gesessen,  den  wahrscheinlich  ein 
BombenspHtter  der  Reichsarmee  anno  1760  darum  gebracht.  Die 
Lauferin  sagte  mir:  der  Kopf  bringe  dem  ganzen  Hause  Segen, 
und  sie  hatte  keinen  Fetzen  erlaufen,  hatte  sie  nicht  unterwegs 
immer  an  ihn  gedacht. 

Inzwischen  kam  mir  der  infulierte  Kopf  bald  aus  meinem,  und 

30  ich  langte  in  Dresden  an.  Die  Musik  zwischen  den  Akten  oder  die 
Zwischenakte  bleiben  weg;  ich  eile  sogleich  zu  interessantern 
Dingen  und  erzahle,  daB  ich  in  Dresden  herumging  und  sowohl 
das  achte  Zimmer  als  den  Zwinger1  besah.  Es  wird  davon  ge- 
sprochen,  daB  mich  das  achte  Zimmer  mit  seinem  Miniatur-El- 

1  Das  achte  Zimmer  ist  das  juwelenreichste  im  griinen  Gewolbe,  der 
Zwinger  ist  ein  eiformiger  Palast  voll  Naturalien  und  Kunstsachen. 


632  DAS  KAMPANER  TAL 

dorado  und  Juwelensteinbruch  auf  Samtschwarz  nicht  in  dem 
Grade  begeistert  habe,  den  sich  die  Dresdner  davon  versprachen; 
es  wird  aber  wenig  erklart.  Aus  dieser  Sache  ist  zu  kommen,  wenn 
man  iiberlegt,  daB  der  Harlekin  im  Kabinett  neben  dem  funften 
Zimmer,  dessenLeib  aus  einer  Perle  besteht,  oder  ein  einziger  Peit- 
schenstock  aus  Juwelen,  isoliert  in  zwei  Zimmern  aufgestellr,  die 
groBte  Wirkung  tun  miiBten,  daB  aber  so  aus  allem  nur  ein  dump- 
fes,  gegen  die  Objekte  gleichgultiges  Staunen  werden  kann,  so- 
bald  man  eine  Juwelen-Daktyliothek,  ein  Portativ-Ophir  vor 
sich  sieht.  Ich  kann  nicht  sagen,  wie  abgeschabt  und  bleich  mir  10 
einmal  der  Karlsd'or  vorkam  -  womit  ich  zu  Frege  in  Leipzig 
ging,  um  ihn  da  gegen  Viertelsdukaten  umzusetzen  -,  als  ich  bei 
dem  Bankier  nicht  goldhaltige  Berge,  sondern  vollige  goldne 
stehen  sah.  Ebenso  machten  mich  Schwesternhauser,  Nonnen- 
kloster  und  Frankfurter  Kronungstage  kalter  gegen  Weiber  und 
nichts  gegen  Biicher  kiihler  als  die  gottingische  Bibliothek,  deren 
blofier  Katalog  schon  80  Bande  fiillt,  so  daB  ein  Mensch,  der 
gleich  nach  der  Geburt  sich  dariibermachte  und  zu  lesen  anfinge, 
in  jedem  Jahre  seines  8ojahrigen  Lebens  so  viel  Werke  durch- 
laufen  muB,  daB  ihr  Katalog  selber  eines  gibt.  20 

Hingegen  der  Dresdner  Zwinger  machte  mir  das  Herz  viel 
leichter;  und  es  lasset  sich  denken,  wenn  man  hort,  was  mir  dort 
auf  einem  Kirschkern  aufstiefi.  Wenigen  geographischen  Gelehr- 
ten  ist  namlich  der  ikonologische  Kirschkern  unbekannt,  den  der 
Dresdner  Zwinger  den  Fremden  zeigt  und  den  eine  Wesenkette 
von  85  eingeschnittenen  Gesichtern  durchgrabt.  Auch  mirwurde 
der  Kern  gewiesen;  und  vorher  das  notige  Brenn-  und  Vergro- 
Berungsglas  dazu  eingehandigt,  ohne  das  keiner  die  85  Physio- 
gnomien  aus  ihren  hupfenden  Punkten  und  Rogen  ausbriitet; 
aber  hinter  dem  Brennglas  sproBte  aus  dem  figurierten  Kern  eine  30 
ganze  Samenschule  und  Ahnenreihe  auf. 

Inzwischen  war  mir  nichts  frappanter  darauf  als  das  70ste  Ge- 
sicht.  Mir  war,  als  duz'  es  mich;  ich  schwur,  ich  kenne  es.  Endlich 
verfiel  ich  darauf,  als  schon  einige  Gassen  mich  vom  Glase  und 
vom  Kerne  getrennt  hatten,  daB  die  7oste  Physiognomie  weiter 
keine  andere  sei,  als  die  ich  schon  am  abgeschossenen  Seraphskopf 


HISTORISCHE  EINLEITUNG  633 

in  Bleesern  gesehen.  Leser,  die  nach  Dresden  gehen  und  welche 
die  gegenwartigen  Reden  und  die  kiinftigen  in  Holz  geschnitte- 
nen  Kniestucke  dieser  wenigen  Bogen  im  Kopfe  behalten,  diese 
konnen,  wenn  sie  im  Zwinger  bis  zum  yosten  Gesicht  des  Kernes 
zahlen,  dann  leicht  sehen,  was  an  der  Sache  ist.  Dazuzusetzen  hab' 
ich  nichts,  als  da8  neulich  einer  im  Reichsanzeiger  eine  Icono- 
logia  Lutheriana  feilgeboten,  d.  h.  eine  Sammlung  von  575  ver- 
schiednen  Portrats,  die  man  von  Luthers  Gesicht  gemacht  und 
die  kaum  auf  ein  halbes  Dutzend  Dresdner  Kirschkerne  zu  brin- 
gen  waren.  Allein  jeden  groBen  Mann  zeichnet  oder  verzeichnet 
die  blinde  Zeit  funfhundertundfiinfundsiebzigmal,  und  er  braucht, 
um  der  Nachwelt  nicht  einseitig  abgeliefert  zu  werden,  wenigstens 
6  Kerne.  Gewisse  Gesichter,  wie  Luthers  I.  und  Friedrichs  II., 
werden  niemals  getroffen  und  niemals  unkenntlich  gemacht;  und 
ich  sah  den  alten  edlen  Konig  des  i8ten  Jahrhunderts  oft  in  Schen- 
ken  auf  Farbenpferden  reiten,  die  nur  ihn  tragen  konnten,  und 
mit  physiognomischen  Farbenklecksen,  die  nur  er  tragen  durfte. 

Von  Dresden  ging  ich  nach  Weimar.  Oberhaupt  hatte  ich  auf 
der  ganzen  Reise  wenig  mit  Bergmausen  und  Lichtstrahlen  ge- 
mein,  die  immer  gerade  fortgehen.  Es  ist  hier  nicht  der  Ort,  von 
Weimar,  dieser  literarischen  Pfalz-  und  Munizipalstadt,  worin 
eine  Dreieinigkeit  von  drei  groBern  Weisen  schimmert,  als  je 
ein  Stern  aus  Morgenland  fuhrte,  von  dieser  Insel  Barataria,  in 
die  jeder  Sancho  Pansa  einreitet,  der  nur  einmal  eine  zweite  Auf- 
lage  erlebte,  es  ist  hier,  sag*  ich,  nicht  der  Ort  -  anderswo  eher  — , 
mehr  von  dieser  heiligenStadt  zu  sagen,als  daB  ich  inssogenannte 
franzosische  SchloBchen  ging,  um  die  herzogliche  Bibliothek  zu 
beschauen.  Unterwegs  sah  ich  jeden  Plasterstein,  worauf  ich  trat, 
fur  die  Musaik  eines  klassischen  Boden  an. 

Ich  stand  nicht  lange  in  der  Bibliothek,  als  mir  ein  freundlicher 
Haus-  und  Zwischengeist  den  Herrn  Hirsching  samt  dessen  Be- 
schreibung  von  Bibliotheken  in  den  Kopf  setzte,  in  der  ich  ge- 
lesen  hatte,  daB  der  Bibliothek  mit  einer  Sammlung  aller  Kate- 
chismen  von  Magister  Binder,  Pfarrer  zu  Mattstadt,  ein  MeBpra- 
sent  gemacht  worden.  Ich  fragte  nach  der  Magister  Binderischen 
Katechismen-Kollektion  und  wurde  vor  sie  hingefuhrt. 


634  DAS  KAMPANER  TAL 

Es  muB  eiri  Erzengel  gewesen  sein  oder  der  Engel  der  literari- 
schen  Gemeine,  dem  gerade  die  Veredlung  des  gegenwartigen 
Opus  ein  besonderer  Gefallen  war,  welcher  mir  unter  dem  her- 
umtappenden  Ausklauben  gerade  den  altesten  kleinen  lutheri- 
schen  Katechismus  fur  Baireuth  und  Ansbach  in  die  Hande  schob. 
In  diesem  lag  vornen  schwach  eingeleimt  ein  Buchbinderblatt, 
worauf  ich  die  Physiognomie,  die  ich  an  dem  Taufengel  in  Blee- 
sern  und  dem  Kirschkern  in  Dresden  angetroffen,  voll  Erstaunen 
wiederfand.  Das  Kniestiick  war  mit  Dinte  und  Feder  und  weder 
aus  Punkten  noch  Strichen  noch  Bogen,  sondern  aus  krausen  10 
Schnorkeln  gezeichnet.  Ich  verfiel  auf  das  20Ste  Heft  von  Meusels 
Miszellaneen,  das  mir  erzahlet  hatte,  daB  ein  gewisser  Sebastian 
Sachs  das  Portrat  eines  zu  Pferde  sitzenden  Fiirsten  durch  bibli- 
sche  Kernspriiche,  namlich  durch  die  Buchstaben  derselben  gliick- 
lich  dargestellt,  daB  er  unten  eine  Stadt  angebracht,  deren  Erd- 
reich  der  c>ote  und  95te  Psalm  pflastert  oder  zeichnet  usw.  Und 
wem  kann  aus  Keyfilers  Reisen  unbekannt  sein,  daB  in  der  mai- 
landischen  Bibliothek  das  Abendmahl  Christi  so  geschickt  mit 
der  Feder  abgezeichnet  ist,  daB  die  Gesichter  und  Haare  der 
Gaste  nicht  bloB  die  Passion,  das  Vaterunser  und  den  Glauben,  zo 
sondern  auch  das  Konfiteor,  Beatus  vir,  Laudate  pueri,  Magni- 
fikat  und  ansehnliche  Stiicke  aus  dem  Psalter  skizzieren?  - 

Aber  das  Portrat  blieb  unleserlich.  Zufallig  waren  einige 
Schnorkel  auf  der  andern  Seite  durchgeschlagen  und  folglich  so 
leserlich  wie  die  Kehrseite  der  Gesetztafel.  *  Das  Blatt  liegt  noch 
vor  mir:  »Kronlein«  hieBen  die  filtrierten  Ziige.  Kurz  ich  ersah, 
daB  das  mich  immer  verfolgende  Bildnis  wirklich  mit  Buchstaben, 
aber  nur,  wie  Kupferplatten,  verkehrt  im  Spiegel  gezeichnet  sei : 
in  einem  Spiegel  wars  also  nur  zu  lesen.  Dieses  schlieBet  zugleich 
das  Ratsel  auf,  warum  der  Magister  Binder  von  dem  Portrat,  eh  3o 
ers  legierte,  keinen  gelehrten  Gebrauch  fiir  die  Literatur  ge- 
macht,  sondern  ich  erst. 

Ich  zog  langsam  die  Federzeichnung  wie  eine  Schwanzfeder 

1  In  Lessers  Lithotheologie  steht,  daB  Rabbi  Salomon  behauptet,  daB  die 
Buchstaben  des  Gesetzes  durch  die  Tafel  durchgeschienen,  aber  nicht  ver- 
kehrt. 


HISTORISCHE  EINLEITUNG  635 

dem  Katechismus  aus  -  ich  konnte  sie  leicht  entwenden,  weil  ich 
wuBte,  man  hatte  sie  mir  ohnehin  auf  Ersuchen  vorgestreckt  -, 
urn  sie  in  Hof  auf  meiner  Stube  genauer  durchzulesen.  Noch  feh- 
let  der  Bibliothek  das  Blatt;  ich  bin  aber  erbotig,  die  Figur,  sobald 
man  sie  auf  weimarscher  Seite  fordert,  der  Binderschen  Kollek- 
tion  wieder  zuriickzuliefern. 

Nun  wird  es  Zeh,  die  herkulanische  Ausbeute  zu  besichtigen 
und  unter  die  Gelehrten  auszuteilen,  oder,  in  einer  andern  Figur, 
denLaib  dieses  Himmelsbrots  unter  dieHungrigen  um  mich  zu  ver- 

10  schneiden ....  Ehe  man  aber  weitergeht,  stehe  man  fest  und  uber- 
lasse  sich  der  frohen  Obersicht,  wie  ein  Gelehrter  um  den  andern 
die  Sachen  hoher  treibt  und  Altes  liest  und  Neues  schreibt  -  wie 
wir  gleich  Luftspringern  einander  auf  die  Schultern  steigen,  um 
aus  Menschen  einen  pyramidalischen  Babel  -Turm  zusammenzu- 
gruppieren  -  wie  jeder  dem  TausendfuB  der  Gelehrsamkeit  bald 
rechts  ein  neues  Bein  einsetzt,  bald  links  -  und  wie  wir,  wenn  wir 
uns  voll  gelesen  haben  und  uns  wieder  leicht  und  ausgeschrieben 
haben,  wie  wir,  da  wir  die  Feder  den  Ausleerungen  unterhalten, 
wie  die  Larve  des  Schildkafers1  den  Gabelschwanz  unter  dem 

20  After  hat,  solche  fangen  und  wie  wir  mit  einem  Sonnenschirm  und 
Schild  aus  unsern  samtlichen  Werken,  jeder  mit  einem  gefiillten 
Gabelschwanz,  dahinschleichen...  Ich  bekenne,  mich  erquickt 
es,  daB  ich  mich  auch  darunter  erfinde,  und  wir  sollten  alle  Dank- 
psalmen  singen,  daB  wir  unaufhorlich  immer  mehr  wissen  und 
immer  mehr  schreiben.  - 

Als  ich  zu  Hause  die  Federzeichnung  vor  mich  nahm  und  ein 
gewohnliches  Brennglas  und  einen  Rasierspiegel  dazu,  um  sie  da- 
mit  durchzulesen :  so  konnt'  ich,  eh'  ich  nur  bis  auf  den  Magen 
herabgelesen,  schon  wissen,  daB  ich  iiber  die  Figur  meine  Ge- 

30  danken  in  Druck  auBern  wiirde.  Hier  ist  ein  schlechtes  Inventar 
des  Funds:  ich  hatte  den  Formschneider  der  10  Holzschnitte  fur 
die  10  Gebote  vor  mir  -  er  hieB  Lorenz  Kronlein  -  er  war  Salz- 

1  Nicht  nur  diese  auf  den  Artischocken  wohnhafte  Larve  breitet  ihren 
gesammelten  Kot  mit  dem  Schwanz,  der  unter  dem  After  ist,  als  ein  schwe- 
bendes  Dach  iiber  den  Riicken,  sondern  auch  die  Larve  des  LiKenkafers 
hiillet  sich  in  die  Sekretionen  ihres  Riickens  und  in  die  ihres  Mundes,  d.  h. 
in  Kot  und  Schaum. 


636  DAS  KAMPANER  TAL 

revisor  im  Sachsenland  —  die  10  Schnitte  stellten  nichts  aus  der 
biblischen  Geschichte  vor  —  sondern  alles  aus  seiner  eignen  — 
sie  haben  eine  ganz  neue  Erklarung  notig  —  diese  erteilt  sein  RiB  — 
seine  gezeichnete  Person  zerfallet  er  in  10  Gesichtslangen  und 

Holzschnitte  -  fur  jedes  Gebot  eine  Lange Genug  zum  Im- 

biB.  Das  ist  aber  ein  geringer  etwaniger  Konspektus  des  Kiichen- 
zettels,  den  ich  auf  den  folgenden  Blattern  meinen  Deutschen 
vorzusetzen  denke,  samt  Kuchenprasenten. 

Das  Federkonterfei,  das  iiberall  mein  Lotsmann  und  Cicerone 
in  den  Holzschnitten  sein  soil,  setzet  mich  instand,  diesen  Schnit-  10 
ten,  die  man  bisher  in  den  beiden  Furstentumern  Baireuth  und 
Ansbach  nur  als  Werke  der  Kunst  ohne  Hinsicht  auf  ihren  Inhalt 
schatzte,  durch  eine  neue  Erklarung  ein  neues  Interesse  zu  ver- 
schaffen.  —  Es  gab  mir  iiberhaupt  in  meiner  Jugend  schon  zu 
denken,  dafi  die  10  Holzschnitte  (nach  der  falschen  Exegese)  Iau- 
ter  Szenen  unter  den  Geboten  aufstellten,  worm  wir  sie  uber- 
treten,  als  waren  es  Schandgemalde  in  unbezahlten  Schuldschei- 
nen,  da  doch  den  Menschen  der  Name  und  der  Gedanke  der 
Laster  auBerst  zuwider  ist,  besonders  nach  dem  Begehen  der- 
selben,  so  wie  ihnen  der  Geruch  gewisser  Speisen,  des  Kases,  20 
des  Herings,  zumal  wenn  sie  ihn  eben  gegessen  haben,  ein  Greuel 
ist.  Zum  Gliick  ist  aber  die  alte  Erklarung  ebenso  unterschoben 
als  schimpf  lich  -  und  nun  zur  genuinen  ehrenhaftern ! 


HOLZPLATTE  DES  ERSTEN  GEBOTS  637 

I. 

HOLZPLATTE  DES  ERSTEN  GEBOTS 

Spezifischer  Unterschied  zwischen  Amtsinhabern  und  Amtsverwesern  — 
Ouvertiire  des  kiinftigen  Konzerts  -  Mastanstalten  fur  Monche 


Schrieb'  ich  hier  episch  anstatt  prosaisch,  so  mtiBt'  ich  jetzt  eine 
Anrufung  an  einige  Musen  schicken,  und  da  ich  unter  dem  Wild- 
ruf  die  Quintessenz  und  Summarie  meines  Heldengedichts  ein- 
zuflechten  hatte,  so  wtird'  ich  sagen  mussen:  flofiet  mir  das  No- 
tige  ein,  wenn  ich  den  Salzrevisor  singe,  wie  er  aus  einem  Revisor 
10  (im  Grunde  durch  seine  Frau)  endlich  Bettmeister  in  Sachsen 
wird.  Denn  das  ist  der  BauriB  meiner  Fabel.  Im  Grunde  konnte 
man  auch,  gleich  den  Juristen,  in  Prosa  anrufen.  Der  Erfolg  bleibt 
derselbe,  namlich  die  EinfloBung:  denn  wie  die  Inspiration  den 
Aposteln  ihre  gemeine  Sprache  und  ihre  Solozismen  und  Hebrais- 
men  lieB  zum  Vorteil  ihrer  Glaubwiirdigkeit,  so  nimmt.auch  die 
Theopneustie  der  Musengottinnen  dem  gewohnlichen  Dichter, 
durch  den  sie  reden,  seine  niedrige  Sprache  und  deren  Provin- 
zialismen  nicht,  damit  es  glaublicher  bleibe,  dafi  ers  gemacht. 


638  DAS  KAMPANER  TAL 

Der  Salzrevisor  Kronlein Dazu  gehort  aber  mehr,  und 

ich  bin  am  Ende  iibel  daran,  wenn  ich  nicht  das,  worauf  ich  die 
ganze  Geschichte  fundiere,  gleich  anfangs  scharf  und  hell  ge- 
zeichnet  vor  den  Leser  riickte,  namlich  Kronleins  Charakter.  Da- 
her  darf  ich  von  jedem  verlangen,  den  Holzschnitt  des  dritten 
Gebotes  aufzuschlagen  und  nachzusehen:  gerade  unten  an  derKan- 
zel  unter  dem  Hauptpastor  sitzt  unser  Revisor.  So  sieht  der  echte  - 
Kunstler  aus,  der  sich  durch  Messer  (zum  Holzschneiden)  ver- 
ewigt  und  den  nach  langen  spaten  Jahren  Biographen  kommen- 
tieren.  Ich  bitte,  in  sein  stilles  versenktes  unbefangnes  Gesicht  an  10 
der  Kanzel  defer  einzudringen.  Die  weichen  Haare  sind  platt  und 
schlicht  iiber  den  Vorderkopf  gestrichen,  welches  der  Holzschnitt 
leicht  durch  ganzliche  Weglassung  derselben  ausdriickt.  Es  ist 
viel  Kindliches  in  dieser  Physiognomie  -  und  in  der  Historie  noch 
mehr  -,  die  gleich  Kindern  leicht  errat  und  doch  leicht  betrogen, 
leicht  vergibt  und  doch  leicht  erziirnet  wird  und  die  Spitzbuben 
geschickter  abschattet  als  abfuhrt,  leichter  darstellt  als  besteht, 
geschweige  besiegt.  Diese  kunstlerische  Unbefangenheit  geht  so 
weit,  daB  ich  mit  Beistand  seines  Lettern-Konterfeies  Dinge  aus 
seinen  10  Platten  gezogen  und  abgenommen  habe,  an  die  er  gar  20 
niemals  gedacht  -  zu  seinem  Gliick,  denn  sie  betreffen  seine  Frau  -, 
und  die  doch  ihre  Richtigkeit  haben.  Es  ist  sogar  in  diesem  in 
sein  Ich  hineingelagerten  Gesicht  etwas  so  Schwarmerisches,  daB 
ich  anfangs,  ehe  ich  in  Weimar  gewesen,  dachte,  es  sei  ein  Weber- 
meister,  der  unter  jenen  Schwarmern  ziinftig  ist,  die  wie  dieHaus- 
grillen  nur  Hitie  suchen  und  Licht  vermeiden,  die  gleich  den 
Fledermausen  nur  dem  Talg  der  Lichter  nachstellen,  aber  ihren 
Strahlen  ausweichen.  Das  ist  Kronlein  aber  nicht.  Indessen  kon- 
nen  Leser,  die  sich  mit  diesem  schuldlosen  Angesicht  befreundet 
haben,  sich  nun  leicht  in  die  Stelle  und  WiBbegierde  eines  Mannes  30 
setzen,  der  dieser  Physiognomie  immer  auf  seinen  sachsischen 
Reisen  begegnete  und  der  auf  sie  sowohl  auf  dem  Taufengel  zu 
Bleesern.als  auf  dem  Kirschkern  zu  Dresden  stieB. 

Nun  von  vorn  an!  Kronlein  liebte  das  Formmesser,  aber  nicht 
die  Revisorfeder,  und  es  war  ihm  leichter,  den  Obersalzinspektor 
abzuformen  als  zu  -  befriedigen.  Schon  als  Abcschiitz  hatt'  er 


HOLZPLATTE    DES    ERSTEN    GEBOTS  639 

Fensterrahmen  und  Schulbanke  fur  Formbretter  verbraucht  und 
in  sie  geschnitten,  ohne  vorliegende  Zeichnung.  Daher  wiinscht' 
er  sich,  um  als  Formschneider  einmal  mit  Albrecht  Diirer  in  Paa- 
ren  zu  gehen,  wochentlich  ein  besseres  Amt,  das  er  verwesen 
konnte,  ohne  dabei  zu  -  arbeiten.  Er  hatte  daher,  um  mehr  zu 
schneiden,  lieber  das  Inspektorat  als  das  Revisorat  versehen :  denn 
alle  Posten  des  Staats  nehmen  an  Arbeit  zu,  wie  sie  sich  von  dem 
Throne  entfernen,  und  ein  regierendes  Haupt  hat  iooomal  we- 
niger  zu  denken  als  ein  amtierendes,  und  ein  Vater  des  Landes 

10  weniger  als  ein  Vater  der  Stadt.  So  mussen  sich  die  Erden  desto 
fleiBiger  um  sich  drehen,  je  weiter  sie  von  der  tragen  Sonne  ablie- 
gen,  und  der  feme  korpulente  Saturn  mufi  in  einem  Sonnen-Tage 
viermal  sich  iiberschlagen,  indes  die  nahe  flinke  kleine  Venus  sich 
nur  einmal  umdreht.  Ferner  je  kleiner  das  Amt  ist,  desto  mehr 
schmilzt  der  Inhaber  und  der  Verweser  desselben,  das  Er%-  und 
das  Erbamt  in  eine  Person  zusammen.  Wie  der  russische  Kaiser 
seinen  nachfolgenden  Regenten,  so  kreiert  der  gute  Fiirst  seine 
vielen  Mitregenten,  seine  Champions  auf  dem  Schlachtfelde,  seine 
curatores  absentis  in  den  Provinzen,  seine  charges  d'affaires  im 

20  Regierungswesen,  seine  Smerdes  im  guten  Sinn,  die  sich  bei  sei- 
nen Lebzeiten  nicht  fur  den  toten  ausgeben,  sondern  fur  den 
lebendigen.  Wie  ware  sonst  ein  Staat  zu  regieren?  Und  so  mussen 
in  alien  wichtigen  Zivil-  und  Militarstellen,  wie  an  unserm  Kor- 
per,  wichtige  Glieder  doppelt  sein;  jedem  Amtsinhaber,  der  mit 
dem  Amtsapparate  durch  die  Amtsstube  wie  durch  ein  Puder- 
stiibchen  lauft,  und  sich  doch  hinreichend  mit  dem  Goldstaub  der 
Revenuen  einpudert  -  wie  man  einen  magnetischen  Stab  bloB  im 
Durchfahren  mit  Feilstaub  umpicht  — ,  jedem  solchen  Amtsbe- 
sitzer  muB  (von  ihm  oder  dem  Staate)  ein  Amtsverweser  beige- 

30  geben  sein,  der  alles  besorgt.  Daher  stellten  die  Romer  nicht  ohne 
Grund  fiir  einen  vornehmen  Staatsbedienten  einen  Doppelstuhl1 
auf  offentHche  Platze  hin,  damit  er  und  sein  Amtsverweser  sich 
in  den  weiten  Sessel  miteinander  setzten.  -  Hingegen  den  niedern 
Amtsinhaber  eines  kleinern  Amtes  nagelt  man  mit  der  Brust 

1  Bisellium,  welches  beruhmten  Mannern  in  Rom  als  ein  Zeichen  ihres 
doppelten  Werts  gesetzet  wurde. 


64O  DAS  KAMPANER  TAL 

und  mit  seinen  dienst-  und  wachhabenden,  korreferierenden, 
rechnenden,  revidierenden,  kopierenden,  expedierenden  Armen 
an  die  Arbeitstafel  an,  und  kein  Teufel  schreibt  fiir  den  Schrei- 
ber. 

Bei  unserem  Salzrevisor,  der  gern  seine  Amtsjahre  fur  Deser- 
viten-  und  Gnadenjahre  angesehen  und  gleich  einer  Witwe  andern 
ubertragen  hatte,  aber  keinen  Korrevisor  fand,  litt  die  Kunst,  und 
zuletzt  die  Frau.  Sie  war  eines  Silberdieners  Tochter  und  schmach- 
tete  nach  dem  Hofe,  woher  sie  war.  Sie  sagte  jeden  Tag  so  viel 
Liigen  als  ein  corps  diplomatique  in  365  Tagen,  und  hatte  sie  eine  10 
Myriade  von  Torheiten  gesagt  und  getan,  so  lachte  sie  sich  und 
den  Kunstler  aus,  hatte  fiinf  Einfalle  und  schlug  den  Revisor  (aus 
Scherz)  hinter  die  Ohren  und  fiel  ihm  um  den  Hals:  dann  konnt* 
er  nichts  machen.  Er  argerte  sich,  daB  sie  ihn  allzeit  mitten  im 
Arger  notigte,  sie  zu  kiissen.  Einen  einzigen  Fehler  wurde  der 
Revisor  selber  nicht  innen,  ob  ihn  gleich  seine  10  Holzplatten 
wider  sein  Wissen  dokumentieren,  den,  daB  sie  zwar  kalt  blieb 
gegen  einen  schonen,oder  jungen,oder  alten,oder  lustigenMann, 
aber  nie  gegen  einen  gegenwdrtigen:  mit  dem  wurde  sie  untreu 
aus  SpaB  und  schwur  dem  Formschneider,  einen  haBlichern  geb*  20 
es  schwerlich.  Und  das  glaubte  sie  vielleicht  selber;  aber  es  tat 
nichts:  sie  belog  ebensoleicht  den  andern  als  sich.  -  Obrigens 
sah  ihr  Kronlein  aus  einem  der  sonderbarsten  Grunde  alles  von 
einem  Jahr  ins  andre  nach:  er  hoffte,  die  Folgen  wiirden  vielleicht 
nach  9  Monaten  sichtbar,  wenn  er  sie  in  Harnisch  brachte  -  und 
leider  blieb  er  immer  in  dem  Fall,  daB  er  die  Folgen  des  Grimms 
nicht  fruher  als  erst  nach  9  Monaten  zu  erleben  hoffte:  ihre  Ehe 
trug  nur  taube  Bliiten. 

Endlich  kann  Kommentator  und  Leser  aus  einem  langen  Hei- 
denvorhof  ins  Heilige  der  ersten  Platte  treten.  50 

Oben  auf  dem  Gebirg  voll  Regionen  aus  Linien  uberreicht  der 
Revisor  dem  Evangelisten  Lukas  (dem  Schutzpatron  der  Maler, 
indes  in  Persien  Lukas*  Herr  und  Meister  der  Schutzpatron  der 
Farber  ist)  seine  zwei  Formbretter,  worauf  er  die  Holzschnitte 
der  ersten  und  der  zweiten  Tafel  eingeschnitzt.  Die  Bretter  zeich- 
net  er  leer  hin,  weil  er  das  Lacherlkhe  voraussah,  die  zehen  Plat- 


H0LZPL.ATTE  DES  ERSTEN  GEBOTS  641 

ten  auf  der  ersten  verkleinert  und  also  auch  die  erste  verkleinerte 
auf  der  ersten  und  also  auch  die  zwei  Formbretter  auf  den  Form- 
brettern  darzustellen  -  welches  so  sehr  ins  Unendliche  ausgelau- 
fen  ware  wie  die  wechselseitige  Spiegelgalerie  zweier  einander 
nachaffender  Spiegel.  Steigt  man  bergab,  so  stoBet  man  an  einen 
geistlichen  Landstand  -  wenigstens  wird  er  unter  diesem  Titel 
von  der  ersten  Gesichtslange  des  Federkonterfeies  aufgefuhrt  -, 
der  durch  den  bischoflichen  Stecken  und  die  Gabelmtitze  oder 
den  Inful-Zweizack  mich  notigt,  ihn  im  ganzen  Kommentar  einen 

to  Bischof  in  partibus  infidelium  zu  nennen.  Kiinstler  sind  dem 
Aberglauben  gewogner  als  Philosophen,  weil  er  das  artistische 
Reich  erweitert  und  weil  man  gern  die  artistische  Wahrschein- 
lichkeit  fiir  philosophische  nimmt;  und  manchen  Lutheraner  in 
Rom  haben,  wie  den  Konrektor  Winckelmann,  die  heiligen  Ma- 
donnen  tiefer  in  die  allein  seligmachende  Kirche  gelocket  als  der 
liigende  Baronius  und  Bellarmin  und  das  tridentische  Konzil. 
Kronlein  erscheint  auf  der  ersten  Holzplatte  als  ein  Kryptokatho- 
lik.  Warum  lasset  er  es  zu,  dafi  seine  Frau,  die  hier  im  Holz- 
schnitte  auf  den  Knien  dem  Landstande  die  Hand  kiisset,  ihn  urn 

10  Segen,  um  Fruchtbarkeit  und  eine  Verso rgung  bittet?  Regina 
heiBet  die  Silberdienerin.  Der  Bischof  in  partibus  zeigt  mit  der 
linken  bestabten  Hand  auf  das  agnus  dei  der  Saule  und  sagt:  hake 
beim  Lamme  darum  an,  nicht  bei  mir.  Ich  weiB  aber  nicht,  ob  er 
alle  Bitten  Reginens  meinte.  Auch  schenkt  der  Bischof  gern  dem 
geistlichen  Schafe  unten  seine  Hand  und  seinen  Blick  und  seine 
Hinneigung  und  dem  abgebildeten  Lamm  droben  bloB  seinen 
Schaferstab.  Die  zweite  Beterin  neben  Reginen  braucht  unsere 
Aufmerksamkeit  nicht  auf  sich  zu  ziehen:  der  einsichtige  Kiinst- 
ler schnitt  sie  nur  als  Nebensonne  und  Folie  fur  die  Revisorin 

jo  hin,  um  sie  im  Vorzuge  des  Handkusses  und  des  landstandischen 
Blickes  aufzufuhren. 

Dicht  an  der  Saule  hat  er  den  einzigen  Menschen  in  der  Welt 
angebracht,  gegen  den  neine  Lammes-Seele  stoBig  war,  den  Lau- 
tenisten  und  Kontraaltisten  Rauperu  Er  halt  ihn  fiir  den  Weid- 
mann  und  Vogelsteller  seiner  Regina,  der  fiir  dieses  gute  Reb- 
und  Perlhuhn  den  TyraB  oder  das  Schneegarn  aufspanne;  und 


642  DAS  KAMPANER  TAL 

dankt  Gott,  daB  die  Henne  gescheut  ist  und  aus  dem  jshebreche- 
rischen  Netze  bleibt.  Ich  und  die  Leser  wissen,  was  wir  davon  zu 
denken  haben.  Der  Lautenist  kartet  hinter  dem  Lammes-Stativ 
mit  einem  korrespondierenden  Mitglied  (es  ist  ein  abgedankter 
RezeBschreiber  aus  Suhle)  einen  Feldzug  gegen  das  Ehepaar  ab : 
Leser,  die  mehr  denken  als  sehen,  finden  leicht,  daB  Raupert  gern 
den  Revisor  in  den  Sitz  der  Seligen  hinaufjagte,  um  diesen  scho- 
ner  auf  den  Lippen  der  Revisorin  zu  finden.  Auf  dem  Schachbrett 
deckt  die  Konigin  den  Konig,  auf  der  Erde  der  Konig  die  Koni- 
gin, und  es  ist  hier  ein  solches  Widerspiel  jenes  Spiels,  daB  man  ] 
oft  den  Konig  hinausschlagt,  um  seine  Frau  matt  zu  machen. 
Man  sieht  in  betriibte  Zeiten  hinein,  wenn  man  nach  einem  sol- 
chen  bedenklichen  Holzschnitte  berechnet,  wie  dem  armen  Form- 
schneider  in  kunftigen  Holzplatten  und  Geboten  werde  mitge- 
fahren  werden.  Ich  traue  selber  dem  Landstand  nicht  einen  Holz- 
schnitt  weit  -  was  ich  hinter  der  Saule  fiir  Gradierhauser  nahm, 
sind  wirkliche  Zelte  eines  Lustlagers  -  Kronlein  und  das  agnus 
dei  sind  beide  erhoht^  und  der  Bischof  kann  beide  auf  dem  Altare 
in  unblutige  MeBopfer  verwandeln  -  Beten  vermehret  nicht  nur 
eigne  Schonheit  (nach  Nicolai  und  Hermes),  sondern  auch  die  2 
Liebe  fur  fremde  (nach  mir)  —  Bischofe  in  partibus  infidelium 
setzen  einen  Alten  vom  Berge  nur  dadurch  auBer  Sorge,  wodurch 
Cassius  dem  magern  Casar  welche  machte,  durch  Magerheit. 
Unserer  aber  ist  beleibt  und  dicker  als  der  SaulenfuB1— 
Ich  werde  dadurch  unverhofft  auf  den  kanonischen  Schmer  ge- 
bracht  und  durchlaufe  vergnugt  den  Irrgang,  der  sich  offnet.  Ich 
wiinsche,  daB  einiges,  was  ich  von  dem  Kirchen  -Talg  der  katholi- 
schen  Monche  sage,  auch  auf  unsere  passe. 

Haufigere  Absonderung  der  Fettaugen  ins  Zellgewebe  ist,  wie 
bekannt,  die  Absicht  der  Ordensstifter.  Sie  arbeiteten  aufs  Ma-  3 
sten  hin  der  Seele  wegen:  denn  Fette  sind  sanft  und  liebevoll,  wie 
schon  Voltaire  bemerkte,  so  wie  alle  Ole  und  Fettigkeiten  die 
Meeres-Wellen  stillen.  Dadurch  will  ich  aber  nicht  gerade  auch  ■ 
geringere  Endzwecke  der  geistlichen  Geflugelmaster  ausgeschlos- 
sen  haben  -  Fett  schraubt  den  Luftrohrenkopf  zum  BaB  herunter, 
den  der  Monch  so  sehr  wie  das  Latein  in  den  Horen  braucht  - 


HOLZPLATTE  DES  ERSTEN  GEBOTS  643 

Fett  ist  die  beste  Silber-Folie  des  Teints,  und  die  geschmuckte 
AuBenseite  ist  dem  katholischen  Kirchendienst  nicht  mehr  als  den 
Kirchendienern  notig  -  Fett  ist  der  beste  Pelzrock  und  Pelz- 
strumpf  und  Muff  gegen  Frost,  dessen  der  arme  Klerus  in  seinen 
nachtlichen  und  winterlichen  Horen  mehr  als  zu  viel  erleidet.  Es 
ist  kein  ernsthafter  Einfall  von  mir,  daB  die  Ordensstifter  sich  mit 
diesem  Masten  befingen,  weil  sonst  Menschenfett  in  den  Apo- 
theken  offizinell  war,  und  daB  die  Regularen  aus  Krankenwartern 
endlich  zu  SimpHzien  und  Heilmitteln  werden  sollten.  Aber  das 

10  sag'  ich  nicht  gern  in  den  Wind,  daB  Fett  ein  Zeichen  und  Sitz 
des  korperlichen  Wohlbehagens  ist:  da  nun  nach  Bellarmin  zeit- 
liche  Gliickseligkeit  unter  die  Merkmale  der  wahren  Kirche  ge- 
hort,  so  darf  den  Dienern  derselben  dieses  Merkmal  am  wenig- 
sten  fehlen;  und  da  nach  Plato  der  Tugendhafte  729  mal  gliick- 
licher  ist  als  der  Lasterhafte,  so  fordert  die  Kirche,  daB  mit  dem 
Stande  zugleich  die  Heiligkeit  und  mi  thin  der  Schmerbauch  wachse. 
Daher  darf  ein  Domherr  durrer  sein  als  ein  Dechant  oder  gar  ein 
Dompropst,  daher  werden  einem  hohen  Geistlichen  alle  Freuden 
der  Weltleute,  sogar  verbotene,  gern  verstattet,  damit  er  erstarke 

20  und  nicht  einschwinde. 

Auf  diese  Absonderung  aus  den  Arterien  ins  Zellgewebe 
nimmt  auch  der  lutherische  Klerus  nach  Vermogen  Bedacht. 

Wir  wollen  aber  untersuchen,  ob  auch  die  Mittel  gewahlet 
sind,  welche  diese  Sekretion  befodern  sollen.  Mir  scheinen  sie  es 
zu  sein.  Ruhe  der  Leidenschaften  ist  den  Monchen  geboten^weil 
nichts  besser  mastet,  wie  ich  an  meinem  unvergeBlichen  Dechant 
Swift  bemerke,  der  nicht  eher  fett  wurde,  als  bis  er  toll  wurde, 
und  bis  sich  mithin  seine  Wunsche  und  Wellen  legten.  Da  aber 
korperliche  Ruhe  noch  besser  mastet  als  geistige,  wie  Ganse  und 

;o  Missetater1  beweisen:  so  war  es  nicht  unverniinftig,  daB  Monche 
wie  Ganse  (aus  denselben  Griinden)  die  engsten  Zellen  erhielten, 
die  eigentlich  (nach  einer  alten  Ordensregel)  nicht  langer  sein 
diirfen  als  zwei  ausgestreckte  Arme.  Mastgeflugel  wird  geblendet 
oder  verhangt:  auch  dieses  liefi  die  Kirche  nicht  aus  der  Acht, 

1  Missetater  gehen  daher  trotz  des  Wassers  und  Brotes  fett  aus  dem  Ker- 
ker. 


644  DAS  KAMPANER  TAL 

sondern  verordnete  deswegen  ihrer  Dienerschaft  hereingezogene 
Kapuzen,  dunkle  Zellen,  finstere,  durch  vollgemalte  Scheiben 
schwach  erhellte  Kirchen.  Sie  verbot  den  Konventualen  Fleisch  - 
weil  nach  den  Arzten  nur  Vegetabilien  masten  -  und  Weiber  und 
Denken.  Mir  ist  bekannt,  daB  Origenes  auf  dem  Wege  grofier 
welscher  Sanger  dick  zu  werden  suchte.  Daher  vernachlassigt  die 
Ordensregel  die  winzigsten  Dinge  nicht,  sondern  hat  immer  das 
Masten  im  Auge:  fremdes  Brot,  sagt  das  Sprichwort,  nahrt  am 
besten,  daher  ist  keinem  Religiosen  zugelassen,  eines  zu  verdie- 
nen  und  zu  beskzen  -  Nach  Unzer  und  andern  Pathologen  folgt  10 
auf  Oberladen  sehr  "oft  Stummheit,  daher  ist  Monchen  schon  eine 
antizipierendebefohlen- Daher  gebot  das  kanonische  Recht  ihnen 
statt  des  Hides  das  Abendmahl,  um  sie  immer  im  Essen  zu  erhal- 
ten.  Daher  miissen  sie  sich  immer  an  unsere  Hinfalligkeit  erin- 
nern  und  essen:  denn  Marchese  Caraccioli  behauptet,  daB  jede 

Mahlzeit  eine  Erinnerung  an  unsere  Verganglichkek  sei Wollt' 

ich  langer  nachsinnen,  so  fielen  mir  noch  1000  Griinde  bei;  aber 
man  hat  mir  bisher  das  Lob  gelassen,  daB  ich  aufzuhoren  wisse, 
und  dieses  Lob  will  ich  nicht  erst  heute  verscherzen. 

Oberhaupt  wurde  doch  einigermaBen  gezeigt,  daB  das  Chor  20 
der  katholischen  Kirche  -  nicht  ihr  Schiff  -  aus  Specksteinen  auf- 
gemauert  sei. 

Wir  verfugen  uns  wieder  auf  den  Holzschnitt.  Der  Landstand 
reicht  fast  (zu  meiner  Verwunderung)  bis  ans  Kapitell  der  Saule 
mit  seinem;  dieses  mag  aber,  da  die  Saule  kerne  kurze  ist,  einen 
neuen  Beweis  abgeben,  daB  die  Menschen  in  den  vorigen  Zeiten 
langer  waren.  - 

Ich  werde  fertig  sein,  wenn  ich  erinnert  habe,  daB  man  nach 
einer  solchen  unmittelbaraus  der  ersten  Gesichtslange  geschopften 
Erklarung  der  bisherigen  alten  nur  aus  Verachtung  gedenken  30 
kann,  welche  den  Bischof  in  partibus  zu  Aaron,  Kronlein  zu 
Mosi,  birnbaumene  Tafeln  zu  steinernen  und  das  Lamm  zu  einem 
Kalbe  aus  Ohrringen  macht.  In  der  Tat  werden  jetzt  aus  Kalbern 
und  aus  einem  ganzen  Viehstand  Ohrengehenke  und  Fingerringe 
gegossen;  aber  nicht  umgekehrt. 

Wir  eilen  zum  zweiten  Gebot. 


HOLZ PLATTE  DES  ZWEITEN  GEBOTS  645 

II. 
\ 

HOLZPLATTE  DES  ZWEITEN  GEBOTS 

Der  Steinhagel  -  der  Stab  des  heiligen  Rochus 


Indem  ich  das  Katechismusblatt  des  ersten  Holzschnittes  um- 
schlage,  um  den  gegenwartigen  zu  kommentieren,  so  frag* 
ich  mich:  »Was  kannst  du  antworten,  wenn  das  Publikum  fragte, 
ob  du  der  Mann  bist,  der  so  viel  artistische  Theorie  und  Praxis 
vereinigt?  daB  er  Kronleins  Schnitte  kommentieren  kann,  und  der 
wenigstens  von  einigen  Bergen  zu  Rom  herabgesehen  ?«  Und  hier 
,  siehts  schlecht  aus :  ich  habe  noch  kar  keinen  erblickt  und  kenne 
von  Welschland  wie  vom  Revisor  nur  Biicher  und  Bilder.  —  In- 
zwischen  haben  einige  Galerieninspektores,  in  deren  Beisein  ich 
nach  meinem  Gefuhle  iiber  Raffaels  Logen  im  Vatikan  (namlich 
iiber  deren  Kopien)  eine  und  die  andere  Anmerkung  machte, 
mich  ermuntert,  fortzufahren  und  mit  den  gegenwartigen  zehn 
Kronleinischen  Loggie  anzufangen,  so  wie  Erasmus  nach  der 
griechischen  Grammatik  sogleich  den  Homer  traktierte  mit  sei- 


646  DAS  KAMPANER  TAL 

nen  Eleven.  In  der  Tat  dies*  Logen  heiBen  nicht  mit  Unrecht  - 
vsiejene  Raffaels  Bibel  -  Kronleins  Katechismus. 

Inzwischen  nab'  ich  bei  aller  Anstrengung  im  ersten  Gebot 
doch  den  Himmel  vergessen.  Zum  Gltick  kommt  er  auf  alien 
zehen  Platten  wieder.  Das  atherische  Linienblatt,  das  der  Leser 
iiber  der  Steinigung  sieht,  stellt  den  Himmel  vor,  und  zwar  einen 
blauen^  denn  die  Striche  sind  waagrecht^  womit  die  Heraldik  all- 
zeit  die  blaue  Farbe  andeutet.  Wie  schon  rastriert  uns  dieser  aus 
Gliickslinien  gezogne  erste  Himmel  gleichsam  die  ersten  Linien 
(primas  lineas)  des  dritten  vor!  10 

Nun  werP  ich  eigentlich  meine  Leuchtkugeln  auf  den  zweiten 
Holzschnitt.  Die  Halsgrube  und  der  Bart  der  Federzeichnung 
(denn  daraus  besteht  die  zweite  Gesichtslange)  erzahlen  uns,  daB 
das  bunte  Glas  der  Kronleinschen  laterna  magica  den  Berg  der 
vorigen  Platte  weiter  hereingeschoben  auf  dieser.  Es  war  schon 
einige  Tage  nach  dem  HandkuB,  bench tet  der  Bart,  daB  der  Re- 
visor  wieder  auf  das  Gebirge  stieg,  um  einige  Petrefakta  und 
Quarze  droben  zusammenzuklauben.  Er  bekennt,  daB  ein  Form- 
Schneider  Pflanzen  viel  leichter  nach  Phytolithen  (versteinerten 
Pflanzen)  als  nach  Blumenstiicken  oder  Blumenbeeten  ausschnitze,  zo 
und  Lesern,  welche  die  drei  Graser  auf  dem  FuBboden  der  zwei- 
ten Platte  etwan  nicht  schlecht  finden  sollten,  hinterbringt  er,  er 
habe  sie  nach  guten  Dendriten  kopiert.  Der  Teufel  hatte  sein 
Spiel,  daB  der  Revisor  gerade  so  viel  steinerne  Schatze,  und  noch 
dazu  Wetzschiefer,  rotlichen  Quarzkiesel,  lapides  judaici  und  so- 
gar  zwei  Ceratolithen  und  einen  Hysterolitken1  droben  finden 
sollte,  daB  er  bis  nach  dem  Gebetlauten  auf  dem  Berge  verharrte. 
Im  Dunkeln  gesellten  sich  der  kassierte  RezeBschreiber  aus  Suhle 
und  ein  falliter  Pochgeschworner  aus  Freiberg  zu  ihm.  Der  Artist 
hatte  sich  von  diesen  Berggasten  nichts  Gutes  versehen  sollen.  30 
Die  Spitzbuben  erboten  sich  zu  Tragern  seiner  Stein-Lese  und 
Kuxe.  Kronlein  sah  von  jeher  Lammergeier  flir  Lammer,  Kopfe 

1  Ich  gehe  ungern  daran,  ihm  diese  Ausbeute  und  Verblndung  der  Cera- 
tolithen (versteinerte  Horner)  und  des  Hysterolithen  (Venusstein)  zu  glau- 
ben,  aber  an  das  weimarsche  Katechismus-Blatt  miissen  ich  und  Publikum 
uns  halten. 


,  HOLZPLATTE  DES  ZWEITEN  GEBOTS  647 

fur  Herzen  und  Einfaltige  fur  Aufrichtige  an,  da  doch  kein  Mensch 
zur  Verstellung  zu  dumm  ist  und  da  auch  Schafskopfe  in  Schafs- 
hleidern  einhergehen  und  nicht  immer  in  Lowenhauten. 

Er  sah  bald,  daB  ich  recht  hatte,  da  er  den  Berg  mit  ihnen 
herunter  war  und  nun  dem  Kontraaltisten  in  den  Wurf  kam. 
Raupert  legte  sein  Lautenfutteral,  das  er  bei  sich  hatte,  aus  Ab- 
sichten  in  das  aus  den  drei  genannten  Grasern  bestehende  Gras. 
Hicr  auf  dem  Abdruck  des  Pragstocks  ist  wenig  vom  Futteral  zu 
erblicken;  ich  kann  aber  Neugierige  auf  den  birnbaumenen  Stem- 

10  pel  selber  verweisen,  auf  dem  alles  in  flachem  Schnitzwerk  ausge- 
fuhrt  ist,  was  mit  Druckerschwarze  nicht  zu  propagieren  war. 
Das  Weglegen  des  unsichtbaren  Futterals  sollte  so  viel  sein,  als 
zog*  er  die  Tiirkenglocke  gegen  den  Revisor,  oder  als  ziindete  er 
Larm-Kanonen  und  Larmstangen  an.  Nun  machte  sich  das  Par- 
zen-Terzett  uber  den  arglosen  Artisten  her.  Hier  liegt  unser  Form- 
schneider  auf  seinem  eignen  Holzschmtt  und  erwartet,  da(3  ihm 
die  hinterlistige  Tripelalliance  im  Finstern  Wetzschiefer  und  Ce- 
ratolithen  und  rotlichen  Quarzkiesel  und  lapides  judaicos  an  den 
Kopf  werfe,  um  ihn  mit  diesen  lusibus  .naturae  (Naturspielen)  zu 

20  erlegen.  Der  nachste  Spitzbube  an  ihm  ist  der  Pochgeschworne 
und  ist  aus  dem  rotlichen  Quarzkiesel  in  seiner  Rechten  kenntlich, 
der  weiter  stehende  ist  der  RezeBschreiber  mit  einem  lapis  judaicus 
(es  ist  auf  dem  Holzschnitt  schwer  herauszubringen),  und  der  ge- 
buckte  Zelot,  der  einen  schon  geworfnen  Wetzschiefer  zum  zweiten 
Gebrauch  in  die  Bombe  ladt,  ist  der  Radelsfiihrer  Raupert  selber. 
So  steinigen  Menschen  Menschen,  bedenken  aber  nicht,  daB  ein 
Naturaliensammler  sich  ungern  mit  dem  besten  europaischen  Stu- 
fenkabinett  erwerfen  laBt,  geschweige  mit  einem  so  karglichen. 
Was  die  drei  Bombardierer  noch  entschuldigt,  ist,  daB  sie  mit 

30  dem  Durchlochern  weniger  dem  Revisor  einen  Tort  als  der  Revi- 
sorin  einen  Gefallen  tun  wollten,  weil  Raupert  verhoffte,wahrend 
der  Mann  lage  und  seine  Wunden  in  Binden  hatte,  die  seinigen 
zu  heilen  und  mit  des  Bandagist  Amors  Binde  zu  stillen. 

Aber  es  sollte  besser  ablaufen.  Mitten  in  diese  Wintersaat  und 
in  diesen  Spatregen  von  Steinen  schickte  das  Verhangnis  den 
Landstand,  der  hier  mit  seinem  Mosis-Krummstab  dem  grim- 


648  DAS  KAMPANER  TAL 

migen  Meere  gebeut  und  mit  dem  heiligen  Rochusstab  und  Li- 
tuiten1  andern  fliegenden  Petrefakten  Einhalt  tut.  Der  Kiinstler 
hat  fiir  diesen  Holzschnitt  gerade  den  fruchtbarsten,  gleichsam 
den  trachtigen  Moment  erwischt  oder  erwahlt;  denn  jetzt  sind 
die  lebendigen  Schleudermaschinen  noch  im  Abdriicken,  Kron- 
Iein  im  Abwehren,  Raupert  im  Biicken,  dem  Landstand  stehen 
und  schieBen  vor  Todesschrecken  Iange  Seitenhaare  wie  Staub- 
faden  und  Stengelkeime  und  elektrische  Strahlbiischel  empor  - 
der  ganze  Holzschnitt  siedet,  gart,  wogt  und  geifert  -  sogar  die 
Windstil  le  und  gleichschwebende  Kirnbergerische  Temperatur  auf  10 
dem  Gesichte  des  fremden  Herrns,  den  ich  nicht  kenne,  hebt  wie 
ein  Wohllaut  diese  Mifiton-Kunst  ungemein.  -  Hier  bricht  meine 
artistische  Version  und  Hermeneutik  der  Platte  zum  2ten  Gebote 
ab;  aber  man  lasse  mich,  eh  ich  iiber  die  dritte  die  Wiinschelrute 
meiner  Feder  halte,  etwas  bezeugen... 

Namlich  mein  Erstaunen,  daB  Deutschland  solche  Bliiten  der 
holzschneidenden  Kunst  in  Katechismen  wie  Blumen  in  andere 
Herbarien  klemmt.  Ich  erinnere  mich,  daB  schon  langst  Ungers 
Vater  in  Berlin  -  der  Sohn  war  dabei  und  bezeugt  es  im  Notfall  - 
gegen  mich  auBerte:  »er  glaube  Albrecht  Diirers  Holzschnitte  be-  20 
urteilen  zu  konnen,«  (und  das  kann  Vater  und  Sohn  leicht,  da  sie 
ihn  so  gliicklich  erreichen)  »aber  seiner  Einsicht  nach  habe  Diirer 
nie  einen  Holzschnitt  geliefert,  der  den  Kronleinschen  ahnlich  ge- 
wesen.«  Was  aber  den  Deutschen  deckt,  ist,  daB  es  der  Romer 
selber  nicht  besser  macht:  hat  uns  nicht  Winckelmann  bezeugt, 
daB  er  die  herrlichste  erzene  Schaumunze  von  Hadrian  in  Rom 
nirgends  aufgetrieben  als  endlich  als  Medaillon  oder  Schelle  an 
einem  -  Maultierhals?  -  Ich  weiB,  was  man  mir  entgegensetzt, 
daB  namlich  die  Religion  an  der  Kunst  -  wie  in  der  griechischen 
Zeit  die  Kunst  an  der  Religion  -  sich  aufhelfen  solle,  und  daB  30 
daher  das  Konsistorium,  das  auch  den  Geschmack  der  Katechu- 
menen  bearbeiten  und  erziehen  will,  es  nicht  verbiete,  fiir  9  Kate- 
chismusbogen  einen  Groschen  zu  begehren,  ein  enormer  Laden- 

1  Lituiten  sind  Schnecken-Versteinerungen,  die  Bischofsstaben  gleichen. 
Was  der  heilige  Rochus-Stab  ist,  davon  siehe  die  Erklarung  oben  im  Texte 
nach. 


HOLZ  PLATTE  DES  ZWEITEN  GEBOTS  649 

preiSj  wofiir  nicht  nur  9  leere  reine  Bogen,  sondern  sogar  12  zu 
bekommen  waren.  Abei  ich  repliziere  das:  einer  der  groBten 
padagogischen  Irrwege  ist  der,  daB  Erzieher  bei  Kindern  zwei, 
drei  Ziele  auf  einmal  zu  erreichen  denken.  Die  Kleinen  sollen  aus 
dem  Speccius  von  Esmarch  zugleich  Latein  und  Realien  schopfen, 
wieLeserinnen  aus  neuen  Romanen  alte  Geschichte;  man  vergisset 
aber,  daB  sogar  der  Erwachsene  nicht  in  derselben  Minute  wie  das 
Chamaleon,  das  mit  einem  Auge  voi,  mit  dem  andern  hinter  sich 
blickt,  zugleich  auf  den  Stil  hinter  sich  und  auf  die  Wahrheiten 

1  vor  sich  lernend  merken  kann.  Ein  zu  einer  doppelten  Aufmerk- 
samkeit  verdammtes  Kind  wird  am  Ende  bloB  mit  den  Termen 
und  mit  verworrenen  Umrissen  ihres  Inhalts  vertiaut;  aber  diese 
leere  Vertraulichkeit  raubt  gerade  einer  kiinftigen  dazu  bestimm- 
ten  Lehrstunde  das  Jnteresse  der  Neuheit. 

Also  konnen  die  Katechumenen  nicht  das  religiose  Memorien- 
werk  und  die  artistische  Kallipadie  in  einer  Minute  verschmelzen, 
so  wie  man  mit  gleichem  Schaden  Religionsbiicher  zu  Lese- 
maschinen  macht. 

Ich  fuhr*  es  nur  zur  Belustigung  des  Lesers  an,  daB  alle  vor- 

.  hergehenden  Kommentatoren  dieser  Holzschnitte  nicht  nur  auf 
dem  ersten  aus  dem  Salzrevisor  den  Heerfuhrer  Moses,  sondern 
auch  auf  dem  zweiten  aus  dem  nachtlichen  Oberfall  eine  gericht- 
liche  Steinigung  (vermutlich  mit  den  Scherben  der  zerschlagnen 
Gesetztafeln)  geschmiedet  und  gegossen  haben.  So  spielt  man 
Werken  der  hohern  Kunst  in  Deutschland  mit. 

Der  hei'lige  Rochus-Stab  in  der  Note  ist  jetzt  klarzumachen. 
Die  Karmeliterkirche  zu  Bourdeaux  hat,  wenn  sie  noch  steht,  den 
Stock  in  ihren  Mauern:  ein  Haus,  worin  er  ein  Jahr  stand,  wurde 
dadurch  ein  groBes  und  reiches;  daher  zahlten  die  Bourdeauxer 

»  sonst  bis  zu  2000  Livres  jahrliches  Mietgeld  fur  ihn.  Mit  der  Zeit 
rosteten  die  metallischen  Krafte  des  Mietstocks  ein;  und  die  Lieb- 
haber  wollten  vor  20  Jahren  kaum  noch  12  Livres  fur  den  Stecken 
geben.  Ich  lobe  sie:  bewahrt  nicht  jede  Kathedralkirche  einen 
zehnmal  goldhaltigern  Lehn-  und  Pragstock  auf,  den  sogenann- 
ten  Krumm-  oder  Bischofsstab?  Sehen  wir  die  geistlichen  Ruten- 
ganger  mit  dieser  Wunschelrute  -  die  Bischofsmiitze  ist  das  For- 


6jO  DAS  KAMPANER  TAL 

tunatus  -Wiinschhutlein  -  je  verarmen  oder  Leute  ohne  Ruten 
neben  ihnen  aufkommen  und  gninen?  Ich  habe  mir  oft  den  Salz- 
burger  Krummstecken  gewiirischt,  um  auch  Miinzbelustigungen 
mit  diesem  multiplizierenden  Neperschen  Stabe  zu  treiben;  aber 
der  Bischof  hat  Verstand  und  lasset  die  Badine,  die  jahrlich  einen 
Silberbaum  von  funfmal  hunderttausend  Blattern  oder  Talern 
treibt,  nicht  fahren. 


III. 

HOLZPLATTE  DES  DRITTEN  GEBOTS 

Paritat  der  Religionen  in  der  Kleidung  -  Spitzbiibinnenstreiche 


Ware  nicht  mehr  aus  der  menschlichen  Brust  uberhaupt  als  aus  der 
Brust  der  Federzeichnung  -  der  dritten  Gesichtslange  -  zu  lesen : 
so  stande  die  Sache  schlimm  und  diese  Geschichte  still.  Ich  will  aber 
vorher  denLeser  ins  Relatorium  und  in  die  Avisfregatte  der  dritten 
Gesichtslange  fuhren  und  dann  erst  selber  ein  Wort  reden. 


HOLZPLATTE  DES  DRITTEN  GEBOTS  65  I 

Auf  gegenwartigem  historischen  Tableau  treffen  wir  den  Land- 
stand  auf  der  Kanzel  an :  er  zankt  darin.  Alle  Ausleger  vor  mir 
konnten  sichaus  seiner  lutherischenDraperienichtherauswickeln: 
besonders  drucken  die  zwei  Schmutztitelblatter  des  Uberschlags, 
diese  geistlichen  HalsfloBfedern  und  Herzblatter,  das  exegetische 
Kollegium  nieder.  Ich  schame  mich  nicht,  es  offentlich  gestandig 
zu  sein,  daB  ich  noch  vor  einigen  Jahren  mich  mit  dem  Kiinstler 
iiber  diesen  Anzug  iiberwarf.  Er  hat  auf  alien  seinen  Holzschnit- 
ten  seine  stehende  Truppe  so  gut  bekleidet,  daB  sie  mit  keinem 

10  Volk  und  Zeitalter  zu  verwechseln  ist  -  und  eine  solche  Garde- 
fobe  de  fantaisie,  eine  solche  indeklinable,  poetische  Einkleidung 
und  Tracht  ist  eben  das  hohe  Idealische,  was  jeder  Narr  kennt, 
aber  nicht  malt.Warum  wirft  sich  aber  gerade  hier  der  Gewander- 
maler  in  die  Wirklichkeit  hinein  und  drapiert  lutherisch?  Er  muB 
eine  groBere  Schonheit  erwuchern  konnen,  als  er  verstoBet:  sonst 
tat*  ers  unmoglich.  Der  Verfasser  dieser  Erklarung  und  Peri- 
phrase  glaubt  seinen  Kiinstler  nicht  weit  von  seiner  Spur  zu  ver- 
folgen,  wenn  er  mutmaBet,  daB  der  Holzschneider  ein  Fuchs  ist 
und  gern  seinen  Krypto-Papismus  verdeckt.  Hier  uberdeckt  er 

20  ihn  mit  Kanzelholz.  Dadurch  namlich,  daB  er  den  Landstand  wie 
einen  Grenzgott  oder  einen  geftugelten  Genius  mit  der  untern 
Halfte  in  das  holzerne  Kanzelhulfter  steckt,  halt  er  sich  die  Zelo- 
ten  vom  Leibe,  und  indem  er  sie  mit  dem  Seraphin1  dieser  Kanzel- 
taube,  gleichsam  mit  der  menschlichen  Oberwelt  voll  oberer  See- 
lenkrafte,  die  er  lutherisch  bekleidet,  abspeiset  und  fortschickt, 
schafft  er  sich  Platz,  der  Culotte  und  Unterwelt  des  Bischofs  das 
Pallium  umzuhangen  und  kurz  die  Halfte  des  Mannes  so  katho- 
lisch  zu  machen,  als  er  nur  will.  Ja  einen,  der  ihn  daruber  zur 
Rede  setzen  wollte,  konnt*  er  noch  dazu  einen  Narren  heiBen  und 

30  ihn  bitten,  er  solle  ihm  doch  das  verfangliche  Pallium  zeigen;  - 
und  das  ware  ihm  wegen  der  Kanzel  nicht  tulich.  -  SchieB'  ich 
fehl:  so  ist  mir  doch  die  Moral  nicht  zu  nehmen,  die  daraus  ab- 
flieBet  und  welche  gewisse  alte  Ketzer  (die  Paterniani)  so  aus- 

1  Nach  Lichtenberg  zerschneidet  man  in  Frankreich  die  Tauben  quer  in 
zwei  ungleiche  Stiicke,  das  mit  den  Beinen  heiBet  culotte,  das  andere  sera- 
phin. 


6j2  DAS  KAMPANER  TAL 

driickten:  Gott  hat  die  obern  Teile  des  Menschen  gemacht,  und 
der  Teufel  den  Rest.  Die  in  der  Kanzel  verborgne  Stalagmite 
wachst  der  sichtbaren  Stalaktite  entgegen  und  tiirmet  sich  auf 
durch  sie.  Die  Nebel,  die  die  unterste  Erdschicht  des  Menschen 
aushaucht,  steigen  ofter,  als  sie  fallen,  und  machen  also  den  Him- 
mel  ofter  naB  wie  blau. 

Ich  will  vorher  die  Volksmenge  in  der  Kirche  des  Holzschnit- 
tes  summieren  und  sortleren,  die  so  viele  Mann  stark  ist,  als  die 
Philister  goldne  Mause  bekamen,  fiinf.  Der  Bischof  in  partibus 
schieBet  mit  Kanzel-Spitznamen  und  mit  einem  geistlichen  Pereat  10 
auf  den  fatalen  grinsenden  Kontraaltisten  herunter  und  schauet 
als  ein  GegenfuBler  Lavaters  -  der,  wie  er  schreibt,  in  seiner 
Predigt  allzeit  das  beste  Gesicht  als  point  de  vue  im  Auge  behalt  - 
gerade  das  schlimmste  an.  In  Kinderlehren  hingegen,  schreibt  La- 
vater,  fass'  er  immerfort  das  einfaltigste  ins  Auge,  um  faBlicher 
zu  sein :  das  hatt*  er  aber  nicht  ruchbar  machen  sollen,  weil  sonst 
ein  Ziircher,  den  er  oft  in  den  Kinderlehren  betrachtet,  ihn  wegen 
optischer  Injurien  belangen  und  iiberhaupt  ihm  kein  sonderliches 
Gesicht  entgegenschneiden  wird;  derVerfasser  dieses  Blatts  bittet 
sich  daher,  wenn  er  nach  Ziirch  kommt,  vom  physiognomischen  20 
Fragmentisten  die  Gefalligkek  aus,  ihn  unter  dem  Katechisieren 
nicht  anzusehen.  —  Das  unten  neben  dem  Salzrevisor  niedlich  zu- 
samniengefaltete  Geschopf  mit  gekreuzten  Handen  ist  seine  Frau. 
Wie  gesenkt  und  versunken,  horchend  und  erblindet  sie  dasitzt, 
als  Kreuzdame  und  Kreuztragerin!  Wer  sah'  es  der  Spitzbiibin 
an,  daB  sie  eine  ist  und  aus  einer  Hausehre  gern  durch  Beistand 
ihres  rechten  Nachbars  eine  ganz  kleine  Hausschande  werden 
mochte?  Davon  merkt  aber  der  Revisor  nichts,  der  Tag  und 
Nacht  sich  auf  die  Befolgung  der  Navigationsakte  riistet  und 
freuet,  wodurch  der  Staat  dem  Manne  (wie  der  englische  jedem  30 
Volke)  befiehlt,  nur  eigne  Landesprodukte  nur  auf  eignen  Schiffen 
einzubringen.  Ja  Kronlein  hat  einen  fiinften  Gang  in  diese  laute 
Miihle  des  gottlichen  Samens  eingebauet,  namlich  die  weibliche 
Figur  an  der  Kanzel,  weil  er  sich  einbildete,  er  verstoBe  gegen 
seine  verschamte  Frau,  wenn  er  sie  allein  in  eine  Kirche  voll 
Manner  oder  in  ein  Monchskloster  setze  und  schnitze,  da  Mad- 


HOLZPLATTE  DES  DRITTEN  GEBOTS  653 

chen  wie  erdrosselte  Krammetsvogel  allzeit  paarweise  in  die  Hau- 
ser  kommen. 

Schon  deutet  der  Kiinstler  die  Jahrszeit  der  Geschichte  an,  daB 
es  namlich  der  Fruhling  sei,  der  vor  sich  erst  die  Fruhlingsreife 
vorausschickt  und  statt  des  Stachelbeereneises,  statt  des  Rosen- 
und  Apfeleises  bloB  Wasserpflanzeneis  in  Weihern  auftischt :  un- 
ser  Holzschneider  tut  es  bloB  durch  einen  Holzhacker,  den  das 
Publikum  aus  der  Kirche  in  dem  Kirchhof  neben  dem  Gebein- 
haus  zwei  Schwefelholzer  fiir  die  Sakristei  zerspalten  sieht.  Ich 

10  vermute,  der  Kantor  hackt. 

Nun  wird  es  Zeit,  zu  erklaren  und  zu  erraten,  was  eigentlich 
die  funfspannige  Kirchenversammlung  vornimmt.  Der  Holzar- 
beiter  scheint  hier,  wie  GeBner  in  der  Ratsversammlung,  zu  zeich- 
nen  -  und  mit  der  linken  Hand  wie  Holbein;  aber  auf  dem  alten 
Stempel,  der  statt  des  Holzschnittes  neben  meinem  DintenfaB 
steht,  ist  es  doch  die  rechte.  -  Der  Landstand  wetterleuchtet  und 
donnert  gegen  alle  Siinden,  die  ihm  -  entgehen:  er  halt  dem  hoh- 
nenden  Raupert  die  Nachbarschaft  des  5  ten  und  6ten  Verbots 
vor  und  meint  die  nachtliche  Attacke.  Die  Brust  des  Feder-Kon- 

20  terfeies  erzahlt  es  weitlauftig  genug,  wie  sehr  der  Bischof  die  arme 
Menschenbrust  wie  die  der  pommerschen  Ganse  behandelt,  die 
man  allein  an  dem  Tiere  schwariet,  d.  h.  rauchert.  Auf  der  Kanzel 
sagen  die  GeistHchen :  damnamus,  in  Visitenstuben  gleich  ihren 
Zuhorern  nur:  namus1,  und  sie  setzen  dort  gleich  Rezensenten 
keinem  Kopf  einen  Lorbeerkranz  auf  als  einem  Totenkopf,  und 
die  Nachmittags-  oder  Leichenpredigt  ist  die  Antikritik  der  Vor- 
mittags-  oder  BuBpredigt. 

Der  Gesetzprediger  schlagt  mit  dem  Gesetzhammer  und  Zain- 
hammer  auf  den  Lautenschlager  Raupert  und  sagt  ihm  verbliimt, 

30  er  fahre  zum  Teufel;  aber  Raupert  ist  Heber  einer.  Der  Seelenhirt 
stellt  der  Gemeinde,  wenigstens  dem  Kontraaltisten,  die  schwar- 
zen  und  briinetten  und  bunten  Laster  vor;  aber  ich  sage  voraus, 

1  Semler  im  1.  T.  seines  Auszugs  aus  der  Kirchengeschichte  (p.  498)  er- 
zahlt, dafi  die  Vater,  die  zu  Soissons  ein  Konzilium  uber  Abalard  und  sein 
Buch  de  trinitate  hielten,  so  voll  waren,  daB  sie  weiter  nichts  von  damnamus 
sagen  konnten  als  namus.  Feine  Leute  sagen  allzeit  nur  namus;  es  ist  aber 
noch  schlimmer. 


654  DAS  KAMPANER  TAL 

es  hilft  nichts,  und  auf  dem  nachsten  Holzschnitte  wird  sichs  zei- 
gen.  Die  Menschen  glauben,  Laster  sind  wie  die  Bandwurmer, 
die  jeder  im  Gedarme  bei  sich  fuhrt  und  die  nur  schaden,  wenn 
sie  iiberhand  nehmen.  -  Und  hier  ist  uberhaupt  der  Mensch  im 
ganzen  zu  empfehlen.  Wie  namlich  die  Professionisten  ihr  Hand- 
werk  nicht  niederlegen,  wenn  ihnen  der  Arzt  und  ihr  Schicksal 
einige  medizinische  Schadlichkeit  desselben  zeigen,  sondern  wie  . 
jeder,  um  nur  Brot  zu  haben  und  zu  schaffen  fur  andere,  sich  gern 
der  notwendigen  Verderbnis  preisgibt,  z.  B.  der  Schuster  den 
Infarktus  -  der  Friseur  und  Mtiller  der  Lungensucht  -  der  Ham-  10 
merschmied  der  Blindheit  -  der  Kupferschmied  der  Taubheit  - 
der  Bleiarbeiter  der  Kelchvergiftung :  so  darf  man,  hofF  ich,  an- 
nehmen,  daB  die  meisten  Menschen  stark  und  entschlossen  genug 
sind,  sich  von  ihrem  Gewerbe  nicht  durch  die  moralische  Er- 
krankung,  worein  es  sie  unvermeidlich  stiirzet,  trennen  zu  lassen; 
springt  denn  der  Gesandte  und  sein  Sekretar  von  seinem  wich- 
tigen  Posten  ab,  weil  er  sich  dabei  der  Mundfaule  und  denMund- 
schwammen  der  Unwahrheit  aussetzen  muB?  Oder  treibt  das  in- 
flammatorische  Fieber  des  Zorns,  die  Dorrsucht  der  Habsucht, 
die  Obstruktion  oder  der  Brustkrebs  der  Heuchelei  den  mu-  20 
tigen  Mann  aus  seinem  Zelte,  aus  seinem  Kramladen,  von  seiner 
Kanzel? 

Obrigens  gehort  der  Bischof  auf  der  in  Holz  geschnittenen 
Kanzel  unter  jene  Leute  von  feinem  Gefiihl,  die  einen  groBern 
GenuB  in  dem  Predigen  und  Oberdenken  der  Moral  zu  finden 
wissen  als  in  dem  Ausuben  derselben  und  die  also  letzteres  nicht 
sonderlich  schatzen  und  treiben.  Ich  achte  sie  so  sehr  wie  jenen 
Musik-Kenner,  der,  wie  Monboddo  erzahlt,  gute  Partituren  nur 
vor  sich  still  in  die  Hand  nahm  und  schweigend  mit  den  Augen 
uberhorte  und  der  so  der  herrlichsten  Symphonien,  ohne  nach  30 
einem  einzigen  Instrument  zu  greifen,  durch  bloBes  Lesen  hab- 
haft  wurde. 

Die  Silberdienerin  ist,  wie  oben  gedacht,  eine  Spitzbiibin  und 
Wilddiebin  der  Herzen  meines  Geschlechts,  und  ihr  nab'  ichs 
Dank  zu  wissen,  daB  die  Geschichte  auf  der  Platte  des  dritten 
Gebotes  nicht  stockt.  Sollte  denn  ein  Leser  so  verblendet  sein, 


HOLZPLATTE  DES  DRITTEN  GEBOTS  655 

als  der  Ehehetr  und  Portratmaler  wirklich  war,  daB  er  nicht  Lun- 
ten  wkterte,  warum  dieses  Rosenmadchen,  das  ein  Dornenmad- 
chen  ist,  so  still  und  dem  Kontraaltisten  so  abgewandt,  aber 
doch  so  nahe  sitzt?  Offenbar  redet  oder  singt  oder  winkt  die 
Kirchenrauberin  (mit  der  weib lichen  Fernschreibekunst)  etwas 
mit  dem  Langkinn  ab,  was  in  den  nachsten  Holzschnitten  Folgen 
haben  kann.  Dariiber  wird  sich  sprechen  lassen;  ich  aber  versehe 
mir  von  einer  solchen  Plagiaria,  die  uns  alle  zu  ihrem  Musteil 
und  ihrer  Gerade  schlagt,  zwar  keinen  sabinischen  Jungfernraub, 

10  aber  doch  Mannerraub  und  wenig  Gutes. 

Die  Ausleger,  die  immer  Juden  in  den  Christen  dieser  Platten 
suchen,  sollen  mir  doch  auf  dieser  etwas  Beschnittenes  aufweisen 
Oder  wollen  sie  annehmen,  der  in  Holz  geschnitzte  Schauplatz 
des  Sonntags  sei  Frankfurt  am  Main,  worin  nach  einer  Ratsver- 
ordnung  vom  23.  Febr.  175 61  kein  Jude  auf  der  Gasse  er- 
scheinen  darf,  ja  wo  die  armen  Schelme  ihre  Briefe  so  auf  die  Post 
abgeben  mussen,  »daB  sie  damit«  (ich  brauche  die  Wendungen 
des  Dekrets)  »den  geraden  Weg  die  Zeil  hinauf  und  an  der 
1  Hauptwache  vorbei  bis  an  die  Bockenheimer  Gasse,  sodann  zu 

20  dem  Hessen-Kasselischen  Postwagen  den  Weg  hinter  denen  Pre- 
digern  her  nach  dem  Hayner-Hof  zu  halten  und  sonsten  weder 
zur  rechten  noch  zur  Hnken  Hand  auszuschweiffen  haben«?  Ist 
das  nicht  toll,  ich  meine  das  Erklaren?  - 

1  Neues  Genealogisch-Schematisches  Reichs-  und  Staatshan  dbuch  vor 
das  Jahr  1757. 


656  DAS  KAMPANER  TAL 

IV. 

HOLZ PLATTE  DES  VIERTEN  GEBOTS 

Der  schlafende  Cicero  und  clairvoyant  -  harmonia  praestabilita 


Es  gibt  zu  denken  und  ist  merkwiirdig,  wie  sehr  meine  schon  im 
dritten  Gebote  gefallete  Prophezeiung  hier  im  vierten  in  Erfiil- 
lung  geht.  Man  erinnert  sich,  daB  ich  weissagte,  auf  der  nachsten 
Holzplatte  diirften  wir  vielleicht  manche  Kirchleute  uber  der  Aus- 
mauerung  eines  Sparrwerks  betreten,  das  sie  neben  der  Kanzel 
zusammengenagelt.  -  Und  so  gliicklich  sind  wir  jetzt, 

Ich  schlage  mich  hier  nicht  lange  mit  meinen  Vorgangern  her- 
um,  welche  den  da  unten  liegenden  Herkules,  namlich  den  Lau- 
tenisten,  fiir  den  bezechten  Erzvater  Noah,  das  gebiickte  Mann- 
chen  Kronlein  fur  den  satirischen  Ham  (bevor  dieser  und  sein 
ganzer  Erb-  und  Weltteil  in  den  Farbkessel  und  in  die  Rufihiitte 
geworfen  wurden)  und  den  Landstand  und  die  Silberdienerin, 
der  jener  in  der  kalten  Nacht  einen  Nacht-  und  Bischofsmantel 
der  Liebe  umwirft,  fiir  Sem  und  Japhet  genommen  haben:  soli 


HOLZPLATTE  DES  VIERTEN  GEBOTS  657 

sich  ein  ernsthafter  Mann  mit  der  Rasur  solcher  geschraubter 
Traumdeutereien  befangen? 

Ich  und  das  Publikum  wenden  unsere  literarische  Zeit  besser 
an,  wenn  wir  den  Magen  des  Revisors  -  die  funfte  Geskhtslange 
-  studieren  und  dieses  Glied  fiir  unser  Dionysius-Ohr  und  Souf- 
fleurloch  halten.  Der  Kriegs-  oder  Friedensschauplatz  ist  wieder 
das  Lustlager.  Es  ist  Nacht  und  ziemlich  stockfinster.  Regina  und 
Raupert  haben  sich  unter  diese  Marquise1  beschieden.  Gewisse 
Damen  gleichen  dem  mechanischen  Genie  Earnshaw;  dieserlernte 

10  in  kurzer  Zeit  Uhren,  Orgeln,  optische  Instrumente,  Sarge,  Klei- 
der,  euklidische  Demoristrationen  machen;  nur  eines  war  ihm 
niemals  beizubringen  -  einen  Korb  zu  flechten.  So  verstehen  ge- 
wisse Weiber  alle  schonen  und  schwarzen  Kiinste,  die  besten 
Sprachen  und  Sitten,  konnen  alles  binden  und  flechten,  Zopfe, 
BlumenstrauBer,  Netze,  Strohseile,Fallstricke,  -  aber  einen  Korb^ 
das  haben  sie  nicht  in  ihrer  Macht,  und  wollte  man  ihnen  jeden 
Korb  mit  Herzen  und  mit  Assignaten  fullen.  -  Inzwischen  hort 
die  schlaue  Silberdienerin  den  Holzschneider,  dessen  Gang  sie 
kennt,  gegen  die  Marquise  aufmarschieren.  Weder  Flucht  noch 

20  Exkiise  stehen  ihr  frei;  sie  kann  nichts  mehr  tun  als  eine  -  Bitte  an 
ihren  Lieblingsschriftsteller  Raupert,  er  solle  sich  schlafend  an- 
stellen  und  im  Schlafe  plaudern,  und  sie  wolle  sich  bucken  und 
stellen,  als  behorche  sie  sein  Traumen. 

Das  tat  er  gern.  Als  der  Artist  naher  vorschritt :  so  winkte  ihm 
die  Frau  mit  groBen  Bogenlinien  der  Arme  -  der  Finsternis  we- 
gen  waren  diese  Fraktur- Winke  vonnoten  -,  leise  in  die  Marquise 
einzutreten,  weil  es  was  zu  horen  gebe.  Der  gutherzige  kurzsich- 
tige  Brot-  und  Eheherr  schlich  auf  den  Daumen  der  FuBe  herbei. 
Der  Kontraaltist  Noah  -  denn  Noah  hieB  er  wirklich  in  seiner 

30  Jugend,  weil  er  in  einem  biblischen  Schuldrama  diese  alttesta- 
mentliche  Rolle  durchgespielt  und  durchgetrunken  hatte,  und 
dieses  hat  auch  vermutlich  viele  Ausleger  der  Holzschnitte  mit 
auf  den  Irrweg  verlockt  -  der  Erzvater  also  stellte  sich,  als  ging* 
er  in  seinem  magnetischen  Schlafdiskurse  weiter  und  sagte :  »Bru- 
der,  das  wollt*  ich  eben,  der  Revisor  fiihre  zum  Teufel !  Ich  setze 
1  So  heiBet  ein  Offizierszelt. 


658  DAS  KAMPANER  TAL 

seinem  Weibsbild  nach,  es  ist  aber  schwer  zu  fangen,  und  der  alte 
Narr  tragt  sie  immer  in  der  Tasche  bei  sich.  —  Vorgestern?  - 
Nein,  du  irrest.  -  Dann?  -  Ja,  mache  du's  erst;  aber  ich  kenne  den 
Narren  vollig.  Und  muB  ich  dir  sagen,  der  Bischof  ist  wohl  nicht 
der  Mann  dazu — « 

Es  macht  Gedanken  -  die  auch  geauBert  werden  sollen  -,  daB 
der,  der  jetzt  zum  Kolloquium  wie  der  vierte  Mann  und  Engel  in 
den  feurigen  Ofen  der  drei  Leute  trat,  der  Landstand  selber  war. 
Und  die  Griinde  meines  Verdachts  sind  der  Verfolg:  Regina 
schickte  dem  Bischof  die  starksten  mimischen  Befehle  des  Stille-  10 
seins  unhoflich  entgegen  -  der  Erzvater  fing  auf  einmal  an,  den 
Landstand  zu  schmahen  und  gleich  darauf  gegen  das  kleine  Ak- 
zessit -Tochterchen  (das  wir  vorigen  Sonntag  auf  der  3ten  Platte 
bleich  und  Jung  hinter  der  Kanzel  angeschauet)  entsetzlich  loszu- 
ziehen,  und  zwar  dergestalt  und  in  solchen  Wendungen,  daB  Re- 
ginen  und  selber  dem  Bischof  in  partibus  keine  andere  dezente 
Zuflucht  iibrig  blieb  als  die,  aus  dem  Zelte  eihe  verschamte  Flucht 
in  die  Finsternis,  so  weit  der  Spitzbube  zu  horen  war,  mutig  zu 
nehmen.  Ist  das  und  noch  viele  andere  Dinge,  zu  deren  Rapport 
Zeit  fehlt,  noch  nicht  geschickt,  in  einem  Leser  des  1 8ten  Jahr-  20 
hunderts  klugere  Vermutungen  aufzuwecken,  als  in  einem  Ehe- 
mann  des  iyten  aufsprangen?  Letzterer  dankte  dem  Himmel,  als 
er  seine  Gebenedeite,  die  (nach  ihm)  gleich  den  Tiirkinnen1  zwar 
Huhner,  aber  nicht  Hahne  unverschleiert  fiittern  kann,  mit  dem 
Landstand  unter  dessen  zweischlafrigen  Schlafpelz  laufen  sah; 
aber  was  sprechen  Leser  dazu,  die  in  Paris  und  Rom  gelebt?  Ist 
es  denn  solchen  noch  dunkel,  daB  dreifache  Spitzbuberei  hier 
webe  und  spinne?  —  Ist  diesen  erst  ein  Schworf^  vonnoten,  das 
ihnen  es  mit  schonen  Lettern  vor  die  Augen  druckt,  daB  ganz 
gewiB  der  Lautenist  nichts  als  eine  vom  Bischof  in  partibus  ge-  30 
drehte  Zwirnmuhle  und  Spinnmaschine  ist,  womit  der  Landstand 
seine  Fallstricke  um  Reginen  spinnt  und  legt  -  daB  aber  der  Lau- 

1  Journal  de  lecture  n.  II.  p.  187. 

2  Gera  hieB  nach  vielen  Altertumsforschern  sonst  Schwortz,  von  den  Sor- 
ben  oder  Schworzen  (Schwarzen),  weil  diese  iiber  das  schwarze  Meer  her- 
kamen;  aber  Longol  sagt  in  seinen  »Longolischen  Beschaftigungen«,  er 
widerleg*  es  irgendwo. 


HOLZ PLATTE  DES  VIERTEN  GEBOTS  659 

tenist  den  Bedienten  gleiche,  die  in  der  Mietkutsche,  die  sie  zu 
bestellen  hatten,  selber  gefahren  kommen  -  daB  er  heute 
die  Silberdienerin  unter  die  Marquise  bestellen  sollen,  daB  ers 
aber  vermutlich  einige  Viertelsturtden  zu  bald  getan,  um  dem 
Landstand  durch  eine  fruhere  Originalitat  keine  Ehre  mehr  zu 
lassen  als  die  einer  Kopie?  — 

Um  vieles  glaublicher  wird  die  Hypo  these,  daB  wir  das  neue 
Paar  vor  unsern  Augen  davongehen  sehen:  denn  das  lasset  pra- 
sumieren,  daB  die  Dienerin  und  der  Kirchendiener  Menschen 

>  sind,  die  gewiB  (nach  einer  unedlen  Phrasis)  der  Teufel  reitet. 
Des  heiligen  Xavers  Milt^e  macht  bekanntlkh  Gemahltnnen  — 
und  Johannis  V.  und  Peters  II.  Frauen  trugen  solche  -  fruchtbar, 
und  zwar  mit  Knaben:  nun  hatte  die  arme  Sara-Wilste^  Regine, 
nichts  Nahers  aufzusetzen  bei  der  Hand  als  die  Bischof s-Mut^e^ 
und  das  (so  war  ihr  SchluB)  mochte  ihr  guttun.  Absolut-unmog- 
lich  ists  nicht,  da  ich  taglich  Bischofe  die  Abkommlinge  ihrer  In- 
fuln-  und  Wunderkrafte  gleich  Pasquillen  erstiich  vervielfaltigen, 
zweitens  anonym  versenden  sehe.  Obrigens  fehlte  unserer  Silber- 
dienerin zu  einer  Weltdame  im  verbrauchten  Sinn  nichts  als  eine 

>  -  Residenz.  Weltdamen  ist  aber  Lykurgus'  Gebot  nicht  neu,  nie 
lange  gegen  einen  Feind  zu  kriegen,  sondern  Heber  (zum  Vorteil 
des  Muts)  die  Gegner  zu  wechseln.  -  Der  Gegner,  der  Bischof, 
ist  ein  guter  Herr:  Ideen  (geistlichen)  stellt  er  ewig  nach.  Da 
namlich  nach  Hemsterhuis  Schonheit  das  ist,  was  die  groBte  An- 
zahl  Ideen  in  der  moglich-kleinsten  Zeit  erweckt,  so  muB  ein 
geistlicher  Herr,  ein  Kanonikus,  einKuntius,  ein  Kardinalbischof 
ein  Kardinalpriester  sich  nach  Schonheiten  umtun  und  sich  Ge- 
genstande  auslesen,  die  ihn,  da  er  wenig  Zeit  hat,  mit  einemOber- 
schwang  von  Ideen  auf  einmal  versorgen. 

Ich  fahre  aber  im  Extrakte  aus  dem  Protokoll  des  Kronlein- 
schen  Magens  fort.  Entweder  wurde  der  Lautenist  der  liegenden 
und  gesprachigen  Rolle  miide,  oder  er  gonnte  dem  Landstand  die 
seinige  nicht:  kurz  er  fing  an,  sowohl  den  Bischof  als  den  Zuhorer 
Halunken  zu  nennen,  dann  Teufelsbraten,  dann  Schlafmiitzen, 
dann  gar  Fratzen  und  Tropfe.  Dieses  Namenregister  fiihrte  zwi- 
schen  dem  gefirmelten  Revisor  und  dem  Wiedertaufer  eine  Er- 


660  DAS  KAMPANER  TAL 

kennung  herbei,  die  der  Kiinstler  nicht  fiir  unwiirdig  hielt,  einen 
eignen  Holzschnitt,  den  des  funften  Gebots,  zu  fullen. 


V. 

HOLZPLATTE  DES  FUNFTEN  GEBOTS 

Beschreibung  der  gegenwartigen  Platte  -  Bestimmung  der  Biicherverbote 


Da  haben  wir  den  Teufel!  Der  Salzrevisor  hat  sich  erboset  und 
sich  des  Lautenfutterals  statt  eines  Stab  Sanfts  bemachtigt  und 
holt  nun  mit  dem  Streit-  und  Waldhammer  aus,  um  damit  den 
Schlafredner  wie  einen  Baum  anzuplatzen  und  zu  signieren.  So- 
nach  schlagt  die  Laute  den  Lautenschlager  durch  eine  Trans ver- 
salschwingung.  Das  Langkinn  liegt  auf  dem  Feldbette  der  Erde 
als  Sanskulott  oder  gallus  togatus1,  indes  der  Holzschneider  und 

1  Gallia  togata  hiefi  bekanntlich  das  Gallien,  dessen  Einwohner  die  romi- 
sche  Toga  annahmen;  Gallia  braccata  hieB  das  behosete,  das  in  seinen  alten 
Sitten  und  Hosen  blieb. 


HOLZ  PLATTE  DES  FUNFTEN  GEBOTS  66 1 

Streithahn,  angekleidet  als  gallus  braccatusy  den  Sturmbalken  mit 
einer  Schnelle  riickwarts  schwingt,  daB  er  den  Rauch  des  einen 
Wachfeuers  umweht,  so  wie  der  steilrechte  des  zweiten  Feuers 
sich  biicken  wird,  falls  -  er  den  Lautenzug  dieser  Kniegeige  (wie 
aber  auf  dem  Holzschnitt  nicht  zu  furchten)  niederbringen  sollte. 
Ubrigens  weiB  schon  unser  Artist,  daB  das  Futteral  wie  Tanz- 
handschuhe  nur  einmal  zu  gebrauchen  ist  und  nichts  zerschlagt 
als  sich;  damit  wirft  er  aber  auf  seinen  sanften,  von  Windstille 
und  einiger  Knalluft  beherrschten  Charakter  ein  reizendes  Licht, 

»  und  man  bleibt  ihm  gut. 

Was  soil  ich  aber  von  stumpfen  Auslegern  denken,  die  niemals 
Kronleins  Nabel1  iiberlesen  haben  und  die  aus  Einfalt  den  scho- 
nen  Revisor  mit  der  langen  Tastatur  zum  Kain  und  den  haBIichen 
Altisten  zum  Abel  ummiinzen?  Ja,  da  sie  sich  auch  ohne  die  Sek- 
tionsberichte  und  Affichen  des  Nabels  hatten  vorstellen  konnen, 
daB  man  Konfirmanden  und  Buchstabierschiitzen  nicht  mit  ihren 
zarten  weichen  Fiihlfaden  vor  das  Schlachtfeld  eines  kopierten 
Brudermords  stellen  werde,  was  soil  ich  da  von  solchen  harten 
inkrustierten  Auslegern  fiir  eine  Auslegung  geben?  -  Gar  keine 

>  geb*  ich;  -  und  es  ist  auch  keine  einemMannewie  mir  anzumuten, 
der  schon,  wenn  er  nur  von  Ameisen-  und  Krotenol  und  von 
Kaviar  und  von  Pfunden  zerquetschter  Kochenillen  und  von 
Ameiseneiern  in  Kannen  Reset,  gern  nicht  weiter  dariiber  denken 
und  es  sich  nicht  auseinandersetzen  will,  wie  viele  kleine  Welten 
unser  Bedurfnis  zermalmen  muB,  um  unsern  Mikrokosmus  weich 
zu  betten  auf  Schlachtfelder. 

So  weit  der  Nabel!  -  Was  ich  noch  nachbringe,  gehort  zwar 
nicht  zur  Sache,  aber  doch  zur  Nebensache.  Viele  Leser,  beson- 
ders  die  Juristen  nab'  ich  jetzt  iiber  die  peinlichen  halsgericht- 

d  lichen  Nachwehen  dieser  Lautenschlagerei  unruhig  gemacht;  - 
und  in  der  Tat  greift  diese  fiinfte  Kriegs-  und  Holzplatte  in  alle 
kunftige  ein:  aber  eben  darum  heitere  ich  nicht  ohne  Absicht 
bange  Leser  mit  Allotrien  auf,  die  ich  nun  anfange. 

Eine  solche  Nebensache  oder  ein  Allotrium  scheint  es  mir  zu 

sein,  wenn  ich  sage,  daB  aus  dem  Revisor  ein  guter  Offizier  ware 

1  Der  Anfang  der  fiinften  Gesichtslange  und  Deklination  des  Menschen. 


66l  DAS  KAMPANER  TAL 

zu  machen  gewesen.  Unter  einem  guten  Offizier,  der  der  Primas 
der  Prima  Plana  zu  sein  verdient,  versteh'  ich  einen,  der  Geduld 
und  Feuer  genug  hat,  einen  Gemeinen  hinlanglich  auszuprugeln. 
Denn  aus  einem  solchen  Friedens-Maneuvre  macht  sich  auf  seine 
Kriegsmaneuvres  der  SchluB  leicht,  d.  h.  aus  der  triumpkierenden 
Kirche  auf  die  streitende\  denn  ein  Lieutenant,  der  einen  landes- 
herrlichen  Fuselier  schon  mit  bloBem  Stock  erschlagt,  kann  doch 
der  Mann  nicht  sein,  dem  es  schwer  fallt,  einen  feindlichen  mit 
dem  Degen  zu  erstechen  -  ist  sonst  alles  gleich.  -  Daher  lasset  man 
eben  der  Prima  Plana  maBiges  Fuchteln  zu,  nach  einem  alten  10 
Grundsatz  der  Jagerei,  die  noch  fruher  Hetzhunde  an  lakmen 
Schweinen  fur  wilde  Sauen  einhetzt 

Sonst  dacht'  ich  freilich,  Kronlein  und  Raupert  schlossen  in 
dieser  Gruppe  etwan  einen  Bund  von  Belang.  Denn  ich  habe  auf 
Exerzierplatzen  und  auf  menschlichen  Trankherden  es  oft  ge- 
sehen,  daB  die  Bundner  einander  blutig  schlugen,  um  einer  scho- 
nen  Sitte  der  alten  Welt  zu  folgen,  worin  Personen,  die  eine 
lebenslange  Freundschaft  kniipfen  wollten,  einander  die  Adern 
aufschlitzten  und  ihr  Blut  vermischten.  Und  dieser  Vermischung 
begegn*  ich  in  Schenken  taglich;  wiewohl  der  Staat  solche  enge  20 
Eidesgenossenschaften  niemals  duldet,  weil  schon  die  Romer 
Biindnisse  im  Staate  verwarfen  und  weil  sogar  die  deutschen 
Kaiser  (z.  B.  Karl  V.  nach  Moser)  eben  darum  kaum  Brand - 
assekuranzgesellschaften  leiden  wollten. 

Aber  das  ist  bunter  Zerstreuungs-  oder  Diffusionsraum  genug 
fur  Leser,  die  die  schwere  Armfeile  und  Tangente  des  Kiinstlers 
angstigt  -  und  es  ist  nicht  zu  fruh,  wenn  wir  von  der  funften 
Platte  in  die  sechste  eilen,  sobald  wir  nur  folgende  drei  Seiten 
iiberlaufen  haben.  —  Auf  diesen  stell*  ich  bloB  die  Betrachtung 
iiber  die  Seiten  an,  womit  ich  glanze;  und  darunter  ist  wohl  dieser  30 
Kommentar  am  wenigsten  auszulassen,  durch  welchen  ich,  wenn 
nicht  die  10  Gebote  oder  Holzschnitte  heller  erklare,  doch  weiter 
verbreite.  Wenigstens  kann  mein  Kommentar  doch  die  10  Ge- 
bote auf  tafelfahige  Schmerbauche  -  d.  h.  auf  deren  Gilets  als 
Stickerei  — ,  auf  Facher,  in  Taschenkalender  als  12  Monatskupfer, 
abbossiert  in  Bilderuhren  als  12  neue  Stundenfiguren  bringen, 


HOLZPLATTE  DES  FUNFTEN  GEBOTS  663 

einstweilen  sag*  ich,  bevor  eine  Zensurkommission  -  wozu  noch 
schlechte  Hoffnung  vorhanden  ist  -  so  viel  Einsicht  hat,  da8  sie 
besagten  Katechismus  verbeut.  Was  helfen  aber  dem  Staate  alle 
Zensurkollegien,  wenn  man  gerade  den  besten  Buchern  das  Pri- 
vilegium  des  Verbots  entzieht  oder  gar  elenden  und  schadlichen 
es  gewahrt?  Wenn  der  Endzweck  der  Bucherverbote  ist  -  wie 
man  wenigstens  hoffen  mufl  -,  fiir  Werke,  vor  denen  vielleicht 
das  iiberladene  Publikum  blind  vorbeigelaufen  ware,  durch  die 
Larmtrommel  des  Verbotes  anzuwerben;  wenn  ein  guter  index 

i0  expurgandorum  die  Friichte  des  Erkenntnisbaums  eben  wie  der 
Rabe  die  Eicheln  unterscharren  soil,  weil  sie  nach  diesem  Ver- 
decken  nur  fruher  aufkeimen  -  daher  sogar  der  index  sich  selber 
verbieten  muB,  welches  auch  (nach  Nicolai)  an  einigen  Orten 
geschieht  -:  so  miiBte,  daucht  mich,  dieses  wichtige  Privilegium, 
dieser  gelehrte  Adel  und  Orden  pour  le  merite  mit  einiger  Aus- 
wahl  der  Subjekte  erteilet  werden;  nicht  aber,  wie  der  Wiener 
index  tut,  dem  ganzen  MeBkatalog  in  Pausch  und  Bogen,  wie  ein- 
mal  Theresia  die  ganze  Wiener  Kaufmannschaft  adeln  wo  lite. 
Ganz  schlechte  oder  schadliche  Werke  miiBten  nie  verboten  wer- 

20  den,  da  das  Verhehlen  oder  die  Maske,  wie  bei,  den  romischen 
Akteurs,  die  Stimme  lauter  macht.  Ganz  meisterhafte  haben  zu 
ihrem  Fortkommen  derGnadenmittel  undDiebsdaumen  der  Zen- 
sur  nicht  notig:  die  sympathetische  Dinte,  womit  sie  geschrieben 
sind,  tritt  schon  durch  die  bloBe  Lebenswarme  des  Lesers,  ohne 
Scheiterhaufen^rdWe  der  Zensur,  leserlich  vor.  Aber  mittelmaBi- 
gen  Werken,  die  viel  niitzen,  aber  wenig  schimmern,  und  Wer- 
ken  und  Zeitungen,  die  der  Staat  monatlich  fiir  das  Volk  schrei- 
ben  lasset,  so  vielen  tausend  Predigtbuchern  und  Heilsordnun- 
gen,  solchen  miiBte  das  Privilegium  und  Belobungsschreiben  des 

30  Verbots  nicht  abgeschlagen  werden;  ein  solches  GroBkreuz  und 
Ordenszeichen,  das  ja  dem  Staat  nichts  kostet,  brachte  manchen 
Hterarischen  Kriippel  weiter  und  in  bessere  Gesellschaft.  So  wird 
auch  die  Bude  der  Tuchmacher  mit  dem  Tuche  der  Schwarzrocke 
iiberzogen,  weil  Verschatten  verschonert.  Ist  denn  die  disciplina 
arcani  bei  den  ersten  Christen  nicht  jetzt  wieder  notig,  die 
nicht  bloB  ihre  Religionsschriften  wie  sibyllinische  verbargen, 


664 


DAS  KAMPANER  TAL 


sondern   sogar   aus   ihren   Sakramenten  heidnische  Mysterien1 
machten  ? 


VI. 


HOLZPLATTE  DES  SECHSTEN  GEBOTS 

Das  FuBwaschen  am  griinen  Donnerstag  —  der  Gesang  im  Bade  —  Tadel  der 

Ausleger,  der  Zweideutigkeiten  und  Thiimmels  -  Lob  der  Reginen,  der 

Ehebriiche  und  des  Erdballes 


Nicht  bloB  physisch,  auch  moralisch  gingen  auf  den  bisherigen 
Platten  nur  Aschermittwoche,  Fastensonntage  und  Passionstage 
fur  unsern  Lorenz  auf:  hier  auf  der  sechsten  erlebt  er  endlich 
einen  griinen  Donnerstag,  ja  wie  er  uns  sagen  wird,  eben  an  einem 
griinen  Donnerstag  kam  er  wieder  auf  einen  griinen  Zweig.  Wir 
verlieBen  ihn  auf  dem  vorigen  Formbrett  ohne  Aussicht  auf  eine 

1  Besonders  das  Abend mahl  gaben  die  Kirchenlehrer  fur  eleusinische 
Mysterien  aus,  urn  es  in  Achtung  zu  setzen;  und  erschufen  die  Ahnlichkeiten 
des  Stillschweigens  und  der  drei  Grade,  der  Reinigung,  der  Initiation  und 
der  Epopsie.  Casaubon.  Exercitat.  ad.  ann.  Baron  XVI.  43. 


HOLZPLATTE  DES  SECHSTEN  GEBOTS  665 

ruhige  Stelle  im  Staat,  auf  eine  Ferien-Bett-Stelle,  ohne  Kinder, 
ohne  Geld,  ohne  Mittler  und  Protektor,  falls  ihn  der  ausgeprii- 
gelte  Altist  gerichtlich  verfolgte  (denn  der  Bischof  war  Heber  sein 
ehelicher  Frostableiter  als  sein  gerichtlicher  Blitzableiter  und  blies 
mit  dem  Musikanten  in  ein  Horn).  So  betmbt  sah  es  noch  auf  der 
vorigen  Seite  mit  unserem  Hiob  aus,  dessen  Leidenkelch  iiberlief : 
jetzt  hat  der  Kelch  ein  Loch. 

Der  rechte  Schenkel  des  Revisors1  berichtet  uns,  daB  es  hier 
auf  der  Platte  Nacht  ist,  weil  der  kleine  Lichtabfall  von  den  Stern- 

10  bildern  nicht  viel  sagen  will.  Lorenz  kommt  zuvor  und  sagt, 
wenn  er  den  Erebus  oder  die  zwolfzollige  Finsternis  auf  dem 
Buchsbaum  (diese  und  die  folgenden  Platten  sind  davon)  hatte 
zeigen  wollen,  so  hatte  kein  Mensch  die  Leute  in  der  Finsternis 
gesehen;  und  er  opfert  als  GegenfiiBler  der  Grofiinquisitoren 
lieber  die  Finsternis  als  die  Menscken  auf. 

Es  war,  fahrt  er  fort  -  meine  Quelle  1st  der  rechte  Schenkel  -, 
am  griinen  Donnerstage  nachts  (denn  Ostern  fiel  spat),  als  seine 
Regina,  die  an  nichts  dachte,  ein  kaltes  FuBbad,  unweit  der  fiirst- 
lichen  Platteforme,  gebrauchen  wollte,  im  SchloBgraben.  Vor  der 

20  Welt  schwimmt  der  Graben  auf  dem  Stock. 

Ich  glaube,  ich  habe  oft  genug  an  katholischen  und  andern 
Hofen  die  Fiirsten  am  griinen  Donnerstag  12  Armen  die  FiiBe 
waschen  sehen,  um  wenigstens  folgendes  vorzutragen.  Bekannt- 
Iich  werden  dort  nicht  nur  -  wie  gewohnlich  -  die  zwolf  Apostel 
durch  zwolf  Arme  reprasentiert,  sondern  auch  -  wie  noch  ge- 
wohnlicher  -  die  zwolf  Arme  durch  zwolf  HofleuteS  Dem  Hof- 
mann  ist  es  an  griinen  und  an  gelben  und  welken  Donnerstagen 
etwas  Gewohntes,  vor  Serenissimo  den  Armen  und  Lazarus  (im 
Himmel)  zu  machen:  der  Oberhofmeister  stellet  sich  also  wie 

30  andere  Bettler  blind—  der  zweite  Kammerherr  lahm  -  der  Minister 
taubstumm  (taub  hinab-,  stumm  Ainaw/warts)  -  der  fremde  Am- 
bassadeur  hat  keine  Nase  (der  Hocker  hinten  ist  keine),  wiewohl 
sein  Hof  ihm  von  beiden,  was  er  braucht,  zuschickt  -  und  jeder 

1  Sechste  Gesichtslange. 

2  E3  soil  den  Sinnen  des  gekronten  Waschers  der  Anblick  und  die  Mani- 
pulation wirklicher  Bettler  und  Kriippel  ersparet  werden. 


666  DAS  KAMPANER  TAL 

fallite  und  insolvente  Hofbediente  spielt  auf  dem  fiirstlichen 
Waschzettel  leicht  die  Armenrolle.  Nachher  wenn  ihnen  derjenige 
die  FuBe  gewaschen  -  d.  h.  bloB  getrocknet  -  hat,  dem  sie  .seine 
so  oft  gelecket  haben,  und  wenn  sie,  ungleich  der  schwarzen 
Wasche,  die  man  vor  dem  Einfeuchten  flickt,  nach  demselben 
ausgebessert  worden:  so  kommt  alles  wieder  in  den  rechten  Gang, 
die  Armen  werden  wieder,  wie  andere  Schafe,  ordentlich  nach 
dem  Wascken  geschoren,  und  der  Staatskorper  wird  wie  Raupen, 
die  man  flach  quetscht,  und  Waren  so  gepresset,  daB  er  sich  kon- 
servieren  muB.  Sind  es  noch  dazu  geistliche  Wascher  (Gold-  10 
wascher),  so  sind  sie  ganz  das  Widerspiel  der  agyptischen  Prie- 
ster,  die  sich  von  heiligen  Tieren  nur  sattigen,  nicht  kleiden,  ihnen 
nur  das  Fleisch  nehmen  durften,  nicht  die  Haut;  denn  jene  ver- 
schlingen  ihre  Sassen  nicht,  sondern  enthiilsen  sie  blofi,  sie  neh- 
men ihnen  nur  das  Mark,  ohne  welches  nach  den  neuern  Erfah- 
rungen  die  Baume  recht  gut  fortkommen,  ja  eigentlkh  nur  das 
Blut,  ja  wenn  man  noch  billiger  urteilen  will,  Ziehen  sie  ihnen 
nichts  vom  Leibe  als  das  Hemd  und  nicht  wenige  gar  nur  den 
Rock. 

Aber  auf  die  sechste  Platte  zuriick !  Wahrend  Regina  als  Arme  20 
und  Konigin  zugleich  an  sich  das  liturgische  Donnerstagswa- 
schen  verrichtet,  fangt  oben  auf  einem  italienischen  Dach  ein 
gekronter  Herr  an  zu  harfenieren.  Es  ware  zu  wunschen,  der 
rechte  Schenkel  ware  iiber  Titel  und  Wappen  des  Harfners  nicht 
so  kurz  weggegangen:  es  notigt  mich,  den  Musik-  und  Landes- 
direktor  in  meiner  Erklarung  bloB  unter  dem  weiten  Namen  des 
Serenissimus  aufzufiihren  und  zuweilen  (ich  wechsele)  unter  dem 
Namen  Silluk,1  -  Indes  nun  der  Silluk  oben  ohne  sein  Wissen 
der  FluBgottin  ein  Standchen  brachte  -  er  konnte  sie  nicht  sehen, 
sagt  der  Revisor  auf  seinem  Schenkel  -,  fiel  die  Spitzbiibin  als  30 
erste  Sangerin  in  seine  Symphonien  leise  ein.  Der  Silluk  kam 
auBer  sich  und  p.ausierte  und  guckt  (man  betrachte  ihn  auf  dem 

1  Der  Silluk  und  Athnach  sind,  wie  bekannt,  die  2  Zare  unter  den  hebrai- 
schen  Akzenten,  dann  kommen  4  Tetrarchen  und  dann  6  Pfalzgrafen 
(comites),  7  Generale  oder  Heptarchen :  die  Anzahl  ihrer  Untertanen  ist  so 
stark  wie  sie,  namlich  sieben;  also  erreicht  in  der  Grammatik  wie  in  kleinen 
Staaten  die  Zahl  der  Gemeinen  oft  die  Zahl  der  Offiziere. 


HOLZPLATTE  DES  SECHSTEN  GEBOTS  667 

6ten  Stock)  staunend  geradeaus.  Regina  ist  recht  froh,  daB  die 
Nacht  nicht  so  hell  ist  wie  nach  Damascenus  die  erste  Weih- 
nachts-Nacht,  denn  die  Finsternis  zeugt  schon  nach  den  Heiden1 
(und  auch  diesesmal)  die  Enthaltsamkeit,  die  Nemesis,  die  Eu- 
phrosyne,  das  Mitleiden  und.  die  -  Freundschaft:  trotz  der  Fin- 
sternis bringt  Regina  das  Badekleid  in  Ordnung  und  pausiert 
auch.  Serenissimus  harpeggierteinige  Moll- Akkordeauf  der  Spitz- 
harfe  bloB  diminuendo,  um  herauszubringen,  was  da  unten  singe. 
Der  weibliche  Badgast,  der  (ich  sag'  es  noch  einmal,  es  war  pech- 

10  finster)  von  seinem  Gesicht  keinen  Gebrauch  machen  konrue,  so 
vprteilhaft  der  Gebrauch  auch  gewesen  ware,  da  der  Gast  wie 
sein  Geschlecht  und  Abdera  den  Beinamen  schon  fuhrte,  der  Gast 
griff  zur  Kehle  und  sang  hinauf :  Regina  tat  in  der  Finsternis  ihr 
Herz  und  ihren  Mund  auf  (wie  mehrere  ihres  Geschlechts,  so  wie 
ich  junge  Vogel  in  meiner  Kindheit  nicht  eher  zum  Aufsperren 
des  Schnabels  brachte,  um  sie  zu  atzen,  als  bis  ich  sie  in  einen 
finstern  Winkel  gesetzt)  und  reichte  eine  gesungne  Supplik  um 
besseres  Brot  fur  ihren  Revisor  ein.  Ich  kann  mir  das  Erstaunen 
des  musikalischen  Silluks  recht  gut  denken.  Er  winkt  die  Dis- 

20  kantistin  zu  sich  hinauf so  steht  wenigstens  auf  dem  Schenkel, 

wiewohl  mir  das  mit  der  vorigen  Finsternis  nicht  recht  zu  har- 
monieren  scheint.  Die  Silberdienerin  tut  das  ohne  Bedenken:  sie 
kann  droben  das  Gliick  ihres  Lorenz  machen,  und  darin  sucht  sie 
ihr  eignes.  -  Manches  weibliche  Herz  ist  kein  Magnet,  sondern 
ein  magnetisches  Magaiin  von  Knight,  das  aus  240  kiinstlichen 
Magneten  besteht  und  entsetzlich  zieht  und  tragt.  Der  grofie  Mo- 
gul nimmt  bekanntlich  keine  Supplik  ohne  ein  angebognes  Pre- 
sent an:  es  ist  zu  vermuten,  daB  der  Silluk  zu  dem  abgesungnen 
Bittschreiben  die  Beilage  eines  Geschenkes  begehrte  und  daB  hier 

30  der  Fiirst,  wie  in  Sina,  zugleich  der  Bischof  war.  Ja  es  ist  die 
Frage,  ob  er  von  Reginen  nicht  die  Huldigung  nachfoderte,  die 
bei  den  Hebraern  im  Kiissen  bestand.2  - 

Der  historische  Schenkel  fasset  sich  iiber  den  Rest  zu  kurz  und 
sagt  im  allgemeinen,  daB  der  Harfner  seine  untertanige  Sassin  und 

1  Hygin.  Praef.  p.  1. 

2  1.  Sa.  X.  1.  Ps.  II.  12.  Warnekros  hebraische  Altertumer. 


668  DAS  KAMPANER  TAL 

Silberdienerin  mit  Schwuren  entlieB,  fur  ihren  Mann  mehr  zu 
tun,  als  er  sich  nur  je  traumen  lassen.  Das  gebe  der  Himmel!  Jetzt 
erwarten  ich  und  der  Salzrevisor,  was  denn  nun  der  ausgestaupte 
Kontraaltist  zu  tun  gedenke,  und  die  groBten  Revolutionen  ste- 
hen  gegenwartig  auf  den  nachsten  Stocken  bevor.  — 

Da  ich  mir  jetzt  einbilde,  die  Nacht,  die  iiber  dem  6ten  Holz- 
schnitt  hing,  weggetrieben,  wenigstens  illuminiert  zu  haben  - 
wiewohl  ich  doch  aus  Verstand  immer  so  viel  Finsternis  stehen 
lassen  muBte,  als  die  Juden  verlangen,  um  darin  das  Osterlamm 
zu  genieBen,  so  wie  die  Griechen  der  Nacht  Hahnen  (die  Chri- 
sten Hennen)  opferten  -,  ich  meine,  da  ich  diese  Platte  nicht  un- 
glucklich  beschattet  und  beleuchtet  habe:  so  diirfte  es,  hoff*  ich, 
von  christlichen  Gelehrten  zu  erwarten  sein,  daB  sie  deswegen 
keinen  Teufels-Larm  anfangen,  wenn  ich  nun  nach  getaner  Ar- 
beit mich  an  betrachtenden  Ausschweifungen  oder  an  ausschwei- 
fenden  Betrachtungen  zu  erholen  suche,  die  allgemeiner,  vom 
Gegenstande  des  6ten  Stocks  und  Sinns  abgelegner  und  im  gan- 
zen  erbaulich  sind,  ich  meine,  man  wiirde  es  mir  nachsehen,  wenn 
ich  mich  jetzt  unterflnge,  drei  Dinge  zu  loben  und  drei  Dinge  zu 
tadeln.  -  Die  gelobten  sind :  i)  die  Reginen  -  2)  die  Ehebriiche  - 
3)  der  Erdball;  die  getadelten  sind:  1)  die  Ausleger-  2)  die  Zwei-  ; 
deutigkeiten  -  und  3)  Herr  v.  Thiimmel. 

Ich  beginne  wie  Eltern  und  Menschen  mit  Tadeln  - 
Die  Ausleger  vor  mir  hab*  ich  zuerst  zu  tadeln.  Alle,  die  ich 
nachgelesen  oder  als  Kind  auf  der  Schulbank  gehoret  habe,  geben 
den  Nachtmusikanten  auf  dem  welschen  Dach  fur  den  Psalmisten 
David  aus  und  die  badende  Bittstellerin  fur  die  Bathseba.  Wes- 
wegen  tun  sie  das?  hat  in  diesem  Spiele  mehr  ihre  Einfalt  oder 
ihre  Spitzbuberei  die  Hand?  Ich  sorge,  letztere.  Einfalt  ists  gar 
nicht :  sie  sehen  recht  gut  wie  der  Leser  ein,  daB  der  Formschnei- 
der  nicht  den  alten  David  mit  einer  Davidsharfe  und  seiner  vier-  = 
pfundigen  Krone  werde  aufs  Dach  herausgenagelt  haben,  damit 
er  der  Magdalene  im  FuBwaschen  BuBpsalmen  vorklimpere.  Die 
Rabbinen  verbieten  aus  einem  sehr  feinen  Gefiihl,  lange  die  weib- 
liche  Kleidung  anzusehen;  und  dem  gekronten  Herrn,  der  da 
oben  vom  Altan  herunterguckt,  wird  der  Anblick  der  -  Kleidung 


HOLZPLATTE  DES  SECHSTEN  GEBOTS  669 

erspart:  sieht  diese  Feinheit  des  Gefuhls  dem  alten  David  ahnlich, 
der  leider  gegen  zwei  benachbarte  Gebote  zu  oft  den  Sultan 
spielte?  -  Hingegen  einem  neuern  zartern  Herrn  sieht  das  gleich. 
Aber  Schelmerei  und  Spitzbiiberei  neuerer  statistischer  Exegeten 
bricht  durch  die  ganze  Version  des  Stocks  hindurch,  wenn  sie 
einen  oder  den  andern  spatern  Silluk,  den  sie  ganz  gut  kennen, 
fur  einen  David  ausmiinzen  wollen.  Sie  mochten  uns  gar  zu  gern 
bereden,  daI3  Serenissimi,  gleich  dem  Psalmisten  und  iiberhaupt 
wie  alle  orientalische  Dynasten  und  Hospodars,  dafur  halten, 

10  alles,  woriiber  ihr  Zepter  reicht,  besonders  Weiber,  sei  ihnen 
verfallen,  wie  etwan  dem,  der  den  Gehenkten  loser,  alles  gehort, 
was  der  Radius  seines  Schwertes  umzirkelt;  und  daB  sie  bloB 
deswegen  nach  ihrer  Rolle  so  sehr  haschten  wie  die  Einwohner 
von  Aix  sonst  nach  der  Rolle  des  Teufels,  wenn  die  Passion  tra- 
gieret  wurde,  weil  nach  dem  dortigen  Gebrauch  der  mimische 
Satan  alles  behalten  durfte,  was  er  mit  seinen  Krallen  errafTte.1 
Allerdings  weiht  der  Papst  den  Fiirsten  am  Sonntag  Laetare 
giildne  Rosen;  aber  die  schonsten,  die  weiblichen,  wiirde  der 
alte  Herr  dadurch  entweihen.  Der  Ausleger,  welcher  Fiirsten  zum 

20  David  herabsetzen  will,  hat  vielleicht  nie  bedacht,  daB  Thronen 
Bergen  gleichen,  auf  denen  sich  von  jeher  das  Beste  in  der  Welt 
aufhielt,  z.  B.  (ich  nenne  die  ungleichartigsten  Dinge)  die  schon- 
sten Blumen  -  der  beste  Honig  daraus  -  alte  Stadte  -  Metalle  - 
Graber  beruhmter  Manner  -  die  beste  Schafweide  -  die  beste 
Viehzucht  -  die  Romer  von  Range  -  die  Freistadte  -  und  in 

Japan  die Hochzeiten. 

Zweitens  nab*  ich  hart  mitzunehmen  die  Zweideutigkeiten.  Der 
Schmuti  vermehret  zwar  das  Gewicht  der  Einfdlle  und  der  Du~ 
katen  um  zwei  bis  drei  Asse,  es  ist  aber  besser,  das  Gold  fiir  Kot 

30  anzusehen  als  den  Kot  fiir  Gold.  Ich  verachte  schon  darum  alle 
unsittlichen  Zweideutigkeiten,  weil  es  viel  leichter  ist,  sie  zu  er- 
nnden  als  zu  vermeiden,  in  welchen  letztern  Fall  unser  unkeu- 
sches  Jahrhundert  jeden  Autor  setzt.  Ich  bat  einmal  einen  Herrn 
von  vieler  Lebhaftigkeit,  der  keine  andere  Venus  Urania  sich 
denken  konnte  als  die  a  belles  fesses,  mir  unter  alien  Mobeln  und 
1  L*art  d'orner  l'esprit  en  l'amusant  par  Pittaval,  I.  P. 


67O  DAS  KAMPANER  TAL 

Nippes  meiner  Zimmer  (ich  machte  sie  alle  auf)  ein  einziges  Stiick 
zu  zeigen,  wobei  er  nichts  dachte.  Er  suchte  darnach,  er  fand  aber 
keines. 

Drittens  macht*  ich  HofFnung,  mich  iiber  Herrn  von  Thummel 
aufzuhalten.  Ich  wollt'  aber,  ich  hatte  lieber  versprochen,  ihn  zu 
loben.  Warum  durft*  es  der  bose  Feind  so  karten,  daB  du,  lieber 
Th.,  ehe  du  nach  deiner  Ankunft  in  den  groBen  Korrelationssaal 
oder  das  Odeum  oder  Beigangsche  Museum  und  bureau  d'esprit 
des  Hterarischen  Publikums  eintratest,  wo  alles  auf  dich  und  deine 
Bijouterien  und  auf  die  Blitze  deiner, Ringe  und  auf  deine  voll-  10 
endete  Ausbildung  hinsah,  ich  sage,  warum  durft*  es  der  Teufel 
so  spielen,  daB  gerade  vorher,  ehe  du  herrlich  ins  Museum  hinein- 
schrittest,  unten  an  der  Hausture  -  denn  die  Wege  konnen  auf 
einer  so  langen  Reise  unmoglich  so  reinlich  sein  wie  eine  belgi- 
sche  Stallung  -  kein  einziger  Dekrotteur  zu  ersehen  und  zu  er- 
schreien  war?  —  Es  1st  ein  verdammter  Streich.  Denn  jetzt  wan- 
deist  du  mit  deinen  Halbstiefeln  und  ihrem  boue  de  Paris  im 
Museum  herum,  und  keine  Dame,  die  nur  einigermaBen  weiB 
angezogen  ist,  kann  sich  —  denn  wir  Manner  nehmen  es  nicht 
genau  -  zu  dem  Manne  hinsetzen,  der  sie  ebensosehr  belehren  als  20 
amiisieren  konnte  und  in  dem  ein  verschwenderischer  Genius  so 
viel  Witz  und  Ton  und  die  feinste  Laune,  deren  GenuB  und  noch 
mehr  deren  Nachahmung  den  Deutschen  noch  ein  halbes  Saku- 
lum  fremde  bleiben  werden,  mit  dem  Reichtum  des  Gefuhls  und 
der  Sprache  und  der  Kenntnisse  verbunden  hat.  -  Ist  das  nicht 
zu  hart  gegen  ein  Geschlecht,  das  du  selber  niemals  hart  antrafest? 

Man  betrachte  meinen  insolventen  Revisor:  er  hat  wenigstens 
einige  Pfennige  dem  Dekrotteur  zugewendet  und  erscheint  auf 
alien  seinen  10  Stocken  recht  sauber.  Die  groBte  Genialitat  ist  so 
leicht  mit  der  groBten  Heiligkeit  ihrer  Anwendung  zu  vermahlen,  3o 
daB  der  glanzende  unzugangliche  Montblanc  unsers  Parnasses, 
Goethe,  der  nun  zergliedert,  was  er  sonst  erschuf,  Blumen  und 
Lichty  in  der  ganzen  Sammlung  seiner  Werke,  die  Goschen  in 
Leipzig  verlegt,  sich  nicht  einWort  entfahren  lassen,  das  nicht  ich 
oder  Rousseau  von  der  Kanzel  ablesen  wollten.  Ja  obgleich  die 
Naphthaquelle  eines  leuchtenden  Witzes  am  ersten  zu  jenem  Feh- 


HOLZPLATTE  DES  SECHSTEN  GEBOTS  6jl 

ler  fuhrt:  so  folgte  doch  der  genialische  Kommentator  Hogarths 

-  der  deutsche  Reprasentant  des  ganzen  goldnen  Alters  der  Koni- 
gin  Anna,  wenn  ich  so  sagen  darf  —  mehr  dem  Imperativ  seines 
Ichs  als  dem  Indikativ  seiner  leichtsinnigen  Figuren. 

Nun  nab*  ich  zu  loben,  versprochenermaBen.  - 
Und  zwar  erstlich  die  Reginen,  namlich  die  Weiber,  die  wie 
meine  Regina  verfahren.  Eine  gute  Silberdienerin  liebt  ihren  Re- 
visor  ungemein  und  indent*  ihn,  wenn  sie  konnte,  bei  sich  tragen 
wie  einen  Strickbeutel :  das  geht  aber  nicht,  und  daher  sinnt  sie 

10  auf  Mittel  und  Wege,  ihn  wie  Uhren  (wiewohl  die  Schweiz  nur 
eine  gestattet)  doppelt  zu  haben,  indem  sie  sich  nach  einem  Re- 
prasentanten  und  charge  d'affaires  desselben  umtut.  Schon  Frank- 
lin riet  den  Europaern,  zu  nachts  die  Betten  zu  wechseln,  um 
besser  zu  traumen :  man  kann  dem  Amerikaner  auf  viele  Arten 
hierin  zu  Gefallen  leben.  Haller  bemerkt,  daB  man  im  Zorn  oft 
doppelt  sehe1:  aber  heftige  Liebe  ist  ein  noch  besserer  Doppel- 
spat  und  zeigt  den  Gemahl  leichter  zweimal;  und  da  man  nach 
den  Theologen*  drei  Willen  auf  einmal  haben  kann,  einen  sub- 
stantiellen  und  zwei  natiirliche:  so  kann  eineFrau,  und  wenn  sie 

20  zehn  natiirliche  Willen  hatte,  doch  den  substantiellen  dem  Ge- 
mahle  auf  behalten.  Ich  dringe  aber  nur  auf  drei  Willen,  welches  das 
wenigste  ist,  was  ich  fodern  kann:  denn  wenn  z.  B.  am  Ende  des 
14.  Jahrhunderts  drei  Papste  auf  einmal  die  Kirche  oder  christ- 
liche  Braut  beherrschten,  einer  in  Rom,  einer  in  Frankreich  und 
einer  in  Spanien;  so  seh*  ich  nicht,  warum  in  einer  kleinern  Fa- 
milie  nicht,  wenn  nicht  drei  allerheiligste,  doch  drei  allerseligste 
Vater  sein  konnen,  die  sich  mehr  mit  Beatifikationen  als  Kanoni- 
sationen  befassen. 

Folglich  ist  das  Duplieren  und  Rikoschettieren  des  ehelichen 

30  Balles,  des  Herzens,  weiter  nichts  Bessers  und  nichts  Schlechters, 
als  was  jeder  Kommentator  von  Holzplatten  zum  sechsten  Gebot 
billigen  kann  und  wird.  Ich  verhoffe,  was  von  Weibern  gilt,  das 

1  Thes.  medico-pract.  coll.  Hall.  T.  I. 

-  2  D.  h.  nach  einigen  Monotheleten;  andereMonotheleten  sagten  hingegen, 
der  menschliche  und  der  gottliche  Willen  waren  zwar  da,  wirkten  aber  ver- 
eint  -  andere,  beide  waren  einer  geworden.  Mosheims  Kirchengeschicht. 
3.  Teil. 


672  DAS  KAMPANER  TAL 

gelte  auch  von  uns  Mannern  und  starker  dazu :  fallt  denn  darum 
der  Gemahl  -  und  wohin  denn  am  Ende?  — ,  wenn  er  die  Ge- 
mahlin  doppelt  sieht,  z.  B.  sie  in  seinem  Museum  und  nachher 
gleich  darauf  ihre  Milchschwester  -  Mitmeisterin  -  Maskopei- 
schwester  und  Reichs-Vikaria  etwan  in  der  zweiten  Seitenloge 
oder  im  farnesischen  Palast  oder  in  der  Universitatskirche,  oder 
wo  es  sei,  ich  frage,  ist  denn  diese  Verdoppelung  ein  Zeichen  des 
Falles,  wie  etwan  nach  Haller  ein  Schieferdecker,  vor  dem  die 
Gegenstande  verdoppelt  erscheinen,  zu  stiirzen  furchten  muB?- 
Ist  nicht  hochstens  die  Verdoppelung  selber  der  Fall?  10 

Ich  erinnere  mich,  daB  ich  zweitens  mich  anheischig  gemacht, 
die  Ehebruche  zu  erheben,  sowohl  die  doppeltenalsdie  einfachen. 
Aber  ich  breche  ganz  keck  das  Wort. 

Ich  habe  ohnehin  den  Erdball  noch  zu  riihmen :  manches  Gute, 
was  ich  von  diesem  vorbringe,  kommt  dann  wohl  auch  seinen 
Ehebriichen  zustatten. 

Ich  fange  demnach  an,  mein  drittes  Versprechen  zu  halten. 
Ich  nehme  fur  bekannt  an,  daB  wir  alle  sagen:  der  heilige,  der 
keusche  Mond;  ein  Beiwort,  das  sein  weiBer  reiner  Strahl,  seine 
Kalte  und  seine  mythologische  Verwandtschaft  mit  Dianen  ver-  20 
dienen.  Nun  nab'  ich  oft  am  Tage,  wenn  es  Neumond  war,  hinauf 
in  den  Himmel  geschauet,  wo  er  unweit  der  Sonne,  obwohl  unge- 
sehen,  stehen  muBte.  Einmal  tat  ich  gar  mit  den  SpringfuBen  der 
Ehantasie  selber  einen  Sprung  in  den  Mond.  Ich  fand  natiirlich 
alles  droben  bestatigt,  was  ich  hier  schon  aus  AstronomienwuBte, 
daB  es  im  Neumond  auf  der  Seite,  wo  ich  landete,  Nacht  war  und 
daB  ich,  wenn  ich  auf  die  unter  der  Sonne  im  Feuer  stehende  Erde 
blickte,  dieses  Tageslicht  in  solcher  Feme  aus  dem  finstern  Mond 
fiir  ein  zauberisches,  dem  Mondlicht  gleiches  Erdlicht  nehmen 
muBte.  Ich  spazierteungemeinvergniigt  auf  der  magischenMond-  3o 
scheibe  auf  und  nieder:  denn  ich  hatte  auf  der  rechten  Seite  die 
schonsten  Mondsgebirge  vor  mir  -  die  niedrigsten  bestehen  aus 
lauter  Gotthardsbergen  und  Montblancs  -,  auf  der  linken  mitten 
in  einer  iiberblumten  Ebene  eine  ungeheuere  trockne  Bucht,  un- 
gefahr  wie  ein  rein  ausgeschopfter  Ladogaischer  See,  und  iiber 
mir  das  erhabenste  tiefste  Blau.  Ich  fand  den  Himmel  dort  noch 


HOLZPLATTE  DES  SECHSTEN  GEBOTS  673 

erhabener  unci  dunkler  als  auf  den  Alpen;  und  schreib*  es  der 
ungemein  diinnen  Bergluft  (unsere  ist  dagegen  Leinol)  zu,  die 
nicht  einmal  drei  silberne  Sommerwolkchen  tragen  kann.  Am 
meisten  aber  glanzte  am  blauen  Himmelsbogen,  gleichsam  wie 
an  einer  blauen  Scharpe  ein  breites  silbernes  Scharpenschlofi 
(Ceinturon),  unsere  schimmernde  Erde  vor,  die  vielleicht  an  die 
Peripherie  eines  starken  Spulrads  reichte,  wenn  sie  solche  nicht 
uberstieg.  Ich  letzte  mich  nicht  lange  an  der  reinen  weifien  Voll- 
Erde,  als  ein  Selenit  und  eine  Selenitin  (sie  wurden  bald  nach 
meiner  Abreise  kopuliert)  in  den  feuchten  duftenden  Blumen 
daherwateten.  Er  war  ein  guter  bukolischer  Dichter  und  hatte 
droben  »  Aussichten  in  die  £wigkeit«l  herausgegeben,  sie  war  seine 
Leserin.  Der  Mann  im  Mond  und  die  Jungfer  im  Mond  hatten  wegen 
ihrer  Bergluft  viele  Ahnlichkeit  mit  Schweizern,  besonders  hatten 
sie  von  ihnen  jene  freudige  unbefangne  OrTenheit  des  Gesichts, 
die  ein  stilles  Leben  und  ebenso  viele  Freuden  als  Tugenden 
voraussetzt  und  die  mir  niemals  erschien,  ohne  vor  meiner  gliick- 
lichen  Seele  auf  einmal  alle  Jugendjahre  und  Jugendtraume  und 
ein  ganzes  Arkadien  aufzuschlieOen.  Die  Jungfrau  blickte,  selig 
,  bewegt  von  Lieben  und  Sehnen,  nach  der  lichten  Vollerde:  denn 
es  gibt  auf  keiner  Welt  ein  Leben,  das  nicht  eines  zweiten  bedurfte, 
und  auf  alien  Kugeln  druckt  die  enge  Fruchthulle  und  Samen- 
kapsel  aus  barter  Erde  das  ewige  Herz.  Der  Jiingling  sagte  sanft  zu 
ihr:  »Wohin  sehnest  du  dich,  Teuere?«  -  Sie  versetzte:  »Ich  weh3 
es  nicht  -  nicht  wahr,  du  glaubst,  da6  wir  nach  dem  Entschlafen 
auf  die  schone  selige  Erde  kommen?«  -  Der  bukolische  Dichter 
sagte:  »Ja  wohl  nab'  ichs  in  meinen  Aussichten  in  die  Ewigkeit 
nicht  ohne  alle  Scharfe  bewiesen.  Denn  hier  auf  dem  verglaseten 
Mond  voll  Krater,  gleichsam  voll  Graber  der  Vorwelt,  da  ist  un- 
sere Heimat  nicht  -  dort  droben  aber  auf  der  reinen  keuschen  Erde 
sind  wir  zu  Hause.  Schaue  den  silbernen  funkelnden  Giirtel2  an, 
womit  sie  aufgeschmuckt  durch  die  Sterne  zieht,  gleichsam  ein 

1  Nach  den  altesten  Philosophen  und  nach  den  neuesten  nordamerikanischen 
Wilden  ist  jedes  Dingzweimalvorhanden,  das  erste  Exemplar  ist  auf  der  Erde, 
das  zweite  im  Himmel.  Daher  setzt  derLavater  auf  der  Erde  einen  im  Monde 
voraus,  und  ihre  Aussichten  unterscheiden  sich  in  nichts  im  alsStandort. 

2  Ducarla  bewies,  dafi  die  Sonne  iiber  alle  Lander,  durch  deren  Scheitel- 


674  DAS  KAMPANER  TAL 

Kranz  aus  weiBen  Rosen,  eine  urn  sie  herumgewundene  verklei- 
nerte  MilchstraBe.  Prachtig,  prachtig!  Don  auf  der  siillen  Erde, 
meine  Liebe,  da  horen  die  Mangel  der  Seele  auf  -  dort  wird  das 
reine  Herz  nur  sanft  erwarmt  und  nie  befleckt  und  nicht  erhitzt  - 
dort  sind  die  Tugenden,  die  Freuden  und  die  Wahrheiten  drei 
ewige  Sch  western,  und  sie  kommen  immer  Arm  in  Arm  zum 
Menschen  und  fallen  ihm  verkniipft  ans  Herz...« 

Die  Seleniten  horten  hier  etwas  hinter  sich  seufzen:  das  tat  ich. 
Es  war  mir  nicht  gut  mehr  moglich,  mich  zu  verbergen;  ich  trat 
also  mit  verstdrtem  Gesicht  vor  den  bukolischen  Dichter  und 
sagte :  »Gegenwartige  Person  ist  selber  ein  Terrener,  reiset  gerade 
aus  der  teutschen  Erde  her  und  ist  ein  Himmelsburger  aus  Hof  in 
Voigtland.  Aber  teuerste  Selenitin,  bei  uns  drobensiehts  windiger 
aus,  als  man  allgemein  im  Monde  prasumiert.  Diebe  -  Diebswirte 

-  Sabbats-  und  Wbchentagsschander  -  personae  turpes  -  Yahoos 

—  langarmige  kurzsichtige  gekronte  Gibbons  —  verschiedene,  die 
nichts  tun  —  mehrere,  die  nichts  denken  -  Grobiane  und  selber 

Rezensenten,  die  nicht  immer  alles  uberlegen,  was  sie  schreiben 

das  sind  emige  von  den  Seligen  und  Vollendeten,  unter  denen 
die  Erde  das  Aussuchen  hat.  Der  weiBe  Rosenkranz  urn  unsern  : 
Globus,  der  Sternengiirtel,  dessen  Sie  beide  oben  e'rwahnten,  ist 
aus  Wolken  und  Platztropfen  gekniipft.  Und  die  vielen  Erd- 

flecken1,  die  wir  sehen,  konnen  nicht  wie  die  Mondsflecken  den 
Namen  groBer  Gelehrten  fiihren,  sondern  die  Namen  groBer 
Spitzbuben,  weil  wir  unsere  Erdflecken  zu  Leber-  und  Sommer- 
flecken  unsers  innern  Menschen  machen  und  besagte  Flecken  mit 
Wasserschlkten  befahren,  die  entweder  Menschen  oder  Waren 
oder  Leben  stehlen  sollen,  daher  wir  die  Einteilung  in  Sklaven-, 
Kaper-  und  Kriegsschifle  wirklich  haben.  Bester  bukolischer 
Dichter,  beste  bukolische  Dichterin,  was  endlich  die  reine  keu-  = 
sche  Erde  anlangt,  so  wissen  Leutej  die  darauf  wohnen,  am  be- 
sten,  was  daran  ist;  wiewohl  es  doch  manchem  von  Adel  schwerer 

punkt  sie  geht,  einen  200  Meilen  breiten  Giirtel  von  Regenwolken  ziehe, 
der  sie,  wie  ein  Saturnusring,  immer,  nur  an  andern  Zonen,  umschlinge. 
Lichtenbergs  Magazin  usw.  3tes  Heft. 

1  So  erscheinen  dem  Monde  die  Meere  der  Erde. 


HOLZPLATTE  DES  SIEBENTEN  GEBOTS 


675 


fallt?  seine  Ehe  als  sein  Wort  zu  brechen;  inzwischen  fehlt  es  auch 
uns  an  Groften  nicht,  die  bis  zur  Ausschweifung  Ausschweifung 
hassen,  ich  meine  damit  die  -  Elefanten.  SoIIten  Sie  beide  einmal 
wirklich  in  unser  himmlisches  Zion^  wozu  wir  schon  die  Zions- 

wdchter  besitzen,  nach  dem  Sterben  ziehen:  dann « 

Dann  zog  ich  selber  ins  Zion  zuruck.  Denn  der  Postbediente 

brachte  mir  die  Zweibriicker  Zeitung,  die  aber  diesesmal  wider 

ihre  Gewohnheit  nicht  sonderlich  interessierte,  sondern  bloB  (ent- 

sinn'  ich  mich  recht)  eine  tote  Nomenklatur  von  Guillotinierten 

10  und  von  zergliederten  polnischen  Provinzen  auftischte.  — 


VII. 

HOLZPLATTE  DES  SIEBENTEN  GeBOTS 

Gliick  iiber  Gliick  —  Zenturien  und  Departements  der  Diebe  -  Nachteile  der 
Volksarmut 


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Der  rechte  Stiefel  des  weimarschen  Konterfeies  unterrichtetmich, 
daB  der  Freudenbecher  unsers  Revisors,  welcher  bisher  entrweder 
ein  ekler  Brechbecher  oder  ein  Vexierbecher  (diabetes  Heronis) 


676  DAS  KAMPANER  TAL 

gewesen,  der  den  Wein  unter  den  Lippen  wegstahl,  sich  endlich 
in  einen  herrlichen  Lebens-Willkommen  und  in  eine  spirituose 
Bowie  verwandelt  habe.  Das  geschah  seit  dem  Dach-Verein  auf 
der  Platte  des  sechsten  Gebots.  Hier  auf  der  siebenten  sucht  er  die 
Austrocknung  seines  pontinischen  Lebens-Sumpfes,  der  bisher 
dem  Sumpfvogel  mit  eiiier  ganzen  Windsbraut  von  brennbarer 
Luft  zusetzte,  geschickt  zu  zeigen.  Hinter  dem  groBen  Gezelt,  das 
der  Leser  hier  sieht,  stehen  —  wie  der  Stiefel  berichtet  -  unzahlige 
groBere  furstliche,  die  nicht  zu  sehen  sind  und  die  man  auf  dem 
engen  Stempel  nur  halbiert  (obwohl  unsichtbar)  hinter  dem  Zelt  10 
des  Vorgrunds  aufspannen  muBte.  Was  hinter  dem  sichtbaren 
Zelte  vorfallt,  kann  unsere  Aufmerksamkeit  erwecken.  Das  ganze 
Lustlager  breitet  sich  frei  durch  den  plauischen  Grund  des  Stem- 
pels  hinauf  und  funkelt  -  der  Hofstaat  will  dem  Herrn  und  dem 
Holzschnitt  Ehre  machen  und  prunkt  -  und  welches  Getiimmel 
von  Zelt-Fuggereien  und  Zeltschneidern  und  herumrennenden 
Hoffuriers,  Leibschtitzen,  ZuckerstoBern  und  Beikdchen  und 
Mitgliedern  des  musikalischen  Personale  hauft  der  Kiinstler  in 
dem  schmalen  Bezirk  eines  Stocks,  worauf  sich  keine  Hand  um- 
wenden  kann,  hinter  dem  Vorderzelt  zusammen!  -  Ich  wollt',  ich  20 
konnt'  es  ordentlich  sehen  und  die  Leinwand  ware  so  dlinn  wie  Beu- 
teltuch  und  durchbrochne  Manschetten !  Einiges  von  den  Szenen 
hinter  dem  Vorhangseihetundbeutelt  sich  wirklich  durch  letztern- 
man  betrachte  die  schwarzen  Punkte  und  manche  Strich  -, 
noch  viel  mehr  filtriert  sich  von  der  Hof-Perspektive  auf  dem 
Stempel  selber,  den  ich  da  vor  mir  habe,  um  ihn  zu  erklaren;  ja 
die  Zeichnung,  wornach  der  Revisor  den  Stock  ausschnitzte  und 
die  zum  Gliick  auf  meine  Zeiten  kam,  deckt  Kopfe  hinter  der 
Kulisse  des  Zeltes  auf  und  offnet  ein  wenig  das  blinde  Tor  des 
Hintergrunds.  Diese  gluckliche  Vereinigung  des  Stocks,  der  30 
Zeichnung  und  des  Stiefels  gewahrt  freilich  einem  Kommentator, 
fur  den  sie  zustande  kommt,  in  seinen  Stocken  Licht  und  Auf- 
schluB  uber  Dinge,  die  ein  anderer  gar  nicht  sehen  kann. 

In  diesem  verhangnen  Lager  nun,  das  an  die  Festung  stdBet, 
die  hier  der  Holzschnitt  entdeckt,  tritt  der  Revisor  vor  nichts  Ge- 
ringeres  als  vor  -  Serenissimus  selber.  Sein  Stiefel  kann  es  nicht 


HOLZPLATTE  DES  SIEBENTEN  GEBOTS  677 

genug  erheben,  wie  menschlich  der  Silluk  einen  elenden  Unter- 
tan  aufnahm  und  handhabte:  weit  entfernt,  ihn  etwan  Iebendig 
pfahlen  oder  die  Todesangst  ausstehen  oder  nur  knuten  zu  lassen, 
ergriff  vielmehr  Serenissimus  den  schwachen  Knecht  eigenhandig 
bei  der  Hand  und  lachelte  deutlich  -  noch  mehr,  der  Monarch 
sprach  vernehmlich  genug  und  trieb  endlich  -  Kronlein  wundert 
sich,  daB  er  nicht  vor  Freude  auf  dem  Platze  maustot  verblieb  - 
die  Huld  so  weit,  dafi  er  mit  eigner  Zunge  vor  iooo  groBen  Her- 
ren  den  halbtoten  Staatsknecht  iiber  seinen  Namen,  Stand  und 
Korper  ausfragte.  Der  Revisor  tut  weiter  unten  auf  dem  Stiefel 
den  Schwur,  er  wolle  nicht  selig  werden,  wenn  nicht  jedes  Wort, 

10  was  er  da  gleichsam  statt  des  Leders  zum  Stiefel  brauche,  pure 
reine  Wahrheit  sei.  Er  beeidigt  dann  auf  dem  Absatze  des  ge- 
dachten  Stiefels,  daB  Serenissimus  sich  so  weit  herunterlassen, 
daB  Sie  ihn  iiber  seine  hauslichen  Schnurrpfeifereien,  iiber 
seine  Stuben,  seine  EB-  und  Schlafzeit,  iiber  seinen  Schlaf  (ob 
solcher  fest)  und  iiber  den  gesunden  Stand  seines  Bettleins  ver- 
horten. 

Aber  hier  ist  der  Revisor  nicht  mehr  seiner  machtig,  sondern 
schreibt  oder  besohlet  im  Feuer  den  Stiefel  immer  langer  hinaus 
bis  zu  einem  Schnabelschuh  und  RiesenfuB  und  legt  dem  ober- 

20  sachsischen  Kreis  die  Frage  vor :  wenn  ein  solcher  Herr,  der  mit 
diesem  Feuer  die  Landeshistorie  und  die  Familiengeschichte  des 
kleinsten  Landskindes  treibe,  nicht  ein  frommer  und  menschen- 
Hebender  Herr  ware,  so  muss*  er  selber  (der  Salzrevisor)  nicht 
recht  bei  Sinnen  sein,  und  er  huste  auf  den  Kreis. 

Er  fahrt  nun  oben  auf  dem  linken  Schenkel  fort  und  macht  be- 
kannt,  daB  sein  gnadigster  Herr  ihn  versichert  habe,  er  wolle  be- 
sonders  fur  ihn  sorgen  und  ihm,  um  ihn  naher  zu  haben,  einen 
ruhigen  Posten  in  seinem  Palaste  anweisen.  Der  Regent  sagte, 
ein  solches  Form -Talent  (im  Holzschneiden)  miisse  der  Staat 

30  noch  mehr  benutzen  und  ermuntern,  als  bisher  geschehen;  und  es 
soil'  ihm  hiemit  aus  der  Hauptsalzkasse  ein  kleiner  Stock  und 
Fond  oder  eine  Baubegnadigung  zum  Holzeinkauf  von  gutem 
Buchsbaum  fiir  Formbretter  und  zum  Scharfen  der  kleinen  Mei- 
Bel,  die  dem  Formmesser  nachs.tofien,  vorgeschossen  werden.  — 


678  DAS  KAMPANER  TAL 

-  Und  mitten  unter  der  Rede  wurde  schon  der  Hauptsalzkas- 
sierer  zur  Auszahlung  befehligt !  -  »Ich  konnte  es  nicht  in  diese 
Hosentasche  bringen:  o  Gott,  welch  ein  Landesherr!«  schreibt 
hier  der  selige  Mann  eben  auf  der  besagten  Tasche. 

Ich  glaube,  hiemit  nab'  ich  vielleicht  das  Interessanteste  von 
den  unterirdischen  Schatzen  gehoben,  welche  dieser  Holzschnitt 
hinter  dem  Schanzkorb  des  Zeltes  verwahrt. 

Unerheblicher  ist,  was  die  Platte  hier  sehen  lasset;  und  nach 
einer  solchen  Ausfuhrlichkeit,  womit  ich  den  unsichtbaren  Teil 
derselben  ins  Licht  gesetzt,  erlaub'  ich  mir  vielleicht  mit  Recht,  10 
den  sichtbaren  bloB  fluchtig  zu  beriihren. 

Es  ist  bloB  ein  Zelt  mit  einem  Hauptsalzkassierer,  der  aus  dem 
Kammerbeutel  ein  Benefizium  fur  den  Kiinstler  hebt.  Die  Kasse 
hat,  nach  der  Lange  seines  Ellenbogens  zu  schlieBen,  nicht  wie 
ein  Handwerk  bloB  einen  goldnen  Boden,  sondern  noch  vollen 
goldnen  Regen  bis  ans  SchloB.  Die  Ararien  von  Belang  gleichen 
den  schwammigen  Bechern  aus  Efeuholz,  die  man  sonst  als  lang- 
same  Filtrierhute  gebrauchte  und  die  sich  in  drei  Tagen  selber 
austranken:  ebenso  geben  sich  groBe  Ararien  gleichsam  selber 
aus.  Der  Hauptsalzkassierer  leistet  die  Zahlung  mit  solchem  eili-  20 
gen  Widerwillen,  daB  er  aussieht,  als  stahl*  er;  daher  auch  die 
meisten  Ausleger  vor  mir  die  Oberschrift  des  Holzschnittes  auf 
den  Kassierer  bezogen,  als  mach'  er  die  Landkasse  zu  einer  Ope- 
rationskasse  und  zum  Repertorium  fiir  sich  selber.  Aber  der  Be- 
amte  ist  ehrlich;  und  ich  glaube  nicht,  daB  man,  gesetzt  er  steckte 
einige  Rollen  zu  seinem  Gebrauche  mit  bei,  oder  er  hatte  sie  in 
das  untenliegende  Paket  geschnallt,  sagen  konnte,  er  stahle.  We- 
nigstens  ware  der  Ausdruck  nicht  mit  folgenden  Grundsatzen  zu 
reimen. 

Die  Diebe  in  England  lassen,  wfe  uns  Archenholz  berichtet,  30 
sich  so  wenig  untereinander  mischen  als  Adelung  die  Arten  des 
Stils :  ein  berittener  Rauber  unterscheidet  sich  von  einem  Infan- 
teristen  so  sehr  wie  von  einem  ehrlichen  Manne,  der  FuBganger 
kann  wieder  entweder  in  Hauser  oder  in  Taschen  einbrechen 
usw. ;  das  Orgelwerk  von  Spitzbubenpfeifen  hat  die  verschieden- 
sten  Register;  und  kein  Rauber  von  Ehre  lasset  z.  B.  die  Injurie 


HOLZPLATTE  DES  SIEBENTEN  GEBOTS  679 

Taschendieb  auf  sich  sitzen.  Dieses  Kaperschiffsvolk  ist  eine 
Nachahmung  —  aber  eine  verbotene  —  von  den  Ernte-Sozietaten 
im  Staate:  z.  B.  der  Forstbediente  kann  zwar  Klafterholz  unter 
dem  rechtmaBigen  Titel  Ab-,  Busch-  und  Oberholz  erheben; 
aber  wollt'  er  sich  einiger  Scheffel  herrschaftlichen  Getreides  be- 
machtigen:  so  wiird*  er  dem  Verwalter  ins  Amt  fallen,  der  allein 
solche  errungene  Scheffel  als  eingeschwundene  in  seinen  Rech- 
nungen  auffiihren  darf.  Kein  Graf,  der  alle  Perlenbache  seiner 
Grafschaft  durch  einen  Kniegalgen  zu  Regalien  erklaren  kann 

10  und  soil,  kann  doch  die  elendeste  Perlenschnur  einer  Hofdame 
zerreifien  und  einige  davon  als  Perlenfanger  in  seine  Tasche  lau- 
fen  lassen.  Der  groBte  Regent  darf  keinem  Individuum  einen 
Gulden  nehmen,  aber  alien  Individuen  auf  einmal  kann  er  hin- 
langlich  abnehmen  unter  dem  Namen  Extrasteuer.  Und  so  ist 
jeder  von  uns  (ich  rede  von  polizierten  Staaten)  auf  seine  beson- 
dere  Kaper-Dividende  angewiesen  und  eingeschrankt,  die  er  neh- 
men darf  -  greift  er  nach  einer  fremden,  so  stiehlt  er  — ;  folglich 
konnte  ein  Griff,  womit  der  Hauptsalzkassierer  sich  einen  In- 
traden-VorschuB,  metalHsche  Rechtswohltaten  oder  ein  Abiugs- 

20  geld  herausholte,  zwar  ein  Hand-,  aber  nie  ein  DiebsgriffheiBen: 
denn  die  Kasse  ist  eben  seine  Leihbank  und  sein  RaubschloB.  Die 
Ahnlichkeit  mit  den  Handwerksinnungen  erlautert  vieles  besser: 
der  Grobschmied  darf  nur  mit  Horn-  und  Raspelfeilen,  der  Klein- 
schmied  mit  feinern  schaben  und  sagen;  der  Tuchmacher  kammt 
seine  Wolle  mit  einfachen  Kammen,  mit  doppelten  ist  nur  Zeug- 
wirkern  erlaubt  usw. 

Es  kann  nicht  geschlossen  werden,  als  bis  ich  meinen  Heben 
Buchsbaum-Medailleur  geschiitzet  und  gerettet  habe  gegen  tau- 
send  Kenner,  welche  den  Grund  fodern  konnen,  warum  er  der 

30  Nachwelt  auf  einer  ganzen  Platte  nichts  Wichtigers  vorfiihrt  als 
einen  Kassierer. 

Ich  muB  dazu  weit  ausholen  und  griindlich  gehen. 
Wenige  Menschen  haben  Geld,  ausgenommen  eben  diese  we- 
nigen.  Der  Kirchenvater  Augustin  nennte  die  Armen  seine  Kin- 
der; die  Landesvater  konnen  noch  besser  umgekehrt  die  Landes- 
kinder  ihre  Armen  heiBen.  Ich  rede  hier  nicht  von  mir  und  den 


680  DAS  KAMPANER  TAL 

Poeten.  Ich  meines  Orts  versehe  mich  auBer  Hause  mit  wenigem 
Geld,  aus  Grundsatzen  der  Naturlehre,  weil  ich  weiB,  wie  sehr 
ich  damit  den  Blitz  -  die  Schmeichler  ohnehin  -  ziehe,  und  im 
Hause  gilt  dieselbe  Vorsicht.  Aus  solchen  physikalischen  Griin- 
den  haben  sich  die  Poeten  langst  erlekhtert,  weil  oft  10  Gewitter, 
zumal  die  der  Kreditoren,  tagelang  uber  ihnen  standen  und  nicht 
weiter  wollten.  Aber  ich  rede  von  unsern  gemeinen  Nichtlesern, 
welche  saen  und  ernten  durfen,  aber  nicht  backen,  und  fur  welche 
das  Staatsgebaude  ein  jerusalemitischer  Tempel  ist,  in  dem  ein 
Jude  (nach  Lightfoot)  kein  Geld  bei  sich  haben  durfte,  und  wel-  10 
die  gleichsam  Staats-Monche  sind,  die  dem  Prior  nach  der  Or- 
densregel  ihre  Barschaft  einhandigen.  Die  Griinde,  warum  der 
Staat  uber  diese  wohltatige  Verarmung  wacht,  verdienen  es,  daB 
ich  sie  in  dem  eignen  Opus,  das  ich  hier  der  Welt  verspreche,  fast 
mit  ekelhafter  Weitlauftigkeit  auseinandersetze.  Er  hat  dabei  we- 
niger  die  Absicht,  zu  entvolkern  -  wiewohl  Volker  und  Huhner 
gerade  dann  keine  Eier  legen,  wenn  sie  in  der  Mause  sind  -,  noch 
weniger  die  Absicht,  zu  verschlimmern  -  wiewohl  gerade  Hung- 
rige  oder  Niichterne  sich  am  ersten  durch  Epidemien  verpesten  -: 
sondern  was  der  Staat  durch  sein  notwendiges  Berauben  der  20 
Leute  bezweckt,  ist  ihr  Bereichern,  so  wie  man  sich  friiher  ra- 
sieren  lasset,  um  den  Bart  zu  beschleunigen,  oder  so  wie  die  Bie- 
nen  niemals  fleiBiger  und  reicher  eintragen  als  in  leere  Korbe,  die 
man  deswegen  verdoppelt  und  zeidelt.  Daher  ist  es  ein  beson- 
deres  Gliick,  daB  es  mit  einem  Staate  so  beschaffen  ist  wie  mit 
einem  Fischteich,  in  dem  allzeit  die  Hechte  oben  schwimmen,  die 
Karpfen  aber  (worauf  jene  stoBen)  unten  im  Schlamm.  - 

Man  lasse  mich  aber  weiterreden.  Bei  solchen  Umstanden  ist 
also  nichts  natiirlicher  und  notwendiger,  als  daB  jeder  Mensch 
keine  andere  oder  nahere  Almosenkasse  hat  und  kennt  als  —  gar  30 
nicht  etwan  die  Stadtkasse  oder  die  Relchsoperations-  oder  die 
Witwen-  oder  die  Heilandskasse,  sondern  -  keine  andere  Kasse 
als  die  Surpluskasse —  und  diese  hat  kein  Teufel:  niemand  hat 
BenuE->  geschweige  %u  vie/;  mithin  hat  niemand  auf  der  ganzen 
Erde  etwas  zu  verschenken,  oder  er  bricht  sich  seiber  die  Not- 
durft  ab.  Ein  Freiherr  ist  darin  so  schlimm  daran  als  ein  Freisasse; 


HOLZPLATTE   DES   SIEBENTEN   GEBOTS  68l 

und  die  menschenfreundlichsten  Millionare  haben  fur  den  Armen 
weiter  nichts  in  ihrem  Geldbeutel,  als  was  sie  in  ihrem  Herfautel 

haben,  namlich  ihr  Herz,  aber  nichts  Hartes  und  Solides 

Jetzt  stelle  sich  der  Leser  das  Erstauneh  eines  Lazarus  vor,  den 
auf  einmal  ein  Regent  durch  Hauptsalzkassierer  in  Gold  einfassen 
lasset.  —  Der  Lazarus  ist  auBer  sich,  er  vergisset  sich  und  alles, 
er  weifi  nichts  zu  machen  -  als  die  7te  Platte  und  den  zahlenden 
Rendanten  auf  ihr.  -  Und  so  beschirm*  ich  (denk'  ich)  den  Revi- 
sor  gegen  manchen.  — 

jo  Ach  man  sollte  sich  mitten  im  frohesten  Kommentar  guter 
Holzplatten  bei  den  moralischen  komplizierten  Bnichen  und  Wun- 
den  aufhalten,  welche  der  Staat  dem  innern  Menschen  durch  die 
Aushungerung  des  auBern  schlagt!  Denn  wie  konnen  die  Mil- 
lionen  Stubenbettler  unserer  Staaten,  die  von  einem  Kreuzer  zum 
andern  leben,  z.  B.  die  150000  Spinner  im  Osterreich,  die  zu  je- 
dem  sanften  Ton  in  ihrem  kakophonischen  Dasein  die  Saite  erst 
aus  120  Wollenfaden  spinnen  mussen  -  wie  man  zum  C  auf  dem 
KontrabaB  ebenso  viele  Darmfaden  von  12  Hammeln  nimmt, 
deren  Wolle  jene  verspinnen  -,  wie  konnen  diese  Armen  einen 

20  elenden  Groschen  verachten,  auf  den  sie  den  ganzen  Tag  los- 
arbeiten?  Wie  zusammengeknullet  und  zusammenfahrend  muB 
nicht  eine  Seele  werden,  die  der  Magen  im  Hungerturm  des 
Staatsgebaudes  parforce  jagt  und  die  wieder  auf  die  Vorjagd  des 
nachsten  Bissens  geht?  Woher  will  die  Humanitat  des  froh  leben- 
den  Griechen,  die  Moralitat  des  freiern,  vom  Gliicke  emanzipier- 
ten  Menschen  einem  miiden  Geiste  kommen,  der  keinen  groBern 
Zirkel  von  Ideen  kennt  als  den  seines  Spinnrades  und  keine  an- 
dern Radien  als  die  der  Weife,  und  der  keine  Lust  hat  als  EBlust? 
-  Solange  daher  noch  das  ErdgeschoB  des  Staates  ein  Amster- 

30  darner  Raspelhaus  voll  Arbeitsstuben  ohne  Ruhebanke  bleibt  - 
und  dieses  bleibt  so  lange,  als  im  hochsten  Stockwerk  des  Staates 
nichts  als  Braut-  und  Grahams  himmlische  Betten  stehen,  die  man 
nur  verandert  und  nie  verlasset  -:  so  geb'  ich  nicht  so  viel,  als  ein 
altes  Weib  in  einem  Tag  erspult,  um  die  Kultur  des  Volks  und 
urn  tausend  andere  Sachen. 

Ehe  ich  das  siebente  Gebot  verlasse,  weis'  ich  noch  fluchtig  auf 


682  DAS  KAMPANER  TAL 

einen  feinen  Zug  des  Kiinstlers  hin,  den  Tausend  iibersehen.  Er 
war  dem  Artisten  wichtig  genug,  urn  ihn  durch  die  Verhiillung 
der  ganzen  Gellertschen  und  Zimmermannschen  Unterredung 
mit  Serenissimo  zu  erkaufen.  So  wie  namlich  die  Hiobsplagen 
unsers  Revisors  abnehmen,  so  merzet  er  auch  die  Akteurs  auf  den 
Platten  aus.  Von  Gebot  zu  Gebot  schwindet  wie  in  einer  Anglaise 
einer  weg.  Im  ersten  Gebot  geht  noch  das  voile  Siebengestirn  - 
im  zweiten  fahrt  die  Kunst  bloB  mit  Sechsen  -  im  dritten  mit 
Fiinfen  (denn  der  kleine  Holzhacker  ist  der  Symmetrie  wegen  ins 
funfte  uberzurechnen)  —  im  vierten  mit  einem  Postzug  -  im  funf- 
ten  zahlen  wir  mit  dem  Latus-Holzhacker  ein  dreistimmiges  Chor 
—  im  sechsten  Gebote  agieret  wie  gewohnlich  eine  Stimme  weni- 
ger  —  das  siebente  kommt  wie  ebenso  gewohnlich  mit  einem  Solo- 
spieler  und  Konklavisten  aus.  Das  achte  haben  wir  gar  noch  nicht 
vor  uns;  und  daher  wollen  wir  uns  an  dasselbe  machen. 


HOLZ PLATTE  DES  ACHTEN  GEBOTS 

VIII. 


683 


HOLZ  PLATTE  DES  ACHTEN  GeBOTS 

Aktenauszug  des  Injurienprozesses,  Priigel  betreffend  -  Landstande  in  par- 
tibus  infidelium  -  poetischer  Geist  der  preuBischen  Kopisten 


Einmal  freilich  nimmt  doch  -  wie  in  Staaten  -  das  Amputieren 
und  diminuendo  des  Personale  ein  Ende,  und  die  Aristokratie 
des  vierten  Gebots  kehret  nach  dem  Umwege  durch  die  Oli- 
garchic des  5  ten  und  6ten  Gebotes  aus  der  Monarchic  des 
7ten  wieder  im  achten  zuriick.  -  Was  zeigt  nun  Kronlein  hier 
,  der  Welt? 

Das  wird  man  sehen,  wenn  man  mich  horet.  -  Voraus  muB 
ich  sagen,  daB  er  die  schdne  Zerfallung  seiner  gezeichneten  con- 
fessions oder  memoires  in  zehen  Gesichtslangen  aufgibt  und  ver- 
abschiedet,  well  ers  nicht  anders  machen  kann,  da  er  seine  Schen- 
kel  und  Beine,  die  in  den  Gesichtslangen  der  Zeichner  nur  einfach 
gerechnet  werden,  in  duplo  besitzt,  der  vollig  ausgelassenen  Anne 
nicht  zu  erwahnen,  die  ein  Mann  doch  auch  an  sich  hat.  Die  para- 
phrastische  Erklarung  der  8ten  Platte  schenkt  er  uns  nun  auf  dem 


684  DAS  KAMPANER  TAL 

nicht  geraumigen  Wickelstrumpfe  und  dem  wenigen,  was  er  von 
seinem  weit  zuriickgezognen  linken  Schenkel  und  Beine  vorzeigt. 
Uberhaupt  wiirde  die  Literatur  gewinnen,  wenn  mehrere  Kunst- 
kenner  und  einige  Geschichtsforscher,  sobald  ich  die  Federzeich- 
nung  wieder  ins  franzosische  SchloBchen  zuruckgeliefert  hatte,  zu 
einer  literarischen  artistischen  Reise  nach  Weimar  zusammen- 
treten  wollten,  bloB  um  das  Kronleinsche  Konterfei  selber  zu 
studieren  und  um  nachher  mit  ihren  Entdeckungen  hervorzu- 
gehen:  nur  durch  eine  solche  Konfoderation  ausgezekhneter 
Manner  zum  Studium  des  weimarschen  Vexierbildes  mochte  viel-  10 
leicht  (sollt'  ich  denken)  eine  befriedigende  Erklarung  des  Feder- 
spiels  und  der  Holzschnitte  zustande  kommen;  und  nach  dieser 
konfoderierten  Tetrapla,  Hexapla,  Oktapla  zoge  sich  niemand 
mit  seiner  einsitzigen  Version  vergniigter  zuriick  als  ich. 

Der  Deutsche  soil  eigentlich  alles  untersuchen  und  durchgra- 
ben;-  aus  einem  Goldstiick  des  goldnen  Zeitalters  schlagt  er  300 
Goldblatter,  die  der  Buchbinder  falzet;  und  dann  loset  er  ein 
Blattchen  davon  im  Konigswasser  seiner  Dime  auf  und  schreibt 
mit  der  Goldsolution  wieder  300  Seiten  iiber  das  Blatt;  -  und  ist 
das  DiritenfaB  verschrieben  und  verzapft,  so  setzt  sich  ein  guter  20 
Martorelli  unserer  Nation1  vor  das  FaB  und  drangt  in  wenige 
Quartbande  die  Ansichten  und  perspektivischen  Aufrisse  des  ge- 
dachten  Fasses  zusammen. 

Das  Gliick  oder  die  Quinterne  des  Revisors  -das  Kolloquium  - 
wurde  im  Lager  bekannt.  Auch  Rauperten  kommt  es  zu  Ohren. 
Der  Teufel  des  Neides,  der  die  Menschen  eigentlich  nur  nach,  nicht 
vor  dem  Tode  qualen  sollte,  mietet  sich  im  Herzen  des  Altisten 
ein  und  zernaget  es  wie  eine  Bucherlaus  ein  Cansteinisches  Bibel- 
werk.  Es  verdrieBt  schon  der  Umstand  den  Lautenisten,  daB  ihn 
der  Artist  neuerlich  abgepriigelt;  aber  noch  mehr  stinken  ihn  die  30 
neuen  Blumenrabatten  in  Kronleins  magern  Leben  an.  Mit  Vergmi- 
gen  hatte  der  Harmonist  des  Koloristen  Lebensfaden  und  Gehirn- 
fibern  und  Nervenpaare  und  Arteriensystem  abgeschabt,  abge- 
schleimt,  aufgedreht,  ausgetrocknet  und  als  zarte  Saiten  iiber  seine 

1  Bekanntlich  fassete  der  P.  Martorelli  zwei  Quartbande  iiber  ein  antikes 
DintenfaG  ab. 


HOLZPLATTE  DES  ACHTEN  GEBOTS  685 

Laute  gespannt:  er  haBte  ihn  erstlich  wie  ein  Teufel,  zweitens  wie 
einen  Teufel.  -Ich  brauche  beinahe  die  eignen  Worte  des  Strumpfs. 
Raupert  verfugte  sich  daher  vor  das  forum  deprehensionis, 
welches  gerade  der  Landstand  war,  und  belangte  den  Revisor 
tatiger  Injurien,  weniger  des  Zungen-  als  Armtotschlags.  Hier 
auf  der  Platte  stent  das  Kollegium.  Provokat  (der  Lautenist) 
schreiet  trotzig  (auf  dem  Stempel  schreiet  er  starker)  und  setzet 
der  richterlichen  Hand  den  Zeigefinger  entgegen,  und'  der  Kopf 
tritt  wie  eine  losgehende  Kanone  ein  wenig  zuriick.  In  einem 

10  Tornister,  den  er  noch  nicht  aufgeschnallet,  hat  er  die  Scherben 
der  zersprungnen  Laute  mitgebracht,  um  sie  dem  Gerichte  statt 
eigner  Knochensplitter  vorzuweisen.  Provokant  (Kronlein),  der 
wie  Moses  an  diesen  Felsen  geschlagen,  statt  ihn  anzureden,  steht 
verzagt  allhier,  nicht  aus  bosem  Gewissen,  sondern  aus  Hoflich- 
keit  gegen  den  vornehmen  geistlichen  Herrn,  und  halt  sein  Hut- 
futteral  vor,  das  sein  AngstschweiB  wie  ein  Wasserrad  umtreibt. 
Man  sieht,  sein  Gegner  ist  so  oft  wie  der  groBe  Scipio  verklagt 
und  losgesprochen  worden,  aber  der  arme  Revisor  noch  keinmal: 
es  richtet  ihn  doch  auf,  daB  wenigstens  seine  Hande  hinter  dem 

zo  Achilles-Dreh-Schild  sicher  sitzen.  In  einer  alten  Gerichts-Be- 
stallung1  heiBet  es:  »Der  Richter  soil  sitzen  auf  dem  Richterstuhl 
als  ein  griesgrimmender  Lowe  und  soil  den  rechten  FuB  schlagen 
uber  den  linken.«  Vor  solchen  griesgrimmenden  Lowen  dreht  nun 
oft  das  Wildpret  der  Gerichtsstube  den  Hut,  wie  man  wahre 
Lowen  mit  umlaufenden  Wagenradern  abtreibt. 

Der  Gerichts-  und  Landstand  sitzt  unrasiert  und  in  einer 
Wach-  und  Schlafmiitze,  um  die  ein  schones  Seidenband  herum- 
lauft,  im  Gerichtssessel :  glefchwohl  zieht  er  das  Weinzeichen  des 
Staates  (ein  Ordenskreuz,  das  ihm  hier  herunterhangt)  nicht  ein. 

30  Dieses  Ordens-  und  Patriarchenkreuz  geht  am  Herzen  nieder, 
anstatt  daB  in  den  alten  Bibeln  die  Kreuze  aus  dem  Munde  auf- 
warts  steigen,  anter  deren  Gestalt  die  Teufel  aus  den  Gergesenern 
fahren. 

Nun  wollen  wir  als  Auskultanten  dem  ganzen  Laufe  des  An- 
klageprozesses  zuschauen  und  das  rechtliche  Verfahren  beurtei- 
1  Hommel.  observat.  DXLVI. 


686  DAS  KAMPANER  TAL 

len.  Provokat  tragt  unter  freiem  Himmel  und  mit  dem  Hute  unter 
dem  Ellenbogen  einem  verehrlichen,  sowohl  vom  Turban  als  vom 
Thronhimmel  bedeckten  Gerichtsstande  seine  Notdurft,  namlich 
seine  Schwielen  vor  und  gedenkt  eines  sachsischen  Blaues  an  sei- 
nem  Leibe,  den  Provokant  wie  Stahl  schon  geblauet  haben  soil. 
Was  setzte  ihm  Provokant  oder  Injuriant  entgegen?  Ich  fur  meine 
Person  wiirde,  war*  ich  als  sein  Defensor  aufgestellet  worden, 
vielerlei  bewiesen  haben:  erstlich  daB  es  keine  tatige  Injurie  war 
-  zweitens  keine  miindliche  -  sondern  drittens  daB  die  Priigel 
bloB  eine  captatio  benevolentiae  gewesen.  Ich  hatte  folglich  als  10 
juristischer  Elegant,  d.  h.  als  eleganter  Jurist,  sogleich  an  den 
auBerordentlichen  Unterschied  erinnern  miissen,  der  zwischen 
Pulsieren  (pulsare)  und  Verberieren  (verberare)  obwaltet.  Man 
verberiert  erst  dann,  wenn  man  mit  dem  Schlag  nicht  blofi  die 
Ehre,  sondern  auch  die  Haut  verwundet  und  DirTamations-  und 
Schmerzengeld  zugleich  verschuldet;  aber  mit  dem  diinngeho- 
belten  Lautenkasten  war  das  dem  Formschneider  unmoglich.  Mit- 
hin  pulsierte  er  bloB,  d.  h.  die  Beruhrung  mit  dem  Futteral  konnte 
auf  die  Ehre  des  Altisten  gemiinzet  sein.  Beriihren  mit  Futte- 
ralen  beschimpfet  an  und  fur  sich  keinen  Menschen  (denn  sonst  20 
injurierte,  das  folgte,  einer  sich  selber,  der  sich  damit  beruhrte), 
wenn  nicht  der  animus  injuriandi  (die  Absicht  zu  beschimpfen) 
dazutritt.  Um  diesen  animus  zu  verneinen,  konnt'  ich  anfiihren, 
daB  der  Lautenist  vorher  gescholten  habe.  Mithin  konnte  Kron- 
lein,  da  er  das  Schelten  nicht  erwidern  durfte  -  Retorsion  wird  in 
Sachsen  nicht  verstattet  -,  weiter  nichts  beschlieBen,  als  den  In- 
jurianten  umzubessern.  Dazu  geben  nun  die  Gesetze  mehr  als  ein 
Mittel  an  die  Hand;  namentlich  miindliche  Injurien.  Der  Helm- 
stadter  Schoppenstuhl  erlaubt  es  Predigern,  Schneider,  Miiller 
und  Weber,  kurz  ganze  Gewerbschaften  offentlich  Spitzbuben  zu  30 
nennen1;  ja  Leyser  und  Carpzov  halten  die  Klage  der  Innung 
selber  fur  eine  Injurie  gegen  den  Kanzelredner;  so  wie  das  papst- 
Hche  Recht  befiehlt,  daB  man  eine  indezente  Beruhrung,  die  sich 
ein  Monch  gegen  eine  Frau  erlaubt,  fur  ein  Zeichen  der  Abso- 
lution zu  nehmen  habe.  Ich  akzeptier'  also  niitzlichst,  daB  der 
1  Leys.  sp.  548.  Med.  7 


HOLZPLATTE  DES  ACHTEN  GEBOTS  687 

Gegner  einraumt,  Kronlein  habe  diese  Kanzelberedsamkeit  an 
ihm  versucht.  Damit  verband  der  Revisor  noch  ein  anderes  Mit- 
tel  (als  adjuvans),  aber  ein  sanftes.  Denn  ein  hartes  war*  es  ge- 
wesen,  dem  Verleumder,  wie  Charondas  in  Sizilien  tat,  einen  in- 
famierenden  Strohkranz  aufzutun  — oder  ihm,  wie  Edgar  in  Eng- 
land tat,  die  Zunge  zu  nehmen  -  oder  gar,  wie  die  Frankfurter1 
sonst,  die  Augen  -  oder  ihm  vollends  wie  Konig  Kanut  die  Haut 
abzuziehen.  Letztere  aber  nur  mit  dem  Futteral  eineslnstruments, 
das  man  fur  das  sanfteste  halt,  der  Laute,  lekht  zu  ilherfakren, 

10  zeigt  den  milden  Menschen  an.  Theden  sagt  ganz  recht:  ich  er- 
kenne  den  grofien  Operateur  schon  an  seinen  Instrumenten. 
Schon  Schlage  an  sich  sind  schatzbar,  die  Mandarinen  in  Sina  und 
die  Generale  in  N.  N.  erhalten  sie  haufig  -  der  groBe  Luther 
wurde  in  einer  Vormittagsschulstunde  i5mal  ausgepriigelt  -  ja 
Rousseau  halt  Schlage  gar  fur  die  derniere  faveur  der  Dlle.  Lam- 
bercierl  Schon  wenn  dem  auBern  Menschen  etwas  Hartes  im 
Schlunde  steckt,  woran  er  erstickt,  wenn  es  nicht  herauskommt, 
pufFt  man  gelinde  in  den  hohlen  Riicken:  daher  wurden  zu  alien 
Zeiten,  urn  harte  Dinge  aus  innern  Menschen  herauszubringen, 

20  die  auBern  gepufFt;  so  wie  man  die  Wechselkinder  oder  Kiel- 
kropfe  spiegelt,  damit  sie  der  Teufel  hole  und  die  echten  bringe.  - 
Endlich  konnt*  ich  die  Defension  mit  dem  kuhnen  Gedanken 
schlieBen,  daB  der  Formschneider  bei  solchen  Absichten  und 
Grundsatzen  den  Kontraaltisten  ohne  Verantwortung  hatte  gar 
erschlagen  konnen,  well  sich  dieser  so  wenig  hatte  beschweren 
diirfen  wie  Drako,  als  das  Volk  ^etztern  (nach  Suidas)  unter  der 
gesungnen  Promulgation  seiner  Gesetze  aus  freudigem  Beifall 
mit  so  viel  Miitzen  und  Rocken  bewarf,  daB  der  Gesetzgeber 
erstickte.  — 

50      Aber  was  bestritt  oder  bewies  denn  mein  Klient  Kronlein  auf 
der  8ten  Platte?  -  Gar  nichts:  er  gestand  alles  und  fiigte  bloB  bei, 
er  wiirde  sich  nie  so  sehr  vergessen  haben,  hatte  nicht  Raupert 
so  entsetzlich  auf  den  Herrn  Landstand  losgezogen. 
Das  gab  dem  Prozesse  einen  unerwarteten  Schwung. 
Die  Injurien  gegen  den  Kreuzherrn  wurden  spezinziert. 
1  Meiners  Vergleichung  des  Mittelalters  etc.  1.  B.  p.  605. 


688  DAS  KAMPANER  TA  L 

Dem  Kreuzherrn  wurde  wunderlich,  und  er  saB  zwischenzwei 
Folterstuhlen :  vergab  er  die  Injunen,  so  macht'  er  sich  verdach- 
tig  und  seinen  Partagetraktat  mit  Raupert  publik;  zuchtigte  ersie, 
so  war  mit  dem  Altisten  nicht  zu  spaBen.  Wie  wahlt  er  nun  unter 
beiden  Wegen?  -  Wie  ein  holier  Geistlicher:  beide.  Erstlich  sagt' 
er,  alle  Felonien  verzeih'  er  von  Herzen.  Er  gehorte  unter  die 
Menschen,  die  Liebe  und  HaB  mit  derselben  lachelnden  Physio- 
gnomic ausdriicken,  wie  in  den  franzosischen  Letternkasten  der 
namliche  Strich  das  Trenn-  und  das  Bindielchen  vorstellt.  Die 
hohe  Weltlichkeit  und  die  hohe  Geistlichkeit  verspuren  den  bos-  10 
artigen  entstellenden  EinfluB  moralischer  Epidemien  uberall,  nur 
nicht  im  Antlitz  -  das  bleibt  reizend  — ,  wie  Kratze  und  Friesel 
ebenfalls  den  Teil  des  Korpers  schonen,  den  Casar  an  Pompejus* 
Kriegern  anfallen  lieB,  das  Geslcht.  -  Zweitens  setzte  der  ehrwiir- 
dige,  nicht  entstellte  Kreuzherr  hinzu:  nun  da  er  personlich  dabei 
interessiert  sei,  stelF  er  aus  Liebe  gegen  Feinde  und  gegen  sein 
Gewissen  das  ganze  Endurteil  lieber  Serenissimo  anheim,  und  er 
sei  Belohnen,  aber  nicht  Bestrafen  gewohnt  und  weiche  nicht  ab. 
Welche  Linde  und  Milde!  Der  Silluk  trug  dazu  bei:  denn  so  sehr 
wirkt  uberall  das  Beispiel  der  Tugend  mehr  als  alle  Abendandach-  20 
ten  und  BuBlieder  und  Kirchenmusiken,  daB,  wenn  ein  Fiirst  nur 
an  irgendeinem  Menschen  das  Beispiel  der  Vergebung  und  der 
Liebe  statuiert,  der  ganze  Hofstaat  dem  Beispiel  folgt,  so  wie  im 
(umgekehrten)  physischen  Fall  der  Lakai,  der  seinem  prodagri- 
stischen  Prinzipal  die  Strumpfe  abzieht,  das  Podagra  einhandelt 
und  aufgreift. 

Als  die  Sache  vor  den  Fursten  kam,  entschied  er  -  ich  fuBe  auf 
den  Strumpf  und  das  Bein  -,  er  wolle,  dem  Bischof  in  partibus 
solle  jede  Satisfaktion  gegeben  werden,  die  er  begehre;  ubrigens 
wiinsch'  er  den  Musikanten  nun  nicht  mehr  in  seiner  Kapelle  zu  30 
erblicken.  Der  Landstand  lehnte  alles  ab  -  denn  dem  Strumpfe 
miissen  wir  glauben  -  und  bat  sich  bloB  die  Gnade  aus,  eine  er- 
zeigen  zu  diirfen:  er  besaB  im  Erzgebirge  (der  Strumpf  hatt*  es 
nennen  konnen)  eine  artige  Hollanderei  (sein  patrimonium  Petri) 
samt  der  akzessorischen  Kompetenz-Schaferei.  Er  sagte  Serenis- 
simo ins  Gesicht,  niemals  halt'  er  es  aus,  daB  durch  ihn  ein  Burger 


HOLZPLATTE  DES  ACHTEN  GEBOTS  689 

verungliickte  und  falliere;  daher  fieri'  er,  daB  er  den  ungliicklichen 
Lautenisten  als  Okonomus  dorthin  versetzen  diirfe,  um  denFeind 
durch  Wohltun  zu  gewinnen  und  durch  die  Schaferei  feurige 
Kohlen  auf  dessen  Kopf  zu  sammeln.  Es  wurd'  ihm  hohern  Orts 
vergonnt. 

Jetzt  hatte  der  Erzbischof  den  fatalen  Nebenbuhler  samt  dessen 
Koadjutor-Hut  anstandig  zum  Henker  gejagt. 

Das  wenige,  was  ich  noch  beilaufig  nachzuliefern  habe,  ist 
nichts  als  das: 

10  Der  Teufel  werde  erstlich  aus  Bischofen  in  partibus  klug  - 
zweitens  aus  Serenissimis  -  drittens  aus  foris  deprehensionis. 

1.  Aus  Bischofen  in  partibus  infidelium.  -  Denn  ein  Bischof 
etc.  -  d.  h.  ein  Erzbischof,  Ordensgeneral,  infulierter  Abt,  Ober- 
beichtvater,  Rosenkranzbeter  (eine  geistliche  Hofstelle  in  Wien)  - 
schkkt  sich  stets  in  die  Zeit,  d.  h.  in  die  Welt.  Er  gibt  Gone, 
was  Gottes  ist,  und  dem  Teufel,  was  des  Teufels  ist,  und  ver- 
stoBet  gegen  keinen  von  beiden;  der  Doppel-Zeiger  seiner  Seele 
weiset  zugleich  auf  das  ite  Jahrhundert  und  auf  das  i8te,  so  wie 
der  konigliche  Uhrmacher,  Herr  Klemeyer  (nach  einem  Vor- 

20  schlage  des  Herrn  Schulz  in  den  Nouveaux  Memoires  de  TAca- 
demie  R.  d.  Scienc.  et  d.  B.  L.  1782)  Uhren  mit  doppelten  Wei- 
sern  gemacht,  wovon  der  eine  die  mittlere  Zeit  angibt,  der  zweite 
die  wahre.  -  Die  doppelten  Weiser  bringen  natiirlich  auf  die 
Frage,  wer  denn  dieser  hohen  Geistlichkeit,  die  immer  Laien  ab- 
solviert,  selber  vergibt,  und  an  welchem  Orte  trifTt  sie,  die  alien 
Siindern  und  Totschlagern  Frei-Statten  und  Frei-Stadte  bauet 
und  zeigt,  selber  dergleichen  an?  -  Ja  Pittaval1  berichtet  sogar, 
daB  einmal  ein  welscher  Morder  vor  den  nachhetzenden  Sbirren 
auf  eine  geistliche  -  y^/be/entsprang:  da  droben  saB  er  gedeckt; 

30  auf  diesem  Ararat,  das  wie  die  judischen  Freistadte  absichtlich 
hoch,  um  leichter  gefunden  zu  werden,  lag, -war  dem  Inkulpaten 
wenig  anzuhaben.  —  Und  eben  das  beantwortet  die  obige  Frage 
recht  gut:  auf  dieselben  zwei  kanonischen  Achseln,  auf  denen  so- 
gar  der  blutschuldige  Laie  sein  Moratorium  und  seine  Quittung 
erspringt,  rettet  sich  der  noch  leichter  hinauf,  der  sie  selber  hat, 
1  dessen  Art  d'orner  l'esprit  en  l'amusant   P.  I. 


6<)0  DAS  KAMPANER  TAL 

wie  das  Haus  eines  Gesandten  nicht  nur  seinen  Leuten  und  Frem- 
den  eine  Freistatte  darbeut,  sondern  auch  ihm  selber.  Das  Gegen- 
teil  ware  Siinde  und  undenklich;  ja  eben  daher,  daB  der  Frei- 
Stadter  seine  eigne  Freistadt  ist,  die  er  mit  Nutzen  iiberall  bei  der 
Hand  hat,  und  dafi  er  in  Zeiten  der  Verfolgung  auf  die  Berge  sei- 
ner Achseln  fliehen  kann,  kommt  der  schone  Ausdruck:  auf  bei- 
den  Achseln  tragen. 

2.  Aus  Serenissimis,  sagt'  ich  zweitens:  ist  etwas  klarer?  - 

3.  Aus  foris  deprehensionis  —  wozu  noch  die  fora  domicilii  und 
die  fora  delicti  zu  rechnen  -  und  das  mit  Recht.  Wenige  sind  im-  10 
stande,  sich  es  zu  entziffern,  warum  alles  in  Sachen  Rauperts 
contra  Kronlein  so  gliicklich  ablief  und  so  schnell;  ja  ich  glaube, 
es  gibt  nur  einen  Kunst-  und  Stadtrichter,  der  die  zwei  Ursachen 
davon  weiG  und  sagt,  und  das  bin  ich  selber.  Die  erste  ist  diese: 
Rechtsfreunde  eilen  und  verfahren  im  ganzen  lyrisch,  dithyram- 
bisch,  episch  genug,  wie  denn  iiberhaupt  die  ganze  juristische 
Kommunitat  viel  Poetisches  zeigt.  Schon  fruh  merkt  Aristoteles 
in  seinen  Problematen  an,  daB  alle  alte  Volker  ihren  Geset^en  die 
Form  von  Liedern  gaben;  daher  heiBen  noch  in  der  deutschen 
Sprache  Strophen  Gesetze.  Die  neueste  preuBische  Gerichtsord-  20 
nung  gedenkt  die  Sache  noch  weiter  zu  treiben  und  will  fur  die 
Welt  die  besten  poetischen  Adern  offnen:  wenigstens  ist  es  nicht 
ohne  gute  Folgen,  daB  sie  alle  Kanzleiverwandten  anhalt,  sogar 
die  Akten  und  Dekrete  zu  skandieren  —  indem  sie  fur  jede  Seite 
24  Zeilen  fodert,  und  fur  jede  Zeile  12  Silben  -,  und  daB  sie  da- 
durch  die  Dikasterianten  zu  Rezitativen  und  didaktischen  Ge- 
dichten  von  24  jambischen  Verszeilen  (jede  zwolfsilbig,  d.  h. 
wenigstens  sechsfuBig)  auffordert  und  zwingt.  Das  vom  Gesetz- 
buche  vorgeschriebene  Metrum  nimmt  viele  poetische  Freiheiten 
an  und  geniert  keinen  Kanzlisten;  daher  glaub*  ich  selber,  daB  50 
das  ewige  Silbenzahlen  aus  den  Kopisten,  Registratoren  und  Ge- 
genschreibern  am  Ende  jene  schone  Academie  des  belles  lettres, 
jenen  Zesischen  Blumenorden  bilde,  den  das  peuBische  Gesetz- 

buch  bezielt. Unter  so  vielen  juristischen  Dichtern  hat  nun 

ein  Kiinstler  das  leichteste  Spiel,  und  sie  tragen  gegen  ihn  gleich- 
sam  eine  Blutsverwandten-Liebe,  ja  eine  groBere  als  gegen  Dich- 


HOLZPLATTE  DES  NEUNTEN  GEBOTS 


69I 


ter  selber:  denn  nach  Lessing  liebte  und  lobte  Pope  Knellern 
starker  und  lieber  als  den  unersetzlichen  Addison. 

Zweitens  machte  nichts  den  Kronleinschen  Weg  Rechtens  so 
glatt,  blumig  und  gerade,  als  daB  der  Furst  selber  sich  um  die 
armen  Untertanen  bekummerte  und  ihnen  beisprang.  Den  Fiir- 
sten  wird  oft  wie  dem  Isaak  der  Segen  abgestohlen  -  und  den  Re- 
zensenten  oft  wie  dem  Bileam  abge^wungen  — ;  aber  einem  solchen 
Herrn  wie  Serenissimo  ist  nichts  weiszumachen:  er  will  uberall 
selber  sehen  und  steigt  mit  der  Harfe  aufs  Dach  heraus,  und  dann 
.  resolviert  er  erst.  - 

IX. 

HOLZPLATTE  DES  NEUNTEN  GEBOTS 

Lowe  der  Justiz  —  schwache  Seite  des  Revisors 


Frankfurter  MeBleute  -haben  mirs  erzahlt,  daB  einmal  auf  dem 
Theater  der  Reichsstadt  ein  Lowe,  von  dem  in  Frankfurt  kein 
Original-Exemplar  zu  haben  war,  ungemein  gut  und  tauschend 
durch  ein  Paar  Jungen  reprasentiert  und  kopiert  wurde,  die  sich 


6<)2  DAS  KAMPANER  TAL 

in  einen  Lowenbalg  begaben  und  wo  von  der  eine  die  Vorder- 
beine  des  mimischen  Leuen  vorstellte  und  beseelte,  der  andere 
die  Hinterbeine.  Mit  diesem  Gefiillsel  und  Reichsvikariat  ist  ein 
Buhnen-Lowe  zu  machen.  Aber  wenn  der  konigliche  Lowe  der 
Justiz  in  Bewegung  und  Atem  gesetzt  und  bemannet  werdeh  soil: 
welches  Heer  von  Administratoren  und  Konklavisten  muB  in 
die  Haut  des  groBen  Tiers  zusammenkommen,  damit  es  gehorig 
schreite,  wedle  und  briille!  Ich  kann  die  Sache  oft  stundenlang 
berechnen  und  weiB  am  Ende  so  wenig  wie  zuvor.  Ich  lasse  mich 
hier  nicht  auf  die  drei  Seelen  des  Leuen  ein,  auf  die  plastische,  auf  10 
die  sensitive  und  die  verniinftige,  die  unter  dem  Namen  der  drei 
Instanzen  bekannter  sind;  sondern  ich  richte  die  Aufmerksam- 
keit  der  Denker  bloB  auf  das  Personale  von  Kuratoren,  die  in  den 
verschiednen  GliedmaBen  des  Raub-  und  Saugtieres  arbeiten :  - 
den  Schwanz  desselben  muB  eine  besondere  Kommission  bewoh- 
nen  und  bewegen  -  den  Magen  besetzt  ein  ganzes  Kammerkolle- 
gium  und  besorgt  Magensaft  und  peristaltische  Bewegung  -  wie 
viele  Regierungsrate  gehoren  nicht  zu  den  vier  Tatzen,  samt  i*n~ 
zahligen  Federmessern  und  Rabenkielen  zu  den  Zahnen  -  und 
doch  wiird*  es  dem  Landtier  an  einer  Kehle  mankieren,  kroche  20 
nicht  als  Schwester  Rednerin,  als  Spiritus  rector  eine  Frau  (etwan 
eine  Konsulenrin,  eine  Ratin,  eine  Prasidentin)  in  den  Balg  und  - 
dekretierte. 

Dieser  Fall  war  auf  der  vorigen  Platte:  Regina  machte  die 
Kehle. 

Wollt'  ich  jetzt  noch  auseinandersetzen,  wie  Pitt  den  britischen 
Lowen  ausbdlgt  und  dann  metallisch  und  spirituos  ausspritzt:  so 
wiirde  mich  das  zu  weit  abfuhren,  wenigstens  von  der  9ten  Platte. 

Weshalb  soil  ichs  verstecken,  daB  mich  hier  unser  Kiinstler 
viel  weniger  zufriedenstellt,  als  er  sonst  pflegt?  Das  Publikum  30 
und  die  chalkographische  Gesellschaft  werden  entscheiden  - 
Kronlein  ist  namlich  wider  alles  Vermuten  imstande,  in  eine  sol- 
che  Shakespeare-Gallery  seines  dramatischen  Lebens,  mit  der  er 
auf  die  Nachwelt  kommen  will,  eine  Szene  aufzunehmen,  worin 
er  nichts  Bessers  vorschnitzt  und  vorzeigt  als  den  Lautenisten 
samt  Hammeln.  Diese  Platte  stellt  namlich,  nach  Aussagen  des 


HOLZPLATTE  DES  NEUNTEN  GEBOTS  693 

rechten  Arms  -  nicht  des  meinigen,  sondern  des  Kronleinschen 
im  Konterfei  -,  bloB  den  Altisten  in  der  Ponitenzpfarre  einer 
Schaferei  im  Erzgebirge  vor,  wo  er  zugleich  eine  Darmsaiten- 
Dreherei  nicht  bloB  fur  seine  Laute  und  fur  Silluks  Kapelle,  son- 
dern auch  fur  dessen  Spitzharfe  treiben  soil.  Eine  ganze  Jury  von 
Hammeln  (namlich  12  solche  Patriarchen)  miissen  ihr  Gedarm 
zu  einer  Violoncellsaite  zusammenschieBen.  Hier  futtert  und  fiil- 
let  er  ihnen  die  Darmsaiten,  eh  er  sie  zwirnt.  Im  Stande,  im  Knie- 
bug,  im  Wamsschwung  zeigt  sich  der  arkadische  alte  Schalk  wie 

10  stets  -  Kronlein  wiirde  sich,  wenn  man  ihn  im  zweiten  Leben 
uber  diese  Platte  zur  Rede  stellte,  so  verantworten:  »Aus  bloBem 
Erstaunen  uber  den  sanften  Bischof  offnete  ich  dem  Schafer  und 
seinen  Hammeln  die  Platte;  ich  dachte,  es  sei  nichts  als  Menschen- 
liebe,  warum  der  Landstand  seinem  Verleumder  das  gab,  was 
eigentlich  dieser  jenem  hatte  geben  miissen,  namlich  die  Mist- 
gabel.1  Aber  die  Ewigkeit  hat  mich  belehrt,  daB  die  Absolution 
nur  eine  verstecktere  Rache  war  und  die  Gabe  ein  Raub.«  Und 
das  hatt'  er  schon  auf  der  Erde  wissen  konnen,  hatt'  er  nur  ein 
Kirchenjahr  lang  mit  Spitzbuben  Umgang  gepflogen. 

20  Wenn  aber  solche  Kiinstler  fallen,  wie  wollen  kleinere  stehen  ? 
Der  Revisor  glitt  aus,  weil  er  in  das  ewige  Wintergriin  der  Kunst 
die  Kuchenkrauter  des  personlichen  Lebens  einflocht.  Der  grofie 
Kiinstler  muB  in  der  Stunde,  wo  er  seine  Mosis-Decke  aufhebt 
und  auf  seinem  Berge  die  ewigen  Gesetze  der  Kunst  empfangt, 
sein  tieferes  Leben  und  GenieBen  und  Leiden  vergessen;  und  in- 
dem  er  gen  Himmel  steigt,  muB  unter  ihm  die  Erde  mit  ihren 
kleinen  Reichen  zusammenkriechen  und  unter  der  letzten  Wolke 
verschwinden.  —  ■ 

Inzwischen  miiBten  die  Bibliothek  der  schonen  Wissenschaften 

30  und  Herr  Ramdohr  mich  zur  Rede  setzen,  wenn  ich  nun  die 
Schonheiten  verschwiege,  die  gleichwohl  dem  Holzschnitte  in 
jedem  Betrachte  noch  bleiben.  Aristoteles  befiehlt  epischen  Dich- 
tern,  alle  Schmuckkastchen  der  Diktion  fur  den  untatigen  para- 

1  Einem  Tagewerker  in  Sachsen  wurden  sonst-fiir  eine  ihm  zugefiigte 
Injurie  zwei  wollerie  Handschuhe  und  eine  Mistgabel  vom  Beleidiger  ge- 
geben.  Doplers  Schauplatz  der  Leib-  und  Lebensstrafen  etc.  1.  T.  p.  827. 


694  DAS  KAMPANER  TAL 

lytischen  Teil  der  Fabel  auszuleeren  und  ihre  lahmen  Glieder  da- 
mit  anzuputzen.  Kronlein  verfahrt  hier  nicht  anders:  ich  glaube, 
niemand  weniger  als  ich  braucht  von  der  schonwissenschaftlichen 
Bibliothek  und  von  Herrn  Ramdohr  darauf  gebracht  zu  werden, 
da6  Deutschland  hier  auf  einem  Raum,  den  eine  auseinanderge- 
brochene  Schokolade-  oder  Fleischbruhtafel  decken  konnte, 
nichts  Geringeres  beisammen  habe  als  1)  einen  Ruysdael,  2)  einen 
Wilhelm  Van  der  Velde,  3)  einen  Van  der  Meer  und  4)  einen 
Sachtleben  zugleich.  Wenn  ich  zuweilen  die  Partien  dieser  Land- 
schaft  einzeln  kopierte  und  Kennern  zeigte:  so  wurde  meistens  10 
der  Wasserfall  aus  dem  Granit  der  ersten  Nummer  zugeschrieben 
(dem  Ruysdael)  -  das  stille  Wasser  der  zweiten  -  die  Hammel  der 
dritten  —  die  AIpe  der  letzten.  Allein  ich  lachelte  innerlich  und 
sagte:  »Zu  Ostern  97  werden  vielleicht  in  Schwortz  einige  Noti- 
zen  vom  Meister  und  dessen  Werken  gedruckt  und  zugleich  be- 
wiesen,  da6  es  nur  einer  gemacht«  -  und  dann  zeigt*  ich  den  Ken- 
nern den  neunten  Stempel. 

So  weit  der  Kommentar  dariiber.  -  Obgleich  der  Probierstein 
der  Kritik  den  indischen  Amethysten  gleicht,  die  man  sonst  auf 
Gelagen  an  sich  trug,  um  nilchtern  zu  bleiben :  so  soli  sie  uns  doch  20 
den  Gaumen  und  die  Geschmackswarzen  fiir  das  spirituose  Ge- 
trank  nicht  nehmen.  Leuten,  die  mich  fragen;  mit  welchem 
Rechte  wirfst  du  dich  zum  Cicerone  und  Ramdohr  von  Kunst- 
werken  auf,  ohne  je  selber  einen  Stock  geschnitten  zu  haben?  geb' 
ich  aus  Verachtung  keine  Antwort  als  die  von  Correggio:  »Auch 
ich  bin  ein  -  Formschneider.«  -  Ich  forme  freilich  nicht  mit  dem 
Formmesser,  aber  doch  mit  demFedermesser,und  gegenwartiger 
Kommentar  ist  mein  Werk. 

Was  die  Kiinstler  und  Dichter  anlangt,  die  vor  oder  hinter 
ihren  Werken  von  ihrer  darauf  verwandten  unsaglichen  Kritik,  30 
d.  h.  hinter  ihren  Glasftiissen  und  bohmischen  Steinen  von  ihrem 
Demantport  und  ihren  Schleifscheiben  sprechen,  so  vergleicht  sie 
die  Welt  stets  mit  den  Fliegen,  die  noch  immer,  wenn  man  ihnen 
den  ifo/j/abgedruckt,  die  VorderfiiBe  vorstrecken,  um  die  Augen 
zu  saubern. 


HOLZPLATTE  DES  ZEHNTEN  GEBOTS  695 

X. 

HOLZPLATTE  DES  ZEHNTEN  GEBOTS 

Vokationen  —  Erkennungen 


»Monsieur  l'Intendant  des  lits  et  meubles!«  -  so  wiirden  alle  Leser 
den  bisherigen  Salzrevisor  anreden  mussen,  war'  er  und  sein  Sarg 
nicht  schon  ganz  zusammengefault.  Auf  der  loten  Platte  des 
Zehner-Gebots  horten,  wie  es  scheint,  alle  seine  10  Verfolgungen 
auf. 

Sein  linker  Arm  hinterbringt  es  gleich  oben  an  der  Achsel,  daB 
>  Serenissimus  den  Ci  devant-Salzrevisor  wenige  Tage  nach  dem 
Kolloquium  vor  sich  kommen  lieBen  und  ihm  nicht  verhielten, 
daB  jetzt  nichts  zu  machen  sei  und  keine  Stelle  offen  stehe  als  bloB 
des  Bettmeisters  seine,  die  man  Supplikanten  anbiete.  Die  In- 
traden  des  Bettmeistertums  konnen  freilich  nicht  so  hoch  auf- 
laufen  wie  die  potsdamschen  Bettgelder,  die  ganz  etwas  anders 
sind  und  unter  deren  Namen  die  Kur-  und  Neumark  jahrlich 
10000  Taler  an  den  Konig  abschickt;  inzwischen  ist  doch  im 
ganzen  Amte  mehr  Ruhe  und  Beute  -  weil  es  ein  Hofamt  ist  -, 


6<)6  DAS  KAMPANER  TAL 

und  der  Ex-Revisor  hat  wenig  mehr  zu  tun  als  die  Ober-  und 
Unter-Betten  zu  paginieren  und  zu  bewachen  und  solche  Kissen, 
die  Ruhe  haben  (weil  sie  keine  geben),  zu  verpetschieren  und 
deswegen  einwarts  nahen  zu  lassen,  damit  aus  ihnen  die  Dunen- 
Fiille  nicht  ausgekernet  wird. 

Es  sind  Geschafte,  sagte  der  Silluk  oder  Harfner,  die  schon 
halb  die  Frau  versehen  konne.  Serenissimo  sei  der  Verstand  der 
Revisorin  nicht  unbekannt;  iiberhaupt  sei  so  etwas  fur  Weiber, 
und  ihnen  entwische  weniger  hierin.  Allerdings  sind  fiir  das  weib- 
]iche  Federwildpret  die  Bettfedern  Schwung-  und  FloBfedern,  10 
gleichsam  kleinere  Aigretten  und  Kokarden,  die  mehr  tragen  als 
getragen  werden.  — 

Dafur  aber  rechne  Serenissimus  darauf,  daB  der  neue  Bett- 
meister  seine  kiinstlerische  MuBe  zu  Kunstwerken  verwende,  wie 
man  sie  von  ihm  erwarten  konnte,  Werke,  die  Glanz  auf  Sachsen 
wiirfen  -  insonderheitlich  sahen  Serenissimus  gem,  daB  dem  ge- 
meinenMann  die  Apfel-des  lutherischenKatechismus  in  den  gold- 
nen  Schalen  von  Holzschnitten  prasentieret  wiirden.  - 

-  Und  dieser  Wink  ist  der  kleine  Zufall,  dem  das  achtzehn- 
hundertjahrige  Deutschland  so  viel  verdankt,  die  katechetischen  20 
Platten  -  und  meine  schlechte  Erklarung. 

Sonst  werden  mit  demselben  FleiBe  die  militdrlschen  Kom- 
mandoworter  verkiirzt  und  die  gerichtlichen  ausgedehnt  (die  De- 
krete  etc.);  -  hier  aber  im  Lustlager  war  Bittschrift  und  Rucken- 
dekret  ein  abbreviertes  Ja?  und  Ja!  - 

Auf  dieser  Stelle  der  Historie  steht  nun  der  Kronleinsche  Hnke 
Arm,  der  uns  wie  ein  holzerner  den  Weg  zur  zehnten  Platte  zeigt. 

Erwurde  entziickt  Bettmeister.  Zum  Antrittsprogramm  schenkt 
er  hier  der  Welt  einen  der  besten  Auftritte.  Als  Intendant  des  lits 
et  meubles  untersucht'  er  wenige  Tage  nach  der  Bestallung  samt-  30 
liche  hohe  Betten,  ob  sie  noch  bekielet  waren  wie  Spinette  oder 
befedert  wie  Kanzleien.  Er  sagt  auf  dem  Ellenbogen  des  Konter- 
feies  (er  will  die  allgemeine  Erwartung  steigern)  er  nab*  es  fur 
seine  Pflicht  gehalten,  die  bettmeisterliche  Haussuchung  bei  dem 
lit  de  justice  und  Federtopf  der  Person  selber  anzuheben,  der  er 
alles  verdanke,  bei  dem  landesherrlichen.  Als  der  Intendant  die 


HOLZPLATTE  DES  2EHNTEN  GEBOTS  697 

faltigen  Vorhange  dieses  Allerheiligsten  leicht  auseinander  ge- 
rissen:  wurd*  er  auf  den  landesherrlichen  Kopfpolstern  zu  seinem 
Erstaunen  und  Erstarren  -  er  sagt,  man  solle  raten,  und  wettet, 
man  nenne  alles,  ausgenommen  was  kommt  -  seine  Frau  gewahr. 
»Es  war  ein  bedenklicher  SpaB  und  der  fast  allzukuhn«,  sagt  er 
auf  seinem  Arme  weiter  unter  dem  Puis.  Die  Bettfrau  (seine  Re- 
gtna)  hatte  sich  namlich  aus  Scherz  (meldet  er)  in  die  landesvater- 
liche  Ruhestatt  versteckt,  um  den  Moitisten  ihrer  eignen  kindisch 
zu  erschrecken.  Der  Bettinspektor,  der  in  diesem  klassischen  und 

10  geweihten  Dunen-Boden  nichts  suchen  konnte  als  hochstens  seine 
Landesmutter  und  Dogaressa,  prallet  vor  seiner  eignen  Regina 
zuriick,  unentschliissig,  soil  er  erblassen  oder  erroten,  und  ist 
auBer  sich  und  wenigstens  halbtot.  Regina,  welche  die  Folgen 
dieses  Scherzes  endlich  sieht,  setzt  ihm  nach  -  die  Platte  zeigt  es  - 
und  halt  ihn  beim  t)omino  und  bedeutet  und  ermahnt  ihn,  doch 
kein  Narr  zu  sein,  sondern  einzusteigen,  Serenissimus  werde  sich 
totlachen,  und  weiter  sei  es  nichts.  Er  hob  aber  die  Arme  schwd- 
rend  auf,  er  muBte  sich  betrunken  haben,  wollt'  er  solche  Teufe- 
leien  gegen  seinen  Landesvater  anfangen,  und  sie  solle  augen- 

20  blicklich  betten.  Er  segelte  ab,  sie  bettete  um,  und  so  wars  vorbei. 
Ich  weiB  nicht,  ob  in*  diesem  blofi  biirgerlichen  Schauspiel  die 
Kritik  es  leidet,  daB  der  Bettmeister  sich  hier  auf  elnem  Halse 
zwei  Gesichter  aufschnitzte,  sein  schones  angebornes,  das  er  lie- 
bend  gegen  die  Bettfrau  kehrt,  und  ein  abscheuliches  wildes,  das 
abgewandt  dem  rechten  Beine  folgt  wie  jenes  dem  linken.  Der 
Kunstrat  Fraischdorfer,  der  das  ganze  Holzschnitt-Kabinett  dieses 
Katechismus  besitzt  -  namlich  den  Katechismus,  worin  es  steckt-, 
nimmt  meine  Meinung  gar  nicht  an,  sondern  behauptet,  das 
heiBe  einem  Kiinstler  Krebsschaden  inokulieren  statt  operieren; 

30  die  Platte  stelle  orTenbar  folgende  Szene  vor:  »der  hohe  Dach- 
Harfner  des  sechsten  Gebots  sei  wahrscheinlich  von  der  Redoute 
mit  der  Maske  in  sein  Schlafzimmer  getreten,  um  Ruhe  zu  gewin- 
nen  (denn  nicht  nur  Monarchien  miissen  Ruhe  -  Republiken  aber 
Unruhe  -  haben,  um  die  Verfassung  zu  behalten,  wie  Raynal 
sagt,  sondern  auch,  setz*  ich  hinzu,  die  Monarcheri)  -  Serenissi- 
mus schlage  die  Seiden-Gardinen  zuriick  und  betreffe  darhinter, 


698  DAS  KAMPANER  TAL 

was  wir  alle  hier  vor  uns  haben  —  und  in  der  Todesangst  und 
Flucht  nab'  er  mit  der  Rechten  (indem  er  damit  auffuhr,  wie 
noch  zu  sehen)  die  Larve  auf  das  rechte  Ohrherumgedreht,  und 
so  schaue  er  mit  der  Maske  nach  der  Tugend,  mit  dem  Gesicht 
nach  der  Siinde.« 

Scharfsinn  ist  der  Deutung  nicht  zu  nehmen,  aber  Wahrheit: 
denn  aus  dieser  Wolke  reicht  uns  der  Kunstler  seinen  linken  Arm 
und  zieht  damit  jeden,aus  dem  Sumpf.  Ein  Artist  weiB  allemal 
eher  als  die  Kenner,  was  er  haben  will.  Oberhaupt  ist  gar  nicht 
wahrscheinlich,  daB  die  Silberdienerin  die  Vorziige  ihres  Ge-  10 
schlechts  in  dem  Grade  vergessen  haben  sollte,  daB  sie  -  da  die 
Weiber,  nach  Haller,  den  Hunger  langer  ertragen  als  wir,  ferner 
sich  schwerer,  nach  Plutarch,  berauschen,  nach  Unzer  alter  wer- 
den,  kahl  gar  nicht  werden,  die  Seekrankheit  nach  De  la  Porte 
schwacher  bekommen,  langer  nach  Agrippa1  im  Wasser  oben 
schwimmen,  seltner  nach  Plirrius*  von  Lowen  angefallen  und 
nach  alien  Erfahrungen  immer  die  Erstgebornen  und  bessere 
Krankenwarter  sind  -  bei  solchen  Vorziigen  ists  wenig  glaublich, 
daB  die  Bett-Intendantin  Serenissimum  beim  Mantel  gefangen 

hatte;  aber  -  erwartet  kann  sie  ihn  sehr  leicht  haben. 20 

Eine  dritte  Meinung  iiber  diesen  Stock  nehm'  ich  nur  herein, 
damit  sich  der  Leser  vom  muden  Ernste  der  Untersuchung  durch 
ein  Lacheln  erhole :  wieder  die  Ausleger  haben  die  dritte  gehabt, 
namlich  gegenwartiger  Bettmeister  oder  (nach  der  Fraischdorfer- 
schen  Hypothese)  gegenwartiger  Serenissimus  sei  der  keusche 
Joseph,  und  die  Bettfrau  sei  Potiphars  Frau . . .  Armer  Revisor, 
wie  Albano  seine  Frau  bald  als  Magdalena,  bald  als  Maria  in  seine 
schmeichelnde  Gemalde  berief,  so  sollst  du  auch  deine  Regine 
bald  als  Madame  Potiphar,  bald  als  Bathseba  mit  deinen  Kate- 
chismus-Stocken  ausgepragt  haben!  -  30 

Der  fiirstliche  Faltenwurf  des  Parade-Torus  bestarkte  die 
Ausleger  in  ihrem  biblischen  SpaBe  nur  noch  mehr.  -  Und  nun 
ists  mir  auch  kein  Ratsel,  warum  meine  Kollegen  den  Revisor 
auf  dem  Berge  der  ersten  Platte  fiir  den  Gesetzgeber  Moses 

1  Agrippa  de  nobilit.  foem.  sexus. 
3  H.  N.  VIII.  16. 


HOLZPLATTE  DES  ZEHNTEN  GEBOTS  699 

ausgaben:  denn  letzterer  wurde  bekanntlich  mit  Hornern  ab- 
gebildet.  - 

Ja  nach  Potter1  und  Lessing  wurden  schon  bei  den  Alten  nicht 
blofi  heilige  Baume,  Altare,  gemalte  Flusse,  sondern  auch  Fiir- 
sten,  Helden  und  Gotter  mit  Hornern  geschmuckt,  weil  man  sie 
fiir  Insignien  und  Sinnbilder  einer  ausgezeichneten  Wiirde  hielt. 

-  Eigentlich  ist  hier  der  fiinfte  Akt  zu  Ende,  der  Theatervor- 
hang  auf  dem  Boden  und  mein  Amt  vorbei;  aber  der  Vorhang 
fahrt  wieder  auf  und  zeigt  die  frohern  zwei  Akte  des  Nachspiels. 
10  Wenigstens  sen'  ichs  fiir  meine  Obliegenheit  an,  meinem  Helden 
in  die  Bagatelle  und  das  Monrepos  seines  hauslichen  Freuden- 
saales  mit  meinem  Kommentare  nachzuziehen.  Seit  dem  sechsten 
Gebote  nahm  er  zu  seinen  Formbrettern  teueres  Buchsbaumholz, 
das  schwerste  europaische  Holz,  um  sein  eignes  Gewicht  zu  mel- 
den  -  und  iiberhaupt  ist  der  ganze  Bilderkatechismus  eine  ver- 
kleinerte  Kopie  seines  Lebens  —  wie  etwan  der  Franziskaner  Tho- 
mas Murner  die  Logik  in  5 1  Holzschnitten  beibrachte,  die  char- 
tiludium  logicae  hieB  —  und  da  dieser  Weg  viel  weicher  und  scho- 
ner  ist  als  der  andere,  den  der  Jesuit  Menestrina  ging>  weicher  des 
20  aufgeblasenen  Ludwigs  XIV.  Leben  bloB  aus  Munzen  beschrieb  - 
und  mahches  fiirstliche  und  dieses  Ludwigische  ist  leichter  aus 
den  ausgegebenen,  aus  den  valvierten  und  aus  den  falschen  zu 
extrahieren  als  aus  denen,  die  aufs  Leben  geschlagen  wurden  - : 
so  hielt*  ichs  fiir  Diebstahl,  die  zwei  schonsten  Ausschnitte  aus 
Kronleins  Leben  der  Nachwelt  wegzuschneiden.  Wozu  diente 
sonst  auf  dem  weimarschen  Blatte  der  Flachmetfiel  und  der  kleine 
Bischof? 

Beide  wurden  nie  erklart,  wenn  ich  nicht  fortfiihre  — 

1  dess.  griech.  Archaologie,  von  Ranibach  iibersetzt.  1.  B.  p.  469. 


700 


DAS  KAMPANER  TAL 

XI. 

Erster  Freudenstock 
Erklarung  desselben  —  Brief  eines  Mannes  von  Welt 


Hier  steht  derBettmeisterin  seinem  schonstenTempeldesRuhms 
und  in  seiner  Westmiinsterabtei:  er  lasset  taufen.  Das  Mannchen 
rechter  Hand,  das  mit  aufgemachten  Zirkel-FiiBen  und  aufge- 
zognem  Fliigel-Mantel  hervorhorcht,  ist  der  Kindes-Vater  Kron- 
lein.  Man  erkennt  ihn  hier  schwer  unter  dieser  Kopf-Wildschur 
und  diesem  Glatzen-Shawl,  unter  der  Gala-Perucke.  Er  steht  hin- 
ter  seinem  Gevatter,  einem  fetten  und  vornehmen  Mann.  Er  bat 
namlich  Serenissimum  selber,  der  Taufzeuge  des  Sohnleins  zu 
sein  -  damals  tat  man  das  ofter  als  jetzt,  wo  man  fast  nach  dem 
Gesetz  der  Talmudisten  handelt,  daB  ein  Konig  und  ein  Brett- 
spieler  keine  Zeugen  sein  konnen-;  daher  wurde  vom  Silluk 
gegenwartiger  Nutrkor  der  Landes-Universkat  als  Vize-  und  Vika- 
riatsgevatter  hergestellt.  Wenige  Nutritores  von  Universitaten 
werden  gleich  dem  gegenwartigen  mit  solchem  Anstand  unter 
einem  solchen  Grau-  und  Vorlegewerk  der  Periicke  zu  Gevatter 


ERSTER  FREUDENSTOCK  7OI 

stehen,  in  einer  so  niedlich  zuriickhangenden  Mantille,  mit  einem 
solchen  WinkelmaB  von  Pas;  und  nicht  auf  alien  Nutritoren- 
Gesichtern  schwimmen  zwei  solche  Fett-Augen,  und  wenige  zei- 
gen  diese  aus  Milch  und  Blut  aufsteigende  fette  Sahne  der  Physio- 
gnomic und  dieses  mit  Talg  ausgespriitzte  Praparat  von  Leib,  das 
den  zugeknopften  Rock  unten  abbreviert. 

Auf  dem  Baptisterium  oder  Tauf-Lavor  finden  wir  iiber  der 
Tauf-Bay  das  gebogne  Minierraupchen  und  Essigalchen,  das  die 
erste  Olung  bekommen  muB.  Der  arme  gekriimmte  WasserschoB- 

)  ling  wird  in  wenig  Minuten  vom  Nutritor  den  Namen  Gerg  er- 
halten:  ich  hatte  den  kiinftigen  Gerg  auch  eine  Hyazirithe  iiber 
dem  Blumenglase  voll  Taufwasser  nennen  diirfen.  In  den  fruhern 
Zeiten  war  das  Bad  der  Wiedergeburt  nicht  wie  jetzt  ein  Spriitz- 
bad,  sondern  ein  Plongierbad;  und  Baden  und  Taufen  und  Ein- 
salben  horte  damals  nicht  schon  unterhalb  der  Glatze  auf.  Ein 
englischer  Arzt  gibt  der  Abschaffung  dieses  kanonischen  Halsba- 
des1  die  Zunahme  der  englischen  Krankheit  schuld;  eine  ahnliche 
Verkriippelung  und  solche  Doppeltglieder  brechen  am  innern 
Menschen  aus,  wenn  an  ihm  nichts  ein  Christ  wird.  als  der  Kopf. 

>  Wer  der  Taufer  oder  Jupiter  pluvius  ist,  das  kann  uns  nur  der 
FlachmeiBel  sagen...  Allein  wer  der  FlachmeiBel  ist,  das^kann 
ich  nur  sagen:  diesen  Namen  fiihrt  bei  den  Formschneidern  sonst 
jeder  MeiBel,  der  die  geraden  Zuge  grabt  (die  andern  rundet  der 
HohlmeiBel);  hier  aber  meint*  ich  den  abgebildeten  FlachmeiBel, 
den  das  Kronleinsche  Konterfei  aus  Weimar  samt  einem  Form- 
brett  in  der  Linken  hat  und  womit  er  meiner  Ubersetzung  dieses 
Taufstocks  vorarbeitet.-DemMeiflel  zufolge  tauft  hier  der  Land- 
stand:  er  zieht  ein  ungemein  flamisches  Gesicht  und  stellt  im 
Kopfe  actionem  de  filiatione  an  und  wiinscht  vielleicht  statt  dieses 

,  kleinen  Badgastes  den  Intendant  des  lits  et  meubles  selber  so  iiber 
dem  vollen  Lavor  zu  haben.  Der  Exorzist  bedarf  oft  selber  des 
Exorzismus;  und  mit  Seelenarzten  ists  wie  mit  Korperarzten,  die 
nach  Hufeland  schon  ihres  Metiers  wegen  nicht  so  gesund  sein 
konnen  wie  ihre  Patienten. 

Neben  dem  gramischen  Brunnenarzt  stent  ein  fatales  ausge- 
1  Namlich  der  Abschaffung  der  volligen  Eintauchung  bei  dem  Taufen. 


702  DAS  KAMPANER  TAL 

leertes  Gesicht,  das  wahrscheinlich  der  Hebamme  (denn  hieruber 
schweigen  alle  Ausleger  und  selbst  der  FlachmeiBel)  zu  inkorpo- 
rieren  ist :  eine  solche  Brautfiihrerin  ins  Leben  ist  noch  ofter  die 
Reichserbturhuterin,  die  dem  matten  Zwerg  die  Pforte  vor  der 
Nase  zuschlagt.  Die  Erzturhuterin  macht  einen  Muff  aus  dem 
Taufkissen,indas  nachher  derkleineSenkreiserwiedereingeschla- 
gen  wird.  Ich  habe  dieses  Klatsch-Rosenmadchen  vermutlich 
schon  auf  der  3ten  Platte  neben  der  Kanzel  gesehen:  ich  bringe 
mich  immer  mehr  gegen  sie  auf,  je  langer  ich  sie  beschaue  und 
beschreibe.  Sie  wird  nicht  einmal  durch  den  Abstich  mit  dem  10 
schattigen  Kammermohren  hinter  ihr  verschonert,  den  ich  wenig 
kenne.  Ist  der  Mohr  der  Lautenist?  Ist  es  der  Teufel,  der,  aus  dem 
Schneckengehaus  des  Tauflings,  aus  diesem  Karten-  und  Sakra- 
menthauschen,  ausgejagt,  auf  ein  geraumigeres  Arbeitszimmer, 
das  noch  keiner  bezogen,  in  den  Herzen  dieser  Kirchengemeinde 
wartet?  Wenn  es  der  Teufel  nicht  ist,  soil  es  etwan  eine  zankische 
Schwiegermutter  sein?  —  Alle  Ausleger  und  FlachmeiBel  und 
Formbretter  schweigen  daruber  ganzlich. 

Was  uber  dem  andern  Schwarzen  hangt,  ist  eine  weiBe  Taube, 
die  dasmal  nicht  unter,  sondern  iiber  dem  Geier  schwebt.  FHegt  20 
sie  tiefer  auf  die  Zisterne,  so  wachset  sie  zum  Taufengel  aus.  Wie 
in  den  mittlern  Zeiten  alle  Edeldamen  mitSperbern  auf  der  Hand 
gemalet  wurden,  ob  sie  gleich  nicht  auf  die  Vogelbeize  ritten  - 
jetzt  stoBen  umgekehrt  die  Raubvogel  die  Jagerinnen  -,  so  brei- 
tet  an  jeder  Kanzeldecke  eine  Taube  die  Flugel  iiber  die  Bischofe 
aus,  ob  sie  gleich  diese  weder  anbriiten  noch  inspirieren  kann. 
Weiter  nab'  ich  nichts  zu  erklaren:  der  Rest  ist  die  Kirche.  — 
Sobald  ich  im  Katechismus  unter  Kronleins  Ahnenbildern,  de- 
ren  rasonierenden  Katalog  ich  in  die  Hande  Deutschlands  gebe, 
auf  dieses  eilfte  kam,  so  sagt*  ich:  »Das  ist  der  erste  Freudenstock,  30 
oder  es  gibt  keinen  mehr.  Wenn  jetzt,  da  ein  kleiner  Gerg  in  der 
Wiege  liegt,  die  Bettmeisterin  nicht  ihr  Bestes  tut  und  dem  armen 
Narren  es  kommoder  macht — «  Ich  brauchte  den  Perioden  gar 
nicht  zu  vollenden :  denn  ein  Kind  veredelt  (in  den  mittlern  Stan- 
den)  das  schlimmste  Weib  und  stellet  sich  als  Sperrkreuz  und 
'  spanischer  Reiter  mitten  auf  ihre  Irrwege  und  in  ihre  Maulwurfs- 


ERSTER  FREUDENSTOCK  703 

gange.  So  ists  auch  eine  gemeine  Bemerkung,  daB  die  Zwiebel  der 
Kaiserkrone  ihren  Gift  tablegt,  sobald  sie  nur  ein  einzigesmal  ge- 
trieben  hat.  Die  Mutterliebe  durchgreift  mit  tausend  Wurzel- 
zweigen  das  ganze  weiblkhe  Herz,  sie  zieht  alles  Blut,  sogar  das 
verdorbene,  in  sich  an  und  iiberwachset  und  verdrangt  jede  Ne- 
benpflanze  und  bluht  endlich  ganz  allein  auf  dem  umflochtenen 
Boden.  Die  weibliche  Brust,  in  der  so  viel  HaB  gegen  so  viele 
Mutter  ist,  wird  doch  liebend  vom  Anblicke  der  Kinder  dieser 
Mutter  bewegt,  und  je  j  linger,  d.  h.  hulf  loser,  die  kleinen  Gestal- 

10  ten  sind,  desto  lieber  mochte  jede  sie  an  den  Busen  driicken,  und 
desto  leichter  geht  die  Verwechslung  mit  nahern  vonstatten.  Ich 
sen*  oft  mit  Vergniigen,  daB  keine  Magd  vor  einerKinderwarterin 
vorbeilauft,  ohne  die  kleinsten,  aber  schonsten  Lippen  (ich  habe 
noch  kein  Kind  mit  ungestalten  gesehen)  mit  einem  kursorischen 
Flug-KuB  zu  beschenken  und  zu  schrecken.  Nur  Weiber,  die 
mannlicher  denken,  erhalten  sich  kalt  gegen  fremde  Kinder. 

Ich  bekenn*  es,  bloB  mein  Vertrauen  auf  Reginens  Mutterherz 
schloB  mir  unter  der  Taufhandlung,  die  sehr  viel  Bitterwasser 
dem  Taufwasser  zugoB,  wieder  eine  und  die  andere  heitere  unbe- 

20  deckte  Allee  in  Kronleins  Leben  auf,  und  ich  schwur,  Regina 
entsundige  sich  kiinftig:  sonst  hatte  mich  der  blinde  Kindes- 
Vater  zu  sehr  gedauert,  besonders  ein  solcher!  Ich  meine,  ein 
Kronlein,  der,  ob  er  gleich  am  Hofe  lebt  und  eine  wirkliche,  keine 
Titular-Bettmeisterei  versieht,  doch  rein  und  einfach  verbleibt, 
dort  weder  schwillt  noch  kriecht,  und  den  ganze  Gass'en  von 
Lustschlossern  nicht  blenden  und  locken  und  krummen,  einen 
Bettmeister,  der  unter  Witzigen  geduldig  und  verniinftig  bleibt, 
unter  Pikanten  unbewehrt,  so  wie  iiber  dem  sal^igen  Meer  nur 
silfie  Tau-  und  Regentropfen  aufsteigen.  Doch  ist  das  wahr,  daB 

30  einen  Kiinstler  unter  alien  Menschen  am  wenigsten  seine  Lagen 
beflecken,  weil  er  die  Lagen  weniger  braucht  und  weniger  fiihlt.  — 
Ein  Weltmann,  der  mich  eben  in  Voigtland  besuchte  (sein  Hof 
errat  ihn  leicht)  und  dem  ich  beim  Abschied  in  sein  reiches  Bilder- 
kabinett  gegenwartigen  Kronleinschen  orbis  pictus  schenkte  (ich 
schnitt  bloB  von  den  10  Katechismus-Platten  die  10  Gebote  her- 
ab,  die  fur  einen  Mann  von  Stande  nicht  passen),  dieser  feine 


704  DAS  KAMPANER  TAL 

Kenner  der  Werke  der  Kunst  und  des  Teufels  schrieb  mir  nach 
dem  Abdruck  der  ersten  Bogen  dieses  Werkleins  zuriick: 

»Auf  10  Briefe  sind  Sie  die  Gegenbriefe  schuldig.  Die  ute 
Platte  ist  gut:  Komposition,  Ausdruck,  Beiwerk,  alles  verdient 
Lob.  Aber  der  Kimstler  ist  (unter  uns)  ein  Schaf  wie  Lafontaine 
oder  wie  unser  jetziger  Deckenmaler.  Die  gute  Silberdienerin 
fiihrt,  wie  man  merkt,  in  ihrem  Wappen  so  viele  Herzen  wie  Hil- 
desheim  in  dem  seinigen,  namlich  drei  (das  ihres  Mannes  kann 
nicht  gerechnet  werden):  ich  weiB  nicht,  wohin  ihr  Mann  denkt! 
Es  gibt  Leute  in  der  Welt,  die  dem  beruhmten  Portratmaler  10 
Kneller  in  London  gleichen,  der  bloB  die  Physiognomic  seiner 
artistischen  Gebilde  selber  machte,  der  aber  von  dem  ersten  besten 
Unter-Maler  die  Periicke,  von  einem  andern  den  Rock,  von  einem 
dritten  die  Knopfe,  von  einem  vierten  die  Spitzenmanschetten  zu 
seinem  Kinde  malen  lieB.  Es  gibt  noch  solche  Kneller,  die  es  an- 
dern anheimstellen,  das  zu  kleiden,  was  sie  bilden.  Ihr  lieber  Bett- 

meister, aber  aufrichtig,  ich  meine  eigentlich  viel  nahere  und 

vornehmere  Leute  um  mich,  die  (wiewohl  ohne  das  Vergeltungs- 
recht  zu  verschlafen)  fiir  ihre  Familie  nie  etwas  Nahers  waren  als 
grands  maitres  de  garderobe,  die  ihre  Familie,  wie  der  Weltgeist  20 
nach  guten  Philosophen  die  Welt,  nur  ordneten  und  erhielten, 
nicht  schufen.  So  sah  ich  sehr  oft,  daB  Ambassadeurs,  die  etwas 
auf  sich  hielten/ nicht  weit  von  dem  Hofe,  wohin  ihr  Kreditiv 
lautete,  sich  mit  alien  den  Leuten  versorgten,  zu  denen  sie  schon 
die  notigen  Livreen  und  Garderoben  mitgenommen  hatten,  um 
glanzender  einzuziehen.  Der  Unterschied  ist  kleiner,  als  man  ihn 
macht:  schon  Boileau  stellt  den,  der  ein  Gedicht  vorzutragenweiR, 
sogleich  neben  den,  der  es  machte  etc.« 

Der  Himmel  behiite  und  bewahre!  Ich  weiB  nicht,  wozu  ich 
diesen  Brand-  und  Steckbrief  hereinsetze.  -  Ich  kann  nicht  genug  30 
eilen  zum  zweiten  Freudenstock,  ob  er  gleich  das  Werklein  be- 
schlieBet 


ZWEITER  UND  LETZTER  FREUDENSTOCK  705 

XII. 

ZWEITER  ITND  LETZTER  FREUDENSTOCK 

Die  chymische  Verwandtschaft  des  Traums,  des  Geburtstages,  des  Sterbe- 
tages  und  des  Finis 


Nichts  schlagt  mir  elender  zu  und  lasset  mich  matter  zuriick  als 
ein  Diskurs  mit  Leuten,  die  auBerordentlich  beriihmt  und  ge- 
scheut  sind,  und  ein  halbstiindiges  Kolloquium  mit  Voltaire,  mit 
Friedrich  IL,  mit  Lessing  trankte  mir  mein  Magen  gewohnlich 
mit  Sauere  ein  und  mein  Kopf  mit  Kongestionen.  Besonders  ist 
10  mirs  zuwider,  wenn  ich  den  benihmten  Mann  schon  wirklich  ge- 
horet  habe,  der  mich  in  meinem  Bette  besucht  (denn  ich  rede  von 
meinem  bureau  d'esprit  in  Traumen).  Ich  darf  sagen,  daB  ich 
voriges  Jahr  taglich  mehr  Bitterklee  (diese  beste  Praservationskur 
gegen  kianftige  Migrane)  kochen  und  trinken  muBte  und  am  Mor- 
gen  gar  nicht  aus  den  Federn  wollte,  bloB  weilHerrH.  jede  Nacht 
zu  mir  kam,  als  ware  mein  Kopfkissen  ein  Besuchzimmer:  denn 
ich  muBte  mich  im  Schlafe,  wo  die  Natur  ruhen  will,  nicht  bloB 
entsetzlich  anspannen,  um  mich  im  Diskurse  zu  zeigen,  sondern 


J06  DAS  KAMPANER  TAL 

ich  muBte  auch  Herrn  H.  jedes  Wort  eingeben,  das  er  zu  mir 
sagte.  Und  das  ist  (zumal  im  Bette)  schwere  Arbeit.  Gliicklicher- 
weise  kommt  ihm  das  niemals  zu  Ohren,  was  er  zu  mir  sagt  und 
was  ich  ihm  einblase;  aber  lieber  sprech*  ich  mit  ihm  millionenmal 
auf  seiner  Stube  als  einmal  in  meinem  Kopf,  weil  ich  dort  nur  zu 
sagen  brauche,  was  ich  weiB,  hier  aber  das  iibrige. 

Dabei  hingegen  kann  man  bestehen,  wenn  einem  der  Revisor 
erscheint :  in  der  vorigen  Nacht  kam  er  vor  mein  Bette  und  schlich 
mit  andern  Traumen  in  mein  Gehirn.  Es  kam  mir  namlich  vor, 
der  Bettmeister  hange  wie  ein  Eidotter  in  einer  Phiole  voll  Wein-  10 
geist  (er  hatte  etwan  die  Lange  eines  Fotus)  und  fange  im  Spiritus 
an,  mich  anzureden.  Es  ist  hier  leicht  zu  bemerken,  wie  sehr 
meine  Phantasie,  die  den  ganzen  Tag  den  Revisor  nur  auf  den 
Holzschnitten  in  dem  nonagesimo-sexto-Format  eines  winzigen 
Mannleins  besieht,  das  mehr  in  die  Juwelier-  als  Heuwaage  ge- 
setzet  werden  kann,  auf  meinenTraum  einfloB  und  gleichPedrillo 
ihm  die  GroBe  seines  Miniaturbildes'lieh.  Das  Bettmeisterlein 
sagte,  es  konne  nicht  ruhig  in  seinem  Spiritus  hangen,  ohne  mir 
gedankt  zu  haben,  daB  ich  den  zugemauerten  Namen  an  seiner 
Ehrensaule  wieder  aufgekratzt,  vorgescharrt  und  ausgeputzt  und  20 
seine  schiefhangende  Statur  wieder  steilrecht  gesetzt  -  daB  ich 
in  den  Schleier  Minervens  (er  spielte  auf  meine  Schriften  an)  nach 
athenischer  Sitte  seinen  Namen  eingewoben.  Ich  sah,  daB  der 
Fotus  belesen  war;  und  wollt'  es  gleichfalls  scheinen:  »Lieber 
Intendant  des  lits  et  meubles,«  sagt'  ich,  »Ihre  Werke  blieben 
ewig  wie  der  kleine  Katechismus;  aber  die  Bilder  Ihrer  eroberten 
Provinzen  zogen,  wie  bei  einem  romischen  Triumph,  in  dieNach- 
welt  voran,  und  der  Triumphator  schloB,  wie  in  Rom,  den  Zug 
und  erschien  erst  anno  1797.  Erst  nach  Abspielung  des  ganzen 
Stiicks  ruft  das  Parterre  der  Welt:  Autor  vor!«  -  Er  lieB  sich  30 
weiter  heraus  iiber  die  Absicht,  weswegen  er  mir  im  Weingeist 
erschienen  sei,  namlich  bloB  um  mich  zu  benachrichtigen,  daB 
ich  vielleicht  aus  einem  geheimen  Zuge  seinen  von  Schmutz  und 
Kirchenstuhlen  iiberbauten  Leichenstein  hervorgezogen  und  im 
Pantheon  des  Nachruhms  aufgestellt,  weil  er  mein  Verwandter, 
und  zwar  mein  Urur  etc.  groBvater  von  mutterlicher  Seite  ware, 


ZWEITER  UND  LETZTER  FREUDENSTOCK  707 

und  aus  den  Wittenberger  Kirchenbiichern  konnt*  ich  mir  den 
Stammbaum  extrahieren  lassen.  -  Ich  wollte  den  Spiritus-Schwim- 
mer  unterbrechen ;  aber  der  Wassermann  fuhr  fort:  »er  versehe 
sich  besonders  von  seinem  Urur  etc.  enkel,  daB  solcher  die  i2te 
Holzplatte  mit  besonderem  Feuer  vertiere  und  illuminiere;  denn 
diese  hab*  er  stets  am  meisten  geliebt,  am  langsten  befeilt:  und 
das  bloB  darum,  weil  die  Platte  die  Feier  seines  34Sten  Geburts- 
tages,  der  in  den  Fruhlingsanfang  traf,  mit  der  Pantomime  des 
Buchsbaums  darstelle.  Ja  im  Turmknopf  der  Hofer  Michaelis- 

10  Kirche  sei  ein  scharfer,  nie  gebrauchter  Stempel  dieser  Platte  statt 
einer  alten  Miinze  niedergelegt  und  aufgebahrt,  aus  dem  ein  Urur 
etc.  enkel  tausend  Sachen  schopfen  konnte,  die  der  Welt  zu  geben 
waren.«  -  Aber  hier  zerfloB  mein  Urur  etc.  groBvater  phosphores- 
zierend  in  seinem  Weingeist  —  als  wenn  er  lebte  -  und  entziindete 
den  rektifizierten  Spiritus  mit  seinem  sublimierten,  und  die  ganze 
Flasche  brannte  lichterloh  — 

Ich  erwachte,  und  bloB  meine  Nacht-Sparlampe  flackerte  un- 
gewohnlich  vor  mir. 

Wie  entsiegelt  die  Philosophic  diesen  plombierten  Traum, 

20  diese  hermetisch  verpetschierte  Phiole?  -  Manches  ist  naturlich 
und  erklarlich  darin:  da  ich  gerade  heute  meinen  eignen  Geburts- 
tag  begehe,  so  konnte  die  Phantasie  des  Traums,  die  gern  rochiert 
und  versetzt,  leicht  meinen  Urur  etc.  groBvater  an  die  Stelle  seines 
Urur  etc.  enkels  verpflanzen.  Ferner,  da  der  Ururenkel  glaubt,  es 
gebe  kein  besseres  Denkmal  eines  frohen  Prima-Tages  als  eine 
Arbeit,  die  man  daran  tut  -  welches  zugleich  fur  eine  schonere 
Dariksagung  an  den  vaterlichen  Wachter  unsers  zerbrechlichen 
Daseins  gelten  kann  als  bloBe,  bald  erkaltende  Riihrungen  -;  und 
da  ich  deswegen  gerade  heute  das  i2te  und  helleste  Stockwerk  in 

30  Kronleins  Leben  (die  i2te  Platte)  ausbauen  und moblieren wollte: 
so  kann  der  Psycholog  auch  darin  nichts  "Obernaturliches  ver- 
spiiren,  daB  mir  gerade  fur  den  heutigen  Initial-Tag  der  im  Wein- 
geist konservierte  UrurgroBvater  anbefohlen,  sein  zwolftes  Le- 
bens-Stockwerk  zu  tapezieren. 

Aber  schwerer  sind  dem  Psychologen  die  ubrigen  Auftritte 
des  Traums  ungezwungen  aus  der  Ideen-Epigenesis  und  Kristal- 


708  DAS  KAMPANER  TAL 

lisation  zu  erklaren:  ich  bekenne  mein  Unvermogen.  Es  kann 
sein,  daB  ich  irgendwo  und  irgendwann  in  friihesten  Jahren  etwas 
von  einem  Kronleinschen  Stempel  im  hiesigen  Turmknopfe  und 
von  meinem  UrurgroCvater  im  Wittenberger  Kirchenbuche  auf- 
gefangen  und  behalten  habe:  in  jedem  Falle,  der  Traum  sei 
nun  aus  kindlicher  Tradition  oder  aus  unerklarlicher  Inspi- 
ration erwachsen,  ist  er  glaubhaft  und  schwer  zu  verwerfen. 
Ich  fur  meine  Person  sage  dem  ganzen  i8ten  Lesejahrhundert, 
das  mich  geborgt  oder  gekauft,  frei  voraus,  daB  ich,  wenn 
ich  das  zweitemal  Wittenberg  beziehe,  weder  in  seiner  Loffel-  10 
kirche  noch  in  der  Kehle  ihres  Taufengels,  sondern  bloB  in 
den  Kirchenbiichern  graben  und  griibeln  werde,  um  hinter  meine 
Aszendenten  miitterlicher  Seite  zu  kommen.  Ebenso  wiird' 
ich,  war's  von  der  Inspektion  der  Hofer  geistlichen  Gebaude 
herauszubringen,  daB  man  meines  Traumes  wegen  den  Wilson- 
schen  Knopf  und  Kropf  des  Michaelis-Turms  abnahme  und 
aufmachte,  um  die  OfTnung  nachsuchen;  es  ist  aber  nicht  zu 
erhalten.  - 

Dem  sei,  wie  ihm  ist:  ich  ubermale  den  Geburtstag  meines 
guten  UrurgroBvaters,  der  heute  mit  mir,  wiewohl  in  einem  an-  20 
dern  Jahrhundert,  das  35ste  Jahr  antrat,  nach  MaBgabe  des  men 
Holzschnittes  mit  den  besten  Goldfarben  und  feiere  sein  Leben 
nach —  Es  ist  eines  Ururenkels  Pflicht  der  letzten  Ehre.  Das 
kann  iiberhaupt  kein  guter  Mensch  sein,  der  nicht  gern  mit  kind- 
licher Liebe  und  Freude  der  Archivsekretar  und  Altertumsfor- 
scher  seiner  Ahnen  und  ihrer  Antiquitaten  wird.  Und  wuBt*  ich 
nur  die  Hauser  anzutreffen,  worin  meine  Aszendenten  bis  zu  den 
von  Tacitus  beschriebenen  hinauf  sich  gefreuet  und  betriibet 
haben,  ich  wallfahrtete  zu  ihnen  alien  wie  zu  Gnadenkirchen,  zu 
casa  santas  und  Mirakulatorien  zu  Ziirch;  ja  ich  wurde  darin  unter  30 
den  sanften  Wallungen  der  Liebe  meine  kalten  Ahnen-Schatten 
zum  Repetierwerk  und  Nachspiel  ihres  ausgespielten  Lebens  no- 
tigen  und  ihnen  mit  dem  wehmutigen  Wunsche  zusehen:  »Moget 
ihr  nicht  viel  beim  ersten  Spiele  gelitten  habens  und  mog'  euch  die 
HofFnung  eines  liebenden  Urenkels  zuweilen  begegnet  sein!«  — 

Aber  weiter!  Wer  Datv(  Grundsatze  der  Reichsgerichtspro- 


ZWEITER  UND  LETZTER  FREUDENSTOCK  709 

zesse,  oder  noch  besser,  wer  Wetzlar  selber  durchgegangen,  dem 
ist  bekannt  genug,  daB  die  evangelischen  Kammergerichtsasses- 
soren,  Pronotarien,  Fiskalnotarien,  Ingrossisten  und  Kopisten 
und  die  reitenden  Boten  und  die  zu  FuB  samt  dem  i  evangelischen 
Medikus  und  dem  i  Pedell  alle  Feiertage  reichsgesetzlich  mit- 
feiern  (d.  h.  ^u  Ferien  machen),  welche  die  katholischen  Kammer- 
gerichtsassessoren,  Pronotarien,  Fiskalnotarien  etc.  samt  dem 
katholischen  Medikus  und  dem  Pedell  begehen;  und  diese  er- 
widern  die  evangelischen  Ferien.  Sogar  den  darauf  folgenden  Tag ' 
1  feiern  beide  Religionsparteien  einmiitig  unter  dem  Namen  Post- 
fest.  Das  Reich  will  dadurch  die  Paritat  der  Religionen  bewachen. 
Die  groBte  Paritat  und  Toleranz  aller  Religionen  aber  bleibt  Ho- 
fen :  keine  Feiertage  europaischer  Religionen  fallen  ein,  die  man 
da  nicht  begeht,  erstlich  mit  dem  Kammergerichte  die  reichsge- 
setzlichen  samt  den  Postfesten,  mit  den  Christen  den  Sonntag, 
mit  den  Juden  den  Schabbes,  mit  den  Turken  den  Freitag.  Nimmt 
man  noch  dazu,  daB  jeder  heilige  Tag  seinen  Vigilien-  und  Riist- 
tag  vorher  und  sein  Postfest  und  Sabbatchen1  nachher  fodert: 
so  langt  gerade  (wenn  man  mit  den  Stunden  haushalt)eineWoche 

>  zum  Feiern  zu,  und  der  Latitudinarier  hat  in  der  andern  zu  den 
neuen  sieben  unbeweglichen  Festen  wieder  Zeit.  Ein  solches  aus- 
gebreitetes  Religionsexerzitium  ist  iiberdies  recht  fur  diejenigen 
Posten  im  Staate  gemacht,  die  nicht  nur  in  der  Hoke,  sondern 
auch  darin  den  Alpen  gleichen,  daB  auf  ihnen  die  kleinsten  Be- 
wegungen  ungemein  ermiiden.  - 

Aber  weiter !  Erst  die  Bettmeisterin  wurde  die  Ruhestatt  unsers 
Artisten  -  sein  Salzrevisorat  war  eine  Salzlecke  fur  ihn  -  und  hier 
sehen  wir  ihn  erst  nach  vielen  Umwegen,  Kurven,  Krummungen 
und  Krummstaben  im  Sitze  der  Seligen  angelangt:  das  Schicksal 

>  fuhret  nach  der  britischen  Gartenregel  uns  auf  krummen  Alleen 
und  Steigen  in  das  Landhaus  der  Freude.  — 

Auf  dem  weimarschen  Blatt  halt  der  Intendant  an  der  Rechten 


1  Die  Juden  feierten  zum  Sabbat  ein  Sabbatchen  ais  Verlangerung  dazu. 
Die  Juden  zu  Tiberias  fingen  ihn  fruher  an,  weil  das  Tal  die  Sonne  verspa- 
tete;  die  auf  dem  Berge  setzten  ihn  langer  fort,  weil  die  Sonne  langer  blieb. 
Goodwin.  Moses  et  Aaron.  L.  III.  c.  3. 


7IO  DAS  KAMPANER  TAL 

sein  Sohnlein,  das  durch  seine  Adern  und  Bestandteile  aus  Let- 
tern  mir  iiber  die  dunkelsten  Stellen  dieser  Platte  die  Fackel  vor- 
tragt.  Schon  der  Gedanke  des  Kiinstlers  ist  reizend,  seinem  Kom- 
mentator  zum  Wegweiser  und  Cicerone  in  seinem  Miniatur-Him- 
mel  ein  Kind  mitzugeben.  Diese  verkleinerten  lieben  anfangenden 
Menschen  schlupfen  mit  ihren  sichtbaren  Knospen  und  weicken 
Dornen  so  sanft  in  unser  Herz  und  halten  sich  darin  mit  ihren 
kleinen  Handen  fest,  daB  ich  die  Diminutiv-Schuhe  und  Zwerg- 
Striimpfe  dieser  Inzipienten  des  Lebens  nicht  ohne  eine  liebende 
warme  Ruhrung  sehen  kann.  Berichte  also  nur,  kleiner  Gerg,  was  10 
dein  Vater  hier  auf  dem  zweiten  Freudenstock  teils  vornimmt, 
teils  darstellt!  -  Wo  ein  Kind  ist,  da  schonen  die  Menschen  gern 
die  Eltern.  Das  sagt  die  Natur  alien  Volkern:  der  malabarische 
StraBenrauber  fallet  keinen  Reisenden  an,  den  ein  vornehmes 
Kind  eskortiert;  und  die  alten  Molossier  schlugen  dem,  der  mit 
einem  Kinde  im  Arm  sich  flehend  niederwarf,  keine  Bine  ab; 
und  noch  spricht  in  Italien  die  Verarmte  unter  dem  Schleier 
schoner  um  eine  Gabe  an,  indem  sie  ein  Kind  vorhalt. 

Der  kleine  Gerg,  dessen  Deszendent  ich  bin  -  er  ist  mein  Ur- 
groBvater  -,  tut  kund,  daB  mein  UrurgroBvater  hier  vor  Tisch  20 
bete  und  daB  er  selber  der  kleine  am  Tisch  stehende  Junge  sei  (die 
Eltern  sitzen  schon),  dessen  Enkelich,wie  gesagt,nach  demTauf- 
scheine  des  Traumes,  bin.  Schon  in  meiner  Kindheit,  da  ich  noch 
die  Legende  oder  Randschrift  dieser  Platte  auswendig  lernen 
muBte,  ging  meine  Phantasie  vergniigt  in  dieser  gezeichneten 
Stube  auf  und  ab  und  stieB  ihr  Fenster  auf,  dessen  Fliigelscheiben 
wie  in  Jena  auswarts  laufen.  Und  diese  kosmopolitische  Phan- 
tasie, die  alle  Menschen  in  meine  Gevatter,  Gebriider,  Gescrrwister, 
Zech-  und  Schmaus-Schwestern  und  Briider,  Konviktoristen  und 
Litis-Konsorten  verwandelt,  geht  noch  bis  auf  diesen  Geburtstag  30 
mit  mir  durch  die  Gassen  und  Dorfer.  Ich  wollt'  auch  lieber  ster- 
ben,  als  mich  mit  dem  dunnen  engen,  keinen  Grad  langen  Bogen- 
segment  von  geliebten  Menschen  behelfen  und  beruhigen,  das 
uns  Schicksal  und  Wert  aus  dem  unermeBHchen  Zirkel  der  Ge- 
briider Menschen  ausschneiden.  Oder  darf  ein  Menschenherz  so 
enge  sein,  daB  nichts  darin  aufzustellen  ist  als  ein  Ehebette  und 


ZWEITER  UND  LETZTER  FREUDENSTOCK  711 

eine  Wiege  samt  einem  alten  GroBvater-Stuhl?  Und  die  Arme 
des  innern  Menschen  sollten  nicht  mehrere  Wesen  umschlieBen 
als  die  Arme  des  auBern?  Und  es  sollte  keine  Moglichkeit  vor- 
handen  sein,  die  Komitee  oder  den  AusschuB  von  20  oder  30 
Menschen,  worauf  unser  Verhaltnis  bei  dem  Reichtum  von  1000 
Millionen  Seelen  unsern  liebenden  Anteil  einengt,  wenigstens  an- 

sehnlich  zu  verstarken? Das  find'  ich  nicht:  kann  man  denn 

nicht  (esistdochetwas)  sich  auf  derGasse  zum  Spill-  undSchwert- 
magen  und  Vetter  eines  jeden,  dem  man  begegnet,  ernennen  und 

10  jedem  mit  der  Phantasie  zwischen  seine  4  Pfahle,  auf  seine  4  Stuhl- 
beine  und  in  seine  4  Bettpfosten  nachfolgen?  Kann  man  nicht  mit 
den  Blau-  oder  Griinrocken,  die  mit  KommiBbrot  unter  dem 
Arm  vom  Proviantbacker  herkommen,  und  mit  dem  Tuchma- 
cher,  der  an  einem  so  eintraglichen  Markttag  sich  schon  um  3  Uhr 
seinen  Karpfen  im  Fisch-Hamen  abholt,  und  mit  dem  vornehmen 
Schlafrocke,  der  sein  Gartenbeet  unter  Aussichten  eines  erfri- 
schenden  Salats  iibersprengt,  ungeladen  und  frohlich  essen  im 
Kopfe  und  sympathisieren?  -  Geh'  ich  wohl  vor  einem  geputzten 
Lehrjungen,  der  heute  Hoffnung  zur  Gradual-  und  Promotions- 

20  Ohrfeige  hat  und  der  mir  morgen  als  vollendeter  klassischer 
Lehrpursche  begegnen  wird,  jemals  vorbei,  ohne  mich  mit  ihm 
(phantasierend)  zu  seinem  wohllebenden  Abendgelag  und  Lust- 
corpo  einzuflnden?  Ich  freue  mich  mit  den  Kindern,  die  aus  der 
Schule  herausbrausen,  auf  die  erste  Erholungsstunde  nach  einer 
so  langen  Sitzung;  -  mit  dem  gravitatischen  Kindesvater  auf  den 
larmenden  Abend  voll  apokryphischerTaufwasser-  mit  derMagd 
auf  das  aus  der  Kirche  zuruckmiissende  Taufgefolge  zur  genauern 
Kirchenvisitation  eines  jeden  Lappen;  -  mit  dem  Schulmeister, 
der  ein  entsetzliches  Dividierexempel  anschreibt,  das  zuletztdurch 

30  ZifFern  ein  Haus,  ein  Schiff  oder  einen  Esel  geben  soil,  freu  ich 
mich  auf  die  Entwickelung  des  letztern;  -  mit  der  Fratschler-  und 
PfeffernuB-Frau,  deren  Sparofen,  tragbare  Kuche  und  petit  sou- 
per  immer  ein  Topf  ist,  tret'  ich  im  Vorbeigehen  in  Handels- 
kompagnie  und  bringe  (in  Gedanken)  als  ihr  Associe  und  Mas- 
kopist  schon  einiges  vor  mir,  wenn  unsere  Handlung  nur  1  Pfen- 
nig reinen  Profit  von  dem  zuriicklegt,  was  ich  der  Frau  abkaufe  - 


712  DAS  KAMPANER  TAL 

Und  so  laufen  mir  auf  jeder  Gasse  Freudenstrome  und  Paradies- 
fliisse  entgegen  —  Lustwalder  und  Gliickstopfe  tanzen  vor  mir 
hin  -  und  die  Stadt  Hof  ist  mein  himmlisches  Jerusalem  und  die 
Menschheit  meine  Duz-  und  Amtsbriiderschaft. 

Nur  hike  sich  ein  solcher  Seliger,  die  Augen  oder  Phantasien 
einem  aufstoBenden  Exekutions-Pedelle  in  die  Arbeitsstuben  der 
Armut,  oder  einem  Arzte  in  die  Marterkammern  der  Krankheit 
nachzuschicken  — 

Aber  weiterl  Hier  wird,  wie  gesagt,  der  zweite  Freudenstock 
dem  Leser  aufgetischt,  und  auf  dem  Stock  ist  es  gleichfalls  auf-  10 
getischt.  Es  soil  alles,  nach  Anleitung  meines  Wurfbleies  und 
meiner  Leuchtkugel  -  namlich  des  kleinen  Lettern-Gergs  — ,  be- 
sehen  und  beschrieben  werden.  Der  EBtisch  ist  ein  zweischlaf- 
riger  sogenannter  Bettisch:  das  beweiset  nicht  nur  die  untere 
Tisch-Gardine,  sondern  auch  der  herrliche  Faltenwurf  und  das 
Segelwerk  des  Bettfirmaments  oder  Palankins,  womit  der  Ge- 
vatter  Serenissimus  meinem  UrurgroBvater  ein  kleines  Ange- 
binde  und  zugleich  ein  Angedenken  an  seine  Bettmeisterei  —  und 
vielleicht  an  den  Kasus  im  ioten  Gebot  -  hat  geben  wollen.  So 
sagt  Gerg.  Hinter  Gergen  selber  steht  auf  der  Platte  seine  Spiel-  20 
kameradin,  eine  demutige  niedergequetschte  Lazarussin,  die  der 
wohltatige  Kiinstler  an  einem  so  frohen  Tage  in  die  Tischnach- 
barschaft  seines  Sohnes  gezogen.  Ihr  Hunger  ist  groBer  als  ihre 
Andacht,  und  die  Bewegungen  ihres  Herzens  sind  nicht  so  feurig 
als  die  peristaltischen  ihres  Magens.  Gerg,  der  in  reifern  Jahren 
mein  UrgroBvater  wurde,  hebt  die  betenden  Hande  zu  hoch  hin- 
aus,  weder  aus  Andacht  noch  Ziererei,  sondern  weil  er  einmal, 
wie  es  Kinder  machen,  ein  Bischof  in  partibus  werden  will  und 
deswegen  jedenSonntagdieseni?^f-Tischbesteigt  und  daherab 
ermahnt.  Daher  wurd'  er  im  ganzen  Kronleinschen  Hause  nur  30 
der  kleine  Bischof  genannt. 

Nun  schaue  das  Publikum  meine  UrurgroBmutter  an,  die  Ex- 
Silberdienerin.  O  Regine,  warest  du  immer  die  Konigin  deiner 
Neigungen  und  treu  und  gut  geblieben,  so  hattest  du  nicht  no  tig, 
meinen  UrurgroBvater  mit  solchen  abbittenden  Blicken,  mit  die- 
sem  mehr  ihm  als  dem  Himmel  zugewandten  Haupte  anzusehen! 


ZWEITER  UND  LETZTER  FREUDENSTOCK  7I3 

Welche  Flamme  der  Geburtstags-Wunsche !  »Lieber  Himmel !  er 
hake  mir  meinen  alten  ehrlichen  Bettmeister  noch  auf  lange  lange 
Jahre;  rafFe  lieber  mich  weg  als  den  Lorenz!«  das  betet  sie  vor  der 
Suppenschiissel.  -  Besser,  tausendmal  besser  als  auf  den  vorigen 
Stocken,  das  ist  sie  gewifilich  auf  diesem.  Erstlich  ist  nur  -  ein 
Kind  da.  Zweitens  ist  mein  kleiner  UrgroBvater  und  das  Tisch- 
bette  so  sauber  angeputzt,  der  Vorhang  so  rein  abgestaubt  und 
niedlich  aufgebunden  und  das  ganze  Zimmer  und  Gedeck  in  sol- 
cher  Ordnung,  daB  die  gleiche  des  Herzens  dadurch  so  gut  wie 

10  bewiesen  ist:  in  den  Herz-  und  in  den  Stubenkammern  raumen 
die  Weiber  miteinander  auf.  Drittens  sieht  mein  UrurgroBvater 
ungemein  frohlich,  und  die  GroBmutter  wie  eine  bereuende  Mag- 
dalene aus:  sie  hat  ihn  -  so  leicht  ihrs  gewesen  ware  -  nicht  ein- 
mal  beredet,  auBer  der  pauvre  honteuse  und  Pfriindnerin  einen 
.  Gast  oder  Gastfreund  ihres  Herzens  zum  Schmause  zu  laden, 
oder  nur  einen  lustigen  Menschen  und  Schmarotzer,  der  dem 
andern  so  lange  redlich  anhangt  und  dient,  bis  er  sich  angefiillt, 
wie  Schropfkopfe  von  selber  abfallen,  wenn  sie  Blut  genug  ge- 
zogen.  So  wie  meine  UrurgroBmutter  ihren  Mann  hier  ansieht, 

20  tritt  sie  immer  hoher  uber  jene  Weiber  hinauf,  fur  welche  die 
Hochieitglocke  gerade  das  Widerspiel  des  katholischen  Wandel- 
glockchen  ist  und  denen  jene  Glocke  die  Verwandlung  des  Gottes 
in  einen  Brotherrn  ansagt,  indes  diese  die  Transsubstantiation  des 
Brotes  in  einen  Herrgott  verkiindiget. 

Ich  bin  darauf  gefasset,  daB  die  Rezensenten  -  und  vorziiglich 
die  Rezensentinnen  -  mir  offentlich  vorwerfen :  ich  wurde  -  in 
der  men  Platte  Reginen  ganz  anders  zensieren,  ware  sie  nicht 
meine  UrurgroBmutter.  Aber  ich  versetze:  umgekehrt. 

Auf  dem  Bettisch  trefFen  wir  zwei  Couverts  fiir  das  Kinder- 

30  paar,  aber  nur  eines  an  fur  das  Ehepaar.  Wie  hold !  Schon  Linne 
erzahlt  in  seinem  schwedischen  Reisejournal1,  daB  man  sonst  in 
der  Provinz  Schonen  einen  Teller,  so  lang  als  die  eine  Tafelseite, 
ausgehobelt  und  daB  man  aus  ihm  -  es  konnte  sich  kein  sonder- 
licher  Unterschied  zwischen  dem  prolongierten  Teller  und  einem 

Linnaus'  Versuch  einer  Natur-,  Kunst-  und  Okonomiehistorie,  aus  Rei- 
sen  durch  einige  schwed.  Provinz.  gesammelt. 


714  DAS  KAMPANER  TAL 

Troge  ergeben  -  zu  schmausen  pflegte.  Noch  bekannter  ist  und 
noch  schoner  dazu,  daB  in  der  schonen  erotischen  Zeit  der  fran- 
zosischen  Ritterschaft  allzeit  Geliebte  und  Ritter  aufeinem  Teller 
aBen.  —  Und  auf  dem  2ten  Freudenstock  haben  wir  den  neuesten 
Fall:  meiner  UrurgroBmutter  fehlt  der  Teller,  Vom  Speisopfer 
selber  ist  nichts  herauszubringen  als  die  Suppenschiissel  und  ein 
Vorlegloffel,  der  fur  mich  eine  Suppenschiissel  ware,  und  eine 
Semmel  in  Gestalt  einer  Brille  oder  8. 

Jetzt  sehe  man  aber  meinem  kraushaarigen  Intendant  des  lits 
et  meubles  noch  einmal  ins  offne  begliickte  Gesicht  und  behalte,  10 
wenn  das  Buch  aus  ist,  die  aufrichtige  Gestalt  im  Kopf,  die  wie 
ein  Wiener  Bankozettel  auBen  nichts  hat,  als  was  innen  steht.  Er 
verrichtet  hier  mit  der  Miitze  uber  der  rechten  Hand  sein  Dank- 
gebet  ganz  aufgeraumt;  er  setzt  immer  voraus,  er  hab'  es  nach- 
stens  noch  besser,  und  wenn  nichts  daraus  wird,  hofFt  er  gerade 
noch  einmal  so  viel.  Er  halt  das  Leben  und  die  Gesellschaft  nicht 
fur  ein  Whistspiel,  bei  dem  eines  verkehrten  Blattes  wegen  neu 
gegeben  werden  muB,  sondern  fur  ein  Piquetspiel,  worin  man  das 
verkehrte  Blatt  ruhig  nimmt  und  bestens  ausspielt.  Ihm  ist  Ein- 
samkeit  und  Gesellschaft  recht,  ja  nicht  einmal  unter  der  Menge  20 
ist  er  einsam,  worin  man  sonst  am  wenigsten  Gesellschaft  hat, 
wie  man  auf  dem  Meere  am  leichtesten  verdurstet. 

Was  wird  mein  guter  UrurgroBvater  nach  dem  Essen  an  einem 
solchen  Tage  gemacht  haben?  Wahrscheinlich  diesen  zweiten 
Freudenstock.  Dann  wird  er,  vermut*  ich,  mit  meinem  UrgroB- 
vater  nicht  lange  vor  dem  Abendessen  ein  wenig  ins  freie  griine 
Feld  gegangen  sein,  um  sich  den  zweiten  oder  dritten  Appetit  zu 
machen  und  iiberhaupt  um  den  Zucker  eines  solchen  frohen  suBen 
Tages  immer  dicker  einzusieden  und  zu  raffmieren.  Er1  hat  mei- 
nen  Beifall,  daB  er  auf  den  sogenannten  Kirchberg  (man  sieht  ihn  30 

1  Da  ich  doch  auch  Leser  haben  kann  -  so  wenig  ich  sie  wunsche  -,  welche 
entweder  den  gezeichnete'n  Inhalt  des  weimarschen  Blattes  oder  gar  die 
Existenz  des  Blattes  fur  eine  Luge  halten  ~  zumal  da  jetzt  das  Blatt  in  der 
herzoglichen  Bibliothek  wirklich  fehlt  - :  so  merk'  ich  fur  diese  an,  daB  der 
Mann,  der  die  Holzschnitte  in  den  lutherischen  Katechismus  geliefert,  not- 
wendig  am  Leben  gewesen  sein  mu6,  er  mag  geheiBen  haben,  wie  er  will, 
und  daB  ich  also,  gesetzt  er  war  weder  Intendant  des  lits  es  meubles  noch 


ZWEITER  UND  LETZTER  FREUDENSTOCK  715 

und  den  Turm  und  einen  Fliigel  von  der  Kirche  recht  gut  aus  der 
i2ten  Platte)  mit  den  beiden  Kleinen  wallfahrtet:  dort  auf  dem 
Berge  kann  er  die  Sonne,  die  den  ersten  Friihlingstag  voruber- 
gefiihrt  und  verschonert  hat,  am  schonsten  und  mit  hohern  und 
erhabnern  Seufzern,  als  die  tiefe  Biihne  verdient,  hinter  diese  fal- 
len sehen.  Vom  Kirchberge  gleichsam  iiber  die  gesunkne  Sonne 
getragen,  konnt'  er  leichter  iiber  das  nachdenken,  was  dieses 
Theater  und  unsere  Rolle  und  die  fiinf  Akte  eigentlich  sind  — 
was  besonders  der  Johannis-Beevwe'm  der  hiesigen  Freude  ist, 

10  der,  wie  physischer,  weder  durch  einen  Weinheber  noch  Zapf- 
hahn  Iauft,  sondern  aus  einer  engen  Federspule  rinnt  und  den  man 
auf  der  Freiredoute  des  Lebens  in  die  Korpermaske  wieder  mit 

einer  Federspule  auftrinkt. Letzteres  passet  auf  einen  Schrei- 

ber  wie  ich  noch  mehr,  weil  fur  ihn  immer  nur  Federspulen  (eigne 
und  fremde)  die  Saugestachel  und  Stechheber  des  Palmsekts  und 
Gliihweins  des  Lebens  sind.  Du  konntest  auf  dem  Kirchberge, 
zumal  nach  Sonnenuntergang,  den  Diameter  deiner  Vergangen- 
heit,  die  zum  Punkte  der  Gegenwart  einkroch,  ubermessen  und 
den  ganzen  weiten  Nebel  deiner  Zukunft  gleichfalls  in  diesen 

20  Punkt,  in  diesen  Tropfen  zusammendriicken  und  dein  Ich  gleich- 
sam fiir  eine  feste  Ewigkeit  ansehen,  an  der  die  Zeit  zerschmilzt  - 
-  O  hast  du  das  alles  getan,  namlich  gedacht?  Hast  du  erwogen, 
daB  die  irdischen  Buchdruckerstocke  und  Anfangsleisten  und 
Finalstocke  unserer  hiesigen  Taten  bald  zerbrockeln,  aber  nicht 
der  Geist,  der  sie  gebraucht,  und  kein  Gedanke,  den  sie  reflek- 
tieren,  und  daB  du,  verstaubter  Forms  chneider^  fiir  eine  hohere 
Hand  selber  ein  Formbrett  bist?  -  hast  du  untergesunknes  Ge- 
schopf  an  diesem  Tage  und  auf  diesem  Berge  nicht  bloB  auf  dei- 
nen  jetzigen  Hafen  der  Erden-Ruhe,  dessen  Sperrketten  dein  gu- 

30  ter  Genius  zersprengte,  sondern  auch  auf  die  Goldkiiste  des  ver- 
hiillten  Otaheite  frohe  Blicke  geworfen,  an  das  uns  die  irdischen 

Orkane  und  Wogen  antreiben? 

Aber  du  bist  nun  auseinander,  oder  vielmehr  das  Formbrett 

mein  UrurgroGvater,  doch  immer  oben  im  Texte  kein  Hirn-,  sondern  ein 
Natur-Gespinste  und  einen  wirklichen  Formschneider  und  Menschen  an- 
rede. 


Jl6  DAS  KAMPANER  TAL 

deines  Leibes  ist  es  -  die  Zeit  hat  dich,  wie  mein  Traum,  in  ihrem 
Spiritus-Stundenglas  geschmolzen  -  allein  hab'  ich  nicht  jetzt 
selber  iiber  deinen  Geburtstag  meinen  vergessen  und  der  Leser 
seinen?  Und  haben  wir  daran  gedacht,  dafi  alle  unsere  Entztik- 
kungen  und  HofTnungen  nur  erquickende  Tone  sind,  die  uns  im 
hiesigen  absterbenden  Leben  umflieBen,  wie  den  Menschen,  wenn 
ihm  alle  Sinnen  brechen,  oft  Harmonien  umringen,  die  nur  dieser 
bleiche  hort,  damit  vor  ihm  zugleich  die  Erde  und  der  letzte 
Wohllaut  hold-verbunden  auseinanderzittern? 


PALINGENESIEN 

Zwei  Bandchen 


Jean  Pauls 
Fata  und  Werke 

vor  und. in  nljrnberg 
Erstes  Bandchen 


Offener  Brief  an  Leibgeber  anstatt  der  Vorrede1 

Ich  konnte,  lieber  Europas-Burger,  ebensogut,  wie  Petrarca,  an 
Cicero  und  Augustin  und  Varro  schreiben  als  an  dich,  weil  du 
unaufhorlich  wie  eine  Krankheitsmaterie  oder  wie  eine  ver- 
schluckte  Stecknadel  in  der  Jungfer  Europa  herumziehest  und 
man  nicht  weiB,  haltst  du  dich  in  ihrem  Magen  oder  in  ihrem 
Herzbeutel  oder  im  Armel  oder  Stiefel  auf.  Da  aber  ein  Buch 
leicht  die  ganze  Welt  antrifft,  und  also  auch  dich:  so  geb'  ich 
diesem  meineEpistel  offen  mit.EinigeGeheimschreibereiendarin, 

10  die  unter  uns  bleiben  miissen,  hab'  ich  schon  mit  so  viel  Klugheit 
behandelt,  daB  weiter  niemand  daraus  klug  werden  kann  als  ich 
und  du. 

Eh'  ich  dir  deinen  Brief  -  vom  langsten  Tage  datiert,  aber  am 
kurzesten  eingegangen  -  beantworte,  muB  ich  dir  sagen,  was 
ich  eigentlich  mit  dem  Couvert  oder  der  Brieftasche  des  meini- 
gen,  namlich  mit  diesem  Buche  haben  will.  Der  gelehrten  Welt, 
das  ist  dir  bekannt,  nab*  ich  in  der  Biographie  unsers  geliebten 
Siebenkds  es  aufgedeckt,  daB  und  unter  welchen  Lagen  er  das 
anonyme  Buch  die  Auswahl  aus  des  Teufels  Papieren  geschrieben 

20  habe.  Seit  dieser  Schopfungsgeschichte  wurde  auf  einmal  dem 

Werklein,  das  vorher  kein  Mensch  ansah,  geschweige  gelehrt  an- 

zeigte,  von  alien  neun  Reichskreisen  nachgejagt  und  nachgestellt; 

besonders  waren  Hof,  Kuhschnappel,  Baireuth,  Schraplau  un- 

1  Das  Publikum  sehe  mir  die  kleine  Freiheit  nach,  daB  es  hier  an  meinem 
Privatbrief  mitlesen  und  mitbezahlen  muB  (sowohl  Porto  als  Schreib- 
materialien) :  leider  ist  der  ewige  Strandlaufer  Leibgeber,  dessen  Leben  ein 
musikalischer  Laufer  iiber  alle  Tasten  und  Briicken  ist  und  der  auf  der  Erde 
zirkuliert  wie  eine  Maxd'or,der  die  Reichsintegritat  hat,  fast  nirgends  anders 
zu  erwischen  als  in  Buchladen.  Dabei  laufen  im  Briefe  viele  Dinge  mit  unter, 
30  die  ich  dem  Publikum  ohnehin  in  der  Vorrede  sagen  wurde,  wenn  ich  eine 
machte. 


722  PALINGENESIEN 

glaublich  aufs  Buch  erpicht,  nicht  sowohl  in  der  HofTnung,  dafi 
es  einige  satirische  Streiflichter  auf  Blaise,  Lenette,  den  Venner 
Rosa  etc.  werfe,  als  deswegen,  weil  der  Mensch,  wenn  er  den 
Vater  kennt,  ungemein  gern  auch  dessen  geist-  und  leibliche  Fin- 
del-,  Mantel-  und  echte  Kinder  kennenlernen  will.  Und  ich  selber, 
ich  berg*  es  nicht,  ware  imstande,  aus  unsaglicher  Achtung  fur 
Shakespeare  seinen  Tochtern  nachzuweisen,  ja  erotisch  nachzu- 
gehen,  wenn  noch  genug  von  ihnen  da  ware.  Allein  das  Opus  war 
wie  diese  beiden  Madchen  und  wie  jeder  Mensch  gerade  vor  der 
Unsterblichkeit,  die  es  jetzt  genieBet,  verstorben,  und  der  Teufel  10 
hatte  seine  eignen  Papiere  geholt:  ich  meine,  den  Goldbarren 
oder  Warenballen  seiner  Papiere  hatte  man  zu  Blattchengold  zer- 
legt  und  damit  EBwaren  und  Locken  iibergoldet.  Ich  selber  hatte 
ohne  die  Giite  des  Verfassers  kein  Exemplar  zur  zweiten  Auf  lage 
aufgetrieben,  die  er  mir  aus  Griinden,  welche  dir  das  erste  Kapitel 
in  diesen  Palingenesien  seiner  Papiere  erzahlt,  auszuarbeiten  iiber- 
lieO.  Tut  dirs  nicht  auch  weh,  Heinrich,  dafi  ich  sein  Leben  nicht 
schon  damals  -  er  hatt'  es  doch  schon  bis  zum  zweiten  Bande  ge- 
bracht  -  ans  Licht  stellte  und  damit  dem  Absatze  seiner  Satiren 
nachhalf  ?  -  Wie  wiirde  die  selige  Lenette,  welche  seine  chemi-  2o 
schen  Prozesse  der  Satire  nur  fur  kostspielige  Vakanzen  seiner 
juristischen  hielt,  durch  die  Goldkochkunst  und  durch  die  EB- 
waren, die  der  Teufel  samt  seinen  Papieren  in  den  Rauchfang 
hatte  fallen  lassen,  widerlegt  und  beruhigt  worden  sein,  wie  die 
Ungarn,  die  sonst  uber  die  Gallapfel  an  den  Eichen  wegen  ver- 
dorbner  Eichelmast  jammerten,  sich  jetzt  dariiber  erfreuen,  weil 
sie  die  Knoppern  besser  zu  Dintenpulver  verhandeln!  -  Ach 
wenn  man  doch  damals,  Heinrich,  gerade  uber  die  staubende  Bliite- 
zeit  der  Ehe,  uber  ihre  Flitterwochen  ein  solches  Wetterdach  hatte 
bauen  konnen  gegen  den  Schlagregen  des  Ungliicks,  ehe  den  Blu-  30 
men  der  Freude  der  Samenstaub  ersofFen  war!  Es  qualt  mich  oft, 
wenn  ich  iiberlege,  welche  Environs  und  Gegenden  des  Lebens 
der  gepeinigten  Lenette  entgingen,  o  wie  vor  ihrem  entzundeten 
triaben  Auge  nur  schwarze  Flecken  niederfuhren  und  wie  ihr 
optische  Spinnen  und  Miicken  uber  das  Buch  ihres  Lebens  liefen 
-  und  jetzt,  da  das  Auge  zu  heilen  ware>  fallt  es  auf  immer  zu!  - 


OFFENER  BRIEF  AN  LEIBGEBER  723 

Ich  wollte,  ich  hatte  gegenwartigen  Satyr-Kopf  von  Meer- 
schaum in  dieser  zweiten  Auflage  —  um  so  mehr,  da  man  jeden 
Pfeifenkopf  einmal  in  der  Tiirkei  und  einmal  bei  uns  schneidet  - 
unbeschreiblich  schon  geschnitten  und  geraucht.  Vieles  nab*  ich 
wohl  getan:  ich  habe  in  diesen  zwei  Bandchen  erst  vier  oder  funf 
Bogen  aus  der  alten  Auflage  verbauet,  ich  habe  allemal  zwischen 
zwei  satirische  Oncle  Tobys-Regimentsmarsche,  die  Siebenkas 
im  Orchester  am  Vorhang  pfeift,  einen  historischen  Aufzug  aus 
meinem  Niirnberger  Reisejournal  eingeschoben  und  so  unter  sei- 

10  nen  satirischen  Fugen  von  argumentis  fistulatoriis  ganze  Szenen 
vom  lyrischen  Drama  meines  Lebens  deklamiert.  —  Aber  das 
kann  eben  mein  Ungliick  sein,  Freund:  Du  schreibst  in  deinem 
vorletzten:  »Die  Hypathier  baueten  dem  Lachen  einen  Tempel, 
aber  die  Deutschen  haben  noch  nicht  einmal  das  Modell  zu  einer 
Filialkirche  fertig.  Da  sie  und  ihre  Schwert-  und  Spillmagen,  die 
Belgier,  mehr  nach  den  Eicheln  greifen  als  nach  den  Bldttern  der- 
selben  (ungleich  dem  Rousseau,  der  jene  pries,  aber  diese  auf- 
setzte);  so  haben  sie  unter  dem  Brotstudium  wenig  Lust  zu  asthe- 
tischen  Spielen  und  Studien;  ebenso  hat  man  von  einem  der  niitz- 

20  lichsten  Haustiere  bemerkt,  daB  es  nie,  auch  nicht  als  Ferkel, 
scherze  und  spiele,  sondern  daB  sein  mannlicher  Ernst  nie  auf 
etwas  Schlechteres  ausgehe  als  Eicheln.«  Das  sieht  bedenklkh 
aus.  Denn  besitzt  einer  ein  Konvolut  Satiren  und  durchschieBet 
sie  aus  Liebe,  wie  ich  im  Jubelsenior,  mit  historischen  Episoden: 
so  fangt  jeder,  der  in  den  Episoden  seelenvergniigt  wird,  Handel 
an  und  sagt:  »Ist  das  recht,  sich,  wenn  ich  dasitze  und  begierig 
auf  den  Verfolg  der  Geschichte  harre>  vor  mich  hinzustellen  und 
mich  auszulachen?  Konnt'  er  das  nicht  in  einem  besondern  Tage 
und  Buche  tun?«  -  1st  man  dazu  willfahng  und  findet  man  sich 

30  mit  einem  Folianten  bloBer  platter  Satiren  ein,  wie  Siebenkas  tat: 
so  ist  man  ein  gelieferter  Mann:  »Der  Foliant«  (wird  gesagt) 
»wiirde  sich  besser  lesen,  spannte  derselbe  einen  durch  kleine 
ernste  Ruhepunkte,  durch  historische  Erfrischungen  zuweilen  ab 
-  Salz  kann  wohl  Zukost  sein,  aber  keine  Kost,  und  ein  schim- 
merndes  Steinsalzbergwerk  voll  weiBer  Pfeiler  und  Altare  aus 
Salz  ist  eine  verdruBliche  Wohnung  und  Nahrung.« 


724  PAUNGENESIEN 

Letzteres  ist  aus  meiner  Seele  gesprochen.  Nirgends  erquickten 
mich  ernste  Stellen  mehr  als  unter  komischen,  wie  die  griinen 
Flecken  an  den  Schweizerfelsen  das  Auge  sanft  unter  dem  blen- 
denden  Schnee  und  Eise  streicheln;  daher  ist  der  auf  die  Saft- 
rohren  und  das  Mark  des  hohen  Ernstes  geimpfte  Humor  des 
Englanders  so  hoch  iiber  den  Humor  aller  Volker  gewachsen. 
Eine  Satire  iiber  alles  ist  gar  keine,  sondern  Unsinn,  weil  jede 
Verachtung  etwas  Geachtetes  als  MaBstab,  jedes  Tal  einen  Berg 
voraussetzt.  Die  Persiflage  der  Franzosen  und  der  Weltleute,wel- 
che  die  Ausnahmen  verhohnt  und  zuchtigt  und  doch  die  Regel  10 
verkennt  und  ableugnet,  gleicht  der  holzernen  Ente  Vaucansons, 
welche  kunstlich  einen  Unrat  in  den  letzten  Wegen  bereitet,  ohne 
vorher  in  die  ersten  Futter  genommen  zu  haben  -  kennst  du  eine 
giftigere  geistige  Consomption  und  Asphyxie  als  dieses  Aussterben 
aller  Achtung?- 

Ich  habe  die  Teufels-Papiere,  darf  ich  sagen,  wohl  so  oft  gelesen 
wie  den  Werther,  ja  ich  habe  sie  exzerpiert  und  auswendig 
gelernt,  um  bald  einen  Gedanken  aus  dem  Bogen  A,  bald  einen 
aus  dem  Bogen  Ff  anzubringen  und  einzupassen  -  und  ein  neues 
Schopfungswerk  ware  mir  leichter  von  Handen  gegangen  als  die-  20 
ses  Memorienwerk  -:  glekhwohl  schmeichl'  ich  mir,  ich  werde  - 
ganz  ungleich  den  Dichtern,  denen  man  die  Schwangerschaft  mit 
einer  besondern  Moral  im  Schwunge  anmerkt,  wie  Vogeln  im 
Fluge,  wenn  sie  ein  Ei  im  Leibe  tragen  -  mein  Zusammenschwei- 
Ben  so  fein  verlotet  haben,  wie  die  Natur  die  Scherben  unserer 
Hirnschale,  so  daB  Siebenkas  selber  die  Kopfnaht  und  Suturen 
vergeblich  suchen  soil.  Hier  ware  aber  fur  einen  guten  Kritiker, 
der  seine  Zeit  und  Kraft  gut  anlegen  will,  Arbeit  und  ein  weites 
Feld,  wenn  er  meinen  Rezensenten  vorarbeiten  wollte  und  in  einem 
kurzen  Traktate  zwischen  den  Teufels-Papieren  und  den  Palin-  30 
genesien  eine  feste  Parallele  zoge,  iiberall  als  vergleichender  Ana- 
tom  verfiihre,  jede  Abweichung  und  Variante  treu  aufsummierte, 
niemals  rastete,  bis  er  heraushatte,  warum  ich  jedesmal  abgewi- 
chen,  und  dann  die  Welt  mit  der  Ausbeute  seines  Nachgrabens 
und  seiner  Silbergruben  bereicherte;  und  warum  machen  sich 
denn  padagogische  Einladungskarten,  die  gymnastischen  Pro- 


OFFENER  BRIEF  AN  LEIBGEBER  725 

grammen  -  diese  nicht  fliegenden,  sondern  kriechenden  Blatter  -, 
nie  iiber  Materien  von  solchem  Belange  her?  - 

Du,  Lieber,  hofF  ich,  urteilest  nicht  nur  unparteiisch  fur  mich, 
sondern  auch  parteiisch  —  schnauz  also,  ich  flehe  dich,  die  rezen- 
sierende  Judenschaft  an,  die  sich  aus  denselben  Griinden  zu  un- 
sern  Schutzgottern  und  Kammernchtern  aufwirft,  warum  diehei- 
lige  Cacilia  die  Schutzgattin  der  Tonkunst  geworden  -  namlich 
weil  sie  in  ihrem  heiligen  Leben  keine  ausstehen  konnte. 

Nimms  nicht  iibel,  Alter,  daB  der  Brief  nicht  mit  Schreibe- 

10  lettern  gesetzt  worden,  sondern  mit  Drucklettern.  Es  sind  aber 
neue,  denen  mein  Titel  Palingenesien  auch  gebiihrt.  Ich  bin  recht 
froh,  daB  ich  mich  bei  dieser  Gelegenheit  recht  argern  kann  iiber 
unser  Ubersetzen  der  deutschen  Typen  in  lateinische  und  iiber 
mehr.  Wenn  man  nicht  die  deutsche  Handschrift  und  alle  Archive 
und  alle  Ratsbibliotheken  und  das  Cansteinische  Bibelwerk  um- 
druckt:  so  muB  der  fortdauernde  Umgang  mit  der  alten  Form 
das  Auge  immer  bei  der  neuen  um  das  Vergniigen  der  summari- 
schen  Fassung  bringen,  die  auf  den  Griinden  beruht,  aus  welchen 
wir  das  Griechische  schwer  in  lateinischen  Lettern,  oder  warum 

20  wir  oft  eine  schlechte  Handschrift,  aber  nicht  deren  einzelne  Buch- 
staben  lesen  konnen.  Sobald  wir  der  gotischen  Schrift  die  Hals- 
krausen,  die  Troddeln,  das  Spitzenwerk,  die  Knickse  und  Bruch- 
bander  verbieten :  so  steht  sie  ungemein  schoh  mit  zwei  Bestand- 
teilen  da,  erstlich  mit  einer  geraden  Linie  wie  die  romische,  und 
dann,  statt  des  Zirkels  der  letztern,  mit  einer  halben  Ellipse  (zu- 
gleich  das  Sinnbild  unsers  Geschmacks!).  In  der  Reinigung  und 
Wiederbringung  der  ersten  schonern  Form  haben  nun  die  Her- 
ren  Breitkopf  und  Hartel  hier  in  meinen  Palingenesien  und  in 
diesem  Briefe  die  ersten  gliicklichen,  obwohl  das  Auge  der  Ge- 

30  wohnheit  noch  schonenden  Versuche  gemacht,  von  denen  sie  zu 
weitern  und  ihrem  Ideale  nahern  iibergehen  wollen,  wenn  du  und 
das  Publikum  sie  so  aufmuntern  wie  ich. 

Durch  dieses  Abglatten  der  typographischen  Runzeln  undFal- 
ten,  welche  unsern  Druck  wie  (nach  Lavater)  die  physiognomi- 
schen  das  deutsche  Gesicht  auszekhnen,  wachset  mir  gliicklicher- 
weise  ein  neues  Publikum  von  350  Mann  zu,  wovon  der  grdBere 


726  PALINGENESIEN 

Teil  bisher,  samt  seinen  Miet-Rezensenten  zur  Rechten  und  zur 
Linken,  auBer  Titel  und  Rezensionen  wenig  las  -  es  sind  die 
Buchhandler,  die  nun,  weil  der  Titel  sie  nicht  befriedigt,  in  mei- 
nem  Opus  blattern  und  nachsehen,  ob  etwas  daran  sei,  am  Druck.  - 

Die  lateinischen  Lettern  druckten  mir  vorhin  eine  Stelle  deines 
Briefes  vor,  worin  du  unrecht  hast  und  tust,  Leibgeber.  Sollen 
wir  denn  ewig  vor  andern  Nationen  unter  ScharrfuBen  und  Knick- 
sen  unsere  Bravourarien  absingen?  -  Denken  wir  nicht  samtlich 
so  kleinlich  als  Voltaire,  wenn  wir,  vom  Kopf  bis  zum  FuB  ebenso 
wie  er  vonLorbeerkranzenwievonFaBreifen  zusammengehalten,  10 
doch  ebenso  wie  er  bei  der  Auffuhrung  seiner  Irene  bei  jedem 
Akte  unsers  Spektakelstuckes  einen  Kurierwechsel  zwischen  uns 
und  dem  Komodienhause  unterhalten,  um  zu  erfahren,  ob  man 
klatsche  oder  pfeife?  -  Du  muBt,  Leibgeber,  wahrlich  oft  griin 
und  gelb  vor  Grimm  geworden  sein  uber  den  Jammer,  wenn, 
sooft  einmal  ein  Englander  oder  Pariser  einen  Bogen  von  uns 
vertierte  oder  kanonisierte  (spat  genug  ist  die  Retorsion),  nun  in 
alien  Journalen  dreitagige  Freudenfeste  angestellt  wurden,  und 
die  Literatores  darin  wie  unsinnig  gegeneinander  rannten  und 
sich  umhalsten  und  schrien:  wir  sind  vertiert,  Bruder,  und  ich  20 
fetiert!  -  Haben  wir,  wenn  wir  doch  einmal  gelobt,  ehrlich,  selig 
und  heilig  gesprochen  sein  miissen,  nicht  unsere  inlandischen 
Herolds-  und  Reichskanzeleien,  die  uns  zu  den  groBten  Laureaten, 
zu  Patriziern,  zu  Nobilis  mit  einem  und  zwei  Helmen,  ja  zu  Krea- 
toren  von  Nobilis  kreieren  konnen  -  haben  wir  nicht  unsere  Fa- 
kultisten,  die  uns  zu  literarischen  Granden,  und  zwar  auch  durch 
Hutaufsetzen  erheben  konnen  -  und  im  moralischen  Fach  statt 
der  Papste  unsere  Oberhofleichenprediger  -  und  im  Notfall  eine 
SchirTsmannschaft  von  25  Millionen  Parentatores,  wogegen  Hein- 
rich  IV.  etwas  abfallt,  ders  nach  Bayle  zu  funfzig  Lobrednern  30 
brachte?  Und  kann  denn  nicht  uberhaupt  jeder  Narr  so  gescheut 
sein  und  sich  selber  loben,  womit  ich  mir  schon  langst  geholfen?- 

Besonders  nimmt  dein  Tadeln  der  Deutschen  (weniger  das  in 
deinem  Briefe  als  das,  welches  du  in  meinem  Titan  vorbringst) 
mich  wunder,  da  du  doch  in  Italien  und  Frankreich  warest,  wo 
jeder  Fremde  den  Rest  von  Treuherzigkeit  und  Keuschheit  ach- 


OFFENER  BRIEF  AN  LEIBGEBER  727 

ten  lernt,  den  beide  unserem  Deutschland  noch  iibrig  gelassen. 
Unser  Pindus,  ein  monte  nuovo,  der  in  zwei  Dezennien  so  weit 
reifte  wie  ein  Mensch,  kann  zwar  nicht  mit  dem  gallischen  ver- 
glichen  werden,  der  ewig  die  Terrasse  und  der  Schneckenberg  der 
Thronen  und  Weltleute  bleiben  wird  -  denn  er  darf  einem  Mes- 
sias  die  voltairische  Borussias  entgegenstellen  -  dessen  Held  so- 
gar  im  Leben  so  groB  ist  wie  im  Epos,  wenn  nicht  groBer  -  und 
den  Schauspielen  Goethes  wenigstens  ein  kiihnes  shakespeari- 
sches  biirgerlichesTrauerspiel  von  funf  Jahren,  woran  halb  Frank- 
10  reich,  und  zwar  ohne  die  gewohnliche  Blutwasserscheu,  geschrie- 
ben  hat,  und  ohne  den  tragischen  Mord,  wie  sonst,  hinter  die 
Szene  zu  verlegen  -  allein,  mein  Freund,  das  setzet  darum  uns 
nicht  unter  ein  Volk,  dessen  politische  Rechtssache  wir  nur  -  wie 
unsere,  aber  leider  mit  umgekehrtem  Effekt  -  mit  den  Sachwal- 
tern  verwechseln.  — 

Ich  will  jetzt  auf  einige  Stellen  deines  Briefes  etwas  versetzen. 

Dein  Verzeichnis  von  historischen  Druckfehlern,  die  ich  in 
deiner  und  Siebenkasens  Geschichte  begangen,  soil,  wie  deine 
Zusatze,  wider  dein  Verhoffen  bei  einer  neuen  Auflage  bestens 
20  geniitzet  werden. 

»Die  Menschen  stellen  sich  jetzt  auf  den  Kopf«;  aber,  Teuer- 
ster,  das  ist  unsere  naturlichste  und  friiheste  Stellung,  die  wir 
schon  als  Fotusse  vier  Monate  vor  der  Geburt  annehmen.  Ja 
manche  Volker  lassen  sich  in  derselben  beerdigen,  um  auf  die 
FiiBe  zu  kommen,  wenn  sich  die  auferstehende  Erde  umschlagt. 

»Ist  es  recht,  Leuten,  die  nur  noch  die  Halfte  der  Freiheit 
haben,  zur  Strafe  den  Rest  zu  nehmen?«  Du  meinst  die  Fran- 
zosen:  ebenso  recht,  sag*  ich,  als  wenn  die  alten  Romer  einen 
Selbstmorder,  dem  die  Tat  verungliickte,  mit  dem  ganzen  Tode 
30  ziichtigten.  Ohnehin  ist  ein  reformierendes  Volk,  Guter,  ein  alter 
Lappen,  der  sich  selber  durch  Blankscheuern  des  Silberservices 
ungemein  schwarz  macht. 

In  dem  politischen  Gemeinwesen  handelt  zwar  dieKommunitat 
oder  der  esprit  de  corps  (es  sei  auf  dem  Schlachtfelde,  oder  im 
paztszierenden  Kabinett  oder  in  der  Rentei)  auffallend  unmorali- 
scher  als  das  Indi viduum :  allein  dafiir  taugt  in  der  gelehrten  Re- 


728  PALINGENESIEN 

publik  oft  das  Individuum  (der  Autor  als  Mensch)  den  Henker 
nicht,  sondern  nur  das  schriftstellerische  Gemeinwesen  ist  ofFent- 
lich  verhandelnd  trefflich,  in  welchem  von  einem  Journal  zum 
andern  sehr  auf  echte  Tugend  gedrungen  und  gesehen  wird.  Wir 
Gelehrten  haben  hier  etwas  von  den  Athenern,  die  sonst  in  ihrem 
geistigen  Flore  —  denn  Demosthenes1  klagt  uber  das  Abwelken 
desselben  —  die  offentlichen  Gebaude,  z.  B.  den  Hafen,  die  Pro- 
pylaa,  herrlich  ausstatteten  und  bereicherten,  indes  die  Burger, 
z.  B.  Themistokles,  Miltiades,  sich  gern  mit  wahren  Privat- 
Hundshiitten  behalfen.  i 

Ach  freilich  wohl  werden  die  Gesetze  der  Zukunft  zu  oft  auf 
Grabhugeln*  promulgiert,  oder  auf  einem  Sinai  voll  Kartatschen, 
und  die  sausende  Wasserhose  der  Revolution  ruckt  aufgeturmt, 
innen  voll  Donner,  mit  Blitzen  iiberzogen  und  StaatsschirTe  und 
Menschen  und  Tranen  aufschlingend,  iiber  die  weite  Erde,  und 
niemand  kann  die  steilrechte  Gewitterwolke  halten  oder  sie  in 
niedrige  tragende  Wellen  zerlegen  -  ausgenommen  mit  dem 
Evangelium  Johannis.3  O  nie  konnte  Liebe  und  Schonung  und 
MaBigung  und  das  Sonnen-System  der  uberirdischen  Hoffnun- 
gen  jedem  Autor  notwendiger  und  heiliger  sein  als  in  dieser  brau-  . 
senden  Zeit  voll  unmoralischerNiederlagen  und -Siege,  wo  man 
den  Hollenstein  zum  Stein  der  Weisen,  und  den  tarpejischen  Fel- 
sen  zum  Ararat  jedes  Staates  macht.  Unter  so  vielen  Menschen 
oder  Heklas  voll  egoistischer  Eisschollen  und  leidenschaftlicher 
Krater  wird  jedes  gedruckte  heftige  Wort,  das  gegen  die  Kalte 
der  Weisheit  und  gegen  die  Warme  der  Liebe  siindigt,  jede  un- 
moralische  Zeile,  und  hatten  alle  neun  Musen  in  sie  wie  in  einen 
Antikensaal  ihre  Insignien  niedergelegt,  jedes  unvorsichtige  Be- 
tasten  oder  gar  Abblatten  der  Sinnpflanze4  liebender  zartlicher 

1  Demosth.  in  Aristocrat. 

2  Auf  der  Insel  Man  miissen  sie  stets  auf  einem  alten  Grabe  (Tynwald- 
Hille)  publizieret  werden,  nach  Robertson. 

3  Physische  Wasserhosen  bekarapfte  sonst  der  Aberglaube  damit;  mora- 
lische  der  Glaube. 

*  Zwei  Revolutionen,  die  gallische,  welche  der  Idee  oder  dem  Staate  die 
Individ uen  und  im  Notfall  diesen  selber  opfert,  und  die  kantisch-moralische, 
welche  den  Affekt  der  Menschenliebe  liegen  lasset,  weil  er  so  wenig  wie 
Verdienste  geboten  werden  kann,  diese  ziehen  und  stellen  uns  verlassene 


OFFENER  BRIEF  AN  LEIBGEBER  729 

AfTekten,  jede  solche  Sunde  wird  durch  die  Nachbarschaft  der 
Zeit  blutiger  Hochverrat  an  der  Nachwelt;  und  es  ist  ohnehin 
unvorsichtig,  daB  jetzt  so  viele  in  ein  Geriiste  gefugte  ebene  Spie- 
gel von  Autoren  eine  Brennspiegelhitze  auf  eine  Stelle  nchten  und 
werfen,  auf  welcher  ebensogut  SchieBpulver  als  gutes  Gesame 
liegen  kann,  und  die  auch  im  letztern  Falle  ihre  Wintersaat  scho- 
ner  unter  der  schonenden  und  gleich  verteilten  Sonnenwarme 
treiben  wiirde. 

Ich  nannte  noch  das  Sonnen-System  der  iiberirdischen  Hoff- 

10  nungen,  namlich  die  Religion  (worunter  ich  das  Leben  fiir  die 
Unsterblichkeit  und  die  Gottheit  meine),  die  in  sehr  tatenvollen 
arbeitenden  Zeiten,  unter  dem  Treiben  der  Plane,  unter  dem 
Sturmen  aller  Krafte  sich  wie  am  Tage  der  gestirnte  Himmel  am 
ersten  verhiillt:  nur  im  Frieden  und  in  der  Stille  offnet  diese  leise 
Gottin  ihre  Lippe  und  ihr  Herz.  O  diese  Trosterin  und  Schutz- 
heilige  der  Leidenden  sucht  jetzt  selber  bei  Leidenden  Schutz,  - 
an  deinem  so  oft  von  ihr  erquickten  und  geheilten  Herzen,  du 
sanftes  stilles  Geschlecht,  liegt  sie  nun  angeschmiegt,  und  wenn 
vor  deiner  Einsamkeit  die  gezuckten  Schwerter  der  Manner  und 

20  blitzende  Parzen-Augen  und  Hande  voll  Blut  und  bleiche  auf- 
gerissene  Menschen  und  der  ganze  lange  Sturm  der  Zeit  voriiber- 
ziehen,  so  weint  und  blutet  und  trostet  die  Unsterbliche  mit  dir, 
und  ihr  umfasset  euch  dann  fester. 

Ich  bin  sehr  ernsthaft  geworden,  nicht  wahr,  Heinrich?  -Aber 
iiber  folgende  Stelle  deines  Briefes  bleib*  ichs  doch  noch:  »Wenig- 
stens  tut  der  allgemeine  europaische  frohe  Anteil  an  jedem  Bilde 
der  Freiheit  ihr  Dasein  im  Busen,  wenn  auch  nicht  im  Lande  dar: 
ist  nur  einmal  das,  so  brutet  sich  der  Adler  schon  mit  seiner  hei- 


Menschen  immer  weiter  und  einsamer  auseinander,  jeden  nur  auf  ein  fro- 
30  stiges  unbewohntes  Eiland;  ja  die  gallische.  die  nur  Gefuhle  gegen  Gefiihle 
bewaffnet  und  aufhetzt,  tut  es  weniger  als  die  kritische,  die  sie  entwaffnen 
und  entbehren  Iehrt,  und  die  weder  die  Liebe  als  Quelle  der  Tugend  noch 
diese  als  Quelle  von  jener  gelten  lassen  kann.  Da  hierin  viele  moralische 
Professionisten  sich  dem  strengen  Ideal,  das  sie  aufstellen.  auch  in  ihrem 
Leben  nahern,  das  sie  in  Kathedern  und  Streitschriften  fuhren :  so  bitt*  ich 
sie,  mich  meiner  Behauptung  wegen  nicht  eher  anzufallen,  bis  ich  sie  aus- 
fiihrlich  angefallen,  wozu  ich  Hoffnung  mache. 


73°  PALINGENESIEN 

Ben  Brust  durch  den  hohen  Schnee1  auf  den  festen  Boden  hinab.« 
Ich  leugne  nicht  dieses,  sondern  jenes.  Die  von  irgendeiner  typo- 
graphischen  und  chalkographischen  Gesellschaft  verkauften  Ge- 
malde  vom  hauslichen,  Idyllen-  und  Landlebengliick  entziicken 
nicht  den  Landmann  oder  Burger,  der  es  hat,  sondern  den  Hof- 
mann,  der  es  entbehrt  und  ders  auf  jenen  genieBet;  und  wohl 
einen  Fiirsten,  aber  nicht  seine  Schnitter  konnen  Gesange  von 
frohen  Schnittern  laben.  Ebenso  wiirden  die  Altarblatter  des  Frei- 
heitsaltars  einen  freien  Kanadier  oder  alten  Deutschen  wenig  riih- 
ren,  weil  der  Schritt  vom  wirklichen  Besitz  zur  poetischen  An-  10 
schauung  noch  genialischer  ist  als  der  von  dieser  zu  jenem,  und 
unsere  poetischen  Kinder  werden,  wie  die  physischen,  gerade  der 
Sache  ahnlich,  wornach  man  sich  in  den  neun  Monaten  vergeblick 
sehnte.  Indes  wenn  der  Traum7  daB  man  trinke,  wenigstens  be- 
weiset,  daB  man  wirklich  dilrste:  so  kommt  der  Mensch  auf  dem 
dichterischen  Umwege  durch  die  bestechenden  Gemalde  einer 
verschmahten  Wirklichkeit  wieder  zu  ihr  zuriick,  und  auf  ewig 
und  reiner,  und  sie  geben  dann  der  Natur,  der  Freiheit,  dem  haus- 
lichen Gliick,  der  Wirklichkeit  einen  treuern  Freund  zuriick,  als 
sie  ihnen  entfiihret  haben.  -  20 

Nun  lebe  wohl!  Siebenkas  und  seine  Frau  griiBen  dich  herz- 
lich.  —  Griifie,  wenn  du  etwan  hinkommst  (wir  verstehen  uns, 
denk*  ich),  den  guten  Duodezimus  Fixlein  in  Z-ch,  ferner  Herrn 
W~ss-k  in  M-rf,  weiter  meinen  lieben  Schiitz  in  B.,  denen  ich 
alien  Briefe  fur  ihre  guten  schuldig  bin,  und  endlich  auch  seinen 
wohlwollenden  Bruder,  dem  du  zu  sagen  hast,  er  habe  in  alien 
seinen  historischen  Vermutungen  im  Februar  des  Deutschen  Ma- 
gazins  ganz  recht.  StoBest  du  nicht  auf  sie,  so  lesen  sie  es  hier 
ohnehin  selber.  Mir  tut  diese  leichte  Manier,  auf  Briefe  in  brief- 
lichen  Vorreden  zu  antworten,  jetzt  unter  dem  Antworten  so  3o 
wohl,  daB  kh  kunftig  ofters  zu  ihr  greifen  werde,  besonders  da 
die  Sache  das  Publikum  nichts  angeht,  das  froh  sein  muB,  wenn 
ich  ihm  keine  bogenlange,  nur  mir  ersprieBIiche  Dedikadon  in 
den  Weg  und  unter  die  FiiBe  werfe.  -  Kommst  du  nach  Niirn- 

1  Nach  Chardin  schmilzt  der  Geierfalke  in  Persien  mit  seinem  auf  den 
Schnee  gebaueten  Horst  oft  eine  Klafter  tief  bis  auf  die  £r4e  herab. 


OFFENER  BRIEF  AN  LEIBGEBER  73I 

berg,  so  schwore,  wie  ich  allda  schon  selber  tat,  daB  ich  im  ganzen 
Buche  auf  kein  Individuum  satirisch  gezielet:  ich  kann  und  mag 
keinem  Menschen  auf  seiner  fuegenden  Flucht  durch  das  Leben 
den  Giftpfeil  der  personlichen  Satire  vorn  ins  Herz  oder  auf  das 
Schulterblatt  nachwerfen,  die,  ungleich  der  allgemeinen,  keine 
heilenden  Schmerzen  macht,  sondern  nur  eiternde.  —  Couvertiere 
deine  Briefe  nicht  mehr  nach  Hof,  sondern  nach  Leipzig,  wohin 
mich  das  Schicksal  kurz  vor  Empfang  deines  Briefes  selber  cou- 
vertieret  hat:  ich  stehe  noch  an,  ob  ich  mich  da  habilitiere  als 

10  Bakkalaureand.  Ach  tratest  du  einmal  da  zu  MeBzeiten  auf!  Wahr- 
lich  ich  wiirde  dich  kennen!  -  Lebe  denn  wohl!  Das  Verhangnis 
reiche  dir  (um  deine  Allegorie  zu  brauchen)  »recht  viel  aufge- 
loseten  Griinspan  und  viel  Loschpapier1  zu  deinem  Himmel  und 
gebe  dir  kein  oleum  tartari  per  deliquium  zu  Wolken  darin,  oder 
doch  sogleich  das  Vitriolol  eines  nassen  Auges«.  Ach,  Heinrich! 
Doch  noch  ein  Wort!  Sagen  denn  eben  diese  deine  sehnsuchtigen 
Ausdehnungen,  die  den  seufzenden  Busen  mitten  in  alien  blauen 
und  goldnen  Himmeln  des  tiefen  Lebens  driicken,  dir  nicht,  du 
Unglaubiger,  daB  dein  Firmian  recht  hat,  wenn  er  glaubt,  daB 

20  wir,  gleich  Menschen  in  polnischen  Steinsalzbergwerken,  unter 
und  in  der  Erde  leben-  daB  wir  in  dem  auf  ihr  liegenden  Himmel 
oben  nie  gegangen  sind  -  daB  aber  doch  an  der  Ein-  und  Ausfahrt 
eine  blaue  Stelle,  ein  Blitz  des  iiberirdischen  Tages  zu  uns  nieder- 
komme,  vor  welchem  das  elende  Flimmern  des  Salinen-Souter- 
rains  erlischt  -  und  daB  wir  eben  darum,  bis  wir  oben  ins  Freie 
hihauf  sind,  uns  so  unendlich  sehnen,  Heinrich?  - 
Leipzig,  den  23.  Marz  1798. 

Jean  Paul  Fr.  Richter. 

JAnspielung  auf  eine  Erfindung  von  Hooke,  der  (1670)  den  blauen 
5°  Himmel  durch  Loschpapier  voll  filtrierten  Griinspan  und  die  Wolken  durch 
obiges  Oleum  nachmachte  und  diese  wieder  durch  Vitriolol  vertrieb. 


Alte  Vorrede  von  Siebenkas  selber 

Der  heilige  Ambrosius  sagte,  der  MuBiggang  sei  das  Kopfkissen 
des  Teufels.  Da  ich  nun  glaubte,  der  Satan  verdiene  keines:  so 
nab'  ichs  ihm,  wie  einem  Sterbenden,  vor  einigen  Vierteljahren 
unter  dem  Kopfe  weggezogen  und  mich  selber  darauf  gesetzt  und 
meine  Zeit  nicht  unedel  mit  dem  Zusammenschreiben  einiger 
ganz  munterer  Pasquille  verbracht. 

Meine  besten  setzt'  ich  freilich  vor  meiner  Geburt  schon  auf, 
und  es  sollen  nachher  die  Personen  ohne  Scheu  spezifizieret  wer- 
den,  die  mir  solche  gestohlen:  die  schlechtern,  die  ich  bloB  auf  10 
hiesiger  Erde  ausheckte,  leg'  ich  hier  der  gelehrten  Welt  mit  Ach- 
tung  vor.  Mein  Jammer  ist  namlich  der,  daB  wir  alle  -  welches 
jeder  aus  seinem  Plato  sich  erinnern  muB,  wenn  nicht  aus  seinen 
dunkelsten  Erinnerungen  -  vor  diesem  Leben  und  Nationalban- 
kerutt  der  Geisterwelt  auf  einem  trefflichen  Kometen1  (wenns 
nicht  gar  Whistons  seiner  war)  ganz  vergnugt  zusammenlebten, 
bis  wir  samtlich  einiger  Spitzbiibereien  oder  Todsunden  wegen 
auf  diese  Ponitenipfarre  des  Universums  durch  die  Geburt  her- 
untergetrieben  wurden,  so  daB  dieses  Leben  nur  die  Narbe  eines 
vorigen  ist.  Der  Whistonsche  Schwanzstern  scheint  mich  und  20 
Meusels  Deutschland  und  alleSeelen  in  Gestalt  seines  Schwanzes, 
wie  ein  reifer  Frosch  den  seinigen,  abgeworfen  zu  haben  auf  die 
griane  Erde  herein. 

Eh'  nun  das  geschah,,  bracht'  ich  droben  auf  dem  Bartstern 
meine  besten  Stunden  und  Jahrhunderte  damit  zu,  daB  ich  den 
ganzen  Tag  statt  auf  dem  Musen-  oder  Stecken-  oder  irgend- 
einem  Schaukelpferde  bloB  auf  einem  festen  Lese-Esel  saB  und 

1  Nach  Lambert  wohnen  auf  Kometen  feinere  hohere  Wesen  als  auf 
Planeten. 


ALTE  VORREDE  VON  SIEBENKAS  SELBER  733 

darauf  Werke  am  Schreibpult  ausspann  und  aufsetzte,  wie  zu 
wiinschen  ware,  daB  sie  jeder  schreiben  konnte.  Die  Werke  wa- 
ren  zwar  spaB-  und  ernsthaft,  aber  himmlisch:  ichvereinigtedarin 
alle  Schulen,  die  niederlandische,  die  welsche,  die  gallische,  und 
alle  Manieren,  die  trockne,  die  fette,  die  warme,  die  kalte,  und  alle 
Kunstrichter  und  wahre  Unmoglichkeiten  -  und  die  Fliigel,  die 
ich  darin  der  Dichtkunst  und  der  deutschen  Sprache  ansetzte, 
waren  von  Holz  und  Windmuhlenftiigel,  damit  die  kursachsischen 
Kunstrichter  nichts  dazu  zu  machen  brauchten  als  den  Wind. 

10  Meisterstiicke  sind  im  Himmel  leicht:  man  hat  da  keine  EBIust, 
kein  Brotstudium  und  weder  Kind  noch  Kegel  und  schreibt  ohne 
Unterleib  und  mit  transparenten  Fingern  ganze  Ewigkeiten  a 
parte  ante  am  ersten  besten  Opus  fort.  Ich  war  da  mit  schonen 
Geistern  bekannt,  die,  bevor  sie  hienieden  alles  vergaBen,  droben 
wenigstens  so  viel  wuBten  als  ein  hiesiges  Titularmitglied  einer 
Akademie,  wenn  nicht  so  viel  wie  ein  wirkliches. 

Schwer  ists  mit  einem  solchen  supralunarischen  Scharfsinn  zu 
paaren,  daB  ich  droben  mich  dermaBen  vergaB,  daB  ich  in  einigen 
von  meinen  Manuskripten  andere  Leute  blattern  und  studieren 

20  HeB.  So  viel  ist  wenigstens  ausgemacht,  Swift  und  Sterne  und 
Butler  hatten  weiter  keinen  Schaden  davon,  daB  ich  ihnen  solche 
Werke  wie  das  Marchen  von  der  Tonne  und  Tristrams  Leben 
und  Hudibras  -  welche  ich  fur  die  drei  besten  Satiren  und  uner- 
bittlichen  Parzen  gegen  Toren  halte,  die  ich  je  gemacht  —  nicht 
nur  vorlas,  sondern  auch  wochenlang  vorstreckte  im  Manuskript. 
Die  Folgen  weiB  jeder:  ich  setzte  dadurch  die  Briten  instand,  es 
wie  jener  alte  Poet  zu  machen,  der  (nach  Seneka)  die  Gedichte, 
die  ein  anderer  Poet  offentlich  herlas,  augenblicklich  in  seinem 
Fang-Gedachtnis  behielt  und  sie  fur  seine  erklarte,  weil  ihr  echter 

30  Verfasser  sie  nicht  wie  er  vermochte  herzusagen.  —  Trugen  die 
drei  Englander  nicht  meine  drei  Werke,  jeder  sein  Stuck  satiri- 
sches  Polen,  in  ihrem  weiten  Gedachtnis  und  Gewissen  wider  die 
gemeine  Moral  auf  die  Erde  herab  und  nahmen  daselbst  weiter 
nichts  -  um  den  Ruhm  groBer  Autoren  zu  erringen  -  vor,  als 
daB  sie  mir,  der  ich  in  der  andern  Welt  noch  passen  mufite  und 
es  auf  keine  Weise  zur  Geburt  bringen  konnte,  den  meinigen 


734  PALINGENESIEN 

stahlen  und  fur  meine  zum  hiesigen  Fortkommen  hingeworfnen 
Gedanken  das  Honorar  einzogen?  -  Ich  merkte  das  den  Augen- 
blick,  da  ich  geboren  war,  und  wollte  vor  Erbosung  wieder  in 
den  alten  Bartstern  hinauf,  sitz*  aber  noch  hienieden. 

Gleichwohl  wiird'  ich  dariiber  hinweg  sein,  weil  ich  den  Trost 
hatte,  daB  die  Welt,  wenn  sie  jenes  stechende  Klee-  und  Nessel- 
blatt  in  die  Hande  nimmt,  sich  eigentlich  bloB  um  mich  verkettet 
stelle,  gleichsam  um  einen  frischen  Zitteraal,  und  daB  mich  das 
erste  Glied  bei  den  Schwanzflossen,  das  letzte  beim  Kopfe  an- 
greife,  damit  ich  elektrisch  in  den  verkniipften  Zirkel  dreinschlage  10 
—  ich  wiirde  das  tragen,  sag*  ich,  daB  man  meinen  bessern  und 
iiberirdischen  Satiren  ihren  Geburtsort  nicht  anmerkt,  da  sie  so 
trefTlich  die  irdischen  Toren  (die  ja  aber  auch  droben  hausten) 
abschatten  -  ich  wiirde  iiber  alles  dieses  wenig  Umstande  ma- 
chen:  muSt'  ich  nicht  erleben,  daB  meine  ernsthaften  Werke, 
diese  auslandischen  Gewachse  eines  hohern  atherischen  Vater- 
landes,  diebisch  vor  meiner  Geburt  gedruckt,  als  inlandische  um- 
laufen.  Es  ist  ein  trauriges  Los,  daB  gerade  meine  Ideen  zur  Ge- 
schichte  der  Menschheit  und  meine  zerstreueten  Blatter  von  mei- 
nem  Plagiarius  Herder  fur  seine  Werke  und  fur  Autochthonen  20 
von  Weimar  ausgerufen  werden,  so  daB  solche  Erzeugnisse  eines 
schonern  Klimas  -  bei  allem  ihren  hohern  Erd-  oder  vielmehr 
Himmelsgeschmack,  ungeachtet  ihrer  Sonnensysteme  und  Stern- 
schichten  strahlender  Ideen  und  ungeachtet  eines  zugleich  Bliite 
und  Friichte  tragenden  Stils  -  nun  in  alien  deutschen  Kreisen  als 
Werke  kursieren,die  auf  dem  Planeten  geschrieben  worden.  Frei- 
lich  wenn  Cicero  sagt,  er  glaube,  wenn  er  seinen  Kato  vom  Alter 
lese,  den  Kato  selber  zu  lesen,  so  glaub'  ich  oft,  wenn  ich  meine 
Herderschen  opuscula  lese,  ihn  selber  zu  horen,  da  ich  ihn  kenne; 
aber  es  tut  doch  nicht  gut.  3o 

Jetzt  da  ich  nun  endlich  nach  langem  Harren  auf  das  Theater 
des  Lebens  hereingesprungen  bin  und  zwolf  der  besten  Kopfe 
unter  dem  groBen  breiten  Lorbeerkranz  stehen  sehe,den  ichallein 
aufhaben  wollte,  jetzt  wird  mirs  memand  verdenken,  daB  ich  in 
einer  Vorrede  meinen  Kranz  bescheiden,  aber  durchaus  wieder- 
haben  und  allein  aufsetzen  will,  wiewohl  er  nicht  viel  leichter  ist 


ALTE  VORREDE  VON  SIEBENKAS  SELBER  735 

als  Davids  Hundertunddreizehn-Pfiinder  von  Krone.  Sollte  man 
mir  denn  harter  mitfahren  wollen  als  den  Benediktinern  des  drei- 
zehnten  Jahrhunderts,  die  endlich  doch  im  siebenzehnten  eine 
ehrliche  Seele  fanden,  welche  ihre  Werke,  die  man  so  lange  einem 

-  Virgil,  Cicero  und  Livius  zuschrieb,  ihnen  wieder  zustellte,  nam- 
lich  den  Pater  Hardouin?  - 

Anlangend  gegenwartiges  Buch,  so  ist  es  dumm  genug;  denn 
nun,  da  ich  auf  der  Erde  sitze,  kann  ich  so  wenig  zeugen  wie  sie 
selber.  Was  wird  uberhaupt  ein  Wesen  in  einem  hypochondri- 

10  schen  Korper  (diesem  innen  mit  Nageln  bedornten  Regulus-FaB) 
und  im  Frondienste  des  Magens  und  des  Pfortadersystems  wohl 
Sonde.rliches  fiir  seinen  Verleger  und  Vor-  und  Nachdrucker  in 
die  Presse  schicken?  Weit  muB  alles  unter  die  bliihenden  Ab- 
kommlinge  seines  freiern  warmern  Lebens  fallen,  und  er  muB 
sich  selber  welkend  im  Spatjahr  des  Daseins  biicken.  Halt  man 
mein  antediluvianisches  Marchen  von  der  Tonne  oder  Tristram 
zusammen  mit  gegenwartigem  Posthumus,  den  ich  bloB  auf  dem 
Planeten  gemacht:  so  erstaunt  man  iiber  den  Unterschied  und 
begreift  nicht,  wie  derselbe  Kopf  vor  seinem  Leben  so  gut  schrieb 

20  und  nachher  so  schlecht.  -  Keine  Zeile  hatte  ich  machen  sollen.  - 
Es  kann  wenig  Leser  haben  -  wenigstens  nicht  zwei. 

Denn  es  ist  uberhaupt,  kantisch  davon  zu  sprechen,  nicht  mehr 
als  einer  moglich,  und  der  bin  ich  selber.  Ich  kam  erst  heute  vor- 
mittag  mit  einem  Grade  des  Schreckens  darhinter,  den  ich  einmal 
an  andern  observieren  mochte.  Ich  war  namlich  vergniigt  iiber 
einen  Traum  voll  Potentaten  aufgestanden  und  hatte  unter  dem 
Anlegen  der  Montierungsstiicke  die  Stadte  zusammengezahlt,  die 
mich  lesen  wiirden :  als  der  Teufel  einen  kritischen  Philosophen 
in  die  Stube  fuhrte,  der  -  vielleicht  neidisch  iiber  die  Saat  meiner 

30  Lorbeerwalder  —  mir  sein  System  wie  atzendes  Sublimat  eingab 
und  mich  auf  der  Stelle  schwachte.  Er  tat  mir  dar,  der  Raum  und 
die  Zeit  und  die  Kategorien  waren  an  und  fur  sich  oder  fiir  andere 
Wesen  ganz  und  gar  nichts,  aber  fiir  Menschen  alles,  und  wir  er- 
schiifen  uns  durch  diese  Denkformen  die  ganze  Sinnenwelt  (so 
daB  wir  sie  sogleich  darauf  oder  darunter  empfanden)  -  Inzwi- 
schen  bezogen  sich  alle  diese  innen  von  uns  gemachten  auBern 


73<$  PALINGENESIEN 

Erscheinungen  unverhofft  auf  wahre  echte  Dinge  an  sich,  auf 
wirkliche,  ihm  ganz  unbekannte  X's  (wiewohl  nicht  auszumitteln 
sei,  wie  und  warum),  und  er  selber,  als  sein  eigner  optischer  Be- 
trug,  bezoge  sich  auf  ein  solches  in  ihm  angesessenes  X,  welches 
eben  der  eigentliche  Granitkern  und  das  Ich  seines  Ichs  sei.  - 
Aber  da  er  von  diesem  ganzen  Inkognito-yniversum  nie,  auch 
nicht  nach  dem  Tode,  etwas  oder  nur  so  viel  zu  sehen  bekomme, 
als  Hogarth  auf  seinen  Nagel  zeichnen  konne,  so  sell'  er  nicht  ab, 
warum  er  sich  urn  ein  ewig  gleich  dem  Nichts  verstecktes  Etwas, 
um  eine  ewig  unsichtbare  Spiegelfolie  sichtbarer  Gestalten  im  10 
geringsten  so  viel  wie  um  gute  hubsche  Erscheinungen  scheren 
solle,  die  er  doch  wenigstens  als  solche  kenne.  -  Gelte  nun  das, 
so  behalte  er  keine  Welt  ubrigalsdie  in  seinen  plastischen(Denk-) 
Formen  gebackne,  namlich  die  von  ihm  ins  durchsichtige  ver- 
borgne  weite  X  gewiirkten  und  gestickten  Figuren  oder  Erschei- 
nungen, worunter  er  mich  zu  stellen  sich  die  Freiheit  nehme.  Ich 
kehrte  aber  auf  dem  Platze  den  SpieB  um  und  versetzte  ihn  selber 
unter  die  nur  in  meinem  Kopfe  seBhaften  Phenomena,  die  ich  aus 
Gefalligkeit  mit  den  Grund-,  Vor-  und  Passerformen  meiner 
Sinnlichkeit  und  meines  Verstandes  gestalte.  Wir  kamen  hart  20 
hintereinander,  jeder  wollte  der  Idealist  sein  und  den  andern  in 
seinen  SproBling  und  Nestling  verkehren  und  ihn  nicht  auBer 
dem  Kopfe  leiden-bis  ich  denPhilosophen  auBer  derStube  hatte, 
wodurch  ich  ihn  so  denken  konnte,  wie  ich  wollte. 

Inzwischen  hatt'  er  mir  darin  in  seinem  idealistischen  System 
einen  haBlichen  StoBvogel  des  ganzen  Universums  dagelassen, 
der  alles  erwurgte  und  abrupfte  -  mein  kritisches  Basiliskenauge 
brachte  alles  in  Kuhschnappel  um,  die  Patrizier,  den  Venner, 
meinen  Mietsherren,  die  gute  Lenette,  und  vor  einem  Spiegel  hatt' 
es  mir  selber  zusetzen  konnen  -  durch  den  giftigen  Samielwind  30 
des  Philosophen  waren  alle  Weltteile,  sogar  die  unentdeckten, 
und  die  regierenden  Haupter  in  den  genealogischen  Verzeichnis- 
sen  und  ihre  Hofkalkanten  und  alle  Pupillenkollegien  und  die  vier 
Fakultdten  und  die  vier  groBen  Monarchien  und  der  ewige  Jude 
samt  der  ewigen  Judenschaft  wie  weggeblasen  —  und  es  blieben 
kaum  so  viele  Wesen  stehen,  als  man  mit  einer  Nachtmiitze  be- 


ALTE  VORREDE  VON  SIEBENKAS  SELBER  737 

clecken  kann,  welches  nur  ein  einziges,  namlich  ich  unter  meiner 
war.  Durch  diesen  giftigen  Hiittenrauch  starb  auch  die  ganze 
Lesewelt  bis  auf  einen  Leser  aus  -  sogar  dem  kritischen  Philo- 
sophen  war  nicht  zu  helfen,  und  es  mangelte  ihm  an  Existenz, 
mich  durchzugehen.  —  Wahrlich  dem  Philosophen  kanns  nim- 
mermehr  wohlgehen,  daB  er  in  der  todlichen  Arsenikhiitte  seines 
Lehrgebaudes  mich  in  wenig  Stunden  so  weit  gebracht,  daB  ich 
jetzt  der  kurze  Inbegriff  und  Extrakt  oder  das  Phlegma  aller  ver- 
fluchtigten  Leser  sein  muB  und  der  Reprasentant  des  verdampf- 

ro  ten  corpus.  So  sitz'  ich  hier  und  schreibe  unmaBig  und  bin  von 
niemand  gelesen :  denn  ich  selber  habe  dazu  wenig  Zeit  und  kaum 
genug  zum  Schreiben. 

Was  mich  erhalt  und  beruhigt,  sind  die  Rezensenten,  denen 
zwar  als  unbekannten  X's  oder  als  Sachen  an  sich  Organe  zum 
Lesen  nicht  zugesprochen  werden  konnen,  die  aber  auch  keine 
brauchen:  es  ist  genug,  wenn  sie  mich  ofTentlich  preisen  und  dann 
erst  (falls  sie  genugsam  auBer  mir  existieren)  lesen.  Ich  baue  mich 
gegen  ihre  kleinen  Dragonaden  -  obgleich  unter  alien  Dingen, 
selber  unter  den  schlimmen,  keines  so  leicht  ist,  als  sich  selber 

20  verteidigen,  oder  so  komisch  oder  so  sufi  -  in  folgenden  Verhack 
aus  Griinden  ein. 

Kein  humoristisches  Werk  kann  -  seinen  zweiten,  dritten,  vier- 
ten,  xten  Teil  ausgenommen  -  das  erstemal  gefallen,  sondern  erst, 
wenn  man  es  zum  zweiten,  dritten,  vierten,  xten  Male  Iieset:  muB 
nicht  Swift  dreimal,  Hudibras  neunmal,  Tristram  einundachtzig- 
mal  durchgelaufen  werden,  ehe  man  etwas  davon  goutiert?  - 
Wenigstens  einmal  muB  jedes  launige  Werk  gelesen  werden, 
wenn  es  affizieren  soil;  und  ich  postuliere  nicht  weniger. 

Ferner.  Wenn  auch  die  Satire  viel  seltener  die  Laster  als  die 

30  Narrheiten  wegjagt,und  beide  mehr  vom  Markt  als  aus  derStube: 
so  wirft  sie  doch  den  Lastern  die  zerbrochnen  beschmutzten 
Wappenschilde  vor  die  FiiBe  und  hangt  sie  in  effigie  und  tut 
ihnen  iiberhaupt  so  viel  Schimpf  und  Schande  an,  daB  ein  ehr- 
licher  Mann  mit  ihnen,  auBer  im  Notfall,  nichts  zu  verkehren 
haben  mag  und  sie  ganz  verachtet,  indem  er  sie  gebraucht.  In 
alien  Jahrhunderten  hatten  die  Laster  ihre  Lehnleute,  ihre  Lehn- 


738  PALINGENESIEN 

lakaien,  ihre  Rudersklaven  und  Schwarzen;  aber  nur  in  den  ver- 
dorbensten  hatten  sie  ihre  Parentatores,  ihre  Laureaten,  ihre  che- 
valiers d'honneur  und  Kammermohren;  und  es  ist  kein  gleich- 
giiltiges  Zeichen  unsers  jetzigen  moralischen  Wohlstandes,  daB 
wir  in  unsern  Tagen  noch  die  Unkeuschheit  z.  B.  vollig  ebenso 
kiihn  und  so  oft  als  die  Keuschheit  persiflieren.  Daher  hat  noch 
jeder  eine  sittliche  und  eine  unsittliche  Sprache,  wie  die  Juden 
auBer  dem  Christendeutsch  noch  ihr  Judendeutsch.  - 

Sooft  ich  an  anatomischen  Theatern  der  Sektion  von  Kinnen 
beiwohnte,  so  sah  ich,  daB  uns  derProsektor  an  zwei  Arten  von  10 
Kinnen  keine  Lachmuskeln,  die  etwan  ein  Butler,  Steele,  Addison 
hatte  fassen  konnen,  auszuschalen  und  zu  zeigen  vermochte,  an 
den  Kinnbacken  ohne  alles  Barthaar  und  an  den  zu  langbartigen. 
Da  nun  an  Jiinglingen  jene  und  an  akademischen  Lehrern  diese 
sitzen,  und  da  gerade  beide  mich  rezensieren  werden:  so  muB  ich 
ihnen  hier  zugleich  drohen  und  versprechen,  um  sie  zum  Loben 
wider  eigne  Oberzeugung  zu  zwingen.  Ich  sage  das:  die  Juden 
erzahlen:  wenn  der  Prophet  Samuel  aus  einem  guten  Traum  er- 
wacht  war,  so  fragt*  er  verneinungsweise:  »Reden  wohl  die  Trau- 
me  Eitelkeiten?«  -  Hatt*  er  einen  schlimmen  gehabt,  so  sagte  er  20 
und  behauptete  es:  »Es  reden  wohl  die  Traume  Eitelkeiten.«  - 
So  will  ichs  machen.  Werd'  ich  von  den  kritischen  Blattern  hin- 
langlich  gepriesen:  so  steck'  ich  sie  ein  und  gehe  zu  einigen  guten 
Freunden  und  frage:  »SolIte  denn  an  alien  gelehrten  Anzeigen 
nichts  sein?  Unmoglich:  viele  haben  ihre  Meriten;  nur  ziehen 
schlechte  Autoren  aus  ganz  begreiflichen  Griinden  gegen  sie  los 
und  zu  Feld,  indes  bessere  sie  immer  achten  und  scheuen,  so  wie 
die  Schonen,  aber  nicht  die  Fliegen  vor  den  Spinnen  wie  vor 
Siegern  laufen  und  ihre  Gewebe  schonen,  da  doch  nur  die  Fliegen 
von  ihnen  gefressen  werden. «  -  Wagt  man  es  aber,  mich  in  kriti-  30 
schen  Schatten  zu  setzen:  so  geh'  ich  herum  und  sage  es  frei:  »Ich 
kenn'  ein  wenig  das  Rezensiten-Wesen,  und  jeder  danke  Gott,  den 
sie  nicht  loben.  Wer  gern  fur  die  Nachwelt  einmariniert  sein  will, 
der  muB  den  Mumien  gleichen,  denen  man  vorher  das  Gehirn  aus- 
nahm,  und  die  man  mit  belienden  Mitteln  ausrieb,  eh*  man  sie  mit 
wohlriechenden  Spezereien  die  fur  Ewigkek  in  Rauch  aufhing.« 


ALTE  VORREDE  VON  SIEBENKAS  SELBER  739 

So,  glaub'  ich,  nab'  ich  meinen  Lorbeerbaum  gegen  kritische 
Setzhasen  genug  bedornet  und  kann  nun  meines  Weges  gehen. 

Der  Verfasser  ist  ein  neuangehender  Ehemann,  und  das  Werk, 
das  er  hier  in  die  Welt  setzt,  ist  die  erste  rechtmaBige  Frucht 
seiner  Ehe.  Und  so  schutt'  ich  denn  diese  gezahnten  Sennesblatter 
in  den  fliehenden  breiten  Strom  des  dunkeln  Lebens,  bis  er  mein 
Ufer  und  mich  selber  unterwiihlt  und  mit  seinen  Wellen  weg- 
zieht,  und  ich  den  Blattern  und  den  altesten  Lesern  nachschwimme. 

Obrigens  wunsch'  ich  von  Herzen,  dafi  dieses  eine  Vorrede  ist, 
>  und  empfehle  mich  Unzahligen,  will  aber  durch  Stillschweigen 
nichts  eingeraumet  haben,  sondern  setze  Freunden  und  Feinden 
generalia  juris  entgegen,  reserviere  mir  quaevis  competentia  und 
protestiere  gegen  Reprotestationen.  Kuhschnappel,  im  August 
1785. 

Firmian .  Siebenkas, 
zeitiger  Armenadvokat. 


Erster  Reise-Anzeiger 

Fata :  meine  Werthers-Freuden  in  der  Ehe  —  meine  Werthers-Letden  —  das 
gefahrliche  Beriihren  meiner  briefJichen  Bundeslade  -  der  2iste  Marz 
voll  scharfem  Marzstaub  —  der  Vorsatz 

Werke:  mein  Protokoll  und  Nachtblatt  der  Schlafer 

Schon  als  ich  uber  die  erste  Sehenswiirdigkeit  der  Reichsstadt, 
namlich  uber  die  Abcbrxicke^  ging,  stellten  sich  die  Gewissensbisse 
ein:  »MuB  denn  nicht  Siebenkas  denken,«  (sagt*  ich)  »daB  du 
mehr  wegen  seiner  Auswahl  aus  des  Teufels  Papieren  als  deiner 
Frau  halber  nach  Niirnberg  gekommen?« i 

Nichts  macht  den  Anfang  eines  Buchs  verdriiBlicher,  als  dafi 
man  darin  dem  Leser  erst  hundert  Dinge  notifizieren  muB,  die  er 
nicht  weiB;  die  Exposition  ist  ganz  kurz  diese: 

In  Siebenkasens  Lebensbeschreibung  macht'  ich  bekannt,  daB 
er  die  Teufels  Papiere  geschrieben:  viele  deutsche  Kreise  wollten 
das  Buch  um  des  Menschen  willen  sehen,  wie  sonst  umgekehrt; 
es  war  aber  bei  keinem  Spezereihandler  mehr  zu  haben.  Wie  man 
sonst  in  Paris  vor  der  Erflndung  des  Drucks  ein  Buch  in  200  Hefte 
zersetzte  und  es  so  fur  ein  Geringes  an  200  Leser  auf  einmal  ver- 
lieh1:  so  hatte  man  fiir  die  Teufels-Papiere,  die  ihrer  Satire  wegen  2 
dem  ernsten  Publikum  schwer  beizubringen  waren,  etwas  Ahnliches 
mit  Erfolg  inkaminiert :  man  liefi  sie  in  den  merkantilischen  Zerglie- 
derungshausern  auseinandernehmen  und  die  Satyrs  (zwar  nicht  wie 
die  athenischen  mit  Grazien,  aber  doch)  mit  Goutees  und  derglei- 
chen  fullen  -  wie  man  fiir  die  Kinder  aus  Pfefferkuchen  eine  Abc- 
briicke  macht  -  und  brachte  sie  vollig  durch  diesen  Stiickverkauf 
und  unter  den  mannigfaltigsten  stereometrischen  Formen  in  Kurs. 
So  setzte  man  in  kurzem  die  erste  Auflage  ganz  leicht  ab. 

1  Meiners  Vergleichung  des  Mittelalters  etc.  II.  p.  540. 


ERSTER  REISE-ANZEIGER  74I 

Aber  an  die  zweite  wollte  der  Verfasser  nicht  gehen :  Siebenkas 
1st,  wie  ich  schon  vor  einigen  Jahren  berichtete,  Inspektor  in  Va- 
duz und  hat  nun  mehr  die  Werke  des  Teufels  als  die  Papiere  des- 
selben  in  die  Waschmaschine  zu  werfen.  Noch  weniger  kohnte 
ich  machen,  da  er  mir  vorhielt:  »Du  bist  daran  schuld,  J.  P.,  also 
schreibe  du  sie!  -  Oberhaupt:  der  Rechtsgang  ist  ein  Gallengang, 
und  den  Steindamm  der  Geschafte  pflastern  lauter  Gallensteine  - 
und  eben  darum  und  vor  lauter  Zorn  kann  man  den  Zorn  nicht 
asthetisch,  d.  h.  satirisch  auslassen,  so  wenig  als  der  Jiingling  die 

10  Liebe  wahrend  seiner  Liebe  malen  kann:  erst  nach  dem  kiirzesten 
Tag  kommt  sowohl  die  groBte  Kalte  als' nach  dem  langsten  die 
grofite  Warme.  Und  bedenke  nur,  daB  mich  der  Graf  zu  seinem 
ProzeB  nach  Wetzlar  schickt,  wo  ich  ganz  andere  Papiere  vorbe- 
komme  als  teuflische,  und  wo  ich  -  weil  dieses  Amphiktyonen- 
gericht  wie  jede  Republik  nur  langsame  Entschliisse  fasset,  und 
weil  uberhaupt  die  Ewigkeit  a  parte  ante  eines  ewigen  Kriegs  vor 
der  Ewigkeit  a  parte  post  eines  ewigen  Friedens  ablaufen  muB  — 
so  fest  sitzen  werde  wie  ein  Schropfkopf.  Mit  einem  Wort,  du, 
du  machst  die  Edition !« 

20  Der  Inspektor  Siebenkas  war  mitten  im  Hornung  nach  Wetz- 
lar abgegangen,  urn  vor  diesem  ersten  Reichsgerichte  und  Reichs- 
vikarius  der  Themis  im  Lager  oder  Winterquartier  von  20000 
Prosessen  die  Zeltgasse  des  graf  lichen  Prozesses  aufzusuchen  und 
womoglich  in  einem  Vierteljahre  mobil  zu  machen:  so  spat 
wolIt'  er  erst  wieder  zuriick.  Wenn  ein  Freund  verreiset,  bleibt 
man  ungerne  zu  Hause,  daher  Kastor  und  Pollux  die  Ober-  und 
Unterwelt  miteinander  bezogen.  Vadu^  wo  Firmian  richtet  und 
wohnt,  Hegt  von  Hof(meiner  Wohnpfalz)  nur  einige  Kanonen- 
schiisse;  und  darum  setzt'  ich  mich,  da  ich  ihn  fliegen  sah,  auch 

30  aufs  Flugbrett  heraus  und  spannte  die  Flughaut  auf.  Konnen 
denn  nicht,  dacht*  ich,  unsere  Weiber  -  seine  Natalia  und  meine 
Hermina^  mit  der  ich  am  neuen  Jahre  als  ihr  ewiger  Hausfreund 
auf  die  Freundschaftsinsel  der  Ehe  gezogen  war  -  oder  vielmehr 
unsere  Strohwitwen  (wozu  die  jetzigen  Strohhiite,  Strohgiirtel 
und  Strohbesatzungen  ungemein  passen),  konnen  sie  nicht  zu- 
sammenziehen  und  den  ganzen  Tag  von  ihren  lieben  Mannern 


742  PALINGENESIEN 

reden  und  fragen:  wo  mogen  die  herrlichen  Seelen  wohl  jetzt 
hausen?  Auch  taten  sie  es,  und  noch  wohnet  Natalia  in  Hof  bei 
meiner  Hermina. 

Und  wie  leicht  war  mit  einer  kleinen  Reise  zugleich  die  zweite 
Auf lage  zu  machen !  Denn  neue  Werke  kommen  in  Wirtshausern 
und  auf  StraBendammen  aus  ganzlichem  Mangel  aller  Biicher- 
schranke,  dieser  treibenden  Glaswande,  nicht  fort,  aber  neue  Edi- 
tionen  der  alten  geraten  wie  Flugsand  und  Steinflechten  auf  jedem 
Boden.  Bei  Firmians  Papieren  bestand  das  Verbessern  ohnehin 
bloB  in  Verkleinerri.  Oberhaupt  sollten  die  Papiermiiller  fur  die  10 
jetzige  romantische  und  philosophische  Literatur  einDruckpapier 
aus  Steinflachs  machen,  damit  man  eine  neue  gereinigte,  durchaus 
verbesserte  Auf  lage  blofi  durch  die  Scheidung  auf  dem  trocknen 
Weg  veranstaltete,  indem  man  die  alte  ins  Feuer  wiirfe  und  dann 
den  Asbest  herauszoge.  Die  Schonheitslinie  solcher  Werke  sollte 
steilrecht,  nicht  waagrecht  laufen,  so  wie  auch  Eisenstabe  vertikal 
magnetischer  wirken  als  horizontal;  und  daher  stellen  eben  die 
Rezensernen  gerade  mit  Schwabacher  (der  Horizontallmie  im 
Manuskript),  womit  die  Autoren  die  Schonheiten  vorheben,  die 
Fekler  ans  Licht. 20 

Ich  eile  nun  wieder  auf  die  Briicke  zuriick,  wo  ich  schon  seit 
acht  Seiten  mit  Gewissensbissen  stehe  und  auf  mich  warte.  Ich 
hatte  unterdessen  die  beiden  Pyramiden  der  Briicke  besehen,  auf 
deren  einer  eine  Taube  und  auf  deren  zweiter  ein  Doppelschnabel 
von  Adler  sitzt,  der  vielleicht  auf  die  Taube  stieBe,  besaB'  er  nur 
so  wenige  Schnabel  als  Magen,  namlich  einen.  —  Man  ging  dann 
in  den  sogenannten  Irrhain  (bei  Kraftshofe)  spazieren. 

Ein  anderer  ware  auf  die  Hallerwiese  oder  auch  in  den  Jiiden- 
buhl  (durch  den  ich  schon  am  Morgen  eingezogen  war)  oder  der 
Gesellschaft  wegen  gar  auf  den  Dutzendteich  gegangen.  Aber  30 
heute  hatte  mich  nichts  aus  dem  Irrgarten  gebracht.  In  einigen 
der  nachsten  Reise- Anzeiger  werden  der  Welt  die  Ursachen  vor- 
gezahlt,  warum  ich  mich  gerade  den  ersten  Tag  in  Nurnberg 
kaum  auf  den  Beinen  halten  konnte;  und  eben  diese  an  die  Er- 
weichung  grenzende  Ermattung  trieb  mich  in  den  Hain:  das 
Schwellen  des  Herzens  wie  das  der  Adern  kommt  nicht  immer 


ERSTER  REISE-ANZEIGER  743 

von  Vollbliitigkeitj  sondern  oft  von  Schwache  der  GefaBe  her. 
Ich  wuBte,  daB  der  Irrgarten  im  Jahr  1644  fiir  den  sogenannten 
Harsdorferschen  Hirten-  und  Blumenorden  an  der  Pegnitz  gesaet 
und  gepflanzet  wurde1;  und  als  Kind  hatt*  ich  oft  in  einem  Quar- 
tanten  voll  Kupferstiche,  den  der  Orden  geliefert,  herumgeblat- 
tert:  das  zog  mich  an.  Die  ersten  grtinen  Fruhlingsmonate  unsers 
Lebens  liegen  in  einem  so  dunkel-zauberischen  tiefen  Tempetal, 
in  das  bloB  ein  blauer  griechischer  Himmel  ohne  eine  Sonne  hin- 
einscheinet,  daB  die  kleine  spielende  Seele  in  dieser  glanzenden 

10  Correggios-Nacht  nur  Engel,  Silberpappeln,  Sterne  auf  der  Erde 
und  vergroBerte,  obwohl  undeutliche  Gestalten  erblickt.  Sogar 
der  Inhalt  der  ersten  Lektiire  nimmt  daher  etwas  vom  Glanze 
unserer  ersten  Tage  an.  Ich  wuBte  z.  B.  lange  nicht,  warum  ich 
mich  so  sehr  in  den  dreiBigjahrigen  Krieg  und  in  die  Polarlander 
hinsehnte,  bis  ich  herausbrachte,  daB  ich  die  schimmernde  Zeit, 
worin  ich  zuerst  in  beide  schauete,  mit  der  triiben  vermenge,  die 
man  darin  verleben  muB.  Ebenso  hat  der  von  Maifrosten  kiihle 
und  von  Reifen  glanzende  Wonnemonat  unserer  Literatur,  worin 
Gellert,  Gartner  und  die  Belustiger  des  Verstandes  und  Witzes 

20  schrieben,  fur  mich,  fur  Adelung  und  die  kursachsischen  Kunst- 
richter  ungemein  viel  Reiz,  bloB  weil  wir  sie  als  Kinder  lasen  und 
nun  die  Wieglebsche  Magie  unserer  Kindheit  von  der  Magie  der 
deutschen  nicht  mehr  trennen  konnen. 

Je  langer  ich  vor  den  griinenden  Seitenlogen  des  Irrhains,  des- 
sen  Front-  und  Mutterloge  ein  belaubtes  Labyrinth  war,  auf-  und 
abstrich  und  mich  bald  in  jene,  bald  in  diese  Hiitte  setzte  und 
daran  dachte:  hier  safi  1644  Harsdorf,  Klai  und  ihre  Chorsanger- 
und  je  langer  ich  in  den  bedeckten  Gangen,  gleichsam  in  den 
Katakomben  der  vorigen  Pegnitzschafer  ging  und  wieder  heraus 

30  zu  den  wachsenden  Blumen  kam,  die  ofter  aufgelegt  wurden  als 
die  gedruckten  des  Blumenordens:  desto  mehr  fing  vor  mir  der 
Blumengarten  an  zu  phosphoreszieren,  und  endlich  lag  er  als  ein 
himmlischer  Hesperiden-Garten  da,  und  das  lichte  Gewolk,  durch 

1  Der  Blumenorden  existiert  noch  in  Niirnberg,  ist  aber,  wie  oft  Dichter 
und  Zeitalter,  ein  Frucht-  und  Blatterorden,  namlich  eine  historische  und 
literarische  Gesellschaft  geworden. 


744  PALINGENESIEN 

clas  er  oben  aus  der  atherischen  Vergangenheit  in  die  dicke  Gegen- 
wart  hereingesunken  war,  hing  noch  merklich  in  leuchtenden 
Flocken  an  seinen  Gipfeln. 

Meine  Freuden  und  meine  Schmerzen  waren  jetzt  Milchbriider 
und  Menachmen  und  schwer  zu  unterscheiden  -  Gewissensbisse 
und  Wunsche  (wovon  ich  bald  deutlicher  sprechen  werde)  druck- 
ten  ein  paar  Dornen  mehr  in  meine  Kopfnaht,  als  die  Reichsstadt 
Niirnberg  unter  ihren  Reichsheiligtumern1  aufzuzeigen  hat  -  ein 
lauer  Friihling  streuete  seine  Winde  und  seine  Sommersaat  aus 
Blumenstaub  und  seine  niedrigen  Blumen  aus  -  die  Garten  lagen  10 
mit  Saugestacheln  am  blauen  warmen  Himmel,  und  an  den  Gar- 
ten lagen  wieder  die  Saugeriissel  der  Bienen. 

Solche  Umstande  muBten  nun  zusammenkommen  und  zusam- 
menwirken,  damit  ich  meinen  Stockknopf  ergriff  und  ihn  ab- 
schraubte  und  das  niedliche  Reise-Schreibezeug,  das  ich  darin 
fuhre,  heraussetzte,  um  an  meinen  Firmian  in  Wetzlar  folgenden 
Brief  mitten  im  Irrhain  auszufertigen: 

»Du  guter  Siebenkas! 
Hier  sitz*  ich  und  erlege  das  Abzugsgeld  der  Sehnsucht  in  die  20 
Invalidenkasse  der  Erinnerung.  Wir  sind  nun  beide  in  Reichs- 
stadten.  Du  hast  den  Schleifstein  in  der  Hand  und  wetzest  das 
Themis-Schwert  so  laut,  daB  die  Iltisse  aus  ihren  Lochern  gegen 
dich  springen,  wie  es  die  kleinem  bei  dem  Wetzen  der  Messer 
tun.  Um  mich  hingegen  stoBet  der  Lenz  in  sein,  Oberons-Horn 
und  spielet  auf  der  Stangenharmonika  knospender  grunenderVo- 
lieren  und  lasset  das  Tierreich  tanzen  -  die  Gassen  stellen,  als 
lagen  sie  in  Neapel,  musikalische  Akademien  von  Kanarienvogeln 
vor,  denen  ich  nie  Heber  zuhore  als  im  Vorbeigehen  -  sogar  die- 
sen  Brief  schreib*  ich  auf  einer  dichterisch  geweihten  Erde,  im  3o 
Irrhain  der  Pegnitz-Blumisten  —  und  ich  selber  logiere  in  der 
Mausfalle,  worin  sonst,  eh  sie  ein  Wirtshaus-  wurde,  der  gute 

1  Erst  funf  Dornen  hebt  das  Reich  in  drei  Monstranzen  auf,  und  es  muB  es 
noch  erwarten,  ob  es  die  ganze  Dornenkrone  als  Reichsinslgnie  erringe. 

2  Ich  kannte  das  Wirtshaus  schon  aus  Reichards  Handbuch  fur  Reisende 
S.  392,  2te  Aufl;  logierte  mich  aber  aus  Griinden  hinein,  die  weiter  unten 
kommen. 


ERSTER  REISE-ANZEIGER  745 

Hans  Sachs  auf  dem  Schusters-  und  auf  Apollos  FreifuB  fur  Men- 
schen-  und  KlangfuBe  arbeitete. 

Du  fragst,  mein  Geliebter,  warum  dir  dein  Biograph,  deinHer- 
ausgeber  der  zweken  Auflage  schon  heute  schreibt?  Eben  weil 
er  zu  weich  und  zu  glucklich  ist,  um  es  zu  ertragen,  daB  er  dir 
etwas  verbarg  oder  gar  -  vorlog.  Du  sagst  einmal  in  den  Teufels 
Papieren:  nicht  das  Ungluck  selber,  sondern  die  dazwischenfal- 
Ienden  kleinen  Erquickungen  und  Hoffnungen  zersetzen  und  ent- 
nerven  den  festen  Mut,  so  wie  nicht  der  harte  Winter,  sondern 

id  die  warmen  Tage,  die  ihn  ablosen,  die  Gewachse  aufreiben.  Aber, 
Lieber,  so  ist  uns  auch  umgekehrt  mitten  in  der  warmen  Freude 
das  kalte  Anschnauben  des  windigen  Schicksals  am  schadlichsten, 
wie  Personen  im  Sonnenschein  auf  den  Gletschern  das  plotzliche 
Blasen  der  Eisspalten.  Ein  einziger  Gewissensvorwurf  macht  im 
Sonnenschein  der  Freude  eine  Sonnennnsternis  und  in  der  Nacht 
des  Leidens  gar  eine  Mondfinsternis.  Hore  mir  zu!  Es  war  erstlich 
nur  eine  halbe  Wahrheit  oder  ein  Halbroman,  da(3  ich  meine  FuB- 
reise  bloB  deshalb  angetreten  hatte,  um  von  deinen  Teufels  Pa- 
pieren unterwegs  eine  umgearbeitete  Edition  zu  besorgen: 

20  nein,  meine  Frau  ist  am  Reisen  mit  schuld ;  und  uber  diese  erleid' 
ich  den  zweiten  Vorwurf.  -  Es  muB  dir  recht  ausfiihrlich  berich- 
tet  werden. 

Du  erinnerst  dich  noch  des  letzten  schonen  Abends  vor  deiner 
Abreise,  da  du  bei  uns  warst  —  schon  der  ganze  Tag,  obgleich 
mitten  im  Februar,  war  ein  Vorsabbat  des  Friihlings,  dessen  glan- 
zender  Vorgrund  oft  der  Kotmonat  ist,  indes  der  sogenannte 
Wonnemonat  bloB  einen  schmutzigen  Hintergrund  formiert  -  du 
weiBt,  daB  wir  deinetwegen  nicht  in  die  Redoute  gingen  und  die 
poetischen  Freiheiten  zu  Hause  alien  Maskenfreiheiten  vorzogen 

30  -  und  endlich  weiBt  du,  daB  Hermina  und  ich  von  dir  einen  be- 
klommenen  weinenden  Abschied  nahmen,  a  Is  verreisetest  du  ins 
Heilige  Grab  oder  gar  in  deines. 

Dazu  kam  nun  noch  das  Musizieren.  Ich  hake  es  selber  fur 
besser,  eine  Abendvisite  mit  Musik  nicht  zu  beginnen,  noch  zu 
unterbrechen,  sondern  zu  beschlieBen.  Musiziert  man  fniher  als 
zuletzt,  so  werden  entweder  die  kleinen  Bewegungen  der  Visiten- 


74<>  PALINGENESIEN 

zungen  von  den  groBen  des  Herzens  aufgehoben,  oder  diese  von 
jenen.  Hingegen  gibt  man,  wie  der  Schwan,  nur  dem  Ende  einen 
Konduktgesang:  so  gehen  die  Menschen  mit  siiBen  Seufzern  aus- 
einander  und  kommen  an  der  Hand  des  Schlafs  mit  der  Brust  voll 
Traume  unverandert  in  das  Land  der  Traume.  —  Aber  mit  wel- 
chem  Abendgelaute  des  innern  Nachklangs  und  mitwelcherFiille 
der  Sehnsucht  HeBest  du  uns  beide  im  stillen  Zimmer  zuriick! 

Ich  stellte  mich  ans  Fenster  vor  das  grilne  Gewblbe  der  Mond- 
nacht;  Hermina  raumte  selber  schnell  auf  und  kam  bald  nach. 
Man  sollte  fur  Seelen  von  zarter  und  warmer  Empfindung,  mit-  \ 
hin  fur  die  weiblichen  nur  die  Minuten  auslesen  und  aufheben, 
worin  man  selber  warmer  und  zarter  empfindet  als  sonst,  wie  man 
die  empfindlichen  Kanarienvogel  nur  mit  warmen  Handen  anzu- 
fassen  hat.  Ich  versaume  das  nie.  —  Der  Mond  brannte  wie  ein 
unterirdischer  Schatz  noch  halb  in  der  Erde,  und  schwebend  wurd' 
er  von  den  Sternen  uber  ihm  ins  Himmelblau  hinaufgezogen.  Aus 
den  Talern  und  aus  den  Schatten  quoll  weiBer  Dunst,  und  die 
Nebelbanke  wankten  auf  dem  Strome  und  sogen  wie  Diamanten 
den  Schimmer  ein  und  wuchsen  endlich  glanzend  und  blitzend 
auf  zu  Hugelketten.  2 

>Wie  kommt  es,<  —  fragte  Hermina  nach  ihrer  bescheidnen 
Sitte,  ihre  Bemerkungen  in  Fragen  aufzulosen  -  >daB  in  der  Nacht 
nicht  nur  unsere  Erinnerungen,  sondern  auch  unsere  Hoffnungen 
erwachen,  sogar  der  Mut?<  -  Firmian,  du  kannst  so  gut  wie  ich 
sagen:  warum  soil  denn  bei  dem  Weibe  das  Denken  das  Lieben, 
das  Licht  die  Warme  ausschlieBen?  Vertragen  sich  nicht  bei  dem 
Manne  Kopf  und  Herz  -  gleichsam  die  Sonne  und  der  Mond  - 
an  einem  Himmel? 

>Hermine!<  (sagt'  ich  begeistert)  >in  der  Nacht  tritt  die  zweite 
Welt  in  Gestalt  der  gestirnten  UnermeBlichkeit  naher  an  das  ein-  3 
same  Herz  und  zeigt  ihm  in  dem  Tag  der  fremden  Welten  den 
kiinftigen  ewigen  seiner  Welt;  von  der  kleinen  Erde  fallen  alle 
Reize  ab,  aber  die  Edelsteine  unsers  Wesens  werfen  dann,  wie 
Lichtmagnete,  in  der  Finsternis  einen  vergroBerten  Glanz  -  wir 
gleichen  der  Wunderblume,  die  in  der  alten  Welt  nur  nachts  ihre 
Bluten  auftut,  weil  es  dann  in  der  neuen  tagt,  die  ihre  Heimat  ist. 


ERSTER  REISE-ANZEIGER  747 

-  Sieh,  Hermine,  so  wenig  braucht  unser  Herz  um  sich,  und  es  ist 
am  groBten,  wenn  es  am  einsamsten  ist.c  - 

Vielleicht  miBverstand  sie  meine  Ietzten  Worte  oder  ich  ihre 
erste  Frage  oder  auch  ihre  jetzige  verklarte  Miene:  ihr  Auge  sank 
schwer  auf  die  wandelnden  flimmernden  Nebelberge  und  ruhte 
sinnend  und  feucht  in  ihnen.  -  Ach  du  kennst  ja  an  deiner  Natalia 
dieses  weibliche  Vergleichen  der  HofFnungen  mit  der  Gegenwart, 
des  Herzens  mit  dem  Leben;  und  fiir  welche  scheme  Seele  war 
nicht  die  Zukunft  ein  Eisberg,  auf  dem  sie  in  der  Feme  warmes 

io  Abendrot  und  spielende  Tulpenfarben  Hegen  sah  und  an  dem  sie 
in  der  bleichen  Nahe  erstarrte? 

Ich  sagte  zu  ihr:  >Ich  weiB,  was  du  denkst,  Hermine.<  Ihr  Auge 
hob  sich  an  den  Mond,  aber  sie  gab  mir  ihre  Hand.  >Du  denkst< 
(fuhr  ich  fort)  >vor  diesem  weiBen  Gewolke  der  Erde  an  das,  was 
unser  Firmian  sagt:  das  Schicksal  gab  alien  menschlichen  Wesen 
auf  dem  Wege  zum  Grabe  eine  Wolke  zur  Hiille;  jedes  geht  mit 
einer  andern  umzogen.  Uber  und  durch  sie  blickt  keiner,  und 
sie  lagert  sich  bestandig  zwischen  ihm  und  der  Wahrheit.  Geht  er 
mit  ihr  durch  einen  Schatten:  so  halt  er  sie  fiir  eine  Wetterwolke 

20  oder  fiir  eine  Winternacht  mitten  im  weiten  Sonnenschein  der 
Natur.  Tritt  er  mit  ihr  wieder  in  den  Glanz  heraus,  daB  sie  wie 
Abendrote  glimmt  und  ihn  umleuchtet:  so  ist  er  glucklich,  und  er 
freuet  sich,  wie  es  in  dem  Wolkenhimmel  so  schon  untereinander 
wallet  und  flimmert,  und  sieht  die  bemalten  treibenden  Dunst- 
kugelchen  fiir  Erd-  und  Himmelsgloben  an.  So  kommt  er  mit  ihr 
an  das  weite  Grab,  in  das  sich  der  Wasserfall  des  herabziehenden 
Menschengeschlechts  verstaubt  und  das  ihre  blinkenden  Diinste 
iiberdecken  —  betoret  tritt  er  hinunter  und  fallet  aus  der  Hegenden 
Wolke  in  die  Nacht,  ohne  in  die  ausgebreiteten  lichten  Gefilde 

30  der  Wahrheit  gesehen  zu  haben.  —  Ach,  Hermine,  Gott  geb*  uns 
transparente  Altarwolken.<  —  >Und  wie  konnten  wir  auch  das 
alles  schon  wissen,<  antwortete  sie,  >wenn  wir  nicht  schon  durch 
einige  durchbrochene  Fugen  der  Wolke  sehen  konnten !  Das  wars 
eben,  was  ich  vorhin  dachte,  lieber  J.  P. :  das  Leben  wird  wie  die 
Traume  gegen  Morgen  immer  klarer  und  geordneter  und  ruckt 
weiter  auseinander,  je  langer  es  wahrt  und  je  naher  sein  Ende  ist. 


748  PALINGENESIEN 

Im  Alter  kann  es  wohl  keine  Tauschungen  mehr  geben,  es  miiB- 
ten  denn  -  traurige  sein.< 

Jedes  ihrer  Worte  quoll  in  meinem  Innern  auf  und  niacin'  es 
eng  und  voll:  ich  schauete  sie  an,  diese  Seele,  die  neben  den  klei- 
nen  Foderungen  der  Gegenwart  die  groBen  der  Zukunft  befrie- 
digt,  und  die  weder  die  Erde  noch  den  Himmel  vergisset,  gleich 
dem  Monde,  der  zugleich  um  die  kotige  Erde  lauft  und  urn  die 
feme  reine  Sonne  zieht:  da  stand  auf  ihrem  Angesicht  jene  hohere 
Schonheit,  welche  der  Widerschein  betender  Gedanken  ist  oder 
der  herabfallende  Glanz  der  erhabnen  Gegend,  wohin  wir  auf-  10 
schauen  —  wie  in  der  romischen  Rotunda  alle  Gestalten  unter  dem 
bloB  von  oben  niederkommenden  Lichte  schoner  werden. 

Hermine  zeigte  schweigend  auf  die  Schonheiten  der  Nacht. 
Die  Wellen  des  Stromes  und  die  langen  Lammerwolken  des  Him- 
mels  hingen  immer  lichter  wie  silberne  Ketten  um  die  Finsternis. 
Der  Winter  war  gleichsam  von  den  griinen  Saaten  und  aus  den 
dunkeln  Bachen  aufgeflogen  und  streckte  sich  rubend  auf  den 
weiBen  Gipfeln  der  W  alder  und  Berge  aus  -  unten  auf  dem  Stro- 
me  und  auf  den  Auen  und  zwischen  den  Asten  spielten  die  weiBen 
Sommerwolken  des  Nebels  -  der  Mond  schauete  aus  einem  ho-  2Q 
hern  Himmel,  gleichsam  als  hatt'  er  den  silbernen  Nebel  wie  einen 
flatternden  Schleier  auf  die  Erde  geworfen,  frei  und  rein  in  unsere 

stille  Kugei  nieder Plotzlich  lag  ein  zweiter  Mond  auf  der 

Erde,  von  den  Fruhlingswassern  einer  Wiese  nachgemalt,  und  es 
schien,  als  hatte  die  Mitternachtssonne  unter  ihr  die  Rinde  durch- 
schmolzen  und  durchdrungen  und  schimmere  aus  dem  zweiten 
fernen  Himmel  voll  Liebe  zu  uns  herauf. 

>0  wie' himmlisch,  wie  himmlisch!<  sagt*  ich,  als  ihn  plotzlich 
der  schwimmende  Nebel  uberbauete.  >Sieh,  wie  ein  blasses  Men- 
schenherz  lag  er  in  seiner  Erde  und  hat  nun  semen  Hiigek,  sagte  3o 
sie  weinend,  und  eine  mir  unbekannte  Erinnerung  entwickelte 
ihre  Schmerzen  in  Herminen:  ich  achte  alles  an  ihr,  sogar  den 
Kummer,  den  ich  nicht  zerteilen,  und  die  Vergangenheit,  die  ich 
nicht  erraten  kann.  O  Firmian,  was  hat  der  Mensch  gerade  in  der 
Minute,  wo  er  sein  Herz  und  alle  seine  Himmel  so  freudig  auf  den 
Opferaltar  fur  ein  geliebtes  Wesen  legen  mochte,  was  hat  er  ge- 


ERSTER  REISE-ANZEIGER  749 

rade  in  dieser  groBten  Minute  mehr  zu  geben  als  Worte,  als  ver- 
flatternde  Worte  ohne  Gehalt?  Ja,  er  kann  etwas  Hoheres,  das 
Hochste  kann  er  geben  durch  die  Worte,  die  erhabene  Aufrich- 
tigkeit,  die  der  Liebe  gehort.  O  Geliebter,  du  weiBt  es  gewiB 
auch,  in  welcher  unvergeBlichen  Stunde  die  liebestrunkne  Seele 
aus  Liebe  die  Liebe  hinwagt  und  vor  der  teuersten  alle  Vorhange 
der  Vergangenheit  und  des  Innersten  zerreiBet  und  saget:  so  war 
ich,  so  bin  ich,  aber  ich  liebe  dich  ewig,  und  wenn  ich  dich  ver- 
liere,  so  lieb'  ich  dich  ewig. 

10  Ich  fuhrte  sie  jetzt  gleichsam  in  meinem  Herzen  herum  und 
zeigte  ihr  seine  ganze  Vergangenheit,  seine  Fehler  und  seine 
Traume  und  seine  Ruinen.  Drangen  jetzt  nicht  lichtere  Sterne 
hinter  den  Waldern  herauf?  Sank  nicht  der  hellere  Mond  aus  sei- 
nem  Himmel  liebend  gegen  die  Erde  zu,  die  ihm  eine  wallende 
Lilienlagerstatte  aus  glanzendem  Dufte  unterbreitete?  Ging  nicht 
mein  Geist,  wie  ein  Gestirn,  immer  hoher  an  seinem  Himmel 
hinauf?  -  Auf  einmal  wurde  Hermine  bleich  -  unter  uns  wandelte 
"  eine  schlanke  mannliche,  weiBgekleidete  Maske  vorbei,  gleichsam 
ein  imLeichenkleide  zuriickkehrender  Scheintoter- Hermine  ging 

20  weg  und  kam  mit  einem  Briefe  zuriick  -  sie  gab  ihn  mir:  >Weiter 
nab'  ich  nichts<,  sagte  sie  und  weinte  sanft  an  mir,  als  ich  las. 

Gerade  in  dieser  Nacht  hatte  sie  vor  drei  Jahren  einen  schonen, 
aber  kranklichen  Jungling  in  derselben  Maskenkleidung,  die  wir 
gesehen  hatten,  zum  ersten-  und  zum  letztenmal  erblickt:  ein 
nachtlicher  Ritt  durch  den  angeschwollenen  FluB  hatte  ihn  aus 
clem  Tanzsaale  auf  dem  Umwege  weniger  Wochen  in  die  Eis- 
grube  des  Todes  hinabgefuhrt;  und  nach  seinem  Versinken  ist 
ihr  eben  dieser  an  sie  iiberschriebne  Brief,  den  sie  mir  geliehen, 
als  der  letzte  Nachklang  der  verstummten  Brust  gegeben  worden. 

30  Als  ich  das  heilige  Blatt  trauernd  iiberlesen  hatte:  nahm  sie  es, 
ohne  es  mehr  anzusehen,  und  lieB  es  am  Lichte  mit  festen  Augen 
verlodern.  >Aber  du<,  sagte  sie,  >sollst  nichts  verbrennen,  was  ich 
morgen  lese.<  Sie  sank  erschlittert  an  mich,  und  jetzt  erst  zerfloB 
das  Auge  und  das  Herz  in  die  Tranen,  die  es  leichter  machten. 
Die  Erdkugel  wolkte  sich  jetzt  ein  wie  eine  zerspringendeDampf- 
ku^rel  -  der  Leichenschleier  des  Nebels  schwoll  aufgeblaht  an  den 


750  PALINGENESIEN 

Mond  hinan  und  verhing  Himmel  und  Erde  weiB  —  aber  hinter 
der  blassen  Nacht  gingen  laut  die  frohen  Tone  und  Tanze  der 
Menschen  fort.  Und  ich  erwiderte  jeden  Schmerz  Herminens  und 
weinte  an  ihrem  nassen  Augenlide;  aber  was  hatt'  ich  sagen  kon- 
nen?  -  Ach  Firmian,  die  glanzende  weiche  Stunde  tritt  wieder 
zu  nahe  vor  mein  Herz,  und  es  wird  mir  zu  schwer,  fortzufahren. 
Nie,  du  Guter,  sei  in  deinem  Leben  und  Herzen  ein  Wolkchen, 
das  groBer  ist  als  das,  was  der  helle  Diamant  einschlieBet!  - 

j.  p.« 


Nach  einigen  peripatetischen  Stunden  unter  dem  von  Vogeln  10 
mit  Spharenmusik  gefullten  Fruhlingshimmel  war  ich  imstande, 
die  Nachschrift  zum  vorigen  Briefe  aus  dem  zuruckgestimmten 
Herzen  nachzuliefern. 

Nachschrift. 

»Lieber  Firmian  1  Die  Zeit  formet  uns  mehr  um  als  der  On.  Es 
geht  mir  im  Schreiben  wie  im  Handeln:  vor  Enthusiasmus  iiber- 
schreiet  man  sich  bei  der  besten  Stimme.  Der  Aschermittwoch 
nach  der  epischen  Nacht  besaete  mich  mit  Asche  und  vielleicht 
mit  einigen  darin  nachglimmenden  Kohlen:  das  ists,  was  ich  dir 
noch  zu  berichten  habe,  und  was  eigentlich  die  Ursache  meines  20 
Briefes  und  meiner  —  Reise  ist. 

Der  schone  Brief  des  zerstorten  Jiinglings  und  Herminens  be- 
klommene  Erinnerung  an  seinen  letzten  freudigen  Abend  bewegte 
und  neigte  in  meiner  Seele  die  Sonnenblume  der  Liebe  bloB  noch 
naher  gegen  die  Gute  zu:  ich  wollt*  eher  die  ganze  Blume  gar 
riicht  in  meinem  Flore  haben,  eh  ich  so  toll  ware  -  wie  tausende  — , 
daB  ich  foderte,  eine  geliebte  Seele  soil  mir  zehn  Jahre  friiher  treu 
sein  als  gut,  sie  soil  ihre  Liebe  vorratig  zuriicklegen  fur  eine  un- 
geborne.  Hingegen  da  ich  Herminen  am  Tage  darauf  -  um  ihr 
das  ganze  Geheimhauptbuch  meines  Lebens  oflen  vorzulegen  -  30 
die  Bundeslade  meiner  weiblichen  Korrespondenz  getragen  brachte 
und  da  sie  in  einer  und  der  andern  Briefschaft  gebliittert  hatte:  so 
machte  sie  die  Lade  langsam  wieder  zu  und  wollte  nichts  mehr  le- 


ERSTER  REISE-ANZEIGER  75  I 

sen.  Die  korrespondierenden  Mitglieder  sprachen  alle  von  Freund- 
schaft;  aber  kurz  ein  innerer  harter  Druck  hatte  in  ihr  nacktes 
Herz  schon  einige  Quetschwunden  gemacht,  eh  ich  nur  Blut  sah. 

Ich  hatte  freilich  zwei  der  wichtigsten  Fehltritte  getan. 

Erstlich  sollte  ein  Ladenvater  die  schon  verzierte  Bundeslade 

•  voll  Schaubrote  hochstens  der  Braut  aufsperren,  aber  nkht  der 

Frau:  jene  lasset  sich,  wie  ein  Leser,  jede  Exposition  im  ersten 

Kapitel  gefallen,  diese  leidet  wie  er  nichts  Neues  in  den  folgenden 

Kapiteln.  -  Zweitens  hatt*  ich  nach  diesem  Fehltritt  nicht  den 

io  zweiten  machen,  sondern  mit  ihr  den  Schrift-  und  Reliquien- 
kasten  schon  an  demselben  Abend,  wo  sie  mir  ihr  emziges  Zettel- 
kastchen  gab,  durchlaufen  sollen:  im  Enthusiasmus  legen  wir  die 
eine  Hand  an  unser  Herz  und  die  andere  auf  den  fremden  Kopf 
und  sprechen  weinend  los. 

Ich  stand  jetzt  an  einem  fatalen  Herisson  oder  Schlagbaum  mit 
Stacheln.  Aufbauen  durch  Sprechen  ist  stets  hier  miBlich:  aus  den 
Gassen  des  zerstorten  himmlischen  Jerusalems,  die  man  aufzu- 
stellen  denkt,  springt  leicht  Feuer.  Auch  prasumier*  ich,  dafi  die  , 
Weiber  zu  einer  Zeit,  wo  sie  gern  Kreide  essen,  leicht  mit  dop- 

20  pelter  schreiben;  und  daB  die  Zeit  da  sei,  prasumiert'  ich  auch.  Die 
ganze  Sache  und  Wunde  bloB  der  Bandagistin,  der  Zeit,  zu  iiber- 
geben,  kostet  -  da  diese  erst  aus  vielen  kleinen  Minuten  den  Ver- 
band  zusammenwebt,  oder  die  Scharpie  auszupft  -  auBer  der  Zeit 
oft  noch  etwas  Besseres.  Und  wer  mochte,  Firmian,  einem  so 
engen  einschraubenden  Verhaltnis  sein  halbes  Schicksal  oder  gar 
das  einer  geliebten  Seele  anvertrauen,  fur  die  ohnehin  ein  erkran- 
kender  Korper  mehr  das  innen  mit  Nageln  besteckte  Regulus- 
FaB  als  eine  frohe  Diogenes -Tonne  ist,  und  das  noch  dazu  jetzt 
zur  Saatzeit,  wo  sie  das  schonste  Wetter  des  Lebens  um  sich  haben 

30  sollte  und  alle  Freuden,  malerische,  melodische,  poetische  und 
die  hochsten?  - 

Hermine  handelte  und  sprach  zwar  wie  sonst  und  schwieg 
iiber  den  Rest,  aber  diese  Meerstille  war  fiir  mich  -  zwar  nicht 
das  Anzeichen  des  Sturms,  aber  doch  -  dieser  selber.  Und  jetzt 
zog  noch  dazu  deine  gute  Natalie  bei  uns  ein  und  machte  Her- 
minens  Schweigen  groBer  und  meines  unvermeidlicher. 


752  PALINGENESIEN 

Noch  immer  stellt'  ich  mir  vor,  ich  wiirde  zu  Hause  bleiben 
und  in  Hof  deine  Teufels  Papiere  emendieren;  ja  ich  arbeitete 
da  sogar  deine  Satire  S.  3431  um,  die  ich  wundershalber  bei- 
schlieBe. 

In  dieser  Lage  erschien  Friihlings-Anfang  -  aber  nur  im  meteo- 
rologischen  Sinn  -,  der,  wie  du  dich  aus  dem  ersten  Teile  deiner 
Biographie  erinnerst,  zugleich  mein  eigner  ist.  Hermine  konnte 
noch  nicht  wissen,  daB  ich  und  das  Friihlings-Aquinoktium  den- 
selben  Geburtstag  haben;  aber  ich  brachte  die  Anzeige  desselben 
mit  aller  Miihe  nicht  aus  mir  heraus.  Ich  hatte  auf  den  ersten  Ge- 
burtstag in  meinem  Ehestand  ungemein  gezahlt  -  die  Nachtge- 
danken,  die  man  daran  oft  hat,  sollte  Hermine,  hofTY  ich,  wie 
Billington  die  Youngischen,  in Musik  setzen  -  gegen  Abend  wollt' 
ich  (nach  meiner  Rechnung)  alles  aufs  hochste  treiben  und  in  die 
drei  Himmel  auf  einmal  hineinsehen  und  hineingreifen,  in  den 
Lufthimmel  der  hiesigen  Lust,  in  den  Sternenhimmel  der  Un- 
sterblichkeit  und  in  den  Freudenhimmel  der  geriihrten  Liebe  — 
,  -  Beim  Himmel!  ich  konnte  kaum  in  den  Lufthimmel  hineinl  Ich 
trug  den  ganzen  Tag  hinter  meiner  Brust  ein  widereinander- 
schreiendes  Babel  von  Liebe,  von  Argernis  uber  mich,  uber  jeden,  ; 
uber  den  versalzten  Tag,  und  von  Rtihrung  herum.  Den  ganzen 
Tag  stellt'  ich  mir  nur  Herminen  und  ihr  Herz  voll  Geduld  und 
Liebe  vor  und  alle  ihre  schonen  Gedanken  und  sah  immer  ihrer 
langen  Gestalt  und  ihrem  langen  Haare,  bis  sie  aus  der  Tiire  war, 
sehnsuchtig  und  sprachlos  nach  -  jedes  seelenvolle  Wort  zu  dei- 
ner Natalie,  jeder  frohe  Ausruf  iiber  den  blauen  VergiBmeinnicht- 
tag  kam  mir  neu,  wichtig  und  schoner  vor  -  und  ich  schilderte 
mirs  ab  (und  zerrloB  in  Liebe  -),  mit  welcher  groBen  Erwarmung 
und  Erhebung  und  Eroffnung  ihres  edlen  Herzens  (das  wuBt'  ich 

gewiB)  sie  das  Ansagen  der  Geburtsfeier  empfangen  wiirde * 

aber  eben  darum,  da  eine  solche  Ansage  zu  sehr  den  Schein  der 
geistigen  Gewinnsucht  und  einer  zwingenden  Bittschrift  haben 
konnte,  regt*  ich  (ob  ich  gleich  nur  im  ersten  Teil  deiner  Biographie 
hinten  meinen  Geburtsschein,  namlich  das  Fruchtstiick,  als  zu- 
fallig  aufgeblattert  hinlegen  konnte)  weder  Finger  noch  Mund. 

1  Erzahlung  dessen,  was  ich  einige  Schlafende  reden  horen. 


ERSTER  REISE-ANZEIGER  753 

Hermine  war  in  mir  der  Engel,  und  ich  der  ringende  Jakob,  der 
sich  die  GHeder  ausrenkte.  Ein  ganz  fataler  Tag !  - 

Inzwischen  war  der  folgende  arger.  Wenn  der  Festtag  vergeb- 
lich  am  versperrten  Herzen  riittelte,  so  macht  der  Wochen-  und 
Postfesttag  darauf  es  mit  neuen  Nachtschrauben  noch  fester  zu. 
Ich  versucht,  es  sogar,  in  der  Warme,  die  ich  hatte,  einige  Zucker- 
sduere  anzusetzen,  und  ging  im  Kopfe  den  wie  der  Briefsteller  zu 
Asche  gewordnen  NachlaB  des  armen  Jiinglings  etwas  aufmerk- 
sam  durch.  Aber  ich  schamte  mich  bald  der  Untreue  an  —  meinen 

10  Grundsatzen:  >Sei  dochvernunftig<  (sagt'  ichhitzig  zu  mir)  >und 
bedenke,  daB  im  jetzigen  Siikul  kein  Mensch  mehr  in  der  ersten 
Liebe  heiratet,  sondern  jeder  erst  in  der  vierten,  zehnten,  vierzig- 
sten,  und  daB  keiner  mehr  eine  einsitzige  und  einschlafeHge  Herz- 
kammer  aufzumachen  hat  -  bloB  transzendente  Witwer  wechseln 
mit  transzendenten  Witwen  jetzt  Ringe,  sag*  ich  dir.< 

Jetzt  stand  mir  zu  meiner  Heilung  nur  ein  Ausweg  offen  -  das 
Tor:  kurz  das  beste  Errettungsmittel  schien  mir  zu  sein,  auf  und 
davon  zu  laufen  und  recht  bald  wiederzukommen.  Denn  die  Ent- 
fernung  des  Ortes  loset  an  Menschen,  wie  an  Buhnendekoratio- 

20  nen,  die  harten  Striche  in  Schonheitslinien  und  die  Kleckse  in 
Laubwerk  auf;  der  Abwesende  ist  ein  Toter,  den  unser  losspre- 
chendes  Herz  verklart  und  der  selig  wird,  wenn  er  wieder  aufer- 
steht. 

Am  griinen  Donnerstag,  als  abends  die  Frlihlingserde  um  uns 
dampfte  und  wir  wieder  ohne  Nachtlicht,  bloB  vor  der  Abend- 
rote  soupierten  und  die  Gassenkinder  und  die  Spatzen  lauter 
schrien,  wurd'  ich  den  alten  Wanderungstrieb,  der  mich  allezeit 
im  Friihjahr  (Vogel  aber  im  Herbst)  in  meinem  oben  weichge- 
fiitterten  Wachtelbauer  ergreift,  in  einer  solchen  Starke  (zumal 

30  in  einer  solchen  Passlonswoche)  in  mir  gewahr,  daB  ich  das  erste 
beste  Posthorn,  in  das  einer  aus  einem  Stalle  blies,  als  eine  Ge- 
legenheit  vom  Zaun  ergriff,  um  beiden  Weibern  zu  melden,  in 
wenigen  Tagen  diirft'  ich  mich  gleichfalls  aufmachen  und  ein 
wenig  in  Nurnberg  einsprechen,  weil  ich  nirgends  bequemer  und 
besser  die  zweite  Auf  lage  von  des  Teufels  Papieren  zu  besorgen 
wiiBte  als  auf  Reisen.  Hermine  sah  mich  mit  einem  erschrocknen 


754  PALINGENESIEN 

groBen  Auge  an,  das  eine  Terzie  lang  fragte  und  sogleich  (von 
eignen  Seufzern  beantwortet)  tief  bezogen  untersank.  Deine  liebe 
prophetische  Natalie  sagte  zum  Ablenken:  >So  machen  sich  die 
Manner  alles  bequem:  sie  richten  die  Uhren  (die  Umstande)  nach 
ihren  Gangen,  und  wir  arme  Weiber  richten  unsere  Gange  nach 
den  Uhren.<  —  >Desto  besser  fur  sie  und  fur  uns<,  sagte  Hermina 
so  ergeben  -  Firmian,  war*  ich  allein  gewesen,  ich  hatte  mich  an 
ihr  gedriicktes  Herz  gestiirzt  und  meines  verklagt  und  aufgerissen. 
Auch  hatt*  ich  das  jet\t  —  da  dem  innern  bosen  Gott  ein  paar 
Lichter  mehr  angeziindet  waren  durch  die  Ansage  des  Abmar-  i0 
sches  als  dem  guten  —  viel  leichter  gekonnt;  und  ich  kam  immer 
iiaher  zur  Einsicht,  daO  ihr  die  obige  Bundeslade  nur  einige  Freu- 
den  genommen,  und  keine,  keine  Liebe.  Ach  ihr  lieben  Wesen 
tragt  ja  fast  in  jedem  Nervenknoten  ein  Herz  und  habt,  wie  das 
bewegliche  Meer,  immer  gleiche  Temperatur,  indes  auf  unserem 
fasten  Lande  alle  Zonen  abwechseln!  Ich  wollte,  wir  Manner  wa- 
ren Engel,  wenigstens  ich.  - 

Da  Herminens  Augen  glanzten  —  aber  nicht  von  Freude  — , 
fingen  Nataliens  ihre  sympathetisch  auch  zu  schimmern  an,  und 
Natalie  suchte  sich  und  die  Freundin  hinter  dem  ihr  eigenen  trot-  20 
zigen  Spott  iiber  uns  Manner  zu  verstecken  und  schlug  statt  des 
dcnnerstagigen  heiligen  FuBwaschens  an  Hofen  das  starkende 
Waschen  der  mannlichen  Kopfe  vor.  —  Beilaufig !  Erst  am  zwei- 
ten  Ostertag  wurde  ich  in  Streitberg  vor  die  wahre  Vauclusens- 
Quelle  der  Ruhrung  Herminens  gefuhrt  und  -  du  wirst  auch 
noch  an  diese  Quelle  gebracht.  Aber  nun  wurd'  ich  iiber  alles  so 
irre  -.  und  so  hart  -,  und  ich  stand  so  fern,  daB  ich  aus  den  all- 
mahlich  zusammenriickenden  Zligen  des  Ernstes  nicht  eine  Lei- 
densgeschichte,  sondern  ein  weibliches  Kriegsgebet  herauslas. 

Kurz  statt  der  Osterbeichte,  statt  des  Osterfestes  griff  ich  am  30 
Ostersonntage  zum  Wanderstab:  ich  brauche  dir  nichts  weiter 
von  der  Reise  zu  erzahlen,  denn  in  der  Ostermesse  bekommst  du 
sie  in  cler  zweiten  Auflage  deiner  teuflischen  Papiere  ohnehin  zu 
lesen.  Lebe  so  gesund  und  lang,  als  warest  du  ein  Reichskammer- 
gerichtsprozeB!  - 

J.  p. 


ERSTER  REISE-ANZEIGER  75  5 

N.  S.  Hier  ist  eine  umgearbeitete  Satire  zur  Probe.  Ich  mufi 
eilen:  die  Verlagshandlung  hat  deine  Teufels  Papiere  schon  im 
Intelligenzblatt  der  Literaturzeitung  auf  Ostern  der  Welt  ver- 
sprochen.« 

Mein  Protokoll  und  Nachtblatt  der  Schldfer. 

Haller  beweiset,  daB  man  so  lange  nicht  hore,  als  man  gahne: 
daher  ist  die  groBe  Welt  in  jedem  Sinne  ebenso  taub  als  schlaferig, 
sie  hat  zwar  ein  musikalisches,  aber  auch  ein  schweres  Gehor.  Da 
ich  in  meiner  Kindheit  keine  Hauben  um  die  Ohren  litt:  so  kann 

10  ich  sie  gleich  einem  Wilden  bewegen  und  spitzen  wie  ein  Pferd 
und  hore  trefflich,  indessen  das  gehaubte  Publikum  seine  Ohren 
so  wenig,  als  waren  sie  von  Silber,  falten  kann.  -  Jedes  Wort,  das 
die  Leute  im  Schlafe  sprechen,  fahrt  mir  wie  einer  Fledermaus  ins 
Ohr,  wenn  ich  nachts  auf  der  Gasse  vor  den  Sprachgittern  der 
Schlafkammern  vorbeigehe.  Oft  fallet  es  einem  zur  Last,  wenn 
eine  ganze  schlafende  Hauptgasse  auf  einmal  spricht. 

Um  fur  die  taube  Welt  sogar  mit  meinen  Gehorknochen  zu 
arbeiten,  bracht'  ich  um  i  Uhr  in  einer  schonen  Sommernacht  das 
Erheblichste,  was  ich  die  Schlafer  sagen  horen,  praeter  propter  zu 

20  Papier.  Den  Tag  darauf  wurde  gerade  der  Geburtstag  des  Landes- 
herrn  gefeiert. 

Vorher  merk*  ich  zwei  Dinge  an.  Erstlich  die  Todsiinden,  die 
Simonien,  Meineide  und  Blutschulden,  die  ich  im  Beichtstuhl  der 
Gasse  erfuhr,  verleib*  ich  meinem  Nachtblatt-  so  sehr  sie  es  zieren 
mochten  -  ein  fur  allemal  nicht  ein:  ich  steckte  ja  die  Stadt  in 
Kriegsflammen  und  lautete  mit  meiner  Tiirkenglocke  General- 
stiirme,  Dragonaden,  Approchen  gegen  den  Hof,  Kontraappro- 
chen  des  Hofs  gegen  die  Stadt  und  Lusttreffen  in  denFamilien  ein. 
Gott  bewahre!  Verfahr*  ich  nicht  zehnmal  gewissenhafter, 

30  wenn  ich  diese  babylonische  Turm-Baute  oder  vielmehr  deren 
EinreiBung  verhiite  und  lieber  den  Jesuiten  folge,  die  niemals  das, 
was  das  Beichtkind  bekannte,  erdffnen,  sondern  nur,  wenn  man 
scharfer  in  sie  dringt,  das  ofFenbaren,  was  es  nicht  beichtete?  - 
So  flattert  auch  die  Nachtigall  um  die  Stellen,  wo  sie  kein  Nest 
hat,  schreiend  herum,  schweigt  aber  plotzlich  an  der,  wo  es  ist, 


75<>  PALINGENESIEN 

um  es  nicht  zu  verraten.  Ich  wiirde  mir  z.  B.  kein  Bedenken  ma- 
chen, es  allgemein  auszubringen,  daB  der  Minister  nichts  vom 
GieBen  und  Anbrennen  der  Wachsfackel  der  Auf  klarung  -  dieses 
fatalen  Grubenlickts,  das  oft  den  ganzen  Schwaden  moralischer 
Giftdampfe  entziindet  -  im  Schlaf  gesprochen  habe;  aber  fur  un- 
besonnen  wiird'  ich  es  halten,  es  publik  zu  machen,  ob  er  von  der 
Krone  als  bonsoir  oder  Lichttoter  der  Fackel  etwas  geauBert.  - 
Zweitens  freu'  ich  mich,  daB  ich  hier  Gelegenheit  habe,  die 
deutsche  Nation  auf  die  Zensur-  und  Sprechfreiheit  aufmerksam 
zu  machen,  die  sie  allgemein  genieBet,  wenn  sie  im  Bette  ist  und  10 
im  Schlafe  spricht.  Die  Schriftsteller,  die  so  haufig  iiber  das  Zen- 
sur-Nestelkniipfen  des  Geistes,  iiber  das  ewig-ofFne  Dionysius- 
Ohr1  der  GroBen  klagen  -  indes  diese  ihre  andern  Ohren  vor 
dem  tausendziingigen  Elend  zuhalten  und  ebenso  viele  taube  als 
stumme  Siinden  begehen  -,  diese  Skribenten  konnen  unmoglich 
daran  gedacht  haben,  daB  der  Reichsbiirger  gerade  die  Halfte 
seines  Lebens,  namlich  die  Ndchte  durch,  wornach  ja  sonst  der 
Teuton  rechnete,  unter  der  Bettdecke  die  freiesten  Religions- 
iibungen  hat,  daB  er  hinter  dem  Bettvorhange,  ohne  die  geringste 
Gefahr  vor  stechenden  Mouchards  oder  Traum-Fiskalen,  alles  20 
ungehindert  sagen  kann,  was  er  iiber  die  wichtigern  Gegenstande 
der  Menschheit  etwan  denkt.  In  den  Gassen  sind  keine  Schlaf- 
Denunzianten  mit  guten  Ohren  verteilt,  welche  etwan  den  sem- 
perfreien  Biirger  behorchten,  wenn  er  im  Hemde  ist,  und  die  am 
Morgen  darauf  ein  Reichsnachtsjournal  seiner  Traume  abliefer- 
ten:  nein,  hat  er  einmal  die  Augen  zu,  so  soil  und  darf  er  mit 
eignen  sehen,  gleichsam  als  wenn  das'Bettuch  oder  die  Matratze 
die  britische  Kiiste  sein  sollte,  die  den  Neger  emanzipiert.  Ich 
habe  oft  die  hohe  Geistlichkeit  hinter  dem  Bettschirm  Meinungen 
iiuBern  horen,  die  in  keinem  Freistaat  am  Tage  geduldet  wiirden  30 
—  der  Schwur  auf  symbolische  Biicher,  das  schema  examinandi, 
das  Edikt  vom  9ten  Jul.  wollen  sich  gar  nicht  auf  die  Gardinen- 
predigten  erstrecken  ^  die  verbotensten  Biicher  werden  in  Wien 
auf  dem  Kopfkissen  zu  Lesen  und  zu  machen  (welches  im  Traume 

1  Bekanntlich  ein  oben  zu  einem  Trichter  zugespitztes  Gefangnis,  das 
wie  ein  Horrohr  dem  Dionysius  alle  Klagen  der  Gefangnen  sagte. 


ERSTER  REISE-ANZEIGER  757 

eins  ist)  erlaubt. Auf  diese  Freiheit  tue  der  Deutsche  groB, 

und  er  erkenn*  es,  daB  die  Schlafmiitze  seine  Freiheitsmiitze  ist.  - 

Mein  Nachtblatt  ist  folgendes: 

Als  ich  aus  meinem  Hause  trat,  hqrt*  ich  zehn  Schritte  weit 
nichts  als  eben  diese  und  ein  paar  Spharen  der  schonen  Nacht.  - 
Im  Hause  des  Kommendanten  hort'  ich  einige  zu  undeutHche 
Fliiche,  es  ist  mir  unbekannt,  tat  er  sie  selber  oder  sein  Kerl. 

Im  untersten  Zimmer  saBen  ein  paar  eingeschlafne  Kammer- 
herren  einander  in  zwei  Wachsesseln  (Veilleuses)  gegeniiber  und 
>  wiinschten  -  wahrscheinlich  kam  ihnen  der  Geburtstag  ihres 
Herrn  im  Traume  vor  — ,  daB  er  den  Hals  brache. 

Im  rechten  Fliigel  (ich  sprach  bisher  vom  linken)  hielt  der 
kleine  Erbprinz  eine  deutsche  Anrede  an  seinen  Herrn  Vater.  Ich 
will  aus  Liebe  annehmen,  daB  ers  im  Schlafe  getan  -  und  ich 
wollte  darauf  schworen,  da  er  wachend  wissen  mufite,  daB  man 
mit  Menschen  wie  mit  Hunden  nur  franzosisch  spricht-;  aber  den 
Oberhofmeister  mach*  ich  aufmerksam,  daB  er  bei  seiner  Cyro- 
padie  auch  auf  eine  anstandige  auslandische  Sprache  des  kleinen 
Moguls  im  Schlafe  acht  gebe. 
3  Im  prachtigen  Nebengebaudehort*  ich  einherrlichesEnglische, 
das  ich  dem  Papagei  zuschrieb,  den  der  englische  Gesandte  der 
Frau  des  Hauses  geschenket  hatte;  aber  der  Herr  des  Hauses  hatte 
diesem  gefiederten  Thersites  und  Denunzianten  einen  kurzen  In- 
juricnproiefi  gemacht  und  dem  Zoilus  den  Kopf  abgedreht.  Seine 
Frau  hatt'  ich  gehort. 

Ich  unterdriicke  gem  das,  was  eine  sogenannte  philosophische 
Dame  drei  Hauser  weiter  sprach,  um  die  Schamhaftigkeit  meiner 
mannlichen  Leser  zu  schonen. 

Zwei  Kantianer,  ein  Paar  junge  Leute,  sahen  aus  einer  Man- 
o  sarde  disputierend  heraus,  hielten  aber  ihr  polemisches  Vesper- 
turnier  leise  und  sanft,  um  sich  nicht  einander  aufzuwecken.  Es 
ist  schon,  daB  der  Mensch  gerade  in  den  jungen  wilden  Jahren, 
wo  er  am  wenigsten  systematisch  handelt,  am  leichtesten  neue 
Systeme,  ohne  sie  zu  verandern  und  zu  kastrieren,  aufnimmt;  so 
bemerkt  Sydenham,  daB  der  Veitstanz,  den  er  den  Wurmern  bei- 
misset,  gerade  Personen  ergreife,  die  noch  nicht  mannbar  sind; 


758  PALINGENESIEN 

so  verwarf  Belling,  der  Kommandeur  der  schwarzen  Husaren, 
Rekruten,  die  schon  bartig  waren;  so  muBten  die  Priesterin  des 
pythischen  Orakels  und  die  Sanger  des  sakularischen  Jubelge- 
sangs  durchaus  ordentliche  wahre  Kinder  sein. 

»Porto  und  der  Teufel!«  rief  der  Sammler  einer  Monatsschrift 
im  Eckhaus;  aber  hatte  denn  der  wunderliche  Heilige  nicht  die 
unfrankierten  Briefe,  die  er  im  Traume  erbrach,  selber  geschrie- 
ben  ?  Und  wurd*  ihm  von  dem  Verleger  nicht  die  Auslage  wieder 
erstattet,  als  er  erwachte? 

Ein  alter  Ratsherr  (der  Mietsherr  des  Sammlers)  votierte  in 
seiner  Schlafkammer,  als  saB*  er  auf  dem  Rathause  und  urteilte 
uber  die  wichtigsten  Dinger  es  ist  nur  sonderbar,  daB  er  der 
Session  am  andern  Tage  selber  erzahlte,  ihm  habe  getraumt,  er 
schliefe. 

Nun  ging  ich  vor  dem  Gasthofe  zum  Teufel  vorbei :  im  ersten 
Stockwerk  (auf  dem  Stroh)  beteten,  im  zweiten  (auf  .Federn) 
fluchten  die  Schlafer.  Im  funften  vorne  heraus  parlierte  einer,  den 
ich  fur  den  neuen  Sprachmeister  des  Gymnasiums  nahm;  aber 
am  andern  Tage  fuhr  Herr  von  Kempele  mit  seiner  linguistischen 
Sprachmaschine  ab.  Im  vierten  referierte  ein  Kammergerichts-  ; 
assessor  aus  Wetzlar  dem  getraumten  Reichsgericht  einen  drei- 
Bigjahrigen  Krieg  rechtens.  . 

»Mehr  als  Roman  —  kein  Roman  -  leider  doch  nur  Roman  - 
weder  Roman  noch  Journal  -  Halbroman  -  diese  Titel  waren 
ja  doch  bei  Gott  schon  alle  da,  Herr!«  -  sagte  der  Verleger  zu 
dem  Autor,  von  dem  er  traumte. 

»Gut  Freund!«  sagte  selber  die  Schildwache  im  Schilderhause, 
welche  mich  im  Schlafe  fur  eine  hielt  und  dachte,  ich  fragte; 
wer  da? 

»Opium,  Opium !«  rief  unser  schlummernder  Landesherr  in  ■ 
einem  Lusthaus  und  Dormitorium  des  Publikums,  das  viele  lieber 
besuchen  als  benennen.  Erst  einige  Monate  nachher  erfuhr  ich, 
dafi  jetzt  die  Grofien  anfangen,  der  Gehirn-  und  Ruckenmarks- 
dorre  ihres  zerstorten  welken  Geistes  durch  den  mrkischen  Me- 
tallreiz  des  Opiums  wenigstens  die  Zuckungen  eines  momen- 
tanen  Lebens  abzulocken. 


ERSTER  REISE-ANZEIGER  759 

Ich  hatte  wenig  vom  Lust-  und  Raubhaus  und  vom  Fiirsten 
herausgebracht  ohne  den  eingeschlafnen  Kammerdiener,  der  bei 
seinem  Herrn  den  Nomenklator  der  Untertaninnen,  die  zu  re- 
gieren  waren,  samt  dem  Sachregister  machte.  Fiirsten,  die  das 
Land  und  das  Vergnugen  Heben  und  die  sich  nicht  verbergen,  wie 
wenig  die  nicht  geraumige  Spitze  des  Thrones  eine  groBe  Fa- 
milie  gut  fasse  oder  wie  wenig  die  Landeskassen  groBe  Apana- 
gengelder,  Fiirsten  von  solcher  Einsicht  springen  gern  vom  Wip- 
fel  des  Thrones  auf  dessen  breitere  Stufen  hernieder,  um  darauf 
10  weniger  ihre  Ebenbilder  als  ihre  Lancteskinder  zu  vermehren  und 
zuriickzulassen :  vollig  der  Lerche  gleich,  deren  Flug  und  Sang 
in  der  Hohe  und  deren  Nest  in  einer  schmutzigen  Furche  ist, 
oder  auch  dem  Johanniswiirmchen,  das  herunterfliegt  auf  sein 
ungeflugeltes  und  an  den  Boden  geleimtes  Weibchen. 

Im  Waisenhause  war  eine  allgemeine  Klage  iiber  den  Spitz- 
buben  von  Vorsteher:  woraus  ich  den  allgemeinen  Schlaf  ersah; 
denn  wachend  ist  man  mit  ihm  zufrieden;  auch  schlagt  er  die  Un- 
zufriedenen  tot. 

Ich  kam  wieder  vor  meiner  Wohnung  vorbei,  wo  mein  Staats- 
20  und  Ladendiener  vor  dem  Lichte  schlief  und  auf  mich  wartete:  er 
hinterbrachte  den  Meinigen  ganz  kurz  mein  friihzeitiges  Ableben 
und  beantwortete  die  Kondolenz  gut  genug.  Zu  meinem  Erstau- 
nen  stammelte  er  nicht  -  er  wiedergebiert  sonst  jedes  Wort  -■  ich 
will  aber  dieses  Phanomen  den  Philosophen  ganz  unerklart  zu- 
werfen,  damit  sie  etwas  davon  haben. 

Eine  ganze  Gasse  lag  stumm  hinab  wie  ein  Gottesacker.  -  Im 
Riicken  des  letzten  Hauses  war  jemand  auf  jenem  umgekehrten 
Rauchfang  und  Isolierschemel  eingeschlafen,  der  wenig  genannt 
wird  -  auBer  von  den  Arzten,  deren  Objektentrager  er  ist  -  und 
50  auf  dem,  wie  Swift  anmerkt,  der  Mensch  am  ernsthaftesten  aus- 
sieht  -  wiewohl  er  meines  Bediinkens  ebensowenig  lacht,  wenn 
man  ihn  balbiert  -:  das  schlafende  Wesen  (Mitarbeiter  an  recht 
guten  Journalen)  beurteilte  die  Romane  mit  Nachsicht,  mit  wel- 
chen  in  der  Hand  es  eingeschlafen  war  und  die  von  ihren  Fisch- 
beinreifiern^  den  Lesern,  ordentlich  wie  Fiirsten  nur  in  sezierten 
Gliedern  der  Erde  iibergeben  werden,  wo  von  sie  genommen  sind. 


7<5o  PALINGENESIEN 

Es  hat  mich  oft  gefreuet,  daB  die  deutschen  Romane  jene  unsicht- 
bare  Kirchen  oder  Filiale,  die  man  in  groBen  Garten  bald  in  einen 
holzernen  Obeliskus,  bald  in  ein  Monument,  bald  in  ein  Wasser- 
haus,  bald  in  einen  ausgehohlten  HolzstoB  verkleidet,  im  literari- 
schen  Lustgarten  unter  ebenso  niedlichen  typographischen  Ein- 
kleidungen  vorstellen,  man  mag  nun  den  Inhalt  oder  den  Ge- 
brauch  von  beiden  oder  auch  das  vergleichen,  daB  die  gebaueten 
die  Re-  und  Korrelationssale  der  gedruckten  sind. 

Im  Hause  einer  vornehmen  Witwe  hielt  ein  verwitibter  Vesper- 
prediger  eine  gute  Trauungsrede  im  Schlafe:  der  Trauredner  fo-  10 
derte  zu  tausend  Tugenden  und  zu  den  reinsten  Sitten  auf;  icb 
nenne  ihn  aber  aus  Schonung  nie. 

Die  Tragiker  und  die  Inquisiten  stellen  sich  gern  wahnsinnig 
an,  beide,  um  ihre  Richter  zu  bestechen.  Ich  weiB  also  nicht,  wars 
ein  Poet,  der  ein  englisches  Trauerspiel  machte,  oder  ein  Akteur, 
der  es  memorierte,  oder  ein  physischer  echter  Narr,  den  ich  aus 
der  Dachstube  herunter  horte;  und  ich  wollte,  ich  hatte  deswegen 
das  ganze  Haus  aufgeweckt.  Ebenso  kann  in  der  Dachkammer 
zwar  ein  traumender  Hund,  aber  ebensogut  ein  traumender  Verse- 
niacher  gebollen  haben,  der  seine  Verse,  worin  jetzt  Tierstimmen  20 
so  kiinstlich  wie  die  Menschenstimme  in  der  Orgel  eingebauet 
werden,  einem  freundschaftlichen  Zirkel  —  der  dariiber  nicht  ein- 
schlief,  weil  er  gar  nicht  existierte  -  vorzudeklamieren  wagte. 

Ich  kam  vor  dem  Postwagen  voriiber,  worauf  ein  unter  dem 
Abpacken  in  Schlaf  gefallener  Jude  Christen-  und  Judenschwure 
tat:  »er  habe  wahrlich  seinen  Leibzoll  schon  bezahlt,  und  ob  es 
denn  recht  sei,  ihm  solchen  zweimal  abzufodern?«  -  O  armer 
Passagier,  es  war  schon  unrecht  und  himmelschreiend,  ihn  einmal 
zu  fodern,  diesen  Blutzehnten,  diese  Schandmedaille  an  unserer 
Brust;  aber  unser  kaufmannisches,  zu  den  Metallen  verurteiltes  30 
Jahrhundert,  dessen  Licht  wie  das  elektrische  bloB  den  Metallen 
nachgeht,  dankt  nur  graue  kostspielige  Barbarismen  ab,  nicht  aber 
eintrdgliche,  wie  diese  christliche  Weglagerung  ist. 

Da  ich  vor  dem  Gasthofe  zum  Teufel  wieder  vorbeiging,  um 
heimzukommen :  fuhr  der  Wetzlaer  Assessor  in  seinem  gedrangten 
Aktenauszug  fort,  und  ich  glaube,  in  einer  dem  Reichstag  an 


ERSTER  REISE-ANZEIGER  j6l 

Lange  gleichen  Reichsnacht  hatt'  er  die  Relation  spielend  hinaus- 
gebracht. 

Drei  Stimmen  iiberraschten  mich  jetzt  mehr  als  den  Leser.  Die 
eine  gehorte  dem  Nachtwachter,  der,  auf  einer  steinernen  Bank 
liegend,  im  Schlafe  sang  und  schon  abdankte,  obgleich  erst  zwolf 
Uhr  yoriiber  war.  Die  zweite  sagte :  »Unmoglich !  -  Ach  was  gab* 
ich  darum,  wenns  warel«  Ich  guckte  hinauf:  zwei  gut  frisierte 
Damen  verwachten  die  Nacht  am  Fensterbrett,  um  den  Ofenauf- 
satz  und  die  erhobene  Arbeit  ihres  Kopfes,  die  sie  sich  vom  zeit- 
io  armen  Friseur  vierundzwanzig  Stunden  voraus  hatten  machen 
lassen,  unzerbrochen  auf  den  Geburtstag  aufzusparen. 

In  einer  Obstbude  schlummerte  gebiickt  ein  blinder  grauer 
Bettler,  dem  ich  am  Tage  einen  Notpfennig  samt  der  Valvations- 
tabelle  des  Pfennigs  geschenkt.  Der  Traumgott  fiihrte  ihn  aus  der 
finstern  Trophonius-Hohle  der  Blindheit  heraus  und  stellte  ihn 
vor  die  blumige  fruchttragende  Welt,  und  das  genesene  Auge 
weinte  iiber  die  schonen  Farben  und  den  Tag.  Du  Armerl  wie 
gonn'  ich  dirs!  Mog*  es  ein  Genius  auch  uns  so  gonnen,  daB  die 
Traume  der  Dichtkunst  unsere  dunkeln  Augen  heilen  und  uns 
2o  die  elysischen  Felder  zeigen,  die  das  Wachen  bedeckt!  - 

Am  stillen  Komodienhause  hielt  ich  das  nachtliche  Schweigen 
darin  und  die  Finsternis  und  denunbewegt  hangenden  Vorhang 
gegen  den  Glanz  und  Larmen  des  Tages  und  dachte  an  das  kiinf- 
tige  Verstummen  und  Verfinstern  des  groBen  Erdtheaters,  wo- 
von  die  kleinen  Nationaltheater  nur  Dekorationen  sind. 

Ich  horte  jetzt  hinter  mir  gehen:  der  Blinde  war  aufgestanden 
und  ging  mit  geschlossenen  Augen  umher  und  sagte  zur  Nacht: 
»Teilt  einem  armen  stockblinden  Manne  auch  was  mit.«  Ich  weckte 
den  betorten  Nachtwandler  auf  und  fiihrte  ihn  in  seine  Bude  zu- 
3o  nick.  Dann  ging  ich  meiner  zu,  und  der  Ernst  meiner  Betrach- 
tungen  fiber  den  dunkeln  gestirnten,  rund  um  unsern  Geist  ge- 
zognen  Schlummer  lieB  bald  vor  den  Traumen,  die  den  Morgen 
der  Jugend  heraufzogen,  seine  Wolken  fallen. 


762  PALINGENESIEN 

ZWEITER  REISE-ANZEIGER 

Fata:  der  Hornrichter  StuB  -  Mr.  le  Comte  Sebaud  de  Baraillon  -  warme 
Kalte  des  Herzens  —  die  Lust  auf  Lustreisen  —  der  Lazarus  an  der 
Mutterbrust  -  Baireuther  billet  doux  und  poetische  Episteln  aus  Blech 

Werke:  mens  sana  in  corpore  insano  -  Rekommendationsschreiben  fur 
Lottos  -  Statu  ten  der  historischen  Gesellschaften  in  Baireuth,  Hof, 
Erlang  etc.  —  Sponsalien  in  einem  FedermufF 

Ich  habe  jetzt  die  allgemeine  Erwartung  auf  den  ersten  Ostertag 
gespannt,  und  die  Welt  versaramlet  sich  immer  mehr  an  Fenstern 
und  Tiiren,  um  mich  und  meinen  Boten  ausreisen  zu  sehen.  Aber  10 
eh*  ein  Mensch  aufbricht,  hat  er  da  wohl  weniger  zu  tun  als  ein 
preuBischer  Steuerrat,  der  in  einem  Jahre  3000  Sachen  von  den 
Unterinstanzen  und  2000  Verordnungen  erhalt,  200  ausstellt  und 
80  Excitatoria  dazu  samt  1600  Relationen,  wobei  es  ihm  freilich 
an  Zeit  nicht  fehlen  kann,  noch  24  Kommissionen  abzutun  und  12 
Stadte  als  12  himmlische  Hauser  seines  Tierkreises  zu  bereisen? 
Oder  hat  ein  Passagier  nicht  vorher  Lippenpomade  zu  kaufen 
(weil  er  mit  heiler  Lippenhaut  ankommen  will)  -  Locken  und 
Knopfe  zu  papillotieren  -  Passe  und  Marschrouten  einzustecken- 
Gold  und  Wasche  zu  wechseln  -  einen  Mantelsacktrager  und  fur  20 
diesen  wieder  einen  Mantelsack  mietsweise  zu  bestehen  -  und  das 
Haushalten  mit  der  Verlassenschaft  von  Reichsabschieden^  General- 
reglements,  50  Dezisionen  und  Agenden  zu  verproviantieren  ? 
Und  wenn  ers  nicht  selber  tut:  wird  es  nicht  wenigstens  von 
seiner  Frau  gefodert?  - 

Schon  am  heiligen  Karfreitage  lieB  ich  einen  armen  Teufel,  na- 
mens  Florian  Stufi^  zu  mir  holen,  um  ihm  ein  paar  Pfennige,  nam- 
lich  die  Charge  meines  grand-maitre  de  garderobe  oder  meines 
Mantelsacktragers  zuzuwenden.  Der  Mensch  war  in  Niirnberg  zu 
Hause:  denn  er  hatte  als  Horndrechsler  da  gearbeitet  und  contra  30 
sextum  pekziert  und  lange  als  sogenannter  Hornrichter  und  Wei- 
bergeselle,  weil  er  nun  nicht  mehr  Meister  werden  konnte,  Klauen 
fur  die  Kammacher  zugerichtet.  Er  empfing  die  Vokation  des 
Tragamtes  mit  Jubel:  die  Feiertage  mehrten  sein  Konsumo,  aber 
nicht  seine  Konsumptibilien,  besonders  da  er  auch  an  Wochen- 
tagen  wenig  erschwang.  Sooft  er  nach  Boheim  Boten  lief,  steckt' 


ZWEITER  REISE-ANZEIGER  763 

er  einen  kleinen,  von  ihm  selber  fabrizierten  Warenballen  und 

,  Auerbachischen  Hof  von  weiten  Kammen,  Stock-  und  Westen- 
knopfen,  Wiirfeln  und  Wildrufen  und  Kruzifixen  ein  und  trieb 
auf  dem  Franzenbad  bis  nach  Eger  einen  Kontrebande-Handel, 
der  ihm  oft  noch  einmal  so  viel  abwarf  als  das  Botenlohn.  - 
»Laufen  ist  mein  Vergnugen«,  sagt*  er;  und  ich  wiinschte  daher, 
daB  Siebenkas  jetzt  dem  Drechsler,  da  er  noch  bei  Kraften  ist,  in 
Wetzlar  etwa  dieExpektanzzueinem  lutherischen  Reichskammer- 
gerichts-Supranumerar-Akzessist-Boten  auswirkte;  es  ware  Stus- 

ro  sen  dann  ein  Leichtes,  mit  der  Zeit  Supranumerarakzessist,  dann 
Akzessist  und  in  seinen  alten  Tagen  gar  Bote  zu  werden. 

Ich  erlaubt*  es  ihm,  noch  einen  blinden  Passagier  (d.  h.  einen 
Brief,  ein  Paket  etc.)  im  Mantelsack  zu  seinem  Vorteil  einsitzen 
zu  lassen  und  darnach  uberall  in  der  Stadt  und  auf  dem  Postamt 
herumzufragen.  -  Ja,  bei  einer  frohern  Seele  hatt'  ich  mir  nichts 
daraus  gemacht,  dieses  Inserat  in  das  Hofer  Intelligenzblatt  ein- 
"  zusenden: 

»Ein  homme  de  lettres  hiesiger  Stadt,  der  nach  Niirnberg  reiset 
und  noch  einen  Platz  im  Mantelsack  leer  hat,  wiinschet,  daB  Per- 

20  sonen,  welche  gesonnen,  den  Platz  mit  zu  bestehen,  sich  noch 
vor  Sonntags  im  Intelligenzkomtoir  angeben,  wo  ein  Mehreres 
zu  erfragen.« 

Entweder  der  Hornrichter  StuB  oder  die  Hofer  Landeshaupt- 
mannschaft,  bei  der  ich  um  einen  KrankheitspaB  nachsuchte,  lieB 
dem  Grafen  Mr.  Sebaud  de  Baraillon  etwas  davon  merken,  daB 
ich  nach  Niirnberg  gedachte:  der  Graf- ein  armer  Emigrant  und 
Gefangner  im  deutschen  Babylon  oder  Freier  in  der  Botany-Bay  - 
kam  am  heiligen  Abende  zu  mir,  lobte  in  der  Kiirze  Mann  und 
Frau,  exkusierte  sich  siebenundsiebenzigmal,  ging  endlich  damit 

30  heraus,  daB  er  eine  Tochter  in  Niirnberg  und  hier  einiges  an  sie 
habe.  Nahm'  ichs  freilich  mit  -  er  exkusierte  sich  hier  bloB  770 
mal-,so  unterstand'  er  sich  und  handigte  es  ein.  Ich  bewies  durch 
Haupt-Juramente  und  ad  hominem  meine  freudige  WilHgkeit. 
Endlich  legt'  er  eine  Biichse  mit  Patentpomade  auf  den  Tisch, 
seinen  ReisepaB  und  einen  Facher  mit  einem  Miniaturportrat:  das 
war  die  Oberfracht  des  Mantelsacks  und  gehorte  an  die  Comtesse 


764  PALINGENESIEN 

Georgette,  seine  Tochter.  Er  hielt  es  fur  Hof lichkeit,  mich  wenig- 
stens  iiber  die  Exportation  des  Passes  aufzuklaren:  seirie  Tochter 
hatte  namlich  liaisons  mit  einem  vornehmen  refugie  (d.  h.  er  war 
ihr  Liebhaber  und  wahrscheinlich  das  Facher-Portrat  das  seinige), 
und  dieser  konnte  jetzt  vielleicht  mehr  Gebrauch  vora  Passe  ma- 
chen  als  der  Comte  selber  (d.  h.  der  refugie  gab  sich  fur  diesen 
aus).  Der  PaB-Plagiarius  und  Ableiher  hatte  einem  Hofe  (nach 
der  Versicherung  seines  Schwiegervaters)  so  groBe  Dienste  getan, 
daB  ihn  der  Hof  zu  stiirzen  und  zu  entfernen  suchte;  ebenso  wie 
man,  sagt'  ich,  auf  dem  SchifFe  jedes  WasserfaB,  sobald  es  aus-  10 
geleert  worden,  zerschlagen  muB,  weil  kein  Platz  da  ist  -  Die 
Seele  des  Comte  war  -  wie  bei  alien  Menschen,  die  ein  gedriicktes 
Leben  fiihren  und  jeden  FuBbreit  vom  Paradies  dem  Verhangnis 
erst  mit  sauerem  Kampfe  abgewinnen  -,  obwohl  nicht  kriechenct, 
doch  immer  ge&uckt,  wie  Menschen,  die  in  bergigen  Landern  woh- 
nen,  immer  mit  gebognem  Rucken  gehen.  Inzwischen  fiigt'  er 
doch  fliichtig  bei,  hatt'  er  Zeit  (er  stickte  und  dozierte),  so  nahm* 
er  Extra  post.  Du  armer  iiberladner  Sebaud  de  Baraillon!  prahJ 
immer,  denn  du  hast  nichts!  Nicht  den  Stolz  des  Ungllicks,  son- 
dern  des  Gliicks  verarg'  ich,  weil  ich  ja  unmoglich  so  hart  sein  20 
kann,  daB  ich  unter  dem  zerschlagnen  geschwollnen  Rucken  das 
letzte  Unterbette  wegzoge,  namlich  das  Windbette  der  Eitelkeit, 
das  sich  allzeit  selber  bettet!  - 

Eh'  ich  fortreise,  will  ich  mich  nur  entschuldigen,  daB  ich  bei 
der  HoferLandeshauptmannschaft,  wiewohl  vergeblich,  auf  einem 
Kranhheitspasse  bestand.  Einen  Gesundheitspafi  haben  Libertins 
in  Ordensbandern  notig,  und  wenn  sie  auch  nicht  weiter  reiseten 
als  aus  ihrer  Stube  in  die  nachbarliche;  aber  ein  homme  de  lettres 
ist  gerade  wie  ein  Krebs  nicht  eher  zu  genieBen  als  in  der  unpaB- 
lichen  Mause.  Was  sagt  Siebenkas  S.  139  etc.  in  den  teufiischen  30 
Papieren  hieriiber  in  der  ersten  Edition?  Folgendes  in  der  zwei- 
ten: 

Mens  sana  in  corpore  insano. 

»Einem  Gelehrten  fehlet  immer  etwas,  entweder  die  Farbe  - 
oder  der  Atem  -  oder  die  peristaltische  Bewegung  -  oder  der 


ZWEITER  REISE-ANZEIGER  j6j 

Magensaft  -  oder  der  sogenannte  gesunde  Verstand;  wie  die  Ju- 
den  (zum  Andenken  des  ruinierten  Jerusalems)  an  ihren  Hausern 
etwas  unausgebauet  stehen  lassen  oder  wie  aus  einer  gewissen  be- 
kannten  Galerie  nach  einer  Inhibitiv-Bulle  (zum  Andenken  der 
verstiimmeltenAntiken)  nuramputierteNachbilderund  Kriippel- 
kopien  ausgehen  diirfen,  denen  zu  Hause  der  Kopist  erst  die  FuBe 
oder  die  Hande  oder  die  Kopfe  anschient.  Griechen  und  Romer, 
bei  denen  die  korperliche  Gesundheit  der  geistigen  mehr  Vor- 
schub  als  Eintrag  tat  und  die  den  tieriscken  Leib  und  die  mensch- 

10  I'tche  Seele  miteinander  unterwiesen  und  hoben,  wie  in  der  Reit- 
schule  zugleich  die  Pferde  und  die  Scholaren  reiten  lernen,  diese 
Nationen  konnen  vielleicht  keinen  andern  Vorteil  von  dieser 
Sckulfreundschaft  zwischen  unsern  beiden  zankenden  Teilen  auf- 
zeigen  als  den,  daB  der  Menscb  damals  gleich  gut  dachte  und 
handelte.  Aber  der  Gelehrte  soil  eben  besser  denken,  als  er  han- 
deln  kann,  er  soil  eben  seine  Starke,  wie  der  Tolle,  oder  sein 
Werk,  wie  der  Instinkt,  der  siechen  Einseitigkeit  verdanken.  Man 
schiefie  lieber  den  einzigen  Kopfzur  Bildung  aus,  wie  die  Juden 
an  Gansen  die  Leber  zum  Masten,  worein  eben  die  Auguren  das 

20  Ich  verlegten.  Zwerge  haben  groBe  Kopfe;  man  sorge  also  zu- 
vorderst  fiir  Zwerg-Rumpfe.  Eben  alsdann  werden  in  den  nied- 
rigsten  Wechselbalgen  unsers  Handelns  niemals  edle  Ahnenbilder 
glanzender  Entschliisse  fehlen,  weil  gerade  die  korperliche  Ge- 
brechlichkeit  uns  an  Vorsatzen  erstattet,  was  sie  uns  an  Taten 
benimmt.  Genie  und  Krankheit  sind  so  sehr  Milchbriider,  daB.  in 
unsern  Tagen  Manner  von  Talent  sich  haufig  den  giftigsten  Aus- 
schweifungen  unterziehen,  bloB  weil  sie  ihrer  satirischen  Scharfe 
mit  ihrer  skorbutischen,  und  mit  den  Nervenfiebern  den  Nerven- 
geistern  nachzuhelfen  denken:  so  impfte  Linne  auf  dieselbe  Art 

30  den  Perlenmuscheln  -  die  desto  mehr  Perlen  ballen  und  liefern, 
je  kranker  sie  sind  -  kunstliche  fruchtbringende  Krankheiten 


In  drei  Terzien  sieht  Deutschland  mich  und  den  Boten  reise- 
fertig  unter  der  Tiir.  Nachdem  der  disharmonische  Sonnabend 
ausgehalten  war,  wo  ich  die  hauslichen  einheimischen  Gefiihle^ 


j66  PALINGENESIEN 

die  ich  von  den  fiir  das  Fest  aufgerichteten  Thron-  und  Futter- 
geriisten  erhielt,  immer  durch  die  weltbiirgerlichen  einbuBte,  die 
mir  der  Reise-Biindel  zufuhrte:  so  tat  es  mir  am  Ostermorgen 
viele  Dienste,  daB  ich  aus  meiner  weichen  Schneckenhaut  eine 
steinerne  Schale  ausschwitzte  und  michdamit  iiberzog;  ich  wollte 
durchaus  nicht  eher  geriihrt  sein  als  bei  meiner  Retour,  und  da 
desto  heftiger.  Ich  behielt  deswegen  immer  den  Botenmeister  StuB 
im  Zimmer,  der  geschmackvoll  in  einem  geschenkten  Paar  griin- 
pluschenen  Hosen  erschien,  aus  deren  Wiesengrund  die  Sense  der 
Zeit  ganze  lange  griine  Rander  noch  nicht  ausgemahet  hatte.  Her-  10 
mine  sagte  auf  einmal  mit  leiser,  aber  wankender  Stimme  (die 
immer  Neben-Monde  des  Gedankens  anzeigt) :  »VergiB  vor  Streit- 
berg  unsern  Rosenhof  und  die  Rosensonne  nicht;  sie  bliihen  viel- 
leicht  dieses  Jahr  -  und  du  kommst  wohl  morgen  abends  hin?«  - 
»Beides!«  sagt'  ich;  aber  ich  ging  hinaus.  Ich  will  nur  in  der  Eile 
dem  Leser  berichten,  daB  ich  -  als  ich  einmal  mit  ihr  auf  jener 
Anhdhe  die  Sonne  wie  einen  Apollo  aus  diesem  Arkadien  gehen 
sah,  der  unter  der  Trennung  ein  Gott  wurde  und  gliihend  ver- 
schwand  —  auf  meinem  und  ihrem  Standort  eine  wachsende  Spur 
zu  lassen  suchte,  indem  ich  Zimtrosensamen  so  enge  und  rund  20 
und  Samen  von  weiBen  Rosen  so  weit  und  zirkelformig  steckte, 
daB  die  Blumen  des  erstern  einmal  eine  purpurne  Sonnenscheibe 
und  die  weiBen  einen  bleichen  Kranz  oder  Hof  um  sie  bilden 
konnten.  Ich  ging  hinaus,  halb  als  Petrus,  halb  als  Judas,  und  der 
Gottseibeiuns  war  bei  mir.  Als  ich  mir  drauBen  einige  Fuhlfaden 
abgeschnitten  hatte,  die  ich  nicht  eher  regenerieren  wollte  als 
unterwegs:  kam  ich  wieder  hinein  und  fand  sie  redend  neben  dem 
Hornrichter,  dem  sie  -  mutmaBt'  ich  damals  -  Sorge  und  FleiB 
fiir  ihren  ehelichen,  zur  Salzsaule  angeschossenen  Loth  empfohlen 
hatte,  der  wie  ein  Gewitter.  gerade  bei  dem  Abzuge  am  schlimm-  30 
sten  war.  Beim  Himmel!  auf  demselben  Mensch  wachsen,  wie  auf 
einem  Weinberg,  oft  viererlei  Weine,  auf  der  Mittagsseite  der 
herrlichste  und  auf  der  Nordseite  einer,  der  nicht  zu  trinken  ist. 

Endlich  wurde  geschieden,  und  ich  vertrostete  mich  darauf, 
daB  ich  bei  meiner  Ankunft  den  Abschied  nachholen  wiirde.  Ich 
weiB  es,  daB  oft  das  verhiillte  uberbauete  weibliche  Herz  voll  Tra- 


ZWEITER  REISE-ANZEIGER  767 

nen  hangt  wie  die  von  der  Glocke  iiberdeckte  Blume  voll  Tau; 
aber  Hermine,  mit  welchen  hellen  warmenMarientagenwirdnicht 
deine  Natalie  dein  doppeltes  Siechen  umgeben  und  das  Regen- 
wetter  verjagen,  das  dem  Bliihen  deines  Weinbergs  Schaden  tate! 
Wie  arkadisch  und  in  reiner  Himmelsluft  mehr  schwimmend  als 
fliegend  werdet  ihr  Ostern  vertraumen!  Gleich  Tonen,  die  ge- 
raumig  und  leicht  und  unverworren  und  doch  verbunden  in  der 
Luft  ihr  wiegendes  Leben  fuhren,  so  werden  euere  Gefuhle  und 
Wunsche  und  Stunden  nahe,  frei,  leicht,  harmonisch  und  doch 

h  unterschieden  nebeneinander  schweben  und  verklingen ! l  Und  als 
mir  dasKirchengelaute  durch  dasHimmelsblau  noch  einigeNach- 
klange  des  zuriickweichenden  Lebens  nachwarf  und  an  der  Stadt 
das,  was  Tithon  behielt,  hinter  mir  starb,  ihre  Stimme:  so  sagt* 
ich:  jetzt  zieht  vielleicht  Natalie  das  gefullte  Herz  der  Guten  an 

ihres  und  lasset  sie  weinen,  ohne  zu  fragen  woriiber. 

Welcher  frische  kraftige  Morgen!  -  Wie  schrumpfen  in  dem 
weiten  Gebaude  der  Natur  unsere  Schnittwunden  zu  roten  Miik- 
kenstichen  ein!  Hier  fuhlet  man  es,  daB  unser  Geschrei  iiber  jeden 
Stich  des  Lebens  hohern  Wesen  in  diesem  Tempel  klingen  muB 

,  wie  uns  in  der  Kirche  unter  dem  Nachdenken  iiber  groBe  Gedan- 
ken  der  Aufschrei  eines  Kindes. 

Nach  Leid  kommt  Freude,  die  Sonne  tanzt  am  Ostertage,  die 
der  Karfreitag  verfinsterte.  Und  in  der  Tat  war  unsere  die  Vor- 
tanzerin,  und  ich  und  der  Bote  tanzten  nach.  Ich  wiirde  mich 
freuen,  waren  ich  und  StuB  auf  Glas  gemalt  und  steckten  in  einer 
magischen  Laterne,  und  der  Leser  konnte  unsere  marmorierten 
Schatten  iiber  die  lichte  Wand  weglaufen  sehen  -  erstlich  mich 
voraus  mit  dem  langen  geschwenkten  DintenfaB  des  Stocks,  wie 

'  ich  freudig  den  Kopf  im  Sonntagsmorgen  umherwerfe,  weil  mir 

>  das  Schicksal  die  vollsten  Blumenrabatten  der  Freude  immer  an 
den  StraBendammen  herumsaet  (daher  kann  mein  kiinftiger  Him- 
mel  in  bloBen  Durchmarschen  durch  Himmel  bestehen)  -  zwei- 

1  Weibliche  Freundschaft  ist  zwar  seltener  als  unsere,  aber  dann  auch 
zarter:  unsere  grenzt  nicht  so  nahe  an  Liebe  -  da  wir  einander  nur  im  Wider- 
schein  der  Taten  lieben  -  als  die  weibliche,  da  die  Freundin  von  der  Freun- 
din  (wie  vom  Liebhaber)  weniger  die  Beweise  als  die  Aufierungen  der  Liebe 
begehrt  und  die  Liebe  fast  nur  fodert,  um  eine  %u  fuhlen  und  iu  erwidern. 


768  PALING  ENESI  EN 

tens  den  Hornrichter,  wie  er  nachschreitet  und  nachtragt  in  einem 
geschenkten  knappen  Jagdkleide  und  mit  einem  Spazierkniittel, 
um  seinen  Reiseprinzipal  in  der  Not  zu  decken,  und  wie  er  die 
Spitzsaule  eines  Morgenbrots  anbeifiet  -  und  endlich  uns  zusam- 
men,  wie  wir  auf  der  erhelleten  Wand  bald  hinter  griinen  Bau- 
men,  bald  hinter  kouleurten  Staketen,  bald  hinter  offnen  Scheuern 
hervorkommen,  bis  wir  uns  in  die  runde  Nacht  des  Laternen- 
rands  verlieren. 

Da  meine  Reisetraume,  wie  ein  Geisterschatz,  bei  jedem  frem- 
den  Worte  zuriicksinken  und  verschwinden:  so  durfte  der  Tra- 
ger  nicht  reden,  aber  gar  wohl  (wie  in  kleinern  Kirchen)  in  den 
Waldern  singen.  Es  ware  zu  wiinschen,  ich  konnte  der  musika- 
lischen  Welt  die  Partitur  seines  schmetternden  Singspiels,  worin 
er  das  frohliche  sorgenlose  Wandern  der  Handwerkspursche  be- 
sang,  aus  der  Rellstabischen  Musikhandlung  mitteilen:  -  welche 
Vollstimmigkeit!  Die  Zugvogel  hatten  die  zweite  Stimme  —  der 
Wind  rauschte  durch  alle  gedackte  Register  des  Waldes  -  die 
Turme  der  Dorfer  lauteten  mit  zergangenen  Chortonen  darein  - 
und  ich  ging  als  Echo  voraus  mit  vier  Gehirnkammern,  als  vier 
Schallgewolben,  worin  die  Klange  wachsend  umliefen.  : 

Weil  StuB  dem  Portier  des  Hofer  Tors  aus  SpaB  berichtet 
hatte,  er  wandere  wieder  mit  dem  Wanderbundel:  so  hatt'  ich 
seiner  Kehle  unter  der  ganzen  Kantate  den  Text  meiner  Phanta- 
sien,  die  sich  bloB  auf  seine  Wander-  und  Jugendjahre  bezogen, 
untergelegt.  Ich  erinnere  mich  fast  geriihrter  und  lieber  der  frem- 
den  Erinnerung,  des  Morgenhimmels  einer fremden  Jugend  -  und 
gehe  dabei  mit  dem  Cyanometer  oder  Himmelsblaumesser  zu 
Werk  — ,  als  ich  mich  nach'  meinem  eignen  Osten  umkehre.  »Im 
Ehestand  singt  Er  aus  einem  andern  Tone,  Meister?«  sagt'  ich 
zum  Weibergesellen.  »Was  will  man  machen?«  versetzt'  er  mit  3 
der  lustigsten  Ergebung,  womit  der  gemeine  Mann  so  oft  unsere 
unersattlichen  Bittschriften  um  vermehrten  Lebens-Gehalt  be- 
schamt.  Ich  suchte  gegen  seine  Singstimme  gerecht  zu  sein.  »Im 
roten  RoB«  (sagt*  er  und  meinte  den  Gasthof)  »loben  sie  mein 
Singen  sehr;  und  ich  schreie  mir  oft  an  zweiten  Feiertagen  die 
Lunge  entzwei.  Denn  was  ein  ofdentlicher  Mann  ist,  bleibt  am 


ZWEITER  REISE-ANZEIGER  769 

ersten  zu  Hause  unci  trinkt  seinen  Krug  Bier  viel  Iieber  mit  seiner 
Frau  und  Kind:  ich  kann  nicht  so  sein  wie  manche.« 

Jetzt  war  Mittag  und  Berneck  da  und  der  EBtisch.  Der  Meister- 
sanger  holte  seinen  Brottorso  heraus  und  wollte  clrei  Quarge  fo- 
dern  -  denn  nach  meinem  hanseatischen  Fiirstenbund  mit  ihm 
sollt'  er  bloB  von  seinem  Gelde  leben  -;  aber  wie  hatte  das  ein 
Oberhaupt  verstatten  konnen,  dem  heute  der  Himmel  voll  wel- 
scher  Viole  d'amours  und  anderer  Instrumente  hing?  Und  hatte 
mich  nicht  wenigstens  sein  Donum  zu  einer  Anderung  dercapitu- 

10  latio  perpetua  vermocht,  daB  er  nie  zwei  Dinge  satt  bekam,  das 
Leben  und  das  Essen  im  Leben?  Denn  ich  verlange  wenigstens 
keinen  Boots-  und  Hausknecht  in  die  Kost,  der  diese  wie  ein 
stummer  Knecht  nur  bringt  und  nicht  braucht,  und  der  in  den 
Magen  ein  so  philosophisches  Anatomiermesser  wie  sein  Befehls- 
haber  setzt.  Die  ofFne  Tafel  eines  Fiirsten  ist  ein  fataler  sattigender 
Anblick,  aber  die  des  Volks  ist  ein  schoner  voll  Magensaft.  Mein 
Bedienter,  sagt  Voltaire,  soil  einen  Teufel  haben;  -  wenigstens 
einen  Magen,  sag'  ich.  StuB  hatte  beides.  »Es  kommt  doch  mei- 
nem Leib  zugut«,  sagt  das  Volk,  wenn  von  der  Wahl  zwischen 

20  Essen  und  anderem  GenuB  die  Rede  ist,  und  zeigt  und  schlagt ' 
auf  den  plexus  solans,  wo  Herr  Fabre  und  Parmenides  die  Seele 
und  die  gemeinen  Leute  das  Gluck  derselben  suchen.  Und  miis- 
sen  denn  diese  Armen  nicht  aus  dem  Korper  und  dessen  Star- 
kungsmitteln  zu  viel  machen,  da  ihre  Ernahrung  von  seiner  ab- 
hijngt  und  sie  von  diesem  Nicht-Ich  gerade  die  Schmerzen,  die 
Freuden,  die  Unterstutzung  empfangen,  die  uns  das  Ich  zuteilt? 
Wahrend  der  Haresiarch  und  Dozent  der  Gluckseligkeitslehre, 
der  Bote,  imTreibkiibel  seines  Leibes  Freuden -VergiBmeinnicht 
statt  der  vorigen  Distelkopfe  des  Hungers  erzog,  suchte  sein 

30  Brotherr  im  Gasthof  etwas  zu  verdienen  und  eine  oder  die  andere 
Stelle  in  den  Teufels-Papieren  neu  aufzulegen:  mit  einem  beson- 
dern  Vergniigen  bau*  ich  mir  aus  jeder  Passagierstube  meine 
Studierstube.  Ich  hatt'  aber  lange  keine  Materie,  bis  ich  endlich 
eine  aus  dem  Glucksrad  zog,  und  zwar  -  iiber  das  Rad  selber. 
Mir  gegeniiber  steckte  die  koniglich-preuBische  Lottokollektion 
die  herausgekommenen  funf  Wunden-N\\mmern  heraus.  Auf  ein- 


770  PALING  EN  ESI  EN 

mal  kam  ein  armer  Teufel  freudig  in  Dreihaar-Samthosen  herein 
und  berichtete,  er  hatte  beinahe  eine  Terne  gewonnen  und  nur 
immer  um  eine  Zahl  fehlgegriffen:  »Statt  meiner  15,  36,  79a,  sagt' 
er,  »hatt'  ich  nur  14,  37,  78  nehmen  diirfen:  ich  muB  es  erzwin- 
gen,  und  sollte  das  Bett  unter  dem  Leibe  daraufgehen.«  Daher 
soilt'  audi  jede  Lottokollektion  zugleich  ein  Pfandhaus,  dieses 
Widerspiel  eines  britischen  Assekuranzhauses  fur  Mobel,  sein;  ja 
es  sollte  angenommen  werden,  wenn  einer  sich  selber  und  Frau 
und  Kinder  ins  Lotto  einsetzen  wollte:  konnte  dadurch  nicht  ein 
Regent  die  Untertanen  insgesamt  erspielen  und  damit  machen,  m 
"  was  er  wollte?  - 

Der  Samt  mit  seinen  Knieglatzen  machte  endlich  meinem 
Pliisch  mit  seinen  —  denn  Plusch  und  Samt  dienen  wie  Pferde 
von  oben  herab,  aus  dem  Lustschlosse  ins  Armenhaus,  und  oft 
bettelt  Samt  am  Hofe  und  Samt  vor  der  Tiire  -  Lust  zur  Sache, 
und  StuB  wollte  in  Baireuth  sein  heutiges  Botenlohn  daran  wa- 
gen.  Ich  machte  daher  in  Berneck  weiter  nichts  als  eine  verbes- 
serte  Auf  lage  vom  Lobe  der  Lottos  S.  368.  Auf  der  LandstraBe 
las  ich  ihm,  bevor  er  ein  Radertier  des  Lottorads  Wurde,  folgende 
Umarbeitung  vor:  20 

Rekommendationsschreiben  fur  Lottos. 

In  unsern  Xagen,  wo  man  das  Prlugrad  fur  das  einzige  Reich- 
turner  vordrehende  Glucksrad  halt  und  wo  so  viele  Zahlenlottos 
eingehen,  scheint  es  ein  Verdienst  zu  sein,  wenn  man  in  satirischen 
Palingenesien  wieder  dartut,  wie  ungemein  viel  Lottos  sowohl 
den  Untertanen  als  den  Fiirsten  eintragen. 

Alles,  was  beide  Telle  davon  zu  furchten  haben,  StuB,  ist  das 
groBe  Los,  das  oft  -  weil  die  Freude  das  Blut  stromweise  ins 
Gehirn  aufspritzt  -  zugleich  die  Adern  des  Untertanen  und  das 
Lotto  des  Regenten  sprengt.  Ich  stand  dabei,  als  ein  armer  Schu-  30 
ster  mir  ein  Paar  Stiefel  auseinandertreiben  wollte  und  durch 
einen  Kurier  die  Hiobspost  einer  gewonnenen  Quaterne  bekam : 
er  fiel,  von  diesem  ins  Ohr  gegossenen  aurum  potabile  vergiftet, 
maustot  um  und  war  nicht  mehr  zu  beleben.  Noch  mehr  fiel  dem 
Landesherrn   der  Verlust  der  Quaterne  empfindlich,  wenn  er 


ZWEITER  REISE-ANZEIGER 


771 


auch  leichter  den  Verlust  des  Schusters  verschmerzte.  Allein  hier 
kann  man  beiden  Teilen  aus  der  Mathematik  dartun,  daB  eine  ge- 
fahrliche  Quaterne  oder  gar  Quinterne  -  wegen  der  besten  arith- 
metischen  Vorkehrungen  -  fast  gar  niemals,  wenigstens  in  Ver- 
gleichung  gegen  die  kleinern,  fur  beide  Parteien  unschadlkhen 
Gewinste,  nicht  so  oft  erscheine  als  ein  groBer  Arzt,  der  nach 
Kardan  alle  hundert  Jahre  einmal  geboren  wird.  Ich  verweise  hier 
Fiirsten  und  Einsetzer  und  Ihn,  StuB,  auf  jenen  SpaBvogel  in  der 
Schweiz,  der  ein  Lotto  errichtete,  worin  der  Einsatz  bloB  in  weK 

10  schen  Nussen  geschah:  in  kurzem  war  in  der  ganzen  spie'lenden 
Gegend  keine  NuB  mehr  zu  haben,  welches  meines  Bediinkens 
der  groBte  Beweis  ist,  wie  wenig  man  NuB-Quaternen  oder  nur 
-Ternen  zog. 

Gesetzt  sogar,  das  Ungliicksrad  haspelte  diesen  roten  und  wei- 
Ben  Arsenik  hervor:  so  ist  doch  das  eine  Art  von  Trost,  daBdiese 
giftige  Basis  mit  einem  solchen  corrigens  von  Erschwerungen  und 
Beschneidungen  versetzt  und  aus  einem  aurum  potabile  zu  einem 
so  unschadlichen  aurum  fulminans  gemacht  wird,  daB  der  Ver- 
fasser  und  Vorleser  dieses  ohne  Furcht  vor  dem  Freudentod  er- 

20  botig  ist,  das  aurum  zu  nehmen  und  zu  erwarten,  was  wird. 
Jetzt  will  ich  zeigen,  was  der  Untertan,  besonders.  Er,  vom 
Lotto  hat.  Mit  dem  Verbieten  der  auslandischen  will  die  Regie- 
rung  kein  schlimmes  Licht  auf  innere  werfen;  sie  gleicht  nur 
einem  Herrn,  der  aus  gutenGriinden  den  Hofhunden  von  keinem 
Fremden  Brot  anzunehmen  erlaubt.  -  Hoffnungen  sind  gleich- 
sam  die  menschlichen  Besitzungen  in  der  neuen  Welt  der  Gliick- 
seligkeit,  und  ich  glaub'  es  leicht,  daB  jener  Lord  seine  jahrlichen 
Hoffnungen  nicht  fur  5ooPfund  hingeben  wollte.  Im  Lotto  wer- 
den  nun  der  armern  Klasse  des  Volks  -  da  der  Staat  unmoglich 

30  jedem  solche  teuere  und  groBe  Hoffnungen  wie  Personen  vonGe- 
burt  und  Verdienst  anbieten  kann -mancher lei  und  selber  die  an- 
sehnlichsten  Hoffnungen  (Hoffnungen  von  5  fl.  bis  zu  Hoffnungen 
von  100  000  fl.)  fur  wenige  Groschen  zugestanden.  Der  Furst 
selber  behaltsich  keine  vor  :denn  was  erdabeigewinnt,  istder  Ein- 
satz, aber  keine  Hoffnung:  vielmehr  hat  er  bei  jeder  Ziehung  die 
kleine  Furcht,  viele  Ausziige,  wo  nicht  gar  eine  Ambe  zu  ver- 


772  PALINGENESIEN 

spielen,  die  der  Untertan  als  OberschuB  und  Zugabe  seiner  HofT- 
nung  einsteckt.  Dieser  hingegen  kann  nie  mehr  verlieren  als  sei- 
nen  Einsatz.  Dabei  berekhert  Er  noch,  StuB,  viele  sogenannte 
Landaussauger,  die  Er,  sowie  auch  Spieler,  Gliicksritter  und  sel- 
ber  Rechtsgelehrte  und  Kauf leute  einer  gewissen  Art,  nicht  eher 
und  Ieichter  vom  Halse  bringt  -  so  daB  sie  aufs  Land  ziehen  und 
auf  horen  — ,  als  bis  Er  sie  satt  gemacht,  so  wie  Schrdpfkdpfe  von 
selber  abfallen,  wenn  sie  nur  voll  sind.  Das  hat  nun  die  armere 
Volksklasse  vom  Lotto. 

Aber  ohne  Vergleich  mehr  bringt  es  dem  Regenten  selber  ein,  10 
Heber  Mann !  Das  Gliicksrad  ist  das  beste  Schopfrad,  das  auf  der 
einen  Seite  das  Vermogen  des  Volks  einschopft  und  erhebt  und  es 
auf  der  andern  vor  die  regierenden  FiiBe  niedergieBet.  Oberhaupt 
kommen  mir  die  Staatsburger,  die  um  den  Thron  stehen  und  die 
zu  empfangen  scheinen,  indes  sie  wirklich  geben,  gleich  den 
kiinstlichen  marmornen  Tieren  in  Palermo1  vor,  die  aus  dem 
Becken  des  Brunnens  das  Wasser,  das  sie  hineingieBen,  auszu- 
saufen  scheinen.  Gerade  vom  armern  Teile  des  Volks,  der  nur 
Schutzgeld  steuert,  erhebt  das  Lottodirektorium  eine  wahreKopf- 
steuer,  und  die  fiinf  giildnen  Mause  der  fiinf  Nummern,  die  der  20 
arme  Teil  von  den  Philistern  zu  fangen  hofft,  hohlen,  in  Ieben- 
dige  verwandelt,  dessen  ganzen  Brotschrank  und  Brotsack  aus. 
Es  ware  leicht,  Fiirsten,  die  zum  Lotto  angefrischt  sein  wollen,  in 
ganze  Dorfer  zu  fiihren,  die  dadurch  an  den  Bettelstab  kamen 
und  alles  einbuBten;  so  daB  also  der  nutzlos  herumfliegende  Gold- 
staub  recht  gliicklich  in  einen  einzigen  Goldwiirfel  geschmolzen 
war,  oder  richtiger,  daB  der  unwirksam  unter  tausend  Hausern 
wie  ein  Dunst  versplitterte  Reichtum  sich  in  der  Lottokasse  wie 
der  gefallene  Rhein  zu  einem  Strome  zusammengezogen  hatte, 
der  nun  Maschinen  treiben  konnte.  Aber  so  urteilen  wenige  Ka-  30 
meralisten. 

Ich  frage  Ihn  noch,  Meister,  ob  wohl  das  Lottospiel  die  Nei- 
gungen  weniger  und  kiirzer  festhalte  als  jedes  andre  Spiel.  Oder 
lauft  nicht  vielmehr  einer,  den   das  Glucks-Spornrad  sticht,  wie  . 
in  Rom  die  mit  Stachel-Blechen  besetzten  Pferde,  immer  hitziger 

1  Kleine  Reis.  3.  Band. 


ZWEITER  REISE-ANZEIGER  773 

fort   und    verdoppelt    Schritte    und   Stiche   zugleich?   -    Und 

was  kann   mir  hierauf  ein   Mann  wie  Schlozer   entgegenset- 
} 


»Oder  auch  einer  wie  Er,  StuB?«  beschloB  ich.  »Ich  merke 
wohl,«  versetzt  er,  »Sie  blasen  mit  dem  Bernecker  Biergast  in  ein 
Horn.«  Aber  nun  iibersetzt'  ich  erst  meine  Sprache  in  seine. 

Wir  trabten  lange  fott,  und  nicmand  bemerkte  etwas  als  der 
Bote,  daB  der  Weg  und  das  Bier  besser  werde,  und  als  ich,  daB 
jeder  Schritt  die  Blumen  und  die  Blatter  groBer  mache.  Mir  ist 

ro  nichts  Schoneres  bekannt,  als  mitten  in  einen  elenden  Nachwinter 
voll  Blatter-  und  Baumskelette  eingefroren  zu  sein  unci  einige 
Poststationen  von  sich  den  reifsten  Vorfriihling  voll  belaubter 
griiner  Welten  zu  wissen  und  dann  (wie  ichs  jahrlich  mache)  auf 
einmal  wie  Grundeis  aufzustehen,  mitten  in  den  ausgebreiteten 
Fruhling  hineinzuschwimmen  und  darin  zu  schmelzen,  indes  man 
doch  noch  immer  zu  Hause  seinen  Retour-Lenz  stehen  hat.  Ja  ich 
konnte  einem  reichen  Englander  eine  Marschroute  angeben,  wor- 
auf  er  von  einem  Fruhling  in  den  andern,  durch  zwolf  jahrliche 
Maimonate  zu  reisen  vermochte;  so  wie  ich  gegeniiber  dem  ewi- 

20  gen  Juden  eines  solchen  ewigen  Fruhfings  einen  andern  Pilger 
konnte  einen  ewigen  Herbst  bereisen  lassen. 

Aber  noch  mehr  erhob  ich  den  Warmteller  unsers  erkaltenden 
Lebens,  die  laue  Fruhlingserde,  als  ich  unweit  Benk  vor  einer 
Wiese  vorbeizog,  aus  der  ein  armer,  in  ein  groBes  miitterliches 
Warns  eingeknopfter  Junge  bettelnd  zu  mir  lief,  nachdem  er  vor- 
her  ein  Wickelkind,  das  sich  an  ihn  suchend  und  durstig  nach  der 
ersten  Wasserung  des  Lebens  an  die  leeren  Danaiden-Milchge- 
faBe  seiner  Brust  andriickte,  ins  Gras  geschoben  hatte.  Die  Mutter 
machte  weiter  unten  den  Bach  zur  Waschwanne  und  den  Zweig 

30  zum  Trockenseil.  Ich  suchte  mit  diesem  Terzett,  das  ein  elendes 
Lebens-Miserere  auffiihrte,  in  Verbindung  zu  geraten.  Die  junge, 
aber  hagere  welke  Mutter  -  von  deren  Laiterie  das  Wickelkind 
den  Kopf  vielleicht  ebenso  durstig  abwendet  als  von  der  briider- 
lichen  -  sagte  vor  mir  aus,  der  GroBe  (der,  an  dem  das  Warns 
als  jakobinischer  Rock  herabhing)  sei  von  einem  Bauernsohne 


774  PALINGENESIEN 

und  das  Kleine  von  einem  Froner  -  beide  hatten  sie  .geehlicht, 
hatte  jener  seinen  Freischein,  dieser  den  Konsens  des  Gutsbesit- 
zers  ausgewirkt  -,  sie  bettele  sich  ins  Hohenfliefilsche  (genauere 
Nachrichten  von  diesem  Fiirstentum  streu*  ich  in  meinen  Titan 
ein),  und  sie  verlasse  sich  mit  ihren  armen  Wurmern  (beschloB  sie 
mit  jenen  kalten  Tranen,  die  bloB  uber  einen  so  oft  erzahlten  und 
wiederkaueten  Jammer  flieBen)  auf  Gott  und  gute  Leute.  Nie 
treibt  in  mir  das  Mitleiden  seine  Seufzer  und  seinen  Rausch  aus 
innern  Tranen  hoher  als  auf  Reisen;  und  ich  weiB  recht  gut,  daB 
ich  es  aus  dem  Kontraste  der  groBen  Natur  und  des  Genusses  und  10 
aus  derEntkraftung  durchGehen  herzuleiten  habe.  AuBerst  grim- 
mig  blickte  ich,  nach  diesem  aufgefiihrten  Lagrimoso,  auf  die 
Weidenallee  vor  mir  hin,  weil  mir  einfiel,  daB  sonst  an  ihr  eine 
Warnungstafel  mit  einer  gemalten  Hand  unter  einem  gemalten 
Beile  gestanden  und  durch  dieses  Terroristen-Schlachtstuck  Wei- 
den-Frevlern  ihre  Amputation  vorgemalet  habe:  »Wie?«  (fuhr 
ich  fort)  »soIche  Malefiz-Hackstocke  fur  Weiden  -Totschlager  er- 
schrecken  uns  mitten  in  der  gutigen  Natur;  indes  die  GroBen  die 
wahren  Eckstamme  und  Brotbaume  des  Staats,  den  eigentlichen 
Reichsforst  (das  Volk)  ausasten,  abrinden  und  zur  Har^scharre  20 
und  zu  Bierzeichen  verbrauchen  und  ihnen,  wie  die  Gartner  den 
Gurken,  die  mannlichen  Blumen  nehmen.  Ich  sollte  reden  diir- 
fen.«  Als  ich  mich  ebenso,  geriihrt  als  erziirnt  von  der  Doppel- 
Brailt  geschiederi  hatte,  fiel  mir  der  Nutzen  des  Fruhlings  und 
Sommers  besonders  auf:  »Beide  geben  doch«,  sagt'  ich,  »diesen 
armen  leeren  Glaubigern  des  Reichtums,  diesen  kriechenden 
Kriippeln  ohne  Kriicken  eine  weiche  trockne  Wiese,  ein  freies 
Logis  am  Tage,  eine  warme  Stube,  ein  blumiges  aufgelockertes 
Unterbette,  einige  Landschaftsgemalde  und  zuweilen  eine  Blume 
—  nein,  im  Winter  ists  zu  hart,  wenn  ein  Mensch  den  andern  30 
drauBen  lasset.« 

Sechs  oder  sieben  Schritte  davon  richtete  sich  in  einem  Ge- 
biisch  ein  erwachender  Junge  auf  und  hielt  mir  seine  Hand  heraus, 
damit  ich  etwas  hineinwiirfe.  Ich  stellte  mir  vor,  er  sei  der  dritte 
Teil  der  BuBe  des  vorigen  Weibes  und  verberge  (nach  dem  Bett- 
ler-Anti-Nepotismus)  seine  Verwandtschaft  aus  dem  Grunde, 


ZWEITER  REISE-ANZEIGER  775 

warum  sie  andere  erdichten,  um  zu  erben:  »Ich  habe  deiner  Mut- 
ter erst  gegeben«,  sagt*  ich.  Er  versetzte  pikiert,  er  gehore  nicht 
dort  zum  Bettelvolk,  er  sei  aus  Benk  und  spinne,  nur  heute  und 
morgen  trag'  er  Brot  zusammen.  Einer,  der  Sonntags  reiset,  kanns 
unmogHch  behalten,daB  esSonntag  ist:  der  kleine  Lazarus  brachte 
mir  nur  mit  Miihe  bei,  daB  wir  Ostern  hatten,  wo  die  religiose 
Statik  seines  Spinnrades  die  seinige  aufhebe,  weil  er  an  Sonn-  und 
Festtagen  die  Schuld  des  Lebens  nicht  wie  an  Werkeltagen  spin- 
nend  abzusitzen,  sondern  bettelnd  abzulaufen  habe.  Ich  halte  es 

10  nicht  geheim,  die  Riihrung,  die  ich  vom  leidenden  verwelkten 
Kleeblatt  mitgebracht,  kam  der  kleinen  und  noch  dazu  ehrgeizi- 
gen  und  also  doppelt  elenden  Lauferspinne  neben  mir  sehr  zu- 
statten,  die  so  lange  Faden  aus  Geduld  und  Baumwolle  ziehen 
muBte,  eh'  sie  darin  ihre  diinnen  Viktualien  zusammenfing.  -  Ich 
lockerte  mich  sogar  durch  Wortspiele  weicher  auf  und  durch 
Belesenheit,  indem  ich  mich  bemerken  lieB,  wie  wenig  Benk,  das 
nach  Professor  Langs1  Ableitung  von  einer  Bank  an  einer  Quelle 
fur  Wallfahrter  nach  Harsdorf  den  Namen  bekam,  dem  feurigen 
armen  Teufel  eine  Bank  oder  eine  Quelle  gebe,  hochstens  eine 

20  Ruderbank  und  eine  Hungerquelle-  Und  dann  stellt'  ich  um  den 
Jungen  die  ganze  eingesperrte  verdorrende  Poularderie  von  ar- 
men Kindern,  die  mit  ihrem  feurigen  Geader  und  zuckenden  Ner- 
vengewebe  aufs  Spinnrad  geflochten  werden  -  den  ganzen  Tag 
hungernd  und  mehr  von  den  Gespielen  als  der  Mutter  erbettelnd 
-  in  die  schwarze  Hohle  der  Spinnstube  geklebt  -  neben  geiBeln- 
den  Kerkermeistern  und  Mitarbeitern  von  alien  Kinderspielen 
durch  ihr  Stachelrad  getrennt  -  bleicher  als  ihr  Gam,  ohne  zu 
erbleichen  -  schlaff,  miide,  nur  durch  umtreibenden  Magensaft 
noch  eingeolt,  unreif  und  wachsend  ohne  Jugend  -  und  das  auf 

30  einer  Erde,  wo  die  Jugend  doch  die  Villegiatura  des  Lebens 
ist,  und  wo  wir  uns  mehr  laben,  indem  wir  uns  umschauen,  als 

indem  wir  vorwarts  blicken ich  will  mich  nicht  mehr  nach 

dem  kleinen  Benker  pauvre  honteux  umsehen;  aber  ihr  Men- 
schen,  ol  macht  nur  wenigstens  die  Menschen  gliicklich,  die  es 

1  Lang.  Opuscul.  hist,  pontif,  relig.  vestig.  in  superior.  Burggrav.  Norici 
terr.  apparent,  exhibituri  Particul.  I. 


77<$  PALINGENESIEN 

am  leichtesten,  am  unschuldigsten,  am  langsten  werden,  die  Kin- 
der!1 - 

Als  ich  vor  Baireuth  kam,  das  so  heiter  wie  ein  Lustlager  vor 
mir  war,  ging  ich  um  dasselbe  herum:  bloB  den  Hornrichter  lieB 
ich  mit  dem  Furierzettel  im  Gasthof  zur  Sonne  um  das  Zimmer 
anhalten,  worin  einmal  Siebenkas  und  Leibgeber  (s.  3.  T.  der 
Blumenstucke)  gewohnet  und  geliebet  hatten.  Ich  aber  zog  nach 
Eremitage,  fast  bloB  um  wieder  abends  nach  Hause  zu  gehen,  wie 
Siebenkas  in  der  Biographic,  und  um,  wie  er,  vorher  durch  das 
Baumdorf  Johannis  zu  kommen:  ich  flicke  ungemein  gern  die 
von  mir  geschriebnen  Bocks-  und  Trauerspiele  selber  als  Force- 
rollen  in  mein  Leben  ein  und  bin  der  Theaterdichter  und  die 
spielende  Truppe  zugleich. 

In  Eremitage  saB  Baireuth  ohne  die  Hauser  -  gedeckte  Tisch- 
chen  unter  Baumen  standen  als  Sozietatsinseln  da  und  teilten  den 
langen  bunten  Flor  in  Rabatten  ab  -  ein  Konzerttisch  setzte  die 
Passionsgeschichte  derer,  tiber  die  man  sprach,  in  Musik  von 
Graun  -  alle  Ostergaste  saBen  in  himmlischen  verklarten  Klei- 
dern  aus  dem  Heiligen  Grabe  erstanden  da  -  ich  allein  sah'  in 
meinen  aus,  als  wollte  man  mich  erst  in  eines  senken.  s 

Schon  iiberhaupt  brachte  es  der  Verfasser  der  Palingenesien 
durch  alien  Kleider-  und  Schneider -Wechsel  nie  dahin,  daB  ihm 
sein  Habit  so  glatt  und  nett  gesessen  hatte  wie  einer  Statue  das 
nasse  Gewand  -  entweder  saB  er  an  wie  ein  Wappenrock,  oder 
er  war  defekt  wie  ein  Leichentalar  -  ja  und  wenn  die  ganze  Pariser 
Schneider-Gilde  mir  einen  vollstandigen  Anzug  anmaBe  und  sich 
auf  den  Tisch  setzte  und  ihn  inKompagnie  ausnahete  undsteppte, 
so  bin  ich  iiberzeugt,  ich  wiirde  doch,  wenn  ich  ihn  anbekame, 
darin  aussehen  wie  ein  gekronter  Kaiser  in  der  Dalmatica,  der 
Alba,  der  Stola  und  dem  Chormantel  und  SchweiBtuch.  So  er-  3 
geht  es  schon  meiner  Pariire. 

Im  demi-neglige  und  en  chenille  fahr*  ich  noch  schlechter. 
Eben  in  Eremitage  trug  ich  einen  Staub-  und  Pudermantel  von 
Oberrock,  worin  ich  durch  seine  AuBenwerke  und  Eckschranke 

1  Das  frohere  Kind  ist  iiberall  das  bessere,  und  die  Not  ist  die  Mutter  der 
Kiinste,  aber  auch  die  GroBmutter  der  Laster. 


ZWEITER  REISE-ANZEIGER  777 

voll  Papiere  fur  zweite  Eclitionen  einen  solchen  Abstich  mit  den 
ins  reine  geschriebnen  Baireuthern  machte,  daB  einer  und  der 
andere  mich  Heimlich  auslachte.  Das  nahm  ich  mir  sogleich  vor 
zu  erwidern :  ich  setzte  mich  an  ein  leeres  Trinktischchen,  stellte 
den  Stockknopf  darauf,  zog  die  Handschriften  aus  den  Arbeits- 
beuteln  und  arbeitete  offentlich  unter  den  Baumen  Satiren  um. 
Sooft  ein  paar  Leute  vor  dem  Schreiber  im  Nachtmantel  mit  hoh- 
nisch-verzognem  Munde  voriibergingen,  besserte  er  die  Papiere 
wilder  um  und  flocht  den  personlichen  Raptus  ein.  Um  des  Him- 
10  mels  willen  greife  man  literarische  Passanten  sanft  an:  sie  kehren 
sich  sonst  stoBig  und  beiftend  wie  angeschossene  Elefanten  gegen 
die  Stadt  und  trampeln  auf  den  Negernhutten  herum!  -  Die  Ar- 
beit ist  zugleich  mein  viertes  Werk  vor  Niirnberg  und  kommt 
jetzt  herein  unter  dem  Titel: 

Statuten  der  historischen  So{ietdten  in  Baireuth,  Hof^  Erlangen  und 
andern  Stadten. 

»Es  gibt  meines  Wissens  keinen  szientifischen  Zweig,  der  sich 
riihmen  kann,  so  ausgebreitet  -  ich  meine  von  2300  deutschen 
Stadten,  noch  mehrerern  Marktflecken  und  von  82000  Dorfern 

zo  -  oder  so  allgemein  -  kein  Stand,  kein  Geschlecht,  kein  Alter  ist 
ausgenommen  -  oder  so  unausgesetzt  -  namlich  jahraus,  jahrein, 
an  BuB-,  Hochzeit-  und  Sterbetagen  -  und  so  eifrig  -  weil  viele 
gar  nichts  anders  machen  und  darein  versenkt  wie  Sokrates  und 
Archimedes  auf  den  Gassen  stehen  -  bearbeitet  zu  werden  als  die 
Geschichte.  Ich  spreche  hier  nicht  von  der  alten  Geschichte  -  ob- 
gleich  bisher  jedes  Jahr  aus  dem  Fliigel  der  Zeit  eine  Feder  zog 
und  damit  eine  neue  alte  schrieb,  so  daB  einer  schon  viele  histo- 
rische  Kenntnisse  von  den  neuern  Zeiten  hat,  der  weiB,  was  darin 
uber  die  altesten  geschrieben  worden  -,  sondern  ich  meine  die 

30  neueste,  die  vaterlandische,  vaterstadtischej  fiir  die  es  jetzt,  nach 
Maupertuis*  vorgeschlagnem  Muster  einer  lateinischen  Stadt,  or- 
dentliche  historische  Stadte  gibt.  Wenn  auf  den  dicksten  Asten 
des  Baums  der  historischen  Erkenntnis  ganze  Akademien  hor- 
sten,  und  Zeitungs-  und  Programmenschreiber  als  Schneider- 
vogel  auf  dessen  diinnsten  auBersten  Zweigen  nisten:  so  sen'  ich 


778  PALINGENESIEN 

die  historischen  Blattminierer  die  Blatter  desselben  bewohnen 
und  bearbeiten  und  gut  verdauen.  Doch  glaub'  ich,  wurde  dieses 
Studium  der  neuesten  Geschichte  zu  wenig  oder  nichts  gefiihret 
haben  ohne  die  spezialhistorischen  Sozietaten,  die  ich  beschreiben 
will. 

Die  Akademisten  derselben  halten  ihre  Sessionen,  wie  es  trifft. 
Keiner  hat  etwas  aufgeschrieben,  sondern  sagt  seine  Ausarbeitung 
auswendig  her.  Em  Geschichtsforscher  dieser  Art  und  noch  mehr 
seine  Frau,  die  Geschichtsforscherin,  sieht  nichts  fur  unbedeu- 
tend  an  und  schildert  nicht,  wie  Rousseau  der  Historie  vorwirft, 
Konige  und  Kriege,  sondern  den  Menschen  im  Schlafrock.  Sie 
Hefern  zwar  die  Walchische  Kirchen-  und  Ketzergeschichte  dasi- 
ger  Geistlichkeit,  Fischers  Geschichte  des  Hofer,  Baireuther  etc. 
Handels  oder  die  Statistik  eines  einzelnen  Hauses,  seiner  Tafel- 
giiter,  seiner  Nationalschulden,  seiner  Regierungsform,  aber  sie 
denken  darum  nicht  von  dem  Martyrologium  hohler  Zahne,  von 
den  Confessions  eines  Wochenkindes  oder  von  den  Personalien 
einer  SchoBkatze  geringe.  -  Synchronologie  fodert  ihren  eignen 
Mann  und  ihre  eigne  Frau,  namlich  eine  alte.  Manche  tragen  aus 
Liebe  zur  Wahrheit  wie  Xenophon  und  Casar  keine  Geschichte  ; 
vor  als  ihre  eigne.  -  Viele  bearbeiten  den  historischen  Roman 
und  fmgieren  gut.  -  Redliche  Konsistorialrate  schwarzen  nicht 
wieBahrdt  in  Halle  Dogmatik  unter  demNamen  Kirshengeschichte 
ein,  sondern  Kirchengeschichte  unter  dem  Namen  Dogmatik  und 
machen  Ketzereien  zum  Vehikel  der  Personalien.  -  Die  beson- 
dern  Konzilien  der  einen  Gasse  liefern  ihre  Konzilienakten  an  die 
Konzilien  der  andern  ab  und  diese  an  jene.  -  Verscheidet  ein  In- 
wohner,  so  fangt  der  Geschichts-Ort  erst  recht  an  zu  leben  und 
geht  hin  und  verfaBt  den  Nekrolog  oder  auch  das  Tyburn  Chron- 
icle. —  Will  einer  ans  Licht  der  Welt,  so  ist  man,  eh'  ers  erblickt,  = 
imstande,  eine  so  gute  Biographie  von  ihm  zu  liefern,  als  die 
Portugiesen  von  der  Marie  abfaBten,  da  sie  noch  im  Mutterleibe 
der  heiligen  Anna  war.1  -  Biischings  wochentliche  Nachrichten 

1  Jung  in  seinen  Nachrichten  von  der  portugiesischen  Literatur  gibt  wirk- 
lich  S.  28  von  einer  solchen  Biographie,  ja  von  einer  Epopoe  de  conceptione 
Mariae  Nachricht. 


ZWEITER  REISE-ANZEIGER  779 

liefert  jede  Frau,  die  Sonntags  einen  Kopf  und  einen  Friseur  dazu 

hat,  und  ihre  eheliche  Treue  ist  oft  bei  seiner  historischen. 

AuBer  den  historischen  Hiilfswissenschaften-  der  Archaologie, 
Genealogie,  Miinzwissenschaft  -  hat  ein  solcher  Spezial-Livius 
(oder  Livia),  Spezial-Cornelius  (oder  Cornelia),  Gibbon  (oder 
MiO  Gibbon)  noch  die  besten  korrespondierenden  Mitglieder, 
namlich  die  Bedienten,  die  Wartfrau,  die  Hebamme,  den  Balbier 
und  die  Mamsell.  -  Wie  Ritter  Michaelis  denen,  die  nach  dem 
Orient  reiseten,  wichtige  Fragen  mitgab,  so  zeigen  Stadt-  und 

io  Gassenhistoriker  ihren  Kindern  die  erheblichern  historischen 
Liicken  an,  die  sie  in  fremden  Hausern  auszufiillen  haben.  Ja 
machen  sie  sich  nicht  selber  auf  und  bereisen,  wie  griechische 
Geschichtschreiber  die  Lander  ihrer  Annalen,  die  Hauser  derer 
ofters,  an  deren  Chronik  sie  gehen  wollen?  1st  das  Kirchengehen 
-  so  wie  die  alten  Historiker  ihre  groBe  Tour  oft  durch  Tempel 
nahmen,  urn  aus  ihren  Inschriften  einzuernten  -  nicht  ebensosehr 
den  historischen  Kenntnissen  bestimmt  als  den  religiosen?  -  Und 
ist  denn  nicht  jeder  Tanzsaal,  jede  Frontloge,  jeder  Lustort,  jeder 
EBsaal  ein  Salon  de  la  correspondance  wie  der  des  Herrn  de  la 

20  Blancherie  in  Paris?  - 

Es  gibt  dann  wenige,  die  in  der  akademischen  Sitzung  ihre 
Ephemeriden  nicht  in  jenem  einfaltigen  Stile  des  Polybs  vortra- 
gen,  den  Monboddo  so  hoch  iiber  Tacitus  seinen  stellt.  Die 
Hauptfoderung,  die  Dionys  von  HalikarnaB  an  Historiker  macht, 
als  solche  keine  Religion,  keine  Freundschaft  und  kein  Vaterland 
zu  haben,  befriedigen  viele.  Anlangend  ihre  Wahrhaftigkeit,  so 
ist  .sie  vielleicht  nicht  klein,  wenn  die  Erfahrung  wahr  ist,  dafi 
jeder  dem  andern  widerspricht;  denn  wenn  Chrysostomus  schon 
aus  der  so  wenlg  bedeutenden  Disharmonie  der  Evangelisten  auf 

30  ihre  Glaubwiirdigkeit  zu  schlieBen  riet,  weil  sie  den  Verdacht  der 
Verabredung  abwendet,  so  lass'  ich  jeden  selber  ermessen,  wie 
groB  erst  die  Glaubwiirdigkeit  von  Historikern  sein  mag,  deren 
Disharmonie  zehnmal  groBer  ist  und  also  der  Argwohn  der  Ver- 
abredung zehnmal  geringer.«... 

So  weit  war  ich,  als  ich  merkte,  daB  man  an  einigen  Tischen 
iiber  mein  Schreiben  rede;  ich  fuhr  aber  gelassen  fort: 


780  PALINGENESIEN 

»Viele  solcher  Rhapsoden  mengen  in  ihre  Spezial-Quotidienne, 
gleich  Voltairen,  Satire  oder  sogenannte  Verleumdung;  aber  sie 
billigen  nie  die  Verleumdungen  anderer  Spezialhistoriker,  ja  sie 
klagen  iiber  die  Medisance  der  Stadt.  So  loben  und  beleidigen 
jetzige  Dichter  die  Tugend  auf  einem  Blatte.  Oberhaupt  achten 
Poeten,  Philosophen  und  deren  Leser  die  Tugend  wie  die  Mexi- 
kaner  ihr  unsagliches  Gold  so  hoch,  daB  sie  jene,  wie  die  Ameri- 
kaner  dieses,  bloB  zur  Ausschmiickung  der  Tempel  verbrauchen 
und  aus  Ehrfurcht  nicht  als  Kurrentgeld  im  Handel  und  Wandel 
kursieren  lassen...« 

Jetzt  gingen  zwei  herrlich  eingekleidete  Herren  nahe  vorbei 
und  lachten  den  Schreiber  der  Reise-Anzeiger  aus;  er  fuhr  aber 
gelassen  fort,  wiewohl  mit  weniger  Zusammenhang: 

»Immer  mehr  Gift  find'  ich  in  Historikern,  in  Arsenik  und  in 
Brillen-Schlangen,  je  heller  und  schoner  ihre  AuBenseite  ist. 
Wenn  daher  der  romische  Prator  seinen  Purpur-  und  Galarock 
abwarf,  urn  jemand  zu  verdammen:  so  zieht  man  jetzt  eben  den 
besten  an,  wenn  man  ausgeht,  iiber  jemand  den  Stab  zu  brechen. 
Und  iiberhaupt  schenk*  ich  dem  Elegant  mein  ganzes  Mitleiden 
und  kann  ihm  doch  nicht  helfen.  Was  hat  ein  solcher  Mensch  ge-  : 
tan,  daB  ihm  jeden  Morgen  -  in  Gerichtsstuben  die  gewohnliche 
Zeit  der  Folter  —  der  Haarkrausler  mit  gluhenden  Zangen  die 
tadellosen  Haare  zwickt  und  ihm  einen  danischen  Mantel  oder 
Marterkittel  (den  Pudermantel)  umhangt  -  daB  ihm  der  Schuster 
an  die  krankenFiiBe,  da  derKriminalist  sonst  nur  gesunde  foltert, 
enge  Schuhe,  d.  h.  kiirzere  spanische  Stiefel  anlegt?  Ist  es  erlaubt, 
daB  ein  solcher  biiBender  Bruder  -  angeschlossen  ans  Zank-  und 
Halseisen  der  Wulst-Krawatte,  liegend  in  der  tratto  di  corda  der 
Strumpfbander  und  knappen  Doppel-Hosen,  und  iiberhaupt  an 
Haupt  und  Haar,  an  Hals  und  Hand  zugleich  gestraft  -  die  Dor- 
nenkrone  aus  Haarnadeln  oder  Papillptten  oder  engem  Filze  auf- 
bekommt,  daB  ihm  ein  Herodes-Purpurmantel  und  ein  Sansku- 
lotten-Zepter  zur  Schmach  gegeben  wird-  daB  er  Essig  an  seinem 
Kreuze  fodert  (iim  seine  Taille  mager  zu  machen)  und  daB  er 
so  den  ganzen  Tag  gekreuzigt  wird,  bis  er  abends  das  Haupt 
neigt  und  -  einschlaft?  Warum,  wenn  die  Kartesianer  die  Tiere 


ZWEITER  REISE-ANZEIGER  78  I 

darum  fur  Maschinen  erklarten,  weil  ihre  Martern  sich  im  Falle 
der  Empfindung  nicht  mit  ihrer  Unschuld  reimen  lieBen,  warum 
hilft  man  sich  nicht  ebensogut  bei  den  schuldlosen  Blutzeugen 
des  Putzes,  denen  ein  ebenso  herbes  Schicksal  als  den  Tieren  be- 
schieden  ist,  und  nimmt  an,  daB  sie  ebensogut  Maschinen  sind 
ohne  die  geringste  Empfindung ?«... 

Jetzt  wurd'  es  immer  leerer  und  stiller  um  mich;  ich  fuhr  aber 
kaltsinnig  fort: 

»Mich  dunkt  (damit  ich  wieder  zuriickkomme),  nur  eine  solche 

10  Vereinigung  von  Historikern  und  deren  Sessionen  (wofur  sie 
nicht  wie  die  vierzig  Akademiker  in  Paris  von  jeder  einen  Silber- 
pfennig  bekommen,  sondern  nur  das  wenige,  was  sie  wie  in  einem 
Weinberg  mehr  in  den  Mund  als  in  die  Tasche  stecken)  konnte  es 
moglich,  nur  eine  solche  Zahl  von  Mitarbeitern  -  die  selten  klei- 
ner  ist  als  die  der  Volksmenge  in  einer  Stadt  und  die  also  meistens 
groBer  ist  als  die  der  achtundzwanzigtausend  franzosischer  Ge- 
schichtsschreiber,  welche  Le  Long  namentlich  auffuhrt  —  konnt' 
es  wirklich  machen,  daB  jede  spezialhistorische  Gasse  weiB,  wie 
viel  Rockknopfe,  geheime  Schulden,  Hoffnungen,  Hemden,  Kin- 

20  der  und  Briefe  jeder  gegebene  Mensch  hat.  Spezialhistorischen 
Korporationen  und  Primarversammlungen  wiird'  es  z.  B.  ein 
Leichtes  sein,  von  StuBen  folgendes  drei  Stunden  nach  seiner  An- 
kunft  ausgemittelt  zu  haben:  >Ein  Hornrichter  ist  der  Mensch? 
und  hat  in  Niirnberg  gelernt  und  pekziert?  Das  lass'  ich  zu.  - 
Metiger  hieB  sein  Niirnberger  Meister?  So!  -  Er  sieht  nichts 
gleich,  und  viel  hat  er  wohl  nicht  im  Mantelsack?  Nicht?  -  Der 
Mensch  soil  schon  tolles  Zeug  geschrieben  haben;  wie?<  -  Das 
war  aber  ich,  nicht  StuB. 

Es  ware  unbegreiflich,  warum  aus  so  vielen  mundlichen  Nou- 

30  velles  a  la  main  nicht  mehrere  Vorteile  fur  die  grofle  chronique 
scandaleuse  der  Menschheitj  fiir  die  Weltgeschichte  gewonnen 
wiirden,  wenn  man  nicht  wiiBte,  daB  die  kleinern  argerlichen 
Chroniken  nie  gedruckt  werden,  und  zwar  aus  einem  sonder- 
baren  Naturgesetz. 

Es  ist  dieses,  daB  das  Wunderbare  und  Wichtige  die  Menschen 
nur  im  umgekehrten  Verhaltnis  seiner  Entfernung  reizt.  Z.  B. 


782  PALINGENESIEN 

Fur  die  Stadt  selber  ist  immer  die  Geburt  einesKindes  interessant 
genug;  aber  zwei  Wersten  davon  tuns  nur  Zwillinge,  drei  Wer- 
sten  Drillinge,  und  so  muB  man  mit  den  Wersten  die  Geburten 
haufen,  die  zuletzt  ohne  Abbruch  des  Interesse  gar  keine  Men- 
schen  mehr  sein  konnen,  sondern  greuliche  MiBgeburten.  Lieber 
priigle  ein  in  Baireuth  angesessener  Mann  seinen  Bedienten  oben- 
hin  aus  -  oder  ein  Schutzverwandter  seine  Frau,  ich  sen'  es  lieber 
und  werde  mein  Referat  davon  den  Baireuthern  mit  groBerem 
Gliicke  machen,  als  wenn  ein  Westindier  seinen  Neger  zerschnitzt 
und  lebendig  gerbt  und  ich  mit  der  Nachricht  davon  zu  gefallen  10 
habe:  ja  wenn  er  mit  den  groBten  Qualen  den  Schwarzen  durch 
eine  Dampfnudelmaschine  preBte,  so  bliebe  doch  immer  West- 
indien  auBer  der  Stadt.  So  geht  die  Geschichte  mit  zunehmender 
Nahe  und  abnehmenden  Wundern  und  bleibendem  Interesse  von 
Herschels  Universalhistorie  des  Universums  durch  die  Reichs- 
geschichte  der  Erde  in  die  Gassengeschichte  -  Eckhausepheme- 
riden  —  Alkoven-Moniteurs  —  Bette-Pseudoevangelien  und  noch 
weiter  herab  bis  zu  dem  Universitatsroman,  den  ich  einmal  mit 
einem  Madchen  in  einem  Muffe  spielte.  Ich  glaube,  ich  werde 
nachher  den  Roman  der  Welt  vergonnen,  aber  vorher  ist  noch  20 
eine  durchdachte  Erklarung  des  vorigen  Phanomens  zu  geben. 
Sie  ist  diese,  daB  ein  fremdes  Ich  als  Ich,  ohne  Riicksicht  auf 
Menschenliebe  und  Eigennutz,  eine  solche  Allmacht  an  uns  aus- 
ubt,  daB  Wahrheiten  —  daher  die  Wirkung  dramatischer  Einklei- 
dungen  -  und  Tugenden  -  daher  die  Allgewalt  der  Beispiele  - 
und  die  ganze  physische  Welt1  erst  als  Zustande  eines  Ichs  uns 
am  tiefsten  ergreifen.  Daher  kommt  die  Neigung  der  Gelehrten 
fur  Literargeschichte  und  Johnsons  Erhebung  der  Biographie 
iiber  die  Welthistorie,  weil  in  dieser  die  Geisterwelt  unkenntlicher 
ferner  Ichs  in  eine  bloBe  verworrene  Korper-  und  Schattenwelt  30 
zerlauft.  In  den  Spezialkarten  und  in  den  Spezialhistorien  stecken, 
wenn  sie  alle  da  sind,  die  allgemeinen,  aber  nicht  umgekehrt; 
allein  in  diesem  Sinn  gibt  es  nur  einen  einzigen  Spezialhistoriker 

1  Sogar  die  groflen  Erscheinungen  des  korperlichen  Weltalles  nehmen 
einen  Teil  ihres  Reizes  von  der  heimlich  zu  einem  Ich  personifizierten  Natur 
oder  vom  Glauben  her,  dafi  sie  Aufierungen  des  unendlichen  Ur-Ichs  sind. 


ZWEITER  REISE-ANZEIGER  783 

und  Geographen,  den  Urheber  des  gelehrten  Deutschlands  so- 
wohl  als  des  ungelehrten  und  der  iibrigen  Welten.« 

Ich  sah*  auf,  und  es  waren  alle  Baireuther  fort,  nur  eine  Frau 
schauete  sich  noch  im  WagenfuBtritt  um  und  erwog,  ob  sie  mich 
kenne.  Ich  kannte  sie  recht  gut,  es  war  dieselbe  Betta  (Lieschen), 
mit  der  ich  im  gedachten  Muff  den  Universitats-Roman  gespielet 
und  mich  darin  verlobet  hatte.  Sie  hatte  sich  nachher  auch  auBer- 
halb  des  MufTes  mit  einem  gewissen  Herrn  P.  verlobt  und  ihn 
allein  geheiratet.  Ich  will  meine  Sponsalien  im  Federmuff  dem 
10  Leser  geben,  da  sie  ohnehin  mein  funftes  Werk  vor  Nurnberg 
sind: 

Die  Sponsalien  im  Muff. 

Es  war  in  den  Achtziger  Jahren,  daB  ich  an  einem  kalten  Tho- 
masabend  mit  Betta  und  deren  riickwarts  sitzendem  Vater  von 
Eremitage  nach  Hause  fuhr.  Ich  hatte  den  linken  Handschuh  ver- 
loren,  den  man  erst  den  andern  Tag  in  der  linken  Tasche  wieder- 
fand,  und  der  Dezember  setzte  der  linken  Hand,  meinem  einzigen 
Bassisten  furs  Klavier,  so  heftig  zu,  daB  ich  Vater  und  Kind  um 
ein  Lager  in  der  Dachsrohre  des  MufTes  ansprach.  Betta  zog  so- 

20  .gleich  ihre  linke  heraus,  legte  sie  unter  ihn  und  schob  ihn  mit 
ihrer  noch  darin  wohnhaften  rechten  und  mit  seiner  Freiheit  von 
Einquartierungen  mir  zu.  Ich  fuhr  in  den  Dachsbau  hinein.  An- 
fangs  schlief  die  Hand  aus,  um  nur  warm  und  auch  einheimisch 
zu  werden:  nach  und  nach  unterschied  sie  in  der  Finsternis  des 
Gefuhls  die  Objekte.  Ein  langer  Muffschweif  lag  als  Bettroddel 
oder  Bettzopf  quer  auf  ihr.  Ich  richtete  sie  darunter  in  die  Hohe 
und  bemachtigte  mich  des  Weihwedels  und  facherte  mit  ihm  in 
die  Feme,  weil  ich,  bevor  ich  im  Winterquartier  etwas  von  Be- 
lang  vornahm,  wissen  muBte,  wie  weit  die  feindliche  Hand  von 

30  mir  liege.  Ganz  an  der  Schwelle  des  Muffs  wie  in  einem  Schmoll- 
winkel  hielt  sich  die  feindliche  Landung  auf.  Ich  kroch  auf  den 
Fingern  —  den  Streitflegel  zwischen  dem  Daum  und  Zeigefmger  - 
durch  den  ganzen  Warmkorb  und  beunruhigte  nun  mit  meinem 
Wedel  Betten  ernsthafter.  AuBen  aber,  namlich  mit  den  Ge- 


784  PALINGENESIEN 

sichtern  saBen  wir  beide  ruhig  vor  dem  Vater,  und  ich  erteilte  ihm 
unbefangen  zuverlassigere  Nachrichten  vom  russischen  Kriegs- 
feuer  in  Taurien  wahrend  des  meinigen  im  MufF.  Die  Umstande 
batten  sich  so  geandert,  daB  ich  nun  mit  meiner  Feldschlange 
fast  alle  Finger  Bettens  bestrich.  In  der  Angst- von  meinen  Fin- 
gern  umzingelt  -  und  iiberhaupt  im  Gesmppe  und  Dickicht  der 
Haare  -  und  unter  dem  Kometenschweif  am  Himmel  -  tut  Betta 
einen  der  kiihnsten  Ausfalle  und  fangt  den  Wedel. 

Jetzt  brach  auf  dem  Kriegsschauplatze  des  Muffs  das  Kriegs- 
feuer  erst  recht  los:  ich  gab  den  Wedel  auf  keine  Weise  her  -  in  10 
entgegengesetzten  Richtungen  wurde  ungemein  gezogen,  vorn 
wie  hinten  fiinfspannig  -  Betta  fassete  einen  langern  Schaft  von 
meinem  Labarum,  ich  tat  sogleich  dasselbe  -  nicht  flinf  Haare 
Iagen  mehr  zwischen  den  feindlichen  und  meinen  Fingern  -  ganz 

erbittert  wurde  gezerrt auf  einmal  lieB  ich  aus  Kriegslist 

fahren,  und  der  Wedel  riB  ab,  und  Betta  hatt'  ihn  in  der  Hand 

»So  daB  also  Katharina  II.«  (fuhr  ich  vor  dem  Vater  fort  und 

tat,  als  wenn  ich  iiber  nichts  lachte  als  iiber  die  Kaiserin  aller 
ReuBen)  »durch  die  Akquisition  jetzt  wh-klich  ein  Bassa  von 
einem  RoBschweif  ist.  -  20 

Es  war  bei  einiger  Aufmerksamkeit  leicht  vorauszusehen,  daB 
mein  Verlust  des  Wedels,  meiner  Standarte,  die  besten  Folgen 
fur  den  Hausvertrag  und  Burgfrieden  im  Muffe  nach  sich  ziehen 
miiBte:  ein  Fehler,  den  ein  Madchen  mit  uns  gemeinschaftlich 
veriibt,  ist  ein  Mortel  und  Mundleim  zwischen  ihr  und  dem  Mit- 
schuldigen.  Ich  stellte  sogleich  alle  Feindseligkeiten  im  Portativ- 
ofen  ein3  ging  zia  ihrer  Hand  und  bot  ihr  meine  zUm  Frieden :  die 
Friedensartikel  mochten  nun  durch  einen  leisen  Handschlag,  wie 
bei  den  alten  Deutschen,  oder  durch  einen  stummen  Schwur  rati- 
fiziert  werden,  so  waren  aufgehobene  Finger  notwendig.  30 

Als  aber  ihre  Hand  schlaff  auf  dem  warmen  Feldbette  der  Ehre 
und  auf  dem  Wedel  ruhte  undmichargerte:konnt'  ichzumFaust- 
oder  Fingerrechte  greifen  und  sie  selber  inhaftieren.  Ich  okku- 
pierte  einen  Nagel  und  ein  Fingerglied  nach  dem  andern  -  aber 
ihre  Hand  schien  wie  die  des  Ritters  Gotz  und  der  Gorgonen  von 
Eisen  zu  sein  -  der  Briefschwerer  meiner  Hand  legte  den  Druck 


ZWEITER  REISE-ANZEIGER  785 

der  Abgaben  erst  auf  ihre  ganze  -  es  blieb,  wie  es  war  —  ich  ver- 
teilte  dann  den  Druck  auf  einzelne  Glieder  -  diese  regten  sich 
zerstreuet  -  ich  machte  sofort  die  groBten  Laufer  auf  ihrer  Stan- 
genharmonika  -  nun  war  im  Pankratium  und  Ringen  aller  Finger 
nichts  mehr  zu  unterscheiden  als  mein  Himmel  -  das  Hexenpan- 
tofTelein  des  P.  Fulgentius  oder  den  Wetterableiter,  namlich  den 
Fliegenwedel  hatt'  ich  ihr  aus  der  Hand  gezogen  -  ich  saB  bald 
unter,  bald  auf  der  Hand  und  dehnte  mich  aus  und  streifte  bis 
an  den  Puis,  diesen  Referenten  und  nachschlagenden  Hochwach- 

10  ter  des  Herzens  -  Welche  himmlische  Quintette  der  Finger,  die 
im  FedermufFe  so  gut  wie  in  einer  Gerichtsstube  Schwurfinger 
waren  und  gottliche  Personen  reprasentiertenl  Welche  hausliche 
Gliickseligkeit  im  Federbette  eines  Federmuffs,  der  vorher  eine 
Kriegsgurgel  war !  -  Da  ichs  satt  hatte,  im  Freien  vor  dem  Schwie- 
gervater  iiber  die  eroberte  Krim  verdruBliche  Gesichter  mitten 

-  in  den  MufTbelustigungen  zu  schneiden:  so  pries  ich  ihm  zum 
Deckmantel  vergniigter  Mienen  die  Zarin  an  und  setzte  ihn  (denn 
er  dachte,  ich  meine  die  Petersburger)  durch  die  Rede  in  Erstau- 
nen:  »Sie  HeB  den  Zankapfel  oder  ZankroBschweif  willig  fahren, 

zo  ob  sie  gleich  lange  Hande  hat,  gleichsam  Hande  von  Vandyk;  sie 
besitzt  ein  herrliches  Herz  und  meines  dazu...«  Aber  der  Schlit- 
ten  stand  und  schellete  aus:  ich  raumte  die  anglisierte  Hand- 
Wildschur,  und  nie  lag  ich  wieder  da  im  Winterquartier.  Unter 
andern  Giitern  zog  ich  Betten  auch  das  Schwanzchen  des  Muffes 
ein,  das  ich  diebisch  in  die  Hand  einpackte  und  mitnahm.  Noch 
wird  der  Wedel  in  meinem  Hause  vornehmen  Fremden  vorge- 
zeigt  und  gesagt:  »Das  ist  das  Seil  der  Liebe,  womit  Jean  Paul 
wahrend  seiner  Ehe  zur  linken  Hand  im  Baireuther  Federmuff  so 
glucklich  zog!« 

30  Ende  des  fiinften  Werks  vor  Niirnberg. 

Ich  machte  mich  allein  im  goldgriinen  Abend  auf  und  nahm 
mein  DintenfaB  wieder  zum  Gehen;  merkte  aber,  dafi  ich  mich  in 
das  Utopien  der  Sehnsucht  hineingeschrieben  hatte :  unsere  ver- 
lorne  Empfindung,  nicht  der  Gegenstand  derselben,  die  vorige 
Liebe,  nicht  die  vorige  Geliebte  ruhen  fest  iiber  uns  und  werfen 


786  PALING  EN  ESI  EN 

durch  lange  wolkige  Jahre  die  Warme  herab.  Die  magische  Zeit 
und  die  magische  Nachbarschaft  fuhrten  nicht  nur  alle  meine 
vorigen  Alonza  Lorenzos  von  Toboso  mit  ihren  Kronen,  son- 
dern  auch  alle  Lorenzos  von  Calais  mit  ihren  Tabaksdosen  vor 
mein  Herz  -  und  an  der  Spitze  der  letztern  flog  der  Doppeladler, 
Siebenkas  und  sein  Leibgeber,  und  ihre  erleuchteten  Gesichter 
waren  nach  dem  grofien  Abend  gerichtet,  wo  sie  den  hohen  Fiir- 
stenbund  helfender  Freundschaft  im  nahen  Waldchcn  der  Ere- 
mitage  zusammenkniend  beschworen  hatten. 

Ich  machte  mich  sogleich  ins  Waldchen,  trat  auf  dem  gelobten  10 
Lande  und  Sitze  jener  Seligen,  die  ich  selber  der  Welt  beschrieben 
hatte,  unter  seltenen  Gefiihlen  auf  und  unter  holden  Grenzstrei- 
tigkeiten  und  Grenzverriickungen  des  Ideals  und  der  Wirklich- 
keit  und  wurde  erst  spat  jener  Botenbleche  an  den  Baumen  an- 
sichtig,  die  mir  so  gut  bekannt  waren  als  einem.  Es  schlugen 
namlich  in  den  Regenmonaten  der  Literatur,  in  der  sogenannten 
empfindsamen  Dekade,  viele  Baireuther  von  Empfindung  hand- 
grofie  Bleche,  auf  welche  ein  Seufzer  oder  eine  Trane  mit  Metall- 
schrift  poetisch  eingeatzet  war,  mitten  an  die  Stamme  an,  etwas 
hoher  als  die  Blech-Kordons  an  Taubenhausern  gegen  Katzen  20 
sitzen:  die  Votiv-  und  Opfertafel  sollte  mit  ihrem  Verse  fur 
irgendeine  Geliebte  eine  Belagerungs-  oder  auch  Huldigungs- 
munze  abgeben.  Es  1st  eine  Schwache  des  Verfassers  der  Reise- 
Anzeiger,  daB  ihn  so  etwas  gleich  sehr  belustigt  und  erweicht: 
wo  er  nur  irgendwo  vor  der  Gottin  der  ewigen  Liebe  Feueran- 
beter  oder  Bilderdiener  auf  den  Knien  findet,  unter  welchem  tol- 
Ien  Fetisch  und  Bilde  sie  auch  verehret  werde,  oder  mit  welchen 
narrischen  Liturgien  und  Dankopfern  es  auch  geschehe,  oder  in 
welcher  Tochterkirche,  stets  wird  der  Verfasser  den  Durchgang 
durch  die  Kirche  mit  einem  SchuBgebete  (preces  ejaculator.)  neh-  30 
men  und  sein  Herz  zum  Repetierwerk  eines  jeden  fremden  ma- 
chen,  in  dem  die  Andacht  der  Liebe  schlagt. 

Muhsam  ging  ich  mit  dem  Augenglase  vor  dem  unter  die 
Stamme  verteilten  Stammbuch  aus  blechernen  Temperaments- 
blattern  auf  und  nieder,  um  es  herabzulesen:  endlich  trat  ich  unter 
ein  Blech  mit  dieser  Einladungsschrift  des  Herzens: 


ZWEITER  REISE-ANZEIGER  787 

Die  Au  verbliiht  - 
Das  Herz  vergliiht  - 
Der  Mensch  entflieht  - 
Ach,  Gute,  Hebe  mich! 

j-p- 

»J.  P.  ?«  (fragt'  ich)  »das  ist  ja  oftenbar  dieser  P.  -  dessen  Tauf- 
name  vermutlich  Joachim  oder  Jobst  oder  Joseph  ist  -,  welcher 
mir  die  Muff-Pugilistin  weggeehlicht  hat?«  -  Ich  arbeitete  mich 
in  meinem  bauschenden  Nachtmantel  denStamm  hinan  undbrach 

10  mir  den  eisernen  Brief  zum  Mitnehmen  aus:  »Lass*  ich  ihn  am 
Baum,«  sagt'  ich  unter  dem  Ausheben,  »so  lasset  ihn  die  litera- 
rische  Keuschheitskommission  der  schreibenden  Reisenden  oder ' 
der  reisenden  Schreiber  abdrucken  und  merkt  an:  J.  P.  (der  Spon- 
sus,  nicht  J.  P.  der  Mann)  hat  dieses  ZifTerblatt,  diesen  Aushange- 
bogen  seiner  Denkweise  offentlich  angenagelt  und  ad  valvas  tem- 
pli  affigiert.«  — 

Jetzt  erst  flog  ich  mit  meinem  Bleche  auf  einem  Himmelswagen 
(aus  der  Remise  der  Phantasie),  vor  den  sich  lauter  Traume  und 
Genien  spannten,  durch  das  Dorf  Johannis,  wodurch  mein  Sie- 

20  benkas  seine  Entziickungen  getragen  hatte,  nach  Baireuth. 

Der  erste  Anwurf  des  Friihlings  lag  an  den  Bergen  -  die  Sonne 
uberzog  ihn  mit  Glanz-Gold  -  die  frohen  Menschen  waren  vom 
Friihling  aus  der  bedeckten  Allee  des  bewolkten  Himmels  in  die 
offne  des  blauen  gefuhrt  -  auf  jeder  Seite  ging  neben  mir  ein 
Traum,  namlich  Natalie  und  Firmian  -  tief  in  meine  Brust  ver- 
barg  ich  die  edle  Hermina  mit  ihrem  feuchten  Auge,  vor  dem  ich 
meines  niederschlug  -  mein  tagliches  Pensum  einer  satirischen 
Umarbeitung  war  auch  schon  abgetan:  —  was  hatt'  ich  nun  im 
Gasthof  zur  Sonne  in  derselben  Brautkammer  des  Herzens,  wo 

30  Firmian  auf  den  Lippen  seines  Heinrichs  sein  Leben  suB  verloren 
und  siifier  gefunden  hatte,  noch  zu  wiinschen  oder  zu  tun?  - 
-  Nichts  tat  ich,  als  daB  ich  das  feuchte  Auge,  wovon  ich  sprach, 
ganz  vor  meiner  Seele  offnete  und  unaufhorlich  darein  schauete 
und  mich  nichts  mehr  um  meines  bekummerte... 


788  palingenesien 

Dritter  Reise-Anzeiger' 

Fata :  mem  Traum  -  und  ein  fremder  -  der  Brief 

Werke:  ob  nicht  dem  Mangel  an  Selbstrezensionen  der  Ablauf  der  empfind- 
samen  Kraftdekade  schuld  zu  geben? 

Vor  dem  Irimmelblauen  Ostermontage  erwacht'  ich  mit  verschlei- 
erten  Augen  des  innern  Menschen,  gleichsam  als  triig'  ich  die 
weggezogene  Nacht  in  der  Brust.  Ein  kurzer,  aber  harter  Traum 
hatte  sein  Trauerspiel  vor  mir  gegeben.  »Hermina«  (traumte  mir) 
»saB  in  einer  hellen  Sakristei,  worin  Mondschein  und  Sonnen- 
schein  nebeneinander  strahlten  -  das  Sonnenlicht  lag  wie  Mor-  10 
genrot  auf  ihrer  weiBen  Stirne  und  auf  dem  Herzen,  aber  urn 
Wangen  und  Lippen  war  bloB  Mondschein  -  und  ihr  Gesicht  und 
ihre  Hande  waren  ganz  naB.  —  Da  ich  sie  fragen  wollte,  Warum,  so 
wuchs  Mond-  und  Sonnenlicht  so  blendend  auf  ihr,  daB  ich  das 
Auge  weg-  und  in  eine  dunkle  lange  Kirche  wenden  muBte,  worin 
die  steinernen  Monche  und  alten  Fursten  sich  von  der  Wand  los- 
machten  und  losrangen  und  in  ihre  ofTnen  Erbbegrabnisse  hinein- 
zogen.  Plotzlich  kam  der  Taufengel  hernieder  und  hatte  die  gold- 
nen  Fliigel  wie  Arme  um  die  Gipsbiiste  Herminens  geschlagen 
und  sank  damit  in  den  ofFnen  FuBboden  hinein:  ach,  sagt*  ich,  ich  20 
weiB  es  schon,  du  bist  gestorben,  und  man  hat  dein  Angesicht  mit 
Ol  befeuchtet,  um  die  Biiste  davon  abzulosen.  Jetzt  wurdJ  es  noch 
heller,  und  ein  langer  Blitz  stand  hinter  mir,  aber  ich  konnte  mich 
nicht  mehr  umwenden  und  erwachte  unter  der  Arbeit  und  vor 

Qual. « 

Dieser  Traum  und  das  abgelosete  Blech  auf  dem  Tisch  hielten 
mir  das  Entfliehen  des  Menschen  und  das  haBliche  Verschieben 
unserer  Liebe  so  strafend  vor,  daB  ich  mich  entschloB,  heute  die 
strengsten  Reflexionen  iiber  mich  -  und  darum  eine  kurzere  Tag- 
reise  (nur  bis  Streitberg)  -  und  um  frei  zu  sein,  mein  satirisches  30 
Tagewerk  der  zweiten  Auflage  schon  im  Gasthofe  zu  machen. 
Der  Verfasser  dieses  Buchs  ist  an  jedem  Tage,  an  den  Regentagen 
unsers  Lebens,  an  den  Sterbetagen  desHerzens,  zuSatiren,wenig- 
stens  zur  Ironie,  wenn  auch  nicht  zur  Laune  aufgelegt.  -  Doch 
mag  er  (das  bekennt  er)  lieber  bei  elendem  Wetter  im  Winter 


DRITTER  REISE-ANZEIGER  789 

satirische  Dornenhecken  und  im  Fruhjahr  lieber  idyllenartige 
Blumenparterre  setzen,  so  wie  umgekehrt  der  Stachelschwein- 
mensch  in  London  seine  Stacheln  bloB  im  Winter  abwarf  und  des- 
wegen  nur  in  dieser  Mausezeit  seine  Frau  umhalsete. 

Ich  hob  aus  der  besten  Satire  der  Teufels  Papiere  -  dem  Vor- 
schlage  und  Lobe  der  Selbstrezensionen  S.  295  -  folgende  Stelle 
um  so  lieber  aus,  da  sie  mehr  ab-  als  umgeschrieben  zu  werden 
braucht.  Die  blechenen  Reimtafeln  in  Eremitage  hatten  mir  die 
wahlende  Hand  gefiihrt. 


10  Sechstes  Werk  vor  Niirnberg. 

Ob  nicht  dem  Mangel  an  Selbstrezensionen  der  Ablauf  der  empfindsamen 
Kraftdekade  schuld  zu  geben? 

Das  goldne  sechzehnkaratige  Zeitalter  unserer  Literatur  (das 
kraftgenialische)  ist  leicler  jetzt  in  em  verkalktes  umgesetzt;  und 
das  gibt  mir  AnlaB  genug,  mich  sowohl  iiber  das  Zeitalter  als  iiber 
die  Umsetzer  herauszulassen.  Erstlich  iiber  das  Zeitalter! 

So  groBe  Kopfe  und  noch  dazu  eine  solche  Menge  derselben 
wies  auBer  Utopien  noch  kein  Land  auf  als  Deutschland  von 
anno  1770  bis  1780;  so  wahr  ist  die  Bemerkung  des  Vellejus 

20  Paterkulus,  daB  groBe  Manner  gern  miteinander  und  auf  einmal 
erscheinen  -  wie  ich  denn  einmal  zu  Dossenheim  bei  Mannheim 
die  angorischen  Ziegen  und  die  groBen  Manner  gegeneinander 
zahlte  und  von  letzteren  ein  Mandel  UberschuB  bekam.  -  Daher 
verschattete  damals  einer  den  andern,  der  eine  wurde  nur  zur  Elle 
des  andern  gebraucht  (denn  GroBe  ist  relativ),  und  man  blieb 
zuletzt  g-leichgultig,  wenn  ein  solcher  groBer  Mann  einem  die 
Ehre  antat  und  einen  Loffel  Suppe  mit  aB.  Hat  nun  ein  ganzes 
Volk  von  Riesen  die  VergroBerung  eines  Parnasses  im  Ernste  vor 
und  wirft  jeder  seinen  Musenberg  mit  zu  den  Musenbergen  der 

30  andern  hinauf :  so  wird  ja  wohl  ein  solcher  ParnaB  am  Ende  selber 
ein  Riese  unter  den  Parnassen  werden  miissen.  Und  das  wurde 
der  deutsche  denn  wirklich,  und  zwar  so  sehr,  daB  mir,  wenn  ich 
oben  auf  ihm  stand  und  mich  umsah,  der  gallische  nicht  viel  gro- 


79°  PALING  EN  ESI  EN 

Ber  vorkam  als  dessen  FuBtritt.  Wir  Deutsche  machten  damals 
fast  in  ganz  Deutschland  und  sogar  gerade  unter  demselben,  in 
Nordamerika  —  weil  unsere  Truppen  die  besten  Produkte  des 
Genies  in  der  Tasche  mitbrachten  -  Epoche,  und  unsere  MeB- 
lieferungen  wurden  ebenso  gierig  von  uns  verschlungen  als  nach- 
her  von  der  Zeit.  Wer  einen  feinen  Gaumen  hatte,  lieB  sich  asthe- 
tischen  Schnepfendreck  zynischer  Dichter  geben,  so  wie  jetzt  das 
trockne  album  graecum  der  griechenzenden  Kritiker  und  Poeten 
offizinell  ist.  Wir  ubersetzten  nicht  mehr  ins  Deutsche,  wie  sonst, 
sondern  ins  Franzosische  und  niemand  als  uns  selber.  Wir  waren  10 
alle  originell  und  ahmten  nicht  mehr  auslandischen  Skribenten, 
sondern  uns  untereinander  selber  nach,  und  noch  dazu  nur  sol- 
chen  Autoren,  die  groBen  Briten  nachgeahmt  hatten.  Echter  Stolz 
war  damals  haufig  und  gemein,  und  ich  erinnere  mich  noch,  daB 
ich  mir  nichts  sowohl  aus  dem  schriftssassigen  als  amtssassigen 
Adel  machte,  wenn  er  vor  mir  vorbeiritt.  Die  meisten  setzten  aus 
Virtuosenlaune  nicht  eher  einen  Vers  auf,  als  bis  sie  nichts  mehr 
anzuziehen  hatten,  gerade  entgegengesetzt  den  Sangvogeln,  die 
eben  in  der  Mauserzeit  zu  singen  aufhoren.  Verse  und  Prose 
waren  hart,  aber  die  Herzen  weich,  obwohl  grob  -  ja  die  meisten  20 
liebten  alle  Menschen  und  Tiere  und  nahmen  nur  die  Rezensenten 
aus:  Genies  mit  Tranen  in  den  Augen  teilteh  auf  den  StraBen 
Priigel  aus  und  Scheltworte  auf  dem  Papier.  Es  wurde  alles  ver- 
einigt,  weil  Kraft  da  war,  gesottene  Hechte  mit  den  Schwanzen  im 
Maul  waren  kein  Wunder  mehr.  Kalte,  hohle  Kopfe,  Hohlspiegel 
aus  Stroh,  Holz,  Eis  stellten  sich  hin  und  setzten  das  halbe  Publi- 
kum  in  Brand,  und  eine  publica  die  Spiegel.  -  Kein  Geist  von 
einigem  Gehalt  setzte  einen  FuB  in  eine  Universitatsbibliothek, 
und  der  lange  Streit,  ob  Shakespeare  gelehrt  war  oder  nicht,  fiel 
uber  diese  Stief-Shakespeares  vollig  hinweg,  da  man  so  nahe  an  30 
ihnen  als  Zeitgenosse  lebte  und  wuBte,  was  sie  wuBten,  welches 
jetzt  auch  der  Fall  mit  den  Kantianern  ist.1  Manche  gaben  sich  gar 

1  Ich  muB  dieses  ausdrucklich  gegen  kunftige  Dutens  erinnern,  vor  deren 
kunstlichen  Anklagen  philosophischer  Reminiszenzen  und  PJagien  eben 
nichts  kraftiger  rettet  als  das  Alibi,  wenn  man  ihnen  durch  Spuren  der  Un- 
wissenheit  leicht  beweisen  kann,  daB  man  nichts  gelesen. 


DRITTER  REISE-ANZEIGER  791 

nicht  die  Miihe  (zumal  im  Trauerspiel)  und  waren  bei  Sinnen  - 
andere  fragten  den  Henker  nach  Komma  und  Kolon,  sondern 
schneben  geradeaus,  namlich  in  Gedankenstrichen,  wie  Pitteri 
seine  Kupfer  bloB  in  geraden  Linien  sticht.  -  Ein  weitlauftiger 
Anverwandter  von  mir  setzte  gar  zwei  Gedankenstriche  iiber- 
einander  wie  ein  Parallellmeal,  verewigte  sich  aber  wenig.  -  Beim 
Himmel!  die  Zeit  sollte  noch  sein!  -  Setzten  nicht  mehrere  da- 
malige  Tragodiensteller  gleich  Gauklern  den  Dolch  der  Mel- 
pomene bald  auf  ihre  Nase,  bald  auf  die  Stirne  und  trugen  ihn 

10  auf  dem  Glied  und  tanzten  darunter  iiber  die  Buhne  zum  Er- 
staunen  der  Zuschauer?  -  GroBer  Himmel!  das  ist  noch  wenig  - 
des  Genies  hatten  wir  alle  mehr  als  genug  -  Poeten  liefien  rdtliche 
Stiefel  besohlen  und  Hefen  in  Gottes  freie  Natur  hinaus  und  ka- 
men  mit  den  herrlichsten  Kreidenzeichnungen  davon  in  der  Ta- 
sche  unter  das  Tor  zuriick  -  mein  doppelt  gestrichner  Vetter 
nahm  ein  falsches  spanisches  Rohr  und  schlug  einen  alten  Silben- 
stecher  braun  und  blau  gewiirfelt  -  Tausende  vergafien  im  Tu- 
multe  alleSj  besonders  tote  Sprachen  und  lebendige,  und  fuhrten 
ein  Warenlager  von  Welten  bei  sich,  die  gelehrte  ausgenommen, 

20  und  schneben  bloB  in  abgerissenen  Gedanken  und  in  abgerisse- 
nen  Hosen  -  wegen  der  Menge  herrlicher  Werke  mochte  sie  kein 
Mensch  mehr  haben  vor  Ekel ... 

Und  das  war  der  Teufel!  -  Der  ParnaB  ist  nun  ein  ausgebrann- 
ter  Vulkan;  und  wo  haben  wohl  jene  Manner,  die  aus  Goethes 
Esse  funkelnd  stoben,  ihren  Glan^  und  ihre  Warme  gelassen? 
Sollt*  es  wahr  sein,  was  ich  behaupte,  daB  sie  jetzt  den  Planeten 
gleichen,  die  nach  Buffons  System,  als  sie  eben  von  der  Sonne 
abgesprungen  waren,  noch  gleich  ihrer  Mutter  glanzten  und 
brannten,  allein  bald  darauf  aus  Sonnenkindern  zu  Erden  zu  er- 

3o  bleichen  anfingen  und  zu  erkalten  noch  fortfahren?  -  Leider 
ist  das  wahr,  und  unsern  Himmel  verschonert  bloB  noch  eine 
Sonne. 

Ich  schwore  nicht,  daB  nicht  nach  hundert  Jahren  auch  der 
alte  Kant  so  allein,  wie  Klopstocks  Sonne  mitten  in  der  Erde,  an 
seinem  unterirdischen  Himmel  steht. 

Aber  das  gute  Publikum  kann  fur  nichts,  sondern  die  Rezen- 


792  PALINGENESIEN 

senten  haben  den  ParnaB  unterhohlet:  beides  will  ich  jetzt  mit 
mehr  Anmut  beweisen,  als  die  Sache  brauchte. 

Ware  das  Publikum  nicht  selber  mein  Leser,  so  konnt'  khs  hier 
freier  loben  und  mit  weniger  Verdacht:  jetzt  darf  ich  bloB  sagen, 
es  ware  zu  wiinschen,  die  Franzosen,  die  Spanier,  die  Neuspanier, 
die  Neuseelander  hatten  die  gedachten  genialischen  Quimbus- 
Flestrums1  unserem  Musenberg  mit  so  vielem  Eifer  erhalten  wol- 
len,  als  die  Deutschen  wirklich  taten.  Brachten  sie  den  jungen 
Flestrums  nicht  Gold,  Weihrauch  und  Myrrhen,  indes  Kritiker 
nach  bethlehemitischem  Kindermord  auszogen?  -Lasen  sie  nicht  10 
so  lange  an  den  Sachen,  als  es  ging,  und  standen  unter  der  Ver- 
dauung,  die  bei  reizbaren  Magen  allezeit  ein  Fieber  wird,  ein 
hitziges  aus?  -  Und  in  der  Tat  nichts  Geringeres  war  von  einem 
Publikum  zu  erwarten,  das  fur  echten  Bombast  (im  guten  Sinn) 
vielleicht  mehr  wahren  Geschmack  besitzt  als  ganz  Paris  zusam- 
mengenommen:  denn  wenn  der  ungekiinstelte,  einfaltige,  natur- 
lich-rohe  Geschmack  nicht  nur  der  richtigste,  sondern  auch  der 
ist,  der  (wie  die  Orientaler  sowohl  als  die  alten  nordlichen  Volker 
beweisen)  brennende  dicke  Farben,  Quodlibets-Bilder  und  ma- 
Bige  Cbertreibung  zu  genieBen  weiB:  so  muB  er  doch  wahrhaftig  20 
bei  einem  Lesepublikum  -  oder  sonst  nirgends  -  anzutreffen  sein, 
das  groBtenteils  aus  jungen  Leuten,  Studenten,  Kaufmannsdie- 
nern  oder  ungebildeten  Geschaftsleuten  besteht,  kurz  aus  dem 
groBern  Teile  der  Romanenleser,  ohne  den  alle  Biicherverleiher 
(wie  sie  mir  alle  sagen)  ihre  Leihhauser  schlieBen  miiBten.  - 
Oberhaupt  ist  unser  Publikum  das  amusabelste  Wesen  von  der 
Welt,  und  falls  ein  Buch  nur  nicht  gar  zu  dumm  oder  gar  zu  gut 
ist,  weiB  es  immer  etwas  daraus  zu  nehmen.  Viele  z.  B.  hielten  die 
physiognomischen  Reisen,,  als  nur  ein  Teil  heraus  war,  fur  einen 
neuen  physiognomischen  Erzgang  und  Schatzkasten :  als  sie  her-  30 
nach  sahen,  daB  es  nur  SpaB  war,  waren  sie  schon  mit  der  Ironie 
zufrieden. 

Wahrhaftig  das  Publikum  schafft  sogar  seinen  Verstand  bei- 
seite,  sobald  er  die  weiBe  oder  schwarze  Magie  eines  Kraftpro- 
dukts  zerstoren  will,  und  man  antworte  mir  ernsthaft,  ob  und 

1  Mensch-Berg,  wie  die  Lilliputer  den  Gulliver  hiefien. 


DRITTER  REISE-ANZEIGER  793 

wenn  es  je  wohl  das  Kolophonium,  womit  die  Flestrums  das 
Blitzen  der  Phantasie  nachmachten,  fur  Geigenharz,  oder  die 
harten  Erbsen,  mit  deren  trocknem  Gerausche  die  Empfmdsamen 
einen  Tranenregen  theatralisch  gaben,  fur  nichts  als  Erbsen  ge- 
halten.  Ich  will  wenigstens  hoffen,  daB  der  Fall  nicht  oft  war; 
aber  bei  einer  genauern  Untersuchung  wiirde  alles  auf  den  ein- 
zigen  auslaufen,  daB  der  belletristische  Akteur  den  Leser  selber 
bei  dem  Arme  nahm  und  in  der  Anziehstube  und  unter  den  Ma- 
schinenwerken  herumfuhrte:  ich  will  damit  sagen,  daB  die  Fle- 
strums sich  zuletzt  selber  in  Spotter  der  Flestrums  verkehrten. 
Und  dann  ist  Illusion  ohne  Siinde  nicht  mehr  zu  verlangen:  denn 
jeder,  der  seinen  Shakespeare  gelesen,  sage  mir,  ob  er  noch 
Schnock  den  Schreiner  fiir  einen  Lowen  zu  halten  in  seiner  Ge- 
walt  habe,  wenn  der  Schreiner  in  der  Lowenhaut  ans  Orchester 
kriecht  und  selber  fleht,  man  moge  ihn  fiir  einen  ziinftigen  Schrei- 
nermeister,  und  fiir  keinen  Leuen  ansehen? 

tjberhaupt  wer  auf  das  Publikum  die  Schuld  des  gesunknen 
Flestrums-Alters  bringen  will:  der  muB  beweisen  konnen,  daB  es 
seinen  so  reinen  damaligen  Geschmack  seitdem  geandert  habe. 
Aber  hier,  hofT  ich,  leistet  uns  sein  jetziger  so  allgemeiner  und 
entschiedner  Geschmack  fiir  die  gleichsam  von  Schildknappen 
abgefaBten  Rittergeschichten  -  diese  besten  transzendenten  Ta- 
bagien  -,  fiir  Spuk-  und  Mordgeschichten  und  fiir  Sprach-Fu- 
riosos  Gewahr,  daB  es  noch  so  ist,  wie  es  war;  und  daB  es  noch 
jetzt  alien  jenen  so  verschrienen  vulkanischen  Produkten  wiirde 
Gerechtigkeit  widerfahren  lassen,  wenn  sie  allemal  -  welches  oft 
die  elendesten  jetzigen  vor  ihnen  voraushaben  -  in  diesem  Jahre 
gedruckt  waren.  Sein  ganzer  scheinbarer  Abfall  von  seinen  Gott- 
heiten  ist  ein  bloBer  Tausch  ihrer  Stamen;  es  hat,  wie  im  Chri- 
stentum  die  heidnischen  Proselytenvolker,  Zeremonien  und  Tem- 
pel  und  Bildsaulen  beibehalten  und  nur  die  Namen  schwach  ver- 
andert.  Der  Dalai  Lama,  der  seine  Erzeugnisse  demLeser  zuwirft, 
andert  diese  wenig  ab,  und  er  selber  setzet  sich  gewissermaBen 
durch  die  Sukzession  ahnlicher  Reprasentanten  unverandert  fort. 

Wer  ist  also  am  Unheil  schuld?  -  Die  Rezensenten,  welche  die 
Zunge  des  Publikums,  da  sie  dessen  Zungenbander  in  Handen 


794  PALINGENESIEN 

haben,  falsch  regierten,  so  daB  es  damit  den  Tadel  von  Werken 
nachsprechen  muBte,  die  es  immer  schatzen  wird.  Die  katho- 
schen  Geistlichen  erteilen,  die  protestantischen  verhiindigen  nur 
die  Vergebung  der  Siinden;  in  Hinsicht  der  literarischen  Siinden 
ist  Deutschland  von  Gallien  gerade  das  Widerspiel  des  Urteils 
wie  der  Beichte:  dort  kilndigen  die  Kritiker  die  vergebenden  Ur- 
teile  des  Publikums  an,  bei  uns  machen  sie  solche.  Diese  Bieg- 
samkeit,  wodurch  sich  die  Kehle  des  Publikums  so  leicht  zueinem 
Sprachrohre  der  Journalistika  erweitert,  ist  so  wenig  ein  Fehler 
oder  fur  uns  Autoren  ein  Ungliick,  daB  wir  eben  von  dieser  Bieg-  10 
samkeit  den  groBten  Vorteil  ziehen  konnten,  wenn  wir  uns  die 
Miihe  gaben  und  selber  das  offentlich  mit  Beifall  aufnahmen  und 
anzeigten,  was  wir  geschrieben,  und  gleichsam  so  viele  tausend 
Hande  als  Laubbrecher  des  Lorbeers  handhabten.  Sehr  bescha- 
men  uns  die  Buchhandler,  die  von  ihrem  Loben  unserer  Sachen 
wenig  haben,  und  die  gleichwohl  uns  im  hochsten  Grade  offentlich 
preisen,  weil  sie  wissen,  wie  sehr  das  Publikum  so  etwas  unter 
dem  Publikum  weitergibt.  Und  wie  schlecht  bestehen  gegen  sol- 
che Buchhandler  Autoren,  die  lieber  Briefe  voll  Lob  auf  sich  sel- 
ber einem  ehrwurdigen  Publikum  andichten,  als  durch  Selbst-  20 
rezensionen  es  in  den  Stand  setzen  wollen,  ihnen  dieses  Lob  mit 
eignem  Munde  und  mit  voller  Oberzeugung  zu  erteilen. 

Andere  Nationen  haben  das  deutsche  Publikum  nicht  und  be- 
helfen  sich  schlecht.  BesaBe  die  gallische  es:  hatte  man  wohl 
einem  Autor,  dessen  Theaterstucke  niemand  beklatschte,  nach 
Mercier  den  Rat  zu  geben  gebraucht,  sich  (wie  Nero  eigentlich 
tat)  eine  Maschine  zu  bestellen,  die  ein  guter  Freund  von  ihm  in 
einem  Winkel  des  Schauspielhauses  aufsetzen  und  umtreiben 
sollte,  um  mit  ihr  fur  die  bessern  Stellen  das  Klatschen  von  hun- 
dert  Handen  —  wie  es  denn  in  der  Tat  dasselbe  ist,  ob  Fleisch  und  30 
Bein  oder  Holz  und  Leder  den  Schall  erzeugen  -  spielend  nachzu- 
machen?  -  Ware  ein  solcher  Rat  in  Deutschland  notig  gewesen? 
Ich  will  hier  gar  nicht  das  deutsche  Publikum  auf  Kosten  des 
gallischen  und  der  guten  Skribenten  erheben,  zumal  da  ich  selber 
von  der  Zahl  der  letztern  bin.;  aber  das  lasse  man  mich  frei  er- 
klaren,  daB  wir  Skribenten  es  nicht  verdienen,  eine  ebenso  gute, 


DRITTER  REISE-ANZEIGER  795 

wenn  nicht  bessere  und  groBere  Klatschmaschine  -  die  uns  nicht 
einen  Groschen  Macherlohn  kostet  -  an  unserem  Publikum  selber 
zu  besitzen,  dessert  tausend  laute  Hande  wir  schon  durch  eine 
einzige  Feder  spielen  und  wie  eine  Bandmiihle  durch  einen  bloBen 
Knabenbewegen  und  beherrschen  lassen  konnen.  Mit  drei  Worten 
und  damit  aus:  bloB  weil  wir  zu  trage  waren,  uns  ein  Lob  zu  er- 
teilen,  bekamen  wir  keines  und  glichen  sonach  den  groBen  Ro- 
mern  im  Fehlen  und  Bufien,  die  ebenfalls  (nach  Sallusts  Bemer- 
kung)  weniger  der  Mangel  an  groBen  Taten  als  der  an  groBen 
Lobrednern  derselben  unter  die  Griechen  herunterzustellen  ge- 
schienen. 

So  weit  mein  sechstes  Werk  vox  Niirnberg. 


Unter  lauter  Kanzelliedern  zogen  ich  und  StuB  langsam  aus 
Baireuth  in  den  langen  schonen,  vor  uns  stehenden  Tag  hinein: 
in  Fantaisie  wurden  bei  unserm  Eintritt  die  Glocken  gelautet,  so- 
wohl  im  Dorfchen  als  in  Baireuth,  weil  verschiedene  Predigten 
aus  waren.  Aber  in  mir  gingen  sie  erst  recht  an.  Es  kann  mir  Han- 
del machen,  daB  ich  bei  den  meisten  schonen  Partien  de's  Parks  - 
obgleich  jede  ihr  weiBes  Kreuz  mit  einer  Kalvarienuberschrift 

20  hatte,  die  keinen  Leser  ungewiB  lieB,  was  es  daran  zu  sehen  gebe 
-  wenig  empfand,  und  daB  mich  das  Gepfeife  eines  Hofer  Schuh- 
knechts,  der  hintef  mir  lustwandelte,  starker  riihrte  als  der  Turm 
von  Cleobis  und  Biton,  le  bout  du  monde,  le  banc  du  prince  und 
le  lac  du  comte  (welcher  ein  ansehnlicher  Teich  ist).  Es  brennt 
mich  nicht  ganz  weiB,  daB  ich  freilich  schon  ofter  auf  meinen 
FuBreisen  einem  Handwerks-Magistranden  oder  -Gesellen,  der 
pfifF,  bewegt  und  traumend  nachgegangen  bin,  weil  ich  mich  von 
seinen  Trompeterstuckchen  -  da  jede  deutsche  Stadt  ihre  eignen 
hat  -  in  die  mir  unbekannten  Gassen  versetzen  lieB,  die  er  sonst 

30  an  Festtagen  frohlich  durchstrich.  Der  Mund-Flotenist  war  fur 
mich  in  Riicksicht  auf  Hof  (denn  StuB  konnte  fur  mich  so  wenig 
als  ich  selber  ein  solcher  erinnernder  Pfeifer  sein)  der  graue  Stein 
in  Fantaisie,  worauf  steht:  aux  absens  (den  Abwesenden!).  Da 
ich  vor  diesen  Denkstein  selber  kam  -  und  da  ich  daran  dachte, 


79<>  PALINGENESIEN 

daB  auf  den  Grabsteinen  (den  Petrefakten  unsers  stiickweise  er- 
starrenden  Lebens)  auch  nichts  anders  stehe  -  und  da  ich  an  so 
viele  schone  Stellen,  wo  Natalie  und  Firmian  ihre  erste  Vereini- 
gung  und  ihre  letzte  Trennung  gefeiert  hatten,  von  meinen  Trau- 
men  angeschrieben  sah:  »Auch  wir  waren  in  Arkadien!«  -  und  da 
ich  sogar  Lenetten  das  Baireuther  Blech  mit  der  Inschrift:  »Der 
Mensch  entflieht,  Ach  Hebe  mich!«  in  ihren  toten  Handen  hin- 
unternehmen  sah :  so  tat  ich  einen  heiligen  Schwur,  daB  ich  noch 
heute  in  Streitberg  Herminen  einen  Brief  voll  beichtender  Liebe 
schreiben  wollte.  »Du  hast«,  sagt*  ich  zu  mir,  »Firmians  und  Le-  10 
nettens  Logomachien  so  gut  geschildert:  und  jetzt  treibst  du  es 
selber  noch  arger.  Ja  wohl,  Firmian,  gleichen  wir  irrende  Men- 
schen  solchen,  die  in  Staubwolken  gehen:  jeder  von  ihnen  glaubt, 
hart  um  ihn  rliege  der  dunnste  Staub  oder  gar  keiner,  und  nur  um 
die  weiter  Entfernten  sei  er  dicht  und  erstickend;  und  diese  den- 
ken  wieder  wie  er.« 

Jetzt  wollt'  ich  recht  mit  mir  zufrieden  sein  und  mich  iiber  den 
holden  Tag,  wo  sich  die  Schmetterlinge  im  Zephyr  und  die  Ler- 
.  chen  im  Himmelsblau  zu  baden  schienen,  und  auf  die  Rosensonne 
und  den  Rosenhof  vor  Streitberg  unbeschreiblich  freuen:  als  auf  20 
einmal  eine  Belsazars-Hand  aus  meinen  Gehirnkammern  fuhrund 
an  diese  anschrieb:  »Man  kennt  dich:  du  schaffst  dir  die  Gewis- 
sensbisse  durch  dein  Schreiben  nur  vom  Halse,  um  den  heutigen 
Tag,  besonders  den  Streitberger  Abend  recht  unvermischt  zu 
schmecken.«  Aber  dieser  unerwartete  Vorwurf  konnte  nur  mein 
Verdienst  (d.  i.  meinen  Stolz)  beschneiden,  aber  nichts  zu  meinem 
Entschlusse  zusetzen  als  den  neuen,  daB  ich  Herminen  meine 
ganzen  innern  prozessualischen  Weitlauftigkeken  -  und  meinen 
Mangel  an  opferndem  Verdienst  -  und  den  ganzen  Hokuspokus 
eines  aus  der  Gaukeltasche  eines  zu  warmen  Herzens  spielenden  30 
Mannes  vorzutragen  willens  wurde. 

Nun  war  ich  gluckKch.  Inzwischen  ist  die  StraBe  nach  Streit- 
berg so  abscheulich  wie  die  nach  alien  Himmeln:  wer  zum  Ster- 
nenhimmel  auf  arostatischen  Kugeln  zu  grofiern  aufwill,  erfriert 
vorher  -  um  den  katholischen  Himmel  liegt  das  Fegefeuer,  und 
rings  um  den  jtidischen  die  Holle  selber  (nach  den  Rabbinen). 


DRITTER  REISE-ANZEIGER  797 

Gerade  ehe  sich  die  Himmelskarte  der  Streitberger  Landschaft 
auffaltet,  hat  man  vorher  aus  einer  untersten  Dantes-Holle  berg- 
auf  zu  klettern.  Bedenklich  schauete  sich  StuB  unter  unserer 
Kreuzes-Erhohung  von  Zeit  zu  Zeit  nach  mix  um;  »was  hat  Er, 
StuB?«  sagt'  ich.  »Nichts  eben«,  sagt'  er  und  setzte  mit  einem 
Tone,  der  einen  Gedankensprung  anzeigen  sollte,  dazu:  »es  sollt* 
ihn  wundern,  wenn  die  Rosen  oben  auf  dem  Berge  noch  standen.« 
-  Da  nicht  Verstand  seine  Sache  ist,  sondern  Hunger  und  Durst: 
so  argwohnt'  ich,  er  hab'  etwas  vor;  aber  er  sagte  bloB,  er  sei  ein 

10  Fuchs  und  ihm  sei  nicht  viel  zu  trauen. 

Es  war  gegen  Abend  -  der  Tag  mit  seinen  Quellen  des  Schei- 
nes  in  Wassern  und  auf  Auen  versiegte  allmahlich  -  das  Sonnen- 
licht  riickte  von  den  Gipfeln  auf  die  Bergspitzen  und  ergoB  sich 
schon  halb  in  den  bloBen  durchsichtigen  Himmel  hinein  -  wir 
gingen  den  dunkeln  Berg  eiliger  hinauf,  um  die  tiefe  Sonne  noch 
auf  der  Kuste  des  Streitberger  Tales  liegend  anzutreffen.  Als  wir 
endlich  die  Aussicht  erreichten  und  wir  die  himmlische  Ebene 
mit  Hiigeln  und  Baumen  wie  flatternde  Zauberschlosser  eines 
Feuerwerks  in  griinen  und  goldnen  Strahlen  brennen  sahen  - 

20  und  als  ein  Windstrom  von  Morgen  gleichsam  die  vergluhende 
Sonne  zu  Wolkenflammen  anbHes  -  und  als  ich  endlich  mit  zit- 
terndem  Herzen  vor  meine  unzerstorte  Rosenpflanzung  kam  und 
sie  voll  harter  Knospen  und  weicher  Dornen  fand,  und  als  in 
meiner  Seele  diese  Eden-Ruine  und  Hermine  und  die  Sonne  als 
Vergangenheit,  Gegenwart  und  Zukunft  mit  gleichem  Lichte 
nebeneinandertraten:  so  kam  mir  das  Leben,  das  fiir  so  viele  ein 
tierischer  dicker  Mittemachtstraum,  bei  andern  eine  tappende 
Schlaftrunkenkeit,  bei  wenigen  ein  tagender  Morgentraum  ist, 
plotzlich  entziffert,  entschieden,  hell  und  leicht  und  wie  eine 

30  dammernde  erfrischende  blumige  Sornmer-Nachmitternacht  vor, 
und  alle  Turen  des  zweiten  lichten  Morgen  standen  schon  offen. 
In  dieser  innern  OfFenheit  oder  Fiille  von  Licht  kam  mein  Be- 
gleiter  zu  mir  und  gab  mir  einen  Brief  von  -  Herminen.  Ich  er- 
schrak  und  erstaunte:  mit  Augen,  die  durch  die  Sonne  und  die 
Ruhrung  dunkel  wurden,  durchflog  und  dann  durchlas  ich  ihn. 
Die  Gute  hatte  ihn  dem  Boten  gerade  in  jener  Minute  vor  meiner 


798  PALINGENESIEN 

Abreise,  wo  ich  wie  Petrus  hinausgegangen  war,  aber  weniger 
um  zu  biiBen  als  zu  fehlen,  hoffend  anvertrauet.  Ach  diese  Mar- 
tyrin  des  Herzens  hatt'  ich  nicht  verstanden,  sondern  nur  ver- 
wundet!  Ich  hatt'  es  nicht  verstanden,  daB  sie  die  Lesung  der 
fremden  Briefe  nur  abgebrochen,  um  den  Schein  einer  vergelten- 
den  nachforschenden  Eigensucht  —  sich  und  mir  zu  ersparen  - 
und  daB  ihr  Schweigen  und  Trauern  nur  aus  der  irrigen  Vermu- 
tung  entstanden  war,  woraus  meines  gekommen:  -  und  doch 
hatte  sie  jetzt  geschrieben,  um  beinahe  einem  abzubitten,  dem  sie 
nur  zu  vergeben  hat.  »0,«  sagt'  ich  im  Enthusiasmus  wider  mich  10 
Und  mein  Geschlecht,  »wenn  wir  euch  wehrlose  Seelen  verletzet 
haben,  so  reiBen  wir  die  Wunde  so  lange  weiter,  bis  ihr  die  Tra- 
nen  und  das  Blut  abwischt  und  uns  um  Vergebung  bittet,  daB  ihr 
beides  vergossen  habt.«  Wie  aufrichtend  war  es  fur  mein  Herz, 
daB  ich  den  EntschluB  eines  abbittenden  Briefes  gefasset  hatte, 
eh'  mich  ihrer  beschamen  und  bestimmen  konnte!  — 

Ich  schicke  hier  diesem  geistigen  Adelsbrief  bloB  eine  Bemer- 
kung  liber  einen  Traum  darin  voraus.  Wem  es  schwer  wird,  den 
Traum  fur  keine  Erdichtung  zu  halten,  der  kennt  nicht  nur  Her- 
minens  Charakter,  sondern  auch  den  der  weiblichen  Traume  20 
nicht.  In  den  mannlichen  flndet  man  wild  garende  Welten,  Mil- 
tons  arbeitendes  Chaos  und  Geister-Gefecht1;  aber  in  den  mei- 
sten  weiblichen  traf  ich  bisher  idealische  und  sanft  gereihete  Zu- 
sammensetzungen  an,  die  bleichen  gesammelten  Perlenkranzeaus 
dem  erschutterten  Meersboden  der  mannlichen  -  dichtende  und 
religiose  Idyllen  des  Lebens  -  gleichsam  als  hatte  das  Geschick 
ihnen  die  am  Tage  geschlossenen  Nachtviolen  der  Ideale  in  den 
Traumen  auseinander  getan,  oder  als  glichen  sie  den  Bienen,  die 
noch  im  Mondschein  umhertonen  und  die  Lindenbluten,  zu  deren 
Genusse  der  lange  Sommertag  zu  kurz  geworden,  noch  in  der  30 
Nacht  ausschliirfen.  Die  groBere  Harmonie  und  Poetik  der  weib- 
lichen Traume  nimmt  von  der  korperlichen  und  von  der  geisti- 
gen MaBigkeit  dieses  Geschlechts  und  von  einer  auf  einfachere 
und  wenigere  und  stillereZwecke  gerichteten  Seele  dcnUrsprung. 

1  Wie  wild  miissen  z.  B.  in  einem  Callot,  Dante^  Cromwell,  Robespierre 
etc.  die  Wolken  der  Traume  gegeneinander  rennen! 


DRITTER  REISE-ANZEIGER  799 

Aber  wie  sonderbar  und  schwer  kommt  mir  jetzt  die  Gabe  des 
Briefes  an! 

»Jetzt  da  ich  nichts  mehr  fur  deine  Reise,  mein  Lieber,  zu  be- 
stellen  habe,  mach'  ich  noch  ganz  zuletzt  diesen  Brief  fiir  dich  zu- 
recht,  den  du  aber  erst  am  Montag  abends  neben  unsern  Rosen 
uberkommst.  Es  ist  mir,  als  warest  du  jetzt  schon  ferner,  bloB  weil 
ich  schreibe,  und  es  fallet  mir  auch  schmerzlich,  dafi  ich  die  Feder 
nehme,  da  ich  ja  reden  konnte.  Aber  nein,  am  schonen  Rosenbeet 
unserer  ewig  bliihenden  Stunde  und  nach  drei  Tagen  ist  dir  wohl 

10  das  Blatt  aus  der  fernen  Hand  willkommen.  -  Wie  sag'  ich  dirs? 
Ach,  Guter,  du  hast  mich  miBverstanden  und  ziirnest  nun  -  und 
ich  konnte  dir  nichts  sagen :  ich  habe  schon  oft  uber  Wahrheiten 
blode  geschwiegen,  wenn  ich  nicht  gewiB  sein  konnte,  man  ahne 
sie  schon  und  glaube  sie  leicht.  Ich  kann  aber  nichts  mehr  dazu- 
setzen,  als  du  hast  mich  gewiB  und  schmerzlich  miBverstanden, 
Teuerer.  Und  darum  schloB  sich  eine  Blume  meiner  Freude  nach 
der  andern  zu,  und  es  tat  mir  so  wehe,  weil  ich  dachte:  >Es  sind 
ja  seine  auch.<  O  wie  doch  im  Schme/ze  das  Leben  seine  viel- 
fachen  schonen  Gestalten  verliert  und  nur  in  eine  dunkle  zusam- 

20  menflieBet,  gleich  den  Wolken,  die  sich  am  stillen  Himmel  in  alle 
Farben  und  Formen  teilen,  und  die  nur  im  Gewitter  und  Regen 
in  eine  dustere  Flache  zusammenrinnen !  -  Ach  du  kamest  nie  in 
die  Stellen,  wo  ich  das  Auge  trocknete,  um  dann  zu  dir  und  un- 
serer Freundin  ausgeheitert  zuruckzukehren,  und  deine  Trauer 
verhullte  dir  meine  leicht. 

Aber  Natalie  fand  unter  dem  Rosenkranz  die  Dornenkrone 
und  die  bedeckten  Wunden.  Als  du  uns  gestern  dein  Reisen  mit 
fro  hen  Worten  angesagt  hattest  und  hinausgegangen  warest: 
blickte  Natalie  mich  verwundert  uber  mein  Erroten  an  und  legte 

30  ihre  Hand  auf  mein  Herz  und  sagte:  >Aber  wie  es  auch  pocht!<  — 
Und  ich  sah  sie  schmerzlich  an  und  wollte  lacheln  -  sie  blickte  mir 
in  die  Augen  und  lachelte  auch  -  dann  verzog  sich  unser  Lacheln 
immer  mehr  zum  Schmerz  -  wir  konnten  uns  nicht  mehr  ver- 
stellen  und  fielen  einander  um  den  Hals  und  weinten  stumm  recht 
lange. 

Den  ganzen  Abend  dacht'  ich:  diese  kurze  Erdpartie,  wie  du 


800  PALINGENESIEN 

das  Leben  nennst,  ist  nur  ein  kurzer  schwiiler  Dezembertag  - 
unsere  Freuden  sind  Torsos  -  unsere  Erinnerungen  Ruinen  in 
einem  Park  -  unsere  Liebe  ist  eine  ewige  Sehnsucht  und  unsere 
Jugend  nur  ein  suBerer  Seufzer.  Ich  erschrak  uber  alles:  den  auf- 
gehenden  Mond  hielt  ich  fiir  ein  aufsteigendes  Schadenfeuer,  und 
als  eine  Saite  sprang,  so  forscht'  ich  aberglaubisch  nach,  welchem 
Lieblingsgesange  nun  eine  Saite  seines  Haupttons  fehle. 

Aber  ein  Traum  der  vorigen  Nacht  hob  die  beschwerte  Seele 
auf.  Heute  gerade,  am  Karfreitage,  war  mein  Inneres,  wie  man 
sagt,  daB  er  selber  sei,  sanft  bewolkt,  aber  still,  ohne  Regnen,  ohne  10 
Wehen.  Der  Traum  macht*  es  nicht  allein,  sondern  eigentlich 
mein  EntschluB,  diesen  Brief  zu  schreiben:  denn  ich  weiB  wohl, 
wenn  ich  dir  sage,  du  hast  mich  miBgedeutet,  so  glaubst  du  es 
deiner  Hermina  ewig.  Ach  das  Ziirnen  einer  entfernten  Seele 
driickt  zu  schwer!  und  jetzt  ist  mir  alles  zu  schwer!  Ach  nie  ver- 
gieBet  man  Tranen  leichter,  als  wenn  man  Tranen  vergossen  hat. 
■  Daher  wird  das  Schicksal  mich  schonen  wie  wir  Blumen,  bei 
denen  wir  mit  dem  zweitjen  GuB  so  lange  warten,  bis  der  erste 
eingetrocknet  ist. 

Ich  erzahle  dir  den  Traum,  weil  du  ja  wider  die  mannliche  Sitte  20 
Traume  gern  erzahlen  horst. 

Auf  dem  Berge,  wo  du  dieses  Blatt  erhaltst,  stand  ich  in  einem 
Zirkel  hoher  weiBer  Rosen  mit  weiBen  Dornen,  iiber  welche  ich 
nicht  hinauskommen  konnte:  die  roten  waren  umgetreten  und 
einige  Dornen  blutig  gefleckt.  Hinter  mir  in  Morgen  hort'  ich  ein 
Gewitter  und  Wetterlauten  in  einem  fort,  und  bald  wurde  ein 
roter  Blitz  vor  meine  FuBe  geworfen,  bald  ein  langer  Schatten; 
aber  ich  durfte  mich  nicht  umschauen.  >Ist  es  denn  hier  nicht  mehr 
wie  sonst?<  fragt'  ich.  Auf  einmal  sah'  ich,  daB  das  Tal  froher  und 
heller  war:  eine  Ebene  voll  Papillonsblumen  bewegte  sich  wie  39 
eine  Ernte,  und  unter  dem  Auf  blattern  wurde  ein  leuchtender  ge- 
stirnter  FuBboden  entbloBet.  Auf  dem  Hiigel  danebcn  stand  eine 
weiBverschleierte  Gestalt,  die  eine  groBe  Passionsblume  abbrach 
■und  damit  gegen  das  Tal  herniederging.  Je  naher  sie  herunterkam, 
desto  heftiger  fing  das  wankende  Blumengewimmel  zu  wallen  an. 
Ich  schmachtete  wie  mit  einem  zerfiossenen  Herzen  nach  der  ver- 


DRITTER  REISE-ANZEIGER  8oi 

hullten  Gestalt,  die  ich  fur  eine  weifitrauernde  Furstin  hielt:  ich 
streckte  inbriinstig  die  Hande  nach  ihr  aus,  und  sie  winkte  mit  der 
Blume. 

Endlich  glitt  sie  in  das  Tal:  da  flatterten  alle  Blumen  starker, 
bis  sie  losrissen  und  sich  alsSchmetterlinge  in  einer  bunten  Wolke 
gen  Himmel  hoben.  Von  der  Passiorisblume  flogen  die  groBen 
Blatter  auf,  und  statt  des  Blumenkelchs  trug  die  Gestalt  einen 
goldnen  Kelch.  Das  Gewitter  hinter  mir  wehte  mich  hebend  an, 
der  Schatte  vor  mir  schwoll  zur  Wolke  auf,  und  ich  sank  endlich 

to  wie  auf  Wogen,  die  verliefen,  tiefer  bis  in  das  himmelblaue  Tal, 
das  mit  blassen  widerscheinenden  Sternchen  ausgelegt  war  und 
woraus  die  weifie  Gestalt,  iiber  welche  die  Sterne  wie  silberne 
Funken  glitten,  mir  entgegenschwebte.  Der  Gang  war  mir  be- 
karint,  aber  namenlos  und  schmerzlich.  Sie  hielt  mir  ein  Traum- 
buch  entgegen.  Als  ich  darin  gelesen  hatte:  >Blumen  deuten  Tra- 
nen  an<,  so  ging  mein  ganzes  Herz  entzwei,  und  unzahlige  Tranen 
flossen  und  versiegten  und  flossen  wieder.  >Tochter,<  sagte  sie, 
>bist  du  gliicklich,  seitdem  ich  dich  verlassen  habe?<  -  Ich  fiel  an 
ihr  verschleiertes  Herz  und  weinte  bloB  vor  Freude  fort  und 

20  sagte:  >Mutter,  bin  ich  wieder  bei  dir?  Ja  du  bist  es  schon,  ent- 
schleiere  dich !  <  -  Sie  sagte  sanft :  >Noch  nicht !  Bist  du  gliicklich  ?  < 
-  >Ich  weine  wohl,  gute  Mutter,<  versetzt*  ich,  >aber  ich  bin  gliick- 
lich^ Sie  streifte  leise  mit  dem  Finger  liber  meine  Augen  unter 
den  Worten:  >Der  Finger  der  Toten  heilet  durch  Beriihren,  ich 
will  die  Schmerzen  deiner  Augen  nehmen.<  Da  trockneten  sie 
schnell,  und  ich  konnte  auf  der  widerscheinenden  blauen  Aue 
neue  Sterne  sehen.  -  >0  Mutter,  Mutter,<  sagt'  ich  mit  harter 
Sehnsucht,  >nun  hebe  den  Leichenschleier  weg,  damit  ich  deine 
Lippen  wieder  sehe  und  wieder  kiisse!  Liebst  du  mich  denn  im 

30  Himmel  noch?<  Sie  reichte  mir  den  funkelnden  Kelch  und  sagte: 
>Trinke  den  Kelch  der  Leiden  aus,  dann  zerfallt  der  Schleier.  Ich 
Hebe  dich  ewig:  denn  die  Liebe  1st  ewig  wie  Gott<;  und  die  letzten 
Worte  sangen  schone  Stimmen  weit  hinter  den  Sternen  nach.  O 
wie  froh  ergriff  ich  den  kalten  schweren  Kelch  und  trank  seine 
langen  Bitterkeiten  -  und  er  wurde  immer  lekhter  und  heller, 
und  ich  sah  endlich  meine  Gestalt  darin  die  Augen  schlieBen,  und 


802  PALINGENESIEN 

er  war  leer.  Ach  dann  nahm  mich  die  geliebte  Mutter  in  den  Arm 
—  ihr  Schleier  zerrann  —  ihre  Augen  und  ihre  Lippen  offneten  sich 
lebendig,  und  ich  lag  wieder  an  dem  unvergeBlichen  Angesicht, 
und  ich  kiiBte  sie  und  blickte  sie  an  und  kiiBte  sie  wieder  -  dann 
schwangen  sich  die  Schmetterlinge  verkettet  nieder  und  wurden 
Blumengirlanden  und  legten  sich  verschlungen  um  uns  und  ho- 
ben  uns,  und  wir  wurden  verbunden  aufgezogen  -  die  Sterne 
glanzten  heller  -  die  blaue  Ebene  wurde  Ather  und  wallete  uns 
nach  —  und  ich  lag  am  Herzen  meiner  Mutter,  und  sie  sang,  da  wir 
unter  die  Sterne  kamen:  die  Liebe  ist  ewig;  und  nahe  hinter  ihnen  . 

klang  es  nach. 

Dann  erwachte  ich  und  hatte  noch  die  Tranen  im  Auge,  die  im 
Traum  getrocknet  waren,  und  die  Morgenrote  und  die  Sonne  stan- 
den  am  Himmel !  Lebe  glucklich !  Denk  es  auch :  die  Liebe  ist  ewig ! 

Hermina.« 


VlERTER  REISE-ANZEIGER 

Fata:  Kleider-Simultaneum  -  mein  consilium  abeundi  in  Erlang  -  mein 
innerer  Landsturm  gegen  Kellner  und  Kantianer  -  die  schone  Nacht 
in  der  schonen  Nacht 

Werke:  warum  ein  Kantianer  andre  leichter  bekehrt  und  versteht  als  sich 

Aber  meine  Streitberger  Antwort  schlag'  ich  dem  Leser  ab,  weil 
ich  darin  vor  der  edeln  Hermina  als  ein  Beichtsohn,  als  ein  bii- 
Bender  Bruder  und  feuriger  Busch  zugleich  stand:  nach  meinem 
Tode  scharrt  man  ohnehin  meine  Briefe  zusammen  und  gibt  sie 
heraus.  Die  Erde  ziehe  dann  immerhin  iiber  den  Erblafiten  los: 
denn  werd*  ich  mir  wohl  dort  oben  als  Adjunktus  der  philosophi- 
schen  Fakultat  je  ein  graues  Haar  iiber  die  Donatschnitzer  wach- 
sen  lassen,  die  mir  auf  der  Schulpforte  des  Lebens  in  einem  und 
dem  andern  Dokimastikum  meiner  Schulbucher  entfuhren?  - 

Ich  werde  den  Augenblick  mein  Nachtessen  und  Lager  in  Streit-  : 
berg  bezahlen  und  weiterreisen,  wenn  ich  nur  vorher  iiber  eine 
Anmerkung  Firmians  meine  eigne  gemacht  habe.  »In  Haleb«  - 
sagt  der  gute  Inspektor  -  »werden  nach  Russel  die  Augen  einer 
jiidischen  Braut  mit  Harz  zugeklebt  und  bloB  vom  Brautigam 


VIERTER  REISE-ANZEIGER  803 

wieder  aufgezogen:  bei  uns  hingegen  sind  gerade  seine  zugepap- 
pet,  und  sie  gehen  ihm  aft  zu  gleicher  Zeit  auf  und  uber.  Die  Braut 
kann  es  von  jeder  Magd  erfahren,  daB  ihr  Sponsus  keine  Mores, 
kein  Skzfleisch  aufier  auf  dem  Sattel  und  keine  Geduld  besltze, 
daB  er  in  der  Messe  mit  keinen  Bankiers  Geschafte  mache  als 
denen  an  der  Pharao-Folterbank,  und  daB  er  seinen  Reitknecht 
unchristlich  priigelte,  fast  mehr  als  den  Gaul  -  oder  auch  das 
Gegenteil  von  allem  kann  sie  erfragen.  Hingegen  die  Braut  steckt 
in  einer  langen  Charaktermaske,  aus  der  erst  die  Kranzeljungfer 

10  sie  entkleidet,  und  die  ihr  nicht  wieder  an  den  Leib  kommt,  auBer 
wie  anderer  Putz,  wenn  sie  Besuche  macht;  und  war  vorher  ihre 
Sonnenfinsternis  ganz  Europa  unsichtbar,  so  nimmt  diese  durch 
den  Ehering  bis  zu  einer  ringformigen  von  so  vielen  Zollen  zu,  daB 
die  ehrliche  Haut  von  Mann  nichts  erwartet  als  den  Jungsten  Tag.« 
Diese  Bemerkung  ist  wahr,  wenn  ich  meinedazusetze,  daB  aus 
demselben  Grunde  -  da  die  Ehe  die  weibliche  Lage  mehr  als  die 
mannliche  verandert  und  der  Ehering  fur  den  Mann  eine  engere 
Wirkungssphare,  und  fur  die  Frau  eine  weitere  ist  -  gerade  die 
Brautfackel  bei  einigen  Weibern  die  verhehlten  Naphthaquellen 

20  vieler  stiller  Tugenden,  der  Geduld,  der  Aufopferung,  der  Zu- 
riickgezogenheit,  der  Talente  in  sanfte  Flammen  setze.  - 

Mit  welcher  seligen  Heiligkeit-  als  war's  eine  heilige  Statte- 
reisete  ich  nun  uber  die  bambergischen  Wiesen,  aus  denen  in 
Herminens  Traum  gefliigelte  Blumen  aufgestiegen  waren!  Und 
welche  HofTnungen  gingen  als  Trabanten  meiner  innern  Welt 
hinter  und  vor  mir  -  die  schone  auf  den  heutigen  Weg  -  die 
schonere  auf  Erlangen  -  die  schonste  auf  Herminens  nachsten 
entziickten  Brief,  den  ich  demLeser  verspreche.  In  Erlangen  wollt* 
ich,  da  ich  zeitig  eintraf,  die  Bauleiter  an  den  zweiten  Juden- 

30  tempel  der  Teufelspapiere  anlegen  und  viele  Ruten  aufmauern. 
-Undwie  leicht  flatterte  ich(die  weiBen Wolken  uber  mirstreckt' 
ich  als  meine  Fliigel  aus)  iiber  die  aneinander  gemalten  Ever- 
dingens-Griinde  Bambergs  hinwegl  »Selber  die  Sandbader  des 
Wegs,«  sagt'  ich,  »durch  die  ich  und  der  Bote  kurz  vor  Erlangen 
werden  zu  waten  haben,  sind  notiger  bunter  Streusand  auf  dem 
Buch  oder  Manuskripte  der  Natur.« 


804  PALINGENESIEN 

Wir  verirrten  uns  im  Lustgarten  des  Steiges  immerfort,  denn 
ich  war  in  Gedanken  und  Stufi  ohne  Gedanken,  und  beides  war 
eins.  Deswegen  warf  ich  dem  Hornrichter,  der  die  Leute  wie  ein 
Franzose  in  einem  fort  fragte,  aber  nur  iiber  den  Weg,  zwei  gute 
Frag-Kautelen  zu:  erstlich  die,  nie  sein  Ziel  zu  nennen,  sondern 
nur  zu  fragen,  an  welches  der  Steig  fiihre,  weil  er  dadurch  Vatern 
der  Liigen  die  letztern  erschwere  -  und  zweitens  sich  lieber  ans 
weibliche  Geschlecht  zu  wenden  als  an  seines.  Dieses  milde  wohl- 
wollende  Geschlecht  fiihret  uns  nur  dann  auf  Irrwege,  wenn  es  - 
selber  mitgeht;  hingegen  boshaft  genug  zu  sein,  um  einem  abge-  ro 
rissenen  einsamen  Pilger,  dessen  Reise-Fatalitaten  diese  zu  Hause 
bleibenden  scheuen  Herzen  zu  hoch  ansetzen,  noch  neue  Fall- 
stricke  als  Ariadnens-Faden  in  neue  Labyrinthe  voll  Minotauren 
mitzugeben  -  wie  ware  das  ein  Geschlecht  vermogend,  das  selten 
in  Tranen  setzt,  die  es  nicht  vergieBen  oder  trocknen  hilft?  Folg- 
lich  hatte  in  einer  halben  Stunde  der  Weibergeselle  aus  Liebe  zu 
seinem  freihaltenden  Brot-  und  Lehnherrn  sechzehn  weibliche 
Schachfiguren  durchgefragt:  »0  Jungfer,  wo  geht  der  Steig  hin?« 
Und  wenn  er  die-Antwort  vernahm:  nach  Bayersdorf,  so  versetzt' 
er  nicht  ohne  Scharfsinn:  recht!  -  20 

Als  wir  sonach  freilich  in  Bayersdorf  eintrafen:  erstaunt'  ich 
nicht  dariiber,  daB  der  Marktflecken  zum  akademischen  Grade 
einer  Stadt  promovieret  ist,  sondern  iiber  einen  Dualismus  des 
Anzugs.  Die  eine  Halfte  des  graduierten  Fleckens  ging  im  Wer- 
keltagsgeschirr  im  StaatsschifTsziehen  der  Arbeit,  die  andere 
schwamm  im  Bucentauro  der  Lust  recht  aufgeputzt  dahin.  »Das 
ist  ein  Ratsel,«  (sagt*  ich)  wich  kann  mir  nichts  gedenken,  als  daB 
die  Parade-Bayersdorfer  entweder  Juden  sind,  die  etwas  feiern, 
was  ich  nicht  weiB,  (und  die  ungeputzten  Christen,)  oder  Kupfer- 
schmiede,  die  einen  Gerichtstag  iiber  KeBler  halten,  weil  sie  ein  30 
besonderes  Privilegium  von  Kaiser  Rudolph  II.  dazu  befugt.«  - 
Ganz  falsch!  -  Ich  hatte  schon  wieder  die  Ostern  vergessen.  Es 
muB  namlich  in  Mosheims,  Walchs  und  in  alien  andern  Kirchen- 
geschichten  nachgetragen  werden,  was  ich  hier  berichten  will, 
daB  in  den  beiden  Furstentumern  Baireuth  und  Ansbach,  als  sie 
unter  die  preuBische  Regierung  kamen,  und  als  ihnen  sogieich 


VIERTER  REISE-ANZEIGER  8o$ 

durch  Aufhebung  und  Sakularisation  der  Apostel-  und  dritten 
Festtage  viele  neue  Wochentage  verfielen  und  zuwuchsen,  die 
man  zum  Erwerbe  der  Servissteuer  verarbeiten  konnte,  daB  dann, 
bericht'  ich,  die  Kirche  sich  in  zwei  Kirchen  spaltete,  in  die  alte, 
die  aus  Apostel-  und  Feiertagschristen  besteht,  welche  durchaus 
im  Nachtmahlsrocke  verbleiben,  gleich  Essaern  keine  Nadel  an- 
riihren,  alle  menses  papales  der  Arbeitstage  verwerfen  und  nur 
Aschermittwoche,  aber  keine  Ascherdienstage,  Aschermontage 
etc.  annehmen  -  und  in  die  neue  Kirche,  die  aus  arbeitenden 

10  Konformisten  im  Neglige  besteht.  Mir  ist  nichts  dabei  verdriiB- 
lich,  als  daB  das  Schisma  nicht  fruher  entstand :  wie  herrlich  und 
vollstandig  und  ausfuhrlich  wurden  gute  Kirchenskribenten  die 
Spaltung  in  die  Kirchenhistorie  eingeschrieben  haben,  die  ohnehin 
jetzt  gegen  die  Art  aller  Geschichte  taglich  einkriecht  und  am  Ende 
zu  einer  profanen  verdorret  I  Totgeschlagen,  geschunden,  gesotten 
wurden  sich  dann  ohnehin  mehrere  alte  und  neue  Christen  un- 
tereinander  haben,  und  die  eingestellten'Disputieriibungen  iiber 
das  Passahfest-  bei  denen  bald  ein  Schachter,  bald  ein  Osterlamm 
geschlachtet  wurde  -  hatte  man  mit  frischem  Eifer  wieder  vor- 

20  gesucht.  —  »Ging'  Er«,  sagt'  ich  zum  Meister,  »nicht  als  Reichs- 
kammergerichtssupernumerarakzessistbote  durqh  Bayersdorf, 
sondern  als  wirklicher  Bote:  so  miiBten  Ihm  die  Juden  nach  den 
Reichsgesetzen  eine  Judenzehrung  geben;  so  aber  kriegt  Er 
nichts. « 

Wir  sahen  endlich  die  Friederich-Alexandrinische  Universitat 
vor  uns,  in  der  allein  die  Landeskinder  den  Musen,  Professoren 
und  Wirten  opfern  diirfen,  wie  die  Juden  nur  in  Jerusalem  an- 
beten  und  opfern  durften :  Samaritaner  bekommen  kein  Amt.  Ich 
habe  schon  gesagt,  daB  ich  des  festen  Vorsatzes  war,  in  Alt-  und 

30  Neu-Erlangen  ein  seliger  Paradiesvogel  und  Antihypochondria- 
kus  zu  sein  und  in  einer  prachtigen  Gasthofsstube  vornen  heraus 
Leibgebers  satirisches  Inserat  in  den  teuflischen  Papieren1  mit  be- 

1  In  der  Vorrede  nennt  Siebenkas  einen  Mitarbeiter  seines  Buchs,  Wolf- 
gang Habermann,  von  dem  die  erste  Satire:  j>Habermanns  groBe  Tour  und 
logischer  Kursus  durch  die  Welt«,  die  ich  eben  neu  edieren  will,  verfasset 
worden.  Dieser  Habermann  ist  mein  geliebter  Leibgeber. 


806  PALINGENESIEN 

sonderem  FleiBe  fur  diese  Edition  zu  bearbeiten:  denn  nichts  ge- 
wobnet  uns  in  jede  Stadt  besser  ein  als  einige  Stunden  Geschafte. 
,  Mit  diesem  Vorsatz,  entziickt  zu  werden,  passiert*  ich  durch  das 
Tor.  Eine  Ehrenwache  dessetben  trat  ins  Gewehr :  ich  sann  nach, 
wie  ich  eine  solche  Huldigung  mit  meinem  Nachtmantel  zu  paa- 
ren  hatte,  als  mir  StuB  wenige  Schritte  davon  eroffnete,  die  Tor- 
wache  sei  eine  lustige  Fliege  und  duze  ihn  von  alten  Zeiten  her 
und  habe  seinetwegen  aus  SpaB  prasentiert. 

»Das  beste  Zimmer  vornen  heraus!«  sagt'  ich  zum  Hausknecht 
in  der  blauen  Glocke,  gegen  den  mein  gruner  Bote  nur  in  Knechts-  10 
gestalt  erschien.  Der  Knecht  uberfuhr  mit  kalten  Augen  die  han- 
genden  Siegel  oder  Bleistiicke  meines  iiber  den  Madensack  ge- 
zognen  Sacks  zur  BuBe  und  sagte,  er  wolP  es  dem  Kellner  sagen. 
Der  Hornrichter  setzte  den  Inkuben  seines  Ruckens  ab  und  lehnte 
die  Fracht  aufrecht  an  den  griin  geranderten  Pliisch.  Der  Kellner 
kam  und  brachte  ein  Gesicht  mit,  das  der  HofTnung,  deren  Farbe 
seine  Glaserschiirze  trug,  auf  der  Stelle  das  Leben  nahm:  »Ich 
will  es  meinem  Herrn  sagen«,  sagt'  er  und  ging  fort;  und  da  er 
nicht  wiederkam,  gingen  wir  auch  fort. 

»Ein  gutes  Zimmer  vornen  heraus !«  sagt*  ich  vor  der  zweiten  20  « 
Gasthofstiire.  »AlIes  schon  bestellt«,  versetzte  der  griin  geschurzte 
frere  servant  ganz  spottisch.  Wir  zogen  rot  hinaus  und  brumm- 
ten  unter  dem  Tore.  »BloB  meinem  verdammten  Nachtmantel 
mit  den  papiernen  Speckgeschwiilsten  und  Stussens  dummem,  zu 
kurzen  Jagd-Frack«,  dacht*  ich,  »hab  ich'  alle  diese  Reaktionen 
zu  danken.« 

Im  dritten  Gasthofe  sah*  uns  schon  der  Kellner  nach  der  In- 
sinuation der  Inhibitorialen  herkommen:  StuB  trug  den  Mantel- 
sack  am  Riemen  iiber  die  StraBe  und  lieB  ihn  wie  eine  Husaren- 
tasche  am  Beine  weiterschweben.  -  »Ein  Zimmer  vornen  her-  3o 
aus«,  bat  ich.  »Schon  besetzt!«  sagte  keck  der  griine  frere.  »Der 
Herre  bezahlens«,  nahm  Florian  das  Wort.  In  dieser  Minute  kam 
eine  vierspannige  Familie  angerollt,  der  man  vor  meinen  Ohren 
und  neben  meinem  Vorkaufsrecht  die  letzten  Vorderzimmer  mit 
dem  Auktionshammer  zuschlug. 

Nun  wurde  mein  Knallgold  und  das  Knallsilber  des  Boten  los- 


VIERTER  REISE-ANZEIGER  807 

geziindet:  verflucht  aufgebracht  fuhren  wir  beide  in  die  Wirts- 
stube,  um  als  BuBprediger  und  Heidenbekehrer  vor  dem  Wirte 
zu  wettern.  »Ist  das  erlaubt,  mein  Herr?«  (fragt*  ich  einen  Speck- 
kubus,  der  Piickenpucken  rauchte)  »Soll  ich  denn  eine  FuBreise 
im  Ordensband  und  Kronungshabit  oder  in  einem  Wiener  Reise- 
wagen  machen,  bloB  damit  ich  in  Erlangen  vornen  heraus  logiere? 

—  Soil  mein  zweispanniger  Psychens-Wagen  sich  erst  in  einen 
ledernen  setzen,  um  fortzukommen?  Kann  sich  ein  Mensch  nicht 
wie  ein  Spiegehisch  auf  zwei  FiiBen  erhalten?  Und  geht  denn 

10  nicht  mein  Bote  mit  mir,  der  alles  nachtragt,  was  ich  nicht  anhabe 
und  trage?«  -  »Und  es  ist«,  setzte  der  gute  StuB  hinzu,  »ein  honet- 
ter  Herr,  der  sich  nicht  schimpfen  lasset;  er  hat  mich  gestern  und 
heute  freigehalten,  ob  ich  mich  gleich  selber  bekostige.« 

Das  Schadenfeuer  des  Zorns  —  und  das  Freudenfeuer  der  Liebe 

-  gleichen  dem  Feuer  in  einer  Stube,  das  heller  ausbricht,  wenn 
ihm  einer  in  der  Angst  Tur  und-Fenster  aufreiBet:  ich  redete  und 
dachte  mich  -  zumal  da  StuB  mich  an  mein  unbelohntes  Wohl- 
wollen  erinnerte  -  immer  defer  in  die  Erbosung  hinein.  »Was  ist 
denn  der  Begehr?«  fragte  der  Kubus  gelassen.  »Gar  nichts«,  sagt* 

20  ich:  »nur  drucken  will  ichs  lassen,  daB  ich  heute  den  ganzen  Tag 
im  Freien  so  sanft  war  wie  ein  Lamm,  daB  aber  gerade  in  Stadten 
der  moralische  Morast  wie  der  physische  hoch  liegt>  wenn  es  in 
Dorfern  staubt.  Verdammt!  Ich  hatt*  es  der  alexandrinischen  Uni- 
versitat  zu  Gefallen  getan  und  mich  einige  Tage  auf  ihr  aufge- 
halten  -  ich  hatte  bei  vielen  hospitiert  -  ich  hatte  Herrn  Hofrat 
Meusel  besucht,  der  mich  in  seinem  gelehrten  Deutschland  ganz 
anders  einquartierte  -  ich  hatte  die  ganze  Universitatsbibliothek 
und  die  Hauptmann-Kotzebuische  Holzersammlung  beschauet  - 
aber  jetzt  soli  mich  der  Teufel  holen,  wenn  ich  nur  einen  Riemen 

30  hiesiges  Erlanger  Leder  ansehe...  Komm'  Er,  mein  guter  StuB, 
wir  brechen  noch  heute  nach  Niirnberg  auf  und  marschieren  die 
halbe  Nacht...  Herr  Wirt,«  fing  ich  noch  einmal  an  und  wollte 
einen  rechten  Mordanten  und  Endetriller  schlagen —  »DerWirt 
wird  oben  bei  den  Herrschaften  sein«,  sagte  kalt  der  Piicken- 
piickenraucher.  Nun  hatt'  ich  satt  und  schied. 

Der  Hornrichter  mochte  an  der  Rache  des  nachtlichen  Aus- 


808  PALINGENESIEN 

zugs  aus  einem  Agypten  voll  gebratener  Osterlammer  und  Oster- 
schopse  nichts  Sonderliches  finden  und  HeB  also  seine  Argernis 
liber  den  Auszug  an  dem  Pagenkorps  der  Kellner  aus:  es  luftete 
und  erquickte  mich  ungemein,  dafi  er  die  Pagen  mehrere  Male 
Grobiane  nennte;  denn  iiberhaupt  ein  einziger  Restant  aus  der 
zuriickgelassenen  Wohnstadt  macht  uns  in  einer  Wiiste  aus 
Fremdlingen  zu  Schutzverwandten  und  Insassen. 

Eh*  ich  weiter  reise  und  zanke,  will  ich  in  Erlangen  die  Griinde 
zurticklassen,  warum  ich  auf  einem  Gassenzimmer  so  heftig  be- 
stand.  Ich  wollte  aus  ihm  heraussehen  und  mich  so  -  denn  ich  10 
weifi,  wie  ich  bin  -  mit  den  Erlangern  auf  der  Gasse  anquicken: 
ein  solcher  Stand  am  Gasthofsfenster  stiftet  eine  Einkindschaft 
einer  jeden  drunten  spielenden  Stadtjugend,  die  Gutergemein- 
schaft  mit  jedem  Hering,  mit  jeder  Freude,  die  ich  holen  sehe,  mit 
jeder  Frage  einer  Schleifkannen-Tragerin  an  die  andere:  wo 
nimmst  du  deines  (das  Bier)?  Was  ist  aber  hinten  im  Riicksitz 
eines  vermauerten  Fleets  oder  Korrektionszimmer  zu  verquicken 
und  zu  anastomosieren?  -  Und  soil  besonders  ein  Passagier  wie 
ich  nicht  auf  den  Vordersitz  aus  sein,  ders  ebensosehr  weiB  als 
scheuet,  da6  man  durch  Reisen  -  wie  Gastwirte  und  Lehnlakaien  zo 
durch  die  Reisenden  —  so  leicht  zum  Schneemann  oder  zur  Eis- 
figur  in  einem  Gletscherathos  ausgehauen  werde,  indes  ein  Dorf- 
insasse  sich  so  an  jede  Menschenbrust  anhangt,  als  wenn  er  mit 
ihr  bei  einem  Pfarrer  beichtete  ?  Denn  eben  weil  das  Reisen  zwingt, 
durch  ganze  Stadte,  vor  Kirmessen,  vor  Leichenziigen  kalt  vor- 
beizufahren,  so  gewohnt  man  sich  daran,  vor  Menschen  auf  der 
Lebenswallfahrt  uberhaupt  gleichgiildg  voriiberzuziehen;  und 
eben  weil  man  auf  dem  Weltmeer  und  am  Hofe  ein  Seegewachs 
mit  schwimmenden  Zweigen  ohne  Wurzel  und  ohne  Boden  ist, 
so  wachset  im  Reisewagen  und  am  Hofe  derselbe  kosmopoliti-  3o 
sche  IndifFerentismus,  derselbe  nachgiebige  tolerierende  horror 
naturalis,  der  alle  Menschen  fiir  Verwandte  halt.  Daher  kommt 
jener  Dezember  in  vornehmen,  durch  seidne  Ordensbander  iso- 
lierten  Herzen,  denen  die  iibrigenHerzens-Inhaber  nur  alsbessere 
Kartesianische  Tiermaschinen  und  Teufelchen  oder  als  Mumien, 
die  man  gliedweise  zum  Malen  und  Medi^inieren  zerschaben 


VIERTER  REISE-ANZEIGER  809 

kann,  erscheinen.  -  Herzen,  die  sich  einen  andern  Menschen 
nicht  gut  lebendig  denken  konnen,  ohne  die  kiihne  Figur  der 
Personifihation  zu  brauchen  —  und  die  einen  Untertan  nur  lieben, 
wenn  ihn  der  Komodiant  reprasentiert  und  reflektiert.  Daher 
spielen  manche  Fiirsten  den  Fiirsten  besser  auf  der  Buhne  als 
auf  dem  Throne,  gleich  Boileau,  der  keinen  Tanz,  aber  leicht 

einen  Tanzer  nachmachte. 

Ich  kehre  nach  Erlangen  zuriick.  Sobald  die  Ideen,  die  im 
Bienenkorbe  unsers  Kopfes  Honig  machen,  einen  fremden  Kor- 

io  per,  eine  verreckte  Maus  etc.  nicht  iiber  das  Flugbrett  werfen 
konnen,  so  uberziehen  sie  solche  wenigstens  mit  Wachs,  damit 
sie  nicht  stinke:  ich  sagte  namlich  dem  Boten,  wir  konnten  uns 
in  den  ersten  Gasthof  (in  die  blaue  Glocke),  dessen  Kellner  uns 
ja  noch  immer  die  abschlagliche  Antwort  schuldig  ware,  zu  einem 
ungemein  glanzenden  Nachtmahl  machen,  und  erst  dann  auf  den 
Weg.  »Es  muB  sie  krepieren,«  sagt'  er  fein,  »wenn  sie  sehen,  was 
Sie  brav  aufgehen  lassen.«  -  Ich  und  der  Bote  argerten  uns  jetzt 
iiber  das  mit  dem  Sch-lichthobel  planierte  Getafel  der  Hauser- 
fronte  so  stark  als  Baggesen  iiber  dieselbe  Karten-Gleichheit  in 

20  Mannheim:  wir  vergrifTen  uns  -  da  nichts  zu  unterscheiden  war 
als  die  Eckhauser  durch  ein  drittes  Stockwerk  -  lange  in  Gassen 
und  Hausern  und  wiinschten  von  Herzen  einige  Fischerhiitten 
oder  Saukoben  oder  Ruinen  als  Kompasse  und  Hande  in  margine 
dazwischen. 

Die  kategorischen  Imperatoren  werden  mit  mir  dariiber  reden 
und  Handel  suchen,  daB  ich  in  der  blauen  Glocke  ein  wahres  Fiir- 
sten-Pickenick  -  Dinte  und  Wein  waren  nur  die  erste  Foderung 
-  von  der  Sagosuppe  an  bis  zur  Schweizerbackerei  fur  mich  und 
den  Meister  aufsetzen  lieB,  bloB  um  der  Universitat  zu  zeigen, 

30  was  wir  verzehret  hatten  bei  langerem  Bleiben.  StuB  muBte  Petit- 
knaster  rauchen  und  Fidibus  fbdern  und  den  Span  wegwerfen. 
Ach  die  passabeisten  Menschen  -  das  beweiset  mein  Zorn-,  nicht 
Liebes-Mahl  -  gleichen  den  breitesten  reinsten  Parisergassen :  die 
dunkelstenhaBlichsten  QuergaBchendurchschneiden  sie  oft.  Men- 
schen und  Biicher  mussen  in  mehr  als  eine  Korrektur  gelangen, 
um  die  Errata  zu  verlieren. 


8lO  PALINGENESIEN 

Ich  hatte  mir,  wie  man  weiB,  bei  Streitberg  vorgesetzt,  Leib- 
gebers  Inserat  abends  neu  aufzulegen;  aber  dazu  war  ich  heute 
verdorben.  Ich  schlug  lieber  die  Teufels-Papiere  auf,  um  eine 
Satire,  die  etwan  auf  Christian-Erlangen  zu  applizieren  ware,  in 
der  Hitze  umzubessern:  es  fand  sich  wenig,  was  nicht  ebenso 
knapp  Hof,  Leipzig  oder  einer  Hansestadt  anlag.  Endlich  kam 
mir  der  Anhang  S.  158  in  den  Wurf  oder  vor  den  SchuB:  »von 
Philosophen,  denen  es  sauer  gemacht  wird,  sich  selber  zu  ver- 
stehen«,  welchen  ich  fiir  eine  mehr  kantianische  Universkat  auf- 
gespart  hatte.  »Ganz  ohne  Kantianer  wird  doch  der  On  nicht  10 
sein«,  sagt*  ich  freudig  -  und  nun  fing  ich  an. 

Aber  Himmel!  wie  erhitzt  wurd'  ich  -  durch  ein  sonderbares 
metaphorisches  Hysteronproteron  -  gegen  die  unschuldigen  Kan- 
tianer samt  und  sonders,  als  waren  sie  die  Kellner,  die  den  Men- 
schen  aus  den  gegen  die  Gasse  und  Menschenliebe  gerichteten 
Zimmern  in  eine  dunkle  Kammer  und  Oubliette  hatten  sperren 
wollen  -  welches  doch  nur  metaphorisch  richtig  war!  -  Wie  we- 
nig erwiderte  ich  die  humane  bescheidne  Polemik  fast  aller  Kan- 
tianer, gerade  als  war*  ich  ein  Jenenser  und  Hatlenser  zugleich 
(wie  man  sonst  die  Renommisten  nannte) !  -  Ich  kann  es  nur  aus  20 
dem  Mute,  den  der  Wein  einfldBet,  begreiflich  machen,  daB  ich 
in  der  blauen  Glocke  viele  Zeltschneider  des  Konigsberger  Quar- 
tiermeisters  bei  dem  philosophischen  Barte,  den  an  ihnen  wie  an 
dem  Bienenvater  Wildau  ein  aufs  Kinn  angeflogner  Immen- 
schwarm  von  Unterzeltschneidern  formiert,  anfassete,  ohne  zu 
bedenken,  wie  mich  der  Bart  steche.  Jetzt  wo  ich  den  Mut  aus- 
geschlafen  habe,  bin  ich  nicht  keck  genug,  es  herzuschreiben,  daB 
manche  den  Papageien  gleichen,  die  im  verdunkelten  Bauer,  wor- 
in  bloB  ein  Spiegel  fur  das  Ich  des  Sittichs  steht,  in  der  Schaukel 
eines  Ringes,  deutlich  nachsprechen  lernen.  Noch  dazu  niacin*  ich  30 
keinen  Unterschied:  ich  mengte  untereinander  (das  war  mir  alles 
einerlei,  und  ich  schame  mich)  die  Prinzipien-  oder  Wurzelman- 
ner,  die  jeden  Monat  neuen  Krotenlaich  der  Schildkrote,  worauf 
die  Erde  ruht,  zum  Trager  ausbriiten  -  und  die  kritischen  Asthe- 
tiker,  die  wie  Kuchenbackerinnen  das  EiweiB,  wovon  sich  die 
Kiichlein  des  Genies  ernahren,  zu  abstraktem  Schaume  klatschen, 


VIERTER  REISE-ANZEIGER  8ll 

um  daraus  Opferkuchen  fur  die  Priester  irgendemes  Jupiter  Xe- 
nius  zu  machen  -  die  figiirlichen  Kopfabschneider,  die  ihren  Bac- 
chantenzahn  fur  den  Weisheitszahn  ansehen,  und  alle  vorige 
Wahrheiten  und  Tugenden  fiir  peccata  splendida  -  und  alle  die 
architektonischen  Tiere,  die  der  Baudirektor  des  kritischen  Lehr- 
gebaudes  in  seine  Arche  einfing,  namentlich  die  Wespen,  die 
Schwalben,  die  Biber,  die  nun  alle  im  Kasten  anstatt  im  freien 
Universum  ihre  Nesterbauten  aus  Spanen,  Kot  und  Baumen  an- 
legen  -  und  jeden,  der  ein  Buch  macht,  um  darzutun,  er  habe  so 

10  viele  Ahnlichkeiten  von  Kant,  als  der  heilige  Franz1  von  Christo, 
namlich  viertausend. 

Ich  hatte  klug  sein  sollen,  schon  weil  eine  Satire,  eine  signie- 
rende  Schelle,  die  man  einem  Weltweise'n  anhangt,  ihm  nicht  halb 
so  viel  tut  als  einem  Welttoren  oder  Weltmenschen ;  denn  bei 
jenem  ist  das  Lacherliche  nicht  der  Probierstein,  sondern  gar  das 
Merkmal  der  Wahrheit.  So  ist  das  gewohnliche  Mittel  der  Oko- 
nomen,  Ratten  dadurch  zu  vertreiben,  da6  man  einer  eine  schrek- 
kende  Schelle  anhangt,  nach  meiner  eignen  Erfahrung  grund- 
falschj  da  sich  die  andern  an  die  lautende  Bestie  gewohnen  und 

zo  mit  ihr  laufen.  Das  beste  Mittel,  sie  -  ich  rede  wieder  von  den 
Philosophen  -  zu  vertilgen,  sind  sie  selber,  da  sie  einander  aus 
Mangel  an  Kost  gegenseitig  verzehren.  Fiir  Okonomen,  denen 
gerade  daran  gelegen  sein  kann,  merk'  ich,  da  ich  einmal  von 
Ratten  gesprochen,  im  Voriibergehen  an,  daB  die  Methode  eini- 
ger  Landwirte  -  die  mehrere  Ratten  in  einem  Topfe  fangen  und 
einander  vor  Hunger  zu  fressen  zwingen-nach  meiner  Erfahrung 
die  beste  ist,  weil  stets  eine  und  zwar  die  starkste  ubrig  bleibt,  die 
man  als  eine  Rattenfresserin  freigeben  und  unter  die  andern  als 
ein  lebendiges  Rattenpulver  schicken  kann. 

3o  Sooft  ich  in  Bellarmin  das  katholische  System  und  in  Gerhard 
das  orthodoxe  las  und  bewunderte  und  darin  auf  alle,  meine  Ein- 
wiirfe  die  Antworten  fand :  so  wiederholt*  ich  meine  Bemerkung, 
daB  ein  System  nicht  sowohl  durch  AngrifFe  umzuwerfen  sei  als 
nur  durch  ein  -  neues,  das  sich  kiihn  danebenstellt. 

1  Pedro  cTAlva  Astorga  bewies  es.  S-  Machines  Note  121  in  Mosheims 
Kirchengesch.  1.  Sak. 


8l2  PALINGENESIEN 

Jetzt  werF  ich  alle  diese  vulkanische  Produkte  meines  Zornes 
aus  mir  heraus  und  weg  und  halte  die  Leser  lieber  durch  eine  mit 
Bescheidenheit  verfaBte  Schutzschrift  fur  die  Kantianer  schadlos 
und  gebe  ihnen  damit  zugleich  mein  siebentes  und  letztes  Werk- 
chen  vor  Nurnberg. 


Siebentes  Werk  vor  Nurnberg 
Warum  der  Kantianer  andere  leichter  bekehren  und  verstehen  kann  als  sich 

Newton  setzte  in  seinen  jiingern  Jahren  so  tiefsinnige  Werke 
auf,  daB  er  in  seinen  altern  nicht  mehr  vermogend  war,  sie  zu  fas- 
sen.  Von  einem  Manne  dieser  GroBe  lasset  sich  die  Annaherung  10 
an  jetzige  vielleicht  noch  groBere  Kopfe  gedenken,  die  philoso- 
phische  kritische  Werke  von  solchem  Werte  —  und  fast  in  jeder 
Messe  eines  -  schreiben,  daB  der  Verfasser  sein  Werk  nicht  ver- 
stehen kann,  und  zwar  nicht  erst  im  Alter,  wo  ohnehin  der  Mensch 
voll  gesunkner  Krafte  nur  seine  eigne  Mumie  und  der  Sarkophag 
seiner  Jugend  1st,  sondern  in  den  besten  Mitteljahren  und  sogar 
in  der  Minute,  wo  alle  Krafte  im  Bliihen,  namlich  im  Machen 
sind;  er  kann  nicht  wissen,  was  er  sagt  und  will,  und  konnt'  er 
damit  einen  Kurhut  verdienen,  von  welchem  der  baiersche  Kur- 
furst  dekretierte,  daB  er  in  seinen  Landen  mit  einem  Ch  geschrie-  20 
ben  wiirde.  Auf  eine  ahnliche  Art  bauet  die  Seele  des  Kindes 
(nach  Stahls  System)  sich  den  kiinstlichen  Leib,  dessen  Kunst  und 
Textur  nicht  sie,  sondern  ein  spater  Prosektor  nach  ihrem  Ent- 
weichen  aufdeckt.  Freilich  verbreiten  solche  Manner  dann  mehr 
Licht,  als  sie  selber  genieBen,  wie  auch  die  Sonne  alle  geringere 
Korper  vollstrahlt,  indes  sie  selber  (nach  Sack  und  nach  Peyroux 
de  la  Coudroniere)  so  finster  ist  wie  ein  Entenstall.  Inzwischen 
tauschet  ein  nur  im  Hause  der  Gemeinen  sitzender  Wochen- 
mensch  wie  ich  kaum  mit  ihnen:  ich  werfe  zwar  nur  kurze  und 
diinne  Strahlen  in  die  Gehirnkammern  der  Menschen  und  gebe  30 
nicht  sowohl  vortreffliche  Werke  heraus  als  bloB  gute;  allein  ich 
meines  Ortes  kapiere  mich  doch,  ich  kann  doch  das  mannigfache 
Gute,  was  meine  Sachen  auftischen,  in  meinen  Milchsaft  verwan- 


VIERTER  REISE-ANZEIGER  813 

deln  und  diesen  in  Puls-Blut  und  arbeite  mich  also  durch  den 
Unterricht,  den  sie  mir  durch  ihre  spielende  Methode  geben,  sel- 
ber  in  einen  brauchbaren  Mann  urn.  So  lasset  ein  Brennspiegel 
von  schwarzem  Marmor  zwar  andere  Gegenstande  kalter,  aber 
er  macht  sich  selber  warmer,  als  ein  glanzender  tut. 

Dabei  konnen  oft  die  tiefsinnigsten  kategorischen  Imperatoren 
wie  der  russische  (Peter  der  GroBe,  ders  von  sich  selber  sagt) 
leichter  ihre  Nation  umbessern  als  sich,  da  sie  nur  von  jener  ver- 
standen  werden,  aber  nicht  von  sich.  Gleich  den  Gebeinen  des 

10  Elisa  verleiben  sie  einem  fremden  Leichnam  moralisches  Leben 
ein,  sie  selber  aber  beharren  in  der  toten  zaundurren  Verfassung. 
Ich  stelle  mir  ihre  Lage  deutlicher  vor,  indem  ich  sie  (wie  die 
Fiirsten)  mit  dem  Judengotte  vergleiche,  der  nach  den  Rabbinen1 
vor  der  Schopfung  das  Gesetz  auf  dem  Rilcken  in  feurigen  Let- 
tern  trug.  Freilich  ist  dann  die  kritische  Gesetztafel  leichter  von 
dem  zu  lesen,  der  hinter  der  Tafel  geht,  als  vom  Gesetztrager 
selber,  der  sich  nach  ihr  wie  nach  asopischen  Gebrechen  nicht 
umdrehen  kann.  -  Inzwischen  ist  Menschenliebe  vielleicht  die 
einzige  Tugend,  die  keinem  Kantianer  fehlet.  Ich  spreche  hier 

20  nicht  von  der  humanen  Schonung  in  ihrer  Polemik:  sondern  von 
ihrer  ganzen  Thetik.  Als  GegenfuBler  der  Gliickseligkeitslehre 
konnen  sie  aus  dem  Vergnugen  anderer  Leute  nicht  mehr  machen 
als  aus  ihrem  eignen  und  opfern  also  fremdes  ebenso  kalt  wie 
eignes  auf.  Sie  wiirden  sich  daher  schamen  -  denn  es  ware  Hete- 
ronomie  -,  in  ihrer  formalen  Tugend  die  materielle  Absicht  frem- 
der  Begliickung  mehr  wie  der  eignen  zu  haben;  sie  suchen  andern 
(wie  sich)  nichts  zu  verschaffen  als  das  einzige  und  hochste  Gut 
(Moralitat)  und  tun  es  durch  die  einzig-moglichen  Mittel,  durch 
Diskurse  und  Manuskripte.  Und  so  erreichen  sie  leicht  den  hoch- 

30  sten  Gipfel  der  Moralitat,  indem  sie  gute  Werke  nicht  sowohl  tun 
als  schreiben  und  indem  sie  z.  B.  ihre  Freigebigkeit  nicht  in  einer 
elenden  materiellen  Gabe,  sondern  in  einer  Ermunterung  zur 
Freigebigkeit  bestehen  lassen:  der  Ermunterte  ermuntert  fort, 
und  so  immer  jeder  den  andern,  und  kein  Heller  wird  dabei  aus- 
gegeben.  -  Und  das  ists,  wozu  es  schon  langst  viele  Geistlichen 
1Morhof.  Pol.  IV.  1. 


8 14  PALINGENESIEN 

treiben,  daher  die  Kantianer  selber  die  Christen  fur  ihre  Vor- 
laufer  erkennen. 

Ende  des  siebenten  Werks 

Als  ich  ausgeschrieben  und  ausgetrunken  hatte,  trat  ich  mit 
alien  Kellnern  und  Philosophen  in  Friedensverhandlungen,  die 
unterzeichnet  wurden,  sobald  ich  in  denFriedenstempel  derFruh- 
lingsnacht  einging.  Der  vom  Liebesmahl  versohnte  StuB  ware 
lieber  geblieben;  aber  ich  wollte  durchaus  am  Anbruch  des  Mor- 
gens  —  und  des  andern  Bandchens  dieser  Palingenesien  -  in  Nikn- 
berg  sein.  Wenn  nur  einmal  das  Gedrange  der  Begebenheiten  und  10 
Zwecke,  das  uns  immer  triibe  und  unrein  riittelt,  ablasset,  so  las- 
sen  wir,  wie  Wasser  in  der  Ruhe,  bald  die  fremden  dunkeln  Kor- 
per  fallen:  ^Konnen  denn  die  armen  Kellner«,  sagt*  ich,  »die  in 
ihren  Freihafen  einlaufenden  Menschen  anders  salutieren  als  nacli 
der  Flaggenkarte  des  Anzugs?  Haben  sie  Zeit,  Recht,  Kraft,  die 
Ladung  zu  visitieren?  -  Warum  zogst  du  Weinkiifer  dein  Wein- 
zeichen  ein  und  hingest  das  Bierzeichen  heraus?«  -  Der  Mensch 
schiebt  oft  darum  die  Schuld  lieber  auf  sich  als  auf  andere,  weil 
es  ihm  leichter  ist,  sich  zu  vergeben  als  andern. 

DrauBen  im  geschmuckten  Sonnentempel  des  Tages  verlieren  20 
die  narrischen  Kriegsspiele  des  Lebens  ihren  Schein  und  Glimmer 
nicht  so  leicht  und  eilig  als  vor  der  kuhn  gefiillten  Baumanns- 
hohle  der  Nacht,  welche  die  Kristalle  der  Sterne  und  die  Tropf- 
steine  der  Planeten  und  lauter  groBe  Formen  iiber  den  klein- 
stadtischen  Tag  erheben.  Wenn  ich  den  weiten,  zu  gestirnten 
lichten  Bildern  ausgestochenen  dunkeln  Himmel  ansah,  gleich- 
sam  als  den  verzognen  silbernen  Anfangsbuchstaben  unsersSeins, 
-  und  MilchstraBen  und  Nebelflecken  gegen  Kellner,  Philoso- 
phen, jetzige  Literatur,  Ostermessen,  zweite  Editionen  hielt:  so 
wollten  die  letztern  nicht  mehr  recht  glanzen,  und  ich  flng  an,  30 
wenig  darum  zu  geben.  - 

Aber  weiterl  Da  wir  in  der  luftigen  Nacht  durch  stille  Walder 
und  stille  Dorfer  gingen,  und  da  in  mir  ein  Traum  nach  dem 
andern  aufstieg  und  jeder  neue  lichter  und  groBer:  so  flng  mein 
Inneres  an,  von  einer  dunkeln  Entziickung  aufzuwallen,  die  nicht 


VIERTER  REISE-ANZEIGER  815 

das  bloBe  Kind  meiner  Traume  und  der  Gegenwart  sein  konnte; 
es  war  mir,  als  stehe  mein  innerer  Mensch  bis  an  das  Herz  ineinem 
warmenden  Sonnenschein,  nur  sein  Auge  nicht.  Da  solche  Ent- 
ziickungen  mit  einem  Schleier,  die  wie  Engel  nur  eine  gebende 
Hand  aus  der  Wolke  reichen,  meistens  von  dunkeln  und  eilig  zu- 
sammengezahlten  Ahnlichkeiten  geboren  werden,  die  das  Herz 
zwischen  der  Gegenwart  und  zwischen  vorigen  Szenen  oder  alten 
Wunschen  innen  wird:  so  sucht'  ich  in  beiden  letztern  nach  dem 
Schliissel.  Ich  wiird*  ihn  wohl  darin  zuletzt  gefunden  haben,  war* 

1  er  mir  nicht  plotzlich  vom  Himmel  herabgefallen. 

Gegen  Mitternacht  kroch  namlich  einsam  und  ohne  Gefolg  das 
letzte  Mondsviertel  durch  das  unverzierte  Morgentor  herein:  nur 
ein  wenig  lichten  Dunst  hatte  der  Mond  gleichsam  zur  Rundung 
seiner  eingefallenen  Gestalt  iiber  sich  gezogen.  Jetzt  fiel  das  warme 
Sonnenlicht  auf  meine  innern  Augen:  »0  so  war  es  vor  einem 
Jahre  such,  nur  tausendmal  schonerI«  sagt'  ich.  Ich  meinte  die 
Mainacht  in  der  Woche  vor  Pfingsten,  wo  mir  dieses  Leben  das 
Neujahrsgeschenk  eines  zweiten  vorausgegeben,  namlich  die  stille 
Gestalt  Herminens,  die  wie  der  Mond  in  Osten  wohnte  und 

>  schimmerte,  und  die  ihr  Licht  auf  keinem  prahlenden  Aurorens- 
Wagen  brachte,  jene  Nacht,  wo  wir  auf  immer  statt  der  Hande 
die  Seelen  gewechselt  hatten;  daher  ihre  meinen  Willen  hatte  und 
meine  ihren  (wenn  ich  bei  mir  war).  Ach  hatt'  ich  heute  an  diese 
duldende  Seele  gedacht:  wiird*  ich  da  gerade  in  der  Stunde,  wo 
sie  wahrscheinlich  meinen  Streitberger  Brief,  ein  weiches,  von  der 
Liebe  und  Wonne  abgeschicktes  Olivenblatt,  erhielt,  diesem  In- 
halte  so  ungleich  und  gegen  Kellner  und  Kantianer  so  hart  gewesen 
sein?  Unmoglich:  von  Herzen  gern  hatt*  ich  wenigstens  meinen 
Streit  und  die  Lesung  des  Briefes  in  verschiedene  Stunden  verlegt. 
Wie  ich  in  meiner  Phantasie  jeder  Musik  Lieder  -  jeder  Sange- 
rin  Erinnerungen  und  Wiinsche  -  jeder  Landschaft  glucklkhe 
Menschengruppen  zuteile  und  dadurch  jedem  Gegenstand  ein 
lebendiges  Herz  einsetze  fiir  meines:  so  HeB  ich  auf  dem  schwar- 
zen  Brette  der  Nacht  die  Lichter  und  Reflexe  der  Vergangenheit 
voruberlaufen  und  geliebte  Gestalten  und  selige  Szenen  und  mich 
selber  darunter.  Um  aber  den  Weg  nach  Nurnberg  recht  fiir  die 


8l6  PALINGENESIEN 

erwahnte  Mainacht  vor  Pfingsten  zu  grundieren,  muBt*  ich  die 
Nadelforste  aushauen  zum  Platze  fur  Laubholz  und  die  Hugel 
abtragen  und  die  Berge  weit  in  den  blauen  Horizont  zuriick- 
schieben:  der  Himmel  blieb,  wie  er  war,  ach  dieselben  Gestirne 
schimmerten  ja  damals,  und  derselbe  halbe,  in  einen  groBen  Stern 
verkleidete  Mond  zog  herauf.  Nun  fing  ich  an,  mich  ordentlich  zu 
erinnern. 

Es  war  weit  gegen  Mitternacht  und  ebenso  weit  als  jetzt  - 
erinnerte  ich  mich,  aber  langsam,  und  hielt  bei  jeder  Minute  einen 
Rasttag  -,  als  wir,  ich,  Hermina  und  eine  auf  den  Honig  hoherer  10 
Nektarien  ausgehende  Bienengesellschaft,  aufbrachen:  der  Mond 
war  noch  gar  nicht  da,  aber  schon  der  Himmel.  Wir  hatten  auf 
das  Landgut  nur  eine  gute  Meile,  herrlichen  ebenen  blumigen 
duftenden  Weg,  und  die  Berge  nicht  auf  diesem,  sondern  wie 
Turmspitzen  und  Schiffe  tief  im  herabgewolbten  Himmel.  Als 
ich  endlich  unter  den  Sternen  und  vor  der  kleinen,  aber  himm- 
Hschen  Zukunft  der  Nachtwandelung  stand,  sagt*  ich  mit  dem 
langen  Einatmen  der  gewonnenen  Seligkeit  vorHerminen:  »End- 
lich  nab'  ich  die  Nacht,  du  gutes  Geschick,  die  in  meinen  Trau- 
men  und  Buchern  so  oft  aufging  und  in  meinen  Tagen  nie:  Sterne  20 
—  und  Blumen  —  und  Seelen  -  und  Traume  -  und  Paradiese  -  und 
alles  ist  ja  da.  Aber  heute  will  ich  mich  nichts  um  mich  scheren, 
sondern  ordentlich  vor  Freude  zu  sterben  suchen:  ich  will  dem 
Baum  von  Goa  gleichen,  der  nachts  alle  seine  Bliiten  hervor- 
drangt  und  dem  sie  die  Morgensonne  abbricht.«  -  »Lieber  der 
Nachtviole,«  (versetzte  Hermina)  »die  sie  am  Morgen  nur  ver- 
schlieBet.  -  Ach  doch  ist  es  sehr  wahr !  Auch  mich  macht  der  Tag 
nur  beklommener,  je  blauer  er  ist.  Aber  eine  Fruhlingsnacht  gibt 
dem  Leben  frische  Farben,  HofFnungen  desMorgens  und  Kraft.«- 

» Jawohl,  Hermine,«  (sagt*  ich  und  sah  zu  der  im  Blauen  schwim-  30 
menden  Sonnen-Flotte  auf)  »wer  kann  Eitelkeit  der  Dinge  unter 
der  weiBen  Bergkette  der  MilchstraBe,  unter  so  vielen  in  alien 
Universums-Ecken  zugleich  brennenden  Tagen  fiihlen?  oderTod 
und  Einsamkeit  glauben  und  furchten  mitten  in  einer  lebendigen 
pulsierenden  UnermeBlichkeit,  wo  keine  Sonne  ruht  und  jede 
Erde  fliegt?«  - 


VIERTER  REISE-ANZEIGER  8l7 

Ich  wuBte  recht  gut,  daB  ich  Herminen  damit  an  ihre  zum 
Vater  gegangne  Mutter  und  an  die  Stunde  ihres  offnen  Grabes 
erinnerte;  aber  war  nicht  jeder  Stern  ein  Trost  und  der  Himmel 
eine  Zukuntt?  -  Ich  und  Hermine  machten  jetzt  in  einem  durch- 
sichtigen  Laubholzwaldchen  -  obgleich  die  Nachtzephyre  sich 
drinnen  lauter  umherdrehten  und  auf  uns  die  Wolken  von  den 
Rauchaltaren  der  Blutenbaume  trieben  -  eiligere  Schritte,  bloB 
damit  wir  den  Abendstern,  der  wie  eine  bliihende  Wasserpflanze 
im  Blauen  schwamm  und  seine  Bluten  immer  weiter  ausdehnte, 

10  noch  einmal  schimmern  sahen,  eh*  er  in  die  Himmelstiefe  hinab- 
gezogen  wurde.  Ich  und  sie  -  ich  erinnere  mich  immer  weiter  - 
waren  vor  der  Gesellschaft  voraus  und  schaueten  wartend  dem 
Falle  des  Hesperus  zu.  Dieser  Stern  ist  fur  mich  ein  am  Himmel 
hangender  verkleinerter  Friihling,  wie  der  Mond  ein  Nachsom- 
mer:  mir  war,  da  er  fiel,  als  ware  mir  eine  Hoffnung  unter  den 
Horizont  gegangen.  Aber  auf  einmal  ragte  in  Morgen  die  Glet- 
•  scherspitze  des  halben  Monds,abermitweggeschmolzener  Schnei- 
de,  blinkend  iiber  die  Erde  herein.  »0  wie  schon  sich  die  Gestirne 
einander  ablosen  gleich  den  Lebensaltern  der  Menschen«,  sagte 

20  Hermina.  »WohlI«  (sagt*  ich)  »denn  der  Hesperus  ist  der  Stern 
der  Jugend  und  Liebe,  der  Mond  ist  das  stille  kalte,  aber  helle 
Alter,  und  dann  nach  der  Nach-Mitternacht  geht  doch  noch  die 
warme  Morgensonne  auf.« 

0  du  Unendlicher!  wie  groB  webst  du  das  GroBe  mit  dem 
Kleinen,  aufgehende  Welten  mit  erquickten  Herzen  zusammen, 
deine  entbrennende  Sonne  mit  dem  entpuppten  Wiirmchen! 
Wenn  der  Mensch,  diy  so  ungleich,  Millionen  unsichtbare  kleine 
Herzen,  indem  er  die  Arme  zur  Hiilfe  eines  groBern  ausbreitet, 
mit  den  FiiBen  ertritt:  o  so  ist  bei  dir  alles  so  tausendfach  ver- 

30  schlungen  und  gebraucht,  daB  die  Katarakte  des  ewigen  ausge- 
breiteten  Stroms  aus  Sternen,  der  iiber  den  Himmel  springt,eben- 
sogut  die  Wiege  unsers  schlaf  losen  Herzens  in  Bewegung  setzt, 
als  die  Wasserfalle  des  Riesengebirges1  die  Wiegen  armer  Kinder 
riitteln!  - 

1  In  Schmiedefeld  auf  dem  Riesengebirg.  Auswahl  kleiner  Reisebeschreib. 
I.  S.  8. 


8l8  PALINGENESIEN 

Die  herrliche  Nachtluft  wurde  frischer  und  Iebendiger.  Der 
kalte  Mond,  dessen  halbe  Scheibe  im  Friihling  heller  und  hoher 
um  uns  zieht  als  seine  voile,  floh  vor  der  heiBen  Sonne  in  den 
tiefen  Himmel  hinauf.  Auf  den  wehmiitigen  Abend  schaueten 
wir  nur  zuriick  wie  Selige  auf  eine  im  Mondschein  abbliihende 
Erde.  Die  bleiche  Seele  bekam  jetzt  wie  blasse,  ans  Licht  gestellte 
Blumen  unter  farbenden  Sonnen  gesunde  Farben,  und  der  Genius 
der  Jugend  ging  mit  uns  und  sang:  es  gibt  eine  ewige. 

Wir  gingen  fern  vor  einem  in  Bluten  nistenden  Dorfchen  vor- 
iiber,  woraus  uns  der  Glockenschlag  und  die  Verse  des  abrufen-  10 
den  Nachtwachters  nachflogen  oder  nachklangen,  der  damit  die 
Menschen  an  ein  helleres  oder  langeres  Erwachen  erinnern  wollte 
als  an  das  nachste.  Auf  einem  Steige  durch  ein  einfach-grunes 
Weizenfeld,  das  mit  bescheidenern  Farben  als  die  Auen  weniger 
verhieB  als  gab,  fuhren  neben  uns  zwei  schlafende  Lerchen  zitternd 
auf,  wovon  die  eine  zwischen  grauen  Morgenflocken  hangen  blieb 
und  ihr  hohes  Lied  ausrief  und  jetzt  nicht  furchtsam,  sondern 
bloB  singend  zitterte.  Der  Mond  stieg  lichter  zu  seinem  Mittag 
und  zum  hohen  Sirius  herauf.  Die  nachtwandelnde  Abendrote 
bezeichnete  schon  in  Osten  die  Stelle  seiner  .Geburt  mit  einem  20 
Flor  von  Rosenknospen.  O  wie  kraftig  stieg  das  Herz  und  die 
verhullte  Morgensonne  miteinander  hoher!  - 

Wir  kamen  an  einen  Bach,  auf  welchem  ein  hangender  Garten 
von  aufgebliihten  Wasserpflanzen  schwamm,  und  Hermine  biickte 
sich  iiber  die  in  Flittersilber.  zerflatternde  Wellen  herein,  um  den 
wiegenden  Baumschlag,  der  unter  den  Wogen  bebte  und  doch 
iiber  dem  Ufer  ruhig  stand,  und  die  kleinen,  auf  das  Wasser  ge- 
saeten  Fruhlinge,  die  sich  den  Wellen  nachbogen,  selig  anzu- 
schauen:  plotzlich  entfiel  ihr  unter  dem  Heriiberneigen  ihr  Auri- 
kelnstrauB  ins  Wasser,  den  sie  unterweges  so  oft  an  den  Mund  ge-  30 
driickt  und  zuweilen  ans  Auge.  Ach  die  kalten  Blumen  sollten 
vielleicht  jenen  kiihlen  und  diese  trocknen!  -  Die  Wogen  nah- 
men,  gleich  denen  der  Zeit,  die  leichten  Blatter  mit.  Ich  folgte 
ihnen  Iange  und  brachte  sie  Herminen  spat  zuriick. 

Da  ich  wiederkam  und  ihr  Auge  vergroBert  gegen  die  er- 
loschenden  Sterne  aufgeschlagen  fand,  als  wollte  sie  damit  dem 


VIERTER  REISE-ANZEIGER  819 

Zusammenrinnen  seines  feuchten  Schimmers  widerstehen:  so 
glaubt*  ich,  die  kurze  Einsamkeit  habe  das  voile  Herz  mit  einem 
sanften  Schmerze  geoffnet,  weil  ja  jede  bessere  Brust,  gleich  sel- 
tenen  durchsichtigen  Bernsteinstiicken,  einen  ewigen  hellen  zit- 
ternden  Tranentropfen  in  sich  tragt,  der  weder  fliefien  nock  ver- 
trocknen  kann.  Unter  dem  Niedersehen  tropfte  ihr  Auge  wie  die 
Blumen,  die  sie  empnng-sie  biickte  sich  schnell  iiber  das  Wasser 
und  sagte  mit  gebrochner  Stimme:  »Wie  die  Wellen  die  grau- 
roten  Wolkchen  drunten  um  den  Mond  herumtreiben !«  -  und 

10  als  sie  darin  ihre  weinende  Gestalt  erblickte,  weinte  und  lachelte 
sie  starker  -  sie  bedeckte  und  trocknete  das  Auge  nicht  mehr, 
aber  sie  konnte  sich  nicht  gegen  mich  umwenden  -  das  Gewol- 
ke  gliihte  hoher  an,  und  die  Lerchen  schwankten,  vom  Morgen- 
winde  ergriffen,  zwischen  den  Farbenfeuern  und  flogen  mit  hei- 
6en  Gesangen  hoher  auf,  sich  abzukuhlen.  -  Ich  nahm  aus  Sorge 
und  Liebe  ihre  Hand  und  sagte:  »Hermine,  bist  du  traurig?«  - 
Sie  sagte  mit  leisem  gezognen  Ton:  »Nur  seligU  und  zerfloB  in 
ein  weinendes  Lacheln,  wie  das  eines  Engels  iiber  einen  ganzen 
Frommen-Himmel  ist.  Jetzt  war  mir  plotzlich,  als  sah*  ich  ihre 

20  Seele  mit  fallendem  Schleier  zwischen  bergigen  zuriickweichen- 
den  Wolken,  die  der  auflaufende  Widerschein  beleuchtete,  gen 
Himmel  ziehen :  »Hermina,«  sagt'  ich  hingerissen,  »die  Sterne  und 
der  Morgen  und  der  Fruhling  haben  dich  erhoben,  und  du  hast 
gefuhlt,  daB  deine  Mutter  unsterblich  ist:  gute  Hermina,  darum 
bist  du  selig?«  Da  sie  sich  aufgerichtet  und  edel  gegen  mich 
wandte  und  da  die  Morgensonne  heraufkam  und  ihr  geriihrtes 
verklartes  Antlitz  uberstrahlte:  so  glich  sie  einer  Unsterblichen, 
und  sie  sagte  heiter  wie  eine  Selige:  »Ja?  darum  bin  ich  gliicklich  - 
wie  diese  Sonne  ist  es  in  mir  aufgegangen,  und  in  meiner  ganzen 

30  Seele  ist  es  Morgen.«  -  »So  innig-selig  bleibe  ewig«  -  sagt'  ich 
begeistert  -  »und  werd*  es  noch  mehr  J « 

Sie  biickte  mich  dankend  an,  und  in  ihre  heiligen  Augen  kehr- 
ten  die  Zeichen  der  Ruhrung  zurtick.  In  meinem  Herzen  war  das 
Entziicken  und  in  meinem  Auge  der  kleine  Schmerz,  den  uns  die 
Sehnsucht  macht.  Ich  wiederholte  bloB:  »Werde  gliicklich !«  und 
ich  konnte  nur  bange  dazusetzen:  »Sag  es  zu  mir  auch!«  und 


820  PALINGENESIEN 

dann  das  aufrichtige  Auge  auf  sie  heften  und  schweigend  langer 
bitten.  Sie  blickte  zur  Erde  -  hielt  die  Hand  vor  das  bestrahlte 
Angeskht  -  errotete  wie  von  der  Morgenrote  -  HeB  viele  Tranen, 
ohne  sie  zu  trocknen,  flieBen  -  und  dann  trocknete  sie  die  letzten 
ab  und  stammelte  unter  dem  Verhullen:  »Mogen  wir  gliicklich 

sein  und  der  Unendliche  unsern  Wunsch  erhoren !« 

»0  diese  Sonne«?  sagt'  ich,  als  heute  wieder  eine  Morgenrote 
durch  die  betaueten  Zweige  eines  Alleenwaldchens  vor  Niirnberg 
schimmerte,  »strahle  dich  heute  in  deiner  Feme  wieder  in  einem 
Entziicken  an  wie  an  jenem  Morgen:  ach  dein  Wunsch,  duHimm-  10 
lische,  traf  ja  ofter  als  meiner  ein!«  Und  als  ich  aus  dem  Waldchen 
trat,  sah  ich  schon  die  Sonne  den  hochsten  Niirnberger  Turm 
»Lug  ins  Land«  vergolden  — 

Ende  des  ersten  Bandchens 


Jean  Pauls 
Fata  und  Werke 

VOR  UND  IN  NiJRNBERG 

Zweites  Bandchen 


Frachtbrief  vom  Juden  Mendel1 

Als  ich  von  der  Frankfurter  Herbstmesse  nach  Kuhschnappel 
heimkam,  wurde  mir  gleich  morgens  fruh  die  Hiobspost  hinter- 
bracht,  daB  der  gelehrte  Siebenkas,  dem  ich  einen  alten  Schlaf- 
rock  von  gekiepertem  Zeuge  vorgestreckt,  Todes  verfahren,  und 
daB  man  ihm  meinen  Schlafrock  ohne  meinen  Konsens  nebst  sei- 
nem  Korper,  der  meine  Hypothek  war,  mit  in  den  Sarg  gegeben. 
Da  man  mir  nun  den  Schlafrock  von  gekiepertem  Zeug  nicht 
sowohl  zum  Versatz  (denn  das  darf  ich  nicht)  als  zum  Kaufe  ge- 

io  bracht  -  doch  so,  daB  ich  ihn  nach  vier  Wochen  gegen  einigen 
Reukauf  wieder  hergabe  -,  so  wuBt'  ich  nicht,  was  ich  dazu.sagen 
sollte  zu  meinem  eingesargten  Schlafrock:  denn  ich  bin  blutarm. 
Ich  lief  daher  sogleich,  eh'  der  Schabbes  anging,  zu  seinen  Relik- 
ten  und  wollte  mich  seiner  Effekten  bemachtigen;  es  war  aber 
nichts  da  als  Papier,  teils  reines,teils  anderes,mitChristendeutsch 
uberschriebenes,  welches  mir  die  Wittib  zu  Geld  zu  machen  an- 
riet.  Allein  ich  schamte  mich,  das  uberschriebene  Papier,  da  es 
keine  anderthalb  Pfund  wog,  groBen  Hausern  anzubieten  zur 
Emballage;  und  HeB  deswegen  alles  genau  abdrucken  und  ver- 

20  legen,  damits  einige  Zentner  gabe  und  man  es  hiesigen  Gewiirz- 
handlern  mit  Ehren  antragen  konnte,  nachdem  es  vorher  von 
alien  deutschen  und  polnischen  Gelehrten  aufmerksam  durchge- 
laufen  worden.  Wahrhaftig,  wer  zusieht,  wie  ein  armer  Gelehrter 
seinen  Sessel  aussitzt  und  sich  darauf  abmergelt,  um  nur  ein  oder 
ein  paar  Pfund  guter  stilisierter  Biicher  zu  schreiben,  der  preiset 
Handel  und  Wandel,  es  sei  nun  mit  Schnittwaren  oder  mit 
Vieh. 

1  In  der  ersten  Auf  lage  steht  er  vor  der  Vorrede  unter  dem  Titel :  Notiges 
Aviso  vom  Juden  Mendel. 


824  PALINGENESIEN 

Mein  Gelehrter,  der  fur  mich  das  Gesetz1  studiert,  will  mir 
dafiir  haften,  daB  im  gegenwartigen  abgedruckten  Christen- 
deutsch,  in  das  er  an  meiner  Statt  hier  und  da  hineingesehen, 
fatale  Stachelschriften  leben  und  weben,  die  nach  uns  Menschen 
beiBen  und  schnappen  -  welches  mir  leicht  glaublich  ist,  da  der 
lebendige  Teufel  das  Werklein  gemacht.  Der  gute  Armenadvo- 
kat  Siebenkas  muBte  freilich  die  Finger  und  den  Korper  her- 
geben,  wenn  der  bose  Feind  nachts  darein  wie  in  seine  Schreib- 
maschine  fuhr2  und  mit  dessen  Leibe,  wahrend  der  gute  Mann  im 
Himmel  war,  oft  bis  der  Nachtwachter  abdankte,  aufsaB  und  da- 
mit  Sachen  hinschmierte,  die  jetzt  warm  aus  der  Presse  kommen 
und  wodurch  er  jedermanniglich  rauft  und  zwickt.  Und  wie  die 
guten  Engel  sonst  dem  Adam,  Isaak,  Jakob  und  Abraham  ganze 
Ballen  schonster  Biicher  einbliesen,  so  verbraucht  gewiB  noch 
der  Satanas  den  Leib  mancher  keuschen  und  sanften  Gelehrten 
zu  bitterbosen  Werken,  wahrend  sie  im  Schlafe  und  bei  Gott  sind, 
und  setzet  solche  mit  ihren  Fingern  auf,  welches  ja  ein  Kind  be- 
greifen  kann  und  ein  alter  Cretin. 

Mein  Schuldner,  Siebenkas,  bleibt  ein  gelehrter  groBer  Schrei- 
ber  und  Gelehrter,  und  ich  wuBte  oft  nicht,  was  er  haben  wollte.  : 
Er  hat  zwar  im  Grabe  meinen  gekieperten  Schlafrock  an;  ich 
glaube  aber  nicht,  daB  er  yerdammt  ist  -  denn  er  hegte  heimliche 
Neigung  zum  Judentum  und  lieB  daher  bei  dem  Bucherverleiher 
Eitzen  nach  der  heiligen  Schrift  fragen,  und  er  ging  auch  voll 
Schulden3  aus  der  Welt  -  er  liebte  den  Talmud  und  die  Juden- 
schaft  und  trug  ihr  oft  seine  beweglichen  Guter  an  -  er  sagte  ein- 
mal:  wozu  Judenschutz?  -  er  sagte,  er  sei  offen  und  trage  wie 
ein  Embryon  das  Herz  auBen  auf  der  Brust,  welches  gelehrte 
Wort  ich  nicht  einmal  verstand  -  er  war  so  bescheiden,  daB  er 

1  Manche  Juden  leben  davon,  daB  sie  von  Haus  zu  Haus  gehen  und  zum  3 
Seelenheil  des  Einwohners  eine  Stunde  am  Talmud  studieren. 

1  Die  Meinung  unsers  Juden  griindet  sich  auf  die  Lehre  der  Rabbinen, 
daB  aus  einem  Schlafenden  die  Seele  austrete  und  in  den  Himmel  gehe  -  urn 
da  ein  Haupthandelsbuch  iiber  ihre  Handlungen  zu  fuhren  und  zu  schreiben 
-  und  daB  dann  der  Teufel  den  vakanten  Leib  besetze.  Daher  miissen  sich 
die  Juden  nach  dem,  Schlafe  waschen. 

*  Nach  den  Rabbinen  werden  Insolvente  nicht  verdammt  und  Leute,  die 
an  einer  Diarrhoe  umkommen,  und  Manner  boser  Frauen. 


FRACHTBRIEF  VOM  JUDEN  MENDEL  825 

gestand,  sein  Kopf  hatte  verdient,  daB  die  Geographen  den  ersten 
Meridian  durch  solchen  gezogen  hatten,  w.elche  Operation  mei- 
nes  Erachtens  einem  Kopfe  nicht  sanft  tun  kann  -  er  war  des 
festen  Vorsatzes,  das  groBte  Licht  nicht  nur  im  groBen  Gehirn 
der  Kuhschnappeler  anzuziinden,  sondern  auch  im  kleinen  und 
im  Riickenmark  bis  ans  SteiBbein  hinunter  —  er  lieB  sich  rasieren, 
aber  er  bat  Gott  um  einen  ellenlangen  Bart,  wie  ihn  Philosophen 
und  Rabbinen  fuhren.  Allein  ich  sagte  zu  ihm :  »Menschenkind, 
warum  willt  du  einen  propern  haben?  Das  Buch  Rasiel  besagt, 

10  daB  der  Bart  Gottes  eilftausend  und  funfzehnhundert  rheinische 
Meilen  misset  -  laB  ab,  da  deine  Kinnbacke  doch  keinen  heraus- 
spinnet,  der  langer  ware  als  ein  Sabbaterweg.«  - 

Gottlos  ists  vom  Teufel,  daB  er  sich,  wie  ich  vom  Gesetzleser 
hore,  im  ganzen  Buch  nichts  merkeh  lasset,  daB  ers  geschrieben: 
er  gedenkt  mich  um  mein  Geld  und  um  den  Schlafrock  zu  prellen, 
weil  dann  Biicherlustige,  hofft  er,  aus  dem  Buch  nicht  viel  machen 
wurden,  wenn  er  ungewiB  gelassen,  ob  er  der  Verfasser  ist.  Wel- 
cher  Menschenseele  kann  es  aber  iiberhaupt  etwas  verschlagen, 
wenn  sie  sichs  kauft?  —  Mein  Kontrakt  zwischen  mir  und  dem 

20  Herrn  Verleger  ist  aber  der,  daB  wir  die  Druckkosten  zusammen- 
schieBen  und  abziehen  von  verkauften  Exemplaren,  worauf  der 
OberschuB  des  Profits  in  meine  Kasse  fallen  soil,  und  der  Ober- 
schuB  der  Exemplare  oder  die  Makulatur  in  seine.  Da  nun,  wie 
'  ich  hore,  die  Herren  Redakteurs  die  Biicher  ordentlich  und  quar- 
taliter  loben:  so  sprech'  ich  alle  in  groBen  Stadten  unbekannter- 
weise  um  beste  Empfehlung  an,  besonders  da  es  ein  Werk  ist, 
wodurch  ein  blutarmer  Jude  wieder  zu  seinem  Schlafrock  und 
Gelde  kommen  will.  Inzwischen  werden  gewiB  einige  Herren 
Rezensenten,  die  ich  proper  bedacht  habe,  das  Werklein  zu  ihrer 

30  Zeit  mit  Beifall  aufnehmen  und  belegen  und  den  Zuzug1  auf  meine 
Tonne  setzen,  zum  Zeichen,  daB  gar  kein  Wrackswrack  oder 
Stankhering  darinnen  ist;  und  das  Publikum  wird  einen  Begriff 
haben,  was  es  von  ihrem  Lobe  erwarten  diirfe,  wenn  ich  beteuere, 
daB  ich  dem  einen  Rezensenten  einige  Packchen  Studententabak 

1  Zuzug  ist  der  vom  Hamburger  Rat  auf  die  Heringstonnen  als  Siegel  der 
Giite  gemachte  dreifache  Zirkel. 


826  PALINGENESIEN 

gratis  geschenkt,  und  der  Frau  des  andern  ein  wenig  taffetas  de 
bonnes  femmes1  dariiber  gemessen  und  ihr  einen  halben  Stab  ge- 
streiften  Batavia  gegen  wenige  Steine  Bauernwolle2  gelassen  - 
und  ich  konnte  im  Notfall  beide  gerichtlich  zum  Lobpreisen  an- 
halten  lassen.  Auch  versichert  man  mich,  dafi  viele  einem  ge- 
druckten  Buche  Weihrauch  anziinden:  ich  ersuche  gleichfalls  um 
den  Weihrauch  und  bitte,  so  viel  Teufelsdreck3  beizulegen,  als 
man  verlangen  kann  nach  der  Thora,  und  dann  so  das  Buch  und 
den  Dreck  und  den  Rauch  schon  ineinandergewickelt  anzu- 
brennen.  —  iD 

Der  ich  mich  hiemit  der  gelehrten  und  kaufenden  Welt  emp- 
fehle,  als  ein  sehr  blutarmer  und  dato  unbezahlter  Jude,  der  gern 
lebte  und  leben  IieBe,  aber  nicht  weiB  wovon  -  denn  sonst  in  Ara- 
bien  trieben  wir  Juden  Nfedizin,  aber  jetzt  sind  wir  auf  Jurispru- 
denz  heruntergebracht  und  helfen  mit  urteln.  -  Und  hah'  ich  nicht 
dreiundsechzig  feine,  sehr  feine  Steine  vom  dritten  Wasser  an 
einer  vornehmen  Hand  allhier  sitzen,  die  noch  zu  bezahlen  stehen, 
und  wovon  ich  noch  nichts  hatte  als  ebenso  viele  Gallensteine 
oder  Gallenkrankheiten?4  -  Hab'  ich  nicht  das  Ehepfand  auf  dem 
Halse,  das  mir  leider  nicht  meine  Frau,  sondern  der  Konsistorial-  20 
sekretar  aufhing,  und  zwar  zu  teuer?  -  Und  setz'  ich  nicht  Sonne 
und  ein  paar  Tochter  in  die  Welt,  die  nach  meinem  Tode  nichts 
werden  konnen  als  Schnurrjuden,  und  nackt,  aber  schuldenfrei 
bin  ich  in  diese  Schofelwelt  gekommen,  und  nackt  werd'  ich 
wieder  aus  ihr  hinausfahren,  aber  mit  passiven  Schuldposten?  - 
Und  sind  dergleichen  Noten  nicht  pressant  genug,  damit  so  viele 
hundert  Leser  und  Kaufer  mir  den  Gefallen  erzeigen  und  mir 
mein  Buch  abkaufen,  es  mag  nun  ein  Werk  des  hollischen  Teufels 

sein  oder  nicht? 

Mendel  B.  Abraham  30 


1  Sogenannter  ehrbarer  Frauen  Taffent,  der  beste  franzosische. 

2  Die  schlechteste  Schafwolle. 

3  Nach  dem  Gesetz  muBten  die  Juden  in  den  Weihrauch  auch  assa  foetida 
tun. 

4  Die  Juden   zahlen   dreiundsechzig   Gallenkrankheiten.   Voet.   Select, 
disput.  P.  II.  de  Judaism. 


FtJNFTER  REISE-ANZEIGER 

Fata:  Grenzrezesse  -  der  Pa(i  des  Grafen  —  die  Feierlichkeiten  bei  meinem 

Einzug  —  Jagd  nach  Georgetten  und  Briefen 
Werke:  Brief  des  Herrn  Hans  von  Hansmann  uber  seine  365-Gevattern 

Ich  hoffe,  sowohl  Patrizier  als  RuBige  hatten  sich  durch  das  siiBe 
Gefuhl  geschmeichelt  gefunden,  das  mich  durchzog,  als  Ich  den 
Judenbuhl  verlieB  und  nun  ganz  Niirnberg,  von  derKolonnade 
von  zwolf  Hiigeln  oder  Karyatiden  gehalten  und  von  einem  blii- 
henden  und  wachsenden  Erntekranz  aus  Garten  umgiirtet,  vor 

10  mir  liegen  und  rauchen  sah.  StuB  riB  viel  vom  Lobe,  das  ich  seiner 
vorigen  Miinzstadt  erteilte,  zu  eignem  Gebrauch  an  sich  und 
sprang  auf  den  Triumphwagen,  den  ich  fur  Niirnberg  anspannte, 
hinten  hinauf.  Setzet  mich  vielleicht  (wie  ich  nicht  wiinsche)  die 
Stadtebank  zur  Rede,  warum  ich  gerade  dieser  Stadt  das  Schnupf- 
tuch,  namlich  die  Wahl  meines  Absteigequartiers  vergonnen  wol- 
len :  so  geb'  ich  zur  Antwort :  der  Kindleinsmarkt  war  schuld.  Die 
60000  Statuen  in  Rom  (mehrere  sind  nicht  da,  nach  Volkmann), 
alle  Gliedermanner,  Taufengel  und  Karyatiden  konnen  meinem 
Herzen  keine  solchen  Himmelsbrotspenden  liefern,  als  ihm  in  der 

zo  Kindheit  die  Niirnberger  Puppen  oder  Docken  auf  kleinen  Ra- 
dern  zufuhren.  Ach  ergotzte  uns  nur  niemals  ein  gefahrlicherer 
und  armerer  Tand  als  der  Niirnberger!  --  Fiir  Kinder  sind  Puppen 
fast  so  groB  und  schon  wie  Kinder  fiir  uns.  -  Diese  Spiegel-  und 
Miniaturwelt  der  Drechsler  in  Verbindung  mit  ihrer  Levante, 
dem  Christmarkt,  pragten  meiner  Seele  eine^alte  Vorliebe  fiir  die 
Reichsstadt  und  den  noch  dazu  richtigen  Glauben  ein,  daB  man 
dort  noch  hauslich  lebe. 

Als  wir  bei  der  sogenannten  Mistgrube  vorbei  und  nahe  an  den 
tiefen  Proserpinens-Garten  des  bluhenden  Stadtgrabens  waren: 

30  hatt'  ich  das  Vergnugen  -  was  vor  dem  Einzug  in  eine  Stadt 
ungemein  groB  ist  -,  dafi  der  Bote  viel  von  ihr  sprach:  zu  den 
fiinf  Blattern,  die  Matthias  Seutter  von  der  Stadt  und  ihren 


828  PALINGENESIEN 

Grenzen   gestochen,  lieferte   Stufi   mehrere  Supplementblatter 
nach. 

Da  ich  endlich  vor  einem  Niirnberger  Schlagbaum  mit  dem 
rechten  FuBe  im  reichsstadtischen  Territorium  und  mit  dem  Hn- 
ken  noch  im  brandenburgischen  stand :  blieb  ich  so  ausgespreizet 
stehen  und  sann  iiber  die  Schwierigkeit,  Grenzen  zu  bestimmen 
ohne  Beleidigung  der  Grenzgotter,  lange,  aberohneNutzen  nach. 
Ich  halte  einen  GrenzrezeB  flir  vollig  unmoglich.  Denn  man  ziehe 
immer  eine  Demarkationsfurche,  z.  B.  mit  den  Radern  einer  Ka- 
none,  ja  mit  einem  Bajonett:  so  werd'  ich  und  jeder  Branden-  10 
burger,  der  mathematisch  scharf  denkt,  anfragen  -  da  die  Furche 
stets  eine  Breite  haben  muB  — :  wie  weit  erstrecket  sich  in  dieser 
Breite  das  eine  Territorium  und  wie  weit  das  andere?  Ja,  waren 
beide  schon  so  scharf  abgeteilt,  daB  ein  Floh  das  dritte  Paar  FiiBe 
(die  SpringfuBe)  im  brandenburgischen  Gebiete  und  das  erste 
im  Niirnberger  hatte:  so  wiirde  der  Streit  iiber  das  Territorium 
des  zweiten  erst  recht  angehen.  Kurz,  so  lange  nicht  eine  Linie 
ohne  Breite  zu  ziehen  ist  -  woran  man  die  echt-geometrische  er- 
kennt  — ,  so  kann  kein  Landesherr,  der  nach  geometrischer  Scharfe 
verfahrt,  je  mit  Grenzberichtigungen  zufrieden  sein.  20 

Ich  verfolgte  nun  statt  des  Markungs-Skepdzismus  meinen 
Weg,  und  die  FiiBe  fanden  leichter  als  die  Messungen  das  Niirn- 
berger Gebiet.  Vor  dem  Laufertore  wurde  mein  Mantelsacktrager 
angehalten  und  um  die  Kundschaft  befragt:  er  berief  sich  auf 
seinen  nachkommenden  Propositus.  Der  Mittelwachter  hielt  die- 
sen  an,  ein  Unterofflzier  trat  heraus,  foderte  den  PaB und 

mir  passierte  ein  verfluchter  Streich.  Ich  gab  ihm  den  PaB :  er  las 
lange  daran  -  »BataillonrV  fragt'  er  endlich.  Ich  dachte,  er  tue 
einen  Fluch,  der  sich  mit  Bataillon  etc.  anfangt,  und  wartete. 
»Das  Wetter!  Bataillon  oder  Baraillon?«  fragt'  er  noch  einmal,  30 
da  ich  ihm  zu  ruhig  in  das  unruhige  Antlitz  sah.  Jetzt  war  mir, 
als  wenn  mir  ein  Fontanell  zuflele  aus  Mangel  der  Erbse:  der 
Ungliicks-Graf  Sebald  von  Baraillon  in  Hof  hatte  mir  seinen  ver- 
dammten  PaB  aufgepackt,  und  ich  hatte  dariiber  meinen  nicht  ein- 
gesteckt,  und  nun  hatte  der  Unteroffizier  den  falschen  in  der  Hand. 

Es  war  weiter  nichts  zu  machen  als  eine  Finte  und  eine  Tugend 


FUNFTER  REISE-ANZEIGER  829 

aus  der  Not:  »Mein  leserlicher  Name  ist  Comte  Sebaud  de  Ba- 
raillon,  zu  deutsch  Graf  Sebald  von  Baraillon«,  sagt*  ich  zur 
Wache.  So  sah  ich  mich  also  ohne  einen  Heller  Kanzlei-Jura, 
ohne  Taxgelder  an  Vizekanzler  und  Sekretare  und  ohne  den  ge- 
ringsten  Beweis,  daB  ich  ein  graf liches  Auskommen  habe,  auf  die 
Grafenbank  versetzt.  Wenn  jeder  dem  andern  Staub  in  die  Augen 
wirft  -  wenigstens  der  Konig  Goldstaub  -  der  Rektor  an  der 
Domschule  und  der  Prorektor  Schulstaub  —  die  papstliche  Rota 
Glasstaub,  der  noch  dazu  die  Augen  anfriBt  -  der  Poet  Feder- 

10  staub  von  seinen  Zweifaltersfliigeln  -  der  Buchhandler  Bucher- 
staub:  so  hangt  man  mich  freilich  nicht,  wenn  ich  dem  wacht- 
habenden  Offizier  den  Streusand  des  Passes  in  die  Augen  blase; 
inzwischen  ging  mir  dieses  Stauben  im  Kopfe  herum,  bis  ich  zu 
mir  sagte:  denke  dir,  du  sagtest  in  einer  deiner  Biographien  die 
Sache  aus  SpaB.  -  Dem  Weibergesellen  hielt  ich  jetzt  vor,  wir 
miiBten  bei  einer  Konfrontation  wie  Kerbholzer  ineinandergrei- 
fen,  und  er  sollte  mich  kiinftig  Herr  Graf  nennen,  weil  man  sonst 
unter  dem  Tore  dachte,  ich  loge. 

Ein  deutscher  Prinz  nahm  die  herrliche  Gassen-  und  Waren- 

20  Erleuchtung  Londons  fur  eine  kleine  Illumination,  womit  ihn  die 
Stadt  empfangen  wolle;  und  schon  der  Mensch  iiberhaupt  sieht 
den  Mond  fiir  seine  Monatsuhr,  die  Fixsterne  fur  sein  Immobiliar- 
vermogen  an  und  die  Wandelsterne  fur  seine  beweglichen  Giiter, 
den  Erdkern  fiir  sein  Schiffsgut,  das  Pflanzenreich  fiir  sein  MuB- 
teil  und  das  Tierreich  fiir  seine  Hollanderei.  »Ich  will  auch  etwas 
aus  mir  machen,«  sagt'  ich  in  Nurnberg,  »ich  will  das,  was  in  den 
Gassen  vorfallt  als  ein  geringes  Zeichen  der  Verehrung  anneh- 
men,  womit  mich  die  Reichsstadt  empfangen  wollen.«  Es  war 
nicht  schwer,  zu  bemerken,  wie  mich  Nurnberg  einholte.  Zuerst 

30  ritt  mir  der  Rektor  magnifikus  von  ALtdorf  entgegen  und  nachher 
seines  Weges  -  man  lautete  mit  Glocken,  und  die  Friihprediger 
versammelten  sich  auf  ihren  Kanzeln,  mich  anzureden,  wenn  ich 
in  die  Kirche  kame  -  auf  dem  griinen  Markte  wurd'  ich  von  den 
Gemiise-Kauffrauen  wirklich  angeredet  und  salutiert,  als  ich  iiber 
Petersilie  und  Gemiise,  die  statt  der  Zweige  und  Blumen  auf  den 
Weg  gestreiiet  waren,  hinwegging  -  die  vierundzwanzig  Kom- 


83O  PALING  ENESI EN 

pagnien  der  bewaffneten  Burgerschaft  zu  FuB  waren  in  ihre  eig- 
nen  Hauser  postiert,  weil  man  nicht  wuBte,  wo  ich  voriiberpas- 
sierte  -  das  Springen  aller  ofFentlichen  Springbrunnen,  die  Menge 
der  Kranz-  und  Schmeckenbinderinnen1  und  die  gen  Himmel  ge- 
kehrten  umgestulpten  Ehrenbogen  einiger  iiber  die  Gassen  gehan- 
gnen  Laternen  fur  Illumination -das  Auf-  und  Absprengen  einzel- 
ner  Einspanniger*-die  mit  welschen  Festtapeten  mehr  bemalten 
als  behangnen  Hauser  —  die  unzahJigen  Gassenspiegel  (sie  sollten 
meine  Gestalt  auffangen)  -  die  Ehrenwachen  an  alien  acht  Toren 
formierten  zusammen  einen  glanzenden  Empfang,  den  ich  kaum  10 
annehmen  wollte,  und  zuletzt,  als  mir  gar  drei  Weisheiten*  und 
drei  Patrizier  in  schwarzen  Schleppkleidern,  spanischen  Igelkra- 
gen  und  mit  Schwanz-  und  Haarkometen  von  Periicken  entge- 

genkamen,  wich  ich  errotend  aus »Viel  vom  Empfang«  (sagt* 

ich  zu  mir  selber)  what  man  freilich  auf  die  Rechnung  zu  schrei- 
ben,  daB  ich  (als  Graf  Sebald)  der  Interims-  und  Namensvetter 
des  vorigen  Schutzpatrons  bin,  des  heiligen  Sebaldus,  von  dem 
sie  ja  noch  die  Sebaldus-Kirche,  die  Sebalder  Seite  und  den  Se- 
balder-Reichswald  meines  Wissens  aufbewahren.« 

Dennoch  blies  sich  der  Bote  noch  mehr  auf  als  ich  mich,  bloB  20 
weil  er  alle  Gassen  kannte  und  ich  nichts.  Er  ging  jetzt  als  mein 
Leithammel  und  Lotsen  ins  Wirtshaus  zur  Mausfalle  voraus,  die- 
sen  Antikentempel  des  guten  Hans  Sachs.  »Wenn  bei  einer  Kai- 
serkronung«  -  sagt*  ich  zu  mir  -  »ein  Markgraf  neben  dem  romi- 
schen  Konig  steht,  so  wird  er  ein  Aposteltag,  der  in  einen  Festtag 
fallt  und  den  die  Hofleute  iiber  diesen  wenig  begehen.  Und  so 
werdet  ihr  beide,  du  in  deinem  trachtigen  Nachtmantel  und  StuB 
in  seinem  Laufkollett,  weder  im  roten  Hahnen  am  Kornmarkt, 
noch  in  der  goldnen  Gans,  noch  im  Reichsadler  etwas  anders  vor- 
stellen  als  Zaunkonige:  hingegen  in  der  Mausfalle  ist  ein  fran-  30 
zosischer  Graf  Ieicht  ein  Schlitzen-  oder  Vogelkonig,  ein  achtes 
Wunder  der  Welt  und  eine  neunte  Kur.«  - 

1  Blumenbinderinnen. 

1  Dig  Stadtgardisten  zu  Pferde,  die  meist  zur  Ruhe  gesetzte  Dragoner 
sind. 

3  So  heiBen  die  acht  biirgerlichen  Ratsglieder  zum  Unterschiede  von  den 
Patriziern. 


FUNFTER  REISE-ANZEIGER  83  I 

Der  Wirt  kannte  den  Boten,  und  ich  errang  ein  Stiibchen  zur 
Miete.  Es  kam  viel  Ruhe  in  meine  Brust,  da  man  meine  EfTekten 
ausgepackt,  aufgehangen,  um  mich  gelegt  und  das  Stiibchen  mit 

-  der  Fracht  moblieret  hatte:  die.vorigen  Stadte  legt*  ich  nur  als 
die  Sprossen  der  Jakobsleiter  an  Niirnberg  an :  »Nun  bin  ich,  wo 
ich  sein  will«,  sagt'  ich  zum  Meister  und  erschrak  iiber  den  Dop- 
pelsinn.  Ach,  wenn  konnte  der  Mensch  das  sagen?  Indem  er  zu 
seinem  Ruhebette,  ich  weiB  nicht,  hinauf-  oder  hinabsteigt,  kehrt 
er  sich  oft  rnude  nur  auf  einer  breiten  Staffel  um  und  setzt  sich 

10  darauf  an  die  andern  gelehnt  und  sagt:  endlich  hab'  ich  eineRuhe- 
bank.  Der  lange  Gang  des  Menschen  ist  ein  Ersteigen  des  Mtin- 
sterturms :  nach  325  schwer  erreichten  Stufen  findet er  einen  freien 
breiten  Platz  und  ein  Wachterhauschen,  und  hier  schreibt  er  sei- 
nen  Namen  in  Stein  und  geht  wieder  hlnab\  einer  und  der  andere 
klettert  von  da  aus  erst  zum  Knopf  und  hat  die  Aussicht  der  Un- 
ermeBHchkeit,  und  dann  steigt  oder  sturzt  er  auch  hinab. 

Solche  Betrachtungen  macht  man  leicht,  wenn  man  die  ganze 
Nacht  auf  den  Beinen  und  in  Traumen  war,  und  wenn  noch  der 
Aschermittwoch  des  vierten  Feiertages  zu  begehen  1st,  an  wel- 

20  chem  alle  Menschen  die  zerstreueten  laufenden  Funken  froher 
Augenblicke  uber  den  dunkeln  Zunder  der  verloderten  Tage  irren 
sehen. 

Ich  muBte  wissen,  daB  ich  nicht  umsonst  in  Niirnberg  war, 
sondern  daB  ich  herkulische  Arbeiten  darin  zu  machen  hatte,  de- 
ren  zwei  sind :  namlich  Leibgebers  Inserat  neu  zu  edieren  und  der 
Tochter  des  Emigranten  den  PaB,  die  Patentpomade  und  den 
Facher  auszuhandigen.  An  beides  war  jetzt  nicht  zu  denken:  zur 
ersten  Arbeit  war  ich  zu  miide,  zur  andern  auch  und  zu  vergessen 
dazu.  Ich  wuBte  wohl,  daB  Georgette  bei  einem  Fleischer  wohne 

30  —  aber  ich  wuBte  nicht,  wo  dieser  wohne,  und  war  froh,  daB  ich 
Stussen  erst  lange  bei  der  ganzen  Kuttler-  und  Fleischer-Gesell- 
schaft  naturforschender  Freunde  herumzuschicken  hatte.  Mit 
einem  Wort:  ich  wollte  nur  gern  die  von  dem  leuchtenden  Friih- 
lings-Eden  ausgehellete  Seele  aus  der  bangen  dunkeln  Kajiite 
wieder  in  das  Fruhling-Louisium  tragen,  aus  der  Schusterwerk- 
statt  des  Dichters  in  den  Irrhain  des  Blumenordens.  - 


832  PAUNGENESIEN 

»StuB,  tu*  Er  doch  im  Vorbeigehen  einen  Sprung  in  die  Zehi- 
sche  Buchhandlung  -  ob  nichts  an  mich  da  ist.«  Es  konnte  ohne 
Taubenpost  noch  kein  Brief  von  Wetzlar  oder  Hof  da  sein;  aber 
hieriiber  lass*  ich  nicht  mit  mir  reden.  Ein  Brief  ist  mir  fast  ein 
Wechselbrief  und  (nach  dem  juristischen  Sprichwort)  lieber  als 
Zeugen.  Einen  unbeschreiblichen  GenuB  schopF  ich  aus  dem 
Empfangen  und  Erbrechen  eines  Briefes,  wiewohl  mich  auch  sein 
Lesen  freuet;  —  dann  uberfahr'  ich  ihn  absichtlich  so,  daB  ich  ihn 
nach  einer  Stunde  wieder  lesen  muB,  weil  ich  das  erstemal  zu 
wenig  davon  verstanden  —  zum  dritten  Male  les'  ich  ihn  bloB  so.  10 
Ich  habe  schon  oft  gewunscht,  die  Italiener  (weil  sie  jeden  Brief 
der  Posten  wegen  doppelt  schicken)  oder  der  Himmel  (wie  im 
Mittelalter  geschah)  schriebe  an  mich,  besonders  da  ich  ihm  nicht 
zu  antworten  brauchte:  denn  ich  erhohe  mir  den  Reiz  der  Briefe, 
die  ich  bekomme,  noch  kunstlich  durch  mein  Schweigen  darauf. 
Meine  Brief-Jagerei  geht  so  weit,  daB  ich  gleich  dem  sinesischen 
Kaiserhofe  unter  den  Monturen,  wie  die  Blumisten  unter  den 
Hyazinthen,  die  postgelben  am  schonsten  finde.  Ja  treib*  ichs 
nicht  oft  weiter  und  lege  meine  eignen  gesiegelt  auf  den  Tisch 
und  mache  mir  nachher,  wenn  ich  mich  vergesse,  weis,  sie  waren  20 
an  mich  adressiert?  Und  schmeichr  ich  mir  nicht  oft,  wenn  der 
Brieftrager  mit  seinem  herrlichen  Brief-Faszikel  vor  mir  steht,  er 
handige  mir  jeden  Augenblick  den  Faszikel  aus? 

Nun  weiter!  Ich  ging  mit  dem  entzundeten  Fieber-Herzen, 
worin  die  Traume  der  verwachten  Nacht  und  die  der  Hoffnung 
klopften,  in  den  Harsdorfschen  Irrhain  bei  Kraftshof;  -  ichschrieb 
da  tief  geruhrt  meinen  bekannten  Brief  an  Siebenkas;  denn  meine 
Traume  sind  voll  Friihlinge,  und  meine  Friihlinge  voll  Traume. 
-  So  weit  bracht'  ich  den  Leser  schon  im  ersten  Kapitel  des  ersten 
Teils;  und  blieb  im  Haine  stehen.  30 

Ich  gehe  jetzt  mit  ihm  im  ersten  Kapitel  des  zweiten  Teiles 
weiter,  namlich  nach  Hause  in  die  Mausfalle.  Ein  Mensch,  der 
auf  der  Ziehbank  und  Drahtmuhle  der  Erwartung  -  eines  Briefs 
z.  B.  -  dunn  gequalet  und  gezogen  wird,  kommt  nicht  besser  da- 
von herunter,  als  wenn  er  (wie  ich)  ausgeht,  und  zwar  an  einen 
Ort,  wo  er  nichts  zu  erwarten  hat:  im  Irrhain  konnt'  ich  unmog- 


FUNFTER  REISE-ANZEIGER  833 

lich  auf  meinen  Sack-  und  Bdeftrager  aufsehen,  aber  in  der  Maus- 
falle  war'  ich  jede  Minute  ans  Fenster  gelaufen. 

StuB  war  gekommen,  aber  kein  Brief,  und  die  Grafin  Georgette 
hatt*  er  unter  den  Fleischern  Niirnbergs  so  vergeblich  gesucht  als 
unter  denen  des  Robespierre.  WeiB  indes  ein  Mann  es  so  zu  kar- 
ten,  daB  er  in  vier  Lotterien  auf  einmal  einsetzt,  d.  h.  daB  er  sich 
vier  HofTnungen  zugleich  macht:  so  gewinnt  er  wenigstens  bei 
einer  -  ich  gewann  einen  andern  Brief  aus  der  Zehischen  Buch- 
handlung,  der  mir  mein  satirisches  Pensum  ersparte. 

10  Die  Bewandtnis  ist  diese:  im  Voigtland  und,  ich  glatibe,  in 
mehr  Landern  wird  kein  adeliges  Kind  getauft,  das  nicht  mehr 
Paten  als  Ahnen  hatte:  hundert  oder  doch  funfzig  ist  Tax.  Der 
Gebrauch  ist  schon  an  und  fiir  sich  gut,  da  er  den  Taufling  auf 
einmai  mit  der  ganzen  Reichsritterschaft  in  eine  kanohische  Ver- 
wandtschaft  bringt,  aus  der  zuletzt  eine  viel  eintraglichere  zu 
machen  ist;  aber  noch  wichtiger  werden  solche  Anstalten  fiir  die 
Taufnamen  eines  Junkers,  da  sonst  der  Adel  keinen  Namen  wei- 
ter  hatte.1  Allein  eben  darum  sollte  das  Kind  alle  Namen  seiner 
Paten  wirklich  bekommen.  Ich  sehe  nichts  darin,wenn  ein  Edel- 

20  mann  wenigstens  halb  so  viel  Namen  .erhielte  als  bei  den  Arabern 
das  Schwert,  das,  obwohl  nur  sein  Pertinenzstuck,  cloch  drei- 
hundert  Namen  und  bei  den  alten  Rittern  einen  Taufnamen  hatte. 
Wenn  er  sich  zur  Kenntnis  seines  Ichs  einen  romischen  Nomen- 
klator  halt,  so  wird  er  (sogar  bei  Ritterkonventen)  immer  wissen, 
wie  er  heiBet.  In  Meusels  gelehrtem  Deutschland  formierte,  falls 
er  hineinkame,  sein  Name  allein  ein  Namenregister  und  im  Kir- 
chengebete  des  Patronatspfarrers  einen  Vokabelnsaal,  nicht  zu  ge- 
denken  des  Raumes  in  Pranumerantenlisten. 

Der  gedachte  Brief  an  mich  nun  war  von  einem  alten  ehrlichen 

jo  Landsassen,  Hans  von  Hansmann,  der  bei  Gelegenheit  vernom- 
men  hatte,  ich  ware  einer  der  besten  Skribenten  und  schriebe  fiir 
die  halbe  Welt.  Der  alte  LandsaB,  der  Biicher  den  Buchbindern 


1  Bis  ins  eilfte  Sakulum  hatte  der  Edelmann  nur  einen  Taufnamen,  zu  dem 
noch  ein  Beiname  kam,  z.  B.  der  Bar,  der  WeiBe,  die  Maultasche.  Nachher 
erst  wurde  er  nach  seinen  Giitern  genannt,  daher  das  Wortchen  von.  Siehe 
die  vortreffliche  Abhandlung  dariiber  im  deutschen  Museum  1782,  Febr. 


834  PALINGENE.SIEN 

iiberlasset,  kam  auf  den  Gedahken,  ich  sei  ein  sogenannter  Schrei- 
ber  und  schreibe  so  schon  wie  ein  hollandischer  Kontorist.  Da  er, 
wie  es  scheint,  seinen  Brief  aus  einem  ahnlichen  in  den  Teufels- 
Papieren  (S.  119)  abgeschrieben  hat,  was  er  durch  eigne  Ein- 
schiebsel  zu  verstecken  denkt:  so  kann  ich  das  Schreiben  als  mein 
erstes  Werk  in  Nurnberg  auffuhren. 

»P.  P. 

Wie  ich  h6re,sindSieohnePrinzipal  undkommenauchschwer- 
lich  unter:  es  ist  alles  greulich  mit  Skribenten  ubersetzt,absonder- 
lich  die  Gerichtshaltereien,  welches  ich  blo8  dem  Minister  Secken-  10 
dorf  zuschreibe,  der  alien  Federfechtern  Amter  gab.  Nun  bin  ich, 
wie  etwan  bekannt,  in  den  Stand  der  heiligen  Ehe  zum  zweiten- 
mal  getreten  und  konnte  allerdings  einen  gewandten  Skribenten 
brauchen,  der  eine  schone  Hand  und  Mores  hatte  und  sonst  etwas 
taugte.  Ich  begehre  von  einem  solchen  Menschen  nichts,  als  daB 
er  den  ganzen  Tag  sitzt  und  die  unzahligen  Gevatterbriefe  an  alle 
die  Paten,  die  ich  zum  kunftigenKinde  zusammenbitte,  ungemein 
nett  und  sauber  abschreibt,  damit  die  Briefe  schon  fertig  liegen, 
eh  das  Kind  da  ist.  Dazu  sind  dreihundertundfunfundsechzig 
Gevatterbriefe  vonnoten;  der  Vater  des  Kindes  ist  allemal  der  20 
Schaltgevatter.  Und  so  kann  ich  einem  armen  Schelm  jahraus,  jahr- 
ein  zu  essen  und  zu  schreiben  geben :  denn  wenn  er  mit  dem  einen 
Kinde  fertig  ist,  so  kann  er  sich  schon  wieder  iiber  die  Gevatter- 
briefe des  andern  hermachen,  das  ich  erst  nach  Gelegenheit  zeuge, 
welches  ihn  nichts  angeht.  Denn  ich  leide  keinen  Faulenzer  unter 
meinem  Dach  und  bin  ohne  Ruhm  ein  guter  Haushalter,  obwohl, 
sorg*  ich,  nur  immer  zu  gutig.  Wieder  auf  die  Paten  zu  kommen, 
so  wills  mir  einer  und  der  andere  Herr  Nachbar  gewaltig  ver- 
denken,  daB  ich  mich  nkht  wie  er  mit  achtzig  oder  neunzig  Ge- 
vattern  behelfen,  sondern  einen  bestandigen  Briefschreiber  oder,  30 
wie  man  sagt,  Secretaire  perpetuel  de  Tacademie  in  Nahrung  set- 
zen  will.  Tun  Sie  mirs  und  bringen  die  Leute  herum,  und  zeigen 
Sie  den  Narren  meinen  Brief  und  sagen  ihnen,  ich  wiifite,  was  ich 
tate.  Man  muB  sich  merken,  daB  jeder  Taufzeuge  es  sonst  bezeu- 
gen  sollte,  daB  einer  ein  Christ  geworden;  und  das  tut  ja  bei  mei- 


FUNFTER  REISE-ANZEIGER  835 

ner  Ehre  jeder  noble  und  wohlgezogne  Taufzeuge  noch  bis  auf 
diesen  Tag.  Unsere  Zeiten  sind  aber  so  unchristlich  und  doch  so 
grob  dabei  (wie  denn  kein  Mensch  mehr  mit  den  Interessen  ein- 
halt,  aber  haben  will  alles),  daB  ich,  wenn  ich  nicht  Taufzeugen 
und  Wunder  sehe,  von  keinem  Menschen  glaube,  daB  er  ein  Christ 
ist,  er  mag  immer  ein  Edelmann  sein.  Kann  man  da  zu  viele  Zeu- 
gen  erbitten,  und  tuts  ein  Schock  oder  so?  Ich  hab*  es  oft  gehort, 
daB  kein  Teufel  glauben  will,  ein  Kardinal  habe  gehurt,  bevor  es 
zweiundsiebzig  Zeugen  beschworen:  wenn  nun  dieses  bei  so 

10  wahrscheinlichen  Dingen  geschieht,  was  will  man  bei  unwahr- 
scheinlichen  mit  den  Zeugen  kargen?  Kommt  noch  dazu  ein  sol- 
dier einziger  Pate  urns  Leben,  oder  das  Kirchenbuch  in  Brand, 
so  ist  ein  Tauf  ling  erbarmlich  daran  und  kann  sein  Christentum 
mit  nichts  mehr  beweisen;  das  kann  aber  einer  leicht,  der  viele 
Paten  hat.  Ein  Lehnsvetter  von  mir  wurde  unter  der  Linie  noch 
einmal  getauft,  und  Voltaire  (Gutsbeskzer  und  Lehnsherr  von 
Ferney)  bekam  zwei  Taufen  hintereinander,  die  Not-  und  die 
Nachtaufe  -  und  doch  sind  beide  die  gottlosesten  Fliegen  geblie- 
ben :  so  verflucht  schlimm  sind  jetzt  die  Zeiten.  Ganz  dumme  leb- 

20  lose  Glocken,  denen  es  gar  nichts  half,  wurden  sonst  von  drei- 
hundert  Gevattern  auf  einmal,  die  alle  ein  langes  Seil  anfasseten, 
aus  der  Taufe  gehoben  -  wie,  und  einen  jungen  lebendigen  Edel- 
mann, dems  zuschlagen  kann,  speiset  man  mit  einer  Zaspel  Paten 
ab?  -  Wo  Teufel  sen*  ich  da  Recht  und  Billigkeit?  -  Ich  tue  es 
zwar  nicht  bloB  des  Christentums  wegen,  sondern  ich  wahle  die 
dreihundertfunfundsechzig  Taufzeugen  zugleich  so,  daB  allemal 
ihre  Namen  im  Kalender  stehen,  damit  das  Kind  in  seinen  alten 
Tagen  ein  ganzes  Jahr  von  Namenstagen  feiern  kann;  aber  Reli- 
gion ist  doch  die  Hauptsache.  Erwarte  baldige  Antwort. 

30  Hans  von  Hansmanm* 


836  paungenesien 

Sechster  Reise-Anzeiger 


Fata:  die  Monatswesten  -  das  Haussuchen  nach  Georgetten  -  der  Elegant 
und  roue"  von  Niirnberg  -  der  scheme  Sonntag  auf  dem  Dutzendteich- 
Niirnbergs  Beleuchtung  —  der  Meistersanger  -  und  seine  Werkstatt  - 
meine  Not  mit  meiner  Tochter 

Werke:  syrisches  Schreiben  iiber  den  Wanderungstrieb  der  Edelleute 


»Der  Teufel  oder  der  heilige  Sebaldus  klaube  und  suche  aus  219 
Gassen«  —  sagt'  ich  und  rechnete  nicht  einmal  die  GaBchen  und 
die  »Reyhlein«  mit  -  »ein  Emigranten-Madchen  heraus,  aber 
ich  nicht!  Sie  kann  ja  in  der  Zistelgasse  wohnen  -  oder  auf  dem  10 
Hiibnersplatzlein  -  oder  auf  dem  Graslein  -  oder  im  Wiirzelein 
—  oder  im  AlbrechtsgaBchen  -  oder  im  PfeifergaBchen  oder  in 
gar  keinem  mehr,  sondern  im  Himmel  schon.«  —  Wenn  ich  ein 
Federmesser,  oder  einen  Gedanken,  oder  irgend  etwas  Verlornes 
nicht  sogleich  finden  kann,  so  iiberlass'  ichs  dem  besten  Leit-  und 
Triiffelhunde,  den  es  gibt,  dem  Zufall.  Da  ich  noch  dazu  der 
Reichsstadt  als  Comte  Sebaud  de  Baraillon  vorgestellet  war;  so 
konnte  ja  wohl  Georgette  durch  Zufall  von  ihrem  Herrn  Vater 
horen  oder  er  von  ihr.  — 

»Der  ehrlichste  Finder  ist  der  Zufall«,  sagt'  ich  auf  einmal  ganz  20 
froh:  sein  Fund  war  aber  nicht  die  Gomtesse,  sondern  ein  Mittel, 
sie  zu  finden;  ich  besann  mich  namlich,  daB  sie  Westen  stickte. 
Nun  hatt*  ich  weiter  nichts  notig  -  um  das  verhehlte  Kind  zu 
finden  in  seiner  Anziehstube  -,  als  aus  meiner  auszuriicken  und 
die  drei  Kaffeehauser  und  den  SchieBgraben  und  andere  offent- 
liche  Platze  zu  bereisen  und  mit  meinen  Augen  eine  Fackeljagd 
oder  ein  Krebsleuchten  nach  alien  in  Seide  eingesponnenen  Tor- 
sos anzustellen  und  jeden  gestick.ten  Rumpf  zu  loben  und  zu  fra- 
gen:  woher  er  die  nette  Weste  habe. 

Um  der  Sache  Anstrich  zu  geben,  legt'  ich  selber  eine  gestickte  30 
Aprilweste  an.  Ich  trage  namlich  nicht,  wie  andere  oder  die  zwei 
Pole,  bloBe  Winter-  und  Sommerwesten,  sondern  Marzwesten, 
Maiwesten  usw.,  indem  ich  auf  jede  (und  warum  ists  in  Gedichten 
anders?)  gerade  die  bluhenden  Blumen  des  Monats  nahen  lasse. 
Im  Marz  z.  B.  hab'  ich  Schneeglocken,  Leberblumchen  und  Kro^ 


SECHSTER  REISE-ANZEIGER  837 

kus  am  Leibe,  im  Mai  trag*  ich  amaryllis  formosissima,  viola 
matronalis  und  einige  Kaiserkronen.  Die  Aprilweste  zieh*  ich  am 
liebsten  an,  weil  einige  Rabatten  von  Ranunkeln,  Baldrian  und 
adonis  vernalis  darauf  in  Blute  stehen. 

Ich  handelte  die  funf  topographischen  Blatter  Matthias  Seut- 
ters  an  mich  und  wollte  darnach  in  der  Stadt  den  Weg  einschla- 
gen:  ich  lieB  deswegen  den  Hornrichter  zu  Hause;  desto  unge- 
legner  kam  es  mir,  daB  ich  blofl  wie  ein  Muller  dem  Pegnitz- 
strome  naehzufolgen  und  dann  durch  das  Wassertor  einzubeugen 

10  brauchte,  um  ins  Wohrder  KafFeehaus,  wohin  ich  gedachte,  zu 
kommen.  Ich  weiB  nicht,  ob  der  Leser  mit  solcher  Lust  wie  ich 
seine  Marschrouten  in  Gassen  nach  solchen  perspektivischen  Auf- 
rissen  macht:  genug  ich  fand  mit  dem  unnotigen  Furierzettel  in 
der  Hand  zu  meinem  VerdruB  das  Haus. 

Es  war  nichts  da  -  Westen  wohl,  aber  keine  gestickten.  In  den 
andern  KafTee-Laiterien  waren  zwar  funf  gestickte  Westen  da, 
aber  aus  Frankfurt.  Ich  machte  mich  nun  auf  kostspielige  Ent- 
deckungsreisen  in  die  Weinschenken  -  in  den  SchieBgraben  -  in 
die  Hallerwiese  -  in  den  Judenbiihl.  Ich  verlor  die  Zeit  und  bei- 

20  nahe  den  Verstand.  Hab'  ich  mich  nicht  einmal  mit  einem  magern 
Schreiber  in  ein  einfaltiges  Gesprach  iiber  die  preufiische  Justiz- 
verfassung  und  iiber  die  Wiinschelruten  und  Rutenganger  ein- 
gelassen,  bloB  weil  er  eine  mit  Wurmsamen,  Hungerblumchen, 
Bauchblume  (Lisianthus),  Wassernabel  (hydrocotyle),  Purgier- 
flachs  (linum  catharticum)  und  Blasenmoos  (splachnum)  gestickte 
Weste  trug  und  ich  erfahren  wollte,  woher  er  sie  hatte?  Und  nab* 
ich  nicht  einen  Losungsherren  (wenns  nicht  ein  Landpfleger 
war),  der  TeufelsabbiB,  unserer  lieben  Frauen  Bettstroh  (Ga- 
lium verum),  Tripmadam  (Sedum  reflexum),  Feldkatzengesicht 

30  (Galeopsis  Ladanum),  fette  Henne  (Sed.  telephium)  und  Hunds- 
wiirger  (cynanchum)  anhatte,  unmaBig  erhoben  und  nab*  am 
Ende  auf  mich  gezeigt  und  gefragt,  was  sei  dieser  adonis 
vernalis  gegen  ihn?  Und  tat  ichs  nicht  der  Comtesse  wegen  - 
und  wurde  zwar  nicht  in  den  isten  April  geschickt,  aber  doch 
in  den  22sten,  23sten,  24sten,  25sten,  26sten,  27sten  und 
28sten?  - 


838  PALINGENESIEN 

Denn  den  29Sten  oder  vorletzten  ging  es  ganz  anders,  und  voll- 
ends  den  letzten  oder  den  Sonntag. 

Die  Holle  Klopstocks  wurde  wie  (nach  einigen)  Herkules  in 
drei  Nachten  geschaffen,  aber  meine  in  alien  jenen  sieben  April- 
tagen:  der  Leser  hore!  Ein  dreifaches  banges  Abarbeiten,  wie  das 
unter  dem  Alpdriicken'ist,  wenn  man  sich  aus  dem  Schlafe  auf- 
ringen  will,  trieb  mich  auseinander,  es  betraf  auBer  Georgetten 
noch  Herminen  und  Leibgebers  logischen  Kursus.  Letztern  an- 
langend,  so  waren  meiner  satirischen  Sae-  und  Eggemaschine  die 
Pferde  abgespannt,  und  ich  konnte  damit  bloB  ein  paar  elende  10 
kleine  Beete  bestellen,  vor  welche  man  den  Leser  in  diesem  Ka- 
pitel  fiihren'  wird.  -  Jede  blasende  Post  setzte  ferner  meine  stille 
Pfennigs-Post,  den  Boten,  in  Bewegung,  und  er  hielt  in  der  Zehi- 
schen  Buchhandlung  um  Herminens  Briefe  an  und  kriegte  mchts : 
iiber  dieses  folternde  Verstummen  hatt'  ich  mich  bisher  zu  oft 
ruhig  gemacht,  um  es  langer  zu  bleiben,  besonders  je  naher  der 
erste  Mai  anriickte,  iiber  dessen  Gewicht  dem  Leser  kunftig  mehr 
Licht  zu  geben  ist.  — 

Und  endlich  die  Grafin  dazu!  -  Denn  als  ich  an  offentlichen 
Orten  immer  die  Rede  auf  die  Westen  lenkte  und  das  Examina-  20 
torium  iiber  ihre  Offizin  anfing:  so  merkten  es  endlich  die  Leute 
und  stutzten  iiber  den  Westen-Genealogisten  und  waren  zweifel- 
haft,  ob  eine  fixe  Idee  oder  nur  eine  bose  Absicht  aus  mir  rede;  ja 
zuletzt  wurde,  wenn  ich  hineinkam,  mit  Fremden  gewettet  oder 
ihnen  geweissagt,  der  Herr  mit  dem  adonis  vermalis  und  Baldrian 
werde  sich  ihnen  nahern  und  ihnen  Fragen  iiber  die  Pflanz- 
stadt  ihrer  bliihenden  Westen  stellen.  So  hat  mich  von  jeher 
eine  uneigenniitzige  schuldlose  Liebesdienerei  gegen  alle  Men- 
schen  tiefer  in  verdammtes  bedorntes  Dickicht  gefiihrt  als  alle 
meine  iibrigen  Fehler  und  Tugenden  zusammengenommen.  -  30 
Ich  saB  so  fruchtlos  mitten  in  Nurnberg  und  sah  nichts  von 
der  Stadt  als  den  Seutterschen  RiB  -  ich  war  noch  keinem 
einzigen  Niirnberger  bekannt  als  bloB  dem,  den  ich  mit- 
gebracht,  dem  Boten  -  ich  wollte  in  die  neue  Hospitalkirche 
zum  heiligen  Kreuze  gehen  und  die  Reichskleinodien  besehen 
und  den  Reichszepter  nachmessen  und  den  Reichsapfel  nach- 


SECHSTER  REISE-ANZEIGER  839 

wagen1  und  mit  Kaiser  Karls  Schwert  zur  Klingenprobe  in  die 
Luft  schlagen  -  ich  wollte  als  Kunstliebhaber  die  sieben  Leidens- 
stationen,  die  Ketzel  vom  beriihmten  Adam  KrafFt  so  trefFlich 
in  Stein  abformen  lieB,  durchlaufen  und  recht  ausgenieBen,  und 
ich  kam  zu  nichts,  weil  meine  eignen  Leidensstationen  von 
sieben  Tagen,  die  ich  hier  wie  Adam  KrafFt  darstelle,  mein  Beisein 

foderten 

Aber  nach  der  siebenten  Station  am  Freitag,  wo  ich  auf  der  Scha- 

10  delstatte  ofFentlicher  Platze  stand,  folgte,  wie  gesagt,  der  Sonn- 
abend^  wo  ich,  wie  es  schien,  vom  Kalvarienberg  herunter  sollte. 
Ich  stand  namlich  Sonnabends  auf  dem  »Saumarkt«  und  sah 
eine  »Dreierleiche«  ziehen,  bei  der  alles  mitging,  was  in  der  Stadt 
predigen,  singen  und  dozieren  konnte,  und  vor  der  nicht  patres 
purpurati,  wie  vor  einer  papstHchen,  aber  doch  rorgekleidete  Wai- 
senknaben  oder  porphyrogeniti3  vorausliefen :  als  hinter  mireiner 
sagte:  »La  Comtesse  Georgette. «  Ich  sah  mich  eilig  um:  ein  jun- 
ger  Patrizier  (namens  Kokeritz,  wie  ich  nachher  erfuhr)  stand 
hinter  mir,  vom  Zylinder-Hute  bis  auf  denSokkus-Schuhschwarz 

20  verkohlt-  das  Mondviertel  eines  Kamms  in  den  Scheitel-Wim- 
pern  oder  Brahmen  -  das  aufgestiilpte  Kinn  in  den  Bretter-Vor- 
sprung  und  Wall  einer  Krawatte  eingestoBen  -  mit  einem  kurzen 
Schinkenknochen  von  Badine  —  mit  diinnen,  wie  Pfahle  schwarz 
angelaufnen  Beinen . . .  Beilaufig,  gibt  es  denn  etwas  Geschmack- 
loseres  als  die  jetzigen  mannlichen  Kohlerbalge,  da  Schwarz  un- 
sere  magern  Pfauenbeine  noch  jammerlicher  verdimnt?  -  Ganz 
anders  wirkt  diese  Farbe  auf  dem  wogenden  Kleide  der  Damen, 
die  wie  Diamanten  durch  eine  dunkle  Fassung  gewinnen,  wozu 
oft  zwei  mannliche  Arme  hinreichen. 

30  Der  junge  Mensch,  auf  dessen  weiBen  Gesicht  der  Kalk  der 
Jugend  schon  geloscht  war,  schwur  es  seinem  Zuhorer,  ihn  du- 

1  Ich  hab'  es  spater  getan  und  den  Zepter  zwei  Schuh  lang  und  innen  hohl 
gefunden,  und  den  goldnen  Apfel  drei  Mark,  drei  Lot  und  drei  Quentchen 
schwer,  das  Pech  innen  mitgewogen :  Fabri  in  seiner  trefflichen  Geographie 
fur  aUe  Stande  (isten  T.  z.  B.  S.  127)  hat  genau  dasselbe  Fazit,  jedoch  ohne 
es  mir  zu  verdanken. 

2  Da  das  Zimmer  im  kaiserlichen  Palast  zu  Konstantinopel,  worin  die 
Kaiserin  Wochen  hielt,  mit  Purpur  iiberzogen  war:  so  hieBen  die  Infanten 
—  in  Purpur  Geborne. 


84O  PALINGENESIEN 

piere  keine.  Er  nickte  bloB  in  sein  Krawatten-Halseisen  hinein, 
wenn  ihn  Burger,  mit  deren  SchweiB  er  dem  Reisewagen  wie  mit 
zerquetschten  Waldschnecken  die  Gelenkschmiere  gegeben,  de- 
miitig  gebogen  gruBten  und  tief  den  Hut  abnahmen:  er  dankte 
wenig,  weil  er  aus  dem  altern  Plinius  (H.  N.  XXVIII.  6.)  wufite, 
daB  man  den  Kopf  vor  Hohen  entbloBe,  nicht  um  ihren  zu  ehren, 
sondern  um  den  eignen  abzuharten  und  zu  starken.  Mit  Vergnii- 
gen  seh'  ich,  wie  Patrizier  und  GroBe  mehr  fur  das  Kiihlen  und 
Stahlen  gemeiner  Kopfe,  die  es  auch  mehr  brauchen,  sorgen  als 
fur  das  der  ihrigen.  —  »Morgen«,  sagte  Kokeritz  noch  zum  Neben-  10 
mann,  »wird  Sturm  gelaufen;  aber  vorher  gen*  ich  noch,  wie  ihr 
Nurnberger  sagt,  aufs  Landlein,  auf  den  Dutzendteich.«  — 

»Der  weiB  wahrlich  um  die  Grafm!«  ruft  der  erfreuete  Leser 
aus;  aber  wie  sehr  wird  es  ihn  erst  erqukken  und  bestarken,  wenn 
ich  ihn  benachrichtige,  daB  der  Patrizier  eine  gestickte  Weste  um- 
hatte !  —  Nie  sah  ich  eine  schonere :  auf  einen  schwarzen  Grund 
der  Nacht  waren  graue  Sternbilder  getuscht,  deren  zertragne 
Sternchen  silbern  eingestickt  aus  ihnen  flimmerten.  Die  drei  Friih- 
lingszeichen,  der  Widder,  der  Stier  und  die  Zwillinge,  saBen  auf 
dem  Vorlegewerk  seines  innern  peristaltischen  Gehwerks  umher.  20 

Es  war  zwar  nichts  zu  machen,  weil  er  fortlief ;  aber  ich  hatte 
den  Sonntag:  mein  Vorsatz  war,  den  Dutzendteich  und  ihn  auf- 
zusuchen  und  als  Westen-Mouchard  meine  alten  Fragen  iiber 
sein  steilrechtes  auBeres  Zwerchfell  an  ihn  zu  erlassen. 

Der  Leser  nehme  doch  die  Kette  von  Mitteln  ins  Auge:  -  erst- 
lich  vom  Teiche  kam  ich  auf  den  Patrizier  -  dann  auf  das  Treib- 
haus  der  Weste  -  dann  auf  den  Fleischer-  endlich  auf  das  Hebe  Kind. 

Ich  tat  Sonntags  friih  wie  Jupiter  mir  selber  einen  Schwur,  daB 
ich  Montags,  wenn  ich  einmal  Georgetten  hatte,  mich  eifriger 
iiber  die  zweite  Auflage  und  iiber  Leibgebers  logischen  Kursus  30 
hermachen  wollte.  Der  feine  SchieBpulverstaub  soldier  Kleinig- 
keiten  treibet  uns  mit  mehr  Gewalt  als  das  kornige  Pulver  groBer 
Triebe;  und  wie  reiBende  Tiere  leichter  zu  bezwingen  sind  als 
Insektenschwarme,  so  ist  der  Sieg  iiber  diese  kleinen  (und  stiind- 
Hchen)  Versucher  schwerer  und  besser  als  der  Sieg  iiber  die  gro- 
Ben  und  jahrlichen. 


SECHSTER  REISE-ANZEIGER  84I 

Nach  dem  Essen  knopft'  ich  mich  am  letzten  April  in  die  April- 
weste  und  ging  zum  Tor  hinaus  nach  dem  Dutzendteich  mit  einer 
Brust  voll  Hoffnungen.  StuB  tat  noch  ein  paar  dazu,  indem  er 
bei  seinem  vorigen  Meister  nach  der  Emigrantin  zu  fragen  ver- 
hieB,  weil  er  dadurch  einem  neuenHausieren  nach  ihrerWohnung 
zu  entgehen  dachte. 

Herrn  von  Kokeritz  fand  ich  auf  dem  Dutzendteich,  namlich 
im  Wirtshaus  darneben:  alle  Welt  war  da,  besonders  die  gelehrte, 
die  schone,  die  groBe,  und  stand  freundlich  in  Konjunktion  oder 

10  doch  im  Gedritterschein  und  tanzte  recht.  Kokeritz  tanzte  um 
jede,  aber  mit  keiner.  Unter  der  Warme  der  Freude  wurden  bald 
die  steifen  Sitten  biegsam,  und  sogar  zwei  Kappleinmacher  und 
drei  Peitschleinmacher  hatten  das  Herz  gliicklich  zu  sein;  aber 
Kokeritz  war  zu  verdorben,  um  eine  andere  Freude  zu  achten  als 
die  scheinbare.  Er  tat  vor  zwei  Weisheiten  die  Armeineinander  und 
die  Beine  auseinander  und  packte  die  Reichsstadt  an,  ihren  Man- 
gel an  Welt,  ihren  OberfluB  an  Zeremonien  usw.  Das  litt  ich 
nicht,  ob  ich  ihn  gleich  iiber  die  Weste  zu  fragen  hatte.  Ich  reise 
zwar  nie  durch  eine  Universitat,  ohne  mich  am  iippigen  Stolze 

20  der  kraftigen  Junglinge  zu  ergotzen  und  sie  mit  der  Baumwolle 
zu  vergleichen,  bei  welcher  ebenfalls  das  Auflaufen  unter  dem 
Auspacken  das  Zeichen  einer  jungen  frischen  ist;  aber  ungemein 
komm'  ich  in  Harnisch,  wenn  ich  den  vornehmen  Voyageurs  und 
ihrem  Aufblahen  einer  welken  schlaffen  Jugend  begegne,  und 
wenn  ich  sehen  muB,  wie  der  bose  Feind  diese  Ritterpferde  -  wie 
Zigeuner  andere  diirre  -  vorher,  eh*  er  sie  zu  Markte  reitet,  durch 
Aufblasen  in  beleibte  umsetzet,  als  ware  Wind  Luder.  -  Ich  er- 
klarte  daher,  ich  ware  zwar  selber  aus  Paris,  fand'  aber  den  Cha- 
rakter  Nurnbergs  moralischer  als  den  des  Jahrhunderts;  ich  pries 

30  besonders  drei  Dinge:  den  Zimmer-Purismus  der  Leute  -  weil 
Reinlichkeit,  FleiB  und  Eingezogenheit  und  Mobeln-Ordnung 
Ordnung  der  Triebe  ansagt,  wie  wir  an  Briten,  Hollandern  und 
Deutschen  im  Gegensatz  der  Franzosen  sehen  -,  ferner  ihre  frohe 
Emsigkeit  -  und  endlich  sogar  ihre  Hoflichkeit,  die  freilich  bei 
wohlwollenden  Menschen  furchtsam  und  bei  eingezognen  (we- 
gen  ihres  seltenen  Gebrauchs)  etwas  steifschettern  ist,  indes  Welt- 


842  PALINGENESIEN 

leute  sich  einander  vielleicht  bloB  darum  so  leicht  und  frei  be- 
handeln,  weil  sie  einander  wenig  lieben  und  achten.  Niemals, 
setzt*  ich  dazu,  tut  man  der  Reinlichkeit,  der  Emsigkeit  und  dem 
Zeremoniell  mehr  Unrecht  als  in  der  Jugend.  Kokeritz  meinte, 
ich  persifliere,  und  wollte  parlieren:  aber  ich  parlierte  nicht, 
weil  ich  glaubte,  da  die  Deutschen  aus  Hoflichkeit  in  Paris 
unsere  Sprache  reden,  so  miisse  ein  Franzos  in  Nurnberg  ihre 
sprechen. 

Noch  immer  bin  ich  nicht  bei  der  Weste;  aber  der  Leser  sieht, 
daB  der  Patnzier  unter  die  Menschen  gehort,  die  sich  wie  Maus-  10 
gift  mit  jedem  Metalle  vermischen,  und  die  wie  gewisse  Bilder 
(z.  B.  die  Affen  im  Plafond  des  japanischenTempels  zu  Sanssouci) 
jeden  anzublicken  scheinen,  der  sie  anblickt:  solche  Leute,  die 
aus  Schwache  leichter  die  Freunde  ihrer  Feinde  als  ihrer  Freunde 
sind,  gewinnt  man  durch  Versaumen  am  besten,  und  man  fallt 
ihnen  in  den  Riicken,  wenn  man  ihnen  setnen  kehrt.  Wenn  er  et- 
was  logisch  festsetzte,  stieB  ich  es  um.  Ich  sucht*  ihm  zu  nahe  zu 
treten  durch  die  wahre  Behauptung,  daB  man  sogar  in  Paris,  wenn 
man  die  hochsten  und  die  tiefsten  Stande  auf  beiden  Seiten  weg- 
nehme,  einen  mittlern  voll  hauslicher  arbeitender  Eingezogenheit  20 
iibrig  behalte.  Endlich  focht  er  die  Gottlichkeit  der  weiblichen 
Apokalypsis  an  und  sagte,  die  Franzosinnen  schienen,  was  die 
Deutschen  waren,  und  nur  die  deutsche  Wange,  nicht  die  Seele 
errote  (wie  der  rote  Wein  sich  nicht  durch  die  Traubenfulle,  son- 
dern  durch  die  gepreBte  Hiilse  farbt).  Ich  sagte  mit  mehr  MaBi- 
gung,  als  ich  von  mir  erwartet  hatte :  eine  Deutsche  miisse  nicht 
bloB  die  Tugend,  auch  den  Schein  derselben  haben  -  wie  ein  Kur- 
furst  nach  Frankfurt,  gesetzt  er  ware  selber  da,  doch  seinen  Re- 
prasentanten  vom  ersten  Rang  zur  Wahl  abschickt  -,  aber  eine 
Franzosin  sei,  wie  Bolingbroke  den  Swift  nennt,  oft  eine  umge-  30 
wandte  Heuchlerin  und  sei  tugendhaft,  ohne  es  zu  scheinen!  Er 
replizierte  seufzend :  umgekehrt  war's  ihm  Heber. 

BloB  aus  meinem  Zorn  iibef  den  eingerunzelten  Gecken,  der 
im  Wirtshaus  zum  glatten  Elegant,  wie  ein  eingeschrumpfter 
Apfel  im  luftleeren  Raum  zu  einem  glatten,  auflief,  haben  die 
Kunstrichter  es  herzuleiten  -  und  sonst  aus  nichts  -,  daB  ich  mich 


SECHSTER  REISE-ANZEIGER  843 

an  den  Ort,  wo  Semler  die  elendesten  Werke  durchlas,  begab, 
um,  wie  ich  pflege,  da  die  besten  zu  machen.  Der  satirische  Ab- 
leger  und  Absenker  jenes  Zorns  und  dieses  Orts  -  es  war  ein 
syrisches  Schreiben  tiber  den  Wanderungstrieb  der  Edelleute  - 
wird  den  Leser  am  Ende  des  Kapitels  als  das  zweite  Werk  in 
Niirnberg  erwarten. 

Allein  als  ich  wieder  hineinkam,  war  der  Patrizier  gegangen, 
aber  nur  zu  Scruff.  Lesern,  die  nie  auf  dem  Dutzendteich  herum- 
fuhren,  ist  vielleicht  die  Nachricht  lieb,  daI3  man  das  kann,  und 

10  daB  Gondeln  am  Ufer  hangen,  mit  denen  man  als  mit  Brust-  und 
Schwanzflossen  unter  andere  Leute  schwimmt.  Kokeritz  bestieg 
eben  eine  und  lieB  nicht  sogleich  abstoBen,  da  er  mich  kommen 
sah:  ich  war  ihm  eben  durch  meine  Kriege  zu  merkwiirdig  ge- 
worden,  als  daB  er  nicht  uber  mich  eine  Ovation  -  wobei  er  das 
Schaf  machte  -  hatte  erhalten  wollen.  Wir  bestanden  das  Fahr- 
zeug.  Ich  hielt  mich  lange  neben  dem  gestickten  Tierkreis  seines 
Rumpfes  still  und  schielte  die  Weste  nur  an,  bis  ich  sah,  daB  ers 
auch  tue  im  Wasser... 

Damit  die  Kunstrichter  nicht  glauben,  sie  gewohnen  mir  meine 

20  Extrablatter  ab,  so  will  ich  auf  der  Stelle  folgende  Bemerkung 
und  dadurch  ein  kleines  machen: 

Die  Madchen  und  gewisse  Herren  finden  in  jeder  Sache  cinen 
Spiegel,  gleichsam  ein  aus  Folie  und  Glas  bestehendes  BewuBt- 
sein  des  auBern  Ichs,  in  jeder  Fenstertafel,  vor  der  sie  voriiber- 
gehen,  im  Kaffee  ohne  Sahne,  im  Dutzendteich,  in  allem,  was 
poliert  und  geschliffen  ist,  ja  sie  kiissen  oft  ein  Auge,  um  sich 
darin  zu  spiegeln.  Madchen  tun  es,  weil  sie  sich  fur  verfinsterte 
Sonnen  ansehen,  die  man  am  besten  in  Spiegeln  observiert;  Her- 
ren setzen  sich  wie  Fliegen  gern  auf  Spiegel,  weil  sie,  wenn  sie 

30  reden,  daran  denken,  wie  es  Lavater  macht.  Der  Ziircher  sieht 
namlich  unter  seiner  Kinderlehre  unaufhorlich  das  schwachste 
Gesicht  an,  das  er  in  der  Kirche  auftreibt,  bloB  um  sich  darnach 
den  andern  faBIich  zu  machen.  Der  Spiegelseher  glaubt  ebenfalls 
fur  die  Gesellschaft  verstandlich  zu  sein,  wenn  er  sich  nach  dem 
mattesten  Gesicht,  das  er  darin  kennt,  nach  seinem  eignen  im 
Spiegel  richtet  und  einzieht.  Hat  er  keinen,  so  betrachtet  er  mit 


844  PALINGENESIEN 

Pfauenaugen  seine  FtiBe.  Oberhaupt  nimmt  in  unsern  Tagen  die 
Kurzsichtigkeit  so  zu,  daB  die  feinsten  Leute  nur  die  nachsten 
Gegenstande,  welches  sie  selber  sind,  erkennen  und  sich  in  Zim- 
mern  voll  glanzender  Wesen  bloB  auf  das  nahe  Gebiet  ihres  Ichs, 
auf  ihre  Glieder  und  Kleider  einzuschranken  genotigt  sehen.  So 
weit  mein  Nebenblatt.  - 

Endlich  war  es  Zeit,  daB  ich  mich  der  astronomischen  Weste 
ernsthaft  naherte  und  iiber  sie  die  Bemerkung  machte,  daB  ein 
solcher  Doppelmayerscher  Stern- Atlas  (ein  gutes  Wortspiel,  denn 
die  Weste  war  Atlas)  jungen  Madchen  mehr  als  der  Sternen-  10 
himmel  das  astronomische  Studium  erleichtere,  weil  ers  mehr  ins 
Enge  ziehe;  »ich  wollt',«  setzt*  ich  dazu,  »ich  war'  auch  ein  seidner 
Sternenkegel !«  -  »Die  Weste  ist  nicht  ganz  ubel«,  sagte  der  Pa- 
trizier.  -  »Allerdings  ist  sie  ubel,«  (fuhr  ich  fort  und  zielte  auf 
die  getuschten  Zwillinge  und  Tiere)  »wenn  die  Sonne  durch  sol- 
che  Friihlingszeichen  geht  und  warm  macht :  wo  ist  nachher  der 
echte  Adonis  vernalis,  hier  oder  hier?«  (Ich  zeigte  auf  unsere  bei- 
den  Zwerchfelle.)  Und  nun  muBt'  ich  im  gleichgiiltigsten  Ton, 
der  zu  haben  war  -  er  sollte  die  fortlaufende  Signatur  des  vorigen 
bekommen  — ,  schnell  fragen:  woher  er  das  Ding  habe.  »Von  der  20 
Grafin  Georgette«,  sagt*  er  zweideutig  und  hoffte,  ich  verwech- 
selte  sie  mit  einer  deutschen.  Es  kam  mir  sehr  zustatten,  daB  ich 
kalt  fortfragte,  als  wollt'  ich  seine  Antwort  erganzen  -:  »von  der 
beim  Metzger  —  ?«  ...  In  der  Uberrumpelung  sollt'  er  den  Namen 
des  Metzgers  anschienen;  aber  nun  sehe  der  Leser  mein  jetziges 
Gliick  und  meine  vorige  Einfalt:  Georgettens  Mietsherr  hiefi  nur 
Metzger  und  war  keiner.  »Ja,  eben  die  beim  Drechsler  Metzger«, 
sagte  der  Zodiakustrager  verdriiBlich.  Ich  war  gleichsam  ahnend 
von  jeher  alien  Geschlechtsnamen,  die  etwas  bedeuten,  feind,  z.  B. 
Hofmann,  Edelmann,  Zimmermann,  Seiler,  Richter:  wie  schon  30 
hingegen  ist  einer  von  gar  keiner  Bedeutuhg,  z.  B.  Goethe,  Her- 
der, Leibniz,  Jakobi,  Kant! 

Nun  war  ich  durch  das  ganze  krumme  Souterrain  meines  Laby- 
rinths hindurch,  und  der  blaue  Himmel  stand  vorn  an  der  OfF- 
nung:  denn  wenn  ich  am  Montag  den  Boten  unter  seiner  ganzen 
Gewerkschaft  herumfragen  lieB,  war  mir  da  nicht  die  Kleine  be- 


SECHSTER  RE1SE-ANZEIGER  845 

schert?  -  Mit  einem  um  120  Pfund  leichterem  Herzen  -  ebenso- 
viel  wiegt  auch  mein  ganzer  Korper,  welches  meine  kiinftigen 
Biographen  wissen  miissen  -  stieg  ich  aus  der  Gondel  und  ver- 
tauschte  die  Sternbilder  des  Patriziers  gegen  die,  welche  am  Him- 
mel  entglommen.  -  Aber  wie  gliicklich-langsam  schritt  ich  fort! 
Wie  ahnlich  der  schwerenBiene,  derenMeilenzeigerBliitenbaume 
sind,  und  deren  Fracht  aus  Blumenstaub  und  Bliitengeist  mit  der 
Lange  des  Flugs  aufschwilltl  -  Denn  es  war  Sonntag,  und  halb 
Niirnberg  war  zum  Tore  hinausgefahren,  und  die  andere  Halfte 

10  zum  Fenster,  um  jener  nachzuschauen  -  hier  zog  ein  Leiterwagen 
mit  einer  geputzten  lachenden  Volkerschaft,  dort  ein  dergleichen 
Elias-Wagen,  der  nicht  gen  Himmel  fuhr,  sondern  davon  kam- 
Schutzverwandte  hatten  zu  Einsgennachtbiirgern1  die  Naturali- 
sationsakte  bekommen  -  iiber  die  Hallerwiese,  den  Judenbiihel, 
die  Johannisfelder  miissen  mehrere  Menschen  geflattert  sein  als 
Abendschmetterlinge  -  und  jede  Frau,  die  ein  Kind  im  Hause  und 
ein  Gemus-Beet  im  Stadtgraben  hatte,  ging  mit  jenem  um  dieses 
und  besah  den  Segen  Gottes  ....  Ich  begebe  mich  mit  meinen 
Traumen  zwar  gern  in  jedes  freudig-klopfende  Herz  und  zahle 

20  die  schhellern  Schlage,  womit  es  wie  eine  Sekundenuhr  den  chair 
daischen  Skrupel  des  Lebens,  der  Vioso  Stunde  betragt,  genauer 
und  langer  teilt  -  ja  ich  wtirde  mich  in  ein  frohes  einquartieren, 
und  stande  ein  metallenes  Ordenskreuz  als  Drehkreuz  davor  -: 
aber  noch  tausendmal  lieber  eil'  ich  in  eines  hinter  Sackleinwand; 
.erfreulicher  und  inniger  ist  nichts  als  die  ehrenvoll  errungne 
Lustbarkeit  eines  emsigen  gutmiitigen  Volks  -  ohne  Argwohn 
und  Arglist  sind  jubelnde  Plebejer  mit  aufgeschlossenem  Herzen 
so  kunstlich  wie  die  Blatter  der  Pflanzen  nebeneinander  gestellt, 
daB  sie  Licht  und  Tau  des  Himmels  vereint  auffangen  und  sich 

30  einander  nichts  verbauen  -  und  ungleich  der  bewolkten  Jugend 

der  GroBen  ist  die  gemeine  heiter  und  warm,  gleich  dem  Friih- 

ling  des  Wetters,  der  unter  alien  Jahrszeiten  die  trockenste  ist  — 

Nie  setzt  die  Lethe  alle  Gedachtnissaulen  defer  unter  Wasser 

1  Eins  gen  Nacht  heiCet  die  Stunde  vor  dem  Tags-  und  TorschluB;  Eins- 
gennachtburger  heifien  aus  Scherz  die  Handwerker,  die  sich  vor  der  Sperre 
noch  ein  wenig  auBer  den  Mauern  belustigen. 


846  PALING  EN  ESI  EN 

als  in  folgenden  drei  Traumen:  im  Dichten  —  im  Freuen  -  und 
im  Traumen.  Ich  lag,  glaub'  ich,  in  alien  dreien  auf  einmal,  denn 
ich  vergaB  und  iiberhorte  den  Garaus,  dann  die  blasenden  Hor- 
ner auf  den  Toren,  welche  die  Sperre  verkiindigten  —  und  mit 
Miihe  vernahm  ich  die  Feierglocke  um  neun  Uhr. 

Unter  dem  Lauten  kroch  ich  zum  Hallerturlein  in  die  Stadt 
gegen  drei  Kreuzer  EinlaB-  oder  Inseratgebuhreri.  Aber  welche 
Hollenfahrt  nach  dieser  Himmelfahrt!  Ich  wuBte  nicht,  wo  die 
Mausfalle  war.  Ich  hatte  zwar  das  Seuttersche  Sbozzo  und  Kata- 
strum  von  der  Stadt  bei  mir,  aber  ich  konnte  nichts  darauf  sehen.  10 
Es  waren  keine  Laternen  angezundet,  erstlich  weil  man  den  Friih- 
ling  -  zweitens  das  erste  Viertel  hatte  -  drittens  weil  auch  im 
Winter  und  Neumond  keine  angezundet  werden,  ausgenommen 
in  den  wenigen  Gassen,  wpriiber  einige  hangen  -  und  viertens 
weil  es  nicht  notig  ist,  sondern  iiberflussig.  Denn  die  eigentliche 
StraBenbeleuchtung  geschieht  von  innen  aus  den  Hausern  heraus: 
die  Gassen  sind  enge  gebauet,  und  noch  dazu  ist  an  jedes  Haus 
auBen  ein  Reverberier-Spiegel  befestigt  und  in  jedes  innen  ein 
Talglichtj  so  daB  alle  StraBen,  zumal  enge  und  dunkle,  durch  die 
Lichter  entgegenstehender  Hauser  (wenn  die  Fensterladen  offen  20 
sind)  nicht  nur  eine  ganz  gute  Erleuchtung  erhalten,  sondern  eine 
\vohlfeile  dazu,  da  die  Einwohner  noch  nebenbei  damit  ihre  Stu- 
ben  erhellen  und  die  Zimmerbeleuchtung  ersparen,  wie  in  man- 
chen  welschen  S  tad  ten  die  brennenden  Kerzen  auf  Altaren  zu- 
gleich  statt  der  Laternen  und  den  Heiligen  dienen.  Und  bei  einer 
solchen  gemeinschaftlichen  Illumination  durch  fiinftausend  Hau- 
ser oder  Stuben-Reverberen  wiird*  ich,  das  bekenn'  ich,  die  et- 
wanigen  Gassen- Reverberen,  so  wenig  ihrer  sind,  als  OberfluB 
und  Luxus  (zumal  unter  dem  alles  kalzinierenden  Kriegsfeuer) 
wieder  ausblasen  und  ausschneuzen,  wenn  ich  hinauf konnte.        30 

Ich  komme  zu  meinen  korperlichen  Verirrungen  zuriick,  die 
allezeit  groBer  sind  als  meine  biographischen.  Hat  wohl  je,  ich 
bin'  es  mir  zu  sagen,  irgendein  Burggraf,  ein  Losunger,  ein  jun- 
ger  Patrizier,  ein  Reisediener,  ein  Brandenburger  sich  so  haBIich 
und  so  spat  verirret  wie  ich?  Kam  er  wie  ich  (er  sag'  es  frei)  zum 
Hallerturlein  hinein  und  dann  in  die  Negeleinsgasse  -  dann  auf 


SECHSTER  REISE-ANZEIGER  847 

den  Geiersberg  -  dann  in  die  Irrergasse  —  dann  in  die  Hintere  Full 
-  darauf  in  die  Vorder  Full  -  und  dann  doch  zuriick  ins  Hunds- 
gaBlein  -  und  von  da  geradeaus  auf  den  Milchmarkt?  Und  wenn 
er  von  seiner  Unwissenheit  oder  von  seinen  Leidenschaften  so 
falsch  gefuhret  wurde,  kam  es  mit  ihm  immer  so  weit,  daB  er  sich 
in  die  Elenden-Gassex  verlief,  ohne  zu  wissen  wie,  und  aus  ihr 
herauskam,  ohne  zu  merken  daB?  -  Denn  so  ging  es  mir. 

Zuletztwurd'ich  sozusagenvon  einemSackgaBchenoderReyh- 
lein  eingesackt:  der  Stubenschein  einer  ganzen  lichten  Haushal- 

10  tung  schlug  mir  ins  Gesicht.  Ich  blickte  naher  in  die  voile  ge- 
schwatzige  Grubenzimmerung  von  Stube:  statt  des  Bergschwa- 
dens  und  Arsenikkonigs  saB  Kokeritz  darin,  und  statt  der  Berg- 
knappen  arbeiteten  spielende  Kinder,  auf  dem  Magen  liegend, 
und  stellten  ein  reicheres  Pembrokisches  Docken-  oder  Puppen- 
Kabinett  um  sich,  als  der  Armut  dieses  Erdgeschosses  anzustehen 
schien.  Kurz,  es  konnte  ja  der  Drechsler  Metzger  sein,  dacht'  ich. 
Ich  trat  eilig  hinein.  Ober  Kokeritz'  Angesicht  krochen  jetzt  so 
viele  haBliche  wurmformige  Mienen  und  verkiirzte  Teufelchen 
als  uber  Callots  verzerrtes  Blatt  von  Antonius'  Versuchung,  denn 

20  es  war  die  Wohnung  des  langgesuchten  Mietsherrn  Georgettens. 
Kokeritz  stand  voll  Langweile  vor  dem  Drechsler  und  muBte  sich 
mit  nurnbergischen  Meistergesangen  ansingen  lassen.  Metzger 
hatte  gerade  ein  Loblied  auf  Niirnberg  (von  Rosenbliith  1447 
gedichtet)  im  Mund  -  er  farbte  dabei  eine  weiBe  Taubin  schwarz, 
damit  der  pechschwarze  Tauber  sich  mit  ihr  paarte  und  nicht 
mehr  nach  ihr  hackte  -  und  rezitierte  eine  Strophe,  die  gefallen 
kann,  wenn  man  gegen  zwei  oder  drei  Zeilen  nicht  zu  streng  ist: 

O  Nurnberg,  du  edle  Fleck, 
D einer  Ehren  Bolz  steckt  am  Zweck, 
30  Den  hat  die  Weisheit  daran  geschossen, 

Die  Wahrheit  ist  in  dir  entsprossen. 

Nichts  ist  mir  angenehmer  -  zumal  da  es  jetzt  seltener  ist  -  als 
Stolz  und  Liebe  eines  Burgers  fur  seine  Stadt.  Der  Drechsler,  auf 

1  In  den  meisten  alten  S  tad  ten  sind  »EUnden-Gassen«y  weil  elend  sonst 
soviel  bedeutete  als  fremd. 


848  PALINGENESIEN 

dessen  poetisch-zerstreuetem  Gesicht  keine  Aufmerksamkeit  auf 
die  lauten  Kinder  und  kein  Argwohn  gegen  den  hinterlistigen 
Herzen-Purschmeister  Kokeritz  zu  lesen  war,  dauerte  mich  mit 
seinen  verzettelten  poetischen  Blumenlesen.  Ich  hatte  daher  kaum 
gesagt,ich  hatte  michverlaufen  und  konnte  nicht  in  dieMausfalle: 
so  kam  ich  sogleich,  urn  dem  Rhapsoden  einen  freudigen  Ge- 
danken  zuzuwerfen,  mit  dem  Appendix  nach:  »Es  ist  das  Haus, 
worin  sonst  der  gute  Hans  Sachs  wohnhaft  war,  den  ich  fur  den 
groBten  Meistersanger  hake,  den  vielleicht  Niirnberg  in  seinen 
Kirchen  horte.«  10 

Hastig  fuhr  er  iiber  die  ganze  Taube  mit  einem  breiten  Pinsel- 
strich  und  versetzte:  »War  denn  unser  Urur-Herrlein1  vor  den 
Kopf  geschlagen,  namlich  der  beriihmte  HerrAmbrosius  Merger? 
Er  war  ein  Magister,  aber  der  Hans  Sachs  war  nur  em  Schuster. 
Hat  nicht  mein  Urur-Herrlein  die  Weber-Kratzen-Weis8  erdacht, 
so  in  acht  Reimen  besteht,  und  die  Cupidinis-Handbogen-Weis, 
so  schon  ihre  guten  sechzehn  Reime  hat,  und  die  HeiBtranen- 
Weis  mit  einundzwanzig  Reimen  samt  der  Krummzinken-Weis 
mit  ihren  dreiundzwanzig  Reimen,  desgleichen  die  verschalkte 
Fuchs  - Weis  mit  gar  vielen  Reimen  und  die  Fett-Dachs  - Weis  mit  20 
noch  viel  mehrerern  ?  -  Herr,  vom  Magister  Metzger  ware  viel  zu 
sagen.  Was  meine  Wenigkeit  anlangt,  so  weiB  es  mein  Gesell, 
dafi  ich  in  der  verschalkten  Fuchs -Weis  zwei,  drei  Stollen  ab- 
singen  kann,  und  mache  dabei  keinen  Bock,  weder  riihrende 
Reime3,  noch  schnurrende1,  noch  Klebsilben &,  noch  Lind  und 
Hart6  und  dergleichen.  So  ist  es.« 

Ich  betriibte  und  erfreuete  mich  zugleich  iiber  den  reichen  Bil- 

1  Herrlein  nennt  man  da  den  GroBvater. 

2  In  Wagenseils  Comment,  de  civitafe  Noribergensi  steht  eine  deutsche 
Abhandlung  iiber  die  Meistersanger,  worin  (p.  534  etc.)  dieser  Ambrosius  3° 
Metzger,  welcher  Lehrer  am  Gymnasio  Aegidiano  in  Niirnberg  war  (p.  547), 
mit    den    obigen   sonderbaren  Namen  seiner  Erfindungen  unter  andern 
Meistersangern  auftritt. 

3  So  hieflen  die  Handwerksstatuten  der  Meistersanger  solche  Reime  wie: 
Ieben  und  eH.eben. 

*  Falsch  verkiirzte:  z.  B.  gborn  statt  geboren. 

5  Der  vorige  Fehler. 

6  Reime  wie  Knabe  Kappe  -  Meel  Oel.  Die  jetzigen  Dichter  konnen  sie 
wagen. 


SECHSTER  REISE-ANZEIGER  849 

dungstrieb  einer  vom  Schicksal  infibulierten  Seele,  die  auBer  den 
holzernen  Figuren  noch  poetische  zu  machen  strebte.  -  »Sucht 
man«  (sagt*  ich,  aber  wahrlich  wohlwollend)  »in  Niirnberg  Seine 
Verse  sehr,  Meister,  singt  Er  oft?«  -  »DaB  Gott  erbarm,«  versetzt' 
er,  »so  oft  als  die  arme  Taube  da.  In  der  Kathrinenkirche  war 
sonst  wohl  jeden  Sonntag  Singschule  -  aber  jetzt  ware  in  der 
ganzen  Stadt  kein  Merker1  fur  Geld  zu  haben.  Es  ist  scblecht 
genug,  zumal  wenn  es  Leute  in  der  Stadt  gibt,  die  >Kranz-Ge- 
winnen  werden  konnten,  wo  nicht  >K6nig-Davids-Gewinner<.«a 

10  Es  mag  mich  nun  die  Begierde,  dem  armen  Meister  eine  Freude 
zu  machen,  oder  die  Natur  der  Sache  selber  auf  die  Ahnlichkeit 
zwischen  den  jetzigen  grassier enden  Poeten  und  den  Meister- 
sdngem  geleitet  haben:  genug  die  Ahnlichkeit  wuchs  mir  unt;er 
den  Augen,  und  ich  konnte  sie  Metzgern  zeigen  zum  Trost.  Jedes 
wissenschaftliche  Gehirn,  das  nur  so  groB  ist  wie  das  Hirsenkorn, 
worein  Kallikrates  einige  homerische  Verse  eingrub,  und  dem 
wenigstens  kein  geringerer  Inhalt  eingekratzet  ist  als  dem  Hirsen- 
korn,  weiB  es  vielleicht  ohne  mich,  daB  gute  Gedichte,  gleich  den 
alten,  vollkommen  sind  -  ohne  Bilder,  ohne  Feuer,  ohne  Herz, 

20  ohne  groBen  Inhalt  -  bloB  durch  reine  leere  Darstellung,  durch 
Objekdvitat,  so  daB  eine  Borussias  oder  ein  Heldengedicht,  wor- 
in  statt  eines  Elefanten  der  ganze  Elefantenorden  agierte,  keine 
groBere  poetische  Vollkommenheit  annehmen  kann  als  eine  - 
Flohiade.9  Die  grazisierenden  Dichter  bestatigen  noch  mehr  sei- 
nen  Satz.  In  der  Tat  sind  sie  gleich  den  agyptischen  und  ersten 
griechischen  Tempeln  leer  und  ohne  Bilder  (der  Gotter)  -  ihre 

1  Merker  hieBen  die  vier  Manner,  die  in  der  Kirche  um  den  Meistersanger 

saBen,  und  wo  von  der  erste  acht  gab  mit  der  Bibel  vor  sich,  ob  der  Sanger 

dagegen  verstoBe  —  der  zweite,  ob  er  im  Metrum  bleibe  -  der  dritte,  ob  er 

30  recht  reime  —  der  vierte,  ob  er  recht  singe.  Jeder  bekam  fur  seine  Recension 

zwanzig  Kreuzer. 

3  Hatten  alle  diese  nichts  zu  erinnern,  so  wurde  dem  Preiserwerber  eine 
Kette  aus  Pfenningen  umgehangen,  deren  mittelster  den  Konig  David  mit 
der  Harfe  vorstellte:  der,  welcher  das  Akzessit  erhielty  gewann  nur  einen 
Kranz  aus  seidnen  Blumen. 

*  Pasquier  faBte  auf  einen  Floh,  der  auf  dem  Busen  des  Frauleins  des 
Roches  saB,  etwas  ab ;  und  so  machte  jeder  von  den  anwesenden  Gelehrten 
sein  Gedicht  auf  den  Floh,  der  eine  ein  spanisches,  der  andere  ein  griechi- 
sches  usw.  Diese  Blumenlese  wurde  gedruckt. 


85O  PALINGENESIEN 

poetischen  Federn  gleichen  den  Schreibfedern,  womit  wir  alle 
arbeiten,  welche  desto  besser  schreiben,  je  kahler  sie  befiedert 
sind  —  daher  werden  jetzt  poetische  Gewachse  (nicht  wie  sonst 
durch  heilige  Begeisterung  und  Wut,  sondern)  wie  Friihlings- 
gewachse  durch  braven  Frost  gehoben,  und  gerade  die  Dichter, 
die  uns  heben,  wissen  uns  (nicht  wie  sonst  zu  entflammen,  son- 
dern) abzukiihlen,  wie  Handwerker,  welche  steigen,  bei  Feuers- 
briinsten  loschen  miissen  -  und  den  Wind  und  das  Wasser^  die 
Orpheus  durch  seine  Verse  im  Laufe  einhielt,  miissen  die  jetzigen 
bewegen,  wenn  nicht  enthalten.  10 

Ich  wiinschte  wohl,  die  jetzigen  Kunstrichter  untersuchten 
ernstlich,  ob  nicht  die  Meistersanger  im  lobenden  Sinne  Meister- 
sanger  waren,  und  ob  ihre  so  kiihlen  bilderfreien  und  stofflosen 
Gedichte  nicht  jene  reinen  Darstellungen  ohne  alien  Inhalt  (den 
wenigen  Sinn  ausgenommen,  der  von  Worten  nicht  zu  trennen 
ist),  kurz,  ob  sie  nicht  jene  Vollendung  in  sich  tragen,  nach  der  wir 
ringen,  und  die  viele  Griechen  wirklich  erreichten.  Es  sollte  mich 
wundern,  wenn  unten  stehende  Strophe  aus  einem  auf  den  Tod 
eines  Markers  gesetztem  Gedicht1  von  M.  Ambrosius  Metzger 

1  Ich  ziehe  sie  aus  Wagenseil  S.  555  aus.  Sie  ist  in  der  Clius-Posaunen-  20 
Weis,  die  in  siebzehn  Reimen  besteht. 

Tobias  Martin  dieser  hieC,  (namlich  der  gestorbne  Merker) 

Welcher  ein  Bosamentirer  gewesen, 

Dann  er  auch  wohl  verstund  difi, 

Doch  konnte  er  vor  den  Tod  nit  genesen, 

Als  man  neun  und  zwanzig  Jahr  schriebe  klar, 

Da  wurd'  er  geboren  auch, 

In  diese  Welt,  wie  uns  solches  bekentlich: 

Er  wurde  auch  nach  rechten  Brauch 

Von  Kindheit  auff  zu  der  Schul  zogen  endlich,  30 

Darin  so  lernet  er  fleiBig  fiirwar. 

Als  er  nun  drei  und  zwanzig  Jahr  wurd  alt, 

Da  begab  er  sich  in  den  Ehestand  bald, 

Zeigt  darinnen  ailf  Kinderlein 

Mit  zweien  Weibern,  davon  ihr  noch  zwei  leben, 

Ein  Sohn  und  eine  Tochter  fein, 

That  sich  auch  in  die  dritte  Eh  begeben, 

Lebet  friedlich  mit  sein  Ehgatten  zwar.  - 
Wo  ist  hier  Schwulst  oder  nordischer  Bilderschwall?  Wo  spricht  hier  der 
Dichter  selber?  Mit  reiner  Griechheit  und  mit  volliger  besonnener  Herr-  40 
schaft  iiber  sein  Feuer  stellet  er  blofl  das  Objektive  dar.  Einige  vera] tele 
Worte  abgerechnet,  die  wir  in  jeder  Messe  zu  den  allerneuesten  machen 


SECHSTER  REISE-ANZEIGER  85  I 

ganz  unglucklich  ausgelesen  und  ohne  alle  Wirkung  auf  feine 
Leser  ware. 

»Meister  Drechsler,«  sagt'  ich,  »Meistersanger  und  Gesellen- 
sanger  singen  jetzt  iiberall,  aber  freilich  nicht  in  Kirchen,  sondern 
in  Buchladen.  War  sonst  das  Musenpferd  ein  Niirnberger  Pferd- 
chen  von  Holz,  das  mit  geruchlosen  hellen  Blumen  iibermalet 
war,  und  das  als  Schwanz  ein  kurzes  Pfeifchen  ausstreckte,  den 
flotenden  Reim:  so  hat  man  jetzt  bloB  das  Pfeifchen  ausgezogen 
und  die  Blumenstucke  abgewischt,  das  holzerne  RoBlein  steht 

10  noch  da.  -  Merker  stehen  in  alien  Buchladen,  heifien  aber  Rezen- 
senten  und  bekommen  wie  die  Jury  und  das  Konklave  nicht  eher 
etwas  zu  essen,  bis  sie  entweder  gerichtet  oder  gekronet  haben.«  ■ 
Unter  demDiskurse  konnt'ich  tiefere  Blicke  in  die  elysaischen 
Felder  der  Stube  werfen.  Sie  war  eine  gleiBende,  gebohnte,  ge- 
waschene,  bevolkerte  Villa  voll  weiblicher  Kunstwerke,  eine  vol- 
lige  Hofhaltung  einer  regierenden  Hausfrau,  Metzger  schien  nur 
die  Krone,  sie  den  Zepter  zu  tragen.  Der  GroBvater  oder  das 
Herrlein  schnarchte  im  GroBvaterstuhl  unter  den  olympischen 
Spielen  der  Kinder.  -  Der  Geselle  hobelte  eine  holzerne  Bauerin 

20  zur  galanten  Frau  hinauf,  indem  er  das  iiberflussige  Rockblatter- 
Holz  abraspelte.  -  Auf  dem  Schiefertische  multiplizierte  der  alte- 
ste  Sohn  die  Einwohner  Nurnbergs  mit  sich  selber  mit  Kreide 
und  erlustigte  sich  am  breiten  Multiplizierexempel  voll  Nullen.  - 
Hinten  am  Ofen  stand  der  funkelnde  Nordschein  der  kupfernen 
»Prangkuchen«,  d.  i.  Prunkkiiche,  und  der  Backtrog  erhielt  eine 
gelinde  Warme  auf  morgen.  Der  Patrizier  kroch  um  die  rustige 
redselige  Meisterin  wie  ein  O.hrwurm  um  die  Nelke  und  machte 
immer,  daB  sie  sich  lobte:  »Ich  knete  alles  selber«,  sagte  sie,  »und 
lasse  keine  Magd  uber  den  Backtrog.«  Man  sieht,  er  wollte  mit 

30  ihr  als  mit  einer  Zuckerzange  Georgetten  fassen.  Aber  die  Kinder, 
die  ein  buntes  Brett  voll  holzerner  Konige  und  vornehmer  Leute 
vor  sich  hatten,  kamen  immer  storend  und  baten  sie,  den  Vater 
zu  bewegen,  daB  er  die  Vogel  hineinliefie.  »So  tu  es  nur«,  sagte 

konnen,  ware  das  Stuck  in  einen  Musenkalender  tauglich,  besonders  da  seine 
kiihne'n  Versetzungen  mit  den  jetzigen  noch  kuhnern  leicht  zu  decken  sind, 
z.  B.  mit  der  Trennung  des  Genitivs  vom  regierenden  Wort. 


852  PALINGENESIEN 

sie  zum  Alten,  der  sogleich  willfahrig  und  ohne  zu  wissen,  was 
er  tat,  die  Vogelbauer  herabnahm.  Die  Kinder  hiapften  und 
schrien:  »Die  Vogel!  die  Vogel !«  Aber  die  Mutter  lieB  nichts 
machen,  bis  die  Kinder  vorher  mit  dem  »Fatscheinlein«  (dem 
Schnupftuch),  das  sie  reichte,  gearbeitet  hatten.  Nun  hatten  die 
Leser  Augenzeugen  des  Jubels  sein  sollen,  welchen  die  Kleinen 
erhoben,  als  der  Drechsler  ein  Pfortchen  am  SteiBe  eines  jeden 
Mitgliedes  der  holzernen  Korporation  aufzog  und  in  eine  Figur 
nach  der  andern  einen  Vogel  statt  der  Seele  springen  HeB  und  sie 
dann  mit  dem  Sphinkter  zusperrte;  -  aber  den  hochsten  Grad  10 
erstieg  die  Lust,  da  vollends  der  Konig  -  worein  er  einen  Zaun- 
konig  gelassen,  damit  der  Zwerg-Insasse  in  der  Figur  heftiger 
arbeitete  -  und  der  Dompropst  -  weil  er  der  dickste  war,  muBte 
ein  Dompfaff  oder  Gimpel  hinein  -  und  der  Minister  mit  einem 
Stern  -  von  einer  hackenden  Kohlmeise  bewegt  -  und  viele 
Kammerherren  —  mit  ihren  inwohnenden  Spatzen  —  und  eine 
Konigin  mit  ihren  zwei  Hofdamen  -  welches  Kleeblatt  man  zu- 
sammengeleimt  und  durch  innere  Kommunikationsgraben  so 
weit  ausgehohlet  hatte,  daB  sie  alle  drei  von  einem  Vogel,  einem 
Starmatz,  zu  regieren  waren,  und  daB  die  Hofdamen  allzeit,  wenn  20 
der  Bauchredner  etwas  sagte,  wie  die  Konigin  zu  reden  schienen 

ich  sage,  die  hochste  Lust  entstand,  da  diese  groBe  (obwohl 

kleine)  Welt,  von  ihrem  Gevogel  beseelt,  mit  den  Kopfen  schiit- 
telte,  damit  nickte,  dann  krachzete  und  plapperte,  die  Arme  und 
Beine  regte,  Schnabel  statt  der  Zungen  gegeneinander  ausstreckte 
und  kurz  alle  Lebensbewegungen  vermittelst  der  Konklavisten 
so  niedlich  nachmachte,  daB  die  Kinder  glaubten,  alles  sei  leben- 
dig  und  wahr.  -  Ein  unschuldiger  SpaB,  sobald  man  nur  das  in- 

haftierte  Gefiugel  bald  wieder  herausfangt! Bei  der  Gottin 

des  Glucks!  sollte  man  denken,  daB  die  Maschine,  womit  die  30 
hohern  Stande  ihre  Gliickseligkeit  weben,  aus  so  vielen  Stiicken 
wie  ein  Strumpfwirkerstuhl  zusammengesetzt  ware,  namlich  aus 
drittehalbtausend,  wenn  man  sieht,  daB  man  in  den  niedern  nichts 
dazu  braucht  als  eine  Stricknadel  und  ein  Knaul?«  - 

Ich  horchte  eben  nach  der  Alten  hin,  die  unter  dem  Puppen- 
spiel  zweimal  zum  Patrizier  gesagt  hatte:  »Sie  schlaft  wahrlich: 


SECHSTER  REISE-ANZEIGER  853 

sahen  Sie  denn  Licht  ?«  -  als  plotzlich  mein  StuB  mit  hereinge- 
kehrtem  Gesicht  um  das  Fenster  und  in  die  Stube  rannte  und  rief : 
»Ich  suche  Sie  in  der  ganzen  Stadt,  Herr  Graf  vom  Bataillon:  hier 
sitzt  sie  bei  meinem  Meister.«  -  Die  ganze  Stube  staunte.  -  »Die 
Grafin  Georgette  ?«  (sagt*  ich)  »es  ist  meine  leibliche  Tochter«  - 
und  sah  den  Patrizier  an.  StuB  war  schon  vorher  dagewesen  und 
hatte  alles  erfahren.  Der  Drechsler  zog  wie  ein  Merkur  die  Seelen 
oder  Vogel  aus  ihren  Leibern.  Kdkeritz  sah  mich  -  denn  ich  bliihe 
-  skeptisch  an.  Dem  Miitterchen  gab  ich  den  PaB,  es  sollte  ihn 

10  hinauftragen,  damit  ich  vor  sie  konnte.  Das  alte  Herrlein  wurde 
unter  uns  Tumultuanten  wach  und  konnte  sich  in  nichts  finden. 
Die  Alte  trippelte  fort  und  verhieB,  zu  wecken.  Der  Tierkreis- 
trager  ritt  mit  den  Augen  um  mich  und  den-  Boten  rekognos- 
zieren. 

Endlich  tat  die  Mutter  wieder  die  Tiire  ein  wenig  auf  und  rief 
mich  hinaus.  DrauBen  sagte  sie  mit  eiliger  Beredsamkeit,  »Geor- 
gette  lese  den  PaB  und  schlafe  nicht  -  sie  brenne  nur  aus  Armetei 
kein  Licht  -  sie  sperre  sich  vor  Sr.  Gnaden  (Kdkeritz)  ein,  der  ihr 
fiir  seine  Weste  statt  der  Bezahlung  ein  grofies  Geschenk  geben 

20  wolle  -  sie  nehme  aber  nichts  -  sie  sei  bettelstolz  und  esse  lieber 
Wassersuppen,  als  daB  sie  bettle.«  -  In  einem  Atem  lobte  und 
tadelte  sie,  und  zwar  beide  Personen  zugleich.  Ich  flog  vor  ihrem 
Lichtchen  voraus  ins  dunkle  Stiibchen,  um  dem  Madchen  durch 
drei  Worte  den  Aufschrei  des  Schreckes  zu  ersparen,  daB  ich  ein 
Fremder  sei.  Sie  lief  im  Finstern  auf  mich  zu  und  rief  umarmend : 
»0h,  mon  pere,  mon  pere  cheri!«  -  Mich  erweichte  und  er- 
schreckte  der  schone  Irrtum  der  Liebe,  und  ich  ernahrte  ihn  durch 
den  Doppelsinn  der  Anrede.  Aber  wahrend  ich  in  der  hochsten 
Not  in  alien  Gemachern  meines  Gehirns  herumgriff  nach  einem 

30  Doktor  Fausts-Mantel,  nach  einem  Gyges-Ring,  der  mich  un- 
sichtbar  machte :  wahrend  diesen  Noten  wurden  sie  noch  tausend- 
fach  erhoht  und  ich  noch  naher  besehen  und  beleuchtet  erstlich 
durch  das  Licht  und  zweitens  durch  den  gestirnten  Narren,  die 
beide  die  Treppe  heraufkamen. 

Mitten  in  unserer  Eile  mussen  wir  uns  doch  alle  einige  Minu- 
ten  bei  den  Ursachen  aufhalten,  die  den  Verderben  drohenden 


854  PALING  ENESI  EN 

Schwanzstern,  den  Patrizier,  iiber  den  Horizont  heraufzogen. 
Drunten  in  der  Drechslersstube  hatte  dieser  Unglucksstern  aus 
Argwohn,  wahrend  die  Mutter  drauBen  mehr  Worte  als  Schritte 
mit  mir  machte,  den  nicht  sonderlich  gewandten  StuB,  der  weni- 
ger  vom  Argus  als  von  dessen  Weidetiere  an  sich  hatte,  listig  ab- 
gehort.  StuB  ging  verlegen  herum  und  an  eine  abgelaufene  Wand- 
uhr:  »Nur  aufgezogen !«  sagte  Kokeritz,  denn  es  war  eine  Vexier- 
uhr.  Als  der  Hornrichter  das  Uhrgewicht,  so  gut  er  konnte,  aufzog 
und  sein  Gesicht  (worauf  er  mehr  Gedankenstriche  hatte  als  hin- 
ter  demselben  Gedanken)  wartend  gegen  das  Zifferblatt  zukehrte:  10 
so  zersprang  es  in  zwei  Fliigelturchen,  und  ein  herausprellender 
Fuchsschwanz  legte  sich  iiber  sein  ganzes  Gesicht.  Im  Zuriick- 
fahren  und  Zuriickschaudern  rief  er  mich  bei  meinem  wahren 
Namen  zu  Hiilfe;  und  als  man  ihn  dariiber  befragte,  gab  er  das 
responsum  prudentis,  er  habe  nur  den  Grafen  von  dem  Bataillon 
gemeint.  Der  Friihlingszeichen-Trager  und  Zeichendeuter  mut- 
maBte  sofort,  hinter  der  Sache  stecke  etwas,  und  ich  sei  ein  Spitz- 
bube  wie  er  und  weniger  der  Vater  als  der  Galan  der  Grafin  - 
worin  ihn  mein  jugendliches  belebtes  Ansehen  nur  noch  mehr 
bestarkte.  -  20 

Der  Leser  gehe  nun  mit  mir  wieder  in  den  feurigen  Ofen  zu- 
riick,  worin  ich  brenne.  Das  Licht  und  Kokeritz  als  ein  neuer  Ein- 
heizer  standen  auf  der  Schwelle.  -  Aber  in  der  Angst  kann  man 
nicht  nur  mehr  als  sonst  schleppen,  sondern  auch  erfinden.  Ich 
zog  mit  der  Rechten  den  von  ihrem  Vater  abgeschickten  Facher 
mit  dem  Bilde  ihres  Liebhabers  aus  der  Tasche  -  indes  ich  mit  der 
Linken  ihren  Kopf  immer  so  an  mein  Herz  andriickte,  daB  sie  ihn 
daran  nicht  aufheben  und  mich  beschauen  konnte  -  dann  faltete 
ich  mit  den  Fingern  den  Facher  auf  und  deckte  ihn  aufgespreizt 
vor  mein  Gesicht,  hielt  ihr  aber  die  Innenseite  mit  dem  des  Lieb-  30 
habers  vor  und  lispelte  ihr  wahrend  meiner  Unsichtbarkeit  und 
ihrer  Anschauung  in  die  Ohren:  »sie  entgehe  den  groBten  Ge- 
fahren  von  seiten  des  Patriziers,  wenn  sie  sich  fur  meine  Tochter 
nur  so  lange  ausgebe,  bis  er  fort  sei ;  denn  ich  hatte  bloB  Bestel- 
Iungen  von  ihrem  Herrn  Vater  an  sie.«  -  Die  Arme,  die  in  dieser 
Minute  ihren  Vater  verlor,  prallte  mit  einem:  »Q  mon  Dieu«  zu- 


SECHSTER  REISE-ANZEIGER  855 

nick  -  kam,  als  sie  mich  ansah,  einer  Ohnmacht  nahe,  die  ich 
mehr  ihrer  durftigen  entnervenden  Diat  als  meiner  Physiognomie 
beimesse,  und  setzte  sich  schwankend  und  gebrochen  nieder.  Ich 
sehe  die  Hebe  kurze  diinne  blasse,  etwas  spitznasige  Figur  noch, 
wie  sie  dort  sitzt  und  mit  dem  Facher  sich  anfangs  der  Ohnmacht 
wegen  und  nachher  des  Zornes  wegen  frische  Luft  zutreibt.  »Hef- 
tige  Bewegungen  sowohl  der  Freude  als  des  Schmerzens«,  sagt* 
ich  zu  den  Zuschauern,  »grirfen  sie  schon  in  der  Kindhek  bei 
ihren  feinen  Nerven  heftig  an.«  -  »Beide?«  fragte  Kokeritz. 

10  Nun  war  ich  hauptsachlich  verbunden,  so  viel  Lausewenzel  zu 
rauchen,  bis  diese  Blattlaus  tot  vom  bliihenden  Gewachse  vor 
mir  herabfiel.  Ich  stellte  die  Patentpomade  auf  den  Tisch  -  schlug 
meinen  Grafen-PaB  auseinander,  damit  der  Patrizier  einen  neu- 
gierigen  zufalligen  Blick  hineinwiirfe  -  und  sagte  kalt:  »Ist  Ihnen 
etwas  von  mir  oder  von  meiner  Tochter  beliebig?«  -  »Ah,«  sagte 
der  zweideutige  Filou,  »c'est  done  votrefille,  ou  a  peu-pres?«  - 
»Comment,  ou  a  peu-pres?«  sagt*  ich  mit  einem  Mischling  von 
Neugier  und  Zorn  auf  dem  Gesicht.  »Parceque  je  Tai  cru  votre 
soeur  ou  a  peu-pres«,  versetzt'  er.  Georgette  fing  an  zu  weinen 

20  und  sagte  -  ich  weiB  nicht  ob  zu  ihm  oder  zu  uns  beiden  — :  »Vous 
dechirez  mon  coeur  et  mon  honneur.« 

Jetzt  muBt'  ich  entsetzlich  toll  uber  den  Patrizier  werden  - 
erstlich  um  einen  ordentlichen  aufprasselnden  Franzosen  zu  ma- 
chen  -  zweitens  weil  ichs  wirklich  war,  da  er  mich  und  sie,  eine 
doppelte  Unschuld,  zugleich  anfiel  -  und  drittens  aus  folgendem 
Grund.  Am  Tage  der  Verlobung  -  der  Vermahlung  gar  -  macht 
man  bei  dem  ersten  fremden  Madchen,  auf  das  man  trifft,  mit 
einem  besondern  Gefuhle  die  Entdeckung,  daB  es  einen  Unter- 
schied  zwischen  Liebe  und  Freundschaft  gebe,  und  daB  das  ganze 

30  weibliche  Geschlecht,  das  man  sonst  in  seine  Augen,  wenn  nicht 
in  seine  Arme  zu  fassen  suchte,  eingelaufen  sei  auf  eine  -;  wird 
nun  einem  Manne  das  seltene  Gliick  zuteil,  das  ich  am  Sonntag 
hatte,  eine  ungemein  zartliche  Empfindung,  aber  von  einer  Gat- 
tung,  welche  nicht  mit  der  ehelichen  Liebe  kollidieret  -  wohin 
elterliche  zuerst  einschlagt  — ,  fur  ein  liebes  Herz,  das  unter  einem 
Shawle  schlagt,  aufzubringen  und  festzuhalten :  so  setzt  er  sich, 


856  PALINGENESIEN 

ungeachtet  der  ehelichen  Lebenswarme,  in  die  laue  Abendsonne 
eines  so  milden  Gefuhls  so  lang  und  breit,  als  er  nur  kann,  hinein 
und  riickt  immer  aus  dem  Schatten.  Die  kindliche  Liebe,  womit 
sich  das  erschrockne  Lamm  an  meinen  Hals  gehangen,  machte 
vaterliche  in  mir  natiirlich  und  rege;  und  mit  groBerer  Erbit- 
terung  als  sonst  exerziert'  ich  die  hohe  Gerichtsbarkeit  uber  Hals 
und  Hand  an  jenen  Spitzbuben,  welche  die  niedere  an  den  scho- 
nen  weiblichen  Halsen  und  Handen  iiben,  jene  Perlenfischerj  die 
den  lieben  Wesen,  wie  Perlenmuscheln,  nur  die  Perle,  namlich  ihr 
Herz  oder  gar  ihre  Ehre,  ausbrechen,  um  sie  nachher  leer  und  10 
wund  auf  die  Perlenbank  zuriickzuwerfen. 

Kurz  ich  tobte  folgendermaBen: 

Gleich  einer  losgezundeten  Pulverschlange  fuhr  ich  in  der 
Stube  herum  und  sagte:  »Peste!  -  Herr,  Sie  kennen  meine  Toch- 
ter  nicht  —  Glauben  Sie,  weil  eine  Emigrantin  Ringe  macht,  daB 
sie  alle  annimmt?  —  Oder  daB  ich  wie  der  Drechsler  drunten  die 
heilige  Geistes-Taube  schwarz  anfarbe  fur  eine  Muhammeds- 
Taube  wie  Sie?  -  O  hatten  wir  uns  nur  auf  anderem  Boden! 

-  Ah  qu'est-ce-que  de  nous!  -  pilles  en  France,  deshonores  en 
Allemagne  -  nous  sommes  tour-a-tour  en  proie  aux  Vendeurs  20 
de  la  chaire  humaine  et  aux  Anthropophages,  qui  la  dechirent.a1 
Die  arme  Georgette  konnte,  ob  sie  gleich  nicht  wuBte,  wer  ich 
war,  doch  ihren  Erinnerungen  an  die  Wahrheit  dieser  Klagen  und 
ihrem  weinenden  Herzen  nicht  wideistehen  und  machte  mich 
dadurch  wilder  und  weicher  zugleich. 

»Monsieur,«  (fing  ich  mit  einem  ganzen  Vorrat  von  Atem  an) 
»Sie  sind  hier  in  diesem  Zimmer  -  Sie  sehen  meine  Tochter  - 
Sie  sehen  ihren  Vater  und  dessen  Glatze,  den  Beweis  seiner  Jahre 

-  Sie  lieben,  hofT  ich,  die  Tugend«  ...  »0  qu'oui,«  sagte  der 
Spitzbube,  »mais  j'aime  encore  plus  les  femmes  qui  la  logent.«  30 

-  Da  Georgette  aufstand,  konnt'  ich  nur  eilig  zu  ihm  sagen: 
»DiabIe!«  und  kehrte  mich  gegen  sie  und  nahm  ihre  kleinebebende 
Hand  und  sagte:  »Recht,  traute  Tochter,  begib  dich  zur  Ruhe  - 
du  bist  ein  Engel,  aber  ohne  Himmel  -  traume  von  einem  - 
morgen  komm'  ich  wieder,  Beste!  -  Was  gibt  es  noch?«  schrie 

1  Vendeur  de  la  chaire  humaine  heiBet  ein  Seelenverkaufer. 


SECHSTER  REISE-ANZEIGER  857 

ich,  als  der  Patrizier  ans  Fenster  ging  und  Geld  aufzahlte.  »Ich 
will  bloB  Mademoiselle  fur  die  Zwillinge  bezahlen«,  sagt'  er  mit 
persiflierendem  Tone  und  zeigte  auf  seine.  Entsetzlich  aufge- 
bracht  sagt*  ich  voll  Milde:  »Das  ist  etwas  anders.  Den  kleinen 
Kastor  und  Pollux  auf  Ihrer  Weste  wollen  wir  selber  gegenein- 
ander  im  GroBen  machen  und  friedlich  heimziehen,«  und  fassete 
dabei  stark  genug  seine  Wachshand  in  meine  Gotzens-Hand  - 
ich  bin  nicht  schwach  -  wie  in  eine  Kompressionsmaschine  und 
fiihrte  ihn  unter  zu  warmem  Pressen  derselben  zur  Tiire  hinaus. 

10  »Sind  Sie«,  fragt'  er  zornig  auf  der  Treppe,  »ein  Richter?«  —  »In 
Sachen  meiner  Tochter«  -  antwortet*  ich  absichtlich  in  die  Quere 
und  verdoppelte  mit  der  Quetschform  den  Druck  der  Hand  - 
»kann  ichs  sein;  und  die  Graf  en  waren  und  hieBen  ja  bei  Ihren 
alten  Deutschen  allzeit  Richter.«  Mein  Bote  kam  aus  der  Stube, 
und  so  zogen  wir  drei  aus  dem  Hause  -  und  vorbei  war  der  Ietzte 
April. 

Aber  noch  ergluh*  ich,  wenn  ich  daran  denke.  Es  wird  fur  uns 
alle  ein  Kiihltrank  sein,  wenn  ich  hier  das  syrische  Schreiben 
iiber  den  Wanderungstrieb  der  Edelleute  und  Patrizier  gebe. 

20  Siebenkas  erzahlt  namlich  S.  484,  er  sei  in  Haleb  sehr  verdrufi- 
lich  mit  einer  Windbuchse  auf  dem  Dache  umhergekreuzt  und 
habe  bloB  aus  VerdruB,  als  die  Mittwochspost  (eine  Bruttaube) 
gerade  uber  seinen  Kopf  wegflog,  die  Brieftragerin  herabgeschos- 
sen  -  er  habe  darauf  die  Post  beraubt  und  ihr  das  an  die  Schwanz- 
federn  gebundne  Felleisen  abgeschnitten  -  und  die  Briefschaften 
hatten  in  einem  Briefe  bestanden,  den  ein  Monch  aus  einem  Klo- 
ster  der  Stadt  an  eine  Nonne  in  einer  fernen  Gasse  geschrieben, 
um  ihr  Naturgeschichte  beizubringen.  Die  Nonne  machte  der 
Inspektor  dadurch  zu  einem  Studenten,  der  Kollegien  aussetzt, 

30  um  auf  seine  nachgeschriebnen  Hefte  durch  hiatus  sogar  die  Ge- 
stalt  des  Altertums  zu  pragen. 

Aus  Mangel  an  syrischen  Lettern  kann  ich  den  Lesern  das  sy- 
rische Schreiben  nur  in  meiner  schlechten  Obersetzung  geben: 
•  denn  Syrisch  ist  meine  Starke  nicht. 


858  PALINGENESIEN 

»Liebe  Tochter! 

Der  Prior  kam  gestern  von  Jerusalem  zuriickgeritten,  ich  fragte 
ihn  aber  nicht  gern  um  das  dictum  vexatum,  weil  er  so  miide 
war,  daB  er  nicht  mehr  sitzen  konnte,  wie  sein  Esel  auch.  Die 
zwei  italienischen  Spitzbuben  sind  eingefangen:  der  eine  hatte  die 
Tiirschlosser1  in  Brand  gesteckt,um  einzubrechen,und  der  andere 
hatte,  als  seine  Braut  mit  zugeleimten  Augen  vor  ihm  saB,  ihre 
Habseligkeiten  unter  seine  verpackt  und  damit  fortgewollt.  —  So 
giftig  sind  die  Menschen,  wohlriechende  Palme  meines  Lebens! 
Aber  ich  und  du  sitzen  im  Schatten  der  Ruhe  und  unter  dem  ro 
Himmel  der  Frommigkeit  und  schauen  das  Antlitz  der  Erde  an, 
aus  dem  ihr  Schopfer  wie  eine  freundliche  Seele  hervorsieht;  be- 
sonders  sind  viele  Zitronenbaume  an  meinem  Zellenfenster  schon. 
Wir  miissen  aber  in  unsrer  Naturgeschichte  heute  fortfahren. 

Wir  habens  schon  gestern  gehabt,  daB  Gott  in  die  Vogel  den 
Trieb  der  jahrlichen  Wander ung  eingesenkt,  hernach  in  die  vier- 
fuBigen  Tiere  und  auch  in  die  Heringe  —  heute  kommen  wir  auf 
die  Edelleute  und  die  Reichen.  Der  Trieb  zur  Wanderung  offen- 
baret  sich  bei  ihnen  erst  in  ihrem  dritten  Jahrzehend  und  halt  sich 
an  keine  Zeit,  wie  auch  Feldmause  und  Heuschrecken  oft  zu  zie-  20 
hen  anfangen,  ohne  daB  ein  Mensch  weiB  warum.  Ein  alter  Prin- 
zenhofmeister  sagte  mir,  wenn  man  im  dritten  Jahrzehend  einen 
Edelmann  einsperrte  —  z.  B.  in  eine  ritterschaftliche  Bibliothek, 
wo  es  warm  genug  ware,  oder  in  ein  Burgverlies  -,  so  wiird'  er 
seine  Zeit  wissen  und  traurig  werden  und  hinauswollen;  und  lieB' 
man  ihn  dann  doch  nicht  nachFrankreich  und  Italien  ab:  so  wiird* 
er  wie  jeder  Zugvogel  sich  unbeschreiblich  alterieren.  Denngleich 
den  Vogeln  miissen  die  Strich-  und  Zug-Menschen  der  Warme 
wegen  aus  dem  kalten  Eng-  und  Deutschland  in  die  warmen 
Stadte  in  Siiden  gehen,  weil  sie  schon  in  den  Zwanzigern  wissen,  30 
wie  wehe  das  Alter  tut.  Ich  muB  dir  sagen,  Orangenbliite  des  Her- 
zens,  daB  man  sonst  mit  Miihe  kaum  im  siebzigsten  Jahre  alt 
wurde,  daher  wenige  ihr  Alter  erlebten:  jetzt  aber  erleben  die 
meisten  ein  schones  hohes  und  ehrwiirdiges  Alter,  weil  es  friiher 
kommt,  bei  sehr  vornehmen  Leuten  schon  in  der  Jugend,  und 

1  In  Haleb  sind  nach  Russel  die  Schlosser  holzern  und  die  Turen  eisern. 


SECHSTER  REISE-ANZEIGER  859 

Prinzen  wird  es  angeboren;  daher  sie  gleich  nach  der  Geburt 
schon  Ordensbander  und  andere  Wurden  des  Alters  gern  be- 
kommen.  Ungemein  gesund  ists,  sagt  Haller,  die  Jugend  zwar  in 
einem  kaltern  Klima  zu  verbringen,  das  Alter  aber  in  einem  war- 
mern. 

Gottesfiirchtige  Naturforscher  gebens  auch  noch  fur  eine  be- 
sondere  Wohltat  fur  notdiirftige  Lander  aus,  daB  -  so  wie  die 
Heringe  vom  Nordpol  oder  doch  von  dem  Meersboden  zu  den 
Hamen  der  Hollander  und  Franzosen  heraufreisen  mussen,  um 

10  von  selbigen  teils  eingesalzen,  teils  gerauchert  zu  werden,  weil  sie 
Holland  jedes  Jahr  mit  einem  Gewinst  von  einer  Million  Taler 
absetzt  -  daB  gleicherweise  vornehme  und  reiche  Sonne  durch 
einen  besondern  Naturtrieb  gezwungen  werden,  nach  Paris,  Mar- 
seille, Neapel  und  die  umliegenden  kleinen  Hauser  zu  gehen,  um 
dort  von  tausend  armen  Menschen  gefangen  und  aufgezehrt  zu 
werden.  Und  wie  an  den  blitzenden  Schuppen  der  Heringsfischer 
nachts  leieht  abmerkt,  wohin  er  seine  Netze  zu  werfen  habe :  so 
sind  die  Geldstiicke  solche  silberne  Schuppen  des  Zug-Menschen, 
die  man  nachher  abschuppt  wie  an  Spiegelkarpfen,  und  durch  die 

20  man  sehen  kann,  wo  man  Fischreusen  und  Hamen  hinzuhalten 
habe. 

Du  muBt  es  noch  von  gestern  wissen,  daB  die  Zugvogel  in  war- 
men  Landern  nicht  briiten,  erstlich  weil  wirs  hier  in  Syrien  sehen 
miiBten,  zweitens  weil  sie  sonst  in  Europa  mit  abgemausten  und 
abgeniitzten  Federn  und  mit  Jungen  zuruckkamen,  welches  doch 
nicht  ist.  -  Aber  die  Zug-Junker  und  Zug-Kapitalisten  briiten 
in  den  fremden  Landern  stets;  sie  bringen  zwar  keine  Jungen 
nach  Hause1,  aber  an  der  Mause  ihrer  Haut  ists  zu  sehen.  Daher 
sind  die  wiederkehrenden  Lerchen  fett,  Strich-Menschen  aber  fal- 

jo  len  bei  ihrem  Wiederstrich  so  mager  aus  wie  die  verdorrte  Hand, 
die  der  Mann  im  vorigen  Evangelio  am  Arme  hatte. 

Einige  Naturforscher  berichten,  daB  viele  streichende  Patrizier 

1  Der  franzosische  Add,  der  uns  jetzt  die  Gegenvisite  macht,  kann  -  so 
wie  er  eigentlich  seinen  ersten  Ursprung  von  den  Franken  hat  -  auch  seinen 
neuesten  von  seinen  jetzigen  Wirten  haben,  die  sonst  seine  Gaste  waren; 
und  das  gallische  Freudenland,  durch  welches  so  viele  deutsche  Lehne  offen 
wurden,  kann  uns  jetzt  vielleicht  mit  Lehnsvettern  nachhelfen. 


860  PALINGENESIEN 

ein  giftiges  Herz  mitbringen,  in  welchem  viel  Unkeuschheit  und 
Gottesleugnung1  sein  soli;  aber  Ferber  bezeuget  ja  gleichfalls,  daB 
auch  die  Wachteln  in  Neapel  nach  ihrer  Ankunft  acht  Tage  lang 
giftig  sind,  daB  aber  die  Wachtel  von  jeder  Wochnerin  zu  essen 
ist,  wenn  sie  mit  Korn  gefuttert  worden.  Wahrscheinlich  schwit-  . 
zen  auch  die  Streichmenschen  ihren  Gift  auf  einem  gesunden 
Boden  aus. 

Es  wird  zu  wenig  bemerkt,  daB  der  Wanderungstrieb  nicht 
bloB  den  norwegischen  Bergmausen  eingepflanzet  worden  -  da- 
mit  sie  durch  ihr  hartnackiges  Fortsetzen  des  geraden  Weges  10 
ihren  Untergang  finden  -,  sondern  auch  vielen  Wanderungsmen- 
schen,  die  vielleicht,  ohne  ihre  Neigung  zu  krummen  Wegen,  der 
Erde  lang  beschwerlich  waren:  so  aber  reiben  sie  sich  bequem 
selber  auf,  und  die  Lungensucht,  die  oft  auf  SchifFen  verloren 
geht,  wird  in  Reisewagen  leicht  gewonnen. 

Das  sonderbare  Phanomen,  warum  -  da  doch  bei  Mausen, 
Heringen,  Vogeln  die  Weibchen  mitgehen  -  nur  die  Normanner 
und  nicht  die  Norweiber  nach  Paris  durch  Instinkt  getrieben 
werden,  wie  man  etwan  nach  Europa  nur  Papageienmannchen 
und  keine  Weibchen  einbringt,  erklar'  ich  so:...«  20 

Die  Konklusion  hatte  der  Inspektor  zerschossen. 

Die  meinige  besteht  in  den  Fragen:  wenn  die  vornehmen  Wei- 
ber  sich  ohne  die  groBe  Tour  ausbilden,  warum  ists  den  Mannern 
unmoglich?  -  Kann  die  Riickfracht  zweideutiger  Kenntnisse  wohl 
die  Stationsgelder,  die  Diaten,  die  Spesen,  den  Schwindel  und 
das  Ekeln  von  der  Bewegung  und  die  Gefahr  des  Halsbrechens 

1  Ich  halte  diese  Verleugnung  bloC  fur  eine  Verehrung:  in  den  hohern 
Standen  ist  die  Achtung  fur  den  Namen  des  Unendlichen  so  groB,  daB 
niemand  ihn  -  wie  die  Juden  den  Namen  Jehova  -  unter  Leuten  und  aufler 
dem  Kirchenstuhl  zu  nennen  wagt;  und  wie  die  Juden  dafur  lieber  Adonai,  30 
Elohim  usw.  sagten,  so  weicht  man  jenem  Namen  (auch  in  Schriften)  durch 
Natur,  Schicksal,  Materie,  Himmel,  Gotter  aus.  Ja  wie  die  Hebraer  den 
Jehova  nur  in  der  keiiigen  Stadt,  in  Jerusalem,  aber  nicht  in  den  Provinzen 
aussprechen  durften:  so  lasset  man  umgekehrt  in  einer  Residenzstadt  -  der 
unheiligen  Stadt  —  den  gottlichen  Namen  nicht  gern  iiber  die  Zunge  gehen, 
sondern  lieber  in  fernen  Landstadten;  und  nach  dem  Abdruck  dieses  Buchs 
kann  der  Name  gar  schon  auf  die  Dorfer  verlegt  sein. 


SIEBENTER  REISE-ANZEIGER  86l 

bezahlen?  -  Sollte  man  nicht  wenigstens  mehr  reisen,  um  ver- 
nunftiger,  als  um  verniinfttg  zu  werden,  und  friiher  in  die  Bucher  - 
und  in  die  Jahre  dazu  -  als  in  die  Lander  kommen  und  sich  wie 
die  Bienen  auf  dem  Flugbrett,  vor  dem  Ausflug  nach  Honig,  erst 
die  Augen  saubern  ?  —  Konnte  man  nicht  Leuten  von  Stande,  die 
ihr  Geld  auBer  Landes  verspielen,  vertrinken,  verh...  und  ver- 
fressen,  und  die  ohne  einen  Heller  Abzugsgeld  in  die  Invaliden- 
kasse  sich  in  das  Invalidenhaus  hineinleben,  es  zur  Pflicht  machen, 
im  Lande  zu  spielen,  zu  h. . .,  zu  blasphemieren  und  zu  verschwen- 
10  den?  -  Und  gilt  mein  Ausfall  auf  die  Reisen,  die  nur  sonst  durch 
die  Schwierigkeit  und  Entlegenheit  derKultur  gerechtfertigt  wur- 
den,  nicht  auch  mit  alien  seinen  Griinden  gegen  die  Universi- 
taten?  — 

SlEBENTER  REISE-ANZEIGER 

Fata:  die  epistolarische  Expektantenbank  -  der  Geburtstag  und  die  Ver- 

sohnung 
Werke:  Habermanns  logischer  und  geographischer  Kursus  durch  Europa, 

von  ihm  selber  ganz  summarisch  dem  Erbprinzen  der  MilchstraBe 

vorgetragen 

20  Es  ist  wahr,  die  Nebelflecken  unsers  Schicksals,  die  als  Wolkchen 
in  unserem  Himmel  stehen,  teilen  sich?  wenn  wir  naherkommen, 
in  Sonnen  auseinander;  aber  am  neuen  Orte  erblicken  wir  wieder 
neue  Nebelflecken  -  ich  meine,  wenn  ein  Mensch  immerhin  Geor- 
getten  gefunden,  besitzt  er  denn  darum  Briefe  von  seiner  Frau 
oder  von  Siebenkas  in  Wetzlar?  -  Ja  die  Entwickelungen  im  Leben 
sind  nur  feinere  Verwickelungen :  Kokeritz,  der  in  den  Friihlings- 
zeichen  des  Stiers  und  Widders  stand,  konnte  mir  nun  durch 
seine  Nachforschungen  eine  gerichtliche  zuziehen,  ob  ich  wirk- 
lich  Georgettens  Vater  sei.  Meinen  PaB  hatte  sie,  und  um  den 

3o  wahren  hatt*  ich  erst  nach  Hof  geschrieben.  Die  Patrizier  lassen 
ohnehin  gleich  den  Fursten  -  und  ungleich  dem  Kaligula  -  die 
Gesetze  so  ne/annageln,  daB  zwar  sie  oben  auf  ihren  hohen  Thro- 
nen  solche  unmoglich  -  denn  Kapitalbuchstaben  erscheinen  ihnen 
nicht  groBer  wie  Perlschrift  -  lesen  und  mithin  auch  nicht  halten 


862  PALING  ENESI  EN 

konnen;  aber  das  Volk  unten  muB  sie  befolgen,  weil  es  die  Let- 
tern  vor  der  Nase  hat.  UnchristHch  konnten,  wenn  sie  wollten, 
die  Patrizier  mit  mir  wegen  des  Passes  umspringen. 

Ich  komme  nun  zu  dem  Teil  meiner  Historie,  der  den  ersten 
Mai  enthalt  -  welches  der  Montag  nach  dem  letzten  Aprilsonntag 
und  nach  dem  ersten  Courtag  bei  Georgetten  ist.  -  Ich  muBgleich 
anfangs  berichten,  daB  ich  den  ersten  Mai  aus  dem  Bette  stieg  und 
daraus  einen  Kopf  voll  halbseitigem  Kopfweh  und  eine  Brust  voll 
heiBer,  schon  von  Traumen  angefangner  Sehnsucht  nach  Her- 
minen  mitbrachte.  Der  erste  Mai  war  ihr  Geburtstag.  StuB  muBte  10 
sogleich  in  die  Zehische  Buchhandlung  nach  Briefen  laufen. 

Eh'  ich  vor  den  Lesern  das  aufmache,  was  der  Hornrichter  aus 
der  Buchhandlung  brachte,  will  ich  ihnen  beschreiben,  wie  ich 
mich  acht  Posttage  vorher  achtmal  in  die  Hohe  richtete  und  mein 
eigner  Troster  wurde:  denn  jetzt  war  StuB  das  neuntemal  ge- 
schickt. 

An  den  zwei  ersten  Posttagen  hatt*  ich  gar  nicht  schicken  sol- 
len ;  ich  sagte  zwar  vorher:  »Man  kann  nicht  wissen«,  -  und  nach- 
her,  als  StuB  ledig  kam:  »Ich  konnte  mirs  vorstellen«;  aber  dieses 
voreilige  Schicken  saete  meine  Ungeduld  zwei  Tage  zu  friih,  die  20 
am  dritten  Posttage,  wo  sie  erst  hatte  in  die  Erde  kommen  sollen, 
schon  aus  ihr  aufging. 

Dennoch  sagte  ich  das  drittemal  vorher  bloB :  »Heute  ists  doch 
eine  Moglichkeit«,  und  nachher;  »MogIich  ist  darum  nicht  wirk- 
lich.«  -  Am  vierten  Posttag  sagt'  ich  freilich,  als  der  Bote  wieder- 
kam :  »Lang*  Er  den  Brief  her«?  und  da  er  keinen  hatte,  sucht'  ichs 
nicht  zu  glauben.  -  Am  funften  Post-  und  Fasttage  nahm  ich  zum 
Troste  an:  »Sie  kann  den  Brief  bloB  eine  halbe  Stunde  zu  spat 
auf  die  Reichspost  gegeben  haben.«  -  Am  sechsten  schnitt  ich 
schon  im  voraus  mein  Inneres  fur  beide  Moglichkeiten  zu  -  wie  30 
eine  Schwangere  die  Kinderhemden  fur  beide  Geschlechter  -  und 
hielt  mir  als  Beruhigung  vor:  »Natalie  wollte  vielleicht  eine  Zeile 
mit  beischlieBen  und  wurde  freilich  nicht  zeitig  fertig.«  Aber  ein 
Trost,  den  man  sich  vor  dem  Unfall  zubereitet,  wirkt  dann  in 
demselben  nicht  so  viel,  als  hatte  man  ihn  darnach  ersonnen.  Die 
philosophischen  Trostgriinde  sind  liberhaupt  nie  von  groBerem 


SIEBENTER  REISE-ANZEIGER  863 

Nutzen  als  in  grofiem  -  Gliick,  weil  sie  durch  das  Versprechen 
der  leichten  Erduldung  kiinftiger  Leiden  die  HofFnung  seiner 
Dauer  und  einen  GenuB  ohne  Sorgen  gewahren. 

Am  siebenten  kritischen  Tage  erwartete  ich  absichtlich  keinen 
Brief,  in  der  Hoffnung,  der  Erfolg  werde  mich  angenehm  wider- 
legen.  Die  Welt  sieht,  wie  ich  mich  in  die  Welt  einzufiigen  weiB, 
und  wie  ich  gleich  Tasso  sogar  funkelnde  Katzenaugen  zu  Nacht- 
lichtern  meines  Kerkers  verwende.  Aber  da  mir  der  Zitterfisch, 
StuB,  mit  seinem  leeren  Gesicht  den  elektrischen  StoB  des  Schmer- 

10  zes  gab:  so  machten  sich  jetzt  die  herzudringenden  Sorgen  die 
wehrlose  Stellung  meines  Herzens  zunutze  und  brachten  ihm 
schwere  Stichwunden  bei :  »Meine  Hermine«,  sagt'  ich,  »ist  gewiB 
krank  -  ich  darf  ja  nur  ihre  Umstande  bedenken  und  ihre  Qualen 
durch  mich  dazu  -  ich  kann  wohl  durch  meine  letzte  dumme 
Schreiberei  alles  wieder  umgestoBen  haben,  was  in  ihrer  verge- 
benden  Seele  aufgebauet  war.«  -  Die  siebenundzwanzigkopfige 
Binde,  die  ich  um  diese  Wunden  legte,  bestand  aus  dem  Gedan- 
ken,  daB  in  der  Nacht  schon  wieder  das  Felleisen  ankomme,  und 
daB  ich  morgen  selber  in  der  Zehischen  Buchhandlung  nach  dem 

20  Briefe  fragen  wolle.  -  Es  war  mir,  als  hart*  ich  ihn  schon.  Ich 
hofft'  ihn  dadurch  gewisser  noch  zu  erpressen,  daB  ich  die  con- 
tenta  meiner  Antwort  im  voraus  leicht  hinwarf  und  wie  in  der 
Baumschule  im  Herbste  die  Locher  fur  die  Baume  grub,  die  im 
Friihling  hineinkommen  sollen. 

Aber  ob  ich  gleich  in  Person  bei  Herrn  Zeh  nachfragte,  es  war 
doch  heute  nichts  gekommen  -  ja  StuB  gestern  nicht:  der  Mensch 
hatte  das  katechetische  Ringrennen  satt  bekommen.  Eben  das 
nahete  meine  Wunde  und  Hasenscharte  wieder  zusammen:  ich 
konnte  mich  erstlich  an  den  Boten  halten  und  ihn  zum  Frostab- 

30  leiter  meines  Fieberfrosts  gebrauchen,  zweitens  konnt*  ich  diesen 
achten  Posttag,  da  gestern  nicht  gefraget  worden,  ohne  Unbillig- 
keit  fur  den  siebenten  anrechnen.  Wahrlich  etwas  oft  erwarten  ist 
arger  als  es  einmal  verlieren :  zumal  da  diese  Bewegung  der  Seele, 
ungleich  andern  geistigen  und  korperlichen  Oszillationen,  welche 
durch  die  Zeit  zur  Ruhe  kommen,  gerade  durch  diese  in  Schwung 
gerat. 


864  PALINGENESIEN 

Endlich  erleb'  ich  hier  mit  alien  Lesern  den  neunten  oder  kriti- 
schen  Tag  (den  ersten  Mai),  wo  ich  den  Hornrichter  mit  der  aus- 
driicklichen  Drohung  fortschickte,  er  sollte  etwas  mitbringen, 
sonst  glaubt*  ich,  er  sei  wieder  hinter  die  Schule  gegangen.  - 
Wahrhaftig  er  brachte  etwas.  Siebenkasens  Hand  und  Siegel  war 
auf dem  Paket,  das  doch  mit  der  Baireuther  Post  gekommen  war; 
er  hatte  bloB  das  Blattlein  beigelegt:  »Nachstens  mehr  und  alles.  - 
Ich  gewinne.  -  Sieh  einmal  meinen  ewigen  Leibgeber !«  - 

Leibgeber  hatte  namlich  in  der  Literaturzeitung  etwas  von  der 
zweiten  Auflage  der  teuflischen  Papiere  gelesen;  er  ging  daher  in  10 
seine  Miinzstatte  und  schmolz  seinen  »Iogischen  und  geographi- 
schen  Kursus  durch  die  Welt«  -  an  welchen  ich  mich  so  oft  ma- 
chen  wollte  -  selber  ein  und  um  und  schickte  dem  Inspektor  diese 
zweite  Auflage,  worin  fast  kein  Wort  von  der  ersten  steht.  In 
drei  Minuten  soil  der  Leser  den  Kursus  haben:  man  lasse  mich 
nur  vorher  bemerken,  daB  ich  nicht  wuBte,  was  ich  vor  Freude 
iiber  den  Kursus  und  den  bartigen  markigen  Wildenmann,  den 
ich  auf  so  viele  biographische  Harzgulden  pragte  und  noch 
prage,  anfangen  sollte.  Uber  die  Ahrenlese  fur  mein  Buch  ver- 
schmerzt'  ich  ein  wenig  das  MiBjahr  an  Briefen;  ja  ich  fing  an  zu  20 
prophezeien,  Hermine  gedenke  mich  mit  etwas  Sonderlichem  zu 
iiberraschen;  und  sah  nun  den  Vorhang  der  Zukunft  fur  keinen 
eisernen  mehr  an,  der  in  Drurylane  die  Zuschauer  von  dem 
Schadenfeuer  der  Biihne  absondert,  sondern  fur  einen  schon  be- 
malten,  der  einige  Minuten  das  Zusammenschieben  der  schim- 
mernden  Dekoration  verdeckt.  So  steir  ich  meinen  Himmel  stets 
voll  glanzender  Meteore,  und  selten,  wie  andere,  voll  wasseriger. 
1st  denn  nicht  in  unser  Leben,  wie  in  den  Zitz,  nur  der  UmriB 
durch  feste  Formen  gedruckt,  und  sind  nicht  die  Blumen  erst 
vom  Menschen  selber  in  die  leeren  Raume  einzumalen?  —  30 

Hier  ist  Habermanns  Kursus,  denn  so  nennt  sich  Leibgeber  in 
den  Teufels-Papieren. 


SIEBENTER  REISE-ANZEIGER  865 

Habermanns  logischer  und  geograpkischer  Kursus  durch  Europe 
von  ihm  selber  gan%  summarisch  dem  Erbprin{en  der  Milchstrafie 
vorgetragen. 
Wie  sich  der  Kardinal  Richelieu  in  kranken  Stunden  fur  ein 
Pferd  ansah  -  ob  er  gleich  selber  Frankreich  zu  einem  machte, 
und  zwar  zu  einem  Pack-  und  Filialgaul  — ,  so  halt'  ich  mich  von 
Zeit  zu  Zeit  fur  den  Prinzenhofmeister  des  Dauphins  der  Milch- 
strafie und  gebe  daher  dem  jungenMenschen  geographische  Stun- 
den. Die  Klarheit  dieser  Vision  ist  wunderbar-stark  und  ohne 

10  Schwedenborgs  wache'  Visionen  fast  unerklarlich;  -  ich  stehe  auf 
dem  Sirius  da,  der  Hauptstadt  unsers  Nebelflecken ',  und  messe 
statt  der  irdischen  sechs  FuB  reichliche  sechs  Erddiameter*  und 
einige  Meilen,  und  mein  goldgelbes  Kopfhaar  hangt  neben  Bere- 
nicens  Haar  in  den  Himmel  hinunter  und  wird  von  Sternkundi- 
gen  als  Kometenschweif  praeter  propter  ausgemessen  -  die  Land- 
stadte  der  MilchstraBe,  die  Sonnen,  liegen  um  den  Hofmeister 
und  Eleven  deutlich  herum  samt  den  nachsten  eingepfarrten  Dor- 
fern,  den  Erden. 

Dieses  physiologische  Meteor,  das  ich  naher  beobachtet  und 

20  gemustert  wiinschte,  ist  ein  auffallender  Zwitter  von  Vision  und 
Traum,  der  mich  allemal  an  meinem  Geburtstage  von  eilf  bis 
zwolf  Uhr  beschleicht  und  beherrscht,  eine  Borsenstunde,  wo 
ohnehin  den  Geistern  die  Amsterdamer  Borse  der  Erde  ofFen 
steht.  Warum  aber  gerade  in  diesem  Jahre  die  Vision  so  hell  und 
lang  war,  daB  ich  dem  Infanten  die  geographischen  Elementar- 
kenntnisse  der  Erde  in  der  leichten  Einkleidung  meines  Reise- 
journals  angenehm,  obwohl  auBerst  fragmentarisch  beizubringen 
vermochte  -  das  kam  daher,  weil  ich  in  Bremen  war  und  im  da- 
sigen  Bleikeller  der  Domkirche  eine  ganze  Stunde  lang  als  eine 

3P  Vexierleiche  auf  einen  reisenden  kritischen  Redakteur  und  Litera- 

1  Ein  Nebelfleck,  d.  h.  ein  zusammengehoriges  Reich  von  Sonnen,  sieht 
naher  wie  eine  MilchstraBe  aus.  Herschel  halt  in  unserem  Nebelflecken  oder 
in  unserer  MilchstraBe  und  Sternenschicht  den  Sirius  ftir  die  regierende 
Sonne  der  andern  Sonnen. 

2  Leibgeber  wurde  gewiB  auf  den  Traum  einer  solchen  gigantischen  Sta- 
tur  bloB  durch  Lavaters  seinen  gebracht,  daB  wir  nach  dem  Tode  uns  un- 
endlich  ausdehnen  und  zusammenziehen  konnen.  Aussichten  in  die  Ewig- 
keit.  II.  11. 


866  PALINGENESIEN 

tor  lauerte,  der  alle  lebende  groBe  Gelehrte  besieht  und  alles,  was 
tot,  aber  erheblich  ist.  Ich  brachte  den  Kuster  durch  ein  Kopf- 
stuck  und  ein  Fettmannchen  dahin,  daB  er  dem  Literator  weis- 
machte,  im  Bleikeller  sei  unter  den  konservierten  aufgedeckten 
Leichen1  auch  der  alte  niedersachsische  Spottvogel  Liscow  be- 
findlich  (fur  diesen  woUt*  ich  mich  ausgeben)  und  sitze  so  rot, 
frisch  und  konservieret  da,  als  wenn  er  lebte,  gleichsam  als  ob  die 
Natur  seinem  Korper  die  Unsterblichkeit  auszahle,  die  seinem 
Namen  bei  dem  vergeBlichen  Publikum  entging. 

Wahrend  dem  einsamen  Passen  auf  den  Literator  traumt*  ich  10 
mich  aus  dem  dunkeln  Gewolbe  auf  den  Sirius  vor  den  Erbprinzen 
des  Nebelflecken. 

»Gnadigster  Herr,«  redete  ich  ihn  an,  »heute  haben  wir  Geo7 
graphic  Da  in  meiner  groBen  Tour  so  viel  davon  steckt,  als  Sie 
notig  haben:  so  brauch'  ich  Ihnen  bloB  die  Tour  zu  geben.  - 

Vorziiglich  vier  letzte  Dinge  bringt  ein  Reisender  von  seiner 
Laufbahn  zum  Berichten  nach  Hause:  seine  Reisehollen  mit  ihren 
Vorhollen  -  seine  Reisehimmel  samt  den  Vorhimmeln  -  seine 
Videnda  oder  Visa  -  und  seine  Corrigenda  (d.  i.  was  ihm  in  den 
Stadten,  wodurch  er  passierte,  gar  nicht  ansteht  und  was  sie  bes-  20 
sern  miissen). 

Meine  Reisehollen  Ihnen  abzuschatten,  Gnadigster,  hatte  wohl 
nur  ein  Dante  in  seinem  Hollenzwang  im  Vermogen:  denn  jeder 
Tag  legte  eine  frische  Erbse  in  das  Fontanell  meiner  Plage,  damit 
es  offen  bliebe.  Schon  vor  mir  ist  es  von  mehrerern  Reisenden 
bemerket  worden,  daB  man  unterweges  nichts  umsonst  bekommt, 
und  daB  man  nicht  wie  die  Morgenstunde  und  Quecksilberarbei- 
ter*  Gold  im  Munde  haben  muB,  sondern  in  der  Hand:  was  ist 
aber  das  gegen  meinen  Judenschutz  und  meine  Tiirkensteuer,  von 
mir  an  Juden  und  Tiirken,  namlich  an  Wirte  abgetragen,  die  nie  30 
mit  doppelter  Kreide  schrieben,  sondern  allzeit  mit  Kreidenber- 
gen?  MuBt'  ich  nicht  in  Karlsbad  einen  Gulden  fiir  den  bloBen 
Garderobeschliissel  geben,  wofiir  ich  am  Beichtstuhl  fiinf  Lose- 

1  Im  Bleikeller  bleiben  Leichen  hundert  Jahre  Iang  unverweset  und  ohne 
Geruch  und  Anderung:  sogar  aufgehangne  Truthiihner. 

1  Einen  Dukaten  haben  sie  als  Giftfang  des  Quecksilbers  im  Mund. 


SIEBENTER  REISE-ANZEIGER  867 

schlussel  hatte  erstehen  konnen?  MuBt'  ich  nicht  im  Nenndorfer 
Bade  meine  Strafgelder  erlegen,  bloB  weil  ich  den  Hut  ungemein 
hoflich  abgezogen  -  desgleichen  in  Grosselfingen1,  bloB  weil  da 
keine  andern  Rate  votierten  als  lustige?  -  Und  welche  Summen 
von  Einfuhrzollen  oder  Sperrgeldern  liegen  nicht  von  mir  in 
Leipzig  und  Wien,  die  ich  da  nachts  entrichten  miissen,  ehe  man 
mir  die  Stadt  und  darauf  mein  Logis  aufmachte,  indes  der  Janus- 
tempel  die  ganze  Nacht  in  Europa  ofTensteht!  -  BloB  weil  der 
Passagier  keine  Familie  mithat,  die  ihn  Geld  kosten  konnte,  boh- 

10  ren  lauter  durstige  Wesen  in  ihn  die  Saugeriissel,  wie  man  den 
•     Miittern  im  alten  Mazedonien  die  Milch  durch  Schlangen  und  an 
andern  Orten  durch  Hunde  nehmen  lasset.  - 

Ich  lasse  einige  hundert  Vorhollen  aus  und  merke  nur  Hollen 
an:  wie  wenig  Achtung  erhalt  man  unterwegs,  bloB  weil  man 
unbekannt  ist!  Wie  wird  man  angeschnauzt  von  Grobianen,  an- 
gefuhrt  von  Betrugernl  -  Die  Pariser  z.  B.  hingen  mir  einen 
teuern  SchoBhund  auf,  dessen  Haar  zwar  im  Alter  und  Kummer 
die  Farbe  hielt  -  weil  sie  falsch  war  -,  aber  nicht  im  Bade,  und 
den  ich,  als  er  abscheulich  aus  dem  Schwenkkessel  ausgestiegen 

20  war,  nirgends  los  wurde  als  in  Kopenhagen  durch  einen  Ostin- 
dienfahrer,  der  ihn  gratis  und  ohne  mein  Wissen  einschiffte.  - 
Und  welchem  unablassigen  Wechsel  von  Sitten  stellet  man  einen 
fixen  Pilger  bloB !  von  Tirol  an,  wo  man  ihn  duzet,  bis  nach  Hol- 
land, wo  man  sogar  seine  EfTekten  ihrzet!  -  Was  soil  ein  Passa- 
gier sagen,  wenn  er  ein  franzosischer  Hund  genannt  wird  -  in 
Hessenkassel,  weil  er  keinen  Zopf,  und  in  London,  weil  er  an 
dessen  Statt  einen  Haarbeutel  und  oben  daruber  seinen  Regen- 
schirm  tragt  — ,  oder  wenn  er  ausgehungert  wird  -  in  Polen  am 
Schabbes,  wo  die  Juden  nichts  hergeben  als  einen  Christen  zum 

30  Aufwarten  -,  oder  ausgetrocknet  -  sowohl  in  Calais  als  in  Dover, 
weil  die  feinen  Weine,  die  er  auf  dem  Kanal  unter  der  Seekrankheit 
stehen  lieB,  am  Ufer  dem  SchifFsvolk  zusterben  -,  oder  verflucht 

1  Im  Nenndorfer  Bade  ist  Hutabnehmen  verboten.  In  Grosselfingen  (im 
Hechingischen)  halt  man  jahrlich  ein  Narrengericht,  wo  die  in  Harlekine 
verkleideten  Einwohner  jedem  Fremden  eine  Strafe  diktieren  durfen.  Blo3 
die  Kleidung  des  Gerichts  ist  dabei  auffallend  und  ungewohnlich. 


868  PALINGENESIEN 

gehudelt  —  unter  dem  herrlichen  Brandenburger  Tor  in  Berlin, 
weil  er  ein  gesiegeltes  billet-doux,  von  einer  hohen  Person  an  ihn 
gerichtet,  bei  sich  fuhrt  und  er  vor  Gericht  nicht  gern  gestehen  will, 
daB  er  das  Billett  selber  auf  der  vorletzten  Station  an  sich  geschrie- 
ben  -,  oder  unerwartet  examiniert  -  in  einer  wurtenbergischen 
Nachmittagskirche,  wenn  er  zufallig  wahrend  der  Kinderlehre 
unter  stammigen  katechetischen  Bauernpurschen  steht  undihm 
der  Pfarrer,  der  ihn  darunterzahlt,  die  Frage  vorlegt  (ich  vergesse 

sie  nie) :  wie  vielerlei  gibt  es  Himmel was  soil  da,  sagt*  ich, 

ein  Pilger  sagen?  10 

Ich  meines  Ortes  sagte  eben  das,  worauf  ich  jetzt  komme:  es 
gibt  viele  Reisehimmel  und  Vorhimmel,  worin  man  sich  ganz  er- 
holen  kann  von  Reisevorhollen  -  von  harten  Betten  -  weichen 
Wassern  -  gleich  Pflugscharen  stumpfen  Balbiermessern  -  schar- 
fen  Wurstschlitten  —  von  schlechten  Universitatssitten  und  eben- 
so  schlechten  Universitatsbieren  (jene  gewohnlicher  bei  Profes- 
soren,  diese  bei  ihren  Zuhorern).  -  Auf  welche  Art  hatt'  ich  je 
meinen  Namen  so  groB  gemacht  -  ausgenommen,  wenn  ich  ihn  • 
in  den  wachsenden  Kiirbis  des  wachsenden  Lesepublikums  ein- 
geschnitten  hatte  -,  als  mir  auf  Reisen'gelang?  Hah'  ich  den  Na-  20 
men  nicht  im  roten  Hause  zu  Frankfurt  auf  den  Teller  gekratzt  — 
ihn  in  tausend  Fenster  gezogen  als  Steinschneider?  -  Hab'  ich  ihn 
nicht  sitzen  lassen  im  Brockenbuch  —  im  Passagierbuch  des  Bei- 
gangschen  Museums  zu  Leipzig  —  neben  dem  Rheinfalle  —  auf 
Schiefertafeln  der  Wirte  im  Gothaischen  -  auf  den  breiten  Stei- 
nen  des  Munsterturms  -  an  hundert  Kanzeln  neben  dem  Lavater- 
schen  -  in  tausend  Intelligenzblattern  -  auf  Millionen  Nachtzet- 
teln  ?  —  Und  wird  ein  Mensch  mit  einem  solchen  allgegenwartigen 
Namen  je  nur  einen  Kreuzer  auf  eine  Pranumerantenliste  pranu- 
merieren?  —  In  London  hatt'  ich  sogar  den  Kardinalshut  bekom-  30 
men  konnen,  aber  ich  gab  ihn  dem  Hutmacher,  der  acht  Guineen 
dafiir  haben  wollte,  mit  der  Bemerkung  zuriick,  dafiir  biete  mir 
Erfurt  den  Doktorhut  an.  -  In  Holland  wurde  sogar  auf  meinen 
Korper  -  den  ich  nur  umhabe  wie  der  holzerne  Gliedermann  ein 
anderes  Gewand,  damit  ich  Fallen  damit  ziehe  und  schlage  — 
ein  solcher  Wert  gesetzt,  daB  mir  eine  alte  Frau  den  Kor- 


SIEBENTER  REI  SE-ANZEIGER  869 

per1  auf  einen  ganzen  Sonntag  abmietete,  darrrit  er  mit  einer  jungen 
teils  einen  Spaziergang  machte,  teils  einen  Tanz.  -  Eine  ahnliche 
Aufmerksamkeit  auf  mein  AuBerliches  schien  es  zu  sein,  daB  man 
mich  in  Neapel  sechzehn  Hochzeitbetten3  besteigen  HeB,  nach- 
dem  ich  vorher  mit  Fischen  bewirtet  worden,  welche  die  Lava 
mitten  im  Meere  gesotten.  -  Ja  meine  Feinde  muBten  den  Harm 
erleben,  daB  ich  in  der  Residenzstadt  hier  -  sie  liegt  dicht  am 
Strome,  in  welchen  ich  eben  den  Zahnstocher  stecke  -  unterwegs 
am  hellen  Tage  den  Thron  bestieg.  Denn  als  gerade  der  Thron 

10  ledig  stand,  weil  der  Furst,  fur  welchen  er  und  die  Ehrenpforte 
gebauet  waren,  jede  Stunde  kommen  sollte:  so  wurd'  ich  dessen 
Antezessor  und  setzte  mich  darauf  und  schauete  mich  um.  Aber 
Himmel!  wie  hoch  ist  ein  Thron  I  Ich  sah  zu  meinen  Landes- 
kindern  herab,  und  sie  kamen  mir  so  abgekiirzt  vor  wie  aufge- 
richtete,  auf  dem  Hintern  sitzende  knuspernde  Spitzmause,  und 
die  drei  Reichsstande  glaubt*  ich  als  drei  gemalte  Ratzen  gleich 
der  Stadt  Arras  in  meinem  Wappen  zu  fiihren:  jede  Minute  be- 
sorgt'  ich,  ich  wurde  vor  Schwindel  aus  meinem  Mastkorb  fallen. 
Aber  ein  maitre  de  plaisirs  nahm  eine  am  Throne  hangende  Pin- 

20  gerons-Brille3  und  setzte  sie  mir  auf-  gnadigster  Herr,  wenn  Sie 
sie  einmal  aufhaben,  werden  Sie  sagen,  daB  ich  recht  habe,  und 
daB  man  bei  den  besten  Augen  mit  ihr  auf  dem  Throne  wie  auf 
einem  glattgebohnten  FuBboden  sitzt  und  nichts  sieht  als  das 
Nachste,  den  Hofstaat,  -  so  schon  ist  durchs  Glas  jede  Klaue  von 
einem  Untertan  und  der  ganze  untere  Schiffsraum  des  Staats  wie 

weggeblasen.« 

Nun  wars  Zeit,  den  kunftigen  Zar  des  Nebelflecken  mit  dem 
kleinen  Reich  von  Aachen,  mit  der  Erde,  und  mit  den  Stadten, 
die  auf  diesem  Erddorfchen  liegen,  doch  ein  wenig  in  geogra- 

30  phische  Bekanntschaft  zu  bringen:  denn  so  winzig  dieser  hiip- 

1  Frau  de  la  Roche  erzahlt,  dafi  gewisse  Weiber  da  Handwerkspursche 
zum  Tanzen  und  Spazieren  fur  Magde  mieten  und  vermieten. 

2  Nach  Gorani  wird  der  Gast  stets  in  das  Hochzeitsbette  gelegt. 

3  S.  Kunststiicke  fur  Kunstler  etc.,  von  Wiegleb  iibersetzt,  2.  T.  S.  188: 
Pingeron  erfand  eine  Brille,  die  feme  Gegenstande  unsichtbar  und  nahe 
deutlich  macht,  und  durch  welche  man  ohne  Schwindel,  d.  h.  ohne  Furcht 
auf  dem  hochsten  Seile  iiber  der  unsichtbaren  Tiefe  tanzen  kann. 


87O  PAUNGENESIEN 

fende  Punkt  von  Globus  auch  ist,  ein  Regent  hat  so  gut  uber  die 
entfernteste  Fischer-  und  Kohlerhiitte  zu  regieren  als  uber  die 
Konigsstadt.  Einer,  der  auf  dem  Erdglobus  selber  wahrend  der 
geographischen  Stunde  stent,  kann  die  Kugel  nicht  selber  auf  den 
Schultisch  stellen  und  sie  drehen  und  daran  den  Kindern  alles 
weisen  -  sondern  mit  einem  viel  kleinern  Globus  aus  Pappe  muB 
er  auskommen  — ;  allein  ein  Instruktor  auf  dem  Sirius,  von  Wel- 
ten-GroBe  wie  ich  und  im  Besitze  eines  Eleven,  der,  wenn  er  nur 
einen  halben  Kopf  langer  ist  wie  sein  Hofmeister,  dieser  kann  es 
kommoder  haben  und  die  Erdkugel  selber  -  ob  sie  gleich  ihres  10 
Giefihalses^  des  Chimborasso,  wegen  nicht  so  glatt  wie  eine  mes- 
singeneist-unterderSchulstunde  aufstellen  undumwenden.  Frei- 
lich  waren  so  kleine  Partien  wie  Stadte  mit  bloBen  Augen  nicht  voll- 
kommen  zu  sehen-denndieKugeltiere1  oderErden  formiertenihr 
Kugelquadrat  oder  Planetensystem  mit  so  unmerklichen  Bewe- 
gungen  neben  uns,  daB  der  Erbprinz  dachte,  sie  standen-;  aber  wir 
hatten  ein  neues  Hofmannisches  Sonnenmikroskop,  in  welches  ich 
den  Erdball  mit  der  europaischen  Fagade  bloB  auf  den  Objektentra- 
ger  zu  stellen  brauchte,  und  worunter  dann  meinem  Scholaren  alle 
Stadte  meiner  Reiseroute  mit  dem  Zahnstocher,  den  ich  leicht  20 
darauf  herumfiihrte,  gut  zu  zeigen  waren.  Ein  Kronprinz  kann 
kein  System  ausstehen  auBer  das  der  Attraktion^  keinen  andern 
Wahrheitsmaler  als  den  Gewandermaler  und  nirgends  eine  casa 
santa  als  in  einer  vergoldeten  Lorettokirche :  daher  hob  ich  nur 
eine  und  die  andere  Stadt  aus  meinem  Reisejournale  aus,  ging 
aber  -  um  doch  einigermaBen  systematisch  zu  verfahren  -  die 
Stadte  alphabetisch  durch,  wie  Foote  seine  Glaubiger  (oder  die 
parisische  Regierung  sonst  die  Rentisten)  nach  dem  Abe  bezahlte. 
»Ich  lege,«  ring  ich  an,  »gnadigster  Herr,  bei  meiner  europa- 
ischen Stadtebeschreibung  das  Abe  und  meine  groBe  Tour  zum  30 
Grunde  und  flechte  dabei  so  viele  Videnda  oder  Merkwiirdig- 
keiten  ein,  als  ein  Ziircher  gereiseter  Kandidat  in  dem  lateinischen 
Reisebericht  aufstellt,  den  er  dem  Ziircher  Konsistorium  uber- 
geben  muB. 

1  Sechzehn  Kiigelchen  oder  Tierchen  bewegen  sich  im  Wasser  unauf- 
horlich,  und  zwar  immer  in  einem  Quadrat. 


SIEBENTER  REI  SE-ANZEIG  ER  87I 

Aachen,  das  hier  liegt  (ich  setzte  den  Zahnstocher  darauf),  hebt 
auBer  andern  Reichs-Palladien  die  Reichsperiicke  Karls  des  Gro- 
Ben  auf,  die  der  Magistrat  jahrlich  fiir  zehn  Taler  frisieren  lasset. 
Mein  Weg  fiihrte  mich  darauf  nach 

Bern,  dessen  kleiner  Rat  den  groBen1  spielt  und  daher  120 
Vexier-Landvogteien  vergeben  darf.  Diese  Vogteien  bestehen 
nicht  in  Landern  im  Mond  oder  in  der  neuen  Welt,  sondern  in 
wirklichen  eingefallenen  Schlossern,  wo  von  noch  etwas  steht. 
Einen  ahnlichen  kleinen  Rat  haben  die  Fiirsten  fast  in  den  meisten 
10  Stadten  unter  dem  Namen,Stadtmagistrat  unter  sich,  dem  man  so 
gut  wie  den  Landstanden  Vexier-Verordnungen,  Vexier-Sessio- 
nen  und  Vexier-Inhasiv-Reprotestationen  verstattet,  damit  der 
Magistrat  sich  exerziere.  -  Der  Gasthof  zum  heiligen  Geist,  auf 
welchem  Sie  jetzt  den  Zahnstocher  erblicken,  liegt  in 

Koln,  worin  eine  solche  kanonische  Osteologie  ohne  BeinfraB 
aufgehoben  wird,  als  z.  B.  die  Gebeine  der  heiligen  drei  Konige, 
des  heiligen  Engelbert,  der  11 000  Jungfern,  der  Makkabaer  — 
tausend  Heiligen-Schadel  gar  nicht  gerechnet  -,  daB  es  ein  Jam- 
mer ist,  daB  aus  alien  diesen  Knochen  nicht  ein  lebendiger  Mann 
20  zu  machen  ist,  oder  daB  sie  in  keinem  stecken,  wie  denn  ich  selber, 
als  ich  durchpassierte,  kein  heiliges  Bein  an  mir  hatte  als  das  Hei- 
ligenbein  (os  sacrum).  -  Mit  diesem  Bein  reisete  ich  nach 

Dresden,  wo  ich  mir  den  beruhmten  Kirschkern  mit  seinen  ein- 
gekratzten  fiinfundachtzig  Gesichtern  notierte.  So  klein  Ihnen, 
gnadigster  Prinz,  ohne  das  Hofmannsche  Mikroskop  der  Erdball 
vorkommt,  und  Dresden  wieder  kleiner  als  Europa,  so  ist  gleich- 
wohl  der  Kern  kleiner  als  alle,  beherbergt  aber  doch  in  seiner 
Bilderblende  die  gedachte  Gesichter-Suite.  -  Es  wurde  mir  er- 
laubt,  in  der  Galerie  einen  vollstandigen  Rahmen  zu  kopieren. 
30  Es  war  gerade  der  fiinfte  Marz  und  die  zeitige  Ausstellung  der 
Gemalde  so  wie  der  Wangen-Blumenstiicke  auf  einigen  weib- 
lichen  Zuschauerinnen,  mit  denen  ich  Bilderdienst  trieb.  -  Aus 
der  Festung 

1  Dieser  von  Grosse  beschriebene  und  von  Rousseau  und  mir  gebilligte 
kleine  Rat  besteht  aus  Jiinglingen,  die  durch  eine  scherzende  und  ubende 
Nachahmung  des  groBen  sich  auf  eine  kunftige  wahre  riisten. 


872  PALINGENESIEN 

Ehrenbreitstein  fuhr,  da  ich  vorbeiging,  statt  der  bertihmten, 
Vogel  Greif  genannten  und  bis  nach  Andernach  gehenden  Ka- 
none  bloB  ein  Loffel  heraus,  in  den  ich  ein  don  gratuit  fur  die 
Gefangnen  legen  muBte.  -  Ich  will  jetzt  eine  Magnetnadel  neh- 
men  und  damit  liber  Europa  gehen :  so  werden  Sie  wie  der  Kaiser 
Joseph 

Ferney  finden,  worin  an  der  Taube  des  heiligen  Geistes,  die 
der  Rittergutsherr  an  die  Kanzeldecke  nageln  lassen,  wirklich  ein 
Flugel  fehlt.  Der  Abgang  kann  den  Abgang  von  Voltairens  Fluge 
oder  von  dessen  Milde  bedeuten,  oder  gar  nichts;  der  seligeMann  10 
war  eine  alte  Lerche,  woran,  wenn  sie  auch  nicht  hoch  mehr  sang 
und  stieg,  doch  die  satirischen  Sporen  immer  langer  und  scharfer 
wurden.  -  Sind  Voltaire  und  die  Lerche  Bilder  der  europaischen 
Kultur:  so  frag*  ich,  obs  nicht  die  Sammlung  ge^eichneter  Munzen 
noch  mehr  ist,  die  im  Miinzkabinette  zu 

Gotha  liegt  und  27000  wirkliche  Taler  kostete.  -  Merkwiirdig 
ist  mein  numismatisches  Projekt,  das  ich  als  Plus-  und  Plurimum- 
macher  bei  der  Reichsversammlung  eingab,  daB  das  Reich  dem 
Mangel  an  Kammerzielern  und  andern  Reichs-Intraden  steuern 
wtirde,  wenn  dasselbe  -  da  die  Franzosen  jedes  Pfund  ihrer  ab-  20 
getragnen  Bastille  so  teuer  wie  ein  Pfund  Rindfleisch  absetzten  - 
ebenso  statt  anderer  Guter  die  Staatsgefangnisse  zerschlagen  und 
die  Kerker  pfundweise  (eine  unermeBliche  Stein-  und  Silber- 
grubel)  an  Steinschneider  und  in  Stufensammlungen  und  in  die 
Ringe  (statt  daB  vorher  die  Ringe  in  den  Kerkern  eingemacht 
waren)  kauflich  abstehen  wollten.  -  Noch  stimmt  man,  ob  tiber 
das  Stimmen  zu  stimmen.  -  Drehen  Sie  die  Erdkugel  mehr  rechts 
gegen.  den  Fokus,  so  sehen  Sie  leicht 

Hofim  Voigtland,  wo  Ihr  Hofmeister  auf  einem  Felsen  seinem 
besten  Freunde  seinen  Namen,  seine  Freude  und  den  Abschied  5o 
gab  und  sagte :  lasse  mich  gehen,  ohne  mir  nachzusehen !  -  Gna- 
digster  Herr,  warum  soil  eine  Freundschaft*  die  nie  verbittert, 
und  ein  Abschied,  der  nie  versiiBet  wurde,  nicht  unter  die  Videnda 
und  Visa  einer  Stadt  gehoren,  ich  bitte  Sie  sehr?  — 

Jena  lasset  wochentlich  den  Leutrabach  durch  seine  Gassen 
und  den  Nilstrom  der  Literaturzeitung  durch  die  iibrigen  deut- 


SIEBENTER  REI  SE-ANZEIG  ER  873 

schen  laufen,  urn  das  Auskehricht  wegzuspiilen;  der  Leutrabach 
fuhrt  das  Jenaer  fort,  der  andere  das  andere.  Aber  leider  hier  im 
Sirius  erhalt  man  nicht  ein  Blatt,  und  die  Reichspost  verweigert, 
wie  es  scheint,  die  Spedition.  Alphabetisch  ist  mit  Jena  zu  ver- 
kniipfen 

Konigsberg  oder  Kant,  den  ich  an  der  table  d*hote  befragte, 
ob  er  ein  Kantianer  sei  und  Kanten  recht  verstehe,  weil  mich  so 
viele  tausende  versichert  hatten,  nur  sie  (und  noch  einige  wenige) 
begrifTen  ihn.  Aber  noch  glaubt  der  Greis,  was  er  will. 

10  Leipnitfr  gnadigster  Erbprinz,  mussen  Sie  nie  mit  Leibni^  ver- 
mengen:  jenes  ist  ein  Rittergut  und  liegt  im  Kurkreis;  und  dieser 
ist  ein  Rittergutsbesitzer  und  liegt  in  oder  unter  Hannover.  - 
Das  SchloB,  auf  das  ich  jetzt  mit  dem  Zahnstocher  stoBe,  gehort 
auf  den  Marktplatz  zu 

Munchen.  —  Es  ist  mir  nichts  aus  der  Stadt  erinnerlich  als  der 
usus  epanorthoticus  eines  Pater  Provinzial,  der  damit  einen  ster- 
benden  Bettelmonch  dem  Teufel  aus  den  Krallen  ziehen  wollte. 
Der  Pater  Provinzial  hatte  namlich  mit  Vergnugen  nach  einer 
alten  Sitte  einen  Schweinskopf1  am  Monche  als  Bufiwecker  ge- 

20  braucht;  aber  es  war  keiner  zu  kriegen,  und  bis  man  ein  Schwein 
tot  machte,  war  der  Monch  selber  tot  gemacht.  Der  Pater  Provin- 
zial wuBte  am  Ende  nichts  zu  tun,  als  sich  auf  seinen  Kopf  zu 
verlassen  —  der  ebenso  feist  und  fettaugig  war  als  der  begehrte  — 
und  auf  die  Augen  des  Bettelmonchs,  die  schon  nichts  mehr 
unterschieden;  keck  faBte  er  seinen  eignen  Kopf  mit  beiden  Han- 
den  an  und  begann  so :  >Fatales  Siindenkind !  siehst  du  den  Sau- 
kopf,  den  ich  in  Handen  habe?  -  So  warst  du  selber:  wie  dieses 
Vieh  hast  du  dich  gewalzet  und  iiberfressen  und  gemastet  und 
dabei  doch  sehr  gegrunzet.  Bekehre  dich,  so  hurtig  du  kannst; 

30  du  hast  ja  schon  keine  Vernunft  mehr,  und  bedenke,  daB  diese 

Sau  einmal  wider  dich  zeugt!  Amen  I  <  — 

Nurnberg  hier«,  sagt'  ich  wieder  zum  Prinzen,  »treibt  beruhm- 

ten  Handel  mit  Puppen  fur  Kinder.«  -  Obgleich  der  Prinz  gern 

1  In  der  Vorrede  zu  "Wolf.  lect.  memorab.  wird  aus  dem  Goropius  Beka- 
nus  erzahlt,  dafi  sonst  die  Monche  dem  Sterbenden  einen  Schweinskopf  als 
Devise  und  redendes  Wappen  seines  epikuraischen  Lebens  samt  der  miind- 
lichen  versio  interlinearis  vorgehalten  haben. 


874  PALINGENESIEN 

einige  sehen  wollte  und  ich  mein  Bestes  tat  mit  meinem  Zahnstocher: 
so  war  doch  der  Dauphin  unvermogend,  sie  (weil  das  Mikro- 
skop  nicht  genug  vergroBerte)  klar  vonMenschen  abzutrennen: 
das  Frankfurter  und  Regensburger  Auffahren  mit  Kutschen  und 
Zuschauern  sah  der  Blinde  aus  topographischer  Ignoranz  fur  den 
Niirnberger  Kindleinsmarkt  mit  Kinderkutschen  an.  -  »In 

Osnabruck«  (fuhr  ich  fort)  »miissen  Sie  vorziiglich  meinem 
Zahnstocher  nachgehen,  den  ich  in  einen  kupfernen  Kessel  auf 
dem  Markte  stecke.  Ein  Falschmunzer  wurde  darin  vor  Zeiten  in 
Ol  gesotten;  woraus  Sie  abziehen  konnen,«  (setzt*  ich  als  Prin-  i 
zenhofmeister  dazu  und  wollte  ihm  pragmatische  Winke  geben, 
weil  er  doch  einmal  Geld  auf  seinen  Sonnen  schlagen  lasset)  »wie 
sehr  die  Erden-Fiirsten  auf  Rechtmiinzerei  ausgehen.  Silbermiin- 
zen  versetzen  sie  mit  so  viel  Gold,  daB  man  das  Silber  kaum  innen 
wird  und  die  Munzen  daher  wirklich  uberall  Goldmiinzen  nennt; 
und  Kupfermiinzen  lassen  sie  mit  so  vielem  Silber  legieren,  daB 
sie  allgemein  als  Silbermiinzen  kursieren.  Ebenso  stent  die  Venus 
(das  Kupfer)  immer  in  Konjunktion  mit  der  Sonne  (Gold)  und 
hat  ihren  Durchgang  dadurch.  - 

Wir  miissen  eilen  mit  unserer  geographischen  Stunde,  gnadig-  2 
ster  Herr,  drei  Viertel  ist  schon  vorbei  und  das  erste  Viertel  schon 
halb  hinunter,  und  noch  sind  wir  erst  am  P:  bei  kiinftigen  Lettern 
und  Stadten  schrank*  ich  mich  bloB  auf  eigentliche  Wunder  der 
Welt  und  Sehenswiirdigkeiten  ein.  -  Das  Feuer,  worin  Sie  jetzt 
meinen  holzernen  Stadtezeiger  sehen,  brennt  in 

Petersburg  auf  dem  Markt1,  wovon  der  Weg  nach  Peterhof 
vielleicht  darum  fur  jeden  Fremden  merkwiirdig  ist,  weil  er  dar- 
auf  das  rote  Wirtshaus  oder  Krasnui  Kaback  antrifTt,  in  welchem 
Waffeln  von  solcher  Giite  gebacken  werden,  daB  oft  die  Kaiserin 
selber  anbiB.  In  3 

Querbach  und  Querfurt  fragt  man  umsonst  nach  Waffeln;  wie- 
wohl  die  Orter  als  alphabetische  fortlaufende  Signatur,  Quer- 
gasse  und  Briicke  nach 

Rom  schwer  zu  entraten  sind.«  -  Der  Infant  sollte  mir  diese 

1  Im  Winter  werden  da  groBe  Feuer  auf  offentlichen  Platzen  fur  Voruber- 
gehende  unterhalten.  Reichardts  Handbuch  fur  Reisende,  2te  Aufl.  S.  428. 


SIEBENTER  REI  SE-ANZEIG  ER  875 

Haupt-  und  Patentstadt  der  Welt  auf  dem  Erddorf  selber  suchen: 
»Sie  kennen  sie  gleich«,  sagt'  ich,  »an  den  sieben  Bergen  und  der 
durchstromenden  Tiber.«  Aber  er  zeigte  zu  meinem  Erstaunen 
auf  Bristol,  das  auch  siebenbergig  und  um  den  durchpassierenden 
Avon  liegt.  Uberhaupt  machte  jetzt  die  Erdkugel,  die  sich  durch 
ihre  tagliche  Bewegung  um  sich  und  die  Sonne  schon  merklich 
aus  dem  scharfsten  Fokus  des  Hofmannschen  Mikroskops  ver- 
schoben  hatte,  Ieichte  Stadtesuchung  schwer.  -  »Es  ware  vergeb- 
lich,  Prinz,  wenn  ich  Sie  oben  in  das  Loch  der  Rotunda  hinein- 

10  zusehen  bate  nach  Raffaels  Grab  herab:  Sie  werden  (da  sie  nicht 
erkucktet1  ist)  die  Stadt  selber  kaum  sehen;  aber  batten  wir  hier 
im  Sirius  ein  vollkommenes  Horrohr,  so  konnten  wirs  an  Rom 
anlegen  und  vielleicht  das  papstliche  Miserere  vernehmen  und  die 
welschen  Stadte,  da  sie  zu  klein  fur  das  Auge  sind,  an  ihren  Keh- 
len  und  Saiten  mit  den  Ohren  fassen.«  — 

Der  Reisehofmeister  -  ich  darf  mich  so  nennen  -  beglettete 
darauf  seine  kleine  einmannige  Flirstenschule  auf  ihren  und  sei- 
nen  Reisen  durch 

Straftburg,  wo  er  des  Regimentsfriseurs*  nicht  unruhmlich  ge- 

20  dachte,  der  ihn  da  einmal  -  und  zwar  weniger  seine  Haare  als 
deren  wuste  Region  -  eingepudert  hatte:  denn  die  Garnison  halt 
den  Menschen  deshalb  und  will  wie  der  spartische  Krieger  voll 
Staub  sein  oder  wie  der  ringende  Athlet.  Nicht  darum,  weil  Sach- 
sen  sich  auch  mit  S  anfangt,  fuhrt*  ich  dann  meinen  Sirius-Koad- 
jutor  dozierend  durch  solches,  sondern  weil  ich  selber  einmal  mit 
einem  Freunde3  dadurch  gereiset  war,  und  weil  mir  noch  im 
Hundsstern  der  SpaO  erinnerlich  blieb,  da8  ich  und  mein  Freund 
-  nach  saldierter  verdammter  herrlicher  Kreidenzeichnung  mit 
der  Wirtskreide  -  aus  Scherz  und  Grimm  zugleich  den  Schult- 

30  heiB  von  Sachsen  uber  den  Flor  der  sachsischen  PreBfreiheit  und 
Staatswirtschaft,  ferner  der  Chausseen  (im  Morast  zogen  wir  die 

1  Rom  hat  so  wenig  eine  nachtliche  Gassenbeleuchtung  als  Niirnberg, 
das  doch  auf  funf  Hugein  mehr  liegt. 

z  Storch  erzahlt  es  auch. 

3  Mit  Siebenkas  ging  er,  wie  die  Menschen  aus  dem  vierten  Teil  der  Blu- 
menstiicke  wissen,  nach  dessen  Tod  aus  Kuhschnappel  nach  Hof  und  To- 
pen. 


876  PALINGENESIEN 

Ferse  gleichsam  aus  einem  Stiefelknechte  nach  dem  andern)  — 
und  iiber  die  inlandischen  Reprasentanten  im  Parlament  ausge- 
fraget  hatten;  —  welches  ungemein  komisch  klang,  da  das  Nest, 
ein  winziges  Pfarrdorf,  zum  niirnbergischen  Pflegamt  Lichtenau1 
gehorig,  kaum  siebzehn  maBige  Bauerhauser  zahlt.  -  »Sachsen«, 
fuhr  ich  in  meinen  Hofmannschen  mikroskopischen  Belustigun- 
gen  fort,  »wird  aber  nicht  genug  vergroBert  (durch  Hofmanns 
Schuld),  und  ebenso  werden  Sie  vor  dem  Zahnstocher  kaum 

Topen  im  Voigtland  sehen  konnen,  wo  die  gebiirgige  Wetter- 
scheide  des  hohen  Schicksals  mich  und  meinen  Freund  ausein-  10 
andertrieb,  so  daB  ich  nach 

Utrecht  als  die  eine  nasse  Wolke  flog,  wo  ich  mit  Vergniigen 
fand,  daB  dem  Utrechter  Frieden  in  seiner  Mause  doch  die  Feder2 
nicht  ausgefallen  ist  (denn  ich  nahm  sie  in  die  Hand  und  spitzte 
sie),  womit  ihn  der  diplomatische  Korper  unterschrieben  hatte  — 
und  er  nach 

Vadui  als  die  andere  Halfte  des  Gewitters,  wo  er  als  Inspektor 
jetzt  donnert,  hagelt  und  tropfelt. 

Wien,  Prinz,  suchen  Sie  allein !«  -  Nun  borgt'  er  meinen  Zahn- 
stocher und  tappte  oder  tippte  ganz  blind  auf  dem  Erdkorper  20 
herum.  Ich  entschuldige  den  jungen  Menschen,  da  der  Mond 
schon  tief  iiber  Europa  stand  und  mehr  Schatten  als  Strahlen 
hineinwarf.  Urn  ihm  zu  helfen,  erbot  ich  mich  -  die  Idee  ist  aus 
einem  bekannten  Gesellschaftsspiele  -,  immer  starker  zu  pfeifen, 
je  mehr  sein  Zahnstocher  Wien  sich  naherte;  und  dabei  wollt'  ich, 
wenn  er  an  alphabetische,  d.  h.  mit  einem  W  getaufte  Stadte 
stocherte,  solche  namhaft  machen.  - 

Er  fing  an.  »Ein  Reichsgericht  ist  da«  (sagt'  ich  und  pfiffmaBig; 
denn  er  stach  auf  Wetzlar  herum,  als  alterniere  dieses  mit  Wien, 
auch  auBer  dem  Appellieren)  »und  das  Vaduzer  Inspektorat  eben-  30 
falls !«  Namlich  du,  du!*  - 

1  Fabri  in  seiner  Geographie  fur  alle  Stande  (S.  173.  3.  B.)  zitiert  das  er- 
barmliche  Dorf,  das  nun  wohl  kein  Mensch  ansehen  und  nennen  wiirde, 
wenn  es  nicht  so  spaBhaft  an  ein  Kurfurstentum  erinnerte,  das  gerade  so 
viele  grofle  Stadte  aufzeigt  als  jenes  Hiitten. 

1  Bekanntlich  zeigt  man  Reisenden  den  Kiel. 

*  Er  meint  seinen  Siebenkas. 


SIEBENTER  REI  SE-ANZEIG  ER  877 

Ich  konnte  jetzt  im  hochsten  Grade  pfeifen:  sein  holzerner 
GrifTel  zeigte  schon  auf  Wienerisch-Neustadt. 

Aber  wie  wenig  war  zu  pfeifen,  da  er  wieder  auf  Weimar  stieB. 
»Ein  Gasthof  da  heiBet  wie  Sie«,  sagt*  ich,  namlich  Erbprinz. 

»Der  Wandsbecker  Bote  ist  da«,  sagt*  ich  bei  Wandsbeck. 

»Liefert  Wurzener  Bier«,  sagt'  ich  bei  Wurzen. 

»Liefert  Biographen1",  sagt*  ich  bei  Wonsiedel  und  konnte 
wieder  etwas  pfeifen. 

Aber  ichmuBt'es  sogleichgareinstellen.»Es  istdieStadtWien,« 
10  (sagt*  ich  verdruBlich)  »wo  ich  einmal  mit  drei  Wiener n  zugleich 
logierte,  und  worin  wir  nichts  taten  als  essen  und  trinken.«  Letz- 
teres  fiigt'  ich  nur  bei,  um  den  Ort  -  denn  er  hatte  in  den  Gasthof 
zur  Stadt  Wien  in  Petersburg  eingestochen  -  besser  von  der 
Kaiserstadt  abzusondern. 

Aber  nun  wurde  der  hitzige  Thronfolger  so  verlegen  und  ver- 
dutzt,  daB  er  X  und  Y  ganzlich  tibersprang  -  obwohl  freilich  X 
als  Ks  schon  unter  Konigsberg  und  Y  als  J  schon  unter  Jena,  gleich- 
falls  in  alphabetise  hem  Nexus  dagewesen  war  -,  und  er  schlug  so 
weit  als  moglich  von  Petersburg  -  denn  ich  sollte  wieder  pfeifen - 
20  ungeduldig  ein,  namlich  in 

Zorndorf^  wo  die  Petersburger  und  Wiener  bekanntlich  vor 
dem  koniglichen  Konig  auf  das  Knie  gefallen  waren,  nicht  um  zu 
schieBen,  sondern  um  zu  bitten  und  weil  sie  geschossen  waren. 

»Hier  beim  Z«  -  sagt'  ich  zum  Sirius-Koadjutor,  da  ich  gerade 
bei  Zorndorf,  ungleich  den  Berlinern,  nicht  mehr  pfeifen  wollte  - 
»horet  ohnehin  unsere  groBe  Tour  und  die  Erdbeschreibung  auf.« 

Jetzt  lagen  mir  als  Prinzen-Mentor  nichts  ob  als  die  corrigenda 
oder  die  notigen  Invektiven  gegen  den  Erdglobus  oder  Erd- 
Schusser,  die  ich  recht  zu  Silberflittern  an  den  Praservationspillen 
30  fiir  den  minorennen  Dynasten  brauchen  konnte. 

Ich  nahm  nun  den  Erdball  aus  dem  VergroBerungsglase  heraus 
und  iiberschauete  -  so  weit  es  zu  machen  war,  da  das  Monds- 
viertel  schon  unter  der  Erde  stand  -  das  dunkle  NarrenschifT,  die 
finstern,  wie  Gassen  aneinander  gebaueten  Stadte  und  das  infu- 

1  Er  sagt  es,  weil  ich  da  das  Gesellschaftsspiel  des  Erdenlebens  mit  seinen 
achtzig  Fragen  und  Antworten  anfing. 


878  PALINGENESIEN 

sorische  Chaos  der  Geisterwelt,  die  Menschheit.  Ich  sah  die  un- 
zahligen  Galgen  und  Galeeren  und  die  nachtlichen  Patrouillen 
der  Diebe,  die  umfallenden  Saufer  und  die  einsteigenden  Jung- 
fernrauber;  und  vor  mir  waren  die  Arlequiniana  der  Erde  aufge- 
blattert.  Die  Hiihnerfaute,  die  Mautbedienten,  die  Hofstabe,  we- 
nige  Rezensenten,  die  Exjesuitengenerale,  die  Hofbeichtvater,  die 
Libertins  und  Roues  standen,  wiewohl  sie  lagen  und  schnarchten, 
munter  vor  mir  -  ich  konnte  die  unzahligen  Speelhuizen1  in 
Europa,  weil  noch  Licht  darin  brannte,  recht  gut  zahlen  und  auch 
einige  darin  seBhafte  moralische  Denker  und  Dichter,  gleichsam  10 
hetrurische  Gotterstatuen,  an  deren  FuBen  und  Achillesfersen 
man  den  holzernen  Zapfen  findet,  mit  welchem  man  sie  auf  den 
Altar  einfugt  -  ich  konnte  in  die  erleuchteten  Spielsale  der  Gro- 
Ben  gucken,  die  ihr  Herz  wie  ihre  Schiisseln  des  haut  gout  wegen 
mit  Teufelsdreck  ausreiben  lassen  -  ich  sah  von  der  Kirche  in 
St.  Cloud,  worin  man  das  von. Clement  durchstochne  Herz  Hein- 
richs  III.  aufbewahrt,  auf  die  in  Gallien  liegenden  Graber  hin, 
worin  unzahlige  von  Zeptern  durchstochne  Herzen  liegen  -  ich 
sah  die  Freudenfeuer  der  Sieger  neben  Vulkanen  und  unter  dem 
weiten  langen  Kriegsfeuer  brennen  -  das  ganze  besudelte,  sich  in  20 
die  Erde  nach  Gold  und  Schmutz  eingrabende  Jahrhundert  sah 
ich,  gleichsam  Gozens  Kabinett  von  Eingeweidewiirmern  der 
Erde  -  ja  sogar  den  Teufel  sah  meine  Phantasie  rot  auf  dem 
Vesuvius  stehen,  da  eine  dunkelpurpurne  Rauchsaule  sich  auf 
dem  Krater  wiegte,  und  da  eine  dustere,  aus  Norden  herfliegende 
lange  Wolke  wie  ein  breites  stahlblaues  Kriegsschwert  an  den 

gliihenden  Riesen  zog,  der  es  iiber  Europa  ausstreckte. 

Das  sah  ich  alles.  Meine  Augen  funkelten  emport;  aber  als  ich 
auf  einmal  einen  armen  erfrierenden  Astronomen  drunten  knien 
sah,  der  nach  meinen  lichten  Augen  mit  dem  Sternrohr  visierte,  30 
urn  sie  als  Fixsterntrabanten  in  den  Doppelmayerschen  Atlas  ein- 
zutragen:  so  wurd*  ich  dadurch  so  geruhrt  und  belustigt,  daB  ich 
in  der  folgenden  Anrede  an  den  Prinzen  meine  Bewegung  in 
etwas  maBigte: 

»Prinz,  nicht  bloB  in  der  Niirnberger  Mauerer-Loge  zu  den 
1  Musikhauser,  d.  i.  die  Kontumazgebaude  der  Wollust. 


SIEBENTER  REISE-ANZEIGER  879 

drei  Pfeilen  -  und  in  der  Breslauer  zu  den  drei  Totengerippen  — 
und  in  der  Berliner  zu  den  drei  Seraphin  -  und  in  der  Reunion 
des  Elus  zu  Montpellier  nab*  ichs,  da  ich  mit  den  Briidern  arbei- 
tete,  zu  verstehen  gegeben,  daB  die  Menschen  eigentlich  nicht 
wiiBten,  was  sie  haben  wollten,  sondern  in  den  groBten  Gast- 
hofen  Europas,  in  den  drei  Hechten  zu  Potsdam  -  im  wilden 
Schweinsrussel  zu  Rotterdam  -  in  der  goldnen  Gans  zu  Breslau  - 
in  der  Stadt  Rom  zu  Berlin  -  in  der  Stadt  Berlin  zu  Leipzig  -  und 
im  Brandenburgischen  Hause  zu  Hof  im  Voigtland,  hab'  ich  an 

10  den  Wirtstafeln  die  Sache  ganz  frei  herausgesagt,  welches  mir 
die  samtlichen  Wirte  und  Kellner  attestieren  wtirden,  wenn  sie 

heraufzubringen  waren. Welche  Menschen  haben  auBer  den 

Stunden-,  Wochen-,  Jahrs-,  Amtsplanen  noch  einen  Lebensplan, 
oder  hinter  wechselnden  Interimsplanen  einen  Normalplan?  Die 
Gier,  der  Zufall,  der  Hang,  die  Not  stechen  ihnen  das  Spornrad 
ins  Herz,  und  sie  rennen  blutend  dahin  -  unterwegs  begegnet 
ihnen  ein  Ziel,  und  es  wird  der  Meilenzeiger  oder  die  Schwelle 
einer  neuen  Rennbahn  -  und  so  mussen  diese  ewigen  Juden  nur 
laufen,  nie  ankommen.  Alle  ihre  Mittel  sind  kliiger,  dauerhafter 

20  und  angenehmer  als  ihre  Zwecke,  wie  die  ungarischen  Vorstadte 
bevolkerter  sind  oder  die  Wiener  moderner  als  die  Stadt  selber. 
Diese  flnstere  Dumpfheit  der  menschlichen  Wiinsche  ist  nicht 
groBer  als  dieselbe  Dumpfheit  ihrer  Meinungen,  die  sie  jahr- 
zehendelang  in  ihrem  Kopfe  frei  und  ohne  Pestkordon  aus-  und 
einfliegen  lassen  konnen,  bis  sie  Not  und  Zufall  zum  Beschauen 
drangen.1  Wer  kann  von  euch  schlafenden  Toren  die  Finger 
aufheben,  und  wenn  ich  frage:  was  glaubst  und  was  willst  du? 
keck  beschworen:  das!  das!  das?  Ich  konnt*  es  nicht,  da  ich  noch 
drunten  war.  - 

30  '  Freilich  stand,  da  ich  drunten  auf  der  Erde  herumging,  die 
Sonne  der  Aufklarung  schon  mit  der  ganzen  Scheibe  uber  ihr, 
und  ich  sah  in  meine  astronomischen  Tabellen  und  schwur,  es  set 

1  Ach  Leibgeber  hat  recht.  Nach  denselben  zufalligen  Anstdfien,  die  uns 
zum  Wahlen  einer  Fakultat  und  eines  Handwerks  treiben,  ergreifen  und 
priifen  wir  Meinungen;  die  groBten  Schriftsteller,  z,  B.  Lessing,  HeBen  sich 
durch  polemische  und  andere  Zufalle  die  wissenschaftlichen  Felder  anwei- 
sen,  die  anzusaen  und  abzuernten  waren. 


880  PALINGENESIEN 

unmoglich,  die  Tabellen  konnten  nicht  liigen  und  die  Sonne  noch 
nicht  herauf  sein.  Aber  als  ich  die  Refraktionstabellen  zu  Hulfe 
nahm,  sah  ich,  dafi  durch  die  Strahlenbrechung  das  Bild  der  Sonne 
ein  Sakulum  eher  -  freilich  ohne  sonderliche  Warme  -  aufgehe 
als  der  Korper  selber,  so  wie  in  Nova  Zembla  nach  der  langen 
Nacht  das  Bild  der  Sonne  sechzehn  Tage  friiher  scheint  als 
sie.  - 

Man  denkt,  die  Erde  sei  ein  Teller  voll  Devisen  mit  Fragen, 
und  die  zweite  Welt  sei  der  Teller  mit  den  Antworten  darauf; 
und  bricht  nun  kaum  die  Fragen  auf.  Der  Unglaube  und  der  ] 
Aberglaube  des  Jahrhunderts  ist  eine  bloBe  sinnliche  Ermattung 
des  Kopfes;  und  die  Ruchlosigkeit  desselben  ist  eine  des  Herzens; 
und  bloB  weil  sie  sich  als  Neunundneuniiger1  kennen,  vozieren  sie 
keinen  Schiffsprediger.« 

Der  Kronprinz  fragte  mich  mit  einem  wahren  Anteil,  der  mich 
ergotzte:  »Wie  und  durch  wen  soil  ich  aber  das  Portativ-  und 
Taschenweltchen,  wenn  ich  einmal  zur  Regierung  komme,  um- 
arbeiten?  Soil  ichs  durch  meine  Wesire  organisieren?«  - 

»Gnadigster  Herr,«  versetzte  ich,  »Ihre  Vize-Re,  missi  regii, 
Legaten  und  Flurschiitzen,  die  drunten  Ihren  Titel  fiihren,  sind  a 
gemalte  Engel  mit  wahren  Kronen2  und  sind  selber  verdammt  mit 
dem  Obel  geplagt  und  plagen  wieder  damit.  Aber  zwei  recht  gute 
andere  Arzeneien  gibt  es.  Ein  Komet  kann  kommen  und  die  Tres- 
sen  der  Erde  ausbrennen  mit  dem  Feuer  des  Jungsten  Tags:  dann 
werden  alle  Lebende,  wie  ich  von  guten  Theologen  weifi,  auf  dem 
Platze  verwandelt,  und  der  Komet,  als  die  saubernde  Fleckkugel 
dieser  schmutzigen  Kugel,  reibet  alle  Kleckse  weg  von  dem  Wit- 
tenberger  an,  den  Luther  an  die  Wand  machte,  als  er  mit  dem 
Teufel  Krieg  anfing,  bis  zu  dem  Rastatter  %  den  die  Sekretare 
anspritzten,  als  man  mit  ihm  einen  endigte.  3 

1  Da  nach  den  englischen  Gesetzen  jedes  Schiff  mit  hundert  Seelen  einen 
Schiffsprediger  haben  mufl,  so  laden  die  Ostindienfahrer,  um  ihn  zu  er- 
sparen,  nur  neunundneunzig. 

2  In  manchen  katholischen  Kirchen  hat  man  gemalten  Schutzengeln 
wirkltche  Votiv-Kronen  aufgesetzt. 

3  Es  ist  nicht  vom  jetzigen  Frieden  und  dessen  Klecksen  die  Rede,  son- 
dern  vom  ersten  Rastatter  Frieden,  dessen  Schmutzflecke  man  Fremden 
zeigt. 


SIEBENTER  REISE-ANZEIGER  88l 

AuBer  dem  Kometen  kann  noch  die  Zeit  viel  tun-  Das  Licht 
des  Kopfes  und  die  Kdlte  des  Herzens  mussen  in  diesen  Winter- 
monaten  so  wachsen,  bis  sich  der  blunge  kampfende  Nordschein1 
des  Kriegs,  das  Gewitter  des  Winters,  erzeugt.  Die  Batterien  riit- 
teln  die  Erde  fur  mehr  als  einen  Samen,  nicht  bloB  fiir  Wurmer 
locker;  und  der  blutrot  aufgegangne  Mond  wird  im  Scheitel- 
punkte  licht  und  rein.«  -  »Ich  wollte,«  sagte  mein  Eleve,  »das 
Totschlagen  auf  dem  Stunden-  oder  Jahres-Ei  hobe  sich  nicht 
erst  unter  meiner  Regierung  an.« 
10  Das  Gluck  wollte  mir  so  wohl,  daB  ich  ihm  den  Anfang  des 
Erschlagens  schon  zeigen  konnte;  ja  es  traf  sich  glucklicherweise, 
daB  die  roten  Schlachtfelder  und  Blutacker  in  Europa  so  groB 
waren,  daB  er  sie,  bei  dem  Mangel  an  Mondlicht  und  ohne  das 
Mikroskop,  gut  genug  erkennen  konnte.  Aber  er  wuBte,  wie  klei- 
nere  GroBe,  so  wenig  von  seinem  kunftigen  Kronlandchen,  daB 
er  mich  iiber  die  ins  Bluthemde  und  in  den  spartischen  Rotrock 
des  vergossenen  Blutes  gekleidete  Erde  ausfragte,  inwiefern  den 
Trillionenpfunder  die  Vierundzwanzigpfiinder  so  roten,  und  was 
bluten  und  sterben  sei. 
20  Ich  stellte  sogleich  den  fmstern  Erdkorper  wieder  auf  den  Ob- 
jektentrager,  und  zwar  mit  dem  berlinischen  Zeughaus  unter  den 
Fokus  des  Glases  zuriick,  so  daB  der  Erbprinz  die  einundzwanzig 
Gesichter  oder  Larven  sterbender  Menschen,  welche  Schliiters 
Meisterhand  imHofe  des  Zeughauses  alsSchluBsteine  angebracht, 
meistens  erblicken  konnte:  »So  sehen  unsere  Gesichter  aus,  wenn 
wir  sterben«,  sagt*  ich. 

»Ich  mochte  deines  sehen,«  sagte  der  Sirius-Fiirst,  »wenn  es  so 
geblieben  ist,  wie  es  im  Sterben  war.«  — 

»Ei  was!«  -  sagt*  ich  und  suchte  auf  dem  Globus  und  fand 
30  unter  den  Leichen  des  Bleikellers  in  Bremen  eine  mir  ahnliche 
und  druckte  mit  dem  Zahnstocher  darauf  —  »ich  muB  noch  ganz 
sein,  ich  bin  ja  kaum  vierzig  Jahre  lang  tot.« 

»Um  Gottes  willen !«  rief  der  kritische  Redakteur,  der  unter 
den  Leichen  eine  redende  sah.  -  Ich  kam  zu  mir  und  sah,  daB  ich 
den  Zahnstocher  wie  ein  Stilett  auf  mich  selber  gesetzt. 

1  GroCe  Kalte  und  helle  Tage  erzeugen  leicht  Nordscheine. 


8»2  PALING  EN  ESI  EN 

»Allerdings  vierzig  Jahre!«  (wiederholt'  ich  und  ging  auf  den 
Literator  los)  »ich  bin  der  selige  Liscow,  der  seine  Stunden  hatte, 
wo  er  gelehrte  Manner  schabernakte.«  - 

»Bei  Gott!«  —  sagte  der  Redakteur  erheitert  -  »sie  muB  in  das 
Intelligenzblatt  der  Literaturzeitung  —  in  den  Verkiindiger  -  in 
den  literarischen  Anzeiger  -  in  einen  Brief  an  Wieland  -  in  Meu- 
sel  -  und  in  alles  -  eine  so  unerhorte  Palingenesie.«  — 

»Wenigstens  in  die  Palingenesien«,  sagt'  ich. 
Ende 

O  du  Wildling  von  Engell  Wie  viel  defer  als  der  kahle  klein-  10 
liche  Ernst  der  Welt  geht  dein  Scherz  in  meine  Seele,  und  wie  viel 
ernster  ist  dein  Lachen  als  ihr  Weinen!  -  Warum  soil  ich  das 
Feuer,  das  der  geliebte  Tragikomiker  in  mir  aufgeblasen,  jetzt 
nicht  benutzen,  um  hier  es  herauszusagen,  daB  bloB  er  und  noch 
viel  bessere  Leute  im  Titan  es  auf  sich  haben,  daB  das  Werk  noch 
gar  nicht  heraus  ist? 

Die  Sache  ist  diese:  solange  namlich  ein  biographischer  Haar- 
stern  —  wie  z.  B.  Hesperus  -  mit  seinen  Bewohnern  brennend 
vor  meiner  Seele  steht  und  ich  wahrend  seiner  Erd-  und  Sonnen- 
nahe  in  seinen  langen  Zodiakalschein  und  durch  seinen  in  Licht  20 
aufgelosten  Kometenkern  schauen  kann:  so  lange  bin  ich  selber 
in  Flammen  und  im  Himmel.  Entfliegt  aber  der  Komet  in  die  Erd- 
und  Sonnenferne  hinaus:  so  wird  derLichtschweif,  der  70  Grade 
am  Himmel  einnahm,  vom  verdichteten  Kerne  abgeworfen,  und 
ich  habe  nichts  mehr  -  ausgenommen  bei  der  zweiten  Auflage, 
d.  h.  bei  der  Wiederkehr  des  Kometen.  -  Die  Darstellungen 
hoher  Menschen  -  wie  Emanuel,  Viktor,  Klotilde  -  sind  durch- 
lebte  warme  Blutezeiten  der  Seele,  ach  die  niemals,  niemals  wie- 
derkommen,  so  wenig  wie  die  erste  Liebe  oder  der  Jugend-Silber- 
blick  oder  irgendeine  Begeisterung.  Denn  der  Mensch  lauft  in  30 
keiner  runden  Mondsbahn,  ja  in  keiner  langen  Kometenbahn  um 
irgendeine  Sonne  und  treibt  sich  in  keinem  wiederkehrenden 
Tausche  von  Neu-  und  Vollicht,  von  Haar-  und  Schwanzstern 
um :  sondern  er  zieht  gerade  und  kiihn  wie  ein  fliegender  Engel 
mitten  durch  die  Schopfung  und  durch  die  Systeme,  immer  von 


SIEBENTER  REISE-ANZEIGER  883 

dem  Morgen  neuer  Sonnen  bestrahlt  und  von  dem  Erdschatten 
neuer  Erdkorper  verdunkelt,  und  niemals  tritt  er  einen  Lauf  von 
neuem  an. 

Das  einzige,  was  ich  kann  und  tue,  wenn  ich  durch  eine  dunkle 
leere  Zwischerikluft  durch  bin  und  in  eine  neue  MilchstraBe  ziehe 
-  zumal  in  eine  so  breite,  wie  mein  Titan  ist  -,  das  besteht  darin, 
daB  ich  langsamer  fliege  zwischen  ihren  Sternen.  -  - 

Aber  zu  unserer  Geschichte  zuriick!  (Nur  diese  Zuriickkehr' 
nab'  ich  oft  genug.)  -  Der  Leser  hat  nicht  vergessen,  daB  ich  ihm 

10  den  ersten  Mai  und  den  Geburtstag  meiner  Hermine  am  Anfange 
des  Reise-Anzeigers  angesagt.  Sobald  ich  Leibgebers  groBe  Tour 
durchhatte :  macht*  ich  mich  zu  einer  kleinern  fertig  und  ging  auf 
die  Insel  Sckutt,  welche  wie  den  Saturn  ein  doppelter  Ring  um- 
zieht,  die  Stadt  und  die  Pegnitz.  Kokeritz  in  seiner  Lenzweste 
und  sogar  Georgette  mit  ihren  Gefahren  und  meine  eignen 
muBten  aus  meinem  vom  roten  Maiabende  hell  ausgemalten 
Kopfe  fort,  damit  Hermine  allein  darin  die  schonste  Stunde 
feiere. 

Sieljenkas  sagt,  Eheleute  hatten,  da  die  Rota  langst  das  hun- 

20  dertjahrige  Jubilaum  in  vier  funfundzwanzigjahrige  Jubelfeste 
ausgeschnitten,  noch  weit  mehr  Grunde  dazu  -  namlich  die  jet- 
zige  Kiirze  des  Lebens  und  des  ehelichen  Friedens  — ,  etwas  Ahn- 
liches  zu  tun  und  die  Silberhochzeit  schon  vori  Jahrzehend  zu 
Jahrzehend  zu  feiern,  wenn  nicht  gar  schon  in  die  Flitterwochen 
diese  sakularischen  Spiele  gehoren.  -  Aber  in  einem  ernsthaftern 
Sinne  fuhlt*  ich  auf  der  Insel  Schutt,  daB  das  Herz  an  jedem  Ge- 
burtstag einer  geliebten  Person  das  Jubilaum  seines  Bundes  be- 
gehe.  Vor  alien  Dingen  richtete  sich  meine  Seele,  die  der  Krampf 
der  Furcht  einziehen  wollte,  stark  und  gewaltsam  auf,  wie  man 

30  den  Krampf  der  Glieder  durch  Ausstrecken  hebt:  »Sie  hatte  mir«, 
sagt*  ich,  »meinen  vergessenen  PaB  langst  geschickt  (denn  finden 
mufite  sie  ihn  gleich) :  hatte  sie  nicht  etwas  Besonderes  damit  vor.« 
Auch  hielt  ichs  fur  eine  BuBe  und  Danksagung,  die  ich  ihr  schul- 
dig  sei,  mich  von  keinem  Schein  mehr  iiber  sie  irren  zu  lassen  und 
lieber  ein  Glaubiger  als  ein  Schuldner  von  Briefen  zu  sein.  Und 
nun  konnte  die  Pegnitz,  die  mit  ihren  zwei  Stromen  wie  mit 


884  PALINGENESIEN 

Armen  die  grunende  Insel  hielt,  und  der  Friihling,  der  zwei  an- 
dere  aus  roten  Wolken  uber  den  Himmel  trieb,  einen  in  Abend 
und  einen  in  Morgen,  ihre  Wirkung  an  mir  tun.  Im  Kalender 
unserer  Phantasie  fallet  der  Friihlingsanfang  nicht  in  den  2isten 
Marz,  sondern  in  den  ersten  Mai;  und  in  diesem  werden  die  Ko- 
pulierbander  der  Menschen  sowohl  als  der  Baume  sanft  geluftet. 
Ich  halt*  auf  einmal  zwei  Jugenden,  eine  erinnerte  und  eine  ge- 
genwartige :  der  Pegnitzstrom,  der  auf  seinem  eiligen  Wege  durch 
die  Stadt  siebzig  groBe  Rader  umwalzet,  glanzte  als  ein  Bild  der 
Kraft  des  Menschen  vor  mir,  welcher,  so  eilig  er  auch  von  seinem  10 
ersten  Tage  in  seinen  letzten  verrinnt,  doch  im  VoruberfKeBen 
das  Raderwerk  der  Schopfung  treiben  hilft.  »Ja,«  sagt*  ich,  »ich 
will  mich  kunfrig  anders  als  bisher  gegen  das  Verhangnis  stem- 
men,  wenn  es  auf  dich  eindringt,  Hermine,  und  will  deine  Leiden 
lieber  verhuten  als  feilen.  Ach  wenn  nur  einmal  ein  Mensch  sich 
fest  und  rein  vornahme,  einen  andernuneigenniitzigzubeglucken: 
es  wurd'  ihm  schon  gelingen!  —  Und  soil  denn  immer  nur  das 
weichere  Geschlecht  fur  das  hartere  mit  wunden  Handen  die  Nes- 
seln  aus  dem  Leben  ausraufen  und  nie  dieses  fiir  jenes?  -  Und  gar 
du,  gute  Hermine,  die  schon  die  Rosen  der  Freude  viel  zu  sehr  an  20 
den  Dornen  anfasset?«  - 

Die  Tat  -  diese  Zunge  des  Herzens  -  ist  zugleich  der  gesiin- 
deste  Balsam  desselben,  und  jeder  gute  Vorsatz  ist  ein  Trost.  Ich 
versteck'  es  nicht,  daB  ich  -  weil  in  mir  der  Autor  und  der  Mensch 
immer  uberall  Koppeljagd  und  Erbverbruderung  haben  -  unter 
den  Freuclen,  die  ich  Herminen  zudachte,  auch  die  Kapitel  auf- 
fuhrte,  die  ich  im  Titan  schreiben  und  mit  ihr  lesen  will:  ist  nicht 
das  Harmonikon  der  Musen  das  Echo  oder  das  Repetierwerk 
irgendeiner  verklungnen  Stunde  der  hochsten  Liebe,  und  farbet 
sich  nicht  in  jeder  Ruhrung  die  erblaBte  Flitterzeit  wieder  frischer  30 
an?  Und  wenn  ein  auswendig  gelerntes  Herz  und  Gedicht  gleich 
sehr  einbuBen,  kann  ein  Poet  der  Erschopfung  des  Herzens  besser 
steuern  als  durch  die  Unerschopflichkeit  der  menschlichen  Phan- 
tasie?   

Ich  lande  wieder  auf  meiner  Insel  an,  welche  die  Wellen  und 
die  Fische  und  die  Vogel  und  die  Abendliifte  immer  schoner  um- 


SIEBENTER  REISE-ANZEIGER  885 

zirkelten.  Der  in  Schattenasche  zerfallende  Tag  und  die  weh- 
mutige  Freude,  daB  zwei  Menschen  sanfter  durch  siebzehn  Mei- 
len  als  durch  einen  Gedanken  geschieden  werden,  warfen,  wenn 
keinen  Schleier,  doch  den  Schatten  ihres  Schleiers  uber  mich :  ich 
dachte  jetzt  (wie  ich  an  jedem  wichtigen  Tage  tue)  an  die  tau- 
sende,  die  meinen  heutigen  mitfeiern.  Am  ersten  Mai,  dacht*  ich, 
werden  gewiB  in  Europa  -  wohl  in  Niirnberg  selber  -  einige  Ehe- 
leute,  entweder  der  Mann  oder  die  Frau  oder  beide,  ihren  Ge- 
burtstag,  wie  der  Philippus  Jakobus  semen  Namenstag,  haben 

10  und  begehen;  und  wenn  sie  nur  etwas  taugen:  so  werden  sie, 
wenigstens  einige  davon,  in  dieser  Festminute  im  Werkeltage  des 
Lebens  ihre  frohe  Vergangenheit  und  ihre  bedeckte  Zukunft  mit- 
einander  iiberrechnen  und  sich  umarmen  aus  Liebe  und  Furcht  - 
sie  werden  miteinander  die  ersten  stummen  und  mimischen  Stun- 
den  ihrer  Annaherung  zuriickholen,  und  die  weibliche  Seele  wird 
jetzt  leichter  die  vorigen  stillen  Leiden  und  Wiinsche  liebkosend 
bekennen  und  nun  ebenso  mit  der  entschleierten  Liebe  erwarmen 
wie  sonst  mit  der  verhiillten,  und  die  mannliche  wird  das  hohe 
einzige  Gefuhl  gestehen,  womit  ein  Mann  zum  ersten  Male  in 

zo  seinem  Leben  zu  einem  teuern  Wesen  sagt:  »Du  bist  mein  und 
ich  dein,  und  nun  beschutz*  ich  dich  gegen  die  Welt,  und  alle 
deine  Leiden  sind  meine,  und  wir  verlassen  uns  nicht  mehr  wie 
andere  Menschen«  -  eine  heilige  Minute,  worin  die  Liebe  viel- 
leicht  heiBer  und  zarter  und  milder  ist  als  in  der  fruhern,  wo 
Amors  Fackel  den  Schleier  der  Psyche  verbrennt  und  in  das  be- 
schamte  Auge  voll  Liebe  und  Tranen  leuchtet,  das  geblendet 
niedersinkt.  -  Aber  diese  Menschen  werden  am  Geburtstage  auch 
gen  Himmel  schauen  an  das  gezogne  Kometenschwert  des  Todes, 
das  einmal  die  Arme  der  Liebe  durchschneidet,  und  sie  werden 

50  sich  fester  unter  dem  Schwerte  umfassen,-  um  an  einer  Wunde 
umzukommen  —  sie  werden  uber  den  zweischneidigen  Kontrast 
zwischen  der  Ewigkeit  jeder  hohen  Liebe  und  zwischen  der  Nich- 
tigkeit  des  irdischen  Interims  erschrecken,  aber  auch  weinend 
aufsteigen:  denn  vor  demselben  blauen  Totenlicht  aus  Ather1, 

1  Vor  brennenden  Ather  werden  alle  Farben  bleich,  ausgenommen  die 
blaue. 


886  PALI  NG  EN  E  S I  E  N 

um  welches  alles  Farben  der  Erde  erblassen,  glanzt  das  Blau  des 
Himmels  holier  an,  und  sie  werden  sich  sagen:  »Ja,  das  Wesen, 
das  uns  auf  der  kleinsten  kaltesten  Welt  zusammenfuhrte,  kann 
uns  ja  nicht  durch  seine  groBe  heilige  trennen;  und  wenn  droben 
in  der  Unsterblichkeit  noch  Liebe  ist,  ach  welche  neue  konnte 
denn  warmer  und  heiliger  sein  als  die  gegen  das  vertraute  Herz, 
das  auf  der  driickenden  Erde  gegen  unseres  so  geduldig  und  so 
liebreich  und  bestandig  blieb?«  — 

Die  allgewaltige  Natur  schloB  mich  in  ein  immer  engeres  und 
einsameres  Tempe  von  Sternen,  Bluten,  Tonen  und  Bildern  ein  ro 
und  trennte  durch  Schatten  meine  Traume  wie  Friihlingsblumen 
von  dem  stechenden  Strahle  der  Gegenwart.  Jedes  Blatt  und  jedes 
Wellchen  schlug  mit  dem  andern  in  der  stillern  Nacht  Iauter  zu- 
sammen.  Mir  war,  als  hort*  ich  den  Tritt  der  Sterne,  die  in  die 
Erde  hereinstiegen.  Aber  in  einer  solchen  magisch  verdunkelten 
Stunde,  wo  die  Irrlichter  der  Traume  uns  glanzend  nachfliegen 
und  spielend  entrinnen  -  in  dieser  beredten  heiligen  Einsamkeit, 
wo  der  Geist  geflligelt  durch  die  Taler,  iiber  die  Berge,  von  einer 
grofien  Wolke  zur  andern  und  von  den  sichtbaren  Sonnen  zu  den 
tiefsten  geht  und  zwischen  den  Zeiten  umher:  da  geht  er  nie  20 
allein,  sondern  ewig  fiihrt  er  eine  Seele  an  der  Seite,  die  er  innig 
liebt  und  der  er  alles  zeigt  und  mit  der  er  auf  den  Hohen  betet  und 
die  er  in  den  Friihlingstalern  umarmet  unter  dem  Abendrot.  So 
ging  Hermine  mit  mir  durch  alle  meine  kleinen  Himmel,  und  ich 
sah  sie  zuerst  an,  wenn  wir  in  einen  neuen  traten,  ob  sie  darin 
gliicklich  sei.  Allein  da  jetzt  in  Morgen,  wo  sie  wohnt,  die  Leier 
und  der  Schwan  aufgingen  und  mich  anlachelten,  gleichsam  wie 
freundliche  Gedanken  ihrer  Seele,  und  da  ich  daran  dachte,  daB 
sie  gerade  in  dieser  spaten  Stunde  die  Feier  ihres  Lebens-Sonn- 
tagstages  einsamer  und  vielleicht  schreibend  nachhole,  und  daB  30 
sie  vielleicht  nach  den  westlichen  Sternbildern,  von  welchen  der 
gliihende  Mars  und  das  Regengestirri  erst  im  Untergehen  waren, 
blicke  wie  ich  nach  Osten:  so  war  es  mir,  als  hort'  ich  sie  fragen: 
»Warum  schweigest  du  gegen  deine  Einsame?  Bringst  du  mir 
keinen  Wunsch  fur  dieses  nur  von  Wiinschen  geschmuckte  Le- 
ben?  -  Ach  die  Menschen  haben  einander  nicht  viel  mehr  zu 


SIEBENTER  RElSE-ANZElGER  887 

geben  als  Worte,  und  doch  versagen  sie  diese;  -  und  in  diesem 
kurzen.  Leben  haben  sie  eine  noch  kurzere  Liebe.« 

»Nein,  gute  Seele,  ich  will  dir  es  sagen,  wie  ich  heute  an  dich 
dachte«,  sagt*  ich  und  ging  von  der  freien  betaubenden  Molukke 
in  meine  verengte  Stube  zuruck,  aber  nur,  um  Papier  und  eine 
Laterne  zu  holen  und  damit  in  den  Irrhain  hinaus  zu  fliehen.  Ich 
wollte  da  alle  meine  befreieten  Traume  in  eine  groBe  Athernacht 
hinausfliegen  lassen  und  in  diesem  einsiedlerischen  Himmel  mei- 
nen  Brief  an  Herminen  schreiben.  Auf  dem  Wege  sah  ich  das 

10  Regengestirn  und  den  Mars  aus  unserm  Himmel  gehen.  Da  ich 
im  Garten  ankam :  sah  ich  nichts  vor  mir  als  die  Ruhe  und  den 
Himmel,  und  im  Mondlicht  lagen  nur  stille  kurze  Schatten,  gleich- 
sam  die  FuBtritte  der  umherschleichenden  Nacht  -  das  groBe 
Kleid  des  Friihlings  lag  ohne  Rauschen  auf  der  Erde  -  nur  in 
den  Laubengangen  lispelte  es,  als  wenn  murmelnde  Traume  in 
ihnen  gingen,  und  die  hohen  einzelnen  Baume  nickten  zuweilen 
wie  betaubt  vom  Schlaftrunk  des  Taues  -  in  den  mit  Laube  leicht 
bekleideten  Gesellschaftshutten  wohnte  hinter  der  lichten 
Schwelle  nur  ein  oder  ein  Paar  zerrissene  Schatten,  wie  Reste  von 

20  uns  Schattenrissen,  und  ein  grausilberner  dicker  Nachtschmetter- 
ling  kroch  darin  auf  seinen  Fliigeln  -  die  Nacht  lag  in  Gestalt  der 
Ewigkeitsschlange  zusammengeringelt  im  finstern  Hain  zwischen 
den  Baumen.  - 

Dieses  stumme  blasse  Reich  des  Mondes  und  des  Schlummers, 
worin  nur  die  laute  Seele,  die  Nachtigall,  Traume  austeilte,  die 
enge  flatternde  Hiitte,  worein  ich  nun  trat,  der  Licht-Wirrwarr 
und  Blatterglanz,  das  Gerausch,  das  ich  allein  machte,  das  Tisch- 
chen,  worauf  eine  welke,  von  Kindern  zuriickgelassene  Kette  von 
offnen  schlaflosen  Dotterblumen  lag,  und  mein  abgesondertes 

30  Arbeiten,  diese  hebenden  sichtbaren  und  unsichtbaren  Hande 
zogen  mir  gleichsam  die  ganze  Erde  und  Wirklichkeit  unter  den 
FiiBen  weg,  und  ich  hing  spielend  gewiegt  iiber  den  entbloBten 
Sonnen  unter  mir,  die  mich  alle  liebkosend  anschienen,  und  ein 
dunkler  elastischer  Ather  hielt  mich  und  das  Sonnen-Glanzgold 
und  die  bleichen  Perlen  von  Monden  schwimmend,  und  wir  san- 
ken  nicht  unter. 


888  PALING  EN  ESI  EN 

Ich  fing  den  Brief  an  Hermine  an : 

»Die  Au  verbliiht, 
Das  Herz  vergluht, 
Der  Mensch  entflieht  - 
Hermina,  liebe  mich! 

Du  kennst  diesen  Wunsch,  aber  ich  sag'  ihn  dir  jetzt,  da  ich  in 
der  Mitternacht  einsam  in  einer  grunen  Hiitte  des  Irrgartens  das 
Fest  deines  Daseins  feiere.  Ja  das  ZifTerblatt  mit  diesem  ewigen 
Wunsche  soil  hier  in  und  an  der  Laube  bleiben,  damit  ich  sie  zur 
Stiftshutte  und  Sakristei  am  Tempel  der  Liebe  einweihe:  und  so-  10 
oft  ich  wiederkomme,  werd'  ich  diese  Stunde  wiederfinden. 

Glaube  nicht,  daB  ich  nicht  weiB,  daB  du  jetzt  weinend  gen 
Himmel '  siehst  und  den  dunkeln  Traurn  des  Lebens  muhsam 
zuriickrufest  und  auslegst  —  und  wie  du  daran  denkest,  daB  nur 
die  erste  Hdlfte  des  irdischen  Seins  —  ach  nur  ihre  Halfte  —  gleich 
der  halben  Sonne  auf  Bergen1  langsum  untersinke,  und  daB  die 
iweite  so  eilig  verschwinde  -  und  wie  du  einige  Schmerzen  von 
neuem  beweinest  und  an  dem  voriibergeflognen,  am  Horizonte  '' 
wie  iibers tiegene  Berge  liegenden  Gewdlke  deiner  beschatteten 
Tage  hinauf-  und  hinabschauest  -  und  wie  das  Grab  eine  Alpe  20 
wird  und  seinen  breiten  Schatten  wirft,  und  wie  dann  deine  Seele 
sich  erhebt  und  auf  der  Hohe  die  Gewitter  nur  um  sich  und  keine 
iiher  sich  findet,  und  wie  du  dich  geheiligt  unter  die  hohen  Sterne 
schwingst  und  in  deine  Unsterblichkek  hineinblickest  -  und  wie 
dir  darin  der  Allgiitige  wie  ein  sanfter  Vater  lachelnd  entgegen- 
geht  und  du  sprachlos  vor  ihm  weinen  muBt  und  nur  mit  stam- 
melndem  Herzen  schworen  kannst :  ich  will  dich  kunftig  noch  mehr 
lieben,  guter  Gott! 

Ach  wenn  du  dieses  liesest  oder  wenn  ich  dich  wiedersehe,  so 
ist  ja  die  herrliche  Stunde  voruber;  und  du  wirst  es  nicht  sagen,  30 
aber  ich  werd'  es  wissen,  daB  ich  dir  darin  nur  schmerzhaft  ge- 
wesen  war.  O  du  Sanfte  und  Stille!  warum  konnt'  ich  dich  denn 
je  qualen?  —  Warum  will  denn  die  warmste  Liebe  noch  heiBer 

1  Auf  dem  Brocken  und  Montblanc  geht  die  Sonnenscheibe  zur  Halfte 
langsam  unter,  dann  versinket  sie  schnell. 


SIEBENTER  REISE-ANZEIGER  889 

werden  durch  Unterbrechen  und  Versohnen,  und  warum  rich- 
ten  nur  unsere  innern  Gewitter  den  hochsten  Regenbogen 
des  Friedens  auf?  —  Ach  darum  ist  es,  weil  alle  Leidenschaf- 
ten  ihren  Gegenstand  fur  so  ewig  halten  wie  sich,  und  weil 
keine  Liebe  glauben  kann,  daB  ein  geliebtes  Wesen  sterbe;  — 
und  in  diesem  Wahn  der  Unverganglichkeit  stoBen  wir  harte 
scharfe  Eisfelder  so  knirschend  zusammen,  indes  wir  uns  so 
eilig,  von  achtzig  SonnenbHcken  von  Jahren,  auf  losen  und  erwei- 
chen  . . . 

10  Ich  horte  hier  auf  zu  schreiben,  weil  ein  eiserner  Gedanke 
gleich  einer  eisernen  Jungfrau1  mit  ausgebreiteten  Armen  voll 
scharf  geschlirfener  Messer  auf  mich  losging  und  mich  umfassen 
und  zerschneiden  wollte.  Ich  floh  vor  ihm  aus  der  Laube  in  den 
freien  Garten,  aber  er  ging  mit  mir  und  sagte  immer  wieder: 
>Hermine  ist  gestorben.<  -  Ich  driickte  laufend  die  Augen  fest  vor 
dem  nur  mit  Trauerlampen  gefulltenTempel  des  gewolbtenHim- 
mels  zu,  und  ich  furchtete  mich  zitternd,  daB  irgendein  seltsam 
gegliederter  oder  geturmter  Schatte  oder  irgendein  fliegender 
Widerschein  mir  mit  einem  Beweise  und  Bilde  des  morderischen 

20  Gedankens  begegne.  Ach  aber  in  dem  tiefen  weiten  Abgrunde 
hinter  dem  Augenlide  sah  ich  dich  sterben  und  sah  deine  lichten 
Augen  den  schwarzen  Star  des  Todes  geduldig-anblickend  auf- 
nehmen,  dem  nur  wenige  hiipfende  Funken  und  Farbenkreise 
heller  Tage  vorgeflattert  waren  -  und  deine  Gestalt  lag  in  ihrem 
Grabe,  zu  einem  weiBen  versteinerten  Engel  erkaltet,  aber  sie 
lachelte  noch  fort,  als  wolle  sie  sagen :  ich  habe  dir  vergeben  und 
dich  bis  in  meinen  Tod  geliebt,  aber  ich  konnte  dir  es  nicht  mehr 
sagen...  O  das  ist  die  tiefste  Totentrauer  in  einem  Menschen  - 
und  sein  Leben  ist  ein  ewiges  Leichenbegangnis  -,  wenn  er  sich 

30  nach  einem  gekrankten  verwundeten  Wesen  trostlos  sehnenmuB, 
womit  der  geflugelte  Tod  in  die  Erde  entfloh,  eh'  er  bitten  konnte : 
vergib  mir  I  und  eh*  er  sagen  konnte:  ich  habe  dir  wehe  getan, 
aber  ich  habe  dich  doch  geliebt.  - 

Auf  einmal,  als  ich  mich  aus  einem  Schatten  wieder  in  das 

1  Jene  bekannte  verborgne  Richtmaschine,  die  den  Menschen  durch  die 
Umarmung  entleibt. 


89O  PALINGENESIEN 

Mondlicht  umwandte  und  als  mir  in  der  dammernden  grauen 
Tiefe  hinter  den  geschlossenen  Augen  deine  Seele  gleich  einem 
Heiligen  wie  eine  glanzende  Taube  aus  dem  dampfenden  Schei- 
terhaufen  des  Lebens  aufzufliegen  schien :  so  rauscht*  es  plotzlich 
durch  den  ganzen  Garten  -  ich  blickte  erschrocken  auf  -  da 
schauete  mich  der  ganze  Himmel  mit  alien  seinen  tausend  ewigen 
stillen  Augen  freundlich  an  —  der  halbe  Mond  stand  wie  ein  glan- 
zendes  Stirnblatt  in  seiner  Mitte1  —  der  Stern  der  gesichelten  Zeit, 
der  Saturn,  war  versenkt  -  ein  Flug  Zugvogel  sank  aus  dem  Blau 
in  unsern  Friihling  mit  freudigen  Lauten  nieder  —  die  Geister-  10 
stunde  schlug  in  den  Tiirmen  aus,  und  die  ersten  Minuten  des 
Morgens  und  der  Hoffnung  kamen  an  —  der  bewaffnete  Komet 
der  Angst  zerging  an  den  ewigen  Sonnen  in  Nebel,  und  ich  hielt 
es  fur  Siinde,  von  der  Vorsehung  so  leicht  zu  erwarten,  daB  sie 

den  hochsten  Schmerz  iiber  ein  wundes  Herz  verhange 

O  warum  befurchten  wir  vom  Allgutigen  viel  leichtsinniger 
die  tiefsten,  uns  ganzlich  auflosenden  Wunden  als  von  jedem 
irdischen  Freund?  Ach  darum,  weil  wir  die  Gegenwart  ohne 
die  Zukunft  so  schlecht  lesen  -  weil  wir  so  wenig  darauf  mer- 
ken,  daB  die  mit  Tranen  gemachten  Farben  unsers  Schicksals,  20 
die  gleich  den  Farben  auf  nassem  Kalk  anfangs  zerflossen,  un- 
kenntlich  und  verworren  sind,  endlich  zu  schonen  Bildern  trock- 

nen 

Hermine!  Zuversicht  auf  Menschen  und  auf  Gott  istdie  Ietzte 
und  schwerste  Tugend  -  die  lichter-  und  blumenvolle  Natur  gibt 
uns  nichts  als  VerheiBungen,  und  nirgends  stehen  in  ihr  die  grin- 
senden  Gorgonen-Larven  unserer  Fieber.  -  So  fasse  du  meine 
Hand  und  laB  uns  nicht  nur  gut  sein,  sondern  auch  froh.  Die 
Freude  ist  der  Sommer,  der  die  innern  Friichte  farbt  und  schmilzt. 
Die  Blute  tragt  und  gibt  nicht  nur  kunftige  Friichte,  sondern  auch  30 
gegenwartigen  Honigsaft,  und  man  darf  ihr  diesen  nehmen  und 
schadet  jenen  nicht.  Die  zur  rechten  Tagszeit  abgenommenen 
Blumen  der  Freude  bleiben,  wie  die  gepfliickten  neben  mir,  ewig 
in  der  Erinnerung  ofFen  und  wach,  indes  die  griinenden  sich  bald 

1  Meistens  wenn  der  Mond  gerade  iiber  oder  unter  uns  wegriickt,  regen 
sich  Winde. 


ACHTER  REISE-ANZEIGER  89I 

schlieBen,  bald  offhen.  Und  obgleich  wir  Menschen  wie  SchifFe1 
nur  blind  und  in  einer  Nacht  und  weinend  in  die  See  des  Lebens 
gehen:  so  laufen  wir  doch  am  hellen  Tage  heiter  und  besonnen 
im  Hafen  der  seligen  Peters-Insel  ein,  worauf  die  Toten  wohnen.  - 
Aber,  Hermine,  nun  stille  bald  meinen  Wunsch  und  meine 
Furcht  und  hebe  aus  deinem  Geburtstage  eine  Minute  fiir  mich 
heraus,  worin  du  mir  sagst:  >Mein  neues  Jahr  ist  schon  -  es  bringt 
mir  Freude  und  Liebe,  und  ich  teile  beide  wieder  aus.< 

j.  p.« 

io  ACHTER  REISE-ANZEIGER 

Fata:  meine  Todesangst  vor  dem  ReichsschultheiB  —  peinliches  Interroga- 
torium  —  zwei  Siebenkase  —  zwei  J.  P's 

Werke:  Avertissement  meiner  Rettungsanstalten  auf  dem  Buchbinderblatte, 
fur  romantische  Scheiritote  -  Personalien  vom  Bedienten-  und  Ma- 
schinenmann  —  Fabel  vom  zepterfahigen  Baren  -  Ausziige  aus  Brie- 
fen 

»Was  zu  arg  ist,  das  ist  zu  arg«,  sagt*  ich  den  zehnten  Wonne- 
oder  Marter-Monat.  Aber  der  Leser  richte  selber.  Er  weiB  gewiB 
hinlanglich,  daB  ich  keine  Seidenraupe  bin,  die  an  jedem  welken 

20  oder  nassen  Blatt  des  Freuden  -Tulpenbaums  erkrankt:  umge- 
kehrt  mach'  ich  mir  aus  jedem  Blatt  eine  Welt.  Und  die  Karten 
meiner  schonsten  idealischen  Welt  sind  fur  andere  so  leer  und 
ihren  Landkarten  der  wirklichen  so  entgegengesetzt  wie  Seekar- 
ten,  auf  denen  gerade  das  Land  durch  leere  Raume  angedeutet 
und  nur  Meerestiefen  und  Strome  und  Ankergriinde  abgezeich- 
net  sind.  Ich  wollte  gerade  diesen  Band,  so  wie  ich  ihn  mit  dem 
Anfange  des  ersten  (mit  einem  Andenken  an  die  gute  Hermine) 
anfing,  mit  dem  Schlusse  des  ersten  beschlieBen,  namlich  mit  der 
Feier  meiner  Verlobung,  welche  eben  in  den  zehnten  flel  -  als  ein 

30  Niirnberger  Stadtdiener  anklopfte.  Ich  hatte  bisher  mehr  an  meine 
sprachlose  Huldin  als  an  den  geschwatzigen  Unhold  Rokeritz 
und  an  die  Gefahrlichkeit  meiner  graf  lichen  Standeserhohung 
und  der  Adoption  Georgettens  gedacht;  aber  jetzt  schlossen  alle 

1  Die  Schiffe  gehen  nachts  ziir  See,  weil  dann  Landwinde,  und  kommen 
am  Tage  an,  weil  dann  Seewinde  blasen. 


892  PALINGENESIEN 

bewafTnete  Gespenster  der  Furcht  einen  Kreis  um  meine  ver- 
bundnen  Augen,  sobald  der  Stadtdiener  sagte,  er  habe  Befehl, 
mich  sogleich  nach  dem  MGaraus**1  zu  Sr.  Gnaden,  dem  Herrn 
ReichsschultheiB,  zu  fiihren.  »Es  ist  mein  eigner  Garaus«,  sagt* 
ich  und  alternierte  mit  Wangenrot  und  -weiB,  wie  der  Rock  des 
Dieners  war,  der  gleich  einem  an  der  Wand  reifenden  Apfel  sich 
in  beide  Farben  teilte.  Und  iiber  den  triiben  Abend  hing  noch 
dazu  ein  triiber  Himmel,  der  wie  ein  weibliches  Auge  das  Vergie- 
Ben  seiner  Tropfen  nur  bis  auf  die  Nacht  verschob. 

Ich  werde  viele  Leser  haben,  die  nicht  wissen,  wer  der  Reichs-  10 
schultheifi  ist:  es  ist  der  alteste  unter  den  dreizehn  alten  Biirger- 
meistern,  ferner  ist  er  noch  erster  Losunger,  kaiserlicher  wirk- 
licher  Rat,  Siegelbewahrer  der  Reichskleinodien  und  dabei  Reichs- 
schultheiB, namlich  Bewohner  der  Reichsveste,  die  sich  durch  die 
malerischen  Aussichten  nach  auBen  und  durch  die  nach  innen  - 
namlich  auf  die  beruhmten  Gemalde  in  der  Kaiserstube,  in  der 
Ritterstube  und  dem  Kurfiirstensaal  -  leicht  empfehlen  kann. 

•  Was  ich  mir  vom  ReichsschultheiB  zu  versprechen  hatte,  war 
Holle  und  Verdammnis  fur  meine  Philanthropic  gegen  Georgette 
und  fur  den  Namenraub:  ich  wurde  gerade  durch  das  verdammt,  20 
wodurch  andere  loskommen,  durch  den  Beweis,  daB  ich  nicht  der 
Vater  sei.  Wofiir  sollt*  ich  mich  ausgeben,  fur  den  Comte  -  oder 
fur  den  Inspektor  -  oder  fur  mich?  -  Endlich  schien  mir  die 
Behauptung,  daB  ich  —  ich  selber  sei,  doch  unter  alien  Thesen 
am  erweislichsten  zu  sein,  und  ich  konnte  den  Satz  postulieren; 
auch  muBt'  ich,  wenn  ich  das  Grafendiplom  hatte  behaupten 
wollen,  die  unschuldige  Emigrantin  entweder  zur  liigenhaften 
Helfershelferin  oder  zur  Denunziantin  machen,  und  was  war  nicht 
uberhaupt  von  einem  Jahrhundert,  das  durch  den  schwarzen 
Strulbrugs-Stirnfleck*  seines  feigen,  unverschamten,  blutschul-  30 
digen  Vertreibens  der  Vertriebnen  unsterblich  ist,  in  einer  Rolle 
der  letztern  zu  fiirchten?  -  Kurz  ich  wollte  sagen:  me  void!  und 
neben  dem  Beweis  durch  Augenschein  noch  den  durch  eine  brief- 

1  Der  Garaus  ist  die  Stunde,  wo  die  Sonne  untergeht. 
*  Die  Menschen  in  Gullivers  Reisen,  die  nie  starben,  brachten  bei  der 
Geburt  einen  schwarzen  Fleck  auf  der  Stirne  mit. 


ACHTER  REISE-ANZEIGER  893 

liche  Urkunde  fuhren,  die  ich  mir,  eh*  ich  mit  dem  Stadtdiener 
ging,  aus  der  Zehischen  Buchhandlung  bringen  HeB,  namlich 
mein  von  Herrn  Pfenninger  gestochnes  Bild. 

Es  argert  mich,  daB  jetzt  der  Leser  aufpassend  in  seinem  Sessel 
sitzt  und  sich  behaglich  und  ganz  mit  Interesse  die  Gefahren  aus- 
malet,  denen  ich  (hofft  er)  nun  auf  den  Nurnberger  Gassen  ent- 
gegengehe.  Wer  nicht  das  Gluck  hatte,  so  oft  verklagt  zu  werden 
wie  Kato  —  und  ebensooft  losgesprochen,  namlich  achtzig  Mai  — , 
oder  eines  von  beiden  selber  zu  tun,  der  hat  ungern  mit  der  Justiz 

10  Verkehr  und  erschlagt  sogar  unter  dem  Protektorium  einer  Not- 
wehre  nur  mit  Widerwillen  einen  Mann,  bloB  weil  ihm  die  intri- 
kate  Katechetik  von  Kampfrichtern  widersteht,  die  den  Klienten 
leicht  zur  Oberleuterung  der  Hollenrichter  schicken.  Die  Wahr- 
heit,  besonders  die  gerichtliche,  ist  zwar  auf  dem  Boden  ihres 
Brunnens  wirklich  zu  erfischen;  aber  der  Brunnen  ist  —  noch  ab- 
gerechnet,  daB  einen  die,  welche  daraus  schopfen,  leicht  darin 
ertranken  -  so  verflucht  tief,  daB  man,  wie  bei  dem  auf  derselben 
Reich sveste  des  SchultheiB  befind lichen  sogenannten  tiefen  Brun- 
nen1, der  nach  einem  darneben  hangenden  Tafelein  sechsund- 

20  funfzig  Klafter  (jede  zu  sechs  Nurnberger  Schuhen)  hinunter- 
geht,  recht  gut  zweiunddreiBig  (Jahre)  zahlen  kann,  bis  etwas 
hinuntergelangt. 

Die  krummgeworfne  Gassen-Schlangenlinie,  wodurch  mich 
der  Stadt-Sbirre  fiihrte  wie  ein  Mittelwachter  seinen  Juden,  bil- 
dete  mir  die  loxodromische  Linie  des  rechtlichen  Weges  ab.  Zum 
Ungliick  fiel  mir  noch  die  Behauptung  mehrerer  Gelehrten  bei, 
daB  Niirnberg  sich  vor  Zeiten  aus  Venedig  auBer  Seifenriegel  die 
Gesetze  (sind  aber  diese  keine  Seife?)  spedieren  habe  lassen:  ach, 
seufzte  ich,  hier  sind  auch  heimliche  Gerichte  zu  gewarten,  die 

30  noch  schlimmer  sind  als  heimliche  Siinden,  namlich  heimliche 
Friedensartikel  und  Instruktionen,  und  wiewohl  die  Patrizier 
uber  die  ganze  Stadt  die  genauesteRechenschaft  abzulegen  habenr 
namlich  einmal  dem  Kaiser  in  Person  und  einmal  vor  dem  Jiing- 
sten  Gericht,  gedachte  man  wohl  da  meiner,  und  half*  es  mir 
viel?  - 

1  Mutters  Beschreibung  der  Reichsstadt  Niirnberg  S.  47. 


894  PALING ENESI  EN 

Mein  einziger  Trost  war  mein  Kupferstich,  der  mir  zwar  ve- 
niam  aetatis  gibt  und  mich  zu  alt,  aber  doch  kenntlich  vorstellt. 
Ich  und  der  Stadtdiener  kamen  endlich  bei  Nacht  und  Nebel  in 
einen  Hof,  dessen  Portier  ein  angemalter  Geharnischter  war.  Ich 
wuBte  noch  nicht,  daB  um  mehrere  Hauser  solche  gefarbte  und 
holzerne  Kiistenbewahrer  und  pratorianische  Kohorten  wachen. 
Als  ich  ohne  Schwierigkek  von  dem  gemalten  Schweizer  einge- 
lassen  wurde,  tat  ich  das  SchuBgebet,  daB  die  heilige  Anna  mir 
ihren  Arm  leihen  -  welches  sie  machen  konnte,  da  Niirnberg  den 
Arm  unter  den  Reichsheiligtiimern  in  einem  goldnen  Etui  oder  10 
Armel  aufbewahrt  -  und  mich  aus  der  Affare  ziehen  mochte, 
wenigstens  durch  Geld.  Vor  der  Treppe  lag  eine  passive  Immo- 
biliar-Schuhbiirste  auf  dem  Riicken,  am  Pfeiler  hing  folgende  in 
Nurnberg  haufige  Warnungstafel: 

Wer  tretten  will  die  Stiegen  herein, 

Dem  sollen  die  Schue  fein  sauber  sein, 

Oder  vorhero  streiflen  ab, 

DaB  man  nit  driiber  zu  klagen  hab. 

Ein  Verstandiger  weiB  das  vorhiri, 

Wie  er  sich  halten  soil  darin.  20 

Da  ich  letzterer  war,  wetzt'  ich,  ohne  Hinsicht  auf  das  Biirst- 
Edikt,  ein  paarmal  die  Stiefel  ab. 

Auf  jeder  Staffel  war  ich  mir  des  haBlichen  Patriziers  mit  den 
aufsteigenden  Fruhlingszeichen  gewartig,  die  fur  mich  nieder- 
steigende  waren.  Sobald  ich  nur  den  ReichsschuItheiB  erblickte - 
der  so  viel  Pliisch  anhatte  als  StuB,  aber  jiingern  -,  so  lebt'  ich 
wieder  auf:  nicht  als  ob  er  anders  ausgesehen  hatte  als  ein  in  Stein 
gehauener  Mars,  sondern  bloB  weil  keine  Gegenwart  so  viele 
Realterritionen  und  Ruprechte  und  Wauwaus  gegen  mich  zu- 
sammenbringen  kann  als  mein  fataler  frere  terrible,  die  Phantasie.  30 
Der  Reichsschulz  fing  an,  und  seine  Worte  folgten  gleichsam  wie 
die  StoBe  eines  Eisenhammers  abgemessen  und  weit  abgeteilet 
aufeinander:  »Der  Herr  Graf  von  Baraillon  halten  sich  schon 
lange  hier  auf?«  -  Ein  anderer  ware  wieder  zur  Luge  iiberge- 
treten,  weil  er  gezweifelt  hatte,  ob  heute  uberhaupt  der  Miinz- 


ACHTER  REISE-ANZEIGER  895 

probationstag  seines  Namens  sei;  allein  ich  versetzte:  »Nicht 
lange,  sondern  gar  noch  nicht!«  -  »Wie  denk'  ich  mir  das?« 
fragte  der  Reichsschulze.  »Der  Herr  Graf,  dessen  Sie  gedenken,« 
(fuhr  ich  fort)  »steht  nicht  hier,  sondern  in  Hof.«  -  »Sind  Sie  nur 
ein  Verwandter  von  ihm  oder  wie?«  fragt'  er  fatal  fort. 

Jetzt  hob  sich  meine  zehnte  oder  diokletianische  Verfolgung 
erst  recht  an. 

Eine  in  lauter  abgefragte  Repliken  zerstiickte  Verteidigung 
taugt  und  wirkt  nichts,  ebensogut  konnte  eine  mehrere  Male 

io  abgedriickte  Windbiichse  mit  ihren  LuftstoBen  eine  Windmiihle 
treiben;  ich  ging  daher  wie  eine  Sonne  auf  und  blies  folgenden 
langen  Ostwind  vor  mir  her:  »Die  Justiz  im  despotischen  Orient 
ist  zwar  schnell,  im  freien  Okzident  aber,  hofF  ich,  langsam,  zum 
groBten  Vorteil  der  Parteien  und  Richter.  Wie  die  Natur  die 
Fliisse,  z.  B.  die  Seine,  die  nur  eine  Viertelmeile  von  Paris  abliegt, 
erst  in  den  Krummungen  von  funfzehn  dahinlaufen  lasset,  damit 
der  Strom  ein  langeres  Ufer  anfeuchte  und  mehrere  Kustenbe- 
wohner  begliicke  und  segne :  so  wird  der  Weg  Rechtens,  anstatt 
gerade  wie  eine  Chaussee,  vielmehr  durch  unendliche  Zickzacks 

20  zum  groBten  Nutzen  derer  fortgefiihrt,  die  daran  sitzen  in  ihren 
Zoll-  und  Kaufhausern.  Die  Parteien  stehen  sich  noch  besser. 
Doktor  Radcliffe  lieB  einen  Hypochrondristen  den  weiten  Weg 
zu  einem  miindlichen  Rezepte  machen  —  als  er  ankam,  war  der 
Doktor  schon  fort  und  nur  seine  Anweisung  da,  wohin  er  ihm 
nachzureisen  habe  -  der  Patient  verfehlte  ihn  auch  auf  der  zwei- 
ten  Reise;  aber  endlich  auf  der  dritten  merkt*  er,  daB  er  ohne  den 
Doktor  genese,  und  schrieb  es  diesem.  Das  war  eben  mein  Plan, 
sagte  Radcliffe.  Gleicherweise  ist  die  Verzogerung  eines  Urtels 
selber  eines,  der  Aufschub  der  Strafe  eine,  namlich  fur  die  streit- 

30  siichtige  und  verdammliche  Partei,  und  eine  doppelte,  wenn  sie 
nachher  gewann  und  ihren  ungerechten  Gewinst  recht  lange  ver- 
riegelt  sah;  wie  der  Tod  ist  dann  die  Justiz  dem  Gerechten  nur 
ein  Schlaf,  dem  Ungerechten  aber  eine  Strafe. 

Hingegen  ich,  gnadiger  Herr,  kenne  im  Gehen,  Fahren,  Essen, 
Reden,  Lesen,  Handeln  nichts  eigentlich  HaBliches  als  blofl  Lang- 
samkeit:  vollends  in  der  Justiz !« In  der  Tat  hatt'  ich  bloB 


896  PALING  ENESI  EN 

dieses  hafilichen  Austerschritts  wegen  mir  unter  dem  Laufertore 
den  Notnamen  aus  dem  fremden  Passe  entlehnt,  weil  ich,  obwohl 
nicht  die  Waage  und  das  Seitengewehr  der  Gerechtigkeit,  doch 
unbeschreiblich  das  schwere  Fortschieben  dieser  petrifizierten, 
nur  mit  ihrem  FuBgestelle  schreitenden  Gottin  scheue:  wie,  ich 
so  lite  in  einer  Personal-Blockade  von  einem  Gefangnisfieber  zum 
andern  sitzen,  bis  von  Nurnberg  nach  Hof  geschrieben  war  und 
wieder  zuruck?  - 

Alles  dieses  -  und  meinen  wahren  Namen  -  und  alle  meine 
Niirnberger  Fata  bis  auf  diesen  Reise-Anzeiger  sagt*  ich  dem  10 
ernsten  SchultheiB  heraus.  Ich  tat  nicht  die  geringste  Wirkung 
auf  sein  Gesicht,  das  immer  laurender  aussah,  gleichsam  als  sen* 
er  mich  immer  naher  auf  das  aufgestellte  SelbstgeschoB  losschrei- 
ten  und  bald  am  Koder  des  aufgespannten  Hahnes  ziehen.  Er 
stellte  bloB  eine  kalte  Frage  nach  meinen  »vorhabenden  Geschaf- 
ten«  in  Nurnberg.  Ich  berichtete  dem  Reichs-Gemeiner  gern,  daB 
ich  hier  fur  Siebenkas  eine  zweite  Auflage  unter  dem  Titel  »Jean 
Pauls  Fata  und  Werke  vor  und  in  Nurnberg«  zu  bearbeiten  an- 
gefangen.  —  »Sie  meinen,  wenn  ich  Sie  recht  verstehe,«  (versetzte 
der  Schulz)  »des  beruhmten  Herrn  Professors  Siebenkees1  kleine  20 
Chronik  der  Reichsstadt  Niirnberg.«  —  »Ich  meine«,  sagt*  ich, 
»seine  Teufels-Papiere,  die  der  gute  Mann  ohnehin  jetzt  nicht 
vornehmen  wurde,  da  er  in  Wetzlar  ist.«  -  »Siebenkees«,  sagte 
der  Schulz,  »ist  aber  tot.«  —  »Allerdings  schien  es  so,«  (sagt*  ich 
und  merkte  das  MiBverstandnis  nicht)  »allein  Sie  werden  aus  sei- 
nem  Leben  von  mir  wissen,  daB  er  nach  seinem  Ableben  die  Stadt 
verlieB  und  Vaduzer  Inspektor  wurde.<*  -  Aber  welches  fatale 
Konnexionen-  oder  Verbindungsspiel  zusammengeflochtener 
Ahnlichkeiten  zweier  Menschen!  — 

»Ich  hore  wohl,«  sagt*  er  ruhig,  »Sie  meinen  einen  andern  ver-  30 
storbnen  Siebenkees  als  den  Altdorfer;  auch  miissen  Sie  einen 
andern  Jean  Paul  meinen,  denn  einen  kenn*  ich  von  Akademien 
her  recht  gut,  und  er  ist  mein  Spezial.«  Der  Reichs-Gemeiner 

1  Als  ich  Siebenkasens  Leben  edierte,  war  sein  gelehrter  weitlauftiger  Na- 
men svetter  Siebenkees  in  Altdorf  noch  am  Leben;  er  hat  auch  iiber  die 
Inquisition  geschrieben. 


ACHTER  REISE-ANZEIGER  897 

griff  wie  ein  Fieber  oder  wie  Bilsensamen  meinen  Verstand  an: 
ich  konnte  nichts  herausbringen  als  meinen  -  Kupferstich,  den 
ich  vor  ihm  mit  der  Bitte  aufrollte,  einen  Blick  darauf  zu  werfen. 
Er  ergriff  das  Blatt  viel  lebhafter  und  froher,  als  die  Umstande 
versprachen,  und  sagte:  »Recht  gut  getrofTen,  aber  ein  wenig  zu 
jung,  wie  Sie  sogleich  sehen  werden.«  -  Erstaunt  sagt*  ich: 
»Zu  alt  meinen  Sie  -  aber  obgleich  wir,  ich  und  Friedrich  II., 
noch  nicht  alt  genug  fur  ein  Heldengedicht  wurden:  fur  einen 
Kupferstich  wird  man  leicht  alt  genug  und  ihm  mit  der  Zeit  zum 

10  Sprechen  ahnlich.«  -  Er  schien  mich  wenig  zu  verstehen  und  trieb 
mein  Staunen  durch  die  Worte  noch  hoher:  »Sie  sollen  es  selber 
sagen,  ob  Jean  Paul  nicht  getrofTen  ist:  denn  in  wenig  Minuten 
kommt  er  selber.«KeinLeser  kann  noch  in  einer  solchen  cimmeri- 
schen  Thomasnacht  herumgewanket  und  herumgegriffen  haben 
wie  ich.  Ich  beteuerte  dem  Schulzen,  mein  Bild  sei  kein  fremdes, 
und  iiberhaupt  sei  das,  was  hier  in  meinem  Gilet,  Hemde,  Kleide 
und  meiner  Chaussure  stecke,  alles,  was  von  mir  auf  der  Welt 
herumgehe:  andere  Exemplare  seien  verfalscht.  Ja  ich  erbot  mich, 
dem  Reichs-Gemeiner  das  Manuskript  der  Palingenesien  zu  zei- 

20  gen,  worin  es  weitlauftig  stande,  wie  ich  hieBe.  -  Aber  mit  einer 
ganz  skeptischen  Miene,  die  mich  genug  'fur  mein  PaB-Falsum 
abstrafte  und  die  mir  zu  sagen  schien,  daB  eine  Unwahrheit  und 
ihr  Widerruf  einander  gegenseitig  entkraften,  zog  er  bloB  die 
Anekdote1,  ohne  sie  zu  applizieren,  bei  den  Haaren  her,  daB  ein 
irlandischer  Pfarrer,  namens  Eccles,  sich  dadurch  fur  den  Ver- 
fasser  von  Mackenzies  »Mann  von  Gefuhl«  auszugeben  gedacht, 
daB  er  vom  Buche  eine  Kopie  genommen  und  sie  mit  einigen 
Einschiebseln  und  Rasuren  versehen,  urn  sie  als  Manuskript  zu 
produzieren. 

30  Jetzt,  wo  ich  das  Schlachtfeld  schweigend  und  mit  verlanger- 
tem  Kinne  raumen  muBte  -  welches  Lavater  erhebet  mit  den 
Worten:  je  mehr  Kinn,  desto  mehr  Mensch  -,  kam  ein  Diener 
gelaufen  und  meldete  die  Ankunft  des  Herrn  Jean  Pauls  und 
machte  schon  die  Tiiren  auf,  die  mich  leicht  an  die  bei  geoffneten 
Tiiren  publizierten  Todesurtel  erinnerten. 
1  Johnsons  Leben  von  Boswell. 


898  PALINGENESIEN 

Ein  Herr  trat  herein,  der  das  Gesicht  riickwarts  nach  dem  Be- 
dienten,  dem  er  noch  etwas  sagte,  drehte;  und  als  er  nahe  an  mir 
es  herumkehrte,  ach  da  wars  mein  alter  -  Siebenkas,  auf  dessen 
Jonathans-Brust  ich  sogleich,  vom  elektrischen  Schlage  der  Freude 
getroffen,  sprachlos  niedersank.  Nicht  von  der  Entwickelung  wurd' 
ich  so  gliicklich  erschiittert  —  denn  ich  wuBte  von  der  Verwicke- 
-  lung  nichts  mehr  -,  sondern  von  dem  schnellen  Heraustreten 
eines  warmen  Angesichts  wie  einer  Sonne  mitten  aus  dem  nassen 
frostigen  Nebel,  der  mich  iiberzog.  Endlich  sah  er  mich  an  und 
fragte  freudig  iiber  meine  Freude:  »Nun,  Paul?«  -  Und  ich  ant-  10 
wortete:  »Ach  wo  kommst  du  denn  her?  -  Und  wie  ists  mit  dir?- 
Ja,  ja,  gib  du  dich  nur  fur  mich  aus,  du  Lieber«;  und  ich  konnte 
mich  nicht  satt  an  seiner  Gegenwart  sehen.  - 

O  nur  in  den  Minuten  des  Wiedersehens  und  der  Trennung 
wissen  es  die  Menschen,  welche  Fiille  der  Liebe  ihr  Busen  ver- 
berge,  und  nur  darin  wagen  sie  es,  der  Liebe  eine  zitternde  Zunge 
und  ein  iiberflieBendes  Auge  zu  geben,  wie  Memnons  Statue  nur 
tome  und  bebte,  wenn  die  Sonne  ham  und  wenn  sie  untetgingy 
am  Tage  aber  bloB  warm  von  ihren  Strahlen  wurde! 

Der  Leser  wird  es  nicht  abwarten  konnen,  bis  ich  den  Inspek-  20 
tor  ernstlicher  frage,  welche  gute  unsichtbare  Hand  mir  denn 
diesen  mit  alien  Fruchtarten  geputzten  Christbaum  so  schnell  in 
meinen  Niirnberger  Wolfsmonat  getragen,  worin  der  Knecht 
Ruprecht  so  drohend  auf  mich  losgegangen  war;  -  ich  fragte 
endlich  ernstlicher,  und  Siebenkas  versetzte:  »Das  gehort  in  ein 
anderes  Kapitel.«  - 

Und  dahin  will  ichs  auch  tun,  namlich  ins  letzte:  iiberhaupt 
bilden  die  neuen  Fruchtknoten  und  deren  Friichte  -  der  Auf- 
schluB  seiner  Erscheinung  -  die  besten  Nachrichten  vom  Reichs- 
schultheiB  -  der  Ausgang  von  diesem  Geburtstage  meiner  Ver-  30 
lobung  -  alle  diese  Dinge  bilden  einen  farbigen  Herbstflor  des 
Buchs,  womit  ich  am  schicklichsten  das  letzte  Kapitel  uberziehe 
und  so  das  ganze  Paradiesgartlein  wie  mit  einer  Lusthecke  blti- 
hend  riinde  und  umschlieBe. 

Allein  well  ich  mir  gedenken  kann,  wie  sehr  sich  alle  Leser 
schon  mit  Bienenflugeln  durch  diese  Hecke  und  diesen  Flor  zu 


ACHTER  REISE-ANZEIGER  899 

schwarmen  sehnen:  so  mach'  ich  mirs  zur  Pflicht,  sie  hier  mit 
meinen  (AuBen-)  Werken  in  Niirnberg  gar  nicht  aufzuhalten, 
sondern  sie  sogleich  in  die  satirischen  umgearbeiteten  Werke,  die 
mir  der  Inspektor  mitgebracht  -  denn  jeder  Mensch  will  an  seiner 
zweiten  Edition  doch  auch  selber  etwas  umbessern  -,  einzulassen. 
Urid  darauf  machen  wir  uns  alle  in  den  letzten  Anzeiger  hinein. 

Ich  weifi  nicht,  ob  mehrere  wie  ich  in  Siebenkasens  Satiren 
wahrnehmen,  dafi  er  nach  der  Welt  mit  groBern  Gallensteinen 
wirft,  als  ich  tue  und  als  er  selber  in  seiner  Gallenblase  hat. 

10  Avertissement  meiner  Rettungsans taken  aufctem  Buchblnderhlatte^ 
fur  romantische  Scheintote1 
Ohne  dichterische  Ungliicksfalle  kann  man  bekanntlich  keinen 
guten  Roman  und  keinen  guten  Bankerutt  machen;  daher  uber- 
steigt  die  Sterblichkeit  in  Romanen  bei  weitem  die  in  Batavia, 
und  beinahe  jeden  Tag  sen'  ich  ansehnliche  Leserinnen  mit  dem 
Schnupftuch  in  der  Hand  als  Klageweiber  junge  Leseleichen  oder 
andere  vom  Autor  Justifizierte  zu  Grabe  begleiten.  Ich  fasse  mich 
und  gehe  niemals  mit,  sondern  wecke  in  meinem  Exemplar  lieber 
den  Lazarus  auf.  Ich  ringe  namlich  -  wenn  ich  ans  Ende  des  Buchs 

20  gelange,  wo  der  Autor  seinen  scharfen  Ameisenpflug  uber  seine 
kleinen  Weltgloben  und  deren  Volkerschaften  zieht  und  wie  ein 
halber  Unsinniger  alles  niederfahrt  und  abschneidet  -  nie  un- 
tatig  dariiber  die  Hande  oder  laufe  Iamentierend  auf  und  ab,  son- 
dern ich  ziehe  ganz  gesetzt  meine  Handpresse  hervor  und  drucke 
damit  in  fortlaufender  Seitenzahl  das  weiBe  Buchbinderblatt  mit 
nichts  Genngerem  als  mit  einem  kurzen  Supplement-Adviso  voll, 
daB  mehrere  Scheintote  der  vorhergehenden  Seiten  zur  allgemei- 
nen  Freude  wieder  zum  Leben  und  auf  die  Beine  gebracht  worden. 
So  wehr*  ich  in  meinen  Exemplaren  dem  romantischen  Landsterb. 

30  Das  Buchbinderblatt  wird  durch  dieses  Riickendekret  der  Stein- 
bock,  worein  die  Sonnenwende  des  lebendigen  Aufsteigens  fallt, 
oder  das  Tal  Josaphat,  wo  die  Toten  auferstehen. 

Es  ist  bekannt  -  und  die  lebendigen  Beweise  davon  gehen 
herum  — ,  daB  ich  oft  mit  einigen  Lettern,  Abteilungszeichen  und 
1  Teufels-Papiere  S.  161. 


900  PALINGENESIEN 

Spatiis  ausreiche  und  mit  solchen  Sarritatsanstalten  manchen 
armen  hingedruckten  Narren  wieder  aufstelle.  Das  Buchbinder- 
blatt  ist  nochvorhanden,  worauf  ich  den  guten  eingefrornen  Sieg- 
wart  legte  und  den  Schelm  so  lange  rieb  mit  Druckerballen  statt 
mit  Flanell,  bis  er  seine  naturliche  Warme  wiederbekam  und  seine 
Sprache :  gegenwartig  sitzt  der  ehrliche  Schlag,  so  gesund  als  ein 
Hecht  im  Wasser,  bei  mir  selber  zur  Miete  und  zeugt  seine  jahr- 
lichen  Kinder  und  will  mit  eignen  Handen  die  Supplementbande 
seiner  Lebenshistorie  nachstoBen.  Der  gute  Mensch  kann  -  nach 
Druck  und  Papier  zu  urteilen  -  noch  langer  leben  als  ich  und  10 
Methusalem.  - 

Madchen  voll  Liebe  werden  so  leicht  scheintot  als  die  Pferde 
englischer  Bereiter  oder  als  betastete  Raupen,  die  sogleich  erhar- 
ten:  das  frischte  mich  am  meisten  an,  daB  ich  neulich  an  einer 
gewissen  Mariane  in  einem  Roman  -  von  Siegwarts  lange  ver- 
weseter  die  Namensbase  -  meinen  Teichmeyerschen  Lebensbal- 
sam,  die  Druckerschwarze,  versuchte  und  ihr  das  antisepticum 
auf  dem  letzten  Blatte  eingab :  es  gelang  wider  die  Erwartung  aller 
Leser,  und  in  der  Ehe,  worein  sie  mit  ihrem  Wilhelm  trat,  blieb 
ich  mehr  als  einmal  der  ordinare  Gevatter.  -  Und  so  mussen  20 
mehrere  von  den  Froschschneppern  tragischer  Federn  erspieBete 
Leute  und  Werthersche  Selbstschutzen  noch  am  Leben  sein,  wel- 
che  es  bezeugen  konnen,  daB  ich  stundenlang  am  Letternkasten 
gestanden  und  weder  Bleilettern  -  da  Blei  ein  so  gutes  SchuB- 
wasser  gibt  -  noch  Druckerflrnis  -  das  beste  Brandmittel  - 
gesparet  habe,  um  ihnen  auf  einem  Blatte  das  Lebenslicht  anzu- 
ziinden,  das  ihnen  alle  vorhergehenden  auszublasen  unternom- 
men.  — 

Totgemacht  hab*  ich  noch  wenige  auf  dem  Blatt  hinter  dem 
Finalstock;  nur  selten  nab*  ich  einen  und  den  andern  elenden,  30 
von  franzosischen  Romanen  mit  Wonnemonaten  und  agypti- 
schen  Fleischtopfen  iiberhauften  Filou  durch  ein  wenig  Ol  und 
RuB  vergiftet  oder  einen  Finanz-  und  Akzispachter  mit  derHand- 
presse  erquetschet  oder  Minister  wie  Terray  mit  Druckerahlen 
erstochen. 

Ich  biete  demnach  meine  Toten-Wecker  dem  leidtragenden 


ACHTER  REISE-ANZEIGER  9OI 

Deutschland  in  Pleureusen  an.  Ich  mache  mich  anheischig,  Tote 
jeder  Art  -  sie  mogen  am  Nerven-Pips  oder  am  Gries  oder  an 
Hiobskrankheiten  oder,  wie  GroBpolen,  am  verworrenen  polni- 
schen  Zopf  gestorben  sein  -  und  nach  jeder  Zeit  -  sie  mogen 
schon  drei  Tage  oder  drei  Jahre  unter  der  Erde  gelegen,  ja  sie 
mogen  schon  aus  Folio  in  den  kleinsten  Format  gebrochen  sein  - 
-  falls  nur  das  Buchbinderblatt,  dieses  notige  Liiz-  und  Heiligen- 
bein1,  noch  ganz  ist,  so  erbiet*  ich  mich,  alle  Tote  —  nur  die  in 
Plutarchs  Biographien  ausgenommen,  zu  deren  Herstellung  mir 
10  grieckische  Matri^en  und  Patrh(en  fehlen  —  wieder  so  gut  zu  re- 
staurieren  und  aufzustellen,  daB  sie  so  lange  leben  als  jeder  im 
Buch,  namlich  so  lange  als  das  Buch.  Man  schickt  mir  bloB  sein 
Exemplar  ins  Haus  nebst  dem  Avis  des  angeplatzten  Helden,  der 
erhalten  werden  soil,  und  bekommt  dann  den  signierten  Men- 
schen  lebendig  und  genesen  zuriick. 

Personalien  vom  Bedienten-  und  Maschinenmann* 

Ich  werde  sie  nie  auf  der  Erde  referieren  -  jeder  Hund  kennt 
da  den  Maschinenmann  — ;  aber  auf  dem  Saturn  teil'  ich  sie  mit 
Vergnugen  mit.  Ich  habe  einige  HofFnung,  nach  dem  Tode  mein 

20  neues  Jerusalem  auf  dem  Saturn  zu  finden,  da  kein  anderer  Planet  ■ 
solche  Lichtanstalten,  einen  siebenarmigen  Leuchter  von  Monden 
und  eine  leuchtende  Nachtschlange  von  einem  Doppelring,  auf- 
zeigt.  Auch  kann  ich  nicht  eher  selig  werden,  als  bis  ich  vom 
verdammten  Maschinenmann  wenigstens  130  Millionen  Meilen 
absitze;  und  das  tu*  ich  auf  dem  Saturn  in  der  Erdferne. 

Saturnianer!  -  werd*  ich  anfangen,  noch  eh'  ich  drunten  einge- 
sargt  bin  -  das  Neueste  und  Tollste  auf  der  Erde  ist  der  Ma- 
schinenmann auf  der  Insel  Barataria,  aus  der  ich  vor  wenigen 
Stunden  abstiefi. 

J°  Da  er  mich  oft  besucht  hatte  -  durch  eine  Visitenkarte,  wie  er 
denn  die  Reise  um  die  Welt  durch  bloBes  Herumschicken  un- 
zahliger  Visitenblatter  getan  -,  so  niacin*  ich  ihm  die  Gegenvisite 

1  Nach  den  Rabbinen  stehet  der  Mensch  aus  einem  unzers  tor  lichen  harten 
Knochelchen,  das  Bein  Liiz  genannt,  von  Toten  auf. 

2  Teufels-Papiere  S.  509. 


9<D2  PALINGENESIEN 

in  natura.  Der  Maschinenkonig  war,  als  ich  landete,  schon  ge- 
weckt,  seine  Bette-  imd  Fenstervorhange  schon  aufgezogen,  Licht 
und  Feuer  schon  gemacht  -  alles  von  Morgues  Wecker. *  Er  und 
seine  Dienerschaft  hatten  eben  die  Kinne  in  die  BartroBmuhle* 
gesteckt  und  wurden  von  dem  darin  trabenden  Gaule  durch  ein 
Muhlenrad  in  corpore  balbiert.  Als  er  glatt  war,  muBte  sein  Arm- 
oder  Deltamuskel  -  so  hieB  ein  Leibpage,  der  sein  dritter  Arm 
war  und  der  das  Schnupftuch  an  ihm  handhabte,  wenn  er  niesete, 
und  der  ihm  Schnupftabak  in  die  Nase  eingab  wie  einem  Pferde 
Arzenei  -  sogleich  laufen  und  die  Sprachmaschine  holen  und  sie  10 
seinem  Bauche  vorbinden.  Der  Maschinenmann  griff  auf  der 
Tastatur  die  ersten  Akkorde  der  Ouvertiire,  welche  hiefien:»Ihr 
ganz  Gehorsamster!  guten  Morgen!«  - 

Ihr  Saturnianer  hattet  ihn  oft  horen  sollen,  wenn  er  als  Bruder 
Redner  vor  Mutterlogen  die  feurigsten  Mauerreden  spielte  oder 
vor  dem  Beichtstuhl  orgelte  oder  als  Professor  der  Eloquenz  ein 
Stilistikum  abfingerte.  Weil  er  nie  eignen  Wind  zum  Reden 
brauchte,  sondern  fremden:  so  hatt'  er  als  Konig  von  England  ganze 
sieben  Jahre  fort  im  Parlamente  reden  konnen.  Nur  Gebete  spielte 
er  nicht  auf  seiner  Maschine :  sondern  der  russische  Resident  muBt'  20 
ihm  das  Betradlein  der  Kalmucken3  verschreiben;  und  daher  kam 
es,  daB  die  Kirchenvorsteher  ihm  nachsagten,  er  habe  nie  fur  sei- 
nen  reisenden  Landesherrn  oder  die  schwangere  Landesherrin 
ein  SchuB-,  StoB-  oder  anderes  Gebet  getan,  sondern  vielmehr 
im  Kirchenstuhl  lustig  etwas  geschwenkt:  aber  das  war  jateben 
seine  Betmaschine  und  sein  Gebrauch  davon,  und  es  wurde  nach- 
her  hohern  Orts  schon  erkannt. 

1  Pater  Morgues  erfand  wirklich  einen  Wecker,  der  alle  diese  Dinge  ver- 
richtet. 

2  In  Kriinitz*  Enzyklopadie  B.  3.  wird  eine  BartroBmuhle  vorgeschlagen,  30 
die  in  einem  runden  Gebaude  mit  Kopflochern  besteht,  in  welche  man  den 
Bart  einsteckt,  den  die  Schermesser  eines  horizontalen,  von  einem  Pferd 
getriebnen  Rades  abnehmen ;  und  sogar  den  Boden  dieses  Unkrauts  mit,  das 
Kinn. 

3  Es  heiflet  Kiiriidu  und  sieht  wie  eine  Kinderklapper  aus:  die  Betformeln 
sind  in  einer  Kapsel  an  einem  beweglichen  Stiele  aufgerollet  -  und  sie  dre- 
hen  heiBet  beten.  An  Orten,  wo  noch  das  Tischgebet  Gesichter  und  Hande 
in  Verlegenheit  setzt,  sollte  man  zum  Betrad  greifen  und  so  das  Dankgebe  t 
vom  Bratenwender  zugleich  mit  dem  Bra  ten  drehen  lassen. 


ACHTER  REISE-ANZEIGER  903 

Jetzt  lieB  er  sich  von  seinen  Leuten  wie  einen  Kegel  aufstellen, 
urn  mit  mir  zu  lustwandeln  und  mir  sein  Schiff  und  Geschirr  zu 
zeigen.  Sogleich  kamen  alle  seine  Trager  gelaufen:  wenn  Fiirsten 
nichts  haben  als  Schleppentrager  -  Infultrager  -  Gebetpolster- 
trager  -  oder  wie  der  Mogul  Betel-  und  Sabeltrager:  so  hat  der 
Maschinenkonig  Uhrtrager,  Huttrager,  Dosentrager,  Lorgnet- 
tentrager  und  einen  Lektor  mit  einem  Buch  unter  dem  Arm,  des- 
sen  Velinblatter  bei  Gelegenheit  nach  der  Pagina  -  ausgerissen 
werden.  Gleichwohl  nab'  ichs  aus  —  seinem  Munde  nicht  sowohl 
10  als  aus  -  seiner  eignen  Hand,  die  mir  alles  aufrichtig  vorspielte: 
»er  sei  zum  Lasttrager  verdammt:  wer  trag'  ihm  seine  Krawatte, 
seine  Stiefel,  Strumpfe,  Sommer-  und  Beinkleider  und  alles?  Und 
wer  geb'  ihm  denn  eine  Maschine,  die  ihn  in  Bewegung  setze, 
ein  Gehwerk?« 

Ich  sehe  voraus,  die  Saturnianer,  die  rings  urn  mich  auf  den 
beiden  Ringen  des  Planeten  sitzen  und  mir  zuhdren,  argern  sich 
iiber  den  Mann;  aber  ich  komme  noch  besser. 

Saturnianer,  fahr*  ich  fort,  der  Maschinenkonig  fuhrte  mich 
jetzt  in  seine  Appartements,  erstlich  ins  Schreib-  und  Studier- 
20  zimmer.  Es  ist  unbedeutend,  daB  er  nirgends  da  ein  Federmesser 
hatte,  weil  er  bloB  an  eine  federschneidende  Maschine  gewohnet 
war;  aberes  ist  wichtig,  daB  es  der  Mann  bereuete,  daB  er,  da  er 
auf  der  Marterbank  des  Harmes  saB,  den  Tod  seiner  Frau  an  die 
Freunde  herumgeschrieben  hatte  mit  einer  Schreibmaschine  des 
Kaiser  Josephs,  die  jeden  Brief,  den  man  mit  der  eignen  Hand 
hinschreibt,  sogleich  verdoppelt  und  kopiert.  »Ich  hatte  nichts 
schicken  sollen«,  sagt'  er,  »als  einen  leeren  Bogen  Papier,  der 
schwarz  gerandert  gewesen  ware.«  Er  hatte  ein  Buch  Trauerpapier 
zu  Trauerfallen  fur  die  Zukunft  Hegen  -  ferner  griingerandertes, 
30  um  Ehescheidung  zu  melden  -  gelbgerandertes,  um  seine  Hoch- 
zeiten  anzusagen,  und  ventre  de  Biche-gerandertes  fiir  Beerbun- 
gen.  Ich  kann  aber  die  Zuhorer  auf  beiden  Ringen  verstandigen, 
daB  diese  bunten  Farbensaume  schon  langst  als  Semiotik  und 
Signatur  der  Pariser  Notirlkationsschreiben  bekannt  gewesen. 

Er  fuhrte  mich  darauf  in  seine  Bibliothek  zur  groBen  Enzyklo- 
padie  von  d'Alembert,  die  in  weiter  nichts  bestand  als  in  einem 


904  PALINGENESIEN 

alten  -  Franzosen,  der  sie  auswendig  konnte  und  der  ihm  alles 
sagte,  was  er  daraus  wissen  wollte:  wie  ein  Romer  (nach  Seneka) 
Sklaven  hatte,  die  an  seiner  Statt  den  Homer  hersagten,  wenn 
er  ihn  zitierte,  so  wiinschte  sich  der  Mann  herzlich  noch  einen 
chemischen  Pagen,  einen  astronomischen,  einen  heraldischen, 
einen  kantianischen,  damit,  wenn  er  etwas  schriebe,  er  bloB  die 
Pagen  wie  Bucher  urn  sich  stellen  und  in  ihnen  nachschlagen 
konnte,  ohne  selber  alles  zu  wissen.. - 

Das  Rechnen,  das  er  fertig  konnte  -  aber  nicht  das  Einmaleins  -, 
betrieb  er  nicht  wie  eine  Maschine,  sondern  durch  eine  Ma-  10 
schine.  Er  drehte  namlich  die  Rechenmaschine  des  Herrn  Hahn 
ein  paarmal  urn,  so  hatt'  er  sein  Fazit  und  SpaB  dazu.  -  Warum 
stellte  man  nicht  langst  auf  der  Erde  die  Hahnische  Maschine,  da 
sie  Gewissen  hat,  als  Rechnungsrevisor  an?  -  Der  Maschinen- 
konig  schwur,  hohere  Wesen  muBten  eine  Algeber-Maschine  er- 
denken  konnen :  »Seid  ihr  mit  einer  versehen,  Saturnianer?«  fragt' 
ich. 

Die  Gelehrtenbank  auf  dem  einen  Ring  und  die  Ritterbank 
auf  dem  andern  bat  mich  fortzufahren,  da  die  Tage  auf  dem 
Planeten  so  auBerst  kurz  seien,  obwohl  die  Jahre  auBerst  lang  20 
wie  meine  Erzahlung.  -  Im  Erdenleben  sind  gerade  die  Jahre 
kurz,  die  Lebensalter  noch  kiirzer  und  das  Leben  am  kiirzesten, 
aber  die  Tage  sind  lang,  die  Stunden  noch  langer  und  die  Minuten 
oft  Ewigkeiten. 

Sooft  er  zum  Fenster  hinaussah  und  die  Himmel  und  das  weite 
Meer  beschauete,  so  muBte  sein  netter,  wie  ein  Almanach  geklei- 
deter.  Page  hinter  ihn  treten  und  ihm  die  Schonheiten  riihrend 
vorschildern,  damit  sie  ihn  stark  bewegten. 

In  der  Riihrung  fiihrt'  er  mich  in  den  Konzertsaal  und  sagte, 
er  set  der  Musik-Direktor  und  das  Orchester:  »Nichts  ist  dabei  30 
lebendig :  Komponist,«  sagt'  er,  »Notist,  Harfenist,  Flotenist,  Takt- 
schlager,  alle  sind  Maschinen;  nur  der  Zuhorer  nicht.«  -  »Bei 
unsern  Winterkonzerten«,  sagt'  ich,  wists  oft  gerade  umgekehrt.« 
—  Der  Komponist  bestand  aus  einem  Paar  Wiirfeln,  womit  der 
Bedientenkonig  nach  den  im  Modejournal  gelehrten  Regeln  des 
reinen  Satzes  einige  musikalische  Fidibus  erwiirfelte  -  der  Notist 


ACHTER  REISE-ANZEIGER  905 

war  nicht  Rousseau,  sondern  ein  sogenanntes  Setzinstrument1, 
worauf  der  Mann  die  erwiirfelten  Tonstiicke  spielte,  darnit  sie 
aufgeschrieben  wujrden  -  der  von  Renaudin  in  Paris  erfundne 
Chronometre  schlug  den  Takt  -  Vaucansons  Flotenist  blies,  eine 
holzerne  Mamsell,  von  Jaquet  Droz  geschnitzt,  spielte  auf  einer 
Orgel  mit  kartenpapiernen  Pfeifen  -  eine  Aolsharfe  harfnete  am 
offnen  Fenster  -  der  Maschinenkonig  war  im  Himmel  -  ich  in 
der  Holle. 

Nun  gingen  wir  zur  Tafel,  namlich  zur  Maschinentafel.  Fur 

10  den  Maschinenmann  stieg  ein  kleiner  stummer  KnecHt  herauf,  der 
aussah  wie  eine  groOe  Hanfrnuhle.  »Ich  kaue  nie«,  sagte  der  Mann, 
»und  schneide  mit  den  Zahnen  niemals  etwas  Harteres  entzwei 
als  die  Dentalbuchstaben.  Aber  meine  Kaumaschine  tut  alles.«  - 
Da  die  Kaumaschine  aus  mehrerern  NuBknackern  bestand  und 
ihre  Weisheits-,  Hunds-  und  Schneidezahne  hatte  und  unten 
durch  Kommunikation  zugleich  mit  dem  Bratenwender  umlief: 
so  wurde  jede  Faser  seines  Gebratenen  wie  von  einem  Lumpen- 
hacker  fein  darin  zerstoBen,  und  nach  sechzxg  Umlaufen  kam  ein 
fertiger  Loffel  heraus  und  reichte  dem  Manne  zu  essen.  »Sie 

20  sehen,«  sagte  der  Maschinenkonig,  »ich  brauche  bloB  dabeizu- 
sitzen  und  den  notigen  Speichel  dareinzutun  und  dann  zu  schluk- 
ken.  Ich  hab*  es  noch  nicht  erlebt,  daB  solche  Prosektoren  nur 
einen  Bissen  ganz  und  zu  groB  gelassen  hatten,  welches  fur  einen 
hysterischen  Magen  ein  verdammtes  Camnephez*  \vare.«  — 

Der  Mann  kann  den  Tag  nur  einmal  selber  reden,  und  das  ist, 
wenn  er  sich  iiber  dem  Essen  betrunken  hat:  auf  der  ganzen  Insel 
heiBet  man  die  Rede  die  Chrie  des  Maschinenkonigs.  Hort  sie  an, 
ihr  Saturnianer! 

»Allerdings  ist  und  tut  der  Mensch  in  meinen  Tagen  schon 

30  etwas  durch  Maschinen:  sonst  schneuzte  er  das  Licht  mit  den 
Fingern  -  dann  mit  einer  allgemeinen  Schere  -  dann  mit  einer 
Lichtschere  -  darauf  mit  einer  elastischen  -  dann  mit  einer  neuen 


1  Es  ist  ein  in  Berlin  erfundenes  Klavier,  das  alles  auf  ein  Papier  aufzeich- 
net,  was  man  darauf  spielet. 

2  Die  Mitlauter  dieses  Wortes  bedeuten  diejenigen,  die  man  im  Hebrai- 
schen  am  Ende  eines  Wortes  groBer  als  die  andern  schreibt. 


906  PALINGENESIEN 

englischen  -  endlich  schneuzte  sich  das  Licht  selber  mit  einer  an 
den  Leuchter  gemachten.  Ich  will  so  viel  sagen:  ich  dresche,  sae, 
spinne,  kartatsche  allerdings  durch  Dresch-,  Sae-,  Spinn-  und 
Kartatschmaschinen  -  ich  kann  mich,  wenn  ich  muB,  mit  jedem 
Edelmann  schlagen  durch  eine  eiserne  Jungfer,  wie  Fiirsten  sich 
mit  Fiirsten  schieBen  durch  die  groBe  eiserne  Jungfer  einer  Armee 
—  ich  leugne  auch  nicht,  dafi  ich  gute  Claude  Lorrains  mit  meiner 
camera  obscura  mache,  welche  ausloschen,  sobald  die  Sonne  weg 
ist  -  ich  wiirde  undankbar  handeln,  wenn  ich  nicht  bekennte,  daB 
ich  allerdings  meine  Zeit  nicht  mehr  nach  meinenldeen  und  Kalen-  10 
dern  zu  messen  brauche,  sondern  daB  sie  die  Jahres-Uhr  und  der 
Datumszeiger  nachrechnet,  wiewohl  noch  immer  Uhren  fehlen, 
die  so  lange  gehen  als  ein  Mensch,  namlich  achtzig  Jahre  -  und 
niemand  weiB  besser  als  ich,  daB  das  kombinatorische  Rad1  mein 
geistiges  Stirnrad  ist,  wodurch  meine  Chrien  gehen.  Wie  gesagt, 
das  alles  ist  allerdings  etwas  und  schon  ein  Grad  der  Maschinen- 
haftigkeit  und  wenigstens  der  Anfang.  Aber  man  verstatte  mir 
einmal  iiber  dem  Essen,  den  Menschen  zu  idealisieren  und  ihn  auf 
die  hochste  Stufe  der  Maschinenhaftigkeit  zu  heben,  so  daB  er 
nicht  bloB  wie  eine  katholische  Heiligenstatue  holzerne  Armeund  20 
Beine  und  glaserne  Augen  und  elfenbeinerne  Ohren  triige  und 
um  sich  hangen  hatte,  sondern  auch  wie  diese  einen  ahnlichen 
Rumpf  —  ich  will  mir  nur  einen  Augenblick  vorstellen,  er  hatte 
dann  einen  papinianischen  Topf  statt  des  Magens  und.  handhabte 
mit  Wasserkunsten  den  getrunknen  Wein  hydraulisch  -  es  ware 
nicht  einmal  die  Zoologie  mehr  lebendig,  sondern  ausgebalgt  und 
voll  kiinstlichen  Gehwerks,  es  gabe  Entenstalle  von  Vaucanson, 
Hundestalle  von  Vulkan,  Taubenhauser  von  Archytas,  und  ganze 
von  Droz,  Vater  und  Sohn,  gemachte  Menagerien  wiirden  auf- 
gesperrt  und  fraBen  nichts  -  nicht  bloB  alle  Frauleinstifte  und  30 
Harems  wiirden  zu  Lothinnen  einmariniert,  sondern  die  Pyg- 
malione  versteinerten  sich  selber  zu  Statuen  -  es  gabe  dann  ohne- 

1  Die  rotae  combinatoriae,  die  area  artium  Kircheriana  und  dergleichen 
sind  Kiinste  von  Kircher,  Kuhlmann,  LuIIius,  wodurch  einer  von  einer 
Sache,  die  er  nicht  versteht,  blofl  vermittelst  mechanischer  Kombinationen 
tagelang  gut  soil  reden  und  schreiben  konnen.  Morhof.  Polyhist.  II.  5. 


ACHTER  REISE-ANZEIGER 


907 

hin  keine  schlechtern  Ichs  als  feine,  von  Materialisten  gearbeitete, 
mit  Gehirnfibern  und  deren  Longitudinal-  und  Transversal- 
schwingungen  bezogne  Ichs  -  ja  die  Sache  ware  ubermenschlich 
herrlich,  und  die  natura  naturans  ware  verraucht,  und  nur  die 
natura  naturata  ware  auf  dem  Boden  geblieben,  und  die  Maschi- 
nenmeister  wiirden  selber  zu  Maschinen :  —  wenn  das  ware,  frag' 
ich,  mit  welchen  namentlichen  Vorzugen  wiirde  dann  die  Erde 
angeputzet  sein,  die  jetzt  so  voll  Locher  und  Lumpen  dasteht? 
Ich  meine  namlich,  wenn  dann  ein  guter  Kopf  sich  auf  eine  An- 
10  hohe  begabe  und  ihre  Vorziige  iiberzahlte,  schon  aber  vorher 
wiiBte,  daB  ein  Wesen  desto  vollkommner  ist,  je  mehr  es  mit 
Maschinen  wirkt  und  je  weniger  es  eigne  Arme,  Beine,  Ideen, 
Erinnerungen,  erst  mit  sich  zu  schleppen  braucht,  und  daB  eben 
darum  das  von  alien  Maschinen  entbloBte  Tier  auf  der  untersten 
schmutzigen  Stufe  liege,  daB  der  Bauer,  der  einige  handhabt, 
schon  auf  einer  hohern  sitze,  der  Handwerker  mit  mehrerern  auf 
einer  noch  hohern,  und  daB  die  groBe  Welt,  welcher  die  meisten 
ansitzen,  auf  der  hochsten  stehe,  mit  welchen  Vorzugen  wiirde 
dann  wohl  der  iiberzahlende  Kopf  die  Erde  iibersaet  finden?  — 
20  Beim  Himmel!  ganz  gewiB  mit  Quietismus,  Fohismus,  Apathie, 
Asphyxie,Rentierer- und  Hofdamen-Leben,Nichtssein  voll  Alles- 
konnen  -  woran  aber  wirklich  vor  Deutschlands  neunzehntem 
Jahrhundert  kaum  zu  denken  ist — « 

Ganz  natiirlich  fragen  mich  dann  die  Saturnianer  auf  ihren 
Ringen:  ^Welches  war  denn  das  Lebens -Jahrhundert  deines 
Maschinenkonigs  ?« 

»Das  achtzehnte!«  sag'  ich. 

»Aber  wie  schreibt  er  sich  denn  eigentHch?«  fragen  sie  weiter. 

»Ebenso«  -  (sag*  ich)  -  »namlich  das  achtzehnte  Jahrhundert.^ 

30       »Und  das  ist  der  Grund,  Saturnianer,«  fahr*  ich  fort,  »warum 

ich  drunten  nie  dem  Leser  den  Maschinenkonig  schildern  wollen : 

denn  das  merkt  ihr  doch  beim  Henker  alle,  daB  er  der  -  Konig 

selber  ist.« 


908  PALING  EN  ESI  EN 

Fabel 
Der  lepterfdhige  Bar1 

Als  die  Tiere  fiir  den  erledigten  Thron  des  Lowen  einen  Konig 
suchten:  so  schlugen  einige  gute  Kopfe  den  Baren  dazu  vor.  »Das 
ist  so  gut,«  sagte  der  Fuchs,  »als  schmeifien  wir  den  armen  Petz 
mit  Prugeln  tot:  denn  sein  diinner  miirber  Kopf*  bricht  am  ersten 
Tage  unter  der  schweren  Krone  ein;  er  kann  keine  halten.«  - 
»Kann  ich  auch«  -  fuhr  der  Bar  Ios  und  quetschte  den  Hals  des 
denkenden  Fuchses  probationsweise  zwischen  den  Tatzen  -  »kei- 
nen  Zepter  halten?«  -  Der  Fuchs  sah  sich  eines  Bessern  belehrt, 
und  der  Bar  ward  Thronfolger,  und  die  Krone  saB  eben  auf  sei- 
nem  murben  Haupte  als  Helm  gegen  fremde  Zepterschlage. 


Ausziige  aus  Briefen 
An  Herrn  Lavater  in  Ziirch. 

»Ein  groBer  Kopf  leuchtet  fiir  die  Nachwelt  sanfter  und  wohl- 
tatiger  als  fiir  seine  Mitwelt:  Menschen,  die  an  dem  Vesuv  der 
Freiheit  und  des  Lichts  schnell  auf  dem  zuriickrollenden  Boden 
auf  laufen,  stoBen  denen  die  losen  Steine  auf  den  Kopf,  die  hinter 
ihnen  klettern.  -  Ich  glaube,  von  diesem  brieflichen  Gedanken 
mach'  ich  einmal  gedruckten  Gebrauch;  wie  ich  denn  wiinschte,  20 
daB  mehrere  Sie  nachahmten  und  frappante  Gedanken,  die  sie  in 
Briefe  verstreuen,  daraus  sammelten  und  dann  publik  machten 
etc.« 

An  Madame**. 

»Aber  oft,  wenn  ich  ein  so  junges  liebes  Herz,  das  auf  dem  Avers 
voll  religioser  Wunsche,  voll  zweiter  Welten  und  Gottheit  ist, 
umwende,  so  find'  ich  auf  dem  Revers  einen  hiibschen  jungen 

1  Teufels-Papier  S.  413. 

2  Der  Bar  hat  bekanntlich  den  schwachsten  Kopf  und  die  starksten  Tatzen. 


ACHTER  REISE-ANZEIGER  909 

Menschen  eingeatzt,  so  wie  etwan  gewisse  geschnittene  Steine 
(die  sogenannten  Skarabeis)  auf  der  vertieften  Seite  eine  Gottheit 
eingeschnitten  zeigen  und  auf  der  erhabenen  einen  wohlgetrofTe- 
nen  -  Kafer.  Sehen  Sie  doch  bei  den  Herzen  Ihrer  Demoiselles 
Tochter  nach!«  - 

An  den  Kammerherrn**, 

»Sein  Sie  ohne  Angst  und  hoffen  Sie  mit  mir,  da8  es  nur  SpaB 
ist.  Wie  die  Sparter  zwar  der  Furcht  Anbetung  und  Tempel 
weihten,  sie  aber  selber  nie  im  Krieg  und  Frieden  hatten;  so  diir- 
10  fen  wir  beide  uns  damit  beruhigen,  daB  Ihr  Hof  die  Religion  ge- 
wiB  nur  mit  Hofkirchen  und  Hofpredigern  und  Kirchenmusiken 
versorge,  dhne  sie  selber  im  geringsten  zu  haben.«  - 

An  den  vornehmen  Handelsherrn  in  B. 

»Jetzt,  mein  Teuerster,  kosten  die  Weiber  den  Ehemannern 
fast  nichts ;  aber  sonst,  in  der  Universalhistorie,  waren  sie  schlimm. 
Welche  Frau  will,  wie  sonst  die  persischeKoniginvom  persischen 
Konig,  eine  besondere  Provinz  zur  AnscharTung  ihres  Hals- 
schmuckes,  eine  andere  fiir  den  Giirtel  haben  usw.  ?  Beim  Him- 
mel!  der  vollstandige  Anzug  einer  Frau  mit  alien  ihr  inkorpo- 

20  rierten  Pretiosen  kostet  jetzt  weniger,  und  mit  dem  ganzen  Ver- 
mogen,  das  etwan  ein  mittelmaBiger  Handelsherr  besitzt,  getrau' 
ich  mir  samtliche  Schulden  seines  Weibes  abzustoBen;  das  sah 
ich  am  besten,  sooft  einer  der  Frau  wegen  fallierte.  Oberhaupt 
leidet  ein  ordentlicher  Mann  nicht  sowohl  unter  dem  Schulden- 
machen  als  unter  dem  Schuldentilgen.  Denn  jenes  ist  nichts 
als  eine  stille  VergroBerung  seines  Kredits,  dieses  merkantilischen 
Elementargeistes,  und  wer  eine  halbe  Million  schuldig  ist,  der 
hatte  ofTenbar  eine  halbe  Million  Kredit;  und  Schuldbriefe  sind 
bloB  akzeptierte  Kreditbriefe.  Das  Rad  der  Fortuna  fahrt  den 

30  Stehenden  und  radert  den  Liegenden.  Inzwischen  etc.« 


910  PALINGENESIEN 

An  Herrn  von in  —  im  — . 

»Von  groBen  Menschen  sollte  eine  gewisse  Milde,  Bescheiden- 
heit  und  eine  auf  Geringfugigkeiten  merkende  Menschenliebe  - 
und  dieses  ist  eigentlich  die  Hoflichkeit  —  noch  seltener  geschie- 
den  sein  als  von  mittelmaBigen,  wie  Leuten  von  langer  Statur 
durch  ihre  abgebrochnern,  eckigern  und  miBfalligern  Bewegun- 
gen  das  Tan^en  notiger  wird  als  Zwergen.  Jene  Menschenfreund- 
lichkeit  ist  die  Mosisdecke  iiber  dem  strahlenden  Angesicht;  eine 
Art  Menschwerdung,  die  uns  an  ihnen  so  erquickend  tut  als  mir 
in  meiner  Jugend  an  der  Sonne  das  ihr  eingemalte  Menschen- 
angesicht  im  Kalender.« 

An  einen  Administrator  der  preufiischen  Witwenkasse. 

»Wir  verabscheuen  unsere  Fehler  nicht  eher  oder  starker,  als 
wenn  wir  sie  verabschiedet  haben,  wie  uns  unsere  korperlichen 
Absonderungen  nicht  eher  zuwider  sind,  als  bis  sie  keine  Teile 
unsers  Leibes  mehr  vorstellen.« 


An  J.  P. 

»Am  Ende  sind  wit^ige  Ahnlichkeiten  so  wahr  als  scharfsinnige. 
Witz  ist  vom  Scharfsinn  nicht  durch  den  kleinern  Grad  der  ent- 
deckten  Ahnlichkeit  verschieden  -  denn  Ahnlichkeit  als  solche  ; 
ist  bloB  Gleichheit  von  weniger  Teilen,  mithin  ohne  Grade  -, 
sondern  durch  die  kleinere  Zahl  derselben,  die  sich  meistens  noch 
auf  unbedeutende  Zufalligkeiten  beziehen.  Daher  gewahrt  oft 
beim  ersten  Anblick  eine  scharfsinnige  Erfindung  das  Vergniigen 
einer  witzigen,  weil  man  an  ihr  noch  nicht  aller  der  Ahnlichkeiten 
ansichtig  geworden,  die  sie  zu  einer  scharfsichtigen  erheben.  Da- 
her sehen  vielleicht  hohere  Wesen  das  bunte  glatte  diinne  Band, 
das  der  Witz  spielend  um  schone  Formen  wirft,  mit  beiden  En- 
den  um  die  Schopfung  laufen;  daher  mag  ihnen  unser  Witz  oft 
Scharfsinn  diinken,  und  unser  Scharfsinn  Witz,  z.  B.  dieser.«  -  > 


ACHTER  REISE-ANZEIGER  911 

An  den  Redakteur  und  Schulrat  Stiefel  in  K.x 

»Die  ganze  gelehrte  Welt  sei  langsam,  nur  kein  Rezensent.  Es 
ist  schandlich,  das  Urtel  iiber  emen  gedruckten  Inkulpaten  so  . 
lange  aufzuschieben,  bis  er  im  Gefangnis  verschieden  ist,  und, 
wie  Moses,  nur  toten  Siindern  Ehrenstrafe~  anzutun;  noch  haB- 
licher  ists,  einem  Werke  wie  dem  Dichter  Tasso  erst  ein  paar 
Tage  nach  dem  Tode  einen  Triumphwagen  zu  geben  und  so  das 
Wesen  mit  dem  Weihrauch  mehr  einzubalsamieren  als  zu  par- 
fiimieren.  Der  Biicherrichter,  der  auf  diese  Art  das  Urteil  nur 

10  bestatigt  und  wiederholt,  welches  das  Publikum  langst  gespro- 
chen  hat,  gleicht  dem  Jiingsten  Gericht,  das  uns  alle  erst  in  die 
Holle  wirft  oder  in  den  Himmel,  nachdem  wir  schon  mehrere 
Jahrtausende  in  beiden  gesessen.  Bedenkt  man  noch  die  zeitige 
Hinfalligkeit  der  Novitaten,  deren  groBte  Anzahl  an  ihrer  Anzahl 
sterben,  deren  viele  an  ihrem  Geburtstage  und  andere  an  ihrem 
Verleger  den  Geist  aufgeben,  deren  einige  durch  ein  fruhes  Alter 
und  wenige  durch  Wtirmer  hingerafTt  werden :  so  argert  man  sich 
griin  und  gelb,  daC  die  Rezensenten  mit  ihren  Fliegenwedeln  und 
Fliegenklappen  und  FHegengiften  ein  paar  Stunden  nach  Sonnen- 

20  untergang  anlangen,  wenn  die  Eintagsfliegen  schon  lange  maus- 
tot  sind.  Be*sonders  konnen  die  Romanenschreiber  darauf  be- 
stehen,  das  das  Gesetz  Karls  des  GroBen',  das  an  Gerichtstagen 
die  Armen  zuerst  anzuhoren  und  abzufertigen  anbefiehlt,  ihnen 
ganz  zustatten  komme,  es  sei  nun,  daB  man  es  von  Gehirnkam- 
mern  oder  von  Speisekammern  auslege.  BloB  zweierlei  Werke 
brauchen  gar  keinen  schnellen  Tadel :  die  Musenkalender,  die  das 
Publikum  von  den  Autoren,  wie  die  Sineser  andere  Kalender  von 
dem  Kaiser,  nehmen  muB,  und  die  als  bunte  Schaugerichte  auf 
den  Toiletten  aufgesetzet  stehen  mussen  ohne  Hinsicht  auf  EB- 

30  barkeit-und  die  Lust-  und  Qualspiele,  welche  kein  Mensch  lieset, 
aber  jeder  (sie  mogen  verurteilet  sein,  wie  sie  wollen)  besucht  und 
auffiihrt  und  die  stets  den  Gerichtsweg  vom  Buchladen  zum  Kram- 
laden,  vom  Gefangnis  zum  Richtplatie  mit  Ehre  und  Ruhm  unter 

1  Teufels-Papiere  S.  330. 

3  Carol.  M.  LL.  §.  58.  in  Mosers  patr.  Phantasien. 


912  PALINGENESIEN 

der  Begleitung  von  vielen  tausend  geriihrten  Zuschauern  und  des 
lachenden  Pobels  zuriicklegen. 

Oberhaupt  kann  man  in  unsern  Tagen  nichts  zeitig  genug 
loben,  und  man  hat  keine  Minute  zu  passen.  Z.  B.  An  einem 
Fiirsten  wiird*  ich  die  vielen  Regententugenden,  von  welchen 
die  Reisenden  abreisen  und  erzahlen,  nach  meiner  Art  erheben, 
wenn  er  noch  Kronprinz  ware;  ja  ich  setzte  -  weil  er  da  um  so 
weniger  durch  Reden  verdorben  ware,  je  weniger  er  es  selber 
noch  konnte  -  ihm  schon,  wenn  er  als  zartes  Kind  das  Ordens- 
band  umbekommt,  meinen  Lorbeerkranz  fur  alle  undenkliche  10 
Zeiten  auf.  -  Wer  einer  jungen  Residenzstadterin  fur  die  unbe- 
fangenste  Unschuld,  fur  die  ganzliche  Unkunde  aller  Eroberungs- 
kiinste  und  Pratensionen  das  gehorige  Lob  zu  zollen  wiinscht, 
der  lasse  Butter  am  Feuer  stehen  und  zoll*  es,  ehe  sie  dffentlich 
auftritt  und  ihren  ersten  Walzer  austanzt.  1st  das  Madchen  von 
hoherem  Stand,  so  geb'  er  ihr  den  Preis  mit  der  Milch,  wenn  er 
Amme  ist.  -  Ein  jiidischer  Proselyt,  der  gleich  den  Metallen  oft 
zwei  Sakramente  bekommt,  indem  er  namlich  wie  Gold  von  Ju- 
den  beschnitten  und  wie  Glocken  von  Christen  getauft  wird,  muB 
wegen  seines  echten  Christentums  schon  beim  ersten  erhoben  20 
werden,  wenn  der  Prophet  Elias1  dabeiskzt  und  die  $ache  bezeu- 
gen  kann.  —  Die  Jakobiner,  die  wie  die  elf  Apostel  lebten  und  wie 
der  zwolfte  verschieden,  haben  wir  alle  zu  ihrer  rechten  Zeit  hin- 
langlich  verherrlicht;  hingegen  bei  dem  Teufel  war  nie  der  rechte 
Zeitpunkt  zu  erwischen :  denn  schon  mitten  unter  seiner  Schop- 
fung  hatte  man  ihn  bekranzen  rmissen,  weil  er  sogleich  im  zwei- 
ten  Augenblick2  darauf  -  ja  Steuchus  Eugubinus  meint  gar,  es 
war  der  erste  -  sich  in  Siind'  und  Schande  walzte  und  sein  eigner 
Versucher  gewesen  war.  - 

Mein  Wunsch  ist  nur  der,  daB  Bucher  wenigstens  so  fruh  ge-  30 
lobt  werden  wie  der  Teufel,  so  daB  sie  nicht  mit  der  selbstrezen- 

1  Bei  der  Beschneidung  stellen  die  Juden  immer  einen  Stuhl  fur  ihn  Km, 
dam  it  er  darin  dem  Sakramente  zusehe. 

8  Die  Scholastiker  fochten  untereinander,  wenn  der  Teufel  -  ob  im  ersten 
oder  zweiten  oder  dritten  Momente  seines  Daseins  -  das  erstemal  siindigte. 
Damen,  die  nicht  bis  zur  Quelle,  namlich  ad  2.  dist.  5.  et  1.  Thorn,  q.  63. 
.art.  6.  steigen  konnen,  verweis'  ich  bloC  auf  Voetii  Sel.  disput.  P.  I.  p.  919. 


NEUNTER  REISE-ANZEIGER  913 

sierenden  Vorrede,.  sondern  mit  der  Rezension  selber  anfingen, 
wiewohl  es  immer  besser  ware,  wenn  die  Literatur-  und  jede  an- 
dere  Zeitung  von  1798  nichts  rezensierte  als  Werke  von  99,  und 
wenn  alle  Autoren  sich  untereinander  verschwuren,  nichts  her- 
auszugeben,  als  was  vorher  mit  Beifall  offentlich  angezeigt  und 
aufgenommenworden ware. -Falls  Sie  das  erwagen,  mein  Stiefel, 
usw.«  - 

Neunter  Reise-Anzeiger 

Fata:  der  Irrgarten  —  der  Gethsemane-Garten  —  das  Paradies-Gartlein 
10  Werke  (der  Liebe,  nicht  der  Not):  siehe  Fatal 

»Nicht  nur  ich  und  du«,  sagte  Siebenkas,  »haben  uns  verdoppelt 
und  umgetauft,  sondern  der  ReichsschultheiG  da  auch  -  du  siehst 
hier  den  Schulrat  Stiefel  aus  Kuhschnappel  vor  dir,  und  die  an- 
gebliche  Reichsveste  1st  der  Gasthof  zum  Reichsadler.«  -  »Der- 
selbe  Rektor,«  -  setzte  Stiefel  freundlich  dazu  -  »dessen  Wenig- 
keit  Sie  in  Ihren  Werken  hier  und  da  biographisch  und  nekro- 
logisch  gedenken.«  -  Der  Most  der  Freude  nahm  mir  mit  seiner 
Weingarung  den  Kopf  ein,  und  ich  hielt  gleichsam  die  Baurede 
auf  dem  Babelturm  herunter  an  die  Bauherren  -  ich  sagte,  so  sei 

20  gewiG  dem  Doktor  Jonas  gewesen,  wenn  er  zu  lange  aus  dem 
Trinkglas  geschopft,  das  ihm  Doktor  Luther  verehrte  und  das 
noch  in  der  Nurnberger  Stadtbibliothek  vorhanden  ist  -  »tau- 
sendmal  willkommen,  teuerster  Pelzstiefel !«  sagt'  ich  wieder,  weil 
ich  mich  ganz  vergaB  -  »wir  alle  passen  ja  als  herrliche  dii  ex 
machina  in  den  neunten  Anzeiger«,  sagt'  ich  weiter  -  »und  in  den 
zehnten  Mai!«  beschloB  ich. 

Firmian  wollte  wissen,  wer  dieser  Mai  sei;  aber  ich  wollt*  es 
nicht  eher  sagen,  bis  er  mir  von  dem  Farflerschen  Kunstwagen1, 
worauf  sie  beide  so  plotzlich  hergekommen,  und  von  den  Verket- 

30  tungen  und  Dutzendringen  des  Zufalls,  die  er  zum  Nurnberger 
Dreieinigkeitsringe  unsers  Kleeblatts  ineinander  gewunden,  die 
Decke  abgezogen  hatte.  Er  tats:  es  war  weiter  nichts,  als  daB 

1  Man  kann  sich  damit  selber  fahren.  Er  ist  in  der  Stadtbibliothek. 


914  PAUNGENESIEN 

er  einen  ProzeB,  den  er  im  Unctuarium1  der  ersten  Instanz  und 
im  Conisterium  der  zweiten  verloren,  in  der  Palastra  von  Wetz- 
lar  ersiegt  und  sich  darauf  sogleich  fortgemacht  hatte  -  daB  Herr 
Ex-SchultheiB  ihm  geschrieben,  er  tue  eine  gelehrte  Reise  nacli 
Niirnberg,  urn  in  dieser  beruhmten  Stadt  die  Ab-  und  Aufrisse 
derselben  (in  der  Landkartensammlung)  zu  besehen  und  in  den 
groBen  Bibliotheken  die  Inkunabeln  -  daB  Firmian  also  gern  mit 
ihm  zusammengetroflen  —  daB  ihm  Natalie  geschrieben,  wie  ich 
gleich  einer  philosophischen  Idee  oder  einer  Mode  und  Narrheit 
mich  unter  einem  neuen  gallischen  Namen  angekiindigt,  um  En-  10 
tree  zu  erhalten  -  daB  er  mich  als  Namens-Wipper  und  Kipper 
durch  den  kassierten  Schulzen  mit  Recht  ein  wenig  halbtot  qua- 
len  wollen  —  und  daB  ihm  und  dem  Schulrate  eine  geschickte 
Kopie  des  ReichsschultheiBens  darum  so  leicht  geworden,  weil 
nicht  nur  sie  beide  gar  nichts  vom  Urbilde  wuBten  und  kennten, 
sondern  auch  ich  —  und  daB  Stiefel,  der  in  zwei  bis  drei  Sattel 
gerecht  sein  muBte  (weil  man  nicht  wissen  konnen,  gab'  ich  mich 
fur  den  Comte  oder  fur  mich  oder  fur  den  Inspektor  aus),  in 
diesem  SpaBe  den  vigilanten  Kopf  gezeigt.  - 

»Nun  aber  dein  zehnter  Mai,  was  will  der?«  beschloB  er.  »DaB  20 
ich  ihn  heilig  hake  und  feiere,  will  er,«  (versetzt*  ich:)  »denn  vor 
einem  Jahre  gab  er  mir  eine  Verlobte.«  Dem  Leser  wurde  ja  nichts 
verhalten,  wenn  er  sich  noch  auf  das  Ende  des  ersten  Bandchens 
besinnt.  Ich  offenbarte  meinem  Firmian  noch  meine  Bangigkeit 
liber  das  Ausbleiben  der  Briefe,  sogar  des  Passes,  sogar  nachdem 
ich  am  ersten  Mai  wieder  geschrieben.  Ein  Freund  iibergoldet 
an  einer  Winterlandschaft  der  Furcht,  womit  die  Phantasie  das 
Herz  seines  Freundes  behangt,  wenigstens  den  Rahmen:  Firmian 
gab  mir,  wie  gewohnlich,  manchen  Trost,  den  der  Getrostete 
wahrscheinlicher  flnden  soil  als  der  Troster  selber,  und  ich  sagte  30 
ihm,  die  Hoffnung  und  die  Starke,  an  die  er  mich  verweise,  gli- 
chen  der  messingnen  Hoffnung  und  Starke  im  Brunnen  des  Loren- 

1  Unctuarium  ist  das  Nebengebaude  der  Palastra,  in  welchem  man  sich 
vor  dem  Ringen  mit  Ol  beschmierte,  Conisterium  ist  dasjenige,  worin  man 
sich  vorher  mit  Staub  besaete  zum  festern  Fassen.  Aber  im  Texte  werden 
nicht  die  Kdmpfer,  sondern  die  Richter  mit  Ol  geschmeidig  und  mit  Staub 
blind  gemacht. 


NEUNTER  REISE-ANZEIGER  915 

zer  Kirchhofs1,  aus  deren  metallenen  Briisten  nichts  als  Wasser 
rinne.  Das  Beste  war,  daB  ihm  mein  Brief,  den  ich  im  Irrgarten 
an  Hermine  (wie  den  an  ihn)  geschrieben,  und  der  zehnte  Ver- 
lobungs-Mai  den  Vorschlag  eingab,  in  den  Garten  zu  gehen  und 
da  unsere  heutige  dreifache  Vereinigung  und  noch  meine  kleine 
zweifache  unter  den  Sternen  zu  feiern.  »Ich  bin  besonders  begie- 
rig«,  sagt'  er  scherzhaft,  »auf  das  aufgehangene  Baireuther  Blech 
in  der  Laube.«  — 

Die  Bill  ging  mit  einer  Majoritat  von  drei  Stimmen  durch, 

10  besonders  da  der  graue  Milchflor  des  Wolkenhimmels  sich  immer 
weifier  und  zerrissener  wusch.  Ich  als  Wetterverstandiger  sah 
noch  dazu  voraus,  daB  nach  ^ehn  Uhr  (dieses  jehnten  Maies),  wo 
der  Mond  voll  wurde,  der  Himmel  leer  werden  miiBte,  namlich 
blau. 

Wir  kamen  unter  Frtihlingsluften,  die  den  Reiseflor  des  eiligen 
Mondes  immer  weiter  aufdeckten  und  zuriickbliesen,  in  dem  spie- 
lenden  Garten  an,  der  bald  ein  Nachtstiick,  bald  ein  Blumenstuck 
wurde.  Der  Schulrat  verlieB  uns,  weil  er  den  Garten,  der  als  ein 
alter  Korrelations-  und  Bildersaal  des  Harsdorferschen  Blumen- 

20  ordens  ihm  nicht  gleichgiiltig  sein  konnte,  Stuck  fur  Stuck  durch- 
schreiten  wollte,  um  ihn  zu  aichen  wie  Herschel  den  Himmel, 
und  um  darauf  der  gelehrten  Welt  iiber  dieses  poetische  Areal 
ein  Wort  zu  sagen:  unter  dem  Monde  hatte  der  gute  Rat  keinen 
andern  Wunsch,  als  auf  der  lesenden  Erde  ein  solches  Licht  der 
Lesewelt  zu  werden,  daB  er  droben  einen  Flecker?  vorstellen 
konnte. 

Als  ich  so  allein  zum  ersten  Male  mit  meinem  Freunde  ging, 
und  als  die  umherfliegenden  Wolken  die  grime  Erde  zauberisch 
auf-  und  zudeckten:  so  regte  sich  die  Sehnsucht  wie  ein  leben- 

30  diges  Kind  in  meiner  Seele,  und  ich  fragte  ihn,  ob  er  nicht  ein 
paar  Sternbilder  aus  dem  Himmel  weggabe,  konnt'  er  dafiir  das 
Bild  seiner  Natalie  im  jetzigen  haben.  Er  sagte  mir,  er  sehne  sich 

1  Zweiundachtzig  Zentner  Messing  sind  in  diesem  Brunnen  zu  Tugend- 
bildern  vergossen. 

8  Leserinnen  werden  wissen,  daB  die  Mondsflecken  den  Namen  grofier 
Gelehrten  fuhren. 


C>l6  PALINGENESIEN 

sanft  nach  ihr,  aber  nicht  schmerzlich,  und  die  Ehe  miisse  iiber- 
haupt  -  und  er  konne  als  Veteran  ein  Wort  mehr  reden  als  ich  - 
gleich  einem  Winterhause  weder  zu  warm  noch  zu  kalt  gehalten 
werden,  damit  die  Gewachse  weder  erfrieren  noch  treiben.  »Man 
schweigt  allerdings«,  sagt'  ich,  »zweimal  in  der  Liebe,  das  erstemal 
aus  Furcht,  das  zweitemal  aus  Vertrauen:  das  einemal  im  stum- 
men  Vorfruhling  des  Herzens,  wo  die  Blicke  noch  zu  laute  Worte 
sind  und  wo  jede  Seele  in  ihrem  dunkeln  Laube  fur  die  andere 
reift;  das  anderemal  im  Nachsommer  des  Herzens,  wo  zwei  ver- 
trauende  Menschen  schweigend,  erinnernd  und  genieBend  auf  der  10 
erreichten  stillen  Hohe  nebeneinander  stehen,  wie  man  im  Friih- 
ling  auf  einem  hohen  Gebirge  die  Sonne  iiber  die  glanzende 
Ebene  aufgehen  sieht,  aber  das  Morgengeschrei  der  Vogel,  die 
darin  und  dariiber  schweben,  oben  nicht  vernimmt.«  — 

Ich  sah  jetzt  den  armen  einzelnen  Schulrat  in  einen  Lauben- 
gang  verschwinden,  und  ich  dachte  an  das  so  treu  geliebte  und  so 
treu  liebende,  vom  Leichenstein  verschlossene  Herz  seiner  Lenette : 
in  dieser  Minute  fingen  tief  im  Garten  zwei  Waldhorner  ihre 
wogenden  zuruckweichenden  Tone  an.  »0  das  hast  du  geordnet, 
guter  Firmian,«  (sagt'  ich)  »aus  Liebe  gegen  meine  Hermine  und  20 
den  heutigen  Festtag,«  und  umarmte  ihn,  und  die  warmen  Tone 
sagten  meine  Liebe  aus,  als  ich  an  seinem  Busen  schwieg.  Aber 
unter  der  Tonkunst  schwillt  das  Meer  unsers  Herzens  auf  wie 
unter  dem  Mond  die  Flut:  und  die  Unsichtbarkeit  meiner  Her- 
mine erinnerte  mich  immer  daran,  mit  welcher  verheimlichten 
Qual  Kinder,  Eltern,  Garten,  welche  die  Zeit  oder  die  Ewigkeit 
auseinander  gefuhret  hat,  nun  ihre  Feste  einsam  feiern,  die  sie 
sonst  verbunden  erlebten.  Da  wir  nun  naher  auf  die  Laube  zu- 
kamen,  worin  ich  Herminen  vor  zehn  Tagen  so  bekummert  ge- 
schrieben  hatte  -  und  da  die  Wolkenschatten  wie  Menschen-  30 
nachte  flogen,  und  da  der  finstere  Hain  sie  durch  die  Tone  einzu- 
ziehen  und  dann  zu  verschlingen  schien  -  und  da  mir  alles,  was 
um  meine  Seele  war,  Firmians  Wort  vorhielt,  daB  die  Toten  ein- 
gelegtes  Bildwerk  der  Erde  sind  und  wir  erhobenes,  daB  wir 
Bilder  sind,  welche  die  Bilderuhr  der  Zeit  unter  dem  Ausschlagen 
einer  Stunde  herausdrehet  und  dann  zuriickreiBet  — :  wurden  mir 


NEUNTER  REISE-ANZEIGER  917 

da  nicht  vom  Schicksal  selber  die  Farben  gerieben,  woraus  ich 
mir  das  Gemalde  einer  einsamen  Zukunft  und  eines  Tages  bilden 
konnte,  wo  einmal  entweder  ich  oder  sie  den  Verlobungstag  nur 
abgetrennt  und  triibe  begehen?  Und  kann  dann  vor  solchen  Ge- 
maldeausstellungen  ein  iibergehendes  Auge,  ein  von  Liebe  und 
Trauer  bewegtes  Herz  und  eine  Sehnsucht  ohne  Schranken  ver- 
boten  sein  oder  verborgen  werden?  -  O  wer  nicht  zuweilen  zu 
viel  und  zu  weich  empfindet,  der  empfindet  gewiB  immer  zu 
wenig!  - 

10  Als  ich  vor  meinem  Firmian  nichts  verdeckte,  was  in  meinen 
Augen  hing  und  worauf  meine  innern  blickten:  so  stand  er,  noch 
eh'  wir  die  Laube  sahen  und  wahrend  eine  lange  Wo  Ike  skh  iiber 
den  Mond  wegschleppte,  auf  einmal  still  und  sah  mich  geriihrt 
und  forschend  an;  ich  antwortete  schnell  und  wollte  heiterer 
scheinen:  »Ich  bin  darum  doch  froh  und  durch  deine  freundliche 
Miihe  glucklich:  die  StoBe  des  heutigen  Tages  haben  nur  mein 
Inneres  zu  sehr  aufgelockert  und  zerlegt  -  bei  solchen  Erdbeben 
lauten  die  Glocken  sich  selber,  wenn  man  auch  das  Glockenseil 
nicht  anriihrt.«  -  »Sei  aufrichtig  gegen  mich,«  sagt'  er:  »weiter 

20  ists  nichts  als  ein  Glockenspiel  der  Erinnerung?«  -»Ja,  Geliebter,« 
(sagt'  ich,  hingerissen  vom  Freunde  und  von  der  Freundin)  - 
»eine  Totenglocke  geht  mit  darunter  -  Aber  kann  ich  denn  an 
einem  solchen  Tage  meine  Hermine  vergessen  und  ihr  Stumm- 
sein  und  ihre  Einsamkeit  und  ihre  Entfernung?  Ach  Gott,  wie 
innig  wiirde  sie,  sich  an  einem  solchen  Abend  erfreuet  haben  unter 
uns!«  -  Aber  nun  trateri  ihm  die  sanften  Augen  iiber,  und  er 
umarmte  mich  und  sagte:  »Ich  kann  dich  nicht  mehr  tauschen  - 
ja,  sie  ist  da  mit  Natalien,  hier  im  Garten  -  in  der  Laube.«  Ich  riB 
mich  aus  seinen  Armen  und  HeB  ihn  einsam  da,  lief  aber  beschamt 

30  zuriick  und  kuBte  ihn  und  sagte:  »Habe  tausendmal  Dank,  du  zu 
gute  Seele!«  -  »Geh  nur,  geh  nur,«  (sagt'  er,  sanft  zuriicktrei- 
bend)  »sie  ist  eben  allein  -  weiB  aber  nicht,  daB  du  schon  im 
Garten  bist.«  - 

Und  nun  drang  ich  gerade  iiber  Gestrauche  und  Gras  auf  die 
Laube  hin  -  und  mein  Freund  behielt,  gleichsam  die  fremde 
Seligkeit  langsam  durch-  und  nachtraumend,  den  langern  Weg 


918  PALINGENESIEN 

eines  bedeckten  Laubengangs  -  und  ich  sah  bald  in  der  durch- 
sichtigen  Laubhiitte  eine  sitzende  weiBe  Gestalt  von  mir  gegen 
den  Eingang  und  den  Mond  gekehrt,  ich  zweifelte  aber  unter  dem 
Schatten  der  breiten  Wolke  noch,  ob  es  nicht  Natalie  sei,  bis  die 
Gestalt  sich  traurig  aufrichtete  und  ich  aus  dem  gehalteneren 
Gange  und  der  hohern  Lange  sah,  daB  es  Hermine  sei.  Ich  rief 
nicht,  um  sie  nicht  zu  erschrecken.  Sie  trat  aus  der  Laube  mit 
einem  leisen  Nachsingen,  gleichsam  mit  einem  harmonischen  Aus- 
atmen  der  geblasenen  Liedermelodien.  Aber  da  sie  ein  kurzer 
Bogenweg  endlich  gegen  mich  richtete  -  und  da  die  fliegende  10 
Schattenschleppe  der  Wolke  sich  von  mir  wegzog  -  und  da  Her- 
mine sah,  zweifelte,  aufhorte  zu  singen  und  zu  gehen,  und  ich 
heftiger  eilend  den  leuchtenden  Regen  der  Freude  aus  den  Augen 
schlug,  und  da  sie  mich  endlich  erkannte  und  mir  nun  schneller 
und  Iachelnd  und  wie  ein  Engel  des  Friedens  mit  ausgestreckter 
Hand  entgegenging,  und  da  sie,  wie  eine  Sonne,  aus  dem  zer- 
stiebenden  Wolkenschatten  trat  und  nun  im  vollsten  Strahlen- 
glanze  schimmerte,  weinte  und  lachelte:  -  -  so  wurd*  ich  ja  viel 
zu  gliicklich  fur  meine  Fehler  -  und  das  Regengewolke  des  irdi- 
schen  Lebens  wurde  voll  Licht  -  und  wetterleuchtete  vor  atheri-  20 
scher  Fiille,  und  ich  sank  unter  den  Blitzen  der  Entziickungen 
mit  den  Augen  an  das  himmlische  Herz  und  konnte  nur  sagen: 
»Ach  Hermina!«  -  Aber  ich  hob  schnell  die  abgetrockneten  Blicke 
auf,  und  da  ich  wieder  so  nahe  diese  auferstandne  verklarte  Ge- 
stalt an  mir  hielt  und  da  ich  das  freundliche  Auge,  den  liebenden 
Mund  und  die  helle  wolkenlose  Stirne  Wieder  fand :  so  fragt*  ich 
nur  aus  Liebe:  »Liebst  du  mich  noch?«  und  unterbrach  die  giitige 
Lippe,  weil  ich  nicht  zweifelte  -  o!  da  wurde  das  ganze  Herz  dem  . 
warmen  Regen  der  liebenden  Wonne  aufgedeckt  -  und  die  Sterne 
zitterten  um  uns  wie  glanzende  Freudentranen  -  und  die  lichten,  30 
hintereinander  gereiheten  Wolkchen  standen  als  weiBe  Regen- 
bogen  des  Friedens  im  Himmel  -  und  ein  sanftes  Rauschen  wie 
das  eines  verwehten  Gewitters  blatterte  den  Garten  auf,  und  irre 
weiBe  Dunstflocken  des  blauen  Athers  wiegten  sich  auf  den  To- 
nen  der  Horner  und  zerfiatterten  harmonisch  aufgelost  in  lichte 
Punkte,  die  den  Mondumzingelten. — ■ 


NEUNTER  REISE-ANZEIGER  919 

O  fiihlt  ihr  nicht,  ihr  Menschen,  in  den  mit  ewigen  Flammen 
bezeichneten  Stunden  des  Wiedersehens,  wie  der  Mensch  lieben 
kann  ?  Ach  wenn  nur  unsere  Toten  und  unsere  Abwesenden  .allein 
die  selige,  von  blassem  Mondlicht  und  von  farbiger  Blumennacht  . 
sanft  iiberzogne  und  verworrene  Zauberinsel  des  Ideals  bewoh- 
nen:  fiihlt  ihr  nicht,  daB  euch  in  der  epischen  Stunde  des  ersten 
BHcks  der  wiedergefundne  Geliebte  noch  auf  dem  Ufer  dieserlnsel 
empfangt,  und  daB  er,  eh'  er  mit  euch  von  ihr  weicht,  in  ihrem 
weiten  Heiligenschein  so  geliebt  und  so  leuchtend  und  erhaben 

10  steht  wie  die  hohen  Geister  und  Schatten  um  ihn?,  - 

Ich  fragte  Hermine,  auf  welchen  glanzenden  Fliigeln  der  Mor- 
gen-  oder  der  Abendrote  sie  gekommen  sei;  aber  hier  in  der  kur- 
zen  Einsamkeit  fand  das  iibervolle  Herz,  durch  welches  alle  wei- 
che  Szenen  der  Versohnung  und  Liebe  wieder  zogen,  die  bisher 
in  der  Entfernung  dadurch  gegangen  waren,  keine  Lippe  und 
kein  Wort.  Allein  da  unser  Firmian  und  ihre  Natalie  aus  dem 
Blatterschatten  traten,  so  konnte  sie  sagen:  »Unserem  Freunde 
und  unserer  Freundin  haben  wir  diese  Stunde  zu  danken.«  -  Die 
feurige  Natalie  lieB  meine  gruBende  und  dankende  Hand  bald 

20  fallen  und  driickte  auf  ihre  Lippen  und  Augen  Herminens  Hande 
kussend  und  hullete  den  zartlichen  Anteil  in  mutige  Freude  ein.  - 
Durch  Briefe  ward  namlich  der  Reiseplan  angelegt:  Natalie,  wel- 
che  mehr  das  Reisen  (wie  Hermina  mehr  das  stille  Bleiben)  liebte, 
hatte  Herminen  gebeten,  sie  zu  ihrem  Firmian  entgegen  zu  be- 
gleiten;  aber  dieser  Wunsch  war  nur  die  Blumendecke  des  zwei- 
ten  gewesen,  daB  die  sieche  Freundin  auf  der  Lustreise  eine  Be- 
wegung,  einen  unbedeckten  Friihling  und  vielleicht  eine  kleine 
Freude  erlange.  Hermine,  deren  Unruhe  uber  meine  Verwicke- 
lungen  mir  Firmian  vorhin  schonend  verschwiegen,  war  von  ihm 

30  bisher  durch  kleine  Tauschungen  beruhigt  und  vom  Helfen  abge- 
halten  worden,  wetf  er  gern  die  meinige  durch  den  Schulrat  voll- 
fiihren  wollte.  Da  sie,  weniger  wagend  und  mehr  schonend  und  zu- 
riickgezogen  als  Natalie,  in  keinen  uberraschenden  Trug  gewilligt 
hatte:  so  wurde  ich  und  sie  mit  dem  namlichen  uberrascht.  Der 
Schulrat  hatte  bloB  Natalien  zu  Firmian  gerufen,  als  sie  mit  Her- 
mine die  von  meinem  letzten  Brief  bezeichnete  Laube  teilte.  -  - 


920  PALI  N  G  E  N  E  S I E  N 

Jetzt  wurden  am  Sternenhimmel  immer  groBere  Abgriinde 
blau  —  die  Tone  gaben  unsern  Freuden,  wie  vorher  den  Schmer- 
zen,  Flug  und  Stimme  —  jeder  Gedanke,  der  durch  die  erleuchtete 
Seele  ging,  zog  darin,  wie  Schiffe  im  mondhellen  Meer,  eine  Iange 
schimmernde  StraBe  -  die  Erde  selber  glitt  mit  uns  als  ein  Lust- 
schifT  durch  den  Ather  dahin,  und  die  Wolken-Segel  flogen  am 
Himmel,  und  wir  schifften  eilig  und  tonend  vor  dem  zuruckfliegen- 
den  Monde  vorbei.  »Lasset  uns  unsern  Schulrat  suchen«,  sagte  Fir- 
mian,  »und  recht  frohlich  zusammen  sein  -  man  sollte  jede  Wein- 
lese  recht  abbeeren  und  auskeltern,  denn  nichts  kommt  ja  wieder  10 
—  es  gibt  nur  bewegliche  Feste  der  Freude  -  die  lyrischen  Stunden 
des  Herzens  sind  nur  einmalige  Gelegenheitsgedichte,  und  die 
Wiederholung  der  Bravourarien  im  Singspiel  des  Lebens  wird  auf 
dem  Zettel  verbeten.« 

»Nun,  so  mags!«  (sagte  schnell  Natalie)  »die  Ungliicksfalle 
lassen,  wenn  sie  uns  auch  ganz  abrupfen,  uns  doch  wie  die  Raub- 
vogel1  das  Her^  iibrig.« 

»Und  wenn  auch  die  Freude  eilig  ist,«  (sagte  Hermine  und 
blickte  ihre  Freundin  recht  erheitert  an)  »so  geht  doch  vor  ihr 
eine  lange  Hoffnung  her,  und  ihr  folgt  eine  langere  Erinnerung  20 
nach«  -  »wie  im  PoIarfruhling«,  setzt'  ich  dazu,  »lange  das  Bild 
der  Sonne  aufgeht,  eh'  sie  selber  kommt,  und  im  Polarherbst  ihr 
Bild  noch  scheint,  wenn  sie  selber  auf  lange  unterging.« 

»Aber«,  fuhr  ich  fort,  »welchen  Himmel  braucht  wohl  ein 
Menschenherz,  dem  ein  zweites  verliehen  ist?  In  diesem  hohlen 
Nieten-Leben,  wo  unsere  Wiinsche  und  Zwecke  nur  Stufen  und 
keinen  Gipfel  finden,  wo  unsere  Taten  mehr  andere  als  uns  be- 
gliicken  konnen  und  wo  die  reichste  Seele  zuletzt  als  eine  zer- 
brockelte  Sandwiiste  voll  zerschlagner  Felsen  und  Kristalle  da- 
steht,  in  diesem  Leben  werden  wir  nur  von  der  Liebe  wie  von  30 
einer  zweiten  Welt  gefiillt;  und  mitten  im  TotenhausederVergang- 
lichkeit  und  an  Grabern  und  auf  dem  eignen  Sterbebette  fiihlet  doch 
ein  Herz,  das  gliicklich  liebet,  nichts  als  Unsterblichkeit.«  - 

Und  indem  ich  dieses  sagte  und  indem  wir  den  Schulrat,  der 
unverschuldet  ohne  die  geliebte  Seele  lebt,  aus  dem  Haine  kommen 

1  Nach  der  Meinung  der  alten  Naturforscher. 


NEUNTER  REISE-ANZEIGER  921 

sahen:  so  dacht  ich  an  meine  Pflichten  und  Fehler  und  gelobt'  es 
still  und  warm,  dieser  geduldigen  Hermine  das  Leben  tragen  zu 
helfen,  wo  es  zu  schwer  auf  liegt  -  ihr  noch  eine  Freude  zu  machen, 
ehe  sie  dahin  ist  oder  ich  -  mit  ihr  in  der  Jahrszeit  des  Lebens,  wo 
noch  die  Nebel  des  Schicksals  fallen,  ins  Freie  unter  dem  warmen 
ofFnen  Himmel  spazieren  zu  gehen,  eh'  das  wolkige  Alter  einbricht, 
wo  alle  Nebel  steigen  und  den  ganzen  kurzen  Tag  verfinstern. 

Ach  ich  sehnte  mich  jetzt  schmerzhaft  nach  einer  einsamen 
Minute,  worin  ich  ihr  das  alles  entziickt  gelobte;  da  ich  ihr  heute 
10  ohnehin  noch  wenig  sagen  konnte. 

Der  Schulrat,  durch  fremde  Bande  an  den  RiB  des  seinigen 
ennnert,  sagte  zu  uns,  aber  mit  fester  Stimme:  »er  habe  heute  zu 
oft  an  seine  selige  Lenette  gedacht  -  er  habe  sich  zwar  langst  in 
Gottes  Fugung  ergeben  -  aber  es  sei  jammerschade,  daB  ein  so 
junges  gutes  Herz  verwese  -  und  er  habe  sich  nun  fest  entschlos- 
sen,  ihre  Leichenpredigt  mit  einigen  Lebensumstanden  in  den 
Druck  zu  geben,  zumal  da  ich  in  den  B lumens tiicken  oft  uber  ihre 
erheblichsten  leicht  weggegangen  sei.« 

Lachle  nicht  zu  sehr,  Leser,  sondern  nimm  wie  ich  mit  Achtung 
20  die  Provinzialismen  und  Hebraismen  auf,  womit  sich  das  gottlich 
eingegebene  Evangelium  der  Liebe  ausdruckt.  -  Mich  macht*  er  nur 
weicher  und  meinen  Wunsch  einer  stillen  Minute  nur  warmer. 

Da  wir  jetzt  nahe  an  die  Hornisten  kamen :  so  riet  der  Schulrat, 
wir  sollten  sie  die  Finalkadenz  und  den  Schwanengesang  abblasen 
lassen  und  wegen  der  kalten  Nachtluft  nach  Hause  gehen  und  da 
in  der  Warme  recht  frohlich  sein.  Wir  gehorchten  willig  seiner 
Sorge  fur  die  zartere  weiblkhe  Gesundheit. 

Und  unter  dem  Scheiden  und  im  letzten  Annahern  der  Laube 
des  Wiedersehens  ergriff  die  Sehnsucht,  Herminen  mein  Herz 
30  und  meine  Geliibde  zu  zeigen,  mich  immer  heftiger,  weil  mein 
altes  Gefiihl  der  Eitelkeit  aller  irdischen  Dinge  wieder  kam,  das 
den  Menschen  allzeit  anfallet,  wenn  er  etwas  endigt,  es  mag  nun 
sein  eignes  Buch  -  wie  dieses  hier  -  oder  ein  fremder  Roman, 
oder  ein  Jahr,  oder  das  Leben  selber  sein.  Ja  ware  nur  -  sagt  Fir- 
mian  mit  Recht  -  bei  unserem  ewigen  Hin-  und  Hergang  vom 
Vergniigen  zum  Schmerz,  vom  Gefuhle  der  Gesundheit  zu  dem 


922  PALINGENESIEN 

der  Entkraftung,  vom  aufstrahlenden  Feuer  des  Kopfes  und  Her- 
zens  zur  finstern  Kalte  in  beiden,  ware  da  nur  die  Tauschung  des 
allmahlichen  Uberganges  und  der  Zeit  nicht,  die  durch  ihren  Da- 
zwischentritt  die  Nachbarschaft  dieser  Extreme  versteckt:  so  Iage 
das  Gefuhl  der  Unbestandigkeit  noch  schwerer  auf  uns,  wie  es  im 
Alter  wirklich  liegt,  wo  vielfachere  Erfahrungen  jedem  Zustand 
die  Larve  seiner  Ewigkeit  abgezogen  haben  und  wo  der  mude 
kalte  Mensch  sich  nur  noch  im  Mondlicht  der  zuriickscheinenden 
Jugend  sonnet. 

Auf  einmal,  da  ich  nahe  an  der  Blatter-Klause  auf  ein  Mittel  10 
einer  kurzen  Absonderung  dachte,  nahm  Hermine  meine  Hand 
und  hielt  mich  sanft  zum  langsamern  Gange  -  und  dieser  war  das 
Mittel  und  schauete  mich  mit  unaussprechlich-schonen  vollge- 
fiillten  Augen  an,  gleichsam  als  fragte  sie :  »Hast  du  mir  nichts  zu 
sagen?  O  wenn  du  wiiBtest,  wie  voll  diese  stumme  Seele  ist,  und 
wie  gern  sie  mit  dir  sprache,  und  wie  meine  Freude  doch  Heber 
weint,  als  spricht  und  lacht.«  -  Und  als  ihr  Wunsch  meinen  er- 
fiillte  und  ich  langsamer  ging,  blickte  Firmian  sich  ein  wenig  um 
und  ging  sogleich  schneller  mit  seinen  Lieben. 

»Gute  Hermine,«  sagt*  ich  vor  der  belaubten  Einsiedelei,  »an  20 
was  dachtest  du  vorhin  so  allein  in  unserer  Laube  des  Wieder- 
sehens  h<  —  »An  uns,«  (sagte  sie  stockend  und  geriihrt)  wan  deinen 
Brief,  den  du  mir  darin  geschrieben  hast,  und  mit  unnennbarer 
Ruhrung  an  unser  heiliges  Verlobungsfest  vor  einem  Jahr«  - 
(»Mehr!  Sage  mir  mehr,  Hermine«,  unterbrach  ich  sie.)  -  »Und 
deine  Besorgnis  um  mein  Leben  riihrte  mich  innig  -  und  wenn 
ich  nachts  Musik  hore,  wie  in  jeder  Freude,  so  denk*  ich  immer 
an  meine  gute  Mutter  —  und  dann  sah'  ich  dich  kommen.«...  Sie 
horte  auf,  aber  die  treueste  Tochter  wurde  nur  durch  die  heiBen 
Tranen  der  kindlichen  Sehnsucht  stumm.  30 

O  du  schone  Seele!  eben  dieses  Schmachten  nach  der  hinauf- 
gegangnen  Mutter  und  dieses  innere  ZerflieBen  iiber  die  irdische 
Einsamkeit  hast  du  heute  den  Augen  der  Freude  gern  verdeckt 
und  es  in  Heiterkeit  verkleidet!  -  Ist  es  nicht  oft  groBer,  die  eigne 
Trane  verhehlen,  als  die  fremde  abtrocknen,  und  ist  nicht  oft  das 
schone  weibliche  Herz  der  Blumenkelch,  worin  der  Tautropfe, 


NEUNTER  REISE-ANZEIGER  923 

der  es  kiihlt  und  trankt,  nicht  den  Honigtropfen  verschwemmt 
und  verwassert,  den  es  zeugt  und  der  Biene  vergonnt?  - 

Da  ich  jetzt  ins  sinnende  Verstummen  der  geriihrten  Achtung 
geriet,  und  da  sie  in  bescheidenem  Irrtum  fragte:  »Du  hast  mir 
noch  nichts  iiber  mein  Schweigen  in  Hof  gesagt,  aber  Natalie  ist 
gewiB  meine  schonste  Entschuldigung  -«:  so  fiel  ich  ihr,  wie 
von  den  himmlischen  Gestirnen  entziindet,  gliihend  um  den  Hals 
und  sagte  heftig  und  schnell :  »Sage  nichts  weiter,  Engels-Seele !  - 
Ich  habe  dir  nur  alles  zu  sagen,  ach  so  viele  Reue  und  Fehler  und 

10  meine  Liebe  und  meine  Gelubde!  -  Und  wie  ich  me  mehr  dein 
treues  gutes  Herz  verletzen  will.  -  Nein,  diese  sanften  zarten 
Augen  sollen  von  keiner  harten  diistern  Trane  mehr  wundge- 
driickt  werden«  -  (Sie  weinte  starker,  aber  nur  aus  Running,  und 
sie  wollte  vergeblich  den  wilden  ErguB  der  Liebe  mildern.)  - 
»Ich  beteuere  dir,«  (fuhr  ich  fort,  dadurch  noch  heftiger  bewegt 
und  endlich  nur  durch  eine  leidende  Zuckung  ihres  Mundes  zu- 
rechtgebracht)  »daB  ich  deine  Tage  und  deine  Seele  nicht  mehr 

zermalmen  will Aber  wie  diese  Tone  um  uns  sollen  deine 

Stunden  und  Tranen  iiber  das  Leben  wegflieBen  -  o  wie  dieser 

20  glanzende  Nachthimmel  muB  einmal  deine  Vergangenheit  dich 
umgeben  -  antworte  nicht,  Hermine,  und  wenn  alle  meine  Tage 
vorbei  sind,  du  Gute,  dann  soil  deine  Mutter  zu  mir  sagen  in  der 

andern  Welt:  ja,  du  hast  sie  geliebt  wie  ich.« Ihr  erschiittertes 

Herz  wurde  von  einem  stummen  Weinen  iiberwaltigt,  und  wie 
die  Aolsharfe  dem  reiBenden  Sturm  nur  eine  bebende  melodische 
Antwort  gibt,  so  konnte  sie  nur  leise  stammeln:  »Ja  wir  lieben 
uns  herzlich  und  ewig!«  - 

Nun  verstummte  die  befriedigte  Seele  -  und  wir  folgten  unter 
freudigen  Nachschauern  unsern  Freunden  nach  -  der  Vollmond 

30  schwamm  tief  im  gereinigten  Himmelsblau,  und  die  vorher  von 
Wolken  verschuttete  Stadt  Gottes  lag  aufgedeckt  mit  ihren  Lich- 
tern  in  der  Unendlichkeit  -  uns  als  wir  schon  weit  mit  unsern 
Freunden  hinter  dem  begltickenden  Garten  gingen,  riefen  uns 
seine  Tone  noch  lange  wie  traumende  Tage  der  ersten  Liebe 

nach 

Ende  des  zweiten  Bandchens 


JEAN  PAULS  BRIEFE 

UND 

BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 


VORREDE 

Statt  aller  Korrespondenten  brauchte  bloB  mein  Buchbinder  in 
Weimar,  der  alle  meine  Brief-Couverts  leimt,  als  Zeuge  aufzu- 
stehen,  wie  oft  ich  diese  fulle  fur  jene.  Gleichwohl  seh'  ich  noch 
kein  einziges  Schreiben  gedruckt;  man  setzt  die  Publikation, 
scheint  es,  auf  mein  Verscheiden  hinaus;  ein  schlechter  Profit  fur 
den  Briefsteller!  -  Daher  kommt  es,  daB  sich  schon  Morhof  so 
sehr  iiber  das  Verlieren  und  Vermodern  der  unedierten  Briefe 
groBer  Gelehrter  beschweren  muBte.  Es  wiird'  ihm  schmeicheln, 

10  wenn  er  noch  am  Leben  ware,  daB  ich  die  meinigen  schon  in  die 
Welt  schicke,  eh*  ich  daraus  fortgegangen.  Tat*  es  jeder,  sokonn- 
ten  keinem  zwei  fremde  Briefe  angedichtet  werden  wie  dem  jiin- 
gern  Plinius,  noch  eigne  abgesprochen,  wie  eben  jene  dem  Ter- 
tullian.1  In  unserem  Sakul  ist  alles  publik,  Siinden  wie  Briefe;  die 
besten  Staatsmanner  machen  daher  wie  die  Franzosen  -  dieses 
neapolitanische  Obel  der  Schweiz  -  von  der  Freiheit  der  allge- 
meinen  Publizitat  selber  Gebrauch  und  brechen,  indes  der  Unter- 
tan  die  Geheimnisse  der  Regierung  kundtut,  dessen  Briefe  auf, 
um  wieder  hinter  die  seinigen  zu  kommen;  denn  gegen  die  Ver- 

20  heimlichung  einer  geistigen  Schwangerschaft  kehren  sie  ebenso 
eifrig  vor  als  gegen  die  einer  Ieiblichen.  Uberhaupt  warum  er- 
richtet  kein  Mann,  der  Korrespondenz  hat,  eine  Leihbibliothek 
von  lauter  Briefen?  In  Stadten  und  an  Hofen  wiirde  man,  wie  die 
Alten,  gern  mit  einer  solchen  Lektiire  von  bloBen  Manuskripten 
anfangen  und  dann  weitergehen. 

Die  meinigen  in  diesem  Buch  sind  ein  Anfang.  Sie  wurden  in 
Kuhscknappel  geschrieben  bei  Gelegenheit  eines  dejeuner  dan- 

1  Die  bekannten  plinianischen  iiber  die  Christen,  die  Semler  dem  Ter- 
tullian  beimisset. 


928  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

sant  und  Pickenicks  in  Grems,  und  der  sechste  entwirft  ein  kleines, 
aber  nettes  Gesellschaftsstuck  von  besagtem  Pickenick. 

Das  letzte  Drittel  des  Buchs  vertrauet  dem  Leser  eine  Kon- 
jektural-Biographie  meines  zukiAnftigen  Lebens  in  sogenannten 
poetischen  Episteln  an.  Wahrhafrig  es  ist  schon,  daB  sich  der 
Mensch  um  jeden  andern  mehr  zu  scheren  braucht  als  um  sich; 

-  von  sich  kann  er  sagen  und  verraten  und  vermuten,  was  er 
will;  iiber  seine  Geheimnisse  mussen  alle  Leute  das  Maul  halten, 
nur  er  nicht.  Daher  nab'  ich  -  kalt  gegen  die  Engherzigkeit  eines 
erbarmlichen  Sprodetuns  mit  den  Mysterien  eigner  Personalien  10 

-  es  geradezu  (ohne  meine  gewohnlichen  biographischen  Fik- 
tionen)  in  die  Welt  hinausgemalt,  wie  mein  Leben  aussehen 
werde  von  diesem  Jahre  an  bis  zu  meinem  letzten. 

Die  Dichtkunst  wie  die  Tugend  verachtet  auf  dem  Wege  zu 
ihrem  Sieg  den  Untergang  persdnlicher  Verhaltnisse  und  fluch- 
tiger  Freuden.  Dieses  Spiel  schadet  nicht;  indes  in  den  andern 
Spielen  der  Erwachsenen,  wie  in  den  Spielen  der  Kinder,  die  hol- 
zernen  Trompeten  und  die  Bleisoldaten  vergiften  und  die  Wie- 
genpferde  und  Blasrohre  gefahrlich  erschiittern. 

Als  ein  Doppelt ganger  hab*  ich  in  der  Konjektural-Biographie  20 
mich  selber  gesehen  und  gemalt  und,  wie  Moses  im  Pentateuch, 
sogar  meinen  Tod:  letzterer  bleibt  mir  in  jedem  Fall  gewiB;  und 
sollte  dieser  historische  Roman  meines  Ichs  mit  einem  fruhern 
Bande  beschlieBen,  als  ich  vermutet  hatte:  so  wiirde  mein  Kopf 
das,  was  er  an  eignen  Konjekturen  einbufite,  wieder  an  fremden 
gewinnen,  die  Doktor  Gall  in  Wien  (dem  ich  das  Kranium  hie- 
mit  legiere)  daraus  schopfen  miiBte. 

Heute  ist  Fastnacht  —  und  Redoute  -  und  die  Larve  und  das 
Hungertuch1  werden  zusarrimen  ausgehangen,  und  ich  konnte 
mit  Recht  aufhoren;  inzwischen  ist  morgen  Aschermittwoch,und  30 
ich  habe  an  einen  beruhmten  Gelehrten  dieser  Zeit  etwas  recht 
auf  dieses  Werklein  Passendes  geschrieben,  was  ich  hier  (beson- 
ders  da  dieses  Buch  mein  let^tes  im  Jahrhundert  ist)  einriicken 
kann,  wovon  ich  aber  wenig  mehr  weiB,  weil  ichs  nicht  kopieret 

1  Ein  mit  biblischen  Historien  bemaltes  Tuch,  das  die  Papisten  von  der 
Fastnacht  bis  zum  Karfreitag  aushingen. 


VORREDE  £29 

habe.  Es  wird  hier  der  beriihmte  Mann  aufgefordert,  in  den  flo- 
rierenden  Anzeigern  zu  sagen,  ob  ich  wirklich  folgendes  an  ihn 
erlassen  habe: 

»Der  Teufel«  (glaub'  ich  geschrieben  zu  haben)  »ist  los  in  die- 
sem  Jahrhundert  und  der  heilige  Geist  ebenfalls,  mein  Herr!  Ach 
eine  harte  Zeit  steht  an  der  Ture,  Erdfalle  und  Lauwinen  zugleich ! 
Es  werden  einige  Jahrzehende  kommen  -  denn  mehrere  vertragt 
das  unsterbliche  Herz  des  Menschen  nicht  — ,  worin  Chemie  und 
Physik  und  Geogonie  und  Philosophic  und  Politik  verschworen 

10  den  Isis-Schleier  der  stilleh  hohen  Gottheit  fur  eine  Gestalt  selber 
und  die  Isis  hinter  ihm  fiir  nichts  ausgeben  werden.  -  Das  der 
Nemesis  gehorsame  Herz,  das  bescheidnere  frommere  Zeiten  er- 
zogen  haben,  wird  zagen  vor  einer  frechen  ruchlosen  Titanenzeit, 
worin  nur  Handel  und  Scharfsinn  gebieten  und  worin  ein  geisti- 
ges  Faustrecht  zu  Gerichte  sitzt.  Die  jetzige  Zeit  wird  von  revo- 
lutionaren  Sckatten  bewohnt,  die,  wie  die  homerischen,  nicht  eher 
Kraft  und  Rede  haben,  als  bis  sie  Blut  getrunken.  Wohl  ist  die 
Menschheit  erwacht  -  ich  weifi  nicht,  ob  im  Bette  oder  Grabe  -; 
aber  sie  Hegt  noch,  wie  eine  erweckte  Leiche,  umgekehrt  aufdem 

20  Angesicht  und  blickt  in  die  Erde. 

Diese  moralische  Revolution  (eine  politische  ist  mehr  die 
Tochter  als  Mutter  einer  moralischen),  dieser  Obermut  des  Gei- 
stes  der  Zeit  geht  bis  zu  den  Kritikern  herab,  die  den  Dichter  vor 
der  Moral  warnen  und  die  es  lieber  haben,  daB  er,  wenn  er  doch 
einmal  sich  mit  StofT  befangt,  das  kleinere  Obel  wahle  und  eher 
zu  tief  in  den  unsittlichen  greife  als  in  den  sittlichen.  Ihr  zerstor- 
ten  Zerstorer,  ihr  werdet  die  Sunder,  aber  nicht  die  Dichter  ver- 
mehren;  leiden  denn  diese  bei  uns  so  sehr  an  der  moralischen 
Teleologie?  Und  wer  durch  diese  ein  Prosaiker  wird,  der  wiirde 

30  es  auch  durch  die  unsittlichste  von  der  Welt  verbleiben,  wie  die 
Franzosen  beweisen.  Ist  nicht  bei  den  zwei  groBen  griechischen 
Dichtern,  bei  Homer  und  Sophokles,  die  Hippokrene  ein  heiliges 
Weihwasser  und  ihr  ParnaB  ein  Altar  der  Nemesis  und  ganz  ge- 
bauet  auf  einen  moralischen  Sinai?  - 

Inzwischen  wird  auch  diese  Zeit  ihre  Sonnenwende  finden.Das 
Menschenherz  verstaubt,  aber  nie  sein  Ziel.  Wie  nach  den  Natur- 


930  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

kundigern  ein  ganzes  Pflanzen-  und  Tierreicb  sich  niederschlagen 
muBte  als  Blumenerde  und  Unterlage  fur  das  Menschenreich :  so 
ist  die  Asche  der  schlimmern  Zeiten  das  Diingesalz  der  bessern.  - 
Jeder  verbessere  und  revolutioniere  nur  vor  alien  Dingen  statt 
der  Zeit  sein  Ich;  dann  gibt  sich  alles,  well  die  Zeit  aus  Ichs 
besteht.  Er  arbeite  und  grabe  still  mit  seiner  Lampe  an  der  Stirn 
in  seinem  dunkeln  Bezirke  und  Schachte  fort,  unbekiimmert  um 
das  Auf-  und  Abrauschen  der  Wasserwerke;  und  falls  die  Flam- 
men,  worein  die  Grubenlickter  die  Bergsckwaden  setzen,  ihn  er- 
griffen:  so  ware  doch  fur  die  kiinftigen  Knappen  die  Luft  ge-  10 
saubert.  —  Aber  wir  sind  alle  so :  die  Unermefilichkeit  des  Raums 
bewilligen  wir  den  Entwickelungen  des  Universums  gern;  hin- 
gegen  die  Unermefilichkeit  der  Zeit  schlagen  wir  ihnen  ab,  als 
gehorten  nicht  beide  zusammen.  Das  tausendjahrige  Reich  des 
Alls  soil  (verlangen  wir)  morgen  an  unserem  Geburtstage  drau- 
Ben  eben  ausgeschifft  vor  der  Tiire  stehen  und  uns  gratulieren, 

damit  wir  auch  davon  profitieren.« 

Aber  wie  gesagt,  es  ist  noch  ungewiB,  ob  ich  mich  gerade  so  an 
den  beruhmten  Gelehrten  ausgedriickt;  denn  ich  schreib*  es  hier 
nur  aus  dem  Kopf.  20 

Weimar,  am  Fastnachtstage  1799. 

Jean  Paul  Fr.  Rkhter 


Erster  Brief.  An  Frau  Spezialin1  Zeitmann 

Einladung  zura  dejeuner  dansant  -  iiber  das  Lesen  der  Madchen 
Postkript;  privilegiertes  Testament  fiir  meine  Tochter 

Kuhschnappel,  den  22.  Jun. 
Sie  haf^en  jetzt,  Madame,  einen  Hasenbrecher  in  der  Hand  und 
zerteilen  und  verteilen;  das  sen*  ich  aus  der  Eidechse  durch  ein 
langes,  mitten  in  der  Stube  aufgestelltes  Erdrohr  recht  deutlich. 
Jetzt  zeigen  Sie  boshaft  mit  der  Gabel  nach  dem  Berghemschen 
Seestiick  am  Himmel  und  weiden  sich  an  den  herunterlaufenden 
10  Kaskadellen.  Jetzt  lachen  Sie  gegen  den  Gasthof  zur  Eidechse  hin 

und  wahrlich  iiber  mich Ich  kann  nur  nicht  zugleich  den 

Tubus  und  die  Feder  halten  und  habe  keine  Herschelsche 
Schwester,  der  ich  die  Observationen  diktierte:  sonst  hatt'  ichs 
gesehen,  daB  Sie  Herrn  Spezial  wahrend  dieses  Briefes  meine 
Wetterprophezeiung3  und  Ihre  sieghafte  Wette  vorgetragen 
haben. 

Meinetwegen !  -  Ich  konnte  mich  zwar  wehren  und  den  Regen 

-  fiir  Sie  ein  goldner,  fiir  mich  ein  Steinregen  -  zugestehen  und 
fast  weg  erklaren,  da  heute  Sommers-  und  auch  erst  Freitags- 

20  Anfang  ist  und  abends  Ihre  Seeherrschaft  gewiB  aufhort;  aber 
hier  geb*  ich  Ihnen  den  weiblichen  Schwabenspiegel  in  Form 
eines  Testaments,  ohne  meinen  prophetischen  Kristallspiegel  zu 
zerschlagen. 

Eh'  ich  weiter  vom  Schwabenspiegel  rede :  will  ich  Ihnen  sagen 

-  weil  ich  ihn  mehr  verschenkt  als  verwettet  habe  — ,  was  ich  da-    ^ 
fiir  haben  mufi:  den  Herrn  Spezial  und  Ihre  Tochter  und  Sie. 
Ich  und  der  Hospitalprediger  Stiefel  haben  es  gestern  miteinander 

1  Im  Wurttembergischen  und  im  Reichsmarktflecken  Kuhschnappel  he- 
deutet  Spezial  Superintendent. 
30       3  Ich  hatte  gewettet,  wenn  es  an  Sommers- Anfang  regnete,  »ein  Testa* 
ment  fur  meine  Tochterw,  namlich  fiir  ihre  zu  machen. 


932  BRIEFE  UND  BEVORSTE  HENDER  LEBENSLAUF 

iiberschlagen,  daB  es  gar  zu  lazarus-maBig  aussahe,  wenn  wir 
konfoderiert  nichts  weiter  zum  groBen  Gremser  Pickenick  zu- 
schossen  als  die  Suppe;  indes  Sie  und  die  iibrigen  Bundes-  und 
Tischgenossen  vielleicht  mit  schweren  ProviantschifTen  vorfiih- 
ren  vor  den  Haspel  des  ausladenden  Tischzeugs.  Nein  -  sondern 
wir  geben  zusammen  an  demselben  Morgen  ein  dejeuner  dansant 
und  ein  Feuerwerk  bei  Sonnenlicht.  In  Kuhschnappel  muB  ein 
dejeuner  dansant  ein  weiBer  Rabe  und  sogar  der  Name  ein  Fremd- 
ling  sein;  es  ist  aber  solches  ein  tanzendes  Fruhstiick,  Madame, 
wo  man  an  Hofen  Tanz,  Musik  und  gewohnliches  Fruhstiick  in  10 
Mixturen  genieBt.  Dazu  nun  invitieren  wir,  Stiefel  und  ich,  vor- 
ziiglich  Sie  und  Ihre  lebendige  Marietta,  ohne  welche  Herr  Voit 
oder  Vito  oder  Veit  weder  vor-  noch  mittanzen  konnte.  Das 
Krebsleuchten  des  Feuerwerks  ist  mehr  zum  Fang  der  Herren 
bestimmt;  und  wir  bitten  Sie  instandig,  Herrn  Zeitmann  zu  be- 
reden,  zu  bezwingen,  zu  bringen.  Oft  stellet  man  hinter  Brauti- 
game,  die  am  Altare  nicht  Ja  sagen  wollen,  Kiister,  die  es  fur  sie 
sagen:  warum  postiert  man  nicht  hinter  Ehemanner  dergleichen 
Kiister?  -  Wahrhaftig,  Herr  Zeitmann  fodert  von  der  leichten 
Freude  zu  viel  Freude,  vom  winzigen  bunten  sumsenden  Kolibri  20 
ein  Pfund  Bettfedern,  wie  von  der  ernsten  Gans,  oder  eine  pom- 
mersche  Gansbrust  oder  Vorspannkrafte  wie  vom  Vogel  StrauB. 
Der  Honigsauger  schwebe  und  sumse  und  glanze  und  damit  gut! 
-  Welches  Kind  wird  seinen  Gugelhopf  aus  Schnee,  mit  Ziegel- 
steinmehl  gebraunet,  in  dem  Bratofen  backen  wollen?  -  Kurz, 
er  soil  kommen. 

Noch  dazu  ist  am  Siebenschlafertage  aus  guten  Griinden  das 
schonste  Wetter  fur  das  Feuerwerk,  und  Sie  haben  ihn  samtlich 
recht  klug  zum  Sitz-  und  Kreistag  des  Pickenicks  erwahlt.  Meine 
Gehirnhohlen  sind  hier  wieder  delphische  und  weissagen;  ja  ich  30 
wette  wieder. 

Doch  ich  tat  Ihren  Willen  durch  meinen  letzten;  aber  in  mog- 
lichster  Kurze  -  Sedez  ist  das  Format  fur  das  Weiberherz  -  auf 
das  Murmeln  einzelner  Worte  horcht  man  starker  als  auf  einen 
rauschenden  Predigtstrom  -  diese  Pflanzchen  muB  man  nicht 
mit  dem  Nil  der  Hofmeister  und  Mutter  wassern,  sondern,  wie 


ERSTER  BRIEF  933 

Aurikel,  nur  mit  einer  nassen  Biirste  iiberstauben.  Zweidrittel  ist 
aber  aus  dem  Hesperus  und  den  Blumenstiicken.1  -  Und  so  sei 
und  bleib*  ich 

Ihr 

J- P«- 

N.  S.  Ich  ersuche  Sie  um  Ihre  Teemaschine  zum  dejeuner  dan- 
sant.  Da  ich  auf  Reisen  keine  Mobeln  fuhre  —  zu  Hause  nicht 
einmal  -  und  da"  der  Hospitalprediger,  der  seit  Lenettens  Tode 
das  Friihstuck  aus  einer  Untertasse  nimmt,  so  wenig  um  sich  hat 

jo  als  ein  Feuerlander:  so  muB  die  Feuerwerker-  und  Tanzgesell- 
schaft  uns  beiden  fast  alles  leihen,  was  wir  ihr  zu  geben  denken. 
Und  das  bringt  mich  auf  mein  verwettetes  Testament.  Madame, 
Sie  taten  mir  durch  den  Antrag  zu  viel  Ehre  und  VerdruB  an, 
einen  goldnen  Spiegel  fiir  eine  Tochter  zu  gieBen.  Ihre  Marietta 
braucht  keinen  und  ist  selber  einer,  und  ein  zweiter  zeigte  ihr  nur 
sie  selber.  Aber  auch  das  abgerechnet:  so  dient  ein  solcher,  wie 
denNurnbergerinnen  die  auBern  amFenster,  bloB  zumBeschauen 
und  Beurteilen  anderer  Leute  auf  der  Gasse.  Dazu  gehts  mit  der 
Biicherkost  oft  wie  mit  der  leiblichen:  ein  gutes  Zeichen,  behaup- 

20  ten  die  Arzte,  ist  es,  wenn  man  zu  Anfang  eines  Monats  durch  die 
Nahrung  einige  Pfund  schwerer  wird,  am  Ende  desselben  aber 
sie  wieder  verliert;  gleicherweise  nab*  ich  Leserinnen,  die  gerade 
nach  dem  Genusse  einer  Lektiire  mehr  Gewicht  hatten,  einige 
Wochen  darauf,  wenn  ich  sie  wieder  wog,  so  leicht  befunden  wie 
zuvor,  zum  groBten  Beweis  einer  festen  ^Constitution. 

Privilegiertes  Testament  fur  meine  samtlichen  Tochter. 

Ihr  konntet,  Kinder,  in  meinen  gesunden  Tagen  wenig  von  mir 
profitieren,  weil  ich  als  Gelehrter  den  ganzen  Tag  auf  meinem 
Leseesel  saB  und  schrieb;  so  sehr  gleicht  ein  Autor  einem  Wan- 
30  delstern,  der  fur  Leute,  die  die  FiiBe  auf  ihm  haben,  eine  sumpfige 
dunkle  Erde  ist,  indes  er  sich  um  feme  Planetenleser  als  ein  leuch- 
tender  Stern  bewegt.  Daher  liab'  ich  hier  auf  der  Sterbematratze 
1  Im  Druck  schnitt  ichs  natiirlich  wieder  weg. 


934  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

meinen  letzten  Willen,  der  euer  erster  werden  soil  und  kann,  zu- 
mal  da  ihr  mir  jetzt  schwerlich  widersprecht,  weil  ihr  wohl  wisset, 
daB  mein  schweres  Gehor  euch  nicht  bis  ins  Grab  hinunter  hort.- 

Solltet  ihr  euch  jetzt  zusammensetzen  und  ausmachen  wollen, 
welcher  Schwester  von  euch  der  satirische  Vater  unter  den  allge- 
meinsten  Testamentsverfiigungen  einen  feinen  Hornissenstich  ver- 
setzen  wollen,  ob  dem  guten  Suschen,  oder  Franzelinen,  oder 
Samuelinen,  oder  Fidessen,  oder  Raphaelen  und  Emanuelen:  so 
erwagt  doch  um  Gottes  Willen,  ihr  Kinder,  daB  ihr  noch  gar 
nicht  existiert  und  daB  es  ja  nur  an  mir  selber  liegt,  wenn  ich  mir  10 
euch  nicht  so  denke,  wie  ich  euch  haben  will.  Testator  und  Erben 
gelten  schon  im  romischen  Recht  fur  eine  Person;  wie  viel  mehr, 
wenn  sie  samtlich  noch  unter  einer  Gehirnschale  hausen. 

Ich  verordne  demnach  —  aber  mutet  einem  Menschen,  der  sein 
Testament  macht,  keine  groBere  Ordnung  zu,  als  in  eueren  Brie- 
fen  regiert  —  zuerst,  daB  ihr  euerer  Mutter  nachschlagt  und  kiinf- 
tig  glaubt,  es  gebe  kein  Kunstwerk,  welches  dem  Genie  und 
Geschmack  einer  Frau  mehr  Ehre  macht,  und  woran  sie  taglich 
bessern  und  polieren  soil,  als  ihre  -  Tochter.  Dem  Vater  fehlt 
die  Zeit,  weil  er  den  ganzen  Tag  kleinere  Kunstwerke  befeilt,  20 
z.  B.  Testamente  fur  Tochter. 

Ich  verordne  ferner,  daB  ihr  langsam  und  leise  sowohl  geht 
(besonders  an  dffentlichen  Orten,  wo  nur  eine  Verlegene  lauft) 
als  sprecht,  weil  fur  Madchen  und  Harmonikas  nur  Adagios  pas- 
sen.  Auch  das  homerische  Gelachter  mustert  aus,  weil  ein  starkes 
oder  langes  einen  schonen  Kopf  nicht  nur  verunstaltet,  sondern 
wirklich  berauscht;  jede  heftige  Regung  muB  euer  Geschlecht, 
weil  es  immer  maBig  ist  und  weil  sein  diinnes  oszillierendes  Ner- 
venspinnengewebe  leicht  mit  alien  Faden  schwankt,  uberfiillen 
und  ubermannen.  Das  Messer  der  Kultur,  das  uns  den  besten  30 
Birkensaft  abschropft,  schneidet  euere  berstende  Nelkenknospe 
bloB  zu  einer  herrlichen  Entfaltung  auf. 

Denkt  ewig  an  das  Wort,  was  euer  Vater  auf  seinem  Sterbe- 
lager  sagte:  Die  unschuldigste  Liebkosung  kann  durch  Wieder- 
holung  eine  schuldige  werden.  Es  ist  mein  testamentlicher  Wille, 
daB  ihr  in  einer  Virtelstunde  nicht  mehr  als  einen  KuB  annehmet, 


ERSTER  BRIEF  935 

deraber  keinelangseindarf.Ihrwisset  nicht,  wie  meinGeschlecht, 
das  der  sonderbare  Abstich  euerer  erstern  Liebe  voll  Neins  mit 
der  spatern  voll  Jas  ganz  bestiirzt,  aus  Einfalt  entweder  zu  kalt 
wird  oder  zu  warm.  Trauet  euerem  Herzen,  aber  nie  eueren  sie- 
chen  Nerven;  ach,  bei  den  schonsten  edelsten  Gefuhlen  ging  es 
mancher  Stiefschwester  von  euch  aus  Mangel  an  Festigkeit  des 
Willens  und  der  Gesundheit  wie  den  Mexikanern,  die  sich,  weil 
sie  nur  weiches  Gold  und  kein  Eisen  hatten,  von  den  Spaniern 
muBten  erobern  lassen. 

10  Werft  jeden  schonen  Gelst  und  schonen  Korper  (der  haufig  in 
Offiziers-Uniform  einhergeht),  zumal  wenn  beide  Moitisten  sind 
und  ein  Stiick  ausmachen,  aus  dem  Hause,  worin  ihr  Tochter 
habt.  Zehn  Romane  sind  nicht  so  schlimm  als  ein  Romanen- 
schreiber.  Biographen  aber  konnen  kommen. 

Ferner  will  und  verordn*  ich,  daB  ihr  nach  meinem-Tode 
Griinde  annehmt. 

In  meinen  gesunden  Tagen  nahmet  ihr  alles,  sogar  gute  Worte, 
lieber  an.  Uberhaupt  andert  eine  Frau  ihre  Meinungen  schwerer 
als  ein  Mann,  weil  jene  sie  auf  Gefuhle  und  auf  Anschauung 

20  bauet,  dieser  sie  mehr  auf  Schliisse  und  oft  auf  fremde  Worte; 
und  weil  die  mannlichen  Satze  ofters  nur  Wahlkinder,  die  weib- 
Hchen  aber  eigene  sind.  Euere  sind  lebendige  Empfindungen,  die 
keinen  Schliissen  weichen,  sondern  die  nur  der  Zeit,  oder  wenn  es 
in  der  kiirzesten  sein  soli,  einer  andern  lebendigen  zurucken.  Da- 
bei  habt  ihr  eine  eigne  Gabe,  euere  vorigen  Empfindungen  uber 
die  regierende  zu  vergessen,  wodurch  ihr  ein  schones  Gefuhl 
euerer  Unfehlbarkeit  und  Unveranderlichkeit  erbeutet;  so  wie 
ich  Leute  mit  schwachem  Gedachtnis  kannte,  die  letzteres  nie- 
mals  innen  wurden,  bloB  weil  sie  die  Falle  nicht  behalten  konn- 

30  ten,  worin  sie  etwas  nicht  behalten  hatten.  - 

Himmlische  Kinder,  die  vorige  testamentarische  Verfiigung 
muB  ich  in  einem  Kodizill  repetieren,  so  wichtig  und  schwierig 
erscheint  sie  mir.  Freilich  nahmet  ihr  gern  Griinde  an,  wenn  ihr 
euch  -  welches  nur  euere  Vater  vermogen  -  wie  ein  musivisches 
Gemalde  durchschneiden  und  so  verdoppeln  und  euch  als  eine 
Zwillings-  oder  Milchschwester  eueres  Ichs  vor  euch  hinstellen 


936  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

und  beschauen  konntet;  -  aber  ihr  konnts  ja  nicht.  Ihr  leset  alle 
Herzen,  ausgenommen  euer  lesendes.  Und  doch  muB  man,  was 
ihr  nicht  tut,  durchaus,  urn  sich  zu  heilen  oder  zu  erhalten,  sich 
oft  recht  hart  und  durchgreifend  befragen:  »Was  verlangst  du 
eigentlich?«,  da  zuweilen  zehn  Gefuhle  sich  wie  Kinder  hinter- 
einander  verstecken,  und  das  letzte  will  nicht  reden.  -  Nur  ein 
Beispiel,  ihr  Guten!  Wisset  ihr  keines,  daB  ein  recht  gutes  Mad- 
chen  zerflieBend  und  berauscht  (und  berauschend)  an  Mond  und 
Sternenhimmel  und  Landschaften  immerfort  hing,  ausgenommen 
in  der-Ehe?- Wahrlich,  ich  weiB,  wieesist,  und  verarge  wenig;  IO 
aber  das  sei  mir  erlaubt,  ihr  Herz  mit  dem  Johannis  in  Diissel- 
dorf1  zu  vergleichen.  Sonst  hing  in  der  Galerie  eine  hiibsche 
wasserfarbige  Landschaft  ohne  viel  Aufsehen.  Zufallig  wollte  der 
Inspektor  und  Maire  dieses  orbis  pictus  einmal  an  dem  Stiicke 
putzen  und  reiben:  als  auf  einmal  der  Armel  eines  zweiten  Ge- 
maldes  darunter  vorkam  -  er  schabte  weiter  —  und  endlich  sprang 
aus  der  Landschaft  der  ganze  olfarbige  Johannis  hervor,  der  sich 
ebenso  beruhmt  gemacht.  Wiirde  man  aber  nicht  oft,  wenn  man 
die  Claude  Lorraines  in  manchem  weiblichen  Herzen  naherpriifte 
und  endlich  wegscheuerte,  unter  der  schonen  Natur  einen  schdnen  Zo 
Johannis  antreffen,  -  oder  einen  schonen  Hans,  oder  Jean,  oder 
Jack?  Sprecht,  ihr  Guten!  - 

Auch  ist  es  mein  letzter  Wille,  daB  ihr  Freundinnen  nicht  so 
schwer  vergebt  und  Freunden  nicht  so  leicht.  Bei  diesen  sichert 
euch(wie  uns)nichts  so  gut  vorBeleidigungen  als  die  GewiBheit, 
daB  sie  nicht  verziehen  werden.  Nie  lege  bei  der  Versohnung  mit 
der  Freundin  bloB  die  Zeit  euere  und  ihre  Hande  zusammen,  son- 
dern  der  Drang  und  die  Kiihnheit;  nicht  annahernd  und  zufallig, 
sondern  im  Sturm  und  weinend  und  auf  einmal:  sonst  tragt  ihr  in 
die  Erwarmung  die  zu  lange  Erkaltung  hiniiber.  5o 

Sprecht  kein  Wort  von  Politik ;  man  weiB  recht  gut,  mit  welchem 
fremden  Kalbe  ihr  pflugt  oder  um  welches  goldne  ihr  tanzt.  Gleich 
den  Bischofen  fliehet  das  Blut  der  Kriege;  ungleich  den  Miicken, 
wovon  nur  die  Weibchen  es  saugen.  Wenn  ihr  wisset,  daB  Frank- 
reich  frei  geworden :  so  ists  genug  und  mehr,  als  ich  selber  weiB. 

1  Stolbergs  Reisen  etc.,  i.  T. 


ERSTER   BRIEF  937 

Es  angstigt  euren  Vater  in  der  letzten  Stunde,  daB  er  durch 
seine  schonen  Werke  euch  ein  Lebens-Arkadien  in  den  Kopf 
setzen  helfen,  das  keine  Kiiche,  keine  Kinderstube  und  keinen 
Waschtag  hat,  sondern  nur  einen  herrlichen  Himmel  und  einen 
wohlgestalteten  Schafer  darunter,  der  so  lange  fortkniet,  bis  ihm 
die  Haare  ausfallen.  Testator  ^ann  nichts  dafur,  wenn  ihr  poe- 
tische  Blumen,  wie  Fieberkranke  die  Blumen  des  Bettevorhangs, 
zu  lebenden  gehenden  Wesen  macht.  Ihr  klaget  iiber  die  mecha- 
nischen  Arbeiten  eures  Geschlechts,  ohne  hinzusehen,  daB  meines 

10  ebenso  viele  unter  schonern  Namen  hat.  Eine  Gerichtsstube  find* 
ich  vom  Waschhause,  eine  Expeditionsstube  von  der  Kiiche,  oder 
die  Schulstube  von  der  Kinderstube  in  nichts  verschieden  als 
darin,  daB  ihrs  besser  habt,  da  in  unsern  Raspelhausern  der  Kopf, 
in  euren  nur  die  Hande  an  den  Arbeits-Eisenring  befestigt  sind. 
Denn  falls  euer  Geist  nur  den  Korper  am  Nahrahmen  oderFeuer- 
herde  zunicklasset,  wer  hindert  jenen,  vom  Dache  eines  Lust- 
schlosses  zum  andern,  vom  Gipfel  eines  daphnischen  Haines  zum 
andern  zu  hiipfen  und  endlich  in  herrliche  elysaische  Felder  nie- 
derzufallen?  -  Und  wurd*  euch  nicht  der  Lebens-Mai  mit  dem 

20  jungfraulichen  far  niente  voll  geselliger  Freuden  und  schoner 
Traume  beschieden,  indes  wir  unsern  Lenz  in  Schulstuben,  Hor- 
salen,  im  clinico,  relatorio,  repetitorio,  stylistico  gebiickt  ver- 
ackern  und  versaen  muBten,  und  lustwandeltet  ihr  nicht  auf  den 
blumigen  Rainen,  indes  wir  darinnen  in  den  schwarzen  Furchen 
mit  Pflug  und  Egge  hantierten?  - 

Ein  Ehepaar  beschreibe  seine  Lebensbahn  gleich  der  Sonne  und 
dem  Neumond,  die  miteinander  auf-  und  weitergehen !  Denn  wie- 
wohl  der  Phobus  glanzt  und  brennt  und  Luna  der  Welt  nur  eine 
unscheinbare  Seite  zukehrt  (ihrem  Phobus  aber  die  helle),  sozieht 

30  sie  doch  starker  an  wie  er  und  reget  die  Wasser  und  bestimmt 
das  Wetter  und  den  Wachstum  und  die  Fruchtbarkeit.  -  Ungern 
nab'  ich  in  diesem  Gleichnis  uns  Manner  zu  Phobis  erhoben. 

Da  ich  jetzt  als  Testierender  bald  auf  meinem  Kopf  kissenunter- 
gehe  und  doch  mein  privilegiertes  Testament  vorher  schlieBen 
muB  und  da  ich  wegen  der  zustromenden  Materie  nirgends  weiB, 
wo  ich  aufhoren  soil:  so  muB  ich  uberall  aufhoren  konnen,  also 


938  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

auch  hier.  Freilich  noch  tausend  testamentarische  Verftigungen 
hatt*  ich  zu  machen  -  ich  konnte  noch  verordnen:  flieht  reichen 
und  gesetzgebenden  Anzug,  wenn  ihr  nicht  euer  Geschlecht  zur 
Essigmutter  des  Hasses  machen  und  von  ihm  die  Tabaksbeize  der 
Verleumdung  erhalten  wollet  -  trennt  euere  Tochter  von  den 
Dialogen  des  Gesindes,  die  ihnen  wenigstens  wie  die  Kletten  auf 
Spaziergangen  im  Nachsommer  die  Miihe  machen,  sie  vomRock- 
saume  abzuzupfen  -  sprecht  mit  Freundinnen  so,  als  wenn  euch 
ein  Mann  zuhorte,  und  mit  einem  Jungling  so,  als  standen  die 
Freundinnen  dabei  -  erscheinet  mit  einer  ganzen  neuen  Kleidung  10 
nie  zuerst  an  einem  ofTentlichen  Ort,  weil  die  Verlegenheit  oder 
das  Gefuhl  einer  neuen  den  Schein  des  Stolzes  annimmt  -  haltet 
eueren  Korper  fur  einen  Heiligenleib  in  einem  Glaskasten,  fur 
einen  Teil  euerer  Seele  und  Tugend,  und  euch  fiir  Schminkboh- 
nen,  an  denen  Schale  und  Kern  zugleich  kostlich  sind,  indes  wir 
gleich  den  sogenannten  Saubohnen  nur  mit  dem  nahrhaften  Kern 
in  Topf  und  Schiissel  taugen  —  schweigt  nicht  immer  untermann- 
lichen  Gesprachen  und  sprecht  nicht  ewig  unter  weiblichen  - 
lobt  und  tadelt  uns  nicht  feurig  -  lernt  von  euerer  Mutter  durch 

Festigkeit  regieren  iiber  euere  Leute,  usw. wie  ges.agt,  das  10 

alles  und  weit  mehr  konnt'  ich  testamentarisch  verfiigen;  aber  ich 
wiirde  nicht  fertig  und  das  Testament  langer  als  das  Alte  und 
Neue.  Dieses  gelte,  wie  jedes  romische,  fur  ein  Gesetz;  -  und  so 
lebt  so  froh  dahin,  wie  ich  von  dannen  fahre. 

Mittelspitz,  den  2i.Marz. 

Jean  Paul  Fr.  Richter 


Zierliches  Kodi^ill 
Nehmt  Griinde  an,  ihr  Gold-Kinder! 


Actum  ut  supra. 


zweiter  brief  939 

Zweiter  Brief.  An  Marietta  Zeitmann 


Der  Stumme   mit  den   Blumen  -   der  eiserne   Blumengarten 
Postskript;  Luna  am  Tage 


K.,  d.  23.  Jun. 
Die  Rose,  die  sonst  die  Parole  des  Schweigens  ist,  hat  der  arrae 
stumme  Florist1  als  eine  Stummenglocke  in  der  Hand;  er  will 
wie  die  sultanischen  Stummen  etwas  haben  mit  seiner  Blumen- 
sprache;  -  und  ich  auch,  Hebe  Marietta.  Zuerst  soil  er  vor  Ihnen 
das  ganze  Blumenkorbchen  umsturzen  und  ausschiitten,  damit 

10  der  Bodensatz,  mein  Nachtstiick,  herausfalle.  Alles  das  wird  Ihnen 
geschenkt,  weil  Sie  Verse  machen;  das  Nachtstiick,  damit  Sie  es 
darein  bringen  und  einrahmen;  und  der  Junius-Flor,  weil  ich 
Ihnen,  wenn  ich  die  Academie  des  Jeux  Floraux  ware,  statt  der 
weichen  Violen  und  Ringelblumen  harte  von  gutem  Silber  geben 
miifite.  Und  ich  glaube,  ich  tate  dann  besser.  Sie  Madchen  samt- 
lich  lieben  an  Blumen  mehr  die  Farben,  wir  die  Diifte;  und  fiir 
Sie  sind  alle  Blumen  VergiBmeinnicht  und  jede  Flora  eine  seidene. 
Hatt*  ich  das  Geld,  ich  lieBe  mir  welsche  und  lyonische  Floristen 
statt  der  Gartner  kommen  und  fur  Gartenfreundinnen  einen 

20  ordentlichen  Hesperidengarten  aus  Draht  und  Florettseide  pflan- 
zen.  Welch  eine  Idee !  Sie  verdient  noch  drei  Blicke.  Oh,  sehen  Sie 
nur  wenigstens  zur  Gartentiire  hinein  auf  mein  Rosenparterre 
aus  Holundermark  -  nicht  nur  Sie  als  Blumengottin  in  Seide, 
sondern  auch  allelhre  Landeskinder  -  ein  perennierender  floreal 
mitten  im  haBlichen  brumaire  -  die  Blumen  ganz  verschie- 
dener  Jahrszeiten,  wie  in  einem  deutschen  Gedicht,  nebenein- 
ander  gedeihend  -  herborisieren  Sie  weiter,  so  kann  ich  Ihnen 
einen  Prince  Paul2  aus  Papier  prasentieren  und  anstecken,  indes 
im  Bouquet  um  den  Prince  noch  ein  glaserner  Mark  Aurel,  ein 

30  porzellaner  Agathon  und  ein  Ovid  aus  Federn  gebunden  sind.  — 

1  Ein  stummer  armer  Knabe,  der  seine  Bitte  um  Geld  in  einen  Handel  mit 
Blumen  einkleidete. 

1  So  nennen  die  Blumisten  die  doppelte  rote  Hyazinthe;  die  ubrigen 
Namen  sind  auch  Hyazinthen.  Delany  macht  aus  Papier  Blumen,  Schdfer 
umgekehrt  aus  Blumen  Papier. 


940  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

Aber  nun  will  ich  wieder  mein  Stummer  werden,  zumal  da  ich 
nichts  so  Bliihendes  wie  er  zu  geben  habe;  und  wahrhaftig,  man 
sollte  jetzt  mehr  die  redenden  als  die  stummen  Teufel  aus  den 
Menschen  austreiben.  -  Apropos!  Das  Gremser  Feuerwerk  und 
tanzende  Friihstuck  bleibt  ein  unbewegliches  Fest;  und  ich  habe 
hier  bloB  so  viel  fiir  Sie  getan  und  geschrieben,  damit  Sie  der 
Frau  Spezialin  zureden,  dem  Herrn  Spezial  zuzureden.  Es  muB 
sein.  Ich  und  der  Prediger  wollen  uns  nicht  umsonst  in  Kosten 
gesetzt  haben.  Addio !  Das  Nachtstuck  hier  wird  Ihr  weiches  Herz 
mehr  befriedigen  als  das  scherzende  Blumenstuck.  -  10 

J.  p. 

* 

Luna  am  Tage1 

Mit  erdenfarbiger  erloschner  Gestalt  und  mit  langen  Seufzern 
zog  Luna  auf  ihrem  Wagen  nahe  vor  des  bliihenden  Apollos 
Feuerradern  durch  den  Himmel  und  schauete  immer  gegen  das 
warme  lachende  Antlitz  ihres  Bruders  zuruck,  um  ihn  zu  lieben 
und  sich  zu  trosten;  denn  ihr  teuerer  Endymion  wurd*  ihr  vora 
Tage  genommen,  die  Fesseln  seines  unsterblichen  Schlummers 
banden  ihn  in  seiner  Hohle  fest,  und  die  Liebende  schmachtete 
nach  der  alten  Stunde  umsonst,  wo  sie  unter  dem  Mantel  der  Nacht  20 
zum  bliihenden  Traumer  heruntersank  und  ihn  siiB-zitternd  an- 
schauete  und  sich  immer  bebender  niederbog  und  endlich  von 
den  ewigen  Rosenknospen  seiner  jungen  Lippen  mit  einem  eiligen 
Kusse  entfioh. 

»0  siehe,  mein  Bruder,«  (sprach  sie  zu  Phobus,  ihr  zartes  Weh 
verkleidend)  »wie  mir  alle  meine  Violen  drunten  ihren  Duft  ver- 
sagen  und  ihn  erst  hauchen,  wenn  ich  voriiber  bin.  Dir  aber  off- 
nen  so  viele  tausend  Blumen  ihr  Herz!« 

Recht  beklommen  schauete  sie  nun  uber  die  heiBe  matte  Erde 
voll  Rauchsaulen  und  sterbender  Schatten  hin;  da  erblickte  sie  3<> 

1  Wenigen  Leserinnen  wird  erst  die  Note  zu  sagen  brauchen,  daD  der 
Neumond  mit  der  Sonne  aufgehe;  daC  er  sie  uns  verfinstere,  wenn  er  sich 
vor  sie  stellt,  und  daC,  wenn  er  sie  ganz  verdeckt,  die  Nachtigallen  schlagen, 
die  Blumen  zufallen,  der  Venusstern  mitten  am  Himmel  erscheine,  usw. 


ZWEITER  BRIEF  94I 

zwei  Liebende  auf  ihr,  die  sie  nie  unter  ihrem  nachtlichen  Wagen 
gefunden.  Sie  waren  immer  vom  Argus  des  Tages  begleitet;  - 
niemals  hatten  sie  nebeneinander  auf  die  Nachtigall  gehorcht  und 
zum  Lacheln  der  Sterne  aufgeblickt  und  dann  siiOer  alles  wieder 
verloren  und  nur  einander  gefunden;  -  bloG  unter  den  harten 
Tonarten  der  gellenden  Welt  vernahmen  sie  die  Lautensaiten  der 
Liebe;  -  und  blode,  wie  Luna,  und  liebe-schonend  verlangten  die 
zarten  Herzen  vom  Tage  nur  ein  kurzes  Wiedersehen,  und  keinen 
Handedruck  und  nicht  den  ersten  KuB. 

10  Die  bleiche,  vom  Bruder  bewachte  Luna  fiihlte  die  weichen 
Schmerzen  und  Wiinsche  der  fremden  Liebe  in  der  eignen  Brust. 
O,  von  der  Liebe  wird  die  Liebe  vergeben  und  geehrtl  »Geliebter 
Bruder,«  sagte  sie  bittend,  »schaue  nach  Delos  hinab  auf  deine 
bliihenden  Geliebten,  auf  deine  Sonnenblume,  auf  deinen  Lorbeer 
und  auf  die  Hyazinthe  und  die  Zypresse  und  die  Weihrauch- 
staude,  wie  sie  diirsten  und  sich  beugen!  -  Und  sprenge  auf  die 
heifien  Zweige  einen  labenden  Tropfen  Tau!  -  Lasse  mich,  du 
Lieber,  den  Mantel  der  Nacht  iiber  deine  feuerschnaubende  Rosse 
schlagen.« 

20  »Verhulle  ein  wenig  die  Flammen!«  sagt'  er  willig,  weil  er  in 
den  geheimern  Wunsch  des  Schwester-Herzens  eindrang.  Nun 
fiel  die  erfrischende  kiirzeste  Nacht  wie  ein  Abendregen  auf  die 
Erde  und  auf  das  liebende  Paar!  Wie  stauntet  ihr  Gliicklichen,  als 
die  kreischendenKanarienvogel  stockten  und  die  Lerchen  schmet- 
ternd  holier  aufflogen  -  und  die  Nachtviolen  aufgingen  und  die 
siiBen  Abendopfer  brachten  -  und  als  auf  der  tief  behangnen  Erde 
voll  liebender  Einsamkeit  nichts  mehr  leuchtete  als  die  Vulkane, 
deren  schmutzige  Wolkensaulen  zu  Feuersaulen  anglommen  und 
gegen  die  Sternbilder  aufbrannten  -  und  als  Philomele  in  den 

30  schlafrigen  Bliiten  erwachte  und  aus  der  uberfiillten  Brust  melo- 
disch  stohnte  und  in  schone  Klagen  dahinfloB  —  aber  ihr  staun- 
tet nur  kurz,  und  das  Herz  wandte  sich  zum  Herzen  und  das  Auge 
zum  Auge.  -  O,  ihr  Seligen !  Zweifelnd  und  doch  gliihend,  zagend 
und  doch  schon  tranen-trunken  wie  die  Blumen  urn  euch,  die  die 
kleine  Nacht  betauet,  blickt  ihr  euch  an  und  scheuet  eilend  die 
Flucht  des  schonen  Dunkels  und  doch  zogernd  die  erste  Kuhn- 


94^  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

heit  des  Handedrucks.  —  Aber  die  schuldlosen  Herzen,  so  gefan- 
gen  und  betaubt  von  der  freudigen  Finsternis,  wie  die  Bienen  urn 
sie  von  dem  nachtlich  zufallenden  Tulpen-Kerker,  vergaBen  die 
erste  Kuhnheit  und  sanken  uberwaltigt  mit  der  siiBern  aneinander 
und  kiiBten  sich  und  ruhten  auf  dem  KuB  und  vernahmen  nur 
noch  wie  ein  femes  Echo  die  Nachtigall,  und  die  Diamanten  auf 
dem  geliebten  Herzen  flngen  zu  leuchten  an,  gleichsam  als  gaben 
sie  nicht  bloB  den  eingesognen  Glanz  der  Sonne,  sondern  auch 
der  Freude  zuruck. 

Da  glanzte  Lunens  Auge  vom  Schmachten  feucht,  und  sie  10 
suchte  schnell  und  kiihn  auf  der  traumerisch-erleuchteten  Erde 
Endymions  Hohle.  Sie  fand  den  Latmus-Berg  und  den  Geliebten, 
und  wache  Johanniswiirmchen  spielten  in  der  Grotte  um  seine 
Rosenwangen.  Erschrocken  und  der  Tranen  unbewuBt  blickte 
sie  sich  um;  da  sah  sie  die  Venus  lachelnd  neben  ihrem  Bruder 
stehen.  Sie  errotete  und  riB  den  Schleier  der  Nacht  von  den  Flam- 
men  der  Rosse  weg,  und  der  Tag  sank  wieder  mit  seinem  weiten 
Glanz  iiber  die  ganze  Erde.  Und  die  Liebenden  drunten  wachten 
auf  wie  an  einem  Morgen,  aber  die  Morgenrote  stand  bloB  auf 
ihren  Wangen;  und  sie  schaueten  selig  die  helle,  jugendliche  und  20 
singende  Erde  an  und  den  Glanz  ihres  Taues  in  den  aufgerich- 
teten  frischen  Blumen.  Luna  aber  blieb  vom  Sehnen  trage  hinter 
dem  raschen  Jiingling  zuruck  und  immer  weiter  zuruck,  bis  die 
Nacht  sie  ubereilte:  dann  ward  auch  die  Blode  wieder  selig. 


Dritter  Brief.  An  Doktor  Viktor 

StraBenbettler  und  Strafien  -  meine  neuen  Bekanntschaften  -  Hut-Orden  - 

heutige  Achtung  fur  das  Alter  -  Gemeinwesen  von  Kuhschnappel  -  nahere 

Berichte  vom  Gremser  Pickenick 

Postskript;  Btttschrift  an  die  deutsche  Hut-Union 

K.,  d.  24.  Jun.  30 
Du  muBt,  Lieber,  nun  meinen  Brief  aus  Uberlingen  haben. 
Jetzt  bin  ich  schon  in  Kuhschnappel;  und  kenne  da  so  viele  Leute, 
daB  ich  einige  Wochen  bleiben  kann. 


DRITTER  BRIEF  943 

Entsetzlicher  Schmutz,  der  einen  furstHchen  StraBendamm 
verschlingt  wie  Sand  den  Rhein,  gibt  mir  immer  die  Hoffnung, 
da8  ich  einer  Reichsstadt  oder  einem  Reichsvorstadtchen  wie 
Kuhschnappel  zufahre,*  ein  elender  Weg,  ich  meine  das,  was  dar- 
auf  liegt,  ist  die  beste  Losung  und  Fahrte  der  freien  Reichs- 
Peterlein;  das  zweite  Kennzeichen  ist  a'uch  eines,  daB  namlich  zur 
freien  Reichsstadt  nicht  wie  zu  jiidischen  Freistadten  die  Wege 
leicht  und  gerade  laufen,  sondern  wie  zu  Lusthausern  schon  ge- 
bogen. 

10  Paullini,  der  eine  Teleologie  des  Kotes  schrieb,  handelte  nicht 
gut,  daB  er  nicht  zu  den  Kuhschnapplern  zog,  die  der  Schwalbe 
gleichen,  welche  den  Sommerschlaf  in  trocknem  verbringt,  und 
den  Winterschlaf  in  feuchtem.  -  Aber  hatt*  ich  auch  meinen 
Durchgang  durch  das  rote  oder  schwarze  Meer  im  Schlafe  ge- 
macht:  so  hatte  mir  doch  ein  dritter  Reichsanzeiger  einer  Reichs- 
stadt aus  ihm  und  dem  Traume  geholfen,  das  Bettelvolk. 

Du  kannst  es  nicht  zahlen,  weil  es,  ungleich  dem  jiidischen, 
eben  unter  der  Zahlung  wachst.  Ich  debiitierte  in  einer  Benefiz- 
komodie  fur  Arme  mit  der  Forcerolle  und  gab  und  gab.  Meiners 

20  muB  von  der  Schweiz  aus  hier  durchgegangen  sein,  weil  er  be- 
merkt,  daB  nirgends  mehr  Gelder  liegen  als  in  Despotien  -  und 
folglich  in  Freistaaten  und  gar  Freistatlein  kein  anderer  Heller, 
als  den  Bettler  kriegen.  Wahrhaftig,  wie  eine  Bilderbibel  die  Bibel 
fiir  Arme  und  PHnius  die  Bibliothek  fiir  Arme  heiBet:  so  ist  eine 
solche  Stadt  die  Judengasse  fiir  Arme. 

Es  begegnete  mir  schon  in  andern  biographischen  Stadten  und 
so  in  dieser,  daB  ich  -in  der  Feme  noch  auf  den  Schachfeldern 
ihrer  Dacher  die  poetische  Illumination  leuchten  sah,  die  nachher, 
wenn  ich  durchs  Tor  bin,  Lampe  nach  Lampe  erlischt.  Ich  stieg 

30  im  Gasthof  zur  Eidechse  ab,  weil  Siebenkas,  wie  du  aus  dem  letz- 
ten  Kapitel  meiner  Blumenstucke  weiBt,  hier  die  letzten  Schmer- 
zen  oder  den  Nachwinter  seiner  Vergangenheit  gefunden  hat.  Ich 
ging  sogleich  zum  Schulrat  Stiefel,  an  dessen  Fenster  (die  Schul- 
wohnung  ist  dem  Gasthofe  gegeniiber)  ich  schon  eine  Stunde 
lang  eine  Amazone  mit  einem  dreieckigen  Hute  unbeweglich 
stehen  und  gucken  sah.  Ich  fand  ihn  feurig  in  seinem  Redaktorat 


944  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

des  Gotterbotens  deutscher  Programme  sitzend  und  taub  und 
blind  gegen  die  driickende  Einsamkeit  seiner  Wohnung.  Die 
Amazone  war  bloB  sein  Hut,  den  er  auf  den  Haubenkopf  Lenet- 
tens  abgelegt.  Er  warf  mir  bald  einen  Schnitzer  in  meinen  Palin- 
genesien  vor:  »er  sei  zwar«,  sagt'  er,  »noch  Rektor,  aber  jetzt 
auch  Hospitalprediger  dazu  -  was  ich  gefalligst  in  einer  neuen 
Auflage  korrigieren  mochte.  Von  solchen  historischen  Unrich- 
tigkeiten  wimmelten  iiberhaupt  die  Blumenstiicke,  so  daB  man 
sie  mehr  fur  ein  Werk  der  Phantasie  als  des  historischen  FleiBes  . 
halten  sollte;  und  er  habe  einmal  in  den  literarischen  Anzeiger  10 
einen  kleinen  Anzeiger  davon  inserieren  wollen.«  Oberhauptwird 
er  jetzt  kiihner  und  greift  aus.  Autoren,  die  Iange  Rezensenten 
gewesen,  hangt  immer  etwas  Entscheidendes  und  Grobes  an;  und 
ob  sie  gleich  als  die  Absonderungswerkzeuge  des  gelehrten  Kor- 
pers  nur  das  Verdorbene  eihsaugen  und  ausfuhren  sollen,  so  er- 
starken  sie  doch  am  Ende  so,  daB  sie  sich  auch  ans  Gute  machen. 
Wenn  du  Huhner  (es  ist  derselbe  Fall)  mit  Eierschalen  futterst, 
die  du  zu  groB  gelassen,  so  lernen  sie  daran  zuletzt  nach  vollen 
Eiern  hacken. 

Er  erbot  sich,  mich  mit  den  Gelehrten  von  Kuhschnappel  be-  20 
kannt  zu  rriachen,  und  wollte  auf  den  Abend  diese  Landsmann- 
schaft  zu  sich  invitieren.  Nun  will  ich  lieber  ein  Irrenhaus  be- 
schauen  -  ich  blattere  da  viel  weiter  in  der  menschlichen  Natur  - 
als  ein  gelehrtes  Kuhschnappel.  In  Fachern,  wo  der  Autor  den 
Menschen  ins  Spiel  zieht  (z.  B.  in  der  Philosophic,  Dichtkunst, 
Malerei;  und  da  nur  im  Falle  der  Genialitat),  klopP  ich  gern  beim 
Menschen  an;  aber  in  andern,  die  mit  dem  Autor  ohne  den  Men- 
schen auskommen  (z.  B.  in  der  Sprach-,  Rechts-,  MeB-  und  Alter- 
tumskunde),  da  jag*  ich  nur  dem  Autor  nach,  d.  h.  dem  Buch. 

Allerdings  kann  man  einen  Gelehrten  Sufsuchen  -  wie  ich  30 
wirklich  den  Spezial  Zeitmann  — ,  aber  dazu  muB  er  eine  Tochter 
haben,  die  man  sehen  will;  bei  einem  ehelosen  ist  nichts  zu  ma- 
chen. »Ist  Zeitmann  gliicklich  in  der  Ehe?«  fragt'  ich.  -  »Nach 
Wunsch.«  -  »Studieren  Sonne  von  ihm  in  Tubingen  oder  sonst?« 

—  »Er  hat  gar  keine.«  -  »Also  ohne  Kinder?  der  arme  Mann!« 

—  »Eine  einzige  Tochter.«  -  »Geht  sie  schon  in  Ihre  Schule?« 


DRITTER  BRIEF  945 

-  »Sie  ist  schon  heraus  und  majorenn,  sie  ist  die  Sappho  von 
Kuhschnappel.«  -  »Das  ist  wenig  und  gleichgiiltig;  aber  haften 
Sie  mir  dafur,  daB  ich  am  Superintendenten  einen  Mann  antreffe, 
mit  dem  ein  wissenschaftlicher  Diskurs  zu  haben  ist?  Sonst  bleib* 
ich  lieber  in  der  Eidechse.«  Stiefel  haftete  mir  dafur. 

Ehe  wir  gingen,  muBt'  er  mir  seine  Wirtschaft  und  (zu  seiner 
Verwunderung)  Lenettens  abgepniickten  Nachflor  zeigen,  sogar 
ihren  Kleiderschrank  (fur  mich  ein  Universitatsgebaude).  Wir 
sind  beide  einig,  daB  ein  Schleier,  ein  Shawl,  besonders  ein  All- 

io  tagskleid  eine  Hebe  Person,  wenn  sie  lebt,  reizender,  und  w'enn  sie 
schlaft,  trauriger  und  heiBer  in  unsere  Seele  male  als  ein  ganzes 
Briefgewolbe  von  ihrer  Hand  und  ein  Bildersaal  von  ihrem  Gesicht. 
Aber  nun  wollt*  ich  nicht  aufhoren.  Ich  weiB  nicht,  was  der 
Hospitalprediger  wird  gedacht  haben,  daB  er  mit  mir  iiberall  hin- 
laufen  muBte,  durch  alle  wie  englische  Alleen  krummgepfianzten 
Gassen  -  in  alle  Olgarten,  wo  unser  Siebenkas  in  seinem  Stande 
der  Erniedrigung  die  Geburtsschmerzen  seiner  trostenden  Zukunft 
erduldet  und  verbissen  hat. -Aber  da  ich  alles  besah,  sein  enges 
Stiibchen  beim  Friseur  Merbitzer  —  das  engere  Schlafkammer- 

20  chen,  worein  nicht  zwei  Kanarien-Heckkasten  zu  stellen  waren  - 
und  von  weiten  den  griinenden  Rabenstein  und  des  Heimlichers 
Haus  -  und  in  der  Nahe  seinen  Grabstein  auf  seiner  let^ten,  aber 
zum  Gliick  noch  leeren  Diogenes- Tonne  des  Lebens  und  den  bun- 
ten  Betthimmel  auf  der  letzten  Bettlade,  worin  die  miide  Lenette 
mit  geschlossenen  Augen  liegt,  die  nicht  mehr  wie  sonst  am  kunf- 
tigen  Morgen  zum  Weinen  aufgehen:  da  druckte  die  Wirklich- 
keit  mit  der  Inkuben-Tatze  hart  und  tief  auf  meine  Brust  herein; 
die  Dornen  der  Leiden,  die  in  der  spielenden  Dichtkunst  weich 
und  biegsam  grunen,  werden  in  der  reifenden  Gegenwart  ste- 

30  chend,  starr  und  schwarz.  Ebenso  stellen  die  von  der  Poesie  der 
Erinnerung  beschienenen  Jugendorter  wieder  die  Schrecklarven 
der  verschmerzten  Wirklichkeit  vor  das  physische  Auge.  Aber  ich 
leid'  es  nicht  lange;  die  Dichtkunst  macht  mir  bald  wieder  ihre 
dunkle  Kammer  auf,  worin  (wie  in  der  optischen)  die  zerbro- 
chene  halbbedeckte  Sonne -sich  zur  ganzen  hellen  Scheibe  riindet. 
Wir  gingen  spat  zu  Stiefels  Vorgesetzten  und  Priester  Johan- 


946'  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

nes,  zum  Spezial.  Lauere  nicht  auf  ellenlange  Schilderungen !  Kurz 
der  Mann  war  erstarkt,  weniger  durch  Speisen  als  Jahre,  und  sein 
innerer  Mensch  kam  mit  einer  angewachsenen  Krone  auf  die 
Welt,  worauf  er  noch  eine  konsekrierte  setzte;  er  war  physisch 
und  moralisch  und  geistig  ein  wenig  aufgeblasen.  Aber  ich  und 
du  vergeben  leicht  den  Stolz,  besonders  einem  armen  Schelm; 
und  das  ist  der  SpeziaL  Wie  die  Gemeinden,  bloB  um  sich  das  Al- 
mosen  zu  ersparen,  gewohnlich  den  Armsten  im  Dorf  zum  Hirten 
erlesen,  ebenso  erkiesen  sie  auch  den  Seelenhirten.  Der  Lutheraner 
kann  diesen  Kirchen-Sparlampen  kaum  Ol  genug  entziehen,  um  10 
seine  Unterscheidungslehre  im  Gegensatz  der  fetten  Monche  recht 
ins  Licht  zu  setzen,  die  im  Tempel  das  Ol  nicht  als  Docht,  son- 
dern  als  Eulen  saufen;  wenn  nicht  gar  der  Lutheraner  den  Katho- 
liken  durch  die  Befolgung  eines  von  diesem  nur  aufgestellten  und 
nie  erfullten  Statuts  beschamen  will,  daB  ein  Geistlicher  nichts 
haben  soil. 

Zeitmann  ging  mit  der  Zeit  fort  bis  zu  Rabeners  Zeit;  aber  bis 
zu  mir  ging  nur  Frau  und  Kind.  Beide  kamen  in  sein  Museum. 
Die  herausplatzende  Mutter  ist  ein  gutmeinendes  Wesen,  aber 
ihre  Herzenstiire  ist  lahm  und  geht  nicht  -  zu.  Die  Tochter  20 
Marietta  ist  fur  eine  Kuhschnapplerin  zu  kuhn,  spricht  mit  schar- 
fem  Akzent  und  feurig  und  schnell,  aber  edel  und  stark.  Ich  las 
einen  Bogen  Verse  von  ihr,  sann  aber  unter  dem  Lesen  bloB  auf 
eine  Milderung  des  Urteils.  Sie  oder  uberhaupt  ein  weibliches 
Herz  lebt  poetischer,  als  es  schreibt;  Weiber  sind  mehr  dazu  ge- 
boren,  Kunstwerke  zu  sein  als  Kiinstler.  An  Madchen,  diesen 
Menschen- Rosen,  seh*  ich  Gedichte  oft  fiir  Schlafapfel  an,  die  an 
ihnen  wie  an  Rosen  nur  durch  eingespundete  fremde  Eier  aus- 
schwellen;  Rosenblatter  sind  immer  lieblicher  als  Rosenapfel.  Die 
Madchen  trinken  Wasser  und  tunken  darein,  ihr  Phobus  zieht  30 
Wasser  und  verbleibt  im  Wassermann.  Allem  in  der  Ehe  ent- 
weicht  diese  holde  Liebhaberei,  wie  die  Sonnenblume  nur  in  der 
Jugend  sich  nach  Phobus  dreht.  Ach  nie  ist  eine  Schriftstellerin 
nur  halb  so  gliicklich  wie  ein  Schnftsteller,  z.  B.  ich  I  Gleichwohl 
lasse  sie  immerhin  in  der  Ehe  die  iibrigen  Bande  drucken;  eine 
hausliche  Hausfrau  macht  sich,  so  weit  sie  kann,  alles  selber,  den 


DRITTER  BRIEF  947 

Kopfputz,  den  Anzug,  das  Garn  und  folglich  auch  die  -  Maku- 
latur;  und  dabei  erteilt  sie  noch  dem  Papiere,  wie  Topfer  den 
Schiisseln,  durch  poetische  Blumen  und  Verse  einen  asthetischen 
Wert  fur  Liebhaber  auBer  dem  hauslichen.  - 

Aber  was  will  ich?  Marietta  ist  gut;  und  damit  gut!  -  Inzwi- 
schen  gingen  wir  fort,  und  am  andern  Tage  kamen  12  Lazari,  die 
den  Armeneid  vor  mir  als  dem  Almosenierer  prastierten;  -  und 
ich  gab  ihnen  recht.  Ich  hatte  vorher  die  Armenbuchse  —  die  du 
in  jedem  deutschen  Wirtshause  mit  ihrem  ermahnenden  Rezepte 

10  detur  ad  pyxidem  antriffst  -  besehen  und  es  bedacht,  daB  vielleicht 
unter  tausend  Passagieren  kein  einziger  einen  Dreier  in  diese 
Bettel-Stimmritze  schiebe;  und  fand  also  das  personliche  Termi- 
nieren  der  Interessenten  verniinftig,  weil  sie  Fiirsten  gleichen,  die 
in  gewissen  Stadten  ihre  Steuern  nur  erheben,  wenn  sie  in  Person 
erscheinen. 

Aber  was  sagst  du,  als  man  mich  um  10  Uhr  selber  zu  den 
Terministen  schlug?  —  Der  GroBweibel  schickte  den  bekannten 
Landschreiber  Borstel  zu  mir  und  HeB  mir  sagen,  wenn  ich  einige 
Wochen  hier  zu  bleiben  gedachte,  so  muBt*  ich  zwei  Biirgen  und 

20  einen  Revers  stellen,  daB  ich  dem  Hospital  zum  heiligen  Judas, 
das  fremde  Siechlinge  verpflegt,  nicht  zur  Last  fallen  wollte,  falls 
ich  erkrankte.  Ich  schrieb  daruber  an  den  Hospitalprediger.  Erst 
nachmittags  kam  er  zu  mir  mit  der  Nachricht,  er  und  ein  junger 
Kaufmannssohn,  der  mich  in  Leipzig  gesehen  und  gelesen,  hatten 
sich  miteinander  fur  mich  zu  Pfandern  eingesetzt.  Der  reiche 
Vater  des  letztern,  Poshardt,  wollt*  es  anfangs  nicht  zugeben: 
»Man  weiB  nicht,  wer  seine  Hiihner  und  seine  Ganse  sind«,  sagt* 
er;  aber  die  Mutter  uberredete  den  Mann  und  glich,  wie  mehr 
Weiber,  den  Sternen,  die  nicht  notigen,  aber  lenken.  (Astra  in- 

30  clinant,  non  necessitant.) 

Der  junge  Veit  (so  heiBet  mein  zweiter  Biirge)  HeB  mich  durch 
Stiefel  zu  seinera  Klub  abholen.  Ich  kannt'  ihn  in  Leipzig  als 
einen  gutmutigen  geschickten  Menschen,  der  seinem  Handlungs- 
haus  die  ganze  italienische  Korrespondenz  besorgte;  nur  hat  er 
den  Fehler,  daB  er  ein  Narr  ist  -  in  kleinen  Punkten;  so  schmolz 
er  z.  B.  den  trivialen  Veitsnamen  in  Voit  oder  Vito  um. 


948  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

Stiefel  fuhrte  mich  in  ein  Haus  mit  einem  Weinkranz,  dessen 
parasitische  Pflanze  gern  der  Lorbeerkranz  ist;  halb  Kuhschnap- 
pel  saB  darin,  in  Schopfknechte  verwandelt,  sich  im  Hafeh  tee- 
rend.  Und  doch  wars  das  Poshardtsche  Haus.  Der  Reichsort  hat 
namlich  eine  Gebiirgskette  oder  doch  ein  Dockengelander  von 
Weinbergen  urn  sich  her,  wird  aber  vom  Wein,  weil  er  elend  ist, 
nicht  so  viel  ins  Ausland  los,  als  zu  einem  warmen  Umschlag  urn 
den  Magen  gehort.  Daher  sondert  sich  der  Reichsort  in  zwei  Par- 
teien,  die  eine  besteht  aus  Weingasten  und  die  andere  aus  dem 
Weinkiifer,  der  jenen  einschenkt.  Hat  dieser  verzapft:  so  wird  er  10 
aus  dem  Kiifer  ein  Gast  und  irgendein  Gast  ein  Kiifer.  Und  durch 
dieses  Alternieren  —  weil  jede  Gasse  die  absorbierende  Erdart  der 
andern  wird  -  setzt  der  Marktflecken  das  ganze  Produkt  im  vor- 
teilhaftesten  Aktivhandel  an  sich  selber  ab,  und  kein  Tropfe 
kommt  um  oder  bleibt  da.  -  Du  siehst,  ich  fuhre  dich  ins  leib- 
hafte  Oberlingen  zuriick. 

Wir  wurden  in  Veits  Stube  gebracht,  worin  niemand  war  als 
eine  groBe  Frau  mit  mannlich  gebogner  Nase  und  mit  freund- 
lichen,  aber  scharfen  Augen,  Vitos  Mutter,  die  den  Sesseln  die 
Konservations-Kappen  abzog  und  dem  Gips-Personale  den  rot-  20 
flornen  Staubmantel.  Sie  empfing  uns  mit  einer  m  Kuhschnappel 
ungewohnlichen  Freiheit  von  Verwirrung  und  mit  Ruhe  und 
Herrschaft  liber  sich.  Endlich  kam  der  Klub  und  der  Sohn  die 
Treppe  herauf. 

Die  hereinbrechende  Truppe  war  modisch-geschoren  wie  eine 
Kuppel  SchoBhunde,  obwohl  eben  am  Gliede,  das  an  diesen  haa- 
rig  bleibet,  am  Kopfe,  der  eine  a  la  Tite,  der  andere  a  la  Alcibiade, 
der  dritte  a  la  Caracalla.  Sie  verbogen  sich  modisch,  d.  h.  sie 
traten  steilrecht  dicht  an  die  Mutter  und  nickten  vor  ihr  mit  dem 
Kopfe,  als  wenn  sie  etwas  bejahten.  BloB  der  bewegliche  Sohn  30 
kiiBte  ihr  die  Hand.  Ein  Berner,  der  Statthalter  von  Habsburg1, 
setzte  nach  seinem  Knickse  an  die  Frau  den  Hut  wieder  auf,  und 

1  So  heifiet  im  auBern  Stande  zu  Bern,  der  den  grofien  und  kleinen  Rat 
nachspielt,  der  Jiingling,  der  den  General  bei  ihren  Kriegsiibungen  macht. 
Nach  neuern  Nachrichten  aber  soil  der  obigc-Berner  etwas  ganz  anderes 
sein,  wiewohl  immer  aus  einer  guten  Familie. 


DRITTER  BRIEF  949 

als  diese  fortging,  tatens  die  andern  mit  ihrem  nach.Da  die  gutige 
Mutter,  die  ihren  Taufnamen  Benigna  verdient,  der  Truppe  Kaf- 
fetiers  und  Erbschenken  und  Ratskellner  und  Erzkiichenmeister 
und  Futtermarschalle  und  Schweizerbacker  zuschickte  -  namlich 
die  Attribute  oder  Gaben  dieser  Leute  -:  so  ist  mir  der  tolle  Ge- 
danke  zu  passieren,  daB  ich  die  infulierte  Assemblee  fur  Juden 
nahm,  die  sich  bedecken,  wenn  sie  sich  nahren.  Benigna  ging  zu- 
weilen  dutchs  Zimmer;  dann  opferte  die  Gesellschaft  wieder  mit 
entbloBtem  Haupt,  und  zwar  den  Alten  gleich,  die  sich  nur  vor 

10  zwei  Gottheiten  unter  dem  Opfern  enthullten,  vor  dem  Honor 
'  und  dem  Saturn  (der  Zeit,  die  sogar  an  die  Haare  das  Skalpier- 
messer  setzt). 

Ich  fand  die  Scharade  so  langweilig  wie  du  jetzt,  bis  ein  neues 
MitgHed  der  Hut-Gilde  dazukam  —  indem  es  erst  auf  der  Stelle 
dazu  erhoben  wurde  -,  namlich  Herr  Vito  selber.  Es  ist  so :  die 
jungen  Leute  (einige  von  der  MeBfreiheit  groBer  Stadte  yerzogen, 
andere  von  ihr  angelockt)  fanden  es  fur  ihren  Kopf  zu  klein  und 
fur  den  Hut  zu  nachteilig,  diesen  immer  abzuziehen;  sie  taten 
sich  daher  nach  dem  Muster  eines  fruhern,  im  Juli  des  Modejour- 

20  nals  von  1788  gezeichneten  hutaufhabenden  Klubs  zusammen 
und  sagten  sich  zu,  einander  nie  barhaupt  zu  griiBen,  sondern  ein 
Exempel  zu  geben.  Die  Stube  wurde  eine  Arbeitsloge  und  Vito 
ein  B  ruder;  der  Statthalter  war  der  Logenmeister.  Es  gibt  fur 
einen,  der  aus  einer  groBen  Stadt  herkommt,  nkhts  Schwereres, 
als  in  einer  kleinen  kein  Narr  zu  werden;  der  bedeckten  Loge 
wurd'  es  zu  schwer.  Mein  eignes  Buch  iiber  die  Stadt  wurde  zu 
einer  Pillory  derselben  verkehrt;  die  junge  Bande  sprach  jedem 
den  Kopf  ab,  der  auf  ihm  Haare  hatte  oder  keinen  Hut. 

Die  Alten  zitierten  die  Alten  sonst  wohlwollend  mit  dem  Bei- 

30  wort  »unsere  frommen  Alten«;  aber  von  uns  werden  sie  ironisch 
»die  guten  Alten«  genannt.  Doch  das  vergib;  denn  wenigstens 
ist  unser  Jahrhundert  alter  als  jedes  andere;  und  mithin  sind  wir 
als  die  erfahrungsreichern  eigentlich  die  Alten,  gegen  tote  Alte, 
aber  nicht  gegen  lebendige  gehalten.  Allein  in  unserer  frechen 
Literatur  wirtschaften  jetzt  nicht  Alte,  sondern  Junge  vom  Berge, 
bei  denen  man  gerade  nach  der  Anciennete  devanciert;  die  leben- 


950  BRIEFEUNDBEVORSTEHENDERLEBENSLAUF 

den  Alten,  denen  Pythagoras  in  Kroton  zuletzt  predigte,  belehret 
ein  Junger  vom  Musenberge  zuerst  und  fangt  bei  ihnen  mit  der 
peinlichen  Frage  und  Folter  an,  von  welcher  sie  der  strengflussige 
Jurist  losgibt.  Er  postuliert  freilich  von  sich  mit  dem  Rechtge- 
lehrten,  daB  die  Bosheit  das  Alter  ersetze;  aber  sei  es  auch,  daB 
sie  die  Verhartung  des  Herzens  antizipiere:  so  hat  der  Mensch 
doch  in  jedem  Jahrzehend  veinen  Verstand,  der  nicht  vor  dem 
Jahrzehend  kommt.  Es  gibt  einige  mit  einer  ganz  unleserlichen 
Hand  geschriebene  Blatter  im  Buche  der  Natur,  die  nur  einer 
lesen  kann,  der  sich  lange  mit  der  Hand  vertraut  gemacht.  —        10 

Nur  den  Hut-Orden  entschuldige  I  In  Reichs-  und  in  kleinen 
Stadten  ists  schwer,  die  Vorzuge  der  jetzigen  Zeit  nicht  zu  iiber- 
schatzen  mitten  unter  den  Nachteilen  der  vorigen.  Nur  ein  bio- 
graphischer  Dramatiker  wie  ich  hat  es  leicht;  er  balgt  auf  der 
Stelle  die  massiven  Gestalten  zu  durchsichtigen  poetischen  aus, 
und  dann  sieht  er  ihr  Gutes  und  Schlechtes  unverworren  neben- 
einander  hangen. 

Dariiber  wirst  du  dich  wundern,  daB  ich  mich  selber  zu  einem 
Klubisten  des  Hut-KIubs  rezipieren  lieB  -  ich  tats,  mein  Freund, 
um  einen  Vorwand  zu  bekommen,  acht  Tage  darauf  wieder  dar-  20 
aus  zu  treten.Ich  lege  hier  meinemerkwiirdigeRenuntiationsakte 
bei,  die  ich  gestern  deshalb  dem  Orden  zugeschickt.  — 

Der  hofliche  Veit  schwur  vor  Freude,  der  neue  Ordensbruder 
miiBte  mit  ihm  bei  dem  Gremser  Pickenick  sein.  Aber  der  Ho- 
spitalprediger  versetzte  ganz  entschlossen;  »er  gebe,  hofF  er,  seine 
Suppe  dazu  und  konne  also  so  gut  seinen  Gast  mitbringen  als 
jeder  -  und  er  zahle  darauf,  daB  ich  mitginge,  da  ich  der  seinige 
fruher  gewesen.«  Ich  glich  es  so  aus,  daB  ich  mit  ihm  gemein- 
schaftlich  die  Suppe  aus  unsern  Operationskassen  bestreiten  wollt;e 
-  ich  nahm  das  Eingebrockte  auf  mich  und  er  das  NaB.  5o 

Grems  ist  ein  der  Reichsstadt  Kuhschnappel  zugehoriges  ge- 
meines  Stadt-  oder  Kammergut  und  hat  seinen  Verwalter.  Der 
alte  Poshardt,  als  Mitglied  des  Sechsergerichts,  hat  die  Ober- 
aufsicht  iiber  beide  gleichsam  als  Curator  absentis.  Das  Gut  ren- 
tiert  der  Stadtkasse  durch  hiibsche  Teiche,  bei  deren  Fischerei 
der  groBe  und  kleine  Rat  hinausfahrt  und  sich  die  Rechnungen 


DRITTER  BRIEF  95  I 

und  eine  Mahlzeit  iibergeben  lasset;  und  immer  wird  so  viel  dar- 
aus  gefischt,  daB  man  mit  den  geloseten  Fischgeldern  das  Rats- 
essen  bestreitet  und  noch  den  Karpfensatz  tibrig  behalt  fiir  das 
nachste  Jahr. 

Nun  ist  eine  Viertelstunde  davon  ein  Kirschenwaldchen  (wie 
bei  Frankfurt)  belegen  (ebenfalls  gemeines  Stadtgut),  das  der 
Stadtrat  nicht  eher  und  nicht  langer  verpachtet  als  auf  den  Sieben- 
schlafertag,  wo  die  Kirschen  zeitig  sind,  und  zwar  an  Frau  und 
Kinder  und  andere  Honoratiores.  Die  meisten  Familien  pachten 

10  einen  Baum,  manche  ein  paar.  Am  Siebenschlafer  geben  nun 
samtliche  Kirschen-Pachter  vorher  ein  wetteiferndes  Pickenick 
und  machen  sich  dann  zu  FuB  ins  Waldchen  hinaus  zur  General- 
furagierung,  und  jeder  halt  seine  Kirschenlese.  Da  nun  das  Pacht- 
geld  nur  durch  freundschaftliche  Konnexionen  angesetzt  wird:  so 
magst  du  dir  wohl  denken,  was  mancher  bei  seinem  Baume  pro- 
fitieren  moge. 

Benigna  kam  -  zwischen  die  Kinder-  und  die  Klubisten-Stube 
geteilt  -  aus  jener  wieder  und  visitierte  den  Zustand  des  eidgenos- 
sischen  Fruchtmagazins  und  Weinlagers;  und  entschuldigte  die 

20  Unsichtbarkeit  ihres  Mannes  mit  dem  Posttag.  Aber  der  Sechser, 
wie  sie  ihn  nennen,  macht  sich  nur  aus  einem  Paar  Gelehrten 
nichts.  Sie  vernahm  freundlich  vonVito  meinen  Suppen-Beitrag 
zum  Pickenick;  beim  Himmel!  sie  lieset  mich  so  sehr  wie  ich.  Mit 
einer  Frau  riickst  du  in  Stunden  weiter  -  weil  sie  mehr  Mut  hat 
und  gibt  -  als  mit  einer  Jungfrau  in  Tagen.  Diese  ist  eine  frische 
WalnuB,  von  deren  Kern  du  erst  die  grime,  dann  die  steinerne, 
endlich  die  Spinnweben-Haut  zu  schalen  hast;  die  altere  aber 
machst  du  nur  auf.  Sie  steckte  mir  einen  langen  Lorbeer-Fechser 
in  mein  Haar,  schlug  mich  aber  vorher  damit  stark  auf  die  Schreib- 

50  finger,  weil  ich  fiir  meinen  schnellen  Fieberwechsel  zwischen 
Ernst  und  Scherz  nichts  Bessers  verdiene  als  diese  Pfanderstrafe. 
»Wer  kann«,  versetzt'  ich,  »mit  einem  so  liebenden-  Wunsch  auf 
Hieb  und  StoB  fechten?  Fiir  den  Mann  ist  das  Komische  bloB 
das  Umgekehrte  der  comedie  larmoyante.  Aber  ihr  Weiber  wollt 
nur  eigentlich  gar  keines;  mein  Schlegel  hingegen  will  nichts  als 
das,  er  kdnnte  euere  Bisamratze  sein.«  - 


952  BRIEFEUNDBEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

Um  es  ihr  klar  zu  machen,  sagt*  ich,  daB  Schlegel  (entweder 
mein  Tauf-Namensvetter  oder  der  andere  oder  beide)  gerade  das 
Sentimentalische  oder  das  Edle  in  meinen  Werken  verwurfen  und 
sezernierten,  wie  die  Bisamratze  oder  Zibethmaus  von  den  genos- 
senen  Perlenmuscheln  die  Perlen  als  unverdaulich  wieder  von 
sich  gibt  fur  Perlenfischer. 

Sie  muBte  mir  ihre  Handbibliothek  zeigen,  die  vielleicht  so 
schwer  ist  als  der  groBte  Foliant  und  die  in  ihrer  Kinderstube 
steht.  Sie  hat  keine  literarische  Freundin  als  Marietta,  die  sie  nur 
verstohlen  oder  auf  demKirchweg  sieht  und  hort.  Aber  die  Hoff-  10 
nung  auf  die  Nachtstunde,  wo  die  Poesie,  als  der  fruhere  Traum, 
sie  auf  der  Himmelsleiter  in  einen  tief  gestirnten  Himmel  auf- 
richtet,  fuhrt  und  hebt  sie  bei  den  schweren  Tritten  auf  dem  aiis- 
getretenen  Steige  des  Tages.  Ihr  Sohn  ist  fur  sie  und  fur  Marietten 
der  Buchhandler  und  Verleiher,  aber  diese  bekommt  von  ihm 
noch  den  Verleiher  dazu;  er  soil  sie  sehr  lieben.  Ein  wenig  vor-  . 
eilig  und  im  Nachdenken  iiber  den  Sechser  -  dem  drunten  seine 
Schmierbucher  lieber  waren  als  ein  Paar  Gelehrte,  die  groBere 
geben  konnen  -  tat  ich  die  Frage,  ob  sie  glucklich  sei;  »gewiB  - 
bis  auf  die  Sorgen,  die  immer  die  Kinder,  wenn  sie  auch  geraten,  20 
machen«,  versetzte  sie. 

Aber  den  andern  Tag  wurd*  ich  belehrt.  Da  ich  so  gern  ein 
Wind  bin  oder  einKerbtier,wodurch  derBltitenstaub  derFreund- 
schaft  zwischen  verwandten  Blumenkelchen  hin-  und  hergelangt: 
so  malt'  ich  der  Spezialin  Benignens  Liebe  fur  ihre  Marietta  aus. 
»Was  hilfts  aber,«  versetzte  sie  lebhaft,  »wenn  der  alte  Poshardt 
sich  nicht  andert?«  -  »Unm6glich«,  sagt'  ich,  »kann  der  Mann 
ein  Nero?  ein  Freund  Hein,  ein  Moloch  sein,  wenn  eine  Frau  wie 
Benigna  so  glucklich  bei  ihm  ist.«  -  »Ich  rede«,  fuhr  sie  fort, 
»nicht  von  ihr,  sondern  von  meiner  Tochter.  Aber  die  Poshard-  30 
tin  so  glucklich?  O  die  Arme!  Sie  darf  kaum  lesen,  solang'  er 
wacht;  mich  und  Marietta  heiBet  er  gelehrte  Weiber,  mit  denen 
sie  nichts  zu  schaffen  haben  soil;  und  da  Sie  Biicher  schreiben, 
so  hat  er  Sie  lieber  hinaus-  als  hineingehen  sehen.«  Jawohl,  die 
Arme!  Halte  mich  aber  zuriick,  damit  ich  dir  nicht  ein  breites 
Gemalde  von  der  geriihrten  liebenden  Hochachtung  auspacke 


DRITTER  BRIEF  953 

und  aufspanne,  womit  jede  Seele  wie  diese  mein  Herz  bewegt, 
welche  duldet  und  das  Dulden  verhehlt  und  die,  gleich  den  Gro- 
Ben,  nur  in  der  Finsternis  die  Hinrichtung  empfangt.  —  O  das 
Schweigen  des  Schmerzes  wird  in  jeder  fremden  guten  Brust  ge- 
hort! 

Gestern  trug  mir  ein  Stummer  einen  Kauf  von  Blumen  an,  der 
offenbar,  wie  der  Kauf  bei  den  rornischen  Erbschaften  und  Ge- 
schenken,  nur  eine  Fiktion  war;  aber  wie  bewegte  mich  das!  Und 
noch  defer  wiirde  sich  mein  Inneres  regen  und  ich  miiBte  etwas 

10  geben,  wenn  ich  in  Paris  vor  Haustiiren  vorbeiginge  und  wenn, 
wie  zuweilen,  hausarme  Weiber  darunter  standen  und  nur  die 
Hand' ausstreckten,  ohne  ein  Wort  zu  sagen!  —  Plotzlich  rufet 
jetzt  vor  mir  das  Kirchengelaute  den  Namen  des  heutigen  Tages 
aus !  Ach  guter  Viktor !  Ich  will  dir  nichts  uber  das  lange  Gewolke 
sagen,  das  der  langste  Tag  uber  dich  wie  uber  die  Lander  herzieht ; 
ich  wollte  dir  nur  sagen,  dafi  ich  an  den  Johannistag  dachte. 

Die  Spezialin  kam  jetzt  zur  Sache,  und  fast  mit  einer  unweib- 
lichen  Offenhek  zersprang  ihre  Samenkapsel  voll  Nachrichten. 
Beide  Vater,  Poshardt  und  Zekmann,  meiden  einander  aus  ge- 

20  genseitigem  Stolz;  jener  thronet  auf  dem  Goldklumpen  und  dieser 
auf  dem  Kanzel-Olymp,  und  jeder  wiirde  weniger  fodern,  wenn 
er  nicht  glaubte,  der  andere  fodere  dariiber.  Aber  sieh,  wie  dieses 
Steppenfeuer  des  Zorns  die  Auen  der  Liebe,  auf  denen  sich  Vito 
und  Marietta  suchen,  absondert  oder  gar,  wie  Blitze  die  Bliiten, 
versengtl 

In  Grems  kann  es  nun  beim  Pickenick,  das  eigentlich  als  Lie- 
besmahl  wirken  soil,  manche  Handel  setzen,  und  ich  verspreche 
mir  einen  der  windigsten  Lebenstage.  Die  Familien  werden  noch 
dazu  in  Naturallieferungen  wetteifern,  besonders  der  Sechser  mit 

30  dem  Spezial.  -  Du  sollst  alles  nachstens  lesen.  Ich  verflel  endlich 
auf  etwas  Gescheutes,  das  ich  der  Spezialin  warm  mitteilte  -  weil 
ihre  Aufrichtigkeit  kein  verstecktes  Erforschen,  ihr  Sprachrohr 
kein  Horrohr  ist,  wie  etwan  in  Paris  die  Ausrufer  in  den  Gassen 
oft  die  Spione  derselben  sind  -;  das  Gescheute  ist  das  Frohe,  daB 
ich  mit  Stiefel  vorher  ein  dejeuner  dansant  geben  will,  damit  die 
jungen  Leute  wenigstens  etwas  haben,  namlich  sich. 


954  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

Ach  fur  die  schweigende  Beriigna  mocht'  ich  Wunderdinge 
tun.  Bedenke  eine  zarte  voile  helle  Seele  erstlich  unter  den  Kuh- 
schnapplerinnen,  wovon  gleich  gutem  Blattsalar  sich  keine  zum 
Kopfe  schlieBet,  und  unter  rauhen  Mannern,  die  keinen  Ather 
suchen  und  kaufen  als  den  aus  Weingeist  und  Vitriol  und  fur 
welche  nichts  edel  ist  als  ein  Hirsch  und  nichts  ritterlkh  als  eine 
Sau1  —  Ach  du  arme  Benigna!  -  Lebe  wohl!  Du  sollst  bald  mehr 
vernehmen.  Jetzt  schreib'  ich  an  sie. 


Bittschrift  an  die  deutsche  Hut-Union.  10 

Ehrwtirdige  Bundner! 
Gerade  diesen  Sonnabend  vor  acht  Tagen  genoB  ich  das  Gliick, 
der  hutersparenden  Gesellschaft  als  ein  unwiirdiges  Glied  mit  den 
Rechten  eines  Grandes  und  Quakers  einverleibt  zu  werden.  Ich 
bin  noch  unsers  schonen  hutgenossischen  Abends  eingedenk,-wo 
ich  nichts  wiinschte,  als  er  ware  vorbei  und  der  helle  Tag  schon 
angebrochen,  an  welchem  ichlhnen  mit  demHute  begegnen  und 
ihn  vor  Ihnen  auf  behalten  konnte.  Von  dem  Kopfe  holet  ohnehin 
Winckelmann  bei  alten  Figuren  den  vornehmsten  Beweis  ihres 
Stiles  her.  Als  ich  im  Gasthofe  war  und  auf  die  Gassen  heraussah,  20 
durchlief  mich  bei  dem  Gedanken,  in  ihnen,  wenn  nicht  eine  auf- 
gehangene  Laterne  voll  Aufklarung,  doch  ein  Laternenpfahl  zu 
sein  und  die  Aufklarung  auch  in  Kuhschnappel  weiterzutragen, 
eine  gelinde  Warme,  wobei  ich  transpirierte.  Welch  eine  Menge 
von  Kopfen  aber,  viel  groBer  als  die  70000  Schadel,  woraus  Ti- 
mur  einen  Turm  auffiihrte,  werden  in  der  babylonischen  Baute 
desLeuchtturms  der  Aufklarung  verbauet !  Denn  der  Hut-Verein, 
welcher,  Tvie  Deukalion,  mit  bedecktem  dastehet  und  seinen  Stein, 
ohne  hinzusehen,  mit  dazu  wirft,  greift  (sagt*  ich)  auf  eine  unver- 
mutete  Weise  mit  dem  Pariser  Freiheits-Miitzenverein  zusam-  30 


1  Im  Weidmanns-Babel  heifiet  jener  ein  edles  Tier  und  diese  ein  ritter- 
liches. 


DRITTER  BRIEF  ■'  955 

Ich  meinte  ganz  etwas  anders  als  das,  dafi  diese  feste  Miitze 
gleich  der  offizinellen  Pechhaube  nie  abgezogen  werden  kann  als 
mit  Gewalt.  Ich  meinte  die  allgemeine  Haarschur  daselbst.  Uber- 
haupt  schon  vor  einigen  Jahren  wurd'  ich  auf  das  allmahliche 
Zuriickkriechen  unsers  Zopfes  aufmerksam  und  schloB  bald,  daB 
der  Sterzwurm1  nicht  viel  iibrig  lassen  wiirde  und  weniger,  als 
nochvonRobespierrensSchweife  steht.  Jetzt  hat  sich  nun,  wie  ich 
richtig  vorausgesehen,  die  groBe  Nation  tonsuriert,  sogar  die 
Weiber2,  um  die  vier  Jesuiten-Geliibde  zu  tun,  des  Gehorsams, 

io  der  Armut,  der  Enthaltung  (weil  ohnehin  mancher  nicht  so  viel 
Haar  mehr  aufhatte,  als*  er  zu  einem  Ring  fur  eine  Geliebte 
brauchte)  und  der  Mission.  —  Man  muB  mir  nicht  sagen,  daB 
dieser  Haarschnitt  tausend  Griinde  habe  —  daB  man  die  letzte 
konigliche  Krone,  die  bei  den  alten  frankischen  Konigen  in  einem 
langen  Haar  bestand,  wegschaffen  wolle  -  daB  es  ein  Zeichen  der 
Requisition  sei,  weil  die  Alten  ebenso  die  Menschen  den  unter- 
irdischen  Gottern  gewidmet  —  daB  es  klinischen  Nutzen  habe,  weil 
Aretaus  und  andere  Arzte  Tolle  beschoren  -  daB  unter  einer 
knappen  Freiheitsmiitze  bloB  ein  Kahlkopj]  dergleichen  die  Geier 

20  tragen,  Raum  habe  -  man  braucht,  sag*  ich,  das  einem  Manne 
nicht  zu  sagen,  der  hier  zeigt,  daB  ers  weiB. 

Aber  weiterl  Driickt  nun  in  Paris  ein  Friseur  seine  Schere  zu: 
so  fallen  den  zehn  deutschen  Kreisen  die  Zopfe  ab,  und  wir  kon- 
nen,  hofF  ich,  nun  eine  Zeit  erleben,  woutis  jede  Woche  zwei 
Mann  zugleich,  vorn  der  Bartscherer,  hinten  der  Haarkrausler, 
barbieren.  Verehrte  Biindnerl  wenn  war  es  notiger  als  jetzt,  den 
Filzhut  aufzusetzen,  diesen  Hasenhaar-  und  Postiche-Fortsatz  des 
weggeschornen,  diese  criniere  de  Paris?  — 

Das  waren  Sonnabends  meine  Gedanken  im  Gasthof.  Am 

30  Sonntage  nach  dem  Essen  war  der  schone  Tag,  wo  der  ganze 
schwabische  Bund  aus-  und  herumging  und  dem  ganzen  Bunde 
in  den  Wurf  kam  und  ich  mitten  darin  und  keiner  den  andern 


1  Die  Viehkrankheit,  worin  ein  Gelenke  des  Schweifes  nach  dem  andern 
abbricht. 

1  Ihr  deutschen  Weiber,  tut  nur  diese  haOlichste  Nacktheit,  die  den  Pickel- 
heringen  und  Baugefangnen  gehort,  nicht  nach,  ich  bitt'  euchi 


956  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

salutierte  —  wir  stieBen  iiberall  aufeinander,  in  der  Mordgasse,  in 
der  Fischergasse,  in  der  Elendengasse,  im  Hafer.gaBlein  -  mit  der 
Ebene  meiner  Laufbahn  durchschnitt  ich  alle  fremden  Ebenen 
und  stand  einmal  auf  dem  Markte  in  Opposition  und  in  Konjunk- 
tion  und  im  Gedritterschein  -  wahrlich,  herrlich  wars,  aufgesteift 
voriiberzurucken  mit  festem  Hut  wie  Markt-Bauern,  die  mit  zwei 
aufgesetzten  heimgehen.  Was  mich  im  Genusse  storte,  war,  daB 
ich  einen  griinen  lackierten  Reisehut  aufhatte,  dem  das  Festsitzen 
wenig  helfen  konnte;  ein  auBerst  feiner  Biberhut  ware  da  an 
seinem  Ort  gewesen.  10 

Montags  vormittag  macht'  ich  einige  Streifzuge  durch  die 
Hauptgassen,  um  vielleicht  zufallig  jemand  aufzustoBen,  den  ich 
nicht  zu  griiBen  brauchte.  Ich  strich  lange  umher  und  zuletzt  in 
Sackgassen;  aber  ich  brauchte  den  Hut  ohne  den  geringsten  Vor-  , 
teil  der  Genossenschaft  nicht  zu  riicken,  weil  ich  auf  nichts  traf. 
Es  war  uberhaupt  ein  vitriolsauerer  Gang;  denn  als  unweit  mei- 
nes  Gasthofes  ein  Herr  vor  mir  abzog,  den  ich  fur  einen  mich 
scherzend  auf  die  Probierwaage  setzenden  Ordensbruder  hielt: 
macht'  ich  ein  leichtes  Zeichen  mit  der  Hand  und  verblieb  ge- 
helmt;  es  war  aber  Herr  Spezial  Zeitmann  gewesen,  fur  den  ich  20 
nun  ein  Grobian  bin. 

Dienstags  war  Posttag  -  ich  trug  meine  Briefe  voll  Gedanken 
auf  die  Post  -  und  als  ich  schon  zu  Hause  war,  flel  mirs  ein,  daB 
ich  an  die  Sache  hatte  denken  und  an  den  Fenstern  nach  den  Brii- 
dern  herumsehen  konnen. 

Mktwochs  fing  mir  die  versilberte  Pille  allmahlich  auf  der 
Zunge  zu  zerlaufen  an,  und  ich  wurde  unlustig;  ich  begegnete 
zwar  einigen  Briidern,  arbeitete  aber  ohne  sonderliches  Vergnu- 
gen  in  der  Loge.  Ich  hatte  den  Kandis  von  unserer  iiberzognen 
bittern  Mandel  meist  abgeleckt;  und  es  wurde  mir  zuletzt  pein-  30 
lich,  daB  ich  immer  mit  den  Augen  vorauslaufen  und  schleunig 
jeden  FuBganger  in  seinem  rechten  Sprengel  sortieren  muBte,  um 
ihn  entweder  als  einen  Kahlschwanz  und  Einsiedlerkrebs  zu  be- 
handeln,  der  ohne  feste  Schale  in  einer  fremden  aus-  und  eingeht, 
oder  als  FluBkrebs,  dem  sie  angewachsen  anliegt. 

Donnerstags  schienen  die  Furien  gassatim  zu  gehen;  denn  am 


DRITTER  BRIEF  957 

Morgen  holt*  ich  das  BegruBen  von  Profanen  erst  nach,  wenn 
sie  schon  um  die  Ecke  waren;  und  nachmittags  hatten  ich  und  der 
Logemeister  die  Fingerspitzen  schon  an  den  Hutspitzen,  als  wir  zu 
uns  kamen  und  die  Inful  bloB  defer  hereindruckten,  so  daB  wir 
den  Schinken  doch  mit  loser  Schwarte  servierten.  -  Und  als  ich 
in  der  fatalen  Abendschwule  mich  luftend  barhaupt  ging :  muBt* 
ich  mehrmalsj  wenn  Biindner  kamen,  den  Hut  aufsetzen,  um  ihn 
aufzubehalten  und  erst  hinter  ihnen  abzunehmen  -  welches  ja  ein 
umgekehrter  GruB  war. 

10  Freitags  oder  gestern  sagt'  ich  schon  im  Bette:  wollte  Gott,  es 
gabe  Handel  und  der  Verein  stieBe  dich  aus!  Und  als  ich  mich  in 
meine  glucklichere,  hutverschwendende,  chapeaubas  Vergangen- 
heit  zurucksetzte :  wurd'  ich  ganz  wild  uber  die  Ketten;  ich  ver- 
glich  mich  in  meinem  Kopf-Verlies  und  Stockhaus  mit  dem  Rie- 
sen  Og,  der  seinen  Kopf  in  einem  aufgesetzten  Berg  stecken  hatte, 
an  welchem  Moses,  da  Og  ihn  nicht  herausziehen  konnte,  mit 
einer  Axt  hinaufsprang  und  ihm  den  Rest  gab.  »Lieber  dieseStuhl- 
kappen  setz*  ich  auf,«  schwur  ich,  »als  daB  ich  langer  mein  eigner 
Hutstock  und  Infultrager  bin.« 

zo  Und  als  ich  unter  dem  KafTeetrinken  noch  dazu  der  philosophi- 
schen  Kalte  die  leidenschaftliche  Warme  zusetzte  und  mir  sagte: 
»Leider  reformieren  die  Menschen  vom  Hut  nach  dem  Gehirne 
zu  anstatt  umgekehrt;  so  viele  sagen  und  kratzen  an  dem  Paar 
Bestandteilen,  woraus  sie  bestehen,  fruher  mit  der  englischen 
Justier-  und  Schattierfeile  als  mit  der  dicken  Armfeile;  aber  von 
dir  erwartet  man  mehr« :  da  sprang  ich  genesen  auf  und  ging  auf 
die  Gassen  und  zog  vor  Ihnen,  verehrte  Unierten,  ohne  Bedenken 
ungemein  verbindlich  den  Hut  ab. 

Heute  hab'  ich  mich  an  diese  Bittschrift  gesetzt,  deren  Inhalt 

30  nichts  ist  als  die  Bitte  um  die  Konzession,  vor  Ihnen  den  Hut 
abzunehmen. 

Sollt'  ich  aber  einmal  so  gut  werden,  daB  ich  die  Armfeile  weg- 
werfen  diirfte  -  ich  meine,  in  einer  andern  Metapher,  hab'  ich 
einmal  meine  vier  Gehirn-  und  vier  Herzenskammern  so  gleiBend 
ausgescheuert  und  glatt  ausgehobelt  wie  einen  Bienenstock,  eh' 
ihn  Honig  fullt  -  oder  in  einer  dritten,  hab'  ich  einmal  den  StoB- 


958  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

vogeln  der  Leidenschaften  die  Schwungfedern  oder  gar  den  Kopf 
abgerissen:  so  werd'  ich  von  dem  ausgekrochnen  Seelen-Kiich- 
lein,  dem  noch  die  Eierschale  des  Hutes  anpicht,  auch  gern  diese 
abziehen  und  wieder  in  die  Hut-Genossenschaft  eintreten.  Bis 
dahin  aber  bitt'  ich  Sie,  mir  ein  hoflicheres  Zeichen  zu  lassen,  als 
ich  bisher  hatte,  wenn  ich  vorbeiging,  urn  Ihnen  zu  zeigen,  mit 
welcher  Hochachtung  ich  bin 

Ihr 
Ex-Bruder 

j.  p. 

N.  S.  Das  ware  aber  weniger  gegen  meine  Grundsatze,  wenn 
wir  gegen  eine  andere  haBIiche  Salbaderei  des  Zeremoniells  uns 
zu  einer  Union  formierten,  deren  Statuten  (ich  will  das  Primat 
annehmen)  waren,  daB  zwei  Mitglieder,  zum  Trotze  der  Sitte, 
einander  stets  zur  Rechten  gingen  und  vor  Turschwellen  jeder 
vor  dem  andern  voraus. 


Vierter  Brief.  An  Benigna 

0£er  die  Geduld  der  Madchen  und  der  Frauen 
Postskripte:  der  doppelte  Schwur  der  Besserung  -  die  Neujahrsnacht 

eines  Ungliicklichen  2o 

K.,  d.  24.  Jun. 
Es  hatte  wenig  gefehlt,  Madame,  so  hatt*  ich  heute  vormittags 
in  der  Hospitalkirche,  wahrend  Sie  unten  zu  mir  heraufsangen,  zu 
Ihnen  hinuntergeschrieben;  und  wenn  eine  Verszeile  auf  Sie  pas- 
sete,  sang  ich  sie  laut  mit.  Wahrlich  der  Brief  hatte  zum  Haupt- 
lied  gestanden.  Ich  hatte  gewiB  darin  von  den  schonen  Quellen 
und  Hohen  der  Seele  gesprochen,  die  das  Erdbeben  des  Schmer- 
zes  in  unserer  Seele  auftreibt  -  und  von  der  dunkeln  Stille  des 
Grams,  worin  man  im  irdischen  Heidenvorhof  manche  Tone  aus 
dem  unbekannten  Allerheiligsten  leichter  als  im  Lustgetummel  30 
horet,  wie  man  vor  dem  leisen  Nachtfluge  der  Melodien  der 
Mundharmonika  die  Lichter  wegtragt.  - 


VIERTER  BRIEF  959 

Ich  hatte  im  kirchlichenBriefe  ohneZweifel  die  doppelte  Weise 
auseinandergesetzt,  wie  ein  Mann  und  wie  eine  Frau  die  Ober- 
fracht  des  Lebens  tragen  -  jener  auf  dem  Kopfe,  diese  auf  der 
Brust;  jener  beweiset  sich,  daB  die  heranschreitenden  Ruprechte 
und  freres  terribles  nur  verkleidete  Plaggeister  sind,  welche  mehr 
drohen  als  schaden,  aber  diese  sieht  sie  fur  wahre  Todesengel  an 
und  driickt  die  Augen  zu  und  wartet  gottergeben.  Ein  Mann  kann 
sich  sagen  -  und  wahrlich  er  soil  es  — :  »Hattest  du  vor  der  Geburt 
dir  fur  den  Abend  dieses  von  6  bis  8x/2  Uhr  spielenden  Lebens 

10  die  mit  Schlagen  geplagte  Rolle  selber  gegeben :  du  spieltest  sie 
gewiB  vergniigt  hinaus.  Kannst  du  aber  nicht  in  jeder  Minute  das 
Schicksal  fiir  einen  EntschluB  ansehen  -  z.  B.  den  Kerker  fur  ein 
Zuhausebleiben  -  das  Exil  fiir  eine  Reise  -  langweilige  Gesell- 
schaft  fur  ein  Wachsngurenkabinett  —  den  Regen  fur  ein  Tropf- 
bad  -  schlechtes  Wetter  fiir  ein  selbsterwahltes  Klima  —  und  den 
Hunger  fur  eine  Hungerkur?«  — 

Damit  helft  ihr  guten  Wesen  euch  nie.  Wie  gewisse  indische 
Baume  senket  ihr  unter  der  Hand  des  Geschicks  euere  Zweige  bis 
auf  die  Wurzel  nieder  und  in  die  Erde,  aber  dann  stent  der  ge- 

20  bogne  Zweig  als  ein  neuer  Gipfel  wieder  auf. 

Ich  hatte  aber,  Verehrte,  wenn  ich  das  geschrieben  hatte,  mehr 
auf  den  Kirchenstand  des  Rates  als  der  Geistlichkeit1  nieder- 
geschauet.  Die  Madchen  sind  hierin  nicht  so  gut  wie  die  Weiber; 
zumal  wenn  sie  eben  gut  und  poetisch  sind.  Die  lichtesten  Sterne, 
sogar  der  Stern  der  Liebe  und  Merkur,  werden,  wenn  sie  durch 
ihren  Phobus  gehen,  zu  schwarzen  Punkten;  und  jeden  Knoten 
ihres  jungen  Lebens  soil,  wie  in  fehlerhaften  Romanen,  der  Tod 
zerschneiden.  Hingegen  in  der  Ehe  lernen  sie,  daB  der  Wunsch 
des  Lebens  schwerer  und  verdienstHcher  sei  als  der  Wunsch  des 

30  Todes  -  daB  man  die  zweite  Welt  erst  auf  einer  ersten  verdienen 
miisse  und  man  nicht  so  gratis  in  jene  fahren  konne  wie  in  diese, 
weil  man  sonst  diese  gar  nicht  gebraucht  hatte  -  und  daB,  wie  der 
Unendliche  neben  dem  groBen  Reiche  der  Wahrheiten  und  der 
Herzen  doch  die  ganze  irdische  kotige  Welt  der  Wurmer  schafft 
und  sieht,  wir  uns  der  Fortsetzung  dieser  Schopfung  nicht  scha- 
1  In  jenem  war  sie,  in  diesem  Marietta. 


960  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

men  konnen  —  und  daB  es  mit  dem  gen  Himmel  sehenden  Auge 
wie  mit  Himmelsrohren  1st,  wovon  eines  alles  umgekehrt  auf  der 
Erde  zeigt,  indes  ein  Paar  ein  gutes  Erdrohr  geben,  das  nicht 
verkehrt. 

Oberhaupt  lernen  sie  in  der  Ehe,  daB  es  Leute  gibt,  die  in 
Kirchen  Briefe  anzetteln  und  solche,  wenn  sie  sich  auch  eines 
Bessern  besinnen,  doch  nachmittags  in  einem  langweiligen  Ex- 
trakte  liefern  und  ins  Lob  der  Geduld  eine  Probe  der  Geduld 
verfloBen. 

Aber  moge  nur  das  Fest  keine  zweite  werden,  wozu  ich  Sie  und 
die  Ihrigen  schon  einmal  durch  Ihren  Vito  einlud  und  jetzt  selber 
einlade,  das  tanzende  Fruhstiick.  Die  jungen  Leute  miissen  wahr- 
haftig  etwas  haben :  was  helfen  ihnen  die  Kirschen  und  die  Braten  ? 

Meine  schon  abgedrucktenAufsatze,  denSchwur  derBesserung 
und  die  Neujahrsnacht1,  nab*  ich  Ihnen  versprochen,  ich  schicke 
sie  aber  nicht,  sondern  dafur  dieselben  Aufsatze  umgeschrieben 
und  umgegossen,  so  daB  sie  fiir  eine  zweite  Auflage  nun  fertig 
angekleidet  liegen.  - 

Moge  Sie,  liebes  Wesen,  alles  erfreuen,  Postskripte,  Briefe  und 
tanzende  Fruhstucke  mit  Feuerwerk!  : 

J.  p. 


Der  doppelte  Schwur  der  Besserung. 

Heinrich  war  ein  funfzehnjahriger  Jiingling,  das  heiBt,  voll 
guter  Vorsatze,  die  er  selten  hielt,  und  voll  Fehler,  die  er  taglich 
bereuete;  er  hatte  seinen  Vater  und  seinen  Lehrer  innig  lieb,  aber 
seine  Vergniigungen  oft  starker;  er  wollte  gern  das  Leben  fiir 
beide  aufopfern,  aber  nicht  seinen  Willen;  und  seine  aufbren- 
nende  Seele  entriB  denen,  die  er  liebte,  nicht  mehr  Tranen  als  ihm 
selber.  So  irrte  schmerzlich  sein  Leben  zwischen  Bereuen  und 
Siindigen  umher;  und  zuletzt  nahm  sein  langer  Wechsel  zwischen  30 
guten  Entschliissen  und  verderblichen  Fehltritten  seinen  Freun- 
den  und  sogar  ihm  die  Hoffnung  der  Besserung. 

1  Sie  stehen  im  »TaschenkaIender  fiir  die  Jugend.  Baireuth  bei  Liibecks 
Erben,  i7$>6«;  sie  sind  fur  Kinder;  und  dazu  will  sie  auch  nur  Benigna. 


VIERTER  BRIEF  961 

Jetzt  kam  dem  Grafen,  seinem  Vater,  die  Sorge  nicht  mehr  aus 
dem  zu  oft  verwundeten  Herzen,  daB  Heinrich  auf  der  Akademie 
und  auf  Reisen,  wo  die  Irrwege  des  Lasters  immer  blumiger  und 
abschiissiger  werden  und  wohin  keine  zuruckziehende  Hand, 
keine  zuriickrufende  Stimme  des  Vaters  mehr  reicht,  von  Schwa- 
che  zu  Schwache  sinken  und  endlich  mit  einer  besudelten,  ent- 
nervten  Seele  wiederkehren  werde,  die  ihre  reinen  Schonheiten 
und  alles  verloren,  sogar  den  Widerschein  der  Tugend,  die  Reue. 
Der  Graf  war  zartlich,  sanft  und  fromm,  aber  kranklich  und  zu 

10  weich.  Die  Gruft  seiner  Gemahlin  stand  gleichsam  unter  dem 
FuBboden  seines  Lebens  und  unterhohlte  jedes  Beet,  wo  er  Blu- 
men  suchte.  -  Jetzt  wurd*  er  an  seinem  Geburtstag  und  vielleicht 
durch  diesen  krank,  so  wenig  ertrug  die  gelahmte  Brust  einen 
Tag,  wo  das  Herz  starker  an  sie  schlug.  Da  er  von  Ohnmacht  in 
Ohnmaeht  sank:  so  ging  der  gequalte  Sohn  in  das  englische 
Waldchen,  worin  das  Grabmal  seiner  Mutter  und  das  leere  war, 
das  sein  Vater  sich  in  der  Leichenklage  hatte  bauen  lassen;  und 
hier  gelobte  Heinrich  dem  mutterlichen  Geiste  den  Krieg  mit 
seinem  Jahzorn  und  mit  seinem  HeiBhunger  nach  Freuden  an. 

20  Der  Geburtstag  des  Vaters  rief  ihm  ja  zu:  »Die  diinne  Erde,  die 
deinen  Vater  halt  und  ihn  vom  Staube  deiner  Mutter  absondert, 
wird  bald  einbrechen,  vielleicht  in  wenig  Tagen,  und  dann  stirbt 
er  bekiimmert  und  ohne  Hoffnung,  und  er  kommt  zu  deiner  Mut- 
ter und  kann  ihr  nicht  sagen,  daB  du  besser  bist.«  O  da  weint*  er 
heftig;  aber,  ungliicklicher  Heinrich,  was  hilft  deine  Riihrung 
und  dein  Weinen  ohne  dein  Bessern  ? 

Nach  einigen  Tagen  erhob  sich  der  Vater  wieder  und  driickte 
im  kranklichen  ObermaBe  von  Riihrung  und  Hoffnung  den  reu- 
igen  Jiingling  an  die  fieberhafte  Brust.  Heinrich  berauschte  sich 

30  in  der  Freude  iiber  die  Genesung.  und  iiber  den  KuB  -  er  wurde 
froher  und  wilder  -  er  trank  -  er  verwilderte  mehr  -  sein  Lehrer, 
der  die  sieche  Weichheit  des  Vaters  durch  kraftvolle  Strenge  gut 
zu  machen  suchte,  bestritt  das  Aufschwellen  des  Freuden -Tau- 
mels  -  Heinrich  wurde  gliihend  den  Geboten  ungehorsam,  die  er 
fur  keine  weichen  vaterlichen  hielt  —  und  da  der  Lehrer  fest,  stark 
und  notwendig  sie  wiederholte,  verletzte  Heinrich  im  Taumel 


9^2  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

das  Herz  und  die  Ehre  des  strengen  Freundes  zu  tief  —  und  da  flog 
auf  das  so  oft  getroffne  kranke  Herz  des  hoffenden  Vaters  der 
Aufruhr  gegen  den  Lehrer  wie  ein  giftiger  Pfeil,  und  der  Vater 
unterlag  der  Wunde  und  sank  auf  das  Krankenbette  zuriick. 

Ich  will  euch,  Hebe  Kinder,  weder  Heinrichs  Gram  nochSchuld 
abmalen;  aber  schlieBet  in  das  strenge  Urteil,  das  ihr  iiber  seine 
sprechen  miisset,  auch  jede  ein,  die  ihr  vielleicht  auf  euch  geladen; 
ach,  welches  Kind  kann  an  das  Sterbebette  seiner  Eltern  treten, 
ohne  daB  es  sagen  muB :  »Wenn  ich  ihrem  Leben  auch  keine  Jahre 
nahm,  o !  so  kost'  ich  ihnen  doch  Wochen  und  Tage  I  -  Ach  die  10 
Schmerzen,  die-  ich  jetzt  lindern  will,  hab*  ich  vielleicht  selber 
gegeben  oder  verstarkt,  und  das  liebe  Auge,  das  so  gern  noch  eine 
Stunde  lang  ins  Leben  blicken  wollte,  drucken  ja  bloB  meine  Feh- 
ler  friiher  zu!«  —  Aber  der  wahnsinnige  SterbHche  begehet  seine 
Siinden  so  kiihn,  bloB  weil  sich  ihm  ihre  morderischen  Folgen 
verhiillen ;  -  er  kettet  die  in  seine  Brust  eingesperrten  reiBenden 
Tiere  los  und  lasset  sie  in  der  Nacht  unter  die  Menschen  dringen, 
aber  er  sieht  es  nicht,  wie  viele  Unschuldige  das  losgebundne 
Untier  ergreife  und  wiirge. 

Leichtsinnig  wirft  der  wilde  Mensch  die  glimmenden  Kohlen  20 
seiner  Siinden  umher,  und  erst,  wenn  er  im  Grabe  liegt,  brennen 
hinter  ihm  die  Hiitten  auf  von  seinen  eingelegten  Funken,  und 
die  Rauchsaule  zieht  als  eine  Schandsaule  auf  sein  Grab  und  steht 
ewig  darauf. 

Heinrich  konnte,  sobald  die  HofTnung  der  Genesung  ver- 
schwand,  die  zerfallende  Gestalt  des  guten  Vaters  vor  Qualen 
nicht  mehr  anschauen ;  er  hielt  sich  bloB  im  nachsten  Zimmer  auf 
und  kniete,  wahrend  Ohnmachten  mit  dem  vaterlichen  Leben 
spielten,  wie  ein  Missetater  still  und  mit  verbundnen  Augen  vor 
der  Zukunft  und  vor  dem  zerschmetternden  Schrei:  Er  ist  tot!  -  3o 

Endlich  muBt'  er  vor  den  Kranken  kommen,  um  Abschied  zu 
nehmen  und  die  Vergebung  zu  empfangen;  aber  der  Vater  gab 
ihm  nur  seine  Liebe,  aber  nicht  sein  Vertrauen  wieder  und  sagte : 
»Andere  dich,  Sohn,  aber  versprich  es  nicht !« 

Heinrich  lag  niedergedriickt  von  Scham  undTrauer  im  Neben- 
zimmer,  als  er  wie  erwachend  seinen  alten  Lehrer,  der  auch  der 


VIERTER  BRIEF  963 

Lehrer  seines  Vaters  gewesen,  diesen  einsegnen  horte,  als  ziehe 
schon  die  langste  Nacht  um  das  kalte  Leben:  »Schlummere  suB 
hinuber,«  sagt*  er,  »du  tugendhafter  Mensch,  du  treuer  Schiller! 
Alle  gute  Vorsatze,  die  du  mir  gehalten,  alle  deine  Siege  uber 
dich  und  alle  deine  schonen  Taten  mtissen  jetzt  wie  hellrote 
Abendwolken  durch  die  Dammerung  deines  Sterbens  ziehenl 
Hoffe  noch  in  deiner  letzten  Stunde  auf  deinen  ungliicklichen 
Heinrich  und  lachle,  wenn  du  mich  horest  und  wenn  in  deinem 
brechenden  Herzen  noch  eine  Entziickung  ist.« 

10  Der  Kranke  konnte  sich  unter  dem  schweren  uber  ihn  ge- 
walzten  Eise  der  Ohnmacht  nicht  ermannen,  die  gebrochnen  Sin- 
nen  hielten  die  Stimme  des  Lehrers  fur  die  Stimme  des  Sohnes, 
und  er  stammelte:  »Heinrich,  ich  sehe  dich  nicht,  aber  ich  hore 
dich;  lege  deine  Hand  auf  mich  und  schwore  es,  daB  du  besser 
wirst.«  Er  stiirzte  herein  zum  Schwur;  aber  der  Lehrer  winkte 
ihm  und  legte  die  Hand  auf  das  erkaltende  Herz  und  sagte  leise : 
»Ich  schwore  in  Ihrem  Namen.« 

Aber  plotzlich  fuhlt*  er  das  Herz  gestorben  und  ausruhend  von 
der  langen  Bewegung  des  Lebens.  »Flieh,  Unglucklicher,«  sagt* 

20  er,  »er  ist  ohne  HofTnung  gestorben.« 

Heinrich  floh  aus  dem  SchloB.  O  wie  hatt*  er  eine  Trauer 
schauen  oder  teilen  durfen,  die  er  selber  uber  die  vaterlichen 
Freunde  gebracht?  Er  lieB  seinem  Lehrer  bloB  das  Versprechen 
und  die  Zeit  der  Wiederkehr  zuriick.  Schwankend  und  laut  wei- 
nend  kam  er  ins  englische  Waldchen  und  sah  die  weiBen  Grab- 
maler  wie  bleiche  Skelette  die  griine  Umlaubung  durchschneiden. 
Aber  er  hatte  nicht  den  Mut,  die  leere  kunftige  Schlummerstatte 
des  Vaters  zu  beriihren;  er  lehnte  sich  bloB  an  die  zweite  Pyra- 
mide,  die  ein  Herz  bedeckte,  das  nicht  durch  seine  Schuld  ge- 

30  storben  war,  das  miitterliche,  das  schon  lange  stille  stand  im 
Staube  der  zerfallenden  Brust.  Er  durfte  nicht  weinen  und  nicht 
geloben;  schweigend,  gebiickt  und  schwer  trug  er  den  Schmerz 
weiter.  Oberall  begegneten  ihm  Erinnerungen  des  Verlustes  und 
der  Schuld  -  jedes  Kind  war  eine,  das  dem  Vater  mit  der  hoch 
einhergetragnen  Ahrenlese  entgegenlief- jedes  Gelaute  kam  aus 
einer  Totenglocke  -  jede  Grube  war  ein  Grab  -  jeder  Zeiger 


964  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

wies,  wie  auf  jener  koniglichen  Uhr1,  nur  auf  die  letzte  vaterliche 
Stunde. 

Heinrich  kam  an.  Aber  nach  fiinf  dunkeln  Tagen  voll  Reue 
und  Pein  sehnt*  er  sich  zum  Freunde  des  Vaters  zurtick  und 
schmachtete,  ihn  durch  die  Erstlinge  seiner  Veranderung  zu  tro- 
sten.  Der  Mensch  feiert  seinen  Geliebten  ein  schoneres  Totenfest, 
wenn  er  fremde  Tranen  trocknet,  als  wenn  er  seine  vergieBet; 
und  der  schonste  Blumen-  und  Zypressenkranz,  den  wir  an  teuere 
Grabmaler  hangen  konnen,  ist  ein  Fruchtgewinde  aus  guten  Taten. 

Er  wollte  erst  nachts  mit  seiner  Schamrote  in  die  Trauerwoh-  10 
nung  treten.  Als  er  durch  das  Waldchen  ging,  stand  die  weiBe 
Pyramide  des  vaterlichen  Grabes  schauerhaft  zwischen  dem  le- 
bendigen  Gezweig,  wie  im  Blau  des  reinen  Himmels  die  graue 
Dampfwolke  eines  zusammengebrannten  Dorfes  schwimmt.  Er 
lehnte  das  sinkende  Haupt  an  die  harte  kalte  Saule  und  konnte 
nur  dumpf  und  sprachlos  weinen,  und  im  dunkeln,  mit  Martern 
angefullten  Herzen  war  kein  Gedanke  sichtbar.  Hier  stand  er  ver- 
lassen;  keine  sanfte  Stimme  sagte:  weine  nicbt  mehr!  -  Kein 
Vaterherz  zerschmolz  und  sagte:  du  bist  genug  gestraft.  Das 
Rauschen  der  Gipfel  schien  ein  Ziirnen  und  die  Dunkelheit  ein  20 
Abgrund.  Dieses  so  Unwiederbringliche  im  Verlust  lagerte  sich 
wie  ein  Meer  weit  um  ihn,  das  niemals  ruckt  und  niemals  fallt. 

Endlich  erblickte  er  nach  dem  Fall  einer  Trane  einen  sanften 
Stern  am  Himmel,  der  milde  wie  das  Auge  eines  himmlischen 
Geistes  zwischen  die  Gipfel  hereinblickte;  da  kam  ein  weicherer 
Schmerz  in  die  Brust,  er  dachte  an  den  Schwur  der  Besserung, 
den  der  Tod  zerrissen  hatte,  und  nun  sank  er  langsam  auf  die 
Knie  und  blickte  zum  Stern  hinauf  und  sagte:  »0  Vater,  Vater!« 
(Und  die  Wehmut  erdriickte  lange  die  Stimme.)  »Hier  liegt  dein 
armes  Kind  an  deinem  Grabe  und  schworet  dir  -  Ja,  reiner  from-  30 
mer  Geist,  ich  werde  anders  werden;  nimm  mich  wieder  an!  — 
Ach  konntest  du  ein  Zeichen  geben,  daB  du  mich  gehoret  hast!« 

1  Im  chateau  royal  zu  Versailles  war  sonst  eine  Uhr,  die  so  lange,  als  der 
Konig  lebte,  stand  und  auf  die  Todesstunde  des  vorigen  zeigte  und  nur 
ging,  wenn  wieder  einer  starb.  (S.  Sanders  Reis.  1.  B.)  Ein  schoneres 
memento  mori  als  irgendeines!  - 


VIERTER  BRIEF  965 

Es  rauschte  urn  ihn;  -  eine  langsame  Gestalt  schlug  die  Zweige 
zuriick  -  und  sagte :  »Ich  habe  dich  gehort,  und  ich  hoffe  wieder !« 
Es  war  sein  Vater. 

Das  Mittelding  zwischen  Tod  und  Schlaf,  die  Schwester  des 
Todes,  die  Ohnmacht,  hatte  wie  ein  gesunder  defer  Schlummer 
ihm  das  Leben  wieder  beschert;  und  er  war  dem  Tode  wieder 
entgangen.  Guter  Vater!  und  hatte  der  Tod  dich  in  den  Glanz 
der  zweiten  Welt  getragen,  dein  Herz  hatte  nicht  froher  zittern 
und  siiBeruberstromen  konnenals  indieser  Auferstehungsminute, 
10  wo  dein  vom  scharfsten  Schmerze  umgeanderter  Sohn  mit  dem 
bessern  an  deines  sank  und  dir  die  schonste  Hoffnung  eines  Vaters 
wiederbrachte.  - 

Aber,  indem  der  Vorhang  dieser  kurzen  Szene  fallet,  so  frag* 
ich  euch,  geliebte  junge  Leser:  habt  ihr  Eltern,  denen  ihr  die 
schonste  Hoffnung  noch  nicht  gegeben  habt?  O  dann  erinnere 
ich  euch  wie  ein  Gewissen  daran,  daG  einmal  ein  Tag  kommen 
wird,  wo  ihr  keinen  Trost  habt  und  wo  ihr  ausruft:  »Ach  sie 
haben  mich  am  meisten  geliebt,  aber  ich  UeB  sie  ohne  Hoffnung 
sterben,  und  ich  war  ihr  letzter  Schmerz!«  - 

20  Die  Neujahrsnacht  eines  Unglucklichen. 

»Ein  alter  Mann  stand  in  der  Neujahrsmitternacht  am  Fenster 
und  schauete  mit  dem  Blick  einer  langen  Verzweif lung  auf  zum 
unbeweglichen,  ewig  bluhenden  Himmel  und  herab  auf  die  stille 
reine  weiGe  Erde,  worauf  jetzt  niemand  so  freuden-  und  schlaflos 
war  als  er.  Denn  sein  Grab  stand  nahe  an  ihm,  es  war  bloG  vom 
Schnee  des  Alters,  nicht  vom  Griin  der  Jugend  verdeckt,  und  er 
brachte  nichts  mit  aus  dem  ganzen  reichen  Leben,  nichts  mit  als 
Irrtiimer,  Siinden  und  Krankheit,  einen  verheerten  Korper,  eine 
verodete  Seele,  die  Brust  voll  Gift  und  ein  Alter  voll  Reue.  Seine 
30  schonen  Jugendtage  wandten  sich  heute  als  Gespenster  um  und 
zogen  ihn  wieder  vor  den  hellen  Morgen  hin,  wo  ihn  sein  Vater 
zuerst  auf  den  Scheideweg  des  Lebens  gestellt,  der  rechts  auf  der 
Sonnenbahn  der  Tugend  in  ein  weites  ruhiges  Land  voll  Licht 
und  Ernten  und  voll  Engel  bringt,  und  welcher  links  in  die  Maul- 


966  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

wurfsgange  des  Lasters  hinabzieht,  in  eine  schwarze  Hohle  voll 
heruntertropfenden  Gift,  voll  zielender  Schlangen  und  finsterer 
schwiiler  Dampfe. 

Ach  die  Schlangen  hingen  urn  seine  Brust  und  die  Gifttropfen 
auf  seiner  Zunge,  und  er  wuBte  nun,  wo  er  war. 

Sinnlos  und  mit  unaussprechlichem  Grame  rief  er  zum  Himmel 
hinauf:  gib  mir  die  Jugend  wieder!  O  Vater,  stelle  mich  auf  den 
Scheideweg  wieder,  damit  ich  anders  wahle! 

Aber  sein  Vater  und  seine  Jugend  waren  langst  dahin.  Er  sah 
Irrlichter  auf  Siimpfen  tanzen  und  auf  dem  Gottesacker  erloschen,  10 
und  er  sagte :  es  sind  nieirie  torichten  Tage.  —  Er  sah  einen  Stern 
aus  dem  Himmel  fliehen  und  im  Falle  schimmern  und  auf  der 
Erde  zerrinnen:  Das  bin  ich,  sagte  sein  blutendes  Herz,  und  die 
Schlangenzahne  der  Reue  gruben  darin  in  den  Wunden  weiter. 

Die  lodernde  Phantasie  zeigte  ihm  schleichende  Nachtwandler 
auf  den  Dachern,  und  die  Windmuhle  hob  ihre  Arme  drohend 
zum  Zerschlagen  auf,  und  eine  im  leeren  Totenhause  zuriick- 
gebliebne  Larve  nahm  allmahlich  seine  Ziige  an. 

Mitten  in  den  Krampf  floB  plotzlich  die  Musik  fiir  das  Neujahr 
vom  Turm  hernieder  wie  ferner  Kirchengesang.  Er  wurde  sanfter  20 
bewegt  -  er  schauete  urn  den  Horizont  herum  und  iiber  die  weite 
Erde,  und  er  dachte  an  seine  Jugendfreunde,  die  nun,  gliicklicher 
und  besser  als  er,  Lehrer  der  Erde,  Vater  gliicklicher  Kinder  und 
gesegnete  Menschen  waren,  und  er  sagte :  o  ich  konnte  auch  wie 
ihr  diese  erste  Nacht  mit  trocknen  Augen  verschlummern,  wenn 
ich  gewollt  hatte  -  ach  ich  konnte  gliicklich  sein,  ihr  teuern  El- 
tern,  wenn  ich  euere  Neujahrs-Wiinsche  und  Lehren  erfiillet 
hatte. 

Im  fieberhaften  Erinnern  an  seine  Jiinglingszeit  kam  es  ihm 
vor,  als  richte  sich  die  Larve  mit  seinen  Ziigen  im  Totenhause  50 
auf-  endlich  wurde  sie  durch  den  Aberglauben,  der  in  der  Neu- 
jahrsnacht  Geister  und  Zukunft  erblickt,  zu  einem  lebendigen 
Jungling,  der  in  der  Stellung  des  schonen  Junglings  vom  Kapitol 
sich  einen  Dorn  auszieht,  und  seine  vorige  bluhende  Gestalt  wurd* 
ihm  bitter  vorgegaukelt. 

Er  konnt'  es  nicht  mehr  sehen  -  er  verhullte  das  Auge  - 


FUNFTER  BRIEF  967 

tausend  heiBe  Tranen  stromten  versiegend  in  den  Schnee  —  er 
seufzete  nur  noch  leise,  trostlos  und  sinnlos:  komme  nur  wieder, 
Jugend,  komme  wieder !« 

-  Und  sie  kam  wieder;  denn  er  hatte  nur  in  der  Neujahrsnacht 
so  furchterlich  getraumt;  -  er  war  noch  ein  Jiingling.  Nur  seine 
Verirrungen  waren  kein  Traum  gewesen;  aber  er  dankte  Gott, 
daB  er,  noch  jung,  in  den  schmutzigen  Gangen  des  Lasters  um- 
kehren  und  sich  auf  die  Sonnenbahn  zuriick  begeben  konnte,  die 
ins  reine  Land  der  Ernten  leitet. 

Kehre  mit  ihm,  junger  Leser,  urn,  wenn  du  auf  seinem  Irrweg 
stehst!  Dieser  schreckende  Traum  wird  kiinftig  dein  Richter 
werden;  aber  wenn  du  einst  jammervoll  rufen  wiirdest:  komme 
wieder,  schone  Jugend  -  so  wiirde  sie  nicht  wiederkommen. 


Funfter  Brief.  An  den  Korrespondent  Fisch1 


Ober  das  Zeitungslesen 
Postskripte:  1.  Die  wandelnde  Aurora.  2.  Ober  das  Traumen 


K.,d.25.Jun. 

Ew.  Wohlgeborn  sende  hier  samtHche  Zeitungen  von  97  un- 
beriihrt  zuriick,  weil  wir  uns  miBverstanden  und  ich  nur  die  von 
20  97  vorigen  Sakuls  haben  wollen. 

Es  kann  Sie,  lieber  Herr  Fisch,  als  bloBen  Kollekteur  der  Zei- 
tungen und  Zeitungsleser  ein  Ausfall  auf  diese  unmoglich  ver- 
drieBen.  Letztern  tu'  ich  so  oft  und  so  stark,  daB  ich  sogar  an 
offentlichen  Orten  die  Zeitungen  nur  hohere  Stadtneuigkeiten 
und  Rittergeschichten  fur  Manner  heiBe.  Die  meisten  Leser  inter- 
essiert,  als  Stadt-Weltklatschen,  nicht  die  Begebenheit  -  noch 
ihr  EinfluB  -  noch  ihre  Notwendigkeit  -  kaum  ihre  Wahrheit  - 

LEr  ist  Lesevater  des  Kuhschnappler  Journalistikums  (ein  tolles  drei- 
ziingiges  Wort  aus  drei  Sprachen),  ferner  Korrespondent  liberal lhin  und 
3o  gehort  durch  die  matte  glatte  Alltaglichkeit  seines  Gesichts,  seiner  Gedan- 
ken,  Worte  und  Werke  unter  die  wenigen  Menschen,  die  mich,  wie  Eber- 
wurz  und  Knoblauch  unter  dem  Schweife  eines  Pferdes  das  nachgehende^ 
entsetzlich  schwachen  und  lahmen. 


968  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

sondern  die  Inschrift:  daB  sie  in  diesem  Jahre  gedruckt  ist:  alte 
Zeitungen  und  Obligationen  verlieren  gegen  neue;  und  wie  bei 
Erbschaften  stehen  die  Aszendenten  den  Deszendenten  nach.  Ists 
die  Miihe  wert,  so  viel  tausend  kahle  Ideen,  fiir  welche  man  ein 
Jahr  spater  kein  altes  Zeitungsblatt  gabe  -  man  lese  zur  Probe 
nur  ein  altes  -  und  die  man  nach  dem  Lesen  wieder  aus  dem 
Gedachtnis  entlasset,  in  den  Pfandstall  desselben  einzuziehen?  - 
Vaterlandsliebe  konnen  Sie,  Herr  Fisch,  nicht  viel  daraus  extra- 
hieren  (weil  wir,  ungleich  den  Briten,  in  unsern  Zeitungen  das 
Departement  der  auswartigen  Angelegenheiten  zuerst  besetzen),  10 
aber  wohl  Neutralitat  gegen  das  Vaterland,  weil  unsere  Zeitungen 
keine  britische  Rechts-  und  Unrechtsgeschichte,  sondern  nur  fak- 
tische  Geschichte  zu  geben  haben.  Schrieben  denn  nicht  die  in- 
quisitorischen  Venezianer  die  erste  Zeitung;  und  kommt  im  skla- 
vischen  Pekin  nicht  taglich  eine  von  70  Seiten  heraus?  Herr  Fisch, 
solche  Zeitungsbande  statt  der  Blatter  sollten  uns  zugedacht  sein. 

Viel  erzahlen,  sagt  La  Bruyere,  ist  das  Zeichen  eines  schwachen 
Kopfes;  ich  wollte  noch  den  zweiten  schwachen  dazusetzen,  der 
gern  viel  erzahlen  hort;  aber  am  Ende  sind  beide  einer,  weil  jeder 
lange  Erzahler  vorher  ein  langer  Zuhorer  sein  muBte.  Fiir  die  20 
Lahmung  der  rechten  und  linken  Seite  des  innern  Menschen  sind 
Neuigkeiten,  zumal  recht  schlechte,  eine  herrliche  Urtikation 
(NesselngeiBelung)  -  wie  Sie  an  alien  muBigen,  schlaffen,  leeren 
Menschen  sehen  —  wie  Hinrichtungen  fur  das  Volk  und  Mord- 
geschichten  fiir  die  jiingsten  Leserinnen;  aber  noch  sanfter  als  das 
Kriegsschauspiel  tut  wie  bei  andern  Schauspielen  die  Kritik  iiber 
die  Schauspieler. 

Herr  Fisch,  die  Menschen  sollten,  wie  der  flamen  dialis,  keine 
schufifertige  Armee  zu  sehen  bekommen;  bloB  damit  sie  nie  eine 
rezensierten.  Allerdings  hat  Zimmermann  gesagt,  das  Genie  eines  30 
Generals  habe  die  groBte  Verwandtschaft  mit  dem  Genie  eines 
Arztes  -  wenigstens  macht  jenes  dieses  notig  -;  und  ich  und  Sie 
geben  auch  den  SchluB  daraus  gern  zu,  daB,  da  jeder,  nach  Taub- 
mann  und  nach  dem  Sprichwort,  den  Arzt  nachspielt,  jeder  eben 
darum  zum  General  geboren  sei.  Beim  Himmel,  wenn  jeder  Pudel 
das  Gewehr  prasentieren  kann,  so  muB  jeder  geistige  Bettler  so 


FUNFTER  BRIEF  969 

gut  unter  die  Generalitat  zu  stecken  sein,  als  sonst  ein  korperlicher 
von  Joseph  II.  unter  die  Regimenter.  Aber  eins  mochte  Erwagung 
verdienen,  namlich  Turennens  Wort,  da6  der  beste  Held  nicht 
mehrere  Mann  gut  kommandieren  konne  als  35000  -  welches 
nichts  ist  gegen  die  Anzahl  von  Regimentern  nicht  sowohl  als 
von  Armeen  und  von  Generalen,  die  jeder  Zeitungsleser  taglich 
alsUniversal-Generalissimus  mitdemKommandostab  der  Queues 
und  Tabakspfeifen  anfuhrtl 

Meinetwegen  lese  jeder  alles;  nur  werP  er  nicht  mitten  in  der 

10  Teestunde  der  gedruckten  Zeitungen  den  Weibern  die  schwarze 
Stunde  der  gehorten  vorl 

Freilich  halten  Ihr  Journalistikum,  Herr  Fisch,  Seelen  mit, 
welche,  wie  Lessing  in  jeder  Stadtneuigkeit  den  Stoff  eines  Dra- 
mas, so  in  jeder  Weltneuigkeit  den  Stoff  eines  hohern  finden  und 
welche  die  Welthistorie  nicht  ewig  in  der  Vergangenheit,  sondern 
auch  in  der  Gegenwart  suchen.  Der  Gedanke  ist  schon  und  - 
schwierig.  Aus  zwanzigtausend  Weififischen  wird  ein  ganzes 
Pfund  Perlenessenz  (zu  falschen  Perlen)  gewonnen;  aber  wahr- 
haftig  aus  ebenso  vielen  Zeitungsschreibern  ist  schwer  der  prag- 

20  matische  Auszug  eines  welthistorischen  Tomus  iiber  die  Blase  zu 
Ziehen.  Eigentlich  sollte  man  die  neueste  Geschichte  so  kurz  stu- 
dieren,  als  man  die  alte  wider  Willen  muB,  um  nicht  das  Ganze  in 
unformlichen  Verhaltnissen  und  aus  ungleichen  Entfernungen  zu 
beurteilen.  Ohne  die  Luft-  und  Linienperspektive  der  Zeit  turmt 
sich  alles  ungeheuer  auf  oder  schrumpft  ebenso  ein.  Der  Uranus 
der  Gegenwart  spielet  anfangs,  wie  der  himmlische,  eine  Sonnen- 
Rolle  -  sinkt  dann  zu  einem  Schwan^stern  herab  -  und  endlich 
bleibt  er  als  eine  Schwester-.£V<&  bei  uns.  Der  gallische  hat  schon 
jetzt  das  Kometenschwert,  statt  der  Phobusleier,  ergriffen. 

30  So  schreitet  der  Genius  des  Universums  gewaltig  wie  ein  Or- 
kan  iiber  uns  hin;  wir  horen  ihn  nur  rauschen  und  sehen  ihn  nur 
niederreifien,  aber  wir  sehen  es  nicht,  wie  er  reinigt  und  schafft,- 
und  merken  es  bloB  nach  seiner  Entfernung  -  wie  Leibniz  gibt 
das  Schicksal  die  Rechnung  des  Unendlichen  heraus,  aber  es  ver- 
birgt  wie  er  die  Beweise  davon.  -  Und  wahrhaftig  wir  Lebende 
werden  hinter  Sehrohren  auf  Stativen,  die  immer  itttern  miissen 


970  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

(es  sei  durch  Furcht  oder  Freude),  wenig  im  entlegensten  Him- 
mel  entdecken.  - 

Aber  mit  der  Zeitung  von  1697  mein*  ich  es  ernstlich,  mein 
Freund!  Das  Modejournal  von  Portici  studierte,  so  wie  es  heft- 
weise  erschien,  gewiB  nur  der  Narr  und  nieht  der  Weise;  aber 
spater,  z.  B.  jetzt,  studiert  es  umgekehrt  nur  dieser;  und  dieselben 
Kleinigkeiten  des  Gazetten-Details,  die  ohne  die  Perspektive  der 
Zeit  unformlich  und  unkenntlich  bleiben,  werden  durch  diese  zu 
einer  Dekoration  des  Welttheaters  und  malen  etwas.  — 

Sonst  bekam  man  die  Zeitung  vonHalbjahr  zuHalbjahr;  wahr-  10 
lich  das  war  doch  immer  etwas  fur  den  Weisen ! 

In  dieser  sakularischen  HofFnung  und  Bitte  verharr*  ich, 

Deroselben 

jp- 

N.  S.  Nachkommende  Annexa,  die  Aurora  und  den  Traktat, 
ersuche  Ew.  WohlgeborninbeliebteMonatschriftenzu  inserieren, 
letztern  in  eine  philosophische  Zeitschrift,  zumal  da  man  jetzt  die 
empirische  Psychologie  iiber  die  ontologische  ganz  vergisset.  Die 
Welt  liebt  jetzt  Zeitschriften  -  aus  Zeitmangel,  weil  wir  alle,  Men- 
schen  und  Bucher,  wie  eine  fliehende  Armee  im  Laufen  sind  und  20 
wie  eine  romische  nur  marschierend  essen  -,  und  ich  arbeite 
selber  an  mehrerern  mit,  wie  ich  hore;  denn  zum  Selbstlesen 
bringt  mans  selten  in  diesem  eiligen  Sakul.  - 

Ew.  Wohlgeborn  sind  schonvomHerrnHospitalpredigerStie- 
fel  zum  dejeuner  dansant  mit  Feuerwerk,  das  wir  am  Sieben- 
schlafer  geben,  eingeladen;  und  ich  fuge  meine  Bitte  dazu,  um  so 
mehr  da  wir  Hoffnung  haben,  daB  das  meiste,  was  von  Stand  in 
Kuhschnappel  ist,  unser  Fmhstiick  schmiicken  werde. 


Die  wandelnde  Aurora. 
Als  der  Mensch  die  leuchtende  Morgenrote  zum  erstenmal  am  30 
Himmel  sah:  nahm  er  sie  fur  die  Sonne  und  rief  ihr  zu:  »Sei  ge- 
griiBet,  mit  Rosen  uberschutteter  Phobus,  auf  deinem  weit  lo- 
dernden  Wagen!«  -  Aber  bald  trat  der  Sonnengott  aus  dem  Ro- 


FUNFTER  BRIEF  97I 

sengebusch,  und  vor  dem  langen  Blitze  des  Tages  blatterten  sich 
die  Friihrosen  Aurorens  ab. 

Siehe  abends,  da  Apollos  Wagen  in  den  Ozean  und  unter  die 
Wellen  fuhr  und  nichts  am  Himmel  stand  als  wieder  Aurorens 
Wagen  voll  Rosen :  da  kehrte  der  Mensch  den  Irrtum  des  Mor- 
gens  um  und  sagte:  »Ich  kenne  dich,  schoner  Fruhling  am  Him- 
mel, du  fuhrest  nur  die  Sonne  herauf,  aber  du  bist  sie  nicht !«  - 
Und  er  hoffte  auf  die  Sonne  und  hielt  den  Abendstern  fur  den 
Morgenstern  und  den  Abendwind  fur  Morgenluft. 
10  Aber  er  hoffte  umsonst  -  der  Stern  der  Liebe  stieg  nicht  hoher, 
sondern  sank  von  Wolke  zu  Wolke  -  der  Rosen -Wagen  ragte  nur 
mit  einigen  falben  Knospen  aus  dem  Ozean  und  fuhr  hinter  der 
Erde  tief  watend  und  einsinkend  zur  kalten  Mitternacht  —  Todes- 
frost  wehte  von  ihr  herauf  -  »Jetzt  kenn*  ich  dich,  Leichen- 
rauberin1^  sagte  der  Mensch,  »du  treibst  den  Phobus,  den  scho- 
nen  Jungling,  vor  dir  her  durchs  Meer  und  in  den  Orkus!«  Und 
miide  und  zagend  schloB  er  das  dunkle  Auge  zu. 

Erwache,  doppelter  Traumer,  und  schaue  am  bliihenden  Mor- 
genhimmel  Aurora  wieder  durch  ihre  weiten  Rosenfelder  ziehen, 
20  und  der  ewige  Jungling,  Apollo,  schreitet  mit  der  Hand  voll 
Morgenblitze  hinter  ihr  herauf.  - 

Und  erwache  du  auch,  tieferer  Traumer,  der  du  die  Aurora  der 
Menschengeschichte  in  Westen  erblickst  und  das  Abendrot  an- 
fangs  fiir  Morgenrot  ansiehst  und  den  Aufgang  der  Sonne  er- 
wartest  -  und  dann  verzagst,  weil  sie  verhullt  um  Norden  zieht! 
-  Erwache,  denn  sie  kommt  wieder  an  ihrem  Morgen,  und  jedes- 
mal  zu  einem  langern  Tag. 


t)ber  das  Traumeny 
bei  Gelegenheit  eines  Aufsatzes  dariiber  von  Doktor  Viktor 

30  Herr  Doktor  Viktor  hat  recht:  die  vingt-quatre  der  Philoso- 
phic geben  uns  Tone  statt  der  Bilder.  Hatte  man  dieser  Fakultat, 
bevor  sie  selber  getraumet  hatte,  ein  kleines  Gutachten  abgefo- 
1  Die  Alten  schrieben  den  Tod  der  Jiinglinge  Aurorens  Entfuhren  zu. 


97^  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

dert,  ob  sie  wohl  verniinftige  Wesen  auf  irgendeinem  Planeten, 
z.  B.  dem  Monde^  fur  denklich  hielte,  die  Vernunft,  Sinne,  Ge- 
dachtnis  und  Freiheit  taglich,  fast  wenn  sie  wollten,  verloren  und 
die  man  doch  mit  einem  Laut  und  Ruck  sogleich  verniinftig, 
moralisch-frei,  sehend  und  eingedenk  aufstellen  konnte:  so  wiir- 
den  skh  alle  philosophische  Adjunkten  erklaret  haben,  auf  solche 
Fragen  gehore  keine  verniinftige  Antwort;  oder  sie  hatten  spot- 
tisch  versetzt,  im  Mond  im  palus  somni  und  in  der  peninsula  de- 
liriorum1  geb*  es  dergleichen  —  Beim  Himmel!  dieses  spaBhafte 
Responsum  ware  ja  ein  ernsthaftes!  -  Aber  was  gehen  uns  Archi-  ro 
medesse  an,  welche  sich  in  ihren  logischen  Zirkeln  im  Sande  nicht 
storen  lassen  und  die,  gleich  den  Babyloniern  nach  Strabo,  nur 
aus  Armut  an  Bauquadern  die  Kunst,  systematisch  zu  wolbeny  trei- 
ben.  Sonderbar  ists,  daB  Herr  Doktor  Viktor  sich  mehr  iiber  das 
Wunder  betriibt,  wodurch  die  Vernunft  fortgeht,  als  iiber  das 
andere  erfreuet,  wodurch  sie  wiederkommt  (ein  wahres  mira- 
culum  restitutionis).  Obrigens  weifi  mein  gelehrter  Freund  zu 
wohl,  daB,  wenn  einmal  der  Korper  der  Satellit  unsrer  innern 
Welt  sein  sollte,  beide  einander  jede  Minute  anziehen,  erleuchten 
und  verdunkeln  miissen;  und  iiber  ein  neues  Zeichen  dieser  Kon-  20 
junktion  konnen  wir  nicht  mehr  erstaunen  als  iiber  das  alte  erste, 
daB  z.  B.  das  Niederziehen  zweier  Haute  uns  das  ganze  gefarbte 
Universum  verhangt.  Aber  zur  Sache! 

Addison  nennt  die  Traume  selber  traumerisch-schon  den  Mond- 
schein  des  Gehirns;  diesen  wirft  nun,  wie  ich  beweisen  werde, 
eben  unser  Satellit  und  Mond  aus  Fleisch.  Die  psychologischen 
Erklarungen  sind  kaum  halbe.  Warum  kann  denn  die  mit  der 
Sperre  der  Sinne  eintretende  Vergessenheit  der  ortlichen  undzeit- 
lichen  Verhaltnisse  uns  im  Traume  die  Vernunft  und  das  BewuBt- 
sein  rauben,  welche  beide  uns  dieselbe  Vergessenheit  im  tiefen  30 
Denken  und  Dichten  lasset?  Der  Traum  bringt  uns  noch  dazu 
andere  Zeiten  und  Orter,  obwohl  irrige,  und  also  immer  die  Be- 
dingungen  des  personlichen  BewuBtseins  mit. 

Auch  die  Suspension  der  Empfindungen  ist  keine  psycholo- 
gische  Ursache  des  raubenden  Traums.  Man  binde  mir  Augen, 

1  Namen,  die  Hevel  gewissen  Mondsflecken  gab. 


FUNFTER  BRIEF  973 

Ohren,  Mund  und  Nase  zu  und  lasse  mir  nicht  viel  mehr  Emp- 
findung,  als  die  FuBsohlen  heraufschicken,  worauf  ich  stehe:  buB* 
ich  darum  Gedachtnis  und  BewuBtsein  ein?  Wird  nicht  vielmehr 
der  Lichtmagnet  des  BewuBtseins  in  diesem  Dunkel  desto  heller 
funkeln?  -  Auch  das  Babel  und  die  lebendige  Polterkammer  des 
Traums  losen  wenig  auf,  da  ich,  gesetzt  ich  wurde  von  der  gan- 
zen  Erde  wie  von  einem  durcheinanderfliegenden  Schutthaufen 
eingebauet,  zwar  schaudern,  aber  doch  nicht  selbstvergessen  trau- 
men  konnte.  — 

io  Wir  wollen  miteinander  den  Traum  vom  Ei  anfangen  oder 
ausbruten  und  ihn  beschlafen.  Meine  und  Viktors  Behauptung 
im  Hesperus  (4.  T.  p.  21),  daB  der  Schlaf  das  Kordial  und  die 
Friihlings-Wasserung  der  Seelenorgane,  nicht  der  Korperorgane 
sei,  bewahrt  sich  durch  die  Willkiir  des  Einschlafens.  Nichts  ist 
wunderbarer  als  zu  sagen  -  und  es  noch  dazu  zu  tun  — :  jetzt  will 
ich  einschlafen,  d.  h.  jetzt  will  ich  durch  ein  kleines  Dekret  einen 
Teil  meiner  Seelenkrafte  wie  ein  Parlament  dissolvieren.  Also 
wodurch  eigentlich?  -  Durch  ein  absichtliches  Aussetzen  und 
Innehalten  der  geistigen  und  mithin  der  korperlich-korrespon- 

20  dierenden  Anstrengung.  Aber  dann  kommen  die  Bilder  -  d.  h. 
die  Kompositionen  der  fortoszillierenden  Organe  -  ungerufen 
vor  den  Geist,  der,  als  Widerspiel  des  Tags,  jetzt  nur  anschauet, 
und  nicht  erschafTt  und  hier  mit  seiner  Tatigkeit  der  korperlichen 
nur  nach-^  wie  am  Tage  vorzugehen  scheint.  Das  vom  schnellern 
Pulse  der  Nacht  und  von  den  Friktionen  des  treibenden  Tages 
erhitzte  Gehirn  halt  elektrische  Bilder  vor  das  Ich,  so  wie  in 
Fiebern,  in  der  Hypochondrie,  im  Rausch. 

Haller  bemerkt  schon,  daB  wir  vor  und  unter  dem  Einschlafen 
statt  der  Zeichen  Bilder  (richtiger :  hellere  selbstbewegliche  Bilder 

30  statt  der  bleichern  gehorsamern)  beschauen.  Darum,  wer  feme 
Geliebte  heller  sehen  will,  der  schaue  sie  auf  dem  Kopf  kissen  an, 
diesem  Bildersaal,  dieser  Gemalde- Ausstellung  aller  geliebten  Ge- 
stalten;  da  hangen  ihre  Kniestiicke  frisch  gemalt  und  noch  naB 
vor  ihm.  Eben  deshalb,  besonders  da  schone  Formen  seltner 
durch  unser  Inneres  ziehen  und  fliegen  als  verzogne,  konnte  der 
Maler  die  heiBe  ikonologische  Stunde  vor  dem  Einschlafen  -oder 


974  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

noch  Lesser,  die  Stunden  auf  einer  preuBischen  Extrapost,  die  den 
Schlaf  am  besten  vertreibt  -  zur  fruchtbarsten  Schaferstunde  idea- 
lischer  Erzeugungen  machen  und  in  diesen  Abendwolken  der 
Seele  so  viel  Studien  finden,  als  lhm  Meyer  in  den  Wolken  des 
Himmels  verspricht;  wahrlich  in  meinem  Schlafgemach  wollt' 
ich  RafTaels  seines  machen. 

Ich  wende  mich  von  dieser  sonderbaren  Mischung1  unwillkur- 
licher  Lebhaftigkeit  mit  zufallenden  Augenlidern  auf  einige  Mi- 
nuten  zu  den  Nebenhiilfen  dieses  taglichen  Selbstmords.  Dazu 
gehort  die  waagrechte  Lage;  und"zwar  die  naturliche  (obwohl  fur  10 
uns  nicht  mehr  offizinelle)  auf  dem  Riicken,  wie  der  Seepapagei 
und  die  Bauern  wahlen;  eine  Lage,  die  auf  eine  mehr  als  mechani- 
sche  Weise  uns  dem  magnetischen  Schlummer  nahert,  so  wie  sie 
(nach  Zimmermann)  Ohnmachten  endigt.  Ich  und  andere  sollten 
unsere  Betten  wie  Magnetnadeln  nach  Norden  mit  210  westlicher 
Deklination  und  770  Inklination  stellen,  da  vielleicht  etwas  dabei 
herauskame.  Im  Sommer  werd*  ich  bei  allem  Feuer,  das  er  in  mir 
aufblaset,  doch  durch  Niederlegen  auf  die  bluhende  Erde  schlaf- 
rig,  wiewohl  Doktor  Viktor  dieses  dem  reichern  Lager  der  schwe- 
ren  Lebensluft  beimaB.  —  20 

Die  zweite  Nebenhiilfe  ist  die  Fixsternbedeckung  des  Auges, 
dessen  Reich  in  unserer  innern  Welt  eigentlich  den  groBten  Welt- 
teil  bildet;  daher  in  unsern  Traumen  der  Guckkasten  groBer  ist 
als  der  Konzertsaal  oder  gar  die  noch  kleinere  Garkuche.  Blinde 
werden,  wie  ich  vermute,  zu  dem  Schlafe  mehr  durch  verworrene 
Klange  als  durch  verworrene  Bilder  gehen.  Der  Hase,  der  mit 
offnen  Augen  schlaft,  hat  vielleicht  schwache,  zumal  da  er  gute 
Ohren  hat.  Aber  schonend,  zartliche  Allmutter,  ziehest  du  das 
Augenlid  iiber  das  vom  Schlaf  gebrochne  Auge,  damit  dieses  uns 
nicht  mit  dem  toten  Scheine  der  anblickenden  Seele  martere,  der  30 
uns  in  Wachsgestalten  und  die  Tiirken*  in  Statuen  mit  der  Luge 

1  Hang  zum  Schlafen  und  zur  Lebhaftigkeit  vertragt  sich  sonderbar  in 
einer  Minute.  Der  von  Opium  oder  Wein  oder  Fieber  entbrannte  Mensch 
ist  zugleich  dem  Schlafe  und  dem  geistigen  Funkeln  naher  als  der  Phleg- 
matiker 

2  Die  Tiirken  Ieiden  keine  Statuen  •(nach  Thevenot),  weil  der  Mensch 
ihnen  keine  Seele  geben  konne;  und  verstiimmeln  sie. 


FUNFTER  BRIEF  975 

des  Lebens  angstigt,  wie  mich  und  den  Thomas  von  Aquino  so- 
gar  Sprachmaschinen  und  AfTen. 

Ich  komme  zu  dem  Ideen-Charivari  zuriick,  womit  der  Tag  in 
uns  ausklingt.  Der  Weg  vom  Wachen  in  den  Schlaf  geht  durch 
den  Traum;  aber  man  ist  sich  dieser  Vortraume  nur  bei  Storungen 
des  Einschlafens  bewuBt. 

So  liegt  also  der  Schlaf  zwischen  zwei  Traumen,  wie  das  biirger- 
liche  Leben  zwischen  den  dichterischen  kindlichen  Traumen  der 
Jugend  und  des  Alters.  Der  Inauguraltraum  ist  wild,  kurz  und  wird 

10  immer  dunkler;  die  vbm  rastenden  Geiste  nicht  mehr  gestoBenen 
Pendiile  der  Denkorgane  machen  immer  kleinere  Schwingungen, 
bis  er  endlich  selber  die  schweren  Pendiile  nicht  mehr  regen  kann. 
Aber  gegen  Morgen  treibt  das  brachgelegene  und  vom  Ner- 
ventau  erfrischte  Gehirn  die  Fruhlingsblumen  heraus,  die  Mor- 
gentraume,  die  sich  mit  dem  auBern  Morgen  erhellen  und  die 
vielleicht  darum  den  Griechen  prophetisch  waren.  Daher  macht 
das  noch  energische  und  elastische  Gehirn  den  Mittagsschlummer 
mehr  zu  einem  Mittagstraum  oder  Homers-Schlaf. 

Ich  komme  nun  zu  den  kleinenKelchberaubungen  desTraums, 

20  die  mein  gelehrter  Freund,  Doktor  Viktor,  uns  banger  und  ge- 
nauer  vorzahlt  als  die  Gaben  desselben.  Erstlich  die  Traume  sind 
voll  Vergessenheit,  ohne  Gedachtnis  fur  das  Wachen  wie  dieses 
ohne  eines  fur  sie.  Vielleicht  wurde  darum  die  Lethe  zur  Schwe- 
ster  des  Schlafs  gemacht.  Gern  stimm'  ich  hier  in  Viktors  schone 
Klage  ein :  »  Wenn  wir  im  affenden  Widerschein  des  Lebens,  im 
Traume,  endlich  wieder  langst  zerfallene  Hande  fassen  und  wenn 
uns  wieder  ein  warmes  helles  Auge  aus  der  Aschenhohle  anblickt : 
warumverbirgt  uns  da  die  feindseligeVergeBlichkeit  desTraums, 
daB  es  gestorbene  Geliebte  sind?  -  Warum  wird  der  durstigen 

30  Brust,  wenn  sie  endlich  dem  lang  ersehnten  Herzen  begegnet, 
durch  eine  vorgelogene  kalte  Vergangenheit  die  Entziickung  des 
Wiedersehens  und  die  Stunde  der  hochsten  Liebe  genommen?  - 
Ach  wie  wiirden  wir  an  Herzen  ruhen,  die  sich  iiber  den  Sternen 
geheiligt  haben  und  die  uns  schon  friiher  gehorten!  Ho  her  Ema- 
nuel, ich  zerflpsse  vor  deiner  Gestalt,  wenn  sie  vom  Himmel 
kame  in  meinen  Traum  herab !«  - 


976  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

Eben  darum,  da  die  Riihrungen  der  Traume  so  tief  ins  Mark 
des  Herzens  greifen,  ist  es  gut,  daB  sie  uns  nicht  den  einzigen 
Trost  an  Grabern  rauben,  das  stille  Erblassen  holder  Bilder,  und 
daB  der  Traum  uns  lieber  oft  mit  der  Vergangenheit  der  vorigen 
Siinden  gegen  die  Liebe  beschamt,  um  unsere  Gegenwart  warmer 
zu  machen. 

Woher  kommt  aber  sein  schwaches  Gedachtnis?  -  Daher:  der 
Schlaf  ist  nurein  schwacherer  Nervenschlag,  also  eine  periodische 
Lahmung  und  Asthenie  des  Gehirns;  alle  asthenische  Zustande 
aber  vertilgen  das  Gedachtnis,  z.  B.  die  athenische  Pest,  Alter,  10 
Hysterie,  SchlagfluB,  Ohnmacht,  Blutverlust,  Unenthaltsamkeit 
etc.  -  Indes  ist  die  VergeBlichkeit  wie  im  Alter  nur  partial  und 
betrifft  mehr  neue  als  alte  Objekte;  und  die  starksten  Proben  des 
Erinnerns  und  Vergessens  wechseln  ab.  Eben  dasselbe  ist  in  asthe- 
nischen  Krankheiten.  Doktor  Viktor  fuhret  aus  Nikolais  Patho- 
logie1  —  und  dieser  aus  Hambergers  Physiologie  -  einen  apo- 
plektischen  Musikus  an,  der  seine  Muttersprache  und  das  Abe  ver- 
gaB,  aber  Vokalmusik  und  Noten  behielt.  Beattie  erzahlt,  daB  der 
SchlagfluB  einem  Priester  nur  die  Erinnerung  der  vier  nachsten 
Jahre,  nicht  der  andern  nahm  usf.  Woher  aber  wieder  dieses  20 
konime,  das  zu  erklaren  gehort  erstlich  nieht  hierher,  und  zwei- 
tens  weiB  ich  auch  selber  keine  Erklarung,  versprech'  aber,  im 
Traktat  iiber  das  Gedachtnis  auf  eine  zu  fallen. 

Der  Traum  setzt  uns,  nach  Herders  schoner  Bemerkung,  im- 
mer  in  Jugendstunden  zuriick;  -  und  ganz  natiirlich,  weil  die 
Engel  der  Jugend  die  tiefsten  FuBtritte  in  dem  Felsen  der  Erin- 
nerung lieBen;  und  weil  iiberhaupt  eine  feme  Vergangenheit 
schon  ofter  und  defer  in  den  Geist  eingegraben  wird  als  eine  feme 
Zukunft.  Und  so  schlingt  der  erste  Zierbuchstabe  unsers  Daseins 
wie  in  Lehrbriefen  seine  langen  Schonheitslinien  schweifend  um  30 
alle  vier  Rander  der  Schrift. 

Der  Traum  behalt  nichts  Ieichter  als  Traume,  ein  Sinnbild  von 
uns  Lebens  -Traumern !  Im  Sonnenschein  des  Wachens  mussen 
diese  Nachtlichter  aus  demselben  Grund  ungesehen  brennen,  aus 
welchem  in  Wilden  und  in  Knaben,  die  unter  dem  Gewilde  er- 

1  S.  5ter  Band  §  375. 


FUNFTER  BRIEF  977 

wuchsen,  durch  die  Kultur  alle  Erinnerung  der  Vorzeit  rein  aus- 
lischt.  Auch  laufen  im  Spinngewebe  der  Traume  die  Faden  in- 
und  ubereinander,  und  einer  macht  leicht  den  andern  rege.  Ja  in 
manchen  Menschen  ist  ein  gewisser  Traum  das  bleibende  Nestei, 
um  welches  die  andern  herumkommen;  die  fixe  Idee  eines  sanf- 
tern  Wahnsinns;  das  muB  sein,  da  hier  mehr  das  schwere,  von 
eingelegtem  Bildwerk  beladene  Gehirn  die  Gestalten  vorschiebt 
als  das  ewig  spiegelnde  und  zeugende  Ich.  -  Mein  Erschrecken 
uber  den  intermittierenden  Puis  dieses  Ichs  nehm*  ich  wieder  zu- 

io  ruck,  das  ich  einmal  bei  der  Geschichte  hatte,  daB  ein  Mann  die 
Rede,  die  er  in  der  Ohnmacht  anfing,  nach  derselben  mitten  im 
Perioden  forthielt;  denn  ebenso  schlieBen  sich  die  Traume  meh- 
rerer  Nachte  in  fortlaufender  Signatur  aneinander  an,  obgleich 
die  wachende  Tatigkeit  dazwischenfiel.  - 

Ein  wenig  aus  dem  vorigen  zu  erklaren  ists,  daB  der  Traum, 
wie  das  Alter,  in  seinen  eleusinischen  Mysterien  oder  Karfreitags- 
Moralitaten  gewohnlicher  eine  feme  Vergangenheit  aus  unserer 
Gotter-  und  Passionsgeschichte  nachspielt  als  die  ndchste;  indes 
er  in  Riicksicht  der  Zukunft  umgekehrt,  als  ein  zweites  Gesicht, 

20  keine  feme,  sondern  die  nachste  vorgaukelt;  denn  unsere  schwie- 
rigen  Begebenheiten  werden  -  wie  die  biblischen  von  den  Ex- 
egeten  -  immer  in  Traume  verkehrt.  So  traumte  mir  nie,  daB  ich 
Enkel  auf  dem  SchoBe  hatte,  aber  ein  gewisses  tanzendes  Fruh- 
stiick,  das  Schreiber  dieses  gibt,  hat  er  bisher  drei  Nachte  hinter- 
einander  gegeben;  und  er  und  der  Teufel  und  sechs  groBe  Rezen- 
senten  tanzen  darin  immer  miteinander  den  GroBvatertanz.  Wer 
sollte  sich  solches  tolles  Zeug  traumen  lassen,  wenn  ers,  wie  ge- 
sagt,  nicht  traumte?  - 

Pascal  -  der  Heilige  eines  hohern  Ordens  -  sagt,  nur  das  Ab- 

30  brechen  der  Traume  mache  uns  gleichgultig  gegen  sie.  Aber  unser 
Wachen  erleidet  ja  dasselbe  Abbrechen  geradeso  oft;  indes,  woll- 
ten  wir  auch  wie  unsere  Vorfahren,  die  Germanen,  nach  Nachten, 
und  wie  unsere  Ebenbilder,  die  Nordamerikaner,  nach  Schlafen 
datieren:  so  wurd'  es  uns  mit  diesem  Mondlicht  ohne  Brennpunkt 
wie  mit  dem  himmlischen  gehen,  von  welchem  Lambert  erwies, 
daB  ein  ganzes  mit  Vollmonden  ausgelegtes  Himmelsgewolbe  uns 


978  BRIEFEUNDBEVORSTEHENDERLEBENSLAUF 

kaum  das  matte  graue  Licht  eines  bewolkten  Tages  niedertauen 
wiirde.  Die  gediegnen  Sinne,  der  Geruch,  der  Geschmack  und 
das  Gefiihl,  verlieren  darin  ihren  Metallreiz,  und  selber  die  Ge- 
stalten  ziehen  nur  als  Schatten  durch  diese  personliche  Unterwelt. 
Daher  ist  darin  unser  Schrecken,  z.  B.  iiber  einen  revenant  oder 
liber  ein  Hinabstiirzen,  nur  ein  leichtes  dramatisches;  und  immer 
lindert  eine  dunkle  HofFnung  oder  Furcht,  nur  zu  traumen,  das 
Fieber  der  traumenden  Brust.  Und  hier  bei  dieser  Vexierwelt  muB 
uns  Jakobis  tiefes  Wort  gegen  die  ahnliche  des  Idealismus  ein- 
fallen:  daB  jedes  Traumen  ein  Wachen  voraussetze.  -  10 

Das  BewuBt-  und  Verniinftigsein,  dieses  Licht  aus  dem  schar- 
fern  ZusammenstoB  der  innern  Tatigkeit  und  der  auBern  Ein- 
wirkung,  muB  der  Traum  aufheben,  da  er  das  schwere  paraly  tische 
Gehirn  iiber  das  Ich  wie  iiber  einen  Titan  walzt  und  damit  es  zia- 
gleich  entkraftet  und  bedeckt.  Das  Wunder  der  Schnelligkeit, 
womit  man  oft  ohne  die  innere  Morgendammerung  des  Traums 
und  ohne  auBern  AnstoB  erwacht,  setzt  das  Wegsprengen  eines 
kdrperlicheh  Hindernisses  voraus,  die  siegende  Krisis  einer  Stok- 
kung.  Das  anfanglich  kraftlose  Ringen,  im  Traum  oder  noch 
mehr  unter  dem  Alpdriicken  aufzuwachen,  oder  ein  Glied  zu  20 
regen,  beweiset  die  Lahmung  des  Nervenschlags;  aber  die  Hei- 
lung  derselben  durch  den  Willen  (gleichsam  wie  durch  Elektri- 
sieren)  wirft  den  Satz  von  Boerhaave  um,  daB  jeder  Schlaf  ohne 
auBeres  Aufriitteln  (z.  B.  ohne  den  Reiz  der  Absonderungen)  ein 
ewiger  sein  wiirde. 

Der  spekulative  Traum,  so  wie  der  praktische  der  Nachtwand- 
ler,  der  den  Obergang  zum  Wachen  (zum  Wahnsinn)  macht?  las- 
sen  uns  nach  dem  Raube  der  Vernunft  und  Erinnerung  doch  die 
Kompetenzstucke,  die  Viktor  erwahnt,  Phantasie,  Witz,  Scharf- 
sinn,  sogar  Verstand;  und  geben  uns  dadurch  die  Rangliste  dieser  30 
Krafte  und  ihr  Verhaltnis  zum  Korper,  zu  den  Tieren  und  Kin- 
dern  an.  Die  Phantasie  kann  im  Traume  am  schonsten  ihren  hdn- 
genden  Garten  aufspannen  und.uberbliimen,  und  sie  nimmt  darein 
besonders  die  aus  dem  liegenden  so  oft  vertriebnen  Weiber  auf. 
Der  Traum  ist  unwillkiirliche  Dichtkunst;  und  zeigt,  daB  der 
Dichter  mit  dem  korperlichen  Gehirne  mehr  arbeite  als  ein  an- 


FUNFTER  BRIEF  979 

derer  Mensch.  Warum  hat  sich  noch  niemand  daruber  verwun- 
dert,  daB  er  in  den  Scenes  detachees  des  Traums  den  agierenden 
Personen  wie  ein  Shakespeare  die  eigentiimlichste  Sprache,  die 
scharfsten  Merkworte  ihrer  Natur  eingibt,  oder  vielmehr  daB  sie 
es  ihm  soufflieren,  nicht  er  ihnen?  Der  echte  Dichter  ist  ebenso 
im  Schreiben  nur  der  Zuhorer,  nicht  der  Sprachlehrer  seiner 
Charaktere,  d.  h.  er  flickt  nicht  ihren  Dialog  nach  einem  miihsam 
gehorten  Stilistikum  der  Menschenkenntnis  zusammen,  sondern 
er  schauet  sie  wie  im  Traum  lebendig  an,  und  dann  hort  er  sie. 

10  ViktorsBemerkung,daB  ihm  ein  getraumter  Opponent  oft  schwe- 
rere  Einwiirfe  vorlege  als  ein  leibhaftiger,  wird  auch  vom  Dra- 
matiker  gemacht,  der  vor  der  Begeisterung  auf  keine  Art  der 
Wortfuhrer  der  Truppe  sein  konnte,  deren  Rollenschreiber  er  in 
derselben  so  leicht  ist.  DaB  die  Traumstatisten  uns  mit  Ant- 
worten  iiberraschen,  die  wir  ihnen  doch  selber  inspiriert  haben, 
ist  naturlich:  auch  im  Wachen  springt  jede  Idee,  wie  ein  ge- 
schlagner  Funke,  plotzlich  hervor,  die  wir  unserer  Anstrengung 
zurechnen;  im  Traume  aber  fehlt  uns  das  BewuBtsein  der  letztern, 
wir  miissen  also  die  Idee  der  Gestalt  vor  uns  zuschreiben,  der 

20  wir  die  Anstrengung  leihen. 

Wie  viel  man  traumend  Scharfsinn  habe,  davon  bin  ich  ein 
Beispiel:  so  sagt'  ich  z.  B.  einmal  zu  mir,  als  ich  vor  einer  Stein- 
bank  um  die  StraBenecke  herumkam:  »Wenn  der  Traum  nur  aus 
deinen  Vorstellungen  besteht,  so  brauchst  du  ja  nur  die  Stein- 
bank  dir  hier  in  dieser  Gasse  zu  denken,  um  sie  zu  sehen.«  Ich 
dachte  sie,  aber  ich  sah  nichts;  ich  kehrte  wieder  um  die  Ecke 
zuriick,  aber  auch  vergeblich.  O  wir  spielenden  und  gespielten 
Wesen ! 

Doktor  Viktor  pflichtet  der  Meinung  Hemsterhuis'  und  Dio- 

30  nysius*  bei,  daB  der  Mensch  im  Traume  seine  moralische  und 
unmoralische  Natur  enthulle;  so  wie  Swift  es  vom  Traum  der 
Tollheit  behauptet,  und  Seneka  vom  Traum  des  Rausches.  Ich 
falle  ihnen  alien  bei,  aber  mit  der  wichtigsten  Klausel.  Es  gibt  im 
Menschen  eine  doppelte  Moralitat,  eine  angeborne  -  woriiber  die 
jetzige  derasonierende  Zeit  so  viele  ode  Worte  und  ihre  erwor- 
bene  Moralitat  verliert  -  und  eben  diese  erworbene.  Diese  letztere 


98O  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

nun,  die  himmlische  Tochter  unserer  sie  mit  jener  zeugenden  Ver- 
nunft,  tritt  leider  zugleich  mit  ihrer  gottlichen  Mutter  ab.  Der 
zum  Helden  nicht  geborne,  sondern  erst  durch  Entschlusse  er- 
zogne  Mensch  wird  in  Traumen  die  Flucht  ergreifen  und  darin 
so  gut,  wie  der  Atheist  in  seinen,  vor  Gespenstern  zittern;  und 
der  von  seiner  Vernunft  zahmgemachte  Zorn  des  edeln  Antonins 
reiBet  sich  im  Fieber  von  den  SchluBketten  los.  -  Im  Traume  ist 
keine  Vernunft  und  also  keine  Freiheit. 

Hingegen  die  angeborne  Moralitat,  der  mitgebrachte  Religions- 
und  Tilgungsfond  des  Innern,  mit  andern  Worten  das  weite  Gei-  10 
sterreich  der  Trlebe  und  Nelgungen  steigt  in  der  zwolften  Stunde 
des  Traumens  herauf  und  spielet  dichter-verkorpert  vor  uns.  Aus 
Traumen  der  Weiber,  die  jenes  Geisterreich  noch  seltener  als  wir 
mit  Doktor  Fausts  philosophischem  Mantel  und  mit  dem  Zauber- 
kreis  der  Doktorringe  zu  beherrschen  wissen,  wiird'  ich  daher 
weit  ernsthafter  schlieBen  als  aus  meinen  oder  Viktors  Traumen, 
da  uns  alle  Finger  voll  Doktorringe  stecken.  Hieher  gehort  eine 
Stelle  aus  den  Palingenesien  iiber  die  schonern  Traume  der  Wei- 
ber. -  Fiirchterlich  tief  leuchtet  der  Traum  in  den  in  uns  gebaue- 
ten  Epikurs-  und  Augias-Stall  hinein;  und  wir  sehen  in  der  Nacht  20 
alle  die  wilden  Grabtiere  oder  Abendwolfe  ledig  umherstreifen, 
die  am  Tage  die  Vernunft  an  Ketten  hielt. 

In  Traumern,  wie  in  Trunknen,  in  Dichtern,  asthenischen 
Kranken  (von  Nervenschwache,  Blutverlust,  Migrane),  ist  nichts 
wacher  und  starker  als  die  passive  oder  fuhlende  Natur.  Daher 
werfen  im  Traum  alle  Gefuhle  hohere  Wellen,  und  das  ganzeHerz 
ist  fliissig.  Daher  hat  die  Running  darin,  wie  die  Nachtschmetter- 
linge  fur  die  schlafenden  Blumen,  einen  langern  Saugeriissel  und 
zieht  die  innerste  tiefste  Trane  herauf.  Daher  ist  darin  wie  in 
der  Jugend  das  Gefiihl  fiir  witzige  Kontraste  scharfer.  Daher  30 
lachte  Browne  nur  iiber  getraumte  Lustspiele;  und  hatte  die 
innigste  Andacht  nur  in  Traumen,  die  sogar  den  Arnobius  zum 
Christen  bekehrten.  Daher  verherrlicht  die  Grazie  Pasithea,  die 
Gemahlin  des  Schlafs,  jede  Huldin  so  sehr,  die  uns  darin  findet 
und  anblickt;  und  die  Nacht,  die  Mutter  des  Amors,  erquickt 
das  traumende  Herz  mit  der  Liebe  ohnegleichen,  namlich  ewig 


FUNFTER  BRIEF  98  I 

mit  der  ersten. Endymion,  der  du  eine  dreifache  Ewigkeit 

begehrtest,  die  des  Daseins,  der  Jugend,  des  Schlafes,  du  brauch- 
test  ja  nur  die  letztere  zu  erflehen,  sie  gab  dir  dann  alles  andere 
dazu!  - 

Viktor  tut  einen  tiefen  Blick  in  den  Abgrund,  woraus  die  Kunst- 
werke  des  Ohrs  aufsteigen,  wenn  er  iiber  die  von  Tartini  im 
Traum  gemachte  Teufelssonate1  nachsinnt.  Die  Tone  verlieren 
unter  alien  Geschopfen  des  Tags  am  wenigsten  durch  den  Re- 
sonanzboden  des  Traums,  weil  die  Empfindungen  des  Ohrs 

10  schwerer  als  die  irgendeines  Sinnes  von  ihren  Erinnerungen  zu 
unterscheiden  sind,  wie  man  merken  kann,  wenn  man  bei  dem 
Entweichen  einer  Musik  endlich  zweifelt,  ob  die  letzten  Tone 
Erinnerungen  oder  Empfindungen  sind,  die  dem  Sonnenlicht 
ahnlichen,  das,  aus  dem  rikoschetierenden  Planspiegel  aufgefan- 
gen,  noch  hinter  dem  Brennglas  warmt.  Tone  leben  langer  in  uns 
als  Bilder,  der  Musiksaal  kann  langer  nachklingen  als  der  Bilder- 
saal  nachschimmern.  Und  wenn  nun  Tone  den  Wahnsinnigen, 
den  Trunknen,  den  Nervenschwachen  so  tief.  ergreifen,  und 
mithin  ihren  Reprasentanten,  den  Traumer,  noch  mehr;  wenn 

20  dieser,  aus  gleichen  Grunden  wie  die  nervensiechen  Madchen 
und  die  Sterbenden,  hohere,  nur  im  Ather  wallende  Melodien 
trinkt,  die  nicht  durch  die  Ohren  eingehen,  sondern  durch 
das  Herz:  so  kann  ich  ja  wo  hi  begreifen,  wie  du,  Viktor  -  und 
ich  selber,  nur  leider  nicht  oft  genug  -  von  dieser  »Nacht- 
musik«,  wie  du  sie  nennst,  erhoben  und  aufgeloset  und  ent- 
ziindet  werden.  Ach  ja  wohl  horen  wir  die  rechte  Spharen- 
musik  nur  in  uns;  und  der  Genius  unsers  Herzens  lehrt  uns, 
wie  wir  Vogeln,  die  Harmonien  nur  unter  der  "Oberhiillung  unsers 
Bauers  aus  Erde.  — 

30  Und  nun  genug,  wiewohl  nicht  mir.  Ich  konnte  noch  vieles 
sagen;  besonders  konnt*  ich  mich  wundern,  warum  man  den 
Traum  nicht  gebraucht,  um  daran  den  unwillkurlichen  Vorstell- 

1  Dieser  groBe  Violinist  horte  im  Traum  den  Teufel  ein  Solo  geigen,  das 
er  beim  Erwachen  unter  dem  Namen  Teufelssonate  niederschrieb,  die,  ob- 
wohl  sein  bestes  Stiick,  ihm  doch  so  tief  unter  dem  gehorten  schien,  daB  er 
seine  Geige  auf  ewig  zerschlagen  wollte.  Volkmanns  Reis.  Br.  32. 


982  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

ProzeB1  der  Kinder,  der  Tiere,  der  Wahnsinnigen  zu  studieren, 
sogar  der  Dichter,  der  Tonkiinstler  und  der  Weiber.2  Ich  konnte 
den  Traum  noch  mechanischer  behandeln;  aber  mein  Genius  ruft 
mir  iiberhaupt  zu:  gleich  der  Schachmaschine  rollet  die  Welt- 
maschine  mit  lauten  Radern  urn,  aber  eine  lebendige  Seele  ver- 
birgt  sich  hinter  den  mechanischen  Schein. 

Ich  schlieBe  am  schonsten  mit  meines  Viktors  Worten:  »Ver- 
nunft  und  BewuBtsein  und  Freiheit  wachsen  und  fallen  mitein- 
ander,  sie  bilden  die  Sonne  der  Menschheit,  die  aber  jeden  Abend 
untergeht.  Aber  wie  auf  der  einen  Seite  jenes  innere  Sonnenlicht  10 
dich  erhebt  iiber  den  Lebenszwang  des  Tiers,  das  auch  von  sei- 
nem  Traum  in  ein  Wachen  iibergeht,  welches  wieder  ein  Traum 
gegen  deinen  ist;  und  wie  du  in  dieser  Stufenfolge  die  Hoffnung 
antriffst,  einmal  so  frei  und  besonnen  zu  werden,  daB  dein  jetziges 
Wachen  dir  ein  Traumen  scheint;  so  schlage  auf  der  andern  Seite 
bei  dir  nicht  wie  bei  Alexander  der  Schlaf,  sondern  das  Traumen 
den  Dunkel  nieder,  der  einen  spinozistischen  Schopfer  aus  dir 
schafFt!  Wo  hat  denn  der  liegende  Gott  auf  dem  Bette,  unter  dem 
auf  ihn  geworfenen  Gebirge  des  Schlafes,  seine  Freiheit,  seine 
Moralitat,  seine  Vorsatze,  sogar  seine  letzte  Liebe  und  Freude?8  20 
—  Nein,  unendlicher  Vater,  reiche  du  mir  deine  Hand,  du  gabst 
mir  alles  und  wirst  mir  alles  wiedergeben,  denn  ich  habe  ja  nichts !« 

1  So  wird  einige  Jahre  Jang  jeder  Verniinftige,  der  gut  schreiben  will, 
sagen,  weil  nun  jede  Sadie  ein  ProzeB  ist;  ich  nenne  gern  mit  andern  das 
Leben  einen  LebensprozeB,  die  Ernahrung  einen  NutritionsprozeB,  die 
Organisation  einen  OrganisationsprozeB,  weil  das  neue  Wort  ganz  das 
ausdruckt,.was  das  alte  ausdriickt. 

2  Bei  den  Weibern  liegt  die  Ahnlichkeit  in  ihrem  weichern  Gefuhl,  in 
ihrer  starkern,  oft  wunden  Reizbarkeit  fur  Witz,  Kontraste,  Tone,  Gestalten, 
Riihrungen,  in  der  groBern  Herrschaft  ihrer  Gefiihle  und  in  ihrem  minder  30 
scharfen  BewuBtsein. 

3  Es  bezieht  sich  darauf,  daB  uns  im  Traume  gerade  das,  was  wir  zuletzt 
am  meisten  liebten  und  wiinschten,  selten.  erscheint. 


sechster  brief  983 

Sechster  Brief.  An  Doktor  Viktor 

Visiten-Ouvertiire  der  Kuhschnappler  —  das  Feuerwerk  am  Tag  -  Tanz- 
Hemmschuhe  -  Eifersucht  -  KartofTeln  —  jetzige  Hof  lichkeit  dec  Literatur  — 
der  geistige  Markzieher  —  Kuhschnappler  Tischreden  —  Schauspieler  - 
Schuldramen  -  Kirschernte  -  Wetter  und  Wetterprophezeiung  -  biblisches 
Personale  —  Ende  vom  Klaglied 
Postskript:  Schreiben  an  meinen  Sohn  Hans  Paul  iiber  die  Philosophic 

K.,  d.  28.  Jun. 
Der  Siebenschlafertag,  das  weiB  ich,  Freund,  ging  dir  bisher 

10  -  besonders  am  Siebenschlafer  -  so  sehr  im  Kopfe  herum  wie 
uns  alien;  es  gibt  auch  keinen  tollern.  Hier  hast  du  ihn  bis  auf 
jede  Franse  und  Zaser.  -  Ich  will  den  Brief,  wie  einen  paulini- 
schen,  in  Kapitel  zerspalten.  Verfallt  einmal  ein  Rezensent,  der 
dich  um  ein  Rezept  oder  ein  Abendbrot  oder  ein  testimonium 
paupertatis  oder  um  Hiibners  Lexikon  anspricht,  von  ungefahr 
auf  diese  Materie  und  greift  mich  an,  weil  ich  aus  Affektation 
statt  Kapitel  stets  Manipel,  Sektores  etc.  schreibe:  so  ziehe  die 
Kapitel  aus  der  Tasche  und  hake  sie  dem  Kahlmauser  unter  die 
Nase  und  sag*  ihm  ganz  kurz:  verdiente  Manner  muB  man  erst 

20  genauer  kennen,  bevor  man  sich  an  sie  macht. 

Erstes  Kapitel 

Bei  friiher  Tagszeit  setzten  ich  und  der  Hospitalprediger  Stie- 
fel  uns  in  Marsch  nach  Grems,  schon  nett  und  mit  Prunk-Krusten 
tapeziert.  Zur  RafTaelstapete  hatt'  ich  einen  feinen  Rock  von  der 
Farbe  an,  die  man  Pfeffer  und  Salz  nennt;  Stiefel  ging  in  einem 
hollandischen  schwarzen  Rock,  den  er  nur  in  den  groBten  Stadten 
anzieht.  Denn  da  er  ein  wenig  vorausging  und  ich  sah,  daB  die 
Knopfe  in  den  RockschoB-Falten  noch  in  Papier  eingeschlagen 
waren:  so  erfuhr  ich  unter  dem  Abwickeln,  daB  die  Papilloten 
30  noch  von  seiner  Lenette,  die  sie  fur  eine  Augsburger  Reise  her- 
umgemacht,  her  waren.  Solang'  er  also  Witwer  ist,  zog  er  mit 
den  eingewindelten  Knopfen  herum.  Ich  steckte  die  Wickel,  mit 
einem  leisen  Ach  fur  die  Schlafende,  zu  mir,  und  ich  nahm  mir 
vor,  dir  einen  davon  zu  schenken. 


984  BRIEFE  UND  B  EVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

Das  Wetter  war  holdselig,  der  Himmel  tiefblau  und  meine 
Prophezeiung  wahr.  Mein  prophetischer  Sorites  war  der  gewesen : 
»Regnet  es  am  Siebenschlafer,  so  regnets  auch  an  Maria  Heim- 
suchung;  ist  das,  so  regnets  notwendig  wieder  40  Tage  lang:  was 
Wetter!  war*  aber  das?« 

Unterwegs  teilte  mir  der  Schxilrat  etwas  Wichtiges  griechisch 

—  weil  uns  unser  Feuerwerker  folgte  -  mit,  wodurch  dir  dieSache 
naturlicher  werden  muB,  dafi  der  Spezial  und  der  Sechser  als  zwei 
feindliche  Mineurs  nebeneinander  die  Erdbohrer  drehen  und  in 
die  Rohren  horchen,  um  zu  wissen,  wo  jeder  grabe.  Viele  Herren  10 
aus  dem  Rate  namlich,  denen  nicht  entgehen  konnte,  daB  der 
Spezial  im  Priesterornat  unmaBig  schnupfe,  fingen  am  Ende  an, 
es  zu  iiberlegen.  Es  war  leicht  zu  sehen  -  schon  aus  der  Rats- 
Empor  heraus  -,  was  das  Chorhemd  von  dieser  Rolle  einer  Ser- 
viette -  da  Zeitmanns  Dose  gleichsam  die  leerlaufende  Kanzel- 
uhr  war  —  fiir  Profit  haben  konnte.  Die  vom  Rat  zur  Tempel- 
reinigung  bestallte  Wascherin  zerrieb  in  der  Wanne  das  pium 
corpus  und  war  selber  verdruBlich.  Kurz  einige  dieser  Katharer 
trugen  dem  Sechser,  damalsnochein  Friedenskamerad  desSpezials, 
ausdriicklich  auf,  auf  eine  gute  Art  ihm  die  Leviten  zu  lesen  und  20 
das  ZerreiBen  des  Vorhangs  des  Allerheiligsten  zu  widerraten. 
Poshardt  fing  es  nicht  fein  genug,  sondern  mit  zu  tappischem 
SpaBe  an  -  der  Superintendent  schwoll  auf  uber  dieses  Eingreifen 
des  weltlichen  Arms  in  den  geistlichen,  der  die  Dose  hatte,  und 
lieB  sich  nicht  berichten  -  kurz  er  schnupft  noch,  gedenkts  aber 
dem  Sechser.  - 

Als  wir  ankamen  in  Grems,  war  der  Sechser  schon  da. 

Zweites  Kapitel 

»Serviteur,  Ihr  Herren!  — Ich  stehe  schon  seit  6  da  und  wettere 
mich  ab  uber  die  verdammten  Mistnnken;  ich  habe  sie  aber  ge-  50 
schuriegelt!«  sagte  der  Sechser  und  sprach  von  den  Pachters- 
leuten.  Denke  dir  ihn  als  einen  abgekiirzten  Kegel-  schieb  ihn  in 
ein  feines,  aber  archaologisches  Anzugs-Hulfter  und  setz  ihm 
seine  Zopfperiicke  auf,  auf  welche  er  eine  zweite  bessere  tun  sollte 

-  und  gib  ihm  eine  lustige  straffe  Wangen-Fiille  und  ein  gesetztes 


SECHSTER  BRIEF  985 

Auge,  das  sich  aus  den  Gipskopfen  der  grofiten  Gelehrten  nichts 
machen  kann  als  eine  Gipsdiingung  und  aus  ihren  Papiermache- 
Bilsten  nichts  als  ein  Futteral  -  denke  dir  ihn  mehr  als  einen 
Verwasch-  und  Borsten-  als  Spkzpinsel,  so  hast  du  ihn  mit  einem 
Spitzpinsel  gemalt.  Leute  wie  der  Sechser  konnen  mitten  im  La- 
chen  abbrechen  und  einen  okonomischen  Schnitzer  neben  ihnen 
fluchend  abstrafen.  Wie  groBe  Gelehrte  amBrauttage,  so  arbeitete 
er  an  diesem  Festtag  fort. 

Endlich  zogen  die  Familien,  in  Sternschichten  abgesondert,  im 
10  Taue  daher,  voraus  ein  Bart-Sternenkegel  von  Mannern,  dann 
ein  Siebengestirn  von  Weibern  und  zuletzt  ein  jungfrauliches 
Planetensystem,  mit  eleganten  Trabanten  durchschossen  -  der 
weibliche  Teil,  sogar  die  Krahen  darunter,  gleichsam  ausgebalgte 
Pfauen,  aber  mit  jedem  Glied  einen  Pfauenschweif  auf blatternd, 
hoch  aufgeschiirzt  durch  Aurorens  Tranen  dem  Stiefel  -Vortrabe 
gewaltig  nachschreitend. 

Wer  wars?  fragst  du  das  dritte  Kapitel. 

Dieses  Kapitel 

Es  war  der  GroBweibel  Scknorhamel  mit  Frau  und  Tochter 
20  und  dem  Bedienten,  dem  bekannten  Landschreiber  Borstel  -  der 
Statthalter  von  Habsburg  Alessandro  -  Benigna  und  der  junge 
Sechser  Veit  -  der  Korrespondent  Fisch  mit  Frau  und  Tochter 
-  der  Forstmeister  Hedasch  -  und  die  iibrigen,  deren  Namen  ich 
nicht  behalten. 

Vieries  Kapitel 

Gefahren  aber  kam  bloB  der  Spezial  mit  der  Zutat;  daher  die 
Gesellschaft  ihre  eignen  stillen  Gedanken  daruber  hatte  —  und  ich 
hier  mein  Kapitel. 

Funftes  Kapitel 

30  Unlustigers  gibts  in  ganz  Kuhschnappel  nichts  als  ihre  ersten 
Visiten-Viertelstunden.  Gleichsam  als  standen  sie  samtlich  aus 
einem  herrnhutischen  Gottesacker,  wohin  alle  Nationen  Depu- 
tierte  schicken,  von  Toten  auf,  wo  jeder  sich  die  Augen  ausstaubt 


986  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

und  sich  des  narrischen  Nebenmanns  gar  nicht  entsinnen  kann : 
so  stehen,  in  der  Hansel  -Viertelstunde,  die  Kuhschnappeler  blut- 
fremde  nebeneinander,  ganz  verwundert  und  perplex  iiber  die 
Nachbarschaft  und  gegen  Gefahren  geriindet  wie  Igel  und  sich 
tot  stellend  wie  Raupen.  Zuweilen  tut  einer,  wie  Kirchenmusi- 
kanten  unter  dem  Praludieren,  zum  Stimmen  da  einen  Geigen- 
strich,  dort  einen  Paukenschlag,  hier  einen  TrommetenstoB ;  aber 
bevor  sich  die  Weiber  berauschen  durch  Reden,  und  die  Manner 
durch  Berauschen:  bleiben  sie  alle  den  Peguanern  gleich,  welche 
ein  neues  Haus  im  ersten  Monat  dem  Teufel  geloben  und  leer  10 
lassen,  um  in  den  ubrigen  von  alien  seinen  Teufeleien  frei  zu 
bleiben. 

Heute  brachten  ohnehin  alle  Weiber  auBer  dem  gewdhnlichen 
horror  naturalis  noch  einen  eignen  Vorwinter  oder  rheumativ- 
herumziehenden  Groll  mit,  weil  bei  der  allgemeinen  Kochpro- 
motion  des  Pickenicks  jede  sich  durch  ein  tafelfdhiges  Gradual- 
essen  habilitieren  wollte. 

Wer  nun  irgendeine  verdriiBliche  Bemerkung  in  der  Luftrohre 
hatte,  gab  sie,  anstatt  durch  unmerkliche  Perspiration,  jetzt  ganz 
und  trocken  von  sich.  »Wir  kriegen  heute«,  sagte  der  Sechser,  20 
»noch  ein  derbes  Bad,  nach  meinem  Wetterglas  zu  schlieBen.«  - 
»Und  das  gottlos!«  (setzte  der  Forstmeister  dazu)  »es  sauste  der 
Wald.«  Ich  fragte,  was  sie  wetten  wollten  -  es  bleibe  hell  -  denn 
es  sei  der  Siebenschlafer.  »Ich  wette  Ihr  Feuerwerk,«  (sagte  der 
Statthalter  Alessandro  ironisch,  der  sich  fruchtlos  suchend  nach 
dem  Geriiste  umdrehte)  »und  zwar  sollen  Sie  es  im  Zimmer  geben, 
wenns  regnet.«  -  »Da  geb*  ichs  ohnehin,  und  zwar  gleich«,  sagt* 
ich. 

Eh  ich  dich  naher  vor  das  Feuerwerk  lasse:  muBt  du  mit  mir 
betrachten  und  bedauern,  daB  ich  und  Stiefel  mit  unserem  Tanz-  30 
Friihstuck  gerade  in  die  sauertopfische  Karenz-  und  Trauer- 
schneppen -Viertelstunde  fallen  muBten. 

Nun  rief  ich  den  Feuerwerker  her  und  bat  die  Gesellschaft,  uns 
in  den  Speisesaal  zu  folgen.  Die  Weiber  (ausgenommen  Benigna 
und  die  Spezialin)  straubten  sich  gegen  die  Feuersgefahr,  da  Fun- 
ken  auf  die  Kleider  spritzen  konnten;  aber  sie  wurden  durch 


SECHSTER  BRIEF  987 

einige  Herren  hinaufgebracht,  die  aus  den  Fenstern  herunter- 
schwuren,  keine  Stange  von  einem  Geriiste,  geschweige  SchieB- 
pulver  sei  im  Saal.  Ich  wurd*  am  Ende  selber  neugierig  auf  das 
Lustfeuer,  ob  ich  es  gleich  schon  zehnmal  genossen  hatte. 

Wir  traten  hinein  und  um  den  Feuerwerker  herum,  der  sich 
auf  einen  Sessel  setzte.  Die  meisten  der  fernen  Weiber  nahmen  es 
fur  gewiB,  er  schieBe  nun  aus  den  Taschen  mit  feurigenMeteoren. 
Endlich  fang  er  an  und  machte  -  welches  in  Paris,  dem  Stelldich- 
ein  aller  Vexier-Kiinstler,  gewohnlicher  ist  -  mit  dem  Munde 

10  ungemein  treffend  ein  Feuerwerk  vor,  namlich  den  Knall  davon 
-  die  Feuerrader,  die  Raketen,  die  Feuerkugeln,  das  kleine  Ge- 
wehrfeuer  bei  dem  Stiirmen  einer  Festung,  alles  das  stellte  er  uns 
so  deutlich  dar,  daB  man  glaubte,  die  Sache  wirklich  zu  horen; 
und  ware  gar  noch  Feuer  dabei  und  etwas  zu  sehen  gewesen :  ich 
wiiBte  wenig  dariiber.  Inzwischen  wollte  der  Versammlung  das 
trockne  Knallwerk  nicht  sonderlich  schmecken :  sie  hatte  sich  auf 
etwas  Warmes  und  Scheinbares  gespitzt  und  optischen  Betrug 
gehofft  statt  akustischen.  Die  meisten  HeBen  den  prasselnden 
holzersparenden  Feuerwerker  sitzen  —  Poshardt  brummte  leise 

20  zum  GroBweibel:  »Lauserei!«  -  und  dieser  versetzte  politisch: 
»Es  soil  wohl  Fopperei  sein«  und  suchte  etwas  darhinter  -  und 
eben  dadurch,  daB  man  ihnen  keinen  roten  Hahn  aufs  Haus  setzte, 
setzte  man  ihnen  den  Hahn  in  den  Kopf  und  ins  Gesicht.  Nur 
Hedaschwar  ein  gescheutervernunftiger  Mann  und  grifTdem  Maul- 
christen  ins  Maul  und  fiihlte  darin  umher,  ob  er  die  kalten  Schlage 
mit  etwas  mache.  -  Die  Weiber  waren  wie  gewohnlich  voll  Lust- 
barkeit,  daB  sie  doch  wieder  eine  Lustbarkeit  in  so  kurzer  Zeit  - 
uberstanden  hatten;  und  ebenso  muB  man  vom  armen  Land- 
schreiber  Borstel  sagen,  daB  er  sehr  damit  zufrieden  war  und  vor 

5o  Verwunderung  nicht  wuBte,  was  er  machen  sollte. 

Sechstes  Kapitel 

Dir  wird  freilich  kein  SpaB  verdorben,  sondern  vielmehr  einer 
gemacht,  daB  das  Tannenharz  der  zahen  Langweile  iiber  den 
Paradieses-FluB,  worin  der  Gremser  Klub  schwimmen  wollte, 
allmahlich  eine  Haut  herzog  und  daB  wir  wie  Essigaale  (nach 


988  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

Goze),  denen  die  Essighaut  die  Luft  verspundet,  immer  mit  den 
Leibern  undulieren  mufiten,  urn  Luftlocher  zu  behalten.  Allein 
was  einem  sogar  selber  gefallet  unter  dem  Beschreiben,  gibteinem 
wenig  Freude  unter  dem  Erleben.  Wenns  so  fortging  oder  garder 
Regen  dazukam:  so  hatte  der  Teufel  sowohl  zwischen  die  Liebe 
der  Kinder  als  zwischen  die  Freundschaft  der  EI  tern  seine  Teu- 
felsmauer  fertig  hineingeschoben. 

Das  Friihstuck  gaben  ich  und  Stiefel  gut  und  reich  genug,  und 
der  Tee,  worauf  wir  am  meisten  kalkulieret  hatten,  ging  nicht 

halb  auf.  Endlich  liefien  wir  Musik  anfangen aber,  neues  10 

Elend !  keine  Ferse  hob  sich  auf.  Der  vergaffte  Veit  wollte  nur  mit 
Marietten  herumspringen  und  wagt*  es  doch  neben  den  Kanker- 
Augen  der  Vater  nicht  -  der  spottische  Statthalter,  der  nicht  so 
viele  Haare  auf  seinem  Polarkreise  hat  als  ein  Setzhase  im  Maul, 
sah  aus  Bosheit  und  aus  Kalte  gegen  die  nicht  sehr  spirituosen 
Madchen  unserem  Angstigen  mit  Fassung  zu  und  lieB  sich  mit 
Hedaschen  in  ein  weit  aussehendes  Gefecht  iiber  die  Saujagd  ein 
-  und  die  andern  jungenHerren  waren  Kuhschnappeler —  Ach 
davon  wisset  ihr  in  euern  groBen  Stadten  nichts,  aber  wir  Leute 
in  kleinen  (z.  B.  ich  unter  dem  Schreiben  deiner  Historie),  wir  20 
wissen  ein  Lied  von  den  hysterischen  Kugeln  und  Erstickungen 
zu  singen,  die  eine  dasitzende  schone  Welt  in  der  Luftrohre  aus- 
steht,  wenn  die  herrlichste  Tanzmusik  losschlagt  und  die  Tan- 
zerinnen  schuBfertig  und  munter  auf  ihren  Sesseln  halten  und 
keiner  von  den  verdammten  Narren  zuerst  an  die  Sache  will,  son- 
dern  jeder,  wie  eine  Gewerkschaft  bei  dem  Bau  eines  Galgens, 
den  Leithammel  erwartet  -  wenn  die  Musik  und  die  Marter  fort- 
wachst  und  die  besagten  Spitzbuben  sich  wie  Bienen,  die  es  nicht 
zum  Schwarmen  bringen  konnen,  zusammenreihen  und  Hoff- 
nung  geben  und  doch  fest  verharren,  wie  Spatzen,  die  sich  im  30 
Nachsommer  drauBen  zum  Zuge  nach  Warme  rottieren  und  doch 
keinen  FuB  aus  Europa  setzen  -  wenn  man  weinen  mochte  und 
doch  auch  lachen  iiber  die  garnierten  Tanzerinnen,  die  freundlich, 
obwohl  roter,  und  mit  Seitenblicken  miteinander  diskurierend 
und  schon  trocken  lackiert  und  glasiert  herumsitzen — O  Freund, 
ich  habe  zwar  hierin  ausgelitten  und  ausgerungen;  aber  sonst 


SECHSTER  BRIEF  989 

fragt*  ich:  warum  setzt  die  Natur  ihre  Blasenbandwiirmer  lieber 
unter  Kranien  von  Schafen,  entweder  oben,  wodurch  das  Schaf 
ein  Dreher,  oder  seitwarts,  wodurch  es  ein  Seitwartssp ringer 
wird,  als  in  diese  Kopfe,  wo  solche  Wurmer  an  ihrem  Platze  und 
von  Nutzen  waren?  Sollte  die  Polizei  nicht  einen  Preis  -  so  wie 
fur  den,  der  die  erste  Spritze  zu  Feuersnoten  herbeifahrt  -  fur 
den  aussetzen,  der  mit  dem  ersten  Tanz  aushilft  ?  Freilich  endlich 
werden  sie  durch  den  unter  den  FiiBen  brennenden  FuBbodenwie 
Kamele  durch  einen  geheizten  zum  Tanz  gebracht,  der  vielleicht 

10  lebhafter  ist  als  der,  den  die  Neger  auf  dem  Verdeck  eines  Skla- 
venschiffes  vor  der  Peitsche  fur  ihre  Gesundheit  abtanzen.  - 

Komme  nach  Grems  zuriick!  Ich  und  Stiefel  standen,  wie  ge- 
sagt,  da,  ich  mehr  im  heiBen  Strudel  gebriiht  als  er  -  der  Puis,  der 
nach  Marquet  bei  alien  Menschen  imTakte  desMenuettes  schlagt, 
geriet  in  meinem  Ellenbogen  in  den  eines  Kotillons  -  ich  zog  die 
Uhr  heraus,  bloB  um  zu  sehen,  welchen  Datum  wir  schrieben, 
wegen  der  Tageslange  der  Zeit  -  ich  stach  mit  meinem  vielleicht 
einige  Pratensionen  machenden  Pfeffer-  und  Salz-Rock  nach- 
teilig  ab  gegen  meine  Lage.  -  Sage  gar  nicht,  ich  hatte  selber 

20  vortanzen  sollen.  Ich  weifl,  du  und  noch  einige  meiner  Freunde 
schrien  mich  gern  fur  so  etwas  von  einem  deutschen  Vestris  aus; 
allein  glaube  mir,  jeder  kennt  sich,  und  ich  hatte  fuglich  in  Paris 
das  beruhmte  Ballet  »Amor  und  Psyche«  tausendmal  mittanzen 
konnen,  ohne  wie  die  Tanzerin,  die  nachher  nur  die  Psyche  hieB, 
meinen  Namen  einzubuBen  und  als  Amor  zu  rulieren. 

Der  Himmel  weiB,  womit  der  Sanskulotte  Alessandro,  kalt 
wie  ein  Fliegenschwamm,  den  Forstmeister  auf  den  sogenannten 
Kuckuck  leitete,  den  er  bei  sich  hatte  -  genug  Hedasch  nahm  den 
Wildruf  aus  derTasche  und  machte  ihm  die  verschiedenen  Stim- 

30  men  des  Gewildes  tauschend  vor  -  an  sich  war  die  Darstellung 
schatzbar,  nur  litt  die  Tanzmusik  bei  den  Ripienstimmen  der 

Auerhahnen,  der  wilden  Ganse,  der  Fiichse  und  der  Sauen 

als  der  ehrliche  zerstreuete  Mann,  durch  einen  dissonen  Kontrast 
seines  Kuckucks  geweckt,  auf  einmal  rief :  »Zum  Henker,  tanzt 
ihr  junges  Volk  denn  nicht  ?«  —  In  derselben  Minute  hatte  Veit 
einen  treibenden  Wink  von  seiner  Mutter  erhalten  —  der  Statt- 


990  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

halter,  der  dessen  Wahl  erriet,  traf  sie  eilig  selber,  fassete  Marietten, 
und  so  gings  Ios.  Inzwischen  konnt*  der  Statthalter  nie  gegen  ein 
Madchen  hoflich  sein  ohne  ein  Zugemiise  von  Grobheit;  er  zog 
eine  neue,  von  Forrer  in  Wien  gekaufte  Taschenuhr  heraus,  die 
sich  selber  aufzieht,  wenn  man  mit  ihr  geht,  und  zwar  bei  jedem 
Schritte  um  ein  Zahnchen,  und  sagte :  »er  mache  so  viele  Pas,  als 
sie  Zahne  habe;  und  er  tanze  bloB,  um  seine  Uhr  angenehmer 
aufzuziehen.«  — 

Siebentes  Kapitel 

Tanz  haben  wir  endlich,  Viktor,  aber  der  bose  Feind  schwenkt  10 
sich  darunter  umher  und  verzettelt  bei  jedem  Pas  sein  Unkraut. 
Der  Terrorist  oder  Angstmann1  Alessandro  gibt  dem  armen  hof- 
lichen  Vito  die  poetische  Huldin  nicht  wieder,  erstHch  weil  sie 
feuriger  und  kiihner  als  andere  Kuhschnapplerinnen  spricht  — 
denn  eine  besingende  Schonheit  wagt  noch  mehr  als  eine  be- 
sungne  —  zweitens  weil  er  aus  Mangel  an  Eifersucht  diese  gern 
austeilt  —  drittens  weil  er  ein  Filou  ist  von  Haus  aus  und  dem 
Laster  gleicht,  das  eine  schillernde  flieBende  Schonheitslinie  auf 
dem  Schlangenrucken  tragt,  Giftzahne  aber  in  den  Kinnbacken 
fuhrt,  einer  jener  weiblichen  Lockenrauber,  die  vorher  zwanzig  20 
Madchen  die  Ehre  nehmen  und  dann  erst  eines  zur  Ehe,  wie  die 
kleinen  Feldmause  dadurch  am  meisten  schaden,  daB  sie  zehn 
Ahren  abbeiBen  und  priifen,  eh  sie  eine  in  ihr  Loch  eintragen. 

Veit  behalf  sich  mit  des  GroBweibels  Tochter,  Zephyrine  ge- 
tauft,  ein  prudes  stummes  weiBes  niederguckendes  gekrauseltes 
Ding,  wie  gefrorne  Milch  aussehend.  Ich  weiB,  Veit  wollte  an- 
fangs  mit  diesem  EiweiB  ohne  Dotter  nichts  machen  als  einen 
Hopstanz;  aber  hore  weiter! 

Das  vom  Vortanzer  und  Saemann  Satanas  dem  Tanzboden  an- 
vertrauete  Unkraut  schoB  bei  diesem  warmen  Wetter  bald  zu  30 
einem  verwickelnden  Gestrippe  heraus.  Ich  konnte  in  ihrem  Vor- 
iiberfahren  horen,  daB  der  Statthalter  Mariette  kiihn  und  pikant 

1  Angstmann  wird  in  einigen  Orten  Deutschlands  sehr  gut  der  Henker 
genannt;  und  so  wag*  ich  Terrorist  zu  iibersetzen,  um  so  mehr  da  in  Spa- 
nien  der  Henker  alle  Gesetze  promulgiert. 


SECHSTER  BRIEF  99I 

anklagte  und  tadelte,  um  sie  in  ein  Feuer  zu  setzen,  woran  er 
wenigstens  die  Hande  warmen  konnte.  Du  hast  wohl,  Doktor,  in 
deinen  Rennwochen  auch  oft  getadelt,  um  zu  loben.  Kurz  die 
Dichterin  -  die  als  solche  zwei  Gottinnen  in  ihren  zwei  Herz- 
kammern  mit  Rauchern  zu  ernahren  hat,  in  der  einen  die  Schon- 
heitsgottin,  in  der  andern  die  Muse  -  lieB  sich  in  ein  Treffen  mit 
diesem  von  Frankreich  ausgeriisteten  Kaper  ein  -  er  hatte  viel 
Goldstangen  geladen  -  er  hatte  einen  feinen  Geschmack  fur  Verse 
und  Reize  —  Madchen  glauben,  ihr  Herz  habe  wenigstens  die 

10  Kruggerechtigkeit,  zu  schenken,  wenn  auch  nicht  zu  logieren  —  es 
sind  tolle  Wesen,  die  sich,  wie  die  alten  Gotter,  ebensowohl  die 
Tiere  (uns)  opfern  lassen,  die  ihnen  verhaBt,  als  die,  so  ihnen  lieb 
sind  -  sie  schielte  nach  Veiten  -  sie  glaubte  Ursachen  zu  haben, 
Vitos  Hopstanze  mit  Zephyrinen  genauer  zu  priifen  und  zu  stra- 
fen  -  kurz  sie  engagierte  sich  dem  Angstmann  zum  vierten  Tanz 
und  zwang  den  sanften  Veit,  Rache  zu  schnauben  und  zum  Fo- 
derativsystem  mit  Mademoiselle  Schnorhamel  zu  greifen. 

Veiten  muB  ich  dir  vorher  als  einen  ganz  andern  Menschen 
malen  wie  den  Angstmann  -  es  ist  ein  lebendiger  Schnorkel,  kem 

20  Kampf-,  sondern  ein  Perlhahn  aus  Leipzig,  wo  er  mores  gelernt, 
und  zwar  die  geschmeidigsten,  womit  ein  parfumierter  lebendiger 
Damenhandschuh  nur  anliegen  kann  -  etwas  marklos  oft  und 
von  Gartenscheren  ausgeastet  bis  auf  die  Zunge,  aber  gutmei- 
nend,  zuvorkommend  und  schonend  —  er  wiirde  den  Galgen  aus 
Lakrizienholz  auszimmern  und  in  der  Holle,  wenn  er  der  Teufel 
ware,  Ofenschirme  herumgeben  -  nur  geldstolz  gegen  den  reich- 
sten  Gelehrten,  nicht  gegen  das  armste  Madchen  -  ein  Mensch, 
der  gelesen  hat  in  Lesebibliotheken,  und  ein  passionierter  Blumist 
und  Florist  des  weiblichen  Blumenzwiebelnflors,  ihn  schirmend, 

30  ihn  wartend,  ihn  begieBend  und  versetzend  -  Freund,  er  triige  den 
nachfahrenden  Schatten  der  vorgespannten  Dame  nach,  konnt* 

er  seiner  habhaft  werden. 

Von  zwei  eifersiichtigen  Liebenden,  deren  jedes  seine  Siinde 
nur  fiir  die  Strafe  der  fremden  halt,  bekommt  man  die  alte  Frage 
wieder:  hat  das  Herz  die  Adern  oder  diese  jenes  gemacht?  oder 
die  ahnliche:  wie  war  die  erste  Zange  moglich,  da  eine  Zange  nur 


992  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

durch  eine  zu  Schmieden  ist,  daher  sie  die  Rabbinen  erschaffen 
lassen?  Vito  suchte  demnach  Zephyrinen  in  jene  nur  in  Leipzig 
noch  aus  den  franzosischen  cours  d'amour  restierende  Lusttreffen 
und  Schimpfturniere  zu  verwickeln,  worin  man  iiber  jede  Klei- 
nigkeit  mit  schonen  Gestalten  scherzend  und  stundenlang  und 
gewandt  und  oft  fade  ficht.  Ich  tanzt'  oft  in  diesem  Waffen-  und 
Fackeltahz  mit  meiner  Fackel  dahin  wie  andere,  ja  ich  war  haufig 
eine  legio  fulminatrix  im  kleinen. 

Schlimm  wars,  da8  Mademoiselle  Schnorhamel  in  die  witzigen 
Viertels-  und  halben  Schwenkungen  und  in  die  Taktik  der  Leip-  10 
zigerinnen  wenig  eingeschossen  war;  nur  so  viel  kam  ihr  in  die- 
sem Sukzessionskriege  vor,  Veiten  sei  sie  nicht  gleichgiiltig;  eine 
Ahnung,  welche  Madchen,  die  oft  sonst  nichts  ahnen,  selten  ab- 
geht,  gleich  den  Zahnen,  die  weder  Gestalt  noch  Soliditat  der 
Korper  zu  fiihlen  taugen,  und  doch  deren  JVdrme  und  Kalte  spii- 
ren.  -  So  stehen  die  Sachen  in  diesem  Kapitel,  mein  Freund ! 

Achtes  Kapitel 

Gegenwartiges  Kapitel  wird,  wenn  ich  anders  etwas  dabei  zu 
sagen  habe,  bloB  mit  dem  Beschauen  des  vorigen  zugebracht,  be- 
sonders  da  erst  im  neunten  das  Schmausen  angeht.  20 

So  viel  sieht  man  beim  ersten  Blick,  daB  Not  und  Wirrwarr 
mit  der  Sonne  steigen.  Vom  Wetter  sag'  ich  dir  gar  nichts,  weil 
du  lachst;  genug,  durch  das  vertiefte  Himmelsblau  fuhr  wie  nach 
einem  Regen  der  Sonnenstrahl  scharf  geschliffen  ohne  Abstump- 
fen,  und  ich  wufite  aus  vieljahrigen  Wetterbeobachtungen,  was 
ich  davon  zu  halten  hatte,  namlich  wenig  Gutes.  Ich  hatt*  es  der 
Gesellschaft  vielleicht  eroffnet,  glekhsam  die  vierteljahrige  Auf- 
kiindigung  des  Sonnenscheins,  wenn  ich  nicht  den  Grundsatz 
hatte,  stets  auf  der  ersten  Prophezeiung  zu  beharren,  weil  ich 
mit  einer  zweiten,  vielleicht  richtigern  entgegengesetzten  immer  30 
einmal  verliere,  es  mag  eintrerTen,  welche  da  will. 

Die  doppeltverletzte  Benigna  konnte  sich  an  dieser  eigensinni- 
gen  Flucht  und  desertio  malitiosa  eines  allein  geliebten  Sohnes 
und  ihrer  und  seiner  Freiindin  nicht  erbauen.  Ja  sie  erriet  leicht, 
daB  die  iiberall  voreilige  Spezialin  die  Erdferne  des  Liebhabers 


SECHSTER  BRIEF  993 

auf  die  zurucklenkende  Hand  der  Mutter  schieben  werde.  Und 
wenns  gar  der  alte  Sechser  sah,  so  war  diese  reiche  Zephyrine 
gerade  ein  herrliches  Wasser  auf  die  Glmuhle,  wovon  er  schon 
ein  Modell  im  vaterlichen  Kopfe  herumtrug.  Zum  Gluck  aber 
hatt*  er  und  die  beweibte  Mannschaft  sich  eine  Motion  im  Forste 
der  gemeinen  StadtKuhschnappel  gemacht.  BloB  der  uberflussige 
Korrespondent  Fisch  mit  seinem  planierten  abgegriffenen  Ge- 
sicht,  als  war*  es  ein  Jahr  als  Hemmschuh  an  ein  erzgeburgisches 

-  Postrad  untergeschnallt  gewesen,  war  dageblieben,  um  sich  zu 

10  mir  zu  halten  und  mit  mir  als  Handwerksgenossen  in  ein  lehr- 
reiches  literarisches  Gesprach  zu  geraten. 

Ich  spann  aber  mit  der  wunden  Benigna  ein  kulinarisches  zu 
ihrer  Zerstreuung  an  und  drang  ihr,  da  sie  beim  Pickenick  den 
Braten  lieferte,  das  Versprechen  ab,  fur  mich  einige  KartofFeln 
dazuzugeben,  diese  Kastanien  aus  der  niederlandischen  Schule: 
»Ich  bin  dem  Totenkopfvogel«,  sagt*  ich,  »nicht  bloB  in  seiner 
Seltenheit  ahnlich  und  in  seinen  Erinnerungen  ans  Sterben,  son- 
dern  auch  in  seiner  Liebe  fur  dieses  Gewachs.« 

Marietta  benutzte  endlich  die  Ferien  des  Rangierens  zu  einem 

zo  zartlichen  Abstecher  an  Benignens  Mutterhand  und  schmiegte 
sich  recht  liebend  an  und  schien  bewegter  als  sonst.  Benigna  blieb 
die  alte  Freundin;  sie  war  es  gewohnt?  die  Wunden,  wie  die  galli- 
schen  Tragiker  die  Ermordungen,  nie  den  Zuschauern  darzu- 
stellen.  Und  dann  ging  Mariette  wieder,  wiewohl  langsamer,  zu 
den  Tanzfingerschuhen  Alessandros. 

Allmahlich  kamen  auf  der  Nordseite  die  beweibten  Herren  und 
Magen,  und  von  der  Sudseite  die  agyptischen  Fleischtopfe  und 
Proviant-Schaluppen  dahergezogen  und  darhinter  endlich  auch 
die  beiden  stief  lischen  und  paulinischen  Suppen,  ohne  welche  als 

30  die  Ontologie  und  Wissenschaftslehre  des  Mahls  das  Essen  gar 
nicht  anfangen  konnte.  Ich  wlifite  nicht,  warum  ich  dieses  Kapitel 
nicht  schlieBen  sollte. 

Neuntes  Kapitel 

In  einem  bureau  d'esprit  kann  nicht  so  viel  mannlicher  Neid 
haushalten  als  in  einem  Pickenick  weiblicher;  es  ist  eine  Nacht- 


994  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

mahlsvergiftung  fur  weibliche  Seelen  und  Leiber  dazu,  da  sie  oft 
monatelang  gerade  an  den  Preis-  und  Akzessit-Speisen  ihrer  Ne- 
benbuhlerinnen  verdauen;  elende  schlagen  als  verdaulicher  ihrem 
Magen  zu.  Nicht  ohne  Angst,  Neid  zuentzimden,  sah  ich,  wie  ich 
gern  bekenne,  unser  Suppen-Paar  auftragen;  der  Hospitalpre- 
diger  reichte  eine  Kerbelsuppe,  ich  hingegen  als  ein  ziemlich  be- 
ruhmter  Schriftsteller  glaubte  nicht  zu  viel  zu  tun,  wenn  ich  mit 
einer  Bergsuppe  erschiene.  Sie  muB  dir  erinnerlich  sein  durch  den 
Kegel  von  schwarzem  Brot,  mit  Zimt  und  Zucker  beschneiet, 
wovon  sie  den  Namen  fiihrt.  Die  Weiber  waren  (vielleicht  vom  10 
Geschlecht  bestochen)  nachsichtiger  gegen  uns,  und  unsere  Sup- 
pen  entkamen  dem  Neid;  aber  was  half  das  mir?  Denn  hore! 

An  einer  guten  Tafel  ist  eigentlich  das  Beste  -  Sitz  und  Stimme. 
Hebe  mich  aus  Rahm  und  Fassung  rechts  und  links:  so  zerfair 
ich  und  danke  fur  alles.  Ich  hatte  mich  daher  absichtlich  schon  im 
voraus  yie  einen  Juwel  zwischen  Marietten  und  Benignen  ge- 
fasset  una  verzog  nach  demTischgebet  -  unter  welchem  der  Statt- 
halter  blo^  das  Zahnstocher-Etui  geoffnet  und  gebraucht  hatte  - 
bloB  verbindlich-nachbleibend  ein  wenig  mit  dem  Einsitzen,  als 
der  grobe  Angstmann  sich  friiher  nieder-  und  hineinsetzte  als  20 
irgendein  Herr.  Ich  wiird'  ihn  frech  nennen,  wenn  nicht  eine  neue 
-  der  Londner  humane-society  entgegengesetzte  -  inhumane-so- 
ciety das  Wort  jetzt  asthetisch  so  veredelt  zu  brauchen  suchte,  daB 
es  kaum  auf  diesen  Inhumanisten  mehr  passet;  aber  wahrhaftig 
grob  ist  er. 

Auch  das  wird  ebenso  gemein.  Viktor,  war's  kein  Brief  an 
dich:  wahrlich  ich  wagte  hier  ein  Extrablatt  uber  den  Inzivismus 
der  neuesten  Humanisten  und  Philosophen,  der  das  Musen- 
Philadelphia  zu  einem  Misadelphia  versauert.  Wenig  verfangen 
dagegen  die  Beispiele  der  moralischen  Schonung,  die  Fichte,  3° 
Schelling,  VoB,  Jakob,  Wolf  und  beide  Schlegel  geben,  und  sie 
sind,  wie  es  scheint,  entweder  gegen  den  TroB  zu  unkraftig,  oder 
zu  selten,  als  daB  sie  die  jetzigen  prosaischen  posthumi  derXenien 
bekehren  konnten.  Ja  gerade  jene  exemplarischen  Manner  sind 
vielleicht  noch  ofter  als  ich  und  du  zum  Lesen  solcher  Werke  ge- 
notigt,  wo  der  Kantische  Endzweck,  der  Mensch,  wegen  eines 


SECHSTER  BRIEF  995 

elenden  Mittels  nicht  einmal  mehr  so  sanft  wie  ein  Mittel  behandelt 
wird  -  wo  man  wie  Swift  und  Bonaparte  zuerst  die  Leute  anfahrt 
Probierens  wegen  -  wo  man  als  Humanist  ungefahr  ebenso  die- 
sen  Namen  verdient  wie  die  Butter-Blume  ihren,  vor  der  allein 
als  der  Lokusta  der  Butter  das  Vieh  vorubergeht,  und  wo  man 
uber  den  langen  trojanischen  Krieg  einen  langern  moralischen 
fiihrt  -  oder  wo  man  als  Philosoph  die  Philosophie,  diese  alte 
sokratische  Herrin  der  Leidenschaften,  zu  einer  stillen  Magd  der- 
selben  verdingt  und  den  Stern  der  Weisen  zum  blassen  kritischen 

io  asteriscus  macht,  wie  das  kabbalistische  Sechseck  von  Holz,  sonst 
ein  Amulett  gegen  Feuer,  jetzt  als  ein  Bier^eichen  heraushangt.  - 
Unsere  Philosophen  reiBen  die  Steine  aus  dem  Pflaster  der  Wahr- 
heit,  weniger  weil  man  Bomben  darauf  wirft,  als  weil  sie  selber 
einem  und  dem  andern  Kopf  und  Fenster  einzuwerfen  haben. 

Gegen  den  Angstmann  hier  viel  zu  sagen,  wurde  von  wenig 
Nutzen  und  beinahe  parteiisch  scheinen,  da  er  allein  mich  auf 
mein  romisches  Folterpferd  gesetzt;  es  ist  genug,  wenn  ich  wegen 
historischer  Treue  nachhole,  daB  er  dortsaB  -  den  Hut  auf-  die 
Rechte  am  Herzen  oder  in  der  Weste  —  weder  Teller  noch  Wein 

20  anbietend  -  ich  meine  keinem  Madchen,  er  ein  Mensch,  der  nie 
geheiratet  und  der  mithin  noch  keine  mit  einer  iweiten  iiberspon- 
nene  Sake  ist,  die  grober  klingt  —  Inzwischen  ist  er  mir,  ich  weiB 
nicht  warum,  zu  gleichgiiltig,  um  nur  noch  einmal  seinetwegen 
einzutunken. 

War'  ich,  venezianisches  Glas:  so  hatte  mich  dasmal  Fenster- 
blei  gefasset,  der  Spezial  Zeitmann  und  der  Korrespondent  Fisch. 
Der  'Spezial  geht  noch  hin,  es  ist  bloB  ein  feiner  rotwangiger 
politischer  Mann,  der,  wenn  die  Tiirken  unter  den  99  Namen 
Gottes  dendes  Stolzen haben, auch  als dessen Diener nachdiesem 

30  Namen  schnappt ;  hingegen  Fisch !  -  Du  weiBt,  es  gibt  fur  dich  und 
mich  gewisse  uns  das  Ruckgrat  und  das  ganze  Knochenskelett 
ausleerende  Markzieher  von  platten  Leuten,  die  uns  jeden  Arm 
des  innern  Menschen  dergestalt  lahmen,  daB  er  keinen  Schmetter- 
ling  mehr  hebenjcann  -  mit  Witz,  Feuer,  himmlischen  Gedanken 
ist  es  clann  ohnehin  vorbei-fiir  das  ganze  angebotene  linke  Rhein- 
ufer  bracht'  ich  kein  Epigramm,  z.  B.  aufs  rechte,  zustande  -  und 


996  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

so  fall'  ich  von  Stunde  zu  Stunde  matter  und  falber  aus,  bis  ich 
unter  einen  solchen  Markzieher  selber  sinke,  ders  weniger  durch 
Plattheit  des  Kopfes  als  des  Herzens  ist,  das  man  mit  nichts  er- 
hitzen  und  erheben  kann. 

Fisch  war  dergleichen,  mein  antizipierter  Marasmus.  Zum  Un- 
gluck  saB  er  in  der  HofTnung  neben  mir,  etwas  Vernunftiges  oder 
eigentlich  Literarisches  von  mir  aufzuschnappen;  und  selber  der 
kluge  Spezial  war  so  einfaltig,  daB  er  auf  die  kliigsten  Remarquen 

zahlte Eine  der  verdammtesten  Erwartungen,  die  mir  liberal! 

nachsetzt!  —  Verhenkert!  Ich  weiB  es,  leben  soil  der  Autor,  wie  10 
er  schreibt  -  ja  noch  besser  fast,  und  nach  einem  schonen  Gleich- 
nis,  das  ich  hier  machen  kann,  soil  er  in  die  weiten  Tage  seines 
Lebens  die  moralischen  Kleinodien  allmahlich  wahrhaft  einwiir- 
ken,  die  er  seinen  Traum-Gestalten  in  reichen  Zusammensetzun- 
gen  auf  einmal  umhangt,  wie  im  Dresdner  grunen  Gewolbe  alle 
die  groBen  Juwelen,  wovon  anfangs  die  unechten  Nachbilder  in 
der  sachsischen  Krone  aufgefadelt  gewiesen  werden,  dann  echt 
auf  Kissen  umherstehen  -  ich  sage  also,  er  soil  so  leben,  wie  er 
schreibt,  aber  doch  beim  Himmel  nicht  so  sprechen.  Wie,  Viktor, 
alle  lebendige  Modelle  in  Malerakademien  hatten  wenigstens  an  20 
Festtagen  die  Konzession,  die  Gestelle  zu  raumen  und  einen  Tag 
lang  kein  Muster  zu  sein;  und  wir  arme  Ritter-  und  andere  Bu- 
cher-Macher  sollten  nicht  einen  Festtag  gewinnen,  wo  wir  keine 
Umstande  zu  machen  brauchen,  sondern  nur  dummes  Zeug?  Wie, 
ewig  sollten  ich  und  Lavater  und  Meusels  gelehrtes  Deutschland 
uns  zusammennehmen  und  mit  beiden  Handen  die  gottlichsten 
Bilder,  Sentiments  und  Rafflnements  rechts  und  links  auswerfen? 
Und  unser  Lohn  halbjahriger  Anspannungen  bestande  bloB  in 
noch  groBern  augenblicklichen  ?  -  Da  sei  der  Teufel  klassischer 
Autor!  -  Es  ist  mehr  als  genug,  wenn  man  fiir  seine  Nachbarn  30 
und  Verwandten  ein  Schaf  ist  und  erst  fur  Ausland  und  Nachwelt 
ein  voranschreitender  Leithammel  und  ein  goldnes  Kalb  oder 
Simultan-Ohrengehenk.1  — 


1  Das  goldne  Kalb  wurde  bekanntlich  aus  Ohrringen  gegossen. 


SECHSTER  BRIEF  997 

Zehntes  Kapitel 

Die  weiblichen  Magenfieber  vom  Pickenick  waren  anfangs 
noch  gelinde  Schauer.  Mit  Vergnligen  sah  ich,  wie  schon  gesagt, 
daB  man  Stiefels  Kerbelsuppe  und  meine  Bergsuppe  ohne  Neid 
aufnahm  -  Hedasch  schlug  sich  mit  seinen  Hechtwiirsten  samt 
Hopfen  von  armen  Rittern  wohlbehalten  durch  -  die  dressierte 
Rinds-Pastete  der  Spezialin  war  schon  schwerer  zu  verfechten  - 
aber  jetzt  trat  der  farschierte  Puter  des  Sechsers  mit  seinen  Kar- 
toffeln auf.  Die  Manner  nicht,  aber  die  Weiber  spreizten  und 

10  spannten  alles,  was  sie  von  Puterfktichen  und  Schwanzradern  am 
innern  Menschen  hatten,  jetzt  auseinander  und  klappten  auf  und 
zu  und  wetzten  und  rauschten !  -  Gar  aber  hicht  des  farschierten 
Hahnes  wegen,  sondern  weil  Kartoffeln  kamen. 

Diese  wurden  allgemein  fur  Epigrammen  und  Parodien  der 
iibrigen  NaturalHeferungen  gehalten;  wenige  waren  der  reichen, 
eingezognen,  lesenden  Benigna  gut*  »Was  soil  das,  Frau?«  fragte 
hinglotzend  der  alte  Poshardt.  »Herr  J.  P.«,  sagte  sie,  »hat  mich 
darum  ersucht,  bloB  fiir  sich.«  Zum  Ungliick  bot  ich,  in  meiner 
blinden  Abstumpfung  neben  dem  Markzieher,  die  Plmzen  herum 

20  und  sagte:  »ob  sie  gleich  ein  Oberrest  aus  dem  Paradiese  waren, 
aus  Quito :  so  genoss'  ich  sie  doch  nur  darum  gern,  weil  man  sie 
einmal  auf  das  Tischtuch  'des  franzosischen  Konigs  aufgesetzet, 
eines  Mannes,  der  seine  448  Menschen  in  der  Kiiche  hatte,  wobei 
ich  161  gargons  de  la  Maison-bouche  gar  nicht  rechnete.«  Pos- 
hardts  Frage,  unser  Einverstandnis,  das  Prasentieren,  das  Plai- 
santieren  gab  noch  mehr  den  Kartoffeln  den  Schein  satirischer 
Gift-  und  Pechkugeln.  Ich  gutmiitiger  armer  Teufel,  dessen  Galle 
unter  Leuten  wie  die  eines  Fotus  suB  ist,  soil  iiber  Kochkunst, 
uber  welche  Weiber  noch  weniger  als  iiber  ihre  Kleidung  Scherz 

3°  verstehen,  einen  getrieben  haben?  Rede  du  fur  mich!  In  der  Tat 
sollte  man  nur  ofter,  wie  man  gepiilverte  SpieBglasspitzen  in  Pelze 
saet,  die  Wurmer  zu  spieBen,  sich  den  Pelz  mit  ahnlichen  Spitzen 
gegen  geselliges  Ungeziefer  bewaffnen! 

So  viel  ist  nun  klar,  daB  die  jetzt  lebende  Generation  in  Kuh- 
schnappel  kein  Pickenick  gibt  -  die  kunftige  kann  vielleicht  diese 
eucharistischen  oder  sakramentarischen  Streitigkeiten  vergessen.— 


998  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

Inzwischen  erfuhr  ich  alles  erst  spater  von  Benignen;  in  kleinen 
Stadten  ist  man  scheuer  und  stummer  als  an  Hofen  -  man  spricht 
und  geht  so  piano,  als  wenn  man  unten  vor  Lauwinen  vorbei- 
reiset,  um  sie  nicht  auf  den  Kopf  zu  bekommen;  -  so  saBen  wir 
unter  der  peine  forte  et  dure,  aber  bloB  um  zu  schweigen,  durch- 
einander.  Da  Unzer  behauptet,  daB  die  beschwerlichen  gekiin- 
stelten  Attitiiden  in  Gesellschaft  der  Gesundheit  durch  die  Mus- 
kel-t)bung  frommen :  so  lieB  es  sich  zu  einem  allgemeinen  Gene- 
sen  durch  stille  Motion  recht  gut  an. 

Noch  betriibter  sah  es  mit  den  jungen  Leuten  aus.  Der  Statt-  10 
halter  hatte  Augen  und  Ohren,  gliicklicher  als  wir,  nur  beiMariet- 
ten  und  hielt  ihre  fest.  -  Veit  war  der  rachsiichtigen  Rolle  bei 
Zephyrinen  satt,  und  unter  der  Serviette  zerfloB  ihm  das  Herz, 
und  er  guckte  endlich,  da  die  prude  Schnorhamel  nicht  repartierte,   . 
gerade  vor  sich  hin  auf  mich  und  sah  aus  wie  einer,  der  niesen 
will  oder weinen.  Diese  Schnorhamel  mochte  etwan  gehort  haben, 
daB  reiche  weiche  Prinzessinnen  und  Grafinnen  bei  Tische  selten 
anbeiBen  und  bloB  einige  kandierte  Stengel  Sonnenstrahlenkauen 
und  ein  Spitzglas  voll  Himmelsluft  dazu  nippen;  daher  wollte  sie, 
bei  so  viel  Geld,  so  gut  ihr  Karenz-Leben  haben  wie  eine  und  lieB  20 
mit  niedergeschlagnem  Augenlid  und  kaltschuttelndem  Kopfchen 
Hecht  und  Puterfarsch  voriiberlaufen  —  die  Kerbel-  sowohl  als  die 
Bergsuppe  wurde  vom  Mutze  aus  Verachtung  nicht  einmal  be- 
leckt. 

Eilftes  Kapitel 

Im  Leben  ists  wie  am  Himmel:  eben  dadurch,  daB  Sternbilder 
auf  der  einen  Seite  untersinken,  mussen  neue  auf  der  andern  her- 
auf.  Der  Spezial  erzahlte  dem  Pickenick,  er  habe  schon  40  Pru- 
fungen  zu  geistlichen,  6  zu  Schulstellen,  17  Predigerkonferenzen, 
47  Ordinationen  und  11  Synoden  gehalten;  »aber  unser  Leben«,  30 
setzt'  er  hinzu,  »ist,  wenn  es  vorbei  ist,  ein  Nebel  gewesen  -  buch- 
stabieren  Sie  Leben  riickwarts,  so  kommt  Nebel  heraus.«  Diese 
Retour-Fracht  des  Worts  setzte  den  alten  Sechser  ins  groBte  Er- 
staunen  —  »Ich  mochte  nur  wissen,  wie  man  auf  so  was  fallen 
kann«,  sagt*  er  und  brummte:  Leben  Nebel,  Nebel  Leben.  »Ja 


SECHSTER  BRIEF  999 

Heset  man«,  setzt'  ich  dazu,  »NebeI  riickwarts,  so  kommt  wieder 
Leben  heraus.«  -  »Ganz  naturlich«,  sagte  Zeitmann. 

Poshardt  konnte  sich-ob  er  gleich  wie  indischeKaufleute  dem 
andern  die  Hand  nur  driickte,  urn  zu  handeln,  und  nur  durch  das 
wach  blieb,  wodurch  Leibniz  sich  einschlaferte,  durch  Zdhlen  - 
einer  religiosen  Achtung  fiir  Wissenschaft  in  Amtern  und  fiir 
Geistlichkeit  schwer  entschlagen;  und  da  Zeitmann,  so  wie  im 
Stifte  zu  Tubingen  ein  Stipendiat  ins  Essen  hineinpredigt,  etwas 
Ahnliches  tat:  so  wurde  Poshardt  von  der  Wiirde  iibermannt  und 

10  erhob  dessen  Scibile.  Vielleicht  wurd*  er  durch  Vitos  Abson- 
derung  von  Marietten  zahmer. 

Zeitmann,  aufgemuntert,  fragte,  da  er  so  viel  von  Hamburg 
ziehe,  ob  er  wohl  wisse,  woher  Altona  den  Namen  habe,  und  fuhr 
fort:  »Von  Alliunah  an  Hamburg.**  Die  Gesellschaft  sann  zwei- 
felnd;  »to«,  sagt'  ich,  »heiBet  im  Englischen  {«.«  -  »Altona!«  fuhr 
der  Sechser  gegen  den  Forstmeister,  der  ein  lustiger  Kopf  war. 
»  Oho,  bin  ich  dem  Herrn  Hamburg  Allzunah  ?«  -  »Eher  ein  Halber- 
stadt  konnte  Herr  Forstmeister  Hedasch  heifien ;  denn  Halberstadt 
fiihrt  den  Namen,  weil  es  nur  halb  ausgebauet  wurde«,  versetzte 

20  der  Spezial  mit  dem  gehaltenen  leichten  Predigerlacheln.  Wir 
lachten  alle  sehr,  weil  der  dunne  Hedasch  gerade  der  halbe  Sektor 
vom  dicken  Sechser  ist.. 

So  flog  Witz  und  Gelehrsamkeit  verkuppelt  wie  ein  Paar 
Krammetsvogel  iiber  die  Tafel  hin  und  her. 

Nur  von  mir  versieh  dich  keiner  Saillien  und  Repartien,  wenns 
nicht  eine  einfaltige  Sprachanmerkung  iiber  das  to  ist.  Ich  saB  in 
meinem  Pfeffer  und  Salz-hasenhaft  da  und  hatte  meine  vis  cogita- 
trix-aestimatrix-conformatrix-concoctrix-appetiva-motiva  (zwar 
scholastische  Namen;  aber  alte)  bei  mir  ohne  den  geringsten  Nut- 

30  zen.  Lasse  mich  immerhin  den  langsten  sich  um  den  Ellenbogen 
schlagenden  Aal  vorstellen  -  mir  hilfts  nichts,  Fisch  legt  sich  als 
altes  Eisen  auf  mich,  das  den  starksten  Aal  erschopft  und  aus- 
mergelt.  Er  arbeitet  an  einem  gelehrten  Kuhschnappel  und  wiinscht 
sich  Notizen  von  Siebenkasens  Leben.  -  Er  meldete  mir,  daB  er 
miihsam  schon  dreizehn  Jahre  an  einem  gelehrten  Deutschland 
von  anonymen  Autoren  sammle  und  schwitze;  daB  ers  aber  gar 


IOOO  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

nicht  zum  Edieren  zu  bringen,  vermoge,  weil  immer,  wenn  er  den 
Band  zu  einer  gewissen  Grofie  hinaufgebracht,  sich  10,  20  an- 
onyme  Autoren  auf  einmal  in  einer  Messe  nennten,  und  so  werd* 
ihm  leider  stets  vornen  so  viel  abgangig,  als  er  hinten  ansetze.  - 

Da  ihm  nicht  am  Genusse  oder  Werte,  sondern  nur  am  Dasein 
eines  Werks  gelegen  ist:  so  fragt'  er  mich,  womit  ich  wieder  die 
gelehrte  Welt  beschenkte.  »Mit  einem  rediviven  Kreuztrager 
Hiob«,  versetzt'  ich  Fischen. 

Aber  weiter,  weiter! 

Zwolftes  Kapitel  10. 

Der  Landschreiber  Borstel  trat  gebogen  vor  den  aufgebaumten 
aufgetriebnen  GroBweibel  und  stotterte:  »Ein  Haufe  Komodian- 
ten  seien  drauBen  und  wollen  die  Gnade  haben  und  in  der  Stadt 
ihren  Hokus-Pokus  machen,  wenns  Ew.  Gnaden  ihnen  gnadigst 
permittieren;  sie  wollen  alle  darum  anhalten.«  -  »Sag*  Er  dem  Ge- 
sindel,  Schreiber,  ich  wtird*  es  ihnen  wahrscheinlich  rund  ab- 
schlagen  -  sie  sollen  aber  warten,  ich  wollte  erst  ihre  Testimonien 
und  Legitimationen  genau  durchgucken  -  jetzt  aBe  Sein  Herr 
Prinzipal.«  -  »Das  soil  ihnen  ausgerichtet  werden,  gnadiger  Herr«, 
versetzte  Borstel  und  trug  das  Publikandum  fortgebiickt  hinaus,  20 
kam  aber  schleunig  wieder  und  sagte  kopfschuttelnd :  »Sie  bitten 
und  betteln  drauBen  ganz  spektakulos  -  sie  sagen  alle,  ich  sollte 
nur  so  lieb  sein  und  sagen,  sie  hatten.nichts  Weltliches,  sondern 
lauter  geistliche  biblische  Historien,  in  dergleichen  waren  sie  ganz 
perfekt.«  -  »Hab*  ich  Ihm  nicht  gesagt,  daB  ich  jetzt  speise?« 
wandte  sich  Schnorhamel  um.  »Das  Volk«,  sagte  der  Schreiber, 
»kann  warten,  es  soil  mir  niemand  mehr  kommen.«  -  Borstel 
trug  seinen  angebornen  Buckling  weg,  der  den  des  Pisaturms, 
wenn  man  von  ihm  wie  von  diesem  ein  Senkblei  fallen  lieBe,  viel- 
leicht  erreichen  wiirde;  denn  die  Spitze  des  Turms  fand  man  jo 
1 2  FuB  iiber  die  Basis  hinausgebiickt.  Er  und  viele  Beamten  von 
Kuhschnappel  genieBen  mehr  als  andere  Deutsche  das  Privile- 
gium,  das  der  elfte  Paragraph1  der  Miinzordnung  von  1559  er- 
teik,  daB  man  in  Zahlungen  niemals  iiber  26  fl.  kleine  Miinze  solle 
*  SchmauB.  corp.  jur.  publ. 


SECHSTER  BRIEF  IOOI 

anzunehmen  gehalten  sein;  denn  sie  haben  uberhaupt  nie  so  viel 
einzustreichen. 

Jetzt  wurde  das  Gesprach  dramaturgisch.  Der  Forstmeister  - 
der  verniinftigste,  freieste,  natiirlichste  Mann  am  ganzen  Tisch  - 
gab  dem  GroBweibel  gegen  die  Windgeschwulst  ein  abtreibendes 
Pulver  ein  und  erzahlte,  Schnorhamel  habe  als  Gymnasiast  in 
dem  Schuldrama  von  Elisa  und  den  gefressenen  Kindern  wegen 
seiner  Lange  allezeit  den  Zeiselbar  allein  gemacht,  da  sonst  zu  den 
Vorder-  und  zu  den  Hintertatzen  zwei  Tertianer  notig  gewesen 

10  waren:  und  davon  nab'  ers  Brummen  noch.  Der  ausgebalgte  Bar 
kontrastierte  gegen  den  vollen  ohne  Fell,  der  den  Erdglobus  fiir 
das  Throngeruste  des  GroBweibels  nahm  und  dessen  Ich  in  der 
Sommeringischen  Gehirnfeuchtigkeit  taglich  wie  ein  Ersoffner, 
oder  wie  der  fette  gebratene  Schwamm  im  Magen  einer  saufenden 
Ratte,  starker  schwoll. 

Poshardt  hingegen  erzahlte,  er  und  der  Spezial  hatten  in  Augs- 
burg als  Gymnasiasten  in  den  romischen  Geschichtenmitgespielt, 
und  zwar  er  den  Brutus  und  Zeitmann  den  Casar.  »Ich  und  Herr 
Spezial«,  fuhr  er  fort,  »waren  damals  Schulkameraden  und  sehr 

20  kordat,  von  quinta  bis  tertia  waren  wir  ja  zusammen  fortge- 
rutscht.  Aber  das  Drama!  -  Wissen  Sie,  Herr  Spezial,  Sie  fuhren 
mit  Ihrem  Stichwort  heraus:  >Auch  du,  mein  Sohn!<  eh  ich  noch 
zugestochen  hatte.  -  Bei  meiner  Seele!  ich  forchte  mich  auf  ein- 
mal,  ich  mochte  Ihnen  einen  Stich  geben,  wenn  ich  Sie  ersrache  - 
Und  schon  sah  er  auch  aus,  Madame!  -  Und  ich  war  damals  ein 
weichherziger  guter  Teufel  -  kurz  ich  lieB  meinen  Sarras  fallen 
und  wurde  nachher  vom  Prazeptor  tuchtig  ausgehunzt.  -  Ich 
denke  noch  heute  daran.«  - 

»Ich  entsinne  mich«,  versetzte  Zeitmann,  »dessen  ganz  gut; 

30  und  auch  einer  ahnlichen  Geschichte1  zwischen  zwei  welschen 
Sangern,  wovon  der  eine  den  andern  wegen  des  schonen  Gesan- 
ges  umarmte;  ich  glaub',  er  sollt'  ihn  iimbringen.  -  Ich  muB  aber 
sagen:  zieh'  ich  jetzt  das  Verhalten  unsers  Prazeptors  vor  den 
padagogischen  Richterstuhl :  so  kann  ichs  nicht  ganz  lossprechen 

1  Der  Sanger  Senesino  sollte  als  Tyrann  den  ungliicklichen  Helden 
Farinelli  anfallen,  statt  ihn  zu  umarmen. 


1002  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

-  ich  wtirde  an  seiner  Stelle  mehr  die  gute  moralische  Gesinnung 
erwogen  haben,  die  Sie  dabei  zu  erkennen  gaben.« 

Betrachte  hier  die  feste  Hand,  womit  der  Spezial  mit  dem  eng- 
lischen  Schliissel  Petri,  wenn  er  ihn  hatte,  manchem  koniglichen 
GebiB  Hunds-  und  Weisheitszahne  ausbrechen  konnte  •  betrachte 
seine  Wiirde,  die  der  Warme  wie  dem  Reichtum  trotzt  (denn  er 
wie  seine  Diozesani  haben,  da  Christus  den  Jungern  zwei  Rocke 
verbot,  mithin  als  deren  kleinere  Nachfolger  nicht  so  viel  an,  als 
jenen  verstattet  war)  -  betrachte  den  Sechser,  dessen  froher  sym- 
pathetischer  Humor  nur  vom  Handel,  dieser  Quickmuhle  des  Teu-  10 
fels,  die  Legierung  erhalten  -  betrachte  die  schon  gefarbte  Mor- 
genrote  einer  moglichen  Aussohnung  und  lies  dann  das 

drei^ehnte  Kapitel 

Du  findest  uns  alle  schon  unter  den  Kirschbaumen  -  die  bibli- 
schen  Komodianten  miissen  warten  —  alle  Pachter  sitzen  in  den 
Gipfeln,  und  die  Pachterinnen  stehen  auf  den  Wurzeln  und  halten 
die  Schiirzen  auf,  und  man  lacht  viel. 

Aber  daran  ist  etwas  schuld,  was  du  gar  noch  nicht  weiBt. 
Indes  wir  namlich  nach  dem  Tischgebet  am  Fenster  standen,  rief  . 
auf  einmal  die  Spezialin :  »Um  Gottes  Willen,  Herr  Rat,  schneu-  20 
zen  Sie  nicht!  was  haben  Sie  da?«  -  Stiefel  hatte  bloB  sein  Hemde 
in  der  Hand.  Der  gute  Prediger,  der  den  Kopf  voll  Cypselus-  und 
Mumien-  und  Lettern-Kasten  hatte  und  darin  keinen  Wasch- 
kasten  mehr  setzen  konnte,  hatte  statt  eines  weiBen  Schnupftuchs 
ein  nett  zusammengeschlagenes  Oberhemd  eingesteckt.  Ungliick- 
licher-  oder  vielmehr  glucklicherweise  -  denn  dieses  mouchoir 
de  Venus  suspendierte  den  arsenikalischen  Schwaden  der  satiri- 
schen  Kartoffeln  -  schauete  die  Zeitmann  zu,  wie  er  etwas  WeiBes 
herauszog  und  auffaltete,  wovon  zwei  Armel  niederhingen  und 
das  ihm  nicht  recht  in  die  Hand  fallen  wollte.  »Ich  kdnnte«,  sagte  30 
er  etwas  rot,  »noch  auffallendere  Exempel  von  gelehrter  Zer- 
streuung  aus  meiner  geringen  Lektiire  beibringen.«  Inzwischen 
heitert  dergleichen  verstimmte  Kranzchen  sichtlich  auf. 

Alles  tobte  und  schluckte,  die  Spezialin  auch  mit,  die  mich  jetzt 
floh,  weil  ich  sie  weniger  suchte  als  Benignen,  die  anfangs  mir 


SECHSTER  BRIEF  IOO3 

auswich,  weil  in  Kuhschnappel  zwar  schon  ein  bloBer  Biicher- 
schreiber  ohne  Amt  -  denn  einer  mit  einem  bleibt  immer  ein 
Rotkehlchen,  das  neben  dem  Dienste  eines  Sangers  auch  den  des 
Fliegengiftes  tut  und  Mucken  fangt  -,  aber  doch  noch  mehr  eine 
Freundin  dieses  Schreibers  gehasset  wird.  Ich  gestehe  dirs,  der 
ganz  in  ecorche1  gekleidete  innere  Mensch  der  Spezialin,  deren 
Tochter  wenigstens  ein  Paar  demi-negliges  mehr  umschlagt,  war 
gegen  meinen  Geschmack,  der  Weiber  den  Schnecken  vergleicht, 
wovon  die  verschlossenen  zarter  zu  genieBen  sind. 

10  Benigna  war  iiber  das  tolle  junge  Paar  niedergeschlagen.  Und 
beim  Henker,  mit  Recht !  Wie  selig  hatten  heute  Vito  und  Marietta 
im  Tanze,  im  Essen  und  unter  den  Baumen  in  den  Perlenbachen 
der  Freude  fischen  und  schnalzen  konnen !  Aber  wir  sind  alle  so : 
wenn  wir  Wasser  haben,  setzen  wir,  wie  in  die  Seine,  Netze  zum 
Auffangen  einiger  Leichen  ein,  und  erst  wenn  der  Zirknitzer  See 
wieder  verlaufen  ist  und  wir  stranden  und  festskzen,  wollen  wir 
platschern  und  segeln  und  fischen !  O  welche  Bliitezeiten,  welche 
nie  umkehrende  Fruhlinge  hat  nicht  jede  klagende  Seele  schon 
versaumt ! 

20  Als  Benigna  mit  dem  auBer  sich  gebrachten  Veit  einige  ver- 
mutlich  gesetzliche  Worte  gesprochen  hatte:  prasentiert'  er  der 
Spezialin  und  der  Tochter  sehr  viel  Steinobst.  Weiber  sind  in  der 
mannlichen  Uhr  die  Unruhe,  welche  die  Bewegungen  maBigt. 
Benigna  blieb  allein  auf  einem  Hiigel;  »er  sei  ihr  immer  lieb,« 
sagte  sie,  »weil  sie  in  ihrem  funfzehnten  Jahre  nach  einer  fast  tod- 
lichen  Krankheit,  worin  sie  ihr  Vater  (Antezessor  des  Spezials) 
von  Gott  erbeten,  hier  zum  ersten  Male  wieder  die  untergehende 
Sonne  in  der  Kirschenzeit  gesehen,  wiewohl  sie  kraftlos  nicht 
wieder  zu  FuBe  zuriickgekonnt.  Damals«  (schloB  sie)  »kam  mir 

3°  die  Welt  ganz  anders  vor;  warum  hat  mich  Gott  nicht  in  diesem 
Glauben  weggenommen?  Ich  ware  vielem  entgangen.«  Ich  ver- 
setzte:  »Wenn  immer  die  Eingebornen  einer  bessern  Welt  und 
die  Opfer  der  hiesigen  aus  dieser  laufen  wollten :  so  blieben  am 
Ende  nur  die  Qualgeister  der  erstern  auf  ihr  sitzen ;  und  dann  war' 

1  So  heiBet  die  den  Tanzerinnen  angenahte  fieischfarbige  Kleidung  und 
Nacktheit. 


1004  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

es  am  besten,  das  Narrenschiff  der  Erde  gar  abzutakeln  und  zu 
entmasten.« 

Dieses  Trosten  ging  mir  schwer  von  der  Zunge;  solche  Her- 
zensaugen  wie  ihre  sieht  und  macht  einer  wie  ich  -  der  das  Auge, 
zumal  das  weibliche,  fur  kleinere  Himmelskugeln  halt  und  gern 
einen  Augen-Harem  hatte  -  lieber  naB  als  trocken;  besonders  an 
einem  schonen  Wesen,  dem  das  Geschick  wie  den  meisten  von 
uns,  wie  ein  Kinderlehrer,  nach  den  schon  illuminierten  Weltkar- 
ten  zur  Obung  irn  Zurechtfinden  bloBe  farbenlosey  schwarz  und 
weiBe  gegeben.  Es  arbeitet  etwas  HaBIiches  in  uns  Mannern,  was  10 
mit  sanftem  Riihren  die  weiblkhen  Schmerzen,  um  sie  zu  teilen, 
votiier  gern  mehren  will;  wir  wischen  die  Tranen  oft  wie  der 
Chirurgus  das  Blut  der  geoffneten  Ader  ab,  bloB  damit  es  starker 
rinne.  Viktor,  dagegen  laB  uns  wacker  kampfen!  - 

Vier^ehntes  Kapitel 

Hier  wird  mir  schon  wieder  meine  selige  Kalypsos-Insel  unter 
den  FuBen  weggezogen.  Ich  prophezeiete  oben,  wie  du  weiBt, 
nichts  Gutes.  Das  Gewolke  warf  von  Zeit  zu  Zeit  bloB  einige 
Platzkiigelchen.  »Noch  hat  es  keine  Not,«  (rief  ich  der  frucht- 
tragenden  Gesellschaft  zu)  »aber  abends  steh*  ich  fur  nichts,  wenn  20 
der  Mond  aufgeht,  welches  um  6  Uhr  sein  muB.«  - 

Hedasch  marschierte  aber  unglaubig  nachGrems.  »Aber,Herr,« 
rief  der  Sechser,  »der  Bose  soil  Ihnen  das  Licht  halten,  wenns 
nicht  wahr  ist.« '—  Statt  der  Samenperlen  fuhren  schon  einge- 
schmolzene  weiche  SchloBen  nieder.  Ich  wollte  noch  einige  Trost- 
worte  auf  die  bewohnten  Baume  werfen :  als  die  Wolkenzisternen 
uber  uns  umgestiirzt  -  Tropf  bad  in  Plongierbad  verwandelt  -  die 
Pacht-Unitat  in  FluBgotter  und  Wassernixen  eingeteilt  -  und  wir 
samtHch  damit  iiberrascht  wurden,  daB  wir  nicht  ersofFen.  Eine 
wassersuchtige  Wolke  war  angebohrt  oder  zersprungen.  -  Als  30 
wir  uns  unter  den  nachregnenden  Blattern  lieber  badeten  als  unter 
dem  nachregnenden  Wolken-Abhub :  HeB  ich  mir  die  verschie- 
denen  Phrasen  nicht  entwischen,  womit  sich  jeder  half;  die  Spe- 
zialin  sagte:  Mariettchen!  -  und  diese:  Mutter,  Mutter!  -  der 
Spezial:  Gott  sei  uns  gnadig! .  —  Vito:  Sapperment,  Sandro!  - 


SECHSTER   BRIEF  IOO} 

Alessandro:  peste!  -  der  Sechser:  ein  verfiuchter  Windsack,  der 
Bucherfex  I  -  der  GroBweibel :  pferdemaBige  Teufels  - Wirtschaft ! 
-  der  Landschreiber:  ach  Herr  jemine!  -  und  ich:  es  ist  gleich 
vorbei!  - 

Und  das  geschah  auch;  aber  die  warme  Sonne  setzte  ihre  Stech- 
strahlen  auf  nasse  Gewander  an  den  schreitenden  Stamen,  an 
denen  nichts  mehr  trocken  war  als  Einfalle  wie  dieser.  Und  so 
kam  der  noachitische  KongreB  von  Tauf  lingen  im  Lustsaale  fort- 
regnend  an,  voll  katarrhalischer  Angsten  und  ohne  Aussichten  auf 
10  trockne  Wasche.  Niemand  hatte  etwas  anzuziehen  als  der  Pre- 
diger  sein  Schnupftuch. 

Solchen  Tauf  lingen  war  eineFeuer-Taufe  nachso  nassent)ber- 

schlagen  notiger  als  alle  Reichswohltaten :  wer  sprang  uns  bei  als 

das 

funfaehnte  Kapitel 

Anfangs  wollte  nichts  werden,  wir  standen  mit  unseren  Saug- 
adersystemen  da  und  zogen  wie  Sonnen  Wasser;  ich  meine  uns 
Manner;  denn  die  Weiber  waren  schon  in  einer  Schal-Miihle  der 
Pachterin  und  ihrer  Tochter,  in  deren  Kleiderschrank  man  sich 

20  teilte  und  kleidete.  Die  mannliche  Gespannschaft  aber  war  schwer 
aus  dem  Kleidermagazin  des  alten  Pachters  zu  montieren,  das 
an  einem  Nagel  hing. 

Gliicklicherweise  waren  die  biblischen  Komodianten  noch 
drunten,  die  auf  Sonnenschein  und  Schnorhameln  gelauert  hatten. 
»Wohlgeborne  Herren,«  sagt'  ich,  »konnen  wir  denn  nicht,  bis 
die  Sachet  trocken  werden,  uns  einstweilen  in  die  biblische  Thea- 
tergarderobe  stecken?  Sollte  sich  jemand  von  uns  schamen,  ein 
weiser  Salomon,  ein  gefallner  Adam,  ein  Hiob  oder  ein  Levit  zu 
sein?  Mit  Vergnugen  werd'  ich  meines  Orts  mich  zu  allem  um- 

30  kleiden,  zum  erschlagnen  Abel  oder,  wenn  sein  Rock  fehlt,  zum 
Kain,  der  ihn  totmacht.« 

»Ein  schnurriger  Gedanke!«  sagte  der  Sechser,  »aber  einmal 
haben  wir  den  Karren  in  den  Dreck  geschoben;  er  muB  wieder 
'raus.  Nur  her!  Ich  ziehe  den  Teufel  und  seine  GroBmutter  an, 
wenn  er  trocken  ist.«  -  »Ein  sehr  bedenklicher  Handel !«  sagte 
der  Spezial.  »Man  soil  wohl  seine  Gesundheit  nicht  riskieren; 


IO06  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

aber  Argernis  ist  in  jedem  Fall  zu  meiden:  sind  denn  die  Kleider 
so  gewiB  alt-  und  neutestamentliche,  Herr  Paul  ?«  —  »Und  geben 
sie  denn  die  Komodianten  her?«  sagte  der  Sechser.  »Das  ist  wie- 
der  eine  ganz  verhenkerte  Frage.«  -  »Sie  miissen,«  sagte  der 
GroBweibel,  »man  lasse  mich  das  machen.«  - 

Denke  dir  den  Jubel  von  uns  jungen  Leuten  uber  die  Scenes  a 
tiroir  oder  Moralitaten,  die  uns  der  Zufall  zu  extemporieren  gab. 
—  Denn  um  kurz  zu  sein,  der  Kleiderkasten  wurde  vom  Wagen 
in  die  Herrenstube  hinaufgeschafft.  Wir  fanden  darin  jede  Rolle, 
namlich  die  Kleider  derselben,  zusammengeschnurt  mit  ange-  10 
stecktem  Namenszettel.  Gekronte  oder  sonst  ansehnliche  drama- 
tische  Personagen  lagen  im  Kasten  oben.  Zuerst  was  immer  oben 
schwimmt,  eine  Schicht  Konige.  -  Der  Spezial  nahm  den  Konig 
David  und  ging  damit  in  die  Anziehkammer-Poshardt  griff  zum 
Sonne,  dem  Salomon.  -  Der  GroBweibel  zog  den  Hohenpriester 
wegen  des  Brustschildes  in  jedem  Betracht  den  drei  Konigen  aus 
Morgenland  vor.  -  Diese  waren  nicht  sonderlich  brillant;  da  aber, 
wie  in  der  Welt,  wenigstens  einer  davon  schwarz  war  und  noch 
dazu  einen  Ordensstern  auf  dem  Knopf  loch  hatte,  so  zog  Vitomit 
Recht  bei  der  jetzigen  Welt-Land-Trauer  der  Mode  den  schwar-  20 
zen  vor  und  an.  -  Alessandro,  der  ebensogern  zur  Parodie  Vitos  • 
und  aus  Mode  sein  eigner  Schwarzbinder  und  Kammermohr  sein 
wollte,  biB  in  einen  sauern  Apfel  und  warf  uber  seinen  innern  Unter- 
zieh-Menschen  den  Ham,  den  Noah  durch  Verfluchen  unter  dem 
Zuhoren  schwarz  gebeizt.  -  Stiefel  ging,  ohne  nur  nach  demTauf- 
schein  zu  schauen,  als  Absalom  davon.  -  Sehr  gute  oder  leidliche 
Charaktere  gingen  durch  anonymeKlubisten  weg;  denn  dukannst 
dir  denken,  daB  ich  dir  nicht  habe  jeden  Narren  prasentieren  und 
mit  meiner  Spring-  und  Uhr-Feder  in  der  Hand  nicht  ein  so  in- 
einander  verschranktes  Raderwerk  unserer  Konzert-  und  Kuk-  30 
kucksuhr  umtreiben  konnen.  —  Jetzt  waren  nur  noch  zwei  mann- 
Hche  Charaktere  im  Kasten,  Adam  nach  dem  Fall  und  der  Teufel. 
Ich  maBte  mir  des  erstern  Exemplar  an,  es  war  ein  nicht  sonder- 
lich illusorisches  ecorche  von  Leder,  genau  gesprochen  ein  Paar 
Oberhosen,  die  bis  an  den  Adams-Kriips  langten,  mit  einem  Paar 
Lederarmen,  wie  du  taglich  von  weiblichen  in  Gestalt  der  Hand- 


SECHSTER  BRIEF  IOO7 

schuh  (eigentlich  Arm-Schnurstiefel  und  Arm-Gurgeln)  ziehen 
kannst.  Der  Teufel  -  der  Feind,  der  im  Gleichnis  Unkraut  saet  - 
bestand,  wenn  man  die  Horner  nicht  aufsetzte,  in  einem  leid- 
lichen  Fantaisie-Balg,  eigentlich  ein  zurechtgenahter,  auswarts  ge- 
kehrter  Schafspelz,  woran  hinten  des  Kostiims  wegen  ein  mit 
Draht  aufgesteiftes  MufF-Schwanzchen  ungefahr  wie  ein  Fuhr- 
mannspfeifchen  aufstand.  - 

Aber  den  Teufel  mochte  keiner  -  dem  Landschreiber  Borstel 
wurden  vieleVorschlage,  aber  in  den  Wind  getan  -  seine  Haupt- 

10  besorgnis  war,  der  Bose  lasse  nicht  mit  sich  spaBen  und  kdmme, 
so  an  die  Wand  gemalt,  personlich  vor  das  Bene,  wenn  man  frevle 
-  man  bat  ihn,  das  Pelz -Warns  aufzuheben  und  das  Heiligen- 
oder  Schwanzbein  anzufassen  und  zu  observieren,  wie  abge- 
scheuert  schon  alles  vom  Tragen  sei  und  daB  also  der  bose  Feind 
den  Trager  schon  langst  geholet  hatte,  ware  dem  Feind  die  Sache 
sonst  unangenehm  -  alles  verfing  nichts,  weil  er  sagte,  dafiir  sei 
der  Mann  ein  Komodiant  und  sei  bloB  in  seinem  Beruf.  Er  hin- 
gegen  wiirde  sich  dergleichen  nur  als  ein  Frevler  unterfangen  - 
Kurz  er  war  nicht  ins  gehornte  oder  geschwanzte  Warns  zu  brin- 

20  gen,  bis  der  freigebige  Alessandro  sagte :  sonst  bringe  der  Teufel 
Geld,  aber  hier  soil*  ers  holen;  und  bis  mein  Freund  Stiefel  ver- 
sicherte,  als  Hospitalprediger,  er  nehme  das  Risiko  auf  sich.  - 

Der  Korrespondent  Fisch  tropfte  noch  und  hatte  auf  nichts  zu 
fuBen  als  auf  jiidische  Damen-Kleider,  worein  er  aber  nicht wollte : 
»Der  FuJ3y«  sagt*  er  markziehend,  »worauf  man  sich  bei  der- 
gleichen setzt,  bewerkstelligt  stets  eines  und  das  andere,  was  zwar 
ein  anderer  in  die  Acht  schlagen  wiirde,  worauf  aber  ich,  dessen 
bin  ich  nicht  hehl,  hochlich  Bedacht  nehme. «  -  »Sapperment, 
Herr,«  (sagte  der  weise  Salomo,  Poshardt,  der  schon  fertig  zuriick 

30  war)  »Sie  werden  unter  uns  nicht  allein  den  Superklugen  machen 
wollen;  was  heute  ein  gescheueter  Mensch  und  kein  Hans  Dampf 
ist,  der  geht  hinaus  und  kommt  so  blitznarrisch  wieder  herein  wie 
ich«  -  » Aber  hier«,  sagt'  ich  plotzlich,  »hab'  ich  einen  hermaphro- 
ditischen  Ausweg:  das  Leder  hier«  (es  soil  die  gefallne  Eva  vor- 
stellen)  »kann  jeder  vernunftige  Mann  und  jedes  Geschlecht  an- 
tun;  es  ist  mehr  ein  Futteral  als  ein  Habit.« 


1008  BRIEFE  UND   BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

Und  so  ging  die  allgemeine  Retour-Seelenwanderung  vor  sich; 
nur  Hedasch  blieb,  wie  er  war,  sein  eignes  Trockenseil;  aber  er 
war  auch  friiher  und  trockner  angelangt  als  jeder. 

Sech^ehntes  Kapitel 

War's  kein  Schreiben  an  dich,  Viktor,  sondern  an  die  Welt:  so 
konnten  bei  einem  solchen  Durcheinanderspringen  von  Rollen 
und  Charakteren  an  alien  Wasserwerken  des  Witzes  die  Hahne 
aufgedreht  und  ein  paar  Bogen  vollgespritzt  werden;  dir  aber 
muB  ich  bloB  erzahlen. 

Noch  ehe  die  Weiber  kamen,  wurde  das  medizinische  Psephis-  10 
ma  oder  das  Kreisdirektorialkonklusum  abgefasset  —  der  Erkal- 
tung  wegen-,  daB  man  etwas  trinken  miisse;  und  dieses  erklart 
das  bekannte  Faktum,  daB  hernach  Bouteillen  abgezogen  wurden 
auf  Weinglaser:  »Auf  Biihnen,«  sagt'  ich,  »wozu  nun  auch  die 
Herrenstube  gehort,  ist  Trinken  stets  reell.«  Der  Teufel  mit  sei- 
nem  unschuldigen  Drachenschwanzchen  war  unser  Mephisto- 
pheles,  verschrieb  aber  selber  sich  unsern  Seelen  aus  Hoflichkeit.- 

Betrachte  nun  die  Zauber-Bauerinnen,  wie  sie  hereintreten  •*- 
erstlich  Mademoiselle  Schnorhamel!  Ihre  geborgte  Halbtrauer 
(denn  die  Hemd-Armel  waren  weiB)  stand  als  ein  schoner  Halb-  20 
schatten  um  ihr  blasses  Gesicht,  vom  Angstigen  und  Umkleiden 
leicht  koloriert ;  und  sie  selber  ist  durch  die  neue  Lage  eine  wenig- 
stens  nicht  mehr  nach  dem  Drahte,  sondern  nach  dem  elektri- 
schen  Funken  tanzende  Puppe.  Anfangs  wehrte  sie  sich  ver- 
schamt  gegen  die  Hemdarmel,  weil  diese  nur  bis  an  den  Ellen- 
bogen  reichen,  ihre  abgezognen  Handschuh  aber  bis  ans-Achsel- 
bein.  Betrachte  meine  mir  zugehorige  Benigna,  von  der  ich  als 
fallender  Adam  lieber  einen  verbotenen  Holzapfel  empfinge  als 
von  meiner  ledernen  Halfte  und  Heva,  Fisch,  den  besten  Hespe- 
riden-Stettiner;  die  Emballage  lieh  und  stahl  ihr  nichts;  sie  schien  30 
jedem  Stande  gefugig  und  keinem  gehorig.  -  Freilich  blieb  Ma- 
rietta unter  alien,  von  ihrer  Schwiegermutter  an  bis  zur  ersten 
Mutter  Fisch  herab,  die  Cypris.  Leg  ihr  doch  um  das  seelenvolle 
Angesicht,  worauf  ein  paar  rote  Perlen  Aurorens  zerflossen  sind, 
zwar  die  weiBe  Biirgershaube  und  darunter  das  weiBe  Halstuch  - 


SECHSTER  BRIEF  IOO9 

denn  sie  ist  im  geistlichen  Nachtmahls-Ornat  der  Bauerin  — ,  aber 
breite  doch  besonders  die  schwarze  konigliche  Kopfbinde  mit 
dem  langen  Spitzensaum  iiber  den  Schnee  der  Stirn  und  schaue 
dann  das  anredende  blickende  Blumenstuck  unter  dem  schwarzen 
Rahmen  feurig  an.  O  warum  erleb'  ich  nicht  die  Mode  kohl- 
schwarzer  Stirnbandagen,  welche  die  Stirn  so  griechisch-lieblich 
schmalern  und  besanftigen  ?  An  Fischen  freilich  ware  dergleichen 
nur  ein  schwarzes  Stockband  von  Leder. 

Der  Weise  aus  Morgenland,  Voir,  mit  dem  Stern  der  ubrigen 

10  Weisen  lief  erstaunt,  entsuhnt,  erweicht  und  warmherzig  gegen 
diese  riihrende  bescheidnere  Braut  Christi  los,  voll  guter  Anspie- 
lungen  auf  das  Anbeten  der  drei  Konige :  als  ein  anderer  Weise 
aus  Morgenland,  der  weise  Salomon  aus  Norden,  sein  eigner  Herr 
Vater,der  Konig,  dasselbe  tat  und,  weil  er  zugleich  die  Wirkung 
des  Direktorialkonklusums  und  des  Stirn  -Trauerrandes  verspiirte, 
lustig  fragte:  »Sehen  Sie  mich  wohl  fur  den  weisen  Salomo  an, 
Mademoiselle  ?«  -  »Und  fiir  den  reichen?«  sagte  die  Spezialin. 
Ich  prasentierte  die  biblischen  Personagen:  »Wir  beide  als  erste 
Eltern,  gleich  dem  heiligen  Bartholomaus1  im  Besitz  einer  dop- 

20  pelten  Haut,  prasentieren  Ihnen  hier  unsere  siindigen  Nachkom- 
men-hier  den  umgeschlagnenHam,  den  Stammvater  der  Schwar- 
zen -  hier  die  beiden  Sonne  des  Psalmisten  Davids,  wovon  Sie 
den  Absalom  am  langen  Haar  (Stiefel  trug  ein  kurzes  Periick- 
chen)  erkennen,  den  andern  an  der  groBern  Liebe  fur  den  konig- 
lichen  Herrn'  Vater.  -  Der  Hohepriester  kann  nicht  verwechselt 
werden,  weil  er  nach  den  jiidischen  Gesetzen  ohne  alles  Fehl  sein 
und  elf  Merkmale  am  Kopfe,  neunzehn  an  den  Augen  und  so 
weiter  haben  muB.  —  Der  Geschwanzte  ist  der  Seibeiuns  und  ge- 
horet  nicht  zur  Familie,  er  saet  bloB  Unkraut  und  verbotene 

30  Apfel  aus  und  verfiihrt  erste  Eltern  und  letzte  Enkel  nicht  mehr 
zum  Essen,  sondern  zum  —  Trinken.«  - 

Menschen,  die  aus  demselben  Abgrund  und  Pfuhl  heraufkro- 
chen,  werden  einander  unter  dem  Heraufkriechen  gut;  die  Wei- 
ber  hatten,  wie  Falken,  dutch  das  Mausern  das  Gedaehrnis^z;  B. 

1  Er  wird  bei  den  Katho liken  oft  dargestellt,  wie  er  seine  skalpierte  Haut 
in  der  Hand  tragt  und  doch  seine  anhat. 


IOIO  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

der  Kartoffeln)  verloren  und  vielen  Verstand  bekommen;  und 
der  Friedensengel  ging  unsichtbar  mit  einem  breiten  Olzweige 
umher  und  fachelte  von  den  weiblkhen  Herzen  jede  fliegende 
Hitze  und  Bremse  weg. 

Solche  Verkleidungen  machen,  als  kleinere  Redouten  und 
Saturnalien,  die  Menschen  frei  und  friedlich.  Ich  beschloB,  dem 
Friedensengel  zu  helfen,  namlich  den  Hammer  hervorzunehmen 
und  die  Eisenstabe,  so  lange  als  sie  noch  warm  waren,  zu  Schmie- 
den und  zu  loten.  Ich  ging  zum  Forstmeister  und  sagte:  »Herr 
Hedasch,  Sie  sind  ein  gerader  fester  heller  Mann  -  der  Sechser  10 
und  der  Spezial  stehen  sich  heute  naher,  als  sie  jemals  stehen  wer- 
den  -  man  muB  sie  gar  aneinanderdriicken  -  helfen  Sie  mit.«  - 
»Das  ist  meine  Christenpflicht  so!«  sagt'  er  und  ging  mit  mir  zum 
Vor-  und  Nachfahrer-Paar,  zum  David  und  Salome 

»Friede  gemacht,  ihr  Konige!«  rief  Hedasch.  »Wir  kriegen  gar 
nicht«,  sagte  Zeitmann.  -  »Und  beim  Himmel!«  (lenkt*  ich  ein) 
ein  Paar  solche  Manner,  die  schon  am  Morgen  des  Lebens  mit- 
einander  ausgereiset  und  am  Mittage  eingekehret  sind,  konnen 
sich  in  der  Vesper  desselben  nicht  scheiden;  schon  die  Spiele  der 
Schule  und  des  Dramas  haben  Sie  unter  schonen  romischen  Na-  20 
men  verknupft,  und  Sie,  Herr  Poshardt,  haben  Ihre  Brutus- Rolle 
mit  einem  so  freundlichen  Herzen  gespielt  —  Die  heutige  Ver- 
kleidung  muB  sie  an  jene  alte  erinnern;  und  durch  den  groBten 
Zufall  von  der  Welt  spielen  Sie  wieder  Vater  und  Sohn.«  -  »Ich 
will  verdammt  sein,«  (sagte  Poshardt  und  erzahlte  nach  Art  des 
Volks  die  Historie  zum  zweitenmal)  »wenn  ich  hatte  zustechen 
konnen,  denn  Sie  sagten  das  Stichwort  etc.«-»Ich  berge  gar  nicht, « 
sagte  Zeitmann,  »dafi  mich  der  Trait  stets  geriihrt,  wenn  ich  als 
Rektor  Welthistorie  lehrte  und  innerlich  an  unsern  Vorfall  dachte.« 
—  »Das  beweist,«  (sagte  der  Sechser  warm)  »daB  Sie  einen  alten  30 
redlichen  Schulkameraden  nicht  ganz  vergaBen.«  -  »Wer  Teufel, 
Herr,«  (sagte  Hedasch)  »wird  das?«  -  »Man  sagt  nur  Schul-  und 
Jugendfreunde,«  (setzt*  ich  dazu)  »nie  aber  Kollegien-  und  Alters- 
Freunde;  und  eben  darum  muB  man  fruh  gewonnene  Herzen 
festhalten,  weil  man  nachher  auf  den  spitzigen  Stoppeln  des  Al- 
ters nichts  Sonderliches  mehr  findet.«  -  »Nun  so  gebt  einanden* 


SECHSTER  BRIEF 


(sagte  mem  Hedasch,  die  Trauungsformel  parodierend,  und  tat 
selber  die  Sache)  »die  rechte  Hand  und  sagt  Ja!«  -  »Ist  das  Ihr 
Ernst,  Herr  Spezial,«  (sagte  Poshardt)  »und  meinen  Sie  es  so  mit 
mir  wie  ich  mit  Ihnen?«  -  -  »Herr  Sechser,«  (fing  Zeitmann  an, 
der  den  Schein  der  Kalte  fallen  lieB,  den  er  bisher  der  moralischen 
und  der  priesterlichen  Wurde  und  sogar  dem  Argwohn  schuldig 
war,  er  achte  auf  Geld  oder  auf  seine  Tochter)  »ich  bin  ein  Christ, 
ein  Priester  und  bin  Ihr  alter  Freund:  und  iiberhaupt  in  diesem 
Nebelleben  und  Lebens-Nebel  wie  konnen  Sie  mich  so  fragen?« 

io  -  Und  hier  fing  sein  Auge  an  feucht  zu  zittern,  wahrlich  nicht 
heuchlerisch,  sondern  weil  sein  poetischer  oratorischer  Stand 
leicht  in  eigne  schnelle  Ruhrung  setzt.  -  »Alter  Schul-Kamerad, 
alter  Fritz,«  (so  hieB  Zeitmann)  »alte  Liebe  rostet  nicht,  da  ist 
meine  Hand«,  sagte  Poshardt  mit  zwei  groBen  Tranen  der  Natur. 
-  »0  mein  guter  Vater!«  sagte  Marietta  mit  liebevollen  geriihrten 
Blicken,  die  anfangs  aus  einem  MiBverstandnis  unserer  Lebhaf- 
tigkeit  naher  gekommen  war.  »Es  ist  gut,  Liebe !«  sagt*  er,  Fein- 
Fein-  Fein-sein-wollend,  aber  freundlich  und  lustig,  »geh  nur  wie- 
der!«  Er  wuBte  gar  nicht,  daB  er  geriihrt  war. 

20  Sie  stellte  sich  ans  Fenster  und  schauete  weich  in  die  bluhende, 
von  Tropfen  zitternde  Natur,  die  unter  Sonnenblicken  wie  be- 
tauet  funkelte.  Und  als  Vito  blode  zu  ihr  trat,  sah  sie  ihn  recht 
vollherzig  ins  Auge  und  legte  ihre  Hand  auf  seine  und  sagte,  ohne 
die  weibliche  Stufenfolge  der  Versohnung,  mit  dem  fliegenden 
Sprang  einer  Dichterin:  »Wir  wollen  wieder  gut  sein,  Veit!«  - 
Und  dieser  Konig  mit  dem  Abendstern  der  Liebe  auf  und  in  der 
Brust  wurde  nicht  nur  gut,  sondern  entzuckt,  entriickt,  verruckt. 
Sieh,  Viktor,  so  find*  ich  die  Menschen  immer  menschlich  und 
gut;  und  wenn  man  sich  nur  die  Miihe  nicht  verdrieBen  lasset, 

30  von  ihnen  wie  von  der  nux  vomica  einige  giftige  Haute,  oder 
doch  die  klein-  oder  groBstadtischen  oder  standesmaBigen  Hul- 
sen  abzuschalen:  so  hast  du  einen  Kern  vor  dir,  der  sich  essen 
lasset.  Der  Hauptfehler  des  Menschen  ist,  daB  er  so  viel  kleine 
hat;  und  der  Nebenfehler  ist,  daB  wir  das  ganze  Jahr  die  Wahr- 
heit,  wie  sehr  jeder  endlichen  Person  durchaus  einige  Mangel  zu- 
zutrauen  und  nachzusehen  waren,  uns  und  andern  vorpredigen 


IOI2  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

und  gleichwohl  bei  jeder  einzelnen  nichts  weniger  erwarten  als 
einen  Defekt,  sondern  ganz  aufier  uns  dariiber  kommen  vor  Stau- 
nen  und  Grimm,  besonders  gerade  iiber  den gegenwartigen Defekt; 
denn  jeden  andern,  sagen  wir,  hatten  wir  ja  von  Herzen  gern 
vergeben. 

So  wollte  sich  z.  B.  mein  Herz  schon  wieder  schief  setzen,  als 
der  Sechser  bei  unserem  Ratschlagen  liber  die  Rekompense  der 
Komodianten  sich  mit  einigen  merkantilischen  Moderationen  von 
weiten  zeigte;  bis  ich  mir  satirisch  vorwarf:  »Blofi  um  den  Sech- 
ser recht  zu  lieben,  hast  du  ein  Ideal  daraus  geformt,  und  stutzest  10 
nun  iiber  den  Handelsflor  in  seiner  Seele.«  -  Auf  diese  Art,  mein 
Lieber,  erhalt'  ich  die  Wege  und  Briicken  zu  meiner  innern  Frei- 
stadt,  wie  die  Juden  zu  andern  Freistadten,  immer  sehr  gut,  und 
man  kann  sie  schwer  verfehlen.  - 

Aber  zu  Ende!  Der  einzige  schwarze  Ham  hatte  von  der  vori- 
gen  und  kommenden  Lust  schlechten  GenieB.  Sein  Lust-Sitz  war 
eigentlich  allemal  da,  wo  das  Band  der  Ehe  oder  Liebe  lose  und 
locker  war,  wie  du  Ohrwurmer  immer  unter  dem  lockern  Bast 
der  Nelken  hervorziehen  kannst;  da  aber  jetzt  alle  Bander  der 
Liebe  knapp  anschlossen,  so  muSt*  er  mit  Mademoiselle  Schnor-  20 
hamel  ausreichen.  Er  hatte  gern  recht  treffend  und  witzig  und  oft 
auf  seine  schwarze  Rolle  angepielt  oder  auf  unsere;  aber  erwuBte 
nicht,  wer  Ham  gewesen;  und  diese  unuberwindliche  Unwissen- 
heit  der  Bibel  prasumiere  jetzt  bei  den  meisten  jungen  Franzosen 
und  Deutschen,  doch  weniger  bei  jungen  Theologen. 

Jetzt  wurd'  es  immer  schoner,  auch  am  Himmel;  6  Uhr  kam 
naher  und  der  Mond,  und  ich  erinnerte  die  Gesellschaft  an  meine 
Weissagung  unter  den  Kirschbaumen,  daB  sich  um  6  Uhr  das 
Wetter  andern  wiirde,  das  nun,  da  es  zum  Gliick  boses  war, 
naturlich  in  nichts  umschlagen  konnte  als  in  gutes.  Nahe  vor  der  30 
Erfullung  werd*  ich  —  wie  die  letzten  Propheten,  z.  B.  Zacharias, 
immer  deutlicher  weissagten  -  immer  klarer  und  bestimmter,  ob 
ich  gleich  recht  gut  weiB,  daB  man  in  wenig  Minuten  mich  mit 
dem  Wetter  konfrontiert. 

Wohin  du  jetzt  nur  blickst,  auf  welches  Gesicht  du  willst,  du 
ertappest  Lust  darauf.  Die  Weiber  kamen  ins  Sprechen  und  sag- 


SECHSTER  BRIEF  IOI3 

ten  von  den  zu  Hause  gebliebenen,  ohne  sie  zu  hassen,  das  notige 
Schlimme  -  Benigna  und  die  Spezialin  waren  iiber  den  Frieden 
ihrer  Manner  und  Kinder  entziickt  und  schlossen  ihren  fester  - 
Hedasch  setzte  seinen  Kuckuck  wieder  an  und  fuhrte  das  Tier- 
reich  redend  ein  -  mein  Kerl  muBte  wieder  auf  den  Sessel  und 
sem  kaltes  Feuerwerk  vorschnappen  und  stand  ganz  mit  Lor- 
beern  bedeckt  wieder  auf,  viel  anders  als  am  Morgen  -  die  Man- 
ner (ich  meine  die  meisten)  setzten  sich  aus  Regenmessern  in 
Visierstabe  und  DanaidengefaBe  der  Weine  um  —  und  der  weite 

10  Himmel  wurde  ein  glanzendes  Blau,  wie  ichaber  vorausgesehen- 
die  jungen  Leute  sonnten  sich  drauBen  neben  perlenden  Baumen 
und  unter  den  frohlockenden  Lerchen  auf  diesem  Morgen  der 
Natur.  - 

Was  das  Brautpaar  anlangt,  Viktor,  so  ists  ein  Jammer,  daB 
das  hier  ein  Brief  ist  und  kein  Roman,  wo  ich  make  und  loge  nach 
Gefallen.  So  viele  Paradiese  und  Schaferwelten  mit  einigen  Phil- 
anthropistenwaldchen  ich  nur  fur  die  gute  Marietta  auftreiben 
und  aneinander  schieben  konnte,  so  viele  nahm'  ich  und  setzte  das 
Kind  mitten  hinein ;  denn  nach  einigen  Jahren  Leben  im  Komptoir- 

20  Schacht  vererzet  und  iibersintert  sich  der  junge  Poshardt  doch  so 
gut  wie  der  alte  und  wird  metallisch  und  hart  und  sieht  sich  gern 
(ach  das  wird  Benigna  oft  bei  dem  Eden  der  Liebe  des  Paars 
einfallen!)  einer  Liebe  enthoben,  die  kein  Ende  nehmen  will,  so 
wie  in  Paris  Drahtperiicken  bloB  darum  verboten  wurden,  weil 
sie  immer  hielten.  Inzwischen  wird  ihr  der  junge  Handelsmann 
schon,  wie  der  Hamster  den  Vogeln,  die  poetischen  Fliigel  ent- 
zweibeiBen. 

Ich  bin  aus  der  Erzahlung  heraus  und  mag  auch  nicht  wieder 
hinein.  Kurz,  als  die  Sonne  unten  am  Himmel  gliihte  undschmolz, 

30  brachen  wir  alle,  wieder  in  unbiblische  Charaktere  umgestiilpt, 
versohnet  auf  und  kamen,  wiewohl  wirr  gleich  der  braunschwei- 
gischen  Mumme,  unter  der  heutigen  Fahrt  etliche  Male  sauer  ge- 
worden  waren,  doch  wie  diese  suB  zu  Hause  an;  und  die  Manner 
faBten,  eben  weil  sie  Kleinstadter  waren,  einander  mit  warmern 
festern  Handen.  -  Und  nun  gehab  dich  wohl!  -  Aus  Niirnberg 
oder  Erlangen  schreib'  ich  wieder. 


IOI4  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

Das  beiligende  philosophische  Schreiben  an  meinen  SohnHans 
Paul  gib,  wenn  du  durch  Jena  reitest,  fur  das  Niethammersche 
philosophische  Journal  ab,  worein  man  es,  sollt*  ich  denken, 
nicht  ungern  aufnehmen  wird. 

Das  BewuBte  besorge  gescheut,  aber  ohne  Klotilden  ein  Wort 
zu  sagen;  schneide  ja,  ehe  du  ihr  den  Brief  gibst,  diese  Ecke  weg. 
Addio! 

J.P. 


Brief  iiber  die  Philosophie. 


An  meinen  erstgebornen  Sohn  Hans  Paul,  den  er  auf  der  Universitat 
zu  lesen  hat 


Guter  Hans  Paul!  Ich  muB  dir  schon  im  i8ten  Jahrhundert 
schreiben,  weil  ich  ja  nicht  weiB,  ob  ich  das  neunzehnte  oder 
deine  akademische  Majorennitat  erlebe  oder  nur  deine  Geburt. 
Soil  ich  dich  ungewarnet  und  unbewehrt  in  die  philosophische 
Judengasse  laufen  lassen,  gleichgultig,  ob  sie  dich  fur  den  Porti- 
kus  oder  fur  das  Lyzeum  oder  die  Akademie  oder  fur  Epikurs 
Garten  wegpressen?  —  Denn  Ieider  ist  fur  einen  jungen  Menschen 
das  erste  System,  das  wenigstens  etwas  auf  so  viele  dunkle  Fragen 
seiner  Brust  antwortet,  immer  despotisch;  er  mufite  ein  zweites  : 
bei  sich  fiihren,  urn  das  erste  abzuwehren.  Aber  wenn  auch  der 
Philosoph  wie  ein  junger  Kaufmann  mit  Speditions-Handel  an- 
fangt:  am  Ende  legen  sich  doch  beide  auf  eigne  Waren. 

Ich  gebe.  dir,  ehe  du  dich  in  den  Luftballon  der  Philosophie 
einschiffst,  folgende  Fallschirme  oder  Le  Roux-Miitzen  mit. 

Hier  nimm  den  ersten  Fallschirm,  aber  faB  ihn  recht  an,  Hans  I 
Der  logische  Zusammenhang  eines  Systems  und  die  Leichtigkeit, 
womit  es  recht  viele  Erscheinungen  beantwortet,  sei  dir  kein  Zei- 
chen  seiner  Richtigkeit,  weil  falsche  oft  dasselbe  fiihren.  Lies  - 
ich  sage  nicht  einmal  die  verschiedenen  Hypothesen  der  Geolo-  3 
gen,  deren  jede  mit  tausend  Faktis  zusammentrifft  -  oder  das 
konsequente  System  der  Katholiken  oder  das  der  Orthodoxen  - 


SECHSTER  BRIEF  IOI  5 

oder  jene  Beweise,  daB  Homer  nur  eine  Allegorie  sei  -  oder  die 
alten,  daB  die  Gottergeschichte  nur  eine  versteckte  biblische  - 
oder  die  neuern,  daB  sie  eine  verhullte  Sternkunde  sei  -  ich  sage, 
lies  nicht  einmal  das,  sondern  lies  die  spaBhaften  Aufsatze,  die  du 
von  deinem  Vater  geerbt  und  worin  der  Mann  fiir  tolle  Liigen  die 
Stiitzen  aus  alien  Wissenschaften  zu  seinem  eignen  Erstaunen  zu- 
sammentreibt1;  und  dann  wag  es  einmal,  aus  der  bloBen  Har- 
monie  und  Analogie  eines  Systems  sogleich  dessen  vorherbe- 
stimmte  Harmonie  mit  der  Wahrheit  zu  schlieBen!  Das  dreifache 

10  Weltall  -  das  physische,  das  historische  und  das  geistige  -  ist  so 
voll  Linien  und  Umnsse,  daB  jeder  seine  Lettern  darin  zu  lesen 
glauben  muB,  so  voll  verschlungner  geburgiger  Formen,  daB  sie 
jeder,  wie  der  Pilger  die  Tropfsteine  der  Baumannshohle  oder 
der  Grieche  seine  Berge,  zu  den  Geschopfen  seiner  Phantasie  ge- 
stalten  kann.  Und  wenn  schon  die  Bibel  und  Homer  zwei  Wolken 
sind,  aus  denen  jedes  malerische  Auge  andere  Formen  buk :  so  muB 
ja  wohl  das  unabsehliche  Gewolke  des  Universums  noch  mehreren 
optischen  Personifikationen  durch  die  Vielheit  und  Feme  seiner 
Windungen  Stoff  und  Raum  darbieten.  -  Hier  ist  gar  kein  Skep- 

20  tizismus;  denn  jede  Gestalt,  die  wir  irrig  wiederfinden,  war  friiher 
wirklich  gegeben,  wie  das  Wachen  friiher  war  als  sein  Anagramma, 
der  Traum.  Allein,  wirst  du  fragen,  woran  halt'  ich  mich  denn 
sonach? 

Du  bringst  mich  auf  die  zweite  Fallmiitze,  die  ich  dir  aufsetzen 
will.  Du  haltst  dich,  will  ich,  gleichwohl  an  die  oben  von  mir 
verworfene  Harmonie  mit  sich  und  mit  auBen,  nur  aber  an  die 
grofiere. 

Ich  muB  mich  erklaren.  Es  gibt  zwei  sehr  verschiedene  philo- 
sophische  Kopfe,  die  ich,  da  Kant  gern  die  negativen  und  posi- 

3*0  tiven  GroBen  in  die  Philosophic  herein  hatte,  mit  Vergniigen 

1  Es  fehlt  oft,  z.  B.  meinem  gedruckten  Beweise,  >»dafl  die  Bettler  die 
deutschen  Barden  sind«,  oder  andern,  ungedruckten,  z.  B.  dem,  »da6  ein 
Dieb  ein  katholischer  Heiliger  ist«,  weiter  nichts  zum  Werte  eines  ernst- 
haften  Erweises,  als  da3  ich  sie  selber  dafur  halte.  Man  hatte  z.  B.  die  Hiero- 
astronomie  aus  Scherz  machen  konnen,  und  dann  ware  sie  witzig  gewesen; 
aber  jetzt  ist  sie  es  nicht,  weil  sie  ernsthaft  ist  und  der  Verfasser  sie  selber 
glaubt. 


IOI<5  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

in  beide  zerfalle.  Der  positive  Kopf-  gewohnlich  der  Baumeister 
einer  langen  philosophischen  Schulbank  -  wird  wie  der  Dichter 
der  Vater  einer,  mit  der  auBern  erzeugten,  innern  Welt  und  stellet 
wie  dieser  einen  metamorphotischen  Spiegel  auf,  vor  welchem 
die  verrenkten  verwickelten  Glieder  der  Wirklichkeit  in  eine  leichte 
runde  Welt  zusammengehen;  die  Hypothese  des  Idealismus,  der 
Monaden,  der  vorherbestimmten  Harmonie,  des  Spinozismus 
sind  Geburten  eines  genialischen  Augenblicks,  nicht  holzerne 
Schnitzwerke  der  logischen  Miihe.  Nur  verwechsle  nicht  die 
schulgerechte  Erziehung  dieser  Kinder  mit  der  poetischen  Er-  10 
zeugung  derselben.  Kopfe  also  wie  Leibniz,  Plato,  Herder,  Jakobi 
etc.  kann  ich  positive  heiBen,  weil  sie  das  Positive  suchen  und 
geben  und  weil  ihre  innere  Welt,  die  sich  holier  aus  dem  Wasser 
gehoben  als  bei  andern,  ihnen  und  dadurch  uns  eine  groBereFiille 
von  Inseln  und  Landern  aufdeckt. 

Ein  negativer  Kopf,  mein  Hans,  hat  mehr  Scharfsinn  als  wir 
beide,  und  damit  findet  er  statt  der  positiven  Wahrheiten  die 
negativen  anderer  Leute,  wie  Kant  die  Irrtumer  benennt.  Ein 
solcher  -  z.  B.  der  groBte,  Bayle  -  taxiert  fremden  Fund  und 
ist  der  Kritker  des  philosophischen  Genies  und  der  Richter  des  20 
StofFs  weniger  als  der  Form.  Er  gibt  uns  statt  der  vorigen  dun- 
keln  Ideen  klare,  aber  keine  neuen;  weil  nur  das  ins  Klare  zu 
setzen  ist,  was  eben  schon  dasaB  im  Dunkeln.  Denn  das  merk- 
wurdige  Gefuhl  einer  daliegenden  Wahrheit  oder  Luge  lauft  vor 
jedem  Beweise  voraus,  der  sie  hervorziehet;  wie  das  Gefuhl  der 
feinsten  asthetischen  Mangel  und  Reize  vor  der  kritischen  Ent- 
wicklung  derselben ;  daher  lass*  ich  mich  bei  der  Lektiire  gemei- 
ner  Autoren  in  keinen  syllogistischen  Rechtsgang  ein,  sondern 
durch  jenes  Summarissimum  der  Logik,  durch  jene  fides  impli- 
cita  tu'  ich  sie  schnell  ab.1  3b 

Mit  diesen  negativen  Kopfen  kannst  du  nun,  lieber  Sohn,  dich 
keine  Minute  einlassen,  ohne  deine  zweite  Fallmutze  auf  dem 
deinigen  zu  haben.  Ich  rede  freilich  von  denen  meiner  Zeit,  von 
den  kritischen;  ich  sollte  aber  vermuten,  daB  du  in  der  philo- 

1  Z.  B.  die  Sentenzen  werden  samtlich  von  diesem  Gefuhl  auf  der  Stelle 
gerichtet  und  entweder  verdammt  oder  angenommen. 


SECHSTER  BRIEF  IOI7 

sophischen  Geschichte,  die  ich  dich  in  Jena  horen  lassen,  etwas 
von  ihnen  erfahren  hast,  wenn  nicht  die  Namen,  doch  die  Zahl. 
Sogar  eine  kleine  Devalvationstabelle  ware  nicht  zu  viel  von 
einem  Professor  der  philosophischen  Geschichte  gefodert  ge- 
wesen,  da  die  Sekte  kaum  eingeschmolzen  ist,  ja  zur  Zeit  dieses 
Briefes  noch  kursierte.  Aber  das  macht  mich  eben  so  perplex, 
daB  solche  Kunstwerke,  die  in  meinen  Augen  so  unsterblich 
sind  wie  die  eines  Garricks,  Preville  und  anderer  Komodianten, 
gerade  wie  diese  theatralischen  nur  so  lange  dauern,  als   sie 

10  entstehen;  indessen  ists  nicht  so  arg  bestellt,  daB  nicht  immer 
einige  Meisterstucke  bleiben  sollten,  welche  -  fester  als  die 
garrickschen,  die  nicht  langer  leben  wie  die  Eintagsfliege  nach 
der  Entpuppung,  namlich  einen  Abend  -  sich  leicht  so  lange 
halten  wie  diese  Fliege  vor  der  Entpuppung,  namlich  ein  paar 
Jahre. 

DaB  eine  ganze  Flottille  von  negativen  Weisen  hinter  Kanten 
nachschwamm,  wie  Speckhauer  hinter  dem  Walnsch,  ist  ein  Reich- 
turn,  der  nie  die  Gabe  der  Geburt,  d.  h.  des  Zufalls  sein,  kann: 
sondern  diese  Weisen  schufen  bei  dieser  Gelegenheit  sich  selber, 

20  aber  auch  weiter  nichts  anders.  Oft  in  gemeinen  Seelen  kann  ein 
gewisser  Scharfsinn  haften ;  dieser  kann  noch  unendlich  erhoht  (so- 
gar ersetzt)  werden  durch  langes  hartnackiges  Blicken  auf  einen 
Punkt;  und  wie  Pholaden  oder  Bohrwiirmer  arbeken  sie  sich 
ohne  alles  Brechzeug,  bloB  durch  stetes  Netzen  in  den  Stein.  Bei 
Lebzeiten  deines  Vaters  brachten  diese  Leute  noch  durch  dascoro 
und  im  Korrelationssaal  etwas  zustande,  indes  sie  einzeln,  jahr- 
zehendeweit  auseinandefgesaet,  wenig  abgeworfen  hatten;  wel- 
ches BufFon  ebenso  an  den  Bibern  fand,  die  in  ihren  nordameri- 
kanischen  Cincinnatusgesellschaften  schonen  architektonischen 

30  KunstfleiB  zeigen,  indes  sie  in  Frankreich,  isoliert,  als  Tiere  ohne 
bedeutenden  Kunstverstand  privatisieren. 

Begleite  mich  aber  in  die  nahern  Kautelen  und  wende  die,  die 
ich  von  den  jetzigen  Sekten  abziehe,  auf  die  kiinftigen  Parteien 
an,  die  zu  deiner  Zeit  ihre  freien  Religionsexerzitien  treiben  - 
Denn  alle  negative  Kopfe  jeder  Zeit  -  wie  ich  sie  so  ungemein 
glucklich  genannt,  weil  ich  damit  leicht  an  die  elektrischen  Kor- 


IOl8  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBEN3LAUF 

per  erinnere,  wovon  die  positiven  den  Funken  geben,  die  nega- 

tiven  aber  empfangen  -  stehen  in  der  Hauptsache  fur  einen  Mann, 

im  Abscheu  vor  allem  Positiven,  das  sie  auf  der  Stelle  in  den 

papinianischen  Topf  werfen.  Trieb,  Gefiihl,  Instinkt,  alles  Uner- 

klarliche  leiden  sie  nicht  ofter  als  einmal7  namlich  oben  am  System 

als  Haken,  woran  sie  die  SchluBketten  festmachen.  Ein  Gegen- 

stand  ist  ihnen  wie  den  norwegischen  Feldmausen  ein  Greuel, 

weil  er  sie  und  die  Mause  im  geraden  Wege  aufhalt.  Sie  machen 

es  daher  so:  sie  ersinnen  ein  geraumiges,  hinten  und  vornen  orT- 

nes  Wort,  in  das  alles  geht,  und  darein  stecken  sie  alles.  Z.  B.  waV  10 

ich  ein  Wolfflaner:  so  wurd*  ich  die  ganze  voile  Seele,  so  wie 

man  Raupen  zum  Konservieren  auspresset,  etwan  zur  Vorstell- 

kraft  plattieren  und  breitdriicken  und  sie  so  durchsichtig  vor- 

zeigen.  Wollen,  wiird'  ich  sagen,  ist  auch  Vorstellen,  nur  frei- 

Hch  ein  starkeres,  innigeres1  -  Begierden  sind  wieder  nur  ein 

innigeres,    bestimmteres    Wollen   -   und    Empfinden    ist    nur 

ein  verworrenes  Vorstellen  —  und  alle  unsere  Freuden  und  Be- 

strebungen  und  Schmerzen  setz'  ich  bloB,  wie  Sulzer,  in  Ideen, 

und  dann  lass'  ich  die  samtliche  Geisterwelt  laufen.  —  Auf  eine 

ahnliche  Weise,  aus  derselben  philosophischen  fuga  pleni  -  zu  20 

der  man  jetzt  einen  asthetischen  horror  pleni  fiigt  -  mazerierte 

und  verwandelte  der  selige  Finanzpachter  Helvez  die  Ehrliebe  - 

die  ich  weder  in  den  moralischen  noch  in  den  eigenniitzigen 

Trieb  auflose,  sondern  fur  sich  feststelle  -  und  die  Sittlichkeit 

und  alles  in  das  Fiinfer-Direktorat  der  Sinne.  Ebenso  zersetz- 

ten  sonst  die  Physiker  alle  Erscheinungen  in  Bewegung  -  weil 

diese  wie  die  Vorstellkraft  uberall  zu  haben  ist  -,  also  Licht 

1  Hume  hingegen  gibt  gerade  den  Wolffianischen  Unterschied  des  Wol- 
lens  vom  Vorstellen  fur  den  Unterschied  der  Oberzeugung  von  der  bloCen 
Vorstellung  aus;  aber  mich  dunkt,  ebenso  irrig.  Erstlich  die  Lebhaftigkeit  3° 
und  Innigkeit  wechselt  an  der  Oberzeugung  so  gut  wie  an  der  Vorstellung 
ab  und  kann  also  beide  nicht  unterscheiden.  Zweitens  scheint  er  die  wach- 
sende  Lebhaftigkeit,  wodurch  innere  Bilder  endlich,  wie  im  Fieber,  zu 
aui3ern  arten  und  mithin  zu  geglaubten  wirklichen,  auf  Ideen  ubergetragen 
zu  haben.  Drittens  wie  nach  Kant  kein  Ding  durch  das  Dasein  mehr  Pradi- 
kate  bekommt,  als  es  vorher  in  der  Moglichkeit  und  Vorstellung  hatte: 
ebenso  gehet  mein  Glaube  an  die  Vorstellung  -  d.  h.  an  die  Existeni  ihres 
Stoffs  aufler  mir  -  nicht  die  Vorstellung  an,  sondern  mich  und  mein  Ver- 
haltnis  zu  ihr. 


SECHSTER  BRIEF  IOI9 

in  Bewegung  des  Athers,  Farbe  in  schwache  der  Korper,  Hitze 
in  starkere.1 

Die  meisten  Auflosungen  der  menschlichen  Natur  -  die  so 
sind,  da6,  wenn  diese  wieder  zusammengesetzt  wiirde,  nie  die 
vorige  zum  Vorschein  kame  -  sind  dem  geschickten  Taschen- 
spieler  abgesehen,  der  einen  lebendigen  Vogel  im  Morser  zu  Brei 
analysiert  und  darauf  doch  den  Vogel  wieder  lebendig  produ- 
ziert,  indem  er  bloB  einen  nicht  analysierten  aus  dem  zweiten 
Boden  des  Morsers  freigibt.  Uberhaupt  ist  fur  Philosophen,  Ta- 

10  schenspieler  und  Goldmacher  der  doppelte  Boden  der  eigentliche 
goldne  Boden  des  Handwerks. 

Schlimm  wiirdest  du  es  haben,  Paul,  wenn  du  die  ausgekernten 
hohlen  Worter  der  jetzigen  Philosophie  als  Samen  zu  Taten 
brauchen  wolltest;  es  wiirde  nichts  Lebendiges  aufgehen.  Und 
gegen  die  vollbllitigen  Triebe,  gegen  die  eindringenden  Ver- 
suchungen  wiirdest  du  an  ihnen  ungefahr  eine  Mauer  haben,  wie 
die  im  Shakespeare  ist  —  namlich  ein  wenig  Mortel  und  ein  Stein, 
von  Peter  Schnauz  gehalten. 

Aber  weiter !  Kann  der  negative  Kopf  eine  Sache  nicht  zu  einem 

20  Wort  verdiinnen:  so  verdi'ckt  er  wenigstens  ein  Wort  zu  einer 
Sache;  und  da  hebt  sein  eigentHches  Leben  erst  recht  an.  Die 
Taufe  irgendeiner  Schwierigkeit  gilt  stets  fur  die  Erklarung  der- 
selben.  Z.  B.  durch  das  Simultaneum  der  iibersinnlichen  Welt, 
worin  der  Mensch  frei  handelt,  und  der  empirischen,  worin  er 
notwendig  agiert,  ist  die  schwierige  Frage  nur  anders  benannt, 
aber  nicht  anders  beantwortet  als  vorher;  indes  setzet  der  Haufe 
auf  diese  Gebaude  wieder  neue;  und  das  oft  gebrauchte  Wort 
wird  endlich  eine  feste  Sache  und  das  dunkle  durch  Wieder- 
holung  ein  klares.  So  ist  die  Raum-Anschauung  a  priori  ein  Wort 

30  l  Eben  les'  ich  des  vortreff  lichen  Darwins  Zoonomie,  der  mich  auf  jedem 
Blatte  mit  ahnlichen  Mazerationen  peinigt;  er  erklart  z.  B.  das  Nester- 
machen,  die  jahrlichen  Ziige,  den  Gesang  etc.  der  Vogel  fur  Fortschritte 
der  Tradition;  er  lasset  alles  lernen,  entweder  im  Mutterleibe,  z.  B.  Saugen, 
Schwimmen,  oder  auBer  demselben,  z.  B.  Weinen,  Lachen,  Schaudern. 
Diese  Leute  qualet  der  Instinkt  so,  wie  die  biblischen  Wunderwerke  den 
Theologen,  dem  es  wohl  wird>  wenn  er  nur  wieder  eines  oder  ein  paar 
durch  Exegese  weggebracht;  obgleich  ein  iibrigbleibendes  so  gut  ist  als 
10000. 


1020  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

wie  Dichtigkeits-  oder  Farben-Anschauung  a  priori,  weil  du  kei- 
nen  Korper  ohne  Ort,  aber  auch  keinen  ohne  Dichtigkek,*  ohne 
Farbe  denken  kannst. 

Allgemeine  abstrakte  Termen  sind,  eben  weil  sie  unbestimmter 
und  weiter  sind  und  also  unter  den  geraumigen  Hut  leichter  viele 
Kopfe  bringen,  der  Menge  faBlicher  als  bestimmte  Anschauungen 
des  Positiven,  die  nur  immer  in  eigner  Erfahrung  gegeben  wer- 
den  konnen.  Daher  ergriffen  die  vorigen  Scholastiker,  die  gleich- 
sam  nur  Worte  in  geraumigere  Worte  zerlegten,  ihr  Jahrhundert 
so  sehr  als  die  jetzigen  das  jetzige.  Beilaufig!  die  kritischen  Scho-  10 
lastiker  sind  den  theologischen  nicht  nur  in  diesem  Destillieren 
der  DestilliergefaBe,  der  Worte,  sondern  noch  in  der  Sitte,  das 
in  der  Philosophic  falsch  zu  bennden,  was  nachher  in  der  Theo- 
Iogie  als  richtig  gilt,  auffallend  ahnlich;  denn  so  hatten  die  neuern 
vorher  alles  in  der  theoretischen  Vernunft  erlogen  befunden,  was 
ihnen  nachher  in  der  praktischen  fiir  wahr  gegolten. 

Wenn  der  groBte  Scharfsinn  nichts  hilft  ohne  einen  innern 
reichen  Genius,  der  ihm  die  Gegenstande  dazu  schafft  und  zeigt; 
und  wenn  man  mit  jenem  ohne  diesen  ein  herrlichcs  Spiegeltele- 
skop  ohne  Finder  ist  und  ins  Blaue  sieht:  so  muB  dichs  frappieren,  20 
daB  meine  kritischen  Magistranden  nicht  bloB  die  innere  Welt, 
die  ohnehin  nur  der  Genius  reicht,  sondern  auch  die  auBere, 
namlich  die  gelehrte  zu  entraten  wissen.  Ohne  etwas  im  Kopfe 
zu  haben  als  das  geistige  Wesen  darin,  setzen  sie  sich  hin  und  be- 
fruchten  sich,  wie  Seehasen,  selber  und  geben  dann  das  Lexikon 
ihres  Innern  der  Welt;  gleich  Glaskugeln,  die  sich,  leicht  gerie- 
ben,  mit  einem  schonen  innern  Licht  anfiillen,  wenn  sie  luftleer 
sind.  Sie  nehmen  gern  von  ihrem  heiligen  Vater  in  Konigsberg 
reine  Vernunft  und  alles  an,  aber  nicht  seine  Gelehrsamkeit;  sie 
glauben  vielmehr  eben  durch  ihre  Reinheit  von  alien  fremden  30 
Systemen  die  Arche  des  kritischen  leichter  oben  zu  erhalten,  wie 
nach  Franklins  Rat  ausgetrunkne  Bouteillen,  wohl  zugestopft, 
ein  SchifF  im  Sinken  heben  wiirden. 

Wenn  du  den  folgenden  Fallhut  genomraen,  geb'  ich  dir  nur 
noch  einen.  Da  die  Prozession  und  Wesenkette  hinter  einem 
metaphysischen  System  endlich  mude  wird,  es  bloB  abzusingen, 


SECHSTER  BRIEF 


oder  unvermogend,  es  in  seinen  kleinen  Ramifikationen  ferner  zu 
beschneiden  oder  zii  vergroBern :  so  schwarzen  sie  es  wider  seine 
Natur  in  ganz  fremde  Wissenschaften  ein ;  und  dann  gibt  es  wie- 
der  Lust.  So  haben  sie  das  kritische  in  die  Theologie,  Physik, 
Metrik,  Kameralwissenschaft  und  Asthetik  gezogen.  Aber  alle 
diese  Anwendungen  sogar  der  wahrsten  Metaphysik  mussen  so 
leer  und  venvirrend  sein,  als  wenn  einer  nach  der  Farbentheorie 
Eulers  und  mit  ihren  Worten  ein  Farberbuch  oder  Regeln  fur  das 
Kolorit  verfassen  wollte.  Diese  scholastische  Verunreinigung 

io  fand  Bakon  in  der  Physik.  Sogar  dein  Vater  soil  nach  einer  sol- 
chen  Asthetik  seine  Sachen  modeln,  z.  B.  diesen  Brief  an  dich: 
was  denkst  du  dazu,  Hans? 

Inzwischen  kann  dafur  der  Alte  in  Konigsberg  so  wenig  als  die 
Gracchen,  wenn  der  Senat  einen  und  den  andern  Tribun  zu  einer 
erweiterten  Ausdehnung  ihrer  Vorschlage  vermochte,  bloB  um 
auf  jene  Hafi  zu  laden.  - 

Hier  hast  du  den  letzten  Fallhut,  den  ich  stets  auf  dem  Wege 
zur  hohen  Loge  des  Lichts  aufhabe.  In  der  Philosophic  wird  nicht 
wie  in  der  Dichtkunst  der  Pegasus-Schaum  durch  den  Wurf  des 

20  Pinsels  gemacht,  sondern  durch  dessen  fleiBigen  Zug.  Ein  Mann, 
der  uns  ein  Buch  voll  Wahrheken  gegeben,  kann  uns  in  der  Vor- 
rede,  die  er  wegen  der  Messe  vie!  zu  schnell  wegschrieb,  lauter 
Irrtumer  vorsetzen;  denn  das  philosophische  Genie  erlangt  nicht 
im  Fang  der  Wahrheken  zuletzt  eine  Fertigkeit  wie  das  dichte- 
rische  im  Fang  der  Schonheiten,  sondern  die  Wahrheit  wird  zwar 
von  dem  Schalttage  erfunden,  aber  doch  erst  vom  Schaltjahre  ge- 
pruft.  (Biicher  werden  umgekehrt  vom  tragen  Saturn  geschaffen 
und  von  der  leichten  Hore  taxiert.)  In  einem  System  gibts  keine 
Ferien,  und  den  Nebenpartien  gehort  dieselbe  Anstrengung  und 

30  Zeit  wie  den  Hauptfiguren.  Irrtum  aber  riihrt  oft  von  bloBer 
Ermiidung  her.  Mache  dir  also  aus  dem  groBten  Philosophen 
nichts,  sondern  lies  immer  mit  der  Voraussetzung,  hier  brauch'  er 
deinen  Rat,  und  traue  keinem  weiter,  als  du  siekst. 

Dein  Vater  ist  hierin,  scheint  es,  keeker  als  einer.  Vor  einigen 
Tagen  ertappte  er  einen  groBen  Philosophen  von  zweischneidi- 
gem  Scharfsinn,  dessen  fester,  gleich  den  alten  Deutschen  mit 


1022  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

Ketten  aneinandergeschlossener  Phalanx  demosthenisch  daher- 
dringt,  dennoch  iiber  folgendem  Fehler,  den  Fichte  scharfer  ahn- 
den  wiirde,  hatt*  ihn  nicht  -  Fichte  begangen.  Er  nimmt  (aber  mit 
andern  Worten)  nach  MaBgabe  der  drei  Tonsysteme  drei  wun- 
derbare  Harmonien  an  ohne  einen  Harmonisten,  der  sie  gestiftet: 
die  der  weiten  sinnlichen  Welt  -  die  der  moralischen  -  und  eine 
dritte  prastabilierte  zwischen  beiden  vorigen,  zufolge  welcher 
z.B.  eine  Luge  nie  in  der  sinnlichen  schaden  kann.  Ich  rede  aber 
hier  nicht  von  der  in  seinem  Systeme  konsequenten  Annahme 
dreier  musikalischer  Kompositionen  ohne  den  Komponisten:  10 
sondern  von  seinem  Beweise  der  dritten.  »Das  moralische  SoIIen«, 
sagt  er,  »setzt  durchaus  das  Konnen  voraus.«  Jawohl,  aber  bloB 
das  moralische  Konnen,  d.  h.  die  Freiheit;  und  diese  haben  wir 
alle,  z.  B.  nicht  zu  lugen  und  stiirzte  daruber  die  Welt  ein;  aber 
in  jenem  Sollen  liegt  ja  keine  empirische  Assekuranz,  daB  sie 
nicht  einstiirze.  Die  Erfahrung  fuhr'  ich  gar  nicht  an,  die  ihm 
zwar  nicht  durch  die  Regel,  aber  doch  durch  die  Ausnahme  wi- 
derspricht. 

Nun  genug!  Nach  so  vielen  Helmen  von  Mambrin  brauchst  du 
Helme  von  Minerva,  statt  der  Fallmutzen  Merkurs-Kopfschwin-  20 
gen  und  Hebezeug.  -  Hier  nimm!  Jede  Wissenschait,  jeder Stand, 
jedes  Alter,  jedes  Jahrhundert  machen  einseitig  und  verriicken 
das  Altarblatt  des  Universum  zu  einem  Vexierbild;  also  lerne  und 
versuche  und  erlebe,  so  gut  du  kannst,  alles,  wenigstens  allerlei!  - 
Beschutze  gegen  die  Despotie  jedes  Systems  deine  hohere  poe- 
tische  Freiheit  durch  das  Studium  aller  Systeme  und  unahnlicher 
Wissenschaften.  Lerne  philosophisches  MaB  an  den  Alten  und 
am  britischen  KolqB,  Bakon,  der  wie  der  rhodische  mit  seiner 
Leuchte  den  Schiffen,  die  unter  seinem  Leib  durchstreichen,  lange 
nachleuchtet.  Lerne  sokratische  Freiheit  und  Form  an  Plato,  Wie-  30 
land,  Lessing  und  Bayle.  Lerne  StofT  aus  Hemsterhuis.  Jakobi, 
Leibniz  und  Bakon.  Und  gehe  besonders  nie  unter  Philosophen, 
ohne  eine  Kronwache  von  Physikern,  Geschichtsschreibern  und 
Dichtern  urn  dich  zu  haben. 

Zumal  von  letztern.  Alle  Wissenschaften  und  Zustande  neh- 
men  auf  ihrem  hochsten  Tabor  die  poetische  Verklarung  an,  wie 


SECHSTER  BRIEF  1023 

alle  Gotter  nach  Makrobius  nur  Verkleidungen  des  Apollo  sind. 
Die Dichter  hangen  den  Kopf  wieder  mit  dem Herzen  zusammen; 
und  ohne  sie  wird  deine  Philosophic,  die  mehr  die  Freuden  als 
Leiden  wegzudisputieren  versteht,  bloB  zu  einem  hellen  Mittag, 
wo  kein  Regenbogen  moglich  ist,  und  doch  die  schwersten  Ge- 
witter.  - 

Vorziiglich  handle  I  O  in  Taten  liegen  mehr  hohe  Wahrheiten 
als  in  Biichern!  Taten  nahren  den  ganzen  Menschen  von  innen, 
Bucher  undMeinungen  sindnurein  warmer  nahrhafter Umschlag 

io  urn  den  Magen.  Statt  da(3  die  jetzigen  matten  Iiebelosen  Philo- 
sophen,gleichsamzerbrockelnde,von  der  Sonne  kalzinierte  Licht- 
magnete,  nichts  mehr  lieben  als  ein  -  Auditorium  und,  gleich 
den  Kindern  im  Scharlachfieber,  nur  heifie  Stirnen,  aber  kalte 
Hande  (zum  Handeln)  haben,  wird  dann  bei  dir  der  Baum  der 
Erkenntnis,  mit  dem  Baum  des  Lebens  ablaktiert,  herrlkh  treiben 
und  tragen.  -  Und  dann  wird  dir  ein  Gott  den  Glauben  zeigen, 
dessen  Wurzeln  mit  dir  geboren  wurden  und  den  die  Winde  des 
Lebens  nicht  umreiBen  und  unter  dessen  Zweigen  du  Schatten 
und  Dufte  und  Friichte  findest. 

20  Ich  will  mein  Sendschreiben  ausmachen,  Paul;  aber  es  war 
vielleicht  kaum  notig,  es  anzufangen.  Denn  du  wirst  einmal  einen 
Genius  lesen,  den  du  zwar  in  deiner  Jugend  vor  Entziicken  zu 
verstehen  vergessen  wirst,  der  aber  spater  mit  Gliedern,  die  wie 
an  jener  prophetischen  Gestalt  samtlich  Fliigel  sind,  dich  liber 
die  papiernen  Weltgloben  der  Verbal -Weisheit  tragen  wird.  -  O 
Paul,  wenn  du  einmal  die  hohe  Welt  dieses  Genius  ersteigst,  der 
keinen  Gedanken  und  keine  Kenntnis  einsam  hat,  sondern  jeden 
Wellenring  zur  Planisphare  macht  -  der  nicht  den  Obstbrecher 
an  einzelne  Zweige  des  Baumes  der  Erkenntnis  legt,  sondern  wie 

30  das  Erdbeben  den  Baum  durch  den  Boden  erschuttert,  worauf  er 
steht  —  wenn  du,  sag'  ich,  seine  Welt  ersteigst:  so  wirst  du-  auf 
einem  Gebirge  sein,  die  Volker  unten  werden  naker1  und  ver- 
bunden  urn  dich  liegen,  und  eine  hohere  Duldung,  als  das  Jahr- 
hundert  kennt,  wird  dieser  Volker-  und  Zeiten-Maler  deinem 
Herzen  geben  —  auf  seiner  Alpe  wird  dir  die  Seele  hoher  werden, 
1  Auf  Bergen  ruckt  die  reinere  Luft  alles  Feme  naher. 


1024  BRIEFE  UND  BEVORSTEH  ENDER  LEBENSLAUF 

und  die  reine  diinne  Bergluft  wird  dir  den  Himmel  und  die  Erde 
nahern  und  den  Glanz  der  heiBen  Gestirne  und  das  Gepolter  des 
Lebens  mildern  —  die  Phantasie  wird  ihre  morganischeh  Feen 
malen  und  ihren  Regenbogen  als  Kreis  aufhangen  -  und,  Melo- 
dien  werden  dich  umwehen,  wenn  er  einen  Altar  erbauet,  weil 

auf  alien  seinen  Bausteinen  Apollos  Leier1  lag Dann,  guter 

Sohn,  wenn  du  durch  ihn  so  gliicklich  wirst,  denke  daran,  wie 
sehr  es  auch  dein  Vater  durch  ihn  ward,  und  gib  dann,  wie  ich, 
dem  Menschen,  den  du  am  innigsten  liebst  und  ehrst,  nie  einen 
andern  Namen  als  —  Herder  \  - 

J-  p. 

1  Der  Stein,  worauf  Apollo  unter  seinem  Bau  die  Leier  ablegte,  nahm  von 
ihr  die  Gabe  zu  ertonen  an.  Paus.  Att.  42. 


KONJEKTURAL-BlOGRAPHIE 


Erste  poetische  Epistel 
Mem  Giitlein  Mittelspitz 

Leipzig  in  der  Bottcherwoche  der 
Michaelismesse,  1798. 
Lieber  Otto  I  Jetzt  treibt  mich  eine  Idee  durch  die  Alleen  und 
Garten,  die  schon  alle  Wande  meines  Kopfes  mit  Griin  und 
Hesperiden-Fruchtschniiren  uberzogen  hat;  -  sie  soil  aber  voll- 
ends  herauswachsen  ins  Freie  mit  ihren  vollen  Zweigen  dem  Pu- 
blikum  in  die  Hand.  Sieh!  ich  will  meine  Lebensgeschichte,  die 

10  mir  noch  bevorsteht,  treu  in  poetischen  Episteln  aufsetzen.  Sollt* 
ich  sie  wider  VerhofFen  nicht  erleben :  so  nab*  ich  doch  die  Ko- 
modienprobe,  die  gestikulierende  Lufterscheinung,  das  Panorama 
davon  gehabt  und  halb  Europa  die  Beschreiburig.  -  Damit  ich 
aber  nichts  fingiere  -  und  aus  noch  zehnmal  sanftern  Griinden  - 
richt*  ich  alles  an  dich  in  gedruckten  Briefen,  wie  Kaufleute  sen- 
den,  von  denen  uberhaupt  jedes  Wort  gedruckt  zu  werden  ver- 
dient,  weiljedes  eine  lettre  toute  prete  fur  mehr  als  einen  ist. 

Fur  mein  jetziges  Leben  wiiBt'  ich  nichts  Bessers  als  die  Schil- 
derei  des  nachsten;  jetzt  im  Oktober-  gerade  wo  ich  vor  einem 

20  Jahre  nach  Leipzig  zog  -  mach*  ich  mit  andern  Leipziger  Lerchen 
aus  einerlei  Instinkt  wieder  die  Fliigel  auf  und  flattere  nach  Wei- 
mar; und  wahrlich  unter  dem  ewig  wiederkommenden  Einpacken 
des  wachsernen  Flugwerks  fiir  das  Leben,  des  Federntopfes,  des 
Papageienringes,  der  Fliigeldecken  und  der  Frefi-  und  Saufnapf- 
chen,  kann  sich  kein  Strichvogel  der  Frage  erwehren;  wie  oft 
pack'  ich  noch  ein,  eh*  ich  eingepackt  werde?  Dann  halt  man  die 
Ohren  zu  nahe  an  das  rauschende  Fliegen  des  Lebens  und  an  die 
langen  Schwungfedern  der  Zeit.  -  Cberhaupt  sollte  ein  verniinf- 
tiger  Mann  im  Herbste  gar  nicht  fortziehen,  wie  ich  doch  wieder 

30  tue;  im  Friihling  will  das  von  der  Natur  erfrischte  Herz  mit  so 


1028  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

viel  hundert  Wiinschen  jedem  Posthorn  nach  wenigstens  bis  nach 
Rom;  aber  im  Herbste  —  dem  Rusttage  des  Winters  -,  wenn  alle 
Welt  ihren  Dachsbau  grabt  und  das  Winterlager  weich  ausfiittert^ 
ist  es  fur  eine  hausliche  Seele  hart,  zu  wissen:  Du  sitzest  nicht  mit  um 
denwarmenOfen,furwelchen  sie  jetztdas  Winterholz  abladen. — 

Lieber  Otto,  ich  wollte  etwas  sagen  und  kam  ab;  denn  i'ch 
meines  Orts  fahre  —  wenn  andere  im  Herbste  der  Jahre  wie  des 
Lebens  gleich  den  Schmetterlingen  mit  abgestofienen  Fliigeln 
umherschwanken  -  wieder  wie  die  uberwinterten  Papillons  ge- 
rade  im  Lenze  mit  struppigen  kurzen  ans  Licht,  weil  ich  weiB,  10 
was  mir  so  viele  Friihlingsanfange  versprachen  und  schwuren 
und  was  sie  hinterher  hielten,  und  wie  die  Wiinsche  des  Jugend- 
und  Kalender-Friihlings  gleich  den  Rauchsaulen  anfangs  steil- 
recht  in  die  Hohe  gehen,  dann  aber  in  der  matten  Luft  waagrecht 
und  parallel  mit  dem  Boden  streichen!  -  Der  Herbst  hingegen 
macht  sich  zu  nichts  als  einem  Friihling  anheischig,  und  den  lie- 
fert  er  gewissenhaft. 

Ich  will  also  die  Herbst-Zeit  der  Traume  mitnehmen  und  mich 
auf  Jakobs  Stein  niederlegen.  Wahrlich  da  mein  kiinftiger  Le- 
benslauf  ja  aus  nichts  bestehen  kann  als  aus  meinem  wirtschaft-  20 
lichen  Feld-  und  Hausetat,  den  ich  sehr  klar  beschreiben  will,  und 
aus  der  Frau,  zu  der  ich  vorher  die  Braut  suche,  und  aus  mir  als 
Hausvater  und  aus  meiner  letzten  Oluhg  und  Totengraberszene: 
so  wuBt'  ich  nicht,  was  —  die  letztere  ausgenommen  -  dazwischen- 
kommen  konnte,  daB  nichts  aus  der  ganzen  antichambrierenden 
Zukunft  wiirde;  aber  was  mich  am  meisten  beruhigt,  ist  der  nek- 
kende  Hang,  den  ich  offers  am  Schicksale  bemerkt,  immer  nach 
dem  Szenenplan  meiner  fremden  Geschichten  meine  eigne  auszu- 
schneiden  und  so,  wenn  andre  mit  der  Wirklichkeit  ihre  Dicht- 
kunst  wassern,  schoner  jene  mit  dieser  bei  mir  abzusiiBen.  Wie  30 
bei  einem  SchwenkschieBen  erzielt'  ich  haufig  mit  den  optischen 
Kuchenstiicken  zugleich  reelle  Suppentafelchen  und  kalte  Kiiche.- 

Ich  kann  noch  nicht  anfangen,  bevor  ich  das  elende  Geschrei 
gestillet,  das  enge  Vigesimo-Herzen  in  Taschenausgabe  iiber  das 
Zuriickschlagen  meiner  hauslichen  Fenster-Vorhange,  iiber  mein 
Einsetzen  des  von  Momus  angepriesenen  Brustfensters,  das  bei 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  IO29 

andern  sonst  ein  hllndes  ist,  und  uber  die  Zudringlichkeit  erheben 
werden,  womit  ich  von  meinen  Lebens-Gastrollen,  vom  Zuge 
nach  Weimar,  von  der  Heirat  und  vom  Tode  ein  paar  Tage  vor- 
her  Komodienzettel  an  die  Gassenecken  klebe  und  in  die  Hauser 
trage.  —  O  ihr  Furchtsamen,  ist  es  nicht  ohnehin  die  Pflicht  der 
Literatoren,  mich  nach  meinem  Ableben  -  der  vielen  Reiseschrei- 
ber  nicht  zu  gedenken,  die  mich  schon  bei  meinem  Leben  ab- 
driicken  mussen  in  Wachspasten  —  mit  ihren  Poussiergriffeln  auf- 
zugreifen  und  in  nekrologische  Wachsfigurenkabinette  zu  schaf- 

10  fen,  indes  mehrere  Kritiker  beschaftigt  sind,  einzelne  Glieder,  die 
Gehirnhaute,  den  Herzbeutel,  die  Gallenblase,  mit  ihrem  Wachs 
und  Quecksilber  kunstlich  auszuspritzen  ?  -  Warum  wollt  ihr 
mehr  von  den  Personalien  des  elendesten  Landstiirzerromanen- 
Helden  erfahren  als  vom  Geschichtsschreiber  und  Schopfer  des 
Helden  selber?  -  Und  steckt  nicht  in  der  Geschichte  eines  jeden 
Narren  eine  kompendiose  Weltgeschichte,  aber  nicht  umgekehrt  ?— 
Meine  zukiinftige  wird  eigentlich  welthistorisch,  nicht  in  Wei- 
mar, sondern  spater,  wo  ich  mein  Landgutlein  kaufe;  und  da  muB 
sie  jetzt  angefangen  werden.  Die  Chronologie  wird  schon  Gott 

20  in  die  Historie  hineinmachen. 

In  der  nachsten  poetischen  Epistel  wirst  du  Auskunft  erhalten, 
warum  ich  uber  das  Landgutlein  -  es  heiBet  Mittelsplt^  -  gerade 
im  Jenner  und  noch  dazu  mit  der  grofiten  Heimlichkeit  und  unter 
dem  Scheine  eines  Mietkontrakts  den  volligen  Kaufkontrakt  ab- 
schliefie.  Antonin  Pikatel  handelte  sich  145  5  fur  seinen  subhastier- 
ten  Meierhof  einen  Livius  an;  ich  muB  umgekehrt  doch  leichter 
mit  so  vielen  livianischen  Annalen  voll  Patavinitat  den  Kauf- 
schilling  eines  Gutleins  bestreiten  konnen;  aber  komme  nur  zu 
mir  oder  zum  Herrn  Verkaufer,  so  sollen  dir  Kauf-  und  Schuld- 

30  briefe  zum  Beweise  aufgeschlagen  werden,  daB  man  die  teuersten 
Sachen  kaufen  kann,  wenn  man  sie  borgt,  entweder  zum  Teil 
oder  ganz. 

Wahrscheinlich  an    Pauli  Bekehrungs -Tage  (d.  25.  Jenner) 
werden  meine  Transitogliter,  meine  fahrende  Habe,  zum  letzten 
Male  gefahren  und  verzollt  und  in  Spit\  immobiliar  gemacht;  und 
1  Namlich  mit  seinem  fingierten  Namen. 


IO3O  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

dann  setz'  ich  mich  in  den  GroBvaterstuhl  und  sage  erheitert: 
»Endlich  bist  du  festgeschraubt  und  dein  Merkur  fixiert,  daB  er 
wenigstens  nicht  starker  auf-  und  absteigt  als  in  einem  Wetter- 
glas  am  Gleicher.«  Das  Schicksal  rupfet  uns,  wie  die  Falkenierer 
andern  Adlern,  mehrere  Federn  am  GesaBe  und  Bauche  ausrda- 
mit  der  Frost,  den  wir  daran  leiden,  wenn  wir  zu  hoch  steigen 
wollen,  uns  wieder  auf  den  warmen  Boden  zurucktreibe. 

Ich  bitte  dich  aber,  schau  aus  meinem  langen  Arbeitsstiibchen 
in  Spitz  -  denn  Autoren,  Seiler  und  Emmerlinge  mussen  zu  ihrem 
Spinnen  und  Singen  lange  Bauer  haben,  Gaste  aber  wie  Kanarien-  10 
vogel  nur  hohe  -  in  die  Gegend  hinaus,  die  freilich  ihre  Tafel- 
aufsatze  noch  unter  der  Serviette  des  Schnees  auftragt.  Sie  hat  die 
eigentlichen  drei  Dimensionen  der  schonen  Natur,  Tal,  Ebene 
und  Gebiirge.  Ein  Tal  hat  seine  herrnhutischen  Seitenhohlchen, 
seine  aus  Blatternacht  und  Wellenschein  gemachte  Dammerung 
und  seine  von  Vogeln  und  Bachen  gesetzten  Wiegenlieder  nur 
fur  das  Entziicken  mit  dem  Dampfer  (con  sordino),  fur  die  selige 
Stunde,  wo  der  Friede,  unser  innerer  Guido,  oder  auch  wo  der 
Amor  in  uns  malt  und  schafft.  Ich  werde  von  meinem  Tale,  Chri- 
stian, gehorigen  Gebrauch  zu  machen  wissen.  Durch  die  Ebene  -  20 
den  besten  Reitboden  des  Auges,  wenn  die  Seele  im  mittlern  Zu- 
stande  zwischen  Himmel  und  Holle  lebt  -  bin  ich  eben  mit  mei- 
nem Bagagewagen  gegangen;  aber  das  Beste  ist,  daB  sie  alle 
ihre  Dorfer  am  Ende  verlasset  und  am  Morgen-Horizont  auf 
lange  Berge  aufsteigt  und  da  gen  Himmel  fahrt.  O  niemand 
schleife  die  Berge,  diese  Festungswerke  des  Herzens,  wenn  der 
Schmerz  es  feindlich  sturmen  will!  Und  dabei  sind  sie  noch  die 
Kanzeltreppe  der  Seele,  die  sich  erheben  will,  und  der  hangende 
Garten  fur  die  umherblickende  Sehnsucht  an  himmelblauen 
Tagen.  30 

Ich  gestehe  dirs,  wenn  mich  nicht  die  Berge  behaufeln,  so  fallt 
mein  Stengel  um  und  treibt  wenig  heraus.  Aber  nur gegenuber>  nicht 
auf  den  Bergen  muB  man  wohnen,  weil  man  droben  nichts  hat 
als  das  -  Untere  der  Kane. 

Es  ist  eine  schone  Einrichtung,  daB  der  Mensch  an  jedem  Ort, 
wohin  und  wenn  er  auch  ziehe,  immer  drei  neue  Jahrszeiten  noch 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  IO3I 

vor  sich  zu  erleben  hat;  also  dieser  bin  ich  auch  meines  Orts  in 
Spitz  gewartig,  besonders  da  ich  mich  gerade  in  dem  Januar, 
dem  magersten  Voressen  des  Jahrs,  an  die  Tafel  setze.  »Wie?«  - 
werd*  ich  auf  dem  beschneieten  Berge  fragen,  auf  dieser  Silber- 
kiiste  der  Talbucht  unter  mir  -  »jetzt  siehst  du  schon  so  viele 
Pracht:  was  wird  erst  werden,  wenn  Blumenmonde,  Erntemonde, 
Weinmonde  wie  drei  Horen  dich  umtanzen?  An  ganz  andere, 
noch  schonere  Neuerungen  erinnere  ich  dich  aus  Absichten  gar 
nicht.«  -  Ja  wohl  schonere;  aber  diese  gehoren  der  zweiten  Epi- 
10  stel,  die  es  ohnehin  motivjieren  muJ3  (denn  sie  kanns),  warum  ich 
aus  Spitz  unaufhorlich  in  die  Stadt  gelaufen  komme,  woraus  ich 
kaum  gezogen  bin.  -  Und  Addio  bis  dahin !  - 

Fr.  Richter. 

N.  S.  Sehr  halten  mich  in  der  gegenwartigen  die  MeBfremden 
und  MeBlustbarkeiten  auf;  und  doch  muB  dieses  Leben  a  parte 
post  hier  beschlossen  werden,  und  sollt*  ich  erst  tief  im  Oktober 
einsitzen.  Die  jetzigen  ungedruckten  Briefe  iiber  das  a  parte  ante 
laufen  ungestort,  wie  du  siehst,  wochentlich  an  dich  ab;  indes 
man  dir  diese  gedruckt  auf  einmal  zu  Ostern  in  die  Hande  legt. 


ZWEITE  POETISCHE  EpISTEL 


Zank  mit  den  Hagestolzen  -  elektrische  Liebeserklarung  -  die  Urne  - 
Einschluft  an  Rosinetten 


L.  in  der  Bottcherwoche,  1798. 
Mittelspitz  ist  gar  kein  Landgiitlein  ohne  Bedeutung;  denn  es 
muB  -  sonst  nehm'.  ich  nicht  Besitz  -  wenigstens  seinen  Postzug 
Untertanen  haben,  die  ich  durch  die  niedere  Gerichtsbarkeit  re- 
gieren  kann.  Du  brauchst  mir  nicht  zu  sagen,  Otto,  daB  meine 
nur  auf  den  Federkiel  eingeschossenen  Schreibfinger  vielleicht 
zu  schwer  den  Schaft  des  Zepters  handhaben.  Allerdings  hab*  ich 
30  mehr  zu  einem  GroBherrn  Ansatz  als  zu  einem  Gerichtsherrn, 
weil  jedes  Land  desto  leichter  zu  regieren  ist,  je  breiter  und  langer 


IO32  BRI  EFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

es  ist.  Ein  Gymnasiarch  hat  mehr  zu  besorgen  als  ein  Prorektor  - 
der  DorfschultheiB  mehr  als  der  ReichsschultheiB  -  ein  Hammer- 
herr  mehr  als  ein  Lehnsherr  -  ein  einziger  Affe  wurde  dem  Ge- 
fiinfter-Direktorat  mehr  Lenkziigel  kosten  als  die  grofie  Nation 
-  und  ich  kann  jede  Stunde  Zar  werden,  aber  kein  Sklavenauf- 
seher  -  und  ein  regierender  Planet,  der  gar  die  ganze  Erde  unter 
sich  hat,  verrichtet  gar  nichts.  Eben  daher  sucht  jeder  Landesherr 
sein  Reich  immer  groBer  abzustecken,  urn  sich  die  Ephorie  dessel- 
ben  leichter  und  stiBer  zu  machen ;  so  lasset  ein  sogenannter  star- 
ker Mann  desto  leichter  die  Schmiedsgesellen  auf  seinem  Busen  10 
hammern,  je  schwerer  und  groBer  der  AmboB  ist,  den  man  auf 
das  Brustbein  hob. 

Aber  ich  habe  nur  den  Thronhimmel,  und  der  Gerichtshalter 
das  Thronfegfeuer,  weil  er  der  tragende  Atlas  des  Baldachins 
sein  muB.  Wozu  aber  das  alles?  Soil  ich  denn  nie  die  Freude  er- 
leben,  einen  Gerichtstag  und  Gerichtshalter  zu  halten,  ein  giitiger 
Gerichtsherr  zu  sein,  angebetet  zu  werden  von  meinen  Lehn- 
mannern  und  Lehnfrauen  und  unter  meinen  und  des  Gerichts- 
halters  (Dunst-)Kreis-Direktorialkonklusa  die  Unterschrift  zu 
erblicken:  wohlLobliche  Richtersche  Gerichte  allda?  -  20 

Als  bloBer  elender  privatisierender  Gelehrter  in  Spitz  zu  sitzen, 
ware  mein  Tod;  man  muB  nicht  bloB  an  einem  Orte  sehr  viel 
sein,  sondern  auch  fur  einen  Ort,  und  wie  oft  haben  wir  nicht 
dariiber  gesprochen,  daB  ein  gehortes  Lob  hundertmal  besser  sei 
als  ein  gelesenes  oder  gedachtes  und  daB  ein  Mr.  Couplet1 ,  der  die 
Stadt  Coulanges  wasserte  und  nun  durch  die  getrankten  Gassen 
unter  lauter  nachgeworfnen  Lorbeerkranzen  wandelte,  einen  viel 
tiefern  und  siiBern  BiB  in  den  Paris- Apfel  des  Vorrangs  tue  als 
ein  Homer,  an  dessen  Grabe  sich  sieben  Stadte  um  seinen  Ge- 
burtsschein  raufen,  oder  ein  anderer,  der  lebendig  und  frostig  30 
zu  Hause  hockt  und  Briefe  aller  ReuBen  und  PreuBen  erbricht, 
worin  trockne  Risse  zu  weiten  Ehrenpforten  fur  ihn  liegen!  Nein, 

1  Als  er  dieser  Stadt,  die  aus  Wassermangel  die  Feuersbriinste  mit  Wein 
abloschte,  endlich  neue  Quellen  anwies:  so  wurden  die  Glocken  gelautet, 
Kinder  badeten,  Blinde  tauchten  in  das  neue  Wasser.  Eloge  de  M.  Couplet 
par  Fontenelle. 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  io33 

Europa  und  Nachwelt  reiche  dem  Rittergiitleins-Besitzer  von 
Mittelspitz  die  drei  RoBschweife  des  Hterarischen  Drei-Weisen- 
Ruhms:  mit  Dank  wird  er  die  Schweife  nehmen  und  tragen  — ; 
aber  ebenso  gewiB  wird  er  das  Parade-  und  Ritterpferd  mit  einem 
Schweif  beschreiten,  das  ihm  sein  Spitzer-Postzug  vorfuhrt,  die 
Steigbiigel  haltend,  und  wird  auf  besagtem  Pferde  taglich  einen 

oder  ein  paar  Ritte  machen. 

In  Frankreich  mietet  man  Landgiiter;  fur  ein  Mietgiitlein  geb' 
ich  meines  -  die  gegenwartige  Publikation  soli  mir  nichts  schaden  - 

10  bei  einer  gewissen  himmlischen  weiblichen  Seele  so  lange  aus, 
bis  sie  die  Lehnsherrin  des  Lehnsherrn  und  Lehngiitleins  zugleich 
wird.  Nur  um  sie  an  ihrem  hochzeitlichen  Namenstage,  der  sie  zu 
meinem  Namensvetter  macht,  mit  einer  konstantinischen  Schen- 
kung  erfreuend  zu  iiberfallen,  spieP  ich  den  Betrug,  aber  nicht 
aus  dem  MiBtrauen,  sie  werde  etwan  am  Spitzer  Gemeinschuldner 
und  Ehe-  und  Gerichtsherrn  mehr  sein  Gut  erwahlen  und  lieben 
als  sein  Gutes.  O  wie  hass'  ich  die  Leute,  die  immer  wie  Zimmer- 
meister  und  Miiller  mit  Beilen  und  Axten  bewaffnet  herumgehen ! 
—  Schenke  ohne  Bedenken  einem  guten  Jiingling  mehrere  Gold- 

20  kiisten  und  Perlenbanke  unddazueinehausarmeWaisevonBraut, 
die  nicht  so  viel  Gold  rentiert,  daB  sie  seinen  Hutknopf  oder  ihren 
Ehering  damit  tiberspinnen  konnte:  wird  die  Waise  darum  fur 
die  ungemeine  Liebe  ihres  Krosus  weniger  Liebe  haben,  weil 
diese  noch  an  der  Dankbarkeit  sich  warmt?  Wird  denn  nicht 
jede  Liebe,  die  gegen  den  Schopfer ,  fur  die  Tugend,  fur  die  Wissen- 
schaften  ins  Lohbeet  des  Bedurfnisses  gesaet  und  an  den  Staben 
der  Vorteile  gestengelt  und  gestiefelt,  treibt  aber  eben  wie  das 
Wintergriin  tiber  die  Stutzen  hinaus  und  schlagt  dann  erst,  wie 
dieses,  ihre  schonen  Bliiten  auf? 

30  Ich  brauche  den  ganzen,  an  mir  lacherlichen  Beweis  gar  nicht, 
da  ich  der  meinigen  im  Ehezarter  nichts  anbiete  als  den  Ehezarter 
selber,  einige  zweite  und  dritte  Auflagen  und  die  Gelder,  die  auf 
Spitz  landesherrlich  versichert  sind  und  womit  man  den  Kauf- 
schilling  abstieB.  - 

Eigentlich  ist,  wie  ich  jetzt  merke,  mein  lyrisches  Drama  gar 
noch  nicht  angegangen;  nur  das  Theater  oder  der  Ort,  die  An- 


1034  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

schauung  a  priori  ist  erst  fertig  fur  eine  noch  schonere.  -  Und 
doch  werd'  ich  wieder  aufgehalten  von  der  kahlkopfigen,  wenig 
fruchtbringenden  Gesellschaft  der  Hagestolzen,  die  mich  gern  zu 
ihrem  Ordensbruder  anwerben  mochten  und  die  es  verdrieBet, 
daB  ein  junger  Mann  in  einem  Alter,  wo  er  im  alten  Rom  kaum 
ein  Adil,  geschweige  im  neuen  ein  heiliger  Vater  werden  konnte, 
schon  ein  seliger  werden  will.  Im  ganzen  besteht  sie,  diese  ehe- 
lose  Propaganda,  aus  Leuten,  die,  wie  die  Agypter,  den  Wein 
verabscheuen,  aber  die  Trauben  verzehren,  oder  die  es  wie  die 
Fledermause  machen,  welche  kein  angeziindetes  Licht  vertragen,  10 
aber  doch  in  die  Speckkammer  schliipfen  und  ihm  das  Fett  ab- 
nagen. 

Dieses  Jahrhundert  hat  viel  auf  seinem  Gewissen  und  auch 
dieses  soldatische  Aufschneiden  der  Ehebetten  voll  guter  Flaum- 
federn.  Das  Jahrhundert  ist  gleichsam  das  Scheidewasser  und  der 
Alkahest  der  Vorzeit,  und  wir  werden  am  Ende  nichts  ubrig  be- 
halten  als  das  fressende  Menstruum  und  ein  darin  schwimmendes 
infusorisches  Chaos.  Die  Aufhebung  aller  Orden  der  Mensch- 
heit,  des  elterlichen  Ordens,  des  ehelichen,  des  burgerlichen,  ist 
das  Dichten  und  Trachten  dieses  septembrisierenden  Sakuls,  es  20 
wirft  alles  aus  dem  Schiff,  weswegen  man  eines  braucht,  und  ret- 
tet  es  leicht.  Wie  das  philosophische  seinen  Lichtstoff  begehrt, 
ohne  einen  Gegenstand,  den  er  zeigt  und  worauf  er  festsitzt,  einen 
Strahl,  der  zugleich  Farbe,  Flache  und  Sehnerve  ist:  so  dringt  das 
praktische  auf  einen  Wdrmstoff,  der  im  Freien  herumfliegt  und 
an  nichts  hangt,  auf  ein  moralisches  philanthropisches  Betragen 
des  Ichs  gegen  sich.  Gott  sei  Dank,  daB  der  Teufel  das  Sakul  in 
einigen  Jahren  holt !  -  Aber  schwer  wird  es  noch  gefiihlt  werden, 
daB  man  der  menschlichsten  Liebe,  die  sich  aus  dem  Zusammen- 
leben  und  aus  dem  Zusammenhandeln  bildet,  das  Herz  ausreiBen  30 
will.  Nicht  bloB  in  der  Physikfangennaheundlangzusammenge- 
legte  Dinge  Feuer;Menschen  in  demselben  Werkhause,  Schachte, 
Gewerbe  greifen  einander  warmer  unter  die  Arme  als  ein  paar 
bandfreie  idiopathische  Narren,  die,  nur  an  der  Landtrauer  des 
Universums  und  an  den  sakularischen  Spielen  der  Geisterwelt 
teilnehmend,  das  Weltmeer  breit  befahren  und  kalt  und  scharf, 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  IO35 

wie  zwei  Eisfelder,  vor  ihren  gegenseitigen  durchsichtigen  ab- 
strakten  Herzen  voriibergleiten.  - 

Doch  wirft  sich  mancher  ehelose  Strohwitwer  von  Stand  im 
Alter  anders  und  lasset  sich  seine  Strohkranzrede  halten,  undzwar 
-  da  ohnehin  nach  der  politischen  Rechnung  allemal  der  Funf- 
zigste  im  Lande  heiratet  -  als  Funfziger.  Wenn  er  so  im  Zustande 
einer  gekopften  Weide,  die  noch  auf  der  ausgehohlten  Borke 
sprieBet,  ins  Winterhaus  des  Ehebettes  eingestellt  wird :  so  muB 
dem  invaliden  Schelm  daran  gelegen  sein,  daB  er  fiir  alle  Vor- 

10  ziige,  die  er  unterwegs  verloren,  den  Ersatz  und  die  Doublette  an 
den  weiblichen  finde,  und  er  kann  daher  nicht  gut  weniger  An- 
spriiche  machen  als  das  Haus  Osterreich,  namlich  441,  indes  an- 
dere  sich  auf  33  einziehen;  er  kann  wie  der  Basilisk  nichts  weniger 
suchen  als  sein  Ebenbild,  sondern  gleich  der  negativen  Elektrizitat 
gerade  die  positive;  so  bemerktMeiners,  daB  die  Schwarzen nichts 

lieber  heiraten  als  die  WeiBen. 

Aber  ich  bitte  dich,  wie  gerat  ich  unter  Basilisken  und  Schwarze, 
in  einem  friedfertigen  harmlosen  Briefe,  ders  bloB  angenehm  aus- 
einandersetzen  soil,  warum  ichs  hundertmal  besser  mache  als  sie 

20  und  heirate?  Ich  will  dir  in  der  Auseinandersetzung  nicht  viel 
vorsingen  weder  von  den  Frachten,  die  man  tragt,  noch  von  den 
Opfern,  die  man  bringt,  wenn  man* wie  die  Romer  eine  fremde 
Gottheit  nach  der  andern  annimmt  und  endlich  den  ganzen  Tem- 
pel  voll  bekommt  —  noch  von  den  Gefahren,  die  man  lauft,  sich 
jahrelang  vor  das  Gewehrfeuer  der  weiblichen  Scheren-Flotte 
und  vor  ihre  Pechkranze  aus  Blumen,  unter  die  Streitaxt  ihres 
Fachers  und  vor  die  geworfnen  Leuchtkugeln  ihrer  Augen  hin- 
zustellen.  Ich  will  hier  kein  Bataillenmaler  Rugendas  sein;  aber 
wahrlich  bedenket  und  betrachtet  man  ein  wenig  diesen  Sukzes- 

30  sionskrieg  des  weiblichen  Wehrstandes  gegen  den  mannlichen 
Nahrstand  -  von  der  Kriegsankiindigung  an,  die  sie  wie  die  Athe- 
ner  durch  ein  Lamm*  tun,  bis  zum  wirklichen  Ergreifen  aller 

1  Gruber  zahlt  in  seinem  Lehrsystem  der  Diplomatik,  Wien  1783,  vier- 
undvierzig  Anspriiche  auf,  die  Osterreich  an  verschiedene  Machte  hat. 
S.  Miillers  Furstenbund.  -  33  Schonheiten  fodert  man  bekanntlich  von 
einem  Weibe. 

8  Potters  griech.  Archaolog.  von  Rambach  I.  p.  369. 


IO36  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

Waffen-  und  Regimentsstiicke  und  des  Artillerietrains  der  Toi- 
lette -  erwagt  das  Labarum  des  Shawls,  die  Taktik  des  Tanzes, 
das  Reffelkrautpulver  des  Puders,  den  Marseiller  Marsch  der  er- 
sten  besten  Arie  -  und  die  echten  Kriegslisten,  weswegen  sie  bald 
wie  die  Arier  nur  in  der  Nacht  Treffen  liefern,  bald  wie  die 
Athiopier  sich  weiB,  bald  wie  die  Cimmerier  schwarz,  bald  wie 
dieSparterrotanziehen  und  gleich  denNordamerikanernschmin- 
ken,  um  nicht  vor  dem  Feinde  zu  erblassen ■  —  und  bringt  man  die 
Erbitterung  in  Anschlag,  womit  sie  Heber  auf  dem  Bette  der  Ehren 
sterben  wollen  als  die  Flucht  ergreifen:  beim  Himmel,  man  er-  10 
schrickt,  wenn  man  dann  bedenkt,  daB  man  sich  jahrzehendelang 
so  hielt  und  (uber  der  Brustwehr  fechtend)  blofi  mit  den  Wunden 
des  AderlaBmannchens  im  Kalender  davonkam.  Man  begreift 
nicht,  daB  man  noch  lebt.  — 

Aber  bessere  und  ernstere  Griinde  fur  den  Ehestand  kommen 
im  Gemalde  vor,  das  ich  dir  von  meinem  entwerfe;  jetzt  ists 
hohe  Zeit  zur  Geschichte! 

Rpsinette  soil  noch  meine  Hermine  heifien,  der  ich  mit  dem 
Brautgeschenk  des  Geschlechtsnamens  noch  das  Patengeschenk 
ernes  Zunamens  mache.  Romantische  Namen  gehoren  nur  fiir  20 
romantische  Stunden;  in  der  stundlichen  rauhen  Wirklichkeit 
fiihret  sich  ihr  Geprage  jammerlich  ab.  Rosinette  harmonieret 
uberhaupt  sehr  mit  der  muntern  Laune,  die  das  Hebe  Kind  haben 
wird  und  soil.  Ein  Madchen  ist  uberhaupt  ein  Wesen,  das  leichter 
lacht  und  weint  als  das,  woruber  es  beides  tut  (welches  wir  sind), 
und  ich  kenne  in  der  Geschichte  Heiden  und  Tiirken,  aber  keine 
Heidinnen  und  Turkinnen,  die  in  ihrem  ganzen  Leben  nicht  ofter 
gelacht  als  ein  paarmal;  nur  in  den  Wintertagen  der  verlornen 
und  verletzten  Liebe  kann  in  den  guten  Wesen  die  frohe  Beweg- 
lichkeit  erstarren,  wodurch  man  am  schonsten  uber  das  sumpfige  3° 
Leben  hupft.  Wenn  das  Schicksal  zuweilen  das  hohe  Korn  weg- 
maht,  worin  ich  und  Rosinette  in  unserem  Neste  sitzen,  und  wir 
nun  kalt  und  angewehet  im  Freien  halten :  so  wollen  wir  lachend 
wie  Rebhuhner  aufflattern;  und  so  ists  vorbei.  Ein  einziger  Scherz 
zerstreuet  unsere  innern  Feinde  oft  schneller  als  ein  schwerbe- 
waffneter  syllogistischer  Figurenzug.  Wenn  diinnes  Spinnenge- 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  IO37 

webe  uns  fangen  und  angstigen  kann :  warum  wollen  wir  nicht, 
wie  die  Chirurgen,  auch  mit  Spinnengewebe  die  Wunden  ver- 
stopfen  und  dem  Weinen  ohne  Ursache  das  Lachen  ohne  Ursache 
entgegenstellen?  -  Die  Philosophic  aber  verdeckt  uns  oft  die 
Leiden  nicht  besser  wie  der  Nachrichter  in  Sina,  der  dem  armen 
Sunder  die  skalpierte  Haut  iiber  die  Augen  zieht,  damit  er  seine 
Plagen  nicht  sehe.  * 

Hingegen  vor  der  Ehe  kann  mir  Rosinette  schwerlich  zu  ernst- 
haft  sein.  Eine  lustige  Liebe  ist  fur  mein  Gefiihl  ein  lustiger  Got- 

10  tesdienst,  ein  miltonsches  Paradies  voll  sternischer  Laune.  Du 
weiBt,  ich  hatt*  einmal  eine  Zeit,  wo  ich,  um  ein  schones  Wesen  auf 
ein  Isolatorium  zu  bringen  und  es  mit  Himmels-Ather  vollzula- 
den,  vielleicht  einen  und  den  andern  elektrischen  Scherz  getrieben 
hatte,  z.  B.  etwan  folgenden  elektrischen  im  eigentlichen  Sinn. 
Ich  hatte  mich  stark  gegen  die  Gewitterfurcht  erklart,  und  natiir- 
lich  aus  elektrischen  Griinden,  und  endlich  mich  erboten,  mich 
auf  der  Stelle  selber  in  ein  freilich  kompendioses  Gewitter  in 
Stubenformat  umzusetzen,  besonders  da  jetzt  das  Wetter  so  kalt 
und  trocken  sei.  Man  hatte  die  groBe  Etektrisiermaschine  ge- 

20  bracht  und  den  Pechkuchen  zu  meinem  Gestell.  Ich  hatte  den 
Kuchen  bestiegen  mit  der  Ladekette  in  der  Hand,  und  ich  hoffe, 
du  hattest  mich  mit  laden  helfen.  Ich  hatte  jetzt  die  Gesellschaft 
gebeten,  alle  Lichter  wegzutragen,  damit  sie  mich  wie  einen  hei- 
ligen  Johannes  oder  heiligen  Paulus  mit  dem  Kopfe  in  einer  Hei- 
ligenglorie  brennen  sahe,  welches  die  Bosische  Beatifikation  hei- 
Bet.  Es  kann  hier  nicht  berechnet  werden,  wie  weit  diese  Heilig- 
sprechung  der  Seligsprechung  vorgearbeitet  hatte;  aber  war'  ich 
nun  weitergegangen  in  meinem  Zwerg-Donnerwetter  und  hatte 
die  ungemein  aufmerksame,  aber  sehr  zaghafte  Rosinette  vor- 

30  laufig  ersucht,  von  weitem,  aber  doch  in  einiger  Nahe  auf  meiner 
goldgestickten  Weste  -  denn  diese  gehort  zum  elektrischen  Ap- 
parat  -  umherzufahren,  z.  B.  etwan  in  einem  quadrierten  Zirkel 
um  mein  Herz;  und  wenn  naturlich  der  ausstrahlende  seinsollende 
Kreis  mehr  ein  hinter  der  Weste  abbrennendes  Herz  vorgebildet 
hatte:  so  ware  das  doch  schon  etwas  gewesen.  Aber  weiterl  Wenn 
1  Des  Essarts  histor.-jurist.  Worterbuch. 


IO38  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

ich  nun  bei  so  wichtigen  Zeichen  ihres  gestarkten  Mutes,  womit 
sie  sich  naher  unter  den  Schimmer  meines  Heiligenscheins  heran- 
gemacht,  jetzt  des  Kiihnsten  kapabel  gewesen  und  auf  einem 
Funkenziehen  aus  meiner  Oberlippe  bestanden  ware,  welches  sie 
am  Ende  (oder  es  ware  verdachtig)  hatte  tun  mussen,  obwohl 
(sah'  ich  anders  im  Widerschein  des  Heiligenscheines  richtig) 
ein  wenig  errotend  und  nur  mit  einem  eiligen  Atalantas-Bestrei- 
fen ;  und  wenn  dann  meine  Lippe  mit  einem  langen  Blitze,  ver- 
setzt  mit  einem  der  fluchtigsten  Kiisse,  in  ihren  kleinen  Finger 
eingeschlagen  hatte  und  ich  mit  der  doppelsinnigen  Anmerkung  10 
gekommen  ware,  wie  in  diesem  Feuer  Nehmer  und  Geber  kaum 
zu  unterscheiden  waren,  nicht  einmal  in  ihren  Schmerzen  dabei 
— :  was  glaubst  du  wohl,  wenn  wieder  Licht  gekommen  und  die 
Wangen  der  herrlichen  Seele  mit  dem  Mattgold  der  iiberraschen- 
den  Nachempfindung  und  meine  eignen  mit  dem  Glanzgold  der 
doppelten  Feuerladung,  sowohl  von  Rosinetten  als  von  dir,  er- 
schienen  waren,  was  glaubst  du  wohl,  daB  ich  an  jenem  Abende 
in  der  Bekehrung  und  Missionsanstalt,  die  schon  durch  das  Tei- 
len  desselben  Martyrtums  begonnen  war,  mit  meiner  feurigen 
Pfingstapostelzunge  und  Lippe  noch  hatte  nachzuarbeiten  ge-  20 
habt?  -  - 

Aber  warum  sollst  du  darauf  antworten,  da  ich  jetzt  eher  alles 
machen  wurde  als  ein  solches  elektrisches  Kunststuck?  Nein,  edle 
Rosinette  Hermine,  befahre  keines  -  denn  die  Epistel  kommt 
doch  einmal  vor  dich  -,  ein  hoherer  Blitz  und  Heiligenschein*,  als 
der.  Dunstkreis  gebiert,  muB  die  Flamme  schlagen,  die  zwei  Men- 
schen  verschmilzt  und  magnetisch  macht.  Vertrauen  auf  gegen- 
seitiges  Vertrauen  -  Milde  gegen  alle  Wesen  -  unvergangliche 
Warme  fur  die  nachsten  -  ein  offnes  Auge  fiir  den  Zauberpalast 
des  Lebens  und  der  Natur  und  ein  erhobenes  zu  dem  gestirnten  30 
Himmel,  der  liber  den  Grabern  steht  -  ein  Zweck,  ein  Gliick,  ein 
Herz,  ein  Gott,  das  allein  hat  unsere  warmeren  Voreltern  ver- 
kniipft  und  soil  ihre  ahnlichern  Kinder  binden.  -  Nein,  ich  kann 
mir  schonere  Altare  eines  ewigen  Biindnisses  denken.  Eine  Urrie 
in  einem  englischen  Garten  -  von  einem  liebenden  Herzen  einem 
geliebten  untergesunknen  errichtet  -  neben  einem  stillen,  rein 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  I039 

nachmalenden  Wasser  —  weich-errotend  in  dem  Rosenschein  der 
tiefen  Abendsonne,  der  gleichsam  auf  den  Blumen  unter  den 
Trauerbirken  hinzukriecht  —  eine  solche  Stelle  und  Stunde  ware 
schoner  gewahlt,  wenn  zwei  gleichgesinnte  Wesen  sich  den  Bru- 
derkuB  der  Verwandtschaft  geben  sollen  —  sie  lesen  nebenein- 
ander  die  Klagen  der  Liebe,  die  Wiinsche  des  Herzens,  die  Seuf- 
zer  iiber  das  Leben,  womit  die  Urne  von  unbekannten  Handen 
umschrieben  ist  -  in  der  sanften  Stimmung  vergeben  sie  die  Irr- 
tumer  des  Geschmacks  und  verbergen  unter  die  fremde  Running 

10  die  eigne  und  lesen  das,  was  sie  sich  sagen  mochten  -  und  hier 
vor  der  Sonne,  vor  dem  Tode  und  der  Liebe  enthiillet  vielleicht 
die  Bewegung  und  Begeisterung^an  der  weiblichen  Seele  die  Ge- 
fiihle,  welche  die  Ruhe  verbirgt,  wie  Abendschmetterlinge  nur 
im  Fluge  die  Fiihlhorner  ausdehnen,  die  sie  in  der  Ruhe  auf  die 
Brust  zuriicklegen.  Dann  schweigt  der  selige  Mensch,  und  iiber 
die  ganze  Seele  breitet  sich  die  Stille  aus,  welche  die  Saestunde  der 
unaufhorlichen  Liebe  ist,  wie  man  Anemonensamen  nur  an  stillen 
Abenden  streuet 

Da  aber  noch  nichts  davon  geschehen  ist:  so  fuhl'  ich  eine 

20  unbeschreibliche  Begierde,  hier  -  nach  Art  des  Klopstockschen 
Gedichts  an  eine  kiinftige  Geliebte  -  einen  Brief  an  sie  in  deinen 

einzuschlagen. Wahrhaftig  ich  tu*  es.  Aber  in  der  kiinftigen 

dritten  Epistel  gelob'  ich  dir  ernstlich  chronologische  Reiseroute 
und  Taktik  an,  die  beiden  vorigen  ganz  fehlt.  Ich  muB  das  Schrei- 
ben  der  Ordnung  wegen  unter  der  Fiktion  eines  Postskripts  ein- 
fuhren. 

R. 

N.  S.  Du  liebe,  liebe  Rosinette!  So  red'  ich  dich  aus  Liebe 
gegen  dich  und  meine  teuere  Mutter  an,  die  Rosina  hiefi.  Auch 
30  in  der  Ehe,  besonders  in  Briefen,  wirst  du  haufig  Rosinette  und 
Hermine  benannt,  du  magst  mich  immerhin  fragen,  ob  ichs  denn 
vergessen  hatte,  daB  du  dich  Luise  nach  VoB  oder  Charlotte  nach 
Werther  oder  Dorothea  nach  Hermann  oder  Idoine  schriebest, 
welches  letztere  ein  schoner  Name  aus  dem  Titan  ware.  -  Kiinf- 
tig  wirst  du  dich  darauf  besinnen  rmissen,  was  du  gerade  heute 


IO4O  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

am  Michaelistage  jetzt  unter  der  Nachmittagskirche  vorgenom- 
men,  wo  mich  das  nachbarliche  Singen  und  Orgeln  der  Nikolai- 
kirche  sekundiert  und  wo  ich  in  mir  nur  Friedenslieder  und  das 
Angelika- Register  des  Herzens  hore  und  so  sanft  bewegt  dir 
schreibe.  Ein  nur  wenig  wahrscheinlicher,  aber  herrlicher  Zufall 
war'  es,  wenn  du  jetzt  am  Fenster  saBest  und  lasest,  und  zwar 
gerade  in  den  Palingenesien  die  Briefe  an  Hermina.  Das  bist  du  ja 
selbst,  Gute,  jede  Zeile,  jede  Szene  darin  ist  dir  geheiligt;  nur 
wirds  dein  stilles  Herz  nicht  innen,  sondern  lachelt,  wie  ein  Kind, 
seine  freundliche  Spiegelgestalt  als  eine  Gespielin  an.  O  wie  woh-  10 
nen  wir  alle  hinter  hohen  Felsen  und  liegen,  durch  dicke  Erde 
geschieden,  arbeitend  nahe  und  unbekannt  nebeneinander  in  un- 
sern  Schachten!  Welche  kleine  Zufalle  miissen  ihre  Leuchten 
voriibertragen,  damit  wir  Nachtboten  und  Nachtpilger  einander 
ins  Gesicht  sehen  und  uns  griifien  konnen,  wenn  nicht  gar  ein 
noch  kalteres  Schicksal  eine  weiche  holde  Gestalt  auf  immer  in 
eine  ewige  eiserne  Maske  einschmiedet!  - 

Ach  vielleicht  nab'  ich  dich  schon  gesehen,  und  ich  weiB  es  nur 
nicht  gewiB.  Mich  kennst  du  freilich  in  jedem  Fall  als  Kupfer- 
stich;  man  muB  dir  aber  sagen,  daB  die  drei  Gesichter,  die  von  20 
mir  an  Nageln  oder  an  Titelblattern  hangen,  den  StofTnoch  nicht 
so  erschopfet  haben,  daB  nicht  ein  neues  viertes  zu  geben  ware, 
falls  man  das  fiinfte,  das  ich  selber  auf habe  und  behalte,  bloB  ab- 
kopieren  wollte.  — 

Der  Michaelistag  ist  himmlischblau,  und  ich  glaube  leichter, 
daB  du  drauBen  bist  und  zuschauest,  wie  die  mude  Natur,  einem 
guten  Kinde  gleich,  so  willig  zu  Bette  geht.  Wie  still  bricht  sie  die 
Blatterzelte  ihrer  Sanger  ab!  Wie  leise  legt  sie  ihren  Blumen- 
schmuck  und  ihren  Prunkanzug  auf  die  Erde  nieder!  Und  wie 
fern  vom  ungehorsamen  Murren  der  Menschen  zieht  sich  das  30 
Pygmaenreich  der  Insekten  in  die  Winterkerker  und  unter  die 
Erde,  und  die  fliegende  Volkerwanderung  iiber  uns  eik  in  Frieden 
und  zu  keinem  BlutvergieBen  durch  den  Himmel  in  ein  warmes 
Land I - 

O  sei  nur  du  auch  so  still!  Das  Wehen  und  Glanzen  des  dahin- 
fliegenden  Sommers  bringe  dir  keine  truben  Vergleichungen ! 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  IO4I 

Wirst  du  den  Seufzer  bezwlngen,  wenn  das  kranke  Laub  jugend- 
lich  gliiht  wie  junge  Blumenbeete?  Wirst  du  nicht  beklommen 
gleichsam  den  fernen  Fruhling  nachklingen  horen,  wenn  seine 
Wecker,  die  Frosche,  wieder  wie  aus  den  herrrlichen  Mamachten 
heriiberlarmen?  -  Ach  wenn  es  ware  und  du  weinen  muBtest,  du 
liebes  Wesen,  iiber  irgendeine  verlorne  HofFnung,  iiber  abge- 
schlagene  Wiinsche  -  wie  gern  nahm'  ich  deinen  Schleier  weg 
und  trocknete  dein  liebes  Auge,  und  wie  wehe  tut  es  mir,  daB  ichs 
nicht  kann! 
10      Ich  wiirde  dir,  wenn  ich  bei  dir  ware,  es  klar  auseinandersetzen 

-  fast  schon  dadurch,  daB  ich  ein  Buch  mit  goldnem  Schnitt  auf- 
blatterte  -,  warum  im  Buche  unsers  Lebens  nur  an  den  durch- 
gegangnen  Blattern  und  an  den  restierenden  etwas  Gold  zu  kleben 
scheint,  nie  aber  am  Blatte,  das  man  gerade  in  den  Fingern  hat. . . 
Ich  werde  iiberhaupt  vor  deinen  Augen  das  Beet  —  wie  man  bei 
Hyazinthen  tut  -  etwas  fest  zusammentreten,  woraus  die  Blumen- 
zwiebeln  der  Freude  aufgehen  sollen . 

Aber  habe  du  nur  deine  Traume !  An  den  Festtagen  der  Seele 

-  denn  von  deinen  Geburtstagen  will  ich  gar  nicht  reden,  ob  ich 
20  wohl  wiinschte,  heute  fiele  einer  davon  -  oder  wenn  wir  mitein- 

ander  den  Nacht-Himmel  oder  die  Abendsonne  oder  den  Fruh- 
ling ansehen,  da  will  ich  dich  iiber  deine  dichterische  Vergangen- 
heit  ausfragen  und  iiber  deine  vorigen  Hoffnungen;  -  ach  warum 
kann  ich  dich  mit  keiner  lauen  Sommernacht  des  Lebens  voll 
Mondlicht  und  Violenluft  umziehen,  worin  man  ebenso  bezau- 
bert  ist,  wenn  man  wacht,  als  wenn  man  traumt?  -  Ich  will  dann 
auch  sagen,  wie  sonst  meine  Seele  war  und  wie  lange  du  schon 
bei  ihr  bist;  -  wenn  die  Tonkunst  mit  der  Engelszunge  sprach,  so 
redete  sie  leise  von  dir  -  wenn  der  Fruhling  seinen  weiten  Bliiten- 
30  Garten  wiederbrachte,  so  sucht'  ich  dich  darin  -  und  hinter  dem 
blaBroten  Gebirge  aus  Dunst,  das  in  der  Fruhlingsmitternacht 
am  Himmel  zwischen  dem  weiBen  Abend  und  Morgen  blunt, 
standest  du  neben  der  Sonne  wie  eine  Luna,  und  ihr  milder  Schein 
verklarte  dich  -  und  wenn  mich  das  Leben  wie  eine  ho  hie  Leiche 
aus  Wachs  mit  holzernen  Augen  ansah  und  nicht  atmete,  so  kam 
mir  deine  Gestalt  entgegen  in  Fruhlings-Warme,  und  sie  hob  den 


IO42  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

Schleier  zuruck,  und  ich  sah  die  HofFnung  -  und  o  kam  nicht  in 
der  Begeisterung,  wo  ich  hohere  Friihlingsmonate  der  Liebe 
make,  als  ich  hatte,  und  wo  das  Herz  neben  offnen  gliickseligen 
Inseln  der  Dichtkunst  sein  sehnsiichtiges  Darben  zu  sehr  emp- 
fand,  deine  Stimme  lieblich  aus  der  Feme  her  und  trdstete  mich 
und  sagte:  sei  still  und  vertraue,  wir  werden  uns  finden!  -  Kalt 
schneidet  jetzt  ein  Gedanke  durch  mich  —  ich  schwebe  ja  hier 
neben  den  Inseln  der  Dichtkunst,  und  die  feme  Stimme,  die  mich 
trosten  will,  kommt  nur  aus  meiner  Brust  —  Nein,  wer  sie  hin- 

eingeschafFen,  der  kann  sie  nicht  lugen  lassen. 10 

Bis  dahin,  Unsichtbare,  fliege  dir  leicht  das  geteilte  Leben  da- 
hin,  und  das  Geschick  spiele  deine  Stunden  weder  auf  Sturm- 
noch  auf  Stummen-,  sondern  auf  Harmonika-Glocken  ab!  —  Und 
wenn  ich  dir  einmal  die  in  den  folgenden  Briefeh  kommende 
Schopfungsgeschichte  vorlese,  moge  deine  Seele  zu  mir  sagen 
mussen:  du  hast  dich  nicht  geirrt! 

Fr.R. 

Dritte  poetische  Epistel 
Mein  Brautigamsstand  -  heiliger  Abend  vor  dem  Hochzeitsfest 

Leipz.  MeBwoche  98.  20 
Wie  alles  unter  meinem  Fenster  auf-  und  niedertobt,  und  ich 
beschreibe  dir  die  Ruhe  und  das  Land!  Ich  bin  uberzeugt, dauerte 
eine  Messe  53  Wochen:  alle  Leute  wiirden  so  kalt  und  korsarisch, 
wie  das  19.  Sakulum  ist,  das  (bei  diesem  ungeheuern  Wachstum 
des  Handels)  nichts  werden  kann  als  eine  MeBwoche  und  die 
Menschen  MeBfremde  und  die  Erde  eine  Judengasse  voll  MeB- 
logis.  Bengel  setzt  das  tausendjahrige  Reich  ins  neunzehnte  Jahr- 
hundert:  wenigstens  lasset  die  moralische  Verschlimmerung,  die 
darin  wachsen  muB,  etwas  dergleichen  hoffen;  denn  den  morali- 
schen  Sanitatsanstalten  fur  Volker  geht  es  wie  den  Gesundbrun-  30 
nen,  wovon  die  Arzte  bemerkten,  daB  sie  anfangs,  besonders 
wenn  sie  ungemeine  Heilkrafte  hatten,  mehr  Kranke  als  Gesilnde 
lieferten.  - 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  IO43 

Das  fahre  hin!  Eine  Leipziger  Messe  wird  doch  immer  das 
Gute  behalten,daB  nachts  in  ihr  Savoyarden-Orgeln  herumgehen, 
worauf  ich  mich  heute  den  ganzen  Tag  schon  freue. 

In  dieser  Epistel  hast  du  mich  als  wirklichen  Gutsbesitzer  von 
Spitz  und  als  erklarten  Liebhaber  von  Rosinetten  anzusehen;meB 
aber  nun  die  unsagliche  Lust,  den  langen,  mit  springenden  Quet- 
len  und  Randblumen  vergoldeten  FuBsteig,  den  ich  zwischen  der 
Verlobten  und  dem  Giitlein  fast  taglich  hin  und  her  zu  machen 
habe!  Denn  die  Stadt  glaube  nur  nicht,  daB  ich  sofort  aus  dem 

10  leichten  Tanzschuh  des  Brautigams  in  den  FuBsack  oder  Steif- 
stiefel  des  Ehemanns  fahre.  Ich  will  vom  daphnischen  Hain  vor- 
her  die  Bliiten  und  Gange  genieBen,  eh*  er  angeplatzt,  getrocknet 
und  zum  Ehebette  zusammengeschnitten  wird . . .  Den  Schwieger- 
eltern  muB  es  einleuchten,  wenn  ich  ihnen  vorhalte,  daB  es  auf  der 
Erde  von  Biichern  zweite  Auflagen  gebe,  aber  von  nichts  weiter, 
besonders  von  keiner  Lust-  und  Lebenszeit  -  daB  jede  Freund- 
schaft,  jede  Freudenblume  nur  mit  andern  Nektarien,  Farben, 
Diiften  wiederkomme,  daB  aber  die  Menschen  leider  nur  das  Ge- 
meinschaftliche,  nie  das  Eigentumliche  an  Freunden  und  Zeiten 

20  auszukosten  suchen,  daB  der  eine  aus  alien  Blumen  Rosensirup 
sieden  wolle,  indes  der  andere  nur  auf  kochenden  Veilchensirup 
in  seinem  Kessel  aufsehe  -  und  daB  der  Schwiegersohn  meiner 
Schwiegereltern  bessere  Prinzipien  habe.  Ich  meine  das :  wer  gibt 
mir,  wenns  vorbei  ist,  auf  der  Erde  das  Repetitorium  und  ancora 
wieder,  daB  ich  im  Februar  dort  sitze  im  feurigen  und  fliegenden 
Schreiben  neben  der  uber  den  ganzen  Himmel  rot  hinauf  bliihen- 
den  Dammerung  -  und  daB  ich  dann  aufspringe  bei  der  besten 
Stelle  und  nach  der  Stadt  fortwill,  wo  ich  in  einem  andern  Sinn 
eine  beste  Stelle  finde  -  und  daB  ich  dann  hinaustrete  in  lichte 

30  weiBe  Schneebeete,  welche  die  rote  Sonne,  wie  ein  verwundeter 
Adonis,  zu  betropften  Adonisblumen  farbt  -  und  daB  die  langere 
Hornungs-Dammerung  das  Winterherz  erleuchtet  -  und  daB  die 
innere  Brauseerde  sich  gleichzeitig  mit  der  auBern  blaht  -  und 
daB  die  ersten  Lerchen,  deren  melodischer  Name  schon  im  latei- 
nischen  Vokabelbuch  (alauda)  fur  mein  Knabenohr  ein  Lerchen- 
gesang  war,  als  die  schnellsten  Vorsanger  dem  mit  tausend  Blumen 


1044  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

und  Vogeln  vollgepackten  nachwatenden  Friihling  vorflattern? 
Ich  sagte:  welche  Ewigkeit  hat  denn  diese  Zeit  zweimal? 

Gleichwohl  ist  das  nur  ein  Anfang;  denn  nachher  lang'  ich  an 
bei  der  Lieben,  und  o  wie?  An  jedem  Tag  bei  lichterer  Zeit  und 
mit  dem  Lerchen-Nachschlag  und  Fruhlings-Vorschlag  in  der 
nachklingenden  Brust  -  die  Unendlichkeit  des  Wunsches,  wornach 
jede  Seele,  wie  nach  der  Sonne  jede  Erde,  angezogen  und  stiirzend 
dringt,  wird  nun  weder  verboten  noch  bewolkt  -  ich.  bring*  ihr 
meine  ganze  Seele  mit  und  verschweige  keinen  Traum  -  wir  blat- 
tern  miteinander  die  Monatskupfer  unsers  nahen  Eden-Jahres  auf,  10 
und  tausend  Anspielungen  unterstiitzen  uns  in  der  Sache,  sowohl 
die  strohgelben  Rosenblatter,  die  ich  mit  dem  Schnupftuch  aus 
der  Tasche  reiBe,  als  ihre  gestrickten  Blumen,  wovon  ich  jedesmal 
eine  neue  fertig  finde  als  ein  Zeichen  und  Epitaphium  der  Ab- 
wesenheit,  und  auch  die  Eisblumen  des  Fensters,  in  deren  durch- 
sichtigen  Rohren  der  gluhende  Ichor  der  Abendsonne  rinnt  — 
diese  schmelzenden  Schnee-Blumen  bezeichnen  und  betauen  un- 
sere  nahe  Rosenzeit  -  ich  finde  jeden  Tag  neue  Reize,  entweder' 
neue  Geheimnisse  (z.  B.  was  denn  eigentlich  die  Gute  fur  den 
miitterlichen  Geburtstag  nachtlich  nahe),  oder  neue  Biicher  oder  20 
neue  Arbeiten  und  sogar  neue  Stellungen,  und  war's  nur  die 
niedliche,  worin  sie  vor  den  kleinen  Geschwistern  putzend  kniet 
-  und  wir  (vom  Reden  war  noch  kaum  die  Rede)  sprechen  sogar; 
nur  wird  leider  den  begeisterten  Kanarienvogeln  durch  Verhan- 
gen  das  Schmettern  verboten,  das  um  meines  eine  Decke  gezogen 
hatte  -  und  ich,  ich  weiB  und  brauche  von  den  funf  Weltteilen 

und  vom  gelehrten  Deutschland  nichts  weiter  als  ein  Herz 

o  ich  bitte  jeden,  soil  ich  eine  solche  Hesperidenzeit  verkiirzen 
lassen,  die  niemals  umkehret?  -  Ich  meines  Orts  wills  der  Zeit 
schon  hoch  anrechnen,  ist  sie  nur  einmal  dagewesen.  3° 

Freilich,  endlich  geht  sie  auch  fort;  aber  ich  kann  es  so  machen, 
daB  es  zu  Pfingsten  geschieht.  Wahrhaftig  wenn  ich  meinen 
Schwiegereltern  zeige,  daB  ich  Grtinde  habe  und  gleich  der  Natur 
in  meinen  Biographien  die  Rosenszenen  immer  in  die  Pfingsttage 
verlege  -  und  daB  wir  ja  alle  daran  das  erste  Abendmahl,  diese 
Ambrosia  der  kindlichen  Unsterblichkeit,  empfangen  -  und  daB 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  1045 

dann  die  Birken  von  Spitz  in  der  Kirche  stehen  und  dammern  und 
duften:  so  sind  meine  Schwiegereltern  gewiB  die  Leute  nicht,  die 
mich  hindern,  am  dritten  Pfingsttage  mit  Ring  und  Kranz  an  den 
Altar  zu  dringen. 

Dieser  Dennitiv-Tag  des  Lebens  soil  gut  gemalt  aufgehangen 
werden  in  einer  nachsten  Epistel;  in  dieser  setz*  ich  den  Vigilien- 
tag  vorher  auf  die  StafFelei. 

Die  Welt  wird  stutzen  und  ihre  Gedanken  dariiber  haben,  daB 
ich  am  zweiten  Pfingsttage  zu  Hause  bleibe.  Ich  tu  es  aber  nkht 

10  bloB,  um  auf  morgen  vorzukehren;  sondern  um  aus  dem  Hause 
hinauszulaufen  und  auf  den  freien  Bergen  zu  bleiben,  bis  die 
Sonne  untergeht.  Ein  Tal  ware  da  fur  meine  innern  aufgemachten 
Seelenflugel  ein  knapper  Sarg  und  Erdfall.  Ach,  Lieber,  ich  weiB 
wohl,  wie  mir  dann  sein  wird.  In  jedem  Fruhling  tragt  unser 
Geist,  wie  der  Winzer,  frische  Erde  auf  den  ausgewaschenen 
Weinberg  der  ktinftigen  Lese,  und  die  ganze  Unendlichkeit  un- 
serer  Brust  wird  von  dieser  warmen  briitenden  Aprilsonne  mit 
tausend  Knospen  von  Planen,  Reisen  und  HofFnungen  heraus- 
gelockt.  Auf  den  Spitzer  Hohen  wird  dieser  aus  unserem  Busen 

20  wachsende  Dornstrauch,  der  mit  unserem  innersten  Blute  seine 
Bluten  trankt  und  farbt1,  die  Aste  ausdehnen,  aber  ich  werde  sie 
kurz  scheren.  Wenn  der  reiche  Fruhling  sich  vor  mir  die  Ebenen 
lunablagert  und  Walder  und  Schmetterlinge  und  Blumen  auf  dem 
SchoBe  halt  —  und  wenn  es  iiberall  rauschet  wie  von  einem  herab- 
kommenden  unendlichen  Leben  —  und  wenn  die  Wasserwerke 
und  Getriebe  der  Schopfung  wie  in  einem  Bergwerk  donnernd 
auf-  und  niedersteigen  -  und  wenn  das  weite  wogende  Leben  sich 
nach  Jugend  und  Feme  und  nach  Suden  drangt,  wie  die  Polar- 
meere  nach  dem  heiBen  Erdgurtel :  so  fuhren  die  Wogen  wieder 

30  das  Menschenherz  mit  sich  fort,  und  es  will  in  die  Feme  und  in 
die  Zukunft,  und  ich  blicke  schmachtend  nach  den  fernen  dun- 
keln  Bergen  gleichsam  wie  nach  den  Jahren,  die  in  der  Zukunft 

1  Der  Spanier  Roccus  Martinus  aus  Orca  fiel  sich  einen  Schlehenstrauch 
in  die  Brust;  dieser  wuchs  darin  und  muflte  jeden  Fruhling  beschnitten 
werden.  Papst  Urban  VIII.  hatt'  einen  Zweig  davon.  Relationes  curiosae  p. 
186. 


IO46  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

ruhen aber  dann  ruft  plotzlich  etwas  mir  zu :  erwache, 

nimm  Abschied  von  der  Zukunft  und  Hebe  die  Gegenwartl 

Ich  werde  erwachen  und  mutig  scheiden  -  weil  ich  weiB,  dafi 
wir  alle  die  Zukunft  in  dem  Leben  betoret  fiir  die  Zukunft  nack 
dem  Leben  halten  — :  aber  dann  wird  ihre  altere  blasse  Milch- 
schwester,  die  Vergangenheit,  naher  an  mich  treten  und  fast  mehr 

lacheln  und  weinen  als  sonst  und  sagen:  ich  bleibe  bei  dir. 

Ich  werde  auf  meine  Brust  niedersehen,  und  jene  bleiche  Paulina1 
wird  langsam  alles  darin  voruberfuhren,  was  im  Leben  unver- 
ganglich  ist,  jede  groBe  Stunde,  die  ewig  nachgliiht,  und  jede  10 
schoneSeele,  die  nievergessenwird,  und  vielleicht  einige  Schmer- 
zen,  und  ich  werde  ihnen  nachsehen  und  nachrufen :  ich  bin  noch 
wie  sonst.  —  Nein,  ihr  Freundinnen,  nicht  als  wenn  wir  uns  ver- 
lieren  und  verlassen,  sondern  weil  auf  der  Aolsharfe  der  Erinne- 
rung  vor  dem  wehenden  Abend  alle  Saiten  reden  und  zittern, 
werd*  ich  wie  scheidend  und  geschieden  in  die  Feme  sehen,  und 
die  Berge  werden  vor  dem  Nebel  der  feuchten  Augen  traumerisch 
wanken :  »0  nur  recht  wohl  geh*  es  euch  allen,«  werd'  ich  sagen 
miissen,  »nur  recht  selig  mog'  ich  euch  jedesmal  wiederfinden  - 
und  so  ziehet  dahin  wie  ich,  und  keine  gute  Stunde  werde  je  von  20 
uns  vergessen!« 

An  dich  denk'  ich  auch,  Otto,  aber  es  ist,  als  bekam'  ich  dich 
dann  mehr,  als  hielt*  ich  mit  dir  meine  Vergangenheit  und  Jugend 

naher  und  fester Wie  jetzt  das  Tonen  der  Gassenorgel  mein 

Herz  ergreift,  gleichsam  mit  einer  lauten  Vergangenheit  und  Zu- 
kunft! -  Aber  ich  fahre  fort  unter  den  weichen  Nachklangen.  - 

Dann  geht  die  Sonne  wie  ein  Fruhling  bliihend  unter,  und  die 
Lerchen  schweben  rot  iiber  ihr  und  singen  herab  -  der  Abend- 
wind  stiirmt  in  ihre  weiche  Glut  aus  Duft  und  kann  den  Rosen- 
hauch  nicht  verriicken  und  verwehen  -  der  ruhige  Himmel  tritt  30 
mit  seinen  stillen  Gestalten  iiber  die  bewegte  Erde  -  die  Nacht- 
schmetterlinge  saugen,  wie  die  Menschen  aus  eingeschlafnen 
Freudenblumen  der  Vergangenheit,  aus  den  geschlossenen  Blu- 
men  den  Honig  herauf  -  mir  ist,  als  flatterte  weiches  Getone  um 

1  Der  Gemahlin  des  Seneka  blieb  vom  Verluste  des  Blutes,  das  sie  mit 
ihrem  sterbenden  Mann  vergofl,  eine  blasse  Gestalt. 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  IO47 

mich  oder  Echos  umzogen  den  Horizont  -  und  mit  einer  hohern 
Liebe  gegen  alle  Herzen  des  Allgiitigen  beschlieBe  ich  den  un- 
schuldigen  Tag,  und  ich  sehe  nach  der  Stadt  mit  der  Brust  voll 
siiBer  Tranen,  sehnsuchtig  nach  meiner  Hermina,  um  sle  an  der 
ihrigen  zu  vergieBen.  Gute  Nacht!  - 


VlERTE  POETISCHE  EpISTEL 

Der  italienische  Tag 

Leipz.  In  der  MeBwoche  98. 
Hier  findest  du  mich  mit  ihr  in  der  kalten  Stadtkirche.  Der 

10  gestrige  Abend  glanzte  noch  in  meiner  Seele  nach,  als  ich  heute 
in  die  Stadt  iiber  den  tauenden  Morgenknospen  fester  Blumen 
und  durch  das  traumerische  Dammern  ging,  das  uns  zweimal  des 
Tages  an  Liebe  und  Jugend  erinnert,  wie  ja  am  Himmel  der  Stern 
der  Liebe  nur  in  den  beiden  Dammerungen  kommt  und  glanzt.  - 
Fiirsten  werden  die  Ringe  auf  goldnen  Tellern  prasentiert;  aber 
ich  nehme  sie  lieber  aus  der  geliebten  Hand.  Ich  strecke  die  mei- 
nige  fur  einen  wundertatigern  Ring,  als  der  salomonische  und 
papstliche  Siegelring  zusammen  sind,  gegen  meine  Rosinette  aus 
-  er  ist  die  Fassung  meines  Lebens,  wie  meiner  des  ihrigen;  den 

20  triiben  Saturn  der  hiesigen  kleinen  Zeit  machen,  wie  den  astro- 
nomischen,  zwei  Ringe  Hcht. 

Andere  Leser  als  du  machen  sich  jetzt  auf  einen  langen  Rap- 
port- und  Komodienzettel  von  Hochzeitgasten  gefaBt,  die  mit 
dem  jungen  Paar  in  einer  ausgestreckten  Wagenburg  nach  dem 
Giitlein  fahren;  -  was  auch,  wie  naturlich,  geschieht  bei  der  Sil- 
berhochzeit,  wozu  man  die  Jungfrau  Europa  hier  voraus  invitiert 
als  Kranzeljungfer;  aberwahrlich  nie  bei  der  Gold-  oder  Juwelen- 
hochzeit.  Wo  muBte  der  Brautigam  seine  fiinf  Sinne  haben,  wenn 
er  einen  zarten  Tag,  den  er  wie  einen  sakularischen  Jubeltag  nie 

30  in  duplo  bekommt,  und  der  als  ein  VergiBmeinnicht  der  Liebe 
ein  stilles  Tal  zum  Wachsen  fodert,  vor  Brennspiegel  setzen  oder 
solchen  mit  Saus  und  Braus,  mit  Trommetenschall  und  Pauken- 


IO48  BRIEFE  UND  BEVQRSTEHENDER  LEBENSLAUF 

knall  erschrecken  und  betauben  wollte?  —  Schon  gleichgiiltige 
oder  gar  liebe  Gaste  werden  storende  Drehkreuze  der  weichern 
Liebe;  aber  vollends  alte,  seit  Jahrzehenden  gekannte  Men- 
schen,  mein  Otto,  diese  wurden  wenigstens  deinen  so  sehr  be- 
wegten  Freund  dann  zu  tief  bewegen.  Gibt  es  denn  einen  Tag  auf 
der  Erde,  wo  alle  Jahrszeiten  in  der  Brust  und  die  schonsten  Tra- 
nen  im  Auge  sind?  -  Wend*  ich  nicht  schon  so  gewaltsam  meines 
von  den  kindlichen  weinenden  Umarmungen  ab,  unter  denen 
Rosinette  ihre  Eltern  wie  zum  erstenmal  verliert  und  sich  von 
ihnen  abreiBet  wie  von  der  leichternZeitder  Jugend  und  Liebe?  10 
Weine  nur  nicht  zu  Iange,  Hermine,  erinnere  mich  in  einer  sol- 
chen  Stunde  nur  nicht  zu  lange  durch  deinen  Abschied,  daB  ich 
keinen  mehr  zu  nehmen  habe  -  daB  die  guten  Augen,  die  sich 
iiber  das  Gliick  eines  Sohnes  erfreuen  und  benetzen  konnten,  o 
schon  so  fest  zugefallen  sind!  Riihre  die  Wunden  nicht  an,  die  nie 
auf  der  Erde  verschwinden  und  fur  welche  die  Zeit  nicht  die 
Wundarztin,  sondern  die  defer  schneidende  Eisen-Jungfrau  ist. 

Werd'  ich  nicht  ohnehin  noch  im  Freien  auf  dem  Wege  die 
liebe  Seele  zu  sehr  mit  dem  Gedanken  anschauen :  sie  ist  nun  eine 
Waise,  und  nur  durch  einen  Fremdling  wird  sie  elend  oder  froh?  20 
—  Eine  Braut  hat  ein  hoheres  und  kuhneres  Vertrauen  als  ihr  Ver- 
lobter,  der  gleichsam  auf  dem  Marktplatz  des  Glucks  noch  in  alle 
Gassen  des  Lebens  sieht.  -  Sogar  Rosinettens  Putz  macht  sie 
ruhrender  und  kleidet  sie  heiligend  fur  das  Kloster  der  Zukunft 
ein;  und  dem  Geiste,  der  sie  ehrt,  kommt  die  Pfiicht  ehrwurdiger 
und  schwerer  vor,  der  edeln  Waise  voll  Vertrauen  die  Eltern  zu 
vergiiten  und  dem  von  den  elterlichen  Wurzeln  losgeschnittenen 
Zweige  seine  Blumenerde  und  Pflege  zu  geben. 

Als  ich  indiesemFruhjahr  in  derDresdnerRiistkammer,  dieses 
bessere  grime  Gewolbe  fur  dasHerz,  herumging  und  die  von  den  30 
fiirstlichen  Brautfesten  iibriggebliebnen  Paradepferde  mit  ihren 
Schellendecken  ansah  und  einigemal  die  fest  hangende  schwei- 
gende  Hochzeitglocke  des  klingenden  Schellenspiels  anzog:  so 
bedacht'  ichs  geriihrt,  daB  ich  dieselben  Tone  auferwecke,  die 
einmal  in  freudigwallende  Herzen  sanken,  und  daB  der  leichte 
Klang  fortlebe,  indes  die  Ohren  und  die  Freude  und  die  Zeiten  so 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  1049 

tief  eingeschlafen  sind.  -  Nein,  Hermine,  mit  diesen  Phantasien 
will  ich  nicht  in  deine  bliihende  Gestalt  voll  lachelnder  Hoffnung 
blicken. 

Aber  in  dieser  Stimmung  wiird*  es  uns  beide  wie  mit  frischem 
Wasser  ansprengen,  wollten  meine  vier  Spitzer  Untertanen  einige 
Lot  Pirschpulver  und  Geigenharz  aufwenden  -  wiewohl  ich  ja 
das  Getd  dazu  geben  kann  -  und  mich  als  ihren  Vierfiirsten  samt 
ihrer  Vierfurstin  mit  Schiissen  und  Klangen  einholen  und  salu- 
tieren;  Rosinette  fande  sich  dadurch  nicht  nur  wie  unter  Ein- 
io  heimischen  wieder,  sondern  ich  bekame  auch  da  die  Gelegenhek, 
den  schon  seit  so  vielen  Monaten  und  Briefen  vorbereiteten  Zau- 
berschlag  zu  tun,  womit  ich  das  gemietete  Gutlein  in  ein  gekauf- 
tes  verwandle;  ich  konnte  den  Kauf brief  hervorziehen  und  ihr 
ihn  geben  mit  dem  Scherze,  der  ihre  zu  geruhrte  Oberraschung 
milderte:  »Es  sind  deine  vier  Lehnmanner  und  Vasallen,  und 
nimmst  du  mich  zum  funften  an,  so  hast  du  alle  funf  TrefTer.«  — 
Ich  glaube,  ich  kann  es  so  machen.  — 

Endlich  treten  wir  mit  dem  uns  nachgniBenden  und  nachschie- 
Genden  Quartett  in  den  Schlofihof  des  Lustschlosses,  das  darin  in 
20  der  Gestalt  eines  niedlichen  Gartenhauschens  steht.  Lasse  mich 
stillsein  iiber  den  ersten  betenden  Augenblick,  den  wir  im  Wohn- 
zimmer  haben,  wenn  wir  denken:  »Hier  sagen  wir  das  schone 
Wort  wiser  zum  erstenmal ;  hier  bleiben  wir  beisammen,  und  hier 
findet  uns  beide  das  Schicksal,  das  uns  frohe  Tage  bringen  oder 
wieder  nehmen  will.« 

Ich  fiihre  dann  die  Herzliche  uberall  herum  von  meiner  Ar- 
beitsstube  an  bis  zur  Kuche  hinab  -  ich  zeig'  ihr,  wie  ich  ihr  Ein- 
gebrachtes  pele  mele  aufgestellt  und  aufgehangen :  »Jetzt  setze  du 
alles  zurecht  nach  deinem  Gefallen«,  sag'  ich  -  sie  soil  sich  heute 
30  mit  nichts  bemengen  —  es  ist  ein  lyrischer  Tag,  der  durchaus 
italienisch  zu  verleben  ist  —  das  Hochzeitmahl  wird  aufgesetzt, 
allein  ich  sage:  »Essen  ist  an  solchen  Tagen  meine  Sache  nicht, 
leichter  trank'  ich ;  ich  weiB  aber,  kiinftig  mach*  ich  mehr  daraus.«  - 

Nach  dem  Essen  kommt  die  Hauptsache,  der  italiettische  Tag. 

Ich  weiB  nicht,  was  andere  von  ihm  halten;  ich  und  du  und  die 
Unsrigen  kennen  ihn  ganz  gut  von  unsern  Sonntagen  in  »Neu- 


IO5O  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

haus«  und  »Hofeck«  her.  Inzwischen  wird  er  hier  gemalt.  Ich 
konnte  auch  eine  geograpkische  Definition  von  ihm  vorausschik- 
ken  und  sagen,  ein  italienischer  Tag  sei  ein  Tag  in  Italien,  an 
welchem  man  genug  hat  ohne  die  Perspektive  eines  pveiten;  aber 
eine  dramatische  Definition  scheint  ebensogut. 

»Rosinette,«  -  sag'  ich  nach  dem  Kaffee  -  »es  ist  unmoglich, 
da6  man  heute  Platz  hat  in  der  Stube  an  einem  solchen  Tag,  o  sieh 
nur  den  himmlischen  Himmel  drauBen!  -  Und  ich  muB  dir  unser 
Tal  zeigen.«  Wir  gehen  (ich  glaube  um  2  x/2  Uhr)  durch  das  ganze 
Dorf.  Ich  nenn*  ihr  die  meisten  Hauser  und  zeige  ihr  besonders  die  10 
vier  in  meinem  Reich  von  Aachen  liegenden.  Und  mit  jedem 
Schritte,  den  ich  durchs  Dorf  mache,  fiihl*  ich,  sinken  und  wur- 
zeln  hinter  mir  die  Saulen  unsers  Gliicks  -Tempels  tiefer  ein.  Was 
von  meinen  Untertanen  zuHause  ist-  namlich  der  weibliche  Teil  -, 
sieht  dem  Fiihren  seiner  Dogaressa  und  Dauphine  nach.  Der 
mannliche  jauchzet  schon  den  dritten  Festtag  an  in  der  Karawan- 
serei;  und  es  ist  ein  schoner  Zufall,  daB  die  nan*  an  ihr  Hegende 
Miihle  das  Klappern  der  Rader  sonderbar-wehmiitig  mit  dem 
Klappern  der  Tanzer  verdoppelt  und  verwirrt.  Wir  gehen  etwas 
absichtlich  nur  von  feme  vor  dem  neuen  Pfarrhaus  voll  Pfingst-  20 
gaste  der  Nachbarschaft  vorbei;  es  ist  mir  ohnehin  schon  unter 
der  wachen  Menge,  als  hatt'  ich  meine  Rosinette  nicht  so  nahe  an 
mir  wie  in  meinem  SchloB,  und  ich  sehe  mich  unaufhorlich  um 
nach  der  Gegenwart  der  Lieben.  Hore,  ist  sie  nicht  redlich  und 
deutsch  und  nichts  als  ein  Herz?  -  Ich  verberg'  es  nicht,  es  ist  mir 
lieb,  daB  wir  nichts  vom  Pfarrer  sehen  als  im  Garten  seinen  kleinen 
Fritz  mit  einem  Stabnetz  zum  Fange  der  Schmetterlinge.  Beim 
Himmel !  ich  brauche  mit  keinem  Netz  zu  laufen  -  ja  ich  bin  selber 
einer  und  neben  einer  unverwelklichen  Blume. 

AuBen  am  Dorfe  an  einer  kleinen  Sennen-Hiitte,  auf  deren  30 
Strohdach  nicht  unmalerisch  eine  hinausragende  Leiter  Hegt,  rufet 
uns  aus  der  Mitte  des  Dorfs  das  eintonige  Schweizerhorn  des 
Hirten  arkadisch  nach;  und  wir  sehen  die  Kinder,  die  ihm  das 
beschorne  Schaf  mit  dem  Lamme  freudig  zutreiben.  Vielleicht  ist 
der  schone,  aber  mitleidige  Anblick  des  entkleideten  stillen  Tieres 
an  dem  Bedauern  schuld,  das  wir  mit  der  Feldeinsamkeit  des 


KONjEKTURAL-BIOGRAPHIE  1051 

Hirten  haben,  wahrend  der  tanzenden  schwatzenden  Geselligkeit 
des  Orts;  aber  abends  hat  der  Mann  noch  zu  allem  Zeit. 

Nun  wirst  du  glauben,  daB  wir  nach  Hofeck  Ziehen  (denn  so 
will  ich  dem  Hofer  Hofeck1  zu  Ehren  das  Spitzer  nennen,  das  an 
der  Hintertiire  des  Tales  liegt) ;  es  sollte  mich  aber  wunderneh- 
men.  Das  Ortchen  an  sich  ist  zu  schatzen  und  recht  fur  semen 
Zweck  gemacht.  Jeder  will  zu  seiner  Lustbarkeit  ein  nahes  Dorf- 
chen,  ein  Brandenbourg-house,  ein  Luisium,  einen  Prater  haben, 
von  welchem  er  zweierlei  verlangt,  erstlich  daB  er  da  seinen  Kaf- 

10  fee  -  oder  was  er  mitbringt  -  so  gut  zu  sich  nehmen  konne  als 
zwischen  seinen  vier  Pfahlen,  und  zweitens  daB  er  dahin  zu  mar- 
schieren  habe,  wenigstens  eine  Viertelstunde  lang.  Paaret  nun 
eine  solche  konigliche  Bagatelle,  ein  solcher  Sommersitz  beide 
Vorziige :  so  geht  man  wieder  nach  Hause,  ganz  neu  aufgefarbt 
und  umgegossen,  und  findet  daheim  -  so  wie  wenn  man  nach- 
mittags  einige  Stunden  geschlafen  hat  -  nach  so  langer  Abwesen- 
heit  alles  neu  und  sieht  jeden  an. 

Ich  sagte  aber,  es  sollte  mich  wundernehmen,  wenn  ich  mit  ihr 
nach  Hofeck  ginge  -  und  zwar  darum,  weil  wir  uns  dann  einen 

20  Zweck  vorsetzen  miiBten,  welches,  den  besten  italienischen  Tag 
zugrunde  richten  miiBte.  Man  genieBet  die  Natur  nie  ganz,  wenn 
man  irgendwo  -  und  war's  zum  nachsten  Pfahl  -  hinwill,  oder 
auf  irgendeine  Sache  -  und  war*s  eine  Geliebte  -  auslauft :  son- 
dern  man  lasse  sich  wie  ein  s.chlafender  Schwan  dahingegeben 
von  ihren  Wogen  drehen  und  fiihren.  O  warum  fangt  der  Mensch 
im  Leben  das  Leben  von  neuen  an  und  glaubt  nur  die  Zukunft 
begiitert  und  das  Jetzt  verarmt?  Warum  schiebt  er  den  Zeitpunkt, 
wo  er  von  der  Zukunft  nichts  begehrt  als  dessen  Fortsetzung,  ins 
-  Alter  hinaus,  wo  er  nur  aus  Mangel  an  Zukunft  sich  mit  dem  Jetzt 

30  abspeiset?  - 

Aber  schaue  lieber  in  unser  voiles  helldunkles  Tal,  gleichsam 
in  eine  verlangerte  Laube,  in  ein  bliihendes  Souterrain  des  Frii fi- 
lings. Wir  gehen  an  einem  durchs  ganze  Tal  hinaufredenden  Bach 
und  treten  bald  in  den  Schatten,  bald  in  den  Glanz  und  gehen 

1  Ein  anmutiges  Lustortlein  bei  Hof  ^mit  Heblicher  Aussicht  und  Nach- 
barschaft. 


IO52  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

durch  vergoldete,  in  den  Liiften  streitende  Heere,  durch  flie- 
gende  Lieder  und  durch  schweifende  Freudenrufe  und  Lockun- 
gen.  An  der  schonsten  S  telle,  wo  etwan  der  Bach  sich  selber  einen 
runden  stillen  glatten  Hafen  bauet,  muB  sie  ausruhen;  wir  kon- 
nen  auch  sitzend  leichter  ein  Wort  red  en  und  uns  ansehen.  Wie 
uns  die  Welt  so  freundlieh  und  friedlich  mit  einem  Ringeltanz 
freudiger  Kinder  umgibt! 

Wir  sind  so  beruhigt,  daB  ich  das  Buch,  das  ich  zum  reizenden 
Wechsel  zwischen  Lesen  und  Reden  eingesteckt,  herausziehe;  es 
betitelt  sich  »Jean  Pauls  Briefer  Aus  Abneigung  gegen  eignes  10 
und  fremdes  Vorlesen  bin'  ich  Rosinette,  das  Buch  so  ausein- 
andergebrochen  zu  halten,  daB  beide  Schalendeckel  sich  beruhren, 
weil  ich,  da  ich  schneller  bin,  die  untere  zweite  Seite  lesen  will, 
indes  sie  noch  an  der  ersten  studiert.  Ich  bin  den  Augenblick 
fertig  und  schaue  dann  muBig,  unter  das  Buch  gebiickt,  hinauf  in 
ihr  halbgeschlossenes  gesenktes  Auge,  das  sie,  weil  sie  mich  schon 
ein  wenig  kennt,  ungemein  liebreich  zuweilen  wie  einen  Himmel 
gegen  mich  aufschlagt,  darnit  ich  etwas  habe.  Auch  ergreift  die 
reizende  Dichtung  darin  »Luna  am  Tage«  sie  in  der  Tat.  Dann 
les'  ich  wieder  mit  ihr,  geschmiegt  an  ihren  linken  Arm,  die  obere  20 
Seite  und  bin  wieder  gleich  herunter  —  verzeih'  mir  der  treffliche 
A.utor  der  Briefe  dieses  leichte  Wesen!  —  und  schaue  sie  in  den 
Ferien  durch  die  Locken  und  dann  von  der  Seite  an  und  hange  an 
der  nahen  jung-  und  zart-gemalten  Wange  und  an  den  fein  zu- 
sammenlaufenden  Schonheitslinien  des  halben  Knospen-Mundes 
-  sie  Iieset  ernst  fort,  als  sen'  sie  nicht  alles  -  ich  lehne  mich  ein 
wenig  vor  und  erprobe  und  sichte  durch  Lacheln  den  verstellten 
Ernst  —  die  Purpur-Lippen  stemmen  sich  gegen  das  innere  La- 
cheln, aber  endlich  zerflieBen  sie  eilig  ins  auBere  -  und  sie  legt  das 
Buch  nieder  (ich  bedauere  nur  den  armen  Verfasser)  und  sieht  30 
mich  mit  ergebener  Freundlichkeit  an,  gleichsam  als  sagte  sie: 
nun,  so  spiele  denn,  Schaker!  -  Aber  ich  falle,  geriihrt  von  der 
leuchtenden  Liebe,  ernst  an  das  fromme  Herz. 

Allein  dann  sind  wir  zu  bewegt,  zu  scherzen  oder  zu  lesen.  O 
wie  glanzet  die  Welt  vor  dem  feuchten  Auge !  Der  Wind  spielet 
mit  dem  Grase,  und  es  schimmert  unter  dem  Aufrichten  -  der 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  io53 

Schatte  einer  hellen  Wolke  ruht  neben  einerBlume  fest  und  riicket 
nicht  -  und  der  Kafer  voll  Blumenstaub  tragt  wie  in  einer  Ent- 
ziickung  die  Fliigel  wie  aufgebundnes  Haar  weit  auBer  den  Flii- 
geldecken,  und  das  durchsichtige  hellgriine  Raupchen  hangt  wie- 
gend  in  der  Schaukel  seines  Fadens  nieder  -  und  auf  dem  belaub- 
ten  FuBsteig  am  Bergriicken  wandeln  geschmiickte  Menschen  zu 
den  Freunden  und  Freuden  des  Festes  -  und  oben  auf  dem  wal- 
digen  Gipfel  des  langen  Berges  ruhet  lachelnd  die  Sonne  und 
schauet  in  ihren  Friihling  herein.  —  Wir  verlassen  die  selige  Stelle 

io  und  schwanken  dann  still  und  voll  durch  den  langen,  von  Bliiten 
verfinsterten  Irrgarten  des  Tals.  Das  Saitenspiel  der  Wonne  er- 
klinget  jetzt  von  selber  ohne  eine  spielende  Hand,  es  tonet  schon, 
wenn  die  Miicke  oder  der  Zephyr  darauf  fliegt.  Nicht  mehr  ein- 
zelne  Schonheiten,  sondern  das  dunkle  und  zusammenlaufende 
Gemisch  von  hohen  Liedern  iiber  uns  und  von  geatzten  Vogeln 
und  vom  Wehen  und  Sumsen  und  von  fernen  Menschenstimmen 
und  die  ganze  vielgestaltige  tausendstimmige  Natur  dringt  in 
einem  groBen  Traum  fullend  in  die  Brust.  - 

Jetzt  ist  es  gut,  daB  wir  zufallig  uns  verirret  haben  nach  - 

20  Hofeck.  Es  mildert  die  hohen  Farben  des  Traums.  Hier  stelP  ich 
ihr  das  Haus  und  die  Leute  vor,  die  wir  so  oft  besuchen  werden. 
Wir  sehen  auf  einmal  tausend  schone  Nachmittage  in  ihren  Knos- 
pen  vor  uns.  Der  Zuhorer  wegen  breit'  ich  vor  Rosinetten  eines 
und  das  andere  Model-  und  Mustertuch  aus,  wornach  etwan  das 
kiinftige  Haushalten  zu  zeichnen  und  zu  sticken  ware. 

Endlich  setzen  wir  uns  in  den  duftenden  Garten  heraus.  Es  wird 
dir  gefallen,  daB  ich  noch  etwas  in  der  Tasche  habe,  was  recht 
ins  kleine  runde  Eden  passet,  namlich  Rosinettens  Stammbuch. 
Weibliche  Stammbucher  waren  fur  mich  von  jeher  ein  Album 

30  im  moralischen  Sinn,  ein  Blumenblatterkatalog,  eine  Blumenlese 
zarter  Wiinsche  und  Traume,  ein  Ernteregister  der  Stundenzettel 
der  jungfraulichen  Jugend.  Dieses  Manuskript  les'  ich  ernsthaft 
mit  ihr  und  innig  bewegt  von  den  liebenden  Wunschen  und  oft 
fast  verzagend  an  dem,  der  sie  erfullen  hilft.  Unter  den  wenigen 
mannlichen  darin  will  mir  keiner  gefallen,  den  ausgenommen, 
den  ich  selber  hineingeschrieben.  Hier  ist  er;  er  wurde  damals 


1054  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

noch  ohne  Riicksichten  und  HofFnungen  gemacht,  inzwischen 
dacht*  ich  doch  (wie  wir  alle)  dabei  an  Moglichkeiten : 

»DieFehler  derweiblichenSeele  kommen  aus  zuweicherLiebe, 
und  ihre  Flecken  sind,  gleich  den  Mondsflecken,  Blumenauen; 
unsere  Fehler  kommen  aus  Egoismus  und  Harte  und  sind,  gleich 
den  Sonnenflecken^  ausgebrannte  oder  entbloBte  Teile  des  Son- 
nenkorpers. 

Eine  Jungfrau  wohnt  in  einem  heiligen  dunklen  Hain,  von  wel- 
chem  niemand  einen  Zweig  abhaue  und  den  nur  die  Jahrszeit 
lichtet;  und  im  Haine  hangt  sogar  iiber  ihre  Gottin  wie  uber  die  10 
Isis  der  Schleier  nieder. 

UnvergeBlichei  So  gliicklich  es  Ihnen  auch  auf  der  be- 
weglichen  Erde  gehe,  so  zufrieden  Ihre  stille  Seele  werde : 
so  werd*  ich  doch  immer  sagen:  sie  hat  mehr  verdient! 
'  -  i  — ,  d.  29.  Mat  179- 

Jean  Paul  Fr.  Richter.« 

Wenn  ich  diese  unter  so  unsichtbaren  HofFnungen  geborne  An- 
rede  im  Garten  wieder  lese:  so  sen'  ich  bescheiden  meine  Hermine 
an  und  wiederhole  die  letzte  Zeile,  und  so  schonend  und  liebend 
sie  auch  aussehe,  so  sag*  ich  doch  mit  der  letzten  Zeile:  »Du  hast  20 
mehr  verdient !« 

Dann  brechen  wir  auf.  Das  selige  Herz  ists  zu  sehr  -  Jedes 
Gefuhl  tragt  eine  Krone  -  Die  kleinsten  Sternschnuppen  des  ver- 
ganglichen  Lebens  werden  Sternbilder  und  riicken  als  ein  Son- 
nen-Kreis  dem  Herzen  naher  -  Der  Mai  geht  vor  uns  her,  nicht 
(wie  nach  dem  Abbilde  der  Alten)  als  ein  reitender  Jungling,  der 
einen  raubenden  Falken  tragt,  sondern  als  einer  voll  zahmerGras- 
miicken  und  Nachtigallen.  —  Innig-selig  wandern  wir  die  alten 
betaueten  Steige  des  heitern  Nachmittags  zuriick,  und  uns  ist,  als 
sei  es  schon  lange,  daB  er  dagewesen.  -  Die  Schatten  haufen  sich  30 
wie  ausgebrannte  Schlacken  am  langen  Bergabhang  unter  dem 
griinenden  Golde  des  Abends  an.  Wir  kommen  wieder  an  die 
kleine  Quellen-Bucht,  unsern  heutigen  Spiel-  und  Ruheplatz,  er 
ist  schon  kiihl  beschattet,  und  nur  rege  Goldfalter  glimmen  noch 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  IO55 

auf  den  kurzen  Uferblumen.  Die  wankende  Welt  von  Gipfeln 
ruht  aus  und  zeigt  fest  gen  Himmel;  und  die  niederhangende 
Sonne  reift  als  eine  goldne  Frucht  zwischen  ihrem  Laub ;  und  wir 
drehen  uns  unaufhorlich  urn  nach  dem  milden  fallenden  Glanz. 
»Ach  Hermine,«  sag*  ich,  »wie  lieb  und  nahe  wird  einem  Men- 
schen  die  Erde  und  das  Leben  wieder,  der  lieben  darf  und  der 
geliebt  wird  1  -  Wie  befestigt  der  Gedanke  das  Herz,  daB,  wenn 
immer  einst  die  kalte  Zeit  anriickt,  die  alle  unsere  Bliiten  abstreift 
und  den  langen  Friihling  in  einen  diinnen  Traum  verkehrt,  daB 

io  wir  durch  sie  nichts  zu  verlieren  und  zu  fiirchten  haben,  weil  das 
Tempelfeuer  imHerzen  durch  alle  nassewindige  Jahre  fortbrennt, 
weil  ja  unsere  Herzen  einander  nie  verlassen,  weil  ja  deine  Hand 
in  meiner  bleibtU  -  Und  sie  antwortet:  »Ach  die  Liebe  leidet  bei 

jeder  HofTnung,  sie  will  keine,  sondern  nur  Gegenwart.« 

Du  gute  Sonne  gieBest  auf  einmal  wieder  deinen  Glanz  daher, 
weil  du  zwischen  den  weiten  Stammen  zerronnen  auf  den  Berg- 
blumen  als  ein  grofier  goldner  Tautropfe  liegst  -  und  nun  werfen 
aus  dem  bestrahlten  Bach  die  springenden  Fische  goldne  Wellen 
empor  -  und  an  den  Fenstern  unserer  Heimat  leuchtet  der  ver- 

20  glimmende  Abend  -  und  iiber  unserem  Hause  ruht  bescheiden 
die  bleiche  Wolkenflocke,  der  Mond,  und  verschiebt  den  Glanz  - 
-  Meine  arme,  nur  an  einsame  Wonne  und  an  unerfullte  Traume 
gewohnte  Seele  wird  freudig  iiber  die  nahe  zweite  Seele  und  iiber 
die  Erfullung  erschrecken :  »Ach  Hermine,«  werd*  ich  sagen,  »wie 
selig  bin  ich!  -  Und  bist  du  es  nicht?  -  In  diesem  Himmel  kon- 
nen  wir  immer  besser  und  heiliger  werden;  und  ich  werde  dich 
jeden  Tag  mehr  lieben,  je  besser  ich  werde.«  -  Aber  ihr  nasses 
Auge  wird  mich  ansehen,  und  ich  errat'  es  wohl,  daB  sie  meint : 
»Ja  wir  werden  immer  besser  werden,  aber  konnen  wir  uns  mehr 

30  lieben  ?«  — 

R. 


IO56  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

FUNFTE  POETISCHE  EpISTEL 

Meine  Hausvaterschaft  -  das  Kinderkonzert. 

Leipzig.  Zahlwoche,  98. 
Aber  die  Zahlwoche  geht  mich  nichts  an,  kaum  als  Buchhand- 
lerwoche.  —  Gott  erhalte  diesen  Friihlingshimmel  iiber  uns  so 
lange  blau,  bis  ich  unter  ihm  weg  nach  Weimar  abfliege!  -  Ich 
kann  nicht  recht  in  die  Epistel  hinein,  lieber  Otto  -  eine  blaue 
Mundtasse  neben  meinem  Ellenbogen,  woraus  ich  trinke,  pertur- 
biert  mich  in  meinem  planetarischen  Lauf.  Augusta,  die  mit  Mann 
und  Schwester  dagewesen  (ich  habe  dirs  aber  geschrieben),  schenkte  10 
mir  das  perturbierende  Weltkorperchen^  Reise  unter  einer  milden 
wolkenlosen  Sonne,  Hebe  Seele,  sowohl  nach  Haus  als  durchs 
LebenI  - 

Im  letztern  Fall  bin  ich  in  der  jetzigen  Epistel.  Du  solltest  uns 
beide,  die  Neuvermahlten,  sehen  im  ersten  Jahre  unserer  Freiheit 
von  der  Welt  -  namlich  jetzt,  denn  wenns  da  ist,  kommst  du 
ohnehin  -,  wie  wir  dasselbe  mit  italienischen  Tagen,  Nachmit- 
tagen  und  Stunden  durchwinden!  - 

Ich  distinguiere  nach  der  Zahl  meiner  Landessassen  vier  Jahrs- 
zeiten  der  Liebe  gegen  eine  Frau:  die  erste  ist  die  Liebe'gegen  sie  20 
vor  der  Verlobung  oder  der  Friihling  -  die  zweite,  heiBere,  nam- 
lich der  Sommer,  fallt  nach  derselben  und  dauert  bis  an  den  Altar 
-  die  dritte,  der  magische  traumerische  sanfte  Nachsommer,  den 
andere  das  Honig-  oder  Flitterjahr  nennen  (ein  Flitter jahrhun- 
dert  •war'  etwas),  werd'  ich  sogleich  an  mir  selber  malen,  wenn 
ich  die  vierte  genannt,  den  hellen  reinen  hauslichen  Winter  der 
Freundschafr,  die  durch  einerlei  Zwecke,  durch  gegenseitige  Un- 
entbehrlichkeit,  durch  eine  lange  Gemeinschaft  des  Lebens  und 
Duldens  und  Freuens  so  sehr  zwei  Herzen  mit  alien  ihren  Wur- 
zeln  ineinander  verwickelt,  da£  es  mir  oft  wehe  tut,  daB  die  Hand  50 
der  Zeit  dem  armen,  so  oft  beraubten  Menschen  gerade  im  kalten 
schwerheilenden  Alter  die  weiteste  Wunde  macht  und  ihm  das 
Beste  aus  der  Brust  schmerzlich  zieht,  das  eingewurzelte  zweite 
Herz. 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  IO57 

Wo  bin  ich?  Aber  der  Komodienzettel,  der  mir  mit  seinem 
angekiindigten  Trauerspiel  hergelegt  wurde,  fiihrte  mich  so  tief 
in  jenes. 

Ach  das  Hyblahonig-Jahr!  -  Ich  weiB  nicht,  ob  ichs  nicht  das 
tausendjahrige  Reich  der  Liebe  heiBe.  Urteile  selber!  -  Man  sitzt 
droben  in  seiner  Studierstube  in  neuer  Wasche  wie  BufTon1  und 
schreibt  an  den  besten  Schriften  weiter,  und  die  emsige  Seele  im 
weiBen  Hausgewand  will  nur  durchlaufen,  urn  den  Mann  nicht 
zu  storen;  aber  er  legt  die  Feder  uber  das  DintenfaB  und  gibt  ihr 

10  die  Hand  und  zieht  sie  an  sich,  und  sie  buckt  sich  lesend  gegen 
das,  was  er  hingesetzt  -  Mit  groBerem  Feuer,  weil  ihr  ja  alles  zu- 
gute  kommt,  sowohl  die  Schopfung  als  die  Ehre  und  der  Ehren- 
sold,  tunkt  er  wieder  ein  und  denkt  unter  den  schonsten  Szenen 
ans  Essen!  -  Denn  das  Essen  Neuvermahlter  ist  das  einzige  echte 
oder  das  mit  seinen  Kindern;  bei  jedem  andern  als  Einsiedler  oder 
als  Gast  mocht*  ich  ebensogern  Zahne  und  Schlund  in  die  Tasche 
stecken.  Er  aus  seiner,  sie  aus  ihrer  Kuche  kommend  -  beide  fiir- 
einander  arbeitend  -  streitend  nicht  um,  sondern  gegen  die  kost- 
lichsten  Bissen  -  und  so  recht  lange  beisammensitzend  ohne  Mit- 

20  tagsschlaf,  leicht,  zufrieden,  often,  warm,  zart  und  lustig  -  welche 
Hochzeitgaste !  -  Kann  der  junge  Mann  nicht  sogar  scherzen 
uber  seine  Schreibereien  wie  Siebenkas?  Er  kann,  sollt'  ich  den- 
ken,  leicht  sagen,  das  Fixum  fiir  seine  satirischen  Digressionen 
und  Extrablatter  setz'  er  ihr  zum  Nadelgelde  aus  -  die  Sporteln 
fiir  das  Tragische  konne  man  fiir  die  Kinder  aufheben  -  von  der 
bloBen  Geschichte  werde  gelebt  und  gewirtschaftet  -  mit  trock- 
nen  Abhandlungen  gegen  Philosophen  und  Kritiker  konne  man 
Gaste  traktieren. 
Ich  halte  diese  Zeit  fiir  die  neueste,  die  man  im  Leben  hat,  denn 

30  alles  ist  neu  darin,  jeder  Gast,  jede  Woche,  jede  Hoffnung.  Aber 
doch  wird  der  Honig  derselben  aus  hoch  hinauf  bedornten  Blu- 
men  genommen;  diese  Zeit  nahrt  einen  Seufzer,  der  die  Liebe 
darin  so  unendlich  zart  und  heilig,  aber  auch  so  bange  macht. 
Schon  seit  zehn  Jahren  -  denn  ich  kann  nichts  erleben  als  vidi- 
mierte  Kopien  dessen,  was  ich  schon  zehnmal  gedacht  und  ge- 
1  Er  zog  sich  weiB  und  reinlich  zu  seinem  Schreiben  an. 


IO58  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

schrieben  habe  -  trag'  ich  mich  mit  der  Angst  vor  einem  Tage 
herum,  der  zwar  meist  in  jedem  Jahre  wiederkommt,  der  aber  im 
ersten  einem  Hebenden  Manne  immer  so  erweichend  vorschwe- 
ben  muB,  daB  ich  nicht  begreife,  wie  er  das  teuere  leidende  Wesen 
ohne  innigste  Ruhrung  und  Liebe  ansehen  kann,  das  so  allein 
ohne  ihn  uber  einen  schmalen  scharfen  Steig  zwischen  Alpen- 
griiften  gehen  muB,  indes  er  driiben  fest  auf  seinem  breiten  Boden 
sitzt. 

Aber  ich  will  nicht  in  die  heilige  Wolke  treten,  womit  der  All- 
gutige  eine  fremde  Zukunft  bedeckt;  ja  sie  bleibe  mit  ihren  Far-  10 
ben  auch  auf  einer  darauf  folgenden  Wonne  verhullend,  welche 
der  Dichter  schwer  ahnen  und  nur  der  Vater  fuhlen  und  nur,  wer 
beides  ist,  beschreiben  kann. 

Ich  sollte  statt  eines  Absatzes  eine  Epistel  anfangen,  weil  ich 
uns  beide  auf  einmal  in  die  spate  vierte  Jahrszeit  der  Liebe  fuhre 
iiber  manche  Berge  und  Jahre  hinweg.  Du  sollst  sie  nach  dem 
Andreastage  beurteilen,  den  ich  aus  der  Jahrszeit  aushebe.  Die 
Hauslichkeit  und  Ehe  gleicht  dem  Magnet  auch  darin,  daB  sie  im 
physischen  Winter  in  Norden,  bei  Nordwinden  und  nassem  Wet- 
ter groBere  Krafte  zeigt.  20 

Du  kannst  dir  denken,  daB  ich  am  Andreastage  so  aufstehen 
werde,  daB  ich  keine  meiner  jetzigen  Westen  um  mich  zuknopfen 
konnte.  Stelle  dir  einen  stattlichen  proportionierten  Funfziger 
vor,  so  schwer  wie  seine  vielen  Werke,  der  ein  ernsthafterMensch 
sein  konnte,  wenn  er  sonst  wollte!  Aber  diesen  wird  nie  dieses 
Hokuspokus-Leben  an  mir  erleben,  das  uns  auf  der  gestirnten 
Buhne  des  Universums  zu  bloBen  Statisten  macht,  wenige  Genies 
ausgenommen,  die  es  zu  Bedientenrollen  treiben  oder  gar  zu  sol- 
chen,  wo  sie  gepriigelt  werden.  Es  ist  mir  uberhaupt  trotz  meines 
lieb-  und  geistlichen  Wohlbefindens  immer  so,  als  war'  ich  rioch  30 
gar  nicht  recht  ins  Leben  hinein,  als  schwebt*  ich  auBen  darum, 
als  muss'  es  etwas  Festers  und  Dichteres  sein;  oder  hat  mich  viel- 
leicht  der  Komet  der  zweiten  Welt  -  welches  wohl  sein  kann,  da 
er  vor  vielen  Jahren  im  November  mit  seinen  Anziehungskraften 
zu  nahe  vor  mir  voriiberging  -  mit  den  Wurzeln  herausgezogen 
und  hat  mich  so  wie  eine  Hyazinthe  in  der  Luft  hangen  lassen, 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  IO59 

wiewohl  bliihend?  Indes  schnellet  dieses  Tremplin  oderSchwung- 
brett  einen  Mann  iiber  manchen  zwickenden  Krebs  und  giftigen 
Dunst  empor  —  und  die  Freuden,  die  aus  Erdarten  praparierten 
ausgenommen,  behalt  man  alle.  Vielmehr  setzet  man  dadurch  vor 
alle  blendende  Freuden  italienische  Transparents,  mit  Mond- 
schein  bemalet,  ja  alle  reichen  Auen  liegen  in  einem  verklarenden 
Mondlicht  um  uns  -  und  endlich  steigt  doch  am  Horizont  der 
Kopf  des  Freund  Heins  als  Sonne  auf.  - 

Ich  nehme  einen  solchen  Andreastag,  wo  es  schon  zugewintert 

10  hat  und  man  im  Kampanertal,  wo  der  italienische  Tag  gebliiht, 
sehr  waten  muB.  Die  Kinder  freuen  sich  iiber  den  tiefen  Schnee 
und  stampfen  darin  versuchsweise  herum  und  erkalten  sich,  um 
sich  nachher  zu  erwarmen.  Sie  erwarten  auf  nachmittags  ihren 
Herrn  Paten;  das  bist  -  du.  Was  du  namlich  von  Tauf-  und  Ge- 
schlechtsnamen  an  dir  hast,  hab*  ich  zweimal  zu  Gevatter  gebeten, 
einmal  mannlich,  einmal  weiblich  flektiert,  so  dafi  die  Namen 
eben  zu  7  Kopfen  zulangten.  Es  wird  friiher  abgegessen  —  vieles 
gebohnt  -  seltene  Tassen  werden  vorgehoben,  namlich  ein  Paar 
mehr  fur  dich;  denn  ich  kenne  nichts  HaBlicheres,  als  gerade  das 

20  Schonste  ungebraucht  zu  sparen  wieder  fiir  einen  Sparer;  und 
war*  ich  ein  Erzengel,  fiir  welchen,  wie  ich  mir  oft  gedacht,  ein 
ganzes  Weltensystem  nur  eine  mit  Brillanten  besetzte  Achttage- 
uhr  mit  Terzienzeigern  von  Monden  ist,  und  hatt*  ich  diese  Uhr, 
ich  triige  sie  auf  Reisen  und  iiberall. 

Du  bist  kaum  herein  und  hast  noch  den  Schnee  an:  so  sprech* 
ich  schon  vom  Fortgehen,  woraus  heute  in  jedem  Betrachte  nichts 
wird;  jeder  Festtag  will  eine  unbestimmte  Lange,  und  diese  hat 
nur  ein  Abend.  Jetzt  erst  lass*  ich  dich  ein  Wort  mit  deiner  lar- 
menden  Namensvetterschaft  sprechen.  Christian  und  Otto  wer- 

30  den  dich  freuen,  auch  Hans,  der  Philosoph,  an  den  ich  den  Brief 
adressiert,  weiB  fiir  sein  Alter  Bescheid.  O  sieh  auch  die  blasse 
stille  Christine  an,  die  sich  an  die  Hand  ihres  Vaters  schmiegt  und 
so  verschamt  und  freundlich  die  blauen  Augelein  zu  dir  aufrichtet, 
die  leibhafte  Mutter!  - 

Abends  sind  sie  gesonnen,  dem  Paten  ein  Konzert  zu  geben, 
und  der  Vater  ist  als  Musikdirektor  dabei  angestellt. 


I060  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

Vorher  fahren  wir  beide,  nach  dem  Verbrauch  der  seltensten 
Tassen,  in  Diskursen  in  der  warmen  Stube  auf  und  ab.  Die  Frau 
steht  noch  auf  dem  okonomischen  Horeb  und  Sinai  und  fertigt 
10  Gebote  aus,  und  nur  in  der  Dammerung  und  abends  hat  sie 
eine  ruhige  Stunde  fur  uns.  Die  gute  Seele  will  Heber  den  Freund 
entbehren,  den  sie  mit  mir  liebt,  um  mehr  fur  ihn  zu  sorgen;  so 
sind  die  guten  Weiber;  die  weiblichen  Kraftgenies  hingegen  sind 
wie  wir.  Ich  und  du  werden  nicht  feftig  miteinander  und  sind 
doch  nicht  uneinig  -  nab*  ich  nicht  von  Welthandeln  mit  dir  zu 
reden,  und  von  gelehrten  Sachen,  von  der  Auswechslung  unserer  10 
Manuskripte,  von  der  Stadt  und  von  meinem  Pfarrer  in  Spitz? 

-  Ich  werde  dich  dann  (ich  sag*  es  hier  voraus,  und  du  kannst 
mich  beim  Wort  halten)  daran  erinnern,  daB  die  Weissagung,  die 
ich  in  der  Vorrede  dieses  Buchs  aussprach,  nur  zu  wohl  einge- 
troffen.  Wir  werden  unsere  Gedanken  dariiber  haben,  daB  der 
egoistische  Handel,  eine  hohere  Art  von  Kommerzspiel,  immer 
weiter  greift  und  daB  die  Liebe  jetzt  nur  als  Hermerotes1  darzu- 
stellen  ist,  die  Weisheit  als  Hermathena,  die  Kraft  als  Hermeraklae. 

-  Wie  war's  in  dieser  Warme  moglich,  auf  den  Polterabend  der 
lauten  Kinder  hinzuhoren,  denen  auf  dem  Lande  stets  ein  Gast  20 
das  lustige  Feuerwerk  losziindet  und  denen  er  einen  hubschen 
Ast  vom  Freiheitsbaume  abhauet  und  zulangt?  - 

Auf  einmal  lispelt  die  blaBwangige  blauaugige  Christine  den 
Brudern  etwas  ins  Ohr  -  wer  errat  es  nicht?  -,  und  die  Briider- 
schaft  stiirzt  hinaus,  Hans,  den  groBen  Philosophen,  ausgenom- 
men,  der  an  den  philosophischen  Schreibfingern  des  Vaters  mit 
auf-  und  abtrabt  und  schon  etwas  Rechtes  sein  will.  Ich  sage  dirs 
auf  griechisch,  was  sie  vorhaben.  Endlich  machen  die  Wildfange 
die  Tiire  weit  auf  (ganz  wie  es  bei  meinen  guten  Eltern  war;  daher 
ich  auch  glaube,  der  Geschmack  an  dem  hauslichen  Leben  neh-  30 
me  einen  Teil  seiner  SuBigkeit  aus  der  damit  verbundnen  stillen 
Wiederholung  des  kindlichen  her),  und  nun*  zieht  unser  alter 
Holzhacker  eine  sperrige  weitastige  Birke  mit  dem  Stamm  voran 

1  Diese  Statue  stellte  den  Gott  der  Kauf  leute  mit  dem  Amor  verschmolzen 
vor;  die  zweite  ihn  mit  der  Minerva;  die  dritte  seinenRumpf  unterHerkuIes* 
Kopf.  Pitiscus  und  Schottgen. 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  Io6l 

rauschend  herein,  und  Christian  tragt  noch  einen  diinnen  Ho- 
lunderbaum  nach.  Die  Madchen  schleppen  Wasser  zu,  das  heiBe- 
ste,  was  die  Kiiche  Hefert,  und  Lauge  als  Dungesalz,  und  Hans 
der  Philosoph  den  groBten  Topf  im  Hause.  Und  so  wird  der 
Spalierbaum  in  seinen  Treibwinkel  mit  Schniiren  eingespannt, 
und  kein  Stamm-  und  Freiheitsbaum  verschlieBet  schonere  Bliiten 
und  Friichte,  als  er  Hefern  wird.  O  ihr  seligen  Kinder,  noch  indi- 
sche  Gotterchen  auf  Blumen,  oder  Genien,  die  halb  darin  einge- 
scheidet  wachsen !  Jedes  griine  Blatt  ist  euch  ein  Blutenblatt,  in- 

ip  des  unsere  Bliiten,  gleich  denen  eines  Baums  in  Portugal,  oft 
FHegen  gleich  sehen !  -  Ihr  braucht  keine  kiinftige,  noch  weniger 
vergangene  Freude  zu  einer  gegenwartigen,  indes  wir  tief  ineuere 
Zeit  hinabgraben  miissen,  um  Abdriicke  von  Blumen  uns  zu  ho- 
len,  wie  auch  in  der  physischen  Erde  die  Blumenabdriicke  unter 
alien  am  tiefsten  liegen. 

Dann  kommt  das  Hesperien  der  Dammerung,  und  wir  sitzen 
nieder,  und  die  Kleinen  setzen  sich  um  und  auf  uns.  Ich  hoffe,  du 
liigst  dann  so  gut  wie  ich  liber  das  in  der  Hohe  ziehende  Christ- 
kindlein  und  iiber  viele  ihm  entfallne  Goldflitter,  die  du  auf  dem 

20  Schnee  angetrofTen  und  yon  welchen  du  einige  wirklich  vorzei- 
gen  kannst.  Ich  will  blofi  auf  etwas  Rotes  am  Himmel  aufmerk- 
samer  machen,  aber  nicht  dariiber  disputieren,  kommts  vom 
Abendrot  oder  vom  Widerschein  der  goldnen  Fliigel  des  hei- 
ligen  Christs  oder  seiner  roten  Stettiner  her.  Wahrend  du  deine 
Flitter  vorweisest,  behang'  ich  ungesehen  den  Baum;  und  wenn 
Hermine  hereinkommt  -  der  sie  mehr  glauben  als  mir,  weil  der 
Vater  oft  nur  spaBet  -,  soil  sie  gegen  den  Baum  hin  sagen :  » Was 
ist  denn  da?«  In  der  Tat  wissen  wir  beide  nicht,  was  wir  dazu 
sagen  sollen,  daB  ein  Marzipanherz,  ein  Goldapfel,  eine  SilbernuB 

30  und  ein  ftLmenbild  aus  Kandis  nebst  Wachslichtchen  daran  han- 
gen,  und  ich  frage  die  Kinder,  ob  es,  welches  ich  nicht  vermuten 
sollte,  nicht  schon  vorher  unsichtbar  daran  war,  als  der  Holz- 
hacker  die  Baume  brachte.  Der  Geruch  der  Sachen  macht  jeden 
attent*  man  mdcht'  ihn  atherisch  oder  aus  fernen  Friihlingen  her- 
kommend  nennen.  - 

Am  Ende  dieser  Kinder-Mythen  muB  Rosinette  ein  wenig  bei 


IO<$2  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

uns  verharren;  die  in  den  fernen  Zweigen  angeziindeten  Fixsterne 
aus  Wachs  und  vielleicht  der  breite,  iiber  die  halbe  Stube  hinge- 
legte  Mondschein  schmiicken  die  vertrauliche  Dammerung  aus. 
Es  wird  verniinftig  von  Haushalten  gesprochen,  das  ich  zwar 
nicht  verstehe,  aber  aus  guten  Grunden  mit  fuhren  helfe,  weil  ein 
Poet,  um  nicht  ohne  Haltung  zu  zerrinnen,  immer  das  idealische 
oder  poetische  Leben  mit  etwas  vom  burgerlichen  (es  sei  ein  Amt 
oder  eine  Handarbeit  oder  Okonomie)  versetzen  muB,  wie  man 
goldne  GefaBe  mit  Kupfer  legiert,  damit  sie  weniger  abgefiihret 
und  verbogen  werden.  Wir  sehen  dann  ins  Abendrot  der  ver-  10 
gangnen  Zeit  und  reden  von  vielem,  von  Hof  -  und  den  um- 
liegenden  Ortschaften  -  und  von  den  alten  Sonntagen  -  und  von 
den  alten  Dammerungen,  worin  um  uns,  wenn  wir  in  Diskursen 
auf-  und  abliefen,  alle  Sterne  am  Himmel  der  Wahrheit  blitzten  - 
und  von  Friihlingen,  die  schon  unter  zwanzig  Friihlingen  ver- 

schiittet  Hegen Wie  schon  ist  es,  wenn  zwei  Menschen  mit- 

einander  veralten,  und  keine  Jugend  ist  verloren,  wenn  der  Ju- 
gendgenoB  noch  nicht  verloren  ist!  -  Wir  sprechen  ferner  von 
den  ersten  Jahren  meines  Ehestandes,  wo  ich  noch  das  Gliick 
hatte,  am  Titan  fortzuschreiben,  und  wo  ich  oft  mitten  aus  der  20 
Bildergalerie  der  heiBestenLiebeweglaufen  konnte  und  am  Munde 
der  guten  Gattin  (du  muBt  ihre  rechte  Hand  halten  und  ich  die 
andere)  mir  selber  zum  Modell  der  Schildereien  leicht  saB.  Es 
wird  davon  gesprochen,  wie  ich  sogleich  in  den  ersten  Jahren 
meinen  eleganten  Kleiderschrank,  der  mich  rot  im  Modekalender 
unterstreichen  sollte,  abgedankt  und  mchts  mehr  angezogen  habe 
als  einen  platten  Oberrock  und  unter  ihm  wenig  von  Betracht. 
Ich  beschwore  dann  wieder,  daB  sich  auf  der  Erde  in  jedem  Bei- 
sammenleben  der  Kopf  erschopft,  Witz  und  Phantasie  und  Ver- 
stand;  nur  aber  nie  ein  gutes  Herz,  das  eine  ewige  Quelle  ist,  30 
und  ich  tadle  es,  daB  wir  fur  die  Ehe  nicht  dem  letztern  zuerst 
nachjagen.  Ich  erzahle  dirs  im  Feuer,  daB  diese  gute  Hermine  das 
einzige  Wesen  ist  (auBer  noch  einem),  dem  ich  von  meinen  heim- 
gegangnen  Eltern  so  viel  und  lange  erzahlen  darf,  als  ich  nur  will, 
dem  ich  aber  auch  teilnehmend  zuhore,  wenn  es  sich  iiber  die 
Verwandten  seines  Herzens  liebend  ergieBet. 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  IO63 

Fehler  freilich  hat  jeder  Verfasser;  und  die  Gute  wird  es  dir 
zwar  nicht  sagen,  aber  ich,  daB  ihr  Ehekonsort  sonst  (jetzt  fast 
gar  nicht)  mitten  im  dichterischen  Feuer  leicht  anderes  fing  und 
daB  er  da  (wiewohl  ubrigens  ein  Lamm)  betrachtlich  aufprasselte; 
inzwischen  hat  er  sich  sehr  geandert  und  gibt  bei  seinen  schop- 
ferischenSturmwinden,wieHausvater  bei  andern,  mehr  auf  Feuer 
und  Laternen  acht.  Die  Scholastiker  sagen,  dem  Himmel  sei  das 
Sitzen  und  Stehen  und  jede  Kleinigkeit  einer  Person  im  Zolibat 
gefalliger  als  die  grofiten  Tugenden  einer  verehelichten  -  wahr- 

10  haftig  ein  Ehemann  ist  der  leibhafte  Himmel:  aus  funf  Haaren, 
die  ihm  die  Verliebte  zu  einem  Ringe  steuert,  macht  er  mehr  als 
aus  einem  Kopfe  yoll  grauen,  den  eine  Frau  durch  Sorgen  fiir  ihn 
aufsetzt.  - 

Endlich  kommt  Licht,  und  ein  Kind  urns  andere  bringt  sein 
Tafelzeug,  und  zuletzt  setzen  wir  uns  mit  dem  hungrigen  ge- 
schwatzigen  Siebengestirn  zu  Tisch.  Nur  Kinder  und  Geliebte 
sind  die  senk-  und  waagrecht  tiefen  und  auslaufenden  -Wurzeln, 
womit  man  sich  fest  und  nahrend  an  die  Erde  klammert.  Ich 
hofFe,  du  sollst  bei  diesem  Triklinium  oder  petit  souper  auf 

20  mehr  als  eine  Probe  der  warmen  zarten  Aufmerksamkeit  geraten, 
womit  dir  das  schone  Herz  meiner  Hermine  stille  Achtung 
und  Liebe  ausdriickt.  Ists  aufzutreiben  am  Andreastag,  so 
schafF  ich  Ackersalat  oder  Rapunzchen  (Valeriana  locusta)  herbei, 
weil  mir  (aber  besonders  im  Februar)  bei  diesem  Kraut  immer 
ist,  als  nab'  ich  den  Friihling  an  der  Gabel.  Vorschneiden  mufit 
du. 

Und  nun  laB  uns,  wenn  du  satt  und  froh  bist,  aufstehen  und 
das  Konzert  nicht  versaumen,  das  die  sieben  kleinen  Weisen  ge- 
ben  wollen.  Der  Kapellmeister  setzt  sich  als  Klavierist  an  ein  altes 

30  Cembalon  und  hammert  ein  Arioso  -  einer  von  den  Jungen  ist 
der  erste  und  letzte  Violinist  -  Hans  der  Philosoph  streicht,  weil 
er  wie  seine  ganze  Gewerkschaft  etwas  unbeholfen  ist,  bloB  den 
BaB  mit  seinem  Orpheus- Arm  -  und  der  Rest  singt,  von  der 
schonen  Vorsangerin,  der  Mutter,  angefiihrt.  Ach  wenn  du  so 
den  alten  guten  Hausvater  im  Zirkel  seiner  unschuldigen  Ripie- 
nisten  siehst,  die  noch  nicht  fiihlen,  was  sie  singen  und  geigen 


IO64  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

-  und  wenn  du  die  sanfte  blauaugige  Sopranistin  Christine  an  der 
Hand  hast  und  meine  Rosinette  ein  paar  kleinere  Diskantistinnen- 
und  wenn  so  viele  teuere  kleine  Stimmen  immer  mehr  mein 
Herz  umstricken  und  fortziehen,  sogar  das  vor  mir  auf  dem  Basse 
ernst  arbeitende  Spielmannchen  -  und  wenn  ich  immer  die  sehn- 
siichtigen  Augen  gegen  die  runden  Rosengesichterchen  und  ge- 
gen  dich  und  die  Mutter  aufschlagen  muB  -  und  ich  merke,  daB 
uns  bald  die  Running  uberwaltigen  wird  -  und  wenn  die  feuch- 
ten  Augen  die  Noten  schwer  sehen  und  ich  lieber  aufhore  und  die 
Mutter  die  nachsten  Kinder  kiisset  und  du  deine  holde  Kleine  -  10 
und  wir  nasse  Augen  haben,  ohne  daB  die  guten  Kinder  begrei- 
fen,  was  uns  fehlt :  —  welche  Stunde,  lieber  Otto,  fur  drei  Men- 
schen,  die  verbunden  sind!  Und  du,  Allgiitiger,  der  du  sie  in 
deiner  Ewigkeit  hast,  solltest  du  sie  versagen?  - 


Sechste  poetische  Epistel 
Ich  als  literarischer  Jubilar  -  und  als  Greis 

Leipz.  im  Nachsommer,  98. 
Ich  schreibe  mich,  Lieber,  der  doppelten  Abreise  sowohl  aus 
Leipzig  als  aus  der  Kugel,  worauf  es  liegt,  immer  naher.  Ich  stehe 
in  dieser  .Epistel  nun  schon  imOktober  desLebens  vor  dir,mein  20 
Laub  farbet  sich,  hangt  aber  noch,  und  der  stumme  Nachsommer 
zeigt  Gespinste  und  Nebel  auf  der  Erde  und  blauen  Ather  oben. 
Mach  aber  mit  mir  die  Obstkammer  dieses  Herbstes  auf  und  be- 
trachte  die  kleine  allgemeine  deutsche  Bibliothek  samt  den  Supple- 
mented die  ich  in  diesem  kurzen  Leben  zusammengeschrieben 
habe. 

Ich  leugne  nicht,  ich  hatte  tausendmal  lieber  statt  der  maBigen 
Regimentsbibliothek,  die  ich  drucken  lassen,  eine  alexandrinische 
gemacht.  Aber  die  Siindflut  macht  das  jedem  Autor  unmoglich. 
Sie  kiirzte  das  Leben  der  Menschen  ab  bis  auf  einen  Stummel,  30 
den  sie  ihnen  lieB,  und  mithin  auch  das  Schreiben  derselben;  und 
wenn  ein  solcher  Lebens-Fragmentist  wie  Voltaire  im  8oten  Jahre 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  IO65 

und  Bande  steht  und  angefangen  hat:  so  wird  er  aus  der  Erde 
weggejagf  und  springt,  noch  beide  Hande  voll  Samenkorner,  ins 
Schattenreich  hinein. 

Zum  Ungluck  erhalt  sich  kein  Autor  auf  der  deutschen  Lethe 
flott,  der  sie  nicht  befahrt  auf  einigen  von  ihm  gefullten  Biicher- 
brettern  sitzend;  mit  einem  Bandchen  (wie  etwan  Persius  oder 
Virgil)  schoss'  er  den  Augenblick  auf  den  Grund  hinab;  wie  Holz 
zu  Boden  sinkt  als  Sagespan.  Gleichwohl  werden  die  europa- 
ischen  Publikume  verdruBlich,  wenn  ein  Autor  in  jeder  Messe 

jo  aussteht  mit  der  Ladenschiirze  und  ein  neues  KauffahrteischifT  aus- 
ladt  und  feil  hat.  Hingegen  wenn  er  begraben  ist,  so  nehmen  sie 
Besen  und  uberfahren  sein  Museum  wie  eine  Goldarbeiters-Stube 
und  kehren  die  zerstreueten  Papierschnitzel  zusammen,  damits 
ein  maBiges  Bandchen  wird,  ein  posthumum.  Du  kannst  dirs  er- 
klaren.  Denn  der  Mensch  ehret  (nach  Jakobi)  nur  das,  was. nicht 
nachzumachen  ist;  bei  dem  ersten  Teile  eines  jeden  originellen 
Buches  begreift  niemand,  wie  ein  folgender  nur  moglich  sei;  je 
ofter  nun  aber  ein  folgender  kommt,  desto  mehr  leuchtet  uns 
die  Moglichkeit  des  Machens  und  also  des  Nachmachens  ein. 

20  Das  Grab  hingegen  ist  der  Isolierschemel  der  Werke;  es  wird 
ein  absondernder  heiliger  Zauberkreis  auf  ewig  um  sie  gezo- 
gen. - 

Aber  zur  Sache!  Ich  finde,  daB  unter  den  Denkwiirdigkeiten 
meines  Alters  viellekht  das  Autorjubilaum,  das  ich  da  beginge, 
die  groBte  sein  wtirde.  Ich  bin  ganz  entschlossen  dazu.  Magister, 
Papste,  Universitaten,  Schulen,  Eheleute  jubilieren  haufig;  war- 
um  sollen  Autoren  nichts  machen?  -  Und  da  ich  zum  Gliick 
schon  Anno  1782  in  meinem  zweiten  akademischen  Jahre  die 
gronlandischen  Pro^esse  schrieb  und  Anno  83  die  Akten  inrotu- 

30  lierte:  so  qualifizieret  mich  ja  schon  mein  6c>tes  Jahr  -  welches 
meines  Erachtens  nicht  schwer  zu  erleben  sein  kann  -  zum  Jubel- 
Autor. 

Anno  1832  werd*  ich  demnach  in  den  Hterarischen  und  in  den 
Literatur-Anzeiger  eine  kurze  Beschreibung  des  Jubels  unter  dem 
Titel  »Jubelseniorat  des  Verfassers  des  Jubelseniors«  in  jedemFall 
einschicken  -  es  muBte  denn  sein,  daB  ich  schon  etwas  Besseres 


1066  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

ware  als  ein  Mensch  und  ein  alter  Mann.  In  der  Anzeige  ent> 
schuldige  ich  mich  mit  nichts  vor  dem  Lesepublikum,  daB  ich . 
dasselbe  nicht  zur  Jubelfeier  eingeladen,  als  mit  der  Unmoglich- 
keit.  Ich  bitte,  wo  konnt'  ich  nur  solche  Leute  und  ihre  Bedienten 
und  Pferde,  wenn  ich  auch  Noahs  Kasten  hatte,  unterbringen 
und  stallen,  die  mich  ganz  gelesen  -  oder  gar  die,  die  es  nur  halb 
und  fluchtig  getan?  Und  gesetzt,  ich  hatte  einen  freien  Platz,  so 
groB  wie  Deutschland,  fur  diese  zustromende  Welt:  so  muBt'  ich 
doch  einen  viel  groBern  geraumigern  fur  die  ankommende  Nach- 
welt  mieten,  in  deren  Lesebibliotheken  ich  zirkuliere,  so  daB  ich  10 
die  ganze  Primarversammlung  auf  einen  auswartigen  Planeten 
bestellen  muBte,  wie  der  Saturn  ist  -  und  wahrhaftig  nach  dem 
Tode,  wo  man  die  Nachwek  so  gut  als  die  Vorwelt  kennen  lernt, 
kann  hierin  viel  geschehen. 

Aber  eingeladen  werden  auBer  den  Verlegern  noch  meine  Re- 
zensenten  und  —  was  auch  Rezensenten  sind  -  die  Redakteurs 
schweigender  Zeitungen  und  jeder  Redakteur,  der  das  Journal 
allein  schreibt  gleich  der  Bibel,  die  Spinoza  einem  Verfasser  bei- 
misset.  Die  Jubelschrift  gibt  die  Namen  an.  Die  Nachdruckerhab' 
ich  nur  invitiert,  damit  sie  aus  eignen  Beuteln  Jubelmunzen  unter  20 
das  Volk  auswerfen  —  welches  die  Schelme  gern  tun  werden,  so- 
bald  ich  ihnen  dafur  ein  scharfes  Pasquill  auf  sie  selber  assekuriere 
und  verspreche,  wofiir  ich  nichts  verlange,  so  daB  es  so  viel  ist, 
als  druckten  sie  es  nach,  und  noch  dazu  mit  Recht.  -  In  der  Jubel- 
schrift liefer'  ich  eine  Jubelrede  in  extenso,  die  auch  hier  geliefert 
wird.  In  dieser  Jubelrede  beruF  ich  mich  auf  die  sonderbar  er- 
fullten  Weissagungen,  die  ich  in  der  »sechsten  poetischen  EpisteU 
soil  von  mir  gestellet  haben.  Ich  muB  sie  aber  hier  erst  stellen; 
ich  wahrsage  hier  namlich,  daB  ich  wie  Alkuin  40  Jahre  lang  mit 
derselben  Feder  schreiben  werde,  namlich  in  demselben  Stil.  Es  3o 
ist  unsaglich,  was  ich  in  34  Jahren  von  heute  an  bis  zum  Jubilaum 
wieder  werde  gelesen  haben;  leider  ungleich  genug  den  jetzigen 
Autoren,  wie  an  Talent,  so  auch  darin,  daB  sie  sich  der  frugalsten 
Geistesdiat  unterwerfen  wie  Schwangere  der  leiblichen,  beide  da- 
mit sie  das  Kind  leichter  zu  gebaren  haben,  wenn  es  mager  ge- 
blieben.  Mit  den  Jahren  und  Ideen  werden  nun  freilich  -  da  ich 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  I067 

den  ganzen  Tag  mit  Hochzeittexten  und  Brautfackeln  am  Trau- 
altare  stehe  und  nichts  tue  als  Ideen  kopulieren  -  die  Soldaten- 
und  Priesterehen  und  die  Ehen  im  verbotenen  Grade  zwischen 
besagten  Gedanken  so  anwachsen  und  sie  alle  so  untereinander 
verschwistern  und  verschwagern,  gleich  europaischen  Hofen,daB 
im  ganzen  Kopf  fiir  Geld  kein  geschiedenes  Ideen-Paar  zu  erfra- 
gen  ist  und  daC  ich  in  lauter  Gleichnissen  rede,  fluche,  bete  und 
zanke.  -  Allein  da  ein  Autor  leicht  wissen  kann,  was  er  sagt,  aber 
nicht,  was  er  gesagt  hat  in  fruhern  Werken:  so  werd*  ich  oft 

10  manche  Gleichnisse,  wie  Erisichthon  seine  verwandelte  Tochter, 
mehr  als  einmal  auf  den  Markt  treiben,  weil  ich  mich  unmoglich 
den  ganzen  Tag  lesen  und  so  viele  Trillionen  Gleichnisse  memo- 
rieren  kann.  Jeder  Leser,  der  mir  solche  Duplikate  oder  partiale 
zweite  Auflagen  berichtet,  wird  mich  bei  totalen  zweiten  Auf- 
lagen  ungemein  verbinden  und  verbessern. 

Im  Lebens  - Vendemiaire  muB  ferner  mit  der  Herrschaft  iiber 
sich  auch  der  Scherz,  die  Ironie  und  die  Laune  holier  wachsen, 
waren  sie  anders  in  den  fruhern  Monaten  gesaet.  Auch  der  Wohl- 
klang  des  Stils  gewinnt  viel.  Die  Gedankenstriche  fahren  von 

20  selber  aus  der  Feder,  ohne  langes  Denken.  -  Aber  manches  andere 
bliihet  ab  oder  stirbt  aus.  Der  Handschrift  sieht  man  es  an,  daB 
man  schon  vieles  und  fliichtig  geschrieben,  die  wankende  Hand 

nicht  einmal  gerechnet.  In  den gehet  man  so  sichtbar  zuriick; 

das  -  verbuttet  und  verschimmelt  auch;  uncf  wie  ists  mit  -  be- 
stellt?1  - 

Ich  bin  wieder  bei  der  in  den  literarischen  Anzeiger  kommen- 
den  Jubelschrift.  Mit  Vorbedacht  zieh'  ich  dir  aus  ihr  weder  die 
verschiedene  Ehre  aus,  die  man  am  Jubilaum  teils  mir  antat,  teils 
ich  den  Gasten  -  noch  das  landliche  Mahl,  ganz  wie  es  in  einer 

3o  geBnerischen  Idylle  gemolken  und  gesauert  wird  -  noch  das  FuB- 
gestell  aus  Werken,  die  mir  teils  abgestohlen,  teils  geschenkt, 

1  Ich  halt'  es  fiir  weltklug,  diese  Retrogradationen  meines  kleinen  Erd- 
korpers  nicht  anzuzeigen,  weil  ich  sonst  irgendeinen  groben  Gesellen  stutzig 
machej  daB  er  ein  kiinftiges  Werk  von  mir  lieset  und  nachher  in  der  Rezen- 
sion  bemerkt:  »Das  Alter  guckt  schon  aus  dem  sonst  trefflichen  Werke 
heraus,und  den  Verf.  scheinen  jene  herrlichen  Gaben  allgemach  zu  verlassen, 
die  er  hatte,  zu  etc.« 


1068  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

teils  zugeschrieben1  worden  ohne  Schenken  —  noch  kleinere  Ju- 
belfeierlichkeiten,  weil  ich  dabei  die  seit  Jahren  an  mich  einge- 
gangnen  Briefe  anfiihren  muBte,  die  ich  zusammengeschniirt  vor- 
zeigte  und  auf  denen,  wenn  Sulzer  das  Schlagen  gelehrter  Bild- 
nisse  auf  Miinzen  wunscht,  die  aufgepreBten  Siegel  gleichsam 
Medaillen  fur  den  Autor  sind  -  noch  tausend  andere  Dinge. 
Wichtiger  scheint  mir  die  Jubelrede,  die  der  Jubilar  an  die  Re- 
zensenten  halt  und  die  ich  aus  der  Jubelschrift  in  extenso  nehmen 
kann.  Der  graue  Jubelredner  tritt  nach  einigen  guten  Diskursen 
iiber  Druckfehler  und  iiber  die  Ausgabe  seiner  opera  omnia  und  10 
nach  dem  Kontrakte  iiber  die  letztere  zufallig  oder  absichtlich 
unter  die  wie  ein  Krater  oder  eine  Kanzel  aufgeschlichteten  Werke 
-  in  der  Tat  sind  sind  sie  sein  Mezzovo*  -,  und  er  halt  aus  dem 
Stegreif  folgende  kurze  Abschieds-  und  Erntepredigt  an  diejenigen 
Gaste,  die  ihn  rezensiert: 

»Statuere,  meine  Herren,  quis  sit  sapiens,  vel  maxime  videtur 
esse  sapientis,  sagt  unser  Cicero,  oder  verdeutscht :  ein  Rezensent, 
der  einen  Verfasser  lobt  und  malt,  meint  sich  auch  mit. 

Gehorten  freilkh  einige  von  Ihnen  zu  den  damaligen3  kanti- 
schen  oder  fichtischen  Idealisten:  so  hatten  diese  Grund,  sich,  die  20 
Wahrheit  zu  sagen,  fiir  die  einzigen  Menschen  von  Kopf  anzu- 
sehen  und  den  Rest  fiir  gar  nichts.  Ein  guter  Idealist  senket,  er 
mag  uns  so  viele  unbekannte  X  fiir  U  machen,  als  er  will,  stets 
den  Pumpenstiefelm  sich  hinab  und  schopft  alles  aus  sich  herauf, 
die  physische  Welt  und  mithin  auch  die  nur  in  sie  eingefleischte 
fremde  geistige.  Der  Idealist  entwickelt  das  Auge  und  mithin 
alles,  was  er  damit  sieht,  aus  sich  und  folglich  jedes  Buch,  das  er 

1  Nicht  den  Lesern,  sondern  den  Kaufern  nab*  ich  es  zu  sagen,  daB  seit 
den  Mumien  kein  Buch  von  mir  is t  oder  sein  wird,  dem  nicht  mein  Name 
vorsteht.  Zarte  buchhandlerische  Seelen  hoffen  die  Hanswiirste,  die  im  30 
Mittelalter  der  Kaufmann  als  Aushangeschild  und  ZeitungsavisO  seiner 
Ware  mitbrachte,  durch  Ankiindigungen  zu  ersetzen,  die  auBer  den  gewohn- 
lichen  Liigen  noch  die  enthalten,  daB  ich  die  Ware  geschrieben.  Freilich 
wollen  sie  mir  durch  das  Fremde,  was  sie  mir  zuschreiben  und  schenken, 
das  Eigne  erstatten,  was  mir  andere  stehlen,  es  seien  ganze  Personen  oder 
einzelne  Reden.  Aber  letztere  sind  besser:  hier  tragt  man  meine  Siinden, 
dort  trag'  ich  fremde. 

2  So  heiBet  der  ParnaB  jetzt. 

3  Jetzigen. 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  IO69 

bloB  wie  ein  Traumer  zu  lesen  glaubt,  indes  ers  wirklich  selber 
macht.  Den  Stolz,  den  daher  ein  Idealist  damals1  haben  konnte, 
goutiert*  ich  so  sehr,  daB  ich  meines  alten  Leibgebers  Ausspruch 
hieriiber  noch  jetzt  unterschreibe  und  hersage :  >Wie?  da  der  echte 
Idealist  alles  selber  macht,  alle  Sterne  am  Himmel  und  die  phy- 
sische  urid  die  gelehrte  Welt;  da  er  die  Werke  der  besten  Autoren 
geschrieben,  von  Homer  bis  Goethe;  und  da  er  keine  herrliche 
Zeile  loben,  exedieren  und  ubersetzen  kann,  die  er  nicht  eben 
darum  selber  gemacht:  so  war*  er  ja  ein  Narr,  wenn  er,  ein  mit 

10  tragbaren  gelehrten  Welten  und  Meuselschen  Deutschlandenaus- 
gepolstertes  Ich,  er,  der  Musensitz  der  Musensitze,  er,  der  den 
Magisterhut  nicht  auf,  sondern  in  dem  Kopfe  hat  und  den  Kopf 
nirgends  als  wie  die  inkorporierten  Weisheitszahne  und  den  phtlo- 
sophischen  Bart  und  Mantel  nur  in  sich  -  ein  Narr,  sag'  ich,  war* 
der  ganze  Gott,  wenn  er  eine  demutige  Haut  ware  und  nicht  ge- 
radezu  sagte:  alles,  was  ich  lobe  und  lerne,  schafF  ich  und  lehr* 
ich  eben  dadurch,  und  ich  mochte  den  sehen,  der  neben  mir  exi- 
■  stierte,  geschweige  brillierte.< 

Freilich  wirft  ein  solcher  Universalmahn  (aus  ontologischen 

zo  Griinden)  keine  Fehler  vor  als  solche,  die  er  eben  selber  macht. 
>Alle  hoflich/<  antworten  narrisch  die  Bergleute,  wenn  man 
fragt,  wie  es  mit  ihnen  stent.  Diese  Antwort  kann  kein  Redakteur 
iiber  seine  70  Jlinger  geben.  Schon  Jugend  an  und  fiir  sich  ist 
grob;  aber  noch  mehr  eine  humanistische,  sogar  im  Alter;  und 
zwar  darum  1)  weil  der  Geist  der  Alten  auf  jeden  kraftigen 
Menschen,  er  sei  ein  Weltmann  oder  ein  Kunstler,  tiefer  wirkt  als 
auf  die  Linguisten,  die  nur  den  Korper  suchen,  2)  weil  ihr  lingui- 
-  stisches  Studium  ihr  kleines  Auge  noch  mehr  eingrenzt,  3)  weil 
Leute,  die  etwas  treiben,  was  wenige  konnen,  desto  mehr  ent- 

50  scheiden  und  stolzieren,  so  klein  ihr  Treiben  sei,  4)  weil  der 
Mensch  sich  mehr  eines  Sprach-  als  Denkfehlers,  mehr  eines 
grammatikalischen  als  moralischen  oder  logischen  Fehlers,  so  wie 
mehr  eines  korperlichen  als  geistigen  annimmt  und  schamt,  und 
zwar  darum,  weil  die  Fehler  der  erstern  Art  unwillkurlich,  die 
der  letztern  aber  willkurlich  und  also  leicht  abzulegen  scheinen, 
1  Jetzt. 


I070  BRIEFE  UND  BEVORSTEHEN  DER  LEBENSLAUF 

5)  weil  von  jeher  keine  Hahne  so  erbittert  kampften  als  die  huma- 
nisdschen,  mit  Federmessern1  bewaffneten,  wenige  Neuere  wie 
ScioppiuSj  Burmann,  Klotz  und  die  beiden  -  Skaliger  ausgenom- 
men.  - 

Ich  bin  schon  ein  alter  Mann;  von  Ihnen  hingegen  konnen  die 
meisten  die  Unsterblichkeit  erleben,  die  Sie  mir,  sei  es  auch  nur 
durch  Schweigen*,  zugewandt;  -  denn  wie  der  dreitagige  Tod 
Christi  einem  ewigen  gleich  gait,  so  steckt  in  einer  dreitagigen 
Unsterblichkeit  jetziger  Autoren  die  langste.  Ich  spreche  freilich 
nur  von  der  Unsterblichkeit  unter  Sterblichen;  die  langere  unter  10 
Unsterblichen  fangt  erst  an,  wenn  die  Augen  brechen. 

Noch  ein  Wort!  Nach  diesem  Jubeljahr  hofP  ich,  nicht  ohne 
alien  Geschmack  zu  schreiben.  Ich  hatt'  es  friiher  gekonnt,  wenn 
ich  zur  Apoplexie  mich  entschlossen  oder  wenn  ich,  wie  Ludwig 
XIII.  von  Frankreich  auf  Befehl  seines  Arztes  Bouvard,  in  einem 
Jahr  zu  215  Purganzen,  212  Lavements  und  47  AderofFnungen 
gegriffen  hatte;  ich  ware  dann  kapabel  geworden,  so  ordentlich 
und  nuchtern  zu  schreiben  wie  ein  verniinftiger  Mann  im  Reichs- 
Anzeiger.  Inzwischen  da  das  Alter  selber  eine  Krankheit  ist,  und 
eine  asthenische  dazu :  so  ist  noch  schone  Hoffnung  da  und  wenig  20 
verloren.  Und  warum  soil  ich  nicht  mich  mit  der  Hoffnung  tro- 
sten,  daB  ich  einmal  ebenso  glucklich  sein  kann  wie  mehrere 
Kopfe,  die,  wie  andere  Vulkane,  nach  den  Flammen  und  der  Lava 
doch  zuletzt  Bimssteine  auswarfen,  welche  leicht  waren  und  wo- 
mit  man  poller en  konnte?  - 

1  Die  englischen  Streithahne  werdert  so  bewaffnet. 

1  In  Deutschland  gibt  es  drei  Publikume  oder  Publika:  1)  das  breite,  fast 
ungebildete  und  ungelehrte  der  Lesebibliotheken  —  2)  das  gelehrte,  aus 
Professoren,  Kandidaten,  Studenten,  Rezensenten  bestehend  -  3)  das  ge- 
bildete,  das  sich  aus  Weltleuten  und  Weibern  von  Erziehung,  Kiinstlern  5° 
und  aus  den  hohern  Klassen  formt,  bei  denen  wenigstens  Umgang  und 
Reisen  bilden.  (Freilich  kommunizieren  oft  die  drei  Kollegien.)  Der  Verf. 
dieses  ist  dem  dritten  Publikum  den  einzigen  Dank  schuldig.  Inzwischen 
behandelteihn  doch  das  zweite  immer  so  wie  das  erste.  Daher  er  dem  zwei- 
ten  einen  Dank  abzutragen  glaubt,  wenn  er  einmal  a  He  offentliche  laute 
Urteile  iiber  sich  samt  den  Namen  der  guten  stillen  Zeitungen  sammelt,  sie 
vergleicht  und  sie  der  Nachwelt  mit  Reflexionen  uberliefert,  worin  er  zu 
erweisen  meint,  dafi  das  gelehrte  Deutschland  noch  nicht  arm  an  echten 
Gelehrten  sei. 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  IO7I 

Was  scherz'  ich?  Nah*  am  Meer  der  Ewigkeit  will  in  dasselbe 
der  Mensch,  wie  andere  Fliisse  in  ihres,  mit  schiffbaren  Armen 
voll  Gaben  fallen.  Ich  habe  vor  Jahren,  da  ich  diese  Jubelrede 
in  >J.  P.  Briefen  etc.<  schreiben  wollte  und  vorher  die  Abhand- 
lung  uber  das  Traumen,  den  heutigen  Tag  getraumet;  -  ich  sah 
mich  anfangs  in  einem  Glaskasten  aus  Wien  als  einen  heiligen 
Leib  gebracht,  den  man  bald  fur  den  heiligen  Paul,  bald  fur  die 
heilige  Laurenzia,  die  Schirmvogtin  der  Bucher  und  Kenntnisse, 
ausgab  -  dann  sah  ich  (es  1st  ganz  so  wild,  als  ein  Traum  sein 

10  kann)  mich  in  meinen  Kupferstich  verwandelt,  vor  dem  die  Zeit 
stand  und  hinter  ihrem  Rucken  ins  DintenfaB  tunkte  und  waag- 
rechte  Linien  durch  die  Stirn,  d.  h.  Runzeln  zog  -  Auf  einmal 
stand  ein  Skelett  an  einem  verhangnen  Pfeilerspiegel,  dem  ein 
unverhullter  gegenuber  hing  -  Plotzlich  fuhr  die  seidene  Hulle 
auf  -  und  beide  Spiegel  gaben  einander  ihre  unermeBliche  zu- 
ruckkriechende  Gestalten-Kette,  und  jede  Unendlichkeit  wieder- 
holte  sich  und  die  fremde  —  und  die  zwei  dunkeln  einschwinden- 
den  Reihen  schienen  die  Nachwelt  und  die  Vorwelt  nachzubilden 
—  was  war  es?  -  Ein  Traum!  Aber  in  der  kaltesten  Stunde  des 

20  Daseins,  in  der  letzten,  ihr  Menschen,  die  ihr  mich  so  oft  mifi- 
verstandet,  kann  ich  meine  Hand  aufheben  und  schworen,  daB 
ich  vor  meinem  Schreibtisch  nie  etwas  anderes  suchte  als  das  Gute 
und  Schone,  so  weit  als  meine  Lagen  und  Krafte  mir  etwas  davon 
erreichen  lieBen,  und  daB  ich  vielleicht  oft  geirret,  aber  selten 
gesiindigt  habe.  Habt  ihr  wie  ich  dem  zehnjahrigen  Schmerzeines 
verarmten,  verhiillten  Daseins,  eines  ganz  versagten  Beifalls  wi- 
derstanden,  und  seid'ihr,  bekriegt  von  der  Vergessenheit  und 
Hulf  losigkeit,  so  wie  ich  der  Schonheit,  die  ihr  daftir  erkanntet, 
treu  geblieben?« 

30  Was  geht  mich  die  Jubelrede  mehr  an  ?  Ich  sage  das :  nur  ein- 
mal wandert  der  Mensch  uber  diese  fliehende  Kugel,  und  eilig 
wird  er  zugehullt  und  sieht  sie  nie  wieder;  wie,  und  er  sollte  der 
armen,  so  oft  verheerten  und  vollgebluteten  Erde  nichts  zuriick- 
lassen  als  seinen  Staub  oder  gar  versaetes  Giftpulver  und  Ver- 
wundete?  -  O  wenn  einer  von  uns  eine  Tagreise  durch  irgend- 
eine  stille  Welt  am  Himmel,  durch  den  milden  Abendstern  oder 


I072  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

den  blassen  Mond  tun  difrfte:  wiird*  er  da,  noch  dazu  wenn  er 
feme  Seufzer  horte  oder  vergoBne  Tranen  fande,  sein  eiliges 
Durchfliehen  mit  herumgelegten  Selbstgeschossen  und  ausge- 
streueten  Dornen  bezeichnen  und  nicht  vielmehr,  falls  er  konnte, 
mit  irgendeiner  geoffneten  Quelle,  mit  einer  zurilckgelassenen 
Blume,  oder  mit  was  er  zu  erfreuen  wuBte?  -  O  es  sei  immer 
vergessen  von  der  ganzen  Zukunft,  was  ein  sanftes  Herz  wollte 
und  tat;  wenn  es  nur  unter  dem  Handeln  sagen  kann:  nach  lan- 
gen,  langen  Jahren,  wenn  alles  verandert  ist  und  ich  auf  immer 
verflogen  oder  versenkt,  da  wirft  vielleicht  die  Hand  der  Zeit  den  10 
Samen  des  kleinen  Opfers,  das  ich  jetzt  bringe,  weit  von  mir  und 
meinem  Hiigel  zu  irgendeiner  Frucht  oder  Blume  aus,  und  ein 
mattes  Herz  wird  daran  erquickt  und  schlagt  voll  Dank  und 
kennt  mich  nicht.  — 

Mein  Jubilaum  ist  aus;  -  aber  jene  HofTnung  ist  eigentlich  das 
recht'e.  - 


Teh  brach  diese  Epistel,  die  mit  der  Schilderung  des  Alters 
schon  die  Geschwatzigkeit  desselben  zu  verbinden  scheint,  heute 
friih  ab,  um  zum  letztenmal  (weil  ich  morgen  reise)  die  englischen 
Anlagen  um  Leipzig  unter  der  freundlichsten  Herbst-  und  Mor-  20 
gensonne  beklommen-selig  zu  durchgehen.  Ich  habe  dir  diese 
Sommer-  und  Sonnenseite  der  Leipziger  Landschaft,  diese  Win- 
ter -Villeggiatura  der  Einwohner  und  Einwohnerinnen,  die  in  kal- 
ten  Tagen  da  stets  zum  Luftbad  als  Badgaste  zusammentreffen, 
oft  genug  gezeichnet;  und  Leser,  die  da  waram,  kennen  sie  ohne- 
hin.  So  viel  ist  gewiB,  ich  kann  nie  in  diesem  so  rein-entworfenen 
Naturgarten  voll  Garten,  Rasenplatzen,  Waldchen,  lichter  und 
dunkler  Stellen  herumirren,  ohne  auf  den  Schopfer  desselben1 
Jubelmunzen  zu  schlagen,  d.  h.  ohne  immer  zu  sagen:  habe  recht 
Dank!  30 

-  Aber  die  Malerei  des  Stilkbens  des  Alters,  wovon  ich  eben 
aufgestanden  war,  setzt'  ich  im  Marschieren  sonderbar  wieder 
fort.  Ach  ich  wurde  ja  von  jedem  Baume  darauf  gebracht!  Die 

1  Burgermeister  Miiller. 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  IO73 

Sonne  ging  herbstlich  tief  —  ich  stand  auf  einem  kunstlichenBerge 
des  Gartens  -  er  war  eine  Sternwarte  fur  mich,  und  der  ruhige 
Himmel  breitete  sich  unten  auf  dem  Boden  aus  -  das  Getose  und 
Gelaute  der  Stadt  schlug  in  die  Stille  herein  -  ich  sah  hinunter 
iiber  die  langen  Kreuzgange  aus  Gipfeln  und  die  glanzende  be- 
seelte  Ebene  und  iiber  das  holde  Wassersttick  mit  seinen  Schwa- 
nen  und  mit  den  Spiegelbildern  der  vorbeigehenden  Strandbe- 
wohner  und  mit  dem  nachgemalten  tiefern  Himmelsblau  und 
iiber  die  bunte  Briicke  (das  Zeichen  der  irdischen  Flucht)  und 

10  iiber  die  Trauerweiden  mit  hangenden  Armen  -  und  ich  dachte 
an  den  Friihling  dieses  Jahrs,  wo  ich  alles  zum  erstenmal  genoB, 
und  an  die  Nachtigallen,  welche  damals  auf  den  Baumen  an  der 
Briicke  schlugen;  und  die  Fruhlingsmorgen  feierten  wieder  die 
Maienfeste  in  meiner  Brust:  da  dacht'  ich  zwar  bewegt:  es  ist 
wieder  vorbei,  und  es  kommt  mir  lange  vor;  aber  ich  sagte  mir 
auch:  »Dein  Erinnern  nimmt  ja  jahrlich  zu;  sonst  muBte  ein  Tag 
ein  paar  Jahre  weit  zuriickgewichen  sein,  um  sich  zu  verklaren, 
jetzt  gehest  du  kaum  einige  Schritte  vor  einem  kalten  hellen  Tau- 
tropfen  vorbei,  so  kannst  du  dich  umsehen,  und  er  glanzet  herr- 

20  lich  bunt  in  seiner  Blume  nach.«  Wie  mu6  erst  ein  sechzigjahriger 
Kopf  mit  Erinnerungen,  den  Votivgemalden  unsers  Herzens, 
vollgehangen  sein !  -  Wenn  also  die  Jahre  kommen,  wo  der  graue 
Mensch  an  einem  schonen  Fnihlingstag  ins  Freie  geht,  bloB  um 
den  alten  Korper  zu  warmen  und  zu  regen,  ohne  alle  vorige  Ab- 
sichten  und  Aussichten  auf  eine  ins  Unabsehliche  hinausbliihende 
Zukunft  voll  Avantiiren  und  Lander;  wenn  diese  kalte,  aber 
ruhige  Zeit  kommt:  so  wend'  ich  meinen  Kopf  nur  riickwarts  in 
dieselbe  magische  Perspektive,  aus  der  ich  noch  dazu  herkomme, 
und  das  alte  Herz  sonnet  sich  an  der  tiefen  Wintersonne.  Wie  an 

30  Menschen,  die  einem  frostigen  Wind  entgegengehen,  so  sieht 
an  Alten  das  Gesicht  bleich  und  eingewiirzelt  aus;  kehren  aber 
beide  es  um,  so  wird  es  warm  und  bluhet  wieder  rot. 

Platner  sagt:  wir  haben  nur  ein  Gedachtnis  fur  die  Freude, 
nicht  fur  den  Schmerz;  ich  sage:  wir  haben  fur  beide  dasselbe 
Gedachtnis  -  ja  wir  haben  ein  starkeres  fiir  das  Fehlschlagen  der 
Hoffnungen  als  der  Besorgnisse  -,aber  nicht  dieselbe  Phantasie; 


1074  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

diese  mildert  und  verklart,  also  zieht  sie  auch  um  den  Schmerz  den 
Regenbogen. 

Alle  Glieder  veralten  am  Menschen,  aber  doch  nicht  das  Herz. 
Mit  jedem  Jahr  werd*  ich  meines  jiinger  und  weicher  schreiben. 
Wenn  ich  Junglinge  sehe,  werden  sie  mich  so  gut  wie  jetzt  die 
Kinder  mit  ihren  Rosenfesten  laben,  und  ich  werde  ihnen  zurufen : 
»0  feiert  sie  nur  recht  hinaus,  bis  der  Morgenstern  am  Himmel 
steht,  aber  erhitzt  und  erkaltet  euch  nicht !«  —  Und  meine  guten 
Jugendfreunde,  die  mit  mir  denselben  Blumengarten  des  Lebens 
gemeinschaftlich  bewohnet  haben,  ach  wie  konnen  sie  mir  in  der  10 
kalten  Jahrszeit  im  Garten,  wo  schon  mancher  unter  seinem 
Beete  liegt,  begegnen,  ebenso  gebiickt  von  der  Zeit  wie  ich,  ohne 
daB  mich  diese  zuriickgebliebnen  Friihlinge  meines  Daseins  bis 
tief  ins  Herz  erleuchten  und  erwarmen?  -  Und  an  Friihlingstagen 
und  an  Geburtstagen  will  ich  den  Mumienkasten  orTnen  und  die 
alten  Briefe  und  meine  Antworten  lesen,  und  mein  ganzes  Herz 
wird  sich  jugendlich  erfulien,  und  ich  werde  mit  nassen  Augen 
sagen:  hab*  ich  nicht  eine  ganze  Ewigkeit  vor  mir  zur  Liebe? 

Und  wenn,  wie  im  Haydenschen  Konzert1,  ein  Konzertist  um 
den  andern  sein  Licht  ausloscht  und  mit  dem  Instrumente  hinaus-  20 
geht  und  ich  etwan  der  Kontrabassist  sein  soil,  der  zuletzt  spielt  - 
ach  nein,  ich  werde  schon  eher  mein  Licht  ausblasen  und  die 
Noten  einstecken;  aber  war's  auch:  wir  kommen  doch  alle  wie 
im  Haydenschen  Stucke  mit  unsern  Lichtern  wieder.  — 

Lebe  wohl!  Ich  danke  dir,  daB  ich  dich  bis  hieher  habe  zum 
sanften  Begleiter  wahlen  diirfen.  Ich  packe  jetzt  auf  morgen  ein 
und  nehme  Abschied  von  so  mancher  Seele,  die  ich  liebe.  Sonder- 
bar  wirret  sich  jetzt  Gegenwart  und  Zukunft,  Reise  und  Alter 
durcheinander.  -  Und  doch  liegt  der  Abend  drauBen  so  hell-rot 
um  die  Welt!  -  Und  nie  lieg'  er  anders  um  deine,  du  Geliebter!  -  30 

1  Als  Esterhazy  seine  Kapelle  entlassen  wollte:  machte  der  genialische 
Hayden  eine  Symphonie,  worin  ein  Spieler  nach  dem  andern  am  Notenpult 
das  Licht  ausloschte  und  fortging,  bis  zuletzt  nur  der  Kontrabassist  iibrig 
blieb;  ders  auch  so  machte.  Dieses  riihrte  den  Fiirsten  so,  daB  er  die.Kapelle 
restituierte.  Dazu  machte  Hayden  wieder  eine  Symphonie,  worin  in  umge- 
kehrter  Ordnung  einer  um  den  andern  ebenso  kam. 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  1 075 

SlEBENTE  POETISCHE  EpISTEL 

Das  Ende 

Unterwegs  1798. 
Ihr  guten  Leser,  die  ihr  vom  unbekannten  einschlafenden  Men- 
schen  doch  den  fortsprechenden  Autor  erbet,  schauet  Ieicht  mei- 
nem  kleinen  Schachspiele  mit  mir  selber  zu  bis  zum  Umlegen  der 
letzten  Figur.  -  Ich  kann  und  will  in  dieser  Epistel  nicht  an  die 

Menschen  denken,  die  ich  in  den  vorigen  aufgefuhrt. 

Ich  fuhr  heute  am  Morgen  einsam  aus  Leipzig  iiber  den  ent- 

10  volkerten  Markt,  wovon  die  holzerne  Budenstadt  in  der  Stadt 
nach  der  Messe  schon  abgetragen  war.  Ein  Mensch,  der  sich  aus 
dem  lebendigen  Kreise  eines  Ortes  abloset,  verlasset  nicht  den 
letztern  (denn  dieser  merket  keinen  Abgang),  sondern  einen  alten 
Lebens-Zyklus,  den  er  nun  gegen  einen  neuen  umtauscht;  unter- 
wegs ist  er  ledig-einsam  und  nichts.  -  Meinen  Wagen  begleitete 
in  der  Stadt  -  ob  wir  gleich  schon  Abschied  genommen  -  von 
weiiem  ein  guter  Jiingling,  den  ich  herzlich  liebte:  bleibe  so 
schuldlos,  wie  du  bist,  reiner  heller  Mensch,  und  lese  immer  diese 
Zeile  so  wie  jetzt!  -  Draufien  lief  die  ebene  lange  StraBe  durch 

20  eine  Baumschule  auf  beiden  Seiten  gleichsam  in  den  blauen  kalten 
stillen  Himmel  des  Herbstes  hinein  -  ich  stieg  aus  und  irrte  dem 
schleichenden  Wagen  nach  -  o  war  ich  nicht  so  oft  auf  diesem 
Weg  an  schonen  glanzenden  Morgen  und  Abenden  sanften  Freu- 
den  entgegengegangen  und  der  Hoffnung,  ihn  zu  wiederholen?  - 
DerHerbstdampfteglanzend  amUmkreise  derErde-ichschauete 
mich  urn,  und  zwischen  den  Turrnen  standen  die  Rauchsaulen- 
farben  trunken  vor  der  malenden  Sonne  wie  aufrechte  Morgen- 

roten  iiber  der  Stadt Es  gehe  dir  wohl,  menschenfreundliche 

Stadt!  Und  dir,  geliebter  Weifiexy  bleibe  die  Jahrszeit  deines  Le- 

30  bens  so  warm  und  hell  wie  die  jetzige  und  wie  dein  Herz! 

S  pater  in  der  einsamern  Feme  und  in  der  leeren  Ebene  ohne 
Berge  dacht*  ich  an  den  Inhalt  dieser  siebenten  poetischen  Epistel,. 

1  Ich  meine  den  liebenswiirdigen  Verfasser  der  vortrefflichen  Amazonen- 
iieder,  des  Kinderfreundes  etc. 


IO76  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

aber  recht  froh.  O  warum  darf  man  nicht  unter  dem  blauen  Him- 
mel,  auf  der  griinenden  Erde,  die  ja,  wie  ein  Krankenstuhl,  zu- 
gleich  unser  Tisch,  unser  Sitz  und  unser  Bette  sein  kann,  vor  der 
grofien  Natur  die  sinkenden  Augenlider  schlieBen?  Schlafen  nicht 
Kinder  am  liebsten  neben  der  schirmenden  Mutter  ein?  - 

Unter  alien  Episteln  ist  keine  ihrer  beschriebenen  Stunden  so 
gewiB  als  diese  meiner  letzten.  Ja  die  andern  konnen  lugen,  nur 
diese  nicht.  Wenns  inzwischen  jenes  ist,  ich  meme,  wenn  das 
Schicksal  meinen  Milchtopf  wie  in  der  Fabel  umstoBet:  so  nab* 
ich  wenigstens,  eh'  es  geschah,  den  Topf  und  den  Traum  gebabt;  10 
und  nachdem  es  geschehen,  nab'  ich  noch  mehr  als  die  Erfullung. 
Ich  kenne  dich,  Leben,  und  nehme  dich  uberall  ganz;  du  bist  ein 
Sousball  in  Paris,  worin  man  nicht  den  ganzen  Ball  zu  bezahlen 
braucht,  sondern  einen  und  den  andern  Tanz,  wofur  man  wenige 
Sous  gibt  —  Du  bist  eine  Kreuzerkomodie  in  Bayern,  dieman  nicht 
ganz  auszuhoren  braucht,  sondern  aus  welcher  man  sich,  da  sie 
immer  wahrt,  fur  seinen  Kreuzer  seine  Szene  wahlt  und  dann 
fortgeht,  indes  andere  bleiben  und  kommen.  - 

Ich  konnte  eigentlich  an  der  Unsterblichkeit  versterben,  wenn 
ich  wollte  oder  durfte;  -  ich  hatte  unter  dem  Schreiben  weiter  20 
nichts  notig  als  (da  mein  Gehirn  wie  ein  Glas,  worein  man  schreiet, 
mit  jeder  Seite  der  redenden  Seele  starker  nachzittert  und  ich 
immer  bei  einem  Feuer  aufhore,  womit  ich  wiinschte  anzufangen) 
-  ich  brauchte  nur,  sag*  ich,  fortzufahren,  mich  aus  einem  Zeit- 
alter  ins  andere  zu  schreiben,  aus  dem  eisernen  ins  erzene,  daraus 
ins  silberne,  dann  ins  goldne  und  endlich  in  die  Ewigkeit.  Denn 
ich  kenne  den  Tod,  er  wurde  sogleich  -  er  passet  darauf  -,  so 
wie  der  Jager  aus  der  Schwinge  eines  Raubvogels  eine  Feder 
reiBet  und  ihn  damit  am  Genick  ersticht,  aus  meinen  Fittichen 
eine  nehmen  und  mich  erspieBen ;  aber  darauf  kann  er  warten.  -  30' 

Inzwischen  tritt  er  am  Ende  doch  herein,  ohne  zu  fragen;  treib' 
er  nur  nicht,  wie  die  Sternkundigen,  sein  Werk  in  langen,  langen 
Nachten.  Und  gleichwohl  -  dauert  denn  die  langste  Nacht  bei  uns 
langer  als  sechzehn  Stunden  und  zwei  Minuten?  Gesetzt,  siekehre 
ein  paarmal  um:  so  bricht  doch  nachher  ein  Morgen  an,  dessen 
Aurora  von  einer  MilchstraBe  zur  andern  brennt.  Der  Sterbliche, 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  I°77 

der  iiber  die  Lange  irgendeines  Drangsals  wimmert,  hat  ja  diese 
eben  schon  verwunden  und  zuriickgelegt,  und  er  zagt  nur  vor 
einer  Zukunft,  die  eben  darum  leichter  kurz  ist  als  lang. 

Das  Alter,  besonders  das  eines  gesunden  Autors,  beschlieBet 
sich  gewohnlich  mit  dem  Nervenschlage,  der  dem  schnellen  Zer- 
springen  gleicht,  worait  eine  Sonnenblume  alle  ihre  Bluten  er- 
weitert.  Diesen  Zauberschlag,  der  diese  Welt  in  die  andere  ver- 
wandelt,  setzt  der  vortreff  liche  Darwin1  in  die  zwei  Aquinoktien, 
worein  auch  beide  Biicher-Messen  fallen.  Ich  fand  aber  an  mir 

10  und  andern  das  Herbstaquinoktium  noch  gesiinder  als  selber  den 
kiirzesten  Tag;  hingegen  die  Fruhlings-Nachtgleiche  ist,  wie  die 
Ostermesse,  ergiebiger  fur  ihn  und  ist  zumal  nach  harten  hellen 
Wintern  der  eigentliche  Ziehungstag  des  Freund  Heins.  Und  da 
wird  er  mich  wahrscheinlich  ziehen;  zumal  wenn  der  Winter- 
oder  Nachwintertag  (etwan  in  der  Fruhlingsnachtgleiche)  son- 
derlich  heiter  und  kalt  sein  sollte  und  gleichwohl  das  Wetterglas 
fiele.  Die  mit  der  Muskularkraft  vertragliche  Nerven-Asphyxie, 
die  gegenwartigen  Verfasser  oft  an  Wintertagen  verodet,  befestigt 
schon  Weikards8  und  Browns  System.  — 

20  -  Wie  himmlisch  und  italienisch-dunkelblau  bist  du,  heutiger 
Tag!  Ich  ruhe  jetzt,  in  schoner  dankbarer  Erinnerung  an  eine 
Familie  voll  elterlicher  und  kindlicher  Liebe,  am  romantisch- 
bewachsenen  Ufer  der  Saale*  und  blicke  in  den  vertrauten  Strom, 
an  welchem  ich  aufwuchs  und  worin  das  traumende  Kind  oft 
seinem  schwimmenden  Lacheln  lange  nachgesehen  und  den  ich 
nach  so  langer  Zeit  hier  in  der  Feme  wiederfinde.  O  wie  linde 
und  weich  laufen  deine  Heben  Wellen  voriiber,  die  ja  alle  vor 
meinen  Geliebten  in  Hof  und  vor  ihren  Spaziergangen  vorbei- 
gezogen  sind!  Sehnsuchtig  und  bekannt  schau*  ich  jeder  daher- 

jo  flatternden  Woge  entgegen  und  folge  dann  lange  dem  fliehenden 
Wasserringe  nach  und  mochte  die  liebe  Flut  trinken  und  sie  auf 
meine  Brust  kuhlend  sprengen.  -  Moget  ihr  nur,  ihr  Wellen, 

1  In  seiner  Zoonomie  2.  B. 

2  Seine  »Toiletten-Lektiire  fur  Damen  und  Herrn«  kann,  einen  mit  dem 
Titelblatt  abstechenden  Zynismus  abgerechnet,  diatetisch  nicht  genug  emp- 
fohlen  werden. 

3  Bei  WeiBenfels;  bekanntlkh  flieBet  sie  auch  vor  Hof  vorbei. 


IO78  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

lachelnde  Gestalten  und  rote  Abende  nachgespiegelt  haben  und 
den  breiten  Glanz  der  Mondesnacht,  und  keine  Trane  soil  mit 
euch  gefiossen  kommen !  - 

Wir  wiirden  alle  den  Tod  schoner  finden,  wenn  er  unsere  Hiille 
nur  entseelte,  nicht  zerlegte  -  ferner  wenn  wir  die  Trauer,  die 
uns  geliebte  fremde  Graber  geben,  nicht  verwirrend  in  das  Bild 
des  unsrigen  iibertriigen  -  ferner  wenn  wir  uns  nicht  im  Leben 
so  recht  wie  in  einem  warmen  hauslichen  eingewohnten  Neste1 
festgesessen  hatten,  aus  dem  wir  nicht  gern  aufwollen  in  den  ho- 
hen  kalten  Himmel  -  und  endlich  wiirden  wir  den  Tod  verscho-  10 
nern,  war'  er  uns  versagt.  Ich  traumte  einmal,  durch  Swift  ent- 
ziindet,  von  einem  groBen  Geiste,  der  ewig  auf  die  Erde  ge- 
schmiedet  ware. 

Der  unsterbliche  Alte  hatte  fiinf  tiefe  Wundenmale  seines  Un- 
gliicks:  er  war  ungliicklich  im  Friihling,  weil  uns  dieser  ewig 
durch  eine  hohere  HofThung  erfreuet  und  trostet,  als  der  runde 
Kirchhof  der  Erde  erfullen  kann  -  er  wars  vor  der  Musik,  durch 
welche  die  ganze  Unendlichkeit  seines  Herzens  wach  wurde  und 
der  er  zurief:  »Sirene,  im  langen,  Iangen  Leben  fand  ich  nichts 
von  dem,  was  du  versprichst«  -  er  wars  vor  der  Erinnerung  der  20 
hohen  Liebe,  die  in  der  hiesigen  Welt  nur  keimen  und  erst  in  der 
andern  bluhen  kann  —  er  wars  vor  der  Sternen-Nacht,  zu  deren 
weit  schimmernden  UnermeBLichkeit  er  weinend  hinauf klagte : 
»So  leb'  ich  denn  ewig  geschieden  von  dir;  und  das  groBe  Son- 
nen-  und  Erden-Universum  steht  ubef  und  unter  mir,  und  der 
Kot  einer  kleinen  Kugel  halt  mich  fest«  -  er  war  ungliicklich  vor 
der  Tugend,  vor  der  Wahrheit  und  vor  Gott,  weil  er  wuBte,  in 
welcher  Feme  sich  der  Erdensohn  ihnen  nahern  kann. 

Aber  es  gibt  keinen  solchen  ewig  von  der  wachsenden  Nach- 
welt  abgestoBenen  Menschen,  vor  welchem  sich  im-mer  nur  die  30 

1  Die  Menschen  fiirchten  weniger  die  Vernichtung  als  eine  hohe  Art  des 
Seins.  Wenn  z.  B.  der  Tod  darin  bestande,  dafi  jedes  Jahr  ein  Komet  an  der 
Erde  tief  voriiberfloge  und  die  Alten  und  Kranken  lebendig  zu  sich  aufrisse, 
unter  eine  Gesellschaft  hoher  Geister:  so  wiirden  die  meisten  Kanzlei-, 
Forst-  und  andere  Bedienten  nicht  wissen,  was  sie  davon  haben,  daB  sie 
droben  in  einem  fort  seraphisch  verfahren  sollen,  indes  sie  unten  die  besten 
Sonntagsbraten  und  Kranzchen  und  Tabaksrollen  wissen. 


KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE  IO79 

diirre  Korperwelt  ohne  die  Geisterwelt,  wie  vor  uns  die  vergla- 
sete  Halbkugel  des  Mondes  ohne  die  zweke  voll  Blumen1,  vor- 
drehte,  es  gibt  keine  fragende  Brust  in  dieser  runden  Wiiste,  zu 
welcher  nicht  irgend  einmal  der  Tod  trate  und  ihr  antwortete. — 
Du  muBt  mir  auch  einmal  antworten!  Jetzt  ist  die  Welt  so 
stumm !  -  Wie  in  der  wuhlenden  Stunde  des  Erdbebens,  wenn 
Berge  und  Stadte  schwanken  und  das  aufgeworfne  Meer  in  ho- 
hen  Wellen  emporfahrt,  wie  da  furchterlich  das  Luftmeer  und 
der  Himmel  stille  stehen  und  kein  Liiftchen  iiber  das  Getiimmel 

10  weht :  so  liegt  uber  diesem  lauten  Leben  und  uber  unsern  Seuf- 
zern  und  iiber  dem  Toben  der  Volker  das  Geisterreich  stumm 
und  fest  und  eingehullt,  und  nichts  spricht  mit  dem  einsamen 
Geist  als  er  selber  —  Aber  der  Tod  wirft  den  tauben  Korper  und 
die  dicke  Erde  weit  von  uns,  und  wir  stehen  frei  und  hell  in  der 
lichten  Welt  unsers  Herzens  und  unsers  Glaubens  und  unserer 
Liebe.  - 

Wenn  du  nun  kommst  zu  mir,  letzter  Genius  des  Lebens:  so 
werd*  ich  dich,  dessen  schones  Angesicht  und  dessen  glanzende 
Flugel  so  oft  an  meinem  Schreibetisch  offen  standen,  hofF  ich, 

20  noch  kennen  -  und  wenn  ichs  nicht  mehr  konnte,  so  ware  der 
Irrtum  nur  kurz  — ,  und  ich  werde  sagen :  nimm  nur  hin  den  leich- 
ten  durchsichtigen  Sommernachtstraum  des  Lebens,  weiter  ist 
nichts  dal  Und  wenn  du  dann,  wie  wir  schon  bei  kleinern  Myste- 
rien  tun,  das  scheidende  Auge  verschleierst  und  wenn  nur  noch 
ein  paar  Traume  in  der  leeren  Seele  wohnen :  o  so  werd'  ich,  wenn 
ich  kann,  segnend  an  euch  Menschen  denken  -  denn  ich  nab*  euch 
gewiB  geliebt  — ,  und  es  wird  mich  da  noch  schmerzen,  daB  du 
arme,  so  oft  verwundete  Menschheit  noch  so  blutige  Entwick- 
lungen  zu  uberstehen  hast.  Wenn  die  letzte  Wolke  dann  dichter 

50  um  das  Auge  zieht:  dann  kommt,  ihr  Jugendmorgen  und  Junius- 
nachte,  ich  werde  die  jungen  Rosen  in  eueren  Handen  schon  ken- 
nen -  und  ihr  gestorbenen  Freunde,  tretet  nahe  herbei,  denn  nur 
noch  das  schlagende  Herz  steht  zwischen  mir  und  euch  -  und 
wenn  dann,  was  das  Geschick  doch  so  vielen  Scheidenden  be- 

1  Einige  Astronoraen  nehmen  an,  daB  die  von  uns  abgedrehte  Halfte 
des  Mondes  Auen  und  alles  habe. 


IO80  BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLALTF 

scherte,  ein  inneres  Tonen  und  Klingen  den  entrinnenden  Geist 
begleitete,  so  wiird*  er  noch  uber  diesem  holden  Friihling  der 
Ewigkeit,  iiber  dieser  ersten  Erde  weinend  schweben  und  wiin- 
schen:  lebt  wohl,  ihr  Morgen  und  ihr  Abende,  ihr  reichen  Taler 
und  Berge,  ihr  Sternennachte,  ihr  Friihlinge  und  du  ganze  Hebe 
Erde!  -  Und  dann  nab'  ich  sie  verloren.  -  O  noch  ruht  sie  so 
glanzend  vor  mir  und  tragt  die  untergehende  Sonne  an  ihrem 
Herzen  —  der  Abend  brennt  hinter  seinen  Wolken  auf  den  Bergen 
—  die  entfliehenden  Lerchen  singen  dem  kiinftigen  Friihling  ent- 
gegen  -  aus  den  vertrockneten  Auen  griinen  die  hohen  Winter-  i.o 
saaten  mit  Fruhlingssprossen  auf  -  und  ich  gehore  noch  der  er- 
freuenden  Erde  an  —  o  ich  will  in  diesem  Vorhof  des  Seins  noch 
tun,  was  der  Schwache  vermag. 

Die  Sonne  geht  hinab  -  meine  Reise  endigt  —  und  in  wenig 
Minuten  bin  ich  an  einem  geliebten  teuern  Herzen —  es  ist  deines, 
unsterblicher  Wieland! 


DAS  HEIMLICHE  KLAGLIED 

der  jetzigen  Manner; 

eine  Stadtgeschichte 

und 

Die  wunderbare  Gesellschaft 

in  der  Neujahrsnacht 


VORREDE  ZU  VoRREDEN 

Sie  hat  nichts  anzuzeigen  als  den  literarischen  Geschichts- 
forschern  und  Anzeigern  die  Schreib-Geschichte  der  nachstehen- 
den  Stadtgeschichte.  Urspriinglich  wurde  solche  fur  die  »Ruhe- 
stunden  fur  Frohsinn  und  hausliches  Gliick«  aufgesetzt  und  auf- 
gegeben  auf  die  Post  -  Nicht  lange  darauf  wurde  dem  Verfasser 
die  Tor-  und  Fruchtsperre  jener  chronischen  Schrift  gemeldet 
und  dabei  ein  besonderer  Solo-Abdruck  seiner  Stadtgeschichte 
sehr  gewiinscht  -  Er  stand  gar  nicht  an,  es  dazu  kommen  zu  las- 

ro  sen,  lieB  aber  -  was  wohl  jeder  bilHgt  -  sein  heimliches  Klaglied 
wieder  aus  Bremen  kommen,  urn  das  Lied,  das  anfangs  in  der 
Partitur  einer  ganzen  periodischen  Schrift  ungehort  weglaufen 
sollte,  nun  aber  als  besonders  ausgesetzte  Stimme  zugleich  den 
Vorteil  der  Begleitung  zu  entbehren  und  den  Nachteil  der  un- 
geteilten  Aufmerksamkeit  zu  erwarten  hatte,  von  neuem  zu  setzen 
und  reicher  zu  fugieren  -  Der  Komponist  glaubt  dieses  durch  die 
Zerspaltung  in  Kapitel  geleistet  zu  haben,  welche  dem  Werke, 
wie  der  Bibel,  anfangs  fehlten;  und  deren  er  nach  Anzahl  der 
Hundszahne,  Fakultaten  und  Singsummen  viere  hineinmachte, 

20  obgleich  das  Lied  noch  kapitelfahiger  gewesen  ware.  Er  nannte 
die  Kapitel  Ruhestunden,  gleichsam  kanonische  Horen  des  Klag- 
Heds,  die  man  zu  singen. 

Das  ist  alles,  was  ich  von  der  Schreibgeschichte  des  Liedes  auf- 
getrieben;  fur  Personen,  welche  mein  Buch  selber  lesen,  in  der 
Tat  gleichgiiltig  genug,  aber  niemals  unwichtig  dem  redlichen 
Literaturgeschichts-Forscher,  dem  die  »Geschichte  des  Buchs«  - 
wie  Lessing  die  Vorrede  definiert  -  das  Buch  selber  ist;  ein  sol- 
cher  Forscher  beneidet  Menschen  wenig,  denen  ein  trocknes 
Manuskripten-Faktum,  das  seinem  Magenmund  als  Klee-  und 


IO84  DAS  HEIMLICHE  KLAGLIED 

Kanarienfutter,  als  Doktorschmaus  und  Hirschkolbe  zuschlagt, 
nichts  Besseres  ist  als  Hechsel  und  Trebern. 

Ich  hab'  es  daher  (gegen  die  Sitte,  aber  mit  Vorbedacht)  ver- 
anstaltet,  daB  diese  Vorrede  auch  abgerissen  vom  Buche  einzeln 
von  der  Buchhandlung  ausgegeben  werde,  sauber  broschiert.  (Auf- 
geschnittene  Exemplare  konnen  nicht  zurtickgenommenwerden.) 
Es  bleibt  Gewalttatigkeit  und  Gassenraub,  wenn  man  denMeusel- 
schen  Literator,  der  bloB  um  die  Geschichte,  nicht  um  die  Textur 
des  Buchs  bekummert  ist,  notigen  will,  sich  zu  jener,  die  er  in  der 
Vorrede  schon  vollstandig  flndet,  noch  das  lange  ausgestreckte  10 
Anhangsel  und  Wirtschaftsgebaude  des  Werkes  selber  anzukau- 
fen.  Cui  bono?  fragt  er  mit  Nachdruck  und  verlangt  eine  Vorrede 
ohne  die  lange  Beilage  des  Buchs  sub  Littera  a,  b,  c  bis  zu  z,  wel- 
ches man  ein  Alphabet  oder  dessen  Signatur  heiBet. 

Der  Rezensent  vollends  —  der  Vorlaufer  und  Gazettier  des 
Literaturhistorikers  -  geht  fast  unter  bei  dieser  britischen  Union 
der  Biicher  mit  den  Vorreden.  Er  kiindigt  seine  Schreiberei  so- 
gleich  als  bloBe  Zeitung  (Literatur-jgelehrte1  und  andere)  an :  wie 
kommt  nun  er,  der  Protokollschreiber  der  Geburtslisten,  die  ja 
nie  Konduitenlisten  sind,  dazu,  daB  er  auBer  der  Erscheinung,  der  20 
Zahl  und  der  Eltern  der  Gebornen  auch  noch  das  Genie  derselben 
ausschreien  und  sich  aus  dem  reinhistorischen  Kreise  der  Vorrede 
ins  materielle  Buch  vertreiben  lassen  soil? 

In  literarischen  Stadten,  welche  zur  Gelehrtenbank  der  Stadte 
gehoren  -  wie  Residenzen  zur  Ritterbank  -,  auf  akademischen 
(z.  B.  Jena,  Erlangen  etc.)  ist  daher  langst  die  gute  Einrichtung 
getroffen,  daB  irgehdein  maBiger  Sortimentsbuchhandler  eine 
Leihbibliothek  von  bloBen  Vorreden  errichtet,  welche  nachher 
unter  den  gelehrten  Mitarbeitern  Umlaufen,  sowohl  in  der  Stadt 
als  auf  dem  Lande;  Werke,  denen  (wie  bei  Goethischen,  Schiller-  30 
schen  oft  der  Fall  ist)  Vorreden  fehlen,  konnen  daher  (es  sind 
keine  spruchfertigen  Akten)  entweder  schwer  beurteilt  werden, 
oder  ihre  Titel  zirkulieren. 

In  der  Tat  bei  der  allgemeinen  Schreiberei  -  und  da  jetzt  Ideen 

1  Oder  als  deutsche  Bibliothek,  welches  dasselbe  sagt,  wenn  sie  nicht  wie 
die  von  le  Clerc  zugleich  bibliotheque  raisonnee  ist. 


VORREDE  ZU  VORREDEN  IO85 

nicht  mehr  untatig  im  Kopfe  bleiben  wie  sonst,  sondern  da  sich 
die  Denk-Matene  wie  die  Gicht-Materie  allgemein  in  den  tatigern 
Muskeln,  in  den  Ellenbogen-  und  Handgelenken  absetzt,  welche 
deswegen  die  Materie  durch  Bewegung  weitertreiben  und  aus- 
werfen  und  dazu  Federn  fuhren  -  und  bei  dem  geringen  Gehalt 
der  gedachten  Sekretionen  ist  eigentlich  mehr  die  Geschichte  eines 
Gelehrten  erheblich  als  er  selber,  und  das  Verzeichnis  der  Bucher 
wichtiger  als  ihr  Inhalt,  falls  einer  dabei  ist.  Daher  wird  die  Vor- 
rede  -  der  historische  Teil  des  Werks  -  als  die  BlUte,  als  die 

10  Kuppel  des  Buchs  vom  Verfasser  ganz  zuletzt,  wenn  er  schon 
reifer  ist  (wie  ich  denn  nachstehendes  Buch  in  Weimar  verfafite, 
die  Vorrede  aber  erst  in  Berlin),  aufgesetzt;  es  ist  der  kostliche 
Steifi  am  gebratnen  Kapaunen.  Vorher,  am  ersten  Tage  -  im 
Buche  -  wird  Licht  geschaffen,  am  letzten  -  in  der  Vorrede  -  der 
Mensck)  der  Autor;  er  kommt,  wie  der  romische  Feldherr,  im 
Triumph  erst  zuletzt  selber  gefahren  und  geht  (er  sitzt  bekranzt 
im  Triumphwagen  der  Vorrede)  zugleich  als  Volk  nebenher,  das 
auf  ihn  schimpft,  und  steht  (denn  er  muB  das  alles  allein  spielen) 
auch  als  der  Kerl  hintenauf,  der  ihm  unaufhorlich  zuruft :  gedenke, 

20  daB  du  ein  Mensch  bist;  und  so  lasset  er  uns  wie  jeder  gute  Histo- 
riker  tief  genug  in  die  Schwachheiten  des  menschlichen  Herzens 
blicken,  in  seine  Eitelkeit  und  Heuchelei.  Darin  fischen  nun  samt- 
liche  Literaturhistoriker,  Programmenschreiber,  Anzeiger,  Schul- 
manner  und  Humanisten  und  sondieren  die  possierliche  Haut, 
das  Menschenherz,  und  die  mokanten  Schelme  heizen  nachher 
dem  Vorredner  ganz  anders  ein  als  er  selber. 

Was  den  zweiten  Teil  dieses  Biichleins  anbelangt,  die  wunder- 
bare  Nachtgesellschaft:  so  wiinscht'  ich  von  Herzen,  hier  in  der 
Vorrede  manches  gute  Wort  zu  seiner  Zeit  ihr  vorzureden,  wenn 

30  ich  eines  samt  der  seinigen  hatte.  - 
Berlin^  den  10.  Jenner  1801. 

Jean  Paul  Fr.  Richter 


I.  Das  heimliche  Klaglied  der  jetzigen 

Manner 


Erste  Ruhestunde 
Rasonierender  Katalog  der  handelnden  Personen  -  der  Aprilnarr 

Kleidete  ich  diese  Ruhestunde  in  einen  Komodienzettel  ein,  so 
hob*  ich  freilich  an :  der  Schauplatz  ist  in  Krehwinkely  einem  hub- 
schen,aber  sehr  kotigen  und  steinichten  Landstadtchen  in  Flach- 
senfingen,  woraus  drei  farbenstriemige  Holz-Ellenbogen  jeden, 
der  sich  unter  dem  Tore  nach  Wegweisern  umsieht,  in  drei  Welt- 
gegenden  versenden.  Allein  die  Ruhestunde  ist  mehr  eine  Ko- 
modie  als  ein  Zettel  davon,  und  Krehwinkel  ebensowohl  die 

10  Schauspielertruppe  als  der  Schauplatz.  Seit  Jahren  rang  schon  die 
Stadt  nach  nervis  probandi  und  ganz  entscheidenden  Schliissen 
in  Festino,  Darapti,  Barocko  und  Ferison,  daB  der  schonlockige 
Konsistorialrat  Perefixe  wirklich  die  Ehe  breche  mit  der  Berg- 
geschwornen,  der  Madame  Traupel;  vermuten  konnt*  es  jeder. 
Nur  uber  die  Frau  waren  die  Frauen  nicht  zweifelhaft,  sie  warfen 
mit  gewohnlicher  Wahl  (wie  man  bei  neugebornen  Hiindchen 
tut)  bloB  das  schonere  Geschlecht  ins  Wasser.  JedeKrehwinklerin 
wiinschte  eine  Helferin  in  jeder  Not  und  besonders  eine  Geburts- 
helferin  zu  sein,  bloB  um  die  Hiilfe  so  lange  zu  verweigern,  bis 

20  nicht  nur  der  Vater  des  Lebens-Pratendenten  angegeben  war, 
sondern  auch  die  samtlichen  Vettern,  Basen,  Stiefgeschwister  und 
Stiefeltern  des  Wurms.  Oberhaupt  gibts  in  kleinen  Stadten  keinen 
verdriiBHchern,  windigern  Ort  -  der  Pranger  ist  dagegen  ein 
Luststand  -  als  ihre  Gedachtnistafel,  dieses  Portativ-Drillhaus- 
chen,  das  man  immer  voll  auf  jedem  Kanapee  aufstellt  und  um- 
dreht.  Die  VergiBmeihnichte  -  welche  schon  die  Botaniker  unter 
die  Giftpflanzen  stellen,  und  welche  es  durch  die  Liebe  noch 
leichter  werden  -  sind?  aus  der  Hand  eines  Stadtchens  gereicht, 
ein  BlumenstrauB,  den  man  einem  armen  Sunder  ansteckt.  Be- 

30  schadigen  will  dabei  niemand,  weil  jeder  weiB,  daB  der  Pranger- 


IO9O  DAS  HEIMLICHE  KLAGLIED 

Statist  immer  in  der  Stadt  so  vollgiiltig  nachher  kursiere  als  vor- 
her;  so  wie  Juden,  welche  die  Goldstiicke  in  Scheidewasser  ein- 
weichen,  nur  ihr  Gewicht,  nicht  ihr  Geprage  andern  wollen,  son- 
dern  den  fernern  Kurs  vielmehr  herzlich  verlangen. 

Die  Frage  nun,  welche  -  so  wie  Newton,  Bernoulli,  Leibniz 
schwere  Probleme  und  Resultate  in  den  Leipziger  actis  erudi- 
torum  ausstellten,  damit  das  ganze  mathematische  Europa  darauf 
vernunftig  antwortete  -  ebenso  der  Rat  Perefixe  und  die  ge- 
schworne  Traupel  in  den  Krehwinklischen  actis  sanctorum  dem 
Stadtchen  uber  ihren  gegenseitigen  Ehebruch  vorlegten,  damit  10 
es  entscheide,  war  wie  folgt  abgefasset,  so  wie  iiberhaupt  die 
ganze  Historie  wie  folgt  angeht: 

Der  Konsistorialrat  Perefixe  war  ein  Mann,  den  man  -  wenn 
er  im  Sommer  in  den  Damenklub  des  NuBmannschen  Gartens 
trat,  mit  jugend lichen  Blicken  und  ofFner  heiterer  Stirn,  so  ge- 
wandt  undzierlichundals  leichterRegisseurdersitzendenTruppe 
von  ersten  Liebhaberinnen  -  schwerlich  fiir  einen  Konsistorialis- 
nahm,  geschweige  fiir  den  ersten  Sanger  des  heimlichenKlaglieds. 
Er  gehorte  unter  die  Leute,  die  in  Deutschland  von  keinem  Ge- 
wichte  sind,  weil  sie  mehr  Quecksilber  haben  als  Blei,  obgleich  20 
jenes  =  13,568  wiegt,  dieses  aber  nur  =  1 1,352;  alles  schien  und 
war  den  Krehwinklern  zu  schnell  an  ihm,  seine  Sprache,  seine 
Rlihrung,  seine  Liebe  und  Gefalligkeit,  und  dabei  zu  stark;  jeder 
Fremde  interessierte  ihn  so  sehr,  und  jede  Fremde  zu  sehr.  Die 
bleierne  Stadt  will  erweisen,  daB  er  den  Bettelstab  in  Handen 
hatte,  wenn  das  salische  Gesetz  noch  regierte,  das  einen  Mann  fiir 
jeden  Druck  einer  fremden  weiblichen  mit  15  Goldschillingen 
abstrafte;  und  sie  bewahrt  Leute  auf,  die  es  aus  dem  eignenMunde 
dieses  lutherschen  Konsistorialrats  vernommen,  daB  er  sich  ge- 
wiinscht,  ein  -  Kardinal  zu  sein,  bloB  weil  dieser  das  Recht  ge-  30 
nosse,  jede  Fiirstin  und  Konigin1  auf  den  Mund  zu  kiissen.  Ein 
narrischer  Mann!  Doch  in  letzterem  Wunsch  ist  ihm  heutzutage 
nachzusehen,  und  ich  triige  selber  mit  Vergniigen  einen  roten 
Hut. - 

Natiirlich  ist  er  daher  wie  ein  Franzos  —  und  seinem  Namen 

1  Ausgenommen  die  franzosischen,  nach  Voltaire. 


ERSTE   RUHESTUNDE  IO9I 

nach  gehort  er  ja  zur  Kolonie  -  nicht  galant  gegen  eine  Frau, 
sondern  gegen  alle;  und  er  dediziert  -  wie  der  Italiener  jeden 
Band  eines  Werks  einem  andern  Mazen  -  so  jede  halbe  Stunde 
einer  andern  Gonnerin;  allein  was  die  Stadt  nicht  iibersieht,  ist 
seine  auszeichnende  Liebe  zu  Madame  Traupel  und  seine  Besuche 
bei  ihrem  Manne.  Dieser,  von  welchem  sie  den  dummen  Namen 
herhatj  ist  Berggeschworner  und  weniger  auf  der  Erde  bekannt 
als  unter  ihr.  Dieser  Berggeist  oder  Bergleib  mit  kurzer  Nase  und 
Stirn  mag  wohl  besser  und  vielhaltiger  sein,  als  ich  ihn  schildern 

.'  will  -  seine  Seele  ist  nicht  wie  die  im  orbis  pictus  aus  Punkten, 
sondern  aus  Kommaten  zusammengeschmiert,  die  nichts  anfan- 
gen  und  nichts  endigen  -  das  dicke  Fallgatter  seiner  schmalen 
Stirn  lasset  keine  fremde  Meinung  ein,  und  das  wenige,  was  er  mit 
Wirkung  lieset,  ist  vom  Knappschaftsschreiber  aufgesetzt  -  einen 
Lorbeerbaum,  dessen  Pfahlwurzel  nicht  in  die  Schachte  hinein- 
wachset,  kann  er  nach  seiner  Meinung  umblasen,  und  das  A-leder 
ist  ihm  die  einzige  Logenschurze,  die  rechte  bunte  Fliigeldecke 
des  Menschen  -  fremder  Hochmut  setzt  ihn  ganz  auBer  sich:  »lch 
konnte  so  gut  prahlen  als  mancher  andere,«  (sagt  er)  »aber  mit 

>  mehr  Recht.«  -  Ebenso  schont  er  fremde  Dummheit  nicht:  »Ich 
muB  sagen,«  sagt  er,  »einfaltige  dumme  Pinsel  sind  mir  recht  ver- 
haBt;  ich  kann  nicht  leugnen,  einfaltiges  Ochsen-Volk  steh'  ich 
nicht  aus,  und  ich  zwick'  es  nach  Gelegenheit  erbarmlich.«  -  Er 
hat  die  gute  Gewohnheit  deutscher  Autoren,  jeden  Gedanken, 
wie  einen  Wechsel  nach  Welschland,  stets  zweimal  nacheinander 
abzusenden,  welches  mir  schon  aus  dem  Gehirn  -  wo  solcher 
wachset  -  einleuchtet,  well  jeder  Teil  und  Hiigel  doppelt  da- 
liegt.  -  - 

Zu  verwundern  ist  nur,  wie  er  eine  Frau  nahm  und  bekam,  wel- 

d  che  funfzehn  Sommer  junger  als  er  -  denn  er  war  funfzehn  Win- 
ter alter  als  sie  -  und  iiberhaupt  so  schon,  klug,  keck,  arm  und 
gelehrt  war,  daB  er  eher  in  den  nachsten  Schacht  vor  ihr  hatte 
untertauchen,  als  ihr  daraus  im  Brautigamsrock  entgegensteigen 
sollen.  Die  geizigsten  Manner  haben  zwar  oft  eine  Stunde,  wo  die 
Liebe  aus  einem  Handelsartikel  ein  Glaubensartikel  wird,  die 
wildesten  eine,  wo  sie  den  Essig  erreichen,  der  sich  versiiBet, 


IO92  DAS  HEIMLICHE  KLAGLIED 

wenn  er  die  heiBe  Linie  passiert,  wiewohl  er  wieder  versauert, 
Wenn  ef  retour  geht;  aber  die  Sache  war  anders,  und  bloD  der 
April,  den  die  Alten  mit  einer  Blume  malten,  gab  unserem  Trau- 
pel  eine,  namlich  seine  Frau.  Es  ging  so: 

Den  ersten  April  bat  sie  denBergmann  um  die  doppelteErlaub- 
nis,  mit  einer  Freundin  aus  seinem  groBen  Hause  dem  Jahrmarkte 
zuzusehen  und  ihn  da  in  den  April  zu  schicken.  Das  war  fur  sei- 
nen  innern  Menschen  wahre  griine  Futterung;  er  gab  wphl  zu, 
daB  man  ebenso  klug  sein  konne  wie  er,  aber  nicht  kluger;  denn 
das  Unverstandliche  war  ihm  das  Unverstandige,  und  Dunkel-  10 
heit  diesseits  seines  Augenlides  eine  jenseits  desselben.  Er  sclvwur 
heimlich,  nichts  zu  tun,  was  sie  begehre,  um  sich  in  kein  April- 
narrenhaus  zu  verlaufen.  Sie  kam  und  versicherte  ihn  mit  aufrei- 
zender  GewiBheit,  sie  werd'  ihn  dahin  verschicken.  Er  versetzte, 
wenn  ihr  das  gelinge,  erbiet'  er  sich,  sie  jedes  Jahr,  solang  sie  lebe, 
ins  Karlsbad  auf  seine  Kosten  zu  schicken;  -»und  ich«,  sagte  sie, 
»wette  mich  selber,  ich  heirate  Sie.«  - 

Auf  dem  Markte  war  allerlei  zu  sehen  unci  ebenso viel  dariiber 
zu  reden;  aber  Traupel  hiitete  sich  vor  letzterem.  Er  sah  lieber 
Ninetten  an  und  lauschte  auf  jede  mimische  Woge,  die  um  jede  20 
Fischreuse  spielte,  in  die  er  einfahren,  auf  jede  Schwimmfeder  eines 
Angelhakens,  der  fur  seinen  Hechtskopf  ein  Passionsinstrument 
werden  konnte.  Auch  Ninette  schauete  weniger  die  verworrenen 
Bewegungen  des  Marktplatzes  an  als  die  seiner  Physiognomie,  an- 
fangs  schelmisch,  zuletzt  teilnehmend.  Plotzlkh  fuhr  sie  vom  Fen- 
ster  zuruck,  sie  entdeckte  einen  Schieferdecker  im  Lauf  band  sei- 
nes Luftbankchens  den  nahen  Lorenzturm  umrutschend.  Dieser 
imHimmel  und  an  so  wenigHanffasern  hangendeLaufstuhl  machte 
ihr  zu  bange.  Traupel  setzte  sich  mit  ihr  aufs  Kanapee;  die  Freun- 
din, eine  etwas  dickgepolsterte  jungfrauliche  Fimfundvierzigerin,  30 
verharrete  am  Fensterstock,  weil  sie  in  der  Welt  nichts  lieber  tat 
als  -  sehen,  schon  aus  Mangel  der  Ohren  weniger  als  des  Gehors. 
Der  feine  Traupel  hatte  bloB  den  Aprilnarren  im  Kopf  und  be- 
dachte  alles,  was  er  sagte.  Ninetta  versicherte,  sie  versteh'  ihn  recht 
gut,  er  wolle  nur  das  Badreisegeld  erretten,  sogar  auf  Kosten  sei- 
ner und  ihrerFreiheit,aber  es  soil' ihm  gewiB  nicht  so  gut  werden. 


ERSTE    RUHESTUNDE  I093. 

Eswurde  nun  sehr  gefochten-er  fand  freilich  scheme  Absichten 
auf  sich  in  ihrer  April  -Wette  und  glaubte,  sein  Bild  oder  Bildchen 
sei  in  ihrem  Herzen  und  gucke,  sich  auf  die  Zehen  stellend,  aus  ihrem 
warmen  Auge  mitdemGesichtchen  zumFensterheraus-erwurde 
noch  entschlossener,  seine  Wette  und  Ehre  und  dadurchsieselber 
zu  gewinnen  -  er  maclite  in  der  Tarantel-Allemande  der  Liebe  das 
Kompliment,  die  pas  balances,  die  Viertelsphysiognomie,  denein- 
fachen  Handewechsel,  die  1;2,  die  3/4,  die  ganze  Physiognomie  im 
Drehen  und  endlich  den  halben  deutschen  Sklaven  mit  dem  pas 

ic  emboitte  und  vergaB  sich  und  den  April  und  sprach  vom  Gluck- 
auf  dieser  Stunde  (er  lieB  eigenhandig  eine  Repetieruhr  an  ihrem 
Halse  solche  repetieren)  und  erklarte  auBer  noch  andern  Dingen 
seine  Liebe  -  Da  sprang  sie  lachend  auf  und  sagte,  daB  es  beinahe 
die  taube  45gerin  storte:  »Aprilnarr,  Aprilnarr!  Wer  liebt  Sie 
denn?  Ich  nicht.«  Der  Geschworne  war  halbtot,  folglich  zum 
Gliick  auch  halblebendig  -  sagte,  das  sei  ja  gottlos  hausgehalten 
mit  ihm  -  wurde  versauert,  wieder  abgesiiBet  -  allein  nach  einigen 
Tagen  gab  sie  so  weit  nach,  daB  sie  beide  verlieren  wollten  und 
sie  die  Heirat  und  er  die  jahrliche  Badreise  verwettet  haben  sollte. 

10  Wollte  der  Himmel,  ich  hatte  damals  ein  Heirats-Bureau  ofFen- 
gehalten  und  die  Geschworne  ware  in  mein  Komtoir  getreten, 
ich  wiird*  ihr  einen  ganz  andern  Mann,  einen,  der  ein  Hausmacht, 
einen  Grafen  oder  dergleichen  zugewiesen  haben.  Lieset  sie  nicht 
die  besten  Franzosen  und  kann  keinen  zu  sprechen  bekommen, 
auBer  unsern  Herrn  Perefixe?  -  Hat  sie  nicht  durch  Kultur  eine 
gewisse  kunstliche  Einfachheit  und  Phantasie  gewonnen  und  ist 
eine  unverwelkliche  italienische  Blume,  die  sich  durch  feine  Ole 
den  Geruch  der  natiirlichen  ansalbt?  -  Braucht  sie  nicht  entsetz- 
lich  viel  Geld,  so  daB  ihr  Berg-Mann  ihr  nur  als  das  graue  Berg- 

^o  Miinnlein  erscheint,  das  den  Zeigefinger  auf  Goldadern  ausstreckt  : 
-  Ist  sie  nicht  der  besten  rrysterischen  Zufalte  und  Konvulsionen 
machtig  und  halt  darin  dem  Gesclrwornen  die  strengsten  BuB- 
reden,  und  sind  diese  hysterischen  Kontroverspredigten  nicht  den 
besten  Gardinenpredigten,  die  wir  haben,  vorzuziehen?  -  Mit 
einem  Wort,  hat  sie  nicht  eine  vornehme  ahnenreiche  Ehe  notig, 
die,  wie  ein  Konferenzzimmer  rangsuchtiger  Gesandten,  viele 


1094  DAS  HEIMLICHE  KLAGLIED 

Tilren  und  keinen  Ofen  hat?  —  Kurz,  ist  sie  nicht  der  Engel  und 
der  Teufel  in  einer  Person? 

Was  freilich  Traupel  mit  ihr  tut,  wenn  er  zuweilen  in  seine  vier 
Pfahle  zuriickkommt  und  der  fiinfte  ist,  das  wird  mir  schwerlich 
konnen  hell  gemacht  werden.  Mit  Perefixe  ist  es  etwas  anders, 
aber  das  ist  der  Kern  meiner  Stadtgeschichte. 

Kein  Krehwinkler  -  wenigstens  Traupel  nicht,  der  nur  am 
Berg-Schabbes,  am  Sonnabend,  nach  Hause  kam,  wo  Perefixe 
Amtswegen  zu  Hause  blieb  -  kann  so  oft  auf  dem  bergmanni- 
schenKanapee  gesessenseinalsebenderKonsistorialis;erschwang  10 
sich  zum  Gesellschafter  hinauf,  von  da  zum  Hausfreund  und  hatte 
nur  noch  die  hochste  Charge  vor  sich,  den  Hausfeind.  Traupel 
wuBf  es  zu  schatzen,  daB  sich  ein  Mann  und  Vikarius  vorfand, 
der  mit  seiner  Frau  parlierte  und  in  ihre  wweltweisen  Schnurren« 
(sie  war  eine  Philosophin)  einging,  da  sie  jeden  andern  Kreh- 
winkler aus  Ekel  vor  allem  Kleinstadtischen  stolz  aus  ihrem  Zau- 
berkreise  wies.  Sogar  wenn  sie  ihrem  Manne,  der  keinen  Vogel 
Heber  schoB  als  einen  festen  holzernen  auf  der  Stange,  es  erlaubte, 
eine  kleine  Schutzengesellschaft  zu  einem  PrivatschieBen  zusam- 
menzubitten:  so  muBten  die  Schiitzen  poetische  Zentauren,  halb  20 
Menschenpferde,  halb  Schiitzen,  sein,  gebildete  Edelleute  aus  der 
Nachbarschaft;  denn  sie  sagte,  ihr  falle  am  Ende  doch  alles  auf 
den  Hals.  Die  Herren  kannten  namlich  des  Bergmanns  Passion 
fur  diese  stehende  Vogeljagd;  folglich  suchte  jeder  ein  Vergniigen 
(er  sprach  wahrend  des  Schusses  mit  der  Frau)  darin,  daB  er  den 
Geschworenen  fur  sich  schieBen  lieB,  so  daB  dieser  als  das  repre- 
sentative System  der  Schutzenkompagnie  und  als  ihr  Kreisstand 
und  Zentralpunkt  immer  im  Kreis  stand  und  so  als  bevollmach- 
tigter  Gemein-Schiitze  (in  jedem  und  auch  in  seinem  Namen)  den 
ganzen  Vogel  allein  herunterholte.  -  30 

Wie  kam  ich  auf  diese  Geschichte?  -  Kurz  sie  trug  am  meisten 
mit  bei,  daB  die  samtliche  Geistlichkeit,  die  ohnehin  an  ihrem 
Loseschliissel  langst  den  Bart  abgedreht  hatte,  und  die  samtliche 
Dienerschaft  und  der  Wirt  vom  Hotel  de  Krehwinkel  sich  darauf 
totschlagen  HeBen,derKonsistorialis  gehe  mchtauf  gutenWegen, 
sondern»extra«-;  die  Weiber  dieser  Manner  (auch  weniger  Fleck- 


ERSTE    RUHESTUNDE  IO95 

ausmacherinnen  als  Fleckmacherinnen)  nahmen  die  Geschworne 
als  kokette  Wildschiitzin  jedes  ehelichen  Grenzwildprets  auf  sich 
und  wollten  samtlich  darauf  sterben,  blofi  Ninetta  sei  der  Teufel 
und  hebe  an  ihrem  Angelhaken  den  guten  jungen  Mann  aus  dem 
Wasser. 

Nur  eine  Frau  dachte  edler  von  ihm,  seine  eigne.  Josephine 
hatte  die  gottliche  Kraft,  einem  Menschen  zu  vertrauen.  Sie  lieB 
die  groBen  kiinstlichen  Waschmaschinen,  in  welchen  ganze  Fa- 
milien  auf  einmal  (Tee  oder  KafTee  wird  als  Lauge  zugegossen) 

io  sehr  gut  eingeweicht,  gehandhabt  und  gewalket  werden,  niemals 
in  ihrer  Stube  aufstellen.  Seine  Zephyretten-Natur  wurde  durch 
ihren  christlichen  Ernst  und  durch  die  Waage  ihrer  weiblichen 
Besonnenheit  sanft  angehalten;  seine  Foderationsfeste  mit  alien 
Menschengesichtern  wurden  unter  ihren  Richter-Augen  niich- 
terner  begangen;  und  ebenso  fuhrte  wieder  umgekehrt  sein  leich- 
ter  Gang  auf  dem  Lebenswege  und  die  Freundlichkeit,  womit  er 
alien  Pilgern  seine  Hand,  und  was  darin  war,  anbot,  diese  ein- 
same  stolze  Seele  auch  an  andere  naher  heran. 

Sie  schrieb  seine  Besuche  bei  Ninetten,  da  diese  die  feinsteFrau 

20  im  Orte  war  und  er  der  feinste  Mann,  der  Verwandtschaft  ihrer 
Kultur  und  Lektiire  zu.  Er  war  der  einzige  Geistliche  in  Kreh- 
winkel,  der  imstande  war,  Ninettens  Schmfnke  zu  verzeihen,  oder 
der  es  zu  schatzen  wufite,  wenn  sie  sich  ganz  uber  stiimperhafte 
Maler  erhob,  welche  ihr  Unvermogen  im  Nackten  durch  Ge- 
wander  verdecken.  Doch  konnte  Josephine  fur  ihre  Zuversicht 
weiter  nichts  anfiihren  als  seine  bisherige  Rechtschaffenheit  und 
den  SchluB  von  ihrem  Herzen  auf  seines  und  die  Donnerkeile, 
die  er  von  jeder  Hohe,  nicht  bloB  von  der  Kanzel,  auf  das  liider- 
liche,  Herzen-  und  Ehebrechende  Sakulum  fallen  He8.  Er  lieB  sich 

30  oft  auf  den  Beweis  ein,  daB,  wenn  das  kunftige  Jahrhundert  auch 
sonst  der  Menschheit  das  Krankenlager  weicher  bettete,  es  doch 
den  intermittierenden  Puis  derselben  vermehren  wiirde  -  der  An- 
stalten  zu  einer  allgemeinen  Entkraftung  und  Auskernung,  be- 
wies  er,  seienzu  viele  -  der  Luxus  wachse  hoher  mit  dem  Reich- 
turn,,  dieser  mit  jenem,  die  Armut  mit  beiden,  die  Ehelosigkeit 
und  die  Verspatung  der  Ehen  mit  alien  dreien,  die  fruhere  Mann- 


IO96  DAS  HEIMLICHE  KLAGLIED 

barkeit  desgleichen,  mit  dieser  und  jenen  wieder  die  Ausschwei- 
fung  und  mit  der  Ausschweifung  wieder  alle  jene  Obel,  und  so 
gehe  die  entsetzlichste  Zusammenbrechung  der  Menschheit  in 
immer  schmalere  Formen  zwischen  diesen  ineinander  arbeitenden 
Tatzen  wie  zwischen  zweien,  einander  immer  verkleinernd  wie- 
derholenden  Spiegeln  fort  -  und  was  dann  von  Jiinglingen,  die 
sich  schon  in  der  verjilngten  GroBe  des  kindischen  Greisenalters 
biicken,  zu  hoffen  oder  vielmehr  zu  furchten  sei,  das  mog'  er 
nicht  erleben.  Aber  noch  feuriger  und  ruhrend-geruhrt  wandt* 
er  sich  zu  den  Kinderfeinden,  die  jetzt  in  ganzen  Rotten  die  Erde  ic 
besetzen,  die  als  Widerspiel  Abrahams  ihren  Isaak  schlachten, 
um  einen  wollenreichen  Widder  zu  retten,  und  dann  sah  er  wei- 
nend  den  tausend  vaterlosen  Waisen  lebender  Vater  entgegen, 
diesen  Zangen-,  Achsel-  und  Kniegeburten  des  Lebens,  als  eignen 
Symbolen  ihres  kunftigen  Blutens,  Tragens  und  Kniens,  welche 
in  ihrer  besten  und  langsten  Schlafzeit  in  einer  von  Stroh  und 
Kissen  ausgeleerten  harten  Wiege  des  Lebens  frieren  und  zappeln 
-  Er  konnte  dann  nicht  mehr  fortreden. 

Leser  wissen  iiber  die  Quellen  solcher  Reden  Bescheid;  aber 
Josephine  trauete,  wie  alle  Weiber,  dem  mannlichen  Sprecher  zu  ic 
sehr  -  mehr  als  dem  mannlichen  Handeln  -,  weil  bei  ihnen  das 
Geblase  der  Phantasie  dicht  an  ihrem  Herzen  liegt  und  pfeift  und 
also  einer,  der  jenes  zu  regen  und  zu  treten  weiB,  damit  leicht 
dieses  rot  und  gliihend  blasen  kann.  Ja,  gutes  Weib,  dein  Mann 
konnte  kein  Heuchler  und  doch  ein  Sunder  sein,  aber  ein  reuiger, 
der  biiBen  und  bessern  will.  Und  hangen  nicht  uberhaupt  zwar 
vom  Kopfe  des  Menschen  die  langsten  Engelsflugel  nieder,  aber 
auch  von  seinen  Fersen  verdammt  dicke  FuBblocke,  so  daB  er 
wie  eine  Kokette  dem  Fischernetz  auf  ein  Haar  gleicht,  das  oben 
Korkkugeln  .schwimmend  erhalten,  indes  Bleistiicke  es  dem  5c 
Schlamm  anheften? 

Nur  eine  Sache  qualte  die  feste  Josephine  zuweilen,  namlich  die 
Frage,  was  ihn  quale;  denn  er  kam  selten  aus  dem  Traupelschen 
Hause  zuruck,  ohne  in  seinen  Gesichtsziigen  einen  ganzen  Wol- 
kenzug  mitzubringenj  welcher  in  einer  weniger  gliicklichen  Ehe 
skh  in  den  weiblichen  festgesetzet  hatte  als  sanfte  Lammerwol- 


ZWEITE  RUHESTUNDE  1097 

ken.  Bedenklich  wars,  daB  dieser  Heerrauch  des  Unmuts  in  ihm 
anhielt,  solange  Ninetta  im  Karlsbade  war;  auch  fiel  es  Josephirien 
spater  ein,  daB  er  einmal  plotzlich  zu  weinen  angefangen,  als  sie 
abends  um  1 1  Uhr  vor  Traupels  Hause  miteinander  vorbeigingen  - 
und  der  Nachtwachter  davor  eine  im  BaB  gesetzte  Gratulanz  ab- 
sang,  womit  er  nach  krehwinklischer  Sitte  die  eben  geborneToch- 
ter  des  Bergmanns  unter  der  Jubelpforte  des  Lebehs  salutieren 
wollen.  Da  das  gute  Weib  keiner  Liige,  nicht  einmal  einer  Zu- 
riickhaltung  fahig  war :  so  hatt'  sie  ihn  sanft  und  oft  iiber  seinen 

io  Gram  gefragt;  seine  Antwort  war  immer  gewesen,  ihn  betriibe 
die  kokette  peinliche  Erziehung  so  sehr,  welche  Ninetta  ihrer 
Tochter  Cara  gebe.  Josephine  glaubt'  es  aus  Pflicht  und  aus 
Vertrauen  gegen  ihn,  besonders  da  sie  bemerkte,  daB  eben  jene 
mitgebrachten  Wolken  sich  allzeit  in  warme  fruchtbare  Ergie- 
Bungen  fur  sie  selber  und  ihr  Kind  aufloseten. 

Die  lesende  Welt  ist  nun  ganz  berechtigt,  von  mir  iiber  das 

.  heimliche  Klagelied  der  jetzigen  Manner,  das  der  Konsistorialrat 

als  Chorist  mitsang,  das  Nahere  zu  erfahren,  und  zwar  bald.  - 

Dazu  wird  die  nachste  oder  £weite  Ruhestunde  ausgesetzt,  wo  ich 

=o  wieder  den  Leser  manipulierend  in  den  magnetischen  Schlaf  hin- 
einzustreichen  hoffe,  der  ihn  so  sehr  in  Rapport  mit  dem  schrei- 
benden  Magnetiseur  versetzt. 


Zweite  Ruhestunde 
Mondschein  -  Niquille  -  kosmetische  Hungerkur  -  Vatermartern 

Es  war  mitten  im  Marz  des  Jahres,  in  dessen  ersten  April  ich 
den  Leser  schon  weiter  oben  habe  gehen  lassen,  daB  Pereflxe  in  der 
Flachsenfinger  Redoute  mit  einer  langen,  gewandten,  frohen  weib- 
lichen  Maske  tanzte.  Im  ausruhenden  Gesprach  machte  er  nach 
seiner  jugendlichen  vertrauenden  Offenheit  sie  friiher  mit  sich  be- 
kannt  als  sich  mit  ihr;  sie  gab  sich  als  eine  nach  Wien  reisende 
Sangerin  an,  namens  Niquille.  Zum  Gliick  -  einen  Tag  spater 
sagt  oft  der  Mensch:  zum  Ungliick  -  logierten  beide  in  einem 


IO98  DAS  HEIMLICHE  KLAGLIED 

Gasthofe;  und  stiegen  vor  einer  Hausttire  aus.  Niquille  konnte 
nur  franzosisch  und  italienisch,  er  war  der  Mittler  zwischen  ihr 
und  der  deutschen  Wirtsdienerschaft.  Es  kann  weniger  durch  die 
Abreise,  die  schon  morgen  einflel,  als  durch  die  Unmoglichkeit, 
irgendein  Mondlicht,  besonders  ein  gemaltes,  bei  Tagslicht  zu  be- 
schauen,  entschuldigt  werden,  daB  sie  noch  heute  nachts  den 
Konsistorialis  ersuchte,  einige  italienische  Transparents  oder 
Mondscheinstiicke,  dergleichen  ich  mehrere  sehr  elende  gesehen, 
in  Augenschein  zu  nehmen.  Diese  Bilder  fiir  bloBe  Augsburgi- 
sche  Thesesbilder  und  Buchdruckerstdcke  ihres  Themas  anzu-  10 
sehen,  das  war  er  so  gut  imstande  als  einer,  der  auf  keiner  Mas- 
kerade,  geschweige  an  deren  Schenktischen  gewesen;  allein  -  da 
Niquille  so  keck  und  philosophisch  dachte,  sich  gegen  alle  Jagd- 
verbote  der  Liebe  metaphysisch  erklarte  und  sagte,  sie  wiirde 
jedes  aufheben,  hatte  sie  sonst  Temperament  -  so  wollt*  er  sehen, 
ob  sie  denn  der  -  Teufel  plage.  Es  gibt  Foliobande,  welche  aus- 
fiihren,  daB  dabei  nicht  viel  Segen  sei.  Das  Zimmer  wurde,  wie 
eine  Glocke  luftleer,so  lichtleer  gemacht  und  die  einfaltige  Rotel- 
zeichnung  des  purpurnen  Mondscheins  -  denn  von  der  magischen 
Silberhochzeit  der  Nacht  ist  auf  diesen  Schwefel-Abdriicken  des  20 
Abendrotes  wenig  nachzuweisen  -  eingesetzt  und  angeleuchtet. 
Die  vertrauliche  Dammerung,  dem  Mond-  oder  Nordschein  ge- 
geniiber,  lockte  allmahlich  ein  oder  ein  paar  Dutzend  Teufel 
naher,  Dammerungsvdgel,  welche  dann  am  liebsten  nach  Futter 
ausfliegen.  Es  fiel  ihm  vielerlei  zu  sagen  und  zu  bedenken  ein, 
z.  B.  daB  es  heute  Friihlings-Anfang  sei,  welches  er  sinnreich  auf 
diese  Stunde  applizierte  -  daB  diese  Ballenbilder  an  Raffaels  schon 
ausgemaltes  Schlafgemach  erinnerten  -  und  daB  Niquille  bloB 
eine  Sangerin  sei,  die  er  nie  am  Tage  mehr  sehe,  geschweige  bei 
diesem  italienischen  Nordschein.  -  Manche  Menschen  sind  die  30 
Sklaven  der  Minute,  obwohl  die  Herren  des  Tages;  Leidenschaft 
in  ihrem  Herzen  ist  Feuer  in  einem  Schiff.  Mit  einem  Wort:  wie 
der  Priester  nach  der  Tonsur  zu  den  7  kleinern  Amtern,  deren 
Treppen  erst  zur  Priesterwiirde  fuhren,  sich  in  wenig  Stunden, 
als  vom  Tiirhuter  zum  Lektor,  von  da  zum  Exorzisten,  dann  zum 
Akoluthen,  dann  zum  Subdiakonus,  zum  Diakonus  und  endlich 


ZWEITE  RUHESTUNDE 


IO99 


zum  Presbyter  hinaufschwingt  -  so  lieB  die  Sangerin,  in  Verbin- 
dung  mit  den  Dammerungsvogeln,  den  Konsistorialis  das  Avan- 
cement,  das  durch  die  7  ordines  minores  sines  Liebhabers  herauf- 
geht,  namlich  die  Amter  eines  seufzenden,  eines  anblickenden, 
eines  handedriickenden  usw.,  so  schnell  hintereinander  wegma- 
chen,  daB  er  in  ebenso  kurzer  Zeit  ihr  Priester  wnrde  als  ein 
anderer  ein  katholischer. 

Der  arme  Teufel!  In  Krehwinkel  sann  er  sehr  dariiber  nach. 
Er  wurde  sogleich  aus  dem  ersten  ScMafe  seiner  Selbstvergessen- 

io  heit  herausgeholt  durch  ein  sanftes  Faustchen.  Niquille  nannte, 
als  dieser  Weltpriester  mit  dem  Beichtsiegel  vor  ihr  stand,  ihren 

Namen Ninetta  und  vertierte  die  Reise  nach  Wien  in  eine 

nach  Krehwinkel.  Aber  auch  der  Erschrockne  setzte  sich  in  einen 
Schreckensmann  um :  er  zog  von  seiner  Verlobung  mit  Josephi- 
nen  den  Vorhang  weg,  und  Ninettens  Priester  blieb  ein  —  un- 
beeidigter. 

Was  gleich  darauf  und  spater  fur  Sturme  sauselten  und  was  fur 
dissertatiunculae  gegenseitig  gedruckt  wurden,  mogen  habilere 
Stadtgeschichtsschreiber  ausfuhren;  ich  habe  am  Faktum  genug, 

20  daB  der  Teufel  in  der  kurzen  Sieste,  wo  der  Konsistorialis  sein 
Gewissen  verschlief,  sich  Gelegenheit  ausersehen,  fur  dessen  gan- 
zes  Leben  den  Kern  eines  breiten  Giftbaums  in  die  Erde  zu  brin- 
gen.  Sein  reuiges  Herz,  obwohl  ewig  dem  edlen  seiner  Josephine 
ergeben,  wurde  an  das  verderbliche  durch  ein  heiliges  Band  ge- 
heftet  -  durch  Cam.  Er  hatte  die  feinen  geistigen  und  physio- 
gnomischen  Ahnlichkeiten  nicht  erst  nachzuzahlen  gebraucht, 
die  das  arme  Wesen  dem  Adoptiv-Vater  absprachen;  denn  als  er 
vor  dem  gratulierenden  Nachtwachter  vorbeiging,  hatt'  er  schon 
Vater-Tranen  vergossen,  aber  blofi  bittere. 

30  Wir  erinnern  uns  alle  noch,  daB  Ninetta,  selber  aus  einem  April 
kommend,  nachher  den  Geschwornen  dahin  verschickte,  daB  die- 
ser das  Gliick  hatte,  daraus  die  Kalender-Insignie  des  Monats, 
eine  schone  Blume  mit  einer  genie  fleuronnee1,  mitzubringen, 
namlich  seine  Ninetta.  Sie  nannte  ihn  daher  am  liebsten  Ndrrchen 

1  Genies  fleuronn^es  sind  in  der  Kunst  gefliigelte  Kinder,  die  aus  Laub 
oder  einer  Blume  mit  halbem  Leibe  wachsen. 


I  TOO  DAS   HEIMLICHE   KLAGLIED 

und  lieB  den  April  weg,  der  doch  nur  ein  Zwolftel  des  Jahrs  be- 
zeichnet ;  auch  andere  Weiber  sagen  gem :  Narrchen !  -  Ich  komme 
nun  aus  der  Vergangenheit  der  Geschichte  zur  Gegenwart  der- 
selben  zur  tick: 

Perefixe  hatte  in  seiner  Ehe  nur  einen  Sohn  erzeugt;  und  Trau- 
pel  hatt*  in  seiner  auch  nichts  erzielt  als  diese  Cara.  Desto  feuriger 
hing  nun  jener  Vater  am  holden  Kinderpaar;  ja  der  lebendige 
Zaun,  der  mit  seinen  Dornen  zwischen  ihm  und  dem  Tochter- 
herzen  dick  aufwuchs,  machte  nur,  dafl  sein  eignes  desto  vater- 
licher  in  dieser  Nahe  und  dieser  Trennung  dem  abgerissenen  ent-  10 
gegenklopfte.  Dadurch  griff  nun  Ninetta  in  das  Heft  und  die 
Handhabe  seines  Lebens  und  Herzens  und  hielt  ihn  an  seinem 
Fehler  fest  -  aus  Rache  und  aus  Eitelkeit.  Sie  konnte  ihn  qualen 
und  beherrschen  durch  jeden  Pfeil,  den  sie  gegen  die  Brust  seiner 
Tochter  auf  den  Bogen  legte.  Kurz  er  muBte  -  um  nur  die  Toch- 
ter  zu  sehen  —  die  erbarmliche  Rolle  machen,  daB  er  hinter  der 
Triumph -Volante,  wovor  immer  neuer  Vorspann  trabte,  stand 
und  sich  stoBen  lieB,  mit  der  Hand  im  Lakaienriemen. 

Er  muBte  zusehen,  wie  die  kokette  Weidmannin,  der  die  sanfte 
Cara  zu  still,  zu  bescheiden,  zu  gutmutig  und  offenherzig  war,  20 
alle  diese  offnen  Blumen  verdrehen,  eindrucken  und  abschneiden 
wollte,  um  eine  jiingere  Ninetta  daraus  zu  ziehen.  Er  muBte  zu- 
sehen, wie  sie  sogar  den  Korper  in  der  Poliermuhle  zercjuetschen 
wollte,  damit  die  Tochter  die  Mutter  wurde.  Da  das  stille  Meer 
von  Carens  Blut,  das  immer  seinen  sanften  Himmel  abspiegelte, 
Ninetten  zu  viel  Fett  abzusetzen  schien:  so  schickte  sie  in  das 
Meer  von  Zeit  zu  Zeit  die  notigsten  Sturme.  Wie  Sparter  unter- 
sagen  solche  Mutter  das  weibliche  Fett  -  wie  das  Fannische  Ge- 
setz  das  Masten  der  Huhner1  — ,  weil  der  Krieg  dabei  leidet.  Des- 
wegen  stellte  sie  bei  ihrer  Tochterschule  den  besten  Koch  -  den  30 
Hunger— als  Figuristen  und  bildenden  Kunstler  an,  um  das  ruhige 
gesunde  Wesen  zur  Charis  einzukochen,  wie  Gewachse  durch 
Nahrungs-Mangel  sich  in  bunte  Farben  aufblattern.  Was  guter 
Essig  und  langes  Wachen  tun  konnte,  wurde  angewandt,  um  den 
Golddraht  der  schonen  Taille  auf  dieser  Ziehbank  immer  feiner  zu 

'Plin.  H.N.  X.  1. 


DRITTE   RUHESTUNDE  HOI 

ziehen.  Armes,  weiches  Geschopf !  woran  die  Axt  statt  der  Baum- 
schere  formt  und  dem  man  die  Wurzeln  statt  der  Zweige  aus- 
schneidet !  Komisch  und  riihrend  zugleich  fiel  die  zuriickgebrochne 
manirierte  Stellung  des  Madchens  gegen  die  kindliche  Unbefan- 
genhett  ab,  die  aus  den  weiten  hellen  Augen  lachte,  und  der  ge- 
bietende  Anstand  gegen  das  demiitige  Herz  voll  Anhanglichkeit. 
Hatte  nun  nicht  mein  Titel  recht,  eine  Marter,  wie  Perefixe  in 
diesem  Erziehungsinstitut  aushielt,  ein  Klaglied  zu  nennen?  Und 
war  alles  nicht  desto  bitterer,  da  er  das  Lied  nur  heimlich  in  den 
■  Bart  hinein  singen  durfte?  — 


Dritte  Ruhestunde 


Betrachtungen  iiber  das  Klagelied  —  fernere  Strophen  desselben  —  das 
edle  Bergwesen  -  Wolfgang  -  Cara. 


Ein  paar  Oktavseiten,  und  was  darauf  steht,  werden  nicht  ver- 
loren  sein,  wenn  man  sie  bloB  zum  Schildern  und  Bedauern  der 
jetzigen  Manner  verbraucht,  welche  ich  in  ganzen  Singschulen 
beisammen  stehen  sehe  und  mit  den  ausgeteilten  Singstimmen  in 
der  Hand  das  Klaglied  intonieren  hore.  Selten  kann  ich  iiber  den 
Markt  weggehen,  ohne  auf  ein  oder  ein  paar  mannliche  Gesichter 

20  zu  stoBen,  auf  denen  herbe  Sorgen  iiber  ihre  Kinder  der  ersten, 
zehnten,  zwanzigsten  Ehe  stehen,  ob  es  gleich  denen  von  der 
letzten  Ehe,  worin  sie  wirklich  leben,  ganz  gut  ergehen  moge. 
Die  Venus  am  Himmel  zieht  nicht  nur  die  Erdkugel  aus  ihrer 
Bahn,  sondern  auch  die  Insassen  derselben  noch  mehr,  und  ich 
habe  iiber  die  letztern  Weltkorper  genauere  Perturbations-  und 
Nutationstafeln  im  BeschluB  als  viele  andere.  Manner,  die  weit 
herumgereiset,  denk'  ich  mir  hierin  als  die  groBten  Dulder,  weil 
sie  in  jeder  Seestadt,  auf  jeder  Insel,  in  jeder  Residenzstadt  von 
den  georgiques  frangaises  ihrer  Schaferstunden  -  wie  Delille  von 

3o  seinem  Buch  -  12  Ausgaben  veranstaltet  haben,  so  daB  -  wenn 
Linne  in  seinen  alten  Jahren  alles,  sogar  den  Namen  seines  Schwie- 
gervaters  vergaB  und  man  sich  dariiber  in  Europa  wunderte  - 


II02  DAS  HEIMLICHE  KLAGLIED 

man  sich  gar  nicht  zu  wundern  hat,  wenn  diese  Pilgrime  in  ihren 
besten  die  Schwiegervater  nicht  behalten  konnen;  weils  die  Menge 
macht.  Das  heimliche  Abharmen  eines  solchen  Heerfuhrers  seiner 
in  ganz  Europa  postierten  enfants  perdus  ist  offenbar  genug. 

Was  den  Adel  anlangt,  so  ists,  hofF  ich,  anerkannt,  welche 
Schritte  der  groBere  Teil  desselben  tut,  sich  mit  dem  tiers-etat 
zu  vereinigen,  auch  dadurch;  -  und  der  etat  seinerseits  will  auch 
nicht  nachbleiben  —  und  auf  diese  Weise  mag  sich  Gleichheit  wie 
sonst  in  Norden  das  Christentum  fortpflanzen,  namlich  durch 
Weiber.  Es  kann  sein,  daB  man  aus  diesem  Grunde  in  Spanien  alle  10 
Fiindelkinder  fiir  adelig  erklart.  Aber  man  setze  sich  einmal  in  die 
Seele  eines  sechzehnschildigen  landtagsfahigen  Edelmanns,  der 
auf  der  Hausflur  vor  seinem  Stammbaum  stehen  bleiben  und  den- 
ken  muB :  »Meine  besten  rustigsten  Junker  und  Fraulein  hab'  ich 
in  Bauernhauser,  Fuggereien,  Kaufhauser  verteilt  -  sie  wachsen 
in  der  schlechtesten  Gesellschaft  auf,  die  nicht  turnierfahig  ist, 
und  werden  selber  nichts  Bessers  —  zu  den  Legitimationen  der 
Wurmer  fehlt  Geld  -  nur  gerade  was  in  meinem  Schlosse  mit 
meinem  adeligen  Gebliite  und  Wappen  herumlauft,  sind  ein  paar 
diinne  weiBe  Schatten:  ist  das  nicht  nagend?«  -  Gratulieren  sollte  zo 
sich  noch  der  Edelmann,  daB  er  doch  die  weiBen  Schatten  hat  und 
aus  alien  Volkern  gerade  diese  Kinder  Israels  zu  seinen  erwahlten 
machen  konnen.  Bei  Mannern,  die  zur  Ehe  nur  wie  Madchen  zur 
Tabakspfeife  greifen,  namlich  in  der  Zeit  der  Not,  sind  Schatten 
ein  wahres  unerwartetes  Geschenk;  denn  gewohnlich  lasset  die 
kunstliche  Ehe,  wie  kiinstliche  Blattern,  wenig  Spuren  zuriick. 

Diese  ganze  biiBende  Brxiderschaft  wird  sich  mehr  erholen, 
wenn  man  mit  Hiilfe  der  neuern  Romane  noch  weiter  in  der  Sache 
geht,  so  daB  Kinder  nicht  sowohl,  wie  in  Sparta,  von  gemeiner 
Stadt  erzogen  werden  als  vollends  erzeugt,  Lands-Kinder  im  3° 
schonsten  Sinn.  Immer  notiger  wird  es  daher,  daB  schon  jetzt  die 
Konsistorien  von  alien  verbotnen  Verwandtschafts-Graden  auf 
einmal  dispensierten,  weil  bei  dem  allgemeinen  Foderalismus  und 
der  galvanischen  Kette  der  Liebe,  die  um  das  seidne  Band  der  Ehe 
herumlauft,  kein  junger  Mensch  mehr  gewiB  sein  kann  -  wenn  er 
eine  verwandte  Seele  heiratet  -,  ob  er  nicht  seine  Schwester  trifft. 


DRITTE   RUHESTUNDE  I  103 

Das  ist  nun  das  heimliche  Klaglied  der  jetzigen  leidtragenden 
Manner,  wovon  ich  im  Titel  sprach,  und  welches  das  einzige  ist, 
in  welches  sie  gutmiitig  die  Weiber  nicht  einzufallen  zwingen; 
denn  diesen  verbleiben  gliicklicherweise  immer  die  Kinder,  we- 
nigstens  die  natiirlichen.  -  Auch  das  miBmiitige  murrische  Ge- 
sicht  vornehmer  und  reicher  Jiinglinge  leit'  ich  leicht  von  diesem 
innern  Passionsliede  ab;  die  armen  jungen  Narren  werden  schon 

von  tausend  stillen  Vatersorgen  verfolgt  und  angepackt. 

Wieder  zur  Geschichte!  -  Perefixens  Leben  Hef  iiber  Iauter 

,  Stacheln  und  spanische  Reiter  weg.  War  er  mit  Ninetten  allein: 
so  iibergoB  er  sie  nach  seiner  Lebhaftigkeit  mit  padagogischen 
Bitten,  die  nichts  fruchteten,  weil  sie  auf  viel  warmere  rechnete. 
Einmal  an  einem  Sonnabend  iiberraschte  der  Geschworne  beide 
in  einem  heftigen  Zank,  der  fur  ihn  arabisch  war,  namlich  fran- 
zosisch.  Perefixe  hatte  feuchte  Augen.  »Wir  streiten  iiber  die 
Erziehung  meiner  Cara«  -  sagte  frech  Ninetta  -  »der  Herr  Kon- 
sistorialrat  interessiert  sich  schon  fur  das  hiibsche  Ding.«  Traupel 
iibersah  Perefixens  wetterleuchtenden  Blickund  sagte  verschmitzt  : 
»0  charmant,  charmant!«  Bei  solchen  Ratseln  passete  er  bloB  auf 

>  den  Abend  nach  dem  Essen  und  auf  ganz  spaBhafte  Aufschliisse, 
die  ihm  die  Frau  iiber  den  narrischen  Konsistorialis  ubermachen 
werde.  Daher  bestrich  er  ihn  haufig  mit  jenen  listigen  muntern 
Epopten-Blicken,  die  sagen  wollten:  »Teuerster  Rat,  um  Gottes 
willen  nur  nicht  groB  getan  mit  Seinem  Verstand  und  Dem  und 

Jenem  -  man  fiihrt  Ihn,  so  wahr  Gott Verdammtl  darf  man 

denn  reden?«  - 

Gleichwohl  muBte  Perefixe  bei  diesem  Segment  eines  Kopfes 
geduldig  ausharren.  Ja  er  gewann  ihn  lieb  zuletzt  aus  Mitleid, 
weil  die  Frau  die  schlechten  Augen  beriickte  und  verhohnte,  die 

)  der  Bergmann  auBerhalb  seines  Maulwurfshaufens  der  Bergwis- 
senschaft  fiir  fremde  Gdnge  hatte:  Perefixens  Herz  vergitterten 
keine  harten  Brustknochen,  und  er  konnte  auf  der  Gasse  vor 
keinem  gepeitschten  Kinde  voriibergehen,  ohne  hinzuspringen 
im  Priesterornat.  Darum  nahm  er  sich  des  betorten  Bergmanns 
an  und  driickte  diesen  nicht  in  seinem  heimlichen  Aufblasen. 
Er  trat  gern  naher  bin  zu  dem  Geschwornen  (und  zur  Lang- 


II04  DAS   HEIMLICHE  KLAGLIED 

weile)  -  indes  Ninetta  fortlief  -,  wenn  dieser  anfing,  mit  Weni- 
gem  das  Hiittenwesen  und  die  Zechen  zu  beruhren  -  der  Phan- 
tasie  des  Zuhorers  den  Berghabit  anzulegen  —  als  ihr  Steiger  mit 
ihr  ins  Elysium  der  Unterwelt  einzufahren,  nachdem  er  sich 
vorher  kaum  im  Vorbeigehen  nach  dem  Hundejungen  und  dem 
Schwenzel  umgesehen  -  und  mit  ihr  drunten  in  den  Gangen  und 
hinter  den  Wasserwerken  herumzukriechen.  Perefixens  Aufmerk- 
samkeit  setzte  dann  den  Geschwornen  auf  den  Thron.  Er  fuhr 
mit  der  Phantasie  wieder  zu  Tage  und  ging  (und  Perefixe  mit)  in 
seine  Schreibstube,  um  das  Wunder-  und  Meisterwerk  seines  Da-  10 
seins,  wornach  er  allein  gewogen  sein  wollte,  ein  wenig  zu  zer- 
gliedern,  namlich  ein  tragbares  Zwerg-Bergwerk,  worm  er  das 
ganze  Bergwesen  mit  alien  Flozen  und  Knappen  nachgebosselt 
hatte  bis  zum  kleinsten  Faustel  und  woran  er  nichts  ausgelassen 
als  die  Berggeister.  Wenn  nun  der  Vulkanist  seine  Zangengeburt 
in  alien  ihren  Gelenken  auf  einmal  uberschauete  und  die  iooo 
Schopfungstage  summierte  -  und  wenn  er  noch  dazu  etwan  in 
dem  Kronungsanzug  des  Berghabits,  worin  er  einmal  seinen  gna- 
digsten  Herrn  mit  der  Knappschaft  einholte,  dastand,  die  Stirn 
unter  Blech,  den  H.  unter  Leder:  so  tat  er  freilich  nichts  anders,  zo 
als  was  von  der  schwindelnden  Menschentextur  auf  solchen  Ho- 
hen  zu  erwarten  ist,  wenn  er  den  Konsistorialrat  zuerst  kakbliitig 
fragte,  ob  er  seines  Orts  auch  glaube,  daB  bei  dem  Bergbau  ein 
anschlagiger  Kopf  nicht  ganz  ubel  angebracht  sei,  und  wenn  er 
dann,  sobald  Ja  gesagt  war,  mit  vollen  Segeln  herausfuhr:  »Nun 
so  lassen  Sie  sichs  von  einem,  ders  inne  hat,  gesagt  sein,  daB  alle 
euere  Wissenschaften  nur  Fixfaxerei  ist  gegen  wahres  Bergwesen; 
denn  wahrlich  ein  Bergmann  steht  in  seiner  Grube  iiber  euch  alle 
und  braucht  niemand  anzusehen.«  - 

Perefixens  Kummer  nahm  mit  den  Jahren  seiner  Tochter,  mit  30 
der  Liebe  zu  ihr  und  mit  Ninettens  EinfluB  auf  sie  zu.  Oft  wenn 
er  sah,  wie  die  Mutter  ein  Vulkan  war,  welchen  die  Kleine  wieder 
vertrauend  bestieg,  sobald  er  ausgedonnert  hatte,  und  wie  sie 
noch  mehr  -  als  der  Mutter  -  dem  trocknen,  selten  erscheinenden 
Traupel  das  ganze  Herz  zukehrte:  so  seufzete  er  iiber  die  schone 
Liebe,  die  sich  an  den  scheinbaren  Vater  verirrte,  und  uber  den 


DRITTE  RUHESTUNDE  I IO5 

wahren,  der  sie  entbehrte;  ja  mitten  durch  die  Freude  uber  die 
eiserne  Geradheit  seines  Sohnes  -  das  Gebilde  der  mutterlichen 
Erziehung;  denn  er  pflegte,  wie  die  meisten  Vater,  die  Kinder 
mehr  zu  genieBen  als,  zu  erziehen  -  fuhr  der  stechende  Gedanke 
an  das  Verderben  der  Tochter. 

Geheimnisse  in  der  Ehe  sind  gefahrlich  und  nichtig,  ihre 
Scheide  bedeckt  immer  einen  Dolch,  den  die  Zeit  endlich  zieht. 
Josephine  wurde  zuletzt  unruhig  und  beklommen,  wenn  sie  den 
daliegenden  Sphinx  ansah.  Seine  Trauer  uber  die  Badreisen,  in 

io  welche  Ninetta  immer  die  Kleine  zu  den  Brunnenbelustigungen, 
d.  h.  zu  den  Brunnenvergiftiingen  mitschleppte,  nahm  bei  Jo- 
sephinen  die  Nebenbedeutung  eines  Schmerzes  uber  Ninettens 
Entfernung  und  uber  die  GewiBheit  an,  daB  ein  Badort  eine 
Redoute  voll  Gleichheit  und  Freiheit  sei.  -  Noch  irriger  wurde 
sie,  als  sie  vollends  auf  die  Geschworne  naher  und  ruhig,  wie  ein 
Stern,  die  geraden  scharfen  Strahlen  fallen  lassen  und  an  ihr  eine 
prangende  Tulpenglocke  gefunden  hatte,  deren  beifiende  Tul- 
penzwiebel  in  der  Erde  schwillt.  Josephinens  Harte  und  Scharfe 
gegen  den  Fehler  —  so  groB  wie  ihr  Vertrauen  auf  den  Wert  — 

20  wurde  eheweiblich  aufgeregt  durch  Ninettens  satirisches  Betra- 
gen  gegen  das  Beten  und  Wissen  des  ehrlichen  Traupels,  der  sei- 
nen  Geist  wie  seinen  Magen  gern  mit  einer  Berghenne1  ernahrte 
und  es  dem  Konsistorialis  dankte,  daB  er  seiner  Frau  feine  goutees 
vorsetzte.  Und  was  muBte  Josephine  erst  uber  die  verschiedenen 
Gestalten  denken,  in  welche  sich  jene  vor  Perefixen  brach,  indes 
sie  selber  in  einer  blieb,  wie  unreines  Wasser  in  mehrere  Figuren 
gefriert  als  reines?  -  War  er,  wenn  er  allein  da  war,  nicht  ein 
hupfendes  Eichhornchen  neben  der  Klapperschlange-  ein  SchneuB- 
vogel,  der  sich  in  einem  Haare  fangt,  wenn  es  in  einem  Ringe 

30  schone  Worte  bildet,  und  vollends  in  einer  Locke?  - 

Sie  nahm  sich  vor,  ihm  einen  sonderbaren  Vorschlag  zu  tun; 
und  die  Zeit,  worin  sie  es  wollte,  schien  erlesen  dazu. 

Er  und  sie  hatten  namlich  ihren  Sohn  mit  gleichem  Willen 
zum  Soldaten  bestimmt.  Ihr  Wolfgang  war  einsekig,  storrisch, 
ehern  ohne  Phantasie,  aber  voll  Mark  und  Mut,  voll  Treue  und 
1  Die  schlechteste  Bergmannskost. 


II06  DAS   HEIMLICHE   KLAGLIED 

Liebe.  Er  war  stets  wieder  vom  Musenberge  herabgerutscht,  so 
hoch  man  ihn  audi  hinaufgezogen  hatte,  bis  man  endlich  einen 
festen  Sandboden  -  und  einen  Archimedes  dazu  -  fur  ihn  aus- 
mittelte,  worein  er  seine  Figuren  und  Zahlen  treten  und  schreiben 
konnte;  -  es  konnte  ein  guter  Mathematiker  und  Krieger  aus  ihm 
werden.  -  In  der  Woche,  wo  Josephine  den  Vorschlag  tun  wollte, 
sollt*  er  in  die  Welt  hinausgeschickt  werden,  in  eine  Kriegsschule 
eigentlich  und  uneigentlich.  Die  Eltern  waren  geriihrt,  der  Vater 
noch  mehr  als  die  Mutter,  weil  seine  groBere  Phantasie  sein  zwei- 
tes  Herz  wurde;  —  die  Wuste  der  kinderlosen  Einsamkeit  dehnte  10 
sich  vor  ihnen  aus. 

An  einem  Abende,  als  Wolfgang,  dem  schon  alles  eingepackt 
war,  ausgenommen  sein  letztes  Arbeitszeug,  die  Flote,  im  obern 
Zimmer  diese  blies,  sahen  sich  die  Eltern  mit  Augen  voll  wechsel- 
seitiger  Schmerzen  an.  »Ach,  eine  Tochter«,  sagte  Josephine  nach 
dem  Abtrocknen  der  ihrigen,  als  antwortete  sie  dem  Manne,  »ver- 
lieBe  uns  nicht  so  friih.«  Er  sah  sie  erschrocken  an,  aber  in  ihren 
Augen  warXiebe  und  Mutterschmerz  und  nlchts  weiter.  »H6re 
einen  Vorschlag  an,  du  Lieber!  Ich  kenne  eine,  die  ich  und  du  so 
Iieben,  als  ware  sie  unser  Kind.  Nimm  sie  ins  Haus.  Rate  wer!«  20 
—  Er  sah  ihr  starr  ins  Angesicht  —  ob  dieser  Vorschlag  vielleicht 
ein  Luftreinigkeitsmesser  seiner  Treue  sei-;  aber  dieses  trug,  da 
sie  durch  die  Adoption  des  Kindes  einer  Nebenbuhlerin  etwas 
Verdienstliches  zu  tun  glaubte,  bloB  den  Glanz  der  ofFnen  be- 
geisterten  Unschuld.  Er  riet  leise:  »Wer?  -  Cara?«  -  »Aber  ohne 
die  Mutter !«  sagte  sie  scherzhaft.  -  »Josephine,«  (antwortete  er, 
indem  sein  Angesicht  flammte  und  sein  Herz  weinte)  »glaubst  du 
an  mich,  so  wie  ich  an  dich  glaube?«  -  »Nein,«  sagte  sie  leicht  - 
»o  ja,  ja!  ewig,«  und  fiel  in  seine  Arme,  und  als  sie  seine  Tranen 
fuhlte,  setzte  sie  leise  und  ernst  dazu:  »Ewig!  o  sonst  stiirb'  30 
ich  ja!« 

Er  eilte  zufolge  seiner  Flughitze  noch  diesen  Abend  zu  Ninet- 
ten.  Seine  Beredsamkeit  und  Running  gewann  vor  ihr  die  Gestalt 
des  Anteils  an  ihr  -  die  Vaterliebe  zur  Tochter  gefiel  ihr  als  eine 
Nachbarin  der  Liebe  zur  Mutter  -  sie  hielt  alles  bloB  fur  seinen 
Wunsch,  nicht  fur  Josephinens  -  an  der  unverwelkenden  Blumen- 


DRITTE  RUHESTUNDE  1 107 

kette  der  vaterlichen  Liebe  konnte  sie  ihn  noch  immer  Ziehen  und 
lenken,  ja  jene  wurde  jetzt  eine  festere  Fruchtschnur  -  kurz  sie 
kiiBte  ihn  und  HeB  ihm  Cara. 

Ich  will  es  beilaufig  mit  herwerfen,  daB  das  groBere  Alter 
Carens  und  die  gleiche  Lange,  so  wie  ihre  Aufmerksamkeit  auf 
manchen  Herren-Besuch  ihr  es  leicht  machte,  das  Kind  um  einige 
Gassen  weiter  zu  wissen;  Mutter,  die  keine  sind,  biiBen  durch 
Tochter  ein;  der  alte  Wein  im  Fasse  triibt  sich,  wenn  der  junge 
aufbliiht.  -  Ihren  Mann,  der  Cara  sechs  Tage  lang  entbehren 

10  konnte,  weil  er  nur  am  siebenten  kam,  versohnte  sie  am*  leich- 
testen  mit  der  Auswanderung  in  ein  geistliches  frommes  Haus; 
»du  weiBt,«  sagte  sie,  »daB  ich  eben  nicht  die  Frdmmste  bin;- 
und  wer  kann  wissen,  wie  es  mit  Wolfgang  geht?«  -  sie  tat,  als 
wenn  sie  eine  Heirat  meine;  sie  war  eine  Philosophin,  Perefixe 
ein  Kapitalist. 

Lasset  uns  die  Augen  auf  schonere  Seelen  richten  und  auf  den 
uberirdischen  Tag,  wo  morgends  die  geliebte  Tochter  einzog, 
indes  abends  der  treue  Sohn  fortwanderte.  Zuweilen  malt  das 
Geschick  die  nackte  Leinwand  der  Wirklichkeit  so  gut,  als  Deko- 

20  rateur,  daB  diese  in  der  Tat  ins  poetische  Spiel  des  Herzens  ein- 
greift,  und  streicht  die  Hanf-Seile,  an  denen  die  Gotter  zu  uns 
niedersinken,  mit  der  Farbe  der  Unsichtbarkeit  an.  Ein  solcher 
dekorierter  iibermalter  Tag  war  der,  wo  die  zwanglose,  zartliche, 
biegsame  Cara  aus  der  schwiilen  kosmetischen  Folterkammer  in 
die  luftige  Laube  dieses  Hauses  hiipfte  und  mit  herzlichen  Augen 
den  Kreis  liebender  Seelen  umlief,  und  wo  Perefixe  alle  Herzen 
auf  einmal  erbte  und  Josephine  sich  ihres  edeln  Werkes  erfreuete. 
Was  Wolfgangen  anlangt,  so  trug  er  sich  den  ganzen  Tag  -  um 
nicht  unsoldatischgeriihrtzuwerden— gute  Flotenstiicke  vor;  und 

30  nur  als  er  abends  ausgeflotet  hatte,  fuhren  acht  Tropfen  in  seine 
blauen  Augen.  Cara  rechnete  sich  sehr  mit  zur  Familie  und  nahm 
daher,  als  er  sich  nachts  auf  die  Post  setzte,  so  gut  ihren  geruhrten 
Anteil  mit  daran  als  jeder  andere. 


II08  DAS   HEIMLICHE   KLAGLIED 

VlERTE  RuHESTUNDE 

Der  Leder-Arm  —  Air  a  trois  notes  -  Enthiillungen  aller  Art  -  Verhiillung 

Nun  gingen  die  Jahre  einen  sanftern  Gang.  Dem  Sohne  wuchsen 
immer  langere  Adlersfedern,  und  Cara,  die  weiBe  Taube,  bliihte 
zum  Schwane  auf.  Perefixe  gewohnte  sich  immer  fester  an  die 
nahe  Tochter  an,  und  sein  Herz  zerschmolz  in  Vater-Warme, 
wenn  er  in  den  Mondschein  ihrer  Hchten,  aber  ruhigen  Seele 
blickte.  Sie  wurde  jetzt  vom  Geschwornen  und  sogar  von  Ninet- 
ten  mehr  geliebt.  Ja  da  nun  nicht  mehr  die  Vipern  des  padago- 
gischen  Zanks  um  diese  und  Perefixen  herumkrochen  und  beide  10 
mit  ruhigern  Handen  nebeneinander  auf  ihrer  freundschaftlichen 
Moos-Bank  saBen:  so  gaben  sie  sie  einander  zuweilen.  So  sehr 
waren  oft  nur  unsere  Verhaltnisse  hart,  indes  unsere  Herzen  es 
geschienen. 

Allein  das  Kriegsheer  des  Unglucks  ruckte  doch  im  Nebel  der 
Zeit  ungesehen  gegen  den  armen  Vater  fort.  Josephine  wurde  im- 
mer dichter  von  der  Schlange  des  alten  Ratsels  umwickelt;  der 
Mann  besuchte  nicht  nur  die  Geschworne  jetzt  fast  ofter  wiesonst 
(er  muBte),  sondern  er  blickte  auch  oft  die  liebe  Cara  mit  war- 
mern  Augen  an,  als  ein  Konsistorialis  fiihren  soil.  Einmal  ertappte  2a 
sie  ihn  in  einem  Kusse;  -  das  war  ihr  am  galanten  Mann  nicht 
fremd,  aber  sein  Erroten  dabei.  Ach  es  kam  eben  von  jetziger  Un- 
schuld  und  friiherer  Schuld.  Nur  einmal  ging  der  fluchtige  Ge- 
danke  an  die  wahre  Auf  losung  des  ganzen  Ratsels  vor  Josephinen 
wie  ein  kalter  Gespenster-Schatten  vorbei ;  aber  sie  erschrak,  nahm 
ihre  schone  Seele  zusammen  und  stieB  den  zuriickkriechenden, 
mit  Krebsscheren  umhergreifenden  Argwohn  weit  von  sich.  Um 
sich  davon  zu  entsiindigen  und  das  von  ihm  bekrochene  Herz  zu 
reinigen,  lieB  sie  die  Halfte  von  ihrer  rasonierenden  Strenge 
gegen  den  fur  sich  und  andere  zu  nachsichtigen  Gatten  nach  und  3^ 
saete  um  ihn  einen  neuen  Bliitenflor  der  Liebe  aus;  aber  die  gute 
Seele  merkte  nicht,  daB  sie  zu  derselben  Zeit  auch  warmer  fur 
seine  Cara  wurde,  gleichsam  als  sei  diese  das,  was  sie  -  war.  - 

Wolfgang  hatte  sich  unterdes  ins  Ingenieur- Corps  hineinge- 


VIERTE   RUHESTUNDE  I IO9 

arbeitet  mit  seinem  trigonometrischen  Kopf  und  errang  sogar  die 
Ehre  -  gliicklicherweise  nahm  der  Fiirst  Anteil  a^m  franzosischen 
Kriege  -,  mit  zu  belagern.  Josephine,  deren  Vater  Major  gewesen, 
zeigte  weniger  Besorgnisse  als  ihr  Mann,  der  zwar  groBen  Mut 
fur  die  Gegenwart,  aber  ebenso  groBe  scheue  Phantasien  iiber 
die  Zukunft  hatte.  Am  schmerzlichsten  pochte  das  junge  kriegs- 
unerfahrne  Herz  der  sympathetischen  Cara,  aus  Liebe  fur  die 
Pflegeeltern,  denen  sie  alles  nachtat  und  nachempfand;  zitternd 
horte  sie  seine  Briefe  lesen,  an  denen  ihr  nichts  so  gefiel  als  seine 

10  Handschrift,  das  Dokument  seiner  Existenz. 

Auf  einmal  horten  die  Briefe  auf  —  zum  Gliick  auch  die  Be- 
lagerung  (nach  der  Zeitung)  -  vor  dem  Posttag  hatte  die  HqfT- 
nung  das  Wort,  sogleich  nach  ihm  die  Angst. 

Ach  nur  diese  hatte  recht.  Der  im  Kriege  noch  unbandiger  ge- 
wordne  Tollkopf  wollte,  da  der  Soldat  im  Frieden  so  langsam 
avanciert,  als  ein  Kardinal  fahrt,  die  von  den  Gliickskugeln  des 
Todes  geebnete  und  rasierte  RennstraBe  des  Avancements  recht 
wild  durchrennen,  als  ihm  unterwegs  eine  von  diesen  Kugeln 
den  rechten  Arm  wegbrach.  »Eine  wahre  Fatalitat!«  sagt*  er  und 

20  weiter  nichts.  Er  gab  wahrend  seiner  Heilung  keine  Nachricht 
von  sich,  damit  die  Eltern  nicht  iiber  ihren  Ausgang  Grillen  fin- 
gen.  Als  aber  die  Statte  des  Arms  wieder  mit  Fleisch  zugeschlos- 
sen  und  ein  neuer  von  Leder  darauf  restauriert  war:  macht'  er  sich 
mit  seiner  ganzen  fahrenden  Habe,  mit  dem  Reisekoffer,  auf  nach 
Krehwinkel. 

Der  Konsistorialrat  reisete  eben  im  Lande  umher  und  arbeitete 
an  Investituren  und  Kommissionen.  Josephine  und  Cara  wohn- 
ten  miteinander  in  einem  Garten  vor  dem  Tore.  Es  war  ein  scho- 
ner  blauer  Vormittag,  als  er  ankam;  sogar  in  der  Stadt  larmten 

30  die  Vogel,  alle  Wiesen  lagen  noch  in  hohen  Bliiten  um  den  Gar- 
ten, und  dieser  selber  war  fast  undurchsichtig  vor  duftender  und 
griinender  Fulle.  Wolfgang  blieb  mitten  im  Garten  ein  wenig 
stehen  vor  einer  Sonnenuhr,  um  seine  Taschenuhr  darnach  zu 
stellen :  als  er  hinter  dem  hochstaudigen  Bohnenbeete  seine  Mut- 
ter horte,  die  zu  Cara  sagte,  sie  solle  das  Postskript  an  Wolfgang 
machen.  »Nicht  notig!«  rief  er  und  trat  herum.  »0  Gott!  das  ist 


IIIO  DAS  HEIMLICHE  KLAGLIED 

er«,  rief  Josephine.  »Leibhaftig!«  sagt'  er  und  ging  im  abgemes- 
senen  Soldatenschritte  auf  sie  zu  und  umarmte  sie  mit  einem  Arme, 
indes  der  ktinstliche  vornehm  zwischen  die  Westenknopfe  ge- 
schoben  blieb.  Die  mitten  in  der  Entziickung  aufmerkende  Mut- 
ter blickte  mit  fragendem  Erschrecken  auf  den  festen  Arm  und 
dann  in  sein  vom  Kriege  gebrauntes  Gesicht,  auf  dem  eine  von 
der  Marmorsage  der  Kur-Folter  gezogne  steilrechte  Falte  mitten 
auf  der  jungen  Stirn  und  die  Mischung  von  mannlicher  Resi- 
gnation und  von  kindlicher  Riihrung  iiber  den  Gedanken,  daB  er 
seinen  Eltern  einen  Kruppel  mitbringe,  unaussprechlich  wehetat,  10 
und  dann  sah  sie  wieder  auf  den  Arm  mit  den  leisen  Worten: 
»0  Gott!  Sohn?«  -  »Ja,  ja,«  sagt'  er,  »der  Teufel  hat  den  alten 
geholt.«  Da  lehnte  der  iibertaubende  Schmerz  die  starke  Mutter 
an  ihn,  und  Cara  nahm  seine  Hand  zwischen  ihre  beiden  und 
biickte  sich  weinend  mit  den  erstickten  Worten  darauf  hin :  »Ach 
Sie  armer,  guter  Mensch!«  -  Er  riB  seine  heraus,  fuhr  tiber  das 
feurige  Auge  und  sagte:  »Pah!  -  Wo  ist  der  Vater?«  -  Und  so 
hatten  wieder  drei  Menschen  eine  bitterste  Minute  uberstanden. 

Allmahlich  zog  sich  der  Nebel  ihrer  Seelen  auseinander,  und 
der  Himmel  blickte  wieder  durch;  nur  fur  die  gute  Mutter  war  er  20 
als  eine  feste  lange  Wolke  in  ihr  Blau  gestiegen.  Die  Mutter  legen 
einen  groBern  Wert  als  die  Vater  auf  gesunde  und  gerade  GHeder 
ihrer  Kinder,  weil  sie  Teile  ihres  Wesens  sind  und  die  Denkmaler 
ihres  Daseins. 

Nach  so  vielen  Kriegswettern  und  nach  so  vielem  Schmerz  aus 
dem  schwiilen  Leben  unter  Fremden  und  Kranken  war  dem  guten 
Soldaten  dieser  leise  sanfte  Tag  zwischen  zwei  pflegenden  Herzen 
ein  geistiger  Balsam,  der  eine  gelinde  Warme  durch  sein  Wesen 
verbreitete,  ohne  daB  er  wuBte  woher.  Das  Herz  der  guten  Cara 
war  auch  voll,  sie  dachte,  es  sei  von  Mitleid;  -  audi  war  viel  da-  30 
von  mit  darin,  da  ohnehin  Weiber  die  Schmerzen  der  Manner 
inniger  bedauern  als  die  eines  Geschlechts,  dessen  Leben  wie  das 
Alter  eine  Krankheit  ist  — ;  aber  Amor  schneidet  sehr  oft  aus  der 
Binde  um  die  Wunden  eine  um  die  Augen  zu.  Ich  sehe  ihn  dasmal 
mit  Vergnugenarbeiten;  beiden  unbefangnen  treuherzigen  Wesen, 
noch  selig-fern  von  jener  asthetischen  Besonnenheit  des  eignen 


VIERTE  RUHESTUNDE  I II I 

Werts,  die  dem  andern  jede  Perle  des  Schmucks  auf  der  Perlen- 
waage  hinwiegt,  hatte  die  Natur  die  Ringfinger  fiireinander  auf 
die  Welt  mitgegeben. 

Wolfgang  war  in  seinem  eignen  Lager  ein  Trompeter  mit  ver- 
bundnen  Augen  und  wuBte  nicht,  ob  er  eine  Eroberung  mache 
oder  eine  sei.  Unter  dem  Essen  sprach  er  bloB  von  blutigern  Er- 
oberungen,  und  sein  Gesprach  wurde  ein  Feuerwerk,  das  in  die 
Luft  die  Gefechte  zeichnete;  aber  er  merkte  nicht,  daB  er,  indem 
vier  zartliche  Augen  aufmerkend  und  sorgetragend  zu  ihm  aufge- 

10  hoben  waren,  sich  und  andere  an  einem  nahern  als  dem  Kriegs- 
feuer  erwarme.  -  Doch  blieb  er  nicht  bei  den  Weibern,  er  wollte 
schon  heute  wieder  in  die  Achse-Bewegung  seiner  taglichen  Arbeit 
kommen  und  konnte  kaum  erwarten ,  bis  gegen  Abend  sein  Arbeits- 
zimmer  zugeriistet  war. 

Man  trug  seinen  KofFer  hinauf,  und  die  emsige  Cara  eilte  nach, 
um  seiner  einzigen  Hand  mit  ihren  im  Auspacken  beizustehen; 
die  Unschuldige  dachte,  da  die  edle  Mutter  ihn  so  Hebe,  so  durfe 
sie  ihres  Orts  ihr  auch  an  solcher  Liebe  nicht  nachbleiben.  -  Sie 
trat  hinein  zum  stillen  einarmigen  Menschen,  er  kramte  schon 

20  miihsam  aus;  Abendschein  und  Baumschatten  spielten  zauberisch 
um  seine  schone  Gestalt,  und  Cara  fuhlte,  wie  sich  ihr  das  Herz 
und  eine  Zukunft  offne.  Sie  litt  sein  einhandiges  Auspacken  nicht, 
sondern  trug  ihm  alles  zu  -  er  hatte  nur  zu  ordnen  -,  die  groBen 
Landkarten,  die  Festungs-Abrisse,  seine  mathematischen  Bucher. 
Dann  brachte  sie  drei  schwarz  gesiegelte  Briefe,  die  an  benach- 
barte  Eltern  gefallner  Sonne  waren:  konnte  sie  da  dem  Gedan- 
ken  entweichen^  daB  ein  ahnlicher  vierter  an  Josephinen  schon 
angefangen  war,  nur  aber  nicht  ausgeschrieben  wurde,  weil  das 
Verhangnis  sich  die  Libation  der  Armwunde  statt  des  ganzen 

30  Opfers  gefallen  lassen?  - 

Sie  reichte  ihm  einen  sogenannten  Kriegsschauplatz,  er  rollte  ihn 
auseinander  und  zeigte  ihr,  was  dieser  haBliche  Wundzettel  der 
Menschheit  eigentlich  enthalte.  Kriegskarte  -  wie  leicht  wird  das 
Wort  ausgesprochen,  wie  kalt  sie  verkauft  und  gekauft !  Aber  was 
bedeutet  das  Land  darauf  ?  Ein  armes-  verflnstertes  Stuck  Erde, 
das  unter  dem  dicksten  Hagel  des  Schicksals  zittert.  Was  enthal- 


I  112  DAS    HEIMLICHE   KLAGLIED 

ten  die  Stadte  und  Flusse  darauf ?  Jene  die  Verwundeten  auf  Wa- 
gen  und  diese  die  Leichen  zwischen  blutigen  Ufern.  Es  gibt  keinen 
Schmerz,  der  nicht  auf  diesem  Schauplatz  wohne,  und  keine 
Siinde,  die  da  nicht  siege,  und  alles  ist  fiiehende  Scheidung,  und 
nur  in  Grabern  sind,  wie  slcli  gescheiterte  SchifFer  aneinander- 
binden,  die  Menschen  gehauft  beisammen.  -  Wirf  sie  weg,  diese 
schwarze  Karte  der  Erdrlecken,  sanfte  Cara,  und  mal  es  nicht 
nach,  was  dir  dein  Freund  davon  vormalt,  um  dich  in  dem  Ge- 
burtsort  seiner  Wunde  einheimisch  zu  machen! 

Endlich  fand  sie  etwas  Schoneres,  was  er  tief  verpackt  hatte, 
um  es  nicht  mehr  zu  sehen,  die  Flcte;  sie  trug  sie  hin.  »Sind  Sie' 
klug,  liebwertes  Kind?«  (sagt'  er)  »Mit  meiner  Pfeiferei  ists  nun 
aus  auf  immer.«  -  »Einige  Noten  doch  noch!«  sagte  sie  zartlich  - 
»so  viele  doch  wenigstens!«  setzte  sie  dazu  und  spreizte  scherzend 
fiinf  Finger  aus,  wollte  aber  mit  allem  diesen  blo(5  seine  deutliche 
Verzweiflung  iiber  das  von  einer  Kugel  niedergerissene  Lust- 
schloB  und  Odeum  mildern.  »0  noch  eine  mehr,  wenn  Sie  da 
sind«,  sagte  er.  »\Vir  brauchen  nur  die  Halfte«,  versetzte  sie  — 
und  lief  davon  -  und  kam  wieder  -  und  hatte  Rousseaus  Air  a 
trois  notes  in  Handen.  : 

Guter  Rousseau!  wie  oft  haben  in  diesem  nicht  harmonischen, 
sondern  melodischen  Dreiklang  deine  Traume  im  weichen  Italien 
und  die  in  deinem  gleitenden  Boote  und  alles  Abendgelaute  eines 
fernen?  unter  dem  Abendrote  uns  stillenden  Arkadiens  zu  mir 
heriiber  geklungen !  O  vor  deinen  drei  Tonen  wachen  drei  sehn- 
siichtige  Seufzer  auf  in  der  diirftigen  Brust,  und  wir  sehen  uns 
um,  und  die  Vergangenheit  und  die  Gegenwart  und  die  Zukunft 
gingen  voriiber.  -  Weicher  Rousseau!  du  hattest  ein  Herz! .- 

Cara  setzte  sich  mit  der  Arie:  Comme  le  jour  me  dure,  Passe 
loin  de  toi1  in  das  Fenster  und  sap^te,  sie  woll*  sie  singen,  wenn  er  3 
sie  blase.  Sie  saB  ihm  zur  toten  Rechten,  die  niedergehende  Sonne 
gliihte  ihr  seitwarts  ins  bliihende  Angesicht.  Unter  den  miih- 
samen  Tonen  blickte  sie  in  die  abbrennende  Tages-Flamme  hin- 
aus;  denn  sie  konnt'  ihn  nicht  anschauen  bei  dem  immer  umkeh- 

1  In  der  Gotterschen  Obersetzung :  Wie  der  Tag  mir  schleichet,  Ohne 
dich  vollbracht. 


VIERTE  RUHEST-UNDE  III3 

renden  Gedanken:  dieser  dreisilbige  Uberrest  ist  alles,  was  ihm 
noch  von  seiner  reichen  Kunst  geblieben;  und  die  beschattete 
Wange  farbte  sich  ebenso  rot  als  die  angestrahlte.  Am  Ende  des 
Gesangs  wandte  sie  sich  urn,  riihrte  spielend  ein  wenig  an  den 
gestorbnen  Miet-Arm  an,  und  endlich  sah  er  aus  den  gesenkten 
Augenlidern  Tropfen  fallen,  die  ihr  gar  nicht  der  Gesang,  son- 
dern  das  nahere  Bild  entriB,  das  sie  sich  von  seiner  zerrissenen 
Gestalt  nach  dem  Verluste  des  Armes  entwarf.  »Nu?«  sagt'  er 
gutmiitig.  Ihre  weinenden  Augen  gingen  zu  ihm  auf —  Da  zog 
10  der  Gott  der  Liebe  vorbei  und  druckte  in  ein  weiches,  junges 
Herz  leicht  im  Fluge  den  Pfeil  und  sah  sich  nicht  um  nach  der 
Wunde. 

Ohne  Zeremonie  ergriff  er  ihre  Hand,  zog  sie  vom  Sitze  auf 
und  ging  mit  ihr  in  der  Stube  auf  und  ab  und  sagte  nichts.  Er 
fuhlte  seine  feste  Natur  auf  einmal  in  Bewegung,  dieses  auf  dem 
festen  Lande  aufgebauete  Schiff  war  in  ein  spielendes  wankendes 
Meer  gerollt;  aber  das  Wiegen  war  sanft.  »Nur  noch  einmal  das 
Lied,  liebe  Cara,  aber  deutsch!«  sagt*  er.  Sie  setzte  sich  willig 
wieder  vor  die  Sonne,  die,  selber  eine  Sonnenblume,  sich  gelb-rot 
20  ausdehnte  und  die  Krone  gegen  die  Erde  senkte.  Jetzt  umflogen 
die  Tone  berauschend  wie  Diifte  beide,  und  jede  Zeile  war  eine 
schlagende  Nachtigall,  welche  das  ausspricht,  was  ein  seligesHerz 
zuhullt. 

Aber  als  sie  keine  Sonne  mehr  zu  sehen  hatte  und  jetzt  die 
Worte  sang: 

-  Hah*  ich  dich  verloren, 

Bleib'  ich  weinend  stehn, 

Glaub',  in  Schmerz  versunken, 

Langsam  zu  vergehn  — 

50  sprang  sie  auf  und  sagte,  die  Mutter  rufe  sie.  Er  hielt  sie  -  sie  hob 
das  Auge  blode  auf  und  schlug  es  bloder  nieder,  und  er  schlang 
den  Iinken  Arm  um  sie  und  preBte  sie  an  die  lebendige  Brust,  - 
Unsaglich-schmerzhaft  war  ihr  das  neue  Gefiihl  einer  einarmigen 
Umfassung,  und  in  der  Besturzung  des  Mitleidens  umfaBte  sie  ihn 
mit  beiden  Armen,  wich  aber  erschrocken  zuriick  und  sagte,  siel 


I  I  14  DAS  HEIMLICHE  KLAGLIED 

habe  ihm  weh  getan  —  »0h,«  sagt*  er  heftig  und  warf  den  toten 
weg,  »der  kann  fort !«  -  Und  als  sie  im  neuen  Schauder  uber  den 
hiilflosen  zertriimmerten  J  tingling  sich  an  ihn  klammerte:  da  fand 
seine  Lippe  und  sein  Auge  die  ihrigen,  und  der  BlutenstrauB  der 
Wonne  umzog  sie  stiB  verfinsternd  wie  der  Abend,  und  das  Leben 
trug  alle  seine  vielfarbigen  Juwelen  schnell  vor  ihnen  voruber  -  — 
Und  doch  wuBten  sie  kaum,  ob  sie  sich  liebten  und  wie  unendlich 

O  die  Unschuldigen  und  Glucklichen!  -  Und  die  Ungluck- 

lichen!  -  Denn  auf  dem  Berge  liegt  schon  das  Gewitter,  das  in 
euer  Tempe  herabschlagt;  es  stieg  an  dem  Tage  auf,  wo  euer  10 
Vater  sundigte,  und  bald  bricht  es  los  uber  der  unschuldigen 
Liebe.  - 

Aber  sie  haben  doch  noch  zwei  Sommertage  vor  sich,  die  im 
vollen  Sonnenscheine  stehen,  die  Lebensluft  geht  noch  frisch  von 
Morgen,  und  das  ganze  Leben  bltiht  wie  ein  Maitag.  Vor  Jose- 
phinens  scharfen  Augen  blieb  die  Floten-Stunde  a  trois  notes 
nicht  lange  verdeckt,  worin  beide  die  erste  und  vielleicht  die  letzte 
Spharenmusik  ihres  Lebens  gehoret  hatten.  Cara  nahm  zwar  aus 
Furcht  vor  der  strengen  Mutter  den  Angelikas-Ring  auf  die  Zunge, 
um  sich  unsichtbar  zu  machen;  aber  der  ofFne  Wolfgang  spiegelte  20 
ihr  jede  Bewegung  der  Seele  ab,  die  sich  ihm  enthullet  hatte. 

Josephine  erschrak,  versteckte  aber  sorgfaltig  ihr  Bemerken 
und  Erschrecken  und  ging  unter  dieser  hangenden  Lauwine  nur 
mit  leisen  Schritten  vorbei,  um  sie  nicht  durch  Gerausch  zu  be- 
wegen;  und  hob  ihrem  Gatten  eine  reine  Entscheidung  auf.  Den 
Sohn,  fur  den  jetzt  Cara  eine  ganze  mathematische  Bibliothek 
war,  woraus  er  die  hohere  MeBkunst  schopfte,  sandte  sie  als  einen 
Gast  und  als  den  besten  Boten  auf  einen  Tag  (»dein  Vater  kommt 
ohnehin  erst  morgen«,  sagte  sie)  nach  »Gottes  Hiilfe«  zu  Traupel, 
einer  ziemlich  ergiebigen  Bleigrube.  3c 

Der  Bergmann  driickte  ihn  an  seinem  ehrlichen  Herzen  recht 
heiB.  Der  junge  Mensch  gefiel  ihm,  weil  er  nicht  alles  »so  spitz 
nahm«  wie  sein  Vater,  bei  dem  er  nie  ganz  in  seinem  feuchten 
Elernente  war,  sondern  wenigstens  mit  dem  Riicken  aus  dem 
seichten  Wasser  in  den  Sonnenstich  hinausstand.  Perefixe  war 
ihm  ein  argerliches  Kastchen,  woran  er  kein  SchloB  und  keinen 


VIERTE  RUHESTUNDE  1 1 1  5 

Deckel  zum  Aufmachen  sah,  sobald  ers  zugeklappt.  An  dem  In- 
genieur  war  ein  KirchenschloB  samt  Driicker  und  Turgriff  an- 
gebracht.  Er  hielt  den  untergesteckten  Kebs-Arm  eine  Stunde 
lang  fur  gute  Lebensart  -  so  wie  er  seinen  Schimmel  funf  Jahre 
ritt,  ohne  hinter  dessen  schwarzen  Star  zu  kommen  -,  bis  er  bei 
Gelegenheit  der  Marktscheidekunst,  die  Wolfgang  gut  verstand, 
den  Einarmigen  zum  Einfahren  invitierte  und  nun  erfuhr,  der 
rechte  gehore  nur  unter  dessen  Nippes.  Nie  fuhr  wohl  ein  schon 
hoch  stehender  Warmemesser  so  schnell  hinan  -  auf  2120  Fahren- 

10  heit,  8o°  Reaumure,  200  de  l'lsle  stieg  der  Traupelsche  -  »Gluck 
uber  Gluck,«  rief  er,  »da6  Sie  Mittel  haben  -  Sie  konnen  leben  - 
Posito,  gesetzt  Sie  werden  unser  Landmesser,  so  will  der  dumme 
Sturzel  gar  nichts  sagen.« 

Die  Geistes-Zwillinge  wurden  so  vertraut,  daB  Wolfgang  die- 
sen  Abend  dableiben  muBte  zu  einem  »L6fTel  Suppe  und  einem 
vernunftigenWorte«,  unter  welchem  er  einBataillenstuck  meinte. 
Je  gewohnlicher  die  Menschen  sind,  desto  mehr  suchen  sie  diese 
Malerei.  Das  Kriegstheater  ist  fur  sie  das  hohe  griechische  Thea- 
ter und  ein  Generalissimus  ein  Shakespeare.  Im  Feuer  des  Redens 

20  und  Trinkens  wurde  dem  Ingenieur  die  Liebeserklarung  gegen- 
wartiger  als  die  Kriegserklarung,  und  seine  Sonne  ruckte  allmah- 
lich  aus  dem  Zeichen  des  Lowens  in  das  der  Jungfrau.  Er  warf 
viele  Kranze  mit  leichter  Hand  uber  Cara,  um  »den  Alten  vor- 
laufig  zu  sondieren«.  Traupel,  nicht  weniger  fein,  dachte:  warte, 
durchtriebner  Schelm!  und  »sah  ihn  kommen«.  So  arbeiteten 
beide  mit  Lacheln  in  ihren  Entzifferungskanzleien  und  konnten 
sich  daraus  sehen  und  begriiBen.  Eine  Hauptfinesse  schien  es 
Traupeln  zu  sein,  wenn  er  seiner  Frau,  die  in  der  Egerschen 
Badewanne  saB,  den  Rang  abliefe  und,  bevor  sie  wieder  ausstiege, 

30  das  Madchen  ohne'  weiteres  an  einen  rechtschaffnen  bemittelten 
Jungling  brachte  und  ihr  so  den  Weg'verbauete,  ihm  wohl  gar 
einmal  aus  dem  Bade  einen  verschmitzten  vornehmen  Sausewind 
zum  Schwiegersohne  zuzufiihren.  -  Und  darum  schieden  am 
Morgen  beide  mit  dem  frohen  Versprechen:  »Wir  wollen  noch 
dicke  Freunde  werden,  so  Gott  will !« 

Der  arme  Perefixe  war  schon  den  Abend  vorher  nach  Hause 


IIl6  DAS  HEIMLICHE  KLAGLIED 

gekommen.  In  der  ersten  Freude  iiber  den  erretteten  Sohn  und 
im  ersten  Schmerze  uber  den  verstummelten  dacht'  er  an  weiter 
nichts  als  an  die  annahende  Wiedererkennung.  Cara  erzahlte  seine 
Erzahlungen.  Die  Mutter  sagte,  er  bleibe  bei  ihnen,  und  setzte 
dazu:  »Wir  haben  nun  bunte  Reihe.«  Jetzt  fing  die  Lauwine,  die 
ein  Haus  des  Friedens  zu  verschiitten  drohte,  oben  an,  die  ersten 
Schneeflocken  zu  regen;  mit  Schrecken  sah  der  Vater  die  Mog- 
lichkeit  vorbeifliegen,  daB  beide  sich  vielleicht  liebgewinnen 
konnten.  Er  schwieg  zu  Josephinens  Wort  und  wollte  heute  da- 
bei  bleiben.  Aber  seine  Heftigkeit  —  die  heute  schon  an  ihren  10 
beiden  Handhaben  gefasset  war,  von  Freud*  und  Leid  -  erlaubte 
ihm  nicht,  aufzuschieben,  besonders  einen  Plan.  Er  erfand  sich 
daher  einen  Vorwand,  mit  Josephinen  allein  in  Wolfgangs  Stube 
zu  gehen.  »Die  jungen  Leute«,  fing  er  an,  »konnen  unmoglich  so 
unter  einem  Dache  beisammen  bleiben;  Cara  muB  wieder  nach 
Hause.« 

Josephine  stutzte,  sagte  aber  bloB,  man  miisse  wenigstens  auf 
Ninettens  Ruckkehr  aus  dem  Bade  warten.  Gerade  jetzt  muBte 
Ninetta  fehlen;  und  so  arbeiten  so  oft  mehrere  Menschen  auf  ein- 
mal,  wie  agyptische  Bildhauer,  an  einem  Gebilde  des  Schreckens,  20 
und  sie  wissen  nicht,  zu  welcher  schwarzen  Gestalt  jeder  sein 
Glied  aushaue.  Er  lief  auf  und  ab  und  sagte:  »Das  wircl  zu  lange.« 
-  Josephine  sagte  ernst:  »Wie  kommst  du  mir  vor?  Unser  Sohn 
denkt  rechtschaffen  und  Cara  auch.  Wenn  sie  sich  lieben,  desto 
besser.«  -  Perefixe  machte  auf  einmal  einen  weiblichen  Ausweg: 
»Desto  schlimmer«,  sagt*  er;  »in  meinem  Vaterland1  darf  alles 
unter  einem  Dache  schlafen,  ausgenommen  Liebende.«  -  »Aber 
ernstlich!«  sagte  Josephine,  »sie  lieben  sich  in  der  Tat!«  -  »Sind 
sie  des  Teufels?  -  Es  geht  nicht,  soil  nicht«,  sagt*  er,  durch  diese 
Wendung  aus  seiner  geworfen.  -  »Konrad !«  sagte  s*ie  mehrmals,  30 
gleichsam  vorwerfend  und  anfragend. 

Er  sch'iittelte  und  schwieg.  Denn  er  stand  vor  seinem  Gewissen 
und  fragte,  ob  er  den  Sargdeckel  des  Schweigens  von  diesem 
verpestenden  Geheimnis  aufzuheben  brauche;  und  es  kam  ihm 

1  In  Frank  reich  erlaubt  die  vornehme  Si  tte  es  alien  Person  en  von  zweier- 
lei  Geschlechr,  nur  Verlobtcn  nicht. 


VIERTE  RUHESTUNDE  III7 

vor,  als  ob  ers  weniger  mufite,  ware  Ninetta  -  tot.  Jetzt  hingegen 
bei  ihrem  Leben  stand  sie  ja,  wenn  die  Kinder  sich  liebten,  mit 
dem  Zundstrick  an  dem  gefiillten  Minengang,  auf  dem  so  viele 
Herzen  wohnten.  -  Er  glich  dem  Minierwurm,  der  auf  seinem 
Blatte  weiterhohlen  muB  und  sich  nicht  wenden  kann. 

Aber  nun  blieb  die  unruhige  Josephine  nicht  mehr  sanft  -  ein 
furchterliches  Licht  ging  ihr  auf,  ein  blutiger,  durch  die  Sterne 
brennender  Komet  durchschnitt  ihren  Himmel  -  sie  wurde  an- 
dringencler  -  wSprich,  warum?«  sagte  sie  zurnend,  »ich  ahne,  ich 
io  bebe,  sprich!«  -  Ihm  stiirzten  Tranen  herab,  er  stand  still  bei  der 
Flote  des  Sohns :  »Er  kann  dich  auch  nicht  mehr  brauchen«,  sagt' 
er.  -  »Sprich,  Mann  I«  -  sagte  sie  mit  erhabener  Stimme,  ungeriihrt 
von  seinen  Tranen  -  »mein  Herz  zerspringt«  -  »Wohl,  o  Schick- 
sal !«  (sagt*  er  und  bedeckte  sein  Gesicht  mit  beiden  Handen  und 
biickte  sich)  -  »Gleich,  Josephine !«  -  Und  endlich  sagt*  er  schluch- 
zend  die  schrecklichen  Worte:  »Ich  bin  der  Vater  von  Cara.«  - 

»0  Gott,  Gott!  Du?«  schrie  sie  schnell  und  hielt  sich  an  dem 
Fenstervorhang  fest;  -  in  einer  diistern  Minute  horten  sie  ein- 
ander  weinen  und  atmen  und  schwiegen.  -  Endlich  trocknete 
ao  Josephine  schnell  die  Tranen  und  stand  und  sagte:  »Ich  verachte 
dich,«  und  ging  stolz  hinaus.  Die  Glut  des  bessern  Selbst- 
bewuBtseins  schoB  durch  das  zusammengefallne  Herz  des  Man- 
nes,  und  das  harte  Wort  starkte  es  ein  wenig;  sein  ganzes  Leben 
war  ja  eine  Entsiindigung  und  Strafe  jener  blinden  Stunde  ge- 
wesen;  warum  treibt  ihn  der  Racheengel  in  eine  neue  Holle? 

Aber  das  ist  der  Gang  des  Schicksals.  Wie  nur  die  fallenden 
Menschen,  aber  nicht  die  fallenden  Engel  einen  Erloser  bekamen : 
so  wird  der  Fehltritt  eines  Heiligen  harter  gestraft  als  der  Fall 
eines  Sunders,  und  ein  einziger  Fehler  tragt  in  das  Leben  einer 
30  edeln  Natur  eine  fortfressende  Pest,,  indes  die  unedle  in  der 
Schlangenhohle  ihres  Lebens  unter  den  giftigen  Taten,  die  sich 
urn  sie  winden,  ungestochen  wohnt  und  wie  Mithridates,  von 
Gift  genahrt,  an  keinem  stirbt. 

Der  Abend  war  triibe  und  einsam  fur  alle,  jedes  lebte  nur  in  die 
Wolke  seines  Schmerzes  eingeschlossen  -  und  bloB  die  unbe- 
lehrte  Cara  hatte  den  suBern,  sicli  nach  dem  Geliebten  zu  sehnen. 


IIl8  DAS  HEIMLIGHE  KLAGLIED 

Am  Morgen  kam  der  arme  Jiingling  zeitig  auf  der  Brandstatte 
unter  den  schwarzen  Triimmern  so  vieler  Freuden  an ;  er  war  ge- 
eilet,  um  in  eine  dreifache  Umarmung  zu  fallen  und  die  vierte  zu 
erzahlen.  Ungliicklicher !  wie  triibe  und  verworren  empfangt  dich 
deine  Mutter !  Wie  schmerzlich-erschuttertvon  deinerGestalt  und 
deinem  Geschick  und  deiner  Zukunft  reiBet  dich  der  Vater  an  die 
Brust,  in  welcher  Liebe  und  Schmerz  und  Freude  so  grimmig 
durcheinandergreifen !  —  Und  nur  Cara  allein  weint  bloB  vor 
Freude. 

Aber  allmahlich  ahnen  die  Kinder  aus  dem  angstlichen  Ge- 
flatter  der  Elternj  daB  in  der  Hohe  ein  unsichtbarer  Raubvogel 
uber  dem  Gliick  des  Hauses  schwebe  und  ziele.  Bald  wurde  der 
schwarze  Punkt  groBer:  der  Sohn  foderte  heftig  der  Mutter  den 
AufschluB  uber  die  Veranderung  im  Hause  ab.  Sie  sandte  ihn 
zum  Vater.  Dieser  lieB  sie  durch  den  Sohn  zu  einem  einsamen 
Gesprach  im  Garten  bitten.  Sie  bewilligt*  es,  bloB  aus  Liebe  fiir 
ihr  Kind;  gegen  Perefixe  hatte  sich  in  ihrer  Brust  nicht  heiBer 
HaB,  sondern  kalte  Verachtung  festgesetzt;  aber  desto  schlimmer: 
jener  ist  ein  Vulkan,  der  sich  immer  andert  und  oft  zerstort,  diese 
ein  Eisberg,  der  glatt  und  hart  unter  der  Sonne  steht.  Man  rechn'  ; 
es  diesem  hohen  Gemute  nicht  strenge  an;  sie  hatte  bisher  ein  so 
langes,  so  oft  angefochtenes  Vertrauen  fiir  ihn  lebendig  bewahrt, 
und  jetzt  ermordet  er  es  selber  mit  einem  Schlag*  Nicht  der  Fehler, 
sondern  die  lange  Heuchelei  erbitterte  sie  am  meisten.  Das  ist  die 
Logik  der  Leidenschaft;  Eubulides  erfand  sieben  Trugschlusse; 
aber  jede  Leidenschaft  erfindet  siebenmal  sieben. 

Ganz  verschieden  von  der  gestrigen  Zerknirschung  war  die  ge- 
faBte  Stimmung,  womit  er  heute  vor  sie  trat.  Der  alte,  sich  in 
seine  Brust  einsenkende  Fels  des  Geheimnisses  und  der  Verstel- 
lung  war  abgehoben,  und  in  dieser  Stunde  wurde  sie  frei  und 
leicht  nur  von  der  Pfiicht  bewegt.  Er  erzahlte  ihr  ohne  Leiden- 
schaft seine  Vergangenheit  und  sein  stilles  BiiBen  -  und  erklarte, 
wie  sein  heftiges  Predigen  gegen  diese  Abwekhung  nicht  aus 
Heuchelei,  sondern  eben  aus  dem  forteiternden  Gefiihle  ihrer 
Folgen  gekommen  sei  -  er  bewies  ihr,  daB  die  Wirksamkek  seines 
Standes  und  das  Gliick  des  Geschwornen  und  der  Tochter  (hier 


VIERTE   RUHESTUNDE  III9 

schlug  er  die  Augen  nieder)  durch  die  Offenbarung  der  Mysterie 
untergehe  -  und  daB  bloB  Wolfgang  es  wissen  miisse  und  konne, 
da  er  ebenso  verschwiegen  als  unbiegsam  sei.  Sie  antwortete  mit 
einem  zusammengebrochnen  toten  Innern,  worin  die  Pflicht  allein 
die  einzige  lebendige  Stimme  war :  »Ich  sen*  das  alles  ein  —  sag  es 
ihm  selber  -  ubrigens  verschone  mich  kunftig  mit  jeder  fernern 
Erwahnung  davon.«  Sein  zerquetschtes  Herz,  sein  Hebendes  nas- 
ses  Auge,  seine  bebende  Hand  wirkte  nicht  mehr  auf  sie  -  und  er 
vergab  es  ihr  gern,  ja  er  freuete  sich  seiner  Strafe  als  Linderung. 

10  —  Aber  nun  verlanget  keine  peinliche  Ausmalung,  wie  das  fal- 
lende  Laub  eines  Menschen  die  Blumen  und  Gewachse,  die  unter 
ihm  wuchsen,  iiberdeckte  und  erstickend  niederdriickte !  Soil  ich 
euch  den  unschuldigen  Sohn  in  der  Stunde  zeigen,  wo  ihm  das 
Verhangnis  wieder  einen  Teil  seines  Wesens  abreiBet  und  wo  der 
feste  Mensch  weichlich  weint  und  unter  der  Verwundung  dem 
Vater  ein  hartes  Wort  sagt,  dessen  er  sonst  nie  fahig  gewesen 
ware,  und  wo  er  nicht  einmal  von  der  Schwester,  sondern  nur 
von  der  Mutter  Abschied  nimmt,  »um«,  wie  er  sagte,  »so  bald 
nicht  wieder  zu  kommen«?  Oder  soil  ich  euch  den  stillen  Gram 

20  der  Mutter  iiber  den  untergegangnen  Morgenstern  ihrer  Liebe 
zeigen,  der  als  kein  Abendstern  wiederkehrt?  Oder  soil  ich  euch 
zu  der  stillen  Cara  fiihren,  die  in  der  dunkeln  langen  Hohle  des 
Geheimnisses  geht,  ohne  Jugendfarbe,  gebiickt,  voll  Tranen  und 
furchtsam  und  das  Leben  als  eine  schwere  holzerne  Harfe,  aus 
der  ein  Griff  alle  Saiten  weggerafft,  nachschleppend,  und  die  nun 
nichts  weiter  auf  der  Erde  erfreuen  kann,  als  wenn  der  alte  Mann, 
den  sie  noch  fur  ihren  Vater  halt,  sie  mit  bittern  Tropfen  ansieht 
und  sagt:  »Bei  Gott!  ich  habe  dir  deinen  Spitzbuben  geben  wol- 
len«?  - 

30  Nein;  aber  ich  wollte  Ueber  einigen  von  euch  -  denen,  die  zu 
einem  Mittagsschlaf  sich  in  das  Blumenbeet  eines  ganzen  fremden 
Lebens  hineinlegen  und  gleichgultig  wieder  aufspringen  vom  er- 
quetschten  Blumenflor  -  das  malen,  was  euch  naher  steht,  die 
armen  Zoglinge  der  Not,  denen  euer  Name  gehort  und  euere 
Sorge  und  die  in  dem  kalten,  von  euch  fiir  sie  erbaueten  Ugolinos- 
Turm  der  Diirftigkeit  zuerst  die  Augen  aufschlagen.  Malet  ihr 


II20  DAS  HEIMLICHE  KLAGLIED 

euch  diese  niemals  selber?  Poltern  nicht  ihre  Schatten  in  eueren 
Herzen  wie  begrabene  Schein-Leichen  und  rufen  nach  Leben  ?  - 
Konnt  ihr  eine  selige  liebende  Stunde  mit  euern  benannten  Kin- 
dern  haben,  ohne  an  die  tausend  martervollen  euerer  unbenannten 
zu  denken?  -  Konnt  ihr  am  Geburtsfeste  eueres  nahen  Kindes 
euch  freuen  und  seiner  schonen  Entwicklung  nachrechnen,  ohne 
daB  sich  das  todliche  Gemalde  seiner  fernen  verhiillten  Geschwister 
vor  euch  aufrichte,  die  vielleicht  an  diesem  Tage  darben  und  seuf- 
zen,  oder  sich  das  reineHerzvergiften?-Durft  ihr  von  Vaterliebe 
sprechen  und  sagen,  ihr  habt  euern  Kindern  eine  feste  frohe  Statte  10 
bereitet,  indes  die  andern  drauBen  im  Weltmeere  auf  Eisschollen 
frieren  und  zitternd  weiterschwimmen  und  vielleicht  endlich  nie- 
derbreclien?  —  Nennt  euch  nicht  Manner,  ihr  seid  furchtsamer  als 
die  Mutter,  die  als  die  Verlassenen  bleiben  bei  den  Verlassenen  I 
Nennt  euch  nicht  Vater,  es  gibt  mehr  Mutter  als  Vater,  und  weni- 
ger  Kindermorderinnen  als  Kindermorder!  - 


II.  Die  wunderbare  Gesellschaft  in  der 

Neujahrsnacht 


Wir  haben  alle  schon  verdruBliche  Geschichten  gelesen,  die  uns 
mit  der  Heblichsten  Irrhohle  voll  Verwicklungen  bezaubertenund 
angstigten  und  uns  unruhig  nach  einem  hellen  Ausgang  bogen- 
lang  herumgreifen  lieBen,  bis  endlich  die  unerwartete  Zeile  »als 
ich  erwachte«  uns  die  ganze  Hohle  unter  den  FuBen  wegzog.  Bei 
dem  zweiten  Lesen  fanden  wir  dann  alles  durchsichtig  und  hell 
und  waren  nicht  mehr  zu  peinigen.  Eine  solche  trockne  Historie 
ist  gottlob  meine  von  der  wunderbaren  Nacht-Gesellschaft  nicht; 
ich  war  leider  bei  der  Erscheinung  derselben  so  wach  als  jetzt  und 

io  saB  am  Fenster. 
""'  Vorher  muB  sich  der  Leser  einige  Personalien  von  mir  gefallen 
lassen,  dam  it  mein  erbarmliches  Benehmen  gegen  die  Nacht- 
Sozietat,  das  meinen  Mut  mehr  verbirgt  als  zeigt,  zu  erklaren  ist. 
-  Nachmittags  am  Valettage  des  ein  Jahr  lang  sterbenden  Saku- 
lums  ging  ich  von  3  bis  8  Uhr  nachdenkend  in  meinem  Schreib- 
zimmer  auf  und  ab,  weil  ich  vor  Migrane  nichts  schreiben  konnte; 
und  hatte  besonders  iiber  den  unabsehlich-langen,  um  die  Erde 
kriechenden  Strom  der  kunftigen  Zeit  meine  schwermiitigen  Ge- 
danken?  wovon  ich  am  Neujahrstage  die  besten  ausklauben  und 

20  niederschreiben  wollte  fiir  dieses  Werkchen.  In  die  hinter  funf, 
sechs  Jahrtausenden  liegende  Vergangenheit  zuriickzuschauen, 
gibt  uns  mutige  Jugend-Gefuhle;  sie  kommt  uns  als  unsere  anti- 
zipierte  Kindheit  vor;  hingegen  vorauszublicken  weit  iiber  unsern 
letzten  Tag  hinweg  und  unzahlige  Jahrtausende  herziehen  zu 
sehen,  die  unsern  bemooseten  Spiel-  und  Begrabnisplatz  immer 
hoher  iiberschneien  und  auf  uns  neue  Stadte  und  Garten  und  auf 
diese  wieder  neuere  und  so  ungemessen  fort  aufschlichten,  dieses 
ewige,  immer  tiefere  Eingraben  und  Oberbauen  verfinstert  und 


1 124  DAS  HEIMLICHEKLAGUED 

belastet  uns  das  freie  Herz.  Dadurch  verdorret  uns  die  Gegenwart 
zur  Vergangenheit,  und  sie  wird  von  totem  Schimmel  traurig 
iiberzogen.  Der  Geist  des  Menschen  hasset  nach  seiner  Natur  die 
Veranderung,  erstlich  weil  er  sie  auBer  sich  nur  bei  groBenSchrit- 
ten  und  nie  in  ihrem  ewigen  Schleichen  wahrnimmt,  und  zwei- 
tens  weil  er  sie  in  sich  weniger  merkt,  wo  er  der  unveranderliche 
Schopfer  seiner  eignen  ist;  dem  Regenbogen  und  Lauffeuer  in 
und  auBer  sich  sieht  er  nicht  an,  daB  immer  nur  neue  Tropfen  und 
neue  Funken  sie  bilden. 

Und  gerade  am  Nachmittage,  wo  ich  mein  Inneres  mit  Trauer-  10 
tuch  ausschlug  und  den  Flor  anlegte  fiir  das  einschlummernde 
Jahrhundert,  war  ich  ganz  allein  in  meinem  SchloBlein  zu  Mittel- 
spitz  —  Hermine  war  in  der  Stadt  bei  einer  kranken  Freundin  und 
wollte  erst  nachts  heimkommen,  »obwohl  noch  in  diesem  Jahr- 
hundert", nach  dem  gewohnlichen  sakularischen  Scherz,  den  der 
Mensch  nicht  lassen  kann  —  ich  saB  oben  einsam  in  meinem  Mu- 
seum, unsere  Magd  war  unten  im  Bedientenzimmer  —  wegen  der 
grimmigen  Kalte  lagen  alle  Lehnsmanner  meinermittelspitzischen 
Krone  in  ihre  Schneckenhauschen  eingespundet,  und  das  dunkle 
Dorfchen  war  still.  -  20 

Mir  war  nicht  wohl,  sondern  etwa  so  in  meiner  Haut,  als  hatte 
sie  mir  Nero  harzig  anpichen  und  annahen  lassen,  um  mich  in 
seinem  Garten  zu  lanternisieren.  Ein  atzenderes  Sublimat  fiir  fliis- 
sige  Gelehrten-Nerven  konnte  wohl  schwerlich  erdacht  werden, 
als  rechte  Dezemberkalte  ist;  jeder  Schnee  ist  ein  Marzschnee,  der 
sie  abfrisset,  der  Frost  ist  ein  Baumheber  fiir  unsere  Wurzeln, 
kurz,  wenn  Todes-  und  Fieberkalte  ein  Autodafe  ist,  so  ist  Win- 
terkalte  ein  Autillodafe.  Leben  kann  man  ohnehin  nicht,  nur  lei- 
den.  So  schwachten  nun  Frost  und  Migrane  gemeinschaftlich  alle 
Entschlossenheit  in  mir,  die  ohnehin  zur  Winterszeit  in  keinem  30 
Wesen  zunimmt,  das  nicht  gerade  ein  Wolf  ist. 

Beklommenheit  umspannte  mein  Herz,  ich  sah  den  Menschen 
trotzig  mit  dem  Schwerte  in  der  Hand  unter  einem  iiber  dem 
Haupte  fechten  und  sah  das  Haar  nicht  einmal,  das  es  trug.  Noch 
engbrustiger  setzte  ich  mich  nach  dem  einsiedlerischen  Essen  in 
die  Fenster-Ecke,  bedeckte  die  Augen  mit  der  Hand  und  lieB 


DIE  WUNDERBARE  GESELLSCHAFT  IN  DER  NEUJAHRSNACHT       112$ 

alles  vor  mir  voruberziehen,  weswegen  der  Mensch  das  Leben 
eitel  und  nichtig  nennt-  schnell  eilten  die  kiinftigen  Jahrhunderte, 
wie  Fixsterne  vor  dem  Sternrohr,  vorbei,  endlich  kamen  lange 
Jahrtausende  und  trieben  ein  Volk  nach  dem  andern  aus  den 
S  tad  ten  in  die  Graber;  die  Generationen  verfolgten  einander  wie 
fliegende  Strichregen  und  schossen  in  die  Griifte  herunter  und 
rissen  den  Himmel  auf,  worin  der  Todesengel  sein  Schwert  durch 
die  Welten  hob  und  keine  Sterbenden,  sondern  blofi  das  Sterben 
sah.  - 

io  Wahrend  dieser  Phantasien  war  mir  einige  Male  gewesen,  als 
hort'  ich  leise  Worte;  endlich  vernahm  ich  nahe  an  mir  diese: 
»Die  drei  Propheten  der  Zeit«;  ich  tat  die  Hand  vom  Auge  —  die 
wunderbare  Nacht-Gesellschaft  war  im  Zimmer.  Ein  langer,  to- 
tenblasser,  in  einen  schwarzen  Mantel  gewickelter  Jiingling  mit 
einem  kleinen  Bart  (wie  der  an  Christuskopfen),  iiber  dessen 
Schwarz  die  Rote  des  lebendigen  Mundes  hoher  gliihte,  stand  vor 
mir,  mit  einem  Arme  Ieicht  auf  einen  Stuhl  gelehnt,  worauf  ein 
erhaben-schoner,  etwa  zweijahriger  Knabe  saB  und  mich  sehr 
ernst  und  klug  anblickte.  Neben  dem  Stuhle  kniete  eine  weiB- 

20  verschleierte,  mit  zwer  Lorbeerkranzen  geschmuckte  Jungfrau, 
von  mir  weggekehrt  gegen  den  hereinstrahlenden  Mond,  eine 
halb  rot,  halb  weiBe  Lankaster-Rose  in  der  Hand,  eine  goldne 
Kette  um  den  Arm  -  die  Lage  vor  dem  Knaben  schien  ihr  vom 
schwesterlichen  Zurechtriicken  seines  Anzugs  geblieben  zu  sein. 
Sie  glich  mit  der  niedergebognen  Lilie  ihrer  Gestalt  ganz  Lianen, 
wie  ich  mir  sie  denke,  nur  war  sie  langer.  Auf  dem  Kanapee  saB 
eine  rotgeschminkte  Maske  mit  einer  seitwarts  gezognen  Nase 
und  mit  einer  Schlafmiitze;  neben  ihr  ein  unangenehmes  mageres 
Wesen  mit  einem  Schwedenkopf  und  feuerroten  Kollet,  hoh- 

50  nisch  anblinzelnd,  das  nackte  GebiB  entbloBend,  weil  die  Lippen 
zu  kurz  waren  zur  Decke,  und  ein  Sprachrohr  in  der  Hand. 

Himmel!  wer  sind  sie,  wie  kamen  sie,  was  wollen  sie?  -  An 
Rauber  dacht'  ich  nicht  im  geringsten  -  so  nahe  auch  der  Ge- 
danke  lag,  es  konnten  ja  wahrend  unsers  Dialogs  Helfershelfer 
mich  ausstehlen,  mir  die  Juwelen  einpacken  und  das  Federvieh 
aus  den  Stallen  treiben  — ;  die  edle  feierliche  Gestalt  des  bleichen 


I  126  DAS  HEIMLICHE  KLAGLIED 

Jiinglings  vertrat  mir  sogleich  diesen  kleinlichen  Argwohn.  Ob 
es  nicht  Wesen  entweder  der  zweiten  Weltfoder  meines  Gehirn- 
globus  sind?  Wahrlich  diese  Frage  hatt'  ich  spater  zu  tun.  Son- 
derbar  wars,  daB  sie  mir  alle  ganz  bekannt  vorkamen,  sogar  die 
Stimme  der  Maske,  indes  ich  mich  doch  keines  Namens  entsann. 

Aus  einem  gelinden  Nervenschlag  -  nicht  aus  elender  Mut- 
losigkeit  -  muB  es  abgeleitet  werden,  da6  ich  unvermogend  war, 
mich  zu  regen,  geschweige  zu  erheben,  als  der  hohe  Jungling 
winkte  und  langsam  sagte:  »Tritt  in  das  Reich  der  Unbekannten 
und  frage  nicht,  wir  verschwinden  mit  dem  Jahrhundert  -  das  10 
eine  Jahrhundert  erntet  der  Mensch,  das  nachste  erntet  ihn  —  der 
Engel  der  Zeit1  fliegt  mit  sechs  Fliigeln,  zwei  decken  ihren  Ur- 
sprung,  zwei  decken  ihren  Ausgang,  und  auf  zweien  rauscht  sie 
dahin  -  Heute  heben  wir  die  Fliigel  auf,  die  auf  ihrem  Antlitz 
liegen !«  -  »Schaudert  nicht,  mein  Herr,«  (sagte  die  Maske  und 
ihrzete  mich,  wie  Leute  tun,  die  lange  in  Frankreich  und  Italien 
gewesen)  —  »wenn  alles  Erscheinung  hienieden  ist,  so  ist  der 
Schauder  dariiber  auch  eine  und  nicht  sehr  erheblich  -  der  Ernst 
ist  ein  wahrer  SpaBvogel  und  der  SpaB  ein  Sauertopf,  ich  stehe 
mit  beiden  auf  freundschaftlichem  FuB  -  Bossu  versichert,  in  die  20 
Nacht  sei  keine  Tragodie  zu  verlegen ;  das  wollen  wir  heute  sehen, 
wenn  der  Polterabend  des  Jahrhunderts  verstummt  in  einer  Mi- 
nute um  12  Uhr,  namlich  in  der  sechzigsten.«  - 

»Mein  Name  ist  Pfeifenberger«  (redete  der  widrige  Schweden- 
kopf  mich  durch  das  angesetzte  Sprachrohr,  aber  leise,  an)  -»Wir 
sind  die  drei  Propheten  der  Zeit  und  weissagen  Ihm,  meinFreund, 
so  lange,  bis  das  Jahrhundert  dezembrisiert  ist.  Ich  spreche  zu- 
erst.«  - 

Die  Jungfrau  schwieg,  der  Knabe  sah  unwillig  gegen  den  Schwe- 
denkopf,  der  schone  Jungling  hatte  die  Hand  der  Jungfrau  ge-  3° 
nommen  und  beschauete  auf  dem  Ringe  ein  herrliches  groBes 
Auge,  dem  gleich,  unter  welchem  sonst  die  Maler  den  Allsehen- 
den  vorstellten. 

Pfeifenberger  nng  an:  »In  der  kiinftigen  Zeit  wird  freie  Re- 

1  Zwei  Fliigel  verhullen  die  FiiBe  der  Seraphim,  zwei  das  Haupt,  zwei 
tragen  sie. 


DIE  WUNDERBARE  GESELLSCHAFT  IN  DER  NEUJAHRSNACHT       1127 

flexion  und  spielende  Phantasie  regieren,  keine  kindischen  Ge- 
fiihle;  man  wird  keinen  Namens-  und  Geburts-  und  Neujahrstag 
mehr  feiern  und  kein  Ende  des  Jahrhunderts,  weil  man  nicht  weifi, 
wenn  es  schliefiet,  ob  bei  dem  ersten  Viertel-  oder  letzten  Glok- 
kenschlage,  oder  ob  bei  dem  Ausgehen  oder  bei  dem  Anlangen 
des  Schalles;  und  weil  in  jeder  Minute  100  Jahre  zu  Ende  sind. 
Auch  wird  die  Erde,  eh  sie  verwittert,  noch  oft  von  anno  i  an 
datieren,  wie  die  Franzosen  —  Die  Juden  und  Priester  werden 
aufhoren,  und  die  Volker,  die  Weiber,  die  Neger  und  die  Liebe 

10  frei  werden  -  Sprachgelehrte  werden  in  alten  Bibliotheken  nach 
einer  Edda  und  nach  einer  Bibel  forschen,  und  ein  kiinftiger 
Schiller  wird  das  Neue  Testament  lesen,  urn  sich  in  die  Charak- 
tere  eines  Christen  und  Theisten  tauschend  zu  setzen  und  dann 
beide  aufs  Theater  —  Griechenland  wird  wie  Pompeji  den  Schutt 
der  Zeit  abwerfen,  und  von  keiner  Lava  ubergossen,  werden  seine 
Stadte  in  der  Sonne  glanzen  -  GroBe  Geschichtsforscher  werden, 
um  nur  etwas  von  den  Begebenheiten  und  Menschen  des  bar- 
barischen,  kleinstadtischen,  finstern  Mittelalters  (so  nennen  sie 
das  aufgeklarte  Jahrhundert)  zu  erraten,  sogar  einen  daraus  ubrig 

20  gebliebnen  homerischen  Hans  Sachs  studieren,  von  dessen  Wer- 
ken  ein  kiinftiger  Wolf  erweisen  wird,  daB  sie  von  mehreren 
Sangern  zugleich  gemacht  worden,  z.  B.  von  einem  gewissen 
Pfeifenberger  -  Was  freilich  Seine  opuscula  omnia  anlangt,  mein 
guter  Freund,«  (-  hier  lachelte  das  Eisfeld;  denn  zu  einem  Eis- 
berg  war  das  Ding  nicht  kraftig  genug)  »so  wird  es  dem  besten 
Literator,  der  sich  zum  Studium  der  seltensten  Inkunabeln  sogar 
bis  ins  20.  Jahrhundert  zuriickgewuhlet,  nicht  gliicken  wollen, 
mit  irgendeiner  Notiz  von  Ihm  und  Seinen  Schreibereien  auszu- 
helfen.«  — 

30  -  Es  ware  mir  in  dieser  Gespensternacht  nicht  zu  verdenken 
gewesen,  wenn  ich  von  diesem  Oberlaufer  aus  dem  jenensischen 
Amizistenorden  in  den  Inimizistenorden  einige  Male  geglaubt 
hatte,  den  lebendigen  Teufel  vor  mir  zu  haben.  Aber  seine  Hoff- 
nung,  daB  die  kultivierte  Zukunft  keinen  Gott  und  Altar  mehr 
haben  werde,  wie  bei  den  Juden  nur  unpolierte  Steine  zum  Altare 
taugten  -  sein  vernunftiger  Frost,  worin  keine  Blumen  mehr 


I  128  DAS  HEIMLICHE  KLAGLIED 

wachsen  als  die  aus  Eis  -  seine  perennierende  Aufgeschwollen- 
heit,  die  ihn  gegen  jede  Riige  verpanzert,  wie  nach  dem  Plinius 
sich  der  Dachs  durch  Aufblasung  gegen  Schlage  verwahrt  -  und 
seine  Bitterkeit,  die  jetzt  die  sanftesten  Neuern  (mich  selber  aus- 
genommen)  mehr  an  als  in  sich  haben,  so  daB  sie  wirklkh  so  gut 
zu  genieBen  sind  als  die  Staren,  denen  man,  bevor  sie  gebraten 
werden,  bloB  den  bittern  Balg  abzieht  —  alles  dieses  zeigte  leicht, 
daB  er  mehr  zu  den  sanften  Neuern  zu  schlagen  sei  als  zu  den 
Teufeln  selber. 

Obgleich  die  Pfeifenbergerische  Bosheit  wieder  Leberisfeuer  10 
unter  meinen  vom  Gespensterhauche  kalt  geblasenen  Nerven  an- 
schurte:  so  machte  doch  die  Kalte,  womit  der  Schwedenkopf 
menschliche  Gesichter  in  Brot  bossierte  und  die  Physiognomien 
einem  schwarzen  Spitz  unter  dem  Kanapee  zu  fressen  gab,  mir  es 
schwer,  ihm  wie  einem  rechten  Menschen  zu  begegnen.  Ich  fing 
denn  so  gefasset,  als  ich  konnte,  an:  »Ich  antwort*  Ihm,  mein 
Pfeifenberger,  auf  Seine  Weissagung  nur  mit  Still-  und  anderem 
Schweigen,  besonders  puncto  meiner.  In  kalte  Zeiten,  wo  die 
Menschen  nichts  mehr  im  Herzen  haben  als  ihr  Blut,  verlang*  ich 
nicht  einmal  hinein;  leider  sind  jene  von  der  ewig  wachsenden  20 
Volksmenge  des  Erdballes  zu  furchten,  die  wie  eine  groBe  Stadt 
und  Reise  un,d  aus  gleichem  Grund  Kalte  gegen  Menschenwert 
mitteilt;  der  Mensch  ist  jetzt  dem  andern  nur  im  Kriege  so  heilig 
wie  sonst  im  Frieden,  und  im  Frieden  so  glekhgultig  wie  sonst 
im  Kriege.  Obrigens  bescheid'  ich  mich  gar  gerne,  daB  Jahrhun- 
derte,  ja  Jahrtausende  kommen,  die  mich  nicht  lesen.  Wie  bisher, 
so  muB  kunftig  mit  der  Ausdehnung  und  Durchkreuzung  der 
Wissenschaften,  mit  dem  Veralten  der  Schonheiten  und  mit  der 
Obung  des  geistigen  Auges  die  Kiirze  des  Stils,  die  Verwandlung 
alter  Bilder  in  neue  Farben  und  kurz  der  asthetische  Luxus  hoher  30 
steigen;  mithin  wird  ein  zei tiger  Schreiber  wie  ich  zwar  anfangs 
noch  eine  Zeitlang  als  korrekt  mitlaufen,  aber  endlich  werd'  ich 
als  gar  zu  nuchtern,  als  ein  zu  franzosischer  ha-  und  magerer 
zweiter  Gellert,  der  bloB  glatt-  und  matten  Leipzigern  gefallen 
will,  beiseite  geschoben.  Niemand  ist  wohl  von  diesem  Ungliick 
mehr  fester  iiberzeugt  als  ich  selber.  -  Irgend  einmal  wird  Sein 


DIE  WUNDERBARE  GESELLSCHAFT  IN  DER  NEUJAHRSNACHT       1 1  29 

und  mein  Deutsch,  Freund,  sich  zu  dem  kiinftigen  verhalten  wie 
das  in  Enikels  Chronik  zum  jetzigen;  wir  werden  also  geradeso- 
oft  auf  den  Toiletten  aufgeschlagen  liegen  als  jetzt  OtfriedsEvan- 
gelium,  namlich  bloB  um  die  einfaltige  Schreibart  und  die  Rein- 
heit  der  Sitten  zu  studieren  an  Ihm  und  mir. 

Wahrlich  bei  einer  gar  zu  langen  Unsterblichkeit  verniichtigt 
sich  der  Autor,  und  nur  der  Bodensatz,  das  Werk,  sitzt  fest;  ich 
wiinschte  nicht,  ein  Konfuze,  Homer  oder  Trismegistus  zu  sein 
(ihre  breiten  Namen  sind  in  ein  unartikuliertes  Luft-Pfeifen  zer- 

10  fahren),  sondern  lieber  etwas  Naheres  und  Kompakteres,  etwa 
ein  Friedrich  IL,  oder  ein  J.  J.,  oder  ein  Pfeifenberger  nach  Sei- 
nem  Tod.«  - 

Hier  wurd*  ich,  zumal  in  einer  so  kranken  Haut,  ungemein  er- 
weicht  von  einem  benachbarten  Gedanken:  »Ich  werde  also  so 
gut  verschwinden«,  fuhr  ich  fort,  »wie  mein  Jahrhundert  —  die 
Sanduhr  der  Zeit  wird  ihren  Hugel  so  gut  uber  mich  gieBen  wie 
iiber  den  Hesperus  am  Himmel,  wahrlich  ich  werde  und  muB 

einen  let^ten  Leser  haben Letter  Leser —  eine  wehmiitige 

und  sanfte  Idee!  Beim  Himmel!  ich  hang'  ihr  irgend  einmal  nach 

20  und  rede  den  Menschen  an  und  sage  etwan : 

0  du,  in  dem  ich  mit  meinen  spielenden  Kindern  und  mit 
meinem  ganzen  Herzen  zuletzt  wohne,  sei  der  Seele  giinstig,  an 
die  auf  der  weiten  Erde  und  in  der  weiten  Zukunft  kein  Freund 
mehr  denkt  als  du,  und  deren  Traume  und  Weiten  und  Bilder 
alle  sterben,  wenn  du  entschlafst.«  - 

Der  Knabe  nickte,  als  meint'  ich  ihn.  Der  ernste  Jiingling 
schien  niemand  zu  horen. 

Jetzt  fing  die  geschminkte  Maske  einen  entsetzlich-langen  Peri- 
oden  an  und  sagte  mit  eintoniger  ergreifender  Stimme:  »Wenn 
30  die  groBe  Uhr  in  der  Marienkirche  zu  Liibeck  nicht  mehr  zu 
brauchen  sein  wird,  weil  sie  gar  zu  oft  umgestellet  worden,  und 
weil  auch  der  Mond  schon  anders  umlauft  als  sie1  -  Wenn  man- 
cher  Hottentott  noch  einen  alten,  nach  »verbesserter  und  alter 
Zeit  wohl  eingerichteten  lustigen  Historienkalender  auf  das  ge- 

1  Sie  zeigt  den  taglichen  Stand  und  Gang  der  Himmelskorper  etc  bis  zum 
Jahr  1875;  dann  mufi  sie  verandert  werden. 


I I3O  DAS  HEIMUCHE  KLAGLIED 

meine  Jahr  iooooo«  vorweisen  kann,  den  seine  UrurgroBeltem 
durchschieBen  lassen,  um  Termine,  Gaste  und  Haushaltungs- 
sachen  auf  treuherzige  alte  Weise  (der  Enkel  kanns  nicht  ohne 
Lacheln  lesen)  einzutragen  -  Wenn  die  bittere  Zeit  dagewesen  ist, 
wo  Menschenliebe  in  keinen  Herzen  mehr  war,  auBer  in  denen 
der  Hunde  -  Wenn,  obwohl  lange  nach  der  Eroberung  Europas 
durchdie  Amerikaner,  derhaBliche  WeiBen-Handelaufgehort,  den 
die  Schwarzen  zum  Teil  nach  ihren  nordindischen  Besitzungen 
hin  getrieben  —  Wenn  wegen  der  entsetzlichen  Bevolkerung  alle 
Dorfer  sich  zu  Stadten  ausgebauet  und  die  groBen  Stadte  mit  den  10 
Toren  aneinanderstoBen  und  Paris  bloB  ein  Stadtviertel  ist  und 
der  Landmann  oft  auf  seinem  Dache  ackert,  das  er  ganz  artig 
urbar  gemacht  -  Wenn  in  ganz  Europa  so  schwer  ein  holzernes 
Haus  zu  finden  ist  wie  jetzt  ein  goldnes,  bloB  weil  man  bei  dem 
mir  begreiflichen  Holzmangel  statt  der  Silberstangen  Holzstangen 
sowohl  aus  Indien  holen  muB  als  aus  unsern  Schachten,  wo  die  Vor- 
welt  sie  so  vorsichtig  aufgespeichert;  daher  es  leicht  zu  erklaren, 
warum  man  dann  Glas  nur  mit  sich,  namlich  mit  Brennglasern 
macht,  und  warum  man  im  Winter  so  kiinstlich  von  auBen  heizt  mit 
der  Sonne  durch  besonders  geschliffne  Scheiben  -  Wenn  endlich,  20 
weil  durch  ewiges  Graben  und  Miinzen  das  Geld  schon  lange  zu 
spartischem  Eisengeld  devalviert  geworden,  nur  Perlen  die  kleine 
Munze  sind  und  Juwelen  die  groBe  -  Wenn  die  Prachtgesetze  die 
einfache  alte  wohlfeilere  Tracht  zuruckgefiihrt,  indem  sie  uberall 
auf  Seide  bestanden,  und  wenn  die  Mode  die  hochsten  Verlan- 
gerungen  und  Verkiirzungen  (bis  zur  Nationalkleidung  der 
Menschheit,  der  Nacktheit)  und  jede  Versetzung  durchgespielt, 
so  daB  bei  Weibern  die  maillots1,  die  Schiirzen  am  Hals,  die  am 
Rucken,  die  hinten  offnen  Totentalare,  die  bed-mats,  und  bei 
Mannern  die  mat-beds,  die  peaux  de  Hon,  die  Berghabite,  die  hin-  30 
ten  zugeschnallt  und  zugespitzten  Schuhe,  die  hinten  zugeknopf- 
ten  Rocke,  der  doppelte  Schuh1  und  die  Schleier  und  Schiirzen 

1  Ich  brauche  den  Leserinnen  wohl  nicht  zu  sagen,  daB  dieses  erst  zu- 
kunftige  Moden  sind. 

E  An  den  jetzigen  eigentlich  halben  Schuh  wird  namlich  kiinftig  hinten 
ein  neuer  angebauet,  der  leer  bleibt  wie  unser  hoher  Hut. 


DIE  WUNDERBARE  GESELLSCHAFT  IN  DER  NEUJAHRSNACHT       II3I 

wieder  schon  ein  paarmal  ab-  und  aufgekommen  sind  -  Wenn 
die  Handwerker  und  Gelehrten  in  immer  kleinere  Subsubdivi- 
sionen  auseinandergewachsen1  -  Wenn  das  letzte  wilde  Volk  aus 
seiner  Puter-Eierschale  ausgekrochen,  und  zwar  schneller  als  das 
erste%  weil  alle  zahme  an  der  Schale  hackten,  wenn  zwischen  alien 
Vdlkern,  wie  jetzt  zwischen  Herrnhutern  und  Juden,  die  Schiffe 
wie  Weberschiffe  verwebend  hin-  und  herschieBen  und  der  Thii- 
ringer  seinen  nordamerikanischen  Reichsanzeiger  mithalt  und 
den  afrikanischen  Moniteur  —  Himmel!  wenn  dann  der  ganze 

10  Globus  schreibt,  der  Nord-  und  der  Siidpol  Autor  ist  und  jede 
Insel  Autorin,  wenn  RuBland  die  Werke  selber  verfertigt,  die  es 
eben  daher  fruher  nicht  eingelassen,  und  die  Molukken  mit  den 
Gewiirzen  aus  Habsucht  die  Makulatur  dazu  liefern  und  die  Kam- 
tschadalen  alle  die  Blasphemien,  Zweideutigkeiten  und  Hohne- 
reien,  die  sie  vorher  mundlich  verrauchen  lieBen,  besser  in  Ro- 
mane  auffangen;  wenn  natiirlicherweise  eigne  Stadte  gebauetwer- 
den  miissen,  wo  bloB  Biicher  wohnen,  so  wie  ganze  Judengassen 
bloB  fur  schreckliche  Registraturen;  wenn  die  Menge  so  herr- 
licher  Genies  und  die  Menge  der  Nationalgeschmacke  so  vieler 

20  Inseln,  Kiisten  und  Jahrhunderte  die  hochste  Toleranz,  Ober- 
sicht,  Vermischung  und  Laune  geboren — Wenn  man  die  Wolken  so 
richtig  wie  kiirzere  Sonnenflnsternisse  prophezeien  kann,  Schwanz- 
sterne  ohnehin;  und  wenn  die  Flora  und  Fauna  im  Monde  so  gut 
bearbeitet  ist  als  die  Landerkunde  des  Abendsterns  —  Wenn  alle 
RafFaele  verwittert,  alle  jetzigen  Sprachen  gestorben,  neue  Laster 
und  alle  mogliche  Physiognomien  und  Charaktere  dagewesen, 

1  Der  Wilde  und  der  westfalingische  Bauer  machen  sich,  wie  der  Redner 
Gorgias,  alles  selber;  mit  der  Kultur  teilen  sich  die  Handwerker  auseinander; 
diese  Abteilungen  werden  sich  wieder  spalten  und  z.  B.  die  Mundkoche  sich 
3°  in  Vogel-,  Fischkoche  etc.,  diese  wieder  in  Lachs-,  Forellen-,  Karpfen-  etc. 
Koche  sondern.  Bei  den  Gelehrten  werden  die  ASastungen  noch  iippiger 
ausfallen.  Z.  B.  in  der  ungeheuer  aufwachsenden  Geschichte  wird  jedes 
Volk,  jedes  Jahrtausend  seinen  eignen  Historiker  fodern,  der  von  sei- 
nem  historischen  Wandnachbar  gar  nicht  zu  wissen  braucht,  dafl  er  in  der 
Welt  ist. 

3  Volker  (wie  Kinder  moralisch  und  physisch)  wachsen  anfangs  am 
schnellesten  und  starksten;  in  einer  gewissen  Hohe  der  Kultur  kann  die 
Menschheit  sich  nur  Iangsam  andern  und  hoher  heben,  wie  alle  Sterne  vom 
Horizont  schneller  aufsteigen  als  von  der  halben  Bahn. 


1132  DAS  HEIMLICHE  KLAGLIED 

die  Zartheit  und  Besonnenheit  und  Kranklichkeit  groBer,  die 
Hohlwege  zehnmal  tiefer  und  die  tiefsten  Wahrheiten  platte  ge- 
worden  -  Wenn  Flotten  von  Luftschiffen  iiber  der  Erde  ziehen 
und  die  Zeit  alle  ihre  griechischen  Futura  durchkonjugiert  - 
Wenn  alles  unzahlige  Male  dagewesen,  ein  Gottesacker  auf  dem 
andern  liegt,  die  alte  runzlichte  graue  Menschheit  ein  Jahrtausend 
nach  dem  andern  vergessen  und  nur  noch,  wie  andere  Greise, 
sich  ihrer  schonen  Jugendzeiten  in  Griechenland  und  Rom  er- 
innert  und  der  ewige  Jude,  der  Planet,  doch  noch  immer  lauft 

sag  an,  o  bleicher  JungHng,  wenn  schlagt  es  in  der  Ewigkeit  10 

12  Uhr,  und  die  Geisterstunde  der  Erd-Erscheinungen  ist  vor- 
bei?«  — 

»Ach  Gott,«  (sagte  der  Knabe  sonderbar-klug)  »das  Leben  ist 
lang,  aber  die  Zeit  ist  kurz,  sie  hat  nichts  als  Augenblicke  —  Alle 
Uhren  gehen  sehr«  (wobei  er  eine  herauszog  und  ansah,  auf  der 
sieben  iibereinander  stehende  Weiser1  unten  ruckten,  Hefen  und 
oben  pfeilschnell  flogen)  -  »0  die  groBe  Uhr  rasselt  schon  und 
schlagt  das  Jahrhundert  aus  -  dann  fliegt  die  weiBe  Taube  sehr 
anmutig  durch  die  Sterne,  und  die  Toten  des  Jahrhunderts  ziehen 
getrost.«  Hier  schlang  er  sich  an  die  Brust  der  Jungfrau  und  gab  20 
seine  Uhr  mit  den  sieben  Zeigern  der  Maske.  »Die  groBe  Uhr 
drauBen  hat  freilich«,  sagte  diese,  »ein  Richtschwert  zum  Perpen- 
dikel,  und  das  ist  Geistern  ganz  fatal.«2 

Er  trug  die  schwindelnd  ineinander  laufende  Uhr  unter  den 
Spiegel.  Fiirchterlich  war  es  mir,  als  ihn  der  Spiegel  nicht  ab- 
bildete  und  die  andern  auch  nicht.  -  Im  Hintergrunde  des  Zim- 
mers  stunden  wieder  neue  unkenntliche  Gestalten,  die  alle  strenge 
auf  ihre  Uhren  sahen  -  Der  Schwedenkopf  drehte  bald  umar- 
mende  Menschen,  bald  Herzen  aus  Brot  und  fiitterte  den  schwar- 
zen  Hund.  -  Die  Jungfrau  faltete  sanft  die  Hande  empor,  aber  30 
unter  dem  Erheben  iiberzog  sich  das  gottliche  Auge  des  Ringes 
mit  einem  weiBen  Augenlid.  -  Mein  Herz  zuckte  bange  zuriick 
vor  dem  nachtlichen  kalten  Anwehen  eines  hin-  und  herge- 

1  Namlich  die  Terzie  wieder  in  60  Teilchen,  jedes  wieder  in  60,  und  dieses 
wieder  geteilt. 

8  Geister  fliehen  nach  dem  Aberglauben  Richtschwerter. 


DIE  WUNDERBARE  GESELLSCHAFT  IN  DER  NEUJAHRSNACHT      II33 

schwungnen  Dolchs  und  vor  dem  ersten  Glockenton,  der  das 
Jahrhundert  ausmachte. 

Der  Mond  strahlte  plotzlich  den  Jiingling  an;  groB,  unbeweg- 
lich,  bleich,  aber  voll  Glanz  fing  er  an,  ohne  der  Maske  zu  ant- 
worten,  und  unter  der  Rede  bebten  tiefe  Tone  im  Klaviere,  aber 
keine  Taste  regte  sich: 

»Es  gibt  einmal  einen  letzten  Menschen  -  er  wird  auf  einem 
Berg  unter  dem  Aquator  stehen  und  herabschauen  auf  die  Was- 
ser,  welche  die  weite  Erde  iiberziehen  -  festes  Eis  glanzet  an  den 
30  Polen  herauf  -  der  Mond  und  die  Sonne  hangen  ausgebreitet  und 
tief  und  nur  blutig  iiber  der  kleinen  Erde,  wie  zwei  triibe  feind- 
liche  Augen  oder  Kometen  -  das  aufgetiirmte  Gewolke  stromet 
eilig  durch  den  Himmel  und  stiirzet  sich  ins  Meer  und  fahrt  wie- 
der  empor,  und  nur  der  Blitz  schwebt  mit  gluhenden  Fliigeln 
zwischen  Himmel  und  Meer  und  scheidet  sie1  -  Schau  auf  zum 
Himmel,  letzter  Mensch!  Auf  deiner  Erde  ist  schon  alles  vergan- 
gen  -  deine  groBen  Strome  ruhen  aufgeloset  im  Meere.  — 

Die  alten  Menschen,  in  welchen  die  friihern  Alten  lebten,  wie 
Versteinerungen  in  Ruinen,  zergehen  unter  dem  Meere  -  nur  die 
20  Welle  klinget  noch,  und  alles  schweigt,  und  das  Gelaute  der 
Uhren,  womit  deine  Briider  die  Jahrhunderte  wie  einen  Bienen- 
schwarm  verfolgten,  regt  sich  nicht  im  Meeressand  —  Bald  flatten 
das  noch  von  dir  bewohnte  Sonnenstaubchen  hinauf,  und  die 
groBern  blinkenden  Staubkorner  auch;  aber  die  Sonne  tragt  den 

1  Die  Astronomie  beweiset,  dafi  sich  die  Erde  der  Sonne  (wie  nach  Euler 
der  Mond  der  Erde)  in  einer  Spirale  immer  naher  drehe;  und  schon  die 
Mechanik  beweiset  es,  da  es  ebensowenig  aufler  als  auf  der  Erde  ein  perpe- 
tuum  mobile  geben  kann,  weil  ja  Kraft  und  Zeit  im  umgekehrten  Verhaltnis 
stehen  und  mithin  jene  null  wiirde,  wenn  diese  unendlich  wiirde.  Aber  ehe 

30  der  Planet  zur  Sonne  wird  (wie  der  Mensch  zur  Erde),  wovon  er  genommen 
ist :  so  ist  weniger  die  Erhit^ung  des  Erdkorpers  -  die  z.  B.  nicht  bisher  mit 
der  Sonnennahe  am  Aquator  unter  den  geraden  Strahlen  wuchs  und  die  ja 
nicht  vom  Sonnen-Abstahde  abhangt,  da  wir  keine  diversen  Merkmale  des- 
selben  in  den  fernsten  und  nachsten  Planeten  entdecken  —  als  seine  Ober- 
schwemmung  zu  befiirchten,  weil  -  auBer  dem,  dafi  alle  Meere  immer  gegen 
den  Aquator  hinaufstromen  —  die  ndhere  Anziehung  der  Sonne,  des  Mondes 
und  mithin  der  andern  Planeten,  wie  in  den  Aquinoktien,  furchterlich  die 
Flut  der  Meere  und  ebenso  des  Dunstkreises  und  zuletzt  der  Elektrizitat 
auftreiben  und  iiber  unsere  Ameisenhaufen,  die  wir  vom  Maulwurf  des 

40  Erdbebens  geerbet,  hertibersturzen  muB. 


1 134  DAS  HEIMLICHE  KLAGLIED 

Kindersarg  der  Menschheit  leicht  im  Arm  und  hiipfet,  von  deiner 
Flugerde  schwach  bestaubt,  jugendlich,  obwohl  kinderlos,  mit 
andern  Schwestern  um  die  Muttersonne  weiter . . .  Schwacher 
Sterblicher!  der  du  vor  allem  zitterst,  was  alter  wird  als  du,  hore 
weiter!  Auch  die  Sonnen  der  MilchstraBe  ergreifen  endlich  ein- 
ander  feindlich  und  umschlingen  sich  kampfend  zu  einer  Riesen- 
schlange,  und  eine  chaotische  Welt  aus  Welten  arbeitet  brennend 
und  flutend  -  Aber  im  unendlichen  Himmel  hangt  ihre  schwarze 
und  feurige  Gewitterwolke  nur  unbemerkt  und  klein,  weit  uber 
und  unter  ihr  schimmern  die  Sterne  friedlich  in  ihren  tausend  10 
MilchstraBen.  -  Vernimm  weiter,  Erschrockner!  In  der  Ewigkeit 
kommt  ein  Tag,  wo  auch  alle  diese  StraBen  und  weiBen  Wolk- 
chen  sich  verfinstern  und  wo  in  der  weiten  UnermeBIichkeit  nur 
Gewitterwolken  ziehen,  aus  Sonnen  gemacht,  und  wo  es  dam- 
mert  in  der  ganzen  Schopfung...  Dann  ist  Gott  noch;  er  steht 
licht  in  der  Nacht,  seine  Sonne  zog  die  Sonnen -Wolken  auf,  seine 
Sonne  zerteilt  sie  wieder  —  und  dann  ist  wieder  Tag.  —  Und  nun 
sprich  nicht  mehr  von  der  kleinen  Vergangenheit  der  kleinen 
Erde.  -  Gott  hat  den  Donner  und  den  Sturm  in  der  Hand  und  den 
Schmerz  und  ordnet  die  Ewigkeit  -  und  das  weiche  Wurmchen  20 
pflanzet  sich  doch  fort  durch  die  stiirmischen  Jahrtausende;  —  aber 
der  Mensch,  die  Parze  der  Erde,  die  auf  Wurmchen  auftrat,  und 
die  uberall  Opfer  foderte  und  machte,  klagte  uber  die  hohern  fur 

das  Hochste. Der  Unendliche  und  die  Sonne  waren  ihm,  so 

wie  seine  Erdscholle  sich  auf-  oder  unterwarts  kehrte,  bald  im 
Auf-,  bald  im  Untergang  -  Tor !  sie  haben  beide  keinen  Morgen 
und  Abend,  sondern  sie  glanzen  ewig  fort,  aber  sie  ziehen  mit  dir 
und  deinem  Ball  in  die  unbekannte  Gegend1  —  Letzter  Mensch, 
denke  nicht  nach  uber  die  lange  Welt  vor  und  nach  dir;  im  Uni- 
versum  gibts  kein  Alter  -  die  Ewigkeit  ist  jung  -  sinke  in  die  30 
Welle,  wenn  sie  kommt,  sie  versiegt,  und  nicht  du!«  - 

Der  edle  Jungling  hatte  vor  Entziickung  die  Augen  geschlos- 
sen,  und  der  Schnee  seines  Angesichtes  war  zu  Glanz  geworden. 
Plotzlich  anderte  sich  alles  in  der  uberirdischen  Minute;  der 

1  Bekanntlich  bewegt  sich  die  Sonne  mit  ihrem  Gefolge  nach  einem  noch 
unbekannten  Ziel  im  Norden  des  Himmels. 


DIE  WUNDERBARE  GESELLSCHAFT  IN  DER  NEUJAHRSNACHT       1 135 

Knabe  rief  schreckhaft:  »Es  wird  12  Uhr;  meine  Weiser  stehen.« 
Auf  der  Uhr  mit  sieben  ruhten  schon  funfe  iibereinander,  und  nur 
die  schnellsten  flogen  noch  um.  »DrauBen  fliegt  schon  die  Taube 
aus  Osten«,  rief  jemand,  und  die  Turmuhr  schlug  aus. 

Ich  blickte  durch  das  Fenster,  und  in  den  langen  Bogen  des 
Fluges  zog  eine  blendende  Taube  unter  den  Sternen  durch  den 
tief-blauen  Himmel  hin;  und  LuftschifFe  voll  unbekannter  Ge- 
stalten  jagten  nach,  und  eines  ging  wie  unter  Schleiern  vortiber, 
worauf  alle  Menschen  waren,  die  ich  innig  geliebt  und  nur  am 

10  Grabe  verloren  habe  -  und  dann  schoB  eines  vortiber,  worm  der 
Knabe  und  die  verhtillte  Jungfrau  ruhten;  und  Sterne  flelen  in  ihr 
Schiff,  sie  aber  warfen  Rosen  aus. 

Ich  blickte  nach  dem  Zimmer  zurtick.  Welches  ringende  Gei- 
ster-Chaos!  Die  alten  Gestalten  gingen  durcheinander  —  neue 
liefen  zwischen  sie  -  die  Saiten  klangen  ungespielt  -  der  Knabe, 
die  Jungfrau  und  der  Jungling  waren  entflohen  -  In  dem  von 
innen  hell  erleuchteten  Spiegel  war  nichts  als  mein  sitzendes  Bild; 
dieses  richtet  sich  auf,  bewegt  sich,  tritt  nahe  vor  das  Glas  und 
will  drohend  heraus  und  sagt,  mich  anblickend :  »0  sell'  ich  mich 

20  dort  selber?  -  Warte,  Lufterscheinung,  ich  fiirchte  dich  nicht,  ich 
setze  mir,  wie  Nicolai,  einen  Blutigel  an  den  After,  und  dann  zer- 
flieBest  du.«  —  O  wie  ist  der  Spieler,  der  Mensch,  ein  Spiel!  - 
Gliihende  Toten-Asche  legte  sich  finster  auf  mein  Auge  -  das 
gepreBte  Leben  schlug  gewaltsam  gegen  die  kleinste  Ader  an  - 
endlich  buckte  sich  der  uberstromte  Kopf  und  lieB  sein  heiBes 
Blut  aus  sich  flieBen. 

Zugleich  lauter  und  dunkler  wurd*  es  um  mich;  ein  scharferes 
Getone  umfloB  den  Betaubten  und  warf  hohere  Wellen,  um  das 
Leben  wegzuspiilen;  aber  die  Gestalten  fingen  zu  erblassen  und 

30  zu  weichen  an,  selber  die  Maske  wurde  weiB  -  peinlich  drohnten 
in  meine  ofFnen  Adern  die  langsamen  Glockenschlage  von  12  Uhr 
wie  Kanonenschiisse  neben  der  Gruft  des  Jahrhunderts,  und  ich 
erwartete  bebend  den  zwolften  -  aber  er  verzog,  der  Tod  hielt 
die  Streitaxt  des  Glockenhammers  immer  aufgehoben,  und  die  zu- 
sammenrinnende  Menge,  weiB  wie  Enrunkne,  murmelte  immer 
banger:  zwolf,  zwolf als  auf  einmal  eine  bliihende,  beseelte 


II36  DAS  HEIMLICHE  KLAGLIED 

die  Ttire  ofTnete  und  durch  die  luftigen  Figuren  durchging  und 
mit  einer  teuern  lebendigen  Stimme  meinen  Namen  nannte:  ach 
es  war  meine  Hermina.  0  wie  der  Mensch  nur  durch  den  Men- 
schen  in  das  Tageslicht  des  Lebens  tritt,  indes  er  in  der  auf  losen- 
den  Einsamkeit  auf  seinen  Geist  und  Leib  nur  wie  auf  einen  toten 
fremden,  unter  ihm  zuckenden  Torso  niedersieht!  - 

Durch  die  gute  Erschrockne  und  durch  die  Krisis  der  bluten- 
den  Natur  kam  ich  aus  meinen  Bildern  zuriick,  die  sich  immer  mehr 
verglaseten  und  sich  endlich  nur  zu  zerstreueten  Gliedern  eines 
Antikenkabinetts  zersetzten,  Pfeifenberger  hielt  sich  am  langsten  10 
und  wollte  schwer  zerfahren,  und  sogar  als  er  schon  verfluchtigt 
war,  streckt'  er  noch  sein  Sprachrohr  aus.  Ich  beruhigte  die  gute 
Hermina  durch  Nicolai,  dem  ahnliche  Erscheinungen  viel  langer 
zugesetzt1,  der  sie  aber  mit  besserer  Entschlossenheit  empfangen 
als  ich. 

Wie  erstaunt'  ich,  als  mir  Hermina  sagte,  sie  habe  ihr  Wort  ge- 
halten,  noch  friiher  zu  kommen  als  das  rote  Sakulum.  Es  war  erst 
ii  Uhr;  so  richtig  hatte  das  innere  Ohr,  das  immer  den  zwolften 
Schlag  begehrte,  mitten  unter  den  Stiirmen  nachgezahlt;  dieser 
stille  Sonnenzeiger  in  uns  bewies  sich  schon  bei  Wahnsinnigen  20 
und  am  Ende  bei  Schlafenden,  die  in  der  vorgesetzten  Stunde  er- 
wachen.  Aber  nun  war  ich  fur  die  letzte  Szene  des  funften  Akts 
ganz  kalt.  Ein  Jahrhundert  schwand  ein  vor  den  gigantischen 

1  Dem  Publikum  sind  die  Gestalten,  die  Nicolais  Augen  und  Ohren  er- 
schienen,  schon  bekannt.  Ich  kenne  drei  zartorganisierte  und  phantasiereiche 
Madchen,  welche  dieselbe  optische  Plastik  qualte.  Es  kann  keinem  Psycho- 
logen  schwer  fallen,  meine  optische  Nachdruckerei  der  Wirklichkeit,  diese 
grofiern  mouches  volantes,  sich  zu  erklaren,  wenn  er  den  Frost,  die  Nerven- 
schwache,  die  Einsamkeit  und  das  Abendessen  und  Trinken  zusammen- 
nimmt.  Ja  jedes  Wort  der  wunderbaren  Gesellschaft  getrau*  ich  mir  aus  den  30 
Betrachtungen  herzuleiten,  die  ich  nachmittags  iiber  die  Zukunft  angestellt; 
und  selber  die  drei  Akteurs  (wie  anfangs  in  der  griechischen  Tragodie) 
scheinen  nur  Sonne  und  Konterfeie  der  Charaktere  zu  sein,  denen  ich  im 
Aufsatz  fur  dieses  Werkchen  meine  sakularischen  Betrachtungen  soufflieren 
wollen.  Der  Schwedenkopf  ist  eine  offenbare  Reminiszenz  des  wilden 
Jagers,  der  jetzt  aus  dem  jungen  burschikosen  Jena  ausreitet  und  dessen 
Jagdpersonale,  Wildzeug,  Hift homer,  Hundekoppel  und  Weidwerk,  am 
Tageslicht  besehen,  auf  ein  Mandel  mausender  Eulen  hinauslaufen.  -  Man- 
ches  ist  aus  den  Gemalden  meines  Zimmers  zu  erklaren,  z.  B.  aus  Da  Vinci  s 
Christus  im  Tempel.  4o 


DIE  WUNDERBARE  GESELLSCHAFT  TN  DER  NEUJAHRSNACHT       II37 

Jahrmiliionen,  die  der  Jungling  vorubergefiihrt;  und  selber  die 
Lebendigen  schienen  mir,  wie  die  wunderbare  Gesellschaft,  sich 
jetzt  leichter  zu  entfarben  und  aufzulosen.  Die  frische  Sonne, 
dacht'  ich,  wird  morgen  (wie  in  ein  altes  Menschenherz)  in  das 
Gebeinhaus  des  alten  Jahrhunderts  scheinen  auf  zerschlagne  Sta- 
tuen,  Torsos,  Aschenkriige  und  Ruinen;  und  sie  wird  ein  neues 
heriiberbringen,  das  die  Erde  mit  dem  Interdikt  belegt,  das  die 
Altare  entkleidet,  die  Reliquien  vergrabt  und  die  Heiligenbilder 
mit  Disteln  bedeckt  und  die  Tempel  verschlieBet.  Aber  sie  tu'  es 

10  dennl  Ein  triibes  Jahrhundert  ist  in  der  langen  Jahrszeit  der  Erde 
nur  ein  fliegender  Maifrost,  eine  Sonnenfinsternis;  o  wie  viele 
und  Stiirme  dazu  sind  schon  bei  Friihlingsanfang  dagewesen !  - 
Aber  das  bessere  Herz  bleibe  sich  nur  treu  und  verstumme  nicht 
vor  der  tauben  Zeit.  Am  Nordpol  versteinert  (nach  demMarchen) 
der  Winter  den  Strom  der  Musik,  aber  in  den  Fruhlingsluften 
flieBen  die  aufgelosten  Tone  wieder  laut  dahin:  so  wird  manches 
warme  Wort  erstarren,  und  die  heiligen  Laute  wird  niemand 
horen;  aber  sprecht  sie  aus,  es  kommt  die  mildere  Zeit,  und  dann 
klinget  die  Aolsharfe  aus  der  rauhen  neu. 

20  Weich,  aber  gestillt  stand  ich  mit  Hermina  am  Fenster  vor  dem 
zauberisch  wie  ein  Fruhlingshimmel  auf  die  winterliche  scharfe 
Erdennacht  erhaben  herunterleuchtenden  Sternengewolbe,  und 
wir  feierten  sanft  die  ernste  Stunde.  Der  Mond  schwamm  einsam 
in  einem  weiten  reinen  Blau,  gleichsam  das  groBe  Auge  auf  dem 
Ringe  der  Jungfrau,  und  weit  von  seiner  Lilienglocke  waren  die 
Maienblumchen  kleiner  Sterne  gesaet.»0  wie  gut  ist  es,Hermina,« 
(sagt*  ich,  als  ich  ihre  von  der  Reise  sanft  nachgluhenden  Wangen 
ansah)  »daB  du  vorhin  nicht  unter  den  Gestalten  erschienest,  die 
neben  mir  blaB  wurden  -  es  hatte  mich  zu  sehr  ergriffen.«  -  »Du 

30  hast  ihr  Gesicht  nicht  gesehen,«  sagte  sie,  »vielleicht  war  ich  die 
kniende  Gestalt  mit  dem  Schleier»«  -  »Das  verhiite  Gott,«  (sagt' 
ich)  »denn  die  Verschleierte  saB  mit  auf  dem  Toten-SchifT,  das 
durch  den  Himmel  flog  -  Ruhre  mich  heute  nicht  sehr  -  ich  bin 
ganz  aufgeloset,  und  noch  immer  schieBen  mir  weifie  Gesichter 
auf,  und  es  tonet  mir  noch  von  weitem  her.«  Da  ging  die  Gute, 
gleichsam  um  das  Tonen  zu  uberstimmen,  an  das  Klavier  und 


1 138  DAS  HEIMLICH*.  KLAGUED 

sang  ihr  liebstes  Abendlied,  mit  den  betenden  Augen  an  den  Ster- 
nen  liegend ;  und  unter  den  heiligen  Tonen,  die  unser  Herz  ver- 
jiingten  und  es  wieder  in  seinen  ewigen  Friihling  trugen,  loseten 
sanft  und  kaum  bemerkt  die  Jahrhunderte  einander  ab. 


ANHANG 


Anmerkungen 


Leben  des  Quintus  Fixlein 

Der  Plan  zu  einer  kleinen,  idyllischen  Erzahlung,  die  ganz  »in  der  Groschen- 
galerie  und  auf  dem  Parterre«  spielen  sollte,  taucht  schon  wahrend  der  Ar- 
beit am  »Hesperus«  auf  (vgl.  den  Brief  an  Christian  Otto  vom  24.  Juli  1793)- 
Er  wird  dann,  kaum  daR  der  umfangreiche  Roman  abgeschlossen  ist,  so- 
gleich  energisch  in  AngrifT  genommen.  Nach  den  Angaben  im  sogenannten 
»Vaterblatt«,  in  dem  Jean  Paul  iiber  seine  Werke  Buch  zu  fiihren  pflegte,  zog 
sich  die  Niederschrift  mit  den  vorbereitenden  Arbeiten  vom  Juli  1 794  bis  zum 
Mai  des  darauffolgenden  Jahres  hin.  Nur  das  »Billett  an  meine  Freunde«, 
das  vom  29.  Juni  1795  datiert  ist,  und  das  am  2.  Juli  geschriebene  »Post- 
skript«  sind  spater  noch  angefiigt  worden.  Da  Jean  Pauls  alter  Verleger 
Carl  Matzdorff  in  Berlin  nicht  gleich  auf  des  Dichters  Verlagsangebot  ein- 
ging,  wandte  sich  dteser  an  den  Bayreuther  Buchhandler  Liibeck,  der  das 
Werkchen  zu  Ende  des  Jahres  1795,  jedoch  mit  der  Jahreszahl  1796  heraus- 
brachte.  —  Fur  die  zweite  Auf  lage,  die  schnell  naherzuriicken  schien,  schrieb 
Jean  Paul  im  Herbst  1796  eine  langere  »Geschichte  meiner  Vorrede  zur 
zweiten  Auflage  des  Quintus  Fixlein«,  die  noch  im  gleichen  Jahr,  da  sich 
der  Termin  fur  den  Neudruck  verzogerte,  gesondert  erschien.  Die  lange 
vorbereitete  Neuauflage  des  "Quintus  Fixlein«  kam  schlieBlich  erst  1800, 
mit  dem  Titelvermerk  1801,  heraus.  Von  den  zahlreichen  geplanten  Ver- 
anderungen  und  Erweiterungen  hat  Jean  Paul  darin  fast  nichts  ausgeftihrt: 
neben  geringfiigigen  stilistischen  Korrekturen  machte  er  nur  ein  paar  kleine 
Einschube  im  Text  der  Idylle,  vorwiegend  in  den  ersten  Zettelkasten.  So- 
weit  diese  Erweiterungen  von  Belang  sind,  werden  sie  in  den  Anmerkungen 
jeweils  angezeigt.  -  Fur  die  Gesamtausgabe  letzter  Hand  konnte  Jean  Paul 
nur  noch  die  »Geschichte  meiner  Vorrede«  durchsehen  und  nach  den  eigen- 
willigen  Grundsatzen  seiner  letzten  Zeit  korrigieren.  Ungeachtet  der  stili- 
stischen Divergenzen,  die  dadurch  innerhalb  des  Werkes  entstehen,  haben 
wir  uns  gegen  die  Kritische  Ausgabe,  die  nur  die  eigentlichen  Wort- 
veranderungen  in  ihren  Text  ubernimmt,  hier  auch  in  der  Orthographie 
dem  letzten  vom  Dichter  bestimmten  Wortlaut  angeschlossen,  haben 
also  auch  seine  umstrittene  Tilgung  des  Genitiv-S  nicht  riickgangig  ge- 
macht. 

Titel:  Unter  dem  Mufiteil  versteht  man  in  der  alter  en  Jurisprudenz  eigent- 
lich  die  Halfte  der  bei  Erbteilung  vorgefundenen  Speisevorrate,  welche  der 
Witwe  des  Erblassers  zuf alien,  Jus  de  tablette  sind  »Fleischbriihwurfel«. 


1 142  ANMERKUNGEN 

S.  9,8  Gratlal;  Dankgeschenk.  —  8  don  gratuit:  freiwillige  Abgabe,  in 
vielen  Teilen  Frankreichs  jedoch  als  Pffichtsteuer  eingefuhrt. 

S.  10,33  John  Howard  (1726-90):  engl.  Philanthrop,  der  sein  Lebenswerk 
den  hygienischen  Verbesserungen  im  Gefangnis-  und  Hospitalwesen  wid- 
mete  und  zu  diesem  Zweck  ausgedehnte  Reisen  unternahm.  Sein  Bericht: 
»The  State  of  the  Prisons  in  England  and  Wales;  and  an  Account  of  Some 
Foreign  Prisons"  (1777,  dt.  1780)  erregte  ungeheures  Aufsehen. 

S.  n,6  Hundsgrotten:  Anspielung  auf  die  sog.  »grotta  del  cane«  bei 
Neapel.  Diese  Hohle  war  durch  ihre  unerklarliche  Luftleere  seit  dem  Alter- 
tum  sehr  beruhmt:  man  warf  ursprunglich  Sklaven,  sparer  Hunde  in  die 
Grotte,  die  nach  wenigen  Augenblicken  erstickten.  Die  Kenntnis  dieser 
Geschichte  verdankt  J.  P.  vermutlich  J.  J.  Volkmanns  »Historisch-kritischen 
Nachrichten  von  Italien«  (3  Bde.,  zuerst  Leipzig  1770—71,  zitiert  nach  der 
Neuauflage  1795),  Bd.  3,  S.  2446*"..  —  30  mikroskopische  Betustigungen:  wohl 
von  J.  P.  frei  gebildet  in  Anlehnung  an  eine  damals  verbreitete  Titelmode 
bei  wissenschaftlichen  Werken,  vgl.  etwa  u.  zu  S.  265,6".  —  31  Brunnenbe- 
tustigungen:  Name  von  Heilquellenbuchern.  Am  bekanntesten  die  franz. 
Schrift:  »Les  amusements  des  eaux  de  Spaa«,  von  der  vermutlich  die  deut- 
schen  Bezeichnungen  abgeleitet  sind. 

S.  12,  .2  Plutos  Quinterne  und  Aus^uge:  Bei  der  alteren  Lotterie  benannte 
man  die  Gewinne  ansteigend  nach  der  Zahl  der  richtig  getroffenen  Los- 
nummern:  Auszug,  Ambe,  Terne,  Quaterne  und  Quinterne,  den  eigent- 
lichen  Haupttreffer.  Dabei  verwechselt  J.  P.,  wie  meistens,  Pluto,  den  Gott  ' 
der  Unterwelt  mit  Plutos,  dem  Gott  des  Reichtums,  den  er  hier  offenbar 
vor  Augen  hat.  —  18  %u  Hause  {u  bleiben:  Die  Originalausgaben  setzen 
vermutlich  fehlerhaft:  »zu  Hause  bleiben«.  -  2  5  Georg  Philipp  Rugendas 
(1666-1742):  gefeierter  Schlachtenmaler  aus  Augsburg.  Er  benutzte  das 
Bombardement  von  Augsburg  (1703)  und  die  Schlacht  bei  Blenheim  (1704), 
urn  fur  seine  Darstellungen  Studien  nach  der  Natur  zu  machen.  —  26  Lu- 
dolph  Bakhuisen  (163 1— 1709):  Maler  und  Radierer  der  niederlandischen 
Schule.  Er  setzte  sich  in  einem  zerbrechlichen  Nachen  mehrfach  dem  sichern 
Untergang  aus,  um  die  Wirkung  eines  Seesturms  aus  der  Nahe  zu  erleben. 

S.  13,^  Schlacht- Marif eld:  Anspielung  auf  das  Pariser  Champ  de  Mars, 
den  Platz  vor  der  Militarakademie,  auf  dem  sich  viele  Greuelszenen  der 
Revolution  abspielten. 

S.  13,4  Kinderfreund:  Unter  diesem  Titel  gab  der  Dramatiker  Chr.  Felix 
WeiBe  (1 726-1 801)  in  den  Jahren  1775—82  eine  periodische  Schrift  fur 
Kinder  heraus. 

■  S.  16,5  Erasmus:  Er  berichtet  davon  selbst  in  dem  Geleitbrief  an  seinen 
Freund  Thomas  Morus,  den  er  seinem  kleinen  Werk  von  1 509  voranstellte.  — 
zo  Richard  Savage  (1697-1743):  engl.  Dichter.  Er  schrieb  Lehrge- 
dichte,  die  erwahnte  Tragodie:  »Sir  Thomas  Overbury«  (1724)  und  eine 
Anzahl  scharfer  Satiren.  Die  Anekdote  war  aus  Samuel  Johnsons  Biographie 
des  Dichters  in  den  »Lives  of  the  English  Poets«  (1744)  allgemein  bekannt.  - 


ANMERKUNGEN  1 143 

16  grofie  Tour:  Sie  fiihrte  damals  den  jungen  Mann  vornehmer  Abkunft 
durch  die  gebildeten  Lander  Europas.  Die  Erzahlung  ist  naturlich  fingiert, 
da  J.  P.  vor  der  Niederschrift  seines  ersten  Romans,  der  den  erwahnten 
Untertitel:  »Mumienu  tragt,  seine  Heimat  nie  weiter  als  zum  Studium  nach 
Leipzig  verlassen  hat.  J.  P.  spielt  vermutlich  auf  den  Aufsatz:  »Habermanns 
grofie  Tour«  an,  den  er  in  seiner  Sattrensammlung:  »Auswahl  aus  des 
Teufels  Papieren«  (1789)  zuerst  verorTentlicht  hatte. 

S.  17,22  nach  Rousseau:  Die  Behauptung  ist  Rousseaus  Preisschrift: 
»Discours  sur  l'inegalite  parmi  les  hommes«  (1754)  entnommen.  —  28 
papinianische  Kochmaschine :  ein  von  dem  franz.  Arzt  Dionys  Papin  1680 
konstruiertes  Gerat,  urn  Knochen  zu  erweichen  und  wieder  in  Gallert  zu 
verwandeln.  —  29  .Girtannerische  Respirationmaschine  :  eine  Maschine,  urn 
das  Atmen  in  Stickluft  zu  ermoglichen,  die  in  Deutschland  zuerst  von  dem 
Arzt  und  Historiker  Christoph  Girtanner  (s.  u.  zu  S.  237,36")  entwickelt 
wurde. 

S.  18,2  physisches:  So  die  Gesamtausgabe  letzter  Hand,  der  vor- 
ausgehende  Druck  der  »Geschichte  meiner  Vorrede«  setzte  »physi- 
kalisches«,  was  einen  besseren  Sinn  gibt.  Doch  scheint  es  sich  nach  S.  3 1  i,j  j, 
wo  »physisch«  in  der  gleichen  Bedeutung  verwendet  wird,  nicht  um  einen 
Druckfehler  zu  handeln.  Beide  Bedeutungen  werden  auch  sonst  im  18.  Jahrh. 
nicht  eindeutig  geschieden. 

S.  19, £  Tabor-Berg-Kette:  Der  Tabor  gilt  als  der  Ort  der  Verklarung 
Christi.  -  9  Fufitrltte  weggeflatterter  Engel:  Ein  bei  J.  P.  haufiger  Vergleich, 
der  vermutlich  auf  der  folgenden  Bemerkung  aus  J.  G.  KeyBlers  »Neueste 
Reisen  durch  Teutschland,  Bohmen,  die  Schweiz  und  Italien«  (Ausgabe  von 
1791,  Bd.  1,  S.  710)  beruht:  »Auf  einem  Stein  der  Kirche  [S.  Maria  in  Ara- 
coeli]  zeigt  man  die  eingedruckte  Fufistapfen  eines  Engels,  der  dem  h.  Gre- 
gorio  M.  erschienen  sein  soll.«  -  t5  Rabenstein:  Galgenberg.  -  17  Philips 
Wouvermans  (1619-68):  im  18.  Jahrh.  haung  kopierter,  holl.  Landschafts- 
und  Genremaler.  -  18  bowling-green:  Rasenplatz  in  engl.  Parkanlagen.  - 
19  Belagentngkrani  (corona  obsidionalis) :  wie  die  Mauerkrone  ein  Reif 
aus  Gold  oder  Metall,  der  bei  einer  erfolgreichen  Belagerung  dem  Ritter 
oder  Sdldner  iiberreicht  wurde,  der  als  erster  den  Wall  der  feindlichen  Stadt 
erstiegen  hatte.  -  29  Zwickstein;  verfugter  Keilstein.  -  29  Hen  von  Moser: 
s.  u.  zu  S.  83,  31.  —  34  theses  magistrates;  behordliche  Verordnungen. 

S.  20,7 pragmaticae  sanctiones:  allgemeine  Gesetze  zur  Landeswohlfahrt, 
besonders  die  Verordnung  Karl  VI.  aus  dem  Jahr  171 3,  durch  welche  er  die 
Erbfolge  in  Osterreich  regelte.  -  8  Vikariatkonklusum :  Entscheid  des  bi- 
schof  lichen  Obergerichts.  -9  kanig:  schimmlig.  -  1 7  Herr  Kunstrat  Fraisch- 
ddrfer:  Hier  macht  J.  P.  zum  erstenmal  die  Lesewelt  auf  seinen  entstehenden 
Kardinalroman  aufmerksam,  in  welchem  dem  Kunstrat  Fraischdorfer  ur- 
sprunglich  eine  gewichtige  Rolle  zugedacht  war.  In  der  endgiiltigen  Fassung 
des  »Titan«  trat  er  dann  jedoch  stark  in  den  Hintergrund.  -  18  Bamberg: 
Im  August  1796  stieOen  die  franz.  Revolutionstruppen  bis  in  die  Gegend 


1144  ANMERKUNGEN 

von  Bamberg  und  Niirnberg  vor,  wurden  aber  zu  Ende  des  Monats  bei 
Amberg  in  der  Oberpfalz  geschlagen  und  zuriickgeworfen.  —  z5  neue  all- 
gemeine  deutsche  bibliothekarische  Re%ensier-Faktorei:  Die  von  Christoph 
Fr.  Nicolai  (s.u.  zu  S.  280,26")  herausgegebene  Zeitung:  »Allgemeine  Deut- 
sche BibIiothek«  erschien  von  1765  bis  1792  und  wurde  dann  als»Neue  allge- 
meine  deutsche  Bibliothek«  fortgesetzt.  Sie  war  das  Hauptorgan  der  deut- 
schen  Aufklarung.  -  26  haarhaarisch,  scheerauisch  und  fiachsenfingisch: 
Haarhaar  ist  das  Fiirstentum  Albanos  im  »Titan«,  Scheerau  heiBt  die  Haupt- 
stadt  in  der  »Unsichtbaren  Loge«,  Flachsenfingen  die  Residenzstadt  im 
»Hesperus«  und  im  »Quintus  Fixlein«. 

S.  21,72  orbis  pictus :  So  nannte  Joh.  Amos  Comenius  (1592— 1670)  sein 
groBes  Lehrbuch  in  Bildern,  das  1658  erschien  und  bis  weit  ins  i8.Jahrh. 
verwendet  wurde.  Eine  der  Bildtafeln  stellte  menschliche  Gesichter  dar,  die 
aus  jeweils  fiinf  Punkten  zusammengesetzt  waren.  -  zy  viele  neue  Ziige 
von  Flxlein;  Das  ist  stark  iibertrieben,  vgl.  die  Eingangsbemerkung.  — 
28  Figurant:  Stumme  Person  auf  der  Biihne,  Biihnendouble.  -  28  curator 
absentis:  Sachwalter  oder  Vormund  in  Abwesenheit.  -  31  wie  die  Floren- 
tiner:  In  Florenz  wird  seit  1406  eine  vollstandige,  aus  dem  6.Jahrh.  stam- 
mende  Handschrift  der  Pandekten  aufbewahrt,  des  zweiten  Teils  des  unter 
Kaiser  Justinian  kodifizierten  rom.  Rechtes. 

S.  zz,4  Sanchuniathon:  phonizischer  Geschichtsschreiber,  der  um  1250 
v.Chr.  eine  Geschichte  der  Phonizier  geschrieben  haben  soil.  Von  ihr  hat 
sich  in  den  Werken  des  Eusebius  ein  Auszug  aus  einer  griechischen  Ober- 
setzung  teilweise  erhalten.  -  y  Bunhels  Leben:  Anspielung  auf  den  auf- 
klarerischen  Roman:  »The  Life  of  John  Buncle  Esq.«  (1756-66),  der  in 
der  Obersetzung  von  Pistorius  1778,  die  von  Nicolai  propagiert  worden 
war,  zwischen  Nicolai  und  Wieland  eine  heftige  Auseinandersetzung  aus- 
gelost  hatte.  —  8  pieces  dujourt  Gelegenheitsgedichte.  -  ;  2  Balthasar  Denner 
(1685— 1741):  einer  der  beliebtesten  Portratmaler  des  i8.Jahrh.  Er  war  dem 
breiten  Publikum  fast  nur  als  der  Verfer tiger  sorgfaltigst  ausgefuhrter 
Kopfe  von  alten  Weibern  und  Mannern  bekannt. 

S.  23,20  kritische  Briefs:  Aus  dem  hier  scherzhaft  angedeuteten  Plan 
ging  sparer  die  »VorschuIe  der  Asthetik«  hervor.  -  zy  Ries:  Papiermafi, 
das  je  20  Buch  oder  480  Bogen  umfafit. 

S.  24,7  Bambocchiade  (it.  Kinderspiel) :  So  nannten  die  Italiener  im 
niederlandischen  Stil  gemalte,  derbe  Genreszenen,  wie  sie  wahrend  des 
17.  Jahrh.  in  Rom  sehr  in  Mode  waren.  —  j5  das  Dorf  »die  drei  Bratwurste« 
genannt:  Gemeint  ist  nach  Berend  das  heutige  Friedmannsdorf  bei  Gefrees, 
»an  dessen  Stelle  friiher  ein  einzelnes  Wirtshauf:  >Zu  den  sieben  Wursten* 
gestanden  haben  soll.« 

S.  25,/  Huart:  Darunter  ist  der  span.  Arzt  Juan  de  Dios  Huarte  (geb. 
um  1 530)  zu  verstehen,  dessen  Abhandlung:  »Examen  de  ingenios  para  las 
ciencias«  (zuerst  1 578)  kuriose  Gedanken  iiber  die  Erzeugung  und  die  Bil- 
dung  von  Genies  enthielt.  Das  sehr  beriihmte  Buch  wurde  noch  1785  mit 


ANMERKUNGEN  1145 

Anmerkungen  von  J.  J.  Ebert  in  deutscher  Obersetzungneu  herausgegeben.  — 
y  Mitchbruder  Jupiters :  Jupiter  wurde  von  der  Ziege  Amalthea  gesaugt.  - 
8  weifen:  haspeln,  aufwickeln.  —  23  Plat^gold:  ein  Praparat  aus  Goldlack 
das  beim  Erwarmen  mit  Knallen  auffliegt.  -  29  George  Louis  Leclerc, 
Graf  von  Buffon  (1707-88):  franz.  Naturforscher,  verfafite  mit  Daubenton 
eine  umfangliche  »Naturgeschichte  der  Tiere«  (1749-83,  24  Bde.).  Seine 
beriihmte  "Histoire  naturelle,  generate  et  particuliere«  erschien  fast  gleich- 
zeitig  mit  38  Bdn.  in  Paris  1750-88.  —  34  wie  %wei  bekannte  Tiere:  Pferd 
und  Esel 

S.  26,29  der  Ausspruch  Schlegels:  Zur  Erklarung  verweist  Berend  auf 
ein  Fragment  des  jungen  Friedrich  Schlegel  iiber  Goethe,  das  als  Vorab- 
druck  aus  seiner  Schrift:  »DieGriechen  und  dieRomer«  (1797)  inReichardts 
Zeitschrift:  »Deutschland«  erschienen  war.  Vgl.  dort  das  2.  Stuck  (1796), 
S.  260:  »So  gefallt  er  sich  auch  zu  Zeiten  in  geringfugigem  Stoff,  der  hier 
und  da  so  dunne  und  gleichgiiltig  wird,  als  ginge  er  ernstlich  damit  urn  — 
wie  es  ein  leeres  Denken  ohne  Inhalt  gibt  -  ganz  reine  Gedichte  ohne  alien 
Stoff  hervorzubringen.  In  diesen  Werken  ist  der  Trieb  des  Schonen  gleich- 
sam  mufiigj  sie  sind  reines  Produkt  des  Darstellungstriebes  allein«. 

S.  27,  i  Schiller:  vgl.  den  22.  Brief  iiber  die  asthetische  Erziehung  des 
Menschen  in  den  »Horen«,  6.  Stck.  (1795),  S.  71  ff..  —  33  Anmerkurig:  Im 
ersten  Fall  Anspielung  auf  eine  von  der  stoischen  Lehre  abhangige  Grund- 
einstellung  im  Denken  Montaignes,  im  zweiten  Falle  ist  an  den  von  Nikolaus 
von  Kues  stammenden  Begriff  der  »docta  ignorantia«  zu  denken,  der  auch 
in  der  Philosophic  Pascals  eine  gewichtige  Rolle  spielt.  -  14  den  neuesten 
ausgenommen:  Der  Kunstrichter  ist  J.  P.  selbst. 

S.  28,  i  wie  der  Re^ensent  der  Literatur^eitung:  In  der  »Jenaischen  Allge- 
meinen  Literaturzeitung«  (1785 ff.)  hatte  Friedrich  Jacobs  iiber  die  ersten 
Romane  J.P.s  und  iiber  die  erste  Auflage  des  »Quintus  Fixlein«  positive 
Rezensionen  geschrieben.  -  4  konnen:  So  die  Ausgabe  letzter  Hand,  die  erste 
Auflage  hat  dafur  »konne«.  -  30  Ernst  Plainer  (1744  bis  1818):  Mediziner, 
Anthropologe  und  philosophischer  Schriftsteller,  lehrte  an  der  Leipziger 
Universitat.  Er  zog  durch  die  Vielfalt  seiner  philosophischen  Studien  und 
Gedanken  den  jungen  J.  P.  besonders  an  und  war  in  dessen  Leipziger  Uni- 
versitatsjahren  1781-84  sein  starkster  Anreger.  Die  Stelle  bezieht  sich  auf 
Platners  »Neue  Anthropologie«  (Leipzig  1790),  Bd.  1,  §  1074. 

S.  29,2  wie  Parrhasius:  Von  diesem  griechischen  Maler  berichtet  Seneca 
in  seinen  »Controversiae«  (II, 17),  er  habe  fur  die  Darstellung  des  gefes- 
selten  Prometheus  einen  Sklaven  zu  Tode  gefoltert,  urn  an  seinem  Sterben 
den  Ausdruck  des  Leidens  zu  studieren.  -  2  jener  Italiener:  Michelangelo. 
Das  seit  der  Renaissance  weit  verbreitete  Marchen,  Michelangelo  habe  fur 
eine  Darstellung  der  Kreuzigung  sein  Modell  zu  Tode  gefoltert,  kniipft 
offenbar  an  die  erstgenannte  Anekdote  an.  -  6  Polus:  Berend  zitiert  aus 
J.  P.s  Exzerpten:  »Der  griechische  Schauspieler  Polus  spielte  die  Elektra, 
die  ihren  Bruder  beweint,  gut,  da  er  eine  Urne  mit  seines  Sohnes  Asche 


I  I46  ANMERKUNGEN 

vor  sich  stellte.w  Die  Notiz  ist  der  »Theorie  der  schoneft  Kiinste«  (letzte 
Ausg.  1792-94,  4  Bde.)  des  Asthetikers  Joh.  Georg  Sulzer  (1720-79) 
entnommen,  Vgl.  dort  den  Art.  »Schauspieler«.  —  <>  der  Eustathius  Nero: 
Das  Metaphernspiel  ist  schwer  zu  erklaren.  Der  spatantike  Homer forscher 
Eustathius  von  Thessalonike  trug  einen  gewaltigen  Kommentar  zum 
Verstandnis  der  Werke  Homers  zusammen.  Das  Verbindungswort  zu 
»Nero«  scheint  »illustriert«  zu  sein,  und  man  wird  den  ganzen  Satz 
mit  Vorteil  so  umschreiben:  Wie  Eustathius  durch  seine  Erklarungen 
die  Darstellungen  des  Homer  illustrieren  wollte,  so  ,  versuchte  Nero 
durch  den  Brand  von  Rom  Virgils  Darstellung  des  untergehenden  Troja 
zu  illustrieren.  —  1 1  General  Or  low:  Fur  den  Maler  Philipp  Hackert,  der 
im  Auftrag  der  Kaiserin  Katharina  der  GroBen  die  Verbrennung  der 
turkischen  Flotte  durch  die  russische  im  Hafen  von  Tschesme  malen  sollte, 
KeB  der  General  Orlow  bei  Livorno  eine  russische  Fregatte  in  die  Luft 
sprengen.  —  1 2  Akademie:  hier  in  dem  alteren  Sinn  von  »Modell«,  wie  ver- 
schiedentlich  bei  J.  P.  Berend  fiihrt  an  anderer  Stelle  diese  Bedeutung  auf 
Elwerts  »Kleines  Kunstlerlexikon«  (1785)  zuriick.  Vgl.  dort  S.  VIII:  »Aka- 
demien  nennt  man  diejenige  nackende  oder  auch  bekleidete  Personen,  nach 
denen  die  Lehrlinge  in  einer  Zeichenschule  zeichnen«. 

S.  30,/  5  toricellische  Leere:  der  luftleere  Raum,  welcher  in  dem  von  dem 
it.  Mathematiker  Evangelista  Toricelli  (1608-47)  erfundenen  Barometer 
iiber  der  Quecksilbersaule  bleibt.  —  30  Tempe:  das  idyllische  Tal  des 
Penaios  zwischen  Ossa  und  Olymp. 

S.  31, 3  Eliaswagen:  der  jiidische  Prophet  EHas  wurde  von  Gott  in  einem 
Wagen  zum  Himmel  emporgeriickt.  Vgl.  2.  Kon.  2,11:  »>Und  da  sie  mit- 
einander  gingen  und  er  redete,  siehe,  da  kam  ein  feuriger  Wagen  mit  feuri- 
gen  Rossen  und  scheidete  sie  beide  voneinander;  und  Elia  fuhr  also  im 
Wetter  gen  Himmel. «  —  20  Ter\ie:  der  sechzigste  Teil  einer  Sekunde.  — 
26  nach  Montesquieu;  vgl.  dessen  »L'esprit  des  lois«,  XII, 24. 

S.  32,5  Peischwa:  svw.  Pascha.  -  12  Correggios-Nacht ;  Auf  dem  be- 
ruhmten  Bilde  der  »HeiIigen  Nacht«  des  Correggio,  das  sich  seit  1746  in 
der  Dresdner  Galerie  befindet,  geht  alle  Helligkeit  in  Strahlen  von  der 
Krippe  aus.  -  2y  Albrecht  v.  Haller  (1708-77):  »das  Wunder  seiner  Zeit«, 
Arzt,  Naturforscher,  Politiker  und  Dichter.  Sein  med.  Hauptwerk:  »Ele- 
menta  physiologiae  corporis  humani«  (1759-66,  dt.  8  Bde.  1762-66)  iibte 
auf  den  jungen  J.  P.  ungemeinen  EinfluB  aus.  -  j5  herrnhutisches  Ehe-Lose- 
liehen  der  Madchen;  In  der  Briidergemeine  entschied  urspriinglich  das  Los, 
welches  Madchen  wen  zum  Manne  nehmen  durfte,  damit  korperliche  und 
sinnliche  Anreizungen  in  der  Gattenwahl  ausgeschaltet  wiirden.  -  36  An- 
merkung:  Die  falsche  Quellenangabe  ist  erst  ein  Zusatz  der  Ausgabe  letzter 
Hand,  der  vermutlich  nicht  von  J.  P.  stammt.  Der  Gerichtshalter  Weyer- 
mann  tritt  nicht  im  »Siebenkas«,  sondern  im  »Satirischen  Appendix^  der 
»Biographischen  Belustigungen«  auf,  vgl.  o.  S.  363  fT. 

S.  33, n   Benvenuto  Garofalo  (1481-1559):  it.  Maler  aus  der  Schule 


ANMERKUNGEN  1 147 

des  RafFael.  Das  erwahnte  Bi!d  befindet  sich  ebenfalls  in  der  Dresdener 
Galerie. 

S.  34,  z  #  tausenJsckneidige  Oubliette  .'J.  P.  denkt  an  die  oft  mit  zahlreichen 
Eisenspitzen  gespickten  Fallgruben  fur  heimliche  Hinrichtungen.  —  3  off. 
Anmerkung:  Der  ev.  Theologe  J  oh.  Timotheus  Hermes  (1738-1821),  be- 
kannt  durch  seine  Romane :  »MiB  Fanny  Wilkes«  (2  Bde.  1 766)  und  »Sophiens 
Reise  von  Memel  nach  Sachsen«  ( 1 5  Bde.  1769-73)  trat  haufigund  entschieden 
fur  eine  hohere  Bildung  der  Frau  ein  (»Fiir  Tochter  edler  Herkunft«  1787). 
Auch  der  Sprachforscher  und  Padagoge  Joachim  Heinr.  Campe  (1746-1818) 
bemiihte  sich  um  eine  Verbesserung  des  Erziehungswesens  fur  Madchen. 
J.  P.  behandelte  das  Problem  spater  im  4.  Bruchstiick  der  »Levana«. 

S.  35,2^  braunschweigische  Mumme:  ein  starkes  Bier. 

S,  36, 14  spartische  Skytale:  ein  geheimer  Brief  zwischen  dem  spartani- 
schen  Ephoren  (s.  u.  zu  S.  468,5)  und  dessen  Feldherrn.  Beide  hatten  einen 
Stab  von  gleicher  Form,  und  nur,  wenn  der  abgeschickte  Brief  vom  Emp- 
f anger  auf  den  entsprechenden  Stab  aufgewickelt  wurde,  war  die  Botschaft 
lesbar. 

S.  37,24  Hermessaule:  Solche  Saulen  wurden  im  alten  Griechenland  ent- 
lang  den  StraBen  aufgestellt,  damit  Hermes  als  der  Gott  der  Wege  die 
Reisenden  beschiitze. 

S.  45,/  Der  Tod  elnes  Engels;  Die  kiirzere  und  sehr  anders  geartete  Fas- 
sung  dieser  Erzahlung  aus  dem  »Deutschen  Museum«  sei  hier  zum  Vergleich 
beigegeben,  da  die  Erzahlung  eine  der  friihesten  Proben  von  J.P.s  dich- 
terischer  Prosa  darstellt: 

Was  der  Tod  ist. 
Der  Engel  Raziel,  der  den  enterbten  und  gesunknen  Adam  trostete,  war 
oft  beim  Tode  der  armen  Menschen  und  trug  zuweilen  die  abgeriBne  kalte 
Frucht  in  einen  hohern  warmern  Garten :  darum  sehnte  er  sich,  einmal  selbst 
den  menschlichen  Tod  zu  fuhlen,  Ein  Kreis  von  freundschaftlichen  Engeln 
versprach,  ihn  nach  dem  Augenblick  des  Todes  mit  ihrem  Lichthimmel 
zu  umringen,  damit  er  wiiBte,  daO  es  der  Tod  gewesen. 

Er  schlug  wie  ein  elektrischer  Strahl  sich  in  den  Leichnam  eines  ungluck- 
lichen  unbekannten  Rechtschaffenen,  dessen  Untergang  gewesen  war  nicht 
wie  der  der  Sonne,  die  sich  prachtig  vor  dem  Angesicht  der  wachenden 
Natur  ins  Meer  wirft,  dafi  rote  Wellen  am  Horizonte  hinaufschlagen,  son- 
dern  wie  der  Untergang  des  Mondes,  der  still  um  Mitternacht  hinter  einem 
falben  Gewolke  versinkt;  und  er  fullte  das  welke  und  mude  Gehirn  des 
Armen  mit  einem  belebenden  Feuer;  aber  niemand  merkte,  daB  nun  aus 
dem  Korper  nicht  der  RechtscharTene,  sondern  ein  Engel  handle.  Jetzt 
flogen  seine  Gedanken  nimmer,  sondern  wateten  durch  die  Atmosphare  des 
Gehirns;  und  eine  schwiile  Luft  driickte  ihn,*  die  Gegenstande  legten  fur  ihn 
die  herbstliche  verflieBende  Duftgestah  ab  und  stachen  auf  ihn  mit  einbren- 
nenden  Farben;  er  empfand  alles  dunkler,  aber  stiirmischer  und  eingreifen- 
der;  der  Hunger  riB  an  ihm,  der  Durst  brannte  an  ihm;  -  ist  das  der  Tod 


II48  ANMERKUNGEN 

der  Menschen?  sagte  er.  Da  er  aber  keine  Engel  und  keinen  umflammenden 
Lichthimmel  sah:  so  merkte  er  wohl,  daB  das  bloB  das.Leben  derselben  sei. 

Abends  lagen  seine  Phantasienbildernicht  mehrimSonnenschein,  sondern 
in  einem  dampfenden  Feuer,  und  Bilder  vom  Tage  rollten  lebendig  und  wie 
Gespenster  vor  ihn,  und  eine  unsinnige  unbandige  Sinnenwelt  stieg  vor 
seinen  Gedanken  auf,  und  auf  seinem  Haupte  lag  ihm  (so  kamen  ihm  die 
Vorboten  des  Schlafes  vor)  ein  quetschender  Erdball,  bis  endlich  hinter 
dem  dicken  Leichenschleier  des  Schlafes  sich  der  den  Himmel  nachaffende 
Traum  mit  einem  zaubernden  Kusse  urn  ihn  klammerte:  da  rannen  (schiens 
ihm)  die  Erde  und  sein  Korper  von  ihm  ab  und  der  verlassene  Lichthimmel 
mit  seinen  Engeln  strahlte  ihn  an.  »Das  war  denn  der  Tod,  da  ich  mich 
niederlegte«,  sagte  er  im  Traum:  aber  da  er  wieder  mit  seinem  eingeklemm- 
ten  Menschenherz  aufwachte  und  die  Erde  noch  erblickte,  so  sagte  er :  das 
ist  doch  nicht  der  Tod,  sondern  bloB  der  Schlaf  und  der  Traum  des  Men- 
schen, ob  ich  gleich  den  Lichthimmel  und  Engel  gesehen. 

Der  verstorbne  Rechtschaffene  hatte  doch  einen  Freund,  wo  ran  ich 
oben  nicht  dachte,  da  ich  ihn  ungliicklich  nannte:  aber  der  Freund  wuBte 
nicht,  daB  den  Korper  seines  entwichnen  Freundes  bloB  ein  Engel  beseele. 
Der  Engel  liebte  ihn  mit  freund schaftlicher  Eifersucht  und  Iabte  sich  mit 
dem  Augenblick,  wo  er  diesem  einmal  sagen  konnte,  er  hatte  in  einem 
Korper  zwei  Freunde  geliebt.  Du  dusteres  Menschenherz  von  Erde,  sagte 
er,  wie  konnt*  in  dir  das  atherische  Gewachs  der  Freundschaft  aufgehen 
und  dich  mit  seinen  heiligen  Wurzeln  umschlingen  und  auf  dir  mit  einem 
Blumenkelche  prangen,  in  dem  der  niedergefallne  Himmel  mit  seinen 
Reizen  wohnt.  Der  Engel  wiinschte,  der  Freund  stiirbe  mit  ihm  in  den  - 
Himmel :  aber  er  starb  fruher.  Als  nun  die  harte  nackte  Statue  ohne  den  ein- 
wohnenden  Gott  umlag  und  der  Tod  durch  das  versteinerte  Antlitz  heraus- 
sah  und  starrte  und  mit  der  kalten' gelben  Hand  den  Lebendigen  anfaBte 
-  als  dem  Engel  schmerzhaftes  Sehnen  nach  dem  Freunde  und  trauriges 
Blut  das  Herz  auseinanderdruckte,  und  zuletzt  das  schwellende  Auge  in 
eine  brennende  Trane  zerriB;  so  dacht*  er,  er  flosse  mit  der  Trane  weg 
und  stiirbe  so;  allein  es  umfing  ihn  kein  Lichthimmel,  und  er  seufzete,  daB 
das  der  Tod  noch  nicht  sei,  sondern  nur  der  Schmerz  iiber  einen  fremden 
Tod. 

Der  Korper  des  Rechtschaffenen  Iegte  ihn  auf  alle  die  Dornen,  in  die  die 
hohern  Stande  mit  vereinten  Druck  den  niedrigen  tiefer  eintreten  und  ein- 
riitteln;  die  Krallen  vornehmer  Wappentiere  sah  er  am  wehrlosen  Raube 
hacken  und  pfliicken,  und  diesen  horte  er  vergeblich  stohnen.  Da  durch- 
schoB  der  Stich  des  menschlichen  Hasses  zum  ersten  Male  sein  englisches 
Herz:  denn  sicher  netzet  und  schwarzt  dasLaster  mit  Gift  die  Spitze  dieses 
Pfeils.  Er  fuhlte  eine  innere  Verwiistung  und  Zerreiflung  und  sagte:  der 
menschliche  Tod  tut  wehe.  Aber  er  sah  keine  Engel :  doch  begriff  er  nicht, 
warum  das  Laster  nicht  den  Geist  zernage  und  ermorde. 

Allein  da  er  einmal  in  einer  Abendstunde  las  die  Beispiele  der  mensch- 


ANMERKUNGEN  1 149 

lichen  Tugend,  wie  der  Mensch  unter  dem  Anbellen  seiner  eignen  Bediirf- 
nisse,  unter  tiefen  Wolken  und  hinter  lauter  Nebeln  auf  dem  einschneiden- 
den  Lebensweg,  doch  mipdem  Blick  auf  die  Sonne  am  hochsten  Himmel 
auf  die  Pflicht,  fur  El  tern,  fur  Kinder,  fiir  Freunde,  fur  Burger  gebende 
und  fuhrende  und  helfende  Arme  ausstrecke,  nun  nichts  bei  sich  als  die 
HofFnung  trage,  gleich  der  Sonne  in  der  altenWelt  unterzugehen,umwieder 
in  der  neuen  aufzugehen:  so  schlug  seine  Entziickungsflamme  liber  das 
geborgte  irdische  Gebaude  hinaus,  die  miirben  Bande  des  Korpers  gingen 
auseinander  und  der  tiefste,  aber  voruberftiegende  Schlummer  deckte  vor 
ihm  den  Lichthimmel  und  die  Engel  auf,  deren  Strahlenstrom  ihm  iiber 
den  umgefallnen  irdischen  Damm  entgegenwallte.  »Bist  du  wieder  da,  du 
spielenderTraum?«sagte  er:  aber  sein  verstorbner  Freund  umschlang  Ihn, 
unter  dem  Lacheln  des  Himmels,  mit  dem  begeisterten  KuB  und  sagte: 
Das  war  der  Tod,  du  Erd-  und  Himmelsfreund !  J.P.F.Hasus. 

S.  5o,j  melne  Pfiegesckwester  Philippine:  Sie  tritt  als  die  Schwester  des 
Autors  bereits  in  der  »Unsichtbaren  Loge«  auf,  die  fingierte  Erhebung 
J.P.s  zum  Sohn  des  Fiirsten  von  Flachsenfingen  am  Ende  des  »Hesperus« 
machte  es  dann  notig,  sie  in  eine  Pflegeschwester  zu  verwandeln.  —  6  Joujou 
(de  Normandie) :  »Rollradchen«,  ein  zur  Zeit  der  franz.  Revolution  in  Mode 
gekommenes  Ballspiel. 

S.  52, 26  weifier  Obelisk:  Berend  vermutet  hier  eine  Erinnerung  J.P.s 
an  eine  Pyramide  auf  dem  Weg  von  Morges  nach  Lausanne,  »die  dort  zum 
Andenken  der  Begegnung  einer  Grafin  von  Brionne  aus  dem  Hause  Loth- 
ringen  mit  ihrer  Tochter,  Prinzessin  von  Cardignan,  errichtet  war.«  J.  P. 
hatte  sich  eine  diesbezugliche  Notiz  in  seinen  Exzerpten  gemacht. 

S.  53,*  6"  sensitive  (mimosa  pudica):  strauchartiges  Gewachs  aus  West- 
indien,  das  durch  eine  hohe  Reizbarkeit  seiner  Blatter  ausgezeichnet  ist. 

S.  65, 1  Zettelkasten:  s.  o.  S.  83,^7  und  die  Anmerkung.  - 

S.  &l->36  Pfeiffers  critica  sacra:  August  Pfeiffer  (1640-98)  war  ein  bedeu- 
tender  Orientalist  und  Bibelexeget,  dessen  Abhandlung  »Critica  sacra«  noch 
1773  in  neuer  Ausgabe  erschien  und  auf  Hochschulen  gern  benutzt  wurde. 

S.  68,5  Rhi{ophagen:  Wurzelnfresser.  -  9  Murki  (Murmelstiick) :  kleines 
Tonstiick  fiir  Klavier  oder  Orgel  mit  einer  gleichformigen,  aber  lebhaften 
Bewegung  der  Basse.  -  21  nach  Lessing:  vgl.  Hamburgische  Dramaturgic, 
36.  St. 

S.  69,77  Achilles-Schild:  Auf  ihm  stellte  Hephaisth  nach  Homers  Bericht 
(Ilias  XVIII,  478  ff.)  Menschen,  Tiere,  Stadte,  die  Erde  und  das  Meer,  die 
,  Sonne  und  alle  Gestirne  dar. 

S.  71, 24  der  hochstselige  Kdnig:  Friedrich  der  Grofle.  -  28  casa  santa: 
Das  Geburtshaus  der  Maria  wurde  der  Sage  nach  1295  von  Engeln  nach 
Loreto  in  Italien  gebracht.  Dort  wird  es  noch  heute  in  einem  gewaltigen 
Dom  verehrt.  -  35  bureau  d* esprit:  Versammlung  von  Schongeistern.  So 
nannte  man  im  iB.Jahrh.  erst  spottisch,  spater  lobend  die  Salons,  die  durch 
Madame  de  Tencin  in  Mode  gekommen  waren. 


1 150  ANMERKUNGEN 

S.  72, 1 4  Hippohrene :  die  Musenquelle  auf  dem  Helikon,  dem  Berg  Apollo 
in  Arkadien,  die  jeden,  der  aus  ihr  trank,  dazu  zwang,  in  Versen  zu  sprechen.  — 
2  j  Petrus  Rebuffus:  Der  Titel  des  seltenen  Buches  lautet  vollstandig: 
»De  scholasticorum,  bibliopolarum  atque  caeterorum  universitatum  om- 
nium ministrorum  juratorumque  privilegiis«,  Paris  1540.  Die  Kenntnis 
dieses  Buches  verdankte  J.  P.  dem  »Akademischen  Roman«  (1690)  von 
Eberhard  Werner  Happel  (1647-90),  den  der  Dichter  Ende  1794  gelesen 
hatte. 

S.  75,34  Archimedes:  Der  beruhmte  griechische  Naturwissenschaftler 
soil  wahrend  der  Belagerung  von  Syrakus  unter  anderem  auch  eine  Ma- 
schine  errichtet  haben,  mit  deren  Hilfe  man  ohne  Kraftanstrengung  ganze 
Schiffe  zu  heben  vermochte. 

S.  74,  .7  wiejuden  am  Zahlen  sterben:  vgl.  2.  Sam.  24.  —  10  wie  der  betende 
Ignatius  Loyola :  Von  ihm  berichtet  die  Legend e,  daB  er  wahrend  des  Ge- 
betes  mehrfach  iiber  den  Bo  den  schwebend  erhoben  wurde.  —  1 1  wie  die 
gestrafte  Juno:  vgl.  Ilias  XV,i8fT. 

S.  75,2/  Latrie .- Verehrung,  eigtl.  Heiligenverehrung.—  24 jus compascui: 
Triftgerechtigkeit,  eine  freiwillige  Erlaubnis,  den  Weidegrund  mitzu- 
benutzen.  -  28  Meusels  gelehrtes  Deutschland:  Der  Publizist  Joh. 
Georg  Meusel  (1743— 1820)  setzte  Hambergers  vielbandiges  Sammelwerk; 
"Gelehrtes  Deutschland  oder  Lexikon  der  jetzt  lebenden  deutschen  Schrift- 
steller«  in  drift  er  Auflage  fort  und  erganzte  es  spater  durch  ein  umfang- 
reiches  »Verzeichnis  der  1 750-1 800  verstorbenen  deutschen  Schriftsteller«. 

S.  76,23  Joh.  Heinr.  Lambert  (1728-77):  Mathematiker  und  Astronom, 
cler  die  letzten  zwolf  Jahre  seines  Lebens  am  Berliner  Hof  zubrachte. 

S-  77,13  keine  Karl Genofeva  Louise  Auguste  Timothee Eon  vonBeaumont: 
Der  als  Chevalier  d*Eon  bekannte  franz.  Diplomat  Charles  de  Beaumont 
(1728-18 10)  gait  zu  Lebzeiten,  aber  auch  noch  nach  seinem  Tod,  fur  ein 
Zwitterwesen. 

S*  79, 9  Fettpolster:  Da  fur  setzt  die  erste  Auflage  »BettepoIster«,  was 
eben falls  einen  ertraglichen  Sinn  ergibt.    . 

S.  So,3z~3&  Fixleins  Zeitungsbettel:  Einschub  der  zweiten  Auflage. 

S.  81,  .27  Masorethen:  altjiidische  Gesetzeslehrer,  die  eine  Sammlung  von 
kritischen  und  erklarenden  Anmerkungen  zur  Bibel  verfaBten,  die  sog. 
»Masorah«,  um  die  Heilige  Schrift  vor  Verfalschungen  zu  bewahren. 

S.  82,2 1  Karl  Ferd.  Hommel  (1722-81):  verdienstlicher  Rechtsgelehrter, 
dessen  »Rhapsodia  quaestionum  in  foro  quotidie  obvenientium  usw.«  (1765) 
ihren  Verfasser  lange  in  Ansehen  erhielt.  Gedacht  ist  vermutlich  an  seine  . 
beiden  »Continuationes«  (1761  und  1769)  zu  Beyers  »Notitia  auctorum 
juridicorum«.  Die  nachfolgende  Liste,  die  bekannte  und  unbekannte  Namen 
bunt  durcheinanderwurfelt,  ist  zum  grofien  Teil  aus  Flogels  »Geschichte 
der  komischen  Literatur«  (4  Bde.  1784;  vgl.  dort  Bd.  1,  S.  247-259)  gezogen 
und  erinnert  stark  an  die  ahnlichen  Digressionen  bei  Sterne.  Vgl.  etwa 
Tristram  Shandy  11,20. 


ANMERKUNGEN  1 1  5  I 

S.  83, 31  Joh.  Jakob  v.  Moser  (1701-85):  bedeutender  Staatsrechtsge- 
lehrter  und  Patriot.  J.  P.  bezieht  sich  hier  auf  Mosers  »Lebensgeschichte  von 
ihm  selbst  erzahlt«  (3  Bde.  1777),  §68. 

S.  85,5  wie  der  Graf  St.  Germain:  Unter  diesem  Namen  verbarg  sich  ein 
bertihmter,  vermutlich  span.  Abenteurer  des  i8.Jahrh.  Er  besaB  angeblich 
die  Kunst,  Diamanten  zu  machen,  wuBte  die  Zukunft  und  gebrauchte  ein 
Lebenselixier,  dem  er  seine  ewige  Jugend  verdanken  wollte.  Er  starb  gegen 
1790  in  Eckernforde.  Ober  seine  Gepflogenheiten  und  seine  Lebensweise 
kursierten  die  seltsamsten  Geriichte,  die  mit  einiger  Systematik  in  den 
anonymen  »Nachrichten  vom  Grafen  von  St.  Germain«  1780  gesammelt 
wurden.  —  30  offi{inell:  arzneilich,  heilsam. 

S.  87,  z.9  Alexander:  Ihm  wird  schon  in  der  antiken  Oberlieferung  der 
Ausspruch  zugeschrieben,  auch  er  sei  nur  ein  Mensch,  wie  man  an  seinem 
Schlaf,  seiner  Wollust  und  seinem  Stuhlgang  bemerken  konne.  Vgl.  Rabe- 
lais' »Gargantua  und  Pantagruel«  IV,6o,  wo  der  Satz  allerdings  richtiger 
dem  Antigonus  von  Mazedonien  beigelegt  wird.  —  1 9  Joh.  Salomon  Semler 
(1725-91):  vielbandiger,  ev.  Theologe  und  Professor  in  Halle.  In  seinen 
Exzerpten  hatte  sich  J.  P.  aus  K.  Ph.  Moritz'  »Magazin  der  Erfahrungsseelen- 
kunde«  (n  Tie.  1783-93;  vgl.  dort  Bd.  2,  1.  St.,  S.  11  iff.)  die  Notiz  ver- 
merkt:  "Semler  stellt  10  bis  17  schlechte  Biicher  auf  den  Abtritt,  die  er  darauf 
(des  Tags  3mat)lieset.«  —  20  Haf en  der  Flaumwogen:  Beide  Ausgaben  setzen 
dafur  »des  Pflaumwogen«,  die  Kritische  Ausgabe  verbessert,  analog  zu 
S.  105,  z  1 :  »Flaum-Weiher«,  in  >»Flaumwogen«,  behalt  aber  den  Singular  bei 
mit  dem  Hinweis,  daC  vielleicht  die  alte  Form  »Wog«  in  der  Bedeutung 
»Weiher«  zugrunde  liegt,  die  allerdings  seit  dem  16.  Jahrh.  fast  ausgestorben 
und  bei  J.  P.  sonst  nicht  belegt  ist. 

S.  88>£-2/  Schilderung  des  Herbstes:  Einschub  der  zweiten  Auflage.  - 
25  Daniel  Georg  Morhof  ^(1639-91) :  deutscher  Wissenschaftler  und  Dich- 
ter.  Sein  umfangreiches  Sammelwerk:  »Polyhistor«  (1 688-1707  in  end- 
giiltiger  Gestalt)  hat  J.  P.  haufig  zum  Exzerpieren  benutzt.  In  den  Original- 
ausgaben  J.P.s  wird  der  u.  Z.  28  erwahnte  Gelehrte  Fortius  stets  in  »For- 
tins«  verschrieben.  -  3G  Muse  a  belles  fesses:  analog  zu  » Venus  a  belles 
fesses«  gebildet.  »Venus  mit  den  schonen  Hinterbacken«  Iautete  die  franz. 
Obersetzung  des  griechischen  Beinamens  »kallipygos«.  So  hieB  auch  eine 
beruhmte  Plastik  des  Praxiteles,  die  in  mehreren  Repliken  erhalten  ist. 

S.  89,-24  g.G.:  geKebts  Gott! 

S.  90,  z  1  Spiefiglas  (oder  SpieBglanz) :  das  Antimon-Metall,  das  sich  in 
Antimon-Bluten  auflost.  -  1 9  blasonieren:  (in  der  Heraldik)  die  Wappen 
kiinstlich  mit  Gold  ausmalen.  -20  Mun^probation:  Miinzprufung.  -  32  J. 
J.  Rousseau:  vgl.  das  5.  Kap.  in  Rousseaus  Spatwerk  "Reveries  d'un  pro- 
meneur  solitaire«  von  1782. 

S.  91,2.5  Baumannshohle:  beruhmte  Tropfsteinhohle  im  Harz,  die  1670 
von  einem  Bergarbeher  namens  Baumann  entdeckt  wurde. 

S.  92,/  2  Hesperidenfriichte:  Nach  der  griechischen  Sage  bewachen  die 


1 1  52  ANMERKUNGEN 

Hesperiden  in  einem  Garten  jenseits  des  Weltmeeres  die  goldenen  Apfel 
des  Lebens. 

S.  93, 19  Agioteur:  Borsenspekulant. 

S.  94,^  narrische  Philosopken:  vgl.  Gullivers  Reisen,  3.  Tl.,  5.  Kap.  — 
30  der  seraphische  —  der  unwiderleglicke  —  der  scharfsinnige  :  Bonaventura 
trug  den  Beinamen  eines  "Doctor  seraphkus«,  Alexander  von  Hales  den 
eines  "Doctor  irrefregabilis«  und  Duns  Scotus  den  eines  »Doctor  subtilis«. 

S.  95, yf.  nach  Tristram  und  Wahher  Shandy:  vgl.  Tristram  Shandy  IX,I3 
und  1,19.  -  8  Lavater:  s.  o.  zu  S.  i$6>28.  —  31  Rolfinken:  Dazu  fuhrt 
Berend  folgende  Stelle  aus  Jochers  "Allgemeinem  Gelehrtenlexikon«  an, 
die  sich  auf  den  Jenaer  Medizinprofessor  Werner  Rolfinck  (1599— 1673) 
bezieht:  »Weil  er  fleiBig  aufstellte,  um  Cadavera  zur  Anatomie  zu  bekom- 
men,  so  baten  sich  die  Malefikanten  insgemein  aus,  daB  sie  nicht  mochten 
gerolfinckt  werden.«  —  32  Prosektor:  Gehilfe  des  Anatomen,  der  die  Leichen 
zur  Sektion  vorbereitet.  —  32  Augustin:  Er  fuhrte  in  seinem  "Enchiridion** 
alle  Siinden  auf  das  Essen  der  verbotenen  Frucht  im  Paradies  zuriick.  — 
34jener  in  einen  Kirschkern  Gesichter:  Nach  S.  6$2y2iff.  befand  sich  in  der 
Preziosensammlung,  die  im  griinen  Gewolbe  des  Dresdener  Zwingers  auf- 
bewahrt  wurde,  ein  Kirschkern,  in  den  ein  Unbekannter  85  Gesichter  ein- 
geschnitten  hatte. 

S.  96,^  nach  Popes  Verse:  vgl.  Alexander  Popes  (1668- 1744)  Lehrge- 
dicht:  "Moral  Essays«,III,  127:  »The  crown  of  Poland,  venal  twice  an  age.«— 
8  Weifiescher  Kinderfreund :  s.  o.  zu  S.  13,4.  —  24  Bewindheber  (holl.  be- 
windhebber):  Vorsteher  der  holl.  Handelskompagnie.  -  33  Reverberier- 
laternen:  groBe  StraBenlaternen,  bei  denen  das  Licht  von  einem  glanzenden 
Metall  reflektiert  und  verstarkt  wird. 

S.  97, 1  aus  Voltaire:  Zu  dieser  Stelle  gibt  Berend  folgende  Anmerkung: 
"Voltaire  spricht  in  einem  Brief  an  die  Marquise  von  Deffand  vom  1.  Nov. 
1769  von  einem  Genfer  Prediger,  der  sich  mit  45  Jahren  getotet  habe; 
>c'etait  une  maladie  de  famille:  son  grand-pere,  son  pere  et  son  frere  lui 
avaient  tous  donne*  cet  exemple*  (Oeuvres  de  Voltaire,  66.  Bd.,  Paris  1833, 
S.  79)  DaB  der  Selbstmord  immer  im  gleichen  Alter  erfolgt  sei,  ist  daraus 
nicht  zu  entnehmen.« 

S.  <)&,24ff.  adeliger  Triumphwagen :  Bei  den  Triumphziigen  der  rom.  Im- 
peratoren  stand  auf  dem  rliicksitz  des  Triumphwagens  ein  Sklave,  der  dem 
siegreichen  Feldherrn  standig  zurufen  muBte:  »Bedenke,  daB  du  ein  Mensch 
bist !« 

S.  1 00, 13  Zainhammer  (auch  Zahnhammer):  Werkzeug  der  Steinhauer. 

S.  101 ,36  ein  junger  Phbnix:  Der  Vogel  Phonix  in  der  Sage  verbrennt  sich 
alle  hundert  Jahre  selbst  und  ersteht  aus  der  Asche  zu  neuem  Leben. 

S.  1 02, 3  wie  die  Fran^osen:  Nach  der  Revolution  wurde  in  Frank-. 
reich  bekanntlich  ein  neuer  Kalender  eingefuhrt,  der  vom  22.  September 
1792  datierte.  -  8  Pontak:  herber  franz.  Rotwein  aus  der  Gegend  von 
Medoc. 


ANMERKUNGEN  II53 

S.  106,/  3  wie  Lessing  behauptet:  in  seiner  kleinen,  theologischen  Streit- 
schrift:  »Eine  Duplik«  von  1778,  im  1.  Stuck  -  27  Rdndelmaschine :  Mit  ihr 
wird  an  den  Miinzen  der  gezackte  Rand  ausgepragt. 

S.  107, 1  Teickdocke:  der  Deichzapfen,  um  das  Wasser  abzulassen.  - 
8  dieser  \weite  September:  Am  2.  September  1792  fanden  in  Frankreich  die 
beriichtigten  Septembermorde  statt. 

S.  108, 3 1  Inkarnat:  die  rotliche  Fleischfarbe  in  der  Malerei. 

S.  109,22  in  die  Stube:  So  verbessert  bereits  die  erste  Reimersche  Ge- 
samtausgabe.  Die  Kritische  Ausgabe  behalt  »in  der  Stube«  bei,  da  es  nicht 
ganz  erwiesen  scheint,  ob  es  sich  bei  dieser  Form  in  den  beiden  Original- 
ausgaben  wirklich  um  einen  Druckfehler  handelt. 

S.  111,1  Pansterkette:  die  Kette  an  den  Wasserradern  einer  Miihle. 

S.  ii2,j5  Joh.  Nepomuk  Hunciovsky  (1752-98):  Anatom  und  Professor 
an  der  Wiener  Mtlitarakademie,  fur  die  er  durch  seine  enorme  padagogische 
Begabung  zahlreiche  Schuler  heranbildete. 

S.  1 19,  z  3  Potosi:  eine  durch  unermeBliche  Silbervorkommen  ausgezetch- 
nete  Provinz-in  dem  span.  Vizekonigtum  Rio  de  la  Plata.  —  2 1  Palingenesie  : 
Wiedergeburt.  —  30  Halbscheid:  svw.  Halfte. 

S.  120,22  vidimieren:  amtlich  beglaubigen. 

S.  122,2  Joh.  Jak.  Schmaufi  (1690-1737):  Rechtsgelehrter,  gab  in  zwei 
groBen  Sammlungen  1722  das  "Corpus  juris  ctvilis  germanici«  und  1730 
das  "Corpus  juris  gentium«  heraus.  -  30  torquieren:  erpressen,  auf  die 
Streckfolter  legen. 

S.  123,7  Engels  verlorner  Sohn:  J.  P.  hat  hier  J.  J.  Engels  (1741-1802) 
seichtes  Lustspiel:  »Der  dankbare  Sohn«  von  1770  im  Auge.  -  26  Con- 
ringius  de  antiquitatibus  academicis;  Das  angefuhrte  Werk  des  Polyhistors 
Hermann  Conring  (1606-81)  erschien  zuerst  165 1  und  wurde  noch  1739 
neu  aufgelegt.  J.  P.  verdankte  das  Zitat  vermutlich  gleichfalls  Happels 
"Akademischem  Roman«.  —  34  Flachsenfinger  Fiirst:  vgl.  das  »Letzte"  Ka- 
pitel«  im  »Hesperus«.  Die  Anordnung  bezieht  sich  auf  die  Zeit  der  Nieder- 
schrift  des  »Quintus  Fixlein«,  denn  der  Roman,  den  J.  P.  fast  stets  wie  hier 
mit  seinem  Untertitel  zitiert,  war  aber  inzwischen  naturlich  vor  der  Idylle 
erschienen. 

S,  124,5  testimonium  paupertatis ;  Armutszeugnis.  —  34  aus  Lange:  Hein- 
rich  Arnold  Langes  »GeistHches  Recht  der  ev.-luth.  Landesherren  und  ihrer 
Untertanen«,  1786  aus  dem  NachlaC  des  Kirchenrechtlers  herausgegeben, 
war  lange  das  angesehenste  Handbuch  seiner  Art. 

S.  125,5  ihr  ein  Goldstuck  auf  die  Ehe  gegeben:  vgl.  o.  S.  116,  z  off.  — 1  z  a 
latere-Legatin:  Einen  Nuntius  a  oder  de  latere  nennt  man  einen  bevoll- 
machtigten  Gesandten  des  Papstes. 

S.  1 26, 5  wie  der  dumme  Manutius:  Gemeint  ist  Paulus  Manutius  (151 2-73), 
der  Sohn  des  venezianischen  Verlegers  Aldus  Manutius.  Seine  in  vielen 
Jahren  entstandene  Sammlung:  »Epistolae  et  praefationes«  (1564)  gewann 
europaische  Beruhmtheit.  Die  Notiz  aus  Pietro  Scioppio  (1547— 1600)  zog 


I  154  ANMERKUNGEN 

J.  P.  seinesteils  vermutlich  wieder  aus  Pierre  Bayles  (1647-1706)  beruhm- 
tem  »Dictionnaire  historique  et  critique**  (zuerst  1695-97). 

S.  127,2  Passionsknochen:  Die  Knorpel  am  Kopf  des  Hechtes  sollen  nach 
dem  Volksglauben  den  Marterwerkzeugen  Christi  gleichen.—  2  undjBeset^- 
und1  Streckteich :  Teiche  zum  Aussetzen  und  zur  Aufzucht  der  Fischbrut.  — 
z  3  Timoleon  Ct"337  v.  Chr.  in  Syrakus):  griech.  Feldherr  aus  Korinth.  Sein 
Geburtstag  wurde  nach  Plutarch  (Tim.  47)  von  ganz  Sizilien  feierlich  be- 
gangen,  weil  er  die  meisten  Siege  an  diesem  Tag  erfochten  hatte.  —  1 6  sem- 
per frei  (urspr. :  sendbar  freQ :  des  hochsten  Grades  von  Freiheit  teilhaftig.  - 
23  Allodium:  das  Privatvermogen  furstlicher  Familien,  auch  der  lehens- 
freie  Besitz  eines  Gutsherrn.  —  2  3  Schatull-Geld:  die  Ertrage  eines  Gutes, 
welche  der  kbniglichen  Schatulle  zuflieBen.  —  28  Petermannchen:  eine  dem 
WeiBpfennig  ahnliche  Art  von  Scheidemunze  mit  sehr  geringem  Wert. 

S.  129,14  Donatschnitier :  grober  SprachverstoB  gegen  die  Elementar- 
regeln  der  Grammatik,  genannt  nach  Aelius  Donatus,  einem  bekannten 
rora.  Sprachlehrer  des  4.Jahrh.  —  iS  Kontuma^hduser ;  Quarantanehauser 
fiir  Pestkranke.  -  29  ff.  Einladungsschrtft :  Hier  parodiert  J.  P.  nach  Berend 
»bis  in  den  Wortlaut  hinein  ein  bei  gleicher  Gelegenhek  verfafltes  Pro- 
gramm  des  biedern  Konrektors  Rennebaum«,  das  »0ber  die  Wichtigkeit 
der  Schulautoren«  handelte.  So  entspricht  etwa  die  Aufzahlungder  Redner 
ziemlich  genau  der  Vorlage.  -  33  Veit  Ludwig  v.  Seckendorff  (1626-92): 
Historiker  undTheologe.  Aus  seinem  NachlaB  erschien  1692  ein  »Commen- 
tarius  historicus  et  apologeticus  de  Lutheranismo«  (3  Bde.). 

S.  1 30,  29  wahrscheinlichen:  Bezug  unklar,  erg.  vielleicht  »Verdienste«. 

S.  132,7  Burchardt  Grofimann:  Das  vielgesungene  Lied  aus  GroBmanns 
Sammlung:  »Angst  der  Hellen  und  Friede  der  Seelen«  von  1623  beginnt 
richtig:  »Brich  an,  du  lieber  Morgen!«.  -  i5  Augarten:  ein  unter  Ferdi- 
nand III.,  errichteter  und  unter  Joseph  II.  im  englischen  Stil  umgestalteter 
und  dem  orTentlichen  Besuch  zuganglich  gemachter  Lustgarten  infWien.  - 
22  Kennikottischer  Varianten-Almosensammler :  Der  engl.  Theologe  Ben- 
jamin Kennicott  (1718-83)  veranstaltete  mit  einer  groBen  Schar  von  Mit- 
arbeitern  in  den  Jahren  1776-80  eine  Ausgabe  des  A.T.  mit  den  Varianten. 
Doch  gelang  es  ihm  nicht,  die  gesuchte  Urgestalt  des  Textes  iiberzeugend 
herzustellen,  so  daB  er  viel  Tadel,  Ablehnung  und  Spott  erfahren  muBte. 

S.  i34,j2#  Joachim  Heinr.  Campe:  s.  o.  zu  S.  33,joJf.  Er  bemuhte  sich 
als  Sprachforscher  um  eine  durchgreifende  Bereinigung  der  deutschen 
Sprache  von  Fremdwortern  und  geriet  dabei  in  vielen  Fallen  an  die  Grenze 
des  Lacherlichen  und  Abgeschmackten.  Spater  hat  jedoch  J.  P.  in  der  »Vor- 
schule  der  Asthetik«  §84  auch  die  Verdienste  Campes  gelten  lassen. 

S.  136,22  vomissement  de  la  reine:  wohl  ahnlich  wie  »caca  du  Dauphin** 
gebildet,  eine  Farbbezeichnung  fiir  ein  dunkles  Braun. 

S.  137,4  Neue  allgemeine  deutsche  Bibliothek:  s.  o.  zu  S.  20,25. 

S.  139,2  Bakel:  Schulstock.  -  3  Neperische  Stabe:  Rechenstabe.  -  4  vier 
Species;  die  vier  Grundrechnungsarten  in  der  Arithmetik. 


ANMERKUNGEN  1 1  55 

S.  140,70  regula  falsi:  »Regel  des  Falschen«  (erg.  Ansatzpunktes).  Rech- 
nungsverfahren  zum  Losen  von  Gleichungen.  Man  setzt  eine  ungenaue 
(»falsche«)  Losung  und  kommt  durch  schrittweises  Verbessern  des  Fehlers 
zum  richtigen  Ergebnis.  —  24  homiletisch:  kanzelrednerisch. 

S.  141,19  Quaterne:  s.  o.  zu  S.  12,2.  -  21  Quinterne:  s.  o.  zu  S.  12,2. 

S.  142,6"  vierfache  Erinnerung:  Die  erste  gilt  dem  verstorbenen  Senior 
Astmann.  -  23  Ring  der  Ewigkeit:  s.  u.  zu  S.  177,2$.  -  31  Braut-  oder 
Kammerwagen:  Wagen,  auf  dem  das  Hochzeitsgut  dem  Brautigam  ins 
Haus  gebracht  wird. 

S.  143, 4  Wagen  deiner  Psyche:  Dem  Bild  liegt  die  bekannte  Darstellung 
der  Psyche  aus  Platos  »Phaidros«  zugrunde,  die  J.  P.  hier  wie  an  andern 
Stellen  abgewandelt  nachbildet. 

S.  144, 1  sLagerhaume;  Gestelle  zum  Aufbewahren  von  Bier  oder  Wein.  - 
2$  der  Ritter  Michaelis:  Darunter  ist  der  als  Orientalist  damals  weltbe- 
riihmte  ev.  Theologe  J  oh.  David  Michaelis  (1717-91)  zu  verstehn. 

S.  145,7-2  Senftische  Gebriider:  eine  kleine  Verlagsbuchhandlung,  die 
einen  alljahrlich  erscheinenden  Kalender  mit  schlechten  Kupfern  und  Ka- 
lendervorhersagen  (Kalender- Praktika)  herausbrachte. 

S.  146,5  iwei  gewundene  Horner  star  re  ten  iwischen  einer  steifen  Trompete: 
Der  Satz  ist  jedenfalls  in  Unordnung,  ohne  daB  eine  Sinnverkehrung  diese 
Verwirrung  verbessern  konnte.  Verstandlicher  ware:  »Eine  Trompete  zwi- 
schen  zwei  Hornern«,  wie  es  Berend  vorschlagt,  doch  widerspricht  dieser 
Verbesserung  der  Nachsatz:  »wie  Fragezeichen  zwischen  Ausrufungszei- 
chen.w  —  28  diefiihrende  Feuer-Saule:  vgl.  2.  Mose  i3,2off. 

S.  155,77  Trokar:  anatomisches  Instrument,  urn  durch  den  Einstich 
Fliissigkeiten  aus  dem  Korper  zu  ziehen. 

S.  156,70  revenant:  eigtl.  Erscheinung,  Gespenst.  —  70  ichnographisch: 
durch  den  Scherenschnitt.  —  20  Louvre:  hier  allgemein: »SchloB«.  —  24  An- 
ton Friedr.  Busching  (1724-93):  Begriinder  der  neueren  Geographic  Seine 
»Neue  Erdbeschreibung«,  1754  begonnen,  war  noch  bei  seinem  Tode  un- 
vollendet.  Ein  ahnlicher  Scherz  findet  sich  im  1 1.  Sektor  der  »Unsichtbaren 
Loge«  und  geht  dort  wieder  auf  den  Romancier  J.  K.  A.  Musaus  (1735-87) 
zuriick.  Vgl.  das  4.  Heftlein  in  Musaus'  »Physiognomischen  Reisen«  (1778 
bis  79).  —  31  Lukasiettel:  s.  u.  zu  S.  441,5. 

S.  157,77  Wintergeschichte  der  vier  russischen  Matrosen  auf  Nova  Zembla: 
Dazu  merkt  Berend  an:  »Gemeint  ist  jedenfalls  die  in  der  >Histoire  des 
Naufrages<  von  I.  L.  H.  S.  Deperthes  (Paris  1790)  erzahlte  Geschichte  des 
russ.  Matrosen  Alexis  Himkof  und  seiner  drei  Kameraden,  die  1743  an  ^er 
Ostkiiste  von  Spitzbergen  ausgesetzt  wurden  und  sechs  Jahre  dort  aushar- 
ren  muBten.«  -  22  Stadtchronik  von  Flachsenfingen  :  Vermutlich  ist  die  Hofer 
Stadtchronik  des  Enoch  Widmann  gemeint. 

S.  158,20  Ktapperstein:  dient  in  der  Volksmedizin  als  Amulett  fur  eine 
gliickliche  Geburt.  -  23  Giuseppe  Gorani  (1744-1819):  it.  Diplomat  und 
Schriftsteller.   Die  Anekdote   entnahm   J.  P.   vermutlich   seinem   Werk: 


1 156  ANMERKUNGEN 

"Memoirs  secrets  et  critiques  des  Cours,  des  Gouvernements  et  des  Moeurs 
des  principaux  etats  d'ltalie"  (3  Bde.  1793),  das  schon  1794  in  zwei  deutschen 
.  Obertragungen  erschienen  war. 

S.  161, 2y  Hundsposttag :  s.  o  S.  123, 34  und  die  Anmerkung. 

S.  162, 19  Evangelium  vom  guten  Hirten:  Das  Gleichnis  bei  Joh.  10,12-16 
dient  als  Evangelientext  fur  den  Sonntag  »Misericordias  Domini",  der  1794 
auf  den  4.  Mai  fiel.  —  33  Klosterpro^efi :  Das  Ordensgeliibde. 

S.  163,20  Abernetky;  Berend  verweist  als  Quelle  auf  den  »Gottinger 
Taschenkalender  fur  1795",  S.  121. 

S.  166,12  Legestachel:  Legerohre  bei  manchen  Insekten,  durch  die  sie 
ihre  Eier  legen.  —  18  Schliefiquadratchen :  bei  den  Buchdruckern  der  vierte 
Teil  eines  Quadrates,  mit  dem  man  die  Zeilen  ausschlieCt. 

S.  167, 3  Kammeriieler :  seit  1548  Steuer  fur  das  Reichskammergericht 
in  Wetzlar. 

S.  169,^0  Kammerkerrnschliissel:  Zu  den  Abzeichen  der  Wiirde  eines 
Kammerherm  gehorten  neben  den  drei  sog.  Kammerherrnknopfen  auch 
der  Schliissel  und  der  Stab. 

S.  170,/ 9  Christi  Statue  in  Rom:  Gemeint  ist  die  Statue  des  auferstandenen 
Christus  in  S.Maria  sopra  Minerva.  —  24  das  griechische  Feuer:  bereits  im 
Altertum  bekanntes  Kriegsmittel,  das  im  Seekampf  gern  verwendet  wurde, 
da  dieses  Feuer  auch  durch  die  Beriihrung  mit  dem  Wasser  nicht  geloscht 
wird. 

S.  171,  z  j  Nutritor:  wie  Kurator  Bezeichnung  fur  ein  hohes  akademisches 
Amt. 

S.  174,31  Fischhamen:  Fischreuse. 

S.  175,  u  nurnbergische  Konvertitenbibliothek ;  sicher  Anspielung  auf  eine 
Erbauungsschrift  der  Zeit.  Doch  war  es  nicht  moglich  ein  Buch  dieses  Titels 
ausfindig  zu  machen.  -  /  6  Palais  Royal:  das  von  Richelieu  errichtete  Stadt- 
schloB,  das  spater  den  Herzogen  von  Orleans  als  Residenz  diente.  Das  Ori- 
ginal der  erwahnten  Uhr,  von  dem  sich  auch  im  Ludwigsburger  SchloB 
eine  Nachbildung  erhalten  hat,  befand  sich  in  Versailles.  -  30  physiogno- 
mische  Reisen:  Anspielung  auf  den  o.  zu  S.  156,24  erwahnten  Roman  von 
Musaus. 

S.  176,22  als  der  hdfyerne  Taufengel  niedergeflogen :  altertiimlicher,  heute 
fast  nur  noch  in  Italien  iiblicher  Kirchenbrauch. 

S.  i77y28  Schlange  der  Ewigkeit:  Als  Quelle  fiir  dieses  bei  J. P.  haufig 
wiederkehrende  Bild  diente  vermutlich  die  Stelle  aus  Herders  Aufsatz: 
»Persepolis.  Eine  MutmaBung«,  der  1787  in  der  3.  Sammlung  der  »Zerstreu- 
ten  Blatter«  erschienen  war:  »Er  [der  Ring]  ist  bei  alien  morgenlandischen 
Nationen  das  Bild  der  Zeit  oder  Ewigkeit,  zu  deren  Symbol  man  nichts  als 
den  Zirkel,  Ring,  Reif  oder  eine  in  sich  zuriickkehrende  Schlange  oder 
endlich  die  Kugel  wuftte.« 

S.  179,5  ihn:  mundartlich  bedingte  Verwendung  des  Akkusativs  fiir  den 
zu  erwartenden  Dativ. 


ANMERKUNGEN  1 1  57 

S.  181,34  Herman  Boerhaave  (1668-1738):  bedeutender  Arzt  und  Ana- 
tom,  der  Lehrer  August  v.  Hallers  in  Leyden.  Er  gilt  als  Begrunder  der 
modernen  Physiologic 

S.  1 82,  j  j  Fallhut:  Ihn  setzte  man  ldeinen  Kindern  auf,  damit  sie  sich 
beim  Hinfallen  nicht  verletzten.  —  29  sich  harten:  Imperfekt  von  »sich 
haren«,  die  Haare  verlieren. 

S.  183,-2.9  wie  Hishias  Sonnenuhr:  Um  dem  Konig  Hiskia  ein  Zeichen  zu 
geben,  HeB  Jesaias  die  Sonnenuhr  im  Palast  zehn  Stufen  zuriicklaufen,  vgl. 
2.  Kon.  20. 

S.  184,25  Hommelsche  Plapperei:  s.  o.  zu  S.  82,2/.  —  28  Meftprasente: 
Sie  wurden  bei  einem  erfolgreichen  AbschluB  der  Messe  verteilt. 

S.  185, zj7  Domitian:  vgl.  Sueton,  Dom.  3. 

S.  i86,25  Joh.  Kaspar  Lavater  (1741— 1801):  ev.  Theologe,  Erbauungs- 
schriftsteller,  Begrunder  der  Physiognomic  Er  veroflentlichte  1774  ein 
kleines  Bandchen:  »Vermischte  Gedanken;  Manuskript  fiir  Freunde;  her- 
ausgegeben  von  einem  unbekannten  Freund  des  Verfassers.« 

S.  187,27  apokalyptischer  Drachen:  vgl.  Apokal.  12,46°. 

S.  188,2  Horai:  Er  fordert  in  seiner  Epistel:  »de  arte  poetica«  (v.  388-89): 
>monumque  prematur  in  annum  /  membranis  intus  positis.«  (Neun  Jahre 
halte  es  unsichtbar  und  laB  die  Handschrift  eingeschlossen  ruhen.)  — 
10  Konfekttischchen:  vgl.  J.  G.  KeyBIers  »Neueste  Reisen  durch  Teutsch- 
land  .  .  .  die  Schweiz,  Italien  und  Lothringen«,  (Ausgabe  von  1740),  Bd.  2, 
S.  1421. 

S.  195,2  natilrliche  Magie:  Anspielung  auf  den  Titel  des  beriihmten 
Werkes:  »Joh.  Nikolaus  Martius*  Unterricht  in  der  nattirlichen  Magie  . . . 
umgearbeitet  von  Joh.  Chr.  Wiegleb«  von  1779.  Das  Buch  wurde  bis  1805 
in  zweiter  Auflage  als  ein  riesiges  Korpus  von  20  Bdn.  ediert.  -  ijsensorium 
commune:  Gehirnzentrum,  in  dem  alle  Sinneswahrnehmungen  zusammen- 
treffen.  -  i5  Claude  Adrien  Helvetius  (1715-71):  franz.  Philosoph,  erklarte 
sich  in  seinem  Hauptwerk:  »De  resprit«  (i7$8)4entschieden  und  radikal  fiir 
einen  hedonistisch  gefarbten  Sensualismus  und  griindete  darauf  wesentlich  sein 
philosophisches  System.  -  27  Musivmalerei:  Darstellung  in  Mosaikmanier. 

S.  196,^2  bekanntes:  Die  erste  Auflage  setzt  dafur  einleuchtender  »un- 
bekanntes«,  vielleicht  ist  das  »un-«  in  der  zweiten  Auflage  nur  versehentlich 
ausgefallen. 

S.  197,-;  Isolatorium:  Gerat  bei  elektrischen  Versuchen,  um  den  Rapport 
(die  Beriihrung)  des  Mediums  mit  dem  Boden  zu  verhindern. 

S.  198, 2#  La^arus-Orderi:  s.  o.  zu  S.  220,36.  —  29  Gays  Bettleroper :  John 
Gay  (1685-1732),  engl.  Lyriker  und  Essayist,  schrieb  1728  die  Parodie: 
»The  Beggars  Opera«,  die  einer  der  groCten  Theatererfolge  in  England 
wurde. 

S.  199,5  Gefinerische  Idyllen-Ideale:  Der  Schweizer  Kupferstecher  und 
Dichter  Salomon  Gefiner  (1730-88)  bildete  mit  seinen  »ldyllen«  (1756^) 
zuerst  die  literarische  Kunstform  der  Idylle  aus. 


II 58  ANMERKUNGEN 

S.  200, 2 3  Pappelinsel:  kleine  versteckte  Insel  im  Park  von  Ermenon- 
ville  bei  Soissons.  Auf  ihr  wurde  Rousseau  nach  seinem  Tode  bei- 
gesetzt.  -  36  Anmerkung:  Das  Zitat  aus  den  »Mumien«  ist  dem 
20.  Sektor  der  »Unsichtbaren  Loge«  entnommen  (vgl.  Bd.  1  unserer 
Ausgabe  S.  174^-)- 

S.  201,2  Kant:  vgl.  Kritik  der  Urteilskraft  §  26 :  »Erhaben  ist  also  die  Natur 
in  derjenigen  ihrer  Erscheinungen,  deren  Anschauung  die  Idee  ihrer  Unend- 
lichkeit  bei  sich  fuhrt.«  -  23  Herkules-Sdulen  (columnae  Herculis):  nach 
antiker  Auffassung  verschiedene  Erderhebungen  an  den  Endpunkten  der 
Welt,  die  Herkules  dort  auf  seinen  Wanderungen  errichtet  hatte.  Im  beson- 
deren  verstand  man  darunter  die  beiden  Gebirgsziige  an  der  Meerenge  von 
Gibraltar. 

S.  202,  i  wie  schon  Herder  bemerkt:  vgl.  Zerstreute  Blatter,  1.  Sammlung 
1785,  S.  236f. 

S.  203,.9  Suiter:  vgl.  seine  »Allgemeine  Theorie  der  schonen  Kunste«, 
Art.:  »Ahnlichkeit«.  -  19  kuri  das  Idealische:  Dazu  verweist  Berend  auf  die 
folgende  Stelle  in  Kants  »Kritik  der  Urteilskraft«  §51 :  »Wie  aber  bildende 
Kunst  zur  Gebardung  in  einer  Sprache  . . .  gezahlt  werden  konne,  wird 
dadurch  gerechtfertigt,  dafl  der  Geist  des  Kiinstlers  durch  diese  Gestalten 
von  dem,  was  und  wie  er  gedacht  hat,  einen  korperlichen  Ausdruck  gibt 
und  die  Sache  selbst  gleichsam  mimisch  sprechen  macht:  ein  sehr  gewohn- 
liches  Spiel  unserer  Phantasie,  welches  leblosen  Dingen  ihrer  Form  gemaB 
einen  Geist  unterlegt,  der  aus  ihnen  spricht.« 

S.  204, 1 3  ein  gebildeter  Apollos-  und  ein  gemalter  Jokanneskopf:  J.  P.  denkt 
dabei  an  den  Kopf  des  Apoll  von  Belvedere  und  an  Leonardos  Spatbild  des 
Johannes  des  Taufers  im  Louvre.  —  ly  Tithon:  nach  der  zuerst  in  den 
homerischen  Hymnen  IV,2i8ff.  angedeuteten  Sage. 

S.  206, 1  o  commixtio  undconfusio:  Vermischung  und  Verschmelzung  gal- 
ten  in  der  proculejanischen  Rechtsschule  im  alten  Rom  als  legale  Erwerbs- 
moglichkeiten  {modi  adquirendi),  Beide  Termina  fanden  Eingang  in  das 
Corpus  juris  des  Justinian.  -  14  accessorium:  Beiwerk,  Beigabe.  -  26 
mutschierungsweise :  teilungsweise.  Mutschierung  nennt  man  in  der  alteren 
Rechtssprache  die  vertragliche  Teilung  des  Besitzes  und  des  Genusses  von 
Stammschlossern.  -  26  Jupiter:  vgl.  IHas  XXIV,$27f. 

S.  207,5  das  grofite  Ungliick:  Ein  Kirchhofsbesuch  an  BuBtagen  bringt 
nach  dem  Aberglauben  Unheil.  -  23  Exordium:  Eingang  bei  Predigten. 

S.  209, 3 3  memento  mori-Orden:  die  Kartauser.  —  36  Beerdigung  der 
magna  charta :  Als  Quelle  verweist  Berend  auf  das  von  J.  P.  auch  sonst 
haufig  benutzte  Buch  von  J.  Archenholz:  ^England  und  Italien«  (1785), 
r.  TL,  S.  461. 

S.  210,2  der  alte  Publicist  Reichsherkommen:  J.  P.  notierte  sich  in  seinen 
Exzerpten  aus  Bielfelds  »Staatsrecht«  III  die  Anekdote:  »Ein  franz.  Schrift- 
steller  hielt  das  Reichsherkommen,  auf  das  man  sich  in  offentlichen  Urkun- 
den  immer  beruft,  fur  einen  groBen  Gelehrten  im  Staatsrechte,  der  Herr 


ANMERKUNGEN  1 1  59 

Herkommen  hieBe  usw.«  -  Der  Name  findet  sich  auch  im  i.Heft  der  er- 
wahnten  »Physiognomischen  Reisen«  von  Musaus  (vgl.  dort  S.  46  der 
2.  Aufl.).  —  14  sptanchnologisch :  Splanchnologie  ist  die  Wissenschaft  von 
den  Eingeweidewiirmern.  —  1 8  Beit^opf:  Ledergurt,  um  sich  das  Aufstehen 
aus  dem  Bett  zu  erleichtern.  -  z5  Labarum:  die  rom.  Kriegsfahne  mit  dem 
Kreuzzeichen,  die  unter  den  spateren  Kaisern  seit  Konstantin  eingefuhrt 
war.  -  34  Kaiser  Vespasian:  Dieser  starb  an  einem  Darmleiden,  bei  dem 
ein  Durchfall  die  vollige  Ahnahme  seiner  Krafte  verursacht  hatte.  Vgl. 
Sueton,  Vespasian  24. 

S.  212,7  Apostel:  Bei  einer  Apellation  wurden  die  Berichte  des  Unter- 
richters  an  die  nachsthohere  Gerichtsstelle  »ApostoIi«  genannt.  -  24  Judex 
a  quo  und  Judex  ad  quern :  die  betden  Gerichtsstellen  im  Apellationsprozefi.  — 
2$Lavaters  Tierstucke:  Lavater  handelt  an  mehreren  Stellen  seines  Haupt- 
werkes,  der  »Physiognomischen  Fragmente«  (1778  ff.),  von  der  Ahnlichkeit 
mancher  Gesichtsziige  zwischen  Mensch  und  Tier. 

S.  213,6"  Joh.  Georg  Ritter  v.  Zimmermann  (1728-95):  medizinische 
Zelebritat.  Seine  Abhandlung:  »Ober  die  Einsamkeit«  (1784  in  endgiiltiger 
Form)  hatte  ihm  fruh  literarischen  Ruhm  eingebracht.  Er  lebte  bis  zu  seinem 
Tod  als  Leibarzt  des  engl.  Konigs  in  Hannover.  —  22  Re^idiv;  wieder- 
kehrender  Anfall.  -  27  Durchmarsch  der  Ungarn:  s.  u.  zu  S.  248,4. 

S.  214,7  Barnabas-Tag:  11.  Juni. 

S.  217,7  Velutierung ;  Samtbespannung. 

S.  220,6"  plethorisch:  wassersuchtig.  —  13  bossieren:  in  Stein  bilden.  — 
36  ein  gottlicher  Mensch:  Der  heilige  Vinzenz  von  Paul  (1 576-1 660),  der 
Stifter  des  Lazarusordens,  widmete  die  sen  Orden  und  sein  ganzes  Leben 
der  Rettung  und  Befreiung  christlicher  Sklaven. 

S.  222,/  3  clausula  salutaris:  abschlieBende,  hofliche  GruCwendung  in 
Briefen. 

S.  223,5  iweimal  umgeschrieben:  Die  erste  Niederschnft  erfolgte  wohl 
im  Sommer  1790,  bei  der  letzten  Bearbeitung  vom  Marz  1795  fiigte  J.  P. 
diese  letzten  Abschnitte  und  die  »Physische  Note  iiber  den  Zitteraal«  hinzu. 

S.  225,5  das  Senfkorn  des  Glaubens:  vgl.  Matth.  17,20  und  Luk.  17,6.  — 
12  wie  Lessing:  Berend  zitiert  zur  Erklarung  aus  Friedr.  Heinrich  Jacobis 
(1743-1819)  Schrift:  »Ober  die  Lehre  des  Spinoza«  die  folgende  Stelle  aus 
einem  Brief  (vom  1.  Aug.  1784)  des  Moses  Mendelssohn:  »Er  [Lessing] 
war  gewohnt,  in  seiner  Laune  die  allerfremdesten  Ideen  zusammen  zu 
paaren,  um  zu  sehen,  was  fur  Geburten  sie  erzeugen  wurden.  Durch  dieses 
ohne  Plan  hin  und  her  Wiirfeln  der  Ideen  entstanden  zuweilen  ganz  sonder- 
bare  Betrachtungen,  von  denen  er  nachher  guten  Gebrauch  zu  machen 
wuflte.« 

S.  226,20  Fechser:  aufgepfropfter  Reben schooling. 

S.  227,77  Prima  (plana):  Chargen  einer  Kompanie,  die  nicht  in  Reih 
und  Glied  stehen  mufiten.  —  29  wie  Hogarth :  Vom  jungen  Hogarth  erzahlt 
man  sich,  er  habe  bei  seinen  Streifziigen  durch  die  Elendsviertel  und  Hafen- 


Il6o  ANMERKUNGEN 

spelunken  von  London  haufig  seine  Skizzen  unbemerkt  auf  die  Fingernagel 
zeichnen  miissen,  um  sich  vor  den  heftigen  Reaktionen  seiner  zu  wohl 
getroffenen  Modelle  zu  sichern. 

S.  228,30  Chr.  Gotthilf  Sal^mann  (1744— 181 1):  aufklarerischer  Pad- 
agoge,  stiftete  1784  nach  dem  Beispiel  des  dessauischen,  1774  von  Basedow 
gegriindeten  Philanthropinums  das  Schnepfenthaler  Erziehungsinstitut.  J.  P. 
las  zur  Zeit  der  Niederschrift  seiner  Geschichte  die  6  Bde.  der  »>Reisen  der 
Salzmannischen  Zoglinge«  (17840*.).  —  30  Weifie:  Die  Originalausgaben 
setzen  dafiir  »Weise«,  doch  ist  wohl  kaum  an  den  Zittauer  Schuldirektor  und 
Dichter  Chr.  Weise,  sondern  wieder  an  Chr.  Felix  WeiBe  (s.  o.  zu  S.  13,4) 
zu  denken.  Berend  vermutet  eine  Anspielung  auf  dessen  »Ausfuhrungen 
uber  den  Nutzen  des  Reisens  fur  die  Jugend«  im  »Briefwechsel  der  Familie 
des  Kinderfreundes«,  9.  Tl.  (1789),  S.  23 iff. 

S.  229,2  Gangelwagen:  Laufgestell  fur  kleine  Kinder.  -  11  Apharesis, 
Synhope  usw.:  Ausdriicke  der  Einschrankung  und  der  Erweiterung  aus 
der  Rhetorik.  —  ij  Ballei:  Ordensprovinz.  -  22  nach  dem  pythagoreischen 
System  .-Die  Py  thagoreer  glaubten  an  eine  kreisformig  sich  wiederholende 
Seelenwanderung. 

S.  230, 3  Lukubrieren:  gelehrtes  Nach tarbei ten.  —  12  Badine:  Spazier- 
stock.  —  j  1  frere  servant:  dienender  Bruder,  der  in  den  Freimaurerlogen  die 
niederen  Arbeiten  verrichtete,  ohne  vollgiiltiges  Mitglied  zu  sein. 

S.  231,6"  homannische  Karten:  Die  Landkarten  des  Kupferstechers  und 
Geographen  Joh.  Bapt.  Homann  (1663-1724)  wurden  bis  in  J.P.s  Zeit 
haufig  nachgestochen.  -  /p  Palast  des  Nero:  Die  »doiiius  aurea«,  das 
Goldene  Haus  des  Nero,  64  n.  Chr.  nach  dem  Brande  Roms  erbaut,  be- 
deck te  mehr  als  anderthalb  Quadratkilo meter,  so  dafi  in  Rom  das  Witzwort 
umlief :  »Rom  wird  ein  einziges  Haus.  —  3 1  Mediateur:  Mittler,  Schieds- 
richter. 

S.  232,5  die  Odyssee  und  das  Buck  Tobias:  Bekanntlich  wird  Odysseus 
bei  seiner  Heimkunft  nach  Ithaka  von  seinem  alten  Hund  als  einzigem 
wiedererkannt,  vgl.  Odyssee  XVII,29ofT.;  Tobias  wird  gegen  den  jiidi- 
schen  Brauch  auf  seiner  Reise  von  seinem  Hund  begleitet,  vgl.  Tob.  5,17.  - 
10  Gato-  und  Onoskia-Machie:  Lope  de  Vega  verfaOte  1597  ein  kleines 
Epos  uber  den  Katzenkrieg  (Gatomachia) ;  der  schon  der  Antike  uberlieferte 
Streit  um  des  Esels  Schatten  (Onoskiamachie)  ist  am  bekanntesten  aus  dem 
3.  Tl.  von  Wielands  »Abderiten«  (1781).  —  j5  Neger-Handelsherr :  Das 
Motiv,  das  bei  J.  P.  ofters  wiederkehrt,  ist  dem  Buch:  »Erzahlungen  von 
den  Sitten  und  Schicksalen  der  Negersklaven«  (von  L  E.  Kolb)  von  1789 
entnommen. 

S.  233,5  Cicero:  Als  Quelle  diente  eine  Bemerkung  in  Sulzers  (s.  o.  zu 
S.  20,6")  "Allgememer  Theorie  der  schonen  Kiinste«,  vgl.  dort  den  Art. 
»Scherz« :  »Der  nuchterne,  zu  den  groCten  Geschaften  tiichtige  Cicero  konnte 
mit  Recht  iiber  den  unwitzigen  Antonius,  der  sein  Leben  in  Schwelgerei  und 
lustigen  Gesellschaften  zugebracht  hatte,spotten.«—  1  z  Schnurren,  Schnacken 


ANMERKUNGEN  TT6l 

und  Charakter^uge:  Titel  einer  Schrift  von  J.  J.  v.  Hagen,  die  dieser  in 
3  Tin.  1783-86  erscheinen  lieG.  -  16  falbeln:  svw.  falteln.  -  28  Traiteur: 
Wirt,  Garkoch. 

S.  234,6"  Sturms  Betrachtungen  der  Natur;  Seine  zweibandigen,  als  Er- 
bauungsbuch  verbreiteten  » Betrachtungen  iiber  die  Werke  Gottes  im  Reiche 
der  Natur  und  der  Vorsehung«  erschienen  1772.  Die  nachfolgenden  Zitate 
stimmen  nach  Berend  bis  auf  Geringfiigigkeiten  mit  dem  Original  iiberein. 

S.  235,2 3  Soloiismen:  Miflgeburten,  Sprachfehler.  -  i4peccata  splendida: 
glanzende  Fehler.  So  nannte  Augustin  die  verdienstlichen  Werke  der  Heiden 
und  Unglaubigen.  -  14  Patavinitat:  bauerliche  Redeweise,  nach  der  un- 
romischen  Diktion  des  rom.  Historikers  Livius,  der  aus  Padua  stammte.  — 
z  8  Stiftshutte  eines  kunftigen  Tempels:vgl.  1  Chron.  28,nff.- 31  Pyramide: 
In  ihr  verbarg  sich  vermutlich  ein  Abtritt,  vgl.  o.  S.  294,26". 

S.  237,^5  S.  T.:  sui  tituli.  -  36  Christoph  Girtanner  (1760-1800):  Arzt 
und  historischer  Schriftsteller.  Er  war  allgemein  verhaGt  durch  seine  reak- 
tionaren  und  oftmals  verfalschenden  »Historischen  Nachrichten  und  poli- 
tischen  Betrachtungen  iiber  die  franz.  Revolutions  17918".  ~  3 6  Leopold 
Aloys  Hofmann  (1 746-1 806):  beriichtigter  Denunziant  und  Winkeljour- 
nalist  aus  Wien,.gab  1792  die  »Wiener  Zeitung«  heraus,  in  der  er  versteckt 
und  offen  gegen  die  aufklarerischen  Tendenzen  und  Ideen  der  Revolutions- 
zeit  zu  Felde  zog. 

S.  238,  j  Myrmidonen:  Der  Sage  nach  stammten  sie  von  den  Ameisen  ab.  - 
6*  mein  reisendes  Schnepfenthal ;  s.  o.  zu  S.  228, 30.  -  31  Joh.  Aug.  Hellfetd 
(1717-82):  Jurist  und  Rechtshistoriker,  dessen  "Jurisprudent  forensis  se- 
cundum ordinem  pandectorum«  (zuerst  1764)  lange  Jahre  als  Handbuch 
an  den  Universitaten  verwendet  wurde. 

S.  239,2  primus  adquirens:  erster  Besitzer  oder  Besitzanwiirter.  —  5  Hy- 
steronproteron:  »Hinterst-Zuvorderst«  (Goethe),  eine  grammatische  Figur, 
der  die  Verkehrung  der  richtigen  Reihenfolge  im  gedanklichen  Ausdruck 
zugrunde  Hegt.  -  12  Thomas  Paine  (1737-1809):  aus  England  gebiirtiger 
Publizist,  der  1790  in  seinem  Buch  »The  Rights  of  Man«  (2  Bde.)  die  franz. 
Revolution  gegen  Edmund  Burke  verteidigte.  -  13  Haselant:  HasenfuB, 
auch  Possenreifier. 

S»  240,2  CamerariuSy  Minellius  usw.:  Zu  dieser  Namenshaufung  vgl.  o. 
zu  S.  82,2 1.  —  2$  Bachische  Finger-  und  Fiifiesetqung:  Carl  Phil.  Emanuel 
Bach  (1714-88),  der  "Berliner  Bach«,  verfafite  1753-62  in  2  Tin.  einen  be- 
deutenden  »Versuch  iiber  die  wahre  Art  das  Clavier  zu  spielen«,  dem  aber 
kein  Teil  iiber  das  Orgelspiel  beigegeben  ist- 

S.  241,23  peccieren:  spotten,  argern. 

S.  243,5  Otaheiti:  eine  der  Gesellschaftsinseln.  Die  Kenntnis  der  Insel 
verdankt  J.  P.  im  wesentlichen  Joh.  Georg  Forsters  »Reise  um  die  Welt  in 
den  Jahren  1772-75"  (dt.  1778-80).  Otaheiti  wird  haufig  erwahnt  und  be- 
zeichnet  bei  J.  P.  ein  Paradies  nach  Rousseauschem  Geschmack. 

S.  244,  #  wie  der  grofie  Themistokles ;  Als  Eurybiades  den  Themistokles 


Il62  ANMERKUNGEN 

mit  einem  Stock  bedrohte,  sagte  dieser  zu  ihm:  »Du  magst  mich  schlagen, 
doch  hore  mich  an!«  -  14  Xenophontiscke  Armee:  Nach  dem  Tod  des  jiin- 
geren  Kyros  fuhrte  Xenophon  einen  Teil  des  Heeres  unter  unsaglichen 
Strapazen  von  dem  gescheiterten  Feldzug  zuriick.  ~  2  5  Sturmvoget:  Er  gilt 
an  der  See  als  Wetterprophet. 

S.  245,76"  Valerius  Maximus:  rom.  Geschichtsschreiber  im  1.  Jahrh.  n. 
Chr.,  schrieb  »Factorum  dictorumque  memorabilium  libri  IX«,  deren  mani- 
rierter  Stil  ihm  ein  zweifelhaftes  Ansehen  brachten. 

S.  247,  2  versio  interlinearis :  Obersetzung  zwischen  den  Zeilen.  —  5  Mau- 
pertuis:  In  seinen  »Lettres  philosophiques«  (neue  Aufl.  1768)  schlug  der 
franz.  Physiker  und  Philosoph  Pierre  Louis  de  Maupertuis  (1 698-1 759) 
die  Griindung  einer  lat.  Gelehrtenstadt  vor.  -  9  vier^ig  eigne  Stadte:  vgl. 
4  Mose  35,<5f.,  wo  aber  von  44  Stadten  die  Rede  ist.  —  36  nach  Biisching: 
vgl.  Biischings  »Erdbeschreibung«,  7.  Bd.  (7.  Aufl.  1790),  S.  912. 

S.  248,4  ein  Hangar:  Im  Oktober  1790  waren  mehrere  kaiserliche  Regi- 
menter,  diezur  Unterdruckung  der  niederl.  Revolten  abkommandiertwaren, 
durch  die  Oberpfalz  marschiert.  —  24  Priscianus  von  Caesarea  (urn  500  n. 
Chr.) :  der  bedeutendste  Grammatiker  der  Spatantike,  dessen  »Institutiones 
grammaticae«  in  ihrer  Anlage  und  Terminologie  alle  folgenden  Werke 
uber  Grammatik  bestimmten. 

S.  249,6"  Warlimini:  Die  Originalausgaben  setzen  hier  »Warlinimi«,  Z.  19 
hingegen  »Warlimini«.  Wir  folgen  bei  unserer  Konjektur  der  Kritischen 
Ausgabe.  —  i5  Terne:  s.  o.  zu  S.  12,2  —  16  Kranium:  Schadeldecke.  — 
24  Schustak:  kleine  ung.  Scheidemiinze.  -  24  Lausewen^el:  schlechte,  bil- 
Hge  Tabaksorte. 

S.  250,2  6  jeder  weiche  Mensch:  Berend  weist  hier  zurecht  auf  die  enge 
Verwandtschaft  dieser  Szene  in  Stimmung  und  Ausdruck  mit  der  Maria- 
Episode  in  Sternes  »Tristram  Shandy«  hin  (vgl.  dort  IX,24).  Die  SchluC- 
worte,  die  J.  P.  in  der  Kleinen  »Nachschule  zur  Vorschule  der  Asthetik«  §  16 
alsBeispiel  des  Riihrenden  anfuhrt,  decken  sich  beinahe  wortlich  mit  unserem 
Satz:  »denn  eben  den  Augenblick  nahm  sie  ihre  Flote  und  erzahlte  mir 
damit  eine  solche  Geschichte  des  Jammers,  daB  ich  aufstand  und  mit  schwan- 
kenden  Schritten  langsam  nach  meinem  Wagen  ging.« 

S.  251, 3$  Didos-Kuhhaut:  Dido  sollnach  der  Sage  vom  Konig  von 
Karthago  so  viel  Land  zugewiesen  bekommen  haben,  als  sie  mit  einer  Kuh- 
haut  bedecken  konne.  Darauf  zerschnitt  sie  die  Haut  in  diinne  Streifen  und 
umsaumte  damit  einen  grofien  Teil  Landes.  -  35  Idiotihon:  Mundartworter- 
buch.  L 

S.  252,21  Platos  Diktum:  J.P.  denkt  vermutlich  an  die  Gegeniiberstel- 
lung  des  Gerechten.  und  des  Ungerechten  in  Platos  »Staat«,  wo  aber  diese 
Meinung  dem  Gegner  Glaukon  in  den  Mund  gelegt  wird.  Vgl.  Staat  11,5.  _ 
29  indignatio  facit  versus:  »Die  Emporung  gibt  die  Verse  ein.«  Frei  nach 
Juvenals  »Satiren«  11,79:  »Si  natura  negat,  facit  indignatio  versum.«  - 
j5  Wolf:  Darunter  ist  der  beriihmte  aufklarerische  Philosoph  und  Mathe- 


ANMERKUNGEN  1 163 

matiker  Christian  v.  Wolff  (1679-1754)  zu  verstehn.  -  36  Abraham  Gott- 
helf  Kestner  (1719-1800):  Professor  der  Mathematik  in  Gottingen. 

S.  253,24  wie  der  dltere  Plinius:  Er  kam  beim  Ausbruch  des  Vesuvs  in 
Herculanum  urns  Leben,  als  er  versuchte,  die  Eruption  aus  unmittelbarer 
Nahe  zu  beobachtem  -  28  Manumission:  bei  den  Romern  die  Freilassung 
eines  Sklaven;  spater  auch  ein  im  Kampf  fur  die  Freiheit  der  Neger-Sklaven 
in  Amerika  gebrauchlicher  Ausdruck.  -  29  Kornut:  Halbgeselle,  hier  svw. 
Lehrling. 

S.  255,24  {Wetter- J  Prophet:  J.  P.  hielt  sich  viel  auf  seine  Kunst  der 
Wettervorhersage  zugute.  —  32  nach  Kant:  allgemeiner  nach  dem  Kanti- 
schenSystem. 

S.  256,5  Joh.  Theodor  Helfrecht  (geb.  1752):  Rektor  des  Hofer  Gym- 
nasiums. Er  gab  erst  1799  seinen»Versuch  einer  geographisch-mineralogischen 
Beschreibung  des  Fichtelgebirges«  heraus,  hatte  diesen  aber  schon  lange 
vorher  angekiindigt.  —  12  Pindus:  Gebirge  im  nordlichen  Griechenland, 
die  Grenzscheide  zwischen  Thessalien  und  Epirus. 

S.  258,2  Postskript:  zu  dem  »Billett  an  meine  Freunde«.  —  20  Schlag- 
schati:  Munzabgabe  fur  das  Recht,  eigene  Miinzen  zu  pragen.  —  22  Semilor: 
goldahnliche  Kupferlegierung  zu  Schmucksachen.  —  27  Fidgets  Bemerkung: 
vgl.  Flogels  »Geschichte  der  komischen  Literatur«  1.  Bd.  (1784),  S.  124. 

S.  25  9, 3  Ensoph:  mystischer  Name  fur  das  hochste  gottliche  Wesen  in 
der  Kabbala.  —  ly  Danaiden:  Sie  muflten  nach  der  antiken  Sage  Wasser 
in  ein  durchlochertes  Fafi  schopfen.  —  19  Wagen  meiner  Psyche:  s.  o.  zu 
S.  143,4.  -  34  du  Geliebter:  Gemeint  ist  Georg  Christian  Otto  (1763-1828), 
der  Freund  und  langjahrige  literarische  Ratgeber  des  Dichters. 


BlOGRAPHISCHE   BELUSTIGUNGEN 

Nach  dem  Abschluft  des  »Quintus  Fixlein«  versuchte  sich  Jean  Paul  in 
einem  ersten  Anlauf  an  der  lan^e  vorbereiteten  Niederschrift  des  »Titan«- 
Romans,  die  er  jedoch  nach  den  ersten  Versuchen  zugunsten  eines  neuen 
Planes  wieder  aufgab:  den  der  »Blumen-,  Frucht-  und  Dornenstiicke«,  der 
Biographie  des  Armenadvokaten  Siebenkas.  Fast  aus  der  gleichen  Zeit 
(vom  16.  April  1795)  stammen  auch  die  ersten  Aufzeichnungen  zudem  vor- 
liegenden  Fragment.  Die  »Biographischen  Belustigungen«  sollten  urspriing- 
lich  als  Episode  in  den  »Titan«  Eingang  nnden  und  bilden  eine  Art  Vorstufe 
im  »italienischen«  Geschmack  zu  diesem  Werk.  Zwischen  burleskem  und 
hohem  Stil  schwankend,  noch  uneinheitlich  und  unsicher  in  der  Tonlage, 
bedurfte  Jean  Paul  mehr  als  eines  Ansatzes,  ehe  das  Bruchstiick  seine  heu- 
tige  Form  erreichte.  Die  endgultige  Niederschrift  der  sechs  Kapitel  erfoigte 
dann  im  Juli  und  August  1795,  Mitte  September  ging  das  durchgesehene 
Manuskript  an  Carl  MatzdorfT  nach  Berlin  ab,  und  Jean  Paul  wandte  sich 
mit  neuem  Nachdruck  der  Arbeit  an  den  »Blumen-,  Frucht-  und  Dornen- 


I  164  ANMERKUNGEN 

stiicken«  zu.  Der  zweite,  locker  oder  gar  nicht  angefugte  Teil  des  Band- 
chens,  der  Appendix  iiber  die  "Salatkirchweih  in  Obersees«  wurde  im 
Februar  1796  in  einer  Schaffenspause  der  Arbeit  am  »Siebenkas«  niederge- 
schrieben  und  nachgeliefert.  Das  schmale  Bandchen  erschien  noch  zur  Friih- 
jahrsmesse  des  gleichen  Jahres  und  fand  allenthalben  ein  lebhaftes  Echo. 
Obgleich  Jean  Paul  haufig  um  eine  Fortsetzung  gebeten  wurde,  fand  der 
Dichter  jedoch,  seiner  Versprechungen  ungeachtet,  weder  Lust  noch  MuBe, 
sich  diesem  Geschaft  zu  widmen.  Eine  Neuauflage  ist  zu  seinen  Lebzeiten 
nicht  mehr  erschienen. 

S.  265,6"  Spiefiens  Mun^belustigungen  usw.:  J.  J.  Spiefiens  »Brandenburgi- 
sche  Munibelustigungenu  erschienen  1768-74  in  5  Tin.;  Aug.  Joh.  Rosel 
v.  Rosenhof  (1705-59),  Zoologe  und  Kupferstecher,  veroffentlichte  seit 
1746  die  »MonatIich  herausgegebenen  Insekten-Belustigungen«  (2  TL);  iiber 
Brunnenbelustigungen  s.  o.  zu  S.  11,3 1.  —  10  Rest  des  Titels:  s.  o.  S.  2916°. 

S.  269,23  Flachsenfingen :  s.  o.  zu  S.  20,26". 

S.  270,7  Besemen:  dialektische  Nebenform  zu  »Besen«. 

S.  271,75  Hundsposttage :  s.  o.  zu  S.  123,3.4.  Der  »Hesperus«  betrog  die 
Erwartung  seines  Verfassers  und  erschien  erst  nach  der  Messe  im  Sommer 

1795- 

S.  272,25  Kaiman:  Alligatorart.  —  28  Legestachel :  s.  o.  zu  S.  166, 1 2.  — 
30  Kriiniti:  Gemeint  ist  Joh.  Georg  Kriinitzens  (1728-96)  umfangreiche 
»Okonomisch-technologische  Enzyklopadie,  oder,  allgemeines  System  der 
Staats-,  Stadt-,  Haus-  und  Landwirtschaft«  (begonnen  1773,  abgeschlossen 
erst  1858  mit  dem  242.  Bd.). 

S.  273,5  Kammerherrn-Stab :  s.  o.  zu  S.  169,30.  —  6  Guardian:  Vorsteher 
eines  Klosters.  -  21  Tusche:  alte  Pluralform!  -  24  Sie:  Die  Reimersche 
Ausgabe  verbessert  in  »Ihnen«,  doch  handelt  es  sich  um  einen  dialektisch 
bedingten,  grammatischen  Lapsus  des  Dichters. 

S.  274,5  Herkulessaulen:  s.  o.  zu  S.  201,23.  —  18  Abdera:  kleine  Stadt 
in  Thrazien,  deren  Bewohner  als  die  Schifdburger  des  Altertums  galten. 
Vgl.  Wielands  Roman:  »Die  Abderitenu  (1781).  Berend  fuhrt  zu  dieser 
Stelle  die  folgende  Briefnotiz  von  J. P.  (Brief  vom  i8.Juni  1796)  an:  »Wie- 
land  war  des  hdhnischen  Dafurhaltens,  Flachsenfingen  liege  in  Deutsch- 
land  sehr  zerstreut.« 

S.  275,2  Winterkasten :  Der  Landgraf  Karl  von  Hessen-Kassel  liefi  durch 
den  it.  Architekten  J.  B.  Guerriero  in  den  Jahren  1701—14  das  alte  SchloB, 
den  sogenannten  „Winterkasten"  und  den  Park  Wilhelmshohe  bei  Kassel 
errichten.  Auf  dem  hochsten  Punkt  der  riesigen,  nach  dem  Schlofi  hin  ab- 
fallenden  Kaskaden  steht  die  18  Meter  hohe  Kupferstatue  des  Herkules.  - 
1 3  Orlogskopf:  der  Bug  bei  KriegsschirTen,  der  meist  als  Ausguck  diente.  - 
33  toricellische  Leere:  s.  o.  zu  S.   30, 1 5. 

S.  276,7  Schatullguter :  s.  o.  zu  S.  127,23.  —  27  Reichsmatrikularanschlag  :■ 
Steuer  fur  das  von  den  Standen  aufzubringende  Truppenkontingent.  — 


ANMERKUNGEN  1 165 

34  ein  {wetter  MUo:  Der  beruhmte  Riesenringer  von  Kroton,  der  sechsmal 
Sieger  in  Olympia  war,  soil  der  Sage  nach  mit  Leichtigkeit  einen  Ochsen 
erdrosselt,  getragen  und  verzehrt  haben. 

S.  277,14  Plethora:  Wassersucht.  —  ly  Schnepper  (Scarificator):  chirur- 
gisches  Instrument  zum  Aderlassen.  -  22  raffinieren:  Zum  Raffinieren  des 
Zuckers  wurde  friiher  Ochsenblut  verwendet. 

S.  278, 3  Kranium:  Schadeldecke.  —  24  Gyges-Ring:  unsichtbar  machen-  ■ 
der  Ring,  mit  dessen  Hilfe  sich  der  Hirt  Gyges  zum  Herrscher  von  Lydien 
aufschwang. 

S.  279,  j  Kothurn:  der  hohe  Schuh,  den  der  griechische  Schauspieler  in 
der  Tragodie  trug,  wahrend  er  bei  Komodien  den  niedrigen  Sokkus  benutzte. 
Sonst  dienen  beide  Ausdriicke  auch  gern  als  Metaphern  fur  Weinen  und 
Lachen. 

S.  280,25  Mendikanten:  Bettelmonche.  -  26  Pupillenrat;  Anwalt  am 
Vormundschaftsgericht.  -  26  Christoph  Fr.  Nicolai  (1733-1811):  Publi- 
zist,  Popularphilosoph  und  Romancier,  als  Herausgeber  der  »Allgemeinen 
deutschen  Bibliothek«  (s.  o.  zu  S.  20,6")  durch  Jahrzehnte  der  Gesetzgeber 
der  Berliner  Aufklarung.  Er  hatte  in  den  Jahren  1781  ff.  eine  »Beschreibung 
einerReise  durch  Deutschland  und  dieSchweiz«  in  12  Bdn.  herausgegeben.  - 
27  der  Minister  von  Hardenberg:  Er  hatte  am  5.  April  1795  in  Basel  den 
Friedensvertrag  zwischen  PreuBen  und  Osterreich  unterzeichnet. 

S.  282,;  2  Arafnens-Tenne:  vgl.  2.  Sam.  24,  I5ff.  -  16  Greve-Platf:  Auf 
ihm  fanden  friiher  in  Paris  die  offentlichen  Hinrichtungen  statt.  Der  fol- 
gende  Gedanke  ist  nach  Berend  aus  Edward  Youngs  (s.  u.  zu  S.  330,^3) 
»Nachtgedanken«,  9.  Nacht,  entlehnt. 

S.  288, 1 5  Sensitive:  s.  o.  zu  S.  53,  16. 

S.  289,20  wie  iiber  jenen  Riesen  der  Atna:  Nach  der  Sage  stiirzte  Zeus 
im  Gigantenkampf  den  Enkeladus  durch  einen  Blitz  nieder  und  tiirmte,  da 
er  ihn  nicht  toten  konnte,  den  Atna  iiber  seine  Brust.  Vgl.  Ovids  »>Meta- 
morphosen«  1,165  ff. 

S.  291,22  corpus  mysticum:  eigtl.  »der  geheimnisvolle  Leib«  (Christi), 
dann  Bezeichnung  fur  die  Kirche,  die  von  Paulus  mehrfach  mit  einem 
menschlichen  Leib  verglichen  wird,  bei  dem  Christus  das  Haupt  und  die 
Glaubigen  die  Glieder  bilden.  —  23  Kornak:  Elefantentreiber. 

S.  292,26"  Jupiters-Kette:  Nach  der  antiken  Mythologie  forderte  Jupiter 
die  Gotter,  die  sich  seinem  Spruch  widersetzen  wollten  auf,  sich  alle  an 
eine  goldene  Kette  zu  hangen.  Sie  vermochten  auch  dann  nicht,  ihn  von 
der  Stelle  zu  riihren,  er  aber  werde  sie  mit  Leichtigkeit  hochziehen.  Vgl. 
Ilias  VIII,i7fT.  —  32  Fuggerei  auseinandergesdeter  kouleurter  Zimmer:  J. P. 
hat  hier  ofTenbar  die  Eremitenhauschen  im  Park  der  Bayreuther  Eremitage 
im  Auge,  die  Markgraf  Georg  Friedrich  dort  nach  17 15  hatte  errichten 
lassen.  -  36 ' Bilderblinde  (oder  -blende) :  Nische,  in  die  ein  Bild  eingelassen  ist. 

S.  294,  i  homanmsche  Karten:  s.  o.  zu  S.  231,6*.  —  5  Loretto-Hauschen: 
s.  o.  zu  S.  71,28.  -  12  Joh.  Esaias  Silberschlag  (17 16-91):    Oberkonsi- 


Il66  ANMERKUNGEN 

storialrat  in  Berlin.  Er  versuchte  in  seiner  »Geogonie«  von  1780  eine  Re- 
konstruktion  der  biblischen  Arche.  -  31  Potsdamerin:  Anspielung  auf  die 
wlangen  Kerls«  in  Potsdam.  -  33  Felsen-Paste  der  Semiramis:  Die  sagen- 
umwobene  Konigin  von  Babylon  soil  ein  Mausoleum  geplant  haben,  uber 
dem  sich,  aus  einem  Felsen  gehauen,  ihr  Standbild  erheben  sollte. 

S.  295,6*  Wilsonscher  Knopf:  Der  schottische  Maler  und  Physiker  Benja- 
min Wilson  (1721-88)  konstruierte  einen  runden  Blitzableiter  und  geriet 
daruber  1757  mit  Franklin  in  eine  heftige  Kontroverse,  als  dieser  fur  die 
zweckmaftigere  spitze  Form  eintrat.  -  29  Fontange:  Kopfputz  aus  Reiher- 
federn  fiir  Damen,  den  die  Herzogin  yon  Fontanges  1679  zuerst  am  franz. 
Hof  einfuhrte. 

S.  296, 1 2  gradus  ad  Parnassum  (Stufen  zum  ParnaB) :  So  wurde  lat.  und 
griech.  Worterbiicher  genannt,  die  den  Worten  Synonyma  und  metrische 
Bezeichnungen  beigaben,  zum  Gebrauch  W  prosodischen  und  poetischen 
Obungen.  Der  erste  »Gradus  ad  Parnassum«  wurde  1702  von  Paul  Aler  in 
Koln  ediert.  -  36 als  ich  Schuhe:  erg.:  »hoch  sitze«! 

S.  297,20  Simon-Andre*  Tissot  (1728-97):  Schweizer  Arzt. 

S.  299,27  wie  ein  Atna:  s.  o.  zu  S.  289,20. 

S.  301,2  Thomas  Sanchez  (1551—1610):  span.  Jesuit.  Seine  Untersuchung : 
»de  matrimonio«  erschien  zuerst  1592.  Vgl.  in  Bayles  »Dictionnaire«  (s.  o. 
zu  S.  126,5)  den  Artikel  »Sanchez«,  Note  C.  —  8  frere  servant:  s.  o.  zu 
S.  230,^/.  —  8  Gebruder-Redner :  Arm  in  den  Freimaurerlogen.  —  32  Gratial: 
Dankgeschenk. 

S.  302,6"  Plus-Liiitans :  Htiherbieter.  -  34  liquor  prohatorius  (1.  vini 
probatorius):  Hahnemannische  Weinprobe.  Durch  das  einfache  Auflosen 
von  Weinsaure  in  Schwefelwasserstoff  kann  man  die  Verfalschung  des 
Weines  durch  Bleisalz  feststellen. 

S.  303,2  8  quarta  falcidia  (nach  dem  Gesetz  eines  Volkstribunen  Falcidius 
genannt) :  der  vierte  Teil  einer  Erbschaft,  den  der  Erbe  vorweg  beanspru- 
chen  kann,  dann  Pfiichtteil  der  Erbschaft.  -  32  wie  der  Plantagenbesitier : 
s.  o.  zu  S.  232,^5. 

S.  304,2  5  offiiinell:  arzneilich,  heilsam. 

S.  305,^6"  Anton  Friedr.  Achard  (1754-1821):  zu  seiner  Zeit  beriihmter 
Chemiker  und  Physiker. 

S-  307,  20  der  Graf  von  Thun:  Gemeint  ist  der  fur  seine  Mesmerischen 
Versuche  bekannte  Graf  Franz  Joseph  v.  Thun  (1734-1801).  Der  AngrirT 
in  der  FuBnote  richtet  sich,  nach  Berend,  gegen  einen  Aufsatz  uber  den 
Grafen  in  der  »Berliner  Monatsschrift«  (Juli  1794,  S.  39ff.).  Unter  dem 
»Freund«  ist  vielleicht  der  Bayreuther  Hofrat  Schafer  zu  verstehn,  der  in 
der  Familie  des  Grafen  verkehrte. 

S.  309,2.2  Statuen  der  rbmischen  Gotter:  wohl  ein  Hinweis  auf  die  damals 
haufig  vertretene  Theorie,  ein  Teil  der  antiken  Statuen  sei  deshalb  wohl- 


ANMERKUNGEN  II67 

behalten  auf  uns  gekommen,  weil  sie  die  Romer  selbst  in  der  Erde  ver- 
borgen  hatten.  —  13  Mosis  Gesiah:  vgl.  2.  Mose  34,6. 

S.  310,5?  Harpokrates-Finger :  Harpokrates,  der  Begriinder  der  Medizin 
wird  gewdhnlich  mit  dem  Finger  vor  dem  Munde  dargestellt,  da  er  fiir  die 
Arzte  die  Schweigepflicht  erliefi. 

S.  311, 5  Genetay;  Zur  Quelle  vgl.  u.  zu  S.  331,  z  6". 

S.  3 1 2, 30  Blumen  im  Morgenlande:  J.  P.  denkt  an  die  sog.  Selam-Sprache, 
die  den  Blumen,  ihrer  Farbe  und  Auswahl  eine  bestimmte  Bedeutung  ver- 
liehen  hatte. 

S.  316,33  Lockenraub;  Titel  eines  beriihmten  frivolen  Gedichtes  von 
Alexander  Pope  (s.  o.  zu  S.  96,4). 

S.  318,33  Reisegenosse  des  jungen  Tobias;  vgl.  Tob.  12, iff. 

S.  319,2^  Robespierres  Schweif:  »queue  de  Robespierre«  nannte  man  die 
wenigen  Anhanger,  die  Robespierre  nach  seinem  Sturz  im  Juli  1794  treu 
blieben  und  mit  ihm  das  SchafTott  bestiegen. 

S.  320,  z  4  Furst  v.  Esierha^y;  Die  Stelle  versucht  Berend  unter  Hinweis 
auf  andere  Anspielungen  J.  P.s  so  zu  erklaren :  »Im  Esterhazyschen  Schlosse 
stand  als  Gegenstiick  zu  einem  wirklichen  Ofen  in  Gestalt  einer  Statue  . . . 
ein  scheinbarer,  der,  versehentlich  angeheizt,  einen  Schlofibrand  verursachte 
(vielleicht  den  Brand  vom  18.  Nov.  1779,  der  einen  Teil  des  beriihmten 
Schlosses  zerstorte).« 

S.  323,5  Konvulsionars ;  Fallsiichtige. 

S.  324,z  3  musivisch;  mosaikartig. 

S.  325,5?  well:  svw.  wahrend.  -  31  Genius:  der  Tod,  der  in  der  helleni- 
stischen  Kunst  oft  als  Amorette  mit  der  umgekehrten,  erloschenden  Fackel 
dargestellt  wurde. 

S.  326,  35  Killean:  richtig:  Killearn. 

S.  328,24  Baumannshohle:  s.  o.  zu  S.  91,25.  -  32  Hubners  Reim-Register ; 
Gedacht  ist  wohl  an  Joh.  Hubners  (1668-1731)  »Poetisches  Handbuch«,  das 
zuerst  171 2  erschien. 

S.  329,4  Moses;  vgl.  2.  Mose  34,15  —  16.-  5  nach  Michaelis:  s.  o.  zu  S. 
144,25; 

S.  330,2  Hypochondrist:  vermutlich  J.P.s  Jugendfreund  Adam  Lorenz 
v.  Oerthel  (1763-86).  -  3  Youngs  Nachtgedanken  ;  Edward  Young  (1683  bis 
1765),  engl.  Lyriker.  Sein  Hauptwerk:  »The  Complaint,  or  Night-Thoughts 
on  Life,  Death  and  Immortality**  (1742—45)  formulierte  am  scharfsten  den 
Gedanken  der  Weltflucht  im  18.  Jahrh.  und  wirkte  damit  iiber  die  Empfind- 
samkeit  hinaus  bis  zum  Weltschmerz  der  Spatromantik.  —  4  Reichsgeschichte 
von  Haberlin;  Der  Professor  der  Geschichte  in  Helmstedt  Franz  Dom. 
Haberlin  (1720-87)  verofTentlichte  durch  Jahrzehnte  einen  vielbandigen 
»Auszug  aus  der  allgemeinen  Welthistorie«,  deren  zweiter  Teil,  die  »Neueste 
teutsche  Reichshistorie«  bei  seinem  Tod  erst  bis  zum  Jahre  1600  gelangt  war. 

S.  33i,z6"  St£phanie-FeHcit£,  Grafln  von  Genlis  (1746-1830):  franz. 
Schriftstellerin.  Die  Stelle  findet  sich  in  den  »Abendstunden  auf  dem  Lande 


Il68  ANMERKUNGEN    . 

der  Mad.  Genlis,  iibersetzt  von  Chr.  F.  WeiBe«,  2.  Bd.  (1785),  S.  381  f. 
Ihr  ist  auch  die  vorhergehende  Notiz  iiber  das  Echo  in  Genetay  entnommen. 

S.  336,25  wie  David:  s.  o.  zu  S.  235, 18. 

S.  342,26' Gangelwagen  :  s.  o,  zu  S.  229,7.  —  ji  russischer  Eispalast:  Im 
strengen  Winter  1756  hatte  ein  Hofling  fur  die  Kaiserin  Katharina  von 
Ruftland  auf  dem  See  bei  Petersburg  einen  Palast  aus  Eis  errichten  lassen. 
An  seinen  Eingangen  spien  Delphine  kalte  Naphthaflammen. 

S.  347,-5'  vidimieren:  gerichtlich  beglaubigen.  -  9  scheerauische  Berghaupt- 
mannschaft:  Dieses  Amt  legt  sich  J. P.  im  20.  Sektor  der  »Unsichtbaren 
Loge«  selbst  bei. 

S.  349,-^  animum  injuriandi  desuper  nobile:  hier  wie  im  folgenden  scherz- 
haft  zusammengestoppelte  Klauseln  aus  Gerichtsprotokollen.  —  10  S.  T.: 
sui  tituli.  —  12.  Werthers  Freuden:  So  nannte  Friedr.  Nicolai  seine  plumpe 
Satire  (1777)  auf  Goethes  Roman.  -  29  Tief hammer:  Werkzeug  an  langer, 
gekehlter  Bahn,  um  damit  auf  dem  Boden  von  GefaBen  hammern  zukonnen. 

S.  351,7  Boerhaave:  s.  o.  zu  S.  181, 34.  -  2off.  mit  Pirchheimer  usw:.  Zur 
Namenszusammenstellung  vgl.  o.  zu  S.  $2,1 1.  Marzian  ist  jedoch,  wie  Be- 
rend  nachweist,  mit  Moschion  verwechselt.  Vgl.  Plinius,  Hist.  Nat. 
XIX,  5,  26. 

S.  352,77  wie  Montesquieu  schbn  bewiesen:  vgl.  »L'£sprit  desLois«  III,  6  — 
32  Moratorium:  Wechselfrist,  Anstands-  oder  Verzugszeit.  -  33  Quin- 
quenell:  Verzugsfrist  fur  Wechsel  auf  fiinf  Jahre.  -  3S  Lasterstein:  ein 
Schandstein,  auf  dem  ehrlose  Madchen  und  Ehebrecherinnen  offentlich  zur 
Schau  gestellt  wurden. 

S.  3 5 3,  j  Strohkrani:  Ihn  muBten  ehemals  in  manchen  Gegenden  gestrau- 
chelte  Madchen  am  Hochzeitstag  als  Schandzeichen  tragen.  S pater  anderte 
sich  der  Brauch,  und  der  Strohkranz  wurde  nun  der  Braut  am  Tage  nach 
der  Hochzeit  mit  einer  scherzhaften  Rede  iiberreicht.  -  26  in  faciem  insi- 
nuieren:  personlich  iibergeben. 

S.  354,27  Litis-Konsort :  ,Rechtsverbun deter;  alle,  die  vor  Gericht  den 
gleichen  Rechtsanspruch  vertreten.  -  j5  Joh.  Fr.  Jacobi  (1712-91);  Gene- 
ralsuperintendent  zu  Liineburg,  gab  »Abhandlungen  iiber  wichtige  Gegen- 
stande  der  Religion"  (4  Tie.  1773-78)  heraus.  -  j5  Joh.  Peter  Miller 
(1725-89):  aufklarerischer  Theologe  in  Gottingen.  -  j5  Christian  Oemler 
(1728—1802) :  Konsistorialrat  in  Jena,  gab  1786-89  in  4  Bdn.  ein  iibergrund- 
liches  "Repertorium  iiber  Pastoraltheologie  und  Casuistik«  heraus,  das  dem 
Pfarrer  Rat  und  Hilfe  in  alien  erdenklichen  und  unerdenklichen  Situationen 
seines  Berufes  geben  sollte. 

S*  355, 31  Rindspsalter  (von  ndt.  salter):  Vormagen  des  Rindes. 

S.  356,/  2  herkulanisches  Instrument:  bei  den  Schriftfunden  in  Herkulanum 
entwickeltes  Gerat,  um  die  Reste  der  Bilder  und  Biicher  wohlbehalten  zu 
bergen  und  zu  entziffern. 

S.  357,2  Joseph  Addison  (1672— 171 9):  einfluBreicher  Schriftsteller  der 
engl.  Aufklarung.  Er  gab  mit  seinem  Freund  George  Steele  die  asthetisch- 


ANMERKUNGEN  1 169 

moralischen  Wochenschriften:  »The  Tatler«,  »The  Spectator"  und  »The 
Guardian"  heraus.  Die  angefuhrte  Anekdote  steht  im  »Spectator«  Nr.  408.  - 
2  wie  Jupiter:  s.  o.  zu.  S.  25,7.  -  5  Bocksfufi:  Schon  in  der  Vorrede  zur 
»Unsichtbaren  Loge«  fingiert  J.  P.  einen  KlumpfuB,  der  ihm  angeboren  sei.  - 
i3Prini  Antiochus  Kantemir ;  Als  Quelle  diente  J.P.  Flogels  »Geschichte 
der  komischen  Literatur«  Bd.  3,  S.  600.  Allerdings  ist  wohl  Konstantin 
Demetrius  Kantemir  (gest.  1744)  gemeint,  der  durch  seine  Satiren  ein 
fruhes  Aufsehen  erregte.  Seine  »Satiren«  erschienen  1752  in  dt.  Obersetzung 
von  H.  E.  v.  Spilcker.  —  22  qumal  aus  Kurland:  Das  Herzogtum  war  im 
Marz  1795  durch  den  dritten  polnischen  Teilungsvertrag  an  RuBland  ge- 
fallen. 

S.  358,^  Buffon:  s.  o.  zu  S.  25,-2 9*  Vgl.  »Histoire  naturelle«,  1  Tl.  (Aus- 
gabe  von  1799),  S.  138.  -  8  Kant:  vgl.  »Allgemeine  Naturgeschichte  und 
Theorie  des  Himmels",  2.  TL,  SchluBabsatz  des  2.  Hauptstucks,  wo  auch 
der  Analogie  bei  Buffon  gedacht  wird.  -  20  Reverberierfeuer :  s.  o.  zu 
S.  96, 33.  -  33  Anmerkung:  vgl.  Vorschule  der  Asthetik  §  33. 

S.  359,#  debitum  conjugate:  die  rechtliche  Pflicht  zum  Vollzug  der  Ehe.  - 
25  advocatus  diaboli:  der  »Advokat  des  Teufets«  in  den  Heiligsprechungs- 
prozessen  der  kath.  Kirche.  —  31  Simultaneum :  gemeinsames  Gotteshaus 
fur  Angehorige  verschiedener  Konfessiorien.  -  32  vota  curiata:  die  Wahl- 
stimmen  bei  der  PapstwahL 

S.  361,26"  edictum  perpetuum:  ewig  gultiger  ErlaB,  analog  gebildet  zu 
»capitulatio  perpetua«,  wie  der  Wahlvertrag  des  Westfalischen  Friedens 
genannt  wurde,  da  er  unauflosliche  Geltung  besitzen  sollte. 

S.  362,2  Dikasterium:  urspr.  griechisches  Schwurgericht.  -  4  Riicken- 
Positiv:  kleine  Stuben-  oder  Stellorgel,  dem  Harmonium  verwandt.  — 
4  Murki:  s.  o.  zu  S.  68, 9.  -  5  Fetwa:  Bekraftigung  eines  Urteilssp ruches 
durch  den  tiirkischen  GroCwesir,  ohne  den  kein  Verbrechen  mit  dem  Tod 
bestraft  werden  konnte,  —  5  Arret  (franz.) :  bindender  Rechtsspruch  eines 
hohen  Gerichts.  Beide  Ausdriicke  sind  hier  mehr  in  dem  Sinne  von  »Frei- 
brief«  zu  verstehen. 

S.  363,5)  copiales;  Schreibgebiihren.  —  1 2  Oekrmann:  Der  Kaufherr  spielt 
in  der  Vorrede  zum  »Siebenkas«  eine  gewichtige  Rolle.  -  14  Exhibita: 
juristische  Eingaben. 

S.  364, 3  Beinschwar$:  tiefschwarze  Far  be  aus  gebrannten  und  zerriebenen 
Knochen.  -  22  Michaels-Ritter  in  Spaa:  Der  Orden  des  heiligen  Michael 
wurde  1469  von  Ludwig  XI.  von  Frankreich  gestiftet,  stand  bis  zum  Ende 
des  »ancien  regime"  in  hochstem  Ansehn  und  wurde  wahrend  der  Revo- 
lution aufgehoben.  In  dem  belgischen  Badeorte  Spaa  gaben  sich  auch  Gau- 
ner  und  Beutelschneider  als  Mitglieder  des  Ordens  aus,  wie  J.P.  aus  Weck- 
herlins  »Grauem  Ungeheuer«  wuCte.  Vgl.  dort  Bd.  4  (1785),  S.  179^ 

S.  365,?  wie  Goeie  berichtet:  Gemeint  ist  Joh.  Ephr.  Goeze  (1731-93), 
Theologe  und  Naturforscher,  der  Bruder  des  beruhmteren  Hamburger 
Hauptpastors.  -  13  I.H.S. :  die  griechischen  Anfangsbuchstaben  den  Na- 


1 170  ANMERKUNGEN 

mens  Jesus.  —-2.8  erne  Bagatelle  vom  Prin\en  von  Artois:  Unter  diesem 
Namen  verbirgt  sich  der  Bruder  Ludwigs  XVI.,  Charles-Philippe  (1757 
bis  1836),  den  sein  GroBvater  zum  Grafen  von  Artois  erhoben  hatte.  Der 
gewandte  und  glanzende  Hofmann  uberlebte  die  Revolution  und  wurde 
1824  als  Karl  X.  Konig  von  Frankreich.  1775  lieC  er  durch  Bellanger  in 
weniger  als  drei  Monaten  das  kleine  LustschloB  Bagatelle  im  Bois  de  Bou- 
,  logne  bei  Paris  errichten.  —  29  Solitude:  Von  den  Schlossern  dieses  Namens 
ist  vermutlich  das  1763-67  fur  Herzog  Karl  Eugen  von  Wurttemberg  bei 
Stuttgart  errichtete  LustschloB  gemeint. 

S.  366,52  Sequester:  hier  svw.  Vormund. 

S.  367,22  a  la  Hamlet:  d.  i.  mit  offenem  Kragen. 

S.  368,^  Bettauf heifer:  s.  o.  zu  S.  210, 18.  -  lo  der  sixtinische  Obelisk:  der 
grofie  Obelisk  auf  dem  Petersplatz,  der  1586  durch  Sixtus  V.  errichtet  wurde. 

S.  369,2  aura  seminalis:  befruchtende  Kraft.  —  21  drei  Kammerkerrn- 
Knopfe:  s.  o.  zu  S.  169,^0.  —  26  Feimer:  obdt.  Femerichter.  -  36  Profes- 
sionist:  mundartlich  fur  Handwerker. 

S.  370,4  neuer  Klecks  im  Mond:  Der  it.  Astronom  Giovanni  Battista 
Riccioli  (1 598-1671)  fiihrte  in  seinem  »Almagestum  novum«  (165 1)  die 
noch  heute  iibliche  Benennung  der  Mondkrater  nach  beriihmten  Astrono- 
men  ein.  —  18  Friedrich  II.  Name:  Ein  Sternbild  zwischen  Pegasus  und 
Cepheus  erhielt  1787  von  Joh.  Elert  Bode  den  Namen  »Friedrichs  Ehre«. 

S.  yji^n  Selah  und  clausula  salutaris:  svw.  hofliche  Grufiform.  —  12 
Eulerscher  Rosselsprung:  Der  Mathematiker  Leonhard  Euler  (1707—83) 
schrieb  1759  eine  Abhandlung  iiber  den  Rosselsprung,  die  in  den»Memoires« 
der  Berliner  Akademie  erschien. 

S.  372,7  otaheitisch:  s.  o.  zu  S.  243,5.  -  iSfixeLuft:  Stickstoff.  -  25  index 
expurgandorum :  von  der  rom.  Kurie  veroffentlichtes  Verzeichnis  derBiicher, 
die  nur  nach  einer  Oberarbeitung  zur  Lektiire  des  kath.  Christen  zugelassen 
sind.  —  26 Lieder-Unruhen  in  Berlin:  1781  hatte  die  Einfuhrung  eines  moder- 
nisierten  Gesangbuches  lebhaften  Widerstand  unter  den  orthodoxen  Kirch- 
gangern  hervorgerufen.  —  32  versus  memoriales:  die  noch  heute  beliebten 
Denkverse,  um  dem  Schuler  das  Erlernen  grammatischer  Regeln  im  Latein 
zu  erleichtern. 

S.  373,2  wie  Gellert:  Wahrend  seines  Leipziger  Aufenthaltes  i76oempfing 
Friedrich  II.  den  damals  weitberiihmten  Dichter  Christian  Fiirchtegott 
Gellert  zu  einer  langeren  Unterredung.  —  22  poeta  laureatus:  Die  aus  der 
Renaissance  uberkommene  Sitte,  einen  Autor  offentlich  zum  Dichter  zu 
kronen,  wurde  noch  bis  in  J.  P.s  Zeiten  bisweilen  geiibt.  —  34  Donatschnit^er  : 
s.  o.  zu  S.  129,?^. 

S.  374,^2  Joh.  Christoph  Adelung  (1732-1806):  aufklarerischer  Sprach- 
forscher  und  literarischer  Zensor  aus  der  Schule  Gottscheds. 

S.  375,2  Diogenes  von  Apollonien:  rich  tig  »ThaIes  von  Milet«;  nach  Dio- 
genes von  Apollonia  bestand  die  Welt  aus  Luft.  -  22  bouts  rimes:  modische 
Gelegenheitsverslein.  -  30  Rat  Adelung:  Er  vertrat  die  Behauptung,  die 


ANMERKUNGEN  1 171 

klassische  Epoche  der  deutschen  Literatur  sei  das  Zeitalter  Gellerts  gewesen 
haufig,  so  etwa  in  seiner  »Anweisung  zum  deutschen  Stil«  (1784). 

S-  378,7^  Montgolfiere :  Die  beiden  Briider  Jaques-Etienne  und  Joseph- 
Michel  Montgolfier  konstruierten  1783  den  ersten  tragfahigen  Flugballon.  — 
26  Ludwig  XVIII. :  1795  machte  der  Bruder  Ludwigs  XVI.,  der  Graf  von 
Poitiers  in  einer  Proklamation  von  Aachen  aus  seine  Anspriiche  auf den  Thron 
von  Frankreich  geltend. 

S.  379, 14  nach  Kant:  allgemeiner  »nach  Kants  Lehre«. 

S.  380,26"  auerbachischer  Hof:  beruhmter  Gasthof  in  Leipzig.  —  28  Seba- 
stian Carvalho,  Marques  de  Pombal  (1699— 1782):  portug.  Minister,  im 
i8.Jahrh.  beruhmt  durch  sein  mutiges  Auftreten  gegen  den  allmachtigen 
Jesuitenorden.  Fiir  seine  Verdienste  wahrend  des  Erdbebens  von  Lissabon 
1755  wurde  er  zum  Grafen  von  Oeyras  ernannt. 

S.  382^ Fraischpfand:  gerichtliche  Beweisstiicke.  —  ^p  Diebsdaum;  Dau- 
men,  die  man  von  Leichen  am  Galgen  abschnitt,  sollten  zauberische  Krafte 
besitzen.  —  30  Magenmorsellen:  Magentafelchen,  Pillen.  -  31  wie  Bahrdt: 
Der  ev.  Theologe  Karl  Friedr.  Bahrdt  (171 1-92)  vertrat  eine  radikal  auf- 
klarerische  Dogmatik,  die  ihm  schliefilich  ein  Lehrverbot  fur  sein  Gebiet 
an  den  Universitateri  eintrug.  Er  wurde  nach  1789  ausgewiesen  und  starb 
verbittert  als  Schankwirt. 

S.  383,25  der  romische  Stuhl:  bezieht  sich  wohl  darauf,  daB  die  elfen- 
beinerne  »cathedra  Petri«  unzuganglich  in  Berninis  Hochaltar  der  Peters- 
kirche  eingebaut  ist. 

S.  384,  1  2  copula  carnalis;  eheliches  Band.  —  16  Hegebereiter :  berittener 
Forstgehilfe.  -  21  Panist;  Laienpfrundner.  -  22  Pluto;  s.  o.  zu  S.  12,2.  - 
32  Fidget:  vgl.  Geschichte  der  kom.  Literatur  1.  Bd.  (1784),  S.  359. 

S.  385,^  Troils  Reisebeschreibung :  Gemeint  sind  die  »Bnefe  iiber  eine 
Reise  in  Island«  (1777)  des  schwedischen  Theologen  Uno  de  Troilius 
(1746-1803).  Doch  findet  sich  nach  Berend  in  der  angegebenen  Quelle 
keine  solche  Behauptung.  -  i5  Schmidt:  Darunter  ist  Chr.  Heinr.  Schmid 
(1746-1800),  einer  der  Begriinder  des  »Musenalmanachs«  zu  verstehen,  der 
1769-70  zwei  Bande:  »Biographie  der  Dichter«  verfaBte  und  mit  seine  m 
»Nekrolog  von  dem  Leben  und  den  Schriften  der  vornehmsten  verstorbenen 
deutschen  Dichter«  (2  Bde.  1785)  die  Anregung  zu  Schlichtegrolls  bedeu- 
tendem  Werk  gab.  -  iS  Meusel:  s.  o.  zu  S.  75, 2#.  -  16  Helikon:  s.  o.  zu 
S.  72,24.  -  30  bureau  d' esprit:  s.  o.  zu  S.  71,3s.  -  34  wie  Ludwig  XIV.: 
Der  franz.  Konig  setzte,  einem  Brauch  der  Zeit  entsprechend,  zahlreichen 
auslandischen  Autoren  und  Gelehrten  feste  Pensionen  aus. 

S.  386,2  Prytaneum:  offentliches  Ratsgebaude  in  Athen,  wo  mit  den  50 
Ratsherren  (Prytanen)  auch  die  um  den  Staat  verdienten  Manner  Zeit  ihres 
Leben s  speisten.  -  3S  Hospodar;  Herr,  Furstentitel  an  der  Moldau  und  in 
der  Watachei.  -  36  infulieren:  (mit  dem  Bischofshut)  kronen. 

S.  387, 29  Konviktorist;  Freitischganger.  -  32  Fakultist:  Mitglied  einer 
Gelehrteninnung  an  den  alteren  Universitaten. 


I  I72  ANMERKUNGEN 

S.  388,25  Blumenbachs  Bildungstrieb  :  Joh.  Friedr.  Blumenbach  (1752 
bis  1840),  Professor  der  Medizin  in  Gottingen,  bezeichnete  als  Bildungs- 
trieb (risus  formativus)  in  einer  Abhandlung  von  1781 :  »Ober  den  Bil- 
dungstrieb und  das  Zeugungsgeschaft«  die  mannliche  Zeugungskraft. 

S.  389,  1  Busching:  s.  o.  zuS.  156,24.  —  10  Ludw.  Timotheus  v.  Spinier 
(1752— 1810):  Historiker  und  wiirttembergischer  Staatsminister.  —  ij  Peter 
Villaume  (1746-1806):  Professor  der  Moral  am  Joachimsthaler  Gym- 
nasium zu  Berlin.  Seine  pada'gogischen  Schriften,  die  auf  eine  aus  der  An- 
schauung  gewonnene  Bildung  der  Kinder  abzielten,  standen  unter  dem 
EinfluB  Saizmanns. 

S.  391,20  Envoye:  stellvertretender  Gesandter.  —  2$  Spinier:  vgl,  seinen 
»GrundriB  der  Geschichte  der  christl.  Kirche«  (3.  Aufl.  1791),  S.  444. 

S.  392,  /  2  matres  lectionis  (Lesemiitter) :  eingeschaltete  hebraische  Vokal- 
zeichen.  —  19  inspirierten:  Die  Originalausgabe  setzt  dafiir  falschlich  »in- 
spirierte«. 

S.  393, 23  das  Gebot  Solons:  Der  bekannte  Ausspruch:  »De  mortibus  nil 
nisi  bene«  wird  schon  in  der  Antike  Solon  heigelegt.  —  34  allgemeine  deutsche 
Bibliothek:  s.  o.  zu  S.  20, 2  5. 

S.  396,2^  Kikoschetschufi :  ein  PrallschuB,  bei  dem  die  Kugel  wie  ein 
flacher  Kiesel  auf  der  Wasseroberflache  mehrfach  aufschlug,  um  die  feind- 
lichen  Geschiitze  auf  den  Bastionen  aufler  Gefecht  zu  setzen. 

S.  397,4  Ermenonville :  Landschaftspark  im  engl.  Stil  bei  Senlis,  den  dort 
Rene  Louis  de  Girardin  nach  1763  errichten  IieB.  Dort  verbrachte  J.  J. 
Rousseau  die  letzten  Jahre  seines  Lebens  und  wurde  auch  dort  beigesetzt.  - 
z  /  Fallmeister:  Schinder,  der  das  gefallene  Vieh  abhauten  und  verscharren 
muB.  Der  Beruf  gait  nach  dem  alten  Recht  nicht  als  ehrlos,  aber  als  anruchig. 
In  der  o.  zu  S.  157,22  erwahnten  Chronik  der  Stadt  Hof  wird  mehrfach 
berichtet,  daB  sich  die  Bevolkerung  geweigert  habe,  bei  der  Beerdigung 
von  Selbstmordern  Hand  anzulegen. 

S.  400, 11  Berliner  Monatsschrift:  Sie  wetterte  besonders  heftig  gegen 
verborgene  jesuitische  Umtriebe  in  Deutschland.  -  16  auf  eines  Weibes 
Haupt  immer  eine  Glat^e:  Der  Text  ist  hier  verderbt.  Offensichtlieh  ist  ein 
Stuck  des  Satzes  ausgefallen,  so. daB  sich  ein  e,rtraglicher  Sinn  nicht  mehr 
rekonstruieren  laBt.  Die  erste  Reimersche  Gesamtausgabe  setzt  die  vollig 
unbefriedigende  Konjektur:  »auf  eines  Weibes  Haupt  setzt  der  Mann  immer 
eine  Glatze«. 

S.  4or,j*  palmyrische  Rudera:  Die  Ruinen  von  Palmyra,  der  unter  der 
Herrschaft  der  Zenobia  bluhenden  Handelsstadt  in  Syrien,  waren  schon 
im  i8.Jahrh.  durch  das  von  Wood  und  Dawson  veroffentlichte  Kupfer- 
stichwerk:  »The  Ruins  of  Palmyra«  (1753)  se^r  beriihmt. 

S.  402,52  acidum  vitrioli:  altere  Bezeichnung  fur  verdunnte  Schwefel- 
saure. 

S.  404,50  Faustel:  Bergmannshammer,  mit  dem  man  fruher  dtn  MeiBel- 
bohrer  bediente. 


anmerkungen  1 173 

-Der  Jubelsenior 

Die  Idylle  wurde  vom  21.  September  1796  bis  zum  Ende  des  gleichen  Jahres 
niedergeschrieben,  doch  reichen  die  Skizzen  und  Plane,  wie  haufig  bei  Jean 
Paul,  geraume  Zeit  weiter  zuriick,  in  diesem  Fall  bis  in  den  Anfang  des 
Jahres  1794.  Am  1.  Januar  1797  schickte  derDichterdasManuskript,vondem 
er  noch  wenig  befriedigt  war,  an  Christian  Otto  zur  Durchsicht.  Nach 
dessen  eingehender  Kritik  iiberarbeitete  Jean  Paul  die  Geschichte  noch  ein- 
mal  an  einigen  Punkten  und  gab  sie  bereits  Mitte  Januar  zum  Druck  an  den 
Leipziger  Buchhandler  Beygang,  der  ihn  um  ein  neues  Werk  ftir  seinen 
Verlag  angegangen  hatte.  Durch  Schwierigkeiten  mit  der  Leipziger  Zensur 
zogerte  sich  der  Satz  des  Buches  ziemlich  hinaus,  und  erst  Anfang  Juni 
1797  konnte  der  Dichter  die  ersten  Freiexemplare  an  seine  Freunde  verteilen. 
Das  kritische  Echo  war  durchweg  kiihl  und  zuriickhaltend.  Eine  zweite 
Auflage  des  Biichleins  ist  zu  Jean  Pauls  Lebzeiten  nicht  mehr  erschienen. 

S.4H,*  Prodromus galeatus :  »behelmteVorrede«,  ein  apologetischer  Vor- 
spann  in  kritischen  Werken.  —  12  Jupiters-Tonne:  s.  o.  zu  S.  206,-26*.  — 
1 2  Qumterne:  s.  o.  zu  S.  12,-2.  —  1 5  Lovelace:  der  damonische  Verfuhrer  in 
Samuel  Richardsons  (1689— 1761)  Roman:  »The  History  of  Clarissa  Harlo- 
we«  (1748).  -  ijTomJones:  der  nicht  gerade  prude  Held  aus  Henry  Fieldings 
(1707-54)  gleichnamigem  Hauptwerk  (1750).  —  ij  Durchbruch:  So  nannte 
man  in  pietistischen  Schriften  den  Augenblick,  in  dem  die  siindige  Seele 
zur  Erkenntnis  Gottes  gelangt.  -  17  Klosterprofefi :  Ordensgeliibde.  - 
18  Agathon:  der  Held  in  Wielands  erstem  Roman  (1767),  der  in  alien  Ver- 
fiihrungen  nie  das  Gefuhl  der  naturlichen  Tugend  verliert  und  sich  schliefi- 
lich  glanzend  bewahrt. 

S.  412,2  materia  medica  und  peccans:  Arznei-  und  Krankheitsstoff.  Dabei 
spielte  der  erste  Name  auf  Anton  Nikotais  Schri  ft:  »Systema  materiae  medicae 
ad  praxin  explicatae«  (2  Bde.  1750-52)  an.  -  10  Polyklets-Kanon:  Der 
»Lanzentrager«,  das  Hauptwerk  des  griech.  Bildhauers  Polykletos  von  Ar- 
gos,  gait  im  Altertum  als  Kanon,  um  die  Proportionen  des  menschlichen 
Korpers  zu  studieren.  —  36  Nicolais  Nothanker  und  Thummels  Wilhelmine: 
August  Wilh.  v.  Thummel  (1738-1817),  der  Verfasser  der  »Reise  in  die 
mittaglichen  Provinzen  von  Frankreich«  (8  Tie.  i79ifT.)  schrieb  1764  die 
liebenswiirdige  Idylle:  »Wilhelmine«.  An  deren  Handlung  und  Haupt- 
figuren  anknupfend,.  schrieb  Friedr.  Nicolai  (s.  o.  zu  S.  280,-26")  in  den 
Jahren  1773-76  den  Roman:  »Leben  und  Meinungen  des  Magisters  Sebaldus 
Nothanker«  (4  Bde.),  der  polemisch  gegen  Orthodoxie  und  Pietismus  zu 
Felde  zog. 

S.  41 3,  /  7  wie  VoltairensKlio :  d.h.  wohl.*  die  Muse  der  Geschichtsschreibung 
gab  Voltaire  Einfalle,  zu  denen  der  historische  Gegenstand  nur  den  AnlaB 
bot.  -  1 8  Narrenschiff:  Sebastian  Brant  verb  Sen  tlichte  1497  sein  satirisches 
Gedicht :  »Das  NarrenschifT«,  in  dem  er  unter  dem  Bilde  einer  SchifTgesell- 


1 174  ANMERKUNGEN 

schaft  die  Narren  und  Torheiten  seiner  Zeit  geiBelte.  —  20  Charles  Bonnet 
(1720-93):  Naturforscher  und  Philosoph  in  Genf.  Sein  System  der  Natur- 
geschichte  entwickelte  er  besonders  in  den  "Contemplations  de  la  nature** 
(dt.  1766).  —  32  Buffon:  s.  o.  zu  S.  25,25.  —  36  musivisch:  mosaikartig. 

S.  414,*  Asaroton:  MosaikfuBboden,  auf  dem  in  der  geschilderten  Weise 
Knochen,  Kehricht  und  Speisereste  dargestellt  wurden.  -  22  Schul^e:  Damit 
ist  der  Romanschriftsteller  Joachim  Christoph  Friedr.  Schulz  (1762-98) 
gemeint,  den  J.  P.  vorziiglich  seiner  Romane:  »Moritz«  und  »LeopoIdine« 
(1785  und  1790)  wegen  schatzte.  —  z5  Orseille:  die  sog.  Farbeflechte  (ro- 
cella  tinctuaria).  Sie  wird  schon  seit  dem  Mittelalter  zum  Rotfarben  der 
Stoffe  benutzt. 

S.  41 5,5  Thaddaus  Kosciusko  (1756-18 17):  der  Ietzte  Feldherr  des  freien 
Polen.  Er  geriet  in  der  Schlacht  von  Macziechowize  1794  in  die  Gewalt  der 
russ.  Armee,  wurde  aber  Ende  1796  nach  dem  Tode  Katharinas  II.  aus  der 
Haft  entlassen.  Da  die  Nachricht  in  der  »Bayreuther  Zeitung«  am  2.  Januar 
1797  erschien,  wurde  die  Vorrede  vermutlich  am  3.  oder  4.  Januar  ge- 
schrieben. 

S.  416,2/  Kdlberiakn:  zahnartige  Verzierung  des  Gebalkes  durch  Kerben, 
die  in  das  Hauptgesims  eingeschnitten  sind.  —  2y  flachsenfinglsch;  s.  o.  zu 
S.  70,^6". 

S.  417,36 gracilis  adparnassum:  S.  o.  zu  S.  296,/  7. 

S.  418,5  voluntas  antecedens:  der  vorherbestimmende  Wille  Gottes  in 
der  alteren  katholischen  Theologie.  —  10  Envoye:  s.  o.  zu  S.  391,20.  — 
1 8  Reverberierfeuer :  s.  o.  zu  S.  96,^.3.  —  20  Jenaiscke  Literatur\eitung :  s.  o. 
zu  S.  28,/. 

S.  419,2  Geburtstags-Ball  des  Konigs:  Der  Geburtstag  Friedrich  Wil- 
helms  II.  flel  auf  den  25.  September.  -  13  Sofinianer:  Die  Anhanger  des 
Julius  Socinus  (1525-62),  die  damals  nur  noch  in  Siebenburgen  verbreitet 
waren,  lehrten  eine  vernunftbestimmte  Offenbarung.  Der  erwahnte  Satz 
ist  im  »Rakauer  Katechismus«  (1605)  enthalten. 

S.  420,j*  Gratiat:  d.  i.  Dankgeschenk.  -  3S  Elenchus;  SchluBteil  der 
Predigt. 

S.  421,6"  die  erleuchtete  Angelos-Kuppel :  Die  Erleuchtung  der  Peterskirche 
gehorte  zu  den  bedeutendsten  Sehenswiirdigkeiten  Roms  im  i8.Jahrh.  — 
1 1  Mosis-Decke :  Als  Moses  vom  Sinai  wiederkehrte,  war  sein  Gesicht  so  voll 
Glanz,  daB  niemand  ihn  anzublicken  vermochte  und  er  sein  Gesicht  beim 
Sprechen  verhiillen  muBte.  Vgl.  2.  Mose  34,29-35.  -  24  Tripelalliance  : 
Dreierbiindnis.  Angespielt  ist  wohl  auf  den  am  4.  Januar  1717  zwischen 
Frankreich,  England  und  Holland  geschlossenen  Vertrag  zur  Sicherung  der 
Erbfolgebestimmungen  aus  dem  Utrechter  Frieden.  -  31  Bille:  dt.  gebildete 
Dativform  zu  »Bill«  (Gesetzesvorschlag).  -  36  Konviktoristin:  Freitisch- 
gangerin. 

S.  422,5  Alter  vom  Berge:  So  ubersetzten  die  Kreuzfahrer  den  Titel 
Scheich  el  Dschebel  (Gebieter  des  Berges),  den  das  Oberhaupt  der  Assas- 


ANMERKUNGEN  1175 

sinnen  fuhrte.  -  9  Pdpstin  Johanna:  Nach  einer  verbreiteten  Sage  des  13. 
Jahrh.  regierte  nach  855  eine  Frau  zweieinhalb  Jahre  die  Kirche,  bis  die 
Geburt  eines  Kindes  sie  verriet.  Arnim  hat  den  Stoff  in  einem  Drama  be- 
handelt.  -20  nach  Euler:  Leonhard  Euler  legte  seine  Gedanken  zur  Astro- 
nomie  in  seiner  »Theoria  motum  planetarum  et  cometarum«  von  1744 
nieder.  -  34  Kontuma^schlofi '.•  s.  o.  zu  S.  129,/ 5. 

S.  423,2 1  Weiber-  oder  Kunkellehen:  ein  Lehen,  das  auch  auf  die  weib- 
liche  Linie  tibergehen  kann.  —  31  Grofikreu^:  Adliger,  der  das  GroBkreuz 
eines  Verdienstordens  besitzt. 

S.  424,2  nach  Rochefoucauld:  Der  Satz  findet  sich  in  den  beruhmten 
"Reflexions  ou  sentences  et  maximes  morales«  (1664)  des  Herzogs  von 
Larochefoucauld  (1613-80).  —  31  me  Salomons  Siegelring:  Der  Ring,  mit 
dem  Konig  Salomon  in  den  Marchen  die  Geister  zu  regieren  vermochte, 
soil  nach  seinem  Tod  verschwunden  sein.  —  3S  retorquieren:  hier.svw.  zu- 
riickschimpfen. 

S.  425, 33  Kings-Bench:  Gerichtshof  und  Zuchthaus  in  London. 

S.  426,31  Ziliiium:  Gewand  mit  einem  Stachelglirtel  zu  BuBubungen. 

S.  428,24  Pindus:  s.  o.  zu  S.  256,  z  2. 

S.  429,/ 3  Exordium:  Predigteingang.  -  34  schillernde  Eispalaste:  s.  o. 
zu  S.  342,J*. 

S.  430, j  dem:  Die  Originalausgabe  setzt  dafiir  versehentlich  »den«. 

S.  431, 19  Teichdocke:  s.  o.  zu  S.  107,/.  —  27  Anmerkung:  Unter  den 
Liguisten  sind  die  Anhanger  der  kath.  Partei  in  Frankreich  zu  verstehn,  die 
sich  unter  dem  Herzog  Heinrich  von  Guise  1576  zusammengeschlossen 
hatten.  Das  Zitat  aus  Karl  Antons  »Geschichte  der  deutschen  Nation« 
(1.  Bd.  1793)  *st  nacn  Berend  falsch. 

S.  432, 19  Idwtikon:  Mundartworterbuch.  -  22  Patavinitat:  s.  o.  zu 
S.  23  5, 1 4.  -  3 1  krhische  Briefs:  die  spatere  »Vorschule  der  Asthetik«,  in  der 
besonders  das  X.  Programm  dieser  Fragestellung  gewidmet  ist.  -  35  phy- 
siognomische  Fragmente:  s.  o.  zu  S.  212,2,9. 

S.  434, 1  Zier-,  Spieft-,  Treff-,  Inventions-  und  Jungferndank:  Ausdriicke 
aus  der  Turnier-  und  Landsknechtssprache,  die  eine  Belohnung  fur  Turnier- 
erfolge  und  Kriegsdienste  bezeichnen.  -  zo  effigie:  bildlich.  -20  Bock 
in  der  Wuste:  der  sog.  Siindenbock.  Vgl.  3.  Mose  16,21  f.  -  29  Priniipal- 
kommissarius  :  seit  1663  Titel  des  kaiserlichen  Vertreters  auf  dem  Reichstag.  - 
31  indossieren:  iibertragen.  —  33  Quistorps  peinl.  Recht:  Der  Rechtsge- 
lehrte  Joh.  Christoph,  Edler  v.  Quistorp  (1737-95)  verorTentlichte  1770  als 
sein  Hauptwerk  die  »Grundsatze  des  Teutschen  peinlichen  Rechts«.  - 

S.  435,4  delicto  excepta:  Kapitalvergehen.  -  1 1  Pedro  de  Alva  y  Astorga 
(um  1590  bis  1667) :  span.  Theologe.  Er  wies  die  angefuhrten  Ahnlichkeiten 
in  seinem  kuriosen  Werk:  "Naturae  prodigium  et  gratiae  portentum,  hoc 
est  Seraph.  P.  Francisci  vitae  acta  Christi  vitam  et  mortem  regulata  et 
coaptata«  (165 1)  nach. 

S.  436, 1 S  limbus  infantum:  Kinderhimmel;  wie  der  wlimbus  patrumu,  der 


Ilj6  ANMERKUNGEN 

Wohnsitz  der  Vater  aus  dem  A.  T.,  ein  Ort  am  Rande  des  Himmels  zwischen 
Holle  und  Paradies,  in  dem  die  Seelen  der  ungetauft  verstorbenen  Kinder 
wohnen.  —  26  Ewigkeitsschlange:  s.  o.  zu  S.  177,28.  —  30  Kielkropfe: 
Teufelskinder,  syn.  mit  dem  vorausstehenden  »Wechselbalg«. 

S.  437>P  John  Arbuthnot  (1675-1735):  Arzt  und  Schriftsteller,  Freund 
Swifts,  mit  dem  er  die  beruhmten  "Memoirs  of  Martin  Scriblerus«  (1741) 
verfaBte.  —  30  Homilie:  Kanzelvartrag,  erbauliche  Lehre. 

S.  439, 1 3  Prosektor;  s.  o.  zu  S.  95, 32.  -  2j  Chodowleckischer  Kupfer- 
stich:  Daniel  Nik.  Chodowiecki  (1726-1801)  war  der  beruhmteste  deutsche 
Kupferstecher  des  18.  Jahrh.,  der  in  zahllosen  Szenen  das  Leben  des  biirger- 
lichen  Mittelstandes  verewigte. 

S.  440,7  Widerruf  des  Edikts  von  Nantes:  Am  22.  Okt.  1685  hob  Ludwig 
XIV.  das  Toleranzedikt  von  Nantes,  das  Heinrich  IV.  1598  den  Hugenotten 
gegeben  hatte,  auf  und  trieb  diese  aus  ihrer  Heimat  fort.  -  21  im  entgegen- 
geset^ten  Falle  Solons:  vgl.  Cicero  »De  senectute«  XX. 

S.  44i>  1  Weife:  Garnhaspel.  -  2  Lukas-  und  Agathaiettel:  Sie  helfen  nach 
altem  Volksglauben,  wenn  sie  mit  lat.  Segensformeln  beschrieben  sind, 
gegen  Brand  und  Krankheiten.  —  5  Gellerts  Definition  von  einem  Briefe: 
vgl.  Gellerts  »Praktische  Abhandlung  vom  guten  Geschmack  in  Briefen«, 
die  er  der  Sammlung  seiner  Briefe  (175 1)  vorausschickte.  —  31  Ak^essh  (er 
ist  nahe  gekommen)/  Nebenpreis  bei  akademischen  Ausschreibungen. 

S.  442,2  Pastor  fido:  Liebhaber,  urspr.  der  Titel  von  Guarinis  beruhmtem 
Schaferspiel:  »I1  pastor  fido«  (1585).  -  zg  als  verkappter  Kalif:  wie  der  aus 
»iooi  Nacht«  bekannte Harun  al  Raschid.  -  20  Agioteur:  Borsenspekulant.  — 
21  nuntius  de  latere:  s.  o.  zu  S.  125,77.—  2j  Maskopie  (holL):  Handels- 
gesellschaft. 

S.  443, J7  O  Ewigkeit,  du  Donnerwort:  geistl.  Lied  von  Johannes  Rist 
(1607—67).  —  18  bowling  green:  s.  o.  zu  S.  19,7  <?. 

S.  444,7  Pdppelinsel:  s.  o.  zu  S.  200,2 3. 

S.  445, <?  Martyrologium :  liter  svw.  Leidensgeschichte.  -  14  kumaische 
Sibylle:  die  beruhmteste  Wahrsagerin  des  rom.  Altertums.  -  18  Gerhard 
Honthorst  (1 592-1668):  niederl.  Maler  aus  der  Schule  des  Caravaggio.  Er 
war  fur  seine  Nachtbilder  so  beruhmt,  daB  ihn  die  Italiener  "Gerardo  della 
Notte«  nannten.  —  22  Immersion:  Verfinsterung  eines  Sternes  durch  die 
Sonnenstrahlen.  —  33  Prd\ipitat :  Niederschlag. 

S.  446,18  Gravamina:  Verfassungsbeschwerden.  Vielleicht  eine  Anspie- 
lung  auf  die  Sammlung:  »Der  samtlichen  Evangelisch-Lutherischen  und 
Reformierten  im  H.  R.  Reich  Neue  Religionsgravamina  usw.«  (6  Bde., 
i72off.).  -  3  7  lanternisieren  (lanterniser) :  an  die  Laterne  hangen,  ein  in  der 
franz.  Revolution  gepragter  Ausdruck.  -  32  im  September:  Die  franz. 
Revolutionsheere  unter  der  Fiihrung  der  Generale  Jourdan  und  Moreau 
waren  im  August  1796  fast  bis  nach  Regensburg  vorgestoBen.  Daher  wur- 
den  die  Reichstagsakten  von  dort  zu  einem  groBen  Teil  nach  sicheren  Orten 
ausgelagert. 


ANMERKUNGEN  II77 

S.  447,  i  Inrotulieren :  (in  einen  Rotul,  ein  Aktenbiindel)  zusammenlegen 
und  einrollen,  d.  i.  die  Akten  fur  die  hohere  Instanz  fertig  machen.  —  ly  der 
108.  Psalm;  vermutlich  denkt  J. P.  doch  an  den  109.  Palm,  in  dem  der 
Sanger  Gott  urn  die  Ausrottung  seiner  Feinde  bis  ins  andere  Glied  anfleht.  - 
i  y  Biirgerkrone:  Im  alten  Rom  wurde  verdienten  Biirgern  ein  Ehrenkranz 
aus  griinen  Zweigen  verliehen.  -  34  Gassen-Reverberen:  s.  o.  zu  S.  96,  33.  - 
36  Menagiana:  Das  Zitat  bezieht  sich  auf  die  selten  gewordene  Sammlung: 
»Menagiana«  (1693  u.  6.),  in  der  aus  dem  NachlaB  des  franz.  Polyhistors 
Gilies  Menage  (1613-92)  Anekdoten,  Sentenzen  und  kleine  Abhandlungen 
versammelt  wurden. 

S.  448,5)  formula  concordiae:  das  1580  zur  Beseitigung  der  inneren  Strei- 
tigkeiten  herausgegebene  »Einigungsbuch«,  eines  der  »symbolischen«  Bii- 
cher  der  Protestanten.  —  12  karolingische  Halsgerichtsordnung ;  die  »Consti- 
tutio  criminalis  Carolina",  das  erste  deutsche  Strafgesetzbuch.  Es  wurde  1 532 
durch  Karl  V.  zum  Reichsgesetz  erhoben  und  blieb  bis  in  die  Mitte  des  18. 
Jahrh.,  in  PreuBen  bis  1806  in  Geltung.  -  25judices  a  quibus  undadquos:  s.  o. 
zu  S.  212,24.  —  2,5  Leuterant:  Anwalt  in  einem  Wiederaufnahmeverfahren.  - 
27  Karolinen  und  Theresianen:  im  ersten  Fall  die  erwiihnte  Halsgerichts- 
ordnung Karl  V.,  im  zweiten  Fall  die  »Constitutio  criminalis  Theresiana«, 
die  in  Osterreich  1768  die  altere  Gesetzgebung  abloste.  -31  Fraisfall: 
Todesurteil. 

S.  449,4  Planlglob:  Darstellung  einer  Erd-  oder  Himmelskarte  auf  einer 
ebenen  Flache.  -  9  Schlegel:  Gemeint  1st  der  Dramatiker  Joh.  Elias  Schlegel 
(1718-49),  der  eine  Erneuerung  der  deutschen  Dramatik  anstrebte.  Der 
Satz  bezieht  sich  auf  die  Praxis  des  klassischen  franz.  Dramas,  Schreckens- 
szenen  stets  vor  dem  Zuschauer  zu  verbergen,  und  auf  Racines  Eigenart  in 
der  Behandlung  der  Schurken.  —  1  <?  Cesare  Bonesano  da  Beccaria  (1738—94): 
berCihmter  it.  Jurist,  bekampfte  in  einer  Schrift:  »Dei  delitti  e  delle  pene« 
(1780  in  endgiiltiger  Form)  die  Tortur  und  die  Todesstrafe  und  erregte 
damit  weltweites  Aufsehen.  —  20  Frais-  und  Zentherren:  Gutsbesitzer,  die 
das  Recht  iiber  die  peinliche  Gerichtsbarkeit  auf  ihrem  Territorium  be- 
saGen.  -  22  Tyburn  und  Greveplat^:  Auf  ihnen  fanden  fruher  in  London  und 
Paris  die  ofTentlichen  Hinrichtungen  statt.  -  29  Feimer:  obdt.  Femerichter. 

S.  450,?  Hungerturm:  Anspielung  auf  Gerstenbergs  Drama  »Ugolino« 
(1768),  das  den  Hungertod  des  Grafen  Ugolino  da  Siena  und  seiner  Sohne 
zum  Gegenstand  hat.  —  8  revenant:  s.  o.  zu  S.  156,70.  —  9  aqu<*  toffana: 
schleichendes  Gift.  —  1 8  Weisel:  Anfiihrer,  im  besonderen  bei  den  Bienen 
die  Konigin.  —  jS  gekopfet  und  kuri  darnach  gehangen;  vielleicht  ein  be- 
wuBter  Anklang  an  die  Rachearie  des  Osmin  in  Mozarts  »Entfiihrung  aus 
dem  SeraiK 

S.  4$ i,8  Voltaire:  Das  Zitat  weist  Berend  im  »Briefwechsel  Friedrichs 
des  Groften  mit  Voltaire«  nach.  Vgl.  in  der  Ausgabe  von  R.  Koser  und  H. 
Droysen  (1909),  2.  Bd.,  S.  79  f.  -  13  maltre  des  hautes  ceuvres:  Henker. 

S.  452,2  VirgUs  geschilderter  Laokoon:  vgl.  Aeneis  II,  20 iff.—  6  Anthro- 


1 178  ANMERKUNGEN 

polith:  vermeintliche  Versteinerungen  von  menschlichen  Korperteilen.  — 
26  Ugotinos  Hungerturm:  s.  o.  zu  S.  450,*.  —  26  Kents  ausgeleerte  rote 
Augenhohle:  vgl.  Shakespeares  »King  Lear«  111,7,  wo  aber  Gloucester  ge- 
blendet  wird. 

S.  453,  30  Poussiergriffel:  richtig:  Bossiergriffel,  Bildhauerwerkzeug 
zum  Modellieren  in  Stein.  —  33  August  Wilhelm  Iff/and  (1759-1814): 
Schauspieler  und  Dramatiker.  J.  P.  denkt  an  die  unmittelbar  gleichzeitigen 
Stiicke,  wie  die  »Aussteuer«  und  die  »Advokaten«  (1795),  in  denen  Iffland 
dureh  ein  Verknappung  des  Dialoges  Stakkatowirkungen  auf  der  Buhne  zu 
erzielen  vcrsuchte. 

S.  454,-2  Neuntoter:  der  Wiirger  (lanius  cinereus),  ein  Raubvogel,  der 
nach  dem  Volksmund  jeden  Tag  neun  Vogel  erlegt.  —  4  Kallus;  hier  svw. 
knorpelige  Verhartung.  —  19  Blut  des  heiligen  Januars :  Das  Blut  des  San 
Genaro,  des  Stadtheiligen  von  Neapel,  wird  zweimal  im  Jahr  wieder  flussig.  — 
23  jiidischerTodesengel:  vgl.  2.  Mose  12,296".  Die  Erzahlung  wurde  in  der 
jiidischen  Tradition  urn  zahlreiche  neue  Zuge  erweitert.  —  32  wie  Ananias 
und  seine  Ehefrau:  vgl.  Ap.  Gesch.  5,1—10. 

S.  45  5,-2 1  dreistundiger :  Die  Originalausgabe  und  ihr  folgend  die  Kritische 
Ausgabe  setzen  dafiir  die  schwache  Form:  »dreistundige«.  -  23  Seneka: 
»Nicht  ein  Tod  war,  doch  der  uns  entreiBt,  ist  der  letzte  Tod«.  -  27 
todliche  Ration  Mdusegift:  Danach  scheint  eine  Anspielung  durch 
die  Zensur  gestrichen  word  en  zu  sein,  wie  Forster  in  »Wahrheit  aus  Jean 
Pauls  Leben«  V,20i  mitteilt.  -  34  dekollieren:  enthaupten.  -  36  Homtnel: 

S.  O.  ZU  S.   $2,21. 

S.  456,6"  Totenfatl:  hier  wohl  svw.  Totengeld,  das  aus  der  Sterbekasse 
bezahlt  wird.  -  21  Pariser  Insurgenten:  Beim  Sturm  auf  die  Bastille  bewaff- 
neten  sich  die  aufstandischen  Proletarier  bekanntlich  aus  dem  Arsenal  der 
Militarakademie  (Bellona  ist  die  rom.  Gottin  des  Krieges).  -  22  Melpomene: 
Muse  der  tragischen  Dichtkunst.  -  27  wie  Attikus:  Der  einfluBreiche  rbm. 
Ritter  T.  Pomponius  Atticus  (108-31  v.Chr.)  starb  freiwillig  den  Hunger- 
tod,  veranlaBt  durch  eine  schmerzhafte  Krankheit.  Vgl.  Cornelius  Nepos: 
»Atticus«  36. 

S.  457,*5  Paiingenesie:  Wiedergeburt. 

S.  45  8,^ 3  Scheerau,  Flachsenfingen  und  Haarhaar:  die  Schauplatze  der 
»Unsichtbaren  Loge«,  des  »Hesperus«  und  des  »Titan«,  an  dem  J.  P.  damals 
arbeitete. 

S.  459,2  Joh.  Ernst  Fabri  (1755-1825).-  Professor  der  Geographie  in  Er- 
langen,  gab  1780-90  eine  »Elementargeographie«  in  4  Bdn.  heraus,  der  er 
eine  vom  Dichter  vielbenutzte  »Geographie  fur  alle  Stande«  folgen  liefi.  - 
1 4  Bethesda-Teich:  Das  Wasser  dieses  Teiches  machte  nach  Joh.  5,4,  wenn 
es  von  einem  Engel  bewegt  wurde,  jeden  gesund,  gleichviel  an  welcher 
Krankheit  er  litt.  -  33  offi^inell:  arzneilich,  heilsam. 

S.  460,2  iwei  Magdeburgische  Halbkugeln:  die  beriihmten,  von  Otto  v. 
Guericke  (1602-86)  erfundenen  Vakuum-Kugeln,  uber  die  er  1672  in  seinen 


ANMERKUNGEN  1179 

»Experimenta  nova,  ut  vocant,  Magdeburgica  de  vacuo  spatio«  erstmals 
berichtete.  -  4  griechische  Helene:  Der  Busen  der  Helena  soil  zum  Modell 
fur  ein  TrinkgefaB  gedient  haben.  —  19  Jan  van  Huysum  (1682-1749): 
niederl.  Stillebenmaler  aus  Amsterdam.  —  19  Abraham  Mignon  (1640-79): 
ein  Schiiler  des  Davidsz  de  Heem,  einer  der  bekanntesten  Stillebenmaler  der 
niederl.  Schule.  Die  beiden  angefuhrten  Maler  liebten  es,  tauschend  ahnliche 
Tauperlen  auf  ihren  Bildern  anzubringen. 

S.  461,5  Friedr.  Wilh.  Herschel  (1738-1822):  bedeutender  Astronom, 
der  zuerst  in  den  Nebeln  der  MilchstraBe  ausgedehnte  Sternfelder  zu  er- 
kennen  vermochte.  —  31  Sphinxe  und  Phaldnen:  Nachtfalter. 

S.  462,5  Klopstochs  Gelehrtenrepublik:  Fr.  Klopstocks  Abhandlung:  »Die 
deutsche  Gelehrtenrepublik«  erschien  auf  Pranumeration  1774,  und  die 
Liste  der  Subskribenten  umfaBte  in  der  Erstausgabe  mehr  als  70  Seiten.  — 
zi  Sckloiertscher  Briefwechsel:  Aug.  Ludw.  v.  Schlozer  (173  5-1809),  Hi- 
storiker  und  Publizist,  veroffentlichte  in  den  Jahren  1776-82  in  10  Bdn. 
einen  »  Briefwechsel,  meist  historischen  und  politischen  Inhalts«. 

S.  463,2  heiligen  Geist:  Verbesserung  der  Kritischen  Ausgabe.  Die  Origi- 
nalausgabe  muBte  dafur  auf  Verlangen  der  Zensur  wguten  Geist«  einsetzen.  - 
14  Jean  Calas  (1698-1762):  franz.  Kaufmann,  wurde  nach  dem  Selbstmord 
seines  Sohnes,  der  zum  kath.  Glauben  iibertreten  wollte,  angeklagt,  ihn  aus 
religiosen  Motiven  ermordet  zu  haben,  und  ofFentlich  geradert.  1765  sprach 
ein  Pariser  Gericht  nach  heftigen  Angriffen  von  seiten  Volltaires  und  der 
Aufklarer,  Calas  von  aller  Schuld  frei.  J.  P.  denkt  vermutlich  an  den  1765 
entstandenen  und  sehr  verbreiteten  Kupferstich  von  Delafosse:  »La  mal- 
heureuse  famille  Calas.«  -  19  Aaronsstecken;  4.  Mose  I7,i6ff. 

S.  464,72  Postlapsarier:  Riickfalliger.  —  30  Baron  Wolf:  s.  o.  zu  S. 
252,35.  —  34  Moresken:  svw.  Arabesken,  Ziermalereien.  -  34  Bamboc- 
chiaden;  s.  o.  zu  S.  24,7. 

S.  465,33  Anmerkung;  Das  vollstandige  Zitat  des  seltenen  Buches  lau- 
tet:  Caspar  Scaliger  (1 484-1 558)  »Exotericarum  exertitationum  liber  quin- 
tus  decimus  de  subtilitate  ad  Hieronymum  Cardanum«  (1557)*  Die  Ober- 
setzung  gibt  J.  P.  im  Text  selbst  ziemlich  wortlich.  -  36  Bourrits  Reise: 
Gemeint  ist  T.  Bourrits  »Beschreibung  der  penninischen  und  rhatischen 
Alpen«  (1782). 

S.  466,5  Kautelar jurisprudent :  der  Teil  des  praktischen  Rechts,  der  sich 
mit  den  moglichen  VerhutungsmaBnahmen  eines  Schadens  oder  Verbre- 
chens  befaBt.  -  18  Attitiiden  der  Lady  Hamilton:  Emma,  Lady  Hamilton 
(1761-1815),  die  Geliebte  Nelsons,  als  Maitresse  an  vielen  Hofen  Europas 
auftauchend,  war  wegen  ihrer  »  Attitiiden«,  ihrer  Kunst  der  mimischen  Darstel- 
lung,  viel  bewundert.  -  21  Turiner  Lichtchen:  phosphoreszierende  Wachs- 
lichter  in  Glasrohren,  die  sich  selbst  entziindeten,  sobald  sie  mit  der  Luft 
in  Beriihrung  kamen.  -  23  Enkaustik:  antike  Maltechnik,  bei  der  die  Farben 
dem  Malgrund  eingebrannt  wurden. 

S.  467,?^ Kothurn:  s.  o.  zu  S.  279,3.  -  20  heiligejubelpforte:  vermauerter 


Il8o  ANMERKUNGEN 

Nebeneingang  der  Peterskirche  in  Rom,  der  nur  alle  25  Jahre  zum  Jubeljahr 
vom  Papst  eigenhandig  geoffnet  wird. 

S.  468,5  Ephorus:  Aufseher,  ein  Staatsamt  in  Sparta,  das  dem  des  rom. 
Zensors  entsprach.  —  y  Ragusa:  Der  Rektor  von  Ragusa  wurde  alle  Monate 
neu  gewahlt  und  hatte  dann  diesen  einen  Monat  die  unumschrankte  Staatsge- 
walt.  -14  Visthnu:  Nach  der  Lehre  des  Hinduismus  erscheint  Vishnu,  der 
»Gott  der  Gotten*  in  zehn  Verwandlungen  auf  der  Erde.  -  1 8  Lithopadium: 
Steinkind,  verkalktes  Embryo.  -  18  Zoolith:  Versteinerung  vorweltlicher 
Tiere.  —  21  Arkadier:  Unter  der  Schirmherrschaft  der  Christina  von  Schwe- 
den  wurde  1690  in  Rom  die  »Akademie  der  Arkadier«  gegriindet,  exne 
Gesellschaft  von  Dichtern,  die  sich  gegen  die  Schwiilstigkeit  der  barocken 
Poeten  wandten.  Zur  Zeit  J.  P.s  war  es  iiblich,  daB  sich  vornehme  Reisende 
unter  einem  Schafernamen  in  die  Akademie  aufnehmen  lieBen.  Vgl.  J.  J. 
Volkmanns  »Historisch-kritische  Nachrichten  von  Italien  usw.«,  Bd.  2, 
S.  829  fT.  -  26neun  Aussat^ige:  vgl.  Luk.  17,  1 1-19.  -  37  Panisbrief;  Pfriin- 
denbestallung.  -  38  Preiist:  Bittsteller 

S.  469,2  St. Germain:  s.  o.  zu  S.  8 5, ,9.  —  7  wie  ein  Daubenton:  Louis  Jean 
Marie  Daubenton  (1716—99),  franz.  Naturforscher,  gab  mit  Buffon  zusam- 
men  die  »Histoire  naturelle  de  zoonomie«  (i746ff.)  heraus.  Er  wies  darin 
zuerst  auf  die  Ahnlichkeit  zwischen  RoBhuf  und  menschlicher  Hand  hin.  — 
1 4  Hamadryade :  Baumnymphe.  —  20  Price  in  London;  Der  engl.  Alchimist 
und  Betriiger  James  Price  (1752-83)  behauptete,  aus  Quecksilber  Gold 
machen  zu  konnen.  Als  seine  Experimente  scheiterten,  beging  erSelbstmord. 
Vgl.  Gottinger  Magazin,  3.  Jahrg.  (1782-83),  S.  410,  579,  886ff.  -  21  mun- 
dieren:  beglaubigen.  —  26  Antonin;  Marc  Aurel.  Er  pflegte  nur  im  hohen 
Fieber  seinen  stoischen  Gleichmut  zu  vergessen. 

S.  472, 19  Asphyxie;  Starrkrampf. 

S.  473, 2  o  Ceinturon;  nach  S.  673,6"  ein  breites,  silbernes  ScharpenschloB. 

S.  474, 32  Alcibiades;  Nach  dem  Bericht  des  Plutarch  warf  sich  einmal 
der  ganz  junge  Alkibiades  der  Lange  nach  vor  einen  heranbrausenden 
Wagen,  der  ihn  beim  Wiirfelspiel  zu  storen  drohte.  —  33  Jagdwurst:  hier 
svw.  Jagdwagen.  Eigtl.  versteht  man  unter  einer  »Wurst«  ein  landliches, 
schwerfalliges  Gefahrt. 

S.  475,6*— 19  Kaffee-Typologie :  vgl.  zu  solchen  Digressionen,  deren  Argu- 
mentationen  schlieBlich  in  sich  selbst  zusammenfallen,  Tristram  Shandy  11,8; 
V,26;  VII,27  und  den  §33  der  »Vorschule  der  Asthetik«.  —  29  Badine: 
Spazierstock. 

S.  476,3  Saksak:  vielleicht  der  Saki,  eine  dem  Schimpansen  verwandte 
Affenart.  —  4  Zoiluskopf:  Zoilus  war  ein  zankischer  griech.  Grammatiker 
aus  Amphipolis,  der  um  270  v.  Chr.  lebte  und  fur  seine  kleinliche  Tadelsucht 
um  Homer  sprichwortlich  wurde.  —  9  Konjunktion:  s.  u.  zu  S.  956,4. 

S.  477,7  Pipi:  Giulio  Romano  (1492-1 546)  hieB  mit  biirgerlichemNamen 
Giulio  Pippi.  -  8  Schafe  von  Klaase:  Gemeint  ist  wohl  der  Dresdner  Maler 
Fr.  Christian  Klaas  (1752— 1827),  dessen  kleine  Landschaftsskizzen  zu  J. P.s 


ANMERKUNGEN  Il8l 

Zeit  sehr  geschatzt  wurden.  -  1  GAbderiten:  s.  o.  zu  S.  274, 18.-19  Hadrians- 
Villa:  In  seiner  Villa  bei  Tivoli  hatte  der  Kaiser  Hadrian  gegen  Ende  seines 
Lebens  alle  beriihmten  Sehenswurdigkeiten  seiner  Welt  in  kleinem  MaBstab 
nachbilden  lassen. 

S.  478,26"  Garzilaso  de  Vega,  gen.  Inka  (1530-68):  span.  Historiker,  der 
aus  dem  Konigshaus  der  Inkas  stammte.  Schrieb  eine  mehrfach  iibersetzte 
»Storia  general  del  Peru«  (zuerst  1616).  —  36  Demutsfcleid  des  heiligen  Alexis: 
vgl.  o.  S.  353,j5. 

S.  479,5  Gehenna:  der  Ort  der  Verdammten  in  der  jiidischen  Theologie.  - 
24  Akademie:  s.  o.  zu  S.  29,*  2.  —  28  Orbilius  Pupillus:  rom.  Grammatiker 
und  Lehrer,  der  als  Urbild  des  Schultyrannen  gilt.  Horaz  nennt  ihn 
(II  Epist.  1,70  f.)  »plagosus«,den  Schlagfertigen.-  32  Diogenes-Lateme :  An- 
spielung  auf  die  bekannte  Anekdote,  da6  Diogenes  am  hellen  Tage  mit 
einer  Laterne  durch  Korinth  gezogen  sei,  urn  Menschen  zu  suchen.  —  3S 
sphragistisch:  Sphragistik  nennt  man  die  Siegelkunde. 

S.  480,2,9  die  Narrheit  wie  Erasmus  usw.:  vgl.  o.  zu  S.  82,2;.  —  25  wie 
Kaligula:  vgl.  Sueton,  Cal.  22,3  ff.  —  27  Lararium:  Heiligtum  fiir  die  alten 
Hausgotter  in  Rom.  —  32  Parentator:  Lobredner. 

S.  481,22  Zirbeldriise:  In  ihr  ist  nach  Descartes  der  Sitz  der  Seele  zu 
suchen.  —  30  Treflebube:  Kreuzbube. 

S.  482,^  Stylit  Simeon:  Die  Styliten  oder  Saulenheiligen  verbrachten  ihr 
Leben  biiBend  als  Einsiedler  auf  hohen  Saulen  und  Felsen  in  der  agyptischen 
Wiiste.  Simeon  Stylites  (um  390-459),  der  Griinder  dieser  Sekte,  lebte  mehr 
als  dreiBig  Jahre  auf  einer  16  Meter  hohen  Saule  bei  Antiochia.  -  1 8  Ancora- 
Traurede:  wiederholte  Rede. 

S.  484,7  blaue  Bibliothek:  Diese  Sammlung  von  Marchen  und  Feenge- 
schichten  erschien  1 790-1 800  in  Gotha  unter  dem  Titel :  »Die  blaue  Bibliothek 
aller  Nationenu  in  12  Bdn.  -  2  0  Siechkobel:  So  wurden  in  Oberdeutschland 
die  Quarantanehauschen  am  Rande  der  Stadt  genannt.  —  1 2  Musenalmanach  : 
Ein  solcher  Anhang  war  dem  »Gothaer  Almanach«  beigegeben. 

S»  485,2  Festhase:  Er  darf  noch  in  der  Schonzeit  bei  ungewohnlichen  , 
Gelegenheiten  geschossen  werden.   -   6   Torus:   Ruhelager,   Ehebett.  - 
2.0  Schat^kdstlein:  Titel  zahlreicher  Erbauungsschriften  der  Zeit. 

.  S.  486,22  Triampole,  Quarampole  usw.:  gebrauchliche  Brett-  und  Karten- 
spiele  der  Zeit. 

S.  487,27  Anschrot:  eigtl.  Anschnitt,  dann  Rand  und  Besatz.  -  28 
Durchgangsgerechtigkeit:  das  Recht  auf  Abgaben  bei  durchpassierenden 
Wagen. 

S.  488,2^3  Thomastag:  21.  Dezember.  —  i5  erblichen:  vielleicht  Druck- 
fehler  fur  »erblichenen«.  -  32  Bewindheberin:  .  s.  o.  zu  S.  96,24. 

S.  489,5  Grahams-Bette:  James  Graham  (1745-94),  Quacksalber  mit 
dubiosem  Doktorgrad,  hatte  in  seinem  mondanen  Haus  in  dem  engl.  Bade- 
ort  Bath  ein  »celestial  bed«  aufgebaut,  das  gegen  Unfruchtbarkeit  helfen 
soilte.  -  26 Maskopeibruder:  s.  o.  zu  S.  442,27.  -  3S  Venerabile:  das  Aller- 


1 1  82  ANMERKUNGEN 

heiligste,  die  Hostie.  —  36  William  Derham  (1657-1735):  engl.  Prediger. 
Sein  Hauptwerk:  »Astro-Theologie«  (1714)  hat  J. P.  haung  benutzt. 

S.  490,4  Avisobrief:  Wechselbrief.  —  5  Mortifikationsschein:  Tilgungs- 
brief,  mit  dem  eine  Schuld  fur  eingelost  erklart  wird. 

S.  491, 1 2  spanische  Jesuiten:  Anspielung  auf  die  Versuche  der  Jesuiten, 
sich  durch  konigliche  Freibriefe  in  Spanien  vor  der  Aufhebung  des  Ordens 
zu  schiitzen.  fc 

S.  492,/  Fuchsturm:  Dieser  Teil  der  alten  Burg  Kirchberg,  in  dem  1161 
Konrad  von  Meifien  ein  Jahr  gefangen  saB,  gehorte  zu  den  Sehenswiirdig- 
keiten,  den  wsieben  Wundern«  von  Jena.  —  ijHaherrohr:  seit  dem  16.  Jahrh. 
eingebiirgerter  Name  fur  die  Schalmei.  —  1 8 promulgieren  :  offentlich  bekannt- 
machen. 

S.  493,4  bekielen:  befedern.  —  z5  Kordial:  herzstarkendes,  alkoholisches 
Getrank.  —  28  Campe:  s.  o.  zu  S.  34,30$".  J.P.  stiitzt  sich  dabei  vermutlich 
auf  Campes:  »Proben  einiger  Versuche  dt.  Sprachbereinigung«  (1791). 

S.  494, #  -Humoralpathologie:  Krankheitslehre,  die  nach  der  Lehre  des 
Galen  alle  Krankheiten  aus  Verunreinigungen  der  Korpersafte  (humores) 
herleitet.  —  23  verjungten:  Auch  hier  ist  an  einen  Druckfehler  fur  »verjiing- 
tem«  zu  denken. 

S.  496,;  8  Professionist ;  Handwerker.  —  30  Boa-Upas-Baum  (antiaris 
toxicaria) :  ein  sagenumwobener  Baum  der  malaiischen  Inselwelt,  der  einen 
gefahrlichen  Saft  enthalt.  Die  zum  Tod  Verurteilten  mufiten  mit  verhullten 
Augen  zu  dem  Baum  gehen,  dessen  Ausdianstung  sie  meist  sogleich  totete.  — 
32  Minotaurus-Hohle:  das  bekannte  Labyrinth  auf  Kreta. 

S.  498,^  Christian  Gottlob  Heyne  (1729-1812):  vor  allem  als  Lehrer 
vorziiglicher,  vielbandiger  klass.  Philologe.  -  8  Heidenreich:  Darunter  ist 
vermutlich  der  von  Schiller  und  Goethe,  aber  auch  von  der  Kantschule  be- 
fehdete  Dichter  und  Asthetiker  Karl  Heinrich  Heydenreich  (1764-1801) 
zu  verstehen,  der  zahlreiche  philosophische  Abhandlungen  verfaBt  hat.  - 
24  Lavaier;  s.  o.  zu  S.  i86,^5.  -  26  wie  Alexander:  vgl.  o.  zu  S.  87,7,9. 

S.  499,/  o  Ehezarter:  Ehevertrag.-  1  y  Strohkraniredner :  s.o.  zuS.  353,3.- 
31  Pun^e:  Stahlstichel  zu  erhobener  Metallarbeit. 

S.  500,7 1  John  Pringle  (1707-82):  Kapazitat  auf  dem  Gebiet  der  Militar- 
arzneikunst.  Sein  Hauptwerk:  "Observations  on  the  Diseases  of  the  Army« 
(1752,  dt.  1772)  war  allgemein  bekannt.  -  19  Gegenstandes:  Die  erste 
Reimersche  Gesamtausgabe  verbessert  vielleicht  zu  Recht  in  »Ehestandes«, 
doch  kann  auch  die  in  der  Originalausgabe  gegebene  Form  vom  Dichter 
intendiert  sein.  -  28  John  Wilmot,  Graf  von  Rochester  (1647-80);  geist- 
voller  Satiriker  am  Hofe  Karls  II.  von  England,  der  sich  erst  kurz  vor  seinem 
Tod  von  seinem  volligen  Unglauben  bekehrte.  -  29  Julien  OfTray  de  La 
Mettrie  (1709-51):  franz.  materialistischer  Philosoph  (»L'homme  machine« 
1743).  Er  war  1748  von  Friedrich  II.  nach  Berlin  berufen  worden.  -  31 
Johnsons  vortrefflicher  Rambler:  vgl.  in  Samuel  Johnsons  (1709-84)  Zeit- 
schrift:  »The  Rambler**  (1749  ff.),  Nr.  14  vom  5.  Mai  1750. 


ANMERKUNGEN  1 1  83 

S.  501, 34  Cicero:  vgl.  De  legibus  I,  50. 

S.  502,*j  Antoine  Laurent  Lavoisier  (1743-94)  und  Pierre  Simon  de 
Laplace  (1749-1827):  bedeutende  Chemiker  und  Mathematiker,  die  sich 
auch  um  die  Entwicklung  des  Hitzemessers  (Pyrometer)  verdient  gemacht 
haben. 

S.  503,^  jahrlich  fiinf  Festtage:  die  sog.  Sansculottiden,  die  im  franz. 
Revolution skalender  an  den  Schalttagen  des  neugeregelten  Jahres  einge- 
schoben  wurden.  —  ;  o  William  Whiston  (1667— 1752):  engl.  Theologe  und 
Mathematiker,  veroffentlichte  1696  eine  »New  Theory  of  the  Earth".  Darin 
versuchte  er  die  Genesis  durch  den  ZusammenstoB  der  Erde  mit  einem 
Kometen  naturhistorisch  auszudeuten.  —  2$  Legestackel:  s.  o.  zu  S.  166,12. 

S.  504, 1 2  Klinamen:  Neigung. 

S.  507,25  ihrem;  Die  Originalausgabe  setzt  dafur  falschlich  »ihren«. 

S.  508,  z<?  Ripienist:  Musiker  oder  Sanger,  der  nur  die  Fiillstimme  aus- 
zufuhren  hat.  —  32  »0  daft  ich  tausend  Zungen  hdtte«:  geistliches  Lied  von 
Joh.  Menzer  (d.  i.  Joh.  Fischart). 

S.  5io,z  Paraklet:  Beistand,  Troster.  -  10  Robert  Holcot  (gest.  1349): 
engl.  Dominikaner,  der  u.  a.  eine  Sammlung :  »Quodlibeta  in  IV  evangelia« 
verfaBt  hat. 

S.  511,4  Berg  Jovis  usw.:  Ausdriicke  der  alteren  Handlesekunst. 

S.  ^12,18  masque  en  chauve-souris ;  Fledermausmaske,  ein  grauschwarzer, 
langarmliger  Domino.  -  3 1  Mandel:  eigtl.  sechs  Stucke  einer  Art.  -  32  Halb- 
scheid:  svw.  Halfte. 

S.  513,2  Vernunftschliisse  in  Festino  und  Ferison:  alte  Bezeichnungen  fur 
zwei  ausgefallene  Arten'der  syllogistischen  SchluBfiguren.  In  beiden  wird 
jedoch  der  Obersatz  allgemein  verneint,  der  Untersatz  teilweise  bejaht  und 
der  Schlufisatz  besonders  verneint,  was  J.P.s  Aussage  widerspricht.  - 
1 1  Versikel:  Bibelvers. 

S.  515,4  Kirchenrat  Seiler:  Gemeint  ist  der  von  J.  P.  wenig  geschatzte 
Bayreuther  Konsistorialrat  und  Erlanger  Theologieprofessor  Georg  Friedr. 
Seiler  (1733-1807).  —  8  Evangelium  vom  Wassersiichtigen:  vgl.  Luk. 
14,1-14.  -  14  Sonnabend:  an  welchem  J.P.  in  das  Dorf  gekommen  war.  - 
23  Laodiieisches  /Consilium:  Das  erste  der  beiden  Konzilien  vom  Ende  des 
4.  Jahrh.  wandte  sich  scharf  gegen  den  MiBbrauch  des  Sonntags,  und  Augu- 
stin  griff  in  seinen  kirchenpolitischen  Schriften  wiederholt  auf  diesen  Ge- 
danken  zuriick. 

S.  516,^  seinen:  auf  »Geschopf«  zu  beziehen!  -  31  Gays  Bettler-Oper: 
s.  o.  zu  S.  198,2,9.  -  33  Michel  Baron  (1653-1729):  einer  der  grofiten 
Schauspieler  der  franz.  Buhne,  als  Darsteller  der  heroischen  Partien  in  den 
Dramen  Corneilles  und  Racines  noch  im  hohen  Alter  umschwarmt.  Seine 
Eitelkeit  brachte  ihm  viel  Tadel  und  manche  unzutreffende  Anekdote  ein.  - 
3$  Herder:  vgl.  Ideen  zur  Philosophie  der  Geschichte  der  Menschheit, 

4.  Bd.  (1792)  s-  99- 

S.  517,22  Plenipoteniiar :  bevollmachtigter  Gesandter.  -  33  Judenschut^: 


1 184  ANMERKUNGEN 

jahrliche  Abgabe,  welche  die  Juden  fur  den  ihnen  gewahrten  Rechtsschutz 
an  ihren  Landesherrn  zahlen  muflten.  —  36  wie  Yorick:  J.P.  verwechselt 
hier  "Yoricks  empfindsame  Reise«  mit  dem  »Tristram  Shandy«.  Vgl.  dort 
VII,  1 6. 

S.  5i8,j5  Pertschens  erstes  J ahrhundert:  vgl.  J.  G.  Pertsch:  »Versuch 
einer  Kirchen-Historie.  Erstes  Jahrhundert«  (1736),  S.  66. 

S.  520,^34  Anmerkung:  Das  Zitat  entnahm  J. P.,  wie  Berend  angibt, 
Chr.  Schottgers  »Antiquitatenlexikon«  (1729),  S.  7. 

S.  ^zi,t4Jener  Eispalast:  s.  o.  zu  S.  342,^7. 

S.  52.2,23  gaben:  richtig  »gab«,  doch  begegnen  ahnliche  Formen  bei  J.P. 
ofters.  —  26 Land der  Liebe:  Unter  diesem  Titel  hatten  Breitkopf  und  Hartel 
als  Probe  eines  neuen  Landkartendrucks  1777  ein  schones  Blatt  herausge- 
geben.  —  23  Augarten:  s.  o.  zu  S.  132,^5. 

S.  523,2  homannische  Spe^ielkarten:  s.  o.  zu  S.  231,6".  —  8  Flachsenfingen  : 
s.  o.  zu  S.  156,2-;.  —  30  Lambris:  Vertafelung. 

S.  524, 30  wie  David:  s.  o.  zu  S.  235,  ?#. 

S.  525,25  Borussias:  1794  erschien  von  J.  D.  Jenisch  ein  Epos  unter 
diesem  Titel. 

S.  526,7,7  Bruder  Redner:  s.  o.  zu  S.  301,5.  —  29  Kleisteraal:  Infusions- 
tterchen,  das  vorzugsweise  in  Kleister  oder  Essig  auftritt. 

S.  527,6" die  bekannte Insel der  Vereinigung :  vgl.  Hesperus,  12.  Hundpost- 
tag. 

S.  5  28, 2  z  Berliner  Druck :  J.  P.  denkt  wohl  an  die  damals  neu  verwendete 
Unger-Fraktur.  -  34  Barthold  Hinrich  Brookes  (1680-1747):  religioser 
Lyriker.  Sein  Gedicht:  »Die  auf  ein  starkes  Ungewitter  erfolgte  Stille«  aus 
dem  »Irdischen  Vergniigen  in  Gott«  (1721-48,  9  Bde.)  vermeidet  bei  der 
Schilderung  der  Stille  in  der  Natur  ganz  den  Buchstaben  R. 

S.  529,6  Vincente  Cardone  (um  1 590-1620):  Dominikaner  aiis  Neapel, 
schrieb  als  junger  Mann  jenes  Gedicht:  »L*R  sbandita«,  das  1614  zuerst 
erschien  und  161 8  zusammen  mit  dem  »I/alphabeto  distrutto«  wieder  auf- 
gelegt  wurde. 

S.  532,2  Helvetius;  s.  o.  zu  S.  194,* 5.  -  32  Balthasar  Denner:  s.  o.  zu 

S.   22,7.2. 

S.  533, 34  Saturnin:  christlicher  Gnostiker  aus  der  Zeit  des  Kaisers 
Hadrian,  dessen  Bewegung  jedoch  bald  wieder  vergessen  wurde. 

S.  5  36, 1 6  Epopoen  von  Bodmer  und  Blackmore :  Der  Schweizer  Asthetiker 
Joh.  Jak.  Bodmer  (1698-1783)  schrieb  zahlreiche  kleine  Epen  unter  dem 
starken  Einflufi  Miltons  und  der  engl.  Aufklarer;  der  engl.  Dichter  Richard 
Blackmore  (gest.  1 729)  schrieb  die Versepen :  »King  Arthur**  (1 69 5)  und  »The 
Creation«  (171 2),  die  in  ihrer  pedantischen  Ntichternheit  nur  als  Gegenstand 
satirischer  AngrifTe  von  Pope  und  Dryden  bekannt  geblieben  sind.  -  31 
Doktor  Gaubius:  Gemeint  ist  der  Leydener  Professor  der  Medizin  Hierony- 
mus  David  Gaub  (1705-80).  Die  Bezeichnungen  sind  wohl  seinem  »Libellus 
de  methodo  concinandi  formulas  medicamentorum«  (1739)  entnommen. 


ANMERKUNGEN  II85 

S.  5 3 7, jo Kotiebuiscke Ftucht  (nach  Paris):  Der  Dramatiker  und  Roman- 
schriftsteller  August  v.  Kotzebue  (1 761-18 19)  ging  1790  aus  K.ummer  iiber 
den  Tod  seiner  Frau  nach  Paris  und  beschrieb  die  Reise  ein  Jahr  spater  in 
seinem  Buch:  »Meine  Flucht  nach  Paris  im  Jahre  1789".  -  32  Extravasat: 
AusfluB. 

S.  5  38,2  8  Epopt:  Kundiger,  Eingeweihter,  der  an  den  Mysterien  teil- 
nehmen  darf. 

S.  539,2,9  Kiblah:  »>das  Ziel«,  die  Richtung  nach  Mekka,  nach  der  sich 
die  Mohammedaner  beim  Gebet  wenden  rmissen. 

S.  540,26"  in  integrum  restituieren :  unversehrt  wiederherstellen. 

S.  5 42, 2  3  Mausoleum  der  Cdcilia:  Gemeint  ist  das  Grab  der  CaeciHa 
Metella  an  der  Via  Appia  bei  Rom.  Vgl.  J.  J.  Volkmanns  »Historisch-kritische 
Nachrichten  von  Italien«,  Bd.  2,  S.  756. 

S.  543,  23  Schliefiquadrate:  s.  o.  zu  S.  166,1 8. 

S.  546,75  Doxologie:  Lobpreisung  Gottes,  die  SchluBformel  aller  alte- 
sten,  erhaltenen  griechischen  Predigten. 

S.  548,?  Diirer:  Nach  einer  wandernden,  auf  viele  anderen  Kiinstler 
ubertragenen  Anekdote  soil  Diirer  mit  freier  Hand  einen  exakten  Kreis 
gezeichnethaben.  - 1 2  drei  Grade  der  Tortur:  Schrauben,  Strecken  und  Feuer. 

S.  549,  / p  Justus  Mdser  (1720-94) :  patriotisch  gesinnter  deutscher  Staats- 
mann  und  Publizist,  der  1755  ff.  »Patriotische  Phantasien«  veroffentlichte, 
die  iiberall  in  Deutschland  lebhafte  Zustimmung  fanden.  -  25  nicht  nur: 
Die  Erganzung  durch  den  Gegensatz  wsondern  auch«  unterbleibt. 

S.  55o,z£  Esel:  In  der  Originalausgabe  muBte  auf  Verlangen  der  Zensur 
das  Wort  abgekurzt  werden  in  »E...«. 

S.  551,^7  fruhere:  Entweder  dieses  Wort  oder  das  in  Z.z.9  folgende 
»friiher«  ist  iiberflussig  und  in  der  Originalausgabe  wohl  durch  ein  Versehen 
des  Dichters  stehen  geblieben. 

S.  ^2,2  off.  drei  fremde  Kinder:  Die  folgenden  Abschnitte  richten  sich 
gegen  das  aufklarerische  Verbieten  alles  Wunderbaren  ftir  Kinder,  besonders 
gegen  WeiBe,  der  im  »Kinderfreund«,  i.Tl.  (1775),  S.  i87ff.  dagegen  ge- 
wettert  hatte. 

S.  553,5^  Eiechielsrader :  vgl.  Hes.  1,15-21. 

S.  554,5  Blocker:  Plural  zu  »Bloch«,  Klotz.  -  5  Wellbaum:  Walze. 

S*  555>3'  Trophonius-Hokle :  antikes  Orakel  in  Bootien,  zu  dem  man  in 
eine  grausige  Hohle  hinuntersteigen  muBte., 

S.  558,^  Arkturus  und  Kynosura:  Sternbilder  an  der  Peripherie  der  nord- 
Hchen  Himmelskugel.  -  1 3  Ascheniieher :  Turmalin. 


Das  Kampaner  Tal 

Auch  der  AnstoB  zu  dieser  Schrift  kam  von  auBen,  als  sich  im  Dezember 
1796  der  Geraer  Verleger  August  Hennings  an  Jean  Paul  um  ein  Buch  fur 


Il86  ANMERKUNGEN 

seinen  neuen  Verlag  wandte.  Jean  Paul  sagte  zu  und  begann  sogleich  im 
Januar  1797  mit  der  Ausarbeitung  des  Gesprachs  iiber  die  Unsterblichkeit. 
Er  konnte  auf  ausgedehnte  altere  Aufsatze  und  Untersuchungen  zuriickgrei- 
fen  und  schrieb  die  kleine  Erzahlung  in  kurzer  Zeit  (6.  Januar  bis  11.  Februar 
1797)  nieder,  mit  Lust  und  Freude,  aber  zugleich  unter  starkem  zeitlichem 
Druck.  Noch  wahrend  der  Arbeit  an  dem  feierlich  hochgestimmten  Ge- 
sprach  faBte  Jean  Paul  den  Plan,  diesem  einen  selbstandigen  satirischen 
Appendix  beizugeben,  wie  er  es  bereits  bei  den  »Biographischen  Belusti- 
gungen«  getan  hatte.  Er  verfiel  darauf,  einen  Bilderkommentar  nach  der  Art 
von  Lichtenbergs  »Ausfuhrlicher  Erklarung  der  Hogarthischen  Kupfer- 
stiche«  5  Tie.  (1794—99)  zu  den  elenden  Holzschnitten  im  Bayreuther  Kate- 
chismus  zu  schreiben,  denen  er  in  ahnlicher  Weise  eine  fortlaufende  Erzah- 
lung unterschieben  wollte.  Mit  der  Ausarbeitung  begann  er  Mitte  Februar 
1 797  und  schloB  sie  am  1.  April  ab.  DasBiichlein  mit  seinen  beiden  unver- 
bundenen  Teilen  erschien  im  Mai  des  gleichen  Jahres,  der  Druck  fiel  un- 
gewohnlich  liederlich  aus.-  Obgleich  die  Nachfrage  groB,das  kritische  Echo 
giinstig  war  und  mehrere  Nachdrucke  des  Buchleins  erschienen,  kam  es 
auch  hier  bei  Lebzeiten  Jean  Pauls  zu  keiner  rechtmaBigen  zweiten  Auflage. 

S«  5^3,-27  Beatifikation:  die  Bildung  eines  leuchtenden  Heiligenscheins 
aus  elektrischen  Strahlen  bei  magnetischen  Experimenten,  die  von  Georg 
Matthias  Bose  (1710-61)  zuerst  entdeckt  wurden. 

S.  5 64, .2.9  die  Platten  von  Hogarth:  Der  Erstausgabe  von  Lichtenbergs 
Kommentar  waren  die  Zeichnungen  Hogarths  in  Nachstichen  von  E.  Rie- 
penhausen  beigegeben.  —  3S  Gallery  of  Fashion:  Titel  eines  jahrlich  in 
England  erscheinenden  Prunkwerkes  iiber  die  Mode. 

S.  565,(3  Areopagit:  Richter  am  hochsten  athenischen  Gericht.  —  yAbdera: 
s.  o.  zu  S.  274, *<?.  —  20  Moresken:  s.  o.  zu  S.  464, 34.  —  21  Ufer:  des  Rheins. 

S>  569, 3  Hundsgrotten :  s.  o.  zu  S.  11, 6".  —  8  Antiparos:  griechische  Zy- 
kladeninsel,  die  durch  eine  schon  im  Altertum  beriihrnte  Hohle  ausgezeich- 
net  ist.  -  8  Baumann:  s.  o.  zu  S.  91,^5.  -  9  Hybla:  wohl  der  Atna,  an  dessen 
Siidhang  ehemals  die  beriihrnte  sizilische  Stadt  Hybla  lag.  -  10  Tabor: 
s.  o.  zu  S.  19,^.  -  10  Freundschaftsinseln:  von  dem  Hollander  Tasman  1643 
entdeckte  Inselgruppe  in  Polynesien,  die  durch  die  Erforschung  Cooks  be- 
kannt  wurden.  —  11  die  seligen  Inseln:  Hesiod  spricht  in  der  »Theogonie« 
von  den  u.axd(ott)V  vvjaoi,  auf  denen  die  Seligen  nach  dem  Tod  wohnen,  einem 
Ort,  »an  dem  unter  Kronos'  Herrschaft  das  goldene  Zeitalter  wieder  er- 
scheint  und  wo  man  sorglos  lebt  am  wogenden  Ozean  und  der  fruchtbare 
Boden  dreimal  des  Jahres  die  schonsten  Fruchte  des  reichsten  Bodens 
bietet«.  -  11  Pappelinsel:  s.  o.  zu  S.  200, 2 3.  -  11  JVentworths  Park:  der 
groBe  Park  bei  Wentworth  Woodhouse  in  Yorkshire,  der  zugleich  mit  dem 
gewaltigen  SchloB  nach  1720  angelegt  und  zu  Ende  des  Jahrhunderts  in 
einen  Landschaftsgarten  verwandelt  wurde.  -  1 2  Daphnens  Haiti:  beruhm- 
ter  Lustgarten  im  syrischen  Antiochia,  der  bis  in  die  Zeiten  des  Pompejus 


ANMERKUNGEN  I187 

fur  einen  der  schonsten  Garten  der  Welt  gehalten  wurde.  -  /  3  paphischer 
Hain;  In  Paphos,  einer  Stadt  auf  Cypern,  befand  sich  das  Hauptheiligtum 
der  Aphrodite  mit  einem  beruhmten  Hain.  —  13  Seifersdorfer  Tal:  wald- 
reiches  Tal  in  der  Gegend  von  Dresden.  -  1 3  Kampaner  Tal:  das  vielbe- 
suchte  Tal  von  Campan,  das  sich  an  den  Nordhangen  der  Pyrenaen  hin- 
zieht.  -  J.  P.  entnahm  die  Unterlagen  fur  seine  Schilderungen  im  wesent- 
lichen  dem  unten  von  ihm  selbst  angefuhrten  Buch  von  Arthur  Young: 
»Reise  durch  Frankreich  und  einen  Teil  von  Italien  in  den  Jahren  1 787-90" 
(in  dt.  Obersetzung  von  E.  A.  W.  Zimmermann  und  J.  G.  Chr.  Fick  1793 
bis  95,  3  Tie.).  Dazu  trat  noch  fur  einzelne  Punkte  des  Berichtes  das  von 
Th.  Fr.  Ehrmann  1795  herausgegebene  »Historische  Statistisch-Topogra- 
phische  Lexikon  von  Frankreich".  —  20  Tempe-Tat:  s.  o.  zu  S.  30, 30.  — 
21  Rosen-Tal:  friiher  beliebtes  Ausflugsziel  bei  Leipzig.  —  21  Utopien:  So 
nannte  Thomas  Morus  seinen  Idealstaat,  den  er  in  dem  Staatsroman:  »De 
optimo  rei  publicae  statu,  deque  nova  insula  Utopia  libellus«  ( 1 5 1 7)  beschrie- 
ben  hat. 

S.  570,7  Kunkellehn:  s.  o.  zu  S.  423,57.  —  1  Mufiteil:  s.  o.  die  Anmer- 
kung  zum  Titel  des  »Quintus  Fixlein«.  -  5  als  der  Teufel  Christo  und  Lud- 
wig  XIV.  hot  usw.:  im  ersten  Fall  Anspielung  auf  die  Versuchung  Christi, 
vgl.  etwa  Matth.  4,  8-10.  Bei  Ludwig  XIV.  ist  wohl  an  seine  Raubkriege 
gedacht,  bei  den  Papsten  an  den  Kirchenstaat  und  ihre  Bemuhungen  um 
weltliche  Macht.  -  /  o  die  Leier  Orpheus' ;  In  dem  spatantiken  Epos :  »Ar- 
gonautica  Orphica«,  das  dem  thrazischen  Sanger  eine  Hauptrolle  in  diesem 
Sagenkreis  zuerkennt,  bringt  Orpheus  die  Symplegaden  zum  Stillstand,  bis 
das  SchirT  der  Helden  glucklich  der  Gefahr  entronnen  ist.  -  21  Viktor: 
Hauptheld  des  »Hesperus«.  -  33  Claude.  Gell£e,  gen.  Le  Lorraine  (1600-82): 
bedeutendster  Landschaftsmaler  des  17.  Jahrh.  Er  HeB  fast  stets  die  wenigen 
Staffagefiguren  auf  seinen  Bildern  von  Filippo  Lauri  und  anderen  Gehilfen 
einflicken.  - 

S.  571,/ 1  Fabri:  s.  o.  zu  S.  459,/  u.  zu  S.  156,24.  —  20  limbos  infantum 
et  patrum:  s.  o.  zu  S.  436, z£.  -  28  Corday:  Dem  Andenken  der  Morderin 
Marats,  der  Charlotte  d'Armant  de  Corday  (1768-93),  widmete  J.  P.  1801 
den  Aufsatz  »t)ber  Charlotte  Corday«,  der  dann  in  die  Werkchen  von 
»Katzenbergers  Bade  rei  se«  mit  aufgenommen  wurde.  -  32  Freudenpferd 
und  Trauerrofi:  Bei  fiirstlichen  Begrabnissen  wurde  imTrauerzug  ein  lediges, 
schwarzgedecktes  Pferd  zum  Zeichen  der  Trauer  mitgefuhrt,  hinter  dem 
auf  einem  sog.  Freudenpferd  ein  prachtiger  Reiter  folgte,  der  die  Freude 
des  Landes  iiber  den  neuen  Regenten  vorstellte.  Die  Kenntnis  dieses  Brauchs 
verdankte  J.  P.  dem  »Teutschen  Hofrecht«  F.  C.  v.  Mosers.  Vgl.  dort  Bd. 
1  (1754),  S.  45*- 

S.  572,4  David  Gar  rick  (1716-79):  bedeutender  engl.  Schauspieler, 
Freund  Fieldings  und  Hogarth'.  Von  dem  Gemalde  des  Sir  Joshua  Reynolds 
(1723-92),  das  sich  heute  in  der  Rothschild-Collection  befindet,  hatte  J.  P. 
«ben  zur  Zeit  der  Niederschrift,  wie  Berend  anfuhrt,  einen  Kupferstich  ge- 


1 1  88  ANMERKUNGEN 

schenkt  bekommen.  —  G  wie  Milton:  Er'liefi  seinem  Epos:  »The  Paradise 
Lost«  (1665)  einige  Jahre  spater  ein  schwacheres  Gegenstiick:  »The  Para- 
dise Regained**  (1671)  folgen. 

S-  573>'5  Weltauge:  der  edle  Opal.  Er  erhalt  durch  den  beschriebenen 
Prozefi  seine  beim  Schleifen  verlorene  Durchsichtigkeit  wieder. 

S.  574,-4  H>/e  in  der  Epopoe:  wohl  Anspielung  auf  » Adams  erstes  Erwachen 
und  erste  selige  Nachte«  (1786)  vom  Maler  Miiller.  -  1 1  Hippokrene  s.  v.  zu 
S.  72,14.  —  30  Loh-Kasten:  Treibkiibel,  der  mit  geriebener  Baumrinde 
(Loherde)  gefullt  ist. 

S.  575,2*  wie  von  Blaramberg:  Darunter  ist  Louis  Nicolas  van  Blaren- 
berghe  (1716—94)  zu  verstehn,  dessen  zierliche  Miniatur-  und  Dosenbilder 
zu  J.P.s  Zeit  ungewohnlich  geschatzt  wurden. 

S.  176,18  an  dem:  Man  erwartet  »den«,  der  Ausdruck  scheint  unter  dem 
Eindruck  des  vorausgehenden  »an  dem  ich  meinen  Freund«  verdruckt  oder 
verschrieben  zu  sein.  —  2$)  Breitkopfs  Land  der  Liebe;  s.  o.  zu  S.  522,26".  — 
20  Vauklusens  Quelle :  Sie  war  durch  den  Aufenthalt  und  die  Schilderung 
Petrarcas  beriihmt  geworden. 

S.  578,6"  Erebus:  der  Aufenthalt  der  Verdammten,  die  Unterwelt  in  der 
griech.  Mythologie.  —  28  drei  Tabors-Hiitten:  s.  o.  zu  S.  I9,#.  Vgl.  zu 
dieser  Stelle  Luk.  9,  28. 

S.  579,2/  Sorites:  ein  von  Eubolides  erfundener  TrugschluB  in  der  Logik. 

S.  580,76"  Mittagshorn:  der  Pic  du  Midi  de  Bigorre. 

S.  581,  jo  Lord  Rochester :  s.  o.  zu  S.  500,28.  Als  Quelle  dieser  Erzahlung 
verweist  Berend  auf  Lichtenbergs  »Erklarungen  zu  Hogarth",  2.  Lieferung 
(1795),  S.  99. 

S.  582,72  Wasserfall  von  Tivoli:  Die  grofie  Kaskade  im  Felsgarten  der 
Villa  Gregoriana  in  Tivoli. 

S.  583,  ijdieschone  N.  N*  und  ihrejiingere  Schwester:  Berend  vermuteteine 
Anspielung  entweder  auf  J.P.s  Jugendfreundinnen  Amone  und  KarolineHe- 
rold,  oder  wahrscheinlicher  noch,  auf  Beate  und  Wilhelmine  von  Spangenberg. 

S.  584,6"  voyage  pittoresque:  Reise  in  Bildern,  beliebter  Titel  fur  franz. 
Reisebeschreibungen.  —  y  Hofer:  Das  Erbauungsbuch :  »Kurzer,  aber  rich- 
tiger  Himmelsweg«  (1672)  von  Joh.  Cyriakus  Hofer,  das  noch  vielfaltig 
im  i8.Jahrh.  wieder  aufgelegt  wurde,,  ist  wohl  nur  dem  Wortspiel  zuliebe 
dem  Kaplan  als  Lektiire  zugewiesen.  -  13  der  alte  Myrtill  und  Phylax: 
Man  vermutet  zunachst  eine  Anspielung  auf  eine  bestimmte  Vorlage.  Doch 
scheint  J.  P.  nur  die  gelauflgen  beiden  Schafernamen  scherzhaft  aufgenom- 
men  zu  haben,  ohne  sie  konkret  zu  beziehen.  J.  P.  nennt  in  der  Erzahlung 
stets  umgekehrt  den  Kaplan  »Phylax«  und  sich  »den  alten  Myrtill«  (vgl.  u. 
Z.  32.ff.J-  Es  scheint  sich  an  unserer  Stelle  um  ein  Schreibversehen  zu  handeln. 

S.  585, *<?  hatten:  Textkonjektur  der  Kritischen  Ausgabe.  Der  Original- 
druck  schreibt  versehentlich  »muBten . . .  zuriickzulegen«.  -  3  0  wie  Montaigne, 
Rousseau:  Beide  pflegten,  wie  iibrigens  auch  J.P.  selbst,  ihre  Schriften  auf 
Spaziergangen  auszuarbeiten. 


ANMERKUNGEN  H89 

S.  586,2*  Kings-Bench:  s.  o.  zu  S.  425, 33. 

S.  587,22  Vox  del  soloecismus :  wortlich:  Die  Stimme  Gottes  spricht  aus 
dem  Sprechfehler.  —  30  ondalgie:  richtig:  »odontalgie«. 

S.  588, 18  derogieren:  verdrieBen.  —  22  sagt:  von  J. P.  erganzt.  In  dem 
Relativsatz  fehlte  in  der  dem  Dichter  vorliegenden  ersten  Auf  lage  das  Verb, 
das  die  zweite  von  1793  durch  wvorgetragen  hat«  erganzt.  —  36  Erklarun- 
gen  uber  die  Reue  usw.:  Die  Stellen  weist  Berend  nach:  »Ober  Reue  spricht 
Kant  >Kritik  der  prakt.  Vernunft*,  1.  Tl.,  2.  Buch,  3.  Hauptstuck  (S.  176 
der  ersten  Auflage),  iiber  Musik  >Kritik  der  Urteilskraft*  §51-53,  iiber  den 
Ursprung  des  Bosen  in  der  Schrift:  »Die  Religion  innerhalb  der'Grenzen 
der  bloBen  Vernunft*  (i794).« 

S.  589,^2  Demiurg:  Bildner,  Werkmeister,  bei  Plato  Gott  als  Bildner 
der  Welt.  Bei  den  Gnostikern  wird  der  BegrifT  modinziert:  Demiurg  als 
der  dem  hochsten  Gott  untergeordnete  Schopfer  der  sichtbarerf^Welt.  — 
1 3  Archimedes:  Dieser  erkannte  als  erster  die  Gesetze  des  Schwerpunkts 
im  Menschen.  -  2  5  er:  Die  Originalausgabe  schreibt  wohl  falschlich  »es«. 

S.  590,^  Kirwane:  Karawane. 

S.  591,^-^7  Rede  des  Kaplans:  beinahe  wortlich  nach  Kants  »Kritik  der 
praktischen  Vernunft«,  1  TL,  2.  Buch,  2.  Hauptstuck,  IV:  »Die  Unsterb- 
lichkeit  der  Seele  als  ein  Postulat  der  reinen  praktischen  Vernunft«. 

S.  592,4  Kant:  vgl.  die  SchluBabsatze  des  1.  Tls.  der  wKritik  der  prakti- 
schen Vernunft«.  —  26 sokratische  Hebammenkunst:  Sokrates,  der  der  Sdhn 
einer  Hebamme  war,  verglich  seine  Lehrmethode  haufig  mit  der  Kunst 
seiner  Mutter. 

S.  593,*  4  epikurdische  Abblatterungen:  Epikur  lehrte,  daB  sich  alle  Dinge 
wieder  in  kleinste  Bestandteile  auf  losen,  die  so  lange  in  der  Luft  Hiegen,  bis 
sie  sich  wieder  zusammenballen  und  ein  neues  Ding  oder  Lebewesen  er- 
schaffen.  -  21  gleich  der  Sonne  usw.:  Zur  Erklarung  dieses  Bildes  fuhrt 
Berend  die  folgende  Stelle  aus  einem  Brief  an  Herder  an:  »Mir  tat  es  allzeit 
wohl,  wenn  ich  die  Sonne  mit  einem  menschlichen  Gesicht  im  Kalender 
gemalet  sah.  Diese  Art  von  Menschwerdung  milderte  ihren  Glanz  und 
brachte  sie  dem  Menschen  naher  . . . «. 

S.  596,5  petitio  principii:  unabdingbare  Grundvoraussetzung. 

S.  597, *<?  a  parte  ante:  Mit  »a  parte  ante«  und  »a  parte  post«  bezeichnet 
man  die  Teile  der  Ewigkeit,  die  vor  oder  hinter  einem  Hegen.  -  29  mendels- 
sohn-platonisches  Kolloquium:  Moses  Mendelssohn  (1729-86)  legte  seine 
Gedanken  zur  Unsterblichkeit  in  einer  freien  Bearbeitung  des  platonischen 
Dialogs  »Phaidon«  nieder  (1767),  dem  1755  ein  schmales  Bandchen  philo- 
sophischer  »Gesprache«  vorausgegangen  war.  —  30  Madame  Berlier:  Bei 
dem  beigefugten  Satz  in  Parenthese  dachte  J.  P.  offenbar  an  den  Namen 
des  Theophil  de  Berlier  (1761-1840),  dem  wahrend  der  franz.  Revolution 
eine  fiihrende  RoIIe  im  ProzeB  gegen  Ludwig  XVI.  zugefallen  war. 

S.  598,-2-4  Ter^ie:  der  sechzigste  Teil  einer  Sekunde.  -  3S  Anthonie 
Waterloo  (1610-90):  holl.  Radierer  und  Landschaftsmaler.    . 


IIC)0  ANMERKUNGEN 

S.  600,  z  i  Klotilde:  die  weibliche  JHtauptfigur  des  »Hesperus«,  mit  der 
sich  Viktor  zu  Ende  des  Romans  verlobt.  Im  Verfolg  dieser  Fiktion  er- 
scheint  sie  hier  als  seine  Gemahlin.  —  32  Teichdocke:  s.  o.  zu  S.  107,;. 

Sv  601,7  Mitraillade :  Kartatschenfeuer.  —  21  Dryade:  Baumnymphe. 

S.  602, 3  das  Bonnetsche  U titer liehkorperchen:  vgl.  in  Charles  Bonnets 
(1720-93)  »Idees  sur  Tetat  futur  des  etres  vivants,  ou  Palingenesie  philo- 
sophique«  (1769),  im  gleichen  Jahr  ubers.  von  J.  K.  Lavater  unter  dem 
Titel:  "Philosophische  Untersuchung  der  Beweise  fiir  das  Christentum« 
2.  Bd.  XVI.  St.  und  Lavaters  »Aussichten  in  die  Ewigkeit«  (1768-78), 
1.  Bd.,  S.  173  ff.  —  4  das  Platnerische  Seelen-Schniir-Leibchen:  vgl.  E.  Platners 
(s.  o.  zu  S.  28, jo)  "Anthropologies  1.  Bd.  (1772),  §2o8ff.  und  seine»Philo- 
sophischen  Aphorismen«  (1793),  2.  Bd.  §5633*.  —  31  Planiglob:  s.  o.  zu 
S.  449,4.  -  31  Vespucius  Americus  (1451-1512):  genuesischer  Seefahrer. 
Er  lieferte  von  seinen  angeblich  vier  Reisen  die  ersten  Unterlagen  fiir  eine 
kartographische  Erfassung  des  neuen  Kontinents,  der  spater  nach  ihm  be- 
nannt  wurde. 

S.  603,72  Ripienstimmen :  Fiillstimmen.  —  i5  Anastomosierung :  Zusam- 
menmiindung  (der  Adern),  Beriihrung.  —  33  Schiller:  vgl.  Briefe  iiber  die 
asthetische  Erziehung  des  Menschen  (1795).  —  34  wie  Longin:  Dem  spat- 
antiken  Rhetor  Cassius  Longinus  (213-273),  der  ein  Ratgeber  der  Konigin 
Zenobia  von  Palmyra  war,  wird  falschlich  eine  Schrift:  »Vom  Erhabenen« 
beigelegt.  Zu  unserer  Stelle  fiihrt  Berend  auch  den  bei  J.  P.  zitierten  Vers 
aus  Popes  »Essay  on  Criticism«  (vgl.  dort  V.  681)  an:  »And  is  himself 
that  great  Sublime  he  draws.«  -  3?  Hesperus:  vgl.  in  unserer  Ausgabe 
Bd.  1,  S.  1099.  Die  Angabe  im  Text  bezteht  sich  auf  die  Erstausgabe  des 
Romans,  in  der  der  "9.  Schalttag«  noch  im  3.  Tl.  untergebracht  war. 

S.  604, j5  ablaktieren:  aufpfropfen. 

S.  605,^5  fremde  Planeten:  nach  dem  Inhaltsverzeichnis  der  Original- 
ausgabe  korrigiert.  Die  Oberschrift  im  Text  schreibt  nur  »Planeten«,  worin 
ihr  die  Kritische  Ausgabe  mit  Verweis  auf  das  Inhaltsverzeichnis  gefolgt 
ist.  -  27  Montgolfieren:  s.  o.  zu  S.  378, 13. 

S.  606,2  bowling-green:  s.  o.  zu  S.  19,/*.  -  2*  der  gte  Kurhut:  Neun 
Kurfiirsten  gab  es  nur  von  1692  an  (endg.  1708),  als  Hannover  mit  der 
Kurwiirde  bekleidet  wurde,  bis  zum  Aussterben  der  bayr.  Linie  der  Wittels- 
bacher  1777.  Dann  fielen  durch  die  Erbfolge  der  Heidelberger  die  getrenn- 
ten  Kurwiirden  von  Bayern  (seit  dem  BeschluB  von  1623)  und  der  Pfalz 
wieder  in  eine  zusammen,  und  Hannover  riickte  an  die  achte  und  letzte  Stelle. 

S.  607, 1  Wormser  Dreiiehner-Kottegium:  wohl  das  Direktbrium  auf  dem 
Oberrheinischen  Kreistag,  das  aus  dreizehn  Kanonikern  bestand  und  in 
Worms  zusammentrat.  -  5  Schneiderische  Haut:  eigtl.  Nasenschleimhaut, 
nach  Konrad  Viktor  Schneider  benannt,  der  sie  1660  in  seinem  Werk: 
»de  Catarrhis«  zuerst  beschrieben  hat.  Hier  ist  aber  wohl  mehr  an  die  Netz- 
haut  des  Auges  zu  denken. 

S.  610,22  wie  es  Kant  vermutet:  vgl.  Allgemeine  Naturgeschichte  und 


ANMERKUNGEN  II9I 

Theorie  des  Himmels,  III.  Tl.  -  2S  Spiritus  rektifiiieren :  Bestandteile  eines 
Flussigkeitsgemisches  durch  wiederholtes  Destillieren  trennen.  —  31  destil- 
latioper  latus:  Bei  alteren  DestUlierapparaten  unterschied  man  die  Vorgange 
nach  der  Richtung,  die  der  Dampf  dabei  zu  nehmen  hatte.  Eine  »d.  per 
Iatus«  oder  »d.  obliqua«  entspricht  dabei  unserer  Destination  in  der  Retorte.  - 
35  Pesckerdhs  (franz.  pecherais):  kleiner  Indianerstamm  auf  Feuerland. 

S.  6ii,j5  Severambenlander :  Marcheninseln,  auf  denen  ein  Idealstaat  an- 
gesiedelt  war.  Sie  wurden  von  Veiras  d'Allais  in  der  »Geschichte  der  Seve- 
ramben«  beschrieben  (dt.  von  J.  Gottwerth  Muller  1783). 

S.  615,4  nach  Herschel:  s.  o.  zu  S.  461,5.  —  22  Phalane:  Nachtfalter.  - 
26  Maestoso:  Hier  verwechselt  J. P.  wie  stets  die  musikalischen  Bezeich- 
nungen  »maestoso«  (feierlich,  erhaben)  und  »mesto«  (traurig,  klagend). 

S.  619,20  und:  So  schreibt  das  Druckfehlerverzeichnis  diese  Stelle  vor, 
im  Text  fehlt  das  >mnd«,  was  dem  Sinn  besser  entspricht. 

S.  62 1, 41  884  Geister:  Die  2.  Aufl.  der  »Kritik  der  reinen  Vernunft« 
hatte  884  Seiten. 

S.  622,2.9  Girandole:  das  groBe  Rad  bei  Feuerwerken. 

S.  627,/  Titel:  Im  Inhaltsverzeichnis  der  Original ausgabe  lautet  der 
Titel:  »Erklarung  der  10  Holzschnitte  unter  den  10  Geboten  oder  Kron- 
leins  Avencement«. 

S.  629, 1 3  Sachsen:  Im  Juni  1796  machte  J.  P.  seine  erste  Reise  nach 
Weimar.  -  29  Badine:  Spazierstock. 

S.  630,7  Prima  Plana:  s.  o.  zu  S.  227,;  1.  —  29  Souffre-douleur :  Siinden- 
bock. 

S.  631,^5  Guido:  Guido  Reni.  -  2$  anno  ij6o:  Die  Stadt  Wittenberg 
wurde  wahrend  des  Siebenjahrigen  Krieges  vom  10.— 14.  Oktober  1760 
von  den  Osterreichern  und  der  Reichsarmee  belagert  und  nach  einem  hef- 
tigen  Bombardement  erobert.  -  29  infulieren:  (mit  dem  Bischofshut)  kro- 
nen. -  3 6  eiformiger  Palast:  Textkonjektur  der  Kritischen  Ausgabe,  die 
nach  J.P.s  Vorlage,  der  »Geographie  fur  alle  Stande«  von  Fabri  (vgl.  dort 
1.  Tl.,  3.  Bd.,  S.  424),  die  richtige  Lesart  herstellt.  Die  Originalausgabe 
hat  den  Druckfehler:  »einformiger«. 

S.  632,5*  Daktyliothek:  Gemmensammlung.  -  9  Ophir:  sagenhaftes, 
goldreiches  Land  im  A.T.,  dem  David  die  Schatze  zum  Tempelbau  ver- 
dankte. 

S.  633,2.2  Dreieinigkeit :  Goethe,  Herder  und  Wieland.  —  23  Barataria: 
Diesen  Namen  tragt  die  Insel,  iiber  die  Sancho  Pansa  als  Statthalter  gesetzt 
wird.  Vgl.  Don  Quixote  (in  der  Obersetzung  von  Tieck),  Tl.  2,  Buch  9, 
Kap.  15  und  Buch  10,  Kap.  12.  -  31  Hirsching:  Gemeiht  ist  F.  C.  Hirschings 
♦>Beschreibung  sehenswiirdiger  Bibliotheken  Deutschlands«  (4  Bde.,  1786 
bis  90). 

S.  634, 11  Meusel:  s.  o.  zu  S.  74*28.  Seine  »Miscel!aneen  artistischen 
Inhalts«  (Heft  1—30)  erschienen  1779-87.  —  ij  Key  filers  Reisen:  vgl.  dort 
Bd.  1,  S.  273. 


1 192  ANMERKUNGEN 

S.  636,4  Gesichtsldngen:  Nach  ihnen  wurde  friiher  in  der  Zeichenkunst 
der  menschliche  Korper  gemessen. 

S.  637, 1 4  Solo^ismus:  Sprachfehler.  — 16  Theopneustie;  gottliche  Inspiration. 

S.  639,7,9  curator  absentis:  s.  o.  zu  S.  21, 28.  —  20  Smerdes;  Er  war  der 
Bruder  des  Kambyses,  den  dieser  aus  Argwohn  hatte  ermorden  lassen.  Ein 
vornehmer  Magier  gab  sich  fiir  den  Toten  aus  und  zettelte  eine  gefahrliche 
Verschworung  gegen  den  persischen  GroBkonig  an. 

S.  641,20  Bischof  in  partibus  infidelium:  bis  1882  ein  Bischof,  dem  vom 
Papst  unter  dem  Titel  des  Episkopats  einer  der  alten  Bischofssitze  im  Nahen 
Osten  ubertragen  war,  die  bei  der  ottomanischen  Invasion  verloren  ge- 
gangen  waren.  —  14  Konrektor  JVinckelmann  :  Winckelmann,  der  von  1743 
bis  48  das  karge  Amt  eines  Konrektors  in  Seehausen  bekleidet  hatte,  war 
1754  in  Dresden  aus  Niitzlichkeitserwagungen  zum  kath.  Glauben  iiber- 
getreten,  ohne  daft  er  jedoch  in  Italien,  wie  es  J.  P.  anzunehmen  scheint,  der 
neuen  Religion  innerlichnahergeruckt  ware.  —  1  6"  Cesare  Baronio(i  538-1607): 
rom.  Kardinal  und  Kirchenhistoriker.  Sein  Lebenswerk:  »AnnaIes  ecclesia- 
stics (12  Bde.,  1 588-1607)  wurde  wegen  der  zahlreichen  Irrtiimer  und  Ver- 
falschungen  lebhaft  bekampft.  -  16  Robert  Bellarmin  (1542— 1621):  jesui- 
tischer  Theologe,  seit  1599  Kardinal,  entschiedener  Vorkampfer  fiir  die 
Autoritat  des  Papstes  gegen  die  Haretiker  und  die  Reformation. 

S.  642,?  G  Gradierhauser :  Verdunstungskammern  in  Salzbergwerken.  — 
20  nach  Nicolai  und  Hermes :  s.  o.  zu  S.  280,26"  und  zuS.  34, 3offi  -  22  Alter 
vom  Berge:  s.  o.  zu  S.  422,^.  -  23  Cassius:  nach  dem  bekannten  Wort 
aus  Shakespeares  "Julius  Casar«,  I,  8. 

S.  643, 23  gewahlet:  Davor  ist  vermutlich  »richtig«  zu  erganzen.  -  26 
Dechant  Swift:  Jonathan  Swift  verbrachte  die  letzten  Jahre  seines  Lebens  in 
geistiger  Umnachtung  und  stummer  Lethargic 

S.  644,5  Origenes:  Dieser  groCte  Theologe  der  Ostkirche  (185-254) 
hatte  sich  als  Jungling  in  asketischem  Wahn  entmannt. 

S.  646,23  Dendrite:  an  verastelte  Pfianzenreste  erinnernde  Ausschei- 
dungen  von  Eisen  und  Mangan  auf  Kalksteinen. 

S.  647,36  Mosis-Krummstab:  vgl.  2.  Mose  14,166°. 

S.  648,3  fruchtbarster  Moment:  in  Anlehnung  an  Lessings  Theorie  vom 
transitorischen  Moment.  Vgl.  Laokoon  III.  -  13  Hermeneutik :  Auslege- 
kunst.  -  *  8  Ungers  Vater:  Joh.  George  Unger  (171 5-88)  und  sein  beriihm- 
terer  Sohn  Friedr.  Gottlieb  Unger  (1753-1804)  waren  bedeutende  Stein- 
schneider  und  Schriftsetzer  in  Berlin. 

S.  649,5  Speccius  von  Esmarch:  Gemeint  ist  das  lat.  Grundbuch:  »Speccii 
praxis  declinatiorium  et  conjugationum«  (verb.  Aufl.  1779)  von  Heinr. 
Peter  Chr.  Esmarch.  -  1 6  Kallipadie:  hier  svw.  Erziehung  zur  Schonheit.  - 
23  Steinigung:  vgl.  3.  Mose  24,  10-16. 

S.  650,^  Miinibelustigungen:  s.  o.  zu  S.  265,6".  -  4  Neperscher  Stab:  s.  o. 
zu  S.  1 39,  J.  -  1 4  Relatorium  :  Nachrichtenburo.  -  /  4  Avisfregatte :  Schnell- 
boot  zum  Oberbringen  wichtiger  Nachrichten. 


ANMERKUNGEN  II93 

S.  65 1, 26  Culotte;  Kniehose,  halblanges  Beinkleid  der  Adligen  in  Frank- 
reich.  —  zy  Pallium:  Bischofsmantel.  —  33  Paterniani:  manichaische  Sekte, 
die  eine  doppelte  Erschaffung  des  Menschen  durch  Gott  und  den  Teufel 
annahm.  -  34  Lichtenberg:  vgl.  Erklarungen  zu  Hogarth,  3.  Lieferung. 
(1796),  S.  206. 

S.  652,5  als die  Pkilister goldne  Mause  bekamen:  vgl.  1. Sam.  6,4.  —  12  La- 
vater:  vgl.  Physiognomische  Fragmente,  4.  Bd.  S.  476.  -  29  Navigationsakte  : 
Seehandelsgesetz,  im  besonderen  die  Verfugung  Cromwells  von  165 1,  nach 
der  engl.  Waren  nur  auf  engl.  Schiffen  eingefuhrt  werden  durften. 

S.  653,4  Fruhlingsreife :  Plural  zu  »Fruhlingsreif«.  —  13  Gefiner:  s.  o. 
zu  S.  199,5.  —  28  Zainhammer :  s.  o.  zu  S.  ioo,zj. 

S.  654,5  Professionist;  Handwerker.  —  to  Infarktus:  Kotverstopfung.  — 
2.1  aus  seinem  Zelte:  nach  dem  Druckfehlerverzeichnis  der  Originalausgabe 
eingeschoben.  -  28  James  Burnett,  Lord  Monboddo  (1714-99):  schott. 
Rechtsgelehrter  und  Sprachphilosoph.  Sein  Hauptwerk:  »Of  the  Origin 
and  Progress  of  Language«  wurde  1785  ins  Deutsche  iibersetzt,  wozu 
Herder  eine  Vorrede  schrieb. 

S.  655,2  Rosenmadchen:  Anspielung  auf  den  im  spaten  i8.Jahrh.  nach 
einem  franz.  Vorbild  viel  geiibten  Brauch,  das  schonste  Madchen  mit  dem 
besten  Ruf  mit  einem  Kranz  aus  Rosen  zu  kronen.  —  9  Gerade:  fahrende 
Habe  der  Frau;  Hausrat,  Kleider  und  SchmuGk,  die  beim  Tode  des  Erb- 
lassers  der  Witwe  oder  der  Tochter  zufielen. 

S.  656, 12  der  beiechte  Er^vater  Noah:  vgl.  1.  Mose  9,18-29.  -  ijgenom- 
men:  Die  Originalausgabe  setzt  dafur  falschlich  »gewonnen«. 

S.  658,7  Engel imfeurigen  Ofen:  vgl.  Dan.  3,49  ff.  -  34  Gera:  Anspielung 
auf  den  Wohnsitz  des  Verlegers  Hennings,  die  aber  dem  Leser  dunkel 
bleiben  muBte,  da  auf  dem  Titelblatt  als  Verlagsort  Erfurt  angegeben  war. 
In  den  »Beschaftigungen  mit  bewahrten  Nachrichten«  (4  Hefte,  1768-70) 
des  Hofer  Historikers  Paul  Daniel  Longolius  (1704-79)  findet  sich  nach 
Be  rend  keine  solche  Angabe. 

S.  659,7  dafi:  vielleicht  Druckfehler  fur  »>da«.  -  13  Sara-Wiiste:  Sahara. 
Das  schwache  Wortspiel  geht  auf  die  Gemahlin  Abrahams,  Sarah,  die  lange 
unfruchtbar  geblieben  war.  -  z  6ff.  Bisckofe:  Der  folgende  Scherz  ist  aus  der 
ersten  Auf  lage  des  »Hesperus«  herubergenommen  und  befand  sich  dort  als 
Buchstabe  »N«  im  "5.  Schalttag«.  Bei  der  2.  Aufl.  des  Romans  (1798) 
schrieb  J.  P.  diesen  Abschnitt  um.  -  24  Franz  Hemsterhuis  (1721-90): 
Philosoph  und  Asthetiker,  Sohn  desbedeutenden  holl.  Philosophen  Tiberius 
Hemsterhuis.  Vgl.  seine  »Lettres  sur  la  sculpture**  (1769). 

S.  660,7  Stab  Sanft:  vgl.  Zach.  11,7  -  $  Waldhammer :  ein  mit  dem  Si- 
gnum  des  Besitzers  versehener  Hammer,  mit  dem  die  zum  Fallen  bestimmten 
Baume  vorher  gezeichnet  werden.-  1 2  Sansculotten:  So  wurden  die  auf- 
riihrerischen  Proletarier  wahrend  der  franz.  Revolution  genannt,  weil  sie 
nicht  die  Culottes  (Kniehoseri)  der  Standespersonen  trugen,  sondern  offene, 
lange  Ho  sen. 


I  I94  ANMERKUNGEN 

S.  663,  c>  index  expurgandorum :  s.  o.  zu  S.  372,25.  -  22  Diebsdaumen : 
s.  o.  zu  S.  382,  ig.  —  34  discipline!  arcani;  Sakramentsgeheimnis. 

S.  664,27  Isaak  Casaubonus  (155 9- 161 4):  franz.  Humanist,  der  1614  im 
Auftrag  Heinrichs  IV.  seine  umfangreiche  Schrift:  »Exercitationes  de  rebus 
sacris  et  ecclesiasticis  contra  Baronium«  verfaBte,  in  denen  er  den  »Irrtiimern 
des  gelehrten  Kardinals«  (s.  o.  zu  S.  641,?  6")  nachging. 

S.  6^5,j/^  der  fremde  Ambassadeur :  Wir  folgen  in  der  Erklarung  dieser 
kaum  verstandlichen  Anspielung  Berend:  »Die  fehlende  Nase  des  Gesandten 
deutet  auf  Lustseuche.  Den  Hocker  hat  er  sich  zugelegt,  um  als  Kriippel 
zu  erscheinen.  Sein  Hof  schickt  ihm  >Nasen<,  d.  i.  Verweise,  und  >Hocker<, 
d.  i.  Arbeiten,  deren  Last  ihm  den  Rucken  krummt.«  Berend  fiihrt  zur  Unter- 
stiitzung  dieser  Deutung  Belegstellen  aus  J.P.s  Jugendschriften  an. 

S.  669,-2  {wei  benachbarte  Gebote:  das  funfte  und  sechste:  »Du  sollst  nicht 
toten!«  und  »Du  sollst  nicht  begehren  deines  Nachsten  Weib!«  Gegen  beide 
Gebote  verstieft  bekanntlich  David,  als  er  die  Bathseba  verfuhrte  und  ihren 
Mann  im  Krieg  umkommen  liefi.  Vgl.  2.  Sam.  1 1,2-27.  -  9  Hospodar:  s.  o. 
z.  S.  386,^5.  —  jS  a  belles  fesses:  s.  o.  zu  S.  88, j6". 

S.  670,4  Herr  von  Tkummel:  J.P.s  Tadel  zielt  auf  einige  frivole  Partien 
in  den  ersten  Banden  von  Aug.  Wilh.  v.  Thummels  (1738-1817)  »Reise  in 
die  mittaglichen  Provinzen  von  Frankreich«  (i79ifF.),  welchen  Roman  er 
im  iibrigen  sehr  hoch  schatzte.  Eine  ahnliche  Anspielung  und  fast  mit  den 
gleichen  Worten  findet  sich  schon  im  29.  Sektor  der  wUnsichtbaren  Loge« 
(vgl.  Bd.  1  unserer  Ausg.,  S.  258,5^).  -  7  Korrelationssaal ':  der  groBe 
Sitzungssaal  auf  dem  Regensburger  Reichstag.  -  8  Odeum:  ein  in  der 
Antike  zum  musikalischen  Wettstreit  bestimmtes  Gebaude,  spater  ein  Saal 
fiir  offentliche  Veranstaltungen.  -  8  Beigangsches  Museum:  Ein  Lesekabi- 
nett  in  Leipzig,  das  der  dortige  Buchhandler  Joh.  Gottl.  Beygang  gegrundet 
liatte.  J.  P.  hatte  sich  in  seiner  Studentenzeit  diesem  Museum  angeschlossen. - 
8  bureau  d 'esprit:  s.  o.  zu  S.  71,3s.  -  i5  Dekrotteur:  Stiefelputzer.  — 
1 6  boue  de  Paris:  »Schmutz  von  Paris«.  Man  konnte  an  eine  der  dam  als 
gebrauchlichen,  scherzhaften  Farbbezeichnungen  denken  (z.  B.  »caca  du 
Dauphin«  usw.),  vielleicht  hat  auch  J.  P.  das  Wort  selbst  in  Analogie  zu 
»cu!«  und  »gorge  de  Paris«  gebildet.  In  jedem  Fall  mu3  man  den  Ausdruck 
mit  »kunstlichem,  d.  i.  geistigem  Schmutz«  iibersetzen.  -  32  Goethe:  Die 
erste  Sammlung  seiner  Werke  erschien  in  12  Tin.  1790  bei  Goschen. 

S.  671,/  der genialische  Kommentator  Hogarths :  Lichtenberg.  -  1 5  Halter: 
s.  o.  zu  S.  32,27.  —  34  Monotheleten:  Anhanger  einer  christlichen,  von  der 
Gnosis  beeinfluOten  Sekte  des  7.  Jahrh. 

S.  672,4  Maskopeischwester :  s.  o.  zu  S.  452,27.  -  6  farnesischer  Palast: 
Die  schon  in  der  Renaissance  gegriindete  Sammlung  des  Palazzo  Farnese, 
deren  Hauptwerke  sich  allerdings  seit  1768  in  Neapel  befinden,  war  eines 
der  besuchtesten  antiken  Museen  des  18.  Jahrh.  in  Rom. 

S.  673,27  Aussichten  in  die  Ewigkeit:  s.  o.  zu  S.  602,  j. 

S.  674,1$  per sonae  turpes:  unehrliche  Personen,  Leute,  die  durch  einen 


ANMERKUNGEN  1 195 

schimpf lichen  Beruf  ntcht  die  biirgerlichen  Rechte  besaGen.  —  i5  Yahoos: 
menschenahnliche  Untiere,  denen  Gulliver  auf  seiner  letzten  Reise  begegnet.- 

23  Mondsflecken:  s.  o.  zu  S.  370,4.  —  3S  Lichtenbergs  Maga^in  usw.  3teS 
Heft:  Das  Zitat  wird  von  Berend  richtiggestellt:  1.  Bd.,  4.  St.  (1783). 

S.  675,70  lergliederte  polnische  Proving:  Anspielung  auf  die  dritte  pol- 
nische  Teilung  von  1795. 

S.  676,4  auf  der  siebenten  Platte:  Eigtl.  stellt  das  Bild  den  Diebstahl 
Achans  dar,  vgl.  Jos.  7.-17  Hoffurier:  Hofbedienter,  der  die  Befehle  des 
Hofmarschalls  auszufiihren  hatte. 

S.  678,30  Archenholi:  vgl.  Joh.  Wilh.  v.  Archenholz  (1743-1812): 
"England  und  Italien«,  1.  Bd.  (1785),  S.  367.  -  31  Adelung:  s.  o.  zu  S.  374,32. 

S.  679,5)  Regalien:  konigliche  Vorrechte. 

S.  680,33  Surpluskasse:  Oberschuflkasse. 

S.  681,52  Grahams  himmlische  Bet  ten:  s.  o.  zu  S.  489,5. 

S.  682, 3  Gellertsche  und  Zimmermannsche  Unterredung  mit  Serenissimo : 
Erinnerung  an  die  bekannten  Gesprache  von  Gellert  (s.  o.  zu  S.  373,2)  und 
Zimmermann  (s.  o.  zu  S.  213,6")  mit  Friedrich  dem  GroGen,  iiber  die  Gellert 
in  seinem  beruhmten  Brief  an  Fraulein  v.  Stolberg  vom  12.  Dezember  1760, 
Zimmermann  in  seiner  Schrift:  »Ober  Friedrich  den  GroGen  und  meine 
Unterredungen  mit  ihm  usw.«  (1788)  berichtet  haben. 

S.  683,5)  Was  ieigt  nun  Kronlein  hier  der  JVelt}  :  Die  Darstellung  zeigt 
das  falsche  Zeugnis  der  beiden  Alten  gegen  Susanne,  vgl.  Dan.  13. 

S.  684,  /  3  Tetrapla,  Nexapla,  Oktapla :  vier-,  sechs-,  acht-sprachige  Bibel.  - 

24  Quinterne:  s.  o.  zu  S.  12,2.  -  28  Cansteinisches  Bibelwerk:  Bibel  aus  der 
von  Karl  Hildebrand  v.  Canstein  (1667-1719),  dem  Freund  von  Spener 
und  Francke,  1710  gegriindeten  Halleschen  Bibelanstalt,  die  viel  zur  Ver- 
breitung  der  hi.  Schrift  unter  das  Volk  beitrug. 

S.  685,3  forum  deprehensionis :  eigtl.  gerichtliche  Obrigkeit,  die  das  Recht 
besitzt,  einen  gefangenen  Verbrecher  auch  fur  Untaten  zu  bestrafen,  die 
nicht  auf  ihrem  Boden  vorgefallen  sind,  hier  nur  svw.  Gerichtsstat.t.  -  1 3  wie 
Moses:  vgl.  2.  Mose  17,1-7.  —  17  wie  der  grofie  Scipio:  nach  der  bekannten 
Erzahlung  in  des  Cornelius  Nepos  Biographie  des  alteren  Scipio,  Kap.  17.  -20 
Achilles-Dreh-Schild:  Die  Riistung  des  Achill  war  bekanntlich  gegen  TrefTer 
gefeit.  -32  Gergesener:  Nach  Matth.  8,28-34  und  Luk.  8,26-39  fuhren  die 
Teufel  aus  den  Besessenen  von  Gergesa  in  etne  Schweineherde.  J.  P.  scheint 
sich  auf  eine  spatere  Exegese  dieser  Srellen  zu  beziehen.  —  34  Auskultant: 
Beisitzer  eines  Gerichtskollegiums  ohne  Stimmrecht.  -  36  Hommel:  s.  o.  zu 
S.  82,2/. 

S.  686,4  sachsisches  Blau:  analog  zu  »Berliner  Blau«,  der  beruhmten 
Porzellanfarbe,  gebildet. 

S.  687,3  adjuvans:  unterstiitzendes  Ingredienz  einer  Arznei.  -  4ff.  Cha- 
rondas  usw.:  Namen  von  beruhmten  Gesetzgebern.  Charondas  war  im 
5.  Jahrh-  v.  Chr.  der  Herrscher  iiber  Katane  auf  Sizilien,  Edgar  der  GroGe 
(gest,  975)  einte  als  erster  das  angelsachsische  Reich  und  Konig  Knut  (gest. 


II9<5  ANMERKUNGEN 

1035)  war  Herrscher  uber  England,  Danemark  undSchweden.  —  13  die 
Generate  in  N.  N. :  vermutlich  die  Feldherrn  der  osterr.  Armee  in  I  tali  en 
wahrend  der  Revolutionskriege.  -  1 5  Rousseau:  vgl.  Confessions,  I.  Buch. 

S.  688, 13  Pompejus*  Krieger:  Caesar  soil  wahrend  des  Biirgerkrieges 
seinen  Soldaten  befohlen  haben,  im  Kampf  stets  auf  das  Gesicht  der  Soldaten 
des  Pompejus  zu  zielen.  -34  patrimonium  Petri:  das  Erbteil  Petri,  der 
Kirchenstaat. 

S.  689,34  Moratorium:  Anstandsfrist  bei  Wechseln. 

S.  690,7:7  Aristoteles:  vgl.  Problemata  XV.  —  26  Dikaster'tant:  Rechts- 
vertreter.  —  32  Academic  des  belles Lettres :  Sie  wurde  1689  von  Ludwig  XIV. 
gegriindet.  —  33  Zesischer  Blumenorden:  Der  Dichter  und  Sprachgelehrte 
Philipp  v.  Zesen  (1619-89)  griindete  1643  nacn  ^em  Muster  der  it.  Academia 
della  crusca  die  »Deutschgesinnte  Genossenschaft«  und  war  zugleich  ein 
Mitglied  in  Harsdorffers  »Blumenorden«,  dem  spateren  Bund  der  »Peg- 
nitzschafer«. 

S.  691,?  nach  Lessing:  vgl.  Fabeln,  1.  Buch:  »Die  Nachtigall  und  der 
Pfau« :  »Kneller  und  Pope  waren  bessere  Freunde,  als  Pope  und  Addison.«  - 
7  Gottfried  Kneller  (1646— 1723):  Portratmaler  deutscher  Abkunft,  der  seit 
1680  in  London  tatig  und  aufs  engste  mit  Pope  befreundet  war.  —  2  Eddison: 
s.  o.  zu  S.  357,2.  Er  war  mit  Pope  wegen  dessen  Homerubersetzung  in  einen 
hitzigen  Streit  geraten.  —  6  Isaak:  vgl.  1.  Mose  27.  -  jBileam:  vgl.  4.  Mose 
22-24. 

S.  692,77  die  drei  Instan^en:  beim  ProzeB.  —  31  chalkographische  Gesell- 
schaft:  Diese  Gesellschaft  wurde  1795  von  dem  Freiherrn  Fr.  Moritz  v. 
Brabeck  gegriindet  und  bestand  bis  1806.  Sie  sollte  durch  die  Vervielfalti- 
gung  wertvoller  Kunstwerke  in  Kupferstichen  das  Verstandnis  fur  bildende 
Kunst  in  Deutschland  fordern.  —  33  Shakespeare-Gallery:  eine  im  18.  Jahrh. 
in  London  errichtete  Sammlung  von  Zeugnissen  und  Erinnerungen  an  den 
Dichter.  -  36  Platte:  Das  Bild  stellt  in  Wirklichkeit  Jakob  dar,  wie  er  die 
gestreiften  Stabe  in  die  Trankrinnen  des  Viehs  legt.  Vgl.  1.  Mose  30,37. 

S.  693,23  Mosis-Decke:  s.  o.  zu  S.  421,77.  —  29  Bibliothek  der  schonen 
Wis  sense  haf ten :  erg.  »und  der  freien  Kiinste«.  Diese  Zeitschrift  erschien,  her- 
ausgegeben  von  Moses  Mendelssohn  und  Friedrich  Nicolai,  von  1757-65 
und  wurde  dann  unter  dem  Titel:  »Neue  Bibliothek  usw.«  fortgesetzt  bis 
1806.  —  30  Fr.  Wilh.  Basilius  v.  Ramdohr  (1757-1822):  Jurist  und  Kunst- 
schriftsteller,  der  1793  eine  vielbeachtete  kunsttheoretische  Schrift:»Charis 
oder  uber  das  Schone  und  die  Schonheit  in  den  nachbildenden  Kiinsten« 
(2  Tie.)  veroffentlichte,  die  ihm  das  Lob  der  »Allgemeinen  Deutschen 
Bibliothek«  und  den  lebhaften  Tadel  Schillers  und  Goethes  einbrachte.  - 
32  Aristoteles:  vgl.  Poetik  XXIV. 

S.  696,77  Aigrette:  Federbusch,  Kopfbedeckung  aus  Reiherfedern.  — 
j 7  bekielen:  befedern.  —  j5  lit  de  justice:  der  erhohte  Sitz,  auf  welchem  die 
franz.  Konige  bei  Gericht  zu  sitzen  pflegten. 

S.  697,-26"  Kunstrat  Fraischdorfer :  s.  o.  S.  20,77  und  die  Anmerkung. 


ANMERKUNGEN  II97 

S.  698,27  Francesco  Albani  (1 578-1660):  im  i8.Jahrh.  hochgeschatzter 
Maler  der  rom.  Schule.  —  31  Torus:  s.  o.  zu  S.  485,6". 

S.  699,  1  1  Bagatelle;  s.  o.  zu  S.  365, j2<?.  —  1 1  Monrepos:  kleines  SchloB- 
chen  bei  Ludwigsburg.  Beide  Namen  waren  auch  sonst  fur  kleine  SchloB- 
chen  und  Villen  beliebt.  -  27  Thomas  Murner  (1 475-1 531):  Theologe  und 
Satiriker,  dessen  erwahntes  Werk  1509  erstmals  gedruckt  wurde.  -  19  Me- 
nestrina:  rich  tig  Menestrier. 

S.  700, 2 6  Nutritor:  s.  o.  zu  S.  171,2,5. 

S.  701 ,  2  4  Plongierbad:  Sturzbad.  —  29  actio  defiliatione  :  gerichtliche  Nach- 
forschung  nach  der  Vaterschaft,  wenn  Eltern  oder  Kinder  diese  in  einem 
ErbschaftsprozeB  abstreiten.  —  31  Exorcist:  Teufelsbeschworer. 

S.  702,6*  Senkreiser;  Jungpflanze. 

S.  703,34  orbis  pictus:  s.  o.  zu  S.  21,22. 

S.  705,  2  5  Herr  H.:  jedenfalls  Herder,  wozu  Berend  auf  die  folgende 
Briefstelle  verweist  (Brief  an  Karoline  Herder  vom  12.  Juli  1796):  »Ihre 
Abende  kolorieren  meine  Traume  und  entfarben  meine  Tage.  Wahrlich, 
mein  Kopfkissen  ist  fiir  mich  der  Prasentierteller  von  Weimar:  ich  wunsche 
Ihrer  Wirklichkeit  alle  Stickerei  und  Deko  ration  meiner  Traume«. 

S.  706,26"  Pedrillo:  vgl.  Wielands  »Don  Sylvio  di  Rosalva«  (1772)  I,n. 

S.  707,22  gerade  heute:  Am  21.  Marz  1797  wurde  J.  P.  34  Jahre  alt. 

S.  708,25  Wilsonscher  Knopf:  s.  o.  zu  S.  295,6".  —  30  casa  santa:  s.  o. 
zu  S.  71,28.  -  36  Wilh.  Aug.  Fr.  Dani  (1762-1803):  Rechtsgelehrter, 
dessen  »Grundsatze  des  Reichsgerichtsprozesses«  eben  1795  erschienen 
waren. 

S.  709, 3  Pro  no  tar:  wohl  ein  Schreib-  oder  Druckversehen  fiir  wProto- 
notar«.  —  20  Latitudinarier ;  Freidenker. 

S.  yio72Cf  Konviktorist:  Freitischganger.  —  30  Litis- Konsort:  s.  o.  zu 
S.  354,22 

S.  71  iy8  Spilt-  und Schwertmagen:  svw.  die  engere  und  weitere  Verwandt- 
schaft.  —  31  Fratschler-Frau:  Trodlerin. 

S.  712,16  Palankin;  besticktes  oder  bedrucktes  Kaschmirgewebe  aus 
Seide. 

S.  713, 14  pauvre  honteuse:  verschamte  Arme. 


Palingenesien 

Im  Juli  1797  ging  der  Geraer  Buchhandler  Wilhelm  Heinsius  den  Dichter 
urn  eine  Neubearbeitung  seiner  Satirensammlung :  »Auswahl  aus  des  Teufels 
Papieren«  (1789)  an,  deren  Verlagsrechte  er  zu  Beginn  des  Jahres  von  ihrem 
alten  Verleger  Beckmann  erhalten  hatte.  Jean  Paul  fand  Gefallen  an  diesem 
Plan  und  sagte  zu.  Ende  Oktober  1797  machte  er  sich  an  die  Arbeit,  und 
bereits  im  Dezember  ging  ein  erster  fertiger  Teil  des  Manuskriptes  zum 
Druck.  Die  Ausarbeitung  zog  sich  dann  durch  den  ganzen  Winter  hin  und 


1  I98  ANMERKUNGEN 

wurde  am  23.  Marz  1798  abgeschlossen.  Der  Druck  erfolgte  bei  Breitkopf 
und  Hartel  in  Leipzig,  wobei  eine  neue  Frakturletter  zum  erstenmal  ver- 
wendet  wurde.  Da  Jean  Paul  diesmal  selbst  Korrektur  las,  fiel  der  Druck 
ungewohnlich  schon  und  sorgfaltig  aus.  Das  Werk  erschien  mit  ejniger 
Verzogerung,  da  in  der  Druckerei  Personalschwierigkeiten  zu  beheben 
waren,  erst  Ende  August  1798  in  zwei  Bandchen.  —  Das  kritische  Echo  war 
sehr  gtinstig,  doch  lieB  die  erst  starke  Nachfrage  im  Publikum  bald  nach. 
Eine  zweite  Auflage  ist  zu  Lebzeiten  Jean  Pauls  nicht  erschienen. 

Titel:  Der  Titel  »Palingenesien«  (Wiedergeburten)  war  urspriingHch  als 
Hauptiiberschrift  gedacht,  da  J.  P.  mit  dem  Gedanken  spielte,  das  Werk  um 
einen  oder  mehrere  Bande  weiterzufuhren  und  auch  Teile  der  »Gronlandi- 
schen  Prozesse«  (1783)  neu  zu  bearbeiten.  Noch  1S01  spricht  J.P.  von  den 
»kunftigen  Erben«  der  »TeufeIs-Papiere«,  ohne  jedoch  diesem  Plan  noch- 
mals  naherzutreten. 

S.  722,5  Mantelkind:  ein  vor  der  Ehe  geborenes  Kind,  das  legitimiert 
wurde,  indem  es  die  Mutter  bei  der  Trauung  unter  den  Mantel  nahm.  - 

2  j  Knoppern:  Gallapfel  an  den  jungen  Kelchblattern  der  Eiche. 

S.  723,7  Oncle  Tobys-Regimentsmdrsche  :  vgl.  Tristram  Shandy  I,2i.  — 
10  argumentum  fistulatorium ;  gepfiffenes  » Argument,  wohl  eine  scherz- 
hafte,  von  Sterne  beeinfluBte  Eigenbildung  J.P.s.  -  z5  Schwert-  und  Spill- 
magen:  s.  o.  zu  S.  7ii,#.  —  17  Rousseau:  J.P.  spielt  hier  vermutlich  auf 
Rousseaus  Idealvorstellungen  vom  Naturzustand  des  Menschen  an  und  auf 
sein  Streben  nach  dem  Eichenkranz  des  Dichters. 

S.  724,7/  holierne  Ente  Vaucansons:  Der  franz.  Mechaniker  Jacques 
Vaucanson  (1709-82),  der  durch  seine  lebensgroCe  Figur  eines  Flotenspie- 
lers  beriihmt  geworden  war,  hatte  1754  eine  mechanische  Ente  konstruiert.  - 
14  Asphyxia:  Erschlaffung.  -  /  8  Bogen  A  und Ff:  Die  Druckbogen  wurden 
friiher  nach  dem  Alphabet  gezahlt  und  bei  Beginn  eines  neuen  Alphabets 
die  Buchstabenangaben  verdoppelt. 

S.  725,7  o  neue  Drucklettern :  vgl.  Vorbemerkung  zu  diesem  Werk.  Auch 
hier  spielt  wieder  eine  Erinnerung  an  Lavaters  gedruckte  Manuskripte  mit 
herein,  vgl.  dazu  o.  S.  186, 2. 5  und  die  Anmerkung.  —  14  das  Cansteinische 
Bibelwerk:  s.  o.  zu  S.  684, 28.  -  34  nach  Lavater:  vgl.  Physiognomische 
Fragmente  IV,269. 

S.  726,3 ff.  Voltaire:  Die  erste  Auffiihrung  seines  Trauerspiels :  »Irene« 
bei  seinem  letzten  triumphalen  Aufenthalt  in  Paris  1778  gestaltete  sich  zu 
einem  gewaltigen  Erfolg  fur  Voltaire,  der  durch  einen  Blutsturz  nicht  an 
der  Auffiihrung  teilnehmen  konnte,  sondern  nur  am  Krankenbett  laufende 
Berichte  bekam.  -  24  Nobilis:  doppelter  Plural!  -  25  Fakultist:  s.  o.  zu 
S.  387,^2. 

S.  727,2  Pindus:  s.  o.  zu  S.  256,/^.  —  2  monte  nuovo:  ein  Berg,  der  1,538 
durch  eine  vulkanische  Eruption  an  der  Kuste  vor  Bajae  entstanden  ist.  - 
4  Schneckenberg:  ein  in  der  franz.  Gartenkunst  sehr  beliebter  kiinstlicher 


ANMERKUNGEN  1 199 

Hiigel,  urn  den  sich  Laubengange  in  Spiralen  nach  oben  drehten.  Ein  solcher 
Schneckenberg  hat  sich  in  der  Bayreuther  Eremitage  bis  heute  erhalten.  — 
6  voltairiscke  Borussias:  J.  P.  hat  Voltaires  benihmtes  Epos:  »Henriade*< 
(1727)  im  Auge,  mit  einer  Anspielung  auf  das  schon  erwahnte  holzerne 
Gedicht:  »Borussias«  (1784)  eines  D.  Jenisch.  —  6  dessen:  Voltaires.  Viel- 
leicht  auch  ein  Schreibversehen  fur  »deren«. 

S.  728,7.2  promulgieren :  verofTentlichen. 

S.  729,34  Professionist :  Handwerker. 

S.  730,3  chalkographische  Gesellsckaft; ,s.  6.  zu  S.  692,3*.  —  23  Duode{i- 
mus  Fixlein  in  Z-ch  usw.:  Die  Korrespondenten  errmttelt  Berend  in  einer 
langen  Note  der  Kritischen  Ausgabe.  Danach  ist  unter  dem  Duode^imus 
Fixlein  ein  Joh.  Kaspar  Horner  (1774-1834),  Physiker  und  Astronom  aus 
Zurich,  gemeint,  der  sich  in  einem  launigen  Brief  vom  Juli  1797  als  solcher 
bezeichnet  hatte.  Mit  Herrn  JV-ss-k  in  M-rf  ist  vermutlich  der  reform ierte 
Theologe  Fr.  Wilh.  Karl  Wisselinck  gemeint,  der  in  den  Vorarbeiten  als 
Wisselinck  in  Matzdorf  angefiihrt  wird.  SchlieBlich  sind  unter  Schiitz  in  B. 
und  seinem  wohlwollenden  B ruder  ein  Christian  Heinr.  Schiitze  in  Barkau 
und  dessen  Bruder  Joh.  Fr.  Schiitze  zu  verstehen.  Der  letztere  hatte  in 
einem  Aufsatz  iiber  den  Dichter  im  >»Deutschen  Magazin«  (Febr.  1798, 
S.  97-119)  behauptet,  daB  die  unter  dem  Namen  »Hasus«  erschienenen 
Aufsatze  in  der  von  Archenholz  herausgegebenen  Zeitschrift:  »Literatur 
und  Volkerkunde«  von  J.  P.  stammten. 

S.  731,7  Leipzig:  Ende  Oktober  1797  war  J.P.  von  Hof  vorubergehend 
nach  Leipzig  ubergesiedelt.  —  14  oleum  tartari  per  deliquium;  Weinsteinol, 
starkes  Desinfektionsmittel.-  29  Robert  Hooke  (1635-1703):  engl.  Physiker 
und  Chemiker. 

S.  732,76*  Whiston:  s.  o.  zu  S.  503,70  —  21  Meusels  Deutschland:  s.  o. 
zu  S.  74,2s.  -  27  Lese-Esel:  schmales  Gestell,  auf  dem  man  rittlings  zu 
lesen  pflegte. 

S.  733,75  Ewigkeiten  a  parte  ante:  s.  o.  zu  S.  597, 1 8.  -  21  Samuel  Butler 
(1612-80):  engl.  Satiriker,  der  nach  dem  Vorbild  des  Don  Quixote  ein 
komisches  Epos:  »Hudibras«  (1663)  verfafit  hat.  -  31  satirisches  Polen: 
s.  o.  zu  S.  675,70. 

S.  735,6"  Pater  Hardouin:  Der  franz.  Antiquar  und  Numismatiker  Jean 
Hardouin  (1646-1729)  stellte  in  seiner  1697  erschienenen  »Chronologie 
expliquee  par  les  medailles«  die  Behauptung  auf,  alle  aus  der  Antike  iiber- 
kommenen  Werke  seien  mit  wenigen  Ausnahmen  von  einer  benediktischen 
Schule  des  13.  Jahrh.  gefalscht  worden.  -  1  o  Regulus-Fafi:  Der  rom.  Konsul 
Emilius  Regulus,  der  in  karthagische  Gefangenschaft  gefallen  war,  wurde 
dort  in  einem  mit  Nageln  ausgeschlagenen  Fafi  zu  Tode  gefoltert. 

S.  736,^  Hogarth:  s.  o.  zu  S.  227,25).  -  29  Passerformen .*  Nebenformen.  - 
28  der  Venner:  der  bose  Oheim  im  Siebenkas.  -  30  Samielwind:  s.  o.  zu 
S.  297, 7  o.  -  33  Hofkalkant:  Blasbalgtreter  an  der  Hof  kirche.  -  33  Pupillen- 
kollegien :  Vormundschaftsgerichte. 


1200  ANMERKUNGEN 

S.  737,/  8  Dragonaden;  So  hieBen  die  Zwangseinquartierungen  von  Dra- 
gonern,  durch  die  unter  Ludwig  XIV.  die  Hugenotten  in  Frankreich  zur 
Konvertierung  gezwungen  wurden.  -  32  in  effigie:  bildlich. 

S.  738, 11  Steele,  Addison:  s.  o.  zu  S.  357,-2. 

S.  740,2  Werthers-Freuden:  s.  o.  zu  S.  349,72.  -  22  inkaminieren:  an- 
zetteln,  in  die  Wege  leiten. 

S.  741,/ 4  Amphiktyonengericht:  ein  aus  den  zwolf  Hauptstammen  Grie- 
chenlands  gebildeter  Rat,  der  ursprunglich  iiber  den  Schutz  des  Delphischen 
Orakels  wachen  sollte  und  spater  eine  wichtige  Rolle  im  Streit  urn  die 
griechische  Hegemonie  spielte.  -  26  Kastor  und  Pollux:  Da  nur  der  eine 
der  Zwillingsbriider  unsterblich  war,  verbrachten  sie  beide  abwechselnd 
ihr  Leben  auf  dem  Olymp  und  in  der  Unterwelt.  —  31  Natalia  undHermina: 
Natalie  ist  die  zweite  Frau,  die  Siebenkas  zu  Ende  des  Romans  heiratet, 
Hermina  wird  hier  erstmals  als  die  fingierte  Gemahlin  des  Dichters  einge- 
fiihrt. 

S.  742,/  8  Schwabacher:  alte  Frakturletter.  —  21  wo  ich  schon  seit  acht 
Seiten  .  -  -  stehe.  und  auf  mich  wane:  Hier  macht  sich  der  EinfluG  Sternes 
geltend,  der  ahnlich  sich  erst  nach  langen  Ausschweifungen  wieder  auf  seine 
Personen  besinnt,  die  er  gleichsam  in  ihrer  Bewegung  erstarrt  stehen  ge- 
lassen  hat.  Vgl.  etwa  Tristram  Shandy  111,38  und  IV,  13. 

S.  743,4  Quartant  voll  Kupferstiche : vermutHch  die  »Historischen  Nach- 
richten  von  des  loblichen  Hirten-  und  Blumenordens  von  Pegnitz  Anfang 
und  Fortgang«  von  Amarante  (Herdegen),  das  1744  in  Niirnberg  erschien 
und  unter  dessen  Kupferstichen  ein  Plan  und  eine  Darstellung  des  Irrhains 
sich  befanden.  -  y  Tempetal:  s.  o.  zu  S.  30,^0.  -  10  Correggios-Nacht : 
s.  o.  zu  S.  32,72.  —  1 8  Wonnemonat  unserer  Literatur:  In  den  Jahren  zwi- 
schen  1740  und  1760  loste  sich  die  deutsche  Literatur  langsam  aus  den 
Fesseln  der  franzosischen  und  englischen.  Dabei  spielten  die  Werke  Gellerts 
und  Karl  Christian  Gartners  ( 1 71 2-9 1 ),  die  zusammen  mit  Rabener  und  Zacha- 
ria  an  der  Zeitschrift:  »Belustigungen  des  Witzes  und  Verstandes«  (i744ff,) 
mitarbeiteten,  eine  gewichtige,  wenn  auch  auf  die  Dauer  gesehen  kleine 
Rolle.  Adelung  (s.  o.  zu  S.  374,^2)  und  die  Schule  Gottscheds  hielten  auch 
spater  daran  fest,  diese  Jahrzehnte  fur  die  eigentliche  Bliitezeit  der  deutschen 
Literatur  zu  halten.  —  22  Wieglebsche  Magie:  s.  o.  zu  S.  194,2.  —  27  Hars- 
dorf:  Die  falsche  Namensschreibung  (fur  »Harsd6rffer«)  entnahm  J.  P.  sei- 
ner Quelle,  der  »Kurzen  Beschreibung  der  Reichstadt  Niirnberg«  (1793) 
von  C.  G.  Muller.  -  27  Cajus  Joh.  Klay  (1616-56):  Dichter  und  Prediger, 
stiftete  mit  Harsdorffer  zusammen  den  Pegnitzorden.  —  33  Hesperiden-  - 
Garten:  s.  o.  zu  S.  92,72. 

S.  744,5  Mendchmen:  Ebenbilder,  Zwillinge.  -  26  Stangenharmonika: 
eine  Art  Glasharmonika.  -  28  Kanarienvogel:  J. P.  wufite  aus  dem  1.  Bd. 
von  Nicolais  »Beschreibung  einer  Reise  durch  Deutschland  und  die  Schweiz« 
(3.  Aufl.,  12  Bde.  1788—96),  daB  die  Nurnberger  Weber  Kanarienvogel 
ziichteten. 


ANMERKUNGEN  1 20 1 

S.  745,26"  Kotmonat:  ein  seit  dem  i6.Jahrh.  gelaunger  Name  ftir  den 
Februar. 

S.  746,^  griines  Gewolbe:  s.  o.  S.  95, 34. 

S.  748,/.;  in  der  torn.  Rotunde:  Hier  bezieht  sich  J.  P.  auf  Volkmanns 
"Historisch-kritische  Nachrichten  von  Italien«  (s.  o.  zu  S.  11,6"),  vgl.  dort 
2.  Bd.,  S.  320:  »Man  sagt,  daB  die  romischen  Madchen  . . .  sich  dieses  reinen 
Lichts  halber  ihren  Liebhabern  gerne  zum  erstenmal  in  der  Rotonda  zeigen.« 

S.  752,3  Satire  S.  343:  Es  ist  das  VIII.  St.  aus  der  »Zweiten  Zusammen- 
kunft  mit  dem  Leser«.  Der  Text  ist  stilistisch  an  alien  Stellen  verandert, 
ohne  dafi  inhaltlich  die  Varianten  der  fruheren  Fassung  von  Interesse  sind. 
Wir  verzichten  darum  auch  im  folgenden  auf  ein  Verzeichnis  der  Varianten.  — 
6  aus  dem  ersten  Teile  seiner  Biographic:  vgl.  Bd.  2  unserer  Ausg.,  S.  422, 
izff.  Das  »Fruchtstuck«  stand  in  der  1.  Aufl.  des  »Siebenkas«  zu  Anfang 
des  1.  Bandchens.  -  13  Thomas  Billington  (1754— 1832):  engl.  Hofvirtuose, 
gab  in  London  zu  Ende  der  8oer  Jahre  ohne  Jahresangabe  »Youngs  Night- 
Thoughts,  Selected  and  Set  to  Music«  heraus. 

S.  754,*  Terete:  s.  o.  zu  S.  31,^0.  —  24  Vauclusens-Quelle :  s.  o.  zu  S. 
576,20. 

S.  75 5,  J  Literatur^eitung :  s.  o.  zu  S.  28,;.  Die  Verlagsanzeige  der  »Palin- 
genesien«  erschien  nach  Berend  erst  am  7.  Nov.  1798  im  Intelligenzblatt 
der  »Jenaischen  AUgemeinen  Literaturzeitung«.  —  6 Mailer :  s.  o.  zu  S.  32,27. 

S.  756,20  Mouchards:  Kundschafter,  Polizeispitzel.  —  23  semperfrei: 
s.  o.  zu  S.  127,26.  —  31  symbolische  Bucher;  ein  Kanon  theologischer 
Schriften,  die  in  der  reformierten  Kirche  rechtliche  Giiltigkeit  besitzen.  - 
31  schema  examinandi :  Priifungsverordnung  an  der  Universitat.  —  32  das 
Edikt  vom  gten  Jul. :  das  beriichtigte  Religionsedikt  vom  9.  Juli  1788,  durch 
das  der  preuBische  Staatsminister  Joh.  Christoph  v.  Wollner  (1732-1800) 
der  Auf  klarung  entgegenzuwirken  suchte. 

S.  757,^7  Cyropadie:  Unter  diesem  Titel  schrieb  bekanntlich  Xenophon 
einen  padagogischen  Roman  iiber  die  Erziehung  des  jtingeren  Kyros.  - 
23  Thersites:  Er  war  der  haBlichste  der  Griechen  vor  Troja  und  hatte  die 
schandlichste  Zunge.  -  24  Zoilus;  s.  o.  zu  S.  476,4. 

S.  758,;  Wilh.  Sebastian  v.  Belling  (1719-79):  preuBischer  Reitergeneral, 
der  sich  in  den  Schlesischen  Kriegen  als  Oberst  der  schwarzen  Husaren 
auszeichnete.  —  3  sdkularischer  Jubelgesang:  Die  rom.  Feiern  zum  jeweils 
hundertjahrigen  Bestehen  der  Stadt  wurden  durch  Lobgesange  eingeleitet.  - 
1 9  Wolfgang  v.  Kempelen  (1 734-1 804) :  Wiener  Mechaniker,  der  durch  die 
Erfindung  eines  Schachautomaten  zu  europaischem  Ruhm  gelangte,  daneben 
aber  auch  eine  Reihe  weiterer  Automaten  konstruierte.  -  23ff.  Mehr  als 
Roman  -  kein  Roman  usw.:  Dazu  fuhrt  Berend  eine  Reihe  von  Beispielen 
an,  z.B.  »Der  Schein  betriigt;  zum  Gliick  nur  Roman«  (von  Jiinger,  1787), 
»Die  Riickkehr  ins  Vaterland,  ein  Halbroman«  (von  Merkel,  1798),  »Albert 
der  Selbstmorder,  leider  mehr  als  Roman«  (1798)  usw. 

S.  759,3  Nomenklator:  Namenweiser. 


1202  ANMERKUNGEN 

S.  761,7  3  Vatvationstabelle ;  Werttafel.  —  i5  Trophonius-Hohle :  s.  o.  zu 
S.  555,3'- 

S.  762,23  So  De{isionen:  Entscheidungen  Justinians  iiber  altere  Rechts- 
kontroversen  aus  den  Jahren  529—32.  -  23  Agenden:  Die  Formelbiicher 
der  presbyterianischen  Kirche. 

S.  763,2  Auerbachischer  Hof:  s.  o.  zu  S.  380,-26!  —  $  Supranumerar- 
Ak^essist-Bote :  iiberzahliger  Botenanwarter.  —  23  Botany-Bay:  beriichtigte 
engl.  Strafkolonie  an  der  Ostkiiste  Australiens- 

S.  7<5 5, 3  bekannte  Galerie:  die  Dresdner  Galerie,  s.  u.  zu  S.  871,2,9.  — 
28 Nervenfiebern:  So  nach  einer Konjektur  der Reimerschen  Gesamtausgabe; 
der  Originaldruck  und  ihm  folgend  die  Kritische  Ausgabe  schreiben:  »Ner- 
venfibern.«  —  29  Linne:  Der  schwedische  Naturforscher  machte  bekannt- 
lich  als  erster  Versuche,  kunstliche  Perlen  zu  ziichten. 
S.  767,/  3  Tithon:  s.  o.  zu  S.  204,27. 

S.  768,^7  gedackte  Register;  gedampfte  Register  an  der  Orgel.  —  2y 
Cyanometer;  ein  von  dem  Schweizer  Naturforscher  Horace-B^noit  de  Saus- 
sure  (1740-99)  erfundenes  Gerat,  um  die  Intensitat  der  atmospharischen 
Farbung  zu  messen. 

S.  769,^  capitulatio  perpetua:  s.  o.  zu  S.  361,26*.  —  21  plexus  Solaris: 
Nervengefiecht  in  der  Magengegend. 

S.  110,32  Quaterne;  s.  o.  zu  S.  12,2.  -  33  aurum  potabile:  Trinkgold. 
Ein  von  den  Alchimisten  verwendetes  Elixier,  mit  dem  alle  Krankheiten  heil- 
bar  sein  sollten,  das  aber  in  Wirklichkeit  verheerende  Giftwirkungen  besaB. 
S.  77*, J  Quinterne:  s.  o.  zu  S.  12,2.  —  7  Geronimo  Cardano  (1501-74): 
it.  Philosoph  und  Naturwissenschaftler,  gab  1546  und  1575  in  2  Tin.  eine 
Autobiographic:  »de  vita  propria**  heraus,  die  von  J. P.  exzerpiert  wurde.  - 
1 3  Terne:  s.  o.  zu  S.  12,2.  -  18  aurum  fulminans ;  leuchtendes  Gold,  Gold- 
stiicke. 

SL  ii2.,2  0  fiinf  guldne  Mause:  s.  o.  zu  S.  652,^. 

S.  773, 2  Schloier:  s.  o.  zu  S.  462, 1 1,  Er  bekampfte  in  seinem»Briefwechsel« 
aufs  heftigste  die  Staatslotterie.  -  27  Danaiden-Milchgefdfie:  s.  o.  zu  S. 
259,27.  Die  Anspielung  wirkt  ein  wenig  gezwungen.  -  33  durstig:  Die 
Originalausgabe  schreibt  wohl  versehentlich  »diirftig«. 

S.  114,12  Lagrimoso:  musik.  Ausdrucksbezeichnung  fur  »wehklagend«. 
S.  775,2/  Poularderie:  Masthuhnerzucht.  —  33  pauvre  honteux:  s.  o.  zu 
S.  715,14- 

S.  776,5  Furieriettel:  Quartierschein.  —  i5  Soxietatsinsetn  :  s.  o.  zu  S. 
569,2  o.  -  13  Musik  von  Graun;  Der  Opernkomponist  Karl  Heinr.  Graun 
(1701-59)  lebte  seit  1740  als  Kapellmeister  am  Berliner  Hof.  Als  sein  Haupt- 
werk  gilt  die  Passionskantate :  »Der  Tod  Jesu«  nach  einem  Text  von  Ram- 
ler,  die  1760  zuerst  aufgefiihrt  wurde. 

S.  111,23  wie  Sokrates  und  Archimedes:  Sokrates  pflegte  bekanntlich 
seine  philosophischen  Gesprache  auf  offener  StraBe  zu  fiihren,  bei  Archi- 
medes ist  wohl  an  die  Anekdote  von  seinem  Tod  zu  denken,  als  ihn  ein 


ANMERKUNGEN  1 203 

rom.  Legionar  versehentlich  erschlug,  weil  er  in  mathematische  Berech- 
nungen  vertieft  auf  der  StraBe  stehen  geblieben  war.  -31  Maupertuis* 
lateiniscke  Stadt:  s.  o.  zu  S.  247,5. 

S.  778, 12  Walchische  Kirchen-  und  Ketierhistorie :  Der  ev.  Kirchenhisto- 
riker  Christian  Wilh.  Walch  (1726-84)  gab  in  seinem  Hauptwerk  (1762-85, 
unvollst.  in  11  Tin.)  einen  »Entwurf  einer  vollstandigen  Historic  der  Ket- 
zereien,  Spaltungen  und  Religionsstreitigkeiten  bis  auf  die  Zeiten  der  Re- 
formation". —  20  wie  Xenophoh  und  Caesar;  Xenophon  beschrieb  in  seiner 
»Anabasis«  den  Feldzug  des  Kyros,  an  dem  er  selbst  als  Feldherr  teil- 
genommen  hatte,  Caesar  verfaBte  die  beiden  bekannten  Kommentare  zu 
seinen  eigenen  Kriegen.  —  23  wie  Bahrdt;  s.  o.  zu  S.  382,jz.  -  29  Tyburn 
Chronicle :  Verzeichnis  der  in  Tyburn  hingerichteten  Verbrecher.  -  33  Bu- 
sching:  s.  o.  zu  S.  156,24.  Seine  »Wochentlichen  Nachrichten  von  neuen 
Landkarten,  geographischen,  statistischen  und  historischen  Buchern  und 
Sachen«  erschienen  1773-87.  —  34  Jung:  Gemeint  ist  nach  Berend  Joh. 
Andr.  v.  Junk. 

S.  779,  <?  wie  Ritter  Michaelis:  s.  o.  zu  S.  144,25.  Er  veroffentlichte  in 
Frankfurt  am  Main  »Fragen  an  eine  Gesellschaft  gelehrter  Manner,  die  auf 
Befehl  S.M.  des  Konigs  von  Danemark  nach  Orient  reisten«.  -  22  Ephe- 
meriden:  Tagebucher.  -  23  Monboddo:  s.  o.  zu  S.  654,2^.  —  24  Dionysius 
von  Halikarnafi:  griechischer  Geschichtsschreiber  der  augusteischen  Zeit, 
der  »Antiquitates  Romanae«  in  20  Bdn.  verfaBt  hat. 

S.  780,26" spanische  Stiefel:  Werkzeug,  urn  dem  Gefangenen  in  der  Fol- 
ter  die  Beine  zu  zerquetschen.  -  28  tratto  di  corda:  Seilzug,  mit  dem  in 
Italien  bei  der  Folterung  die  Glieder  zerdehnt  wurden.  -  32  Herodes- 
Purpurmantel;  wohl  Anspielung  auf  die  Verspottung  Christi,  vgl.  jedoch 
Luk.  23,8-12.  -  32  San$culotten-S%epter :  So  verspottete  man  wahrend  der 
franz.  Revolution  haufig  gefangene  Aufstandische. 

S.  781,:  z  die  40  Ahademiker:  Die  Academie  franchise  und  die  Academie 
des  inscriptions  haben  je  40  Mitglieder.  -  ly  Jacques  Le  Long  (1665-1721): 
franz.  Geschichtsschreiber.  Er  fuhrte  die  Namen  in  seinem  Hauptwerk  an, 
der  »Bibliotheque  historique  de  la  France,  contenant  la  catalogue  de  tous 
les  ouvrages,  qui  traitend'de  l'histoire  de  ce  royaume«  (1719,  spater  mehr- 
fach  erweitert).  —  29  Nouvelles  a.  la  main:  Han dgeschrie bene  Zeitungen 
waren  schon  friih  iiblich  und  besonders  im  i8.Jahrh.  weit  verbreitet,  zum 
Teil  bedingt  durch  die  strenge  Zensur.  Am  beruhmtesten  ist  Melchior 
Grimms  »Correspondence  lrteraire,  philosophique  et  critique"  (1753—73), 
an  der  Diderot  hervorragenden  Anteil  hatte.  Auch  J.  P.  hatte  sich  friiher 
einmal  an  einem  »Vierzehn-Tage-Blatt«  versucht. 

S.  782,^5  Herschel:  s.  o.  zu  S.  461,5.  -  18  Univers'ttatsroman:  Gemeint 
ist  der  o.  zu  S.  72,27  erwahnte  »Akademische  Roman«  von  Happel. 

S.  784,2  russisches  Kriegsfeuer  in  Taurien:  In  den  Jahren  1787-90  fuhrte 
RuBland  mit  der  Tiirkei  um  den  Besitz  der  Krim  einen  heftigen  Krieg.  - 
13  Labarum:  s.  o.  zu  S.  210,25. 


1204  ANMERKUNGEN 

S.  785,^  Pankratium:  Ringl&mpf.  —  5  Hexenpantoffelcken  des  P.  Fulgen- 
tius:  Unter  einem  Hexenpantoffel  versteht  man  einen  kleinen,  aus  Holz 
geschnitzten  Schuh,  der  eingepflockt  wird  und  gegen  die  Verwiinschungen 
von  Hexen  helfen  soil.  —  33  Utopien:  s.  o.  zu  S.  569,2/. 

S.  786, 3  Alonia  Lorenzo  von  Toboso:  Don  Quixotes  Geliebte,  auf  die  hier 
angespielt  wird,  heiBt  eigtl.  Aldonza  Lorenzo.  -  4  Lorenzo  von  Calais: 
Sterne  berichtet  in  der  »Empfindsamen  Reise«  von  dem  Monch  Lorenzo, 
der  dem  Helden  Yorick  in  Calais  begegnet.  Als  Yorick  den  Monch  sehr 
beleidigt  hat,  bietet  ihm  dieser  gutmiitig  Tabak  an,  ohne  der  Beleidigung 
zu  achten.  Yorick  tauscht  daraufhin  seine  Tabaksdose  gegen  die  des  Mon- 
ches,  um  sich  seiner  heilsam  zu  erinnern,  und  wird  Lorenzos  Freund.  — 
j  Furstenbund  he/fender  Freundsckaft :  vgl.  das  12.  Kap.  im  »Siebenkas« 
(Bd.  2  unserer  Ausg.,  S.  374,7  Sff.).  -  34  Temper amentsblatt :  vgl.  o.  S. 

S.  787,^  Pugilistin:  Faustkampferin.  -  i5  ad  valvas  templi:  Im  alten 
Rom  wurden  die  Gesetze  an  die  Turflugel  der  Tempel  angeschlagen. 

S.  789,2  Stackelschweinmensch ;  Dieser  kuriose  Mensch  befand  sich  nach 
J.P.s  Exzerpten  langere  Zeit  in  den  Diensten  des  Tierhandlers  Brooks  in 
London.  —  13  sechieknkaratig :  J.  P.  vertauscht  hier  scherzhaft  »sechzehn- 
lotig«  bei  Silber  und  »vierundzwanzigkaratig«  bei  Gold.  —  19  Vellejus 
Paterculus:  rom.  Geschichtsschreiber  des  i.Jahrh.  n.  Chr.  —  23  Mandel: 
s.  o.  zu  S.  5I2,J*. 

790,2  in  Nordamerika:  Anspielung  auf  den  Soldatenhandel  Friedrichs  II. 
von  Hessen-Kassel,  der  1776-77  fur  den  amerikanischen  Krieg  12000  Sol- 
daten  nach  England  verkauft  hatte,  -  8  album graecum;  getrockneterHunde- 
kot,  der  friaher  als  Heilmittel  verwendet  wurde.  —  9  offi^inell;  arzneilich, 
heilsam. 

S*  79I?J  Marco  Alvise  Pitteri  (1702-86):  venezianischer  Kupferstecher 
und  Radierer.  —  27  nach  Buffbns  System :  im  ersten  Buch  seiner  »Histoire 
naturelle«.  Ober  Buffon  s.  o.  zu  S.  25,29.  -  34  wie  Klopstocks  Sonne:  vgl. 
Messias  1,622  ff. 

S.  792,6"  Quimbus-Flestrum :  richtig  Quinbus  Flestrin;  vgl.  Gullivers 
Reisen,  1.  Tl.,  2.  Kap.  —  29  physiognomische  Reisen:  s.  o.  zu  S.  175,^0.  — 

S.  794,26'  Louis-Sebastian  Mercier  (1740-18 14):  franz.  Schriftsteller, 
schrieb  den  von  Lenz  ubersetzten  »Essay  sur  l'art  dramatique«  (1767)  und 
die  damals  verbreiteten  »Tableaux  de  Paris**  (10  Tie.  1781—90),  denen  ver- 
mutlich  die  Bemerkung  mittelbar  entnommen  ist. 

S.  795,2,9  Turm  von  Cleobis  und  Biton  usw.:  Aussichtspunkte  im  Park 
des  Schlosses  Fantaisie  bei  Bayreuth  (Cleobis  und  Biton  spannten  sich 
bekanntlich  vor  den  Wagen  ihrer  Mutter,  der  Junopriesterin  Cydippe  und 
wurden  darauf  im  Tempel  in  ewigen  Schlaf  versenkt).  Berend  verweist  auf 
H.  Zschokkes  Beschreibung  des  Schlosses  im  »Archiv  der  Zeit  und  ihres  Ge- 
schmackes«  (1795),  II,  S.  258-69. 

S.  798,2?  Miltons  arbeitendes  Chaos:  vgl.  Paradise  Lost,  I,  59ff. 


ANMERKUNGEN  1205 

S.  $02,23  feuriger  Busch:  vgl.  2  Mose  3,1-6.  —  2y  Donatschnit^er :  s.  o. 
zu  S.  1 29, 1 4.  -  2  8  Schulpforte :  1553  gegriindete  Fiirstenschule  in  Sachsen.  - 

29  Dokimastihum  :  Priifungsarbeit. 

S.  803, 2 3  bambergische  Wiesen:  die  zum  Hochstift  Bamberg  gehdrige 
Gemarkung  Wiesenthal. 

S*  804,^  Mosheim:  s.  u.  zu  S.  8ii,j5.  -  33  Walch:  s.  o.  zu  S.  778, 2  2.  - 
3S  Baireuth  und  Ansbach:  Die  beiden  Fiirstentiimer  fielen  1791  durch 
Erbschaft  an  PreuBen. 

S.  805,7  menses  papales:  Papst-  oder  Romermonate,  die  ungeraden 
Monate  im  Jahr,  deren  Steuern  ursprunglich  der  romischen  Kurie  zugute 
kamen.  —  30  Antihypochondriacus :  »A.  oder  Etwas  zur  Erschiitterung  des 
Zwerchfells  und  zur  Beforderung  der  Verdauung«.  Titel  einer  mehrbandigen 
Sammlung  von  Anekdoten  und  Witzen,  die  G.  A.  Kayser  in  den  Jahren 
1782-96  herausgab. 

S.  806,74  Inkubus:  hier  svw.  Nachtmahr.  -  22  frere  servant:  s.  o.  zu 
S.  230, j/.-  36  Knallgold  (dtoch.  Platzgold):  ein  Praparat  aus  Goldlack,  das 
beim  Erwarmen  mit  Knallen  auffliegt 

S.  807,7  mein  ^weispdnnlger  Psychens-Wagen:  s.  o.  zu  S.  143,4.  —  2$ 
Hofrat  Meusel:  s.  o.  zu  S.  75, 2#.  Er  lebte  seit  1780  in  Erlangen.  -  33  Mor- 
danten:  Pralltriller. 

S.  808,/ 1  anquicken:  anfreunden.  —  tS  anastomosieren :  zusammenmun- 
den,  verwachsen.  —  22  Gletscherathos .*  Der  griechische  Bildhauer  und  Archi- 
tekt  Deinokrates  legte  Alexander  dem  GroBen  einmal  den  phantastischen 
Plan  vor,  denRerg  Athos  in  eine  Kolossalstatue  desKonigs  zu  verwandeln.  - 
31  horror  naturalis:  wohl  Anspielung  auf  den  alten,  schon  von  Rabelais 
(vgl.  Gargantua  und  Pantagruel  1,5)  verspotteten  Lehrsatz  der  alteren 
Physik;  »Horror  vacui  motus  fit«,  mit  dem  sie  den  luftleeren  Raum  in  der 
Natur  zu  erklaren  suchte.  -  3S  Kartesianische  Tiermaschinen :  vgl.  o.  S. 
780,^6$".  -  3$  Mumien:  Aus  den  zerschabten  Gliedern  von  Mumien  wur- 
den  friiher  Arzneien  und  ein  sehr  dunkler  Farbstoff  gewonnen, 

S.  809^6  krepieren:  argern,  verdrieBen.  -  19  Jos.  Immanuel  Baggesen 
(1764-1826} :  dan.  Dichter.  Das  Zitatbezieht  sich  nachBerend  auf  "Baggesen 
oder  Das  Labyrinth**  5,  St.  (1795),  S.  332,ff.  -  23  in  margine:  am  Rand. 

S.  810, 7 3  Hysteronproteron:  s.  o.  zu  S.  239,5.  -  16  Oubliette:  Gefangnis; 
s.  audi  o.  zu  S.  34,7  6".  —  19  Jenenser  und  Hallenser:  In  Halle  und  Jena 
waren  die  beiden  Zentren  der  Kantischen  Schule.  -  24  Bienenvater  Wildau: 
Aus  Sigauds  »Dictionnaire  des  merveilles  de  la  nature**  hatte  sich  J.  P. 
notiert:  »Wildau  lieB  Bienen  an  seinem  Arm  einen  Muff  bilden,  am 
Gesicht  eine  Larve  —  muBten  auf  seinen  Befehl  hin-  und  hergehen  — 
machte  es  mit  jeder  Biene,  Wespe,  Fliege  so  und  in  fiinf  Minuten  zahm«.  - 
34  kritische  Asthetiker:  die  beiden  Briider  Schlegel. 

S.  81 1, 1  Jupiter  Xenius:  Goethe  als  Verfasser  der  Xenien.  —  4  peccata 
splendida:  s.    o.   zu  S.   235,74.  —   30  Bellarmin:  s.   o.  zu   S.  641,76".  - 

30  Johannes  Gerhardus  (1582-1637):  ev.  Theologe  und  Professor  in  Jena, 


1206  ANMERKUNGEN 

stellte  in  den  9  Bdn.  seiner  »Loci  communes  theologici«  (Jena  i6ioff.)  das 
grundlegende  Theologiesystem  fur  die  protestantische  Kirche  des  17.  Jahrh. 
auf.  -  3S  Mosheim:  Berend  stellt  das  Zitat  richtig;  es  muB  heifien: 
»I4.  Jahrh.«.  Vgl.  Joh.  Lorenz  v.  Mosheims  (1694-1755)  Kirchenge- 
schichre,  hrsg.  von  Einem,  4.  Bd.  (i772),  Anh.  S.  55.  Ober  Pedro  d' Alva 
y  Astorga  vgl.  o.  zu  S.  435,7  z. 

S.  8 1 2, 8  Newton :  Er  litt  im  Alter  an  zunehmendem  Gedachtnisschwund.  - 
22  Stahls  System:  Der  beriihrnte  Arzt  und  Chemiker  Georg  Ernst  Stakl 
(1660-1734)  vertrat  in  der  Medizin  die  Lehre  des  Animismus,  wonach  die 
Seele  alle  Teile  des  Korpers  zusammenbindet  und  durchfuhlt.  —  23  Pro- 
sektor:  s.  o.  zu  S.  95,^2. 

S.  813,5)  Gebeine  des  Elisa:  vgl.  2.  Kon.  13,20-21.  —  ij  asopisckes  Gebre- 
chen;  Der  Fabeldichter  Asop  war  bucklig. 

S.  8 1 4,  .2 .2  Baumannshohle:  s.  o.  zu  S.  91,25. 

S.  824,27  Judenschut^:  s.  o.  zu  S.  5i7,JJ- 

S.  825,5?  Buch  Rasiel:  Nach  der  Kabbala  brachte  der  Engel  Rasiel  dem 
Adam  ein  Buch  uber  die  hohere  Erkenntnis,  das  ihm  Gott  nach  dem  Siin- 
denfall  wieder  entzog.  Das  Werk  wurde  jedoch  angeblich  von  Raphael 
zuruckgebracht  -und  seither  geheim  gehalten.  1701  verorTentlichte  Isaak 
Ben  Abraham  das  angebliche  Buch  Rasiel,  das  neben  Zauberformeln 
auch  die  Namen  der  Engel  und  eine  Beschreibung  Gottes  und  des  Himmels 
enthielt. 

S.  8 26, 2 3  Schnurrjude:  Betteljude.  —  23  nackt,  abet  schuldenfrei :  vgl. 
Hiob  1,21.  Der  Satz  ist  versehentlich  in  der  Fassung  der  Erstausgabe  stehen 
geblieben  und  hat  darum  nicht  die  Frageform. 

S.  827,27  nach  Volkmann:  vgl.  Historisch-Kritische  Nathrichten,  Bd.  2, 
S.  22.  —  29  Proserpinens-Garten:  An  dem  Ort,  wo  Hades  die  Proserpina 
entfuhren  wollte,  liefi  er  einen  prachtigen  Blumengarten  entstehen,  um  die 
Geliebte  von  ihren  Begleiterinnen  fortzulocken.  —  32  Matthias  Seutter 
(1678-1757):  beriihmter  Kupferstecher  und  Kartograph,  der  von  zahl- 
reichen  Stadten  Risse  mit  beigegebenen  StraCenregi stern  anfertigte. 

S.  828, 2 3  Laufertor:  richtig  Laufertor.  -  24  Kundschaft:  svw.  Ausweis- 
papier.  -  2S  Mittelwdchter :  Dazu  fuhrt  Berend  aus  Miillers  "Beschreibung 
von  Nurnberg"  (1793,  S.  148)  die  folgende  Stelle  an;  »Es  miissen  alle  an- 
gehenden  Burger  . .  .  auch  Wachten  unter  den  Toren  versehen,  oder  solche 
durch  andere,  die  man  Mittelwachter  nennt,  versehen  lassen.« 

S,  829,5  papstliche  Rota:  Die  »Rota  Romana«  (das  rom.  Rad)  ist  der 
hochste  Gerichtshof  der  rbm.  Kurie.  —  24  Mufiteil:  vgl.  die  Anmerkung 
zum  Titel  des  »Quintus  Fix  lei  n«.  -30  Altdorf:  So  verbessert  die  Kritische 
Ausgabe  an  Hand  der  Vorarbeitendasfalsche  »Altona«  imText  der  Original- 
ausgabe. 

S.  830, 2 3  Antikentempel :  durch  Karl  v.  Gontard  1765  fur  die  kleine 
Antikensammlung  Friedrichs  II.  errichteter  Pavilion  im  Park  von  Sanssouci.  - 
32  neunte  Kur.  s.  o.  zu  S.  606,28. 


ANMERKUNGEN  1207 

S.  831,35  Louisium:  Gemeintist  wohl  das  1785-90  in  der  spateren  Form 
umgestaltete  SchloB  im  Park  in  Dessau. 

S.  832, 1 2  wie  im  Mhtelalter  geschah  :  Solche  »Himmelsbriefe«,  die  angeb- 
lich  unmittelbar  von  Gott  oder  der  Heiligen  aus  dem  Himmel  kamen, 
standen  beim  einfachen  Voik  noch  fast  bis  zur  Gegenwart  in  hohem  Ansehn. 

S.  834,70  der  Minister  Seckendorf:  wohl  der  1781  verstorbene  Ansbachi- 
sche  Minister  dieses  Namens. 

S.  835,23  Zaspel:  ein  groBes  Garnmafi  von  je  20  Strangen. 

S.  836,5)  Reyhlein:  kleine  Gassen  in  Niirnberg,  die  in  einen  Hof  fuhrten. 

S.  838,3  Nolle  Klopstocks:  vgl.  Messias  II,26of.  -  3  Herkules:  Nach  der 
Sage  lieB  Jupiter  die  Dauer  der  Liebesnacht  verdoppeln,  in  der  er  mit 
Alkmene  den  Herkules  zeugte.  —  13  Pfennigs- Post:  »Penny-Post«  wurde 
zuerst  die  Londoner  Stadtpost  genannt.  —  3S  Reichskleinodien :  Sie  kamen 
1424  wahrend  der  Hussitenumtriebe  nach  Niirnberg  und  wurden  erst  1797 
vor  den  franz.  Revolutionsheeren  nach  Wien  ausgelagert. 

S.  839,7  3  Dreierleiche:  Grabtragung  mit  drei  Kaplanen.  Als  Quelle  diente 
wohlNicolais»Reisebeschreibung«Bd.  1  (3.  Aufl.  1795),  S.  238  ff.  —  i4patres 
purpurati:  Name  fur  die  seit  dem  Pontifikat  Pauls II.  mit  dem  Purpur  beklei- 
deten  Kurienkardinale.  -  19  Zylinder-Hut.-Berend  verweistdarauf,daB  diese 
Bezeichnung,  die  sich  erst  ein  halbes  Jahrhundert  spater  durchzusetzen  be- 
gann,  offenbar  von  J.  P.  fiirden  damals  eben  aufkommenden  Hut  gepragt 
wurde.  -  19  Sokkus-Schuh :  s.  o.  zu  S.  279,3.  -  23  Badine:  Spazierstocke. 

S.  840,4  Mouchard:  Spitzel. 

S.  841, 9  Konjunktion  und  Gedritterschein:  s.  u.  zu  S.  956,4.-  11  steif- 
schettem:  ungelenk,   unbehilflich. 

S.  842,  12  Plafond  des  japanischen  Tempels  %u  Sanssouci:  in  dem  1755 
von  Biiring  errichteten  chinesischen  Pavilion  ist  eine  aus  Girlanden  und 
Tierbildern  gebildete  Dekoration  gemalt. 

S.  843, 1  Semler  s.  o.  zu  S.  87,7.9.  -  30  Lavater:  s.  o.  zu  S.  i86,^J. 

S.  844,77  Adonis  vernalis:  Wortspiel  mit  Adonis  vernalis  (Fruhlings- 
adonis)  und  dem  Adonis  der  Sage. 

S.  845,72  Elias-Wagen:  s.  o.  zu  S.  31,3. 

S.  846,3  Garatis:  die  letzte  Stunde  vor  TorschluB,  die  durch  das  Lauten 
derGlocken  verkundet  wurde.  -  gSbo^o;  RiB,  Zeichnung.  —  gKatastrum: 
Flurbuch,  Grundstiicksverzeichnis.  -  18  Reverberier-Spiegel:  s.  o.  zu  S. 
96,33.  -  29  kalitnieren:  verbrennen. 

S.  847,2 1  Bergschwaden  und  Arsenikkonig:  gefahrliches  Gas,  das  in  Berg- 
werksstollen  auftritt.  -  14  Pembrokisches  Kabinett:  die  groBe  Gemalde- 
sammlung  von  Philipp  Herbert,  Earl  of  Pembroke  (1 584-1650),  dem  Gon- 
ner  van  Dyks.  Sie  beflndet  sich  in  den  Raumen  des  von  ihm  neu  gebauten 
Wilton  House.  -  19  Callots  ver^errtes  Blatt:  Gemeint  ist  die  beriihmte 
Darstellung  der  Versuchung  des  hi.  Antonius  von  der  Hand  des  elsassischen 
Kupferstechers  Jacques  C allot  (1592-1635),  auf  der  zahllose  Teufel  eine 
weite  Landschaft  iibersaen. 


1208  ANMERKUNGEN 

S.  848,25?  Joh.  Christ.  JVagenseil  (1633-1705):  Polyhistor  und  Musiker. 
Das  erwahnte  Werk  diente  s pater  auch  E.  T.  A.  Hoffmann  und  Richard 
Wagner  als  Grundlage  fur  die  Schilderung  des  Meistersingerwesens. 

S.  849,7  tnfibulieren:  einhefteln.  —  12  grd^isierende  Poeten:  vgl.  zu  dieser 
Satire  o.  S.  8io,j^  und  die  Anmerkung.  Im  besonderen  wendet  sich  J.  P. 
gegen  die  kritischen  Friihschriften  Friedrich  Schlegels,  aber  auch  gegen 
Schillers  »Briefe  uber  die  asthetische  Erziehung  des  Menschen«.  -  1 6  Kalli- 
krates:  beriihmter  griechischer  Meister  der  Mikrotechnik.  Das  angefiihrte 
Kunststiick  wird  von  Plutarch  und  Galen  erwahnt.  —  2 1  Borussias:  s.  o.  zu 
S.  525,25.  -  34Akiessit:  s.  o.  zu  S.  441, 31.  -  j<$Pasquier :wohl  der  franz. 
Juriskonsult  und  Dieter  Etienne  Pasqiiier  (1529-1615);  doch  konnte  ich 
weder  unter  seinem  Namen,  noch  unter  dem  von  J. P.  angegebenen  Titel 
eine  solche  Sammlung  finden. 

S.  850,5  Orpheus:  vgl.  auch  Metamorph.  X,  8ff. 

S.  854,5  Argus  und  sein  Weidetier:  Io,  die  Geliebte  Jupiters  wurde  von 
Hera  in  eine  Kuh  verwandelt  und  von  dem  hundertaugigen  Riesen  Argus 
bewacht. 

S.  859, 3  Nailer:  s.  o.  zu  S.  32,27.  -  $  Hamen:  Fischreuse.  -  14  und: 
Danach  ist  vermutlich  »in«  zu  erganzen,  das  wohl  der  Autor  aus  Nachlassig- 
keit  vergessen  hat. 

S.  863,y'7ajjo .•  Er  wurde  1579-86  in  einem  Kloster  als  geisteskrank  ge- 
fangen  gehalten.  Ober  seine  Entbehrungen  lief  bald  eine  groBe  Zahl  von 
Geriichten  um.  In  einem  Gedicht  bedankt  er  sich  bei  einer  Katze,  da!3  ihre 
Augen  ihm  in  der  Nacht  des  Kerkers  Licht  zum  Schreiben  gegeben  hatten. 

S.  864, 2  j  Drurylane:  altes,  nach  1691  neuerrichtetes  Schauspielhaus  in 
London.  —  28  Ziti  (richtig:  chintz):  bedrucktes  Baumwollgewebe. 

S.  865,^0  Emanuel  v.  Swedenborg  (1688-1772):  schwed.  Physiker  und 
Theosoph,  der  sich  gottlicher  Offenbarungen  riihmte.  -  13  BerenicensHaar: 
Das  Haar,  das  diese  agyptische  Konigin  der  Aphrodite  fur  die  gliickliche 
Riickkehr  ihres  Gemahls  Ptolemaus  Energetes  geweiht  hatte,  verschwand 
aus  dem  Tempel  und  wurde  in  ein  Sternbild  (nahe  dem  Lowen)  verwandelt.  - 
28  Bremer  Bleikeller:  Der  Keller  unter  der  Domkirche  gehorte  zu  den 
beruhmtesten  Sehenswiirdigkeiten  der  Stadt. 

S.  866, 3  Fettmannchen:  geringe  kolnische  Scheidemiinze.  -  5  Chr.  Lud- 
wig  Liscow  (1697-1760):  satirischer  Dichter,  der  zu  seinen  Lebzeiten  sehr 
hoch  geschatzt,  nach  seinem  Tode  zu  Unrecht  vollig  vergessen  wurde.  J.  P. 
versuchte  verschiedentlich,  auf  seine  Bedeutung  hinzuweisen.  -  16  vier 
letite  Dlnge:  Tod,  Gericht,  Holle  und  Himmel.  -  29  Tiirkensteuer :  Abgabe 
der  Reichsstande  zur  Bekampfung  der  Tiirkengefahr. 

S.  867,7  Janus tempel:  Seine  Tore  wurden  nur  zu  Friedenszeiten  geschlos- 
sen. -  25  in  Hessenkassel:  Der  Landgraf  Friedrich  II.  von  Hessen-Kassel  lie!3 
1 788  die  veraltete  Mode  des  Zopfes  in  seinen  Besitzungen  wieder  einfuhren. 

S.  868,i  5  IVurstschlitten:  s.  o.  zu  S.  474, 33.  —  21  rotes  Haus  in  Frankfurt: 
ehemals  beriihmter  Gasthof  in  Frankfurt  am  Main.  -  23  Brockenbuch :  Auf  dem 


ANMERKUNGEN  1209 

Brocken  lag  ein  Buch  aus,  in  welches  die  Reisenden  ihren  Namen  und  meist 
noch  einen  Vers  oder  eine  Bemerkung  einschrieben.  Alle  diese  Ergiisse 
wurden  1791  unter  dem  folgenden  Titel  veroffentlicht:  »Jahrbucher  des 
Brockens  von  1753  bis  1790,  oder  Namenkunde  aller  Personen,  welche  in 
diesem  Zeitraum  sich  in  die  Originalstammbiicher  dieses  beriihmten  Berges 
eingezeichnet  haben,  nebst  ihren  hinzugefiigten  Beischriften,  physikalischen 
Beobachtungen  und  Nachrichten,  Gedichten  und  teils  witzigen  und  launigen, 
teils  possierlichen  und  schnackischen  Einfallen.«  —  z 3 Beigangsches  Museum  : 
s.  o.  zuS.  670,5.  —  26  auf  hundert  Kan{eln:  Lavater  pflegte  seinen  Namen 
an  die  Kanzeln  zu  schreiben,  auf  denen  er  gepredigt  hatte. 

S.  869,35  Gorani:  s.  o.  zu  S.  158,55. 

S.  870, 23  ca.sa  santa;  s.  o,  zu  S.  71,28.  —  zy  Samuel  Foote  (1719-77): 
engl.  Schauspieler  und  Lustspieldichter,  der  als  Person  durch  seine  zahl- 
losen  Streiche  beriihmter  war  denn  als  Autor. 

S.  871,2  Reichs-Palladien:  s.  o.  zu  S.  838,55.  -  5  kleiner  Rat:  Es  gab  in 
der  alten  Verfassung  von  Bern  einen  »kleinen  Rat«.  Hier  ist  jedoch  nicht 
der  »kleine  Rat«,  sondern  der  sog.  »auBere  Stand«  gemeint,  wie  Berend 
nachweist.  Vgl.  Karl  Grosser  »Die  Schweiz«  (1791),  2.  Bd.,  S.  163  und 
J.  J.  Rousseau:  "Considerations  sur  le  gouvernement  de  Pologne«  (171 3) 
IV.  -  23  KirsMern:  vgl.  o.  S.  632,2*^".  und  die  Anmerkung  zu  S.  95, 34.  - 
29  ein  vollstandiger  Rahmen:  Nach  J.  P.s  Exzerpten  war  es  verboten,  ein 
ganzes  Gemalde  aus  der  Dresdner  Galerie  zu  kopieren.  —  30  derfiinfteMdr^: 
Die  Dresdner  Galerie  wurde  1798  am  5.  Marz  fiir  die  jahrlichen  Ausstel- 
lungen  geoffnet. 

S.  872,5  don  gratuit:  s.  o.  zu  S.  9, 5.  -  5  wie  der  Kaiser  Joseph :  Joseph  II. 
hatte  1777  auf  seiner  Frankreichreise  auch  Voltaires  Refugium  Ferney  be- 
sucht,  ohne  jedoch  mit  dem  Dichter  zusammenzutrefTen.  -  19  Kammer- 
lieler:  s.  o.  zu  S.  167,5.  -  36 Literaturieitung:  s.  o.  zu  S.  28,*. 

S.  873,26"  usus  epanorthoticus :  erbaulicher  Brauch.  -  1 8  Proviniial: 
Landesvorsteher  eines  Ordens.  —  34  Wolf.  Lect.  memorab.:  Das  genaue 
Zitat  lautet:  Johannes  Wolfii  »Lectiones  memorabiles  et  conditae«  (1600). 

S.  874,2^  Krasnui  Kaback:  richtig  »Krasna-Kabbak«. 

S.  875,70  Raffaels  Grab:  Er  wurde  nach  seinem  Tode  im  Pantheon  in 
Rom  begraben.  -  13  das papstliche  Miserere:  Das  aus  dem  i6.Jahrh.  stam- 
mende  »Miserere«  von  Gregorio  Allegri  durfte  nur  bei  feierlichen  Anlassen 
in  der  Sixtinischen  Kapelle  aufgefiihrt  werden.  -  35  Siebenkds:  vgl.  dort 
Kap.  21  (in  Bd.  2  unserer  Ausgabe,  S.fiffT.). 

S.  876,6"  mikroskopische  Belustigungen:  s.  o.  zu  S.  11,50.  -  13  Utrechter 
Frieden:  der  erste  Fried  ensschluB  zwischen  Frankreich  und  Deutschland 
im  spanischen  Erbfolgekrieg  von  1713.  -  29  Wetilar:  seit  1689  Sitz  des 
Reichskammergerichts. 

S.  877,2/  Zorndorf:  Hier  hatte  am  25.  Aug.  1758  Friedrich  II.  die  ver- 
einigten  Armeen  der  Osterreicher  und  Russen  unter  dem  Grafen  Fermor 
geschlagen.  -  33  Narrenschiff:  s.  o,  zu  S.  41 3,/  8. 


I2IO  ANMERKUNGEN 

S.  878, 5  Faut;  altere  Form  fur  »Vogt«.  -11  hetrurische  Gotterstatuen :  Berend 
verweist  als  Quelle  auf  Lessings  »CoIlectanae«,  Ar.t.  Pulvinar.  —  iS  Klrcke 
in  St.  Cloud:  Bei  diesem  Schlofl  vor  den  Toren  von  Paris  war  Heinrich  III. 
1590  ermordet  worden.  —  22  Go^ens  Kabinett  von  Eingeweidewiirmern :  Der 
schon  erwahnte  Theologe  und  Naturforscher  Joh.  Aug.  Ephraim  Goeze 
-'  (I73I~93)  SaD  1782  den  »Versuch  einer  Naturgeschichte  der  Eingeweide- 
wiirmer  tierischer  Korper«  heraus.  —  24  Pestkordon:  von  Militar  gezogener 
Absperrgiirtel  um  ein  von  Pest  verseuchtes  Gebiet. 

S.  880,2  Refraktionstabellen  :  Lichtbrechungstabellen.  —  13  Neunund- 
neuniiger:  Neben  dem  in  der  Anmerkung  gegebenen  Sinn  des  Wortes 
schwingt  bewuBt  die  andere  Bedeutung  mit,  nach  der  »Neunundneunziger« 
ein  Schimpfwort  fur  die  Apothekef  ist  (weil  diese  immer  nur  99%  ab- 
messen).  —  19  missi  regit:  konigliche  Sendboten.  —  36  Anmerkung:  Der 
erste  Rastatter  Frieden  wurde  171 4  zur  Bestatigung  des  Utrechter  Vertrages 
geschlossen,  1797-99,  also  zur  Zeit  der  Niederschrift  dieses  Buches,  ver- 
handelten  in  Rastatt  die  Vertreter  des  Reiches  mit  den  aufrlihrerischen 
Franzosen. 

S.  882,2  der  selige  Liscow:  Sein  Todesdatum  (1760)  war  damals  nicht 
bekannt.  —  1 5  Titan :  vgl.  o.  zu  S.  20, 1  y  \x.  6.  —  2 y  wie  Emanuel,  Viktor, 
Klotilde:  die  Hauptfiguren  aus  dem  »Hesperus«. 

S.  883,25  sakularische  Spiele:  s.  o.  zu  S.  758, 3. 

S.  885,25  Amors  Fackel:  freie  Anspielung  auf  die  Geschichte  von  Amor 
und  Psyche.  Nach  ihr  versuchte  Psyche  gegen  sein  Verbot  den  schlafen- 
den  Amor  anzuschauen.  Sie  erschrak  iiber  seine  Schonheit  so,  dafi  das 
Wachs  ihres  Lichtes  auf  sein  Gesicht  fiel  und  sie  verriet. 

S.  887,22  Ewigkeitsschlange:  s.  o.  zu  S.  177, 2  8. 

S.  891,4  Peters-Insel:  kleine  Insel  im  Bieler  See,  die  als  Refugium  Rous- 
seaus  beriihmt  wurde. 

S.  892,76"  die  beruhmten  Gemalde  in  der  Kaiserstube:  Gedacht  ist  wohl 
an  die  Wandgemalde  in  »des  Kaisers  Schlafgemach«  um  dem  i6.Jahrh.  - 
30  Strulbrugs  (richtig  Struldbrugs) :  vgl.  Gullivers  Reisen,  3.  TL,  Kap.  7. 

S.  893,3  Pfenninger:  s.  o.  S.  1040,77  und  die  Anmerkung.  -  24jude: 
Die  Juden  durften  in  Nurnberg  nur  in  Begleitung  das  Ghetto  verlassen.  - 
25  loxodromisch :  krummlinig. 

S.  894,74  Warnungstafel:  Der  folgende  Vers  ist  Wagenseils  o.  zu  S. 
848,251  erwahntem  Buch  entnommen,  vgl.  dort  S.  61.  -  29  Realterrition : 
tatliche  Androhung  der  Folter.  -  30  frere  terrible:  »Schrecklicher  Bruder« 
wird  in  den  Freimaurerlogen  der  Bruder  genannt,  der  die  Adepten  durch 
Schrecknisse  zu  priifen  hat. 

S.  896,20  und  34  Siebenkees:  In  Altdorf  Iehrten  zwei  Professoren  dieses 
Namens,  von  denen  der  Orientalist  Joh.  Ph.  Siebenkees  (1759-1796)  einen 
»Versuch  einer  Geschichte  der  Venetianischen  Staats-Inquisition«  179 1  ver- 
faflt  hat,  wahrend  der  Jurist  Joh.  Chr.  Siebenkees  (175 3-1 841)  im  Jahre 
1790  eine  »Kleine  Chronik  der  Reichstadt  Niirnberg«  veroffentlichte.  Beide 


ANMERKUNGEN  I2II 

sind  hier  vielleicht  scherzhaft  zu  einer  Person  zusammengezogen.  -  33 
Special:  hier  in  der  Bedeutung:  »Freund«. 

S.  897,7  Friedrich  II:  Anspielung  auf  Wielands  Rezension  des  schon 
mehrfach  zitierten  Gedichts:  »Borussias«  von  D.  Jenisch,  die  im  »Teutschen 
Merkur«  von  1792  erschienen  war,  vgl.  dort  Bd.  2,  S.  428.  -  1 3  cimmerische 
Thomasnacht:  Nacht  vom  21.  auf  den  22.  Dezember.  Die  Cimmerier  lebten 
nach  der  antiken  Auffassung  am  Rande  der  Welt  in  ewiger  Nacht.  -  24 
Anekdote:  Henry  Macken^ies  (1745  bis  183 1)  Roman:  »Tke  Man  of  Feelings 
erschien  1771  in  London.  -31  Lavater:  vgl.  Physiognomische  Fragmente, 
Bd.  2,  S.  179. 

S.  898,4  Jonathans-Brust :  svw.  Freundesbrust.  -  lywie  Memnons  Statue : 
Die  riesige  Figur  des  Memnon,  der  als  Bruder  des  Tithons  verehrt  wurde 
und  bei  Alexandria  stand,  wurde  im  Altertum  viel  beschrieben.  -  23  Wolfs- 
monat:  Dezember. 

S.  900, 3  der  gute  eingefrorene  Siegwart:.  der  Held  in  Joh.  Martin  Millers 
Klosterroman  stirbt  iiber  dem  Grab  seiner  geliebten  Mariane.  -  14  eine 
gzwlsse  Mariane :  die  bekannte  Gestalt  aus»WilhelmMeister«.  Berend  fiihrt 
aus  den  Tagebuchern  Karl  Morgensterns,  der  den  Dichter  zu  Ostern  1798 
besucht  hatte,  folgende  Stelle  an:  »Er  tadelte  an  Goethes  Meister,  .  .  .  dafi 
Mariane  sterbe.  Sie  hatte  miissen  leben  bleiben.  Sie  sterben  lassen,  heiGe 
den  Knoten  zerhauen,«  —  24  Schufiwasser :  Wundwasser,  um  das  Blut  zu 
stillen.  -  34  wie  Terray:  Gemeint  ist  Joseph-Marie  Terray  (1715-78),  der 
ebenso  bewunderte  wie  verhafite  Generalkontrolleur  der  Finanzen  unter 
Ludwig  XV.  Nach  dem  Tod  seines  Herrn  net  Terray  in  Ungnade  und  das 
Volk  forderte  seinen  Tod,  indem  es  sein  Bild  auf  den  StraBen  durchbohrte. 

S.  90 1, 3  Grofipolen:  Anspielung  auf  die  dritte  polnische  Teilung.  - 
28  Insel  Barataria;  s.  o.  zu  S.  633,2^ 

S.  902, 1 8  Konig  von  England:  Anspielung  auf  Karl  II.  von  England  und 
das  von  ihm  als  Marionetten-Regierung  eingesetzte  und  iiber  7  Jahre  fort- 
bestehende  Lange  Parlament.  —  30  Krunif(  En\yklopadie :  s.  o.  zu  S.  272,^30. 

S.  903,5  Schlffund  Geschirr:  tautologischer  Ausdruck  fur  das  Gesamt  der 
Haushaltsgegenstande. 

S*  904  /  5  Algeber:  svw.  Algebra.  -  3S  Modejournal:  das  von  Bertuch 
und  Kraus  edierte  "Journal  des  Luxus  und  der  Moden«  1786  ff. 

S.  905, 3  Jaques  Renaudin  (1745— 1809):  frz.  Mechaniker,  der  als  Vorlaufer 
Malzels  einen  Zeitmesser  erfunden  hat.  —  4  Vaucanson:  s.  o.  zu  S.  724, 1 1. 
Er  erfand  1738  einen  automatischen  Flotenspieler  und  beschrieb  diesen 
Apparat  in  einer  kleinen  Schrift  aus  dem  gleichen  Jahr.  —  5  Pierre-Jacquet 
Droi  (1724-95):  frz.  Mechaniker,  der  zusammen  mit  seinem  Sohn  Henri- 
Lou  is- Jacquet  eine  Reihe  von  automatischen  Holzfiguren  konstruierte. 

S.  906,7  Claude  Lorraine:  s.  o.  zu  S.  571,/.  -  2 4  papinianischer  Topf:  s.  O. 
zu  S.  17,28.-  28  Hundestalle  von  Vulkan:  Im  Palast  des  Aietes  hielten  nach 
Homer  goldene  und  silberne  Hunde  Wache,  die  von  Vulkan  geschmiedet 
waren;  vgl.  Odyssee  VI,  92.-28  Taubenhauser  von  Archytas:  Der  helleni- 


I  212  ANMERKUNGEN 

stische  Bildhauer  Archytas  beschaftigte  sich  als  erster  mit  beweglichen  Pla- 
stiken.  Vgl.  Plin.  H.  N.  VIII,  25. 

S.  907,4  natura  naturans:  So  nannten  die  Scholastiker  Gott  als  schopfe- 
rische  Natur  im  Gegensatz  zur  »natura  naturata«,  der  geschafTenen  Welt.  - 
20  Fohlsmus:  Die  alte  chinesische  Lehre  des  Fohi  lehrte  die  Umwandlung 
aller  Dinge  und  ihre  gegenseitige  Aufhebung.  Daraus  resultierte  die  ethi- 
sche  Forderung  nach  einem  leidenschaftslosen  und  weltabge  wand  ten  Leben. 
Doch  besitzen  alle  diese  BegrifTe  fur  J,  P.  keine  historische  Wertigkeit, 
sondern  bezeichnen  philosophische  Haltungen  und  Lagen. 

S.  908,^4  Lavater:  s.  o.  zu  S.  1 86,^5.  J. P.  hatte  auf  einen  Brief  Lavaters 
vom  Marz  1797  noch  nicht  geantwortet. 

S.  910,5  Mosisdecke:  s.  o.  zu  S.  421,  z  1 

S.  9ii,5  wie  Moses  /vgl.  4.  Mose  13,  4-1 1.  -  6  Tasso:  Er  starb  am  Tag, 
ehe  er  in  Rom  zum  Dichter  gekront  werden  soil. 

S*  913>3z  Dreielnigkeitsring:  Ringe  aus  drei  ineinandergewundenen 
Schlangen,  die  in  Niirnberg  hergestellt  wurden. 

S.  915,/ 1  Wetterverstandiger  :  s.  o.  zu  S.  255,-24.  —  21  wie  Hersckel:  s.  o. 
zu  S.  461,5.  —  35  Mondsfieckcn:  s.  o.  zu  S.  370,4. 

S.  920,5  Lustschiff:  Josef  Miiller  verbessert  hier  die  Lesung  der  Original- 
ausgabe  in  »Luftschiff«,  die  Kritische  Ausgabe  ist  jedoch  mit  Recht  dieser 
Anderung  nicht  gefolgt. 


Briefe  und  bevorstehender  Lebenslauf 

Noch  einmal  Iiefi  sich  Jean  Paul  aus  Gefalligkeit  gegen  den  mit  ihm  bekann- 
ten  Buchhandler  Feind  in  Leipzig  bewegen,  nach  der  Vollendung  des  ersten 
Bandes  des  »Titan«  die  Arbeit  an  seinem  Hauptwerk  ein  Ietztes  Mai  zu 
unterbrechen  und  die  Wintermonate  1798-99  einem  kleineren  Werke  zu 
widmen.  Er  begann  dem  »Vaterblatt«  zufolge  am  27.  Sept.  1798  mit 
der  Niederschrift  und  konnte  bereits  am  2.  Okt.  seinem  Freund  Chri- 
stian Otto  schreiben,  er  sei  mit  hochstem  Feuer  iiber  seinem  neuen  Buch. 
Als  Jean  Paul  dann  Ende  Okt.  nach  Weimar  iibersiedelte,  brach  er 
wegen  argerlicher  finanzieller  Reibereien  die  Beziehungen  zu  seinem  Ver- 
leger  ab  und  bot  das  Biichlein  dem  Geraer  Buchhandler  Heinsius  zum  Ver- 
lag  an,  der  schon  die  »Palingenesien«  herausgegeben  hatte.  Am  28.  Januar 
1799  konnte  der  Dichter  den  groBeren  Teil  seines  Manuskriptes  in  Druck 
geben,  das  letzte  Drittel  mit  der  »Konjektural-Biographie«  folgte  einen 
Monat  spater,  am  27.  Februar,  nach.  Das  Bandchen  wurde  diesmal  nicht 
bei  Breitkopf  und  Hartel,  sondern  bei  Burmester  in  Leipzig  gedruckt.  Ob- 
gleich  sich  aber  Jean  Paul  mit  der  Ausstattung  sehr  zufrieden  erklarte,  fiel 
der  Druck,  als  die  »Briefe«  schliefllich  im  Mai  erschienen,  doch  ziemlich 
liederlich  und  unschon  aus.  -  Das  Werk  wurde  vom  Publikum  und  der 
Kritik  mit  Beifall  aufgenommen,  doch  ist  wie  bei  den  meisten  anderen 


ANMERKUNGEN  1213 

Stiicken  unseres  Bandes  eine  zweite  Auflage  zu  Lebzeiten  des  Dichters  nicht 
erschienen. 

S.  927,7  Morhof:  s.  o.  zu  S.  88,25.  —  i5  dieses  neapolitanische  ubel  der 
Schweii:  Anspielung  auf  die  von  J.  P.  lebhaft  verurteilte  Eroberung  der 
Schweiz  durchdie  franz.  Revolutionsarmeen  1795  (neapolitanischesObel: 
Lustseuche).  —  28  Semler:  s.  o.  zu  S.  87,^,9. 

S.  928,2/  Moses:  vgl.  5.  Mose  33,1-8.  —  26  Kranium;  Stirnknochen.  — 
28  Fastnacht:  Am  5.  Februar  1799. 

S.  929,^32  Hippokrene:  s.  o.  zu  S.  72, 14. 

S.  931, 6  Eidechse;  Gasthaus  in  Kuhschnappel,  in  dem  der  scheintote 
Siebenkas  zu  Ende  des  Romans  Wohnung  nimmt,  vgl.  Siebenkas,  25.  Kap. 
(Bd.  2  unserer  Ausgabe,  S.  5*56,//).  -  8  Nikolas  Berghem  (1624-83):  holl. 
Landschaftsmaler  aus  Antwerpen,  der  allerdings  kaum  Seestiicke  gemalt  hat.  - 
12  Herschelsche  Schwester:  Der  bedeutende  Astronom  (s.  o.  zu  S.  461,5) 
wurde  bei  seinen  Untersuchungen  durch  die  aufopfernde  Mitarbeit  seiner 
Schwester  Lukrezia  Karolina  unterstiitzt.  —  21  Schwabenspiegel :  das  alte 
schwabische  Landrecht,  das  nach  dem  Vorbild  des  Sachsenspiegels  im 
13.  Jahrh.  aufgezeichnet  wurde. 

S.  933, 14  der  goldene  Spiegel:  Wieland  schrieb  1774  einen  Staatsroman 
gleichen  Titels.  —  29  Leseesel:  s.  o.  zu  S.  732,27. 

S.  935,2  ersten:  Verbesserung  der  Kritischen  Ausgabe,  das  »erstern«  der 
Originalausgabe  beruht  vermutlich  auf  einem  Druck-  oder  Schreibfehler. 

S.  936,/ z  Johannis:  von  J.  P.  mehrfach  als  Nominativ  gebraucht!  Das 
erwahnte  Bild:  »Der  hi.  Johannes  der  Taufer«  gait  nach  seiner  Entdeckung 
als  ein  spates  Bild  Raffaels,  vgl.  Stolbergs  »Reise  durch  Deutschland  usw.«, 
Bd.  1  (1792),  S.  13  und  W.  Heinses  "Beschreibung  einiger  Gemalde  aus 
der  Diisseldorfer  Galerie«,  die  1776  in  Wielands  »Teutschem  Merkur«  er- 
schienen war.  Das  Bild  ist  heute  als  romisches  Schulbild  identifiziert  und 
in  den  Depots  der  Miinchener  Alten  Pinakothek  vergraben.  -  14  Maire: 
Biirgermeister.  -  14  orbis  pictus:  s.  o.  zu  S.  21, 12.  —  19  Claude  Lorraine: 
s.  o.  zu  S.  571, 1. 

S.  938,25  Mittelspit^:  vgl.o.  S.  1027  ff.  Auf  den  21.  Marz  fiel  J.P.s  Ge- 
burtstag. 

S.  939,20  Hesperidengarten:  s.  o.  zu  S.  92,  z  2.  —  24  floreal  und  brumaire: 
der  Blutenmonat  (20.  April-19.  Mai)  und  der  Nebelmonat  (22.  Okt.  bis 
20.  Nov.)  im  franz.  Revolutionskalender. 

S.  942, 1 2  Latmus-Berg:  Auf  diesem  Berg  in  Karien  bei  Milet  kiiBte  nach 
der  Sage  Luna  den  Endymion.  Man  zeigte  noch  spater  seine  Ruhestatte  in 
einer  Hohle  des  Berges. 

S.  943,' o  Paullini:  Gedacht  ist  dabei  wohl  an  Chr.  Fr.  Paullinis  »Heil- 
same  Dreckapotheke«  (1696).  -  i5  Reichsanieiger :  Der  »kaiserlich-privi- 
legierte  Reichsanzeiger«  erschien  bis  1802  unter  diesem  Titel.  -  18  Benefit 
komodie:  Schauspielauffiihrung  zugunsten  eines  Mitwirkenden.  -  24  Pli- 


I 214  ANMERKUNGEN 

nius:  Seine  aus  zahlreichen  Werken  faBlich  zusammengedrangte  Darstellung 
der  Naturgeschichte  wurde  darum  die  »Bibliothek  der  Armen«  genannt. 

S.  945,2/  Rabensteln:  Galgenhiigel. 

S.  946,77  Gottfried  W.  Rabener  (1717-71):  viel  gelesener,  satirischer 
Dichter,  der  zu  J.  P.s  Zeit  hauflg  sogar  mit  Horaz  verglichen  wurde,  dann 
aber  sehr  rasch  in  Vergessenheit  geriet. 

S.  947^0  detur  ad  pyxidem:  Man  gebe  es  als  Arznei!.  —  ty  Weibel: 
Polizeiwachtmeister.  —  / 7  der  bekannte  Landschreiber  Borstal :  vgl.  Siebenkas 
3.  Kap.  (Bd.  2  unserer  Ausg.,  S.  494,2 iff,). 

S.  948,70  jenem:  Die  Originalausgabe  schreibt  falschlich  »jenem«.  - 
2  j  a  la  .The  usw.:  Haartrachten  der  Zeit. 

S.  949,6"  infulieren:  (mit  dem  Bischofshut)  kronen.  -  19  Modejournal: 
s.  o.  zu  S.  903,^5.  In  ihm  erschien,  wie  Berend  nachweist,  im  Juli  1788 
(vgl.  dort  S.  252)  ein  Beitrag,  der  unter  der  Oberschrift:  »Auflerliche  Hof- 
lichkeit  im  sudwestlichen  Teutsch!and«  berichtete,  »wie  sich  in  einer  Stadt 
300  Leute  durch  Unterschrift  verpflichtet  hatten,  einander  das  Hutabziehen 
zu  erlassen;  aber  schon  nach  wenigen  Wochen  sei  man  zum  alten  GriiGen 
zuriickgekehrt,  da  das,  was  als  eine  Befreiung  vom  Zwang  gedacht  war,  nun 
ein  eigener  Zwang  geworden  sei«.  —  34  in  unserer  frechen  Lileratur:  J.  P. 
zielt  hier  auf  die  grobe  Respektlosigkeit  der  Romantiker  gegen  altere  Auto- 
ren  wie  Wieland  oder  Klopstock.  —  j5  nicht  Alte,  sondern  Junge  vom  Berge: 
s.  o.  zu  S.  422,*?. 

S.  950,7  Pythagoras:  Er  iibersiedelte  in  seinem  vierzigsten  Lebensjahr 
nach  Kroton  und  griindete  dort  einen  geheimen  Bund,  der  sich  zu  einem 
groBen  Teil  auf  bejahrte  und  reife  Manner  von  Stand  stiitzte.  —  21  Renun- 
tiationsakte :  Verzichterklarung,  im  besonderen  die  Erklarung  Philipps  V. 
von  Spanien,  mit  der  er  auf  die  franz.  Erbfolge  verzichtete.  —  34  curator 
absentis:  s.  o.  zu  S.  21, 28. 

S.  951,2^  Fechser:  aufgepropfter  RebenschoBling.  -  34  comedie  larmoy- 
ante:  J.  P.  will  hier  offenbar  der  »weinerlichen  Komodie«,  in  der  die  Riih- 
rung  sich  in  Lachen  auflost,  das  eigentlich  Komische  als  eine  »Iachende 
Tragodie«  entgegensetzen,  bei  der  das  Lachen  einen  Grundton  des  Ernstes 
nicht  iibertonen  kann.  Doch  ist  der  Gegensatz  nur  in  dem  Wortspiel  greif- 
bar,  wahrend  Idee  und  Absicht  der  Comedie  larmoyante  J.  P.s  Vorstellung 
vom  Komischen  nicht  eigentlich  widersprechen. 

S.  952,7  Schlegel  (entweder  mein  Tauf-Namensvetter  oder  der  andere  oder 
beide):  J.  P.  war  nicht  sicher,  welchem  der  beiden  Briider  er  die  heftige  Ver- 
urteilung  seines  Werkes  im  »Athenaum«  (1798,  2.  Stuck)  zuschreiben  sollte. 

S.  953,76"  Johannistag:  Emanuels  Todestag  im  »Hesperus«  (vgl.  38. 
Hundsposttag,  Bd.  1  unserer  Ausg.,  S.  ii25ff.). 

S.  954,2.?  Deukalion:  vgl.  Ovids  »Metamorphosen«  1,125-415. 

S.  9 5  5, 2  offiiinell:  arzneilich.  -  7 Robespierrens Schweif:  s.  o.  zu  S.  3 1 9, 2 8.  - 
28  criniere  de  Paris:  Periicke. 

S.  956,-/  Opposition,  Konjunktion  usw.:  Ausdrucke  aus  der  Astrologie, 


ANMERKUNGEN  I2IJ 

Konjunktion  und  Gedritterschein  nennt  man  die  Begegnung  zweier  oder 
mehrerer  Planeten  im  gleichen  Tierkreiszeichen,  Opposition  das  feindliche 
Auseinanderstehen  zweier.  Gestirne. 

S.  957,*4  der  Riese  Og:  sagenhafter  Konig  aus  einem  Riesengeschlecht 
im  A.T.  (vgl.  etwa  4.  Mose  21,  33;  5.  Mose  3, 1  ff.).  Seine  Gestalt  und  sein 
Tod  wurden  spater  stark  marchenhaft  ausgeschmuckt.  Im  Kampf  mit  den 
Israeliten  hob  er  demzufolge  einen  Berg  von  drei  Meilen  Umfang,  um  seine 
Gegner  zu  zerschmettern,  doch  fraBen  Ameisen  ein  Loch  in  die  Erdmasse 
und  diese  fiel  um  den  Hals  des  Riesen,  daB  er  sich  nicht  mehr  daraus  be- 
freien  konnte.  Er  wurde  von  Moses  mit  einer  Axt  am  Knochel  verletzt  und 
verblutete. 

S.  959,5  freres  terribles;  s.  o.  zu  S.  894,30, 

S.  ^66^33  sckoner  Jungling  vom  Kapitol:  der  beriihmte  Dornauszieher 
im  Kapitolinischen  Museum. 

S.  968,  1  7  Jean  de  La  Bruyere  (1645—96):  franz.  Schriftsteller,  dessen 
Hauptwerk:  »Les  caracteres  ou  les  moeurs  de  ce  siecle«  (1688)  zu  den  klas- 
sischen  Biichern  des  iy.Jahrh.  zahlt.  -  28  Jlamen  dialis:  ein  Priester  des 
Jupiter.  Er  durfte  sich  bei  keinem  bewaffneten  Heer  einfinden.  —  30  Zim- 
mermann:  s.  o.  zu  S.  213,6*. 

S.  969,5  Henri  de  la  Tour  d*Auvergne,  Graf  von  Turenne  (1611-75): 
der  bedeutendste  Feldherr  Ludwigs  XIV.  -  13  wie  Lessing:  vgl,  dessen 
»Theatralischen  NachlaB«,  Bd.  1  (1784),  S.  XV. 

S.  971,25  in  Westen:  in  Frankreich.  —  30  vingt-quatre :  das  aus  24  Mu- 
sikern  bestehende  Hoforchester  Ludwig  XIV. 

S.  972, 10  Archimedesse:  s.  u.  zu  S.  1106,5.  —  24  Addison:  (s.  o.  zu  S. 
357,2.)  Die  Bemerkung  steht  im  »Spectator«,  Nr.  597.  -  36  Johannes 
Hevelius,  eigtl.  Hewelcke  (161 1-87):  bedeutender  deutscher  Astronom,  der 
1647  erstmals  ausfuhrlich  die  Mondoberflache  beschrieb. 

S.  973,* 2  im  Hesperus:  vgl.  Bd.  1  unserer  Ausg.,  S.  1104,50^!  -  12  Kor- 
dial:  herzstarkendes  Mittel.  -  28  Hallet:  vgl.  dessen  »GrundriB  der  Physio- 
logie«,  §580.-50  gehorsamern:  So  die  Originalausgabe,  die  Kritische  Aus- 
gabe,  verbessert  in  »gehorsamen«. 

S.  974,6"  Raffaels  Schlafgemach :  Im  Alkoven  von  Raffaels  Geburtszimmer 
befindet  sich  noch  heute  von  der  Hand  seines  Vaters  ein  Madonnenbild, 
durch  dessen  Anblick  sich  das  bildnerische  Talent  des  kleinen  Raffael  ent- 
wickelt  haben  soil. 

S.  975, 1 1  Pendiile:  svw.  Pendel.  -  18  Homers-Schlaf:  nach  dem  bekann- 
ten  Wort  des  Horaz  in  seiner  Epistel :  »De  arte  poetica«  (V.  357Q*  »et 
idem  /  indignor,  quandoque  bonus  dormitat  Homerus.«  (Und  ebenso  ver- 
drieBt  es  mich,  wenn  einmal  der  treffliche  Homer  schlaft.)  -  34  Emanuel: 
s.  o.  zu  S.  882,25. 

S.  976,  /  8  James  Beattie  (173  5-1803) :  schott.  Philosoph  und  Asthetiker.  - 
24  nach  Herders  schbner  Bemerkung:  s.  o.  S.  202,2  und  die  Anmerkung.  - 
26  Fufitritte  in  dem  Felsen  der  Erinnerung:  s.  o.  zu  S.  19,5). 


I2l6  ANMERKUNGEN 

S.  977, 10  bei  der  Geschickte:  Die  Anekdote  stammt  nach  Berend  aus 
Sulzers  (s.  o.  zu  S.  103, 9)  »Vermischren  Schriften«  (1773),  S.  205.  —  29  der 
Heilige  eines  hohern  Or  dens:  Das  ist  vermutlich  die  S  telle,  an  der  Jean  Paul 
das  Bei  wort  »der  franzosische  Gottmensch«  auf  GeheiB  der  Zensur  uman- 
dern  muBte. 

S.  978,5  revenant:  wiederkehrender  Geist,  Gespenst.  -  9  Jakobis  tiefes 
Wort:  vgl.  Fr.  G.  Jacobis  »David  Hume  uber  den  Glauben,  oder  Idealis- 
mus  und  Realismus«  (1787),  S.  I36ff.  -  23  Boerkaave:  s.  o.  zu  S.  181,34. 

S.  979,-2  Scenes  detachees:  fliichtig  andeutende  Szenen,  dramatische  Ge- 
legenheitsarbeiten. 

S.  980,6*  edler  Antonin:  s.  o.  zu  S.  469,26".  —  18  Palingenesien :  s.  o.  zu 
S.  j<)$,i$ff.  —  23  asthenische  Kranhe:  s.  u.  zu  S.  1077,; p.  —  31  Browne:  Ver- 
mutlich hat  J.  P.  den  engl.  Theologen  und  Dichter  John  Brown  (1715-66) 
im  Auge,  auf  den  die  Charakteristik  allein  zutrifft.  -  32  Arnobius: 
Der  griechische  Rhetor  Arnobius  d.A.  (urn  300  n.  Chr.)  wandelte  sich 
durch  ein  Traumgesicht  aus  einem  Gegner  zu  einem  bliihenden  Apologeten 
des  Christentums. 

S.  981,/  Endymion:  Er  erbat  sich  von  den  Gottern  die  Gabe  ewigen 
Schlafes.  —  1 4  rikoschetleren :  s.  o.  zu  S.  396, 28.  —  36  Volkmanns Reis. Br.  32: 
Das  Zitat  ist  falsch,  Volkmanns  »Historisch  Kritische  Nachrichten«  sind 
nicht  in  Briefe  eingeteilt.  Nach  Berend  entnahm  der  Dichter  die  Anekdote 
tiber  Giuseppe  Tartinis  (1692-1770)  Teufelstriller-Sonate  aus  Carl  Bernays* 
»Tagebuch  einer  musikalischen  Reise  durch  Frankreich  und  Italien«  (1772), 
S.  87  f. 

S.  982,4  Schackmaschine:  Der  komplizierte  Mechanismus  des  beruhmten 
Schachautomaten  v.  Kempelens  (s.  o.  zu  S.  758,7,9)  verdeckte  nur  einen 
in  ihm  verborgenen  Zwerg,  der  die  Bewegungen  ausfuhrte.  —  7  6  Alexander: 
s.  o.  zu  S.  87,75. 

S.  983,74  testimonium  paupertatis :  Armutszeugnis.  —  zS  Hiibners  Lexi- 
kon:  s.  o.  zu  S.  328,32.  -  77  Manipel,  Sektores  etc.:  So  lauteten  die  Ober- 
schriften  in  der  1.  Auflagedes»Siebenkas«und  inder»UnsichtbarenLoge«.- 
24  Raffaels  Tapete:  Nach  15 16  entwarf  Raffael  fur  die  Amsterdamer 
Manufaktur  einen  Zyklus  von  Gobelins. 

S.  984,5  Sorites:  s.  o.  zu  S.  579,27.  —  18  Katharer  (die  Reinen):  eine 
manichaische  Sekte. 

S*  987,35  Essigaale:  Infusionstierchen,  die  vorzugsweise  in  Essig  auf- 
treten. 

S.  988,7  Go^e:  s.  o.  zu  S.  365,7  und  zu  S.  878,22.  —  14  Setfhase: 
junger  Hase.  -  2 1  hysterische  Kugel  (globulus  hystericus) :  nervose  Zwangs- 
vorstellung,  als  ob  eine  Kugel  die  Luft  im  Hals  abschnurte. 

S.  989,70  Neger:  s.  o.  zu  S.  232,35.  -  21  Gaetano  Appolino  Baldassare 
Vestris  (1728-1808):  der  bedeutendste  Tanzer  des  18.  Jahrh.  an  der  Pariser 
Oper.  Er  wurde  als  »Gott  des  Tanzes«  gepriesen  und  erkannte  selbst  nur 
Voltaire  und  Friedrich  II.  als  gleichbedeutend  neben  sich  an.  Ein  Ballett: 


ANMERKUNGEN  1217 

»Amor  und  Psyche«  ist  mir  aus  J.  P.s  Zeit  in  Frankreich  nicht  bekannt.  — 
26  Sanskulotte:  s.  o.  zu  S.  660,/ 2.  —  31  Riplenstimmen :  Fullstimmen. 

S.  990, 2 1  Ehre:  Die  Originalausgabe  schreibt  falschlich  »Ehe«. 

S.  99 1,  J  deine  Rennwochen :  vgl.  Hesperus,  23.  Hundsposttag  (Bd.  1  un- 
serer  Ausgabe,  S.  844  ff.). 

S.  992, 8  legio  fulminatrix :  Donnerlegion,  Name  einer  zum  grofien  Teil 
aus  Christen  bestehenden  Legion  Marc  Aurels.  Nach  der  Legende  erflehten 
die  christlichen  Soldaten  bei  einer  groBen  Wassernot  ein  Gewitter  vom  Him- 
mel  und  bekehrten  durch  dieses  Wunder  den  Kaiser  zum  Christentum.  —  33 
desertio  malhiosa:  bosliche  Verlassung  der  Ehefrau,  gait  als  Scheidungs- 
grund. 

S.  993,5^  bureau  d1  esprit;  s.  o.  zu  S.  71,  j5. 

S.  994,-2  Akiessit:  s.  o.  zu  S.  441,^37.  —  33  Xenie:  s.  o.  zu  S.  811,*. 

S.  995,5  Lokusta:  Heuschreckenart.  —  6  moralischer  Krieg:  J.  P.  denkt 
an  den  Streit  um  die  homerische  Frage,  den  1785  Fr.  Aug.  Wolf  durch 
seine  "Prolegomena  ad  Homerum«  entfesselt  hatte,  vgl.  auch  u.  zu  S. 
1127,2*.  —  10  asteriscus:  Anmerkungszeichen,  ein  Sternchen  im  Text.  — 
3$  das  gan^e  angebotene  linke  Rheinufer;  Auf  den  Rastatter  Friedensver- 
handlungen  wurde  eben  damals  liber  die  Abtretung  des  linken  Rheinufers 
an  Frankreich  verhandelt. 

S.  996,75  Dresdner  grunes  Gewolbe:  s.  o.  zu  S.  95, 34.  —  2$  Lavater; 
s.  o.  zu  S.  1 86, 25.  -  2$  Meusels  gelehrtes  Deutschland:  s.  o.  zu  S.  75, 2<?. 

S.  997,2 1  Quito:  ehemals  bluhende  spanische  Kolonie  im  heutigen 
Ecuador.  -  2j  Pechkugeln:  Daniel  wirft  im  A.T.  dem  babylonischen  Dra- 
chen  »Pechkuchlein«  in  den  Rachen,  an  denen  das  Untier  zugrunde  geht. 
Vgl.  Daniel  14,23-27.  —  36  gibt:  Davor  ist  wohl  »mehr«  zu  erganzen. 

S.  999, 10  Scibile:  Wissensstoff.  —  29  aber  alte:  im  Gegensatz  zu  den 
neuen  kritischen  Scholastikern,  vgl.  auch  o.  S.  8io,j^. 

S.  1 000,  j 5  Schrnaufi:  s.  o.  zu  S.  122,2. 

S.  1001,7  Schuldrama  von  Elisa  und  den  gefressenen  Kindern:  vgl. 
2.  Kon.  2,23  ff.  -  3$  Anmerkung:  In  Wirklichkeit  war  es  sein  groBer  Gegner 
CafTarelli,  nicht  Senesino,  der  bei  einem  gemeinsamen  Auftreten  in  London 
dem  bedeutenden  Sanger  Carlo  Broschi,  gen.  Farinelli  (1705-82)  um  den 
Hals  fiel. 

S.  1002,22  Cypselus-Kasten:  Von  Kypselos,  der  sich  spater  zum  Herrscher 
von  Korinth  aufschwang,  erzahlt  Herodot  (V,  92),  er  set  als  Kind  von  seiner 
Mutter  in  einem  kunstvoll  verzierten  Kasten  verborgen  worden,  als  ihn 
seine  vom  Orakel  in  Delphi  gewarnten  Verwandten  toten  wollten.  Der 
Kasten  wurde  lange  in  Korinth  aufbewahrt  und  schlieClich  dem  Orakel  in 
Delphi  geweiht. 

S.  1003,;  5  Zirknit^er  See:  Der  Wasserspiegel  dieses  Sees  im  ehemals 
osterr.  Illyrien  senkt  sich  bisweilen  so  stark,  daB  Teile  des  Landes  aus  dem 
Wasser  auftauchen. 

S.   1004, 1  Narrenschijf:  s.  o.  zu  S.  413,*  <?.  —  16  selige  Kalypsos-Jnsel: 


I2l8  ANMERKUNGEN 

die  paradiesische  Insel,  auf  der  Odysseus  viele  Jahre  als  Gast  der  Zauberin 
Kalypso  lebte.  t)ber  »selige  Insel«  vgl.  o.  zu  S.  569, 1  /.  -  2j  Plongierbad: 
Sturzbad. 

S.  1005 y8  noachitische :  Die  Originalaiisgabe  hat  den  Druckfehler  »noach- 
tische«,  die  Kritische  Ausgabe  verandert  in  »noachische«. 

S.  1006,6  Scenes  a  tiroir  oder  Moralitaten:  mittelalterliche  Theaterstiicke 
liber  Texte  aus  der  Bibel.  -  j5  Adams- Krups:  svw.  Adamsapfel. 

S.  1008, 10  Psepkisma;  ein  durch  Stimmenmehrheit  erzielter  Volksbe- 
schluB.  —  23  nach  dem  elektrischen  Funken  tan^ende  Puppe:  Damit  ist  ein 
physikalisches  Spielzeug  gemeint,  bei  dem  kleine  Figuren  aus  Papier  zwi- 
schen  zwei  elektrisch  aufgeladenen  Metal Ischeiben  bewegt  werden.  — 
29  Hesperiden-Stettiner :  s.  o.  zu  S.  92, 1 2.  —  33  Cypris:  Beiname  der  Venus. 

S.  1009,  1 3  der  weise  Salomon  aus  Norden:  So  nannte  Voltaire  Friedrich  II. 

S.  ion, jo  mix  vomica;  Krcihenauge  oder  Brechnufl 

S.  1013,^  Danaidengej'afie  :  s.  o.  zu  S.  259,77,  —  16  Philanthropisten- 
waldchen:  ein  kleines  Waldstuck,  das  zum  Dessauischen  Philantropin  (s.  o. 
zu  S.  228,^0)  gehorte. 

S.  1015,7 3  Baumannshohle:  s.  o.  zu  S.  91,25.  —  34  Hiero- Astronomic: 
Berend  vermutet  darunter  einen  Hinweis  auf  Chr.  E.  Wiinschs  Schrift :  »Ho- 
rus«  (1783). 

S.  1016, 18  wie  Kant  die  Irrtumer  benennt:  insofern  jeder  Irrtum  von 
einer  formal  in  sich  stimmigen,  aber  nicht  kontrollierten  Wahrheit  ausgeht.  - 
19  Bayle:  s.  o.  zu  S.  126,5.  -  29  fides  implicita;  eingeborener  Glauben, 
durch  den  (nach  der  alteren  Theologie)  die  Patriarchen  des  A.  T.  vor  der 
Verdammnis  gerettet  wurden. 

S.  1017,  #  Garrick:  s.  o.  zu  S.  572,4.  -  8  Pierre-Louis  Dubus,  gen. 
Preville  (1721-99)/  beruhmter  franz.  Schauspieler.  —  26  Korrelationssaal: 
Versammlungssaal  des  groBen  Rates  auf  dem  Regensburger  Reichstag.  - 
28  Buff  on:  s.  o.  zu  S.  25,2,9. 

S.  1018,^  papinanischer  Topf:  s.  o.  zu  S.  17,28.  -  18  wie  Suiter:  s.  o.  zu 
S.  29,6".  —  20  fuga  pleni;  analog  zu- »horror  vacui«  (s.  o.  zu  S.  808, jj) 
gebildet.  -  22  der  selige  Finanipachter  Helvei:  Der  franz.  Philosoph 
Helvetius  (s.  o.  zu  S.  194,75)  bekleidete  voriibergehend  das  Arm  eines 
Finanzpachters  in  der  franz.  Regie  rung.  —25  Funfer-Direktorat :  An  der  Spitze 
der  franz.  Revolutionsregierung  stand  damals  bereits  ein  Direktorium  aus 
fiinf  Ministern.  —  28  Hume:  Die  gleiche  Behauptung  wird  an  anderer  Stelle 
Platner  zugeschrieben.  —  35  nach  Kant:  vgl.  Kritik  der  reinen  Vernunft, 
I,  1.  Abt.,  2.  Buch,  Anmerkung  gegen  Ende  des  vierten  A^schnitts:  »  Durch 
die  Wirklichkeit  eines  Dings  setze  ich  freilich  mehr  als  die  Moglichkeit, 
aber  nicht  in  dem  Dinge;  denn  das  kann  niemals  mehr  in  der  Wirklichkeit 
enthalten,  als  was  in  dessen  vollstandiger  Moglichkeit  enthalten  war.« 

S.  1019, 18  Peter  Schnaur:  Hier  vermischt  J.  P.  die  beiden  Figuren  des 
»Tom  Schnauz«  und  des  »Peter  Squenz«  aus  Shakespeares  »Sommernachts- 
traum«. 


ANMERKUNGEN  121^ 

S.  1021,2  Ramifikationen :  Verastelungen.  —  ig  Pegasus-Schaum :  Von 
mehreren  Malern  wird  berichtet,  sie  hatten  nach  mehreren  vergeblichen 
Versuchen,  ein  schaumendes  Pferd  treffend  zu  malen,  argerlich  den  Pinsel 
fortgeworfen,  und  dieser  habe  zufallig  die  rechte  Wirkung  getan.  —  3 5  ein 
grofier  Philosoph:  Fichte.  J.  P.  hat  dessen  Abhandlung:  »Von  dem  ^iund 
unsers  Glaubens  an  eine  Gottliche  Weltregierung«  im  Auge,  die  1798  in 
Niethammers  »Philosophischem  Journal"  erschienen  war. 

S.  1022,2.9  Helm  des  Mambrin:  der  zauberkraftige  Helm  eines  beriihmten 
Zauberers.  Don  Quixote  erobert  von  einem  Barbier  dessen  Becken  in  der 
Meinung,  diesen  Zauberhelm  gewonnen  zu  haben.  Vgl.  Tiecks  Obersetzung 
des  "Don  Quixote«,  1.  Tl.,  3.  Buch,  Kap.  7.  -  36  Tabor:  s.  o.  zu  S.  19, #. 

S.  1023,25  ablaktieren:  aufpfropfen.  —  24  jene  prophetische  Gestalt:  vgl. 
Ezechiel  1. 

S.  1027,4  Bottcherwoche:  23.-29.  Sept.  1798.  -  ij  lettre  toute  prete: 
Leihschein. 

S.  1028,2.9  Jakobs  Stein:  vgl.  1.  Mose  28,11.  -  34  Vigesimo-Herzen: 
svw.  verkummerte  oder  Schrumpfherzen.  —  36  Momus:  der  griechische 
Gott  des  Spottes.  Die  Geschichte  wird  verschiedentlich  aus  dem  Altertum 
berichtet  und  auch  von  Rabelais  (in  der  Vorrede  zum  3.  Buch  von  »Gargan- 
tua  und  Pantagruel«)  erzahlt. 

S.  1029,  27  Patavinitdt:  s.  o.  zu  S.  235,24. 

S.  1030,2  Merkur:  Quecksilber.  -  18  Guido:  Guido  Reni. 

S.  1031,27  a  parte  ante:  s.  o.  zu  S.  5 97, 2  8. 

S.  1032,2  Hammerherr:  svw.  Hammer-Meister,  Besitzer  eines  Eisen- 
werkes,  der  das  Recht  besaB,  seiner  Ware  ein  eigenes  Zeichen  einzupragen.  - 
8  Ephorie:  Aufsichtsbehorde,  vgl.  o.  zu  S.  468,5. 

S.  1033, 2  j  konstantinische  Schenkung:  der  Kirchenstaat.  -  26  Lohbeet: 
s.  o.  zu  S.  574,  30.  —  31  Ehe^arter:  Ehevertrag. 

S.  1034,  j  fruchtbringende  Gesellschaft :  Dichterorden  des  17.  Jahrh.  - 
16  Alkahest:  ein  von  Paracelsus  so  benanntes  Auflosemittel,  das  angeblich 
alle  Stoffe  miteinander  vertauschen  konme.  ~  20  septembrisieren :  s.  o.  zu 
S.  I07,£.  -  34  idiopathisch :  gleichfiihlend.  —  3S  sakularische  Spiele:  s.  o.  zu 
S.  758,J- 

S.  1035,4  Strohkranirede :  s.  o.  zu  S.  353,3.  —  28  Rugendas:  s.  o.  zu  S. 
1 2, 2  5. 

S.  1036,2  Labarum:  s.  o.  zuS.  210, 25.  -3  Reffeikrautpulver :  Heilmittel 
aus  Reffelkraut,  einer  wasserbenedikten  Art.  -  6  Cimmerier:  s.  o.  zu  S. 
897,*  J-  -  13  Aderlafimdnnchen:  Bis  in  die  neueste  Zeit  wurde  in  Volks- 
kalendern  gern  ein  nackter  Mann  abgebildet,  bei  dem  alle  Punkte  angezeigt 
waren,  an  denen  man  sich  mit  Vorteil  zur  Ader  lassen  konnte. 

S.  1037,22  Isolatorium:  s.  o.  zu  S.  197,4. 

S.  1038,7  eiliges  Atalantas-Bestreifen:  Anspielung  auf  die  Sage  von  der 
Gefahrtin  der  Artemis,  Atalante,  die  sich  nur  dem  zum  Manne  geben  wollte, 
der  sie  im  Wettlauf  besiegte. 


1220  ANMERKUNGEN 

S.  1039,-20  Klopstocks  Gedicht  an  eine  kiinftige  Geliebte:  Diese  haufig 
nachgeahmte  Ode  erschien  zuerst  1748.  -  32  Luise:  Hauptfigur  aus  Vossens 
gleichnamiger  Idylle  von  1780. 

S.  1040,77  eiserne  Maske:  Unter  ihr  verbarg  sich  ein  sagenumwobener 
Gefangener  Ludwigs  XIV.  in  der  Bastille.  Nach  Voltaires  Bericht  sollte  es 
sich  dabei  urn  den  Zwillingsbruder  des  frz.  Konigs  gehandelt  haben.  - 
20  drei  Gesichter:  Im  Herbst  1797  hatte  der  Maler  Pfenninger  von  J. P.  ein 
Gemalde  angefertigt,  das  er  nachher  zweimal  in  Kupfer  stach,  und  das  den 
Dichter,  wie  er  selbst  bemerkte,  nur  wenig  gliicklich  getroffen  hatte. 

S.  1 04 1,  25  Violenluft:  vielleicht  Druckfehler  fur  »Violenduft«. 

S.  1042,20  Messwoche:  30.  September  bis  6.  Oktober  1798.  —  27  Joh. 
Albrecht  Bengel{\ 687—1 752):  ev.  Theologe,  der  zwei  biblisch-prophetische 
Werke  iiber  das  Ende  der  Welt  schrieb.  »Erklarte  Offenbarung  Johannis« 
(1740)  und  »Sechzig  erbauliche  Reden  iiber  die  Offenbarung  Johannis« 
(1747).  Darin  stelk  er  die  Behauptung  auf,  das  Tausendjahrige  Reich  nehme 
im  Jahre  1836  seinen  Anfang. 

S.  1043,  jo  wie  ein  verwundeter  Adonis:  vgl.  Ovids  »Metamorphosen«  X, 
345  ff. 

S.  1044,76"  Ichor:  das  Blut  der  Gotter.  -  34  Pfingsttage:  vgl.  Hesperus, 
32.-36.  Hundsposttag. 

S.  1047,27  salomonischer  Ring:  S.  O.  zu  S.  424, j*. 

S.  1048,77  Eisen-Jungfrau:  lange  Zeit  in  der  Niirnberger  Folterkammer 
aufbewahrte  Hohlfigur,  an  deren  Innenseite  lange  Nagel  angebracht  waren, 
die  den  Gefolterten  durchbohren  sollten. 

S.  1049,2,?  pile  mele:  Allerlei,  Mischmasch.  -  36  »Neuhaus«  und  »Hof- 
eck«:  Ausflugsziele  in  der  engsten  Umgebung  von  Hof. 

S.  105 1,£  Brandenbourg-house:  beruhmtes  Hotel  in  London,  doch  gab 
es  auch  in  Hof  ein  en  »Brandenburgischen  Hof«.  —  8  Louisium :  s.  o.  zu 
S.  831,^5.  —  13  eine  solche  konigliche  Bagatelle:  s.  o.  zu  S.  365, 2#. 

S.  1 05 6, 3  Zahlwoche:  8.- 14.  Oktober  1798.  -  9  Augusta:  Nach  Berend 
hatte  im  Herbst  1798  Graf  Adam  von  Moltke  mit  seiner  Gattin  Auguste 
den  Dichter  in  Leipzig  besucht. 

S.  1057,4  Hyblahonig:  s.  o.  zu  S.  569,^9.  —  6  Buffon  vgl.  o.  S.  25,2,9  und 
die  Anmerkungen.  —  34  vidimierte  Kopie:  beglaubigte  Abschrift. 

S.  1058,7  drilben:  Die  Originalausgabe  schreibt  falschlich  »driiber«.  — 
34  im  November :  Erinnerung  an  die  Todesvision  vom  15.  Nov.  1790. 

S.  1059, 2 3  Teriien^eiger :  s.  o.  zu  S.  31,50. 

S.  1062, 3 3  aufier  noch  einem:  wohl  dem  ahgeredeten  Christian  Otto 
selbst. 

S.  1064,2.?  alexandrinische  Bibliothek:  Sie  barg  bis  zu  ihrer  Zerstorung 
durch  Casar  die  groBten  Bucherschatze  des  Hellenismus. 

S.  1067,2  o  Erysichthon:  Er  verging  sich  an  einem  Heiligtum  der  Demeter 
und  wurde  dafur  mit  ewigem  Hunger  bestraft.  Seine  Tochter  Mnestra,  die 
sich  in  alle  Gestalten  verwandeln  konnte,  verkaufte  sich  jeden  Tag  als 


ANMERKUNGEN  1221 

Sklavin,  um  ihrem  Vater  den  Unterhalt  zu  beschaffen,  und  kehrte  nachts 
in  ihre  eigene  Gestalt  zuriick.  -  z6  Vendemiaire:  Weinmonat  im  frz.  Revo- 

lutionskalender  (vom  22.  Sept.  bis  22.  Okt,).  -  23 .■  Nach  den 

Vorarbeiten  furchtete  J.  P.,  in  der  Erfindung  der  Charaktere  nachzulassen.  — 
jo  gefinerische  Idyllen:  s.  o.  zu  S.  199,5. 

S.  \o6%,i6  Statuere,  quis  sit  sapiens  usw.:  »Einen  anderen  fur  weise  zu 
erklaren,  scheint  wohl  am  meisten  weise  zu  sein.«  Der  Satz  stammt  aus 
Ciceros  »Academiae«  II,  9. 

S.  1070,3  die  beiden  -  Skaliger:  Man  erwartet  »Schlegel«. 

S.  1072,2  vergofine:  Die  Originalausgabe  schreibt  falschlich  »vergesne«. 

S.  1073,33  Plainer;  vgl.  Philosophische  Aphorismen,  §  1075. 

S.  1075, 1 y  ein  guter  Jungling;  J. P.s  Jugendfreund  Paul  Amil  Thieriot.  — 
29  Weifie:  s.  o.  zu  S.  13,4. 

S.  1077,25  John  Brown  (1735-88):  engl.  Arzt.  Er  hatte  die  vielbeachtete 
These  entwickelt,  die  menschliche  Gesundheit  und  das  Leben  hange  von 
der  Reizbarkeit  des  Menschen  durch  Luft,  Schlaf  usw.  ab.  Er  versuchte 
daher  alle  Krankheiten  auf  Cberreizung  (sthenische  Krankheiten)  und  feh- 
lende  Reizbarkeit  (asthenische  Krankheiten)  zuruckzufuhren  und  durch  ent- 
sprechende  Stimulantien  zu  bekampfen.  —  21  eine  Familie  von  elterlicher 
und  kindlicher  Liebe:  Damit  ist  nach  Berend  die  Familie  des  Freiherrn  v. 
Hardenberg  in  WeiBenfels  gemeint,  bei  der  J.  P.  auf  seiner  Reise  von  Leip- 
zig nach  Weimar  die  Nacht  vom  24.  25.  auf  Okt.  verbrachte. 

S.  1078,2 1  Swift:  Gemeint  sind  die  schon  erwahnten  Struldbrugs,  s.  o. 
zu  S.  892,30. 

S.  1080,26"  Wieland:  Die  letzte  Nacht  auf  der  Fahrt  nach  Weimar  be- 
suchte  J.  P.  den  greisen  Wieland  auf  seinem  Gut  in  OBmannstadt.  Berend 
weist  zurecht  darauf  hin,  daB  dieses  Lob  Wielands  »in  geflissentlichem 
Gegensatz«  zu  den  damaligen  Angriffen  der  Romantiker  steht. 


Das  heimliche  Klaglied  und  die  wunderbare 
Gesellschaft  in  der  Neujahrsnacht 

Die  beiden  kleinen  Erzahlungen  entstanden  kurz  nacheinander  als  gelegent- 
liche  Beitrage  fur  Zeitschriften,  in  denen  sie  dann  durch  ungiinstige  Um- 
stande  nicht  erscheinen  konnten:  das  wHeimliche  Klaglied«  fur  die  Zeit- 
schrift :  »Ruhestunden  fur  Frohsinn  und  hausliches  Gliick«  des  Bremer  Ver- 
legers  Wilmanns,  die  » Wunderbare  Gesellschaft  in  der  Neujahrsnacht«  fur 
das  Jacobische  »Taschenbuch  auf  i8oi«.  Nach  dem  »Vaterblatt«  ware  die 
Niederschrift  der  ersten  Erzahlung  im  Juni  1800  erfolgt,  die  der  zweiten 
vom  19.-31.Juli  des  gleichen  Jahres.  Doch  weist  Berend  nach,  daB  das 
»Heimliche  Klaglied«  erst  nach  Jean  Pauls  Berlinreise  entstanden  sein  kann, 
von  der  er  erst  am  28.  Juni  zuriickkehrte.  Als  Wilmanns  dem  Dichter  mit- 
teilte,  dafi  die  »Ruhestunden«  vorubergehend  ihr  Erscheinen  einstellen  mliB- 


1222  ANMERKUNGEN 

ten  und  ihm  einen  gesonderten  Druck  vorschlug,  entschloB  sich  Jean  Paul, 
die  Erzahlung  umzuarbeiten  und  mit  der  Vision  zu  einem  schmalen  Band- 
chen  zu  vereinigen.  Am  io*Januar  1801  schickte  er  das  abgeschlossene 
Manuskript  an  Wilmanns,  und  bereits  im  April  lag  das  schmale  Bandchen 
fertig  vor.  -  Die  erste  Erzahlung  wurde  vom  breiten  Publikum  sehr  giinstig 
bewertet,  die  zweite  hingegen  kaum  gewiirdigt.  Eine  zweite  Auflage  ist 
nicht  erschienen. 

S.  1083,5 1  kanonische  Horen:  die  den  Geistlichen  vorgeschriebenen  Ge- 
betsubungen.  —  2y  wie  Lessing  die  Vorrede  definiert:  vgl.  seine  Vorrede  zu 
den  »Fabeln«  (1759). 

S.  1089,*  /  Schliisse  in  Festino,  Darapti,  Barocko  und  Ferison:  vier  der 
neunzehn  moglichen  SchluBfolgerungsarten  in  der  Rhetorik.  Vgl.  auch  zu 
S.  513,2. 

S.  1090,6"  Leipiiger  acta  eruditorum:  erste  wissenschaftliche  Zeitschrift 
in  Deutschland,  die  unter  der  Mitarbeit  von  Leibniz  und  Thomasius  1682 
von  Otto  Mencke  gegriindet  wurde.  In  den  mehr  als  hundert  Banden  der 
Zeitschrift  wurden  die  meisten  der  grundlegenden  Abhandlungen  von 
Leibniz,  Newton  u.  a.  zuerst  bekanntgemacht.  —  ,9  acta  sanctorum:  die  von 
den  Bollandisten  herausgegebenen  Lebensbeschreibungen  und  Verzeich- 
nisse  der  Heiligen.  —  26  salisches  Geset^:  das  im  spaten  5.  Jahrhundert  auf- 
gezeichnete  Volksrecht  der  Franken.  Das  Zitat  ist,  wie  J.  P.  bei  anderer 
Gelegenheit  anfuhrt,  aus  Christoph  Meiners'  »Geschichte  des  weiblichen 
Geschlechts«,  1.  Teil  (Hannover  1788),  S.  240,  entnommen. 

S.  1091,70  orbis  pictus:  s.  o.  zu  S.  21,22. 

S.  1092,22  Hechtskopf:  s.  o.  zu  S.  127,2. 

S.  1093,6"  das  /Compliment,  die  pas  balances  usw,;  Tanzfiguren. 

S.  1098, $>  Augsburger  Thesesbilder :  groBe,  oft  liber  einen  Meter  hohe 
Kupferstiche,  die  in  Bayern  und  besonders  in  Augsburg  sehr  verbreitet 
waren.  Mit  ihnen  illustrierten  die  Monche  in  verschlusselten  Allegorien  die 
Thesen  und  Themen  ihrer  Schuldisputationen.  Vgl.  Nicolais  »Beschreibung 
einer  Reise  durch  Deutschland  und  die  Schweiz«  (3.  Aufl.  1788-96), 
Bd.  VIII,  S.  85  ff.  -  27  Ballenbilder :  Kennzeichen  auf  den  Warenballen,  die 
zum  Versand  gelangen.  —  2j  Raffaets  schon  ausgemaltes  Schlafgemach :  s.  o. 
zu  S.  974,6".—  32  wie  der  Priester:  Danach  findetsich  im  Originaldruck  ein 
iiberflussiges  zweites  »sich«. 

S.  1099, z#  dissertatiunculae :  kletne  Abhandlungen.  -  33  eine  genie  fleu- 
rinnee:  Das  weibliche  Genus  ist-hier  wohlmit  Hinsicht  auf  Ninetta  gewahlt. 

S.  1100,2^  wie  das  Fannische  Geset%:  ein  von  dem  Konsul  C.  Fannius 
eingebrachtes  Gesetz  gegen  den  Aufwand  bei  Gastgelagen.  —  Das  Zitat 
in  der  Anmerkung  muB  nach  Berend  richtiggestelltwerden:Plin.  H.  N.,X,  33. 

S.  1101,29  Jacques  Delille  (1738-1813)  beriihmter  franz.  Dichter  des 
iS.Jahrh.  Er  ubersetzte  1769  die  »Georgica«  des  Vergil,  die  ihn  beriihmt 
machte  und  verbffentlichte  eben  damals  (1800)  sein  grofies  Lehrgedicht: 


ANMERKUNGEN  1 223 

»L*homme  de  champs  ou  les  georgiques  francaises«.  —  31  Linne:  Der  grofie 
Naturwissenschaftler  litt  im  Alter  an  zunehmendem  Gedachtnisschwund, 
der  ihm  schlieBlich  geistige  Anstrengung  beinahe  unmoglich  machte. 

S.  1102,4  enfants  perdus:  »Verlorene  Kinder«  nannte  man  das  nur  mit 
Arkebusen  bewaflfnete  Ful3volk,  das  beim  Sturm  vorauslief  und  darum  als 
verloren  gait. 

S.  1 103, 2 3  Epopt:  s.  o.  zu  S.  538, 18. 

S.  1104,5  Hundejunge  und  Schwen^el:  Ausdriicke  aus  der  Bergmanns- 
sprache;  der  Hundejunge  fordert  dasErz  mit  dem  »Hund«  (einem  kleinen 
Wagen)  im  Forderkorb  zu  Tage,  Schwenzel  oder  Schwemmsel  nennt  man 
das  ausgeschwemmte  Erz,  das  den  geringsten  Metallgehalt  besitzt.  —  14 
Fdustel:  s.  o.  zu  S.  404,^0.  —  28  steht;  vielleicht  Druckfehler  fur  »sieht«. 

S.  1105,//  Brunnenbelustigungen:  s.  o.  zu  S.  11,31.  —  28  Schneufivogel : 
Lockvogel,  auch  Vogel,  der  in  die  Schlinge  gegangen  ist. 

S.  1 106,3  undeinen  Archimedes  da%u:  Anspielung  auf  die  bekannte  Anek- 
dote  vom  Tod  des  Archimedes,  der  erschlagen  wurde,  als  er  mathematische 
Figuren  in  den  Sand  zeichnete. 

S.  noj,z8  malt:  Die  Originalausgabe  setzt  dafur  falschlich  »malte«. 

S.  1111,29  Libation:  im  alten  Rom  Trankopfer  fur  die  Hausgotter. 

S.  11 12,^,9  Rousseaus  Air  a  trois  notes:  Sie  ist  in  der  Sammlung:  »Les 
consolations  des  miseres  de  ma  vie«  von  178 1  enthalten  und  war  ein  Lieb- 
lingsstiick  J.P.s.  Die  angefuhrte  Obersetzung  Fr.  W.  Gotters  (1735— 1802) 
findet  sich  in  der  Sammlung  seiner  Gedichte  (1787)  Bd.  1,  S.  235. 

S.  1114,10  Tempe:  s.  o.  zu  S.  30, 30.  -  19  Angelikas-Ring :  unsichtbar 
machender  Ring,  den  in  Ariosts  "Orlando  furioso«  die  weibliche  Haupt- 
figur  des  Werkes  besitzt.  J.  P.  kannte  nach  Berend  wohl  A.  W.  v.  Schlegels 
Obersetzung  des  betreffenden  11.  Gesangs  aus  dem  2.  St.  des  »Athenaums« 

<I799)>  S-  247ff. 

S.  1117,32  Mithridates:  Konig  von  Pontus.  Er  gewohnte  sich  daran, 
Gift  zu  nehmen,  bis  er  schlieBlich  beinahe  gegen  alle  Arten  von  Gift  immun 
war. 

S.  iii8,j25  Eubulides  von  Milet:  Sophist  aus  der  Schule  von  Megara  und 
Gegner  des  Aristoteles,  der  die  groBte  Zeit  seiner  Studien  rhetorischen 
Kunstfragen  widmete. 

S.  Iii9,j5  Ugolinos-Turm:  s.  o.  zu  S.  450,/. 

S.  H24,z  2  mein  Schlofilein  \u  Mittelspit^:  vgl.  o.  S.  i027rT.—  i3Hermine: 
s.  o.  zu  S.  741,31.  —  23  lanternisieren:  an  die  Laterne  hangen.  Der  Ausdruck 
wurde  zuerst  in  der  franz.  Revolution  gepragt. 

S.  1125,25  Liane:  weibliche  Hauptfigur  aus  dem  »Titan«.  —  29  Schweden- 
kopf:  glatte,  kurzgeschnittene  Haartracht,  eine  revolutionare  Mode  der  Zeit. 

S.  ii26,2oRene  le  Bossu  (1631-80):  franz. Philosoph  und Asthetiker. - 
27  deiembrisieren:  analog  zu  »septembrisieren«  (s.  o.  zu  S.  107, 8)  gebildet. 

S.  1127,2/  ein  kiinf tiger  Wolf:  Die  1782  erschienenen  "Prolegomena  in 
Homerum«  von  Fr.  Aug.  Wolf  versuchten  den  Nachweis,  daB  die  »IIias« 


1224  ANMERKUNGEN 

und  die  »Odyssee«  nicht  den  gleichen  Verfasser  haben,  sondern  eine  spatere 
Redaktion  aus  mehreren  rhapsodischen  Liedern  bildeten.  —  32  Amiiisten- 
orden:  eine  im  zweiten  Drittel  des  i8.Jahrh.  weit  verbreitete  Studenten- 
vereinigung,  deren  Treiben  in  den  beiden  1799  erschienenen  Btichern: 
»Guido  von  Tauf  kirchen«  und  »>Der  Moselaner-  oder  Amizistenorden«  (von 
Lauckhard)  ausfiihrlich  dargestellt  wurde. 

S.  1129,2  Enikels  Chronik:  eine  im  volkstumlichen  Mittelhochdeutsch 
abgefaCte  »Weltchronik«  des  Wieners  Jans  Enenkel  (gest.  urn  1280).  - 
3  Otfrieds  Evangelium:  eines  der  bedeutendsten  Dokumente  der  althoch- 
deutschen  Literatur,  das  von  Adelung  und  seiner  Schule  als  Zeugnis  ver- 
derbter  volkstiimlicher  Spraclie  angesehen  wurde.  —  8  Hermes  Trismegistus  : 
sagenhafte  Gestalt  der  agyptischen  Urzeit,  der  als  Erfinder  der  Alchimie 
und  Magie  gait,  auch  als  Vater  der  Freimaurerbewegung  angesehen  wurde. 
Unter  seinem  Namen  werden  zahlreiche  Schriften  alchimistischen  Inhalts 
uberliefert. 

S.  1130,28  maillots  usw.:  Es  handelt  sich  dabei  naturlich  um  gleich- 
zeitige  Moden. 

S.  1131,27  wie  der  Redner  Gorglas:  Er  riihmte  sich,  alle  Wissenschaften, 
Kunste  und  handwerklichen  Fertigkeiten  zu  beherrschen. 

S.  1132,^2  Ter^ie:  s.  o.  zu  S.  31,50. 

S.  1133,25  nach  Euler:  s.  o.  zu  S.  371,2/. 

S.  1 135,  j 6"  bluhende,  beseelte:  erg.  Gestalt. 

S.  1136,7,3  Nicolai:  s.  o.  zu  S.  280,26".  Er  hatte  in  einem  Vortrag,  der 
1799  m  ^er  »Neuen  Berlinischen  Monatsschrift«  erschienen  war,  von  einem 
»Beispiel  einer  Erscheinung  mehrerer  Phantasmen«  berichtet,  woiin  er  dar- 
tat,  wie  er  sich  von  Halluzinationen,  die  ihn  langere  Zeit  gequalt  hatten, 
durch  das  Ansetzen  von  Blutigeln  kuriert  habe.  —  39  da  Vincis  Christus 
im  Tempel;  Gemeint  ist  Bernardo  Luinis  Gemalde:  "Christus  unter  den 
Schriftgelehrten«  (heute  im  Britischen  Museum),  das  damals  als  ein  Werk 
Leonardos  in  der  Sammlung  Aldobrandini  in  Rom  auf  bewahrt  wurde.  J.  P. 
scheint  eine  Kopie  des  Bildes  von  seinem  Freunde  Fr.  Bury  in  seinem  Zimmer 
gehabt  zu  haben. 

S.  1137,74  nach  dem  Marcfyen:  Als  Quelle  gibt  J.  P.  an  anderer  Stelle 
einmal  die  fingierte  Reisebeschreibung  des  engl.  Arztes  John  de  Mandeville 
(1300-72?)  an,  doch  stammt  die  Geschichte  nicht  aus  ihr,  sondern  aus 
Plutarchs  »Moralischen  Schriften«.  J.  P.  hatte  sich  die  Stelle  aus  der  dt. 
Obersetzung  von  Kaltwasser  in  seinen  Exzerpten  notiert,  vgl.  dort  Bd.  1, 
1783,  S.  156.  Das  gleiche  Motiv  begegnet  auch  bei  Rabelais  (Gargantua 
und  Pantagruel  IV,  55  u.  56)  und  kehrt  bekanntlich  auch  in  den  Liigenge- 
schichten  des  Barons  von  Munchhausen  wieder. 


SCHLUSSBEMERKUNG 


Der  vierte  Band  der  Werke  Jean  Pauls  enthalt  alle  kleineren  erzahlenden 
Schriften  des  Dichters  aus  dem  Zeitraum  von  1796  bis  1801,  die  sich  zwi- 
schen  das  Erscheineh  des  »Hesperus«  und  den  AbschluB  des  »Titan«  ein- 
schieben.  Alle  diese  Erzahlungen  sind  vielfaltig  mit  den  Themen,  Figuren, 
Begebenheiten  und  Schauplatzen  der  groBen  Romane  verkniipft  und  bilderi 
mit  diesen  zusammen  eine  in  sich  geschlossene,  dichterische  Welt  voll 
offener  und  verdeckter  Beziiglichkeiten,  auf  die  der  Dichter  immer  wieder 
anspielt.  Dem  Charakter  der  vorliegenden  Ausgabe  entsprechend  wurde 
diese  Einheit  auch  durch  keinerlei  Striche  oder  Kurzungen  innerhalb  der 
Texte  beeintrachtigt,  wie  sie  die  unterschiedliche  Qualitat  der  einzelnen 
Werke  und  Passagen,  bisweilen  auch  die  lockere  Zusammenfugung  zweier 
Erzahlungen  nahezulegen  scheinen.  So  konnten  hier  zum  erstenmal  aufier- 
halb  der  Kritischen  Ausgabe  wieder  die  »Biographischen  Belustigungen«, 
das  »Kampaner  Tal«,  die  »Palingenesien«,  »Jean  Pauls  Briefe  und  bevor- 
stehender  Lebenslauf«,  »Das  heimliche  Klaglied  und  die  wunderbare  Ge- 
sellschaft  in  der  Neujahrsnacht«  ungekiirzt  im  Rahmen  einer  Jean  Paul- 
Ausgabe  veroffentlicht  werden. 

Die  Stiicke  unseres  Bandes  sind  in  der  Kritischen  Ausgabe  im  funften, 
siebenten  und  neunten  Band  der  ersten  Abteilung  enthalten,  die  alle  von 
Eduard  Berend  in  den  Jahren  1930-33  herausgegeben  wurden.  Auf  seine 
Textredaktion  stutzt  sich  unsere  Ausgabe  in  erster  Lime,  doch  wurden  die 
Originalausgaben  sorgsam  verglichen.  Fur  die  Einrichtung  des  Textes  im 
einzelnen  und  fur  die  Gestaltung  des  Anmerkungsteiles  gelten  auch  sonst 
durchweg  die  Richtlinien  und  Grundsatze,  die  im  ersten  Band  unserer  Aus- 
gabe (vgl.  dort  S.  1239^  und  S.  13376°.)  ausfuhrlich  dargestellt  und  erlautert 
worden  sind;  doch  war  beim  vorliegenden  Band,  urn  ein  Anschwellen  des 
Anhangs  zu  vermeiden,  eine  noch  starkere  Beschrankung  auf  die  unmittel- 
bar  zum  Verstandnis  des  Textes  notwendigen  Angaben  geboten.  Fiir  die 
Arbeit  an  diesen  Anmerkungen  war  wiederum  der  Kommentar  der  Kriti- 
schen Ausgabe  von  unschatzbarem  Nutzen,  zumal  fur  die  meisten  Stiicke 
des  Bandes  andere  Vorarbeiten  fehlten. 

Der  Herausgeber  dankt  herzlich  Fraulein  Adelheid  Weinert,  die  das  Mit- 
lesen  der  Korrekturen  unter  ungewohnlich  erschwerten  Bedingungen 
mustergultig  besorgte,  und  er  dankt  besonders  herzlich  Herrn  Professor 
Dr.  Eduard  Berend  fur  seine  unermudliche  Hilfsbereitschaft. 

Norbert  Miller 


Nachwort 


I 


Dieser  Band  enthalt  die  kleineren  erzahlenden  Schriften  aus  Jean 
Pauls  mittlerer  Schaffenszeit.  Sie  waren  ihm  zu  einem  guten  Teil 
ein  Obungsfeld  fiir  seine  Romane  und  seine  beiden  groBen  theo- 
retischen  Schriften  zur  Poetik  und  zur  Erziehlehre,  und  so  finden 
wir  alle  Moglichkeiten  des  Autors  in  diesem  Band  ausprobiert 
und  ausgepragt.  Der  Jean  Paul  der  Traume  und  Visionen  er- 
scheint  zum  Beispiel  im  »Mul3teil  fiir  Madchen«  und  gegen  Ende 
des  »Fixlein«,  der  Autor  der  idyllischen  Kleinmalerei  im  »Fixlein« 
und  im  »Jubelsenior«;  aber  auch  der  ganz  friihe  Jean  Paul  der 
satirischen  Essigfabrik  wird  erkennbar,  in  den  eingestreuten  Sati- 
ren,  die  in  den  »Palingenesien«  dem  Erstlingswerk  »Aus  des  Teufels 
Papieren«  entnommen  sind,  wahrend  das  »Kampaner  Tal«  und  das 
»Heimliche  KIaglied«  auf  den  spateren  Stil  Jean  Pauls  vordeuten. 
Seine  asthetische  Theorie  wird  in  der  »Geschichte  meiner  Vorrede 
zur  zweiten  Auflage  des  Quintus  Fixlein«  kritisch-polemisch  ins 
Werk  gesetzt  und  in  vielerlei  Exkursen  eingekreist.  Die  philo- 
sophischen  Oberlegungen  des  »Kampaner  Tals«  ergeben  ein  po- 
sitives Gegenstiick  zur  satirischen  »CIavis  Fichtiana«.  Der  be- 
geisterte  Jean  Paul  des  »Hesperus«,  der  realistische  des  »Sieben- 
kas«  und  der  vom  Geist  Weimars  beeinfiuBte  des  »Titan«  tauchen 
in  schnell  wechselnden  Beleuchtungen  beim  Lesen  dieses  vierten 
Bandes  unserer  Ausgabe  auf.  An  manchen  entscheidenden  Stellen 
wird  der  in  den  »Flegeljahren«  sparer  giiltig  gestaltete  Antago- 
nismus  im  poetischen  Ich,  das  kommende  Zwiegesprach  zwischen 
Walt  und  Vult,  bereits  erkennbar. 

Zahlreich  sind  die  direkten  Anspielungen  und  die  Anklange 
an  friihere  und  spatere  Werke:  Der  Kunstrat  Fraischdorfer  des 
»Titan«  tritt  in  der  Fixlein- Vorrede  zum  erstenmal  auf*  das 


NACHWORT  1227 

kleinlich-intrigante  »Haarhaar«  wird  in  einer  Anmerkung  kom- 
mentiert:  »So  heiBet  bekanntlich  das  Furstentum,  in  welchem  die 
Geschtchte,  die  ich  nun  bald  unter  dem  Namen  >Titan<  ediere, 
vorfallt.  Daher  kenn*  ich  den  KunstratFraischdorfer  recht  gut,  er 
aber  mkh  gar  nicht.«  -  Wenige  Seiten  weiter  zwinkert  der  Autor 
seiner  geplanten»Vorschule  zur  Asthetik«  zu :  »ich  werde  einmal  in 
einem  kritischen  Werkchen  geschickt  dartun,  da8  .  .  .  er  [der 
Humor]  nichts  Regelloses  und  Willkiirliches  vornehme,  weil  er 
sonst  niemand  ergotzen  konne  als  seinen  Inhaber  . . .«  Wiederum 
sieben  Seiten  weiter  oben  bemerkt  der  Prolegomenon-Autor  eini- 
ges  iiber  Tochter-Bildung  und  verkiindet:  »Ich  Iasse  iiber  diese 
Materie  ein  Werk  aus  meiner  Feder  hofFen«,  -  eine  Hoffnung,  die  er 
spater  mit  der  »Levana«  einlost.  Das  unmittelbar  bevorstehende 
Erscheinen  des  bereits  fertiggestellten  »Hesperus«  wird  anlaBlich 
eines  Gespraches  mit  dem  Fiirsten  von  Flachsenfingen  im  »Fix- 
lein«  angekundigt  (in  diesem  Band  S.  123,  Anm.),  und  der  Autor, 
der  in  die  Fixlein-Handlung  am  Ende  ebenso  eingreift  wie  in  die 
Handlung  des  >Hesperus<,  verweist  auf  seinen  Rang,  der  in  den 
»Hundsposttagen«  verifiziert  erscheine  (S.  161). 

Das  Zusammenstricken  der  einzelnen  Werke  durch  immer 
wieder  auftauchende  Motive  und  Personen  wird  oft,  vor  allem  in 
den  »PaIingenesien«,  als  KunstgrifFgehandhabt:  »DerGelehrten- 
welt,  das  ist  Dir  bekannt,  hab'  ich  in  der  Biographie  unsers  ge- 
liebten  Siebenkas  es  aufgedeckt,  daB  und  unter  welchen  Lagen 
er  das  anonyme  Buch  >Die  Auswahl  aus  des  Teufels  Papieren< 
geschrieben  habe.« ■-  Der  Schulrat  Stiefel  und  Leibgeber  aus  dem 
»Siebenkas«  tauchen  denn  auch  am  Ende  der  »Palingenesien«  auf, 
um  den  Ich-Erzahler  aus  seiner  miBlichen  Lage  in  Nurnberg  zu 
befreien.  Der  Druckfehlerverzeichnisse  herstellende  Fixlein  wird 
dem  Druckfehlerjager  Leibgeber  untergeschoben  (S.  727).  - 
Habermann  ist  mit  Leibgeber  identisch:  »In  der  Vorrede  nennt 
Siebenkas  einen  Mitarheiter  seines  Buches  Wolfgang  Habermann, 
von  dem  die  erste  Satire:  >Habermanns  groBe  Tour  und  logi- 
scher  Kursus  durch  die  Welt<,  die  ich  eben  neu  edieren  will,  ver- 
fasset  worden.  Dieser  Habermann  ist  mein  geliebter  Leibgeber.« 

Die  Schrulle  Jean  Pauls,  die  sich  dann  als  Architekturplan 


1228  NACHWORT 

erweist,  auf  solche  Weise  ein  Prosastuck  ins  andere  zu  verhaken 
und  gleichsam  auf  einer  fortlaufenden  Rolle  Papier  weiterzu- 
schreiben,  bewirkt,  daB  dem  passionierten  Jean-Paul-Leser  eine 
ihm  mehr  und  mehr  vertraut  werdende  Civitas  von  Gestalten 
erscheint,  deren  neu  auftauchende  Gesichter  von  altbekannten 
begriiBt  werden,  und  daB  eine  Motivwelt  sich  um  ihn  aufbaut, 
die  sich  standig  ausweitet  und  ihn,  den  geliebten  Leser,  mit 
einzufangen  sucht.  Der  eigenartige,  unverwechselbare  Hohlen- 
charakter  des  jeanpaulischen  Werkes  wird  dadurch  einigermaBen 
erklarbar.  In  seiner  vielfaltigen  Besonderheit  wird  er  am  besten 
in  einem  Band  erkenntlich,  der  die  verschiedensten  kleineren 
Werke  zusammenfaBt. 

Daneben  gibt  es  Ahnlichkeiten,  die  von  Jean  Paul  nicht  kom- 
mentiert  werden  und  die  lediglich  daher  kommen,  daB  in  einem 
so  voluminosen  Werk  die  Einfalle  nicht  immer  Schritt  halten 
konnen  mit  der  Seitenzahl.  Manches  friiher  schon  einmal  Durch- 
probierte  wird  spater  noch  einmal,  auf  etwas  andere  Art,  aufge- 
fuhrt;  um  nur  ein  Beispiel  zu  nennen:  die  bibliothekarischen 
Absonderlichkeiten  des  Wutz  erscheinen  nur  variiert  in  denen 
des  Fixlein;  oder:  Sterbe-Ahnungen  spielen  in  der  Siebenkas- 
wie  in  der  Fixlein-Geschichte  ihre  Rolle.  An  den  aufgegipfelten 
Traum-Stellen  kehren  Bilder  und  Formulierungen  wieder:  die 
»stumme  leere  Abendstunde  eines  erkalteten  Schlachtfeldes«, 
der  »Engel  der  letzten  Stunde«  oder  der  »Engel  des  Endes«,  der 
»weinende  Engel«,  dessen  »brennende  Trane«  wie  eine  Perle  aus 
der  Muschel  rollt,  sind  in  der  Phantasie  iiber  den  »Tod  eines 
Engels«  im  »MuBteil  fur  Madchen«  ebenso  zu  finden  wie  in  dem 
«Traum,  daB  alle  Seelen  eine  Wonne  vernichte«  innerhalb  des 
»Hesperus«. 

Die  zeitliche  Umgrenzung,  namlich  die  Jahre  1795-1801,  in 
der  die  kleineren  erzahlenden  Schriften  dieses  Bandes  entstanden 
sind,  wirkt  sich  auf  die  Variationsbreite  des  Buches  aus;  denn 
in  diesen  Jahren  lagen  die  wichtigsten  Wandlungen  des  Autors. 
Der  »Fixlein«  reicht  in  die  idyllisch-enthusiastische  »Hesperus«- 
Zeit  zuriick.  Die  Einschiebungen  des  »Freudel«  und  »Falbel« 
stellen  sogar  noch  Oberarbeitungen  von  Geschichten  aus  der 


NACHW0RT  1229 

Schwarzenbacher  Zeit,  1790,  kurz  vor  der  Niederschrift  des  »Wutz« 
und  der  »Unsichtbaren  Loge«,  dar.  Vor  Erscheinen  des  »Sieben- 
kas«  wurden  die  »Biographischen  Belustigungen«  geschrieben,  im 
Sommer  und  Herbst  1795  in  Hof.  In  die  Zeit  nach  dem  ersten  Be- 
such  in  Weimar  (10.  Juni  bis  2.  Juli  1796)  und  damitin  dieVorbe- 
reitungszeit  des  »Titan«  fallen  die  »Geschichte  meiner  Vorrede  zur 
zweiten  Auflage  des  Fixlein«,  »Der  Jubelsenior«  und  »Das  Kam- 
paner  Tal«.  Wahrend  der  Arbeit  am  ersten  Band  des  »Titan«  wird 
die  Arbeitszeit  fur  die  »Palingenesien«  ausgespart,  und  wahrend  des 
dritten  Weimarer  Aufenthalts  schreibt  Jean  Paul  im  Winter  1798 
»Jean  Pauls  Briefe  und  bevorstehenden  Lebenslauf«.  Nach  der 
Auflosung  seiner  Verlobung  mit  Henriette  von  Feuchtersleben, 
wodurch  er  sich  Weimar  entfremdete,  und  nicht vor  seinem  ersten 
Berlin-Aufenthalt,  der  ihm  den  engeren  Umgang  mit  der  damali- 
gen  literarischen  Moderne,mit  den  Romantikern,  brachte,  schrieb 
er  »Das  heimliche  Klaglied  der  jetzigen  Manner«  und  wenig  sp*a- 
ter  »Die  wunderbare  Gesellschaft  in  der  Neujahrsnacht«.  Beide 
kleinen  Schriften  erschienen  1801  in  Bremen,  das  Vorwort  ist 
aus  Berlin  datiert.  Der  Beginn  der  Arbeit  an  den  »FIegeIjahren« 
im  Fruhjahr  1801  in  Berlin  und  Jean  Pauls  Hochzeit  mit  der 
Berlinerin  Karoline  Mayer  am  27.  Mai  1801  leiten  eine  andere 
Schaffensperiode  ein. 

II 

Kunst  und  Manier  der  Vorreden  konnen  in  diesem  Band  verglei- 
chend  studiert  werden.  Die  Vorrede  vor  allem  verlotet  das  zu 
erwartende  Opus  mit  den  bisherigen  und  den  zu  erhoffenden 
Werken,  festigt  den  Grund,  auf  dem  der  Erzahler  stehen  und  vor 
allem :  auf  dem  er  abschweifend  sich  bewegen  kann  und  bezieht 
den  Leser  als  dazugehorig  ins  jeanpaulische  Pandamonium  ein. 
Die  Vorrede  wird  nicht  selten  umschrieben:  z.  B.  als  »Billett  an 
meine  Freunde  anstatt  der  Vorrede«  vor  dem  »Fixlein«.  Statt 
ihrer  selbst  wird  in  der  »Geschichte  meiner  Vorrede  zur  zweiten 
Auflage  des  Quintus  Fixlein«  in  geschicktester  Weise  ihre  fin- 
gierte,  gestorte  Entstehung  geschildert:  Durch  mancherlei  Hin- 


I23O  NACHWORT 

dernisse  und  Begegnungen  kann  die  Vorrede  nicht  geschrieben 
werden,  und  indem  dieses  Verhangnis  beschrieben  wird,  steht 
dann  doch  die  »verhinderte«  Vorrede  auf  dem  Papier.  Reisebild 
und  Kunstgesprach,  gespickt  mit  satirischen  Einfallen  und  mit 
Anspielungen  auf  Motive  der  Fixleinhandlung  versetzen  den  Le- 
ser  in  den  Zustand,  den  Jean  Paul  fur  die  Lektiire  der  zu  erwar- 
tenden  Geschichte  fur  richtig  halt,  zeigen  ihm  den  dornenvollen 
Weg  des  um  ihn  bemuhten  Autors,  nehmen  kritische  Einwande 
vorweg  und  entscharfen  sie,  erklaren  Absonderlichkeiten  und 
Schwachen  als  beabsichtigt  und  bringen  schlieBlich  sowohl  aus 
der  id'yllischen  wie  aus  der  hohen  Sphare  dessen,  was  eingeleitet 
wird,  Kostproben.  Der  Vorspruch,  so  wie  er  hatte  geschrieben 
werden  sollen,  wird  fragmentarisch  in  aphonstischen  Einblen- 
dungen  vorgezeigt,  und  der  Vorredner  erreicht  durch  diese  Me- 
thode  zweierlei:  er  unterhalt  den  Leser  und  teilt  ihm  doch  von 
seinen  literarischen  Grundsatzen  das  ihm  notig  Erscheinende  mit, 
ohne  das  Trocken-Lehrhafte  von  Vorreden  iiberwiegen  zu  lassen. 
In  der  Vision  »Die  Mondfinsternis«,  die  Jean  Paul  in  diese  seine 
gegluckteste  Quasi- Vorrede  gegen  Ende  einschiebt,  sucht  er  an 
einem  durchkomponierten  Beispiel  seine  dem  Kunstrat  Fraisch- 
dorfer  entgegengesetzte  Poetik-Auffassung  vorzufiihren.  Aber 
auch  dann  beginnt  die  Fixlein-Geschichte  noch  nicht.  Der  Leser 
hat  erst  noch  zwei  vorbereitendeProsaschriften,  zusammengefaBt 
im  »MuBteil  fur  Madchen«,  zu  absolvieren,  bis  er  sich  an  die  Ge- 
schichte selber  herangepirscht  hat;  eine  dieser  Vorgeschichten 
hat  selber  wiederum  eine  maskierte  Vorrede,  die  »Dedikation  an 
meinePflegeschwester  Philippines  -In -der  Vorrede  zu  den  »Bio- 
graphischen  Belustigungen«  wird  die  Vorreden-Manier  selbst- 
ironisch  verspottet:  »Ich  schreibe  sie  bloB,  damit  man  nicht  das 
erste  Kapitel  fur  eine  nimmt  und  nicht  dieses  uberhupft,  sondern 
diese  Vorrede«.  Sodann  hat  auch  der  satirische  Appendix  der 
»Belustigungen«  seine  Vorrede.  Diejenige  des  »Jubelsenior« 
nennt  sich  »Prodromus  Galeatus«,  in  ihr  soil  eine  Definition  des 
Wortes  Appendix  gegeben  werden,  und  hier  uberschlagt  sich 
Jean  Paul  derart  in  der  Verriicktheit  -  aus  seiner  Zeit,  daB  er 
»Texturen«    und   »Muster«   (diese   Worter  gebraucht  er)   von 


NACHWORT  1 23 1 

Appendices  zu  nennenden  Romanen  aufzeigt  -  wenn  auch 
grotesk-komisch.  -  Das  »Kampaner  Tal«  hat  einen  Vorbericht, 
der  die  beiden  Teile  des  Buches  erlautert;  die  »Holzschnitte« 
haben  wieder  ihre  eigene  >>Historische  Einleitung«,  eine  jean- 
paulisch  tollkopfige  Reisespukbeschreibung,  als  deren  Ergebnis 
gelten  kann,  daB  der  Name  des  Holzschneiders  gefunden 
wird.  Fur  die  Vorreden  der  »Palingenesien«  gibt  Jean  Paul 
das  Wort  an  seine  erfundenen  Kauze  ab  oder  redet  sie  wenigstens 
an.  Zuerst  druckt  er  einen  »OfTenen  Brief  an  Leibgeber  anstatt 
der  Vorrede«  ab  und  entschuldigt  sich  beim  Publikum,  daB  es  an 
seinem  Privatbrief  mitlesen  und  mitbezahlen  solL  Diese  Freiheit 
sei  ihm  nachzusehen,  denn  es  »laufen  im  Briefe  viele  Dinge  mit 
unter,  die  ich  dem  Publikum  ohnehin  in  derVorrede  sagenwiirde, 
wenn  ich  eine  schriebe.«  Diese  Du-Berichts-Vorrede  beniitzt  die 
intime  Briefform,  um  den  Leser  fur  Narrischkeiten  einzunehmen 
und  ihm  die  Anleihen  an  den  Teufelspapieren  schmackhaft  zu 
machen.  Die  darauffolgende  »Alte  Vorrede  von  Siebenkas  selber« 
fiihrt  dieses  Unternehmen  mit  noch  umstandlicheren  Wendungen 
welter  und  stellt  Autor  und  Leser  unter  das  Schutzpatronat  von 
Swift,  Sterne  und  Butler.  Nicht  genug  damit:  das  zweite  Band- 
chen  der  »Palingenesien«  bringt  der  Vorrede  dritten  Teil  in  Ge- 
stalt  eines  »Frachtbriefs  vom  Juden  Mendel«,  der  in  der  ersten 
Auflage  an  erster  Stelle  stand. 

Die  zu  Weimar  am  Fastnachtstage  1799  geschriebene  Vorrede 
zu  »Briefe  und  bevorstehender  Lebenslauf«  enthalt  einen  Brief 
an  einen  »beruhmten  Gelehrten  dieser  Zeit«  iiber  die  »revolutio- 
naren  Schatten«,  die  die  »jetzige  Zeit«  bewohnen :  »Wohl  ist  die 
Menschheit  erwacht  -  ich  weiB  nicht,  ob  im  Bette  oder  Grabe  -; 
aber  sie  liegt  noch  wie  eine  erweckte  Leiche  umgekehrt  auf  dem 
Angesicht  und  blickt  in  die  Erde.«  Dieser  Brief  laBt  den  Autor 
die  Leitidee  seines  Buches  formulieren:  »Jeder  verbessere  und 
revolutioniere  nur  vor  alien  Dingen  statt  der  Zeit  sein  Ich.« 

Spottisch  nennt  Jean  Paul  die  Vorrede  zum  »Heimlichen  Klag- 
Hed«  eine  »Vorrede  zu  Vorreden«,  und  deflniert  in  ihr  die  Litera- 
turgattung  Vorrede  als  den  »kostlichen  SteiB  am  gebratnen  Ka- 
paun«,  -  weil  sie  erst  als  letztes  geschrieben  werde\  Die  zusam- 


I232  NACHWORT 

menbindende  und  erhohende  Macht  der  Vorrede  aber  versinn- 
bildlicht  er  in  einem  typisch  jeanpaulischen  Vergleich:  »Vorher, 
am  ersten  Tage  -  im  Buche  -  wird  Licht  geschaffen,  am  letzten  - 
in  der  Vorrede  -  der  Mensch,  der  Autor;  er  kommt,  wie  der 
romische  Feldherr,  im  Triumph  erst  zuletzt  selber  gefahren  und 
geht  (er  sitzt  bekranzt  im  Triumphwagen  der  Vorrede)  zugleich 
als  Volk  nebenher,  das  auf  ihn  schimpft,  und  steht  (denn  er  muB 
das  alles  allein  spielen)  auch  als  der  Kerl  hintenauf,  der  ihm  un- 
aufhorlich  zuruft:  gedenke,  daB  du  ein  Mensch  bist;  und  so  lasset 
er  uns  wie  jeder  gute  Historiker  tief  genug  in  die  Schwachheiten 
des  menschlichen  Herzens  blicken,  in  seine  Eitelkeit  und  Heu- 
chelei.«  — 

Wie  eine  »Vorrede  zu  Vorreden«,  so  gibt  es  auch  einen  "Ap- 
pendix des  Appendix«,  namlich  am  SchluB  des  »Jubelsenior«, 
der  selber  als  ein  Appendix  bezeichnet  wird.  Zunacbst  sind 
Jean  Pauls  Anhangsel  oder  Appendices  nichts  ahderes  als 
ehemalige  Abschweifungen  bzw.  zu  Abschweifungen  ernannte 
vorgepragte  Eskapaden  im  Text,  die  dann  doch  lieber  an  den 
SchluB  gesetzt  werden;  im.TextverweisteineAnmerkungdarauf, 
daB  hierher  der  betreffende  Exkurs  gehore.  Jean  Paul  hat  aber  die 
zu  Abschweifungen  aufgeblahten  Anmerkungen  oder  die  zu  Ap- 
pendices verselbstandigten  Abschweifungen  so  kultiviert,  daB  er 
listig  den  Appendix  schlieBlich  als  die  zukiinftige  Romanform 
verteidigt.  Er  hatte  damit  nicht  einmal  so  unrecht,  wenn  er  sich 
selbst  auch  das  Eintreffen  dieser  Grotesk-Prophezeiung  wohl 
nicht  traumen  lieB:  Paul  Valery  fordert,  hundert  Jahre  spater? 
den  (einem  Essay  sich  nahernden)  »Roman  einer  Theorie«  an 
Stelle  des  Romans  eines  Helden;  und  James  Joyce  praktiziert, 
unabhangig  von  Valerys  »Monsieur  Teste«,  diesen  appendixhaften 
Roman  einer  Theorie  im  "Stephen  Hero«.  Textur  und  Muster 
dafur  sind  von  Jean  Paul  vorgepragt. 

Jean  Pauls  komisch-verzweiflungsvoller  Kampf  gegen  seine 
Abschweifungsmanier,  den  er  hinwiederum  zum  AnlaB  von  Ab- 
schweifungen nahm,  verwies  ihn  auf  den  Ausweg  der  >Anhange<. 
Die  sich  iiberpurzelnden  Einfalle  wurden  so  aus  dem  Tex.t  abge- 
drangt  und  in  den  Appendices  gleichsam  kaserniert,  mit  mehr 


NACHWORT  I233 

oder  weniger  Erfolg.  Jeder  neue  Romanplan  brachte  eine  neue 
Feldordnung  gegen  die  Rattenkonige  der  Abschweifungen  mit 
sich.  Was  sich  im  >Hesperus<  noch  ziigellos  in  Insertia  ergieBen 
konnte,  wurde  im  >Titan<,  nach  einem  >Vertrag<  mit  dem  Leser, 
in  die  Anhange  verbannt,  in  den  >Flegeljahren<  zu  aphoristischen 
AuBerungen  Vults  verdichtet.  Die  kleineren  erzahlenden  Schrif- 
ten  probieren  alle  diese  MogHchkeiten  mit  ihren  Zwischenmog- 
lichkeiten  aus.  Besonders  systematisch  geht  Jean  Paul  im  >Jubel- 
senior<  vor:  Jedem  erzahlenden  Kapitel  oder  >offlzielIen  Bericht< 
folgt  ein  Hirten-  und  Zirkelbrief,  in  dem  der  Autor  abschweifen 
darf,sovielundwieer will.  Das  bedeutetAbschweifungin  system- 
gesicherter  Ordnung,  eine  contradictio  in  adiecto  also,  Ausgeburt 
der  Pedanterie  des  Humoristen. 

Die  Abschweifungen  im  Text  sind  alles  andere  als  nur  krause 
Disziplinlosigkeiten.  Sie  gehoren  zum  Erzahlstil  des  >progressive 
digression*,  des  Fortschreitens  im  Abirren.  Es  wird  dargetan,  daB 
die  Welt  mehr  und  anderes  ist  als  ein  iiberschaubarer  Handlungs- 
strang,  aus  Kausalitaten  geflochten-  und  iibersichtlich  vorzeigbar. 
Auf  Handlung  wird  nicht  verzichtet,  aber  sie  bleibt  ein  Behelf 
fur  den  Erzahler,  um  die  Figuren  und  Gangarten  der  von  ihm 
eingesehenen  und  geahnten  Welt  darzulegen.  Er  unterbricht  die 
Handlung,  durchsetzt  sie,  verastelt  sie,  breitet  sie  aus,  verkiirzt 
sie  abrupt,  spielt  ihr  mit.  In  Abschweifungen  und  Einschiebseln 
erzahlt  der  Erzahler,  wie  man  erzahlt:  und  damit,  wie  und  mit 
welchen  Schritten  und  Sprungen  er  das  Unentdeckte  entdeckt, 
auf  welche  Weise  er  ins  Nichterkannte  Einsichten  bahnt.  In  einer 
komddiantischen  Darlegung  des  Erzahlgangs  zusammen  mit  der 
dadurchimmerwiederinSchwunggebrachten  Handlung  baut  Jean 
Paul  sich,  den  Erzahler,  vor  dem  Leser  auf,  spinnt  er  in  diesen 
■  Geschichten  Faden  von  seinem  BewuBtsein  in  das  des  Lesers 
hinein,  so  daB  er  im  Erschaffen  des  Erzahlers  seinen  Leser  mit- 
erschafft.  Dies  geschieht  aber  nur,  wenn  sich  der  Leser  den  Ab- 
schweifungen Jean  Pauls  anvertraut,  und  nicht,  wenn  er  unge- 
duldig  den  Erzahlstrang  der  Handlung  herauszuschalen  bemuht 
ist,  das  ubrige  aber  als  Ballast  zu  den  Abfallen  raumt.  Sowohl  die 
Art  und  Weise  des  Abschweifens  als  auch  die  Themen  der 


1234  NACHWORT 

Abschweifungen  haben  ihre  Wirkung  auf  den  Gang  des  gesam- 
ten  Textes;  ihre  Bewegung  besagt  mehr  als  die  Materie  der  er- 
zahlten  Handlung.  Eine  von  diesen  >Abstrusitaten<  >gereinigte< 
Ausgabe  ware  zu  vergleichen  mit  einem  in  Kolonnen  aufgespieB- 
ten,  auf  einige  gangige  Exemplare  reduzierten  Schmetterlings- 
schwarm.  i 

Jean  Paul  lost  die  Erzahl-Materie  auf,  um  sie  in  Bewegung  zu 
bringen.  »Chemica  non  agunt  nisi  soluta  (d.  h.  nur  die  Fliissigkeit 
gibt  die  Freiheit  zu  neuer  Gestaltung  -  oder:  nur  entbundne 
Korper  erschaffen  neue).«  Der  Erzahler  verteidigt  unentwegt 
dieses  sein  Verfahren,  sogar  in  >Gerichtsakten<,  wie  in  der  >Vor- 
rede  zum  satirischen  Appendix <  der  >Biographischen  Belustigun- 
gen<,  in  der  ein  >Extrakt  aus  den  Gerichtsakten  des  summarischen 
Verfahrens  in  Sachen  der  Leser,  Klagern,  contra  Jean  Paul,  Be- 
klagten,  Satiren,  Abhandlungen  und  Digressionen  des  letztern 
betreffend<,  geboten  wird.  Vorgeschobene  Unterhaltungen  des 
Erzahlers  mit  wichtigen  Personen  markieren  Abzweigungen  zur 
Digression :  »Was  ich  hieriiber  zu  einem  Fiirsten  gesagt  habe,  ist, 
sowie  das,  was  mir  hieriiber  ein  Stadtsyndikus  gesagt,  zu  merk- 
wiirdig,  um  aus  bloBer  Furcht  vor  Ausschweifungen  hier  iiber- 
gangen  zu  werden«  (in  >Quintus  Fixlein<).  Diese  Markierung  ist 
weder  ein  ernsthaftes  Kompositionsmittel  noch  ein  Zufalls-Spiel. 
Sie  zeigt  das  Weltpalaver,  das  Hier-  und  das  Dort-Reden,  steht 
also  im  Gesamtthema  des  >Fixlein<  wie  des  endlosen  Schreibe- 
flusses  Jean  Pauls.  Sie  apostrophiert  auf  liebenswiirdige  Art  die 
Jrrenanstalt  der  Erde<. 

»Damit  die  Kunstrichter  nicht  glauben,  sie  gewohnen  mir  meine 
Extrablatter  ab,  so  will  ich  auf  der  Stelle  folgende  Bemerkung  und 
damit  einkieines  machen«,  so  unterbricht  der  Erzahler  den»Sech- 
sten  Reiseanzeiger«  der  >Paiingenesien<  mitten  in  einer  sich  auf 
einen  entscheidenden  Punkt  hinbewegenden  Handlung:  Der  sich 
im  Dutzendteich  spiegelnde  Niirnberger  Patrizier  wird  zum  An- 
lafi  einer  Digression  iiber  Spiegelungen.  Jean  Paul  tut  damit  dar, 
daB  ihm  an  dem  Niirnberger  Patrizier,  iiberhaupt  an  der  Westen- 
handlung  nur  wenig  gelegen  sei,  an  dem  Spiegel- Vorgang  jedoch 
viel.  Das  begriffliche  Resume  dieser  Abschweifung  bekraftigt 


NACHWORT  I235 

noch,  was  die  Abschweifung  schon  allein  durch  ihre  Existenz 
ausdriickt,  namlich  die  Forderung  nach  dem  Abstandhalten  vom 
Ein^elfall:  »Uberhaupt  nimmt  in  unseren  Tagen  die  Kurzsichtig- 
keit  so  zu,  daB  die  feinsten  Leute  nur  die  nachsten  Gegenstande, 
welches  sie  selber  sind,  erkennen  und  sich  in  Zimmern  voll  glan- 
zender  Westen  bloB  auf  das  nahe  Gebiet  ihres  Ichs,  auf  ihre  Glie- 
der  und  Kleider  einzuschranken  genotigt  sehen.  So  weit  mein 
Nebenblatt.« 

Die  Digressionen  weiten  sich  aus  zu  se!bstandigenSatiren;die 
>Teufelspapiere<  werden  auf  solche  Art  zerteilt  und  verarbeitet. 
So  ist  in  den  ersten  Reiseanzeiger  der  >Palingenesien<  die  langere 
Passage  >Mein  Protokoll  und  Nachtblatt  der  Schlafer<  eingescho- 
ben,  eine  aus  Augenblickseindrucken,  Gesprachsfetzen,  Verglei- 
chen  gewobene  Abschweifung,  die  allem  Anschein  nach  den 
>Nachtwachen  des  Bonaventura<  Pate  stand..  Innerhalb  der  Ab- 
schweifung wimmelt  es  wiederum  von  kleineren  Abschweifungen, 
von  gelehrten  Bockspriingen,  die  das  systematisch  geord- 
nete  Wissen  auseinandertreiben  und  ad  absurdum  fiihren.  Auch 
hier  wird  das;  was  die  Abschweifung  als  Form  darstellt,  noch  ein- 
mal  expressis  verbis  bekraftigt:  die  Gegnerschaft  iur  SystematiL 
»Zwei  Kantianer,  ein  Paar  junge  Leute,  sahen  aus  einer  Mansarde 
disputierend  heraus,  hielten  aber  ihr Vesperturnier  leise  und  sanft, 
um  sich  nicht  einander  aufzuwecken.  Es  ist  schon,  daB  der  Mensch 
gerade  in  den  jungen  wilden  Jahren,  wo  er  am  wenigsten  syste- 
matisch handelt,  am  leichtesten  neue  Systeme,  ohne  sie  zu  ver- 
andern  und  zu  kastrieren,  aufnimmt.«  Indem  Jean  Paul  diese 
Feststellung  mit  Beispielen  illustriert,  gibt  er  sich  den  Anschein, 
Belege  fur  ein  System  zu  sammeln,  greift  aber  in  verschiedenste 
Materialien-Schubladen,  so  daB  nichts  anderes  zustandekommt 
als  ein  Metaphern-Tanz  gegen  die  Gelehrten-Ordnung:  »so  be- 
merkt  Sydenham,  daB  der  Veitstanz,  den  er  den  Wiirmern  bei- 
misset,  gerade  Personen  ergreife,  die  noch  nicht  mannbar  sind; 
so  verwarf  Belling,  der  Kommandeur  der  schwarzen  Husaren, 
Rekruten,  die  schon  bartig  waren;  so  muBten  die  Priesterin  des 
pythischen  Orakels  und  die  Sanger  des  sakularischen  Jubelge- 
sangs   durchaus  ordentliche  wahre  Kinder  sein.«  -  Nicht  das 


I236  NACHWORT 

Ausbreiten  von  Wissen,  sondern  das  Erregen  von  Bewegung 
durch  das  Haufen  von  auBerlich  Ahnlichem,  aber  Disparatem 
aus  den  entlegensten  Wissensgebieten  kennzeichnet  diese  Er- 
zahlungen  Jean  Pauls.  Das  erklart  auch,  weshalb,  wie  Walther 
Rehm  feststellte,  Jean  Paul  aus  bedeutenden  Werken,  so  aus 
Winckelmanns  >Geschichte  der  Kunst  des  Altertums*,  nur  das 
>UnwesentHche<  exzerpierte:  er  schrieb  sich  auf,  nicht  was  als 
These  bewiesen  wurde,  so.ndern  was  als  Einzelheit  seine  Erkennt- 
nis  vom  Lauf  der  Welt,  zusammen  mit  vielen  anderen  Einzel- 
heiten  von  anderswoher,  am  sinnfalligsten  illustrieren  konnte. 
Das  waren  die  Materialien,  die  er  brauchte,  um  seine  Geschichten 
so  zu  erzahlen,  wie  er  sie  fur  notwendig  hielt:  nicht  die  Reise 
eines  Einzelnen  nach  Niirnberg,  sondern  die  Fahrt  des  Erzahler- 
Ich  durch  diese  seltsame  und  nie  zu  Ende  entdeckte  Welt;  nicht 
nur  Ehestand  und  Beforderung  eines  Dorfschullehrers  namens 
Fixlein,  sondern  die  Lustbarkeiten  im  harmonischen  Zusammen- 
leben  zweier  Menschen  und  die  Reibungen  einer  eingegrenzten 
Person  mit  den  engen  Verhaltnissen  eines  Gemeinwesens.  Was 
hatte  da  eine  geradlinige  Handlung  nutzen  konnen.  Zu  diesem 
Unternehmen  waren  alle  die  Hilfstruppen  notig,  von  denen  dem 
Erzahler  wtaglich  ganze  Karren  mit  Aktenstucken,  Urkunden, 
Attestaten  usw.  vor  die  Tur  geschoben«  wurden. 

Das  Inanspruchnehmen  dieses  Materials  wurde  aber  Jean  Paul 
immer  wieder  angekreidet.  Selbst  Bewunderer  Jean  Pauls,  wie 
Oskar  Loerke,  sahen  hier  seine  schwache  Seite:  »Ein  Kanzlei- 
verwalter  schleppte  verstaubte  Akten  und  notierte,  notierte,  no- 
tier  te  schnurrig  wesenlose  Hinterweltsraritaten.  Geographische 
medizinische,  archaologische,  philologische,  astronomische,  ma- 
thematische,  physikalische,  meteorologische,  chemische,  botani- 
sche,  politische,  militarische,  konfessionelle,  prozessuale,  mer- 
kantile,  numismatische  Merkwiirdigkeiten  zu  Zehntausenden, 
durcheinandergeschiittelte  Lexika  und  ganze  Bibliotheken !«  Ent- 
schuldigend  meint  Loerke:  »Es  ist  nicht  Jean  Paul,  es  ist  nur  sein 
aufgediinstetes,  gedunsenes  Gespenst,  das  ihn  verfolgt.«  -  Aber 
daran  ist  nicht  zu  zweifeln,  es  ist  Jean  Paul.  Erst  dort,  wo  er  sich 
in  fremde  Zwangsjacken  zu  schniiren  suchte  oder  aus  Unlust 


NACHWORT  1237 

Zeilen  haufte,  nicht  getrieben  von  seinem  Entdeckungs-Elan, 
entstanden  Stauungen,  Wiederholungen,  geistreiche  Albernhei- 
ten.  Zu  Recht  und  mit,  unerschutterlicher  Insistenz  macht  er  sich 
iiber  die  guten  Ratschlage  seiner  Kritiker  lustig,  mit  der  Ober- 
zeugung  dessen,  der  gibt,  was  er  hat.  Ironisch  den  Kritikern 
gegeniiber,  und  nicht  ohne  Digression  in  dieser  Anti-Digres- 
sions-Beteuerung,  schildert  er  sich  in  der  Konjektural-Bio- 
graphie  als  Jubelgreis:  »Nach  diesem  Jubeljahr  hofF  ich,  nicht 
ohne  alien  Geschmack  zu  schreiben.  Ich  hatt'  es  fruher  gekonnt, 
wenn  ich  zur  Apoplexie  mich  entschlossen,  oder  wenn  ich,  wie 
Ludwig  XIIL  von  Frankreich  auf  Befehl  seines  Arztes  Bouvard, 
in  einem  Jahr  215  Purganzen,  212  Lavements  und  47  Aderoff- 
nungen  gegriffen  hatte;  ich  ware  dann  kapabel  geworden,  so 
ordentlich  und  niichtern  zu  schreiben  wie  ein  verniinftiger  Mann 
im  Reichsanzeiger.«  Ernsthafter  verteidigt  er  seinen  Abschwei- 
fungs-Stil  in  der  >VorschuIe  zur  Asthetik*,  indem  er  seine  Griinde 
aufzeigt,  warum  ihm  das  »Jammern  iiber  gestorten  Nex«  abwegig 
erscheint. 


Ill 


Wenn  sich  dies  nicht  so  verhielte,  konnte  sich  in  diesen  Erzah- 
lungen  »der  StofT«,  das  »angehaufte  Wissen«  nicht  aufs  engste 
verbinden,  amalgamieren  mit  den  schwebenden  Tr&umen.  Nicht 
»der  verniihftige  Mann«  des  »Reichsanzeigers«  sammelte  die  Ex- 
zerpten,  sondern  der  kritisch-wache  Traumer  Jean  Paul,  dessen 
Traumbilder  die  lastenden  Details  der  Erdoberflache  ebenso  auf- 
nahmen  wie  die  Schwerelosigkeit  des  Flugs.  Er  lenkt,  im  >Billett 
an  meine  Freunde<,  das  Augenmerk  auf  den  Traumflug;  er  schil- 
dert den  Enthusiasten :  »gleich  dem  Paradiesvogel  schlaft  er  flie- 
gend,  und  auf  den  ausgebreiteten  Flugeln  verschlummert  er  blind 
in  seiner  Hohe  die  untern  ErdstoBe  und  Brandungen  des  Lebens 
im  langen  schonen  Traume  von  seinem  idealischen  Mutterland«. 
Aber  dieser  Vorstellung  halt  der  Autor  entgegen,  dafi  die  weni- 
gen,  die  diesen  Traum  traumen,  »so  oft  von  fliegenden  Hunden« 
geweckt  werden,  und  im  Digressions-  und  Lexikal-Stil  versieht 


I238  NACHWORT 

er  »fliegende  Hunde«  mit  einer  FuBnote:  »So  heiCen  die  Vam- 
pyren«.  Er  empfiehlt  den  Wechsel  des  Paradiesvogel-Fluges  mit 
»Tisch  und  Bett  der  Erde«,  und  in  den  Traumbildern  selber  wer- 
den  auch  die  »Hundsgrotten  und  Stechdornen  und  Teufels- 
mauern«  der  Fixlein-  und  Falbel-Welt  gestreift. 

Ebenfalls  gleich  zu  Anfang  dieses  Buches,  in  der  beruhmten 
Geschichte  der  Vorrede  zum  >Fixlein<,  stent,  als  Anti-Fraisch- ' 
dorfer-Digression,  das  Traumstuck  >Die  Mondfinsternis<.  Es 
beginnt  mit  schwebenden  Metaphern,  die  einen  Zustand  malen, 
der  die  Worte  Liebe  und  Ruhe  ineins  setzt.  Die  Erde  wird  tief 
unten  im  Abstand  gesehen,  von  ihr  kommt  das  Erinnern,  und 
die  Bilder  von  Tau  und  Tranen  treten  auf,  sobald  von  ihr  die 
Rede  ist.  Elemente  des  Erzahlerischen  verbinden  sich  mit  Alle- 
gorischem.  Die  Schilderung  einer  kosmischen  Idylle  in  der  Art 
einer  Wolken-  und  Sternenlandschaft  wird  abgelost  von  Ein- 
kleidungen  unvorstellbarer,  die  Wahrnehmungsfahigkeit  uber- 
steigender  Begriffe  in  iaberdimensionale  Dinge  und  Personen: 
der  »Schattenzeiger  der  Ewigkeit«  zeigt  auf  ein  neues  Jahrhun- 
dert;  der  »Blitz  eines  heiBen  Schmerzes«  schlagt  »durch  die  Brust 
der  Mutter  der  Menschen«;  »die  geliebten  Tochter«,  die  noch 
nicht  auf  der  Erde  waren,  »ziehen  aus  dem  Mond  in  ihre  Korper«. 
Der  Gang  der  Jahrhunderte  wird  in  einem  groBen  Bild  vorge- 
fuhrt.  Das  Entstehen  der  Frauen,  die  diesen  Jahrhunderten  ihr 
Geprage  geben,  »aus  dem  Mond«  gibt  ein  anderes,  glanzend- 
magisches  Bild;  die  Erscheinung  des  »Versuchers  der  Menschen« 
in  der  Gestalt  einer  Riesenschlange,  die  von  der  Erde  an  den 
Mond  reicht,  ein  drittes.  In  die  anspruchsvollen,  aufs  Mythische 
zielenden  Bilder,  die  in  ihrer  Darstellung  das  Barock-Opernhafte 
nicht  verleugnen,  schieben  sich  differenzierte,  echt  jeanpaulische 
Zwischenvisionen,  die  gespeist  sind  von  seiner  Lexikographie, 
die  aber  eindringlicher  sind  als  die  groBrlachigen  Allegorien: 
»Fern  vom  kleinen  Auge  steht  der  gestirnte,  die  Ewigkeiten  um- 
ziehende  Plan  des  Unendlichen  im  Himmel  als  ein  unaufloslicher 
Nebelfleck«.  Hier  setzt  der  Traumschilderer  eine  FuBnote:  »Ein 
unaufloslicher  Nebelfleck  ist  ein  ganzer  in  unendliche  Fernen 
zuruckgeworfener  Sternenhimmel,  worin  alle  Glaser  die  Sonnen 


NACHWORT  I239 

nicht  mehr  zeigen.«  Was  wie  banaler  Stilbruch  sich  auswirken 
konnte,  bleibt  im  richtigen  Takt,  fiihrt  sogar  zu  einem  Hohe- 
punkt. 

Die  Verfuhrer-Schlange  wiitet  zwischen  Erde  und  Mond.  In 
Farben,  Tonen,  Bewegungen  wird  der  Traum  zur  Schreckens- 
vision  gesteigert:  »eine  Erderschiitterung  auf  unserer  Kugel  wir- 
belte  die  laufenden  Ringe  und  die  bunten  giftigen  Safte  wie  ein 
flussiges  schillerndes  Gewitter  herauf.«  —  In  alien  seinen  Traum- 
texten  versucht  Jean  Paul  die  sprachlichen  Hohenfliige  und  Ver- 
dichtungen,  die  Eigenbewegung  der  Bilder  immer  wieder  zuruck- 
zufuhren  auf  die  vorgefaBten  Motive,  auf  die  >Geschichte<  hin. 
Die  Technik  dieser  Traumbilder  ist  vergleichbar  mit  der  Technik 
seiner  Erzahlungen,  nur  daB  hier  die  Geschichte  einen  Haupt- 
akzent  beansprucht,  wahrend  sie  dort  zwischen  den  Gesichten 
lediglich  durchscheint.  An  solchen  Stellen  wird  der  Traumschil- 
derer  >faktisch<,  es  kommt,  im  Gegensatz  zu  den  Digressions- 
partien,  hier  nicht  zu  Hohepunkten.  Vielmehr  schleicht  sich  die 
Tonart  der  Marchen-Imitation  ein:  »Ich  will  deine  Tochter  ver- 
fiihren,  deine  weiBen  Schmetterlinge  will  ich  auf  dem  Morast 
versammeln.  Sehet,  Schwestern,  damit  koder'  ich  euch  alle.  (Und 
hier  spiegelten ,  die  Vipernaugen  mannliche  Gestalten  nach,  die 
bunten  Ringe  Eheringe  und  die  gelben  Schuppen  Goldstiicke.) 
Und  dafiir  nehm  ich  euch  den  Mond  und  die  Tugend  ab . . .«  Die 
Welt  des  Nutzens  wird  gegen  die  idealische  gestellt.  Das  ist  eine 
der  predigenden,  »verniinftigen«  Partien  in  Jean  Pauls  Traum- 
prosa. 

Aus  verschiedenen  Mythologien  werden  nun  die  Bilder  ver- 
sammelt :  der  Giftbaum,  der  Seelenreigen,  Maria  und  die  »Mutter 
der  Menschen«,  der  Sonnenjungling  mit  Lilie,  Lorbeer  und  Ro- 
senknospen.  Zwei  eindrucksvolle,  vom  Jean  Paul  der  Schauer- 
empfindsamkeit  gepragte  Metaphernballungen  iiberragen  die  De- 
koration  dieser  Szene.  Die  eine  Metaphernballung  ist  antagoni- 
stisch  aufgebaut  und  ist  damit  typisch  fiir  eine  Art  der  Traum- 
figurationen :  »Und  siehe,  als  das  Ungeheuer  die  diinne,  lange, 
wie  eine  Hummerschere  gespaltene  Zunge  uber  den  Mond  hinschoB 
und  die  Lilien  entzweischnitt  und,  wenn  es  einen  schwarzen 


I24O  NACHWORT 

Mondfleck  gemacht  hatte,  sagte:  >Ich  will  sie  verfuhren<:  siehe, 
da  schlug  spriihend  hinter  der  Erde  der  erste  Strahl  der  Sonne 
herauf . . .«  -  Die  zweite  Ballung  von  Metaphern,  die  sich  in  die 
Beschworung  der  Allegorien  einschiebt,  erhalt  ihre  Gestalt  nicht 
von  Bewegung  und  Gegenbewegung,  sondern  von  absoluter 
Starrheit:  »Die  wallende  Riesenschlange  gerann  vor  ihm,  und 
versteinert  stand  sie  auf  der  Erde  und  am  Mond,  ein  Pulverturm 
mit  stillem  schwarzem  Tod  gefiillt.«  Bewegung  und  Starrheit, 
zwei  gegeneinander  agierende  Kunstprinzipien  Jean  Pauls,  sind 
in  diesen  beiden  Bildgruppen  vorgefubrt,  die  ahnlich  an  anderen 
Traumstellen  und  auch  sonst  in  seiner  traumhaft  gesteigerten 
hohen  Prosa  wiederkehren. 

Der  Jean  Paul  der  Tugendempfindsamkeit  erfindet  im  An- 
schluB  daran  das  Gebet  des  Junglings,  des  »Genius  der  Religion", 
an  den  Unendlichen,  in  dem  er  sich  als  Beschutzer  der  zur  Erde 
gleitenden  Mondtochter  ofFenbart.  Mit  einer  Passage  des  Schwe- 
bens  und  Zergehens  findet  diese  Prophetie  ihren  Hohepunkt,  im 
Wellenstil  jeanpaulischer  Traumrhythmen,  die  sich  freirhythmi- 
schen  Versen  nahern:  »wenn  in  der  Sternennacht  und  vor  dem 
Abendrot  euer  Auge  an  einer  unaussprechlichen  Wonne  zergeht, 
und  euer  ganzes  Wesen  sich  hebt  und  sich  aufwarts  drangt  und 
liebend  und  ruhig  und  unruhig  und  weinend  und  schmachtend 
die  Arme  ausbreitet:  dann  bin  ich  in  euern  Herzen  und  geb'  euch 
das  Zeichen,  daB  ich  euch  uniarme  und  daB  ihr  meine  Schwestern 
seid.«  -  Die  daran  anschlieBende  Schilderung  des  Handlungs- 
Fortgangs  halt  die  Stilhohe  dieser  Traum-Predigt;  sie  miindet 
in  eines  der  Flugbilder  Jean  Pauls,  in  dem  die  Synasthesie,  die 
Komposition.  verschiedenster  Sinneswahrnehmungen  zu  einem 
GuB,  zum  Hohepunkt  fiihrt:  »...  -  und  wie  sie  der  Erde  ent- 
gegenfiogen,  dehnte  sich  ein  melodisches  Floten  durch  das  Blau, 
wie  wenn  Schwanen  iiber  Winternachte  fiiegen  und  in  den  Luften 
Tone  statt  der  Wellen  lassen.« 

Der  SchluB  des  Traumes  verflicht  Bild  mit  Gegenbild,  ver- 
schwistert  die  schwarze  Magie  mit  derweiBen,  stellt  Verfiihrungs- 
schauder  und  Tugend wonne  in  ihrer  auf  Erden  wirkenden  Pola- 
ritat  dar:  Die  Riesenschlange  liegt  als  »ziindender  Pechkranz« 


NACHWORT  1 24 1 

um  die  Erde,  »und  wie  eine  herumgebogene  Wasserhose  iiber 
einem  SchifTe  zerbricht,  so  fiel  sie  iiber  die  Erde  und  flocht  sich, 
in  tausend  Schlingen  und  Knoten  gerunzelt,  erwiirgend  und  fan- 
gend  durch  alle  Volker  der  Welt.«  Die  Bilder  des  Schreckens 
werden  nicht  gemildert,  doch  sie  haben  ihren  Gegenpart  im  to- 
nenden  Flugbild:  »Und  das  Richtschwert  zuckte  wieder,  aber 
das  Nachtonen  des  durchflogenen  Athers  wahrte  langer.-« 

Die  Analyse  dieses  einen  Traumbildes  zeigt  Elemente  und 
Kompositionsart  der  meisten  Traumbilder  Jean  Pauls.  Es  istaller- 
dings  eines  der  ausgewogensten.  Die  Akzente  Hegen  zuweilen 
mehr  auf  den  Schreckenspassagen :  »Ich  sah  auf  zum  Himmel 
nach  Trost,  aber  droben  hatte  sich  das  rauchende  Blut  als  Abend- 
rot  und  Nordschein  angelegt;  Dorfer  und  Stadte  zogen  als  lange 
Aschenwolken  pfeilschnell  durch  die  Lufte,  nur  einige  von  einer 
Mine  aufgeschleuderte  Gassen  hingen  mit  ihren  zerbrochenen 
Menschen  und  Hausern  im  Himmel  fest.«  (>EinTraum  von  einem 
Schlachtfelde<  aus  >Herbstblumine<).  Oft  jedoch  sind  auch  die 
Verschmelzungs-Bilder  der  Tugendempfindsamkeit  noch  mehr 
gesteigert:  »Die  groBe  Wonnetrane,  aus  uns  alien  gemacht, 
schwimmt  durchsichtiger  und  durchsichtiger  in  die  Ewigkeit. 
Endlich  sagte  leise  der  Engel  des  Endes:  sie  sind  am  suBesten 
vergangen  an  ihren  Geliebten.  Und  er  zerdriickte  weinend  das 
Wolkchen  der  Zeit«  (>Traum,  daB  alle  Seelen  eine  Wonne  ver- 
nkhte<,  aus  >Hesperus<). 

Die  Traumstellen  als  Konzentrationen  im  Werk  Jean  Pauls 
sind  oft  gefeiert,  seltener  analysiert  worden.  Richard  Benz  nennt 
sie  »fast  die  Quintessenz«  des  Werkes;  und  Max  Kommerell  sieht 
sie  als  die  Grundfigur :  »Die  reine  Form  des  romantischen  Romans 
ist  das  Marchen.  Die  reine  Form  des  Jean-Paul-Romans  ist  der 
Traum«.  Jedenfalls  treten  bei  einer  Analyse  der  Traumprosa  nicht 
nur  die  Stilmittel  der  Ornamentik  zutage,  die  sich  mit  ihrem 
Wiederholungsprinzip  auf  Bildgestalt,  auf  Lautfolgen,  musika- 
lisch-rhythmischeSchwingungdes  Satzes,  Inhaltsbeschworungen 
zugleich  auswirken;  nicht  nur.  die  Komposition  und  Gegenkom- 
position  von  Idyllisch-Rokokohaftem  und  GroBartig-Barockem, 
Anmutig-Verspieltem  und  Grotesk-Widerwartigem  wird  greif- 


1242  NACHWORT 

bar;  das  Widerspiel  von  nachgezeichnetem  Realen  und  darge- 
stelltem  Visionaren.  Die  Augenblicke  der  Existenzerfahrung 
Jean  Pauls  geben  diesen  sprachlichen  Erscheinungen  Vehemenz 
und  Bestand.  Enthusiasmus  und  Ornamentik  wirken  zusammen, 
um  die  schopferische  Zerrissenheit  des  Trimmers  sichtbar  zu 
machen,  seinen  Blick  in  die  Leere,  seine  Erstarrung  vor  Unab- 
wendbarem,  seine  Begeisterung  im  Abwerfen  der  Last,  im  Schwe- 
ben,  seine  Annaherung  an  die  »unbekannte  Realitat« :  »Wir  haben 
etwas  in  uns,  was  unaufhaltbar  einen  ewigen  Ernst,  den  GenuB 
einer  unbegreiflichen  Vereinigung  mit  einer  unbekannten  Reali- 
tat  als  das  Letzte  setzt.« 

Traume  oder  traumahnliche  Gesichte  sind  uber  den  gesamten 
Erzahlungsband  hin  verteilt.  >Der  Tod  eines  Engels<  und  >Der 
Mond,  eine  phantasierende  Geschichte<  im  >MuBteil  fiir  Madchen< 
zeigen  alle  Eigentiimlichkeiten  jeanpaulischer  Traume,  schaurige 
und  idyllische.  Oft  drangen  sich  in  diesen  beiden  Stiicken  die 
sentimentalen  Bilder  vor,  gequalte  Busen,  Brustwunden,  tranende 
Seelen,  Kinderbegrabnis.  -  Zu  traumartigen  Bilderfolgen  steigert 
sich  der  >Erste  offlzielle  Bericht<  des  >Jubelsenior<  aus  der  Enge 
der  Idylle.  Ein  Traum  von  weifien  Rosen  mit  weiBen  Dornen 
steht  im  >Sechsten  Werk  vor  Niirnberg*  in  den  >Palingenesien<; 
auch  er  endet  mit  einem  Schwebe-Bild:  »dann  schwangen  sich 
die  Schmetterlinge  verkettet  nieder  und  wurden  Blumengirlan- 
den  und  legten  sich  verschlungen  um  uns  und  hoben  uns,  und 
wir  wurden  verbunden  aufgezogen  -  die  Sterne  glanzten  heller  - 
die  blaue  Ebene  wurde  Ather  und  wallete  uns  nach  -«  -  Zwei 
Seiten  vorher  meditiert  Jean  Paul  iiber  den  Unterschied  von 
Traumen  bei  Mannern  und  Frauen.  In  dem  mannlichen  Traum 
Hnde  man  »wild  garende  Welten,  Miltons  arbeitendes  Chaos  und 
Geister-Gefecht«.  Dazu  die  FuBnote:  »Wie  wild  miissen  z.  B.  in 
einem  Callot,  Dante,  Cromwell,  Robespierre  etc.  die  Wolken 
der  Traume  gegeneinander  rennen!«  Die  weiblichen  Traume  aber 
werden  verglichen  mit  den  »Bienen,  die  noch  im  Mondschein 
umhertonen  und  die  Lindenbliiten,  zu  deren  Genusse  der  lange 
Sommertag  zu  kurz  geworden,  noch  in  der  Nacht  ausschlurfen.« 
-  Kurz  vor  dem  »Achten  Reise-Anzeiger«  der  >Palingenesien< 


NACHWORT  1243 

nimmt  Jean  Paul  einen  Augenblick  des  Aufblickens  zum  aus- 
losenden Moment  der  Vision:  »so  rauscht'  es  plotzlich  durch  den 
ganzen  Garten  —  ich  blickte  erschrocken  auf  —  da  schauete  mich 
der  ganze  Himmel  mit  alien  seinen  tausend  ewigen  stillen  Augen 
freundlich  an  -  der  halbe  Mond  stand  wie  ein  glanzendes  Stirn- 
blatt  in  seiner  Mine  -  der  Stern  der  gesichelten  Zeit,  der  Saturn, 
war  versenkt  -  ein  Flug  Zugvogel  sank  aus  dem  Blau  in  unseren 
Friihling  mit  freudigen  Lauten  nieder  -  die  Geisterstunde  schlug 
in  den  Tiirmen  aus,  und  die  ersten  Minuten  des  Morgens  und  der 
Hoffnung  kamen  an  -  der  bewaffnete  Komet  der  Angst  zerging 
an  den  ewigen  Sonnen  im  Nebel,  und  ich  hielt  es  fur  Siinde,  von 
der  Vorsehung  so  leicht  zu  erwarten,  daB  sie  den  hochsten 

Schmerz  iiber  ein  wundes  Herz  verhange «  Im  Moment  des 

Aufblickens  wird  auBere  und  innere  Landschaft,  Wahrnehmung 
und  Vorstellung  zu  einem  weiten  Bild  vereinigt.  —  SchlieBlich 
macht  der  Erzahler  im  Fiinften  Brief  von  >Briefe  und  bevor- 
stehender  Lebenslauf<  eine  Abschweifung  iiber  das  Traumen  und 
zahlt  u.  a.  die  Meinungen  von  Addison  und  Haller,  von  Hemster- 
huis  und  Dionysius,  vor  allem  seine  eigenen  auf, 

Man  kann  Jean  Pauls  Traumprosa  aus  dem  Context  heraus- 
gelost  betrachten,  sollte  dabei  aber  nicht  vergessen,  daB  sie  zu- 
meist  in  den  umgebenden  Text  hineinkomponiert  ist,  so  daB  Be- 
wegungen  und  Motive  von  ihr  dorthin  ausstrahlen  und,  umge- 
kehrt,  von  dort  in  sie  hineinreichen.  So,  wie  die  Traumprosa 
selbst  nicht  durch  blinde  Assoziationsvorgange  zustande  kam, 
sondern  nach  genau  vorher  festgelegter  Gliederung  geschrieben 
wurde  -  das  ist  aus  den  Vorarbeiten  ersichtlich  -,  so  wurde  sie 
auch  in  die  einzelnen  Kapitel  oder  Vorreden  hineingeplant.  Ver- 
flechtung  wurde  auch  dann  vom  Autor  herzustellen  versucht, 
wenn  bereits  friiher  entstandene  Traumstucke  in  spatere  Zusam- 
menhange  aufgenommen  wurden. 

Das  Traumstuck  >Die  Mondfinsternis<  bezieht  sich  sowohl  auf 
den  Text  vorher  wie  auf  den  Text  nachher.  Es  ist  ein  poetischer 
Beleg-  und  Eroberungstext,  der  der  Unterhaltung  Jean  Pauls  mit 
Fraischdorfer  folgt:  als  ein  Dokument  fiir  die  Auffassung  Jean 
Pauls,  als  ein  praktisches  Probestiick,  als  Widerhaken  gegen  die 


1244  NACHWORT 

Theorien  des  »ausgeblasenen  Lercheneis«.  Insofern  bezieht  sich 
der  Traum  zuriick.  Noch  mehr:  mit  seinen  Motiven  der  Zernich- 
tung  der  Jungfraulichkeit  und  weib  lichen  Eigenstandigkeit  durch 
die  Manner  kniipft  er  ebenfalls  an  Vorhergehendem  an,  bezieht 
sich  auf  Pauline,  die  ihrem  pedantischen  Brautigam  entgegen- 
fahrt,  und  der  Jean  Paul  schon  vorher  die  abschreckende  Moritat 
einer  Braut  erzahlt  hat,  ;»die  auf  dem  Kammerwagen  von  dem 
sonst  steilern  Bindlocher  Berg  den  Armen  ihres  Brautigams  unter 
einem  Gewitter  mit  scheugewordenen  Pferden  entgegenfuhr, 
unter  die  Rader  gestiirzt  und  vor  seinen  gemarterten  Augen  den 
getauschten  hoffenden  Geist  aufgegeben  habe.«  Eben  dieser  Pau- 
line wird  die  »kleine  Dichtung«  »unter  dem  groBen  Himmel  der 
Nacht«  iibergeben.  -  Aber  beides,  die  dem  Ehestand  zusteuernde 
Pauline  und  das  Traumstuck,  das  die  Bedrohungen  des  Jungfern- 
standes  umspielt,  deutet  voraus  auf  die  Geschichte  vom  Fixlein, 
in  der  eine  Heiratsgeschichte,  wenn  auch  eine  gliickliche,  mit 
ihren  versteckten  Fahrnissen  geschildert  wird.  Das  Gewebe  der 
typisch  jeanpaulischen  Erzahlkunst  wird  sichtbar  mit  seinen  in- 
und  iibereinander  verlaufenden  Faden. 

Die  Traumpassagen  der  Fixlein-Handlung  nehmen  ihrerseits 
die  Faden  des  Mondfinsternis-Textes  wieder  auf.  An  das  Gelob- 
nis  des  Sonnenjiinglings,  des  Genius  der  Religion:  mit  der  Ge- 
stalt  ihres  Geliebten  wolle  er  seine  Gestalt  verschonern,  erinnert 
die  Liebesvision  der  beiden  Verlobten  am  Ende  des  Fiinften 
Zettelkastens :  der  Mond  »schien  ein  entriickter  kleinerer  Friih- 
ling  zu  sein  und  ein  aus  Menschenliebe  lachelnder  Christuskopf«. 
Die  wFriihlinge  der  Erde«,  die  in  dem  Traumstuck  »in  glanzenden 
Traumen  voriiberziehn«,  wiederholen  sich  in  der  Friihlingsvision 
am  Beginn  des  Eilften  Zettelkastens.  Im  Todesschauer-Traum 
im  vierzehnten  Zettelkasten  wiederholt  sich  der  »Schattenzeiger 
der  Ewigkeit«  aus  der  >Mondfinsternis<  in  dem  gespenstischen 
Bild  der  Uhren-Maschinerie:  »aber  eine  ausgebrochene  Eisen- 
zacke  lieB  die  Gewichter  in  einem  fort  rollen  und  den  Glocken- 
hammer  fortschlagen...«. 

Die  Idylle  vom  Quintus  steigert  sich  am  Ende  zu  dem  beruhm- 
ten  Gang  Jean  Pauls  durch  die  Nacht:  eine  einzige  Druckseite 


NACHWORT  I24J 

nur,  aber  ein  Meisterstuck  jeanpaulischer  Prosa  (S.  191):  »Und 
ich  ging  ohne  Ziel  durch  Walder,  durch  Taler  und  uber  Bache 
und  durch  schlafende  Dorfer,  urn  die  groBe  Nacht  zu  genieBen 
wie  einen  Tag...«  Schauerempfindsamkeit  und  groBe  Hymne 
verschwistern  sich  hier  wie  selten  und  fuhren  miteinander  die 
Mondfinsternis- Vision  der  Vorrede  zu  ihrem  rechten  Ende, 
indem  sie  das  Hier  und  Heute  mit  der  Anrufung  des  Gestirns 
verkniipfen:  »Ach,  blutiger  Krieg,  weiche  wie  der  rotliche  Mars, 
und,  stiller  Friede,  komme  wie  der  milde  zerteilte  Mond!«- 


IV 


Die  Geschichte  vom  Quintus  Fixlein  1st  eine  Idylle,  gespickt  mit 
einzelnen  satirischen  Einfallen,  an  einigen  Stellen  in  den  hohen 
Stil  erhoben.  Ein  Hinweis  darauf  steht  bereits  in  einem  Brief  an 
Otto  vom  24.  Juli  1793;  Jean  Paul  erwahnt  dort  ein  neues  Werk 
der  »niederlandischen  Gruppe«.  Zuruckdeutende  Anklange  an 
den  >Wutz<,  vordeutende  an  >Siebenkas<  sind  unverkennbar.  Die 
Wurzeln  zum  >Fixlein<  scheinen  in  einem  fragmentarischen  Ju- 
gendwerk  zu  liegen,  einer  Burleske  in  Ich-Form,  in  der  ein  Sub- 
quintus  die  fixe  Idee  hat,  bereits  gestorben  zu  sein.  -  Im  Juni 
1794  wird  die  Niederschrift  begonnen,  im  Mai  1795  ist  sie  fertig- 
gestellt. 

Der  Verlauf  der  Handlung  kann  in  wenigen  Satzen  wieder- 
gegeben  werden:  Ein  Schulmeister,  der  von  dem  Aberglauben 
erfullt  ist,  an  einem  bestimmten  Tag  zu  sterben,  wird  zum  Kon- 
rektor  befordert,  verlobt  sich  mit  einem  armen  Edelfraulein  und 
kommt  durch  grotesken  Zufall  zu  der  ersehnten  Pfarrstelle  in 
seinem  Heimatdorf.  Heirat,  erste  Predigt,  Investitur,  Geburt 
eines  Sohnes  bilden  die  Hohepunkte  des  Handlungsablaufes. 
Schliefilich  tritt  der  Erzahler  mit  Namen  Jean  Paul  selbst  auf, 
beginnt  in  der  Handlung  mitzuspielen,  wird  Taufpate,  schreibt 
die  Lebensgeschichte  des  Fixlein.  Unterdessen  glaubte  der  Idyl- 
lenheld,  das  gefahrlich  drohende  Todesdatum  uberlebt  zu  haben, 
Aber  das  erweist  sich  als  unrichtig,  als  ein  Betrug  seiner  Mutter. 


124^  NACHWORT 

Er  wird  krank  und  droht  tatsachlich  zu  sterben.  Jean  Paul  heilt 
seine  Hypochondrie  unter  merkwurdigen  Umstanden  und  ver- 
laBt  dann  das  Dorf. 

Dies  alles  ist  kunstvoll  durch  Vorreden  vorbereitet,  durch 
Theorien  gestiitzt,  in  Idyllen-Details  und  mit  Nebenumstanden 
ausgemalt,  mit  Extrablattern  durchsetzt,  mit  witzigen  Einfallen 
bewegt  und,  wie  wir  sahen,  in  Traumprosastellen  verdichtet  und 
zusammengefaBt. 

Wie  die  anspruchslose  Handlung  sich  in  eine  Versammlung 
von  Einzelattraktionen  ausweitet,  kann  der  Leser  von  Station  zu 
Station  beobachten:  Jede  ist  in  sich  abgerundet  ausgefiihrt  und 
der  vorhergehenden  angereiht,  verbunden  durch  >den  Erzahlen, 
der  gleichsam  einen  Teppich  aus  einzelnen  Flecken  zusammen- 
fugt.  Garterihaus-  und  Kiichenidylle,  Erzahlung  vom  Hiihnerhof 
des  Universitatsprofessors,  Abendessen,  abendlicher  Blumen- 
dampf  im  Garten,  Nachtlufte,  Krankenbesuch,  absonderliche 
Fixleinsche  Werke:  Sammlung  von  Druckfehlern,  Philologie 
auf  statistisch-numerischer  Basis  (schon  von  Fixlein  als  revolu- 
tion^ geplant,  schon  von  Jean  Paul  als  biedermeierlich  durch- 
schaut),  eine  Anmerkung  iaber  Gebetradlein,  Winter  mit  Eis- 
blumen  am  Fenster  (»er  konnte  nun  Pechholz  in  den  Ofen  und 
Mohrenkaffee  in  den  Magen  nachlegen«):  »Fixlein«  wird  ein 
Hohepunkt  der  idyllischen  Gattung  im  Gesamtwerk  Jean  Pauls. 
Der  Humor,  als  das  umgekehrt  Erhabene,  vernichtet  nicht  das 
einzelne,  sondern  das  Endliche  »durch  den  Kontrast  mit  der 
Idee«.  Das  Endliche  wird  tiberfuhrt  durch  eine  Unsumme  von 
Einzelheiten.  Sachen  werden  nicht  ^mmal,  sondern  mehrmals 
benannt:  mit  ausgefallensten  Zusammensetzungen,  mit  Fremd- 
worten.  Die  Bedeutung  der  Worter  wird  iiberfrachtet.  Durch 
diese  Entleerung  hindurch  ist  der  Blick  auf  das  Ganze  angestrebt, 
auf  anderem  Weg  allerdings  als  durch  Abstand  und  Flug.  Der 
personlich  eingreifende  Erzahler  will  dazu  verhelfen.  Ein  gewis- 
ses  Vielwissen  sei  zuzumuten;  denn  »zuletzt  mufi  die  Erde  ein 
Land  werden«.  Durch  die  zerstorende  Wirkung  des  Vielwissens 
miisse  es  einen  Zugang  zum  wganzen  Wissen«  geben;  durch  die 
des  Vielliebens  einen  Weg  zur  wganzen  Liebe«.  Auf  die  Grotesk- 


NACHWORT  1247 

gebilde  der  Komik  sucht  der  Erzahler  EinfluB  zu  nehmen,  indem 
er  durch  ein  Moment  der  Sympathie  die  Disharmonien  zwar  nicht 
aufhebt,  sie  aber  fur  seinen  Versuch,  das  »vollschlagende  Herz« 
auf  idyllischen  Umwegen  zu  offenbaren,  dienstbar  macht.  Von 
einer  Magie  der  Idylle  verspricht  sich  Jean  Paul  in  dem  Anhang 
zum  >Fixlein<;  >Ober  die  natiirliche  Magie  der  Einbildungskraft* 
Erfolg,  nicht  von  einer  Abschilderung  des  Milieus.  »Die  Teile 
miissen  wirklich,  aber  das  Ganze  idealisch  sein.  Die  richtigste 
Beschreibung  einer  Gegend  gehoret  darum  noch  in  keinen  Mu- 
senalmanach,  sondern  mehr  in  ein  Flurbuch  -  ein  Protokoll  ist 
darum  noch  keine  Szene  aus  einem  Lustspiel  -  die  Nachahmung 
der  Natur  ist  noch  keine  Dichtkunst«,  lautet  sein  anti-naturalisti- 
sches  Programm. 

Betrachtet  man  im  >Fixlein<  die  Ehe-Idylle,  also  einen  kon- 
kreten  Realitatsfall,  und  vergleicht  ihn  mit  den  mannigfachen 
Variationen  desselben  Themas  in  den  benachbarten  Schriften 
Jean  Pauls,  so  bemerkt  man  die  Unsicherheit  und  Problematik  in 
seiner  Idyllen-Theorie.  In  der  Vorrede  wird  die  Verkehrung  der 
Liebe  in  Niitzlichkeit  angeprangert.  »Wenn  dann  nun  die  reichste 
beste  Seele  . . .  mit  den  ungesattigten  verschmahten  Anlagen  ein- 
gesenket  wird  ins  ubermauerte  Burgverlies  der  Ehe  -  . . . ,  ihre 
Sonne  schleicht  ungesehen  iiber  ihren  bewolkten  und  unterirdi- 
schen  Lebenstag  von  einem  Grade  zum  andern,  und  unter  Schmer- 
zen  und  PfHchten  kommt  die  Dunkle  an  dem  Abend  ihres  kleinen 
Daseins  an  -  und  sie  hat  es  nie  erfahren,  wessen  sie  wiirdig  war, 
und  im  Alter  hat  sie  alles  vergessen,  was  sie  sonst  in  der  Morgen- 
rote  etwarr  haben  wollte . . .«  In  der  Idylle  selbst  kann  (soil  die  Ehe 
nicht  satirisch  oder  tragisch  beleuchtet  und  damit  die  Gesetzlich- 
keit  der  Idylle  verletzt  werden)  ein  solcher  Gedankengang  gegen 
das  Niitzlichkeitsprinzip  nicht  ausgefuhrt  werden.  Er  kann  nicht 
einmal  als  Gegenspiel,  als  unterstreichendes,  Glaubhaftigkeit  for- 
derndes  Moment  in  einer  posidven  Darstellung  verwendet  wer- 
den; die  Tonart  der  Idylle  vertragt  es  nicht.  -  Im  darauf  folgen- 
den  >Siebenkas<  wird  die  GesetzmaBigkeit  der  reinen  Idylle  ver- 
lassen,  die  Ehe  Lenettens  mit  Siebenkas  erscheint  in  satirischer 
Beleuchtung.  Doch  fallt  Jean  Paul  nicht  in  die  Einstrahnigkeit 


I248  NACHWORT 

seiner  friiheren  Satiren  zuriick,  ebensowenig  wie  in  die  Simplizi- 
tat  der  Idylle.  Wohl  erscheihen  einzelne  Ziige  dieses  Burgver- 
Heses  »Ehe«  im  >Siebenkas<  in  satirischer  Zeichnung,  nicht  aber 
geraten  die  beiden  Ehepartner  selbst  in  satirische  Verzerrung: 
fiir  beide,  fiir  Lenette  sowohl  wie  fiir  den  Eheherrn,  bewahrt  der 
Erzahler  die  Sympathie  des  Humors.  Aus  den  festgelegten  Gat- 
tungen  des  achtzehnten  Jahrhunderts  weiB  sich  Jean  Paul  durch 
differenziertere  Darstellungen  herauszuziehen.  Er  entgeht,  vom 
»Fixlein<  bis  zu  den  >Flegeljahren<,  mehr  und  mehr  den  literari- 
schen  Modellen,  den  idyllischen  und  satirischen  Schwarz-WeiB- 
Figuren,  und  findet,  einerseits,  in  dieser  kurzen  Periode  zu  der 
seinem  Impuls  entsprechenden  Schreibweise  hin. 

Einerseits;  aber  die  Ansatze  zu  einer  eingrenzenden,  Wunsch- 
bildern  statt  Erfahrungen  nachhangenden  Idylle  waren  damit 
nicht  abgeschnitten.  In  der  >Konjektural-Biographie<,  geschrie- 
ben  im  Winter  1798  in  Weimar,  gedruckt  1799,  entwirft  Jean 
Paul  ein  Bild  seiner  zukiinftigen  Ehe:  er  schildert  seine  Haus- 
vaterschaft,  das  Kinderkonzert,  die  sanfte  Hausfrau,  den  idyllisch- 
magischen  Heiratsbund.  Die  Konjektural-Biographie  erscheint 
ein  Jahr  vor  seiner  Werbung.  Am  27.  Mai  1801  heiratet  Jean  Paul, 
38jahrig,  nach  mannigfachen  Liebeswirren,  in  Berlin  Karoline 
Mayer.  Seine  hochgespannte  HofTnung  auf  Verwirklichung  einer 
Idylle  der  gehobenen  Art  konnte  nur  enttauscht  werden.  Diese 
Ehe  vor  dem  Hintergrund  einer  schriftstellerischen  Konzeption 
zu  betrachten,  ware  kein  auBenseiterisches,  abgelegenes  Unter- 
fangen.  Ein  Gespenst  der  Feme,  der  Ungeniige,  der  Masken- 
haftigkeit,  der  Leere  scheint  sich  mehr  und  mehr  zwischen 
die  Ehegatten  geschoben  zu  haben,  die  mit  den  besten  Vor- 
satzen  und  nach  den  Gesetzen  der  Idylle  ihren  Weg  zusammen 
antraten. 


Diesen  Jahren  gin  gen  stiirmische  Zeiten  von  Jean  Pauls  »Samm- 
oder  Zugleich-,  auch  Simultan-  oder  Tuttiliebe«  voran,  die  ihn, 


NACHWORT  1249 

bei  rasch  wechselnden  Freundschaften  und  zugleich  harter  Arbeit 
am  Schreibtisch,  mehr  und  mehr  in  seine  Einzelposition  hinein- 
trieben,  ihm  das  Gefuhl  der  Isolierung  gaben.  1796,  das  Jahr 
der  ersten  Teile  des  >Siebenkas<,  Beginn  des  >Jubelsenior<, 
brachte  die  Annaherung  an  Charlotte  von  Kalb :  »Sie  ist  ein  Weib 
wiekeines,  mit  einem  allmachtigen  Herzen,  mit  einem  Felsen-Ich, 
eine  Woldemarin...«  -  1796/97,  die  Zeit,  in  der  >Das  Kampaner 
Tal<  entsteht,  zeigt  Jean  Paul  in  der  Nahe  der  Julie  von  Krudner: 
»Sie  kamen  wie  ein'Traum;  Sie  flohen  wie  ein  Traum,  und  ich 
lebe  noch  wie  in  einem  Traum«.  -  1798,  das  Jahr  der  >Palin- 
genesien<  und  der  >Konjekturalbiographie<,  bindet  ihn  voruber- 
gehend  an  Emilie  von  Berlepsch:  »Ich  habe  nun  im  Leben  Einer 
Woche  mit  ihr  zum  erstenmal  erfahren,  dafi  es  eine  reine  einfache 
bestimmte  weibliche  Seele  gibt,  die  einen  bessernden  GenuB, 
ohne  Eine  Ecke  gewahrt  und  aus  der  ich  nichts  wegverlangte: 
diese  Emilie  hat  mich  erhoben  und  ich  sie.  Lieber  Oertel,  dringe 
starker  in  ihre  Geschichte  und  Seele  und  du  findest,  was  ich  zum 
erstenmal  fand:  so  viele  kiihle  Besonnenheit  und  Unsinnlichkeit 
bei  einer  idealischen  Phantasie . . .« 

In  allem  diesem  Auf  und  Ab  versuchte  Jean  Paul  seinen  poeti- 
schen  Flug  logisch  zu  begriinden  und  ihn  mit  seinen  philosophi- 
schen  Oberlegungen  in  Einklang  zu  bringen.  >Das  Kampaner  Tal 
oder  iiber  die  Unsterblichkeit  der  Seele<  ist,  neben  der  >Vorrede 
zur  zweiten  Auflage  des  Fixlehu,  dafiir  das  Hauptdokument.  Von 
einer  enthusiastischen  Schilderung  des  Pyrenaen-Tals  ausgehend, 
begibt  sich  der  Erzahler  in  philosophische  Diskussionen  mit 
Anhangern  von  Kant  und  Fichte,  verteidigt,  in  Anlehnung  an 
Jacobis  Romane  >AUwill<  und  >Woldemar<,  den  »Sinn«  innerhalb 
der  »Sinnlosigkeit«,  in  kosmischem  Schmerz  und  menschlicher 
Nichtigkeit;  denn  »das  innere  Universum,  das  noch  herrlicher  ist 
als  das  auBere,  braucht  einen  andern  Himmel  als  den  iiber  uns, 
und  eine  hohere  Welt,  als  sich  an  einer  Sonne  warmt.«  Das  Medi- 
tieren  iiber  eine  fremde,  nicht  erkannte  Welt,  die  an  die  von 
Menschen  bewohnte  »Geisterinsel«  Erde  grenzt,  beherrscht  das 
Denken  Jean  Pauls;  hier  Hegt  die  Verbindung  seiner  Traum- 
visionen  samt  ihrer  spannungsgeladenen  Metaphorik  mit  seinen 


I25O  NACHWORT 

philosophischen  Theorien.  »Der  Mensch  wohnt  hier  auf  einer 
Geisterinsek,  heiCt  es  dazu  in  der  >VorschuIe  zur  Asthetik<, 
»nichts  ist  leblos  und  unbedeutend,  Stimmen  ohne  Gestalten,  Ge- 
stalten, welche  schweigen,  gehoren  vielleicht  zusammen,  und  wir 
sollen  ahnen;  denn  alles  zeigt  iiber  die  Geisterinsel  himiber,  in  ein 
fremdes  Meer  hinaus.«  Dieser  Spannung  zwischen  Bekannt  und 
Fremd,  Geist  und  Natur  »verdanken  wir  nicht  allein  Gott,  son- 
dern  auch  die  kleine  poetische  Blume,  die  Metapher.«  Zusammen- 
hange  zwischen  Jean  Pauls  Poetik  und  Religiositat  treten  zutage. 
Etwas  vollig  Anderes,  Nicht-Menschliches  stehe  dem  Reich  der 
menschlichen  Erkenntnis  gegenuber:  »Daher  sagt  man  mit  Recht 
nicht  die  zweite  Erde  oder  Weltkugel,  sondern  die  zweite  Welt, 
d.  h.  eine  andere  jenseits  des  Universums.« 

Gegen  Fichtes  Philosophic  setzt  er  im  >Kampaner  Tal<  die 
Satze:  »Auf  die  Zeit,  auf  ein  ewiges  Ich  in  uns,  auf  ein  ewiges  Du 
iiber  uns  miissen  wir  hoffen  ...  so  sei  uns  die  Vernunft  oder  das 
lichte  Ich  keine  selbstschaffende  ziehende  Sonne,  sondern  nur 
eine  lichte  Ritze  und  Fuge  am  irdischen  Klostergewolbe,  durch 
welche  der  feme  ausgebrekete  Feuerhimmel  in  einem  sanften  und 
vollendeten  Kreise  bricht  und  brennt.« 

Mit  einem  Traum-Flugbild  beschlieBt  er  diese  Schrift,  ein  Bild, 
das  die  >Klage  ohne  Trost<,  die  an  die  >Rede  des  toten  Christus< 
erinnert,  an  Spannkraft  ubertrifFt.  Jean  Pauls  Ausblick  durch  das 
»irdische  Klostergewolbe«  hind urchgeht  so  weit,  als  sein»Sprach- 
gewolbe«  dariiber  hinreicht.  Noch  in  der  einzelnen  Metapher  ist 
dieSonanz  dieses  Gewolbes  zu  erkennen,  ein  Zeichen  fiir  Stil.  In 
seinen  Erzahlungen  fiihrte  er  mit  Gluck  seine  »drei«  Wege  vor, 
auf  denen  er  Scheitel  und  Sohle  des  Gewolbes,  Traumweite  und 
Idyllennahe  auszumessen  und  damit  »gliicklicher  zu  werden«  an- 
getreten  war.  Er  skizziert  sie  im  >Billett  an  meine  Freunde*  gleich 
zu  Beginn  dieses  Bandes  und  praktiziert  sie,  naher  besehen,  auf 
alien  darnach  folgenden  Seiten:  >>Ich  konnte  nie  mehr  als  drei 
Wege,  gliicklicher  (nicht  glucklich)  zu  werden,  auskundschaften. 
Der  erste,  der  in  die  Hohe  geht,  ist :  so  weit  iiber  das  Gewolke  des 
Lebens  hinauszudringen,  daB  man  die  ganze  auBere  Welt  mit 
ihren  Wolfsgruben,  Beinhausern  und  Gewitterableitern  von  wei- 


NACHWORT  125 1 

tern  unter  seinen  FuBen  nur  wie  ein  eingeschrumpftes  Kinder- 
gartchen  liegen  sieht.  -  Der  zweite  ist:  -  gerade  herabzufallen 
ins  Gartchen  und  da  sich  so  einheimisch  in  eine  Furche  einzu- 
nisten,  daB,  wenn  man  aus  seinem  warmen  Lerchennest  hinaus- 
sieht,  man  ebenfalls  keine  Wolfsgruben,  Beinhauser  und  Stangen, 
sondern  nur  Ahren  erblickt,  deren  jede  fur  den  Nestvogel  ein 
Baum  und  ein  Sonnen-Regenschirm  ist.  —  Der  dritte  endlich  — 
den  kh  fur  den  schwersten  und  kliigsten  hake  -  ist  der,  mit  den 
beiden  andern  zu  wechseln.« 

Walter  Hollerer 


INHALT 

QUINTUS  FIXLEIN 

BUlett  an  meine  Freunde,  anstatt  der  Vorrede    \  9 

Geschichte  meiner  Vorrede  zur  zweiten  Auflage  des  Quintus 

Fixlein 15 

Die  Mondfinsternis 38 

I.  MUSSTEIL  FUR  MXDCHEN 

i .  Der  Tod  etnes  Engels 45 

2.  Der  Mond.  Phantasierende  Geschichte 50 

II.  Des  Quintus  Fixlein  Leben  bis  auf  unsere  Zeiten 

Erster  Zettelkasten 
Hundstagsferien  -  Visiten  -  eine  Hausarme  von  Adel 65 

Zweiter  Zettelkasten 
Frau  von  Aufhammer-Kindheits-Resonanz  -  Schriftstellerei       78 

D ritter  Zettelkasten 
Weihnachts-Chiliasmus  —  neuer  Zufall 87 

Vierter  Zettelkasten 
Amter-VerschleiB  -  Entdeckung  des  versprochenen  Geheim- 
nisses  -  Hans  von  Fiichslein 92 

Funfter  Zettelkasten 
Der  Kantatesonntag  —  zwei  Testamente  —  Pontak  —  Blut  —  Liebe    102 

Sechster  Zettelkasten 
Amter-Impost  -  eine  der  wichtigsten  Suppliken  . . ; 117 

Siebenter  Zettelkasten 
Predigt  -  Schulaktus  -  prachtiger  Irrtum 1 26 

Achter  Zettelkasten 
Einzug  in  die  Pfarre 137 


1254  INHALT 

Neunter  Zettelhasten 
Hochzeit   145 

Zehnter  Zettelkasten 
Der  Thomas-  und  Geburtstag 151 

Eilfter  Zettelkasten 

Friihling  -Investitur  —  und  Niederkunft 158 

Zwolfter  Zettelkasten 
Turmknopf-Aszension  —  das  Scbrankchen 171 

Drei^ehnter  Zettelkasten 
Tauftag 173 

Vier^ehnter  Zettelkasten    177 

Let^tes  Kapitel  .' 181 

III.  ElNIGE  JUS  DE  TABLETTE  FUR  MaNNSPERSONEN 

i.  t)ber  die  natiirliche  Magie  der  Einbildungskraft 195 

2.  Des  Amts-Vogts  Josuah  Freudel  Klaglibell  gegen  seinen 
verfluchten  Damon    206 

3.  Es  gibt  weder  eine  eigenniitzige  Liebe  noch  eine  Selbstliebe, 
sondern  nur  eigenniitzige  Handlungen 219 

4.  Des  Rektors  Florian  Falbels  und  seiner  Primaner  Reise  nach 
dem  Fichtelberg 226 

5.  Postskript    258 

BIOGRAPHISCHE  BELUSTIGUNGEN 
Vorrede 265 

Biographische  Belustigungen 
Erste  biographische  Belustigung 

Die  bleierne  Jungfer  Europa  -  das  Schlachtfeld  -  die  Melan- 
cholie  -  der  Friihling : 269 

Zwelte  biographische  Belustigung 
Die  Jungfer  Europa  -  Baurede 29 1 


INHALT  1255 

Dr'ttte  biographische  Belustigung 

Anfang  der  Historic  —  die  magnetische  Hand  -  das  miitterliche 
Gesprach  -  das  Echo  bei  Genetay 297 

Vierte  biographische  Belustigung 
Der  Tod 315 

Fiinfte  biographische  Belustigung 

Trauer  einer  guten  Tochter-  Neujahrstag  -  Derbystoner-  Vase  - 
Zweck  der  Ehe  -  Argwohn 319 

Sechste  biographische  Belustigung 

Der  Vor-Friihling  -  Echo-Dreiklang  -  der  Honig-Essig  der 
Widerspruche  der  Li,ebe  -  unsre  Armut  an  Liebe 331 

Satirischer  Appendix 

Vorrede  zum  satirischen  Appendix, 

oder  Extrakt  aus  den  Gerichtsakten  des  summarischen  Ver- 
fahrens  in  Sachen  der  Leser,  Klagern,  contra  Jean  Paul,  Beklag- 
ten,  Satiren,  Abhandlungen  und  Digressionen  des  letztern 
betreffend 347 

Erster  Appendix 

Die  Salatkirchweih  in  Obersees,  oder  fremde  Eitelkeit  und 
eigne  Bescheidenheit 363 


DER  JUBELSENIOR 

Prodromus  galeatus 411 

Erster  offi{ieller  Bericht 

Der  Konsistoriaft  ote  -  Fraulein  von  Sackenbach  -  der  Ring 
und  Star  -  empfindsame  Reiseroute  -  Beitrag  zumTitel  de  con- 
tractibus  bilateralibus    416 

Erster  Hirten-  und  Zirkelbrief 

Ober  Briefforrn  -  Verjahrung  des  Verdienstes  -  ehelichen  HaI3 

-  und  iiber  das  Kinderspiel  des  Lebens 43 1 


I256  INHALT 

Z welter  offiiieller  Bericht 
Der  Spitzbubenstreich  -  Noten  -  der  Rest  der  Rezension  -  die 
Clairvoyante  aus  dem  KafFee   439 

Z  welter  Hirten-  und  Zirkelbrief 
Gravamina  der  deutschen  Schauspielergesellschaften,  die  mor- 
derischen  Naqhstellungen  der  deutschen  Tragiker  betreffend   .      446 

D rater  offiiieller  Bericht 
Deus  ex  machina  -  und  dessen  schone  SuppHk   458 

Dritter  Hirten-  oder  Zirkelbrief 

Ober  den  Egoismus 467 

Vierter  offiiieller  Bericht 
Ober  die  griine  Schote  welker  Kerne  -  Ankunft  -  Lob  des  Pet- 
schafts  —  Hollenangst  vor  einem  magnetischen  Wels  und  vor 
einem  Vexierbild  -  Auflosung  des  Knotens 473 

Vierter  Hirten-  oder  Zirkelbrief 
worin  die  drei  versprochenen  Ausschweifungen  gemacht  wer- 
den 498 

Fiinfter  offiiieller  Bericht 
Morgenmilch  der  Freude  -  Kirchgang  -  die  funfzehn  Strophen 
oder  Stufen  der  Himmelsleiter  —  Weissagungen  -  Predigten  - 
die  Landkarten  -  der  Buchdrucker  -  uber  das  Schnupfen  der 
Weiber  —  Goldschleien  —  neuer  Akteur  -  Ende  mit  Schrecken 

und  Freude 502 

Appendix  des  Appendix  oder  meine  Chrlstnacht    545 

DAS  KAMPANER  TAL 
Vorbericht 563 

Das  Kampaner  Tal 

So  i.  Station 

Das  Allerlei  des  Lebens  -  das  Trauergedicht  als  billet  doux  - 

die  Hohle  —  die  Oberraschung '. 571 


INHALT  1257 

502.  Station 

Der  donnernde  Morgen  -  die  kleine  Tour  nach  der  groBen  - 

die  Kanapeepolster    '. 580 

503.  Station 

Pasquill  auf  den  Kaplan  -  Lobrede  auf  ihn  -  der  Diamant  - 
Einwurfe  gegen  die  Unsterblichkeit  —  Eden-Scherze   587 

50 4.  Station 
Blumen-Tandeleien     592 

50 5.  Station 

Die  Epherriere  -  uber  die  relativen  Schliisse  -  Zweifel  gegen  die 
Lange  der  Wesenleiter  -  der  Warzenfresser  -  die  Kur  594 

50 6.  Station 

Einwurfe  gegen  die  Unsterblichkeit  -  die  Einkindschaft  des 
auBern  und  innern  Menschen    600 

Soy.  Station 
Der  Diebstahl  des  Souvenirs  -  Antworten  auf  vorige  Stationen 
-  uber  die  Auswanderung  der  Toten  in  fremde  Planeten  -  die 
dreifache  Welt  im  Menschen  -  die  Klage  ohne  Trost  -  Siegel , 
der  Unsterblichkeit  -  das  LustschloB  -  die  Montgolfieren  - 
Entzuckungen    605 

Erklarung  der  Holzschnitte 

Historische  Einleitung 

Die  Offiziere  -  der  Taufengel  -  der  Kirschkern  -  das  Konterfei     629 

/.  Holiplatte  des  ersten  Gebots 

Speziflscher  Unterschied  zwischen  Amtsinhabern  und  Amts- 
verwesern  -  Ouvertiire  des  kiinftigen  Konzerts  -  Mastanstalten 
fiir  Monche 637 

IL  Holiplatte  des  ^weiten  Gebots 
Der  Steinhagel  -  der  Stab  des  heiligen  Rochus   645 

///.  Holiplatte  des  dritten  Gebots 
Paritat  der  Religionen  in  der  Kleidung .-  Spitzbiibinnenstreiche     650 


I258  INHALT 

IV,  Holiplatte  des  vie r ten  Gebots 
Der  schlafende  Cicero  und  clairvoyant  -  harmonia  praestabilita     656 

V.  Holiplfltte  des  fiinften  Gebots 
Beschreibung  der  gegenwartigen  Platte  -  Bestimmung  der 
Biicherverbote    , 660 

VI.  Hol^platte  des  sechsten  Gebots 

Das  FuBwaschen  am  griinen  Donnerstag  -  der  Gesang  im 
Bade  —  Tadel  der  Ausleger,  der  Zweideutigkeiten  und  Thum- 
mels  —  Lob  der  Reginen,  der  Ehebriiche  und  des  Erdballes   . .      664 

VII.  Hol% plane  des  siebenten  Gebots 

Gluck  iiber  Gluck  -  Zenturien  und  Departements  der  Diebe  - 
Nachteile  der  Volksarmut    675 

VIII.  Holiplatte  des  achten  Gebots 
Aktenauszug  des  Injurienprozesses,  Prugel  betreffend  -  Land- 
stande  in  partibus  infidelium  -  poetischer  Geist  der  preuBischen 
Kopisten 683 

IX.  Holiplatte  des  neunten  Gebots 

Lowe  der  Justiz  -  schwache  Seite  des  Revisors  691 

X.  Holiplatte  des  lehnten  Gebots 
Vokationen  -  Erkennungen    695 

;  XL  Erster  Freudenstock 

Erklarung  desselben  -  Brief  eines  Mannes  von  Welt   700 

XII.  Zweiter  und  letter  Freudenstock 
Die  chymische  Verwandtschaft  des  Traums,  des  Geburtstages, 
des  Sterbetages  und  des  Finis   705 


PALINGENESIEN 
(FATA  UND  WERKE  VOR  UND  IN  NORNBERG) 

Erstes  Bandchen 

OfFner  Brief  an  Leibgeber  anstatt  der  Vorrede   721 

Alte  Vorrede  von  Siebenkas  selber 732 


INHALT  12-59 

Erster  Reise-An^eiger 

Fata:,  meine  Werthers  Freuden  in  der  Ehe  -  meine  Werthers 
Leiden  -  das  gefahrliche  Beriihren  meiner  brieflichen  Bundes- 
lade  -  der  21.  Marz  voll  scharfem  Marzstaub  -  der  Vorsatz   .  . .      740 
Werke:  mein  Protokoll  und  Nachtblatt  der  Schlafer   755 

Zweiter  Reise- An%eiger 

Fata:  der  Hornrichter  StuB  -  Mr.  le  Comte  Sebaud  de  Barail- 
lon  —  warme  Kalte  des  Herzens  -  die  Lust  auf  Lustreisen  -  der 
Lazarus  an  der  Mutterbrust  -  Baireuther  billet  doux  und  poeti- 

sche  Episteln  aus  Blech   762 

IVerke:  mens  Sana  in  corpore  insano    764 

Rekommendationsschreiben  fur  Lottos   770 

Statuten  der  historischen  Gesellschaften  in  Baireuth,  Hof  etc.     777 
Die  Sponsalien  im  Muff  783 

Dritter  Reise- An^eiger 

Fata:  mein  Traum  -  und  ein  fremder  -  der  Brief 788 

IVerke:  ob  nicht  dem  Mangel  an  Selbstrezensionen  der  Ablauf 

der  empfindsamen  Kraftdekade  schuld  zu  geben?   789 

Vierter  Reise- An^eiger 

Fata:  Kleider-Simultaneum  -  mein  consilium  abeundi  in  Er- 
lang  -  mein  innerer  Landsturm  gegen  Kellner  und  Kantianer  - 

die  schone  Nacht  in  der  schonen  Nacht   802 

Werke:  warum  der  Kantianer  andere  leichter  bekehren  und 
verstehen  kann  als  sich   812 

ZWEITES  BXNDCHEN 

Frachtbrief  vom  Juden  Mendel   823 

Funfter  Reise- An^eiger 

Fata:  Grenzrezesse  -  der  PaB  des  Grafen  -  die  Feierlichkeiten 

bei  meinem  Einzug  -  Jagd  nach  Georgetten  und  Briefen   827 

Werke:  Brief  des  Herrn  Hans  von  Hansmann  uber  seine  365 
Gevattern 834  - 

Sechster  Reise-An^eiger 

Fata:  die  Monatswesten  -  das  Haussuchen  nach  Georgetten  - 


ll6o  INHALT 

der  Elegant  und  roue  von  Niirnberg  -  der  schone  Sonntag  auf 
dem  Dutzendteich  —  NUrnbergs  Beleuchtung  —  der  Meister- 
sanger  —  und  seine  Werkstatt  —  meine  Not  mit  meiner  Tochter     836 
Werke:  syrisches  Schreiben  uber  den  Wanderungstrieb  der 
Edelleute 858 

Siebenter  Reise-An^eiger 

Fata:  die   epistolarische  Expektantenbank  -  der  Geburtstag 

und  die  Versohnung     861 

Werke:  Habermanns  logischer  und  geographischer  Kursus 
durch  Europa,  von  ihm  selber  ganz  summarisch  dem  Erbprin- 
zen  der  MilchstraBe  vorgetragen    865 

Achter  Reise-An^eiger 

Fata:  meine  Todesangst  vor  dem  ReichsschuItheiB  -peinliches 

Interrogatorium  -  zwei  Siebenkase —  zwei  J.P's 891 

Werke:   Avertissement    meiner    Rettungsanstalten    auf   dem 

Buchbinderblatte,  ftir  romantische  Scheintote    899 

Personalien  vom  Bedienten-  und  Maschinenmann   901 

Fabel  vom  zepterfahigen  Baren    908 

Ausziige  aus  Briefen 908 

Neunter  Reise-An^eiger 

Fata:  der  Irrgarten  -  der  Gethsemane-Garten  -  das  Paradies- 

Gartlein     913 

Werke  (der  Liebe,  nicht  der  Not):  siehe  Fata 

BRIEFE  UND  BEVORSTEHENDER  LEBENSLAUF 

Vorrede 927 

Erster  Brief.  An  Frau  Speiialin  Zeitmann 

Einladung  zum  dejeuner  dansant  -  iiber  das  Lesen  der  Mad- 
chen     931 

Postskript:  Privilegiertes  Testament  fur  meine  Tochter   933 

Zweiter  Brief.  An  Marietta  Zeitmann 

Der  Stumme  mit  den  Blumen  -  der  eiserne  Blumengarten   .  .  .      939 
Postskript:  Luna  am  Tage     940 


INHALT  I26l 

Dritter  Brief.  An  Doktor  Viktor 

StraBenbettler  und  StraBen  -  meine  neuen  Bekanntschaften  — 
Hut-Orden  -  heutige  Achtung  fur  das  Alter  -  Gemeinwesen 
von  Kuhschnappel  -  nahere  Berichte  worn  Gremser  Pickenick     942 
Postskript:  Bittschrift  an  die  deutsche  Hut- Union    954 

Vierter  Brief.  An  Benigna 

Uber  die  Geduld  der  Madchen  und  der  Frauen     958 

Postskripte :  Der  doppelte  Schwur  der  Besserung    960 

Die  Neujahrsnacht  eines  Ungliicklichen    . .  .  .  ; 965 

Fiinfter  Brief  An  den  Korrespondent  Fisch 

Ober  das  Zeitungslesen    967 

Postskripte:  1.  Die  wandelnde  Aurora 970 

2.  Ober  das  Traumen    971 

Sechster  Brief  An  Doktor  Viktor 

Visiten-Ouvertiire  der  Kuhschnappler  -  das  Feuerwerk  am  Tag 
—  Tanz-Hemmschuhe  -  Eifersucht  —  Kartoffeln  -  jetzige  Hof- 
lichkeit  der  Literatur  -  der  geistige  Markzieher  -  Kuhschnapp- 
ler Tischreden  -  Schauspieler  -  Schuldramen  -  Kirschernte  - 
Wetter  und  Wetterprophezeiung  -  biblisches  Personale  -  Ende 

vom  Klaglied     983 

Postskript:  Brief  uber  die  Philosophie    10 14 

KONJEKTURAL-Bl  OGRAPHIE 

Erste  poetische  Epistel 
Mein  Giitlein  Mittelspitz 1027 

Zweite  poetische  Epistel 

Zank  mit  den  Hagestolzen  -  elektrische  Liebeserklarung  —  die 
Urne  -  EinschluB  an  Rosinetten   103 1 

Dritte  poetische  Epistel 
Mein  Brautigamsstand  -  heiliger  Abend  vor  dem  Hochzeitfest   1042 

Vierte  poetische  Epistel 
Der  italienische  Tag    , i°47 


1262  INHALT 

Funfte  poetlsche  Epistel 
Meine  Hausvaterschaft  -  das  Kinderkonzert    • 1056 

Sechste  poetlsche  Epistel 
Ich  als  literarischer  Jubilar  -  und  als  Greis   1064 

Siebente  poetlsche  Epistel 
Das  Ende 1075 


DAS  HEIMLICHE  KLAGLIED  UND  DIE  WUNDERBARE 
GESELLSCHAFT 

Vorrede  zu  Vorreden 1083 

I.  Das  heimliche  Klaglied  der  jetzigen  Manner 

Erste  Ruhestunde 
Rasonierender  Katalog  der  handelnden  Personen  —  der  April- 
narr 1089 

Zweite  Ruhestunde 
Mondscheinblatt  -  Niquille  -  kosmetische  Hungerkur  -  Vater- 
martern 1097 

Drltte  Ruhestunde 
Betrachtungen  uber  das  Klaglied  -  fernere  Strophen  desselben 
-  das  edle  Bergwesen  -  Wolfgang  -  Cara   1 101 

Vlerte  Ruhestunde 

Der  Leder-Arm  -  air  a  trois  notes  -  Enthullungen  aller  Art  - 
Verhullung 1 108 

II.  Die  wunderbare  Gesellschaft  in  der  Neujahrsnacht     1 121 

ANHANG 

Anmerkungen  zum  Quintus  Fixlein    1 141 

Anmerkungen  zu  den  Biographischen  Belustigungen   1 163 


r 


INHALT  I263 

Anmerkungen  zum  Jubelsenior    1 173 

Anmerkungen  zum  Kampaner  Tal   1 185 

Anmerkungen  zu  den  Palingenesien     11 97 

Anmerkungen  zu  den  Briefen  und  bevorstehendem  Lebenslauf  121 2 

Anmerkungen  zum  Heimlichen  Klaglied    1221 

Nachwort     1226 


1 


Dieses  Buch,  einschliefilich  Vorsatzpapier  und 

Schutzurnschlag,  wurde  auf  Recyclingpapier  gedruckt, 

das  zu  100%  aus  Altpapier  besteht. 

Das  Eiiibandleinen,  das  Kapitalband  und  das  Leseband  sind 

aus  100%  ungefarbter  und  ungebleichter  Baumwolle.